Chapter 6

Laura stand unwillkürlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend, ein wenig zurück gegen den Spiegelschrank.

"Soll das eine Drohung sein?" fragte sie nervös, und ihre unterstrichenen Wimpern flogen.

"Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!" rief Jenny, mit einer Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig beschrieb. "Ich weiß Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst. Bin nicht auf den Kopf gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da gacksen sie alle! Von wegen Spionage: Sie werden sich wohl erinnern, wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer! Daß Sie dabei nicht ganz sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert nicht mit solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und von wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das läßt sich konstatieren!…"

"Unverschämtheit!" schrie die Soubrette. "Das ist eine maßloseDreistigkeit! Was unterstehen Sie sich!"

Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank, der ihre Erscheinung in merkwürdiger Weise verdoppelte. Ihr blondes Haar zischte. Ihr schmaler Körper krümmte sich vor Ekel und Abscheu.

"Ah, Sie haben's gar nicht nötig, sich aufzuregen! Man weiß Bescheid über Sie. Auch über Ihren Meyer! Lassen Sie nur gut sein!"

"Geh', Jenny, reg' dich doch nicht auf!" beruhigte Lena, "wir haben sie ja in der Hand! Wir wissen ja Bescheid!"

"Was wollen Sie von mir? Was können Sie mir nachsagen?" schluckte die Soubrette.

"Nun, Ihr Herr Meyer—erinnern Sie sich mal!—wo haben Sie denn gewohnt, bevor Sie zu Flametti kamen?"

Laura erinnerte sich wohl. Sie wurde merklich blaß und zitterte.

"Was geht Sie das an!" rief sie und fuhr sich mit der Hand an denKopf.

"Oh, nichts! Mich geht das nichts an. Aber die Polizei vielleicht. Sie werden nicht vergessen haben, womit Sie damals Ihr Brot verdienten und was Ihr Herr Meyer dabei für eine Rolle spielte."

"Ich reiße Ihnen die Haare aus, Sie Miststück!" schrie die Soubrette, packte jene Lena am Kragen und zerrte sie hin und her.

Jenny löste die beiden Damen.

"Na", sagte sie abschließend, "Sie wissen Bescheid. Sie können sich ja nun überlegen, was Ihnen lieber ist. Wir zwingen Sie nicht. Es steht ganz bei Ihnen… Sie brauchen mir auch keine Kommissionen zu besorgen. Danke schön! Tun Sie nur, was Sie nicht lassen können!"

"Gehen Sie nur zur Druckerei", assistierte Lena, "lassen Sie IhrePlakate drucken! Wir wissen schon, daß sie Plakate bestellt haben.Man hat nicht umsonst seine Freunde!"

"Plakate bestellt?" fragte Jenny, die davon nicht einmal wußte. "So so! Na, das muß ich doch Max erzählen!"

"Adieu!" rief Laura, "ich habe nichts mehr zu sagen" Und damit schlug sie die Türe zu.

"Alles nichts!" sagte Herr Meyer, als Laura ihn traf im "Lohengrin", "wir müssen heraus aus dem Pfuhl. Kann alles nichts helfen. Wir haben sie ja in der Hand! Sie hat sich ja selbst verraten! Du brauchst dich nicht aufzuregen. Was kann sie wissen von uns?"

Und sie begaben sich selbander zur Druckerei, um nach dem Preis beschlossener Plakate zu fragen.

An der Ecke aber, beim Rudolf Mosse-Haus, kamen ihnen entgegen Güssy und Traute, sehr frisch, sehr wirsch und vertraut, mit roten Backen, in roten und braunen Strickjacketts.

"Ah, Laura! Ah, der Herr Meyer!" riefen sie schon von weitem, "wie geht's? Wie steht's? Könnt ihr uns nicht brauchen? Wir haben gehört, ihr macht eine Truppe!"

"Wo denkt ihr hin, eine Truppe!" warf Laura weit weg.

"Keine Spur!" bekräftigte Meyer.

"Fesch seht ihr aus! Geht euch gut, was?"

"Oh", meinte Traute quick und bezüglich, "uns geht es gut", und sie strich sich in der gewohnten Weise den Busen herunter, "wir finden schon, was wir brauchen."

"Na, das ist recht!" meinte Herr Meyer praktisch. Und Fräulein Güssy versuchte, mit schweren Augen sich in ihn versenkend, seine Hand zu erreichen.

"Na, und was macht der Prozeß?"

"Oh", schnalzte Traute, "er wird schon sehen, Flametti, was er angestellt hat! Er wird's schon erfahren! Und sie auch, diese Verbrechergustel! Denen wird man das Handwerk legen!"

Mehr schien sie für jetzt nicht sagen zu wollen, denn sie schwenkte sogleich über:

"Was macht denn der Bobby? Netter Kerl war er doch! Wie er sich ärgerte, daß ich's mit dem Flametti hatte! Immer wollte er Geld von mir haben. Und ich hatte doch selbst keins!"

"Oh, er hat sich getröstet!" meinte Laura. "Fünf andre seitdem!"

Herr Meyer wurde unruhig.

"Na, Adieu!" sagte Laura, "wir haben's eilig!"

"Adieu, adieu!" riefen die Mädels frisch.

Man hatte sich schon ein wenig entfernt von einander, aber die HandFräulein Güssys ruhte noch immer in der des Herrn Meyer. Ihr langerArm glich einer Rosengirlande, die sich am Kleid verhakt, wenn manvorübergeht.

Als Flametti diesen Abend zur Vorstellung kam, pfifferte er viel vor sich hin, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn Unangenehmes heftig beschäftigte.

Er zerbrach Zündhölzchen zwischen den Fingern, untersuchte dieLeuchter am Klavier, untersuchte die Vorhangschnur, kratzte mit derStiefelspitze an Papierschnitzeln, die auf dem Boden lagen, und gingauf und ab.

"Na, Herr Meyer, warum so ein finstres Gesicht?" meinte er unvermittelt zum Pianisten.

Der saß, die Beine übereinandergeschlagen, auf dem wackligenKlavierstuhl, blätterte in den Noten und nahm eine Zigarette, dieFlametti leger spendierte.

"Ah, nichts!" versuchte Meyer zu lächeln, "kalt ist's!" und rieb sich die Hände.

Es war viertel nach acht. Langsam kamen die Gäste.

"Anfangen! Die Leute kommen! Vorspiel!"

Flametti machte Betrieb.

Und Herr Meyer begann "Mysterious Rag", indem er mit krampfhaft erhobenen Adlerfängen, die Füße in die Pedale gestemmt, auf die Klaviatur loshackte.

An diesem Abend aber sagte Flametti in der Garderobe:

"Hören Sie mal, Laura, wie ist das eigentlich mit dem Ensemble, dasMeyer plant? Man sagt mir da alles mögliche. Sie hätten sogar schonPlakate in Druck gegeben. Und Meyer hat mir bis jetzt noch kein Wortgesagt, daß ihr wegwollt. Ich habe bis jetzt keine Kündigung."

Laura wurde verlegen. Flamettis Ton klang befremdet, aber nicht bitter.

"Ist er vielleicht nicht zufrieden mit seiner Gage? Steht ihr was aus? Seht ihr denn nicht, daß es unmöglich ist, mehr Gage zu zahlen? Sie sehen doch selbst am besten, wie das Geschäft geht. Ihr könnt's euch doch an den Fingern abzählen, was übrig bleibt! Zehn Leute ernähren—glauben Sie nicht, daß das einfach ist! Ich kann euch ja eine Kleinigkeit zulegen, ab fünfzehnten. Aber mehr kann ich nicht tun. Wenn Meyer will—ich mach' ihn zum Regisseur. Ich habe jetzt meinen Prozeß. Meyer ist tüchtig, Meyer ist still, Meyer ist anständig. Man hat Respekt vor ihm. Er kann mich vertreten. Vertrauensstellung. Vielleicht vergrößern wir, wenn erst der Prozeß vorbei ist, und teilen die Truppe. Er kann die eine Hälfte leiten, ich nehme die andre. Aber man muß sich doch aussprechen! Ich kann's ihm doch nicht am Gesicht ablesen! Tut doch den Mund auf, wenn ihr was zu sagen habt!"

Die Soubrette schwieg.

"Jenny hat mir erzählt. Sie wissen ja, ich liebe meine Frau. Sie übertreibt manchmal; das dürfen Sie nicht tragisch nehmen! Ich weiß ja nicht, was sie gesagt hat. Aber Herrgott! Wir sind doch alle Menschen! Man spricht sich aus. Man sagt sich auch einmal was ins Gesicht. Aber man rührt sich doch!"

"Nein, wissen Sie", tischte Laura jetzt auf, "das war ein bißchen zuviel, heute nachmittag! Das kann ich mir denn doch nicht sagen lassen. Es ist ja lächerlich: sie tut ja, als hätte sie uns auf der Straße aufgelesen! Das geht zuweit. Das war eine Drohung. So kann sie mich nicht behandeln. Sie ist Ihre Frau—gut! Aber ich kann mich nicht ins Verhör nehmen lassen. Sie können sich nicht beklagen, daß ich meine Pflicht nicht getan habe, immer…"

"Und Sie nicht, daß ich Ihnen nicht immer pünktlich die Gage zahlte; daß ich nichts auf euch kommen ließ!…"

"Gewiß!" sagte Laura, "aber sie darf uns nicht mit Apachen verwechseln. Das sind wir nicht. Spionin soll ich sein… und… und… von der Straße sprach sie… und… und Sage-femme und das ist mir zuviel! Das tu' ich nicht! Das kann sie dieser Lena sagen!"

"Na, Sie haben doch selbst erzählt, daß Sie Nacktphotographien von sich verkauft haben! Daß Sie sich haben photographieren lassen!" nahm Flametti abweisend, aber nicht unberührt, die Partei seiner Frau.

"Wen geht es was an?" zuckte die Soubrette und schluchzte. "Wer hat mir was dreinzureden? Wenn ich mich ausbiete auf der Straße, wenn ich jede Nacht in einem andern Hotel schlafe—wen geht es was an? Kümm're ich mich um andre? Mische ich mich in die Angelegenheiten der andern? Laufe ich zur Polizei, wenn man mir was anvertraut? Mir hat Ihre Frau das Zehnfache anvertraut! Was hat sie mir alles vertraut! Wollte ich's wissen? Hab' ich Gebrauch davon gemacht?"

"Na, das tun Sie ja auch wohl nicht!" begütigte Flametti und streichelte ihr Haar. "So weit kommt's ja wohl nicht! Eine Hand wäscht die andere. Ich hoffe ja, daß wir uns verstehen. Wir werden ja keinen Gebrauch davon machen. Und ich werde auch mit Jenny sprechen. Ist ja alles dummes Zeug! Ihr habt eine Zukunft bei uns. Sagen Sie das dem Meyer! Aber ich hasse dieses Hintenherum. Das ist Weibermanier. Ziehen Sie sich jetzt an und gehen Sie runter! Ich weiß schon, von wem all diese Dinge kommen. Ich werde dafür sorgen, daß das ein Ende hat."

Und Laura wischte sich die Tränen und stieg, Rinnen im Schminkgesicht, die Hühnertreppe hinunter ins Lokal.

Am Klavier saß Meyer. Er hatte soeben sein Zwischenstück beendet und machte ein Gesicht wie der Teufel bei Regenwetter.

"Was hast du mit Flametti gehabt?" fuhr er die Braut an, "wie siehst du aus? Ihr wart allein in der Garderobe! Was habt ihr gehabt?"

"Nichts! Laß mich!"

Raffaëla und Lydia warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu.

Bobby meinte ungerührt: "Ach, Laura, das muß man sich nicht so zuHerzen nehmen!" Zu gerne hätte er gewußt, worum es sich handelte.

An der Kasse saß Jenny, kalt und unnahbar, grande dame vom Scheitel bis zur Sohle.

Und Engel bediente ergebenst die Vorhangschnur….

"Kinder!" sagte Raffaëla nach der Vorstellung, "die Nacht, dieseNacht!"

Sie meinte die Nacht, in der die Gans verzehrt wurde.

"Das war ja toll! Das sind ja Falschspieler der schlimmsten Sorte! Vier Kerls waren da. Und Flametti war angetrunken. Sein ganzes Geld hat er verspielt! Und dann ging er auf seine Frau los: "Du hast mich verraten! Du bist schuld an allem! Du hast mir das eingebrockt! Jetzt holst du mir noch deine Liebhaber ins Haus und lockst mir das letzte Geld aus der Tasche!"…. Das war ja nicht mehr schön! Die Gans hatte Flametti gar nicht bezahlt! Die Kerls hatten sie bezahlt! Wie die gegessen haben, davon macht ihr euch keinen Begriff! Das ganze Geld haben sie ihm abgenommen, und dann brachten sie ihn ins Bett. Getobt hat er! Und gingen zu der Dudlinger hinunter, Jenny und die vier Brüder! Das ganze Haus stand auf dem Kopf!"

"Ja, wart ihr denn auch dabei?" fragte die Soubrette.

Lydia winkte ab. "Natürlich! Wir waren doch eingeladen! Aber für so was, nein, nein, dafür sind wir nicht zu haben! Wir gingen natürlich, als es mal drei Uhr war."

"Ja, woher wißt ihr denn…?"

"Aehh, diese Unschuld!" krähte Raffaëla, "so was sieht man doch! Man hat doch Augen im Kopf!"

"Ah, so!" entschuldigte sich die Soubrette…

Der nächste Tag brachte jene Depression der Gefühle, die auf große Aufregungen zu folgen pflegt, aber auch jenen Niederschlag in Taten, der fruchtlose Debatten klärt.

Raffaëla und Lydia wurden, ohne viel Federlesens, ausgezahlt und entlassen.

Herrn Meyer und Fräulein Laura wurden neue Verträge unterbreitet, zu deren Akzeptierung und Ratifizierung Herr Meyer sich eine Bedenkzeit von drei Tagen erbat.

Die Gründe für die Entlassung der beiden Scheideisen lagen auf derHand. Ihnen schob Flametti die Verhetzung des ganzen Ensembles zu.Von ihnen wollte Flametti nicht länger sich nasführen lassen.

Nachmittags aber, als man gerade beim Kaffeetisch saß, klopfte es an der Türe, behutsam und diskret.

Ein Detektiv stand draußen, wieder einmal. Alle schracken zusammen.

Flametti beeilte sich, den Herrn zu empfangen.

"Fräulein Laura", kam er geschäftig zurück, "für Sie!"

"Für mich?" fuhr Laura zusammen.

"Ja, für Sie!"

Auch Meyer wurde unruhig, bemühte sich aber, Haltung zu bewahren.

Laura ging hinaus und mit dem Herrn in die Küche, die nun einmal bestimmt schien, als Konferenzzimmer Tradition zu bekommen.

"Welcher ist es denn?" fragte Jenny.

"Der Puma", sagte Flametti, ging auf den Zehenspitzen und biß sich die Lippen.

"Ach, der ist nett!" meinte Jenny konziliant. "Da ist es nichtsSchlimmes."

Alle, auch Fräulein Theres, die mißmutig den Gasherd abgestellt hatte, horchten bedrückt und gespannt.

Aus der Küche vernahm man das stöbernde Murmeln eines Verhörs.

"Pst!" machte Jenny und winkte nach rückwärts, "ich kann ja nichts hören!"

Sie stand am geschlossenen Schalter und versuchte, wenigstens ein paar Worte aufzuschnappen.

"Rezepte… selbst geschrieben… Basel… Narkotika…"

Man vernahm von draußen ein Räuspern. Mit einem kurzen Schritt tratJenny vom Schalter weg.

Jemand polterte die Treppe hinunter.

Die Soubrette kam zurück, seltsam verdonnert und zerfedert, mit Gedanken und Blicken noch halb bei dem unten aus der Haustür tretenden Beamten.

"Ja, ja", meinte Flametti.

"Was war denn?" interessierte sich Jenny.

"Nichts, nichts!" wehrte Laura ab.

Jenny fühlte sich verpflichtet, einige Ansichten über die Polizei im allgemeinen und die Detektivs im besonderen von sich zu geben.

"Hm, diese Kerls!" meinte sie, "nirgends ist man sicher vor ihnen!Max, sag', die müssen doch aus den hintersten Familien stammen!"

Ein wenig Sympathie und Besorgnis klang durch.

Max glaubte: Verachtung.

"Was willst du!" zuckte er die Achseln, "Beruf! Der eine verdient's mit Alteisen, der andre mit Varieté, der dritte mit dem Wolfshund."

"Hm!" gab Jenny in backfischhafter Anwandlung zu bedenken, "immer so mit dem Wolfshund gehen!"

Flametti hielt's für ein Gruseln.

"Was denkst du!" zeigte er sein überlegenstes Indianerlächeln, "erst die amerikanischen Detektivs! Die amerikanischen Handfesseln, Schlagringe und Gummiknüppel!" und sah sich, Sympathie heischend, nach dem geschulten Herrn Meyer um.

Herr Meyer aber saß da mit der verdrießlichsten Miene der Welt, die Augenlider krampfhaft hochgezogen, fadiert, gelangweilt, bar jeglicher Lust zu Disputationen.

Die Ereignisse folgten sich rasch, und von seiten derHauptbeteiligten ohne nennenswerten Widerstand.

Flamettis Prozeß war jetzt auf den dreizehnten angesetzt.

Man spielte in den kleinen und kleinsten Kneipen. Das Ensemble hatte nach dem Austritt der Damen Scheideisen eine Ergänzung erfahren. Man richtete sich ein.

Die Soubrette trat zehnmal auf am Abend: fünf Soli, vier Ensembles, einmal als Rezitatorin. Sie sprach dann den "Leutnant aus Zinn" und die "Fremdenlegionäre".

Engel hatte sich durch freiwilligen Eintritt ins Krankenhaus einen glücklichen übergang zu den "Original—Ideal—Perplex—und Simplex-Mühlen" gesichert.

Bobby laborierte an einer Entzündung und die Bögen und Handstände fielen ihm schwer. Aber er schaffte es.

Herr Meyer seinerseits saß pünktlich um sechs allabends am Piano, um das wie Pleureusen die Tropfen von der Decke fielen. Die Portiere am Eingang—Türen gab es nicht—klatschte vereist an die Beine etwelcher zirkussüchtiger Gäste. Die Kalkwände der Garderoben blätterten ab. "Frühling ist's, die Blumen blühen wieder"—selige Erinnerung.

Flametti und Jenny allein bewahrten Humor.

Zum Zeichen ihres absoluten unwandelbaren Einvernehmens sangen sie zusammen die "Meistersinger von Berlin", ein revueartiges Duett, das unter ihrer scharf pointierten Interpretation sich als anmutigstes Duell, voller mondäner Anspielungen auf den laufenden Prozeß, präsentierte.

Der Detektiv von neulich wiederholte Besuch und Nachfrage. UndFräulein Theres war ein zweites Mal gezwungen, den Gasherd abzudrehenund den Schauplatz ihrer klausurhaft verteidigten kulinarischenManipulationen für ein Viertelstündchen zu verlassen.

Flametti wälzte im rastlosen Gehirn finanzielle Transaktionen.

Eine zweistündige Unterredung hatte er mit Madame Dudlinger, fruchtlosen Resultates. Eine dreistündige Unterredung mit Direktor Farolyi, dem Ungar, voller Elogen, Respekt und Meriten, aber ohne den rechten klingenden Ausgang. Die Säulen des Hauses Flametti wackelten.

Aufgestört, eine Wanderschwalbe, trat Fräulein Theres vor dieHerrschaft, um ihre Kündigung vorzubringen.

"Frau", sagte sie sittig, "am fünfzehnten ist meine Zeit aus", und kraulte sich mit der Haarnadel in der zerknäulten Frisur.

"Geh', Theres, was machen Sie da für Sachen?" suchte Jenny dasVerhängnis aufzuhalten.

Aber Theres machte ein Gesicht, so diffizil und spitz, wie einMoskito, dem ein Ausräucherungsdampf in die empfindliche Nase fuhr.

Nein, nein, sie hatte genug. Wenn man nicht einmal in der Küche seine Ruhe haben sollte—Verhörzimmer auf ihre alten Tage, Detektiv am Herd, am Spülstein, im Kohlenkasten…

"Nein nein, Frau", sagte sie, gröber als sie es meinte und mit einerArt schluchzendem Humor, "ich will nicht auf meine alten Tage denRemis noch kriegen! Am fünfzehnten geh' ich."

Umsonst versuchte Jenny, ihr den närrischen Einfall auszureden.Umsonst Flametti, ihr eine wärmere Küche, Stumpen auf der Stelle, undeine Flasche Bier vor die Phantasie zu rücken. Nichts mehr verfing.Theres blieb bei der Kündigung. Sie hatte ihre eigene moralischeAnsicht von den bei Flametti eingerissenen Zuständen.

Gewiß, sie nahm die geschaßten Lehrmädel nicht in Schutz. Aber so behandelt man trotzdem nicht sein Dienstpersonal. Nein, nein! Fräulein Theres fühlte eine tiefe Solidarität. Nein, nein, so was rächt sich. Da machte sie nicht mit. Das konnte sie nicht gutheißen.

Und weiter: gewiß, der Herr war im Unrecht. So beleidigt man nicht eine Frau, die auf's Sach sieht und jede Nacht pflichtgetreu neben ihm lag; die sich hübsch machte für ihn und hinter den schlampeten Weibern herwar mit Ordnung und Zucht.

Aber die Frau: so behandelt man auch nicht einen Mann, der mal einen Fehltritt beging. Man läßt nicht gleich vier Kerle zu sich kommen, setzt ihnen Gänsebrust vor und läßt seinem eigenen Gatten das Geld abnehmen.

Nein, nein, da tat Theres nicht mehr mit. Das war nichts für ihre alten Tage. Mochte man lachen über sie, mochte man sie für altmodisch halten. Sie tat nicht mehr mit, verstand diese neue Welt nicht mehr, gab sich auch keine Mühe mehr, sie zu verstehen. Sie legte den Schürhaken hin und ging.

Jetzt faßte auch Herr Meyer seinen Entschluß, rücksichtslos und farusch. Den Einflüsterungen der Geschwister Scheideisen, dem Zureden Bobbys, den Vorstellungen der Braut widerstand er nicht länger.

Zwei Tage Bedenkzeit waren bereits verstrichen. Der Zeitpunkt war da.Jetzt mußte gehandelt werden.

Die Moralität obsiegte. Hundert Plakate kosteten achtzehn Franken. Das war zu erschwingen. In drei Tagen konnten sie fertig sein. Man war gefaßt auf alles.

"Raffaëla-Ensemble, sollte die Gründung heißen nach dem Namen derhervorragendsten Kraft. Raffaëla hatte Bekannte in Arbon am Bodensee.Dort würde mag debütieren, auswärts sich die ersten Meriten holen.Noch mußte gesprochen werden mit Flametti.

Und Herr Meyer überwand ruckhaft die ihm angebotene Scheu und sagte beim Abendessen:

"Sie, Herr Direktor, ich habe zu reden mit Ihnen."

"Gehen wir rüber ins Café Lohengrin!"

"Gut!"

Und sie gingen ins Café Lohengrin und Flametti bestellte zwei helleBier und Herrn Meyer klopfte das Herz.

"Also schießen Sie los!" sagte Flametti. Und Herr Meyer holte weit aus.

Mit den Zuständen vor Kriegsausbruch begann er, gab einen Inbegriff seiner Familie, kam dann auf seine Geburt zu sprechen, berührte kurz seine Konfirmation und das Knabenalter, schwenkte dann über zur Gymnasiastenzeit, immer das Typische unterstreichend.

Flametti sah ängstlich auf seine Uhr. Sieben Minuten vor acht. Um acht Uhr begann die Vorstellung.

"Kurz und gut?" fragte er und sah Meyer gespannt ins Gesicht.

"Wir wollen weg, wollen uns selbständig machen."

"Also doch!" meinte Flametti, ein wenig betroffen.

"Ja", sagte Meyer. "Ein gutes Einvernehmen besteht ja doch nicht mehr. ihre Frau hat das zerstört. Laura hat die Affäre mit den Rezepten. Wir brauchen ein Attest für sie. Das kostet Geld. Ich brauche eine neue Hose, ein Paar neue Stiefel. Das Leben stellt Ansprüche. Kurzum: es geht nicht mehr."

"Tun Sie, was Sie nicht lassen können", sagte Flametti. "Sie müssen's am besten wissen. Ich will Ihrem Glück nicht im Wege stehen. Wenn Sie glauben…"

"Ich glaube!" sagte Meyer.

"Na, gehen wir zur Vorstellung!"

Und Flametti zahlte, auch für den neuen Herrn Direktor, der zu schüchtern war, "Lina", "Frieda", oder "Kathrein" zu rufen.

Und Flametti sah, was da kommen würde, lächelte ironisch, und man ging.

Jenny hätten Sie sehen sollen an diesem Abend! Glacéhandschuhe zog sie, gewissermaßen, über die Zunge. So spitzig und kalt, so unnahbar verächtlich wußte sie sich zu benehmen, daß Meyer kaum wagte, sie anzusehen.

"Geh', Max, laß doch das Gesindel!" sagte sie mehr als halblaut, als Herr Meyer in den Indianern danebengriff, und Flametti auf der Bühne einen cholerischen Anfall bekam vor Indignation.

"Laß sie doch gehen! Sie haben's ja nicht mehr nötig!"

Und als die Soubrette mit doppeltem Eifer nach der Kassiermuschel griff, um sich ins Publikum zu stürzen:

"Nein, lassen Sie nur! Ist nicht nötig. Rosa besorgt's schon."

Und auch Rosa hob ihre Nase von Stunde an höher und Bobby überkam ein solcher ärger darob, daß er sie am liebsten geohrfeigt hätte.

Der Zustand wurde unerträglich. Und es war deshalb eine Erlösung für beide Teile, als Fräulein Laura an einem der nächsten Abende gelegentlich der "Commis voyageusen" auf dem kleinen viereckigen Podium der "Drachenburg" ausglitt und mit dem Steißbein so unglücklich auf eine Stuhlkante aufstieß, daß man sie, stöhnend und ächzend, in die Garderobe und von dort mit einer heftigen Prellung nach Hause bringen mußte.

Eine alte Sympathie regte sich in Flametti und er war wirklich besorgt.

"Ach, Max", hetzte Jenny, "gib's doch auf! Sie simuliert ja nur!Merkst du denn nichts?"

Jetzt war Laura entschlossen, keinen Schritt mehr in die Vorstellung zu gehen. Kontrakt hin, Kontrakt her!

Und Herr Meyer sagte:

"Die sollen uns kennen lernen!"

Und Bobby sagte:

"Geht's besser Laura?" und stand sehr besorgt am Bett.

Und Lydia und Raffaëla sagten:

"Den Doktor muß er bezahlen! Macht ihn doch schadensersatzpflichtig!Er muß euch Schmerzensgeld zahlen! So eine Gemeinheit!"

Und Lauras russische Freundin kam und sagte:

"Auf mich können Sie zählen. Ich bin immer da für Sie."

Und Herr Meyer effektuierte mit Bobby zusammen mittels Kleister undSchnur die Bilderreklame für Arbon.

So war denn Flamettis Schicksal besiegelt.

Zwar sprang für Meyer in liebenswürdiger Weise Fräulein Lena als Pianistin ein. Und Fräulein Rosa rückte an Lauras Stelle. Und Lena meinte:

"Ich hab's euch ja gleich gesagt: sie führen etwas im Schilde!"

Aber das half nichts. Das Geschäft wurde noch schlechter. DieBeiseln, in denen man auftrat, noch kleiner, ja nuttig.

Flametti verhehlte es nicht, daß er blank, aller Hilfsmittel bar, in den Prozeß eintrat.

In erregten Ergüssen versuchte er brieflich dem Anwalt in BernStandpunkt und Situation eindringlich zu erläutern.

Aber das Aktenmaterial wurde dadurch nur immer größer, das Plädoyer immer schwieriger.

Und als Flametti die Geduld riß und er ganz offen auf einer Postkarte vermerkte, der Herr Anwalt wolle ihn offenbar nicht verstehen, der Fall sei doch sonnenklar, da schrieb dieser chargé zurück, er bedaure unendlich, mitteilen zu müssen, daß ohne einen weiteren Vorschuß von hundert Franken die Sache zu einem guten Ende kaum werde geführt werden können.

Herr Farolyi gab den Rat, die Verteidigung doch selbst zu führen und auf den Advokaten überhaupt zu verzichten. Und auch Fräulein Lena erbot sich, für die sittliche Minderwertigkeit der Klägerinnen eine eidesstattliche Versicherung zu riskieren.

Aber Jenny wurde doch immer nervöser.

"Was machst du nun, Max?" fragte sie ernstlich besorgt, als Max vonFarolyi zurückkam.

"Was mach' ich? Verteidige mich selbst."

Und er nahm Feder und Papier zur Hand und begann dieVerteidigungsschrift aufzusetzen.

Die Feder spritzte und die Worte sträubten sich. Aber es ging.

"An den Herrn Präsidenten des Kantonalen Obergerichts, Bern".

Da stand es. Das war die Instanz. Und Jenny bekam einen Schreck, als sie's so stehen sah.

Aber Flametti ließ sich nicht stören. Mit einer schier unpersönlichen Korrektheit entledigte er sich der schwierigen Arbeit.

Er brauchte sich nur in die disziplinarische Verfassung von damals zu versetzen, da er auf dem Kasernhof zum erstenmal den Befehl eines Vorgesetzten entgegennahm, und die Stilnuance war gefunden.

"Fertig, aus!" rief er, als er nach zweistündiger Arbeit unterschrieben und abgelöscht hatte. Er überlas das Ganze noch einmal von Datum bis Schlußpunkt und er war sehr zufrieden damit.

"So", zog er findig die Stirn in Falten, "drehen wir die Geschichte mal um! Da schaut die Sache erheblich anders aus!"

Und er verlas es auch Jennymama. Die war baß erstaunet.

"Ja, meinst du denn, Max, sie lassen es gelten?"

"Frage!"

Er spuckte, steckte die Hände in beide Hosentaschen und nahm einen kleinen Abstand von seinem Elaborat.

"Hättest deutlicher sagen müssen, was das für zwei waren!" drängelteJenny.

Max zündete großspurig eine Zigarre an.

"Was? Ist das nicht deutlich genug: "Marktware der Wollust", "der Perversion gefrönt", "schon in den Kinderschuhen verdorben"? Ich bin der Verführte, verstehst du? Angeboten haben sie sich. Gezwungen haben sie mich, direkt belästigt!"

Jenny war ganz verstört.

"Wenn es nur durchgeht, Max!"

"Frage!"

Sonntag, den zwölften, spielte man in der "Jerichobinde" zum letztenmal die "Indianer": Flametti, Jenny und Rosa.

"Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet,Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.Einmal wieder zieh'n wir noch auf Siegespfad,Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht."

Dann fuhr Flametti nach Bern.

Mit dem Nachtzug.

Jenny und Rosa begleiteten ihn zur Bahn. Rosa trug das Handtäschchen.

"Viel Glück, Max, und schreib' gleich, wie's ausging, damit man es weiß!"

"Wenn ich nicht schreibe, weißt du Bescheid!"

"Ach, Maxel, wie wird es dir gehen?"

"Wird schon alles gut gehen!" beruhigte er, und der Zug setzte sich in Bewegung….

Er schrieb nicht, wie es gegangen war.

Ein, zwei, drei Tage vergingen. Da las Jenny es in der Zeitung, in einem Café.

Sie trug ihre beste Toilette. Sie ließ sich ihren Schmerz nicht merken.

Gute Freunde lud sie zu sich ein, und so, in engstem Kreise, seufzend aufs Kanapee hingeschmiegt, suchte sie Trost und Vergessen.

Und nur den vereinten Bemühungen ihrer Freunde gelang es, ihr etwasLuft zu schaffen.

Herr Meyer aber ging pleite.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Flametti" von Hugo Ball.


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