21. Kapitel.

„Nichts leichter als das“ — antwortete Frau Ney. „Machen Sie, daß jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzählen wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einandernichtgleich, weder in ihren Fähigkeiten, noch in ihren Bedürfnissen; Ihr Appetit ist stärker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hübsche Kleider — ich gebe keinen Heller für dieselben; dafür bin ich vielleicht ein Leckermaul, während Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende. Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen Bedürfnisse über denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht untersuchen, ob es möglich ist, ob über den davon unzertrennlichen Zwang nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen müßten; der Zweck an sich ist so unsinnig, daß absolut unbegreiflich wäre, wie zurechnungsfähige Menschen auf derartige Gedanken geraten können, wenn nichteinesdazwischen träte, nämlich, daß der eine von uns weder seinen starken, noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder für feine noch für ordinäre Kleidung, weder für leckere noch für gewöhnliche Speisen befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu noch der Irrtum, daß mein Überfluß an Ihren Entbehrungen die Schuld trägt, so wird es begreiflich, daß Sie und diejenigen, die Mitleid mit Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmäßiger Teilung rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die Erkenntnis des grenzenlosen Elends der überwiegenden Mehrzahl aller Menschen, verknüpft mit der falschenAnschauung, daß es der thatsächlich vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung dieses Elends geschöpft werden könne. Diese letztere Meinung ist nun allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen zu öffnen, um zu sehen, welch kümmerlicher Gebrauch von den so reichlich vorhandenen Fähigkeiten, Reichtümer zu erzeugen, gemacht wird; aber nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere orthodoxe Ökonomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, daß gesteigerte Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren vermöge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgänge; Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als gläubige Anhänger der sogenannten „Grundwahrheiten“ orthodoxer Ökonomie und der einzige Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt lediglich darin, daß sie hungrig sind, während jene satt ist. Mit der Erkenntnis, daß es nur der vollkommenen Gleichberechtigungbedürfe,um Überfluß für alle zu schaffen, verfliegt der Kommunismus ganz von selbst wie ein böser, beängstigender Traum. Man kann verlangen — wenn auch nicht durchführen — daß alle Menschen auf gleiche Brotrationen gesetzt werden, so lange man glaubt, daß der gemeinsame Reichtum, von dem wir alle zehren müssen, eben nicht weiter als fürs liebe Brot reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, daß jedem die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen werde, nachdem sich herausgestellt hat, daß genug für alle auch von diesen guten Dingen vorhanden sein könnte, wäre schlechthin läppisch. Es gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben.

„Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland unmöglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, daß die Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um Überfluß für Alle zu erzeugen, so kann man den Nihilismus als die Schlußfolgerung der Verzweiflung aus jener anderen Lehre ziehen, daß Kultur und Civilisation unvereinbar seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist’s, welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hält sie, als die Wortführerin der Satten, auch hier keine andere Schlußfolgerung für denkbar, als diejenige, daß die auf ewig enterbten Massen sich im Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fügen müßten; die Partei der Hungrigen aber wendet sich in wütendem Grimme gegen diese Civilisation, von welcher selbst ihre Anhänger behaupten, daß sie der ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen könne und die deshalb für diese keinen anderen Effekt hat, als den einer SteigerungderEmpfindungdes Elends.Wirhaben den Beweis erbracht, daß Civilisation nicht bloß vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist — auch der Nihilismus muß also hierzulande unbekannt sein.“

„Sie glauben also“, nahm ich das Wort, „daß die Gleichheit des thatsächlichen Einkommens mit der Gleichberechtigungnichts zu thun habe? Ich meinerseits muß gestehen, daß mir jene nutzlose Anhäufung überflüssiger Reichtümer, die wir in unserer abendländischen Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und für sich widerwärtig geworden ist, auch wenn ich mich überzeugt habe, daß das Elend der Massen weder in diesem Überflusse einer kleinen Minderzahl seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses Überflusses wesentlich lindern ließe. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese geilen Überschüsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer unvollkommen bleiben, mag sie im übrigen noch so ausreichend für den Wohlstand Aller Sorge tragen.“

„Auch ich kann dieses Gefühles nicht ganz Herr werden“, meinte mein Vater. „Aber ich bin der Ansicht, daß in dieser Auflehnung gegen die Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein dürfte, als die sittliche Empörung, welche in jedem unbefangen denkenden Menschen gegen die bisherigenUrsachender Ungleichheit Wurzel geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, daß große Vermögen fast niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmäßig bloß in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und daß sie ebenso regelmäßig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist’s, was uns dagegen einnimmt. Könnten noch so große Vermögen bloß durch hervorragende persönliche Fähigkeiten entstehen und vermöchte man sie zu nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen Genüsse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so würde auch die nicht hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhören. Was ist übrigens die Meinung unserer liebenswürdigen Wirtin über diesen Punkt?“

„Der Widerwille gegen übergroße Vermögen“ — erklärte diese — „ist meines Erachtens nicht bloß in der ungerechten Quelle und Verwendung derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nämlich, daß von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in den Fähigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so gewaltige Differenzen des Reichtums genügend zu rechtfertigen. Der Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart überwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und zu verhältnismäßig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der einzelnen Individuen, daß ein gewisser Grad der Gleichheit — nicht bloß der Rechte, sondern auch der thatsächlichen Genüsse — allerdingsim Wesen der Sache begründet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfähigkeit. Denken Sie sich zurück in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende führen mußte, so werden Sie finden, daß die Unterschiede sehr groß waren: bloß der Kräftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder Begabte mußte untergehen. Als dann späterhin wachsende Kultur die Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaßen, daß auch dem minder Fähigen möglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen, blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr groß. Der geschickte Jäger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute haben, als der minder geschickte; der kräftige, gewandte Ackerbauer wird mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwächliche, schwerfällige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird — was körperliche Fähigkeiten anlangt — mit der Erfindung der Kraftmaschinen beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so vollständig wie auf körperlichem Gebiete treten auf geistigem die individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an welche man zu denken pflegt, wenn von „großen Vermögen“ die Rede ist. Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet — er mag ein Riese oder ein Schwächling sein — so ziemlich das nämliche; Klugheit und Umsicht der Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den Wert gewöhnlicher Durchschnittsleistung überträfe, ist heutzutage nur mehr — dem Genie möglich, und diesem allein würde sie dem entsprechend auch unser Billigkeitsgefühl zuerkennen.“

Damit schloß dieses Gespräch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwürdig bleiben wird, weil es meinen Entschluß, Freiländer zu werden, zur Reife gebracht hat.

Edenthal, den 20. August.

Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, daß in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein junger Italiener — so argumentiert Deine unerbittliche Logik — von schönen Mädchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster Anblick ihn — eigenem Geständnis zufolge — „geradezu verwirrt“ habe, nichts zu erzählen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der bewußten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches Schwesterlein, und auch mit dem Korbe hätte es um ein Kleines seine Richtigkeit gehabt. Nicht, daß die Geliebte meine Gefühle unerwidert gelassen hätte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die ihr — richtiger, die allen Freiländerinnen — so entzückend steht, beim ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Geständnisse den Mut faßte, daß auch sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, daß sie noch am ersten Abend unseres Beisammenseins gewußt, mir oder niemand werde sie als Gattin angehören — und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunächst ein „Nein“ zu hören, das an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ. Bertha vermochte sich nämlich nicht zu entschließen, italienische Herzogin zu werden, und mein Vater, der — höre und staune — den Brautwerber für mich machte, hatte von ihr als etwas selbstverständliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere dortigen fürstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre Locken — sie sind von einem entzückenden Blond — flechten und im Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts derFalieri zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freiländer in Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als überspannte Narrheit. Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren; hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs feurigste für die freiländischen Institutionen zu schwärmen; wenn es einen anderen Zweig der Falieri gäbe, dem man die Erhaltung der fürstlichen Familientraditionen hätte anvertrauen können —per baccho— mein Vater hätte mich sofort gewähren lassen. Aber um einer — und sei es auch noch so edlen — Schwärmerei willen, die Axt an den Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten Kreuzfahrern gekämpft und späterhin als italienische Duodez-Fürsten die Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfüllt — das war mehr, als er mir zu gewähren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mädchens sicher sei, mit einem zuversichtlichen „Ja“ beantworten konnte. „Blitzjunge“ rief er, „dieses Prachtgeschöpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand nachmachen!“ Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir, und da dieser ganz im allgemeinen vor den freiländischen Frauen den größten Respekt empfindet, so war ihm die „bürgerliche“ Schwiegertochter ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, daß ich den „tollen“ Gedanken des Hierbleibens aufgebe. „Das Mädchen ist im kleinen Finger klüger als Du“, rief er; „sie würde sich schön bedanken, wenn ihr der Bräutigam die Herzogskrone zerbrochen vor die Füße würfe. Freiländerin sein ist recht schön — aber, glaube mir, Fürstin zu sein, ist noch schöner. Zudem kann man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und Frühling verbringt Ihr in unseren Palästen in Rom und Venedig; Sommer und Herbst hindurch könnt Ihr dann — wenn es Euch recht ist, in meiner Begleitung — hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit genießen. Also es bleibt dabei; ich werbe für Dich um Bertha — aber von dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter!“

Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freiländer zu werden, hatte ich — Du darfst es mir glauben — nicht der Geliebten halber gefaßt, aber deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem Fürstendiadem, noch in den Prunkgemächern unserer Schlösser zu denken. Indessen mußte ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fügen und so brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrerTochter für seinen Sohn, den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufügend, daß er sofort nach vollzogener Heirat die Güter in der Romagna, im Toskanischen und Venetianischen, sowie die Paläste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und Venedig an mich übergeben und sich bloß unsere sicilianischen Besitzungen — als „Altenteil“, wie er scherzend meinte — vorbehalten werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts Gutes verkündenden eisigen Zurückhaltung entgegen; nach minutenlangem Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prüfenden, auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklärte Herr Ney: „Wir Freiländer sind nicht die Tyrannen, bloß die Berater unserer Töchter; indiesemFalle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn Bertha Ihnen als Fürstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es ihr nicht verwehren.“

Hochaufgerichtet, einem erzürnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun Bertha an meinen Vater: „Niemals! Niemals!“ rief sie mit zuckenden Lippen. „Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben, wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen, alsFürstinverlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod!“

„Aber unseliges Kind,“ entgegnete ganz entsetzt über diesen unerwarteten Effekt seines Antrages mein Vater, „Sie sprechen ja das Wort ‚Fürstin‘ aus, als wäre es für Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl, Fürstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Fürstinnen Europas, d. h. Sie sollen fürderhin keinen Wunsch haben, den zu erfüllen nicht Tausende wetteifern würden; Sie sollen Gelegenheit und Macht erlangen, Tausende zu beglücken; Millionen werden Sie beneiden“

„und verfluchen und hassen“ — unterbrach ihn mit bebenden Lippen Bertha. „Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was eine freie Tochter Freilands empfinden muß bei dem Ansinnen, diese glücklichen Gefilde, die Heimstätte der Gerechtigkeit und der Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande — nicht etwa die Thränen Unterdrückter zu stillen, sondern zu erpressen, nicht etwa die Scheußlichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekämpfen, sondern sie selber zu üben? Ich liebe Carlo so über alle Maßen, daß ich bereit wäre, an seiner Seite dies Land des Glückes mit dem des Elends zu vertauschen, wenn irgend eine unlösliche Pflicht ihn dahin riefe; aber nur unter der Bedingung, daß seine und meine Hand frei bliebe von fremdem Gute, daß wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum Leben brauchen; aberFürstinsoll ich werden,Fürstin! Tausende von Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im Überfluß schwelge, tausende von Flüchen zu Tode gequälter Menschen sollen haften an der Speise, die ich genieße, an der Kleidung,die meine Glieder umhüllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den Händen; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken Sie doch, wenn Sie eine Tochter hätten und man würde von ihr verlangen, unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Königin zu werden, und der Vater des Bräutigams würde ihr versprechen, es sollten ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden — was würde das arme Kind, das unüberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne Blutvergießen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam getötet wird, uns flößt das allmähliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstäbliche Auffressen desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu nehmen im Stande sind, so unmöglich ist es uns, von der Ausbeutung geknechteter Mitmenschen zu leben. Ichkannnicht Fürstin werden, ich kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide darüber zu Grunde gehen, und — das weiß ich nicht erst seit heute — Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich.“

Dieser Appell, verbunden mit den rührendsten Blicken und einem sanften Erfassen seiner Hände, war mehr, als mein Vater — aus solchem Munde — ungerührt zu ertragen vermochte. „Mädchen, Du hast mir ja ordentlich Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit dem Unterschiede bloß von Euern liebenswürdigen Njam-Njam, daß wir unsere Schlachtopfer nicht miteinemherzhaften Keulenschlage erlegen und dann sofort verschlingen, sondern stückweise, Zoll um Zoll uns zu Gemüte führen! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will ich Dich zu den Freuden einer Fürstlichkeit zwingen, bezüglich deren Du solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem Punkte mehr Deiner als meiner — bisherigen Geschmacksrichtung zu huldigen. Nehmt einander also und werdet glücklich nach Eurer Façon. Was mich anlangt, so werde ich über Mittel und Wege nachsinnen, um mich in den Augen meines neuen Töchterchens einigermaßen vom Geruche des Kannibalismus zu befreien.“

Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den Hals. Das Küssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und stürmisch, daß ich um ein Haar eifersüchtig geworden wäre. Mein Vater aber war nun derart Feuer und Flamme für unsere bevorstehende Verbindung, daß er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen Formalitäten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist ungefähr glaube er — vorübergehend — nachEuropa zurückkehren zu müssen, und es wäre ihm eine große Freude, uns bis dahin schon vereint zu wissen. So wurde nun festgestellt, daß unsere Vermählung nach Ablauf von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle.

Ungama, den 24. August.

„Zwischen Lipp’ und Bechers Rand ........“

Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke eines Nachtrags, den Bertha hinzufügen wollte (sie erklärte sich verpflichtet, „meinem besten Freunde“ einige Worte der Entschuldigung ob des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch zurückbehielt — da ahnte ich nicht, daß gewaltige Ereignisse sich zwischen mich und die sofortige Erfüllung meiner glühenden Wünsche drängen könnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, läßt zwar mein neues Vaterland merkwürdig ruhig, und befände ich mich nicht in Ungama, so würde nichts verraten, daß es den Kampf mit einem Gegner gilt, der mehreren der mächtigsten kriegsgeübten Staaten Europas wiederholt schon schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freiländer, um die bittere Schmach und das schwere Unglück, von welchen mein Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden, und für alle Fälle — in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger Italiener, wie als gegenwärtiger Freiländer — halte ich es für meine Pflicht, den Kampf persönlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann ich an Hochzeit und Ehe natürlich nicht denken. Einstweilen hat mich das Würfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Küste des indischen Oceans verschlagen. Doch laß mich ordnungsgemäß der Reihe nach berichten.

Zunächst also wisse, daß — es ist dies ja jetzt kein „diplomatisches Geheimnis“ mehr — meines Vaters und seiner englischen wie französischen Kollegen Bemühungen, für 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollständigstem Mißerfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so erklärten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in dessen Händel mit den Westmächten zu mischen. Anders stünden allerdings die Sachen, wenn letztere sich entschließen wollten, auf ihren afrikanischen Territorien freiländisches Recht einzuführen, in welchem Falle diese als freiländisches Gebiet angesehen und als solches dann selbstverständlich von Freiland geschützt werden müßten. Aber dann wäre die geforderte Militärkonvention erst recht überflüssig, denn in diesem Falle würde Freiland jeden Angriff auf seine Verbündeten alscasus bellifür sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Kräften zur Ruhe bringen. Darüber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen resultatlos hin undwider. Sichtlich nahmen die Kabinettevon London, Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflößen; die europäischen Mächte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als Bedingung eines Bündnisses geforderte Anerkennung des freiländischen Rechts für die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen, beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschluß einer Militärkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So standen die Sachen bis in die letzten Tage.

Am Morgen nach meiner Verlobung saßen wir eben beim Frühstück, als für meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama — dem großen Hafenplatze Freilands am indischen Ocean — eintraf, nach deren Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gänzlich im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine Sitzung der sämtlichen Regenten der freiländischen Centralverwaltung einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend, erklärte mein Vater: „Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so erfahret denn aus meinem Munde die Unglücksbotschaft. Die mir von Commodore Cialdini, dem Kapitän eines unserer in Massaua stationiert gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: „Ungama, den 21. August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei Avisodampfern — einem eigenen und einem französischen — schwerbeschädigt und flüchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden Friedens Massaua verräterisch überfallen und fast ohne Schwertstreich eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und französischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls überrumpelt und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die kleineren Küstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch sämtlich in den Händen der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus kampfunfähig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere Schiffe in die Luft.“

Das war in der That eine üble Botschaft, nicht bloß für die Verbündeten, sondern auch für Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man — wie gesagt — von Anbeginn gefaßt darauf gewesen, den europäischen Mächten als präsumtiven Bundesbrüdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich — im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen Nachbarvölkern genoß — mit der Erwartunggeschmeichelt, dem trotzigen Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem Wege zur Ruhe verhalten zu können. Der verräterische Überfall gerade zu einer Zeit, wo die Unterhändler der Angegriffenen eben in Edenthal weilten, zerstörte jedoch diese Hoffnung.

Im Volkspalaste fanden wir die freiländischen Verwaltungschefs schon vollzählig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und französischen Bevollmächtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an den verstörten Mienen an, daß ihnen die Unglücksbotschaft schon zugekommen war; die Engländer erhielten erst einige Stunden später direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette „Nelson“, die unterwegs mit zweien der in abyssinische Hände gefallenen Schiffe ein mörderisches Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an das freiländische auswärtige Amt aus verschiedenen Küstenorten nähere und ausführliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglück seinem ganzen Umfange nach bestätigten. Der mit sehr überlegener Macht unternommene und offenbar von Verrat begünstigte Überfall war den Abyssiniern vollständig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Küstenorte weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier hatten zur nämlichen Stunde — gegen 2 Uhr nach Mitternacht — Massaua, Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Engländer und Franzosen, und sämtliche acht Küstenforts derselben erstiegen, die im Schlafe überraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen genommen und sich gleichzeitig auch der in den Häfen liegenden Schiffe bis auf die schon erwähnten vier bemächtigt. Daß sie einige derselben schon am nächsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen konnten, erklärt sich aus den früher schon erwähnten Matrosenwerbungen des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der Überfall gewesen. So vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, daß die vier geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der Überfall auf die anderen gelungen war, aus Schiffsgeschützen sehr wirksam und heftig beschossen werden konnten. Die den Abyssiniern in den sämtlichen drei Häfen in die Hände gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 französische und 4 italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Größe, und 11 englische, 8 französische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen betrugen in runder Zahl 24000 Mann.

Die Bevollmächtigten aller drei Mächte hatten sofort, nachdem sie die Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert undum Verhaltungsmaßregeln gebeten. Der freiländischen Verwaltung gegenüber erklärten sie, daß nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit größter Energie auf dem Abschluß der Militärkonvention bestanden werden dürfte. Jetzt, da die Festungen gefallen, wäre es vollends unmöglich, an den unwirtlichen Küsten des roten Meeres ein so großes Heer zu sammeln, wie es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nämlichen Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mächte. Ebenso kategorisch aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklärung, daß man den, aller Voraussicht nach für Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im übrigen, so gab man den Alliierten zu bedenken, kämen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spät. Wäre der Suezkanal für ihre Truppensendungen auch praktikabel, so könnten ihre 350000 Mann — für so viel lautete die nun geforderte Durchzugsbewilligung — frühestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert sein, und es hieße fürwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen, wollte man sich darauf verlassen, daß er bis dahin nicht längst schon versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die Hände gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden dürften, den Suezkanal zu sperren, kämen die Alliierten, selbst wenn man sie rufen wollte, jedenfalls zu spät. Denn auch der Landweg über Ägypten könne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, daß der zur Operationsbasis zu wählen schlechthin unsinnig wäre. Bliebe also nur der Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen würde, bis von dorther 350000 Mann Hülfstruppen bei uns einträfen, das möge man sich in Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde möchten im übrigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen und vollständiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England, Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrüstung eines so großen Expeditionsheeres fertig sein könnte, würden wir mit dem Negus abgerechnet haben. Inzwischen möchten die Alliierten ihre neuen, nach den Küstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen segelfertig machen; sie könnten für dieselben ohne weiteres den gewohnten Weg über den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre Transportschiffe vor demselben angelangt sein dürften — woran vor Ende des nächsten Monats kaum zu denken sei — würde Freiland den Abyssiniern ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben.

Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden der verbündeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich muß gestehen, daß auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eineaus 16 der besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so großartige Pläne zu verfolgen, wäre es vielleicht praktischer, ihren im Hafen von Ungama liegenden jämmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu zu verhelfen, daß sie ihre Schäden möglichst rasch ausbessern und dann mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen könnten. Beruhe doch die Möglichkeit, sie vor der so unendlich überlegenen feindlichen Flotte zu retten, angesichts der vollständigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf der höchst unsicheren Hoffnung, daß der Feind nicht sofort auf den Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen.

„Für den Moment“ — so tröstete einer der Verwaltungschefs die geängstigten Diplomaten — „d. h. für wenige Stunden noch haben Sie allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine abyssinische Übermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht nach verloren. Allein das gilt eben nur für heute. Zeigt sich morgen die abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird.“

„Wie das?“ fragten jene wie aus einem Munde. „Was thaten Sie, was konnten Sie thun zum Schutze der traurigen Überreste unserer kürzlich noch so stolzen verbündeten Flotte?“ Dabei hingen die Blicke dieser in ihrem Patriotismus so tief verwundeten Männer mit ängstlicher Spannung an den Zügen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehörigkeit nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst begreifen, daß es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschämender Flucht enthoben zu wissen, das war es, was uns als süße Verheißung in den Ohren klang. Man beeilte sich uns vollständige Aufklärung zu geben.

Wie ich Dir bereits erzählte, besitzt die freiländische Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl von Geschützen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die größten derselben durchschlagen den stärksten der derzeit in Gebrauch befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser Riesengeschütze aus den zunächst der Seeküste gelegenen Distrikten hatte man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetüme ohnehin auf Schienen laufen, die mit dem freiländischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit ihrer Behandlung vertrauten Jünglinge unterwegs nach ihrem Bestimmungsorte und mußten dort successive am Abend und im Laufeder Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewöhnlichen Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende Schienenstränge längs der Seeküste hinlaufen, so können die anlangenden Geschütze ohne weiteres sofort in die für sie bestimmten Stellungen einfahren, die inzwischen — gleichfalls noch im Laufe des nämlichen Tages — mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Späterhin sollen diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; fürs erste aber, so rechnete die Centralverwaltung, mußten 84 Geschütze erster Größe, denen die auf ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne sonderliche Deckung genügen, um von zusammengelaufenen Abenteurern bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten.

Mich litt es nun nicht länger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von meinem Vater, nach etwas längerem von meiner Bertha, eilte ich nach Ungama, und schon der zweitnächste Tag zeigte, daß die getroffenen Schutzmaßregeln weder überflüssig noch ungenügend gewesen waren. Am 23. August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor Ungama und versuchten, da sie den Ort für wehrlos hielten, ohne weiteres in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbündeten vollends zu zerstören. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung abgegebener scharfer Schuß des größten unserer Panzerbrecher, der einen der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlaßte sie zwar zu etwas größerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht auf. Jetzt ließen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben; dann eröffneten sie aus 37 Geschützen zugleich das Feuer, welches jedoch nur kurze Zeit währte. Schon die erste Salve brachte ein Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschädigte die sämtlichen Schiffe so stark, daß die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern, andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und Rückwärtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten später fegte unsere zweite Salve über die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, daß diesmal keiner der 37 Schüsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit möglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die größte der Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fügten dem fliehenden Feinde zwar beträchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem nachfolgte,daß noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch des Kampfes unterging, und daß eine der Panzerfregatten ins Schlepptau genommen werden mußte, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu entgehen. Diese selbst hatten bloß zwei Mann verloren.

Mit dem Berichte dieser ersten freiländischen Waffenthat, an welcher ich jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte, schließe ich diesen Brief. Wann, wo — und ob ich Dir einen nächsten schreiben werde, weiß allein der Kriegsgott.

Massaua, 25. September.

Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, daß ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drüben im alten Europa gar mancherlei Überraschungen gebracht haben dürften und die — täusche ich mich über die Absichten meiner neuen Landsleute nicht — in ihren mittelbaren Konsequenzen für die ganze bewohnte Erde von entscheidender Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es — so glaube ich — die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallaländer gesiegt hat — nicht bloß über den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern auch über gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen. civilisierten Welt geknechtete Völker darniederhält. Doch wozu sich in Vermutungen ergehen über Dinge, welche die nächste Zukunft schon zur Entscheidung bringen muß; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich meines ungetrübten Wohlbefindens zu versichern und Dir den freiländisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis zum letzten Kanonenschusse mitgemacht.

Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden, erhielt die Edenthaler Zentralbehörde das Ultimatum des Negus, in welchem dieser erklärte, daß er gegen Freiland nichts Böses im Schilde führe, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und — Freiland gegen eine europäische Invasion zu schützen, die diesem, wie er erfahren habe, aufgenötigt worden sei. Da wir nicht die Macht besäßen, seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fügten wir uns diesem Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte imübrigen schonen, auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefügten Schaden verzeihen; widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg überziehen, und da er dafür gesorgt, daß uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen vermöge, so könne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen unsere Nordgrenze gesetzt und werde längstens binnen Wochenfrist an derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind empfangen wollten.

Die Antwort an den Negus lautete dahin, daß er sich zwar in seiner Voraussetzung, daß Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte, täusche, da dieses den Engländern, Franzosen und Italienern ebensowenig als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen sei; in Frieden mit ihm könnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn er sich entschließe, auch den genannten europäischen Mächten gegenüber Frieden zu halten, und für das ihnen zugefügte Unrecht volle Sühne zu leisten. Nicht verschweigen wolle man nämlich, daß Freiland im Begriffe sei, mit dessen europäischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu schließen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten würde, die Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn, Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder Schwäche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um seine drohende Haltung aufzugeben und Bürgschaften des Friedens und der Sühne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so würde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fände.

Selbstverständlich gab sich niemand über den Erfolg dieses Notenwechsels einer Täuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rüstungen zum Kriege betrieben.

Kaum daß Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen Überfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgültigen Beweis lieferten, daß die Bevölkerung des ganzen Landes nicht bloß sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern daß sich auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine auf den Krieg jederzeit gerüstete Militärverwaltung nur immer hätte aufbieten können. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich, daß diese selbstdenkende Thätigkeit von Millionen intelligenter, dabei aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Köpfe, vollkommenere Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und vorbereiteten behördlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt möglich gewesen wäre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelleihre Mitwirkung für wünschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse aus den zwölf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringoländer und Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, daß sie schon am nächsten Tage vollzählig — bis auf die zufällig verreisten Mitglieder — versammelt sein würden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, daß die Ausfechtung des Kampfes mit Abyssinien zunächst ihre Sache sein werde. Man war nämlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, daß zur Bekämpfung der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf genügen würden, und da die Norddistrikte bekanntermaßen 85 der aus den Distriktsübungen als Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaßen, so war von Anbeginn Niemand in Zweifel darüber, daß diesen allein die Kriegsarbeit zufallen würde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jünglings auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte sich das Gelüste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als nötig Arbeitskräfte zu entziehen oder unter Störung des naturgemäßen Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurücktraten, als ebenso selbstverständlich erachteten es die Norddistrikte, daß sie in Aktion zu treten hätten. Nur jene Tausendschaften, die während der letzten Jahre bei den großen Aberdarespielen Sieger gewesen waren, äußerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten gehörten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden; ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelübungen der letztjährigen Distrikts- und Landesspiele um die Vergünstigung, in die mobilisierten Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es vermehrte sich solcherart das zur Verfügung gestellte Material um vier Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wären insgesamt 90000 Mann verfügbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefähr doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht, indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nächsten Tage darüber einigten, bloß die vier letzten Jahrgänge zwischen 22 und 26 Jahren und in diesen bloß die Unverheirateten ins Feld zu stellen. Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann — darunter 9500 Berittene — und 180 Geschütze; letzteren wurden nachträglich noch 80 Stücke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefügt.

Diese Truppe besaß von Haus aus schon ihre Anführer bis zum Range der Tausendführer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch wurde übereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten. Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und Tausendführer der vier auswärtigen Tausendschaften in dem zu diesem Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipiaseingetroffen waren, am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago an, der selbstverständlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich über die entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rücksicht auf meine erst kürzlich aufgegebene italienische Staatsbürgerschaft bereitwillig zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der mir die zärtlichsten Grüße und die freudige Zustimmung meiner Braut zu meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklärte, daß er während des Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde.

Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten Pferden.

Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften von Edenthal und Danastadt übergeben. Den technischen Dienst — Pionierwesen, Brückenbau, Feldtelegraphie u. dergl. — übernahmen zwei Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich besorgte die freiländische Centralstelle für diesen Verwaltungszweig. Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des Kommunikationsnetzes die Beförderung und Verpflegung einer so kleinen Armee natürlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den Krieg in die Gallaländer und nach Habesch hinüberzuspielen gedachte, so wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Büffelochsen für den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgeräte, Konserven u. dergl. mußten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, daß die Armee auch in den unwirtlichen Gegenden außerhalb Freilands an nichts Mangel leide.

Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschützen über den Konsopaß ins benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fächerförmig ausbreitend, Fühlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf dieser Seite erwarteten. Um für alle Eventualitäten gesichert zu sein, sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4 Geschützen zur Bewachung der sich nordöstlich und nordwestlich von dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszüge von Endika und Silali. Am Konsopaß hinterließ er des ferneren eine Reserve von 6000 Mann und 20 Geschützen und überschritt am30. August mit 36000 Mann und 200 Geschützen die Gallagrenze. Um möglichst große Marschleistungen zu erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepäck aufs äußerste reduciert. Es bestand außer den Waffen — Repetiergewehr, Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem Schwert — nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur AufnahmeeinerMahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepäckstücke trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur Verfügung stehende sehr bewegliche Train führte wasserdichte Zelte, komplette Anzüge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmäntel, Konserven und Getränke für einige Tage, und eine Patronenreserve für 200 Schuß per Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Nötigen versehen, ohne selber überlastet zu sein und sie legten daher an einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurück, ohne daß es Marode gegeben hätte.

Die freiländische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wünsche der Heeresleitung, soweit deren Erfüllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen; ferner für den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt zeigen sollte, dieselben zu führen; schließlich für Sicherheit und Bequemlichkeit der fremden Militärbevollmächtigten und Zeitungsreporter Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches dieselben über alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt.

Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verständigte uns unsere vorausschwärmende Reiterei, daß sie auf den Feind gestoßen sei. Da Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer verhängnisvollen Täuschung bezüglich der vorausgesetzten Überlegenheit unserer Mannschaften über die feindlichen befangen wären, gab er der Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den Gegner zu möglichst vollständiger Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen und erst zurückzuweichen, wenn über die Marschrichtung der feindlichen Hauptmacht Sicherheit erlangt sei.

Am 3. September bei grauendem Morgen griffen wir — ich war nämlich auf meinen Wunsch dieser Truppe beigegeben worden — die abyssinische Vorhut bei Ardeb im Flußthale des Dschub an. Diese, der unsrigen nicht stark an Zahl überlegen, wurde im ersten Anlauf über den Haufen gerannt, ihr sämtliches Geschütz — 36 Stücke — nebst 1800 Gefangenen abgenommen, ohne daß die Unsrigen mehr als fünfMann verloren. Die ganze Affaire dauerte kaum 40 Minuten. Unsere Artillerie war der schon auf 6000 Meter Distanz ein wirkungsloses Feuer gegen unsere sich entwickelnden Linien eröffnenden abyssinischen ohne einen Schuß abzugeben bis auf 2500 Meter entgegengefahren, hatte sie von hier aus mit wenigen Salven zum Schweigen gebracht, 19 Stücke demontiert und die übrigen zum Rückzuge genötigt. Sich hierauf gegen die tollkühn heransprengende feindliche Kavallerie wendend, hatte sie diese durch einige wohlgezielte Granatschüsse auseinander gesprengt, so daß unsere Eskadronen nurmehr die in regelloser Flucht Davoneilenden zu verfolgen und die schwache, von der eigenen flüchtenden Kavallerie ohnehin schon in heillose Unordnung gebrachte Infanterie niederzureiten hatten. Der Rest war dann Verfolgung und Einbringung der von panischem Schreck gejagten Gegner, deren Verluste an Toten und Verwundeten, wenn auch die unserigen namhaft überragend, im Ganzen verhältnismäßig doch nur gering waren.

Doch damit war bloß das Vorspiel des blutigen Dramas zu Ende. Unsere Reiter hatten sich eben gesammelt, und die Gefangenen mitsamt den erbeuteten Geschützen unter geringer Bedeckung dem Hauptquartiere zugesandt, als sich in der Ferne dichte und immer dichtere Massen des Feindes zeigten. Es war dies der gesamte, 65000 Mann mit 120 Kanonen zählende, linke Flügel der Abyssinier. Zwanzig von unseren Kanonen waren auf einer kleinen, die Marschlinie des Feindes dominierenden Höhe aufgefahren und gaben von dort um 7 Uhr morgens den ersten Schuß auf den Gegner ab. Alsbald sah man die feindlichen Infanteriemassen seitlich abbiegen, während unserer Artillerie gegenüber successive 90 der abyssinischen Geschütze auffuhren. Der sich nun entspinnende Kampf der Kanonen währte eine Stunde, ohne unserer Artillerie sonderlichen Schaden zuzufügen, denn die abyssinischen Artilleristen trafen auf so große Distanz — es waren gut 5000 Meter — nur sehr schlecht, während die Granaten der unserigen nach und nach 34 feindliche Stücke zum Schweigen brachten. Zweimal versuchten es die Abyssinier, näher an unsere Position heranzufahren, mußten aber beidemal schon nach wenigen Minuten wieder zurückweichen, so mörderisch räumten unsere Geschosse bei dieser Annäherung unter ihnen auf. Da es so nicht ging, versuchte der Feind unsere Position zu stürmen. Seine Infanterie- und Kavalleriemassen hatten sich längs unserer ganzen, sehr dünn gestreckten Front entwickelt und kurze Zeit nach 8 Uhr setzte sich die gesamte kolossale Übermacht gegen uns in Bewegung.

Was sich nunmehr abspielte, hätte ich nimmermehr für möglich gehalten, trotzdem ich über die Waffengewandtheit der freiländischen Elite-Tausendschaften schon so Manches vernommen und auch der spielend erfochtene Sieg über die feindliche Vorhut zu hochgespannten Erwartungen berechtigte. Ich gestehe, daß ich es für unverantwortlichen Leichtsinnund für eine gänzliche Verkennung der ihm vom Oberkommando zugeteilten Aufgabe hielt, daß Oberst Ruppert, der Führer unserer kleinen Schar, den Kampf annahm und zwar nicht etwa in Form eines Rückzugsgefechtes, sondern als regelrechte Schlacht, die, wenn verloren, unfehlbar mit der Vernichtung seiner 4000 Mann enden mußte. Denn in einer fünf Kilometer umfassenden, die feindlichen Linien sogar um ein Geringes überflügelnden dünnen Aufstellung mit nur schwachen Reserven im Rücken, hatte er seine Reiter — sie waren sämtlich abgesessen und schossen mit ihren vortrefflichen Karabinern — entwickelt und erwartete die Abyssinier, als ob diese als Tirailleure und nicht in kompakten Sturmkolonnen heranrückten. Und diese Sturmkolonnen kannte ich sehr wohl, sie hatten bei Erdeb und vor Obok die ihnen an Zahl gleichen indischen Veteranen Englands, die bretonischen Grenadiere Frankreichs und die Bersaglieri Italiens geworfen, ihre Waffen waren den Freiländischen gleichwertig, ihre militärische Disziplin mußte ich der meiner gegenwärtigen Kampfgenossen überlegen halten; wie sollte unsere dünne Linie dem Ansturme dieser, uns an Zahl sechzehnfach überlegenen kampfgewohnten Krieger widerstehen? Sie mußte — das war meine felsenfeste Überzeugung — in der nächsten Viertelstunde zerreißen, wie ein Bindfaden, der einer Lokomotive den Weg versperren will; und dann, das konnte jedes Kind sehen, war nach einem Gemetzel von wenigen Minuten alles vorbei. Ich nahm im Geiste Abschied von der fernen Geliebten, vom Vater — und auch Deiner, mein Luigi, gedachte ich in dieser Stunde, die für meine letzte zu halten ich damals vollen Grund zu haben wähnte.

Und was mich am meisten Wunder nahm: die Freiländer schienen insgesamt meine Empfindungen zu teilen; nichts von jener wilden Kampflust war in ihren Mienen zu finden, die man doch bei denjenigen voraussetzen sollte, die — überflüssiger Weise — Einer gegen sechzehn den Kampf aufnehmen. Tiefen, düsteren Ernst, ja Widerwillen und Schrecken las ich in den sonst so klaren, heiteren Augen dieser freiländischen Jünglinge und Männer; es war als sähen sie allesamt gleich mir sicherem Tode entgegen. Auch die Offiziere, ja selbst der kommandierende Oberst, teilten sichtlich diese unerfreulichen Gefühle — warum um des Himmelswillen nahmen sie dann die Schlacht an? Wenn sie Übles vorher sahen, warum zogen sie sich nicht rechtzeitig zurück? Wie sehr aber hatte ich diesen Männern Unrecht gethan, wie gründlich Anlaß und Richtung ihrer Besorgnisse verkannt! So unglaublich es klingen mag: meine Kriegskameraden waren nicht für ihre, sondern für des Gegners Haut besorgt, ihnen graute vor dem Gemetzel, das — nicht ihnen, den Feinden bevorstand. Der Gedanke, daß sie, die freien Männer, von armseligen Knechten besiegt werden könnten, lag ihnen so fern, als etwa dem Jäger der Gedanke, die Hasen könnten ihm gefährlich werden; aber sie sahensich vor der Notwendigkeit, Tausende dieser Bejammernswerten kaltblütig niederschießen zu müssen und das erregte ihnen, denen der Mensch das Heiligste und Höchste ist, unsäglichen Widerwillen. Hätte man mir dasvorder Schlacht gesagt, ich hätte es nicht begriffen und jedenfalls für Renommisterei gehalten; jetzt, nach dem was ich schaudernd mit erlebt, finde ich es begreiflich. Denn, daß ich es nur gleich sage: eine gegen freiländische Linien anstürmende und von deren Feuer zerrissene Kolonne bietet einen Anblick, der selbst an Massenmord einigermaßen gewöhnten Männern, wie mir, das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich habe den Würgengel des Schlachtfeldes einigemal an der Arbeit gesehen und durfte mich daher gegen dessen Schrecken gefeit halten. Hier aber ...

Doch ich will ja nicht meine Gefühle, sondern die Ereignisse schildern. Als die Abyssinier uns auf etwa 1½ Kilometer nahe gekommen waren, sprengten ein letztesmal Rupperts Adjutanten die Front entlang und riefen den Unseren die Losung zu: Schonung! keinen Schuß, sobald sie weichen! Dann war es bei uns totenstill, während von jenseits stets lauter der Klang der Trommeln und einer wilden Musik, unterbrochen zeitweilig von dem gellenden Schlachtrufe der Abyssinier, herübertönte. Als die Feinde bis auf 700 Meter etwa herangerückt waren, gab unsere Schützenlinie eine einzige Salve ab; als ob ein Pesthauch in sie gefahren wäre, so brach die Stirnlinie des Feindes zusammen, seine Reihen wankten und mußten sich neu formieren. Kein Schuß wurde inzwischen von den Freiländern abgefeuert; als aber die Abyssinier unter wildem Schlachtgeschrei abermals, jetzt im Laufschritte vorrückten, donnerte eine zweite und da die todeskühnen braunen Krieger diesmal über ihr zerschmettertes erstes Glied hinweg den Ansturm fortsetzten, eine dritte Salve über das Feld. Mit dieser aber hatten Jene einstweilen genug; sie wandten sich zu wilder Flucht, und hielten erst, als sie sich außerhalb unserer Schußweite wußten. Auch jetzt hörte unser Feuer augenblicklich auf, sowie der Feind sich gewandt hatte, aber es war auch hohe Zeit gewesen. Nicht als ob die geringste Gefahr für unsere Stellungen aus einer Fortsetzung des Sturmes hätte entstehen können; die Abyssinier hatten kaum 100 Meter gewonnen gehabt, waren also immer noch gute 600 Meter entfernt gewesen und die Gewißheit, daß Keiner von ihnen unsere Front erreicht hätte, erwies sich als augenscheinlich; aber gerade diese eigene, jede eigentliche Kampfeserregung ausschließende Unnahbarkeit ließ die Gräßlichkeit des unter den Gegnern wütenden Gemetzels mit so elementarer Gewalt hervortreten, daß mehr als menschliche Nerven dazu gehört hätten, dies Schauspiel längere Zeit zu ertragen. Nahe an 1000 Abyssinier waren binnen wenigen Minuten tot oder verwundet gefallen und zahlreiche der freiländischen Schützen erklärten mir später, sie hätten beim Anblicke der reihenweisezusammenbrechenden und am Boden zuckenden Feinde Ohnmachtsanfälle gehabt — was ich vollkommen begreife, da auch mir ernstlich übel dabei wurde.

Die freiländischen Ärzte und Sanitätstruppen waren eben an der Arbeit, die verwundeten Gegner vom Schlachtfelde aufzulesen, als die abyssinische Artillerie neuerlich den Kampf aufnahm und alsbald auch die Infanterie ein rasendes Schnellfeuer eröffnete. Da Letztere sich jedoch diesmal vorsichtig in der respektablen Entfernung von ungefähr 2000 Metern hielt, so war ihr Feuer anfangs ganz ungefährlich und wurde daher von den Unseren nicht erwidert; nachgerade aber verirrte sich doch die eine oder andere Kugel in unsere Reihen und Oberst Ruppert gab daher Befehl, die Zehntführer möchten den Feinden deutlich sichtbar mehrere Schritte aus der Front hervortreten und eine Salve abgeben. Dieser Wink wurde drüben verstanden; das feindliche Infanteriefeuer hörte sofort auf, da die Abyssinier aus der Wirkung dieser einen kleinen Salve ersahen, daß die freiländischen Schützen auch auf so große Distanz allzu unangenehm werden könnten, als daß es rätlich wäre, sie durch ohnehin wirkungsloses Feuer zum Antworten herauszufordern. Die zähen Burschen, die offenbar den Gedanken nicht zu ertragen vermochten, vor einer so kleinen Minderzahl das Feld zu räumen, formierten nun neuerlich einige Sturmkolonnen, diesmal mit schmaler Front und von beträchtlicher Tiefe. Doch auch diesen ging es nicht besser als ihren Vorgängern, nur daß gegen sie etwas rascheres Feuer abgegeben werden mußte; sie wurden mit einem neuerlichen Verluste von 800 Mann nach wenigen Minuten zum Weichen gebracht und waren nunmehr zu abermaligem Vorgehen nicht mehr zu bewegen. Um die verwundeten Abyssinier, die in freiländischer Verpflegung weitaus besser versorgt waren, als in der ihrer Landsleute, zu bergen, ließ jetzt Ruppert einen Vorstoß bewerkstelligen, vor welchem sich der Gegner eilfertig zurückzog, so daß wir unbestritten Herren des Schlachtfeldes blieben. Unsere Verluste betrugen 8 Tote und 47 Verwundete; die Abyssinier hatten 360 Tote, 1480 Verwundete und 39 Kanonen zurückgelassen. Die erste Sorge der Unseren war, die Verwundeten — Freund und Feind mit gleich liebevoller Sorgfalt — in den reichlich vorhandenen und mit sinnreichstem Komfort ausgestatteten Sanitätswagen unterzubringen und nach Freiland zu in Bewegung zu setzen. Dann wurden die Geschütze und sonstigen erbeuteten Waffen geborgen, die Toten begraben.

Letztere Arbeit war eben vollendet und der Rückzug aufs Hauptquartier sollte angetreten werden, als von Westen starke abyssinische Heersäulen auftauchten, während gleichzeitig auch der nach Norden abgezogene linke Flügel des Feindes wieder sichtbar wurde. Ruppert ließ sich dadurch in seiner Absicht nicht beirren. Feindliche Kavalleriemassen machten einen stürmischen Versuch, uns zu verfolgen, wurdenaber von unserer Artillerie rasch zurückgeworfen, und fernerhin unbehelligt bewerkstelligten wir unseren Rückzug auf das Hauptkorps.

Wir wußten nun aus Erfahrung, daß die von uns vorausgesetzte Überlegenheit freiländischer Männer über Gegner welcher Art immer eine Thatsache sei. Die Abyssinier hatten sich gegen uns so brav geschlagen, als je zuvor gegen europäische Truppen; ihre Bewaffnung, Disziplin und Schulung, das vieljährige Werk eines ausschließlich diesem Zwecke gewidmeten rücksichtslosen Despotismus, ließ — nach europäischen Begriffen — nichts zu wünschen übrig und thatsächlich hatten diese braunen Soldaten sich gleichstarken abendländischen Heeren im offenen Felde stets ebenbürtig gezeigt. Wir aber hatten eine sechzehnfache Übermacht zum Weichen gebracht, ohne daß dabei das Zünglein der Wage auch nur einen Moment geschwankt hätte. Daß der Kampf überhaupt so lange währte und nicht viel früher schon mit vollständiger Niederlage der Abyssinier endete, lag nur daran, daß der Führer der Vorhut sich an die Ordre hielt: den Feind zur Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen. Hätte er sich statt dessen mit voller Wucht sofort auf den Gegner geworfen, ihmnichtZeit zur Entwicklung gelassen, und jeden erlangten Vorteil energisch ausgebeutet, so wären die 65000 Mann des linken Flügels der Feinde längst zersprengt gewesen, bevor das Zentrum in die Aktion eingreifen konnte. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß Oberst Ruppert Unrecht that, den Kampf hinhaltend und mehr defensiv zu führen. Ganz abgesehen davon, daß doch auch ihm erst im Laufe des Gefechtes der bis dahin bloß vermutete hohe Grad freiländischer Überlegenheit zur absoluten Gewißheit werden konnte, war es, je zweifelloser der schließliche Sieg unserer Sache erschien, desto entschiedener die Pflicht jedes gewissenhaften Führers, das Blut unserer freiländischen Jünglinge nicht überflüssigerweise um eines Heldenstückleins willen zu vergießen. Er mußte gleich uns allen annehmen, daß diese erste Lektion vollkommen genügen werde, den Negus darüber aufzuklären, daß eine Fortsetzung des Kampfes seinerseits Thorheit wäre.

Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rücksicht auf den Dünkel eines barbarischen Despoten gemacht. Als der dem Hauptquartier folgende Kommissär der Centralverwaltung am nächsten Tage Parlamentäre ins abyssinische Hauptquartier sandte, um Johannes erklären zu lassen, daß Freiland gegen Rückgabe der überrumpelten Festungen und Schiffe und gegen Leistung zu vereinbarender Friedensbürgschaften noch immer bereit sei, sich mit ihm zu vertragen, empfing dieser die Abgesandten hochmütig mit der Frage, ob sie gekommen seien, Unterwerfung anzubieten. Weil unsere Vorhut sich schließlich zurückgezogen, gab er die Affaire des gestrigen Tages für einen abyssinischen Sieg aus. Die Offiziere der zurückgeworfenen 5 Brigaden seines Heeres seien Feiglinge,meinte er, wir sollten sehen, wieersich schlagen werde — kurzum der Verblendete wollte von Nachgiebigkeit nichts hören.

Am 8. September griffen wir die am Dschubflusse verschanzte abyssinische Hauptarmee an. Nach zweistündigem Kampfe war der Feind geschlagen, 167000 Mann streckten die Waffen, der Rest eilte in wilder, regelloser Flucht den abyssinischen Bergen zu. 10 Tage später lagen wir vor den Mauern Massauas, in welche sich der Negus mit den Trümmern seines Heeres geworfen.

Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die Nachricht von der Wegnahme der Küstenfestungen und der Schiffe erhalten, den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung gezögert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die Zeit; sie hielt aber dafür, einer solchen nicht zu bedürfen. Was sie plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit tragenden Geschützen, daß ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe zerstören könnten, ohne daß die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe zu erreichen vermöchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht bloß auf die größere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der Geschosse, sondern hauptsächlich auf die Überlegenheit unserer Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die uns passend erscheinende Distanz heranließen, so mußte — das war der Kalkül — den Unseren gelingen, das stärkste feindliche Schiff zu vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden könnten. Um Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen — so groß sollten unsere Kanonenbote sein — in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszurüsten, dazu genügten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde und alles gehörig ineinander griff, die freiländischen Rhedereien und sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000 und 3000 Pferdekräften — von denen die größeren Kriegsdampfer bis zu vieren erhalten sollten — waren genügend in den Maschinenwerkstätten Ungamas vorrätig. Aus allen freiländischen Schießplätzen wurden die vorzüglichsten und größten Geschütze herbeigezogen, 24 neue, alles bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetüme in den Gußstahlwerkstätten von Danastadt konstruiert und solchergestalt ermöglicht, daß binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte. Die Eleganz der Ausstattung ließ in einzelnen Punkten zu wünschen übrig; die Vollkommenheit der technischen Ausführung aber war tadellos. Die Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein möglichst geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht zum Sinken gebracht zu werden;da jedes Schiff mindestens zwei vollkommen unabhängig funktionierende Maschinen besaß, so war auch eine Lähmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und zwar mit Platten der stärksten Art, waren bloß die Pulverkammern. Die verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschütze wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaßen die 36 Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde.

Da wir den Westmächten versprochen hatten, die den Suezkanal sperrende Flotte vor Eintreffen der europäischen Expeditionskorps unschädlich zu machen, so mußte geeilt werden, dieses gegebene Wort einzulösen. Am 19. September abends bekamen unsere Schiffe eine bei Bab-el-Mandeb kreuzende abyssinische Eskadre von 5 Panzern in Sicht. Diese, die scharfgebauten Schiffe für Passagierdampfer nehmend, machte sofort Jagd auf sie und wunderte sich nicht wenig, daß die so harmlos aussehenden Fahrzeuge ihren Kurs unbeirrt fortsetzten. Erst als die Abyssinier sich auf 14000 Meter Distanz genähert und nunmehr einige der gröbsten Brocken aus unseren Feuerschlünden zu kosten bekamen, erkannten sie ihren Irrtum und machten augenblicklich kehrt. Das Gros unserer Flotte hielt sich auch mit ihrer Verfolgung nicht auf, sondern setzte die Fahrt ins Rote Meer fort; bloß 6 unserer größten und zugleich als schnellste Fahrer geltenden Kriegsdampfer eilten den Fliehenden nach, brachten deren zwei durch eine Reihe wohlgezielter Schüsse, die von den Abyssiniern der großen Distanz halber wirksam gar nicht erwidert werden konnten, zum Sinken, und jagten die andern auf den Strand. Unsere Schaluppen nahmen von den im Wasser treibenden Mannschaften auf, so viel sie nur immer erreichen konnten und setzten dann — die Affaire mit der Bab-el-Mandeb-Eskadre hatte bloß 2½ Stunden beansprucht — den Weg nach Suez fort.

An Massaua dampfte das Gros unserer Flotte in der Nacht vom 19. und 20. unbemerkt vorbei; die nachfolgenden 6 Schiffe aber wurden im Morgengrauen von einem feindlichen Kreuzer gesehen und verfolgt. Da es weder in der Absicht der Unseren lag, sich vor Massaua jetzt schon aufzuhalten, noch die dort liegenden abyssinischen Schiffe durch eine, ihrem Kreuzer im Vorbeifahren erteilte Lektion vorzeitig zu warnen, so beantworteten sie dessen Schüsse nicht, trotzdem einige derselben trafen, sondern suchten bloß so rasch als möglich an ihm vorbei zu kommen, was auch ohne ernstlichen Schaden gelang. Wie wir später erfuhren, wurden sie in Massaua gleichfalls für Postschiffe gehalten, die unbegreiflicherweise den Suez bewachenden Kreuzern in die Hände liefen. Alles, was der Negus that, war, daß er in den nächsten Nächten vor Massaua fleißig kreuzen ließ, um die vermeintlichen 6 Postdampfer, wennsie vor Suez etwa rechtzeitig kehrt machen sollten, diesmal nicht entschlüpfen zu lassen.

Am 22. nachmittags erschien unsere Flotte vor Suez, griff die den Kanal bewachenden abyssinischen Schiffe unverzüglich an und bohrte drei derselben nach kurzem Gefechte in den Grund. Die anderen, darunter drei Panzerfregatten, liefen auf den Strand, wo die Bemannung von den ägyptischen Truppen gefangen genommen wurde. Denselben Ägyptern lieferte unser Admiral auch die aufgefischten abyssinischen Matrosen und Seesoldaten provisorisch aus, wandte sich sofort wieder nach Süden und langte am 24. September vor Massaua an.

Dort waren wir inzwischen unthätig geblieben; wir wußten, daß das Eingreifen unserer Schiffe genügen werde, die Feste in kurzem Wege zu Falle zu bringen. Als diese auf der Höhe von Massaua erschienen, näherten sich ihnen einige kleinere abyssinische Kriegsfahrzeuge. Wenige Schüsse jagten sie in die Flucht und nun erst begriff der Negus die Situation. Zwar hoffte er noch immer, mit unseren Schiffen fertig zu werden; die schreckliche Wirkung der ersten Lagen aus unseren Riesengeschützen belehrte ihn und seine Admiralität eines Besseren. Vor den herandampfenden schwerfälligen Panzerkolossen stetig zurückweichend gaben unsere unerreichbaren Vernichtungsmaschinen ihre Geschosse ab und zwei der Fregatten sanken in die Tiefe, bevor nureineabyssinische Kugel ein freiländisches Schiff getroffen hätte. Nun wandten sich die Abyssinier zum Rückzuge, aber die Unseren blieben ihnen — stets in der gleichen unnahbaren Distanz — auf den Fersen und bevor die feindliche Flotte den Hafen erreicht hatte, fuhr ein drittes Panzerschiff zu Grunde. Doch im Hafen fanden sie so wenig Sicherheit, als auf offenem Meere; die schrecklichen Panzerzerschmetterer sandten Kugel auf Kugel hinein; ein viertes Schiff versank und ein fünftes; gleichzeitig hämmerten unsere Riesengeschosse zermalmend an den Steinquadern der Hafenbastionen — wir erwarteten jeden Moment die weiße Fahne, das Zeichen der Ergebung, in Massaua flattern zu sehen. Statt dessen machte der Negus, die Unhaltbarkeit der Feste einsehend, von uns jedoch keine Gnade erwartend, plötzlich einen verzweifelten Ausfall, um sich in die Berge durchzuschlagen. Doch nur unsere äußerste Vorpostenkette gelang es ihm zu durchbrechen; vor der ersten freiländischen Linie angelangt, brachten einige Salven den Ansturm der Seinen zum Stehen, ihm aber den Tod. Die Abyssinier warfen die Waffen weg, der Krieg war beendet.

Hiermit schließen die freiländischen Briefe unseres neuen Landsmannes Carlo Falieri an seinen Freund, den Architekten Luigi Cavalotti. Die beiden Freunde haben inzwischen den Aufenthalt getauscht; Cavalotti ist zu uns nach Freiland übersiedelt, Falieri dagegen wurde,kaum daß er mit seinem jungen Weibe einige Wochen seligster Zurückgezogenheit auf einer der paradiesischen Ukerewe-Inseln genossen, uns zeitweilig wieder entführt. Er folgte einem Rufe seines Geburtslandes, welches seiner zu Durchführung jener Reformen zu bedürfen glaubte, die in Konsequenz der soeben von ihm geschilderten und der diesen folgenden Ereignisse dort wie fast überall in der bewohnten Welt ins Werk gesetzt werden sollen. Seine Gattin begleitet ihn auf dieser Mission, zu deren Durchführung ihm seitens unserer Centralverwaltung die unbegrenzten Hülfsquellen Freilands zur Verfügung gestellt sind. Doch damit geraten wir schon in den Bereich jener Begebenheiten, deren Darstellung das folgende Buch gewidmet sein soll.


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