Graf Adlerstamm auf der Hahnenjagd.
I
Im Ramsauerthale steht die alte moosbärtige Fichte, an welcher das Wunder geschehen ist. Dort hat der Graf Adlerstamm den Hahn und der Preiner-Michel den Bock geschossen.
Im Frühjahre war’s, als der Graf in Nimrods kecker Rüstung in’s Thal fuhr. Der Oberförster — Hans Schrödinger heißt er, der uns nachher die Geschichte erzählt — hatte für Jagd und Wild zu sorgen. Er war rathlos. In die nahe Holzknechthütte ging er hinüber, hieß den Vorhacker, den Preiner-Michel mit sich, und als sie allein durch den Wald gingen, und der Michel seinen Tabaksbeutel vom Rücken herüberzog, wo er ihn im Gurte stecken hatte, und seine Pfeife füllte, sagte der Förster: „Möcht’ ich wissen, wie wir das anfangen.“
„Ist was anzufangen?“ fragte der Michel.
„Der Graf ist da und will morgen Früh einen Auerhahn schießen.“
„Dem gehört die Jagd, der kann’s thun.“
„Der kann’snichtthun,“ sagte der Oberförster.
„Warum? Heuer giebt’s ja Hähne genug, weiß selber einen oder zwei. Der Herr Graf muß halt gut auf den Stand geführt werden.“
„Das ist zu wenig, mein Lieber, der Graf trifft nichts. Es muß was geschehen. Jetzt, denk’ Dir einmal, ist’s heuer das zehnte Jahr, daß der Herr auf den Hahn kommt, und hat noch nicht ein einzig Federl geschossen. Er wird Dir endlich verzagt, verkauft die Jagd, und das wär’ arg; Du weißt, Michel, er giebt —“ und machte mit den zwei Gebefingern eine bedeutsame Geste. „Kurz, er muß morgen den Hahn schießen. Aber wie, Freundchen, wie? Wenn ich mir das nur anzuschicken wüßt’.“
„Binden wir ihm den Hahn auf den Baumwipfel,“ meinte der Preiner-Michel, nahm seine angestopfte Pfeife zwischen die Vorderzähne und steckte den Tabaksbeutel wieder in den Gurt.
„Anbinden,“ sagte der Förster, „d’ran habe ich schon gedacht, aber es ist zu wenig; er trifft ihn nicht.“
„Wenn er zwei- und dreimal hinaufbrennen kann?“
„Trifft ihn nicht. Der Graf ist kurzsichtig, das weißt, hat keinen festen Ansatz und keine sichere Hand und keine Geduld und Ruh’; dem fehlt nicht mehr, als Alles zum Jäger.“
„Nachher kunnt ich keinen Rath geben,“ sagte der Michel.
„Es giebt nur Ein Mittel,“ versetzte der Förster mit leiser Stimme, als traute er nicht einmal den Bäumen, „und weil es das einzige ist, so muß es ausgeführt werden.“
„Nachher ist’s ja recht.“
„Aber dazu brauch’ ich Dich, Michel. Los’ einmal.“
Und sie blieben stehen und der Förster brachte dem Vorhacker was bei.
„Na Du,“ sagte dieser plötzlich laut auflachend, „das thu’ ichnicht!“
„Kannst es ganz ruhig thun; ’s ist gar keine Gefahr. Er schießt zum mindesten eine Klafter weit an Dir vorbei.“
„Zu dem Geschäft such’ Dir einen Andern, Förster.“
„Nun, zu Deiner Beruhigung — Du weißt ja, daß ich dem Herrn den Büchsenspanner abgebe — werde ich das Gewehr blind laden.“
„Das ist eine Red’. Jetzt hast mich. Wo will der Herr Graf den Hahn schießen?“
„Oben im Donnerwald, etwa bei der Zwiselfeichten. Je weiter und schwieriger der Weg, desto größer das Vergnügen. Kennst ja das, von den hohen Herren. Und um drei Uhr, wo’s g’rad noch die rechte Finstern hat. Nicht vergessen auf’s Balzen!“
„Ist recht.“
Sie verabredeten noch Manches und verloren sich im Walde. —
Um Mitternacht wird der Herr Graf höflich geweckt. Er beladet sich mit Allem, was dem alten Jägersmann an den Leib steht. Und wenn der Förster meint, das oder das sei heute nicht nöthig, so sagt der Graf fürsichtig, ’s wär’ immerhin besser, man hätt’s bei sich. Es ist eine klare stille Nacht.
„Excellenz!“ sagte der Förster unterwegs, „heut’ gilt’s Einen. Ich sag’s. So schön ist mir noch Keiner gestanden, wie der heutige.“
„Soll Sein Schade nicht sein. Doch — hat Er’s gehört, jetzt? Ist das nicht ein Schuß gewesen?“
„Wahrhaftig,“ lachte der Förster, „auf’s Haar wie ein Schuß; das hat mich anfangs auch immer getäuscht. Nein, Excellenz-Herr, eine Lawine ist im Höllgraben drüben abgegangen. Das ist um diese Zeit nichts Seltenes.“
Je höher sie emporkamen gegen den Donnerwald, desto leiser wurde ihr Gespräch. Als sie bei der Rothbuche waren und horchten, hörten sie das erstemal balzen. Nun hub das Laufen an, um dann, während der Hahn wieder schwieg, starr wie ein Baumstrunk still zu stehen.
So waren die beiden Jäger allmählich zur Zwiselfeichten gekommen, in dessen buschigem Gewipfel das Thier schnalzte und balzte, daß es eine Lust war.
Der Förster führte den Grafen auf den rechten Standpunkt und fragte flüsternd, ob er dort oben den Hahn wohl sehe.
„Wohl, wohl! ’s ist ein sakrisch mächtiger Kerl.“
„Natürlich, das schwarze Bündel dort ist der Baumwipfel. Daneben, der kleine Punkt....“
„Gut, gut!“ entgegnete rasch der Graf und fuhr mit dem Schaft zur Wange. — Puff! war auch schon der Knall da. Man meinte, schier zu früh, aber siehe — diesmal Glück! Das Thier rauschte herab von Ast zu Ast und schwer fiel es nieder auf den Boden.
Der Graf sprang hinzu, jauchzte, jubelte; es war auch ein prächtiger Vogel. — Das Telegraphenamt! Allsogleich berichten der Gemahlin, den Freunden: Vivat, den Hahn geschossen. Morgen großer Schmaus! —
Ein herrlicher Vogel fürwahr! und gerade mitten in die Brust getroffen! Aber — was hängt doch daran? An den Klauen hängt ein Knollen — was das sein mag? — Sogleich ist Licht gemacht — welch’ eine Erscheinung?! In die Klauen verhakt lag ein vollgedunsener Tabaksbeutel.
„Verdammter Esel!“ fluchte der Förster für sich und rasch setzte er bei: „Der erste Fall in meiner Praxis, Excellenz-Herr, wo mir das vorkommt, was erzählt wird, daß Auerhähnebisweilen in die Nähe der Holzarbeiter dringen und verschiedene Gegenstände, die die Leute irgendwo bei Seite gelegt, mit sich forttragen. Ich wette, diese Tabaksblase ist ein solcher Raub. Seltsam, seltsam!“
Der Graf starrte drein und sagte kein Wort. Den Vogel ließ er liegen; auf dem kürzesten Weg eilte er dem Bahnhofe zu. Und der Michel kletterte verzagt von der Zwiselfeichten, von welcher er früher den todten Vogel herabgeschleudert hatte.
„Was kann denn ich dafür!“ betheuerte er dem Förster, „Ihr seid zu früh dagewesen. Wie der Schuß fällt, hängt der Vogel noch fest an meinem Gurt. Ich reiß’ ihn eilends los, nu, und hab’ halt meinen gottverblitzten Beutel mit hinabgeworfen.“
In acht Tagen war das Revier verkauft.
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