Abb. 30.Ober- und Unteroffiziere von den St. Georgs-Schützen(1639).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 30.Ober- und Unteroffiziere von den St. Georgs-Schützen(1639).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
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Abb. 31.Bildnis eines Admirals oder Seekapitäns.Im Ermitage-Museum zu St. Petersburg.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 31.Bildnis eines Admirals oder Seekapitäns.Im Ermitage-Museum zu St. Petersburg.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
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Abb. 32.Entwurf zu dem Gemälde: „Die Vorsteher des St. Elisabeth-Krankenhauses“ im Haarlemer Museum.Zeichnung in der Albertina zu Wien.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
Abb. 32.Entwurf zu dem Gemälde: „Die Vorsteher des St. Elisabeth-Krankenhauses“ im Haarlemer Museum.Zeichnung in der Albertina zu Wien.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
Wenn wir uns eine lebendige Vorstellung machen wollen von den Helden, welche damals mit und unter Tromp für Hollands Macht und Ehre stritten, so können wir uns keinen sprechenderen Charakterkopf denken, als derjenige ist, der aus dem prachtvollen Bildnis eines unbekannten Offiziers zu uns spricht, welchen Franz Hals in eben jener Zeit gemalt hat (Abb. 31). Das Bild befindet sich in der kaiserlichen Gemäldesammlung der Ermitage zu St. Petersburg, deren Meisterwerke auch weiteren Kreisen von Kunstfreunden durch mustergültige photographische Wiedergaben zur Kenntnis gebracht zu haben ein nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst der Anstalt von Braun & Cie. in Dornach ist. Wir sehen einen noch ziemlich jugendlichen Mann, der in selbstbewußter, aber ungesuchter Haltung, den rechten Arm keck auf die Hüfte gesetzt, uns halb von derSeite ansieht. Hinter ihm öffnet sich ein Ausblick auf den Schauplatz seiner Thaten, auf die weite, dunkle See. Jahre des Kampfes gegen Wind und Wetter, wie gegen die Waffen der Feinde, haben die Züge des von Natur rundlichen Gesichtes hart und groß gemacht. Aus jeder dieser markigen Formen spricht die Kraft eines eisernen Willens und die Lust zu kühnen Unternehmungen; aber auch das erkennen wir, daß der harte Kriegsmann gern bereit ist, die Lebensgenüsse, welche die Gunst einer flüchtigen Stunde ihm bietet, in vollen Zügen auszukosten, und daß er gutgelaunt an Scherzen Gefallen findet, die gar nicht so sehr fein zu sein brauchen. Trefflich steht zu diesem wetterfesten Gesicht die Umrahmung durch das in dichter Fülle unter dem breitrandigen Filzhut hervorquellende, gleich einer Löwenmähne herabwallende Haar. Das Haar so lang und so ungekünstelt zu tragen, war jetzt die neueste, vielleicht zuerst bei den Kriegsleuten aufgekommene Mode — die mancher freilich nur mit Hilfe einer Perücke mitzumachen im stande war; diese Mode verdrängte jetzt vollständig die früher lange Zeit hindurch herrschend gewesene Sitte, das Haar ganz kurz scheren zu lassen, wie wir es auf dem Schützenbild von 1616 bei fast sämtlichen Personen, bei demjenigen von 1639 aber nur noch bei einem einzelnen alten Herrn sehen. Wie meisterhaft Franz Hals das Beiwerk der Kleidung als etwas Nebensächliches zu behandeln und dabei doch auf das treffendste zu kennzeichnen und zur Wirkung zu bringen wußte, davon gibt dieses Bildnis ein ausgezeichnetes Beispiel. Mit welcher kecken Sicherheit die Spitzen des Weißzeugs, das polierte Metall des Harnisches, die derben Falten des starkstoffigen Wamses und die leichte Seide der Schärpe in schnellen, bald breiten, bald spitzigen Pinselstrichen hingemalt sind,das ist auch in der Abbildung deutlich zu erkennen, dank der selbst das malerische Machwerk bis ins einzelne wiedergebenden Schärfe der Braunschen Photographie.
Abb. 33.Die Vorsteher des St. Elisabeth-Krankenhauses(1641).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 33.Die Vorsteher des St. Elisabeth-Krankenhauses(1641).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
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Abb. 34.Hille Bobbe.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Abb. 34.Hille Bobbe.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Abb. 35.Hille Bobbe und der Raucher.In der Königlichen Gemälde-Galerie zu Dresden.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 35.Hille Bobbe und der Raucher.In der Königlichen Gemälde-Galerie zu Dresden.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
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In der Reihe der von Franz Hals gemalten großen Gruppenbildnisse, welche die Sammlung des Haarlemer Rathauses schmücken, folgt der Zeit nach auf das Schützenstück von 1639 ein Genossenschaftsbild ganz anderer Art. In diesem Bilde, welches im Jahre 1641 entstanden ist, sehen wir eine Anzahl von Bürgern vereinigt, welche sich nicht zu gemeinsamer Übung der Wehrhaftigkeit, sondern zu Zwecken der Wohlthätigkeit zusammengefunden haben. Es sind die Vorsteher des St. Elisabeth-Hospitals zu Haarlem (Abb. 33). Die fünf „Regenten“ des Krankenhauses haben sich in einem schmucklosen Zimmer um einen kleinen Tisch, auf dem sich Schreibgerät befindet, versammelt. Alle haben ihre Hüte auf; denn die Bürger der freien Niederlande legten Wert darauf, daß bei öffentlichen Zusammenkünften jeder seinen Kopf bedeckt hielt, zum Zeichen der Gleichberechtigung. An den nachdenklichen Mienen der ernsten Männer erkennen wir, daß es eine wichtige und schwierige Angelegenheit ist, welche sie in Anspruch nimmt. Einer der Herren, der in der Mitte des Bildes sich dem Beschauer gegenüber befindet — vermutlich der Vorsitzende — hat eben seinen Bericht beendet; seine Rechte ruht noch auf einem Büchlein, aus dem er seine Nachweise vorgelesen hat; die Finger seiner Linken spielen mechanisch mit einer Quaste der Kragenschnur oder mit einem Rockknopf. Auf seine Worte ist ein Augenblick allgemeinen Schweigens gefolgt. Mit geschlossenen Lippen und geschlossenen Händen erwägt der Schatzmeister — für diesen müssen wir ihn nach den vor ihm ausgebreitet liegenden Geldstücken halten — das eben Gehörte. Auch der bejahrte Herr, der dem Vortragenden gegenübersitzt, hat noch keine Antwort gefunden auf die Frage, welche in dessen Zügen liegt; er wendet den Kopf und sieht ins Weite, seine Hand liegt ausgestreckt am Rande des Tisches, gleich wird er anfangen mit den Fingern zu trommeln. Wer zuerst das Wort ergreifen wird, darüber können wir keinen Augenblick im Zweifel sein. Es ist der jüngere Mann mit dem vollen, freundlichen Gesicht, der in Zügen und Haltung Lebhaftigkeit und Freimütigkeit erkennen läßt, und der ein gewisses heiteres Wesen auch in seiner Kleidung nicht verbirgt; seine Lippen scheinen sich schon zu schnell fertigem Wort zu öffnen. Dagegen wird das jüngste Mitglied nur leise seine bescheidene Bemerkung dem Vorsitzenden zuflüstern, sobald dieser, durch eine schüchterne Berührung seines Ärmels auf den hinter ihn getretenen jungen Mann aufmerksam gemacht, sich nach demselben umwenden wird. — Die abgerundete Zusammenfassung der Bildnisse zu einer Art von Genrebild, so daß die dargestellten Personen nicht, um sich dem Beschauer zu zeigen, sondern um ihrer gegenseitigen Beziehungen willen da zu sein scheinen, ist hier dem Meister in der denkbar vollkommensten Weise gelungen. In der malerischen Wirkung und der Farbenstimmung ist dieses Bild wesentlich verschieden von den früheren Gruppenbildern. Die schwarzen Kleider der Männer, die Tischdecke, deren Grün so dunkel ist, daß es kaum noch als Farbe wirkt, die dunkelgraue Wand des Zimmers, deren Kahlheit nur von einer Landkarte ohne bestimmte Farbe unterbrochen wird, alles das bildet eine zusammenhängende Dunkelheit, aus der die Gesichter und Hände mit den weißen Kragen und Manschetten hervorleuchten in einem warmen, scharfen, beinahe sonnenscheinähnlichen Licht. Es ist nicht zu verkennen, daß Hals, so fest und ausgeprägt seine eigene Art und Weise auch war, in dieser Zeit einer Einwirkung nicht hat widerstehen können, die von den Werken Rembrandts ausging. Rembrandt hatte ja schon im Jahre 1632, als ein noch junger Maler, durch das genremäßig angeordnete Gruppenbild der Regenten der Chirurgengilde von Amsterdam das größte Aufsehen erregt, und um das Jahr 1640 stand er auf der Höhe der Schaffenskraft und der Berühmtheit.
Unter der geringen Zahl von Handzeichnungen, welche mit einiger Wahrscheinlichkeit dem Franz Hals zugeschrieben werden, befindet sich eine — in der Albertina zu Wien —, welche dem Regentenstück von 1641 bis ins einzelne genau entspricht (Abb. 32). Wenn dies wirklich der Entwurf des Meisters zu dem Gemälde ist, so wird dadurch nur bestätigt, was man auch sonst als wahrscheinlich annehmen müßte, daß Franz Hals seinen Bildern keine langen Überlegungen und Vorarbeiten vorausgehen ließ, sondern daß er mit der nämlichen Schnelligkeit, mit welcher er die Erscheinung einer Einzelperson auffaßte, sich auch über die Anordnung eines Gruppenbildes gleich im klaren war. Jedenfalls übertrifft das ausgeführte Gemälde den flüchtigen Entwurf sehr weit in Bezug auf Leben und Ausdruck; bei vielleicht den meisten Malern pflegt das Gegenteil der Fall zu sein.
Abb. 36.Tyman Oosdorp.Gemalt 1656. Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Abb. 36.Tyman Oosdorp.Gemalt 1656. Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Einen von Rembrandts Gemälden ausgehenden Einfluß glaubt man noch in verschiedenen um das Jahr 1640 herum entstandenen Bildern von Franz Hals wahrzunehmen. Immerhin war dieser Einfluß ein ganz vorübergehender. Hals kehrte bald zu seiner eigenen Art und Weise des malerischen Sehens zurück, deren Besonderheit sich von nun an in deutlich wahrnehmbarer Weise immer stärker ausprägte. Schon seine früheren Bilder — abgesehen etwa von dem Schützenstück von 1616, bei welchem diese Eigenart noch nicht recht entwickelt erscheint, und von den Hauptwerken der Zeit um 1630, wo sie der Kraft und Freudigkeit der Farbengebung gegenüber wieder mehr zurücktritt — zeichnen sich durch einen überaus feinen einheitlichen hellen Ton aus, welcher alle Farben gleichsam überzieht und eine reizvolle harmonische Ruhe hervorbringt, mögen die einzelnen Farben auch noch so heitersein. Dieser Ton ist bei den verschiedenen Bildern verschieden, je nach der beabsichtigten Stimmung. Ungefähr seit der Mitte der dreißiger Jahre aber wird derselbe fast ausschließlich ein lichtes Grau, dem Ton des natürlichen Tageslichts bei bedecktem Himmel entsprechend. In den vierziger Jahren kehrt dann, nachdem die Versuche mit dem zusammengehaltenen Rembrandtschen Licht überwunden sind, der gleichmäßige Ton in verstärktem Maße wieder, um sich in der Folgezeit immer mehr zu steigern, fast bis zur Unterdrückung der Lokalfarben, d. h. der den einzelnen Dingen von Natur eigenen Farben, durch den Gesamtton. Und je mehr der Ton das Übergewicht über die Farben bekommt, um so mehr vertieft sich derselbe, bis er schließlich beinahe schwärzlich wird, ohne aber darum jemals ins Trübe zu verfallen und den Bildern die leuchtende Wirkung zu nehmen. Diese allmähliche Steigerung des grauen Tones tritt so ausgeprägt in die Erscheinung, daß nach seiner geringeren oder größeren Stärke und Tiefe die Entstehungszeit der Bilder, welche Franz Hals in den letzten 25 Jahren seines Lebens malte, durch Kundige mit Sicherheit bestimmt wird.
Gewiß nicht mit Unrecht wird darauf hingewiesen, daß die allgemeine Stimmung der Bilder eines Künstlers — die natürlicherweise etwas anderes ist als die besondere Stimmung, die derselbe absichtlich einem jeden einzelnen Bilde einhaucht — der unwillkürliche Ausdruck der allgemeinen Seelenstimmung desselben sei. Bei Franz Hals verdüsterte sich das Leben in demselben Maße, wie er seine Bilder in immer dunkleres Grau tauchte. Der lustige Meister war ein schlechter Haushalter. Wenn auch für die vierziger Jahre noch die urkundlichen Belege dafür fehlen, daß er sich in traurigen Verhältnissen befand, so genügt in dieser Hinsicht doch die eine Thatsache, die wir aus dem Jahre 1652 erfahren. In diesem Jahre mußte Franz Hals eine Anzahl von Gemälden und einen Teil seines Hausrats einem Bäckermeister verpfänden für rückständige Brotschuld und für bar geliehenes Geld. Der Gläubiger war indessen so anständig — und das spricht für das Ansehen, dessen Hals sich noch erfreute, — daß er die ihm zuerkannten Möbel und Bilder nicht in Besitz nahm, sondern dem Künstler auf Widerruf gestattete, dieselben zu behalten.
Übrigens waren weder die Armut noch das herangekommene Greisenalter im stande, des Meisters unverwüstliche Lebenslust, seine Freude am Lachen und seinen köstlichen Humor zu unterdrücken.
Das spricht mit voller Deutlichkeit aus seinen Bildern. Um das Jahr 1650 fand Franz Hals einen Gegenstand zu von Humor sprühender bildlicher Wiedergabe in der alten „Matrosenmutter“ Hille Bobbe, der „Hexe von Haarlem“. Als eine Hexe zwar äußerlich ausstaffiert durch eine auf ihre Schulter gesetzte Eule, von Herzen aber sicherlich gutmütig in ihrem derb-lustigen Wesen, so schaut sie uns in dem berühmten, kostbaren Brustbild des Berliner Museums entgegen (Abb. 34). Über was für Zauberkünste die Hille Bobbe in ihren alten oder jungen Tagen verfügt haben mag, wissen wir freilich nicht. Aber ein wirklicher großer Zauberer muß wahrhaftig der Maler sein, der uns so unwiderstehlich festzubannen weiß vor diesem mit breiten, Schlag auf Schlag sitzenden Pinselstrichen hingeworfenen, beinahe farblosen Gemälde, der uns einen Schönheitsgenuß bereitet durch den Anblick dieses so lächerlich häßlichen, eine starkeNeigung zu geistigen Getränken verratenden Gesichts, in welchem ein unbändiger plötzlicher Lachreiz alle Furchen stürmisch bewegt! — Kaum weniger komisch wirkt die Alte in einem Bilde der Dresdener Galerie, wo sie in einem Augenblick der Entrüstung aufgefaßt ist. Ein Stammgast ihrer Kneipe macht sich einen Spaß, indem er leise hinter ihren mit Fischen bedeckten Ladentisch getreten ist und, eine Wolke von Tabaksqualm ausstoßend, sie mit weit aufgesperrtem Munde anblökt; sie weicht unwillkürlich erschreckt zur Seite, sieht sich dabei aber mit lautem Keifen nach dem Störer um; aber wie ungehalten sie auch im Augenblick ist, man sieht doch, daß das Schelten sich gleich wieder in Lachen auflösen wird (Abb. 35).
Abb. 37.Bildnis eines vornehmen Mannes.Im Ermitage-Museum zu St. Petersburg.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 37.Bildnis eines vornehmen Mannes.Im Ermitage-Museum zu St. Petersburg.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
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Dieses letztere Bild ist wohl schwerlich ganz von der Hand des alten Franz Hals, denn so viel Beiwerk, und so sorgsam ausgeführtes totes Beiwerk, wie es hier die Fische sind, war nicht die Sache des alten Meisters, den nichts anderes mehr reizte, als die Wiedergabe des pulsierenden Lebens in Gesicht und Händen der Menschen. Wir dürfen hier wohl an die Mitwirkung seines gleichnamigen Sohnes, Franz Hals des Jüngeren, denken. Nicht weniger als vier Söhne zog der Meister zu Nachfolgern seiner Kunst heran, von denen freilich keiner ihm selbst gleichzukommen vermochte, von denen aber mindestens jener Franz sehr achtbare Erfolge erzielte, besonders auch auf dem in der holländischen Malerei jetzt neu aufkommenden Gebiet des sogenannten Stilllebens. Es verdient erwähnt zu werden, daß ein niederländischer Kunstschriftsteller der Zeit hervorhebt, die Söhne des alten Hals seien in der Gesellschaft beliebt gewesen, weil der Freimut, die Lebenslust und die gute Laune des Vaters sich auf sie alle vererbte.
Außer den eigenen Söhnen bildete Franz Hals noch eine ganze Anzahl von Schülern aus, die alle mit großer Ehrfurcht zu dem Meister hinaufschauten, und die auch gern dessen Ratschläge hörten, nachdem sie selbst schon längst es zu etwas Tüchtigem gebracht hatten. In dem Museum des Haarlemer Rathauses befindet sich ein künstlerisch zwar wenig Bedeutendes, inhaltlich aber höchst interessantes Gemälde, welches uns einen Blick in den Kreis von Malern thun läßt, die in der Zeit gegen die Mitte der fünfziger Jahre den alten Hals als ihren Meister verehrten. Das Bild stellt ein Atelier dar, die Werkstatt des Franz Hals; eine Anzahl von Malern, die meistens schon nicht mehr ganz jung sind, ist dort versammelt, um nach dem Aktmodell zu zeichnen. Es rührt von der Hand eines der jüngeren der darauf Abgebildeten her, des Job Berck-Heyde (geboren 1630, gestorben 1693 zu Haarlem). Wen die Hauptpersönlichkeiten vorstellen, darüber besteht kein Zweifel, da die Namen auf der Rückseite angegeben sind. Unter anderen, deren Namen die holländische Kunstgeschichte mit Ehren nennt, sitzt da neben den Söhnen des alten Meisters auch dessen jüngerer Bruder Dirk (Dietrich) Hals, schon ein bejahrter Mann, nahe dem Ende seiner Laufbahn (er starb 1656), bekannt als einer der Begründer der holländischen sogenannten Gesellschaftsmalerei, welche das Treiben lebenslustiger Kavaliere und schön gekleideter Damen in sauber ausgeführten Genrebildern wiederspiegelt. Der greise Meister selbst steht an der Thür und begrüßt den eben eintretenden Philipp Wouwerman, den gefeierten Maler von feinen Pferde- und Reiterbildern.
Abb. 38. „Der junge Mann mit dem Schlapphut.“In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Abb. 38. „Der junge Mann mit dem Schlapphut.“In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Die berühmtesten Schüler des Franz Hals befinden sich nicht unter den Insassen des von Berck-Heyde gemalten Ateliers. Das waren die großen Genremaler Adrian Brouwer, der schon 1638 im Alter von nur dreiunddreißig Jahren gestorben war, und Adrian von Ostade (geboren 1610, gestorben 1685). Wenn auch Maler verschiedener Richtungen, Bildnismaler, Stilllebenmaler, Landschafter und selbst Architekturmaler, die Unterweisung des Franz Hals aufsuchten und gleichmäßig Nutzen zogen aus der Lehre und dem Beispiel des Meisters der schärfsten Beobachtung und der sichersten Hand, so wirkte seine Lehrthätigkeit doch am fruchtbarsten und nachhaltigsten auf die Genremalerei. Um seiner genremäßig aufgefaßten Darstellungen von charakteristischen Persönlichkeiten aus den hohen und niedrigen Schichten des holländischen Volkes willen könnte man ihn fast als den Vater der in Holland bald so sehr volkstümlich werdenden eigentlichen Sittenbildmalerei bezeichnen. Auf seiner Kunst, den Charakter eines Menschen im Bilde schlagend zu kennzeichnen und das Leben selbst inseinen flüchtigsten Äußerungen mit sicherem Griff zu erfassen und auf die Leinwand festzubannen, auf dieser seiner Kunst fußte, wie das elegante, freilich mitunter sich auch in recht gemischter Gesellschaft bewegende Gesellschaftsstück, so auch die nach der entgegengesetzten Seite sich wendende Schilderung des Bauernlebens in seiner Urwüchsigkeit und Derbheit und seiner tollen Festtagsfreude. Was die Volks- und Bauernstücke von Adrian Brouwer und Adrian von Ostade zu den höchstgeschätzten Erzeugnissen der holländischen Genremalerei gemacht hat, die treffende Charakterzeichnung, das volle, frische Leben, der köstliche unbefangene Humor und nicht minder der feine Ton der Farbengebung, all diese Eigenschaften sind entwickelt und ausgebildet worden in der Schule des Franz Hals.
Der alte Meister sah manchen seiner Schüler zum berühmten Manne werden, und manchen von ihnen sah er vor sich sterben. Er selbst aber arbeitete mit immer gleicher Frische und gleicher Lebendigkeit weiter, wenn er auch anfing, aus der Mode zu kommen, da der Tagesgeschmack sich mehr und mehr einer ins Kleine gehenden und in kleinem Maßstabe schaffenden Kabinettsmalerei zuwendete. Auch in der Bildnismalerei wurden im allgemeinen jetzt solche Maler bevorzugt, welche alles aufs sauberste und sorgfältigste ausarbeiteten, und auf sorgfältige Ausführung ließ der alte Hals sich nicht mehr ein, dem es genügte, wenn er mit möglichst wenigen Strichen ein möglichst lebendiges und sprechendes Abbild einer Persönlichkeit gegeben hatte. Doch fehlte es noch keineswegs an Leuten, welche die künstlerische Überlegenheit des Meisters der Bildniskunst über die Jüngeren würdigten und sich durch die breite und hastige Art seiner Malerei, durch das unverhüllte Zeigen des malerischen Machwerks nicht abhalten ließen, bei ihm ihre Bildnisse zu bestellen und dadurch ihre Erscheinung mit einer Lebendigkeit auf die Nachwelt gebracht zu sehen, wie sie auch den tüchtigsten anderen Bildnismalern kaum jemals erreichbar war. Von Franz Hals in den fünfziger Jahren gemalte Bildnisse sind noch in ziemlicher Anzahl vorhanden. Sie beweisen, daß der Siebzigjährige noch nichts eingebüßt hatte an seinen künstlerischen Fähigkeiten, weder an der Kraft und Schärfe der geistigen Auffassung, noch an der unfehlbaren Sicherheit von Auge und Hand. Es sind fast ausnahmslos Meisterwerke ersten Ranges, die ebenbürtig neben den Werken seiner besten Jahre stehen. Dahin gehört im Berliner Museum das mit der Jahreszahl 1656 bezeichnete Brustbild des Tyman Oosdorp, aus dessen kräftig geformtem Gesicht eine ständige herbe Verdrossenheit spricht (Abb. 36). InAbbildung 37ist ein in der Sammlung der Ermitage zu St. Petersburg befindliches Bildnis wiedergegeben, welches, nach dem Schnitt des langen Haares und nach der Form des steifen Filzhutes zu schließen, gegen Ende der fünfziger Jahre oder noch etwas später entstanden ist. Wie überzeugend offenbart sich uns das Wesen dieses augenscheinlich den besten Ständen angehörigen Mannes, der, obgleich er kaum das fünfunddreißigste Lebensjahr überschritten hat, doch schon so müde in das Leben blickt, der es nicht für der Mühe wert gehalten hat, für die Porträtsitzung einen frisch geplätteten Kragen anzulegen, und der so nachlässig schief auf dem Stuhle sitzt, auf dessen durch den überfallenden Mantelkragen verdeckte Rücklehne er sich mit dem ganzen Oberarm aufstützt. Wie wunderbar hat der Malerin breitestem Machwerk dieses weiche Fleisch mit den vor der Zeit welk gewordenen Zügen wiedergegeben, und wie hat er es verstanden, bei einer an die Grenzen der Möglichkeit gehenden Einfachheit in der Behandlung der Nebendinge, doch das Stoffliche der Kleidung zu kennzeichnen; man betrachte die blitzartig hingesetzten Glanzlichter auf dem schweren schwarzen Seidenstoff des Wamses, durch welche mit so unanfechtbarer Richtigkeit die Falten angedeutet werden, in denen der Ärmel der Bewegung des Armes gefolgt ist.
Abb. 39.Die Vorsteher des Altmännerhauses(1664).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.❏GRÖSSERES BILD
Abb. 39.Die Vorsteher des Altmännerhauses(1664).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
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Man fühlt sich versucht, zu glauben, daß der durchgehende Zug von geistiger und körperlicher Ermüdung, der dieses Bild so auffällig unterscheidet von der Mehrzahl der lebensprühenden Halsschen Bildnisse, ebenso wie die fast noch befremdlichere Grämlichkeit in Miene und Haltung des Tyman Oosdorp, weniger auf Rechnung des Urbilds zu setzen wäre, als daß vielmehr darin sich unwillkürlich und unbewußt die Lebensmüdigkeit des hochbetagten, in traurigen Verhältnissen sich befindenden Künstlers spiegelte. Aber um uns zu überzeugen, daß dem greisen Meister die Freude am Lachen noch keineswegs abhanden gekommen war, brauchen wir bloß einen Blick zu werfen auf ein Bildnis in der Kasseler Gemäldegalerie, dessen Entstehung in die nämliche Zeit, um das Jahr 1660, fällt. Es ist das Bild eines nicht gerade den ersten Kreisen von Haarlem angehörenden Unbekannten, der als „der junge Mann mit dem Schlapphut“ bezeichnet zu werden pflegt (Abb. 38). Schlapphüte wurden allerdings beinahe während des ganzen Zeitraumes, innerhalb dessen Franz Hals seine Thätigkeit entfaltete, getragen, und man kann wohl behaupten, daß die Mehrzahl seiner männlichen Bildnisse diese Kopfbedeckung zeigt. Aber in dem Bild, von welchem hier die Rede ist, spielt der Schlapphut eine Rolle, er trägt durch die Art und Weise, wie er aufgesetzt ist, sehr wesentlich mit bei zu dem lustigen Eindruck dieses Porträts. Der junge Mann sitzt, ähnlich wie der in dem eben besprochenen Bild dargestellte Herr, quer auf dem Stuhl, den rechten Ellenbogen auf die Rücklehne aufgestützt. Aber was dort als müde Gleichgültigkeit erscheint, das ist hier ein Überschuß an Lebhaftigkeit. Dieser junge Mann in seiner kecken Laune konnte sich nicht gerade auf den Stuhl setzen, ebensowenig wie er seinen Hut gerade aufsetzen konnte. Schief hängt auch der Mantel auf der linken Schulter. Es ist staunenswürdig, wie in dem Brustbild mit einem Arm die Stellung des ganzen Körpers angedeutet ist: aus der Linie, in welcher der vom Mantel bedeckte linke Oberarm den Körper verläßt, erkennt man, daß die linke Hand hoch aufgestemmt ist auf das Knie des linken, über das rechte geschlagenen Beins. Was die ganze Haltung uns sagt von dem übermütigen und munteren Wesen des Mannes, das leuchtet in gesammelter Fülle aus dem Gesicht desselben. In diesen lustigen Augen, in dem zum Lachen bereiten Mund, da lebt noch mit ganz ungeschwächter Kraft die alte Meisterschaft von Franz Hals, seine Freude an der Wiedergabe vergnügten Daseins, sein gesunder Humor, der in der feinen Überlegenheit, mit welcher er das Komische erfaßt, stets etwas Vornehmes besitzt. — In der Farbe ist das ganze Bild schwärzlich grau, aber das Merkwürdige ist, daß innerhalb dieses grauen Tons das Fleisch seine Leuchtkraft bewahrt und mit voller Körperlichkeit wirkt, und daß die heitere Seelenstimmung gar nicht beeinträchtigt wirddurch die schwärzliche Farbenstimmung. Wenn man das Bild für sich allein ansieht, so empfindet man kaum die Dunkelheit seiner Tönung, dieselbe verschwindet gänzlich, wenn man es länger betrachtet. Um so auffallender wird sie fühlbar, wenn man mit diesem Eindruck in den Augen vor die in der Nähe befindlichen Bildnisse hintritt, welche die nämliche Hand vierzig Jahre früher geschaffen hat, und die ganz wie in Licht getaucht erscheinen.
Franz Hals konnte noch völlig der alte sein, wenn es galt, ein lustiges Bild zu schaffen. Aber mochte er auch in der Kunst seinen Humor sprudeln lassen, im Leben war es dem hochbetagten Greis gewiß selten genug zum Lachen zu Mute. Seine Vermögensverhältnisse waren immer weiter zurückgegangen. Die Thatsache, daß ihm im Jahre 1661 von seiner Gilde die fernere Entrichtung der satzungsgemäßen Steuer erlassen wurde, weist darauf hin, daß er sich in dürftiger Lage befand. Wie groß aber seine Dürftigkeit war, erhellt daraus, daß er sich im Jahre 1662 an die Stadtobrigkeit von Haarlem mit einem Bittgesuch um eine jährliche Unterstützung von 50 Gulden und um ein Darlehen von 150 Gulden wendete. Den Wert eines Guldens in damaliger Zeit kann man auf ungefähr 3½ Mark heutigen Geldes schätzen. Die Stadtobrigkeit willfahrte diesem Gesuch und im Anfang des Jahres 1664 erfüllte sie Hals eine weitere Bitte um Beihilfe, indem sie ihm drei Fuhren Torf zur Heizung schenkte und die Zahlung seiner rückständigen Wohnungsmiete übernahm. Außerdem gewährte die Stadt ihm vom 1. Oktober 1663 ab eine jährliche Pension von 200 Gulden auf Lebenszeit. Aus diesen verschiedenen Bewilligungen und insbesondere aus dem letzten Beschluß kann man entnehmen, daß die Stadtväter von Haarlem es als eine Ehrenpflicht empfanden, sich ihres als Künstler so groß dastehenden Mitbürgers in seiner Verarmung anzunehmen.
Seine künstlerische Leistungsfähigkeit bewahrte er sich auch jetzt noch. Zwei Gruppenbilder aus dem Jahre 1664 legen Zeugnis ab von dem Können des Achtzigjährigen. Die beiden Vorstände des Haarlemer Asyls für alte Leute, die Regenten des Altmännerhauses und die Regentinnen des Altfrauenhauses, haben sich von dem armen alten Mann malen lassen.
Abb. 40.Die Vorsteherinnen des Altfrauenhauses(1664).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD
Abb. 40.Die Vorsteherinnen des Altfrauenhauses(1664).Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
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Eine lange Zeit, fast ein Vierteljahrhundert, war vergangen, seit der Meister sein letztes Regentenstück geschaffen hatte. Aber in dieser Zeit hat derselbe nichts von seiner Fähigkeit, aus einer Anzahl von Bildnissen ein abgerundetes Bild zu gestalten, und von seiner Sicherheit, jede einzelne Persönlichkeit sprechend zu kennzeichnen, eingebüßt. Mit der staunenswürdigsten Frische der Auffassung hat er in den beiden Bildern die vornehmen Leiter der Anstalt, hier die sorgfältig nach der Mode gekleideten Herren, dort die in ihrer Tracht eine gesuchte Einfachheit zur Schau tragenden Damen dargestellt (Abb. 39und40). Die einen wie die anderen hat er als Leute, denen dieses Amt nicht viel Sorge und Aufregung verursacht, ohne eine besondere Thätigkeit, wie zu einer recht unwichtigen Besprechung versammelt, um einen Tisch herum gruppiert. Jeder dieser Köpfe ist ein unmittelbares Abbild des Lebens selbst, das in seinen sprechenden Zügen noch mit einer ebenso unfehlbaren Sicherheit erlauscht ist, wie nur je in einem Werke aus den jüngeren Jahren des Meisters. Wenn man insbesondere die Köpfe der weiblichen Vorstandsmitgliedereingehend betrachtet, so wird man nicht verkennen, daß in dieser wunderbar feinen Beobachtung des verschiedenartigen, bald grämlichen, bald gelangweilten, hier vom Bewußtsein einer schönen Pflichterfüllung gehobenen, dort sehr würdevoll aufgesetzten Ausdrucks der ehrsamen Damen auch der Humor des Meisters noch leise mitspricht, unwillkürlich vielleicht und ohne Absicht. — In der Farbe weichen die beiden Bilder sehr weit ab von den früheren großen Bildern des Meisters, die mit denselben im Hauptsaal des Haarlemer Rathauses vereinigt sind. In ihnen ist das äußerste Maß dessen erreicht, was sich als etwas stetig Fortschreitendes in seinen Werken der vorhergehenden zwanzig Jahre verfolgen läßt: das Unterordnen der Eigenfarben der Dinge unter einen gemeinsamen grauen Ton, und die Vertiefung dieses Tons bis zum Schwärzlichen. Alles ist gleichsam eingetaucht in eine fast farblose graue Stimmung, die schwarzen Kleider, die eintönige, auf dem Damenbild mit einem nachgedunkelten Landschaftsgemälde geschmückte Wand, die dunkle Tischdecke und das Weißzeug und die Köpfe und Hände. Und dennoch besitzt das Ganze bei aller Spärlichkeit der Farbe eine harmonisch reizvolle Farbenwirkung; und dennoch leuchten diese Gesichter in voller Körperhaftigkeit als die Gesichter lebendiger, von warmem Blut durchströmter Menschen. Das äußerste Maß des Möglichen hat Franz Hals hier auch in Bezug auf seine malerische Behandlungsweise erreicht. Man würde es nicht für denkbar halten, wenn man es nicht sähe, daß es möglich ist, mit so wenigen und so breiten Pinselstrichen alles Nötige in so erschöpfender Weise zum Ausdruck zu bringen.
Ein einziger Umstand macht sich bemerklich, der als eine Schwäche des Alters erscheint: der Meister, der noch mit so unvergleichlicher Frische des Geistes das Wesen der Personen erfaßt, der mit so sicherem Blick die Gesamterscheinung der Gesichter und ihre Einzelformen erkennt, und der mit so jugendkräftiger Handfertigkeit alles hinmalt, ohne auch nur einen Fehlstrich zu thun, dem beginnt das Eine zu mangeln, daß er die Verhältnisse der ganzen Figuren richtig überschaute; der Raumsinn, wenn man so sagen darf, hat nachgelassen. Daher hier und dort ein allzulanger Arm, eine Hand, deren Größe zum Gesicht nicht mehr im Verhältnis steht, Schultern, welche zu schmal sind für die von ihnen getragenen Köpfe, und perspektivische Irrtümer und Schiefheiten, die auf dem Männerbild — das wohl das letztgemalte von den beiden ist — sich sogar bis in einzelne Gesichter hinein erstrecken.
Die beiden Regentenstücke von 1664 sind die letzten Arbeiten des Meisters, deren Entstehungszeit bekannt ist. So schließt die Reihe seiner erhaltenen und der Zeit nach bestimmten Werke, wie sie begonnen hat: Bildnisgruppen von den Vorständen Haarlemer Genossenschaften bezeichnen den Anfang und das Ende der übersehbaren Thätigkeit von Franz Hals. Es ist freilich ein großer Unterschied zwischen den kräftigen, lebensfrohen und thatenbereiten Bürgerschützen von 1616 und den gleichgültig und fade dreinschauenden Pflegern einer wohlgeordneten Wohlthätigkeitsanstalt von 1664. Welch’ ein Stück Geschichte spiegelt sich auch in der Reihe der Halsschen Genossenschaftsbilder im Haarlemer Rathaus! Die Gestalten, welche der Meister uns in ihnen so unübertrefflich lebenswahr vorgeführt hat, sind mehr als die bloßen Abbilder zufälliger Persönlichkeiten, sie sind geschichtliche Charakterbilder, welche lebendig erzählen von dem Entwickelungsgange ihres Vaterlandes im Laufe eines halben Jahrhunderts. Wir sehen die kampfbereiten Söhne jener unbeugsamen Helden, die noch todesmutig ringen mußten um den Besitz der Freiheit; dann die Männer, welche die Jahre des schweren dreißigjährigen Krieges und des glänzenden Aufblühens der holländischen Macht durchlebten, Jahre, in denen die Lust an vollem Lebensgenuß sich mit ebenso unbändiger Kraft geltend machte wie der wilde Kriegsmut; schließlich das verflachende Geschlecht jener Zeit, für welche es bezeichnend ist, daß auf künstlerischem Gebiet der alles gleichmachende „Stil Louis XIV“ zur Herrschaft gelangte und selbst über die so kräftig entwickelte Eigenart der holländischen Kunst das Übergewicht zu bekommen begann. — Franz Hals selbst aber war in seiner Kunst sich immer treu geblieben. Aus seinen letzten wie aus seinen ersten Werken tritt uns mit gleicher Deutlichkeit das Bild eines Künstlers von bestimmt ausgeprägter Besonderheit entgegen, und zwar eines ganzen Künstlers.
Franz Hals starb im Jahre 1666. Am 7. September wurde er in der „Großen Kirche“ bestattet. Der Nachweis über die Kosten des Begräbnisses hat sich erhalten; dieselben betrugen nur 4 Gulden. — Lisbeth Reyniers überlebte ihren Gatten. Sie wird noch einmal erwähnt im Jahre 1675, wo ihr als besondere Gnadenbewilligung eine wöchentliche Zulage von 14 Sous zu dem gewöhnlichen Armengeld zuerkannt wurde.
Wenn auch die zahlreichen Schüler des Meisters dessen Andenken dankbar in Ehren hielten, für das große Publikum war er, dessen Art und Weise schon bei seinen Lebzeiten Jahrzehnte lang nicht mehr dem herrschenden Tagesgeschmack entsprochen hatte, nach seinem Tode bald vergessen. Seine Bilder wurden nicht mehr geschätzt. Unter den fürstlichen Kunstsammlern des XVIII. Jahrhunderts, welche die großen Galerien begründeten, waren nur wenige, welche einen Maler zu würdigen wußten, dessen künstlerische Art und dessen Malweise so von Grund auf verschieden waren von der Charakterlosigkeit und Glätte der Malerei jener Zeit. Erst seit wenigen Jahrzehnten ist die große künstlerische Bedeutung des Franz Hals wieder ihrem ganzen Werte nach zu allgemeiner Würdigung gelangt — ein nicht zu unterschätzendes Zeichen von Hebung des natürlichen Kunstgeschmacks.
Deko Ende