Es reigt in Lust ein Liebespaar.
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Hier will ich die Geschichte erzählen, warum der Hammerl-Hans, der alte, lustige Hammerl-Hans, mit dem erloschenen Pfeifchen im Munde, am Sandhause im Koberwald so still, so gebückt und gedrückt vorbeischleicht.
Der Hammerl-Hans ist ein fahrender Musikant; er spielt durch kleine Hämmerchen ein schier wunderliches Instrument. Es ist eine Art Hackbrett mit hölzernen Saiten. Da liegen auf Strohriegeln etliche dreißig Holzwälzchen, etwa einen Zoll dick und von verschiedener Länge; sie sind so neben und zwischen einander gelegt, daß sie durch Hämmerchen, wie die Saiten eines Hackbrettes gespielt werden können.
Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen. Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen. Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück, desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer und summender das Tönen.
Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen, und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld, der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht vollkommen genug.
Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz, daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!
Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult. Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik gemacht wird — so war es denn Musik.
Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern allerleiWeisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen, die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was eben die Leute verlangten und — bezahlten.
Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen, sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.
Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.
Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte, keine gute Zeit. — „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor. Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Vonseinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen, dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“ verspotteten — aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein Pfeiflein Tabak — und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte, welches wir Heimweh nennen.
Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.
Ein kleines Mädchen wohnte im Hagerhause am Eingang in die Freisohlergräben, dem ging der Hans, wenn er von seinen Wanderungen zurückkehrte, gern zu und immer begrüßte er es mit den Worten: „Schau zum Wachsen, Frieda, Dein Bräutigam trägt schon spannlange Schuh!“
Anfangs hatte sich das Mädchen auf solche Anrede kichernd davongetrollt, später hatte es ausgerufen: „Ja, ich hab’ noch gar keinen Bräutigam!“ und endlich, wie es schon schlank geworden, entgegnete es gar nichts mehr auf die Anrede, sondern blickte auf die Erde nieder. Und da dachte sichder alte Hans: Freilich, freilich, der Mensch, ob klein, ob groß, braucht seine spannlangen Schuh! Und der Frieda seh’ ich’s an, sie hat jetzt einen Bräutigam. —
Auch dem Hans — dem Hammerl-Hans, wie ihn die Leute nannten — wird das Herz einmal geblüht haben. Ob ein Reif in der Frühlingsnacht die Blüthe versengt, ob ein Wettersturm dieselbe verweht hat, ob sie zur Frucht gediehen ist — ich vermag es nicht zu sagen; er erzählt es vielleicht mit seinen Hämmerchen auf den hölzernen Saiten und die Leute verstehen es nicht, oder vermeinen ihre eigenen Geschichten dabei zu hören.
Die Frieda vom Hagerhause hatte blaue Augen und flocht die Locken nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und deswegen hatte sie der Musikant einmal um den Namen gefragt. — Umsonst wollt’ sie den Namen nicht sagen, „er müßt’ ihr ein schönes Stücklein dafür spielen“. Das schönste Stückel was er kann, hatte er ihr vorgespielt. — Von dieser Zeit her ging die Freundschaft und der Spruch von den spannlangen Schuhen. Der Hans wußte gar nicht, wie es war, daß er das Kind so gern sah, und gerade wenn er bei diesem Mädchen saß, murmelte er mehrmals: „Bin wohl recht froh, daß ich wieder daheim.“
Und Frieda war doch fremder Waldleute Kind, und sie war lange, lange noch nicht tausend Wochen alt, und er — schon gebeugt und mit weißem Haar.
Als nun diese Zeit gekommen, in welcher das schlanke Mädchen den Sand auf dem Boden zählte, so oft der Hammerl-Hans das Wort vom Bräutigam sagte, betete er des Abends in seinem Bette um ein Vaterunser mehr als sonst, und mit dem Zusatz: „Auf daß sie halt sollt’ glücklich sein!“
Da trug es sich zu, daß eines Tages vom Koberwald herüber der junge Sandhauser kam, das Mädchen auf der Au bei den Ziegen stehen sah, zu ihm hintrat und das Wort aussprach: „Frieda, jetzt bin ich da um Dich.“
„Ist schon recht,“ entgegnete die Hirtin lächelnd.
„Mein Ernst! In vierzehn Tagen mußt das Herdfeuer im Sandhaus anzünden, und gehst schon heut’ mit, so ist’s mir noch lieber!“
Da wurde das Mädchen ganz blaß. Mit seinem schönen, ernsten Gesichte, mit seinem milden Auge stand er vor ihr und legte die Hand auf ihren Oberarm und warb. Er wußte es nicht, daß er ihr Liebster im Herzen war; sie hatten sich öfters gesehen auf dem Kirchpfad, aber nie ein Wort mit einander gesprochen.
— Ist’s ein Scherz — so vermochte das verwirrte Kind noch zu denken — so kunnt’ er sich bitter versündigen, und wenn’s sein Ernst — — Sie starrte nieder zu seinen Bundschuhen: Eine Spanne mögen sie wohl lang sein..
„Und daß ich frag’, Frieda, hast ein Geld?“
Das Mädchen stieß einen Seufzer aus und flüsterte: „Nicht fünf Groschen.“
„Das ist mir lieb,“ sagte der Sandhauser, „das Geld macht beim Heiraten die meisten Unebenheiten. Na, so hätt’s keinen Umstand; ich, der Blasi, hab’ Haus und Hof, und Du hast den Blasi. Wir machen es auf Güterhalbscheid.“
Sie hat kein Sterbenswörtchen gesprochen, sie hat sich hingelehnt an seine Brust. Doch, als er wieder davon war — ich meine, er ist schnurgerade zum Pfarrer gerannt — da hat sie den Ziegen zugeschrien: „Ja bin ich denn gestorben — denn gestorben, daß ich im Himmel bin?“
Bauers-Brautleute, wenn sie sich einmal erfassen, besinnen sich nicht lang’ — in vierzehn Tagen ist die Hochzeit gewesen.
Wohl ist der Hammerl-Hans mit seinem Instrument um das Lindenwirthshaus geschlichen, aber kein Mensch hat ihn hineingerufen; drin hat ja die vornehme Dorfmusikbande aufgespielt, daß, mein Eid, die Wände haben gegellt, und der Tanzboden unter dem kecken Springen und Stampfen der Burschen hat’s büßen müssen.
— Thät’ nur die Braut ein einzigesmal zum Fenster herausschauen! seufzte der Hans. Aber es wurde Nacht, und hell waren die Fenster beleuchtet. Da ging der Alte über das thaunasse Gras. Er sah Johanniskäfer leuchten, er sah Sternenfunken vom Himmel gleiten; er dachte nichts als daß er es der Braut sagen möchte, welch’ ein großes Glück er ihr wünsche.
Und am Tage darauf zog die Frieda im Sandhause ein. Da konnte es der Hans nicht mehr länger aushalten; er eilte hin und ging vor dem Sandhause so lange auf und ab, bis Frieda ihn bemerkte, zur Thür heraustrat und ganz leise, als käme ihr das Wort noch gar nicht zu, Folgendes sagte: „Grüß Euch schön Gott bei uns. Geht in’s Haus und rastet ab!“
Da ergriff der Alte ihre Hand: „Dich muß man so viel gern haben. Der lieb’ Herrgott segne Dich! Der lieb’ Herrgott segne Dich!“
Dann trat er in’s Haus und lehnte den Kasten, in welchem sein Holzinstrument eingeschlossen war, an die Ofenmauer und setzte sich selbst daneben hin auf die Bank, und sah in der Stube umher, wie Alles so hübsch und heimlich eingerichtet war. Der Sandhauser kam und meinte: Beider Ofenbank sei kein Sitzen, der Hans solle sich ein wenig an den Tisch begeben. Und bald war ein gewichtiger Laib Brot und ein grüner schwitzender Mostkrug auf dem Tische erschienen.
Der Sandhauser hatte viel aus- und einzugehen, trug in ebenmäßiger Ruhe und doch mit einem gewissen Eifer den einen Gegenstand hin, den andern her. Und auf dem Oberboden und in der Nebenkammer war der behendige Schritt der Frieda zu vernehmen, und bisweilen huschte sie mit einem Kissen, mit einer Decke durch die Stube.
Der Hammerl-Hans kaute langsam an dem schmackhaften Brot, dachte bei sich: Wohl, jetzt thun sie schon nesttragen — und that einen gedehnten Zug aus dem Kruge.
Endlich setzte sich der junge Ehemann zu ihm und fragte: „Na, Hans, kriegen wir gar nichts zu hören?“ — Er hätte das Wort wieder einfangen mögen; er war erstens heute nicht in der Stimmung, auf dem Dreifuß zu sitzen und einer Musik zu lauschen, und zweitens kam’s ja gerade heraus, als wollte er sich für die kleine Jause, die er dem Alten vorgesetzt, bezahlt machen. Er sagte daher, als der Hans schon mit freudiger Hast die Lederriemen seines Kastens aufschnallte: „Na, na, Hans, nicht desweg, nicht desweg. Thu’ sich der Hans ausrasten. Ein andermal.“
„Wohl nit vonnöthen!“ versetzte der Alte rasch, „hab’ mich jetzund rechtschaffen gestärkt. Muß ja dem jungen Ehepaar noch mein Brautliedl vormachen — das wohl, ei, das wohl!“
Sofort that er die Strohriegel auf den Tisch, entfaltete das Instrument und legte es darauf zurecht. In jeder Hand ein Hämmerchen, schlug er zuerst auf eines und das andere der Stäbchen — auchseinSpielwerk muß gestimmt werden!
Töne sind nicht zu beschreiben, und am wenigsten, wenn sie von einem eigenartigen Instrumente kommen, das die allermeisten Menschen noch gar nicht gehört haben. Und so muß sich der Erzähler begnügen zu sagen, daß der Hammerl-Hans auf seinem Zeug gar seltsam zu spielen, die anmuthigsten Melodien hervorzubringen versteht. Etwas komisch berührt nur das hastige Hinundherzucken mit den Armen; in raschem Tempo müssen ja die Hämmerchen fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des Tonbrettes sein — jetzt beim brummenden, grollenden Holz, jetzt wieder beim klingenden, schreienden. Das Ganze quillt etwas derb und grell hervor und macht die Nerven zittern. Von der Entfernung gehört, ist es eine weiche, melodische Musik, doch ganz unvergleichbar mit allen anderen Tonspielen.
Zuerst gab der Hans im Sandhause mit sanften Hammerschlägen eine liebliche Volksweise zum Besten. Das lockte die Frieda herbei. Sie schmiegte sich mit Haupt und Gliedern an ihren jungen Gatten und horchte dem Spiele zu. In solcher Lage fand auch der Sandhauser die Musik angenehm, und als das erste Lied zu Ende war, bestellte er ein zweites und zog sein Weibchen nieder auf seinen Schoß.
Das zweite Lied klang schon lauter und kecker, und der Blasi trat dazu mit der Fußspitze den Tact. Das dritte Stück war ein steierischer Tanz, da wiegte sich die Frieda auf den Knien ihres Mannes, bis dieser sie emporhob, selbst aufstand und flüsterte: „Na, Frieda, das thut’s, hopsen wir Eins mit!“
Da hat sie ihren Arm um seinen Hals gelegt und da haben sie jenen Reigen begonnen, der seiner Anmuth und Sinnigkeit wegen wohl den ersten Rang einnimmt unter den Tänzen des deutschen Volkes.
Als der Hans einen Blick that hin auf das Paar, da vergaß er schier auf das Hämmern: die Frieda hob gerade das vorhin an Blasi’s Brust gesunkene Köpfchen und sah dem Gatten in’s Auge. Und diesen Augenblick kann der alte Musikant nimmer vergessen. „Toll,“ murmelte er, „toll haben sie sich gern!“ und suchte wieder in den Tact zu kommen.
Nach dem Steierischen ging ein Walzer los, da glitten die jungen Leute schon rascher durch die Stube, und als das Tonbrett schwieg, hob der Sandhauser den Mostkrug, rief: „Unser Musikant soll leben!“ und trank. — Sie tanzten so gern; sie tanzten das erstemal mitsammen, denn bei der Hochzeit mußte nach der Sitte der Bräutigam mit der ersten Kranzeljungfer und die Braut mit dem Brautführer und anderen Ehemännern reigen.
Dem Hans selber waren heute die Hämmerchen heiß in der Hand. Er begann eine Polka zu schlagen. Ein Jauchzer entfuhr dem jungen Mann; keck faßte er sein Weib um die Mitte und flog mit ihr im Kreise. Rasch ging’s. Es dröhnte der Fußboden unter den Sprüngen, es klirrten die Fenster. Grell, fast wild klapperten die Hämmerchen und dem Musikanten rann es heiß durch’s Mark, sein Spiel war fieberig und ging rascher und rascher. Das tanzende Paar stieß an Bänke und Stühle und schien es nicht zu merken; der Frieda hatte sich das Kopftuch gelöst, es war niedergefallen auf den Boden, war mit den Füßen getreten. Wie im Sturme hin wirbelte ihr schlichtes Kleidchen, und wieder schmiegte es sich weich um ihre Glieder und flatterte um des Tänzers Beine. Darauf hatten sich ihre Locken entfaltet, waren niedergewallt bis zum Gürtel, waren hingeweht über die Schulter des Mannes und um seinen Nacken; in ehernem Krampfe umklammerte sie seine Gestalt, eine Brunst lag auf ihren Wangen, ihr großes Auge blickte starr in das seine und ihre Lippen, halb offen und zuckend, hielt sie den seinen entgegen.
So rasten sie hin unter dem gellenden Schallen des hölzernen Spielwerks — da hatte es plötzlich ein Ende. Eines der Hämmerchen war entzwei gebrochen und das abgebrochene Stück über den Tisch und Fußboden hingekollert. — Ein-, zweimal noch ohne Musik war das Paar durch die Stube geflogen, da sank es hin auf einen Block und stöhnte ein tiefes, langes „Ah!“ Große Tropfen standen auf ihrer Stirn, und Frieda hielt sich fest an des Gatten Schulter und schloß die Augen.
„Du bist ganz damisch (taumelnd)!“ sagte der Sandhauser, „ein wenig frische Luft, ist’s gleich wieder gut.“
Der Alte suchte sein Werkzeug wieder herzustellen. Das Paar erhob sich und wankte in das Freie. Frieda sog durch einen langen, tiefen Athemzug die kühle, reine Luft ein und hauchte: „Ah, Blasi, das thut gut!“
„Ja freilich,“ versetzte er, „frische Luft ist gesund!“
So saßen sie, stets sich liebeinig aneinander schmiegend, erquickten sich an dem frischen Hauche, der von den waldigen Höhen strich und sahen, gedankenlos vielleicht, den lebhaft zwitschernden Schwalben zu, an deren eifrigem Umherschießen nicht zu erkennen war, bauten sie zu dieser Spätsommerszeit an einem zweiten Neste, oder bereiteten sie sich zum Abzuge.
„Jetzt hat’s mir aber in der Brust einen Stich gegeben!“ sagte der Sandhauser plötzlich.
„Jesus Maria!“ rief die Frieda und sah ihn angstvoll an. Er saß ein paar Augenblicke unbeweglich, holte tief Athem und sagte: „Ist schon wieder gut.“
„Gehen wir in’s Haus hinein,“ sprach das junge Weib.
Der Blasi erhob sich langsam und sie gingen in das Haus.
Die Frieda gab dem Hammerl-Hans ein freundliches „Dank Euch Gott!“ So machte sich der Alte auf den Weg und sah noch mehrmals zurück auf den Bau, in welchem ein Glück sich eingenistet hatte, wie er es sein Lebtag bislang nicht gesehen. Als er auf der Anhöhe stand, wo man das letztemal zurücksieht auf das blinkende Schindeldach des Sandhauses, hob der Hans seine rechte Hand und murmelte: „Ich mach’ das Kreuz über Dich!“
Dann ging er davon in der Abendkühle und vergaß sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trug.
Der Blasi war mehrmals langsam durch’s Haus geschritten, war zuweilen stehen geblieben und hatte mit einer gewissen Behutsamkeit Athem geholt.
Die Frieda schlich ihm zweimal nach und fragte: „Gelt Blasi, es ist ganz gut?“
„Ja,“ antwortete er.
Das drittemal sagte sie: „Blasi, es ist nicht ganz richtig!“
„Ich werde heute nur etwas früher in’s Bett gehen,“ antwortete er.
Da wurde sie blaß.
Das Bett stand breit und hochgeschichtet oben in der stillen Kammer über der großen Hausstube. Es war bräutlich. Es waren die feinen schneeweißen Linnen überzogen, welche die Frieda von ihrer Pathin zur Hochzeitsgabe erhalten hatte. Und in die zwei linden Kissen waren hellrothe Bänder gestickt. Und in die weiche blaue Decke waren zwei große Herzen eingenäht. Und auf die kopfseitige Wand des Bettes war der „süße Name“ gemalt, mit dem Kreuze, mit dem Herzen undden drei Nägeln. Und darunter standen roth und schlicht die Worte: „Schlaf’ in Gottes Namen!“
In dieses Bett legte sich der junge Sandhauser einen Tag nach der Hochzeit. Die Decke mit den zwei Herzen war ihm lange nicht genug; schier alle Betten des Hauses mußten ausgeplündert werden, um den Mann mit Hüllen zu versehen — so sehr schüttelte ihn der Frost. Und bald war die helle Gluth auf seinem Antlitze und er lechzte nach Wasser.
Noch in der Nacht kam der Doctor von Koberburg heraufgefahren; der sah den Kranken an, deckte dann dessen Brust ab, hub auf dem Brustblatte an zu klopfen und horchte den Tönen, die dabei herauskamen. Die Frieda wartete schier mit eingehaltenem Athem des Ausspruches; allein der Arzt legte die Decke wieder sanft über die Brust des Kranken herauf und sagte nichts.
Erst dem Boten, der wieder mit ihm gekommen war, um die Medicin zu holen, vertraute er, daß eine Lungenentzündung da wäre.
Frieda hatte in selber Nacht nicht eine Minute geschlafen, sie wachte bei dem Kranken, rückte die Decken, rückte die Kissen stets zurecht, reichte ihm Wasser, legte ihm kalte Tücher über die Stirn, als der Kopfschmerz kam, und las in seinem trüben Auge jeden Wunsch. Er lächelte sie an, dann seufzte er wieder, dann bat er sie, daß sie schlafen gehe: „Heute unten in der großen Stube, Frieda; morgen ist’s schon besser.“
Sie wich nicht von ihm. Oft preßte sie die Hände an ihre Brust, und wenn es der Kranke nicht sah, so schlang sie sich selbst ein nasses Tuch um die Stirn.
Als am andern Tage der Arzt wieder kam, fand er die junge Sandhauserin in einem schweren Lodenrock ihres Mannes eingeschlummert bei seinem Bette kauern.
Der Arzt sah sie scharf an, langte nach ihrer Hand, um den Puls zu fühlen, und sagte: „Die Sandhauserin wird auch noch krank werden, wenn sie sich nicht schlafen legt.“
„O nein,“ antwortete sie rasch, „mir fehlt gar nichts — gar nichts —“ Eilig mußte sie den Mund schließen, um das Beben ihrer Kiefer zu unterdrücken.
„Ihres Mannes wegen,“ sagte der Doctor, „darf sich die Sandhauserin gar keine Sorgen machen. — Sie hat die Nacht über nicht geschlafen, die Aufregungen der letzten Tage sind noch vorhanden; sie hat Fieber — muß sich ausruhen, dann wird Alles wieder gut sein.“
„Arg ist’s doch nicht?“ flüsterte sie, „arg — mit ihm?“
„Na, nu — vor Allem muß auch er Ruhe haben. Geh’ die Sandhauserin zu Bette!“
Das war befehlend gesprochen.
Die Frieda beugte sich über den Kranken. „Du, Blasi,“ lispelte sie, „wir müssen schon wieder auseinander. Ich leg’ mich ein wenig nieder.“
Er nickte ihr beistimmend zu.
„Du sollst auch schlafen, Blasi, gute Nacht!“
Er lächelte. Sie drückten sich die Hände.
„Du bist auch heiß,“ murmelte er, „Du mußt Dich nicht kränken, Frieda, wenn nur in der Brust das Stechen gut ist, so stehe ich schon wieder auf.“
Dann gingen sie auseinander.
Der Arzt kam auch zuihremBette, das unten in der großen Stube stand. Und er schickte durch den Boten auch fürsieMedicin — ganz die gleiche, wie für den Mann.
Vier Tage hernach, als der Bote wieder nach Koberburg kam, sagte zu ihm der Arzt: „Dieweilen nur Mandelmilch trinken, ich komme bald nach. Und — was ich sagen wollte — wenn Du den Geistlichen könntest mitnehmen.“
Als auf dem Thurme das Versehglöcklein läutete, fragten die Koberburger, wen es anginge.
Der Lindenwirth that eben die aus Fichtenreisern gewundenen Hochzeitskränze von der Thür, der sagte: „Die Sandhauserleut’, hab’ ich gehört, die jungen Sandhauserleut’!“
„Das wird wieder eine breite Lug’ vom Lindenwirth sein,“ hieß es. Als der Priester zurückkam, sprach er die Worte: „Eins tragen sie heraus, wenn nicht allzwei.“
Frieda, obwohl schier zu kurzathmig für eine einzige Silbe, fragte hundertmal des Tages, wie es dem Blasi gehe. — Dem ginge es schon besser. — Aber warum er nicht zu ihr herabkäme? — Das hätte ihm der Arzt bislang noch verboten.
Und er: „Was macht denn die Frieda, daß sie gar nicht zu mir kommt?“
— Sie dürfe jetzt nicht zu ihm, hieß es anfangs, sie sei ein junges Blut und könne die Krankheit leicht einathmen. —
„Ich meine allerweg — die hat sie schon eingeathmet.“
Da verleugneten sie es ihm nicht mehr: Allerdings sei sie auch bettlägerig, aber Gefahr sei gar keine — gar keine.
Einmal, mit geschlossenen Augen, sagte der Sandhauser: „Mir ist dem — Hans sein Spielwerk — immer so bekannt vorgekommen. Und hab’s doch nicht gewußt, was es ist. Jetzt weiß ich’s. Es ist eine Charfreitagsklapper.“
Am Abend des sechsten Tages der Krankheit hörte der Blasi auf zu sprechen. Die Wärter und die anderen Leute gingen rascheren Schrittes durch das Haus. Eine alte Magd eilte herunter in die große Stube zum Wandkasten, der nahe am Bette Frieda’s stand.
„Was suchst denn?“ fragte die Kranke.
„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ der Theelöffel da drin,“ antwortete die Magd und erhaschte gleichzeitig im Kasten eine rothe Wachskerze, welche sie sofort in der Faust verbarg. Frieda hatte es doch bemerkt. „Was brauchst denn — jetzt die geweihte Kerze?“ fragte sie, und indem sie sich etwas aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, sag’ mir’s — mein Mann stirbt!“
Die Wärterin suchte sie zu beruhigen; die Kranke sank zurück auf’s Kissen und hauchte: „Er wartet schon, bis ich auch mitgeh’.“
Und ihre Brust bebte heftig bei jedem Athemzug. —
Oben zündeten sie die Kerze an und gaben dieselbe dem Sterbenden in die Hand, der bewegungslos dalag.
Nachbarn und Verwandte kamen und fragten leisen Tones: „Sandhauser, kennst mich noch?“
Er neigte kaum bemerkbar das Haupt.
„Hättest noch ein Anliegen,“ sagten sie, „wir wollten Deinen letzten Wunsch gern vollführen.“
Er blickte sie halboffenen Auges betrübt an. Dann war es, als wollte er die Lippen bewegen, aber es waren nur die Stöße des Athmens.
„Leut’, hebt an zu beten!“ rief die Wärterin.
Da knieten sie nieder um das Lager, an den Stühlen und Schränken und beteten: „Vater unser!“
Die Flamme der Sterbekerze zuckte hin und her und warf ihren Schein auf die lehmblasse Stirn des jungen Mannes, auf welcher zahllose Tropfen standen.
So dauerte es gegen eine halbe Stunde, da sagte die Wärterin plötzlich: „Jetzt kommen die letzten Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jesu Christ, verlaß ihn nicht! O heiligeMaria, bitt’ für ihn! O heiliger Josef, steh’ ihm bei! O ihr himmlischen Engel, bewacht seine arme Seel’, thut sie hüten vor dem bösen Feind, steht ihr bei vor dem letzten Gericht! Dir leb’ ich, o Jesu! Dir sterb’ ich o —“
Sie hielt ein und horchte nach seinem Athem. Sie nahm ein Spiegelchen von der Wand und hielt es vor die Lippen des Sterbenden. Die Glasfläche trübte sich etwas; da huben sie wieder an zu beten.
Der Athem ging regellos und matt; die Augen waren ganz zugefallen. Da löschte die Wärterin das Sterbelicht aus und flüsterte den Anwesenden zu: „Er schläft.“ Und sie schlichen davon.
Nach einigen Stunden, als an den Fenstern der nebelige Morgen graute, schlug der Sandhauser die Augen auf, blickte unstet umher und hauchte: „Die Frieda! — warum will sie gar nicht mehr zu mir kommen?“
Ein Nachbar saß bei ihm, der schwieg nach diesen Worten eine Weile; endlich sagte er: „Jetzt ist’s besser mit Dir; aber das ist eine harte Nacht gewesen, Sandhauser.“
„Ja,“ antwortete der Kranke.
Er lag wieder wie im Halbschlummer. Und so verging ein Tag und eine Nacht. Am nächsten Morgen, als es ganz licht geworden war, wendete er etwas das Haupt und fragte: „Wer ist denn unten?“
Und als er keine Antwort erhielt, fuhr er fort: „So viel Leute gehen um — unten in der Stube!“
Er hatte die große Unruhe bemerkt, die im Hause war.
„Der Frieda, wie geht’s ihr denn?“ fragte er.
„Sie ist wohl recht schlecht, Sandhauser,“ versetzte der Nachbar.
Der Kranke hob ein wenig das Haupt und lauerte.
„Es kommt mir heut — nicht recht vor!“ rief er fast laut.
„Ist wohl recht gefährlich,“ sagte der Nachbar, „wir müssen gefaßt sein.“
Die Unruhe im Hause wollte sich den ganzen Tag nicht legen. Einmal wurde unten in der großen Stube gebetet, es war das Murmeln sehr vieler Menschen.
Wieder kam der Arzt zum Kranken. Er erklärte bei diesem die größte Gefahr als vorüber und verschrieb ihm nervenberuhigende Mittel. Im Uebrigen war er kleinlaut und ging bald wieder davon.
„Was ist denn das?“ sagte der Kranke plötzlich, „was thun sie? was wird denn im Haus heut gekocht? Ich riech’ Backwerk.“
Man hatte keine Entgegnung.
„Ihr thut mich martern, Leut’!“ versetzte er. Dann war er wieder still und starrte wie sinnend drein.
Ein paar hohltönende Schläge, die unten schollen, schreckten den Kranken auf.
„Jesus! — Jesus!“ rief er laut, „eine Todtentruhen!“
Sie mußten ihn mit Gewalt im Bette zurückhalten. Er preßte die Hände in’s Gesicht und ächzte: „Sie ist gestorben!“ und hub an, herzerschütternd zu weinen.
Am nächsten Morgen haben sie auf hoher Bahre die Frieda davon getragen. Man hatte ihr den Brautkranz um die Stirn gewunden.
Im Sandhause war es noch stiller, als es vor der Hochzeit war.
Der junge Bauer erholte sich nur langsam, und als er das erstemal in’s Freie ging, hatte der herbstliche Reif die letzten Blümchen vernichtet. Und die Schwalben waren längst davon.
Der Sandhauser verlangte, daß man ihm erzähle, wie Frieda gestorben sei. Man wich der Frage lange aus, endlich aber wurde ihm mitgetheilt: In jener Nacht, da die Leute alle um ihn, den im Sterben Liegenden, versammelt gewesen, sei Frieda ganz allein und still verschieden.
„Gott sei Dank,“ murmelte der Sandhauser. „Da hat sie in Frieden mögen entschlafen. Ihr glaubt es nicht, Leut’, was das schrecklich ist, wenn sie Einem die Sterbekerze in die Hand geben, wenn sie klagen und die Gebete vorbeten, und was Alles dazu gehört. Und nichts kriegst mehr zu hören, als wie: Jetzt mußt Du sterben! Die Todesangst, ihr Leut’! ’s ist grausig!“
Heute ist der Sandhauser, wie man gern sagt, ein Mann in den besten Jahren. Er ist, wie die Leute im Koberwald und in den Freisohlergräben meinen, wieder lebenslustig; doch ob er sich noch einmal verheiraten wird, darüber getraut sich Keiner ihn zu fragen.
Der alte Hammerl-Hans lebt auch noch. Er geht mit seinem hölzernen Spielwerk thalauf und -ab. Er stellt sich lustig und hämmert keck drein; aber man merkt es doch, er hat keine rechte Freude mehr an seiner Kunst und übt sie nur aus, des lieben Brotes willen.
Am Sandhause im Koberwald schleicht er still und gebückt vorbei. Und vielleicht nachsinnend darüber, warum Guteswollen auf dieser Welt so oft zum Bösen ausschlägt, wankt er hin in der Waldeskühle und vergißt sein Pfeifchen anzuzünden, das er im Munde trägt.
Kapitelende