Chapter 3

Ich sah Sara hin und wieder im Wasser. Wir hatten sie überholt. Sie kämpfte noch im Wasser. Kämpf weiter, dachte ich, kämpf weiter, als ob ich sie mit meinen Gedanken und meinen gespannten Nerven anspornen könnte.

"Weiter, Flake, weiter!" flüsterte ich in seine Ohren. Er reagierte. Er gab sein Äusserstes. Weit genug! "Brrrr!" stoppte ich Flake. Ich hatte eine gute Stelle gefunden. Der Fluss war hier ziemlich schmal. Grosse Felsbrocken, je einer auf dieser und der anderen Seite, dämmten das Wasser ein. Das Wasser ergoss sich wie über eine Schwelle in einen tieferen Teich. Enorme Wassermassen kamen hier durch. Ich sprang vom Pferd und sprang auf den grossen Felsblock auf dieser Seite. Hatte es Sara so weit geschafft? Mein Lasso war bereit.

Da kam sie schon, schneller als ich erwartet hatte. Lasso werfen hatteich von meiner Jugend auf gelernt. Es war für uns Cowboys nichtsBesonderes, das Hinterbein eines flüchtenden Kalbs vom galoppierendenPferd aus zu erwischen—und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn dasKalb das Bein vom Boden hob, in seinen eiligen Sprüngen.

Eine Hand war in der Luft. Ich warf das Lasso um ihre Hand zu erwischen.Doch sie zog sie genau im falschen Moment zurück. Ich hatte sie verpasst.

Da gabs nur noch eines. Ich sprang in den Fluss. Sofort wurde ich von der Gewalt des Wassers gepackt. Ich war noch unter Wasser, kämpfte mich aber schnell an die Oberfläche. Ich hatte weniger Glück als Sara. Sie war in der Mitte des Flusses. Das war der säuberste Weg, wo die meisten Steine vom Wasserstrom auf die Seite geschoben worden waren. Doch ich war auf der Seite hineingesprungen und wurde nun vom Wasser gegen einen anderen Stein geschleudert. Er erwischte mich an der Hüfte. Ich glaubte ich würde entzweigeteilt. Ich schmerzte, konnte mein Bein kaum bewegen. Doch ich schwamm weiter. Ich vergass meinen Schmerz, denn ich wollte zu Sara.

Das war ein schlechter Anfang gewesen. Es hatte mich schön gebremst und mir auch gleich jeden Mut genommen. Sara war mir jetzt ein gutes Stück voraus. Ich schwamm so schnell ich konnte. Langsam kam ich ihr näher.

Das Wasser ging langsamer hier. Es war ruhig im Vergleich zu vorher. Ich war angelangt. Ich fasste Saras Arm. Ich hatte sie, oh, ich hatte sie. Sie klammerte sich ganz schwach an mich. Sie war kaum noch am Leben. Ich zog sie zum Ufer, zog wie verrückt. Ich hatte einen Arm um ihre Brust gelegt und schwamm mit dem anderen.

Jetzt galt es eine Stelle zu finden, wo wir aus dem Fluss kriechen konnten. Ich kam an die Böschung, packte eine Wurzel, doch konnte mich mit einer Hand kaum halten. Doch jetzt hatten meine Beine Halt gefunden. Doch ich glitt aus und fiel ins Wasser zurück. Die Wurzel brach und wir waren wieder im Wasser. Ich versuchte es noch einmal, doch kam ich nicht die Böschung hinauf. Ich liess mich wieder ins Wasser gleiten.

Ich musste mir etwas Anderes einfallen lassen. Ich hielt Sara über Wasser in meinem linken Arm. Mit dem rechten Arm zog ich meinen Gürtel von der Hose. Dann band ich den Gürtel um Saras Brust und hielt das eine Ende in den Zähnen. Jetzt hatte ich beide Arme frei. Ich fand eine Wurzel und kletterte die lehmige Böschung hinauf, das Ende des Gürtels noch in den Zähnen. Es wurde jetzt aber zu kurz. Ich hob ein Bein über einen kleinen Baumstamm und hielt mich mit dem Bein. Ich zog Sara mit beiden Händen hinauf und fasste sie unter den Armen. Dann hob ich sie auf meine Schultern und kletterte den Rest der Böschung hoch.

Wir hatten es geschafft, wenigstens soweit. Ich nahm ihr den Gürtel schnell ab und hob sie bei der Hüfte auf und liess ihren Oberkörper baumeln. Dabei kam dass Wasser aus ihren Lungen. Sie hatte viel geschluckt. Sofort setzte ich meinen Mund an den ihren und blies. Langsam—einen Atemzug nach dem andern. Ich lauschte. Nichts. Ich blies wieder und wieder. War es zu spät?

Ich arbeitete mechanisch. Keine Gedanken gingen durch meinen Kopf, weder hoffnungsvolle noch deprimierte. Ich tat einfach, was ich tun musste.

Dann fing sie an leicht zu atmen. Erst ganz sanft. Ein Weilchen atmete sie leicht und dann nahm sie plötzlich einen tiefen Atemzug. Ihre Augen waren immer noch geschlossen. Die Atemzüge waren kurz, zuckend. Doch langsam wurden sie tiefer und ausgeglichen.

Jetzt entspannte ich mich ein Bisschen. Ich merkte erst jetzt, wie sehr meine Hüfte schmerzte. Sara sah nicht einmal so schlecht aus. Sie hatte keine Schrammen. War hier und dort zerkratzt und rot, doch schien nichts gebrochen zu sein. Sie blutete ein Bisschen von ihren Händen, die aufgeschürft waren. Jetzt bemerkte ich auch ein paar kleine Wunden an den Füssen, die bluteten. Es war aber nicht schlimm.

Ich hatte mich auf einen Stein gesetzt und hielt Sara in meinen Armen. Ich hielt sie sehr nahe, meine Lippen auf ihren Schultern. Ich küsste ihre Schultern wieder und wieder. Sie fing an zu schlottern. Und da plötzlich, sie öffnete ihre Augen und starrte mich an. Sie starrte mich lange an. Ich hoffte sie hatte keinen Gehirnschaden erlitten. Konnte sie nicht sprechen? Ich wartete.

Ich legte sie auf den Boden und zog meine nassen Hosen und meine Jacke aus. Dann legte ich die Jacke um Sara und knöpfte sie zu. Vielleicht würde sie das ein Bisschen aufwärmen. Dann versuchte ich ihr die Hosen anzuziehen. Doch ich brauchte ihre Hilfe und sie schien noch immer nicht ganz wach zu sein.

Da hob ich sie wieder auf, nahm sie in meine Arme und zog ihr die Hosen an. Da hielt ich sie, meine kleine Sara. Wie glücklich ich war, dass sie am Leben war. Wie glücklich! Sie schien bequem zu sein in meinen Armen und schloss die Augen. Sie schlief ein. Ihr Herz klopfte immer noch hart. Sie atmete schön regelmässig jetzt. Ich musste nur Geduld haben. Das war nicht allzu schwer, denn es war schön, sie zu halten.

Sie schlief ein Weilchen und öffnete die Augen wieder und schaute mich lange aus ihren grossen blauen Augen an. Von ihrem Gesichtspunkt starrte sie einen Fremden an. Sie wusste ja nicht, wer ich war. Sie schien erstaunt und etwas misstrauisch. Ja sie schaute mich geradezu vorwurfsvoll an. Sie schien auch nicht zu wissen, was passiert war. Sie nahm die Augen nicht von mir, sie starrte wie eine Puppe. Ich zog sie an mich und verbarg ihr Gesicht in meinen Armen. So hielt ich sie ein Weilchen. Dann schien sie die Liebe zu spüren. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und klammerte sich an mich, als wäre ich ein Felsen im tobenden Meer. Ich hätte gerne gesagt: "Sara, meine kleine Sara". Doch ich durfte nicht. Ich durfte nicht verraten, dass ich ihren Namen wusste.

Dann liess sie los und ich auch. Sie starrte mich wieder an und sagte langsam: "Ich fiel in den Fluss." "Ja", sagte ich. Um vorzubeugen, dass ich ihren Namen aus Ungeschick gebrauchte, fragte ich sie: "Wie heisst du?" Sie dachte lange nach und wendete ihren Kopf. Ich dachte schon, dass sie nicht antworten würde, doch dann sagte sie mit leiser Stimme, fast flüsternd: "Sara."

Oh sie konnte wieder sprechen. Ein gutes Zeichen. Trotzdem war sie noch nicht die alte Sara. Es würde ein Weilchen dauern. Hoffentlich hatte sie keinen dauernden Schaden erlitten.

"Haben sie mich gerettet?" fragte sie dann. Manchmal schienen ihren Gedanken sich nach innen zu kehren. Es schien ihr Mühe zu machen, zu denken.

"Ja, Sara", antwortete ich. "Gehts dir gut?" Doch sie überschaute meineFrage und erwiderte: "Wer sind sie?".

"Ich bin Griz Caldwell", sagte ich. "Nenn mich Griz."

"Und wer sind sie?" fragte sie wieder. "Ein Durchreisender, der dich in den Fluss fallen sah."

"Danke", sagte sie dann still. Sie schien wieder müde zu werden. Dann schlief sie nochmals ein. Ich legte sie auf den Boden und liess sie schlafen.

Meine Hüfte sah böse aus. Ich hatte zwar keine Schramme aber der Knochen schien arg zerquetscht. Jeder Schritt schmerzte. Ob ich wohl reiten konnte. Hier stand ich nun in Hemd und Unterhosen, wie ein Narr mit einer zerschmetterten Hüfte und war doch überglücklich dass ich meine Sara hatte retten dürfen. So ist die Liebe. Ein Geheimnis.

Ich wusste wie besorgt Julia sein müsste, doch ich musste Sara ruhen lassen. Sie konnte noch nicht zu ihrem Camp zurück. Julia müsste mir vertrauen lernen. Ich konnte Sara auch nicht allein lassen. Sie hatte noch nicht alle Tassen im Schrank. Könnte vielleicht sogar noch einmal in den Fluss fallen. So wartete ich. Es durfte den ganzen Tag dauern. Ich war froh bei Sara zu sein und dankbar dass sie gerettet war. Ich legte mich neben Sara und hielt sie warm, sie schlief sehr tief. Auch ich schlief ein. Ich weiss nicht wie lange wir so hindosten. Ich wachte zuerst auf.

Dann wachte Sara auf. Sie erschrak ganz schön als sie mich sah. "Wer sind sie?". Sie schien sich nicht mehr an vorher zu erinnern, doch schien sie jetzt wieder ganz beieinander zu sein. Sie war die alte Sara. Der Schlaf hatte ihr gut getan. Sie starrte mich an mit einem gewissen Bedauern in ihrem Gesicht. Sie hatte die Narben bemerkt.

"Du bist in den Fluss gefallen, ich habe dich herausgeholt", sagte ich, wie entschuldigend.

"Oh ja", sie schien sich zu erinnern. "Danke, vielen Dank. Ich wäre ertrunken. Danke, dass sie mich gerettet haben."

"Wie fühlst du dich?" fragte ich. "Oh, gut", sagte sie. "Ich möchte zu meiner Mutter."

Oh Sara, dachte ich, jetzt ist's wohl aus mit dem Halten und Umarmen. Sie wollte ihre Mutter. Sie traute mir nicht so ganz. Doch ich war ein Fremder für sie, sie konnte mich ja nicht erkennen. Ich sollte ihr nicht böse sein. Ich machte noch einen letzten Versuch.

Ich ging zu ihr hin, legte meinen Arm um ihre Schultern und sagte: "Komm, gehen wir zu deiner Mutter." Dabei hielt ich sie nah an mich und half ihr entlang. Doch es schien ihr nicht wohl zu sein in meinen Armen und ihre Muskeln waren gespannt. Nein, es hatte keinen Sinn, ich musste sie loslassen. Ich nahm sie bei der Hand und führte sie. Das liess sie sich gefallen. Doch in der Nähe des Camps war ihr dann auch das peinlich und sie löste sich von mir.

Wir waren auf der Seite des Flusses wo Julias Camp war. Es ging eine Weile, bevor wir ihr Camp erreichten. Sara ging sehr langsam. Sie war immer noch etwas angeschlagen.

Lisa sah uns kommen. Als sie uns bemerkte schrie sie auf: "Sara, Sara du bists. Wo ist den Mama?" Dann starrte sie mich an und ich sah ihre Augen an mir heruntergehen. Besonders meine Unterhosen schienen ihr nicht besonders zu gefallen. Oder waren es meine Beine? "Wer sind denn Sie?", frage sie misstrauisch. "Gibt es in Ihrem Land keine Hosen?" Sobald sie das gesagt hatte, sah sie die Männerkleider an Sara und entschuldigte sich sofort.

"Oh Entschuldigung—sie haben sie ausgeliehen. Das ist aber nett vonIhnen. Sie können sie gleich zurückhaben." Dabei eilte sie zu denPackpferden, um Sarah frische Kleider zu holen.

Sara kleidete sich vor mir ohne Hemmungen. Ich bekam meine Hose und Jacke zurück. Sie waren noch immer nass. Ich zog sie trotzdem an. "Kleines Mädchen, hättest du mir nicht eine Decke?" fragte ich Lisa.

"Eine Decke habe ich schon, Mister, aber klein bin ich nicht. Vielleicht sollt ich warten bis Sie das zurücknehmen, bevor ich Ihnen eine Decke hole." Dabei lachte sie und machte sich auf den Weg. Sie brachte mir eine Decke und legte sie sogar liebevoll um meine Schultern. Was für zwei süsse Kinder ich hatte. Sogar mit dreizehn war Lisa reif genug, um über sich selber lachen zu können. Viele lernen das nicht einmal mit vierzig.

Ich hätte mich davon machen sollen, doch war ich nicht bereit die Mädchen allein zu lassen. "Wie heissen Sie denn, meine kleine grosse Dame?", fragte ich Lisa. "Lisa Carter ist mein Name.", sagte sie höflich. Julia hatte sie gut gelehrt. Ich war froh sie gebrauchten nicht den richtigen Namen, denn zum Beispiel die Black Brothers hätten sie erkennen können. Es war zwar nicht wahrscheinlich, dass die Black Brothers meine Familie treffen würden, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Neuigkeiten reisten schnell in diesen Gegenden, und ein unbedachtes Wort konnte einen in Schwierigkeiten bringen.

"Sehr erfreut, Miss Carter. Ich bin Griz Caldwell."

"Caldwell, oh so hat meine Grossmutter geheissen.", sagte sie schnell, biss sich dann aber auf die Lippen. Solche Information gibt man nicht an einen Fremden weiter. Je weniger persönliche Daten man aussähte, desto besser. Ich sah das Lisa das verstand. Es war aber besser, dass sie diesen Fehler mit mir gemacht hatte, als mit einem wirklich Fremden.

"Haben sie Sara gerettet? Wie ist denn das alles gekommen?" Ich erzählte ihr die ganze Geschichte in allen Einzelheiten. Ich liess nur aus, warum ich auf der andern Seite des Flusses gewesen war. Es verstand sich von selbst. Ich war ein Durchreisender und hatte am Fluss Halt gemacht und dabei gesehen, wie Sara in den Fluss gefallen war. Ich liess auch aus, wie sehr ich es genossen hatte, Sara auf meinem Schoss zu halten.

Sie schien meine Geschichte zu geniessen. Da sie ein gutes Ende hatte, war es auch verständlich. Sie sass da mit gespanntem Körper und schien nochmal durch alles hindurch zu leben. Sie hörte mit offenem Munde zu, und nur ab und zu sagte sie "Oh" und "Ah". Das war Lisa.

Auch Sara hörte gespannt zu, denn sie konnte sich nicht mehr an alles erinnern. Hie und da fügte sie hinzu, wie es von ihrer Perspective ausgesehen hatte. Sie konnte sich bis an den Moment erinnern, wo ich sie erreicht hatte und ihren Arm gepackt hatte. Von dort an war alles schwarz in ihrem Gedächtnis.

"Hab ich Sie nicht schon einmal gesehen?" fragte da Lisa. Ich erschrak. Ob sie mich erkannt hatte? "Waren Sie nicht im Saloon in Santa Fe?" Oh gut, von dort erinnerte sie sich also an mich. Ich war erleichtert. Ich war aufgefallen im Saloon, weil ich gleich beim Wirt stand. Es wäre unnütz, es zu leugnen. "Ja, sagte ich, ich glaub, ich hab euch auch gesehen. Wart ihr nicht die, die von Billy Kane belästigt wurden?"

"Ja, das waren wir." Sie sagte nicht mehr. Sie hatte gelernt ihren Mund zu achten. Es wäre schlecht gewesen, hätte sie herumerzählt, dass Billy Kane tot war.

"Wie haben Sie ihre Narben gekriegt?", fragte Lisa. Das war Lisa, unbekümmert, ohne Hemmungen, einfach gerade heraus mit der Frage.

"Im Duell", sagte ich und senkte meinen Kopf. Es machte mich traurig, dass meine Narben so offensichtlich waren. Lisa bemerkte das sofort und versuchte mich zu trösten: "Es sieht nicht so schlimm aus, Mister, sie brauchen nicht traurig zu sein."

"Es macht sie männlich und sie sehen zäh aus", fügte Sara hinzu, deren Herz sich gegen mich sehr erwärmt hatte in den letzten Minuten, besonders als sie die Geschichte ihrer Rettung erfuhr.

Da Lisa bemerkte, dass ich immer noch am Schmollen war, versuchte sie mich weiter aufzumuntern: "Ich möchte Ihnen noch danken, Mister, dass Sie meine Schwester gerettet haben. Es ist ja nicht selbstverständlich. Ich liebe sie nämlich und möchte sie nicht verlieren, obwohl wir uns hie und da necken." Sie wartete auf eine Antwort.

"Oh gern geschehen, Miss Lisa. Ich konnte sie ja nicht ertrinken lassen." sagte ich ausweichend. Ich hörte Pferdehufe von der Richtung, wo ich mit Sara hergekommen war. Es war Julia. Sie hing über ihrem Pferd und weinte bitterlich.

"Mama, Mama, ich war um dich besorgt", schrie Lisa.

"Sara, Sara—träume ich oder hab ich meinen Verstand verloren. Sara—bist du das wirklich. Bist du ok? Fehlt dir nichts? Bist du nicht verletzt? Wie hast du es nur geschafft?" schrie Julia. Sara rann ihr entgegen und die beiden umarmten sich und küssten sich und weinten. Sie schienen nicht genug voneinander zu bekommen. Besonders Julia wollte Sara einfach nicht loslassen.

Lisa war inzwischen auch hinzugerannt und nahm Teil an den Umarmungen und Küssen. Sogar mein hartes Herz wurde gerührt und ich wäre am Liebsten auch hingerannt. Eine Träne oder zwei rollten auch über meine Wangen.

Dann fingen die Mädchen an zu erzählen. Die Geschichte wurde immer aufgeblasener. Ich wurde als veritabler Held hingestellt. Ich hatte mein Leben riskiert, um ihres zu retten. Ich musste mit dem Fluss kämpfen. Ich ertrank beinahe selbst, als ich versuchte Sara die Böschung hinaufzubringen. Lisas Phantasie war heissgelaufen.

Nach einer Weile kamen sie näher und als Julia mich sah, erschrak sie. Sie erbleichte. Hatte sie mich erkannt? Was sonst ging durch ihren Kopf. Ich versuchte die Geschichte ein Bisschen realistischer zu machen und sagte: "Missis Carter, so dramatisch war es auch wieder nicht. Mein Leben war nie in Gefahr."

Doch sie hörte mir gar nicht zu, stattdessen kniete sie bei mir nieder, nahm meine Hände in die ihren, und dankte mir überschwenglich: "Oh wie kann ich Ihnen nur danken, Mister. Sie haben keine Ahnung, wie dankbar ich Ihnen bin. Ich glaubte schon, Sara verloren zu haben. Doch Sie haben sie gerettet. Ich weiss jetzt vom Geschehen, dass ich es nie hätte schaffen können. Ich hätte Sara nicht selber retten können. Ich hätte mein liebes Kind verloren." Dabei fing sie nochmals an zu weinen. "Doch Sie haben sie gerettet, und ihr eigenes Leben gewagt."

Sie sprach weiter und weiter bis es mir fast peinlich wurde. Es war so eine komische Situation. Da war meine Frau. Sie hielt meine Hände und war mir so nah und doch so fremd. Ich durfte ihr nichts zu erkennen geben. Ich durfte sie nicht merken lassen, wie familiär sie mir war, wie gut ich sie kannte, wie selbstverständlich es war, dass ich Sara gerettet hatte.

"Oh gnädige Frau, bitte beruhigen Sie sich. Ich hab doch nur getan, was natürlich war." Doch ich konnte sie nicht davon abbringen, mir noch ausführlicher zu danken. Jedesmal wenn ich etwas sagte, um mein Heldentum auf einen niedrigeren Stand zu setzen, fing sie von Neuem an, mir zu danken. So wurde ich still und sagte kein Wort mehr. Ich liess es einfach über mich ergehen.

Als sie sich beruhigte, sagte ich schnell: "Da ihr jetzt alle wieder zusammen seid, braucht ihr mich nicht mehr. Bitte entschuldigt mich, ich muss nach meinem Pferd schauen. Ich hab es einfach stehen gelassen." Ich wollte weg und weitere umbequeme Fragen vermeiden.

"Oh, Mister nehmen Sie doch eins von unseren Pferden, dann müssen sie nicht zu Ihrem Pferd laufen. Und kommen Sie doch zurück, wir hätten sie gerne zum Essen hier."

"Ja, bitte kommen sie zurück, wir müssen doch alles Jack und Stuart erzählen" fügte Lisa hinzu. Sie schien das Drama in der ganzen Affäre zu geniessen.

Sara kam noch einmal zu mir und schüttelte meine Hand mit einem dankbaren Blick, ohne etwas zu sagen. Mein Herz stand fast still. Oh wie ich sie liebte. Ich liebte sie alle, doch ich musste weg.

"Schon gut, Missis Carter, ein kleiner Spaziergang wird mir gut tun. Auf Wiedersehn. Ich hoffe wirklich euch wieder einmal zu treffen," sagte ich aufrichtig und schritt schnell weg. Ich versuchte nicht zu hinken, obwohl meine Hüfte schmerzte, sonst hätten sie mich sicher zum Bleiben überredet.

Ich fand mein Pferd wieder und sogar das Lasso hatte sich in ein paar Zweigen verfangen und war nicht den Fluss hinuntergeschwemmt worden. Nur meine Hüfte schmerzte noch. Ich konnte aber reiten. Morgen würde es noch mehr schmerzen. Ich ritt am Fluss entlang. Ich wollte eine Campstelle finden. Als ich bei ihrem Camp vorbei kam, sahen sie mich und winkten über den Fluss. Ich winkte zurück. Ich sah, dass Jack und Stuart, die mittlerweilen zurückgekommen waren, drei Hühner geschossen hatten. Ich freute mich mit Jack.

Ein Bisschen Fleisch hätte mir auch gut getan, doch mit meiner Hüfte wollte ich nicht weit. Ich wollte sowieso in ihrer Nähe bleiben, jedoch unbemerkt. Ich fand ein Camp am Fluss nicht weit von wo ich in den Fluss gesprungen war. Ich schnitt einen langen Stock, befestigte Schnur daran und am Ende der Schnur einen Fischhaken. Mit ein Bisschen Pferdehaar formte ich eine Fliege und band sie an den Haken. Im Nu hatte ich einige Forellen gefangen. Das würde mein Dinner sein. Mein Schöpfer hatte mich aus seiner Schöpfung versorgt.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, in der Dunkelheit doch an ihr Camp anzuschleichen und zwar nah genug, um ihre Konversation zu hören. Im Besonderen wollte ich erfahren, was Julia über mich, das Narbengesicht, dachte. Das Gespräch drehte sich auch sehr viel um mich, mit den Geschehnissen des Tages.

Ich erfuhr, dass sie glaubte, ich hätte die Indianerfrau geschickt. Sie glaubte auch, dass ich Billy Kane erschossen hätte. Und sie glaubte dass ich ihnen folgte, denn sie glaubte, dass ich ein Revolvermann war, der von Josh Custer geschickt worden war, um sie zu beschützen. Sehr interessant, dachte ich.

Lisas Halstuch hatte ich noch immer nicht zurückgegeben können.

Ende diese Project Gutenberg Etextes "Frauen und Kindern auf der Spur", vonRohner


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