Bauernanwerbung

[pg 142]BauernanwerbungIn S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden hatte.Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.Stefenson hielt das Pferd an.„Wollen Sie mitfahren?“„Nee!“ antwortete der Bauer.„Warum denn nicht?“Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.[pg 143]„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“„Sie haben wohl schönere Pferde?“„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben se ooch.“„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel Geld gekostet.“Er meckerte.„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich: zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene alten Schränke und zinnernen Teller.“„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen. Wir wollenallesvon Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“Der Bauer brach in helles Gelächter aus.[pg 144]„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware zum Verkauf stände.„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste Kerle von der Welt.“Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und sagte:„Wie heißen Sie?“„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie Napoleon.“„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“„Wie heißenSiedenn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde ungeduldig.„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, ein sehr reicher Mann.“„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes Pferd.“„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf.Der Bauer lachte.„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was es sich handelte, sonst war mit[pg 145]ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. Ich versuchte das auf folgende Weise:„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, der richtig arbeitet?“„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis umsieben.“„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter führen, gesund ist?“„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich lieber zu Hause.“„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n,[pg 146]saufen se einem bloß die gute Milch weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener Herr dort.“„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“Er lachte über seinen Witz.„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.[pg 147]„Bitte!“ sagte er phlegmatisch.Der Bauer rührte sich nicht.„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn.„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er rückte beiseite.„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte heraus, daß der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und zwei Töchter besaß, daß von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und ernähren konnte.[pg 148]„Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was zurückzulegen.“Er saß nachdenklich da.„Stoppen Se mich wirklich nich aus?“„Ich denke nicht daran.“„Wie kommen Se denn gerade auf mich?“„Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.“„Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.“„Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen müssen. Das gehört zur Kur.“„Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?“„Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.“„’n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!“„Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so ’n halber Schäfer.“„Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub’s nich; ich kann’s nich glauben!“Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.„Jetzt werd’ ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist ein Wohnhaus.“„Das? – Das is ja ’n Schloß!“„Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin Platz haben.“[pg 149]„Dunnerwetter!“„Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die Scheuer.“Er atmete schwer.„Wie groß ist denn die Wirtschaft?“„Hundert Morgen.“Da verdüsterte sich seine Stirn.„Warum halten Sie mich denn zum Affen? So ’ne große Sache kann ich doch nich pachten; da gehört doch Geld dazu.“„Gar kein Geld! Nur, daß Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten. Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen die Kurgäste.“„Nu ja, die werd’n ja überall behumpst.“Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen.Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen kletterte:[pg 150]„Nee, Emil“, sagte sie, „da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol’n.“„Mutter“, meinte Emil, „wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. Aber ’s sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und lauter Schlösser.“Susanne lachte gutmütig.„A hat een’ sitzen“, meinte sie. „Na, kumm ock rein!“„Frau Barthel“, rief ich ihr zu, „Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.“Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil Barthel.„Nee, komm’n Se wirklich?“ fragte er; „ich hatte gedacht, ’s wär alles bloß Ulk.“Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, daß sie aus dem Dorf[pg 151]kramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug heranmachte.„Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.“„Also ist es tatsächlich wahr?“ sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:„Sehn Sie, meine Herr’n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben – man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muß ich Ihn’n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute werd’n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll’n – woll’n se sich amüsieren. Da woll’n se doch nich Kühe melken und ackern. Meine Herr’n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den Fall, se kämen doch – da wär’s noch viel schlechter. Denn warum? Die Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, daß die mir auf dem Hofe was helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege ’rum. Die quatschten und quasselten doch bloß.“„Die fielen einem ja in die Puttermilch!“ lachte Frau Susanne.[pg 152]„Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh’n machen woll’n“, ergänzte der Mann.„Donner!“ schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch, daß aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, „nun ist’s aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...“„Das allerbeste is, Se gehn wieder!“ sagte Barthel seelenruhig. Und nun wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die Kleinere sagte, daß sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, daß gerade Besuch da sei, und wolle nicht stören.Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen[pg 153]braunen Augen, und ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium Ferien vom Ich?“„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich.„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika wäre.“[pg 154]„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus Amerika.“Stefenson verneigte sich phlegmatisch.„Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, daß wir uns etwas zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.“Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte sich aber selbst vor.„Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.“Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach wieder in fröhliches Lachen aus.„Es scheint, daß wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.“„Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt aufeinanderplatzen?“Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel sagte:[pg 155]„Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder mal recht gehabt.“„Und nun, Herrschaften“, rief Fräulein Bunkert, „es mag so indiskret sein, wie es wolle, ich muß wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.“Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei „sein Typ“. Groß, schlank, blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich ’raus.Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund gewaltig in die Breite.) Daß er, Stefenson, in einer so öden Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Faschingad infinitum.Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ Stefenson über sich ergehen, zuckte[pg 156]kaum manchmal die Schultern, und er lächelte ... der Verräter.„Meine Gnädige“, warf ich dazwischen, „Sie dürften über unser Ferienheim denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.“„Ja, gerade, daß Sie es ernst meinen, ist ja das Gute“, erwiderte sie. „Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.“„Das ist eine sehr kluge Sentenz“, stimmte der verräterische Stefenson bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der schlichten Bauernstube.„Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?“ fragte ich.„Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.“„Glauben Sie, daß es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?“„Ich werde ihnen gut zureden, daß sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiß beide Teile nicht reuen.“[pg 157]„Ich danke Ihnen!“„Also, hören Sie, Herr Mister Barthel“, lachte unterdes Eva Bunkert; „wenn Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins Haus.“Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.„Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...“„Gar nischt sagt sie“, fuhr Frau Barthel dazwischen, „aber er – er hat die Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt ’rausschmeißen wollen.“Emil Barthel schwur, daß das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es gab einen ehelichen Streit.Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.„Jees, jees“, jammerte es, „die Emma hat su viel Hitze und klagt immer mehr über a Hals.“Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, daß das Kind über Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann, Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.„Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde“, bat mich Anneliese, „es sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt haben wir hier nicht.“So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das Kind in hohem Fieber lag.[pg 158]Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte. Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon wieder.Eva hatte mit Stefenson verabredet, daß sie mit Anneliese gleich nach der Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß bis ersten April, und daß sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen.„Und Ihr Vater?“ fragte ich.„Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, daß er meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau Emilie Knautschke sein.“Ich beschloß, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft zwischen Stefenson und mir einen[pg 159]so lauten Lachton mischte und unsere große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen.Wie ich das tun sollte, wußte ich nicht.Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen zirpte herein:„Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muß immerfort allein in dem dummen Gasthaus sitzen.“Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten.Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür.„Kindchen, auf dich hatt’ ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In diesem Haus ist Diphtherie.“Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas ernster.„Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?“Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach Hause zu gehen.Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an und schmollte mit ihrem „lieben Pappa“, der sie im Stiche gelassen hatte.Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr und sagte vor den Ohren des Kindes: „Ich bin nicht ihr Vater!“Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.[pg 160]Als wir allein waren, sagte Stefenson:„Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepaßt, und nun ist nichts zum Abschluß gekommen.“Ich erwiderte:„Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie würde unserer Sache schaden.“„Schaden?“ fuhr er auf. „Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben Sie, daß ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.“Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder. Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.[pg 161]Der JournalistNun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und zwar nicht nur wegen des Kindes.„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte, Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“Ich lächelte.[pg 162]„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte? Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich überlassen.“„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück sein.Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald zurückkommen ...Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus bewirtschaftet.[pg 163]Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo – Geld da ist.Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof, Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über den sieben Bergen“, ein „Old Nigger home“ (nach Stefensons Wunsch), eine Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine Räuberhöhle.Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen, daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer legten.Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im[pg 164]Bach oder die zum erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich „Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifendeXanthippenmit den holden Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem Seufzer:„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist so etwas viel zu teuer.“„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom Ich haben – Weltstadtleben,[pg 165]Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das haben, was einem fehlt.“„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune.Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus, nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause, und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht abweisen, und als er mich erblickte, rief er:„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den Diener beiseite und kam auf mich zu.„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“„Sie sehen, ich habe Besuch!“„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen dieses Schreiben zu überreichen.“Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und stellenweise vorlas:[pg 166]„Neuyork, den 25. März.Mein Lieber!Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.Stefenson.“Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir be[pg 167]kannt vor, auch in seiner heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären, daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.Brown schüttelte den Kopf.„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit unverhohlenem Interesse.„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in Neuyork und den Staaten kennen muß.“„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“„Ja, er gehört dazu.“[pg 168]Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. DasNigger-Homegefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown.Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:„Way down upon Swaney ribberFar far away ...There’s, where my heart is turning ebber,There’s, where the old folks stay ...“Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden regungslos, und die[pg 169]großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der matten Lampen ...Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“Ich war ihr dankbar und sagte:„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden sind.“„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel Kindliches.“„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren[pg 170]Tier- und Kinderbilder an, es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug; der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown gerührt.„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern können.“Da wurde auch die kleine Braune munter.„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist! Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“„Du Plappermaul!“ zürnte Eva,reckteaber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne es nicht: der Mann gefällt mir.[pg 171]Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich.„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich will einen Mann heiraten!“„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown ein.„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz gleichgültig.“„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen.Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar, in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle überlief, was oft genug geschah.Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so entlarve ich dich; bilde dir nicht[pg 172]ein, mit einem bißchen Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er mein Freund ist – ungeheuer eitel!“„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“Da lachte Mister Brown.„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine Verneigung macht, ehe er sich einseift.“„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief Eva verärgert.„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres Geschäftsfreundes.“„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das Dümmste, auf Stefenson zu[pg 173]schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht scheren.Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht Luise?“Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“[pg 174]„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam sie auf mich zugestürmt.„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen gerade Haschen.“Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der Mutter sein.“„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des Vaters.“„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“ plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich dachte. Mister Brown legte ohne jede[pg 175]wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“„Wieso? Ich bin nie krank!“„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine einzige Stunde krank.“„Hm!“Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und halb[pg 176]geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er stehen, sah mich an und sagte:„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich zuzumuten, he?“„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“ sagte Brown vergnügt.Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner Bank. Stefenson.“Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee[pg 177]und nicht in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich gespielt ...Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte, kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte:„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister Brown.“„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren werde, was ich nicht gesehen habe.“Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.[pg 178]„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson erinnert.“„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“Ich zuckte die Achseln.„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder ins Grübeln.„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, ängstlich, unsicher werden?“„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt. „Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er heute früh dort an mich aufgab.“„Gott sei Dank!“„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt,[pg 179]wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit, sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt. Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare Wahrheit werden lassen.“„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin. Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.Die Mädchen blieben im Forellenhofe.Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über der Frage: War er’s? War er’s nicht?Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war[pg 180]von Stefenson und kam aus Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz feststellen können.Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“

[pg 142]BauernanwerbungIn S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden hatte.Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.Stefenson hielt das Pferd an.„Wollen Sie mitfahren?“„Nee!“ antwortete der Bauer.„Warum denn nicht?“Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.[pg 143]„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“„Sie haben wohl schönere Pferde?“„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben se ooch.“„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel Geld gekostet.“Er meckerte.„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich: zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene alten Schränke und zinnernen Teller.“„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen. Wir wollenallesvon Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“Der Bauer brach in helles Gelächter aus.[pg 144]„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware zum Verkauf stände.„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste Kerle von der Welt.“Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und sagte:„Wie heißen Sie?“„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie Napoleon.“„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“„Wie heißenSiedenn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde ungeduldig.„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, ein sehr reicher Mann.“„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes Pferd.“„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf.Der Bauer lachte.„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was es sich handelte, sonst war mit[pg 145]ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. Ich versuchte das auf folgende Weise:„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, der richtig arbeitet?“„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis umsieben.“„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter führen, gesund ist?“„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich lieber zu Hause.“„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n,[pg 146]saufen se einem bloß die gute Milch weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener Herr dort.“„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“Er lachte über seinen Witz.„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.[pg 147]„Bitte!“ sagte er phlegmatisch.Der Bauer rührte sich nicht.„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn.„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er rückte beiseite.„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte heraus, daß der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und zwei Töchter besaß, daß von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und ernähren konnte.[pg 148]„Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was zurückzulegen.“Er saß nachdenklich da.„Stoppen Se mich wirklich nich aus?“„Ich denke nicht daran.“„Wie kommen Se denn gerade auf mich?“„Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.“„Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.“„Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen müssen. Das gehört zur Kur.“„Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?“„Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.“„’n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!“„Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so ’n halber Schäfer.“„Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub’s nich; ich kann’s nich glauben!“Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.„Jetzt werd’ ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist ein Wohnhaus.“„Das? – Das is ja ’n Schloß!“„Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin Platz haben.“[pg 149]„Dunnerwetter!“„Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die Scheuer.“Er atmete schwer.„Wie groß ist denn die Wirtschaft?“„Hundert Morgen.“Da verdüsterte sich seine Stirn.„Warum halten Sie mich denn zum Affen? So ’ne große Sache kann ich doch nich pachten; da gehört doch Geld dazu.“„Gar kein Geld! Nur, daß Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten. Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen die Kurgäste.“„Nu ja, die werd’n ja überall behumpst.“Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen.Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen kletterte:[pg 150]„Nee, Emil“, sagte sie, „da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol’n.“„Mutter“, meinte Emil, „wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. Aber ’s sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und lauter Schlösser.“Susanne lachte gutmütig.„A hat een’ sitzen“, meinte sie. „Na, kumm ock rein!“„Frau Barthel“, rief ich ihr zu, „Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.“Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil Barthel.„Nee, komm’n Se wirklich?“ fragte er; „ich hatte gedacht, ’s wär alles bloß Ulk.“Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, daß sie aus dem Dorf[pg 151]kramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug heranmachte.„Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.“„Also ist es tatsächlich wahr?“ sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:„Sehn Sie, meine Herr’n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben – man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muß ich Ihn’n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute werd’n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll’n – woll’n se sich amüsieren. Da woll’n se doch nich Kühe melken und ackern. Meine Herr’n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den Fall, se kämen doch – da wär’s noch viel schlechter. Denn warum? Die Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, daß die mir auf dem Hofe was helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege ’rum. Die quatschten und quasselten doch bloß.“„Die fielen einem ja in die Puttermilch!“ lachte Frau Susanne.[pg 152]„Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh’n machen woll’n“, ergänzte der Mann.„Donner!“ schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch, daß aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, „nun ist’s aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...“„Das allerbeste is, Se gehn wieder!“ sagte Barthel seelenruhig. Und nun wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die Kleinere sagte, daß sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, daß gerade Besuch da sei, und wolle nicht stören.Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen[pg 153]braunen Augen, und ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium Ferien vom Ich?“„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich.„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika wäre.“[pg 154]„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus Amerika.“Stefenson verneigte sich phlegmatisch.„Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, daß wir uns etwas zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.“Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte sich aber selbst vor.„Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.“Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach wieder in fröhliches Lachen aus.„Es scheint, daß wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.“„Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt aufeinanderplatzen?“Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel sagte:[pg 155]„Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder mal recht gehabt.“„Und nun, Herrschaften“, rief Fräulein Bunkert, „es mag so indiskret sein, wie es wolle, ich muß wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.“Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei „sein Typ“. Groß, schlank, blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich ’raus.Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund gewaltig in die Breite.) Daß er, Stefenson, in einer so öden Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Faschingad infinitum.Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ Stefenson über sich ergehen, zuckte[pg 156]kaum manchmal die Schultern, und er lächelte ... der Verräter.„Meine Gnädige“, warf ich dazwischen, „Sie dürften über unser Ferienheim denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.“„Ja, gerade, daß Sie es ernst meinen, ist ja das Gute“, erwiderte sie. „Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.“„Das ist eine sehr kluge Sentenz“, stimmte der verräterische Stefenson bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der schlichten Bauernstube.„Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?“ fragte ich.„Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.“„Glauben Sie, daß es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?“„Ich werde ihnen gut zureden, daß sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiß beide Teile nicht reuen.“[pg 157]„Ich danke Ihnen!“„Also, hören Sie, Herr Mister Barthel“, lachte unterdes Eva Bunkert; „wenn Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins Haus.“Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.„Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...“„Gar nischt sagt sie“, fuhr Frau Barthel dazwischen, „aber er – er hat die Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt ’rausschmeißen wollen.“Emil Barthel schwur, daß das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es gab einen ehelichen Streit.Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.„Jees, jees“, jammerte es, „die Emma hat su viel Hitze und klagt immer mehr über a Hals.“Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, daß das Kind über Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann, Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.„Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde“, bat mich Anneliese, „es sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt haben wir hier nicht.“So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das Kind in hohem Fieber lag.[pg 158]Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte. Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon wieder.Eva hatte mit Stefenson verabredet, daß sie mit Anneliese gleich nach der Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß bis ersten April, und daß sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen.„Und Ihr Vater?“ fragte ich.„Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, daß er meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau Emilie Knautschke sein.“Ich beschloß, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft zwischen Stefenson und mir einen[pg 159]so lauten Lachton mischte und unsere große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen.Wie ich das tun sollte, wußte ich nicht.Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen zirpte herein:„Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muß immerfort allein in dem dummen Gasthaus sitzen.“Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten.Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür.„Kindchen, auf dich hatt’ ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In diesem Haus ist Diphtherie.“Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas ernster.„Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?“Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach Hause zu gehen.Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an und schmollte mit ihrem „lieben Pappa“, der sie im Stiche gelassen hatte.Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr und sagte vor den Ohren des Kindes: „Ich bin nicht ihr Vater!“Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.[pg 160]Als wir allein waren, sagte Stefenson:„Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepaßt, und nun ist nichts zum Abschluß gekommen.“Ich erwiderte:„Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie würde unserer Sache schaden.“„Schaden?“ fuhr er auf. „Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben Sie, daß ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.“Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder. Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.[pg 161]Der JournalistNun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und zwar nicht nur wegen des Kindes.„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte, Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“Ich lächelte.[pg 162]„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte? Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich überlassen.“„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück sein.Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald zurückkommen ...Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus bewirtschaftet.[pg 163]Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo – Geld da ist.Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof, Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über den sieben Bergen“, ein „Old Nigger home“ (nach Stefensons Wunsch), eine Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine Räuberhöhle.Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen, daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer legten.Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im[pg 164]Bach oder die zum erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich „Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifendeXanthippenmit den holden Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem Seufzer:„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist so etwas viel zu teuer.“„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom Ich haben – Weltstadtleben,[pg 165]Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das haben, was einem fehlt.“„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune.Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus, nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause, und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht abweisen, und als er mich erblickte, rief er:„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den Diener beiseite und kam auf mich zu.„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“„Sie sehen, ich habe Besuch!“„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen dieses Schreiben zu überreichen.“Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und stellenweise vorlas:[pg 166]„Neuyork, den 25. März.Mein Lieber!Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.Stefenson.“Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir be[pg 167]kannt vor, auch in seiner heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären, daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.Brown schüttelte den Kopf.„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit unverhohlenem Interesse.„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in Neuyork und den Staaten kennen muß.“„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“„Ja, er gehört dazu.“[pg 168]Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. DasNigger-Homegefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown.Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:„Way down upon Swaney ribberFar far away ...There’s, where my heart is turning ebber,There’s, where the old folks stay ...“Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden regungslos, und die[pg 169]großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der matten Lampen ...Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“Ich war ihr dankbar und sagte:„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden sind.“„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel Kindliches.“„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren[pg 170]Tier- und Kinderbilder an, es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug; der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown gerührt.„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern können.“Da wurde auch die kleine Braune munter.„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist! Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“„Du Plappermaul!“ zürnte Eva,reckteaber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne es nicht: der Mann gefällt mir.[pg 171]Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich.„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich will einen Mann heiraten!“„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown ein.„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz gleichgültig.“„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen.Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar, in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle überlief, was oft genug geschah.Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so entlarve ich dich; bilde dir nicht[pg 172]ein, mit einem bißchen Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er mein Freund ist – ungeheuer eitel!“„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“Da lachte Mister Brown.„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine Verneigung macht, ehe er sich einseift.“„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief Eva verärgert.„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres Geschäftsfreundes.“„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das Dümmste, auf Stefenson zu[pg 173]schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht scheren.Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht Luise?“Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“[pg 174]„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam sie auf mich zugestürmt.„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen gerade Haschen.“Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der Mutter sein.“„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des Vaters.“„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“ plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich dachte. Mister Brown legte ohne jede[pg 175]wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“„Wieso? Ich bin nie krank!“„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine einzige Stunde krank.“„Hm!“Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und halb[pg 176]geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er stehen, sah mich an und sagte:„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich zuzumuten, he?“„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“ sagte Brown vergnügt.Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner Bank. Stefenson.“Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee[pg 177]und nicht in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich gespielt ...Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte, kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte:„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister Brown.“„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren werde, was ich nicht gesehen habe.“Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.[pg 178]„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson erinnert.“„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“Ich zuckte die Achseln.„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder ins Grübeln.„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, ängstlich, unsicher werden?“„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt. „Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er heute früh dort an mich aufgab.“„Gott sei Dank!“„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt,[pg 179]wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit, sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt. Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare Wahrheit werden lassen.“„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin. Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.Die Mädchen blieben im Forellenhofe.Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über der Frage: War er’s? War er’s nicht?Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war[pg 180]von Stefenson und kam aus Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz feststellen können.Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“

[pg 142]BauernanwerbungIn S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden hatte.Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.Stefenson hielt das Pferd an.„Wollen Sie mitfahren?“„Nee!“ antwortete der Bauer.„Warum denn nicht?“Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.[pg 143]„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“„Sie haben wohl schönere Pferde?“„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben se ooch.“„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel Geld gekostet.“Er meckerte.„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich: zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene alten Schränke und zinnernen Teller.“„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen. Wir wollenallesvon Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“Der Bauer brach in helles Gelächter aus.[pg 144]„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware zum Verkauf stände.„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste Kerle von der Welt.“Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und sagte:„Wie heißen Sie?“„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie Napoleon.“„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“„Wie heißenSiedenn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde ungeduldig.„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, ein sehr reicher Mann.“„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes Pferd.“„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf.Der Bauer lachte.„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was es sich handelte, sonst war mit[pg 145]ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. Ich versuchte das auf folgende Weise:„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, der richtig arbeitet?“„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis umsieben.“„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter führen, gesund ist?“„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich lieber zu Hause.“„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n,[pg 146]saufen se einem bloß die gute Milch weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener Herr dort.“„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“Er lachte über seinen Witz.„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.[pg 147]„Bitte!“ sagte er phlegmatisch.Der Bauer rührte sich nicht.„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn.„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er rückte beiseite.„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte heraus, daß der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und zwei Töchter besaß, daß von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und ernähren konnte.[pg 148]„Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was zurückzulegen.“Er saß nachdenklich da.„Stoppen Se mich wirklich nich aus?“„Ich denke nicht daran.“„Wie kommen Se denn gerade auf mich?“„Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.“„Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.“„Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen müssen. Das gehört zur Kur.“„Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?“„Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.“„’n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!“„Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so ’n halber Schäfer.“„Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub’s nich; ich kann’s nich glauben!“Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.„Jetzt werd’ ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist ein Wohnhaus.“„Das? – Das is ja ’n Schloß!“„Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin Platz haben.“[pg 149]„Dunnerwetter!“„Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die Scheuer.“Er atmete schwer.„Wie groß ist denn die Wirtschaft?“„Hundert Morgen.“Da verdüsterte sich seine Stirn.„Warum halten Sie mich denn zum Affen? So ’ne große Sache kann ich doch nich pachten; da gehört doch Geld dazu.“„Gar kein Geld! Nur, daß Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten. Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen die Kurgäste.“„Nu ja, die werd’n ja überall behumpst.“Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen.Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen kletterte:[pg 150]„Nee, Emil“, sagte sie, „da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol’n.“„Mutter“, meinte Emil, „wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. Aber ’s sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und lauter Schlösser.“Susanne lachte gutmütig.„A hat een’ sitzen“, meinte sie. „Na, kumm ock rein!“„Frau Barthel“, rief ich ihr zu, „Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.“Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil Barthel.„Nee, komm’n Se wirklich?“ fragte er; „ich hatte gedacht, ’s wär alles bloß Ulk.“Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, daß sie aus dem Dorf[pg 151]kramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug heranmachte.„Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.“„Also ist es tatsächlich wahr?“ sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:„Sehn Sie, meine Herr’n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben – man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muß ich Ihn’n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute werd’n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll’n – woll’n se sich amüsieren. Da woll’n se doch nich Kühe melken und ackern. Meine Herr’n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den Fall, se kämen doch – da wär’s noch viel schlechter. Denn warum? Die Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, daß die mir auf dem Hofe was helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege ’rum. Die quatschten und quasselten doch bloß.“„Die fielen einem ja in die Puttermilch!“ lachte Frau Susanne.[pg 152]„Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh’n machen woll’n“, ergänzte der Mann.„Donner!“ schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch, daß aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, „nun ist’s aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...“„Das allerbeste is, Se gehn wieder!“ sagte Barthel seelenruhig. Und nun wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die Kleinere sagte, daß sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, daß gerade Besuch da sei, und wolle nicht stören.Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen[pg 153]braunen Augen, und ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium Ferien vom Ich?“„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich.„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika wäre.“[pg 154]„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus Amerika.“Stefenson verneigte sich phlegmatisch.„Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, daß wir uns etwas zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.“Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte sich aber selbst vor.„Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.“Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach wieder in fröhliches Lachen aus.„Es scheint, daß wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.“„Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt aufeinanderplatzen?“Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel sagte:[pg 155]„Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder mal recht gehabt.“„Und nun, Herrschaften“, rief Fräulein Bunkert, „es mag so indiskret sein, wie es wolle, ich muß wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.“Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei „sein Typ“. Groß, schlank, blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich ’raus.Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund gewaltig in die Breite.) Daß er, Stefenson, in einer so öden Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Faschingad infinitum.Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ Stefenson über sich ergehen, zuckte[pg 156]kaum manchmal die Schultern, und er lächelte ... der Verräter.„Meine Gnädige“, warf ich dazwischen, „Sie dürften über unser Ferienheim denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.“„Ja, gerade, daß Sie es ernst meinen, ist ja das Gute“, erwiderte sie. „Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.“„Das ist eine sehr kluge Sentenz“, stimmte der verräterische Stefenson bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der schlichten Bauernstube.„Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?“ fragte ich.„Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.“„Glauben Sie, daß es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?“„Ich werde ihnen gut zureden, daß sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiß beide Teile nicht reuen.“[pg 157]„Ich danke Ihnen!“„Also, hören Sie, Herr Mister Barthel“, lachte unterdes Eva Bunkert; „wenn Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins Haus.“Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.„Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...“„Gar nischt sagt sie“, fuhr Frau Barthel dazwischen, „aber er – er hat die Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt ’rausschmeißen wollen.“Emil Barthel schwur, daß das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es gab einen ehelichen Streit.Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.„Jees, jees“, jammerte es, „die Emma hat su viel Hitze und klagt immer mehr über a Hals.“Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, daß das Kind über Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann, Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.„Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde“, bat mich Anneliese, „es sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt haben wir hier nicht.“So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das Kind in hohem Fieber lag.[pg 158]Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte. Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon wieder.Eva hatte mit Stefenson verabredet, daß sie mit Anneliese gleich nach der Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß bis ersten April, und daß sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen.„Und Ihr Vater?“ fragte ich.„Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, daß er meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau Emilie Knautschke sein.“Ich beschloß, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft zwischen Stefenson und mir einen[pg 159]so lauten Lachton mischte und unsere große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen.Wie ich das tun sollte, wußte ich nicht.Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen zirpte herein:„Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muß immerfort allein in dem dummen Gasthaus sitzen.“Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten.Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür.„Kindchen, auf dich hatt’ ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In diesem Haus ist Diphtherie.“Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas ernster.„Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?“Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach Hause zu gehen.Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an und schmollte mit ihrem „lieben Pappa“, der sie im Stiche gelassen hatte.Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr und sagte vor den Ohren des Kindes: „Ich bin nicht ihr Vater!“Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.[pg 160]Als wir allein waren, sagte Stefenson:„Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepaßt, und nun ist nichts zum Abschluß gekommen.“Ich erwiderte:„Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie würde unserer Sache schaden.“„Schaden?“ fuhr er auf. „Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben Sie, daß ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.“Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder. Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.

In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden hatte.

Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.

Stefenson hielt das Pferd an.

„Wollen Sie mitfahren?“

„Nee!“ antwortete der Bauer.

„Warum denn nicht?“

Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.

„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“

„Sie haben wohl schönere Pferde?“

„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben se ooch.“

„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel Geld gekostet.“

Er meckerte.

„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“

Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.

„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich: zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene alten Schränke und zinnernen Teller.“

„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“

„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“

„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen. Wir wollenallesvon Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“

Der Bauer brach in helles Gelächter aus.

„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“

„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware zum Verkauf stände.

„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste Kerle von der Welt.“

Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und sagte:

„Wie heißen Sie?“

„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie Napoleon.“

„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“

„Wie heißenSiedenn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde ungeduldig.

„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, ein sehr reicher Mann.“

„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes Pferd.“

„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf.

Der Bauer lachte.

„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“

Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was es sich handelte, sonst war mit[pg 145]ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. Ich versuchte das auf folgende Weise:

„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, der richtig arbeitet?“

„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis umsieben.“

„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter führen, gesund ist?“

„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“

„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“

„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich lieber zu Hause.“

„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“

„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n,[pg 146]saufen se einem bloß die gute Milch weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“

„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“

„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“

„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener Herr dort.“

„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“

„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“

„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“

Er lachte über seinen Witz.

„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“

Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.

„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“

Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.

„Bitte!“ sagte er phlegmatisch.

Der Bauer rührte sich nicht.

„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn.

„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“

Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er rückte beiseite.

„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“

Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte heraus, daß der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und zwei Töchter besaß, daß von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und ernähren konnte.

„Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was zurückzulegen.“

Er saß nachdenklich da.

„Stoppen Se mich wirklich nich aus?“

„Ich denke nicht daran.“

„Wie kommen Se denn gerade auf mich?“

„Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.“

„Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.“

„Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen müssen. Das gehört zur Kur.“

„Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?“

„Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.“

„’n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!“

„Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so ’n halber Schäfer.“

„Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub’s nich; ich kann’s nich glauben!“

Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.

„Jetzt werd’ ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist ein Wohnhaus.“

„Das? – Das is ja ’n Schloß!“

„Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin Platz haben.“

„Dunnerwetter!“

„Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die Scheuer.“

Er atmete schwer.

„Wie groß ist denn die Wirtschaft?“

„Hundert Morgen.“

Da verdüsterte sich seine Stirn.

„Warum halten Sie mich denn zum Affen? So ’ne große Sache kann ich doch nich pachten; da gehört doch Geld dazu.“

„Gar kein Geld! Nur, daß Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten. Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen die Kurgäste.“

„Nu ja, die werd’n ja überall behumpst.“

Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen.

Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen kletterte:

„Nee, Emil“, sagte sie, „da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol’n.“

„Mutter“, meinte Emil, „wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. Aber ’s sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und lauter Schlösser.“

Susanne lachte gutmütig.

„A hat een’ sitzen“, meinte sie. „Na, kumm ock rein!“

„Frau Barthel“, rief ich ihr zu, „Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.“

Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.

Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil Barthel.

„Nee, komm’n Se wirklich?“ fragte er; „ich hatte gedacht, ’s wär alles bloß Ulk.“

Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, daß sie aus dem Dorf[pg 151]kramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug heranmachte.

„Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.“

„Also ist es tatsächlich wahr?“ sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:

„Sehn Sie, meine Herr’n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben – man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muß ich Ihn’n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute werd’n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll’n – woll’n se sich amüsieren. Da woll’n se doch nich Kühe melken und ackern. Meine Herr’n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den Fall, se kämen doch – da wär’s noch viel schlechter. Denn warum? Die Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, daß die mir auf dem Hofe was helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege ’rum. Die quatschten und quasselten doch bloß.“

„Die fielen einem ja in die Puttermilch!“ lachte Frau Susanne.

„Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh’n machen woll’n“, ergänzte der Mann.

„Donner!“ schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch, daß aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, „nun ist’s aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...“

„Das allerbeste is, Se gehn wieder!“ sagte Barthel seelenruhig. Und nun wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die Kleinere sagte, daß sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, daß gerade Besuch da sei, und wolle nicht stören.

Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“

Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen[pg 153]braunen Augen, und ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.

Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:

„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium Ferien vom Ich?“

„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“

Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.

„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“

„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich.

„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika wäre.“

„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus Amerika.“

Stefenson verneigte sich phlegmatisch.

„Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, daß wir uns etwas zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.“

Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte sich aber selbst vor.

„Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.“

Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach wieder in fröhliches Lachen aus.

„Es scheint, daß wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.“

„Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt aufeinanderplatzen?“

Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel sagte:

„Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder mal recht gehabt.“

„Und nun, Herrschaften“, rief Fräulein Bunkert, „es mag so indiskret sein, wie es wolle, ich muß wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.“

Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei „sein Typ“. Groß, schlank, blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich ’raus.

Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund gewaltig in die Breite.) Daß er, Stefenson, in einer so öden Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Faschingad infinitum.

Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ Stefenson über sich ergehen, zuckte[pg 156]kaum manchmal die Schultern, und er lächelte ... der Verräter.

„Meine Gnädige“, warf ich dazwischen, „Sie dürften über unser Ferienheim denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.“

„Ja, gerade, daß Sie es ernst meinen, ist ja das Gute“, erwiderte sie. „Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.“

„Das ist eine sehr kluge Sentenz“, stimmte der verräterische Stefenson bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.

Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der schlichten Bauernstube.

„Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?“ fragte ich.

„Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.“

„Glauben Sie, daß es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?“

„Ich werde ihnen gut zureden, daß sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiß beide Teile nicht reuen.“

„Ich danke Ihnen!“

„Also, hören Sie, Herr Mister Barthel“, lachte unterdes Eva Bunkert; „wenn Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins Haus.“

Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.

„Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...“

„Gar nischt sagt sie“, fuhr Frau Barthel dazwischen, „aber er – er hat die Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt ’rausschmeißen wollen.“

Emil Barthel schwur, daß das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es gab einen ehelichen Streit.

Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.

„Jees, jees“, jammerte es, „die Emma hat su viel Hitze und klagt immer mehr über a Hals.“

Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, daß das Kind über Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann, Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.

„Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde“, bat mich Anneliese, „es sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt haben wir hier nicht.“

So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das Kind in hohem Fieber lag.

Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte. Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.

Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon wieder.

Eva hatte mit Stefenson verabredet, daß sie mit Anneliese gleich nach der Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß bis ersten April, und daß sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen.

„Und Ihr Vater?“ fragte ich.

„Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, daß er meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau Emilie Knautschke sein.“

Ich beschloß, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft zwischen Stefenson und mir einen[pg 159]so lauten Lachton mischte und unsere große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen.

Wie ich das tun sollte, wußte ich nicht.

Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen zirpte herein:

„Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muß immerfort allein in dem dummen Gasthaus sitzen.“

Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten.

Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür.

„Kindchen, auf dich hatt’ ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In diesem Haus ist Diphtherie.“

Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas ernster.

„Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?“

Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.

Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach Hause zu gehen.

Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an und schmollte mit ihrem „lieben Pappa“, der sie im Stiche gelassen hatte.

Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr und sagte vor den Ohren des Kindes: „Ich bin nicht ihr Vater!“

Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.

Als wir allein waren, sagte Stefenson:

„Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepaßt, und nun ist nichts zum Abschluß gekommen.“

Ich erwiderte:

„Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie würde unserer Sache schaden.“

„Schaden?“ fuhr er auf. „Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben Sie, daß ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.“

Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder. Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.

[pg 161]Der JournalistNun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und zwar nicht nur wegen des Kindes.„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte, Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“Ich lächelte.[pg 162]„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte? Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich überlassen.“„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück sein.Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald zurückkommen ...Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus bewirtschaftet.[pg 163]Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo – Geld da ist.Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof, Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über den sieben Bergen“, ein „Old Nigger home“ (nach Stefensons Wunsch), eine Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine Räuberhöhle.Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen, daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer legten.Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im[pg 164]Bach oder die zum erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich „Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifendeXanthippenmit den holden Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem Seufzer:„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist so etwas viel zu teuer.“„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom Ich haben – Weltstadtleben,[pg 165]Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das haben, was einem fehlt.“„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune.Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus, nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause, und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht abweisen, und als er mich erblickte, rief er:„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den Diener beiseite und kam auf mich zu.„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“„Sie sehen, ich habe Besuch!“„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen dieses Schreiben zu überreichen.“Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und stellenweise vorlas:[pg 166]„Neuyork, den 25. März.Mein Lieber!Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.Stefenson.“Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir be[pg 167]kannt vor, auch in seiner heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären, daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.Brown schüttelte den Kopf.„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit unverhohlenem Interesse.„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in Neuyork und den Staaten kennen muß.“„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“„Ja, er gehört dazu.“[pg 168]Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. DasNigger-Homegefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown.Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:„Way down upon Swaney ribberFar far away ...There’s, where my heart is turning ebber,There’s, where the old folks stay ...“Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden regungslos, und die[pg 169]großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der matten Lampen ...Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“Ich war ihr dankbar und sagte:„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden sind.“„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel Kindliches.“„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren[pg 170]Tier- und Kinderbilder an, es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug; der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown gerührt.„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern können.“Da wurde auch die kleine Braune munter.„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist! Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“„Du Plappermaul!“ zürnte Eva,reckteaber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne es nicht: der Mann gefällt mir.[pg 171]Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich.„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich will einen Mann heiraten!“„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown ein.„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz gleichgültig.“„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen.Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar, in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle überlief, was oft genug geschah.Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so entlarve ich dich; bilde dir nicht[pg 172]ein, mit einem bißchen Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er mein Freund ist – ungeheuer eitel!“„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“Da lachte Mister Brown.„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine Verneigung macht, ehe er sich einseift.“„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief Eva verärgert.„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres Geschäftsfreundes.“„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das Dümmste, auf Stefenson zu[pg 173]schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht scheren.Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht Luise?“Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“[pg 174]„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam sie auf mich zugestürmt.„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen gerade Haschen.“Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der Mutter sein.“„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des Vaters.“„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“ plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich dachte. Mister Brown legte ohne jede[pg 175]wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“„Wieso? Ich bin nie krank!“„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine einzige Stunde krank.“„Hm!“Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und halb[pg 176]geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er stehen, sah mich an und sagte:„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich zuzumuten, he?“„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“ sagte Brown vergnügt.Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner Bank. Stefenson.“Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee[pg 177]und nicht in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich gespielt ...Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte, kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte:„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister Brown.“„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren werde, was ich nicht gesehen habe.“Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.[pg 178]„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson erinnert.“„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“Ich zuckte die Achseln.„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder ins Grübeln.„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, ängstlich, unsicher werden?“„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt. „Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er heute früh dort an mich aufgab.“„Gott sei Dank!“„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt,[pg 179]wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit, sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt. Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare Wahrheit werden lassen.“„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin. Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.Die Mädchen blieben im Forellenhofe.Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über der Frage: War er’s? War er’s nicht?Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war[pg 180]von Stefenson und kam aus Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz feststellen können.Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“

Nun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.

Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und zwar nicht nur wegen des Kindes.

„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte, Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“

Ich lächelte.

„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte? Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“

„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich überlassen.“

„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück sein.

Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald zurückkommen ...

Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus bewirtschaftet.

Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo – Geld da ist.

Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof, Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über den sieben Bergen“, ein „Old Nigger home“ (nach Stefensons Wunsch), eine Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine Räuberhöhle.

Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen, daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer legten.

Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.

Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im[pg 164]Bach oder die zum erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.

Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.

Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich „Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifendeXanthippenmit den holden Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.

Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem Seufzer:

„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“

„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist so etwas viel zu teuer.“

„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom Ich haben – Weltstadtleben,[pg 165]Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das haben, was einem fehlt.“

„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune.

Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus, nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause, und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht abweisen, und als er mich erblickte, rief er:

„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den Diener beiseite und kam auf mich zu.

„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“

„Sie sehen, ich habe Besuch!“

„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen dieses Schreiben zu überreichen.“

Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und stellenweise vorlas:

„Neuyork, den 25. März.Mein Lieber!Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.Stefenson.“

„Neuyork, den 25. März.Mein Lieber!Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.Stefenson.“

„Neuyork, den 25. März.

Mein Lieber!

Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.

Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.

Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.

Stefenson.“

Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir be[pg 167]kannt vor, auch in seiner heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.

Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären, daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.

Brown schüttelte den Kopf.

„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“

„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit unverhohlenem Interesse.

„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in Neuyork und den Staaten kennen muß.“

„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“

„Ja, er gehört dazu.“

Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. DasNigger-Homegefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.

„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown.

Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:

„Way down upon Swaney ribberFar far away ...There’s, where my heart is turning ebber,There’s, where the old folks stay ...“

„Way down upon Swaney ribber

Far far away ...

There’s, where my heart is turning ebber,

There’s, where the old folks stay ...“

Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden regungslos, und die[pg 169]großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der matten Lampen ...

Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.

„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“

Ich war ihr dankbar und sagte:

„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden sind.“

„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel Kindliches.“

„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren[pg 170]Tier- und Kinderbilder an, es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“

„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.

„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug; der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“

Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:

„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“

„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown gerührt.

„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern können.“

Da wurde auch die kleine Braune munter.

„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist! Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“

„Du Plappermaul!“ zürnte Eva,reckteaber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne es nicht: der Mann gefällt mir.[pg 171]Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“

„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich.

„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich will einen Mann heiraten!“

„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown ein.

„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“

„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz gleichgültig.“

„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen.

Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar, in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle überlief, was oft genug geschah.

Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so entlarve ich dich; bilde dir nicht[pg 172]ein, mit einem bißchen Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.

Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.

„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er mein Freund ist – ungeheuer eitel!“

„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“

Da lachte Mister Brown.

„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine Verneigung macht, ehe er sich einseift.“

„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief Eva verärgert.

„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres Geschäftsfreundes.“

„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“

Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das Dümmste, auf Stefenson zu[pg 173]schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht scheren.

Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.

„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht Luise?“

Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.

„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“

„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.

„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“

„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“

„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam sie auf mich zugestürmt.

„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen gerade Haschen.“

Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.

„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der Mutter sein.“

„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des Vaters.“

„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.

Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“ plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich dachte. Mister Brown legte ohne jede[pg 175]wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:

„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“

„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.

„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“

„Wieso? Ich bin nie krank!“

„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“

„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine einzige Stunde krank.“

„Hm!“

Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.

„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“

„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und halb[pg 176]geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“

Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er stehen, sah mich an und sagte:

„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich zuzumuten, he?“

„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“

„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“ sagte Brown vergnügt.

Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.

Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:

„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner Bank. Stefenson.“

Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee[pg 177]und nicht in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich gespielt ...

Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte, kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte:

„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“

„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:

„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“

„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister Brown.“

„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren werde, was ich nicht gesehen habe.“

Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.

„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson erinnert.“

„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“

„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“

Ich zuckte die Achseln.

„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“

„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder ins Grübeln.

„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, ängstlich, unsicher werden?“

„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“

„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt. „Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“

„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er heute früh dort an mich aufgab.“

„Gott sei Dank!“

„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt,[pg 179]wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit, sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt. Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“

„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“

„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare Wahrheit werden lassen.“

„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.

Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin. Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.

Die Mädchen blieben im Forellenhofe.

Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über der Frage: War er’s? War er’s nicht?

Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war[pg 180]von Stefenson und kam aus Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.

Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz feststellen können.

Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:

„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“


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