Chapter 6

Es gab viele Genüsse freilich, die ihn leicht erheiterten, aber es hätten ihn aus seiner entfernten Kühle nicht einmal die Schmerzen getrieben. In Husum knackten die Fischermotore, in Trouville sangen die Austernverkäufer weiter, weiter . . ., in Hamburg krischen die Matrosen: „Glorie, glorie, Hallelujah / Schön sind die Mädchen von Sankt Pauli-Altona.“ In dieser Zeit vermochte er sogar viel zu lesen und zu studieren.

Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.

In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen ließ Shanvady ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden, karmoisin und golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln kamen sie abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten Fenster schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach spielte. Am Portal ließ er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag eine Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der Luft.

Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und ihre Tochter zwanzig Stufen über ihm. Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die Hose des Mädchens über ihre Schuhe. „Mais . . Juju . .“, entsetzte sich die Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe. Sie hatte einen Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa siebenzehnjährig, mit biegsamen Beinen.

Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem Gesicht einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an den Händen.

Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem Schloß fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und süß, spielte eine Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht hindurch.

Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an einem Band führend, das Haus verlassen.

Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo die Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prägung erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein Gurgeln gerade beendete.

Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort: Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel vergangener gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen Reservedivisionen das läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie mit Handgranaten aufzuschmeißen . . . . . . worauf mit leichter Bewegung, den Schwamm hoch auf dem Nacken ausdrückend, Harri freundlich über die Schulter frug, in wessen fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese Lebensfasson am kräftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene, daß in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbücken dem Diener ein bestürzender Knall entfuhr.

Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half Harri in das über den Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys für ganz kurze Weile in der Nacht stattgefundene Abreise.

In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe einziehend, meinte Harri, als der Adept nicht wich, daß man beim Lesen feuchte Knie, im Schlaf hin und wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe wie er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der auf das Frühstück aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen Beafsteak und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener auf der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.

Als aber darauf der Hausintendant plötzlich nach dem Garten schielte und mit zitternder Stimme auf eine schöne Junonin neben einem taprigen, elegant arrangierten alten Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum erstenmal seine verklebten Augen aufriß und mit schüttelnden Verneigungen den Gaga als jenen Holzer grüßte, der beim Feldzug der deutschen Seele nach ihrer zeitlichsten Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit seinem Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik und Würdigung mit Schwung, Harri neben seinem Bett ein rundes Gefäß, drehte sich um: „Excusez“, worauf der Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem Donnerschlag verschwand.

Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich zwischen den barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher zu sich, das ihn lockte. Er folgte um Gebüsche und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch Juju.

Er trieb sie über den Fluß, aber als er um eine tiefere Brücke herankam, entwich sie zurück, indem sie einen Zweig erwischte und in einen Kirschbaum sich schwang.

Im gleichen Augenblick mußte Harri zurück, sich am Ufergebüsch verstecken, denn aus dem Rondell trat eine Schar Menschen, die teils sehr elegant, teils aber auch in Ponyfrisuren und offenen Brüsten und Indianerhaaren die Zeichen der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen Weisheitsschule Couleur in Form eines Fürsten bei sich führten, der unablässig an einem violetten Seidenkissen stickte.

Ihr jüngster Nachwuchs blieb mit hochmütigen Hälsen unter dem Baum stehen und versuchte, indem sie ihre Beschwörungsformel „tak . . . tak . . . tak . . . tak . . . ore“ riefen, Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die Köpfe spuckte.

Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch in Unordnung geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der den Turnus führte, herum und schlug dem Jüngsten Laotses Sprüche heftig auf die Ohren, worauf der Fürst sich umdrehte und knurrte, weil ihm mißfiel, daß der Aufenthalt der Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel einen Jüngling piekte.

Als sie im nächsten Boskett verschwanden, rannte Harri um die Brücke und kletterte in den Baum, wobei ein Regen von Kirschen auf ein niederging.

Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schönen Beine baumelten, ging ein Lärm los, als rausche ein Adler in das Gezweig herunter, aber nach einigem Lauschen sah er, daß es nur ein Dutzend Jünglinge waren mit wallenden Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit der Ziege herschritten, mit einer gewissen wallenden und stolzen Bewegung der nach innen gesetzten Füße.

Harri bemühte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht vonnöten, denn diese Männer sahen nicht herauf, sie murmelten nur, indem sie zum Takt ihrer Füße den unteren Rücken schwangen.

Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen Frauen zu lieben, ihnen genügte es immer nur einen Namen zu lispeln, der wie „Georges“ ausklang und, wenn er kein jüdisches Symbol bedeutete, ihn schließen ließ, daß hier ein balkanischer Stamm sich in Riten übte, worauf auch die Ziege den Akzent gab und ähnlich versunken mit dem Steiß flog.

Im Augenblick, wo sie einbogen, ließ sich Juju an den glatten Ästen heruntersausen, er konnte aber wieder nicht folgen, weil um die Ecke in großer Erregung Menschen sprangen.

Die schöne Frau des Vormittags zuerst, die Röcke geschürzt, den Busen fliegend. Hinter ihr der Greis mit falschen Hüften und Schminke im Gesicht, der sofort an einer Ritze der Badezelle Posto faßte und der Entkleidung zusah, die Harri vom Baum der anderen Seite durch das offene Dach noch freier sah. Hinter einem Baum aber, noch weiter hinter dem spekulierenden Holzer aber stand, das Gesicht von Tränen überlaufen, der Hausintendant, trostlos und ohne Hoffnung gegenüber so alter und konkurrenzloser Leidenschaft.

Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm, war des Alten Erregung so gestiegen, daß er „Anastasia“ zu rufen anfing und auf den Zehen hüpfte. In diesem Augenblick zog ein Boot vorüber, am Steuer der Adept des Vormittags, aber selbst das Gestöhn ihres Meisters, der sich die Haare raufte und aus der Nase blutete, weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot wechselte, vermochte sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen und „Heil“ zu rufen.

Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen Posten zu verlassen, von zwei Zwergen verfolgt kam er zum Lunch.

Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Geräusch, das den Horizont umspannte und dabei dünn und weich vor dem Schloß erstarb, wieder ausklang und verging und jeder Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.

Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.

Hinter der Herme hörte er einen Pfiff.

Mit kleinen ängstlichen Schritten hüpfte Juju vor ihm. Sie ergab sich am Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt, weil im selben Augenblick ihre entzückende, breit plissierte Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm, die Hose als Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.

Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder, in der sie hoch über eine Wiese schwang. An den Füßen zog er sie herunter. Sie schluchzte, als er sie ins Boot hob. Er mußte zurück, ihr zitterndes Hundevieh Rouge mit an Bord nehmend.

Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf hinausstrichen. Plötzlich glitzerten ihre Augen, sie riß ihr Kleid ab und warf sich mit einer rollenden Bewegung ins Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter trug. Er zog sie wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf und kam mit dem Badeanzug zurück, während die Vögel aus dem Schlaf schrien. Ihre Beine wippten auf dem Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im Wind, sie paddelten weiter.

Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen das Geräusch entgegen, weicher und getragener in der Nacht, und um so lockender zog es das Boot an.

Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, riß die vom Licht Bezauberten heraus, drückte sie auf den Bauch, daß sie die Mäuler aufsperrten und warf sie in das Wasser zurück.

Nun war es kein Zweifel mehr, daß das Geräusch, das immer dunkler die Nacht erfüllte, Frauengesang sei und sie fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit auf die Entdeckungsreise, als er landete. Sie biß ihm vor Vergnügen in die Lippe:

„Chéri . . . mon ami.“

Sie hörte den Gesang zum erstenmal.

„Wie lange bist du da?“

Sie wußte es nicht mehr.

„Wie lange bleibst du?“

Sie lachte: „Fragen Sie Maman“.

An einem Teich vorbei, Hügel mit Statuen, die man nicht erkannte. Jujus Arm an seinen angeklemmt. Immer auf den Gesang zu, der flackernd manchmal hochstach und dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen in der Ferne. Plötzlich kam ein Haus.

Die Tür ging in den Garten. Es wurde vollständig still. Jujus Zittern ging durch seinen Rock. Im gleichen Augenblick erhellte sich eine Partie des Gartens wie ein langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte zurück, sie stießen an elektrische Drähte. Die Tür zurück war geschlossen. Im gleichen Moment begann das Singen wieder.

Der lichte Teil des Gartensbewegte sich zu einem Zug, der wie auf einer Leinwand bebte,zu verhüllt, um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu sein.

Er sah den Zug vorüberlaufen, und vergaß Juju, die vor ihm stand:

Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten Lederstiefeln bis zur Scham. Im Blusenhemd warme Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit Olivensträußen am Gürtel. Jütische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen Armen. Die Diana von Aleppo. Eine weißblonde Finnin von den Stromschnellen, eine kleine von den Hochzeitsgütern. Neuseeländerinnen kamen, Kinodiven mit kurzen Rücken, hochbeschuht. Jüdinnen mit roten Haaren. Kleinasierinnen in Kleidern Poirets, den Bauch herausgepreßt. Kunstreiterinnen sausten vorbei, Russinnen mit Madonnenscheiteln, Armenierinnen mit den Hüften der Wolfshunde. Negerinnen, die schöne Melonenbrüste über der Schulter trugen. Arabische Frauen auf Pferden, kleine Irinnen, fliegende Frauen aus Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris, Provinzmädchen aus Krain mit anmutigen scheuen Knien. Dahinter Winzerinnen vom Elsaß, Sehnsüchtige aus Madrid, Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen rot bemalt, Australinnen, glatt wie Zebufell.

. . . . . . Augen, Hüften, Beine kamen. Füße schritten, die auf Kies nicht treten konnten, Zehen, denen Blumen zu schwer waren, Knöchel so hochgespannte, daß sie die Sandalenschnur verschmähten, Waden, geschwungener als Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser als Vögel schwangen, Hälse kühner als Fliegerkurven gezogen, Achseln, die wie Schwanennester schwebten, Brüste wie Hügel der Bretagne aus der blausten Abendferne, Leiber, die mit der Bewegung der kühnen Gestirne aufzogen, Schenkel, die leichter als die erlesensten Tiere auftraten, Knie, deren Leichtigkeit Reh und Panther und Flamingo verjagte, Hüften, die der Eleganz der Rennmaschinen den Zauber der Erntefelder und Flüsse hinzufügten.

. . . . . Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen in Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen, Verbrecherinnen mit Quarzaugen, Damen, die wußten, alles sei duftig, reizvoll, sie angemessen erwartend in ihrer Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen gespannt, Reiterinnen mit bleichen, herrschsüchtigen Gesichtern, Mädchen mit Gliedern, als trüge jeder Muskel ein Service, Schauspielerinnen mit roher Träumerei vor dem Auge. Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und Gibsons Wald, burgundische Täler, der Po, die Rheinflüsse, Verona, der Ammersee. Frauen, hinter deren Kniebeuge das winterliche Gebirge aufschoß, unter die der Schwarzwald vom Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt legte, Frauen, um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische Städte sich formten, Abhänge glitten. Frauen, um die der sommerliche Horizont flog, die über Birkenrinks bei großen Concours wegsetzten, Frauen auf dänischen Gütern, dalmatinischen Schlössern, Frauen, um die das Meer aufscholl, die in Jachten bräunten, die durch den Herbstwald hetzten, Frauen, deren Füße die Liebkosung der Maimatten kannten, Frauen, die durch die afrikanische Nacht auf Tiere schossen.

. . . . . . Polinnen aus Krakau, Rumäninnen mit lasterhaften Händen. Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen aus der Krim. Karthagerinnen. Die kriegerischen Weiber des Helesponts, Amazonen mit weißen Hengsten, Negerinnen, gleitend mit Bogen. Frauen mit üppigen Brüsten unter Ketten und Bronze, rote Haarbüschel über der Stirn. Die säbelschmalen Weiber aus Damaskus. Frauen mit Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie Trompeten geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend wie Pfeile, mit Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen mit großstädtischen langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte berührten. Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf dem Rücken. Mit Niggermusik in dem Bauchmuskel. Kühle Schottinnen. Amerikanerinnen mit Diamanten in den Zähnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen im Blick. Frauen, die Stirn verschleiert. Frauen, Unzüchtiges im weichen Blick, Frauen mit aufgesprengten Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den Starnbergschlössern. Frauen aus den Pyrenäen. Ruteninnen, deren Väter Franzosen waren.

. . . . . . Frauen kamen mit harten, glatten Beinen. Frauen, die sich umarmten und dem Mann noch unergründliches versprachen. Frauen mit Unterwerfungsgebärden. Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von Sieg. Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen durch die Steppe gejagt. Frauen mit schimmernder Haut. Frauen, die ihr Gesicht sekündlich wechselten. Frauen mit grausamen Beinen, mit Madonnenhänden. Frauen mit tätowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom Sudan. Ätiopinnen, die auf Vogelschreie horchten. Frauen aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die mit ihrem Körper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos rochen, wie Klee, wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo, wie die Nordseebäder, wie Borkum, Abwinkel, wie Teer, und Sonne und Sand, wie die Haut der Vierzehnjährigen im Juli im Inselhotel des Bodensee.

. . . . . . Es kamen Frauen, die Australien plötzlich auf den Handtellern trugen. Frauen, in deren Augen tödliche Geschichten eingeschrieben standen. Frauen, die zwei Meter über dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten. Bobfahrerinnen, Träumerische vom Engadin, aus der Eifel. Frauen als Tänzerinnen. Mit Flöten. Frauen, blumenhafte, Frauen, die ein Wort knickt, Frauen wie Hyänen. Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe Katzen aus Chile. Pumas, nackte Räuberinnen, Frauen, die einen Fjord überschwammen. Frauen, die Timbuktu plötzlich entfachten, die Fidschiinseln, Honolulu malerisch zwischen den Brüsten wiegten. Frauen wie Luchse, wie Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jüdinnen, Katalonierinnen, Frauen vom Roten Meer, von der indischen Bay, heiße Weiber aus Syrien, antilopenschmale Berberfrauen. Frauen, die den Sternaufgang über den Schären beschworen. Frauen, die Tod hießen oder Pensée. Erregte mit verschlossenem Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio. Jungfrauen, von Löwen antik gejagt. Blonde Maurinnen aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an der Hand. Mimi Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akté, die Hasselquist, die Durieux. — Isis und Huschnaia. Göttinnen in einem wundervoll vollendeten griechischen Flug, mit überirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. — —

Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch aus, der Zug war aus. In das Dunkel stachen suchend zwei Laternen.

Der Garten war leer.

Sie umgingen torkelnd die Drähte, die mit einem Mal sie nicht mehr hemmten.

Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der Chauffeur stand mit dem Hut in der Hand am Schlag. Sie stiegen fluchend hinein. In einer großen Schleife fuhren sie nach dem Schloß. Einmal hielt der Wagen. Da lag ihr Boot am Fluß.

Noch zweimal hielt er.

Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog. „Chéri . . . mon ami.“ „Wie lange bist du da?“ Pause. „Wie lange bleibst du da?“ „Fragen Sie Maman.“

Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals: „Mon ource . . . mon rigolot . . . mon grand bébé.“ Aber sie zitterte nur wegen dem Wort „Maman“.

Harri lag im Wagen. Er überlegte nicht, was an Geheimnissen die Nacht füllte: Welche Frau Shanvady verstecke, welche Technik er zu solchem Bluff ersonnen, wie er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und düpiert. Er ahnte nicht, wie weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er sich verwirrt. Er spielte nur mit Jujus Hand, es war ihm gleich.

Das Schloß war erleuchtet. Auf der Diele erwartete er Juju, die sich umzog, auf der Treppe küßte er ihrer Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fächer mit ihm kokettierte, was Juju errötete. Im Billardsaal stand winkend Shanvady. Er sah ihn zum erstenmal jetzt lächelnd.

Sein Lächeln deutete, daß das Geheimnis, dem sie nachgepirscht nicht entwirrt werden könne, und daß der Versuch es zu lösen, nur noch stärker an es verstricke.

Aber Harri stand kühl beiseite. Er fühlte, nicht beteiligt genug auch hierbei, daß Shanvady den Reiz, der ihn unbewußt zu ihm geleitet seit jener Nacht im luxemburgischen Garten, selbst zerreiße, indem er ihn darin zu fangen suchte, und daß das Messen und Ringen, das Shanvady aufgestellt, darum für diesen verloren war, nicht für ihn. Ein Sieger wider Willen hob er die Augen.

In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfänger, ihn unterjocht dachte, weil er endlich seine Apathie in die Maschen eines unlösbaren Reizes in der Falle glaubte, riß er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausübte.

Es gelüstete ihn nicht, das Geheimnis zu lösen. Er ließ es fahren ungeöffnet. Es reizte ihn nicht mehr.

Wie unter einer abgründischen Melodie trieb es weg wie alles wegtrieb, was an ihm gezogen. Als Zuschauer floß ihm dieser Tag fort wie jeder andere Tag, er vergaß ihn, vergaß die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf, der mit einer leisen Gebärde seine Überlegenheit hißte, erbleichte Shanvady unter dieser unbeweglichen Kälte, die nichts rührte. Die Gebärde zerbrach mitten im Schwung.

Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder um ihn zerfiel.

Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch aus dieser Atmosphäre löste. Sein Hirn war plötzlich nur eingestellt von dem Drang wegzufahren, das erfüllte ihn mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich den Abend von solcher Leichtigkeit getragen vor, daß es ihm schien, er vermöge die Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.

Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, daß sie abgefahren, aus Eifersucht auf Maman. Am Tag zauberte Shanvady noch einige spielerische Dinge, die ihren Kreis um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht verschwunden. Mittags brachten die Weisheitsschüler ihre Kleider, widerstrebend, an den Zipfeln, da die Georgesleute sich geweigert hatten, die Jünglinge Holzers aber unter Weheruf den Ort geflohen seien, wo Weiberkleider lagen.

Da sie am Fluß lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine Zeitlang plauderte Holzer, dann stand er langsam auf, mit seinem gebräunten Schnurrbart wie ein ägyptischer General, griff in den Mund, riß das Gebiß mit den vielen Goldplomben heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao . . . uaiii. Sah um sich, nichts als Jugend und ging an einem Stock hinaus ins Greisenalter, gehässig, demütig, ein röchelndes Skelett.

Mit einer zärtlichen Bewegung öffnete nunmehr Shanvady den Ring dieser Katastrophe, in der er Schicksal gespielt, Anastasia nach Genf beordert, die Maskerade zur Tragödie getürmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem Weib nachschickte, in seinem eigenen Wagen, von Tränen des Glücks überschwemmt und in himbeerroter Livree.

Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend fuhr Harri. Im Wagen des vierzehnten Ludwig, karmoisin und golden, mit sechs Pferden, eine Krone als Abschluß, Fackelträger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte ihn mit nichts mehr. Vorbei.

In Paris lernte er Blériot kennen. Der Meister hatte gerade den Kanal überflogen, die Welt schien von Möglichkeiten um so tiefer ins Herz bedroht, als die neuen Waffen noch phantastische Erweiterungen zuließen und fast noch keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blériot als Passagier, schon figurierte sein Bild neben dem Blériots im „Journal“, „Matin“, „Petit Parisien“. Auf dem Marsfeld stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud Kordelin vor.

Sie sah ihn nicht an.

Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den Hangar fuhr, sah er sie wieder. Sie sah ihn wieder nicht. Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben vorüber, durch angekerbte Drähte, deren Wundstellen unter Flammen standen, an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten, bei welchem Druck sie rissen. Elie verbeugte sich etwas vor dem Passagier Blériots, auf seinen Wunsch brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurück, um die Konkurrenz zu ehren.

Sie lag im Torpedospritzer, führte das Rad über dem Kopf zum Steuern, die Luft schoß wie unter Wasser kräuselnd gegen das dicke Glas der Schutzplatte. Als er ausstieg, schob sie den Wagen in eine Sprungkurve, ohne ihn zu beachten.

Am nächsten Morgen trat Harri bei Rippère ein, acht Wochen vor dem Concours, einen Schal um den Hals.

Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer in einem Messingkessel. Der Hammer tat hundertfünfzig Schläge die Minute. Als die Bänder genietet waren, hörte er nichts mehr, zwei Tage später war er darüber weg, trainiert auf jedes Geräusch. Im Ausprobraum zwischen fünfundzwanzig Motoren von pro Stück zweiundzwanzighundert Schlägen Tourenzahl die Minute, kontrollierte er zwischen farbigen Gasen und feurigen Säulen über den Ventilen die Auspuffung, den gleichmäßigen Herzschlag der Eisenkuben.

Um das Getös, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes, fast greifbar, dastand, rauschten die Thermosiffons der Wasserkühlung an den Wänden herunter, erhitzten sich auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und stiegen in langen Schwaden von selbst wieder auf.

Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.

Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in die Kilometer. Mit Kupons, die im Midi, bei Brest, in Marseille testiert wurden, mit Stechuhren, mit dem Befehl die Maschinen an der Rhone, in Calais, in Tarascon zu zerlegen und zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schußlinie über die Chausseen.

Eingedrückt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung spielend, lernten sie das Verwachsen mit dem Material, beherrschten den Stahl mit dem Hirn, liebten die Maschinen, wurden wieder geliebt.

Sie rissen beim Überrunden einem Möbelwagen die eine Seite ab, aber sie behielten den Auspuff genau im Ohr. Mit zitternden Flanken ließen sie die Wagen wie Pferde auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehöft, würfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen unter sich. Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen gelbe Schuhe, englische Anzüge unter den Leinenblusen, die Zigarette nie aus dem Mund.

In der tollkühnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung. Nur wenn sie kühl waren, ging der Verstand ihnen in die Lappen.

Drei Tage blieb Harri im Büro, zwei auf der Rennbahn, zwei bei der Konstruktion. Auf der Eisenbahn, Compagnie de l’est, lernte die Verstopfung der Gase, die Qualität der Kohle, der Öle und Benzine.

Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz, bei Pairfax die aus beiden gezogene Essenz. Nun hatte er den Radius abgelaufen, die Intimität zum Gegenstand erreicht, den Querschnitt durch das Technische gelegt.

Er beherrschte und liebte.

Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines Tenders, der Flanke einer stählernen Blitzzuglokomotive, von der Melodie eines angeschirrten Flugzeugs, das aus allen Seilen sang, zu spüren.

In der vierten Woche trat er bei Blériot in den Hangar, der Schatten der ingeniösen Nase und des Vogelkopfs mit der verkehrt gesetzten Mütze lag an der Wand wie mit Dynamomäulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen übte Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine Kühnheit nicht kalkulierbar, kein Tod nicht ausmeßbar und zu überwinden war.

Er liebte an dem Flieger das Unerschütterliche. Dieser gewöhnte sich bei Harri an das Nichtmitreißbare.

Gegenseitig liebten sie ihre Kühle und Distanz, die bei dem einen das unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt, bei dem anderen sein Durchmarsch durch solch unvorstellbare Kurven der Kühnheit des Geistes und der Gefahr, daß er die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen schon wieder verstand. Sie empfanden, daß die nach außen gekehrte Reserve eines jeden von ihnen kein Manko, sondern der gehärtete Widerhall einer feurigen Seele sei.

Harri lernte, daß die Welt als flache Scheibe zurückfiel, wenn er das Steuerrad zurückriß, und wenn er dann nach hinten sich warf, daß blaue Luft die Erde tiefer zurückstieß. Er fühlte das Grausen der Vertikalböen als Musik im Blut. Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des äußersten rechten Flügels lief, knirschte kurz und rollte. Die Klappe des rechten Flügels stieg unter seinem Druck.

Die Schnur lief langsam über den Kreis hinüber nach links, der linke Flügel senkte sich ein wenig. Die Kreuzung der Schnur verschob sich rasch.

Nun fühlte er das wunderbare Gefühl des Kreises, den die Libelle machte, als befreite Bewegung seines Körpers, dann zischte der Renner in kurzen Spiralen hoch in Blériots Hand.

Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der das Flugzeug senkte, beim Seitensteuer die Gleichzeitigkeit der Fußbewegung und des Flügelaufhebens. Er lehrte ihn den Mut der Sicherheit, nicht den der Gefahr.

Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft, das Überschießende der Sicherheit gegen die verderblichen Möglichkeiten. Er führte auf Umwegen ihn jederzeit dahin, über das Ungefähre der technischen Dinge und ihrer begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle Sicherheit der Überlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.

Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinüber zu Abrahamowitsch, der ein neues Modell startete.

Von Blériot erfolgte nichts, er rührte sich nicht.

Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen aus der Liste, zwei seiner Schüler sprangen für ihn ein.

Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und Maud Kordelin auf dem dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten Tag plombierten sie die Libelle, ließen sie durch zwei der besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.

In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten, steif und besessen zum Takt von Motoren, jagten dann um zwölf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.

Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin in den Wagen, reichte Harri die Hand. Mit ihren schräg stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum erstenmal grau an.

Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris Wechsel der zum erfolgreicheren Konkurrenten war, gab Elie eine erhöhte Reklame, aber sein blasses und scharfes, auf dem übergroßen Körper immer umnebeltes Gesicht bemerkte es nicht, nur ausgefüllt von den Kombinationen seiner Modelle.

Was er vom Äußeren der Welt begriff, vermittelte ihm unbewußt sein Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein Erfolg. Das Übrige des Daseins war Arbeit, weiter nichts. Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das Schöpferische begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich nichts von seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern begegnete sich Aufleuchtendes nur, wenn seine Arbeit sie in das Atelier am Montparnasse hinaufriß. Ein Leben daneben gab es ihm nicht.

Bei der Prüfung des Reservemotors warf sich Elie mit einer kühnen Bewegung auf den Apparat und blieb das Ohr an seinem Auspuff liegen. „Sie traitieren die Maschinen wie andere die Frauen“, flüsterte Sauerwein vom „Matin“ mit frivol gesträubter Mouche. „Aber wir sehen die Frauen nicht wie Sie die Maschinen“, sagte Elie.

Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat, die Photographen tickten. Harri gab angeschnallt vor Mauds Kopf den Ruck nach der Signalflagge.

„Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen“, zischte Elie hinter ihm, als er Maud anband.

Das Gebrüll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch heraus, schon schwebten sie auf Rue St. Honoré, die längste Straße Frankreichs.

Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geöffneter Fächer ihnen entgegen. Elysée, Rue de Courcelles, Rue de Washington, Rue de Berry, die Place Vendôme. Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des achten Arrondissements, das Ministère de l’intérieur. Sie schwebten auf einer sanften weißen Kaskade, den Champs Elysés.

Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber der Seine, fuhren dunkelrot gebäumt Trocadéro. Fuhren Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue Mozart, Porte Molitor, Avenue de Versailles.

Sie fuhren zurück: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail, gläsern der Monparnasse. Fuhren Boulevard Port Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du Luxembourg. Notre Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.

Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue du Quatre Septembre, die Börse, Gare de l’est. Fuhren Marcadet, Poissonnières, Porte du canal St. Denis. Solang sie fuhren, spürte er Mauds Knie.

Sie fühlten das Herz plötzlich in den Schläfen: das Meer.

Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm saß die Sonne auf der Fläche. Der Rauch der Brandung verging in Mövenschwärmen. Wie eine Wolke hing das Meer mit wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.

Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berührten sich die zartesten Wellenkämme mit dem Gleiten des Flugzeugs, dann stießen sie auf den Strand.

Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valérie, mit vielen Booten davor. Fischerknaben brachten Picknick. Im Anblick der Ruhe und des über das Blau tief heraufsteigenden frühen Sommers bekam Maud Lust, die Tage der Langweile und Ruhe vor dem Concours in die Normandie zu fahren. Elie nickte, während die Fischerjungen anschlichen und ihr bunte Muscheln in den Schoß warfen.

Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs sie holen wollte, sagte Elie ab. Die Ausbalancierung der Libelle mußte auf ein Fabriktelegramm hin noch einmal durch einen Rechentrick laufen.

Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie fuhren direkt ans Meer, erreichten es bei Le Tréport. Maud bog von der Landstraße ab und fuhr direkt hinein, bis die Hinterräder in der Luft rotierten. Als sie die Strümpfe auszog, stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen geschmeidig, eine junge Athletin. Der Morgen jagte mit hellen dichten Wolken. In Eu strahlte es schon . . . . . . Gamaches . . . . . . Dieppe. In St. Valérie tranken sie Schokolade auf der Straße . . . . . . Fécamp . . . . . . Montvillier . . . . . . Le Havre . . . . . . Harfleur.

Die Seine wuchs ganz groß ins Meer. Über Deauville mit einem Tulpental nach Caen. Sie ließ das Steuerrad nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in die Dämmerung, hörten den Meerschlag durch das Dunkel dann brechen. In einem Dorf machten sie Halt mit einem übererhitzten Kühler, es ging nicht mehr.

Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich für ein paar Stunden zurück. Harri hörte nach einiger Zeit, aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen und Fischer unter dem Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein Kupferkopf stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen den Öllampen und Netzen humpelten fluchende Alte, breimäulig liefen sie nach dem Meer.

Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberüberschütteten Meer auf den Sand kommen, mit einem tierisch hinreißenden, kaum unterbrochnen Weiß der Haut und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel umwerfen.

Er sicherte, ohne daß sie es sah, ihren Rückweg. Eine Stunde noch lag er in der Hitze auf seinem Bett. Eine Holzwand trennte sie. Jedes Geräusch kam durch die Fugen. Dann stand er auf, ging hinüber und klopfte.

Einen Augenblick zögerte sie an der Tür. Dann öffnete sie.

„Sind Sie sehr müde?“, sagte er ruhig.

Sie lächelte.

„Fahren wir weiter.“

Sie nahm die Mäntel und Decken:

„Gut.“

Mit Pfeifen und Gläsern voll Cidre torkelten die breitbärtigen Fischer im Hof, die roten Boutons ihrer Mützen schwankten. Sie rissen die Mäuler auf, rollten die Augen. Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten einen schwerhörigen Kapitän in der Mitte, der sich bemühte, die Fäuste unterm Kinn, sie zu verstehn und laut lachte, wenn sie nichts sagten. Er hatte nicht begriffen, warum sie so erregt waren, aber er verstand, daß sie besoffen waren und gröhlte am lautesten, als ob er es wüßte, warum.

Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, daß er hinschlug, mitten in das Geheul der anderen, die schon selbst beim Anblick der Abfahrenden vergessen hatten vor Schnaps, warum sie verrückt auf die Bäuche sich schlugen.

Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen über der Chaussee der Mond aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren einmal dicht am Meer, fuhren durch Nebelwiesen, bissen mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.

Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit einer selbstverständlichen Bewegung vom Steuerrad.

Erfuhr.

Sie hinderte ihn nicht. Die Küsten fielen in großen Erkühnungen in den Kanal. Der Vergaserhahn rotierte in seiner Hand. Er fuhr, daß Maud an den Kurven sich hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast träumerisch lagen ihre Augen, ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit, ihre Blick suchte das Steuer immer, das er führte, suchte den Mond, der lilienweiß im Tag noch stand, ging die Normandieküste nach Süden hinunter und fiel wieder auf seine Hand. Sie ließ Grandville . . . . Abranche vorübergleiten, den elastischen Halbkreis um die Bucht St. Michel. Als Harri hielt, lag in Orangesonne der Hafen St. Malos unter ihnen.

Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.

Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai heraufkam und der sie sich hingab, als kennte sie das nicht.

„Sie hätten mich lieben sollen“, sagte Harri.

„Zu spät.“

Sie wandte sich um. Er hörte nicht auf sie zu küssen.

Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft, die eine Verhaltenheit aufriß und in ihr ergoß. Glühend an seiner Seite fuhr sie zurück.

Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie sprangen beide aus dem Wagen. Die Männer musterten sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr weit geworden: „Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung ergeben. Sie scheiden aus. Isaac fährt“

Beide sahen auf Maud.

Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinüberwerfen solle zu dem, der sie in ein kaum geöffnetes Leben riß, aber als nichts von diesem her erfolgte, der kühl und aufmerksam beobachtend dastand, wandte sie sich zu Elie, dem ihr Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das Mitleid, daß seine große Kraft einen Augenblick lang zur Entscheidung voll in ihren Händen lag.

Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu fahren, reagierte auf keinen Aufruf und blieb nachlässig bei seiner Libelle. Das Publikum bedrohte die Startrichter aus Angst, daß Intriguen gegen seinen Favorit dahinter seien. Es war schon gereizt, weil Blériot am Morgen die weiße Fahne über sein Zelt hatte hissen lassen.

Die Tribünen schimpften auf Blériot, der, wenn er fuhr, Gott war jederzeit. Sie warfen mit Tomaten und Äpfeln nach seinem Zelt, nannten ihn Ölsardine, Lapin, Birnensteiß.

Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drückten sie über die Barrieren und winkten ihm mit Tüchern zu. Beim zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb, als höre er nicht, tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief zu Elie hinüber, der sagen ließ, er fliege nur, wenn der Akzent seines Namens beim Aufruf richtig eine Silbe nach hinten gelegt werde. Es gab eine Riesenovation, Harri sah dahinter, daß Elie nervös war.

Kurz darauf stürzten zwei Flugzeuge ab, eines durch eine Vertikalbö, die es umwendete, das andere, indem es in luftleere Trichter absackte wie ein Stein. Die Stafette kam von dem kleinen Wald.

Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.

Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor Wonne in unverständlich schmalen Kreisen, dann schoß eine Querflamme durch den Apparat, fraß die Flügel weg, sausend kam die Libelle vor dem seidigen Himmel herunter. Als sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die Augen zu.

Die Stadtsergeanten sperrten den Hügel ab.

Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schläfenmassage die Augen auf. Nach kurzem Besinnen frug er:

„Mein Bruder?“

Alle schwiegen.

Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr, der Oberschenkel, der zerbrochen war, spießte ihm durch die Kleider, die eine Wange fehlte.

Er wurde ganz bleich:

„Die Fürstin?“, frug er seltsamerweise.

Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:

„Maud.“

Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber die Korsettstäbe hatten die Lunge durchbohrt. „Frauen bleiben Frauen“, sagte Elie noch, eh er sich umlegte und zu atmen aufhörte.

Als Harri aufsah, trat Blériot auf ihn zu. „Sie haben mich umsonst verlassen. Immerhin haben Sie sich den Tod am Schluß geschenkt.“

Harri sah ihn an: „Hätte ich ihn bei Ihnen vermieden?“

„Sie hätten ihn vermieden“, sagte Blériot unerschütterlich, „aber Sie waren nicht konsequent.“ Er zürnte ihm nicht, begriff ihn, sprach sein klares schneidendes Urteil über die Dinge, womit er sie überwand.

Da kam ein Auto angefahren, am Kühler stand Shanvady, das Gesicht bedeckt.

Seine Zähne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr an den Sprunghügel heran. Im selben Augenblick wurden die Leichen angetragen.

Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre Mauds, zog das Tuch zurück, neigte sich ein wenig, warf es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht entstellt, die Augen geschlossen, schräg und energisch über den Leib gelegt. Er machte einen Schritt: „In meinen Wagen.“ Sie ward hineingebettet.

Ein Kommissär erbat seine Legitimierung. Da sagte Shanvady plötzlich mit einer furchtbaren Blässe: „Meine Frau“ und zog den Hut.

Harri trat an den Wagen und legte die Füße Mauds, die heraussahen, unter die Decke. „Ich wünsche Ihre Spur nicht wieder zu sehen“, sagte er in großer Erregung zu Shanvady. Alle hatten die Hüte gezogen. Shanvady stieß einen rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen mit der Leiche davonjagte.

Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch, Montparnasse, Ecke des Boulevard, im sechsten Stock. Die Glaskuppe des Hauses füllte sich morgens mit Sonne wie mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in die heitere Dämmerung.

Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgründig erlebt hatte, nicht hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war nicht gebunden nachträglich an ein Ding, das er begehrt, aber um das er nicht einmal gekämpft hatte. Er überwand mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer tiefer und verblassender in den Hintergrund des Todes hinein, der sie aufnahm in jene majestätische und entfernte Haltung, an der Harri ablas Wert und Gültigkeit der Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf ihn zu, sondern trieb mit den dunklen Melodien unter ihm weg, die ihm jene Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit gaben, die ihn zu fast erschreckendem Hochmut erhoben.

Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag ließ er die bunten Vorhänge durch die Luken über seinem Kopf hinaus, flaggte das Atelier mit gelben, roten, blauen Segeln. Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn am dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand biß, daß er vor Zähnezusammenbeißen ohnmächtig wurde, sah er aufatmend in Mädchenaugen, hörte eine Stimme begütigend: „Léon.“

Das Gebiß des völlig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt um die Hand. Er hielt den Schmerz nur durch, gelähmt und bezaubert durch die Stimme, während man telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings über den Boulevard ins Spital St. Lusac.

Ein seidenschnurrbärtiger Arzt beugte sich über ihn mit einer Phiole: „Wollen Sie, daß der Hund lebt?“

„Hätte ich ihn sonst nicht getötet?“

„Es dauert fünf Minuten länger.“

„Wie heißen Sie?“, frug er das Mädchen.

„Aira Belmont“.

Er wurde ohnmächtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr er direkt, daß keine Tollwutgefahr sei. Aira Belmont kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham wortlos. Sie überging seine Verwundung. Sie dankte, daß der Hund lebe.

Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und fiel nicht aus der Haltung der holländischen Dame, die mutig und in aller Jungfräulichkeit von Java aus Europa bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte, um unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concièrge verfolgt, der Hund bellend hereinstürzte, verlor sie diese Geste, machte eine hülflose Bewegung und jagte ihn mit einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend drehte sie sich um. Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.

Die Wärme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn an. Die weltunwissende Sicherheit des schlanken Körpers, dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und Klarheit duftete, und dessen junger Spannung gegenüber die Welt unerprobt und voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu ihrem Führer.

Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzückungen vorsichtig entlang. Durch ihn sah sie Paris in idyllischem Format. Er brachte sie zu Rufen der Freude über die siebenundfünfzig Fruchtläden um Notre Dame de la Lorette.

An seinem Arm besuchte sie Kirmisse außerhalb der Stadtwälle und bog zwischen Lampions und dem Schwung illuminierter Schiffschaukeln den Buden nicht aus, wo sie nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bällen schossen.

Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage neben ihnen murmelte, wenn sich der Omnibus durch dunkle Straßen bewegte, und seinen Gäulen sein von der Angst der Autobusse, deren Einführung bevorstand, umwölktes Alter erzählte und wie seit vierzig Jahren die empfindlichen Stellen der Pferdehälse mit der Peitsche tuschte.

Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft, als an den Straßenecken die Roulettetische aufgeschlagen wurden, und Harri trug das Glas mit Goldfischen, das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf der Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter den mispelfliegenden Pappeln.

Er führte sie wieder in das Gewühl der Seinedampfer und brachte sie hinaus an die Grenze, wo Wiesen und Wind aus Büschen der Stadt entgegenkam.

Aus Blumen, Bäumen, Wellen formte sich dann etwas in sie hinein von seltsamer Kraft.

Etwas trat plötzlich in ihr Blut, das sie stark machte gegen ihn, ja ihn manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah er, wies das, was er an sie heranbrachte, sich irgendwie gegen ihn verstärkt zurückwandte und ihn einem Zustand zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem inneren Hören war.

Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie gesehener Landschaft sproßte St. Germain. Ihre Blicke hatten etwas Unverborgenes selbst für ihre eigenen Geheimnisse. Aber selbst ihre lässige schlanke Müdigkeit lehnte sich mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und Rosen und der Abendluft zuströmte, über ihn.

Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschämt, mit dem Gedanken an ihre verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und voll von einem sanften Entsetzen, war ihre Hingabe dennoch von so hemmungsloser Kraft, daß sie ihn mehr besaß als er sie.

Morgens fuhren sie nach Versailles.

Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der die Terrassen auffing, auf sie wartete, stand sie noch oben unter den hohen Schloßfenstern und wartete auf den Wildentenpfiff.

Dann kam sie.

Da fühlte er eine Veränderung schon, wie die erste Terrasse sie aufnahm und er begriff, wie das in sein Leben hineinfaßte und es bestimmte.

Er sah, wie alles sich plötzlich auf sie hinwandte, wie alle Menschen aus den Taxushecken, den besonnten Bosketts, den geschlungnen Beeten die Augen nach ihr hoben, wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr anschloß, See, Wiese und Guirlanden hineinströmten in diese abendliche Bewegung.

Die Marmorstufen, die rot und weiß unter ihren Schuhen sich streckten, dröhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam, von Treppenfall zu Treppenfall gleich von sanft strömenden Kaskaden heruntergegeben. Es schien, als treibe alles ihr nach in dieses Gleiten.

Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen Schloßfenstern abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog, schloß sich an allen Stationen des Herabgangs das Vorhandene an sie an.

Die Delphine und Tritonen liehen ihr das Ängstliche ihrer kühnen Bewegungen. Diana drängte nach ihr den Busen. Die Königin der Frösche wandte die glühende Achsel herüber. Der Flötenbläser sah zitternd in stummer Betäubung zu ihr hinüber. Der rötliche Marmor Apolls selbst und die bronzenen wilden Tiere erregten sich in einer fiebrigen Minute und beruhigten sich wieder. Die Orangenbäume neigten in dem Vogelschweigen sich in eine flüsternde Brise.

Schmerzlich und verlassen standen die Göttinnen der unteren Terrassen und wandten sich hinter ihr in das Dunkel der Laube.

Und nun begannen in ihrem Rücken die großen Wasserspiele aufzugehen und sich tief in den Himmel zu drehen. Die Sonne hatte sich auf dem Teich niedergelassen und schloß mit den schaumigen Köpfen der tanzenden Fontänen oben zwischen zwei Vorhängen sie ab von der Welt.

Erschüttert frug er: „Wo ist Léon?“

Sie machte eine verhüllte Bewegung.

„Warum?“

„Weil ich dich liebte.“

„Tatest du es selbst?“

„Gestern abend. Ja.“

Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die Ruhe mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr Würde und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu wollen und auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres Wesens.

Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade, Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner. Da flossen Speisen überall, knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal gestellt.

Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch Oxygénée, was ein Purgier ist, für einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch nicht zu umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen, das irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.

Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher. „Ah?“ frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: „Sie sehen keine Veränderung. Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets als Prinzip.“ Harri lachte: „Sie waren nicht so bestimmt“. Petrova lächelte mit dem Mundwinkel: „Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.“ Allein seine Sicherheit war nicht so groß wie sein Auftreten. Er deponierte bei Harri fünfzigtausend Francs.

Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er vermied, abergläubisch, den Tresor der Banken wie Pest.

Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er über den Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.

Die Hitze fiel ein in Paris.

Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraßen die Absynthsäufer an. Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.

Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel der Großen Hallen stand eine geöffnete Kloake und stürzte Wolken Gestank in den Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bäume. Selbst die Militärmusik der öffentlichen Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben Flügeln und schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere Trommelfülle der Fontänen.

Sie packten.

Harri öffnete die Luken, ließ die Windsegel hinaus. Die Kuppel strahlte von Glas mit feuriger Steigerung. Die Straße unten lag noch voll Schatten.

Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entführte, sahen sie zurück. Mit blauen, gelben, roten Ballonen und Segeln gehißt, vom Morgenwind immer wieder festlich gefüllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.

Sie fuhren nach Holland.

Schon führte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie von keiner Überlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen von Nordereiland sie Rotterdams Hafen, spürten die Viehherden über riesige Drehbrücken in dies Loch Europas strömen, fühlten die Vorstädte mit Reis, Tabak und Tee sich füllen wie eine gleichmäßige große Bewegung.

Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr spulte vor ihnen in s’Gravenhaage im Hotel des Indes das Speisen und Sichbewegen der bevorzugten Sippen bei Flöten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die Gegengebärde der saftigen derben Leiber a Spuistraat dröhnend in dieselbe Kadenz.

Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die ölgefleckte Gracht, zog die Bluse kreischend aus und schüttelte den mächtigen Busen, so trugen sie mit dem gleichen Lächeln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen mit Badeeifer den Strand erhellte.

Sie fiel auf durch die schlanke Lässigkeit ihrer selbst im geringsten rassigen Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern noch die beste Figur.

Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurück und die Lichter der Seebrücke begleiteten ihn noch eine Weile, bis Gesang aus den Pinken aufscholl und mit glitzernden Fischnetzen der Lärm in den Hafen zurückkam. Sie sahen es abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit Leben, immer im gleichen Puls. Sie gewöhnten sich so aneinander, daß sie das gleiche schon empfanden, eh es in ihren Gesichtskreis trat.

Erotische Landschaft spürten sie, wenn sie die Dampfer und Fregatten meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf Kanälen zu fahren machte es ihnen bereits, übernachteten sie auf Mühlen, duschte der Gastherr sich nackt morgens im Garten. Wie unter Stichworten tröstete über dem Gestank des Judenviertels sie der goldene Staub.

Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch in die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen und fetten Gräsern bis unter den letzten erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder mitten in der Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung, die sie berührten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und Büschen, das sich nicht auf sie richtete und seinen Reiz neidlos für sie hingab.

Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, daß sie gewissermaßen zurück in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder schlank und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die von weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken ebenfalls Sitz.

Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam zurück damit, daß sie, ihr Vermögen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht aussprach, daß sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein führe. Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn warnte, mit Zwingen dahin vorzustoßen, wo in ihren Hintergründen der Entschluß sich festgesetzt, ließ er die Sache fallen, wie alles, was sich ihm entzog.

Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen sollte, was ihn floh, und selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick ihm noch zuviel.

Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber, gaben sich Stunde und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.

Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne trennte. Auf dem Kamm trafen sie sich morgens. Der Dünenfuß war mit Makrelen besät, Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.

In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendünung. Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen Wagen, bis sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann schlossen sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen Schlägen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.

Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht brach der gewittergeäderte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er in den Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden Nacht, wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.

Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends sahen sie durch die Rosenhänge der Veranda die Lichter des wartenden Autos an der Küste. Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal koste, das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, küßte ihn. Auf dem Strand der Insel drüben hörte er noch das Verrauschen des Autos am Horizont.

Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte zu geringes Maß Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht stählte, um sie zu kämpfen.

Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und aus jeder Schnecke, jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel nahm sie Form an.

Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn zerstreuten, aus Fischen, aus Mond, aus Wellen trat sie heraus. Sie kam aus dem Weiß des aufgeschlagenen Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang ihn mit jedem Gegenstand, den er berührte.

In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen, war sie unverlierbar gekettet, im Läuten des unsichtbaren Viehs hinter den Dünen klang ihre Stimme, an den Lämmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flüstern des Schilfs war ihre Stimme.

Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, daß nicht die Dinge nur, die sie berührt, sie ihm zurückbrachten jede Sekunde, sie war so eingegangen in seine eigene Figur, daß der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines Schattens, daß selbst das Zittern seiner Hände nichts war als ihr Ausdruck, ihre Stimme, ihre Anmut, und daß er, wenn es ihn überfiel vor Sehnsucht, sich fühlte, als sei in ihn ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum auch er.

Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den Schmerz nicht länger: seine Heimat war von ihm gegangen. Dies Gefühl blieb. Alles andere hatte sich ganz aus ihm gelöst.

Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es dröhnte, als er sich zerstreute, zwischen Städten, Menschen, Schiffen nichts sah als sie.

Da fühlte er, daß er es nicht ertrüge ohne sie, er beschloß ihr zu folgen, aber er war so sanft geworden, daß er schon anfing ihre Gedanken nicht nur zu denken sondern zu leben, und damit er sie nicht störe, von niemand gesehen werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ängstlichen Einbildung, nahm er, nur im Drang ihr nah zu sein, Zwischendeck.

Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, überschiffte er das Meer. Zum ersten September legten sie in Samarang an. In der Dämmerung kam Aira Belmont mit ihren Brüdern in einer Barkasse herüber und ging über das Deck in die Kajüte. Er sprach sie nicht an.

Als sie zurückkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit, die Barkasse legte wieder an. Aber während sie die Treppe hinabstieg, stiegen ihm die Tränen in die Augen vor besinnungslosem Schmerz.

Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit dem der Tod sein Leben eingekreistund ihm sein irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun spielerischen Dinge stellte.

Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in ihn gezogen, und während das Liebste seines Lebens verschwindet, erglüht seine Seele zum erstenmal voll Rausch. Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich öffnet, mit der sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus aus der Rolle des Zuschauers in den heißen Kreis des Daseins, der schmerzt.

Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte er sich mit Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen Matratzen und Läusen entging ihm nichts. Bei einem Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die Nigger walkten ihn, bis er schwoll.

Die Stickluft machte ihm eine Entzündung. Nachts brachen sie, wuschen die Windeln, die Kinder schrien. Ein Ire, stiernackig und groß, fiel auf die Knie und betete. Es entging ihm nichts.

Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. „Ausgespien“, schrie sein Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn, in einem Sack, mit einer Kanonenkugel ins Wasser. Oben schossen sie. Unten sang man:

„Uns rettet nie ein höhres Wesen,Kein Gott, kein König, kein Tribun,Uns von dem Elend zu erlösenVermag nur unser eignes Tun.“

In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitän einen galizischen Rabbi, weil er öffentlich die Gebetszeremonie machte.

Als Harri frug, warum er sich nicht empöre, gab er keine Antwort. Vor der Landung riß er, nachdem er ihn in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter, er sah Shanvady. Er suchte ihn zu überreden, mit ihm auszuschiffen, seine Rolle in Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri weigerte sich.

„Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes Experiment da drüben“, sagte giftig Shanvady am Schluß, „was habe ich Ihnen nicht entgegengeführt? Dies Land ist pleite drüben, denn selbst Sie vermochte ich nicht zu fesseln, obgleich gerade Ihre Kühle mich reizte, Ihnen alle Raffinements entgegenzustellen.“ Er ging allein von Bord. In der Nacht starb ein junger Mann über Harri. Harri entschloß sich, zurückzufahren, die gleiche Tour.

Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen er fuhr. Der Strick war durchgehauen, der ihn hin und her schwanken ließ zwischen den Schichten mit dem Augenblick, in dem er Aira Belmont gehen ließ und sich darüber so verändert fand.

Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die ihn weit über sich selbst hinaus brachte an die Dinge und Menschen heran, die er früher nur sah wie Gespenster, und an die er jetzt mit einer zähen Teilnahme sich geworfen fand.

Er entschied sich gar nicht, die Sache war völlig klar. Mit Shanvady schied der Vertreter, glänzend und repräsentativ einer Klasse, die nicht mehr baute, nicht voran kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Späßen das Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und mit Stöcken umdrehte, bis sie, der Witze müde, floh.

Ihn aber gelüstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert, in das Verlassene zurück.

Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse fuhr herüber mit Aira Belmont. Sie stieg an Deck mit ihren Brüdern. Die Mütze über das Gesicht gezogen mußte er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.

Währenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins Lazarett. Als sie ihn sah, schrie sie „Harion“.

Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr noch, ehe sie in der Nacht starb, aus den Papieren, daß es seine Mutter war.

Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete. Harri sah zurück, wo die Barkasse landete, sah Tage, Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne diese Heimat, aber senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des Lichts, die die Küste weit über den Horizont hob, stob ihm durch das Segel in der Dämmerung das Rot Schatten wie eine unsterbliche Bestimmung um seine Schläfen.


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