Chapter 3

Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre, wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und Notizen. „Siebentausend Moslemin,“ knirscht Ek ironisch. „Viva el Peru“ rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: „Happy day, ha—a—a—ppy day — —. When Jesus washed my sins away.“

Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind in bester Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der westlichen Klippe gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schießt der Halbbogen der Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern gewölbte Schatten liegen vor einer Schäre, der Wind hat nachgelassen, traumhaft abgebogen stehen Segel vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.

Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende und Schöne ist aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab, die Frauen schauen herüber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die atemblaue Seligkeit der Luft:

„Ha,“ sagt Almqvist, „was Jaurès, was Pétain, was das ganze Schachspiel . . . Bagatellen für Affen. Die Erde ist in den Äquator der Abrechnung eingelaufen, was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in das Chaos. Ha . . . wie hängen die Dummen noch ungelöst an ihren Bettwärmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht verflucht durchs Ganze. Schöner Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!

Aus für uns.

Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in verlogenen Räuschen von heute schon den Schluß. Unerbittlichkeit, i . . . i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinübergerettet. Die Weiber mit kostbaren Dessous, die lachend vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände, Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der reizvoll die zarte Erdoberfläche malt . . . betrügt Euch nicht. Der Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hörner ein, auch die Gazellen werden damit verrecken müssen. Putzt die Lampen auf für andere Jagd. Ob die Zeithörner blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für diesmal die Frage für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in den wir einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.

Ha . . . süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der Luft, man wird den Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich ihn genossen. Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen. Nichts ist das aber vorderhand für uns.

Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden entflammen. Städte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhügel geknallt. Schwelgerische Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Röte nur im Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben wird dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden, innen verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen Äffin Europa. Die Erde hat . . . hat ein elefantisches Toben angenommen.

„Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.“

Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen sich immer wieder auf die Knie, der Oberkörper schüttelt sich, er kann sich nicht fassen. Er bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom Kinn zu den Augen.

Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben und solchen Fasern lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe, spüre mich feig und kneifend, aber hell und voll Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja nicht tauschen, ich höre nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit den Herzschlag des Meeres herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.

Alles erfüllt es, alles beglückt.

Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht nennen beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu viel. Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.

Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu erreichen, ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen, aber, ach Gott, warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?

Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.

Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schären in die Luft. Die Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die Möven rennen tief nach dem Wasser zu.

Almqvist legt den Finger an den Mund.

Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten sie noch einmal nach verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen, entfernen sich, Steine nach Vögeln werfend.

Ich liege auf dem Hausdach.

Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rücken einer alten Badekabine, deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt an. Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.

Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die Schultern lässig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.

Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig stehen, die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet. Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . . geht in unsere Falle.

Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt „ja schaugts“, schon heben sich die Beine, manche springen auf.

Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit, es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine Hüfte:

„Frauen“, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: „Sie haben wenig Frauen, meine Herren“, sagt er spielerisch und zieht sie in seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes Gesicht immer erblicke. „Sie haben die kleinen Hasen mit Recht vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt. Welch allersüßestes Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.“

„Dinieren Sie“, ruft mit steifem Blick der Engländer.

„Frauen“, sagt Almqvist. „Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede. Dann können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher, die oft mit unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie man führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen, göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme Straßenmädchen Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen . . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors d’oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist’s Demut, ist’s Glückliche Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle, was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.“

Er hat den Blick fest in dem des Engländers.

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit steifem Blick.

„Ich diniere voll Vergnügen“, sagt Almqvist. „Ich ziehe es vor, Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern, feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen, sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom. Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, während bei den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren, auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen, die, statt groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet, sie kaprizierten sich weniger auf „Werben“, „Sicherringenlassen“, auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden. In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös, nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie dabei die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert, Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch, Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen durchs Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie Zigaretten an und gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika, Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles, Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und immer Getös, man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch reinlicher erhält das Gemüt.“

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!

„Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh, ovale Köpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von dünnem Stahl. Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe Ereignisse mit ihnen erreicht, daß man bis an die Mondhügel und die Milchstraße schwebt, verzückt. Doch das ist Züchtung, man erreicht es nur im auserwählten Fall, meine Herren, das Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck zwischen Sentimentalität und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte. Ein fatales Souper an der Spree, ein nur durch südlichen Himmel gemildertes in München. Nur Düsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner, französischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen die Soßen nicht zu präparieren, es klebt aus Wasser und Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht aufzuduften herrlich zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche, Roquefort, Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, daß die pikanten Entremets fehlen. Das Souper ist ohne Würze. International leider als Kapitalanlage verwandt. Da von Genuß nicht die Rede mehr ist, geht bei der Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphäre auch jedem, selbst übelsten Ansinnen offen. Dies Essen allein verläßt jeder ohne Dank, ohne Erinnerungshauch, der köstlich noch nachschwebt aus der Morgenröte, dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst den Japanerinnen, die quälen, nicht passiert. Auf dem Düngerhaufen der Welt modert dies Überbleibsel, getreten in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh, heiser, in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder steigert das Mütterliche hingegen sich zu Güte und Brille. Man steht erschrocken vor Sympathien, die einem unerträglich sind. Auch gibt’s spielerische Abarten, Blutmischung von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht flüsternd um die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein Kampf immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen, Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus Luft. Besonders aus dem Österreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt, riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht, aber sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu langweilen, Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht Straußeneier, weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie selten und dazu sehr gut“.

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer.

„Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur Tafel“, er zog die Engländerin herüber, spielte mit ihrem Haar und übersah den Rufer. „Heißt das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist jüdisch, wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das bürgerliche Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale. Heißt’s aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien über Saloniki, ist schmal, hat kein Ghetto gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das Höchste, was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten Grazie serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als unsere Vorfahren in Pelz und Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige Gelehrte und Künstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird immer wieder zu den Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen, den Intellektuellen der Freude. Erotische der Ideen, Glühende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfältig, fast primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich für einen töten zu lassen, Adel und Ausschweifung, Königin und Dirnengeschwätz, dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte — — das fließt fabelhaft ineinander, man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig entdeckt, man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer sie aber erfahren hat, läßt nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr Trieb ist, Freiheit geben überallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man schlägt das Auto, etwas betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren ruft sie „Säufer, du Protz“, man steht eine halbe Stunde auf der Straße, beschließt, irgendwie anders nun von dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr, sagt ihr’s, und findet keinen Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr anzeigt. Es soll sogar, so vielfältig ist der Typ geschichtet, chinesische und negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde, ovale, Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische Formung, überweiße Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen Ragouts bis zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien wird uns als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des Jericho und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstraße und Silberhimmel sind in ihrer Neigung zusammen, es betäubt und man ist immer wieder da zu Hause. Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich nicht mit den Suppen, man will endlich einmal über die Hors d’oevres hinaus, zu Forelle und Fleisch. Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika, portugiesische Sardellen, Anchovis als Würze, persische Pflaumen, Pfirsich und Brüsseler Trauben als Früchte dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie auf Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines Potpourri von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer nach Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber die palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.“

„Dinieren Sie. Dinieren Sie,“ schrie der Engländer.

Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: „Ich vergaß die Gemüse Ihrer Insel, ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke nicht außer acht zu lassen.“

Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden ausgewichen.

In der Dämmerung lief er drei Sätze.

Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich leewärts an das Geländer, sie sprangen beide hinein.

Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am Geländer fiel der Engländer stumm um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac . . tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der Verwirrung der anderen zurück.

Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke fielen dauernd über die Granitfelsen der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich saß stundenlang am Fenster, wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz hingehen, die Düfte immer stärker auf der schweigenden Insel nach oben sich wölben, die Uhren fielen schwer und flaumig in die dichte Stille.

Um zwei Uhr kam Krassin.

Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant nach seiner Unterredung mit den türkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen, betäubt, in einen hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt. Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ die Kopie zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt, unterschrieben, wie das Original.

Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinüber, las es, ging zu Bett, schlief ein.

Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen der Küste und der Insel, er hatte sogar die Möglichkeit, sich mit der Engländerin zu unterhalten, „Englishman?“ frug sie mißtrauisch, die Hand in Almqvists Genick.

„Allright.“

Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah ihm ins Gesicht. „By Jove,“ sie erschrak zu Tode über das Affengesicht.

„Hallo cap, hallo cap,“ murmelte der Franzose und stierte ins Wasser. Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzählte ihm, als es ganz hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um Entschuldigung, indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden am Land noch durch eine Ruderwelle bespritzten.

Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Fälschung stark schon in Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natürlich auf Almqvist.

Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen, von der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tür war verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging zurück.

Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit über meine Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und gejagt.

Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur Gelächter. Das Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Außenposten seiner Politik im Wind lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren nach London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate das wichtigste Papier, hielt es in der Hand.

Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein. Schicksale, Menschen, Entscheidungen wölbten sich aus ihm heraus, das Papier ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden Wochen. Meine Handlung!

Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl, entschlossen bin ich. Ich schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des Momentes schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen Menschen.

Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg. Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schluß.

Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von mir aus empfand und beschloß. Die Einstellung war zu klein. Ich schämte mich trotz dem Stolz, der mich füllte. Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den Schweinen der Spionagezentrale.

Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.

Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht hinfällig, klein und dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der Zweifel fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht um.

Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine Klugheit und Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine andere tragische Macht als die helle Sicherheit meiner kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen und ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.

Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.

Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.

Er war nicht mehr da.

Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.

Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: „Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.“ Die Gläser stoßen an. Er macht mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln. Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat den Brief.

Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.

Ich habe es dreimal.

Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.

Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich über alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig in ihr bin.

Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein bewundert, während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. „Willst du Rolf sehen im Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik.“ Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was auf sie paßt.

Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt, nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt, einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.

Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie Siv?

Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.

Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die Unwahrheit: „Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen, Siv . . . inte . . . inte . . . .“

Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen plissierten Hosen und dünnem Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der Straße hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende Wasser.

Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal: „Mittags sprach Per Geyer vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner Expedition. In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv, die Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest lachen. Im Schlafwagen fuhr ein Engländer mit mir, ein alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren beide aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö. Ich weiß ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare riechen, Siv.“

Ich schließe die Jalousie.

Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in mir spüre, irgendwie über diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinüberhebe in die weißen, dämmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe alles vorüberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.

Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre großen Beine glänzen. Sterne überall über Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre Kungsträdgården brausen.

Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel nicht erschüttert von noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare das Läuten vom Turm des Södermalm? Ihre Haare sind weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie trägt mein Körper noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt im Blut. Auch dies verliert man nicht.

Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, daß ich ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz sehe, wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön gestaltet der Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege mich lange vor ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.

Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an Werktagen Schuhe verkauft in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die ich betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh mit schwarzen Schnüren. Ich weiß es genau noch, ich belüge mich sicher nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer von deinem Anblick.

„Ich liebe Ebba, Siv,“ sage ich plötzlich, „ich sage es nur, wenn du schläfst. Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im Gedanken an dich. Du beglückst mich.

Jene ist Pein.

Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin, auch in der tiefsten Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei denen das Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das Dasein, es gibt mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr, Hauch der Obstbäume, die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die unteilbare Wucht des erschütterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin voll Sorge und Liebe für dich, Siv . . . lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd bleibt, du lebst dann gut . . .

Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das ruft in der Nacht. Das preßt die Hände vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt lautlos die Hände. Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal dies Geringe.

Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber sie kommt, Siv, sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das Auto, das auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der Stockholm überfliegt, das silberne Tuten des Fischerhorns nahe Norrström . . . deine Haut selbst, die atmet — — — alles, besinnungslos dasselbe.

Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.“

Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden, wenn Siv so lange schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.

Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland . . . Småland mit Wäldern . . . Skåne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft war einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder als Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die Parks gefahren, wie ist das eine so gleichgültig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in einen Hauch, kaum Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergründlicher Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen Blässe schon unbedingter dann hinübergewandelt und zum Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis zur letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene unergründlichen Pas tanzend, die unvergeßlich betäuben.

Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen voll betrunkener Studenten. Ich drücke im Hotelzimmer gegen die Seitentür, sechs Koffer fallen um, ich lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett springt, er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei, die kleinen überlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein esthnischer Diener macht Tee, wir trinken ihn mit Himbeer.

Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem gläsernen Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich lange, mich zu entschuldigen um die Störung, um das Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge bedürfen eines Eingehens heute.

Ich ziehe mich langsam zurück.

Fahre in der Frühe nach Barsebäck.

Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe Stunde vom Hafen Barsebäckham und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne bei Jöns Holgerson.

Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich weiß nicht, warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine größte Sehnsucht gelungen ist. Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der Tiefe und ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und reif ist es. Ich fürchte mich vor mir.

Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut steigt. Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.

Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre Ölhosen an, er hupft auf einem Bein vor Vergnügen und schlägt die Faust auf die flache Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die Ruder.

In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich, ihn zu trösten wegen der Frau, allein er grübelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den Grund. Jöns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die Wurzeln der Ereignisse.

In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld nachts. Er weiß dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen bürdet ihn schwer, er schüttelt den Kopf.

Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns nach rückwärts und winden die Garne auf.

Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen schlagen. Der stille abseitige Strand wird plötzlich in Licht getaucht, ein Horn tutet dreimal leis herüber.

Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknüppelt mit Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen abziehenden Wagen.

Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der Bote herauf mit meiner Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die Zahlen 3 — 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.

Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschüchtert. Gut. Dies war umsonst.

Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich weiß, auf diese Weise kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie, Überzeugungskünste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen, auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir müssen uns finden, es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind dumm und klein.

Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach Karelen via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr, seit und solang in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale dieses Landes gedrillt wird.

Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem Tag von Marstrand, sein eines Leben löste sich mit einer arithmetischen Präzision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.

Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, daß man mich nicht ausweist, daß man mir aber ein Agrément verweigern wird in Zukunft, Schweden wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.

Das ist der Schluß.

Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles schlägt mich nicht, das macht mich nur fester.

Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund herübergekommen ist. Er fährt dann weiter nach Christiania durch die Schären. Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und zuverlässig, ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.

Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström hinter Bjerred her, wir singen mit den Mücken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth, Kallskol, Punsch.

Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, „fahren Sie wohl“, sage ich und drehe mich in die Bläue, ich drehe mich tief in die Bläue und vergesse zu singen, er stößt mir in die Rippen.

Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den Atem und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.

Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlängelnden Welle nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht stürmisch, ich liebe es nur.

Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf Dunkelblau, Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett schraffiert, gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.

Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie die Muscheln gemacht, oval und handgroß. Nehme ich sie heraus, erlöschen sie. Ich lerne sehr bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch das Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien ist ein fabelhaftes Geglänz.

Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal Abend. Wie liebe ich die Steine, wie beschäftige ich mich lange und heftig mit ihnen.

Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurück, während ich noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fällt die Dämmerung herunter, es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal rufen, so allein ist es.

Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno Adelkranz legt Dämme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen und Brombeer. Ich schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine Hand ist weniger braun wie die meine.

Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer. Ich fange an zu blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es ist der Kuckucksruf.

Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich später langsam an, vom Meer am besten her, da glänzt der Baum wie ein Signal, wenn die Blätter sich drehen von der Brise und die zinnweißen Unterseiten wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie Überreste herunter und schnattert bösartig, sie liebt mich nicht.

Ich fahre langsam wieder hinaus.

Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt vom Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer und Esse arbeiten ließ. Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie hatten einen Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson zu strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es erzählt.

Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe dreimal gemolken hat, wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor Wut.

Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: „Sakramentskade fan“. Sofort sinkt sie wieder zusammen, hört auf zu fluchen, steckt die Hand in den Mund vor Schreck.

Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen Blumenstock herüber: „Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne . . . .“

Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und ich, wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde an.

Wir wechseln kein Wort.

Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt. Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut und das Riedgras.

Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.

Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.

An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt, ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem Verständnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht von den Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.

Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.

Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache sein Leben mir zu eigen, ich erlebeseinLeben:

Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag, ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie nicht immer.

Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus im Mund und schreit: „Hast du ein Streichholz, John?“

Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.

Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer, fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.

Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh, und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: „Y tu compagnero?“

Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an: „Verrückt.“ Ich gehe weiter.

Ich liebe es so — — —

Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm alles sagen von ihm.

Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.

Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich übersehe.

Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und den Kräutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit Eidechsen und Grillen.

Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen, laure ich stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch Rundung und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn die Zangen einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe ihn ermatten und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und zersäbelt.

Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam, ich gehöre dazu.

Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern umringten Gütern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was kümmert es mich.

Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich öffnen, wie sie sich schließen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen die giftigen Rückenflossen aus der Flut heben.

Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.

Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der Abreise nach Abo mich überfallen. Sie kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.

Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine Pause, kein Halt in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in den Fjorden, wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.

Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit, ich muß zum Balkan, sofort, ich weiß nicht warum.

Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die anderen, er ist aus Blau und Grün und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach Barsebäcksaltsjöbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström, er ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten Morgen.

Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln, eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken draußen mit Adelkranz und Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der weißesten Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit läuten, sind wir schon tief im Gesang.

Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. „Es lebe Mannerheim, es lebe . . . der General Mannerheim,“ rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den Namen nicht.

Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht halten vor Lachen. Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fällt Holgerson und zerreißt im Wasser Adelkranz’ Netz.

Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter die Küste, indem wir die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen, wir üben uns ein und kommen in einen schönen Takt.

Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol zu trinken und spannen sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebäckby, Cederström liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter uns her.

Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.

Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber ich suche es auszugleichen, Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das wir hereinkamen.

Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am Horn und führt uns an die Hintertreppe des Schlosses.

Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr viel, stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder Cederströms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir sind nicht sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es spüren oder fürchten, es sähe jemand, das ist unmöglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.

Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung, wir treten ans Fenster, da rückt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.

Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen tiefe Verbeugungen, erschöpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.

„God dag,“ rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurück, hole ein Schallrohr und rufe, während sie die große Freitreppe heraufsteigen: „Välkommen.“ Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie in meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut, daß ich in Borgeby bin, aber wer weiß, vielleicht bin ich doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam, grüße ihn nochmals.

Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt sich vor Lachen im Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf die Schultern, „Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,“ sage ich ihm.

Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er beginnt auf der Treppe zu erzählen, wir bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich über einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche Verwechselung und am Schluß der Geschichte saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot, es war nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde darüber auf der Treppe und bückten uns vor Vergnügen, und Cederströms Diener bückten sich mit.

Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich weiß genau, daß ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:

„God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu sein, ich grüße Sie ehrfurchtsvoll.“

„Välkommen i Borgeby.“

Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: „Auf solchem Schloß zu wohnen, welches Glück, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, ließ er Erde erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht Dänen einmal davor, steckten Schwänze der Sperlinge an, setzten zwei Flügel in Brand . . . ,“ wir können nicht mehr lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr hungrig geworden.

Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist auf den Tisch in der Ecke.

Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und lächle: der beste Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf Büchsen Fische, verschieden gewürzt, Krabben, gebackene Wurst, Krebsschwänze in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge Krähen als Ragout, gebackene Klops, geräucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate, kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin zu Tisch.

Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms Nichte, wie ein Tautropfen zart, ich grüße sie.

Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederström hält vier Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Märchen von Andersen herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher, warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.

Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und ich ihn unterbrechen, nun redet er von den abgeschnittenen Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.

„Sie müssen,“ sage ich, „Baron, Sie müssen Ihren esthnischen Diener, der uns im Hotel den Himbeer in den Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack zu nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt mir ein unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schöne Frau schenkte es mir in Bohuslän.“

Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brüderschaft mit Cederström.

„Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström, denn du liebst das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.“

Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer längere Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem Cederströmschen Silber.

Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden Gläsern, wir sind bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.

Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an ihm ist, aus Schweigen und Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.

Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström träumt. Ich denke an Angermanland, mir fällt ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den glühenden Mond, kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fällt sehr viel ein, ich denke nicht daran, daß ich nicht mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich überschlage es rasch, warum daran denken.

Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.

Chopin schwingt ab.

Eine Pause, ein Diener läuft.

Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flüstert uns zu. Die Saaltüren öffnen sich weit, die Pächter Cederströms erscheinen mit dem Pfarrer, schlanke Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und ihre Frauen sind blond, anständig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu Zwanzig in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.

Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.

Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den Spieler, sagt ihm den Dank, er hält uns für einen deutschen Zirkus und spricht mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um ihn nicht zu kränken.

Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die Blumen dem Generalpächter, der Geburtstag hat.

Wieder Konzert.

Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer träumerischen Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt ihre Tönung.

Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man tut sie in die Seitenflügel, man zeige ihnen später das Schloß.

Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer Etüde. Wir gehen die Treppe langsam und majestätisch hinunter in den Park.

Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.

Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln bereit?

Fest in Borgeby.

Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwärme schreiender Raben in der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschönem Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf und ab durch den Apfelgarten, wo manches noch blüht.

Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand über dem Rasen: „Du kalter Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.“

Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys jahrhundertalten Apfelgarten, die Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das mich beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.

Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. „Zeigt den Wandervögeln das Schloß“, ruft Cederström von der Mauer. „Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für alle Schlösser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.“ Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des Tags glüht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederström bringen sie aus, dann schauen sie in die Höhe.

Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr schön.

Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fühle den Sturm in mir wie Reinigung, „Skål“ rufe ich, „Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die ozeanische Luft“.

Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.

Nun fällt der Tanz.

Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer Sanftheit erfüllten Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens mitten durch die Ebene der Nacht.

Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der Päan, der Sturm am Klavier: nun tanzt Ernst Cederström allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer . . . er macht eine große Wendung, er springt durch das Fenster, er grüßt herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster, wir folgen alle, wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm im Sprung heruntergebracht.

Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederström, sie gehen mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewölbe.

Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich mit einem zärtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter Windmühlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die Ostsee.

Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns sagen, ich weiß, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie es hört:

„Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so träumerisch. Ein Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Körper Musik kommt. Meine siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind schon viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.“

Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tüchtig getrunken, vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzückung, ich steige alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian, damit er sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und ziehe ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.

Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:

„Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström. Strandvägen, leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weißnacht, das granitne Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln. Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie ein Hund in deinem Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem Fenster. Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies ist alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.“

Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederström.

Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den Gebäuden des Generalpächters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim Konzert am Mittag um einen Tisch.

Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen geben, sie ist meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer tiefer, man hat ein großes Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.

Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es ist nicht richtig, daß ich ihr zutrinke, ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.

Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schönes, festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer, im Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.

Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte einmal versuchen wollen, eine Bremse in die europäische Politik zu legen, ich hätte sie fest in der Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert wie eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes zurück.

Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: „Baron, Sie fallen von der Stange“, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich hämisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.

Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.

Polonäse.

Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein umgibt uns durch den Park über den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar auf.

Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich höre einmal, es schlägt vier Uhr, aber es schlägt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was gehen mich die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.

In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe kommt mit Gartenduft und Rosa aus den Büschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend danach die flaumenweiche Morgenluft.

Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlägt die Schleifen: Der Diener Cederströms.

Er meldet die Equipage.

Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch einmal die Equipage.

Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.

Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne im Morgen, dunkelgrüne Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gäule scharren. Immer noch Krähenschlacht über den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine Luft.

Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:

„Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne, sie zischen um Borgeby“, sage ich. „Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.“

Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:

„Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben, welches Leben, Baron.“

Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um uns getaut.

Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.

Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.

Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind noch recht betrunken, es legt sich langsam, während das Schiff schon fährt.

Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das Schiff führt mitten in den Wind hinein, ich glaube, daß das uns kühlt.

Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt immer mehr, ein Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Küsten, der Horizont wölbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein Knauf.

Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger surrt nach ihm, wir gehen frühstücken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir sind aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es hat einen anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann so rasch nicht enden.

Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.

Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht ins Wasser, wo ist unser früher Sommer mit einem Male? Es wird stürmisch und spritzt herauf bis zur Takelung.

In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und der Mondbewegung über Borgeby vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist zu kalt, es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne und beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den Schwänen und dem skånischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in die Schloßen.

Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström bleibt zurück, er schaut wie ein Vieh und will in die Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig schlafen oder speien, er kann tun, was er will.

Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe die Kämme der Wogen an, sehe die Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm. Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die weiße Krone aufbricht, die sich heraufschmeißt.

Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe oben nur manchmal das Auge des Kapitäns, es ist grau und ironisch.

Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu, ich fühle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das Schiff nicht abkippt.

Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen einen Bündel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er sich mächtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.

In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rügens stehen vor uns, sie stehen so dicht und weiß, daß sie zuerst blenden; als ich die Augen wieder öffne, schreit jemand:

„Die Grenze.“

Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter Mittag taucht mit Rügen auf, ich zünde eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.


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