Luise

[pg 58]LuiseEs ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein „kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“.Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt in ihrer Frauen[pg 59]seele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet, zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem „Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und christliche Leute zu handeln.Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das weiß ich nicht!“Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich bin mehr nach dem Vater ge[pg 60]schlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich an mich genommen und ihn soeben gelesen.Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern,[pg 61]nicht so kinderliebe Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.„Lies den Brief!“ sagte ich.Sie schüttelte zornig den Kopf.„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.Sie starrte mich an und wurde blaß.Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten Scheitel.„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber ändere es – es ist entsetzlich!“Schmerz und Grauen schüttelten sie.Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Berlin.“*[pg 62]Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen Stimmung.Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist – fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will,[pg 63]während ihm der Regen und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen will und der selber dem Tode geweiht ist!*Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine „Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer[pg 64]Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie heißt du denn?“Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am Arm.„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“Das Mädchen brach in Tränen aus.„Sperren Sie mich nicht ein!“„Warum soll ich dich denn einsperren?“„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“Das Kind weinte noch lauter.„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen verdient, feste zu nehmen ...“„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die[pg 65]alsbald um ihn und mich einen mehrfachen Belagerungsring schloß.„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n Lump.“Der Schutzmann stand wie ein Fels.„Wer sind Sie?“Ich zog eine Legitimationskarte heraus.„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen.„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel braucht er, det Schwein ...“„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten, die die Sache nichts angeht.“Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine kurze Aufklärung. Als er[pg 66]den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, sagte der Schutzmann:„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß Sie det Wurm da abkriejen.“Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei irgendeiner neuen Sekte war.Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie,[pg 67]Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...“Da sprach ich endlich.„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.“„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“Er brach in ein meckeriges Lachen aus.„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich außer mir.„Sie wollen mich – was wollen Sie?“Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf seinen Zügen breit.„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für[pg 68]Sie nicht zu sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde die kleine Luise drin zu schreien anfangen.Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.[pg 69]SamariterdiensteSo lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission ging, anderen zu helfen.Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen, dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete. Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein silbernes Mütterchen, sie war eine[pg 70]reine, aber selbstgerechte Frau, die nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine, die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war, einen Anwalt zu befragen.*In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte mich jemand auf die Schulter.„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen.„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er.[pg 71]„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“„Was gefällt Ihnen nicht?“„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge. Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim soll ihr etwas liegen.“„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen, er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich[pg 72]Kind? Der Familiensimpel bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert. Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich an unsere Aufgabe gehen kann.“„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung haben.“„So rasch geht das nicht.“„Wie lange kann es denn dauern?“„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“Herr Stefenson lächelte sanftmütig.„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte, daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß jetzt nicht[pg 73]mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich.„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für mich?“Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er:„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“„Ja, ich fand ihn nicht eher.“[pg 74]„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ mich. –Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.Die nächste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur Entschuldigung seines späten Kommens:„Manche Geschäfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab.“[pg 75]Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:„DieLuise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drängte um die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles schriftlich, was ich wünschte. Mit Anwälten ist das nichts. Das ist teuer und umständlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus. Das hat länger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schöne Eselsszene habe ich im Theater verpaßt. Die Pflegeschwester ist nun mit der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach einem Erziehungsinstitut in Thüringen. Es ist mir empfohlen worden. Da wird ja wohl die Luise körperlich und seelisch zurechtgestutzt werden.“Ich schlug wieder einmal die Hände zusammen.„Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?“„Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen – so als eine Art – als eine Art Einweihungsengel.“Mich würgte es in der Kehle.„Sie wollen das Heim doch mit mir gründen?“„Ja“, sagte er ganz ruhig, „ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte gefallen. Natürlich nicht das Senti[pg 76]mentale, aber daß sie fünf Jahre lang die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer ist zu gebrauchen.“*Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein wüster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, daß er mich für keinen Philosophen halte, auch nicht für das, was man einen lebensklugen Menschen nenne, und was ich als Arzt tauge, könne er nicht beurteilen. Er halte mich für einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger ärztliches Problem als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll übergeben. Was ausführbar sei, werde ausgeführt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Höhe ziehen und auch als Wölklein am Himmel noch schön sein.[pg 77]In den Tagen des WerdensBeschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es geht alles so verblüffend schnell bei ihm, daß er, wenn ein anderer noch bei den ersten Erwägungen und Bedenken stände, schon am Ende ist. Freilich kommt dazu, daß er Glück hat. Das Gelände am Ostabhang des Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehört einem Manne, der, wie Hans im Glück, ständig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen große, sehr ertragreiche Steinbrüche umgetauscht, die Steinbrüche gegen eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen, und Herr Stefenson mit seinem großen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar groß ist, von Stefenson gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem früheren Schiffsarzt die Gänsehaut ankommt.„Nun ist das Gelände da, nun muß die Gemeinde errichtet werden“, sagte Stefenson sehr einfach. „In einem Jahre müssen sämtliche Häuser stehen.“[pg 78]„In einem Jahre?“„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“„Es ist dann aber auch danach.“„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen. „Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei Tage Zeit dazu.“„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns gewiß[pg 79]nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, Plätzen und Straßen großstädtischer Art.Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein, ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden.Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück vergangener Tage neu erstehen lassen.Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen, unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann ist es für unsere Zwecke auszugestalten.[pg 80]Eine Bauernschenke denke ich mir, ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung, und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes Mädchen im Poetenwinkel kredenzt.Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot bleibt.Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt, ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der ärztliche Befund solche Genüsse verbietet,[pg 81]können sich unten am Fluß in der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken allen Widerständen begegnen.Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für[pg 82]nächste Woche fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung, sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit Kindern von vier Jahren aufwärts,ad libitumKünstler und Artisten, Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner, Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten (Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates Friedensgericht.Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung, sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste gedeckt werden. Daß die Arbeit[pg 83]immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft. So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt werden.Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und Sonnenbäder und die Planschwiesen.Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es wird[pg 84]nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll es tun.Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische, befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die Tauben füttern, den Hühner[pg 85]stall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln, wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen.*An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle, die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten, zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch Mineralwasser und Bäderzerstreuung.Die Hirten, Fischer und Jäger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er überreizt war, der soll oben an der Ginsterheide die Kühe hüten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam sein müssen, daß die Bullen sich nicht bekämpfen und daß glücksduselige Muttertiere mit ihren mutwilligen Kälbern nicht den nahen Klee zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig ausgestatteten Hirtenhäuslein sitzen, die wiederkäuenden Tiere werden um ihn sein, und die Sterne werden über ihm wandern und ewige Worte zu ihm reden; es wird[pg 86]aus Verlassenheit und Gram ganz mählich Ruhe und Frieden werden, und in den Menschenhaß wird sich die Sehnsucht einschleichen: „Nächsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge und sehe lustigen Menschen zu!“Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Ärzten suchen müssen. Nicht ihr ärztliches Wissen ist für mich in der Hauptsache maßgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind, danach werde ich fragen. Die Jäger – ach, die Jäger, wird es wohl heißen, sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die Stubenhocker werde ich auf die Pürsche schicken und nur die Zappeligen und Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiß, einen zu erlegen. Wie sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fünf Stunden lang. Immer vergebens. Und die Mücken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie werden nicht schimpfen dürfen, wie sie es sonst tun.So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andächtigsten der Lebensfreude.Bauernhäuser, Fischerhütten, Jäger- und Hirtenhäuslein, das werden in der Hauptsache die Wohnstätten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmögenden Kommission einreichen, aber eben darum hoffe ich, daß es[pg 87]gut ist. Im übrigen bekenne ich frei, daß ich mich auf Architektenkunststücke nicht verstehe.Ich habe trotzdem auf einer großen Karte unser ganzes Gelände aufgezeichnet und überall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhäuslein, die Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her führen Stege und Landstraßen, alle krumm und winkelig, aber angemessen dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlägen, Hecken, Bächlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natürlich ab, nur an der einen Stelle, wo das Gelände nach der Stadt eben übergeht, wollen wir eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser „Zeughaus“ stehen. Dort wird der Ankömmling, der sich entschlossen hat, unsere Ferien zu üben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr, Geld, alles, was er bei sich trägt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.Das ist mein Plan. Ich weiß nicht, ob er so ausgeführt werden kann, ich weiß nur, daß er so ausgeführt werden sollte.

[pg 58]LuiseEs ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein „kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“.Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt in ihrer Frauen[pg 59]seele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet, zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem „Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und christliche Leute zu handeln.Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das weiß ich nicht!“Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich bin mehr nach dem Vater ge[pg 60]schlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich an mich genommen und ihn soeben gelesen.Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern,[pg 61]nicht so kinderliebe Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.„Lies den Brief!“ sagte ich.Sie schüttelte zornig den Kopf.„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.Sie starrte mich an und wurde blaß.Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten Scheitel.„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber ändere es – es ist entsetzlich!“Schmerz und Grauen schüttelten sie.Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Berlin.“*[pg 62]Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen Stimmung.Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist – fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will,[pg 63]während ihm der Regen und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen will und der selber dem Tode geweiht ist!*Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine „Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer[pg 64]Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie heißt du denn?“Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am Arm.„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“Das Mädchen brach in Tränen aus.„Sperren Sie mich nicht ein!“„Warum soll ich dich denn einsperren?“„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“Das Kind weinte noch lauter.„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen verdient, feste zu nehmen ...“„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die[pg 65]alsbald um ihn und mich einen mehrfachen Belagerungsring schloß.„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n Lump.“Der Schutzmann stand wie ein Fels.„Wer sind Sie?“Ich zog eine Legitimationskarte heraus.„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen.„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel braucht er, det Schwein ...“„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten, die die Sache nichts angeht.“Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine kurze Aufklärung. Als er[pg 66]den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, sagte der Schutzmann:„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß Sie det Wurm da abkriejen.“Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei irgendeiner neuen Sekte war.Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie,[pg 67]Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...“Da sprach ich endlich.„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.“„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“Er brach in ein meckeriges Lachen aus.„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich außer mir.„Sie wollen mich – was wollen Sie?“Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf seinen Zügen breit.„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für[pg 68]Sie nicht zu sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde die kleine Luise drin zu schreien anfangen.Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.[pg 69]SamariterdiensteSo lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission ging, anderen zu helfen.Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen, dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete. Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein silbernes Mütterchen, sie war eine[pg 70]reine, aber selbstgerechte Frau, die nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine, die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war, einen Anwalt zu befragen.*In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte mich jemand auf die Schulter.„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen.„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er.[pg 71]„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“„Was gefällt Ihnen nicht?“„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge. Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim soll ihr etwas liegen.“„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen, er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich[pg 72]Kind? Der Familiensimpel bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert. Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich an unsere Aufgabe gehen kann.“„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung haben.“„So rasch geht das nicht.“„Wie lange kann es denn dauern?“„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“Herr Stefenson lächelte sanftmütig.„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte, daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß jetzt nicht[pg 73]mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich.„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für mich?“Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er:„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“„Ja, ich fand ihn nicht eher.“[pg 74]„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ mich. –Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.Die nächste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur Entschuldigung seines späten Kommens:„Manche Geschäfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab.“[pg 75]Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:„DieLuise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drängte um die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles schriftlich, was ich wünschte. Mit Anwälten ist das nichts. Das ist teuer und umständlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus. Das hat länger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schöne Eselsszene habe ich im Theater verpaßt. Die Pflegeschwester ist nun mit der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach einem Erziehungsinstitut in Thüringen. Es ist mir empfohlen worden. Da wird ja wohl die Luise körperlich und seelisch zurechtgestutzt werden.“Ich schlug wieder einmal die Hände zusammen.„Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?“„Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen – so als eine Art – als eine Art Einweihungsengel.“Mich würgte es in der Kehle.„Sie wollen das Heim doch mit mir gründen?“„Ja“, sagte er ganz ruhig, „ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte gefallen. Natürlich nicht das Senti[pg 76]mentale, aber daß sie fünf Jahre lang die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer ist zu gebrauchen.“*Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein wüster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, daß er mich für keinen Philosophen halte, auch nicht für das, was man einen lebensklugen Menschen nenne, und was ich als Arzt tauge, könne er nicht beurteilen. Er halte mich für einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger ärztliches Problem als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll übergeben. Was ausführbar sei, werde ausgeführt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Höhe ziehen und auch als Wölklein am Himmel noch schön sein.[pg 77]In den Tagen des WerdensBeschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es geht alles so verblüffend schnell bei ihm, daß er, wenn ein anderer noch bei den ersten Erwägungen und Bedenken stände, schon am Ende ist. Freilich kommt dazu, daß er Glück hat. Das Gelände am Ostabhang des Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehört einem Manne, der, wie Hans im Glück, ständig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen große, sehr ertragreiche Steinbrüche umgetauscht, die Steinbrüche gegen eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen, und Herr Stefenson mit seinem großen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar groß ist, von Stefenson gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem früheren Schiffsarzt die Gänsehaut ankommt.„Nun ist das Gelände da, nun muß die Gemeinde errichtet werden“, sagte Stefenson sehr einfach. „In einem Jahre müssen sämtliche Häuser stehen.“[pg 78]„In einem Jahre?“„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“„Es ist dann aber auch danach.“„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen. „Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei Tage Zeit dazu.“„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns gewiß[pg 79]nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, Plätzen und Straßen großstädtischer Art.Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein, ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden.Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück vergangener Tage neu erstehen lassen.Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen, unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann ist es für unsere Zwecke auszugestalten.[pg 80]Eine Bauernschenke denke ich mir, ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung, und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes Mädchen im Poetenwinkel kredenzt.Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot bleibt.Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt, ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der ärztliche Befund solche Genüsse verbietet,[pg 81]können sich unten am Fluß in der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken allen Widerständen begegnen.Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für[pg 82]nächste Woche fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung, sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit Kindern von vier Jahren aufwärts,ad libitumKünstler und Artisten, Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner, Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten (Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates Friedensgericht.Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung, sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste gedeckt werden. Daß die Arbeit[pg 83]immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft. So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt werden.Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und Sonnenbäder und die Planschwiesen.Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es wird[pg 84]nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll es tun.Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische, befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die Tauben füttern, den Hühner[pg 85]stall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln, wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen.*An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle, die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten, zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch Mineralwasser und Bäderzerstreuung.Die Hirten, Fischer und Jäger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er überreizt war, der soll oben an der Ginsterheide die Kühe hüten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam sein müssen, daß die Bullen sich nicht bekämpfen und daß glücksduselige Muttertiere mit ihren mutwilligen Kälbern nicht den nahen Klee zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig ausgestatteten Hirtenhäuslein sitzen, die wiederkäuenden Tiere werden um ihn sein, und die Sterne werden über ihm wandern und ewige Worte zu ihm reden; es wird[pg 86]aus Verlassenheit und Gram ganz mählich Ruhe und Frieden werden, und in den Menschenhaß wird sich die Sehnsucht einschleichen: „Nächsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge und sehe lustigen Menschen zu!“Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Ärzten suchen müssen. Nicht ihr ärztliches Wissen ist für mich in der Hauptsache maßgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind, danach werde ich fragen. Die Jäger – ach, die Jäger, wird es wohl heißen, sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die Stubenhocker werde ich auf die Pürsche schicken und nur die Zappeligen und Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiß, einen zu erlegen. Wie sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fünf Stunden lang. Immer vergebens. Und die Mücken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie werden nicht schimpfen dürfen, wie sie es sonst tun.So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andächtigsten der Lebensfreude.Bauernhäuser, Fischerhütten, Jäger- und Hirtenhäuslein, das werden in der Hauptsache die Wohnstätten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmögenden Kommission einreichen, aber eben darum hoffe ich, daß es[pg 87]gut ist. Im übrigen bekenne ich frei, daß ich mich auf Architektenkunststücke nicht verstehe.Ich habe trotzdem auf einer großen Karte unser ganzes Gelände aufgezeichnet und überall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhäuslein, die Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her führen Stege und Landstraßen, alle krumm und winkelig, aber angemessen dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlägen, Hecken, Bächlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natürlich ab, nur an der einen Stelle, wo das Gelände nach der Stadt eben übergeht, wollen wir eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser „Zeughaus“ stehen. Dort wird der Ankömmling, der sich entschlossen hat, unsere Ferien zu üben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr, Geld, alles, was er bei sich trägt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.Das ist mein Plan. Ich weiß nicht, ob er so ausgeführt werden kann, ich weiß nur, daß er so ausgeführt werden sollte.

[pg 58]LuiseEs ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein „kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“.Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt in ihrer Frauen[pg 59]seele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet, zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem „Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und christliche Leute zu handeln.Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das weiß ich nicht!“Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich bin mehr nach dem Vater ge[pg 60]schlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich an mich genommen und ihn soeben gelesen.Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern,[pg 61]nicht so kinderliebe Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.„Lies den Brief!“ sagte ich.Sie schüttelte zornig den Kopf.„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.Sie starrte mich an und wurde blaß.Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten Scheitel.„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber ändere es – es ist entsetzlich!“Schmerz und Grauen schüttelten sie.Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Berlin.“*[pg 62]Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen Stimmung.Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist – fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will,[pg 63]während ihm der Regen und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen will und der selber dem Tode geweiht ist!*Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine „Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer[pg 64]Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie heißt du denn?“Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am Arm.„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“Das Mädchen brach in Tränen aus.„Sperren Sie mich nicht ein!“„Warum soll ich dich denn einsperren?“„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“Das Kind weinte noch lauter.„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen verdient, feste zu nehmen ...“„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die[pg 65]alsbald um ihn und mich einen mehrfachen Belagerungsring schloß.„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n Lump.“Der Schutzmann stand wie ein Fels.„Wer sind Sie?“Ich zog eine Legitimationskarte heraus.„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen.„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel braucht er, det Schwein ...“„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten, die die Sache nichts angeht.“Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine kurze Aufklärung. Als er[pg 66]den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, sagte der Schutzmann:„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß Sie det Wurm da abkriejen.“Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei irgendeiner neuen Sekte war.Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie,[pg 67]Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...“Da sprach ich endlich.„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.“„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“Er brach in ein meckeriges Lachen aus.„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich außer mir.„Sie wollen mich – was wollen Sie?“Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf seinen Zügen breit.„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für[pg 68]Sie nicht zu sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde die kleine Luise drin zu schreien anfangen.Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.

Es ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein „kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“.

Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt in ihrer Frauen[pg 59]seele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet, zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem „Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und christliche Leute zu handeln.

Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das weiß ich nicht!“

Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich bin mehr nach dem Vater ge[pg 60]schlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.

Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich an mich genommen und ihn soeben gelesen.

Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern,[pg 61]nicht so kinderliebe Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.

Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.

„Lies den Brief!“ sagte ich.

Sie schüttelte zornig den Kopf.

„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.

Sie starrte mich an und wurde blaß.

Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.

Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.

Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.

„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten Scheitel.

„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber ändere es – es ist entsetzlich!“

Schmerz und Grauen schüttelten sie.

Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Berlin.“

*

Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen Stimmung.

Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?

Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist – fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will,[pg 63]während ihm der Regen und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen will und der selber dem Tode geweiht ist!

*

Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine „Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.

Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer[pg 64]Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie heißt du denn?“

Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“

„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“

Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am Arm.

„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“

Das Mädchen brach in Tränen aus.

„Sperren Sie mich nicht ein!“

„Warum soll ich dich denn einsperren?“

„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“

Das Kind weinte noch lauter.

„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“

Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:

„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen verdient, feste zu nehmen ...“

„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“

Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die[pg 65]alsbald um ihn und mich einen mehrfachen Belagerungsring schloß.

„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.

„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n Lump.“

Der Schutzmann stand wie ein Fels.

„Wer sind Sie?“

Ich zog eine Legitimationskarte heraus.

„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen.

„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel braucht er, det Schwein ...“

„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“

„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten, die die Sache nichts angeht.“

Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.

„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.

„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.

Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine kurze Aufklärung. Als er[pg 66]den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, sagte der Schutzmann:

„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß Sie det Wurm da abkriejen.“

Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei irgendeiner neuen Sekte war.

Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:

„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie,[pg 67]Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“

Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.

„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...“

Da sprach ich endlich.

„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.“

„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“

Er brach in ein meckeriges Lachen aus.

„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich außer mir.

„Sie wollen mich – was wollen Sie?“

Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf seinen Zügen breit.

„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für[pg 68]Sie nicht zu sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“

Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde die kleine Luise drin zu schreien anfangen.

Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.

Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.

[pg 69]SamariterdiensteSo lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission ging, anderen zu helfen.Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen, dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete. Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein silbernes Mütterchen, sie war eine[pg 70]reine, aber selbstgerechte Frau, die nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine, die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war, einen Anwalt zu befragen.*In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte mich jemand auf die Schulter.„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen.„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er.[pg 71]„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“„Was gefällt Ihnen nicht?“„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge. Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim soll ihr etwas liegen.“„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen, er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich[pg 72]Kind? Der Familiensimpel bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert. Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich an unsere Aufgabe gehen kann.“„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung haben.“„So rasch geht das nicht.“„Wie lange kann es denn dauern?“„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“Herr Stefenson lächelte sanftmütig.„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte, daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß jetzt nicht[pg 73]mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich.„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für mich?“Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er:„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“„Ja, ich fand ihn nicht eher.“[pg 74]„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ mich. –Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.Die nächste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur Entschuldigung seines späten Kommens:„Manche Geschäfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab.“[pg 75]Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:„DieLuise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drängte um die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles schriftlich, was ich wünschte. Mit Anwälten ist das nichts. Das ist teuer und umständlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus. Das hat länger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schöne Eselsszene habe ich im Theater verpaßt. Die Pflegeschwester ist nun mit der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach einem Erziehungsinstitut in Thüringen. Es ist mir empfohlen worden. Da wird ja wohl die Luise körperlich und seelisch zurechtgestutzt werden.“Ich schlug wieder einmal die Hände zusammen.„Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?“„Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen – so als eine Art – als eine Art Einweihungsengel.“Mich würgte es in der Kehle.„Sie wollen das Heim doch mit mir gründen?“„Ja“, sagte er ganz ruhig, „ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte gefallen. Natürlich nicht das Senti[pg 76]mentale, aber daß sie fünf Jahre lang die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer ist zu gebrauchen.“*Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein wüster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, daß er mich für keinen Philosophen halte, auch nicht für das, was man einen lebensklugen Menschen nenne, und was ich als Arzt tauge, könne er nicht beurteilen. Er halte mich für einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger ärztliches Problem als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll übergeben. Was ausführbar sei, werde ausgeführt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Höhe ziehen und auch als Wölklein am Himmel noch schön sein.

So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission ging, anderen zu helfen.

Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen, dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.

Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete. Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein silbernes Mütterchen, sie war eine[pg 70]reine, aber selbstgerechte Frau, die nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine, die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war, einen Anwalt zu befragen.

*

In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte mich jemand auf die Schulter.

„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“

Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen.

„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er.

„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“

„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“

„Was gefällt Ihnen nicht?“

„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“

„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“

„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge. Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim soll ihr etwas liegen.“

„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“

„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen, er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich[pg 72]Kind? Der Familiensimpel bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“

Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert. Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich an unsere Aufgabe gehen kann.“

„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung haben.“

„So rasch geht das nicht.“

„Wie lange kann es denn dauern?“

„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“

Herr Stefenson lächelte sanftmütig.

„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“

Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte, daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß jetzt nicht[pg 73]mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich.

„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für mich?“

Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er:

„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“

„Ja, ich fand ihn nicht eher.“

„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“

Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ mich. –

Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.

Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.

Die nächste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur Entschuldigung seines späten Kommens:

„Manche Geschäfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab.“

Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:

„DieLuise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drängte um die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles schriftlich, was ich wünschte. Mit Anwälten ist das nichts. Das ist teuer und umständlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus. Das hat länger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schöne Eselsszene habe ich im Theater verpaßt. Die Pflegeschwester ist nun mit der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach einem Erziehungsinstitut in Thüringen. Es ist mir empfohlen worden. Da wird ja wohl die Luise körperlich und seelisch zurechtgestutzt werden.“

Ich schlug wieder einmal die Hände zusammen.

„Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?“

„Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen – so als eine Art – als eine Art Einweihungsengel.“

Mich würgte es in der Kehle.

„Sie wollen das Heim doch mit mir gründen?“

„Ja“, sagte er ganz ruhig, „ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte gefallen. Natürlich nicht das Senti[pg 76]mentale, aber daß sie fünf Jahre lang die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer ist zu gebrauchen.“

*

Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein wüster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.

Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, daß er mich für keinen Philosophen halte, auch nicht für das, was man einen lebensklugen Menschen nenne, und was ich als Arzt tauge, könne er nicht beurteilen. Er halte mich für einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger ärztliches Problem als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll übergeben. Was ausführbar sei, werde ausgeführt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Höhe ziehen und auch als Wölklein am Himmel noch schön sein.

[pg 77]In den Tagen des WerdensBeschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es geht alles so verblüffend schnell bei ihm, daß er, wenn ein anderer noch bei den ersten Erwägungen und Bedenken stände, schon am Ende ist. Freilich kommt dazu, daß er Glück hat. Das Gelände am Ostabhang des Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehört einem Manne, der, wie Hans im Glück, ständig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen große, sehr ertragreiche Steinbrüche umgetauscht, die Steinbrüche gegen eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen, und Herr Stefenson mit seinem großen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar groß ist, von Stefenson gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem früheren Schiffsarzt die Gänsehaut ankommt.„Nun ist das Gelände da, nun muß die Gemeinde errichtet werden“, sagte Stefenson sehr einfach. „In einem Jahre müssen sämtliche Häuser stehen.“[pg 78]„In einem Jahre?“„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“„Es ist dann aber auch danach.“„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen. „Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei Tage Zeit dazu.“„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns gewiß[pg 79]nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, Plätzen und Straßen großstädtischer Art.Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein, ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden.Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück vergangener Tage neu erstehen lassen.Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen, unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann ist es für unsere Zwecke auszugestalten.[pg 80]Eine Bauernschenke denke ich mir, ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung, und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes Mädchen im Poetenwinkel kredenzt.Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot bleibt.Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt, ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der ärztliche Befund solche Genüsse verbietet,[pg 81]können sich unten am Fluß in der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken allen Widerständen begegnen.Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für[pg 82]nächste Woche fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung, sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit Kindern von vier Jahren aufwärts,ad libitumKünstler und Artisten, Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner, Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten (Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates Friedensgericht.Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung, sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste gedeckt werden. Daß die Arbeit[pg 83]immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft. So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt werden.Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und Sonnenbäder und die Planschwiesen.Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es wird[pg 84]nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll es tun.Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische, befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die Tauben füttern, den Hühner[pg 85]stall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln, wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen.*An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle, die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten, zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch Mineralwasser und Bäderzerstreuung.Die Hirten, Fischer und Jäger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er überreizt war, der soll oben an der Ginsterheide die Kühe hüten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam sein müssen, daß die Bullen sich nicht bekämpfen und daß glücksduselige Muttertiere mit ihren mutwilligen Kälbern nicht den nahen Klee zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig ausgestatteten Hirtenhäuslein sitzen, die wiederkäuenden Tiere werden um ihn sein, und die Sterne werden über ihm wandern und ewige Worte zu ihm reden; es wird[pg 86]aus Verlassenheit und Gram ganz mählich Ruhe und Frieden werden, und in den Menschenhaß wird sich die Sehnsucht einschleichen: „Nächsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge und sehe lustigen Menschen zu!“Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Ärzten suchen müssen. Nicht ihr ärztliches Wissen ist für mich in der Hauptsache maßgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind, danach werde ich fragen. Die Jäger – ach, die Jäger, wird es wohl heißen, sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die Stubenhocker werde ich auf die Pürsche schicken und nur die Zappeligen und Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiß, einen zu erlegen. Wie sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fünf Stunden lang. Immer vergebens. Und die Mücken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie werden nicht schimpfen dürfen, wie sie es sonst tun.So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andächtigsten der Lebensfreude.Bauernhäuser, Fischerhütten, Jäger- und Hirtenhäuslein, das werden in der Hauptsache die Wohnstätten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmögenden Kommission einreichen, aber eben darum hoffe ich, daß es[pg 87]gut ist. Im übrigen bekenne ich frei, daß ich mich auf Architektenkunststücke nicht verstehe.Ich habe trotzdem auf einer großen Karte unser ganzes Gelände aufgezeichnet und überall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhäuslein, die Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her führen Stege und Landstraßen, alle krumm und winkelig, aber angemessen dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlägen, Hecken, Bächlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natürlich ab, nur an der einen Stelle, wo das Gelände nach der Stadt eben übergeht, wollen wir eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser „Zeughaus“ stehen. Dort wird der Ankömmling, der sich entschlossen hat, unsere Ferien zu üben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr, Geld, alles, was er bei sich trägt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.Das ist mein Plan. Ich weiß nicht, ob er so ausgeführt werden kann, ich weiß nur, daß er so ausgeführt werden sollte.

Beschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es geht alles so verblüffend schnell bei ihm, daß er, wenn ein anderer noch bei den ersten Erwägungen und Bedenken stände, schon am Ende ist. Freilich kommt dazu, daß er Glück hat. Das Gelände am Ostabhang des Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehört einem Manne, der, wie Hans im Glück, ständig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen große, sehr ertragreiche Steinbrüche umgetauscht, die Steinbrüche gegen eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen, und Herr Stefenson mit seinem großen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar groß ist, von Stefenson gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem früheren Schiffsarzt die Gänsehaut ankommt.

„Nun ist das Gelände da, nun muß die Gemeinde errichtet werden“, sagte Stefenson sehr einfach. „In einem Jahre müssen sämtliche Häuser stehen.“

„In einem Jahre?“

„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“

„Es ist dann aber auch danach.“

„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen. „Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei Tage Zeit dazu.“

„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“

Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.

Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns gewiß[pg 79]nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, Plätzen und Straßen großstädtischer Art.

Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein, ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden.

Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück vergangener Tage neu erstehen lassen.

Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen, unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann ist es für unsere Zwecke auszugestalten.[pg 80]Eine Bauernschenke denke ich mir, ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung, und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes Mädchen im Poetenwinkel kredenzt.

Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.

Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot bleibt.

Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt, ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der ärztliche Befund solche Genüsse verbietet,[pg 81]können sich unten am Fluß in der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken allen Widerständen begegnen.

Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für[pg 82]nächste Woche fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung, sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit Kindern von vier Jahren aufwärts,ad libitumKünstler und Artisten, Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner, Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten (Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates Friedensgericht.

Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung, sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste gedeckt werden. Daß die Arbeit[pg 83]immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft. So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt werden.

Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und Sonnenbäder und die Planschwiesen.

Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es wird[pg 84]nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll es tun.

Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische, befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die Tauben füttern, den Hühner[pg 85]stall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln, wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen.

*

An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle, die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten, zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch Mineralwasser und Bäderzerstreuung.

Die Hirten, Fischer und Jäger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er überreizt war, der soll oben an der Ginsterheide die Kühe hüten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam sein müssen, daß die Bullen sich nicht bekämpfen und daß glücksduselige Muttertiere mit ihren mutwilligen Kälbern nicht den nahen Klee zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig ausgestatteten Hirtenhäuslein sitzen, die wiederkäuenden Tiere werden um ihn sein, und die Sterne werden über ihm wandern und ewige Worte zu ihm reden; es wird[pg 86]aus Verlassenheit und Gram ganz mählich Ruhe und Frieden werden, und in den Menschenhaß wird sich die Sehnsucht einschleichen: „Nächsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge und sehe lustigen Menschen zu!“

Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Ärzten suchen müssen. Nicht ihr ärztliches Wissen ist für mich in der Hauptsache maßgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind, danach werde ich fragen. Die Jäger – ach, die Jäger, wird es wohl heißen, sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die Stubenhocker werde ich auf die Pürsche schicken und nur die Zappeligen und Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiß, einen zu erlegen. Wie sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fünf Stunden lang. Immer vergebens. Und die Mücken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie werden nicht schimpfen dürfen, wie sie es sonst tun.

So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andächtigsten der Lebensfreude.

Bauernhäuser, Fischerhütten, Jäger- und Hirtenhäuslein, das werden in der Hauptsache die Wohnstätten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmögenden Kommission einreichen, aber eben darum hoffe ich, daß es[pg 87]gut ist. Im übrigen bekenne ich frei, daß ich mich auf Architektenkunststücke nicht verstehe.

Ich habe trotzdem auf einer großen Karte unser ganzes Gelände aufgezeichnet und überall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhäuslein, die Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her führen Stege und Landstraßen, alle krumm und winkelig, aber angemessen dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlägen, Hecken, Bächlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natürlich ab, nur an der einen Stelle, wo das Gelände nach der Stadt eben übergeht, wollen wir eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser „Zeughaus“ stehen. Dort wird der Ankömmling, der sich entschlossen hat, unsere Ferien zu üben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr, Geld, alles, was er bei sich trägt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.

Das ist mein Plan. Ich weiß nicht, ob er so ausgeführt werden kann, ich weiß nur, daß er so ausgeführt werden sollte.


Back to IndexNext