"Ein Don Juan, dieser Flametti!" versicherte der Wirt seinen schmunzelnd weitertrumpfenden Gästen.
"War der Mechmed da?" fragte Flametti die Kellnerin.
"Nein, bis jetzt nicht."
Flametti sah nach der Uhr, geschäftsmäßig, ohne indessen verabredet zu sein. Nach der dritten Halben, als er eben gehen wollte, öffnete sich die Tür und herein trat Mechmed.
Ali Mechmed Bei hieß der Türke. Er wohnte im Parkhotel und kam aus Aleppo. Und darin hatte Jenny wohl recht, daß Flametti ein wenig verdreht war im Kopf, seit er den Türken kannte.
Ali Mechmed Bei: schon der Name faszinierte Flametti. Eunuchen, Sklaven und Harem wirbelten vor seinen aufleuchtenden Augen, wenn er in heimlichen Stunden den Namen vor sich hinsprach.
Ali Mechmed Bei: enorme Gelder mußte er haben. Man wußte nicht recht, was er eigentlich trieb. Aber er kam häufig in den "Vogel Strauß", und dort hatte Flametti seine Bekanntschaft gemacht.
Ein großes Tier mußte er sein unter seinesgleichen. Denn er hatte noble Allüren an sich. Dämonisch zog er die dichten, weißen Augenbrauen hoch, wenn man ihn ansprach, und pflegte mit den Fingern zu trommeln auf der Tischdecke. "Tja, mein lieber Freund!" sagte er dann, nickte mit dem Kopfe in einer weltmännisch-gewitzigten Weise und sah nach der Decke, wo er jede Fliege, jeden Schnörkel der Tüncherarbeit eingehend verfolgte.
Tiefe kaffeebraune Tränensäcke hingen ihm unter den Augen, und dieseAugen selbst blickten in abgründiger Melancholie.
Horrende Trinkgelder gab er, besaß einen Geldbeutel aus Affenhaut und roch, seiner orientalischen Herkunft gemäß, nach Zwiebel, Henna und Kokosnuß.
Dieser Türke Mechmed trat jetzt ins Lokal, und Flametti verfolgte jede seiner Bewegungen mit glühender, heißhungriger Sympathie.
Paletot und Regenschirm hing Herr Mechmed an den Kleiderhaken, und es kann zugestanden werden, daß die kleine, untersetzte Gestalt, die jetzt, zerfallen und morbid, aber freundlich lächelnd auf Flametti zukam, den mysteriösen Gestus jener Leute hatte, die im Traum wiederkehren. Jener Leute, die sehr wohl die Macht besitzen, ein Varietéunternehmen zugrunde zu richten, dessen Direktor nicht Zurückhaltung zu wahren weiß.
Dieser Türke Mechmed nämlich, dessen Smoking ölig glänzte, dessen äußeres fadenscheinig war, besaß ein Opiumlager, hier am Platz, auch Kokain und Haschisch, im beiläufigen Werte von vierzigtausend Franken, nur prima reine, unverfälschte Ware, erste Qualität, das er—je nun! —geschmuggelt hatte, und das er—verstehen Sie!—ohne Profit, nur weil es ihn behinderte, bereit war, bei konvenierender Gelegenheit abzustoßen.
Und da Flametti sozusagen Fachmann war—er rauchte Opium in der Zigarette, nahm es wohl auch im Bier—, den Rummel verstand, ein Kerl war, so sollte er, bei Gelegenheit, mal sehen, was sich tun ließ. Man hat Bekannte, einen Arzt, einen Advokaten, einen Geschäftsfreund. Ist ja 'ne Bagatelle, vierzig Mille, liegt ja auf der Straße, ist ja gefunden, ist ja ein Dusel. So sollte er also mal sehen, ob man nicht, unter der Hand, vielleicht einen Interessenten fände.
Und Flametti hatte sich auch umgesehen, seit acht Tagen—Geschäft ist Geschäft! Spitzbuben gibt es hier wie dort!—und einen Interessenten gefunden. Aber jetzt wollte er auch wissen, wofür.
"Siehst du, Mechmed", begann Flametti, als Mechmed Platz genommen, die Nase geschneuzt und sich ein Helles hatte kommen lassen, das er mit den Händen wärmte, "ist ja alles schön und gut. Wir kennen uns jetzt seit vierzehn Tagen. Wir haben Brüderschaft getrunken. Aber wir müssen doch jetzt einmal weiterkommen. Dein Paß ist abgelaufen—wann?"
"Zweiundzwanzigsten."
"Zweiundzwanzigsten. Bis dahin mußt du das Quantum los sein."
Mechmed nickte, allem Anschein nach ganz vertrottelt und schläfrig.
Flametti rückte seinen Stuhl näher ran und zündete sich eine neueZigarette an.
"Hör' mal zu: ich bin doch kein dummes Luder, versteht sich."
Mechmed nickte.
"Du brauchst also innerhalb vierzehn Tagen einen Käufer.—ZwanzigProzent!"
Mechmed nahm die Zigarette aus dem Mund, hielt sie zwischen Zeige—und Mittelfinger weit von sich weg, blies langsam den Rauch aus und überlegte einen Moment.
"Zwanzig Prozent Provision?" sagte er dann und wiegte den Kopf, "gut!Abgemacht! Was heißt?" und war sehr verwundert, wie man an seinerCourtoisie zweifeln konnte.
"Langsam!" sagte Flametti. "Ich hab' den Käufer. Drei TageBedenkzeit. Vierzig Mille bar auf den Tisch des Hauses."
Mechmed wurde plötzlich sehr lebendig. Mit einem Ruck fuhr er auf seinem Stuhle herum. Sein Ellbogen auf der Stuhllehne stach spitz gegen die Kellnerin, die mit einem geschickten Seitwärtsschwenken der Hüften den Tisch passierte.
"Aber", sagte Flametti und kreuzte die Arme vor sich auf dem Tisch, "ich muß nochmal Proben haben und zwei Mille Vorschuß." Wenn man acht Mille Provision zu erwarten hatte, konnte man wohl zwei Mille Vorschuß verlangen.
"Nix Proben!" lehnte Mechmed schwerfällig ab, die Hand am Ohr, um besser folgen zu können.
Flametti lächelte.
"Sei mal vernünftig, Mechmed", begann er von vorne, "mein Geschäft leidet. Seit acht Tagen bin ich nun unterwegs, dir einen Käufer zu suchen. Rechne die Spesen! Man trifft sich im Café, zahlt die Zeche standesgemäß. Verabredungen da und dort, hin und her. Du weißt selbst, wie das ist—"
"Wie heißt der Käufer?" fragte Mechmed, ohne den Kopf zu drehen.
Flametti wich aus. "Wie heißt er? Tut nichts zur Sache. Prima prima. Kassa. Zahnarzt." Es handelte sich also um den Zahnarzt, der Jennys Goldkronen geliefert hatte, einen Herrn von unzweifelhafter Solvenz, gewiß, der aber bis dato weder von des Herrn Mechmed Opiumlager, noch von Flamettis Hoffnung und Agentur die leiseste Ahnung hatte.
"Tja, mein lieber Freund!" trommelte Mechmed auf der Tischkante und sah zur Decke, "wird sich nicht machen lassen. Sieh mal her!" und er entnahm seinem Portefeuille einen ganzen Pack fremdartig kuvertierter Briefe, mit denen er eine Hausse aller orientalischen Narkotika und die gierige Nachfrage nach diesen Artikeln spielend belegte.
"Was heißt das?" stutzte Flametti, ein wenig rauh.
"Das heißt—:"—der Türke gähnte, schüttelte den Kopf und bestellte einen Zwiebelsalat—"läßt sich nicht machen. Unter fünfzig Mille ausgeschlossen. Offerten: Papierkörbe voll." Und er zog die Briefe aus den Kuverts.
Flametti sah den Türken in blaue Fernen entschwinden. Perdu. Futsch. Aus. Ihm schwindelte. Aber er versuchte, der Situation gewachsen zu sein.
"Mechmed", sagte er, räsonnabel genug, "du bist kein Filz und ich bin kein Ganeff. Ich weiß: es kommt dir nicht darauf an, wenn du siehst, daß was läuft. Gut: ich verzichte auf die Proben. Macht fünfzig Franken. Weg damit! Aber die zwei Mille Vorschuß—man muß sich bewegen, auftreten können. Nimm doch Vernunft an! Das ist ja nicht so! Wir sind doch gut Freund! Du verstehst schon!"
Mechmed verstand. Er nickte. Aber dann schüttelte er ablehnend denKopf—er schluckte dabei den Zwiebelsalat—: "Nicht zu machen.Gefährliche Sache." Und musterte jenen mit einem profunden Blick."Varieté", meinte er, "Weiber, Feuer, Indianer: ja. Ja, ja. AberOpium—." Er schüttelte.
"Mein lieber Freund", sagte er väterlich, "schwierige Sache. Diffizile Sache. Nicht zu machen." Und dabei verblieb er. Den Daumen hatte er in den Hosenbund eingehängt. Den linken Arm ließ er über die Stuhllehne herunterbaumeln. Er schien darüber nachzudenken, wen er zum Nachfolger ernennen könnte.
"So?" rief Flametti erbost, "das sagst du mir heut? Nach acht Tagen?Das hätt'st du mir wohl auch acht Tage früher sagen können."
"Nix Proben!" schüttelte Mechmed versunken den Kopf und suchte denZahnstocher in seiner Westentasche.
"Ah, ich pfeif' dir auf deine Proben! Hier und hier und hier, wenn du sie wieder haben willst." Aus der inneren Rocktasche brachte Flametti dreimal je eine kleine Papiertüte, Haschisch-, Opium—und Kokainprobe zum Vorschein, die er heftig in einer Reihe nebeneinander auf den Tisch schlug und dem Mechmed zuschob.
Aber Mechmed hatte die überlegene Geste des père noble. "Merci, mon cher ami, c'est pour bonhomie!" und schob Flametti, ohne einen Blick darauf zu werfen, die Pulvertüten wieder zu. "Zahlen!" rief er und schlug den Geldbeutel aus Affenhaut, den er an einer Ecke gefaßt hielt, grandenhaft auf den Tisch.
Flametti raffte die Proben zusammen, steckte sie ein und sprang auf.
"Wieso Merci? Wieso Proben? Weißt du, Mechmed, das ist—das ist—" Seine Augen funkelten. Er schien zu Tätlichkeiten geneigt. "Also weißt du—"
Aber Mechmed hatte sich, etwas schwach auf den Waden, schon zumKleiderhaken begeben, nahm Paletot, Hut und Regenschirm herunter;sagte, mit einer einzigen, großen, zauberhaften Handbewegung über denTisch und Flametti wegsegnend zur Kellnerin: "Deux francs, l'addition.Bonjour die Herrn!" und wandte sich wackelnd zum Ausgang.
Flametti stand gebannt und entwaffnet. Und da er die Blicke der Gäste auf sich gerichtet sah, ließ er seinen ärger in ein entschuldigendes Lächeln übergehen, setzte sich wieder hin und drehte an seinen Ringen.
Zu dumm, diese ganze Affäre! Was würde Jenny dazu sagen? Was war nun das Resultat von vierzehn Tagen? Drei Tüten Niespulver.
Er mußte lächeln, wenn er an den alten Knacker dachte, der es verstanden hatte, ihn hinzuhalten. Aber es war ein Lächeln, das saurer wurde, je länger es währte.
Eigentlich hatte er gehofft, der Türke würde ihm aus der Klemme helfen. Und mehr:
Beim brasilianischen Konsulat hatte er vorgesprochen zwecks Auskünften. Auszuwandern gedachte er, wenn die acht Mille vom Türken erst flüssig würden.
Sich in der Schweiz mit den Lölis placken? Man ist doch kein Narr.Die brasilianische Regierung stellt Land zur Verfügung, soviel manhaben will. Baut einen Rancho. Zwanzig Jahre Kredit. Jenny wirdKaffee pflanzen. Max Sumpfhühner schießen. Ein Pferd kostet dreißigFranken. Eine Kuh zwanzig. Ein Kalb zehn. Und man atmet in freierLuft; Brust an Brust mit den Botokuden.
"Das machen Sie gut!" unterbrach sich Flametti mit einer Floskel aus seinem Varietéjargon, "freie Luft!"
Ihm fiel die Konkubinatsstrafe ein. Was wird nun damit geschehen?Nachdem der Türke versagt hat? Kranemann wird keinen Pardon mehrgeben. In die Wohnung wird er kommen mit dem Arrestbefehl. Mit demLoch wird er drohen.
Er, Kranemann, ihn, Flametti arretieren! Flametti lachte. Zur Treppe wird er ihn spedieren, den Herrn Kranemann. Vors Fenster wird er ihn hängen, wie er die Möbel seiner ersten Frau, dieser Xanthippe, vors Fenster gehängt hat: den Nachtstuhl, den Schrank, die Kommode, alles hinaus vors Fenster, an langen Stricken. Da hol' dir's!
Das war ein Auflauf auf der Straße. Mit Fingern zeigten sie auf dieHausfront.
Nun, man soll erst mal sehen, wenn die Detektivs draußen hängen!Jeder am Rockkragen säuberlich zum Lüften aufgehängt. Ist's einWunder? Geld hat man keins. Fürs Loch hat man keine Zeit. Und dochwird man aufs Blut kuranzt…
Wenn man's bei Licht besieht: die sind doch die eigentlichen Apachen.Mit diesem Beruf! Warum betreiben sie ihn? Aus Rechtlichkeit?Ganz gewiß nicht. Aus Ordnungsliebe? Keine Spur. Raufbrüder sindes, verkappte. Herausfordernde Protzen. Leisetreter. Drohnen derGesellschaft.
Auch diese Schäferhunde: das sind schon die rechten! So ein Vieh, ansehen muß man's: entartete Bestien. Wirf ihnen einen Brocken hin: sie schnuppern nicht einmal dran. Hochverräter an ihrer ganzen Rasse. Leisetreter wie ihre Herrn.
In seinem, Flamettis Fall: wowohl, er hatte in Konkubinat gelebt. Die Scheidung von seiner ersten Frau war noch nicht durchgeführt. Wer beklagte sich drüber? Niemand. Macht hundertfünfzig Franken Buße. Inklusive Prozeßkosten: hundertachtzig Franken. Sah man von diesem Geld je etwas wieder? Wurde dafür die Fuchsweide verschönert? Ein neuer Bahnhof gebaut? Flametti reiste wenig. Ihn interessierte es nicht. Aber die hundertachtzig Franken, die interessierten ihn.
"Zahlen!" rief er laut und patzig.
Als er auf die Straße trat, fielen ihm Jenny und das Geschäft wieder ein.
Hinüber lenkte er zur Filiale des "Tagblatt" und gab eine Annonce auf:"Lehrmädchen gesucht. Kostenlose Aufnahme und Ausbildung.Flamettis Varieté-Ensemble."
Kostete drei Franken achtzig. Er nahm die Quittung und seinen Ausweis in Empfang und kehrte um. Seine Stimmung, so sehr er auch grübelte, klärte sich auf.
Auf dem Brunnplatz hielt ein kleines Gerümpelauto. Ein Mechaniker in blauem Arbeitsanzug flickte am Reifen. Eine Anzahl Kinder um ihn herum. Die Verwegensten drückten verstohlen auf die Gummiblase der Hupe, was einige grunzende, mißfarbige Laute zur Folge hatte.
Flametti stoppte und sah sich den Karren an.
"Panne?" fragte er den Chauffeur.
"Panne", erwiderte dieser, eifrig beschäftigt.
Der Schaden war rasch repariert. Die Kinder des Autobesitzers stiegen auf. Der Chauffeur ebenfalls. Einige grunzende Laute der Hupe und der Kraftwagen setzte sich unter dem lauten Johlen der schmutzigen Kinderschar, die sich aus allen Löchern und Winkeln eingefunden hatte, in Bewegung. Die Kinder des Besitzers spuckten dabei von ihrem Sitz aus in weitem Bogen und mit aller Anstrengung auf die Proletarierkinder, die sich hinten angehängt hatten und mit geknickten Beinen, trompetend, nachschleppen ließen. Ein Auto in der Fuchsweide, so früh am Abend, war ein Ereignis.
Die Quellenstraße wieder hinunter schritt Flametti, vorbei an Ismaëls"Holländerstübli", vorbei an "Muselmanns Zigarettengeschäft", wo imSchaufenster der Philipp saß, den roten Fes auf dem Kopf, Zigarettenfabrizierend; vorbei am "Schlankeren Jacob" und an denGeschäftslokalitäten der Heilsarmee, hinein ins "Krokodil".
"Salü!" grüßte er, setzte sich, kramte in seinen Taschen und brachte zum Vorschein: ein altes Trambahnbillett und den in der Frühe gekauften hellblauen Tschibuk.
"Ist der Beizer da?" Beizer nannte man in der Fuchsweide den Wirt.
"Jawohl, kommt gleich!" sagte die Kellnerin. Die hieß Anna.
"Gut!" sagte Flametti und nahm einen kräftigen Schluck aus der frischen Halben.
Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor.
So leicht, wie Jenny sich vorstellte, war es nicht, im "Krokodil" engagiert zu werden. Herr Schnabel, der Krokodilwirt, kannte die Vorzüge seines Lokals zu gut, als daß er für jeden Schnorrer wäre zu haben gewesen. "Centrale Lage" stand auf den Empfehlungskarten seines Hotels. Und dem Krokodil, das über dem Eingang prangte, sagte man nach, daß es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen getrieben, allwo es, etliche Heiden und Christen im Magen, dem Büchsenschuß eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war, um gegerbt und entkröst als Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu verhelfen.
Nein, es war gar nicht leicht, im "Krokodil" anzukommen. Denn es war eine Ehre.
Wer bei Herrn Schnabel spielte, war ein gemachter Mann. Wen HerrSchnabel auftreten ließ, war ein Ehrenmann. Ein von Herrn Schnabelvollzogener Kontrakt war ein Ausweis und Leumundszeugnis. HerrSchnabel, mit Annahme und Ablehnung, teilte Zensuren aus.
Aber Flametti würde es schaffen. Er hatte sich's vorgenommen. Und hier ist es am Platz, zu sagen, daß Flametti keineswegs unvorbereitet um eine Konferenz mit Herrn Schnabel nachsuchte. Er hatte die spielfreien Abende benützt: er hatte sich umgesehen. Mit Jenny im "Germania-Cabaret": Stanislaus Rotter, Schnelldichter und Conférencier—man hatte ihn seine Schmonzes vortragen hören; seinen redegewandten Improvisationen nicht ohne Gewinn gelauscht. Er war es, von dem Flametti das Heil erwartete.
Angenommen, der Rotter, alter Bekannter von Max, Stadtgröße, würde sich, nur für ein einziges Mal, bestimmen lassen, Flametti ein Ensemble zu schreiben, ein unerhörtes, ein buntes, nie dagewesenes Gesangstableau: es würde die Kassen füllen, die Konkurrenz totschlagen, und wäre ein voller Ersatz für den Türken.
Freilich: hingehen mußte man, zu ihm, in seine Wohnung; ihn bitten, devotest, um soviel Güte. Aber wer weiß: vielleicht würde er's tun. Ein gutes Ensemble von ihm, exotisch, wild, mit der Streitaxt, brutal—und alles wäre in Ordnung. Herr Schnabel würde nicht Nein sagen können: schon wegen der Konkurrenz. Die Konkubinatsstrafe könnte beglichen werden. Die Schwierigkeit wäre behoben.
Flametti hatte, wie gesagt, den Tschibuk aus der Tasche genommen, und was war natürlicher, als daß er dabei an Ersatz für den Türken dachte?
"Lauf, hol' mir ein Paket Goldshag!" sagte er zur Kellnerin, die neugierig den Tschibuk bewunderte, und gab ihr Geld. Steckte das Rohr des Tschibuks in den Mund, blies hindurch, probierte den Zug und besah die Arbeit. Es war die erste stille Minute seit früh um halb sechs.
"Ah, Flametti!" trat der Herr Wirt freundlich näher, "wie geht's, wie steht's? Pfeife rauchen?"
"Mein neuer Tschibuk", renommierte Flametti, "fürs "Harem"."
"Neue Ausstattung?" meinte Herr Schnabel. Und mit Bezug auf denTschibuk: "Schönes Stück.—Echtes Stück?"
"Jawohl", bestätigte Flametti prompt und zuvorkommend. "Tschibuk ausAleppo. Echte Arbeit."
"Ah, von dem Mechmed", riet Herr Schnabel aufs Geratewohl. FlamettisBeziehungen zum Türken waren ihm nicht unbekannt.
"Nix Mechmed!" beeilte Flametti sich, mit gesundeter Selbstironie hausbacken zurückzuweisen. "Orientbazar. Sieben Franken fünfzig."
"Ist auch besser so", meinte Herr Schnabel leichthin und nur halb bei der Sache. Er drehte die Hand in der Hosentasche, verfolgte mit wachsamen Augen den Hausknecht, der zapfte; die Kellnerinnen, die sich anschickten, den Saal fürs Konzert herzurichten, und entschwand zum Büfett. Er hatte offenbar viel zu tun.
Flametti war in Verlegenheit. Was sollte er tun?
Die Kellnerin brachte den Goldshag und Flametti stopfte die Pfeife.Ein glücklicher Umstand kam ihm zu statten: Frau Schnabel erschien imLokal, freundlich lächelnd nach allen Seiten, eine aufgehende Sonne.
"Sie, Herr Schnabel!" rief Flametti vertraulich, winkte mit dem Kopfe und griff in die Brusttasche: "Was sagen Sie dazu? Kennen Sie den?" Und lächelte Madame Schnabel ein "Guten Abend" zu.
Herr Schnabel, abgelöst am Büfett, trat wieder näher. Aus FlamettisHand, zeremoniös umschlossen, stieg eine Photographie inPostkartenformat, darstellend einen Herrn in den mittleren Jahren,mit englisch gestutztem Schnurrbart, Schillerkragen undKünstlerkrawatte.
"Das ist doch der—Rotter?" riet der Wirt. "Jerum, der Rotter!" rief er erstaunt seiner Frau zu und beugte sich näher, um über Flamettis Schulter hinweg die Photographie zu betrachten. Auch Frau Schnabel trat näher.
"Ja, der Rotter", bestätigte Flametti und stand auf, um die Photographie auch Madame zugänglich zu machen. "Wissen Sie, wo der jetzt auftritt?" Er war ein wenig verwirrt, eine Supplikantenrolle zu spielen, wurde verlegen und lächelte. "Als Schnelldichter im Germania-Cabaret."
"So so!" meinte Frau Schnabel skeptisch und dünn, als habe sie den Pips an der Zunge. Sie neigte den Kopf zur Schulter, drehte die Hand in der Schürzentasche und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinunter auf ihren Spangenschuh.
"Conférencier und Improvisator-Berühmtheit!" versicherte Flametti."Fünfhundert Franken Gage. Karrieremacher. Feiner Kerl!"
"Waren ja Freunde, ich und der Rotter", wandte er sich an Madame. "Je Gott! Dort drüben"—er zeigte nach einer Nische—"nebeneinander sind wir gesessen und haben Asti gezecht!"
Und wieder zu Herrn Schnabel: "Erinnern Sie sich? Und im"Bratwurstglöckli" z'Basel: Sie kennen doch den Rotter, was der für'nen Appetit hat!—Als der Kaiser nach Bern kam: wer hat dasBegrüßungsgedicht verfaßt? Erinnern Sie sich?"
Herr Schnabel hatte die Hand in Zangenform an die Stirne gelegt."Richtig!" fuhr er in großem Bogen von der Stirn weg in die Luft.
"Macht ja Karriere!" rühmte Flametti und schob klotzig denUnterkiefer vor, um die brutal verdrängende Energie des Herrn Rotterrespektvoll zu charakterisieren. "Verdient ja ein Heidengeld!Stadtgespräch!"
"Na und jetzt?" interessierte sich Herr Schnabel.
"Unnahbar. Nichts zu machen. Keiner kommt an ihn ran. Wie abgeschnitten."
Und wieder mit unwiderstehlicher Großartigkeit zu Madame Schnabel:"Ein Talent! Der Kerl schüttelt die Verse nur so aus dem ärmel.Stundenlang. Phänomenal."
"So so!" lächelte Frau Schnabel wie oben, mit einem so liebenswürdig knappen Mißtrauen, daß es Flametti die Glieder lähmte.
"Elegant!" schwang Herr Schnabel sich auf und versuchte, mit einem ermunternden Blick auch seine zurückhaltende Ehehälfte zu gewinnen.
"Tipp topp!" überbot Flametti. "Man muß ihn abends sehen, bei Beleuchtung. Im Frack. "Elegant"! Das ist das Wort zu viel!" und etwas wie Ironie und leise Verachtung mischte sich in Flamettis unendlich überlegenes Interesse. Er war sich bewußt, seinen letzten Trumpf auszuspielen. Jetzt oder nie.
"Siehst du, Flametti", sagte Herr Schnabel unvermittelt und setzte sich an den Tisch, "so etwas müßtest du engagieren! Mich geht's ja nichts an: aber laß doch den Kram mit dem Türken und such' dir 'nen Schlager!"
Flametti klopfte gerade den Tschibuk aus. Er bekam Oberwasser. Das alte, vertrauliche "Du" des Herrn Schnabel ehrte ihn. Er steckte die Photographie ein. "Jawohl! Und wieviel Draufgeld zahlst du mir?"
"Was Draufgeld! Je nachdem! Zweihundert Franken, dreihundertFranken. Haben schon vierhundert gezahlt im Monat."
""Je nachdem"!" lächelte Flametti gerissen und nahm sein Bierglas zwischen die Hände. "Ist ja Stuß. Aber ich will dir was sagen: Was zahlst du, wenn er mir ein Ensemble schreibt?"
"Was zahl' ich?" gigampfete Herr Schnabel. "Kommt drauf an!" Und er stieg mit der Stimme. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz und strich sich den Schnauzbart.
Frau Schnabel kannte das Gehaben ihres Gatten. Sie wußte: jetzt kam's zum Geschäft. Sie zeigte ein Lächeln, das schon im voraus ihre Zustimmung zu allen etwaigen Maßnahmen des Gatten zum Ausdruck brachte. Ein Lächeln, das, drüber hinaus, Ermutigung zu bedeuten schien für den glücklichen Kontrahenten, dem es gelungen war, das Interesse ihres Gemahls, des Herrn Schnabel vom "Krokodil" zu erregen.
"Minimum!" rief Flametti, der nun einmal den Schnabel gefaßt hielt und nicht gewillt war, ihn wieder loszulassen.
"Kommt darauf an, was ihr bringt!" schaukelte Herr Schnabel sich von den Absätzen auf die Zehenspitzen und von den Zehenspitzen wieder auf die Absätze.
Flametti zählte an den Fingern seine Mitglieder her: "Zehn Personen.Drei Lehrmädel."
"Gut", sagte Schnabel, "wenn du was bringst von dem Rotter, und alles anständig, dezent—: dreihundert Franken und am fünfzehnten könnt ihr kommen."
"Abgemacht!" schwitzte Flametti und streckte Herrn Schnabel die Hand zu über den Tisch. "Anna, 'ne Halbe!"
Jenny lag schon zu Bett, als Flametti von diesem an Aufregungen reichen Tage nach Hause kam.
"Na, Max, was ist? Was hast du erreicht?" Sie war sehr besorgt.
"Engagement im "Krokodil". Fünfzehnten fangen wir an."
Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn."Aber was spielen wir denn?"
"Morgen geh' ich zum Rotter."
Seltsame Dinge begaben sich im Hause Flamettis. Ein Brief kam an vonMechmed. Darin stand:
"Mein lieber Freund!
Ein schamloser Verdacht! Ich sitze hier in den Händen der Polizei und kann nicht heraus. Mein ganzer Besitz, einige Kilo Haschisch, konfisziert. Was wollen sie von mir? Ich habe keine Schuld an dem Anlaß. Hilf, Bruderherz! Im Namen der Freundschaft. Mechmed sitzt in den Händen der Polizei. Die Hände der Polizei geben schlechtes Essen und kein Luft. Und die Seele schreit mit dem Dichter:
Eilende Wolken, Segler der Lüfte, Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte!
Dein Freund Mechmed."
Und da der Brief keinen Stempel der Bezirksanwaltschaft trug, wußteFlametti, daß Mechmed seinem Handwerk treu geblieben war, würgte einschadenfrohes Gelächter und beeilte sich, seine Probetüten zu MutterDudlinger beiseite zu schaffen.
Und ein zweiter Brief kam an; für Frau Häsli; den sie vorlas mittags bei Tisch. Darin stand:
"Mein heißgeliebtes Herz!"
"Hört ihr?" rief sie, ""heißgeliebtes Herz" schreibt der Narr!"
"Mein heißgeliebtes Herz!
Sie haben mich genommen,…"
"Bein Militär", erklärte sie.
"… und es geht mir hier sehr gut. Ich habe acht Tage Dienst zu machen. Dann werde ich beurlaubt. Nichts ist's mit dem Jodeln. Ich blase die Trompete, trotz meiner Zahnlücke…"
"Er blost, er blost", schrie Frau Häsli und versuchte, den durch die Zahnlücke blasenden Gatten mit schief gezogener Schnauze zu vergegenwärtigen.
"Ich blase die Trompete und der Hauptmann ist sehr zufrieden mit mir.Strenger Dienst, und ich denke Dein in Liebe. Bleibt mir treu…"
"Toni, bleib' ihm treu!" schwadronierte die Alte.
"Bleibt mir treu und ehret mein Angedenken."
Frau Häsli machte eine verdutzte Pause. ""Ehret mein Angedenken"?", wiederholte sie befremdet. Dann auf jedes seiner Worte deutend:
"Meine Blicke ruhen auf euch und verfolgen jeden euerer Schritte."
"Jawohl", bemerkte Frau Häsli, "da kannst du lange verfolgen, meinLieber! Hähä! Seine Blicke verfolgen uns! Ja, übermorgen! Blos dudie Trompet'! Er blost die Trompet'! Der Häsli blost und seineSchritte verfolgen uns!"
"Süße, geliebte Lotte",
fuhr sie fort,
"Schick' mir ein Paar warme Unterhosen und schreibe mir ausführlich!Ich sehne mich nach euch und zähle die Tage bis zu meiner Rückkehr."
"Gott sei Dank!" sagte Frau Häsli und schob den Brief in ihren Brustlatz, "jetzt ham sie ihn. Sollen ihn nur recht zwiebeln. Ich werd' dem Hauptmann schon schreiben, daß er ihn sobald nicht wieder losläßt. Wie gesund der ist, wenns ans Prügeln geht! "Heißgeliebtes Herz!" Ja, Scheibenhonig!"
Und ein dritter Brief kam an, für Flametti, aus Basel. Darin stand:
"Werter Freund und Kupferstecher! Flametti!
Indem uns Deine Karte sehr gefreut hat, hätt'st auch einen Brief schreiben können. Damit man weiß, was ihr bringt en detail. Ich bin bereit, Dich zu akzeptieren für die fragliche Zeit und wenn ihr gefällt, dann noch länger. Die Alte kommt zu euch hinübergerutscht für einen Tag, weil sie noch andere Affären hat, und dann könnt ihr einig werden. Die Alte läßt grüßen. Grüß auch Jenny und bringt was rechtes mit.
Sacré nom du dieu!
Dein Fritz Schnepfe und Frau, Varietélokal, Basel."
Und Flametti nahm den Ausbrecherkönig beiseite und sagte: "Komm' mit!" Und sie gingen zum Einkauf und brachten zurück: Fünf Bettvorleger aus getigertem Fell und eine Negerlanze von den Sunda-Inseln, die sie erstanden hatten bei Herrn C. Tipfel, Antiquariat, wo Briefmarken, Seesterne und Smaragdkristalle in schillernder Auswahl das Schaufenster zierten.
Und überhaupt: eine gesteigerte Tätigkeit bemächtigte sich Flamettis.Leben kam in die Bude.
Niemand außer Jenny und Engel wußte, was die fünf Bettvorleger sollten. Aber sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehörte, mußte mit den Händen drübergestrichen und sie für gut befunden haben.
Sie blieben zunächst im Eßzimmer liegen. Sechs Franken neunzig dasStück. Fünfunddreißig Franken die Partie.
Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeisterbeiseite und sagte: "Herr Meyer, morgen nachmittag fünf Uhr:Soloprobe. C-Dur." Und machte mit zappelnden Wurstelfingern dieBewegung heftigen Klavierspielens.
Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fünfundsiebzig, schwarz, beim "Globus".
Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und man servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fräulein Rosa mußte ihn unterhalten, weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber einkaufen gehen mußte, um aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der Felle auf den roten Biber Kostüme zu fertigen von wilder, unerhörter Farbenpracht.
Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so brillant, daß Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken Abendmantel zu kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.
Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuß, eine schöner als die andre. Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute.
Fräulein Güssy lang, überlang, so was Langes haben Sie noch nicht gesehen. Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln, großen dunklen Kuhaugen und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre. Fräulein Traute kräftig, rosenrot, Hakennase. Stets kichernd und schamrot über den eigenen Busen, der prall und anbötig vorn abstand, und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Händen über die Hüften hinunterzuglätten: achtzehn Jahre.
Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und all dies Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa, hinter den Bretterverschlag, zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft dabehalten, und suchte sogleich mit Eifer sich nützlich zu zeigen.
Und Besuch kam nachmittags: Fräulein Raffaëla, Tänzerin, und FräuleinLydia, Tänzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichenMutter Donna Maria Josefa.
Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame. Sie setzte beide Hände trommelnd auf die Tischplatte und ließ ihre Augen schweifen, ohne den Kopf zu bewegen.
Ihre Nase war etwas gerötet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiß, das mit wahren Haifischzähnen besetzt war.
Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Töchter setzten sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:
"Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch?Mama, nimmst du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?"
Und Flametti sagte: "Jaja, Frau Scheideisen!" So hieß Donna MariaJosefa mit ihrem Privatnamen.
Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu denTöchtern:
"Greif' zu, Raffaëla! Greif' zu, Lydia!" wie zu alten Bekannten.
Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als säße sie bei einer Eröffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und lächelte gemessen, wenn man höflich war.
Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht Übel, arrangiert und eingefädelt, um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten, die Üppiger wurde von Tag zu Tag.
Die saß jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennenderBewunderung beim Anblick der Goldknöpfe von Donna Maria JosefasBlusenbusen.
Es begab sich aber, daß auch zwei Detektivs erschienen, einesNachmittags—schon wieder, Kreuzdonnerkeil!—, an die Türe klopften,ganz sachte, und Flametti zu sprechen wünschten, zwecks einerAuskunft.
Und er ging hinaus vor die Tür, nahm die Detektivs in die Küche und verhandelte mit ihnen.
Und eine innere Stimme sagte Flametti: Verdirb dir's nicht! Häng' sie nicht vors Fenster, sondern mach' Ihnen Vorschläge zur Güte!
Und das tat er auch. Aber es nützte nicht viel. Noch immer wegen der Quittung.
Und er stieß die Tür auf und kam hereingestürzt in die Stube, schloß seine Hauptkasse auf, stürzte den Inhalt auf den Eßtisch und schrie sehr erregt zu den skeptisch nachfolgenden beiden Beamten:
"Was wollt ihr denn? Seid doch vernünftig! Kann ich denn zahlen? Seht selbst! Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld! Da ist mein Ensemble…"
"Jenny, Rosa, Güssy, Traute!" rief er, und die kamen von rechts und links, im Unterrock, mit offenen Haaren, mit Lockenschere, Schuhknöpfer und Seifenhänden…
"Da ist mein Ensemble", rief er, und zerrte die Damen mit langenArmen zu sich heran, "man arbeitet doch! Man rackert sich ab! Manstudiert, simuliert! Man zahlt seine Steuern, man tut seinMöglichstes…"
Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch. Und es ist nicht einmal unwahrscheinlich, daß der Anblick so unterschiedlicher Frauenspersonen, in Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert, ihr Mißtrauen noch bestärkte.
Sie notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in dieKüche. Jetzt handelte sich's um den Mechmed.
"Haben Sie einen Türken gekannt: Ali Mechmed Bei?"
"Ja."
"Haben Sie mit ihm in Geschäftsverbindung gestanden?"
"Nein."
"War Ihnen bekannt, daß er mit Kokain, Opium und Haschisch handelte?"
"Ja."
"Nehmen Sie selbst Opium?"
"Nein."
"Haben Sie Kommissionsdienste für ihn übernommen?"
"Nein."
"War Ihnen bekannt oder mutmaßten Sie, daß seine Waren geschmuggelt waren?"
"Nein."
"Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?" etc.
Flametti gab Antwort auf all' diese Fragen nach bestem Wissen und Gewissen. Denn er hatte nichts zu verbergen. Aufgeplustert vor Wut und verlegen wie ein Schuljunge.
Und sie nahmen ihn nicht in Haft. Und wegen der Quittung würde er eine Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner Vermögenslage.
Flametti wurde furchtbar nervös im Lauf dieser Tage. Offenbar: großeDinge standen bevor. Wichtige Dinge. Geheimnis tut not, woSchicksale schweben. Störung ist fernzuhalten.
Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble, das Herr Rotter ihm zugesagt und bestimmtest versprochen hatte, nicht viel mehr, als daß die Musik in C-Dur ging; daß es voraussichtlich "Die Delawaren" hieß, und daß er selbst, Flametti, den Häuptling Feuerschein vorstellen würde, mit Lanze, Pfeilen und Tomahawk.
Aber gerade die letztere Aussicht, die Rolle des HäuptlingsFeuerschein, die Flametti bevorstand in den Prachtworten, die HerrRotter sicherlich für ihn finden würde; im exotischen Aufputz vollerGlut, Farbenpracht und Majestät;—Adlerfedern über den Rückenhinunter; Sandalen unten, Hakennase oben—veränderte gewissermaßenFlamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance.
Jetzt erst verstand er, weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble, Auftreten und Spielen verleidet gewesen; weshalb ihm all' seine letzten Tableaus so seicht, geistlos und platt erschienen. Schon diese Titel: "Die Modeweiber", "Die Nixen", "Die Nachtfalter"! Was konnten sie einem geben? Weiberzeug, süßlicher Schnack. Kitsch, Bruch.
Widerwillig hatte Flametti sie Abend für Abend im Repertoire geführt. Löckchen, Gefältel, Plissées, Frou-Frou—: er konnte nicht mehr. Er empfand einen Brechreiz.
Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden. Was Wunder!Sie standen im Mittelpunkt.
Dagegen: "Die Delawaren"! Wie das klang! Stierig, männlich, farusch, imposant! Das war eine Sache. Das schuf Respekt. Da ließ sich was ahnen!
Flamettis Benehmen wurde, schon jetzt, simpler, beruhigter, breiter.Seine Energie zäher, verbissen. Sein Selbstgefühl mächtig. DieLöwenbrust wölbte sich.
Wenn er die Hand auf den Tisch legte, zitterte dieser. Früher hatte er nicht gezittert. Wo Flametti hingriff, wuchs jetzt kein Gras mehr. Wen Flametti ansah, zuckte zusammen, erbleichte.
Er ließ, im Geist, seine Freunde Revue passieren und beschloß, zu lieben und hassen nur noch tödlich. Früher hatte er mit sich reden lassen.
Er beschloß, alle minderen Qualitäten aus seiner Gepflogenheit auszumerzen. Beschloß, seine Gastfreundschaft auszudehnen und selbstverständlicher zu gestalten. Beschloß, mehr zu sitzen, zu liegen. Weniger Aufregung, mehr Schwere und Weihe.
Seine Leidenschaft für Narkotika und für Alkohol solle befestigt werden. Opium: sehr gut. Feuerfressen: sehr gut. Das paßte. Und er beschloß, die Feuernummer von nun an wieder öfter und mit mehr Finsternis in der Geste zum Vortrag zu bringen.
Nicht soviel Anpassung. Mehr Würde. Magie. Nicht soviel Worte.Mehr lautlose Tat. Im ganzen: Vereinfachung. Wucht.
Und eines Morgens, als Flametti, in Träume versunken, vor die Tür seines Wigwams trat, im vollen Waffenschmuck, mit vergifteten Pfeilen; den Rauch seiner Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen: erhob sich ein solches Gekreische, Gelächter und Girren im Lattenverschlag bei den Tauben, daß Flametti beschloß, ein Exempel zu statuieren.
Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett, im Hemd, mit Bravour, und hinüber zum Lattenverschlag.
Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten.
Drein fuhr Flametti mit derber Hand und lüpfte die Decke.
Es leuchtet der Mond in der GondelnachtBlank, blänker, am blänksten.
Und Flametti griff zu und es klatschte.
Und die Lange flüchtete aus dem Bett. Und die Dralle mit dem geschamigen Busen schrie. Und die, die es traf, Rosa, die Sklavin, rang die gefalteten Hände, und flehte und sträubte sich fruchtlos gegen die sehnigen Häuptlingsarme.
Stolz kehrte Flametti zurück, die Brust geschwellt von männlichem Furor, die Augen gerollt vor strahlender Lust, und sagte zu Jenny, die neben ihm lag: "Die sollen mich kennenlernen!"
Neueinstudierungen wurden angeordnet unter Jennys Leitung, weil Max anderweitig beschäftigt war. Alte Kostüme wurden, unter Beteiligung der Lehrkräfte, repariert und aufgebügelt. Die neuen Kostüme probiert.
Und auch die Damen Jenny und Laura bekamen jetzt Lanzen, aus Besenstielen, rundum bemalt, gelb, grün und blau. Oben eine Spitze aus Goldblech.
Und damit auch das übrige Ensemble nicht müßig ging, hatten Engel und Bobby Beleuchtungsproben mit bengalischem Rot, wozu sie die Pfanne und Pulver besorgen mußten.
Herr Arista studierte ein neues Lied:
"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!Wozu haben wir's denn? Na ja!",
was sich auf seinen Busen bezog.
Auch die Häslis hatten für neues Programm zu sorgen und studierten mit dem Pianisten das interessante Terzett "Schackerl, Schackerl, trau di net!", das Frau Häsli ausgesucht hatte, an dem sich aber nach seiner Rückkehr vom Dienst auch Herr Häsli beteiligen sollte.
Es war offensichtlich Flamettis Ehrgeiz, aus der Premiere dieser "Indianer" einen Festzug zu machen, ein Ruhm—und Gedenkblatt für sich und das ganze Ensemble.
Wer weiß, was für Intentionen mehr er damit verband, was fürErbauungen und Hintergedanken! Soviel Sorgfalt wie auf diesesEnsemble hatte er noch auf keines verwandt. Soviel Aufwand undWichtigkeit waren kaum zu erklären.
Ein Plakat ließ Flametti entwerfen von einem ersten Maler derFuchsweide. Darauf stand in Majuskeln: "Die Indianer." Abgebildetwar Flametti als Häuptling Feuerschein in vollem Federnaufputz,Rothaut über und über, mit Ohrringen, Funkelaugen und einer Kette ausBärenzähnen.
Darunter aber stand: "Alleiniges Aufführungsrecht: FlamettisVarieté-Ensemble."
Hinging Max zu Herrn Fournier, dem Vorstand der Eisenbahner-Kapelle, und fragte ihn, ob er bereit sei, mit fünfzig Mann Blasorchester zur Stelle zu sein. Und welche Konditionen.
Vorsprach Flametti beim Beizer und legte ihm den Gedanken nahe, um Freinacht und Tanz einzugeben bei der Polizei, was Herr Schnabel zwar überrascht, aber bereitwillig versprach. Er hatte ja keine Ahnung.
Und zur festgesetzten Stunde traf Flametti Herrn Rotter imTerrassencafé.
Der Rotter war elegant wie immer. Er las gerade die "Daily Mail"—ob er das konnte? Ob das nicht Getue war?—, lud Flametti mit einer raschen, geschickten Handbewegung ein, Platz zu nehmen, setzte den Kneifer vor seine lidlosen, entzündeten Augen, rieb sich die Nase und zückte das Manuskript aus der Mappe.
Flametti bestellte ein Pilsner, und dann befummelten sie die Affäre.
"Also sieh her, Flametti!" sagte Herr Rotter, "das ist der Dreck."Dabei wog er das Manuskript auf der Hand.
Flametti beugte den Oberkörper herunter aufs Knie und rauchte Zigarre.
"Also es ist so: "Die Delawaren". Du machst den Feuerschein. Dieandern, die Weiber, fünf Stück, machen die Bande. Ausstattung:Fellkostüme, wie gesagt, Lanze, Tomahawk, Kopfaufputz. Musik: C-Dur.Beleuchtung: Rot. Einstudieren mußt du's selbst. Hier ist der Text."
Flametti bemerkte sofort, daß Herr Rotter Eile hatte, und beeiltesich seinerseits, aus der Brusttasche einen Fünfzigfrankenschein inBewegung zu setzen, der als Honorar vereinbart und von MutterDudlinger mit riskierender Teilnahme vorgestreckt worden war.
"Hier", sagte Flametti, indem er den Schein auseinanderfaltete, "jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert."
"Ah was, Bagatelle!" sagte Herr Rotter und steckte den Schein nachlässig in die Rocktasche.
Flametti hatte sofort das Gefühl: "der ist das Einheimsen gewohnt!" und erinnerte sich jener erstaunlichen Fertigkeit, mit der Herr Rotter im Germania-Cabaret die Pausen füllte durch Selbstverkauf seiner "Gesammelten Werke".
Flametti nahm das Ensemble jetzt an sich mit beiden Händen und begann zu lesen.
"Na, kannst es zuhaus in Ruhe studieren!" meinte Herr Rotter, "es klappt. Sei versichert!", und intonierte probeweise die erste Strophe.
Flametti gingen die Augen über vor Bewunderung.
"Die letzten von dem Stamm der Delawaren,Die KriegerscharenDer Delawaren—"
Ausschritten die Rhythmen in gravitätischer Folge.
Flametti fühlte, wie seine Nase schärfer wurde, energischer: eineAdlernase. Seine Augen kühner, verwegener, sprühend. Er fühlte dieLanze in seiner Faust. Die Federbüschel liefen ihm kalt über denRücken hinunter. Sein Unterkiefer schob sich vor in bestialischerVehemenz.
Der Ober, beladen mit einem Pack Zeitungen und einem Cafécrème, schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und stieß an den Stuhl. Flametti wäre ihm knapp an die Gurgel gefahren. So schreckte es ihn aus der Illusion.
"Klappt alles. Unbesorgt!" versicherte Rotter.
"Hören Sie zu", sagte Flametti, "ich hab' ein Plakat machen lassen:"Die Indianer". Großartig, imposant. Dreißig Franken. BeimLemmerle. Kennst ihn doch!"
"Schon gut! Mach' was du willst mit dem Dreck!" sagte Herr Rotter und drückte den Klemmer fest. "Ist ja nicht mein Beruf. Macht man so nebenbei."
"Schau", meinte Flametti treuherzig und verlegen, "mich packt's. Mußt nicht so sprechen. Mir tut's weh. Mich freut's halt. Akkurat weil du mir die "Indianer" gemacht hast. Siehst du, ich hätte dir auch einen Hunderter gegeben, wenn du's verlangt hätt'st."
Rotter kraulte sich mit dem Taschentuchzipfel im Nasenloch und sah über den Kneifer weg Flametti an, als traue er seinen Ohren nicht.
"Wirst mal sehen", meinte der, "wenn die Beleuchtung dazu kommt, Musik, Reklame, der ganze Klimbim!" Und er versuchte, durch gleichzeitige Anspannung aller Gesichtsmuskeln, Wackeln der Ohren, vorgeschobenen Unterkiefer, Hochziehen der Brauen, einen Begriff zu geben von der Schlagkraft der Dinge, die dann kommen würden.
"Apropos", behielt Rotter sich vor, "bei der Hauptprobe will ich dabei sein. Damit ich auch sehe, was ihr draus macht."
"Sowieso", beruhigte Flametti. Und um zuverlässig zu beweisen, daß das Ensemble in guten Händen sei: "Fünfzig Mann Blasorchester!" Und nahm einen tiefen Schluck Pilsner.
"Das ist alles nichts", meinte Rotter, "wenn ihr den Schick nicht trefft. Wenn das gewisse Etwas fehlt."
"Es kommt", versicherte Flametti, "da ist das Wort zuviel."
"Na, wollen mal sehen", schloß Rotter und griff nach der Daily Mail,.
Flametti fühlte sich unbehaglich.
"Zahlen!" rief er, "hab's pressant!" und der Kellner kam, undFlametti reichte Herrn Rotter indianisch die Hand, sagte "Salü!" und"Merci!" und ging. Ein unerhört despektierliches Wort unterdrückteer, als er das Lokal verließ.
Zu Hause aber warf er sich aufs Sofa und las. Las mit immer wilderem Entzücken, immer hellerer Begeisterung. Las das Ensemble von A bis Z, ertrank darin; ritt, galoppierte, rasselte, tobte; donnerte, blitzte und fluchte; strahlte und weinte, lachte und staunte.
Setzte sich hin und schrieb mit kalligraphischen Lettern, Silbe klar an Silbe reihend—er war ja der Sohn eines Lehrers—die Rollen heraus.
Sprechproben wurden angesetzt; Ensembleproben. Die Rollen wurden verteilt. Persönlich probte Flametti vor dem Spiegel.
Probierte mit den Mädels, teilte Ohrfeigen aus, rannte Köpfe an dieWand; schrie, brüllte und fluchte.
Konnte gar nicht Worte genug finden, sein Erstaunen über die Borniertheit dieser Weiber, Jenny und die Soubrette mit eingeschlossen, kundzugeben.
Es ging denn auch rapid vorwärts. Nach drei Tagen saß schon der Text. Nach weiteren drei Tagen saßen auch die Bewegungen, Auf—und Umzug des Ensembles auf der Bühne.
Was hatten die armen Weiber alles für Vorstufen durchzumachen, bis sie wirkliche, richtige, echte Indianer waren! Kalb, Ochs, Esel, säbelbeiniges Frauenzimmer, Schmerbauch, Mistvieh, Bauer! Was alles mußten sie anhören in hartem Ringen um die Kunst!
Und erst die Bewegungen! Bis die saßen! "Links! Links! Links herum, Stoffel!!!"… "Vor, die Lanzen! Hoch den Tomahawk! Runter aufs Knie!"… "Um mich herum! Vor mich hin! Ich beschütze euch!".. . "Apotheose! Verklärung! Verklärte Augen sollst du machen, Mistvieh damisches!"
Und die Musik, bis die saß! "Hörst du denn nicht?? Sperr' deine Löffel auf! Wozu hast du denn deine Windfänger! Die Nasenlöcher kannst du doch auch aufsperren!"… "Den Allerwertesten werd' ich dir treffen, wenn du nicht aufpassen willst. Himmelherrgottsakrament, sperr' deine Ohren auf!!!!"
Aber dann ging's auch wie am Schnürchen, nach sechs Tagen, und alle waren des Lobes voll und bekamen allmählich Geschmack an der Sache und machten die Bewegungen von selbst; auch bei Tisch, beim Zubettgehen, beim Morgenkaffee; im Hemd und in Unterkleidern. Sangen, pfiffen und trällerten die Musik vor sich hin, die Herr Meyer feinsinnig aufgefaßt hatte und kongenial wiedergab.
Und Flametti studierte solo mit Meyer ein: den Auftritt desHäuptlings.
Unten in der Musik muß es donnern und blitzen: Brwrr, brwrrrr, worgeln und tremolieren. Dann muß die rechte Hand höherlaufen. Feuerschein kommt von links, späht durch das Kulissenfenster der Bauernstube, drohend, erschrecklich, in hohem, dämonischem Federnschmuck, mit der Lanze. Kommt dann heraus auf die Bühne, vorsichtig, schleichend, verfolgt, den Kopf spähend vorgestreckt, die Halsmuskeln gespannt, den Tomahawk mordbereit. Verschwindet unter Donner und Blitz der Musik in der Kulisse rechts. Es beginnt das eigentliche Ensemble. C-Dur. Andante. Mächtig und breit: Auf dem Kriegspfad:
"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,Die KriegerscharenDer Delawaren…"
Dann haben zu singen die Weiber, mit vorstellender Handbewegung zuFlametti gewandt:
"Der tapfre Häuptling Feuerschein…"
Und Flametti antwortet mit stolz erhobenem Haupt und gestrafftenZügen:
"Mit seinen wilden Mägdelein…"
Dann tutti, zum Publikum gewandt mit dargebotener Rechten:
"Entbieten euch die Freundeshand Zum Gruß. Schlagt ein!"
An den Türken dachte Flametti nicht mehr, seit er Indianer geworden war. Aus dem Opiumhandel war nichts geworden. Desto besser. "Wenn nicht, dann nicht!" hieß es in einem Couplet der Soubrette.
Dafür hatte Flametti jetzt selbst einen Harem, und gewissenhaft war er darauf bedacht, seiner Illusion Greifbarkeit zu verleihen. Einteilte er seinen Wigwam in drei Gemächer.
In der Mitte die Stube wurde das Häuptlingszelt, wo man Beratungpflog, Botschaften empfing, Mahlzeiten einnahm, Siesta hielt. DasSchlafzimmer rechts davon ward zum Gemach der obersten Lieblings—undHauptfrau. Der Bretterverschlag links Kemenate der Favoritinnen undNebenfrauen.
Das ideal in der Mitte gelegene "Hauptgemach" erregte zwar den heftigen und unverhohlenen Widerspruch der Lieblings—und Hauptfrau, aber Flametti ließ sich nicht beirren, und bald hatte er es denn auch dahin gebracht, den Begriff seiner männlichen Würde und überlegenheit von den Kebsweibern akzeptiert zu sehen. Und es war ein zwar ungewöhnlicher, aber in seiner Totalität strammer Anblick für Mutter Dudlinger, eines Tags den Häuptling in vollem Kriegsschmuck zu finden beim Anprobieren der fertigen Fransenhosen, um ihn herum die Haupt—und die Nebenfrauen, hockend mit Herstellung kleiner roter Lämpchen beschäftigt, die dazu bestimmt waren, von den Delawaren auf dem Kriegspfad an langen Schnüren als Beleuchtungskörper geschwungen zu werden. Herr Schnabel, der Wirt, hatte sich nämlich das bengalische Pulver verbeten, des unbändigen Gestanks wegen, den die beiden Feuerwerker schon auf der Probe damit hervorgebracht hatten.
Solcherlei Zurüstungen konnten der Konkurrenz nicht verborgen bleiben.
Der Neid war grenzenlos. Die Versuche, Flametti das Wasser abzugraben, gingen ins Lächerliche.
Pfäffer zeigte an:
"Die exzentrische Schwiegermutter oder eine Nacht am Orinoko. Posse in drei Akten!"
Einen absonderlichen alten Onkel mit Botanisierbüchse und rotem Regenschirm sollte Fräulein Mary singen, eine zwar nicht mehr jugendliche, aber sympathische Darstellerin, von der Jenny beruhigt voraussah, daß sie mit ihren Beinen eines alten Kaleschengauls, abgewetzt, knollig und dürr, notwendig müsse Fiasko machen.
Ein andrer Direktor begann ebenfalls "Indianer" einzustudieren, die er "Komantschen" nannte. So daß Flametti sich genötigt sah, unter das Plakat des Herrn Lemmerle noch setzen zu lassen: "Jede Nachahmung verboten! Wer die Indianer nachmacht, wird gerichtlich verfolgt!"
Den Vogel aber schoß Ferrero ab. Unter Zuhilfenahme maßloser Reklame zeigte er an: "Lullu Cruck, König aller Bauchredner! Man lacht, lacht, lacht!"
"Krampf!" lachte Flametti, "Macht er ja selbst."
Flamettis Selbstgefühl erreichte den Gipfel. Und als eines Tages die Zusage des Herrn Fournier eintraf wegen der fünfzig Mann Blechmusik; als Herr Schnabel die Erlaubnis vorzeigte für Freinacht und Tanz; als endlich die Hauptprobe angesetzt werden konnte, da fand er sogar den Mut, dem Rotter die Spitze zu bieten. Und das war gut, denn um ein Haar wäre durch Rotters provozierendes Benehmen noch auf der Hauptprobe alles gescheitert.
Haltlos ironisch, wie es seiner Gemütsart entsprach, kam Herr Rotter am Tage der Hauptprobe an in Lackstiefeletten und Streifenhosen, den Koks keck auf den Kopfwirbel geschoben: Dandy, Genießer und Zyniker.
"Nu man los!" rief er, indem er sich vorn an die Bühne placierte,Arme und Beine verschränkt, an den Wirtstisch gelehnt.
"Hoch mit die Röcke!" rief er dem vorhangbedienenden Engel zu.
"Wa?" schnodderte er die Kellnerin an, die ihn nach seinen Belieben fragte.
Flametti verstand nicht, wie sich ein Mensch seinem eigenen Geisterprodukt gegenüber so heillos frivol benehmen könne. Ihn schauderte. Doch er versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und schwieg.
Als aber der Auftritt kam:
"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren"—die selbstverfaßte Häuptlingsouvertüre unterdrückte Flametti in einer Anwandlung von Unsicherheit—, als also der Auftritt kam und Herr Rotter in ein prustendes Gelächter ausbrach, und als infolge der höchlichen Laune des Herrn Autors auch die fellgegürteten Weiber auf der Bühne anfingen, die Sache lustig zu finden, da riß Flametti die Geduld.
Auf den Hacken drehte er sich vor Wut wie ein kirrender Hahn. Die Lanze stieß er auf den Boden, daß das Bauernhaus rechts und die Renaissancelandschaft im Hintergrund ins Wackeln gerieten. Hochrot wurde er im Gesicht wie ein Puter. Und er schrie mit drosselnd erhobenen Händen im Dialekt seiner Heimat über die Rampe hinunter:
"Wellet Se sich nit einen Augenblick auf Ihre vier Buchstaben setzen, Herr Dichter? Nur einen Augenblick, wenn es gefällig ist! Sie seh'n doch, daß hier gearbeitet wird."
Der Rotter war ganz überrascht. Das war ja eine unglaubliche Frechheit von diesem Flametti! Was fiel dem eigentlich ein! Das war doch die Höhe!
Hoch hob er sein Stöckchen, fitzte es durch die Luft und rief auf dieBühne hinauf:
"Sie, hören Sie mal: Hab' ich mit Ihnen vielleicht mal die Schweine gehütet oder hab' ich Ihnen das Ensemble geschrieben? Das Frauenzimmer dort mit der Gurkennase ist doch unmöglich!"
Das Frauenzimmer mit der Gurkennase war Fräulein Rosa. Und Flametti sah hin und stand einen Moment lang betroffen.
"Ich hab' das Ensemble doch, Gott verdamm' mich, für Hakennasen und nicht für Himmelfahrtsnasen gemacht!"
Er schlug mit dem Stöckchen C-Dur an und rief:
"Na, mal weiter!"
Aber Flametti war jetzt die Lust vergangen.
"Lassen Sie das Klavier in Ruh!" schrie er herunter und fuchtelte mit der Lanze. "Was fällt Ihnen eigentlich ein? Sind Sie hier Direktor oder ich?"
Herr Rotter jedoch wurde auffallend ruhig, nahm sachte sein Stöckchen von den Tasten, rückte die Mütze zurecht und sagte:
"Hören Sie mal! Wenn Sie glauben, Sie Botokude, mich für Ihre fünfzig Franken hier anschreien zu können, dann sind Sie im Irrtum."
"Und Sie", rief Flametti, stellte die Lanze hin und sprang, in vollem Häuptlingsschmuck, über die Bühne herunter, "machen Sie, daß Sie rauskommen. Raus! Ich habe genug von Ihnen."
Und da Herr Rotter als Antwort hierfür nur ein spöttisches Grinsen hatte, die Stirnhaut hochzog, die Ohren bewegte und den Blöden spielte, packte Flametti den Patron am ärmel und spedierte ihn höchst persönlich durch das Lokal zum Büfett, wo Herr Schnabel automatisch und ohne zu fragen sich seiner annahm und ihn im Hinblick auf seine moralische Zweideutigkeit vor die Türe setzte.
Nachdem der Dichter entfernt war, ging alles glatt. Von vorne, von vorne, und nochmal von vorne, bis daß es saß.