25. Kapitel.

(Schluß des zweiten Verhandlungstages.)

Dritter Verhandlungstag.(Fortsetzung der Debatte über Punkt 2 der Tagesordnung.)

James Brown(Rechte). Unser Kollege aus Ungarn hat gestern die wahre Beschaffenheit des Eigennutzes und des Eigentums in der ausbeuterischen Gesellschaft mit so markigen Worten gekennzeichnet, daß davon fürderhin wohl nicht mehr die Rede sein wird. Aber wenn es auch richtig ist, daß erst die wirtschaftliche Gerechtigkeit diese beiden Triebfedern der Arbeit in ihr Recht einzusetzen vermöchte, so muß immer noch gefragt werden, ob der einzige Weg, der zu diesem Ziele führt, nämlich die Organisation freier, selbstherrlicher, unausgebeuteter Arbeit sich überall und ausnahmslos praktikabel erweisen wird. Mit der noch so feierlichen Proklamierung des Grundsatzes, daß jeder Arbeitende sein eigener Herr sei und mit noch so vollständiger Einräumung des Verfügungsrechtes über die Produktionsmittel an alle Arbeitenden, wäre wenig gewonnen, wenn letztere sich unfähig erweisen sollten, von diesen Rechten den entsprechenden Gebrauch zu machen. Worauf es in letzter Linie ankommt, das ist also die Frage, ob die Arbeiter der Zukunft allezeit und überall jene Disciplin, jene Mäßigung und Weisheit an den Tag legen werden, die zur Organisierung wahrhaft fruchtbringender, fortschrittlicher Produktion erforderlich sind? Die ausbeuterische Wirtschaft hat eine vieltausendjährige Routine hinter sich; wie es anzustellen sei, um eine Schar zu stummem Gehorsam gezwungener Knechte in Ordnung zu erhalten, das sagt dem Arbeitgeber nach altem Rechte die gesammelte Erfahrung unzähliger Generationen. Trotzdem begeht auch er häufig Mißgriffe und nur zu oft scheitern seine Pläne an der Widersetzlichkeit der Untergebenen. Die Leiter der Arbeiterassociationen derZukunft haben so gut wie keinerlei Erfahrungen hinter sich, wenn es sich um die Organisationsformen handelt, welche sie anzuwenden haben; sie werden diejenigen zu Herren erhalten, denen sie befehlen sollen — und trotzdem, so sagt man uns, kann ihnen der Erfolg nicht fehlen, ja er darf nicht fehlen, soll die associierte freie Gesellschaft nicht in ihren Grundfesten erschüttert werden. Denn während die ausbeuterische Gesellschaft die Verantwortlichkeit für das Schicksal der einzelnen Unternehmungen ausschließlich diesen Unternehmungen selber überläßt, hängt vermöge der so oft hervorgehobenen Interessensolidarität der freien Gesellschaft das Wohl und Wehe der Gesamtheit aufs unlöslichste mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammen. Ich will mich gern eines Besseren belehren lassen; aber insolange dies nicht geschehen ist, kann ich nicht umhin, in dem soeben Gesagten Bedenken zu erblicken, welche durch die bisherigen Erfahrungen Freilands mit nichten völlig zerstreut sind. Die freiländischen Arbeiter haben es verstanden, sich zu disciplinieren; folgt daraus, daß dies die Arbeiter überall verstehen werden?

Miguel Spada(Linke). Ich beschränke mich darauf, eine kurze Antwort auf jene Frage zu erteilen, mit welcher der Vorredner geschlossen. Nein, sicherlich, daraus, daß den Freiländern die Organisierung und Disciplinierung der Arbeit ohne herrische Arbeitgeber gelungen ist und daraus, daß sie ganz unfraglich noch zahlreichen anderen Völkern gelingen wird, folgt mit nichten, daß sieallenVölkern notwendigerweise gelingen muß. Möglich, ja sagen wir immerhin wahrscheinlich, daß einzelne Völker sich unfähig erweisen werden, von dieser höchsten Art des Selbstbestimmungsrechtes Gebrauch zu machen; um so schlimmer für diese. Aber daraus, das will ich hoffen, wird doch Niemand die Folgerung ableiten, daß auch jene Völker, und befänden sie sich selbst in der Minderzahl, denen diese Fähigkeit nicht abgeht, auf die Anwendung derselben verzichten sollen. Diese Fähigeren werden dann die Lehrmeister der Unfähigeren werden. Sollten sich aber diese nicht nur unfähig, sondern auch als ungelehrig erweisen — je nun, dann werden sie eben so von dem Erdboden verschwinden, wie ungelehrige Kannibalen verschwinden müssen, wo sie mit Kulturnationen in Berührung treten. Daß die Nation, welcher der Fragesteller angehört, diesen unfähigen Nationennichtbeigezählt werden muß, darauf mag er sich getrost verlassen.

Wladimir Tonof(Freiland). Das geehrte Mitglied aus England (Brown) hat eine unrichtige Vorstellung sowohl von den Schwierigkeiten der hier in Frage kommenden Organisation und Disciplin, als von der Bedeutung eventueller Mißerfolge einzelner Unternehmungen in einem freien Gemeinwesen. Erstere anlangend will ich darauf hinweisen, daß in der Organisation associierter Kapitalien, die bekanntlich Jahrhundertealt ist, eine keineswegs zu verachtende Vorschule der Arbeitsassociation gegeben ist, soweit es sich um die dabei zu wählenden Formen der Leitung und Überwachung handelt. Zwar giebt es Verschiedenheiten tiefeingreifender Art, die wohl beachtet sein wollen; es liegt aber im Wesen der Sache, daß die Unterschiede alle zu Gunsten der Arbeitsassociation sich geltend machen. Bei diesen sind nämlich die Hauptgebrechen der Kapitalsassociation, das sind Unkenntnis und Gleichgiltigkeit der Genossen den Aufgaben des Unternehmens gegenüber, nicht zu besorgen und es ist daher hier auch jener peinliche, die Aktionsfreiheit der Leitung lähmende und trotzdem nutzlose Kontrollapparat, welcher den Statuten der Kapitalsvergesellschaftungen als Ballast anhaftet, vollkommen entbehrlich. Der einzelne Aktionär versteht in der Regel nichts von den Geschäften seiner Gesellschaft und hat ebenso in der Regel gar nicht die Absicht, sich um den Geschäftsgang anders, als durch Empfangnahme der Dividenden zu kümmern. Trotzdem isterder Herr des Unternehmens, von seinem Votum hängt dessen Schicksal in letzter Linie ab; welche Umsicht ist daher vonnöten, um diesen Aktionär vor den möglichen Folgen der eigenen Unkenntnis, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit zu schützen! Die vergesellschafteten Arbeiter dagegen sind mit dem Wesen ihres Unternehmens sehr wohl vertraut, dessen Gedeihen ist ihr vornehmstes materielles Interesse und wird von ihnen auch ausnahmslos als solches erkannt. Das sind ausschlaggebende Vorteile. Oder will man darin eine besondere Schwierigkeit sehen, daß die Arbeiter sich der Leitung von Personen unterwerfen sollen, deren Stellung von ihrem, der zu Leitenden, Votum abhängt? Dann könnte man mit demselben Rechte die Autorität aller aus Wahl hervorgehenden politischen und sonstigen Behörden anzweifeln. Den Leitern fehlt jegliches Mittel, Gehorsam zuerzwingen? Falsch; es fehlt ihnen nur eines, das Recht, den Unbotmäßigen willkürlich zu entlassen. Aber dieses Recht fehlte auch gar mancher anderen, auf Disciplin und vernünftige Fügsamkeit der Mitglieder angewiesenen Körperschaft, die nichtsdestoweniger, oder gerade deshalb weitaus bessere Disciplin hielt, als jene Vereinigungen, deren Gehorsam durch die weitestgehenden Zwangsmittel gewährleistet war. Zwar kann, wo der äußere Zwang fehlt, die Disciplin schwerer in Tyrannei ausarten, aber das ist doch wahrlich kein Übel. Zudem steht den Leitern freier Arbeitervergesellschaftungen ein Zwangsmittel der Disciplin zur Verfügung, dessen Gewalt schrankenloser und unbedingter ist, als die der schonungslosesten Tyrannei: die alles umfassende gegenseitige Kontrolle der Genossen, deren Einfluß selbst der Hartnäckigste auf die Dauer nicht widerstehen kann. Allerdings ist zu all dem unerläßlich, daß die Arbeitenden insgesamt, oder doch zu weitaus überwiegendem Teile vernünftige Männer seien, deren Intelligenzzu nüchterner Abwägung des eigenen Vorteils ausreicht. Allein das ist ja ganz im Allgemeinen die erste und oberste Voraussetzung der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Daß diese — das Endergebnis des bisherigen Entwicklungsganges der Menschheit — nur für Menschen paßt, die sich aus dem untersten Stadium der Brutalität herausgearbeitet haben, unterliegt in keinem Betracht einer Frage. Daraus folgt, daß Völker und Individuen, welche diese Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht haben, zu derselben erzogen werden müssen, welches Erziehungswerk bei nur einigem guten Willen durchaus nicht schwer ist. Daß es, ernstlich in Angriff genommen, irgendwo gänzlich mißlingen könnte, bezweifeln wir.

Und nun besehen wir uns die zweite Seite der aufgeworfenen Frage. Ist es richtig, daß vermöge der im freien Gemeinwesen waltenden Interessensolidarität das Wohl und Wehe der Gesamtheit unlöslich mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammenhänge? Versteht man darunter, daß in einem solchen Gemeinwesen Jedermann an Jedermanns Wohl, also auch am Gedeihen jeder Unternehmung interessirt ist, so entspricht dies vollkommen dem Sachverhalte; soll aber — und das war ersichtlich die Meinung des geehrten Redners — damit gesagt sein, daß das Wohl eines solchen Gemeinwesens vom Gedeihen jedes einzelnen Unternehmens seiner Angehörigen abhänge, so ist dies durchaus grundlos. Geht es einem Unternehmen schlecht, so verlassen es seine Mitglieder und wenden sich einem besser gedeihenden zu, das ist alles. Wohl aber schützt umgekehrt diese mit der Interessensolidarität verknüpfte Beweglichkeit der Arbeitskräfte das freie Gemeinwesen vor tiefergehenden Folgen etwa wirklich begangener Mißgriffe. Kommt es irgendwo zu übelberatenen Wahlen, so können die ungeschickten Geschäftsleiter verhältnismäßig geringes Unheil stiften; sie sehen sich, d. h. das von ihnen geleitete Unternehmen, sehr rasch von Arbeitern verlassen, die Verluste bleiben bedeutungslos, weil auf einen kleinen Kreis beschränkt. Ja, diese Beweglichkeit erweist sich in letzter Linie als wirksamstes Korrektiv aller wie immer gearteten Fehler, als das Mittel, welches überall die mangelhaften Organisationsformen und schwachen Intelligenzen verdrängt und gleichsam automatisch durch tüchtigere ersetzt. Denn die aus welchem Grunde immer schlecht gedeihenden Unternehmungen werden stets in verhältnismäßig kurzer Zeit von den besseren aufgesogen, ohne daß dies, wie in der ausbeuterischen Gesellschaft, zum Ruine der bei ersteren Beteiligten führen könnte. Es ist daher auch nicht nötig, daß diese freien Organisationen überall gleich im ersten Anlaufe das Beste treffen, damit schließlich allenthalben Ordnung und Tüchtigkeit herrsche; denn im friedlichen Wettbewerbe verschwindet das Mangelhafte rasch vom Schauplatze, indem es in die als tüchtig erprobten Unternehmungen aufgeht, die dann allein das Feld behaupten.

Miguel-Diego(Rechte). Wir wissen nunmehr, daß die neue Ordnung alle natürlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; daß ihre Einführung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde früher schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, daß dieselbe nicht als das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch eintretender geschichtlicher Vorgänge, sondern vielmehr als eine Art Kunstprodukt, als planmäßig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen einzelner Männer ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die „Internationale freie Gesellschaft“ sich nicht gebildet hätte, oder wenn ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde fehlgeschlagen wäre? Man wird zugeben, daß dies immerhin denkbare Eventualitäten sind. Wie stände es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit, wenn eine dieser Möglichkeiten Thatsache geworden wäre? Wenn die Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann müßte sie sich schließlich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt durchsetzen, dann müßte sich zeigen lassen, daß und kraft welcher unlöslich mit ihr verknüpften Gewalten, sie den Sieg über Vorurteil, bösen Willen und Mißgeschick davongetragen hätte. Erst damit wäre der Beweis erbracht, daß das Werk, um welches wir uns bemühen, mehr ist, als die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, daß vielmehr jene Männer, die den ersten Anlaß dazu gaben und seine Entwickelung überwachten, damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der — hättensieihm versagt — um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen Ziele nicht verlegen gewesen wäre.

Henri Ney(Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit auf unser, der Gründer von Freiland, Eingreifen angewiesen wäre, um Thatsache zu werden, dann stünde es schlecht nicht bloß um ihre Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne Menschen schaffen, können demnächst andere Menschen wieder rückgängig machen. Zwar sind äußerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgänge Menschenwerk; aber die großen geschichtlichen Notwendigkeiten unterscheiden sich dadurch von den bloß zufälligen Ereignissen, daß sich bei ihnen allemal erkennen läßt, ihre Akteure seien lediglich die Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache, das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir wissen, daß er in dem Sinne ein bloßes Werkzeug des Fortschritts gewesen, als wir mit der nämlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen können, Sprache, Werkzeug, Schrift wären erfunden worden, auch wenn ihre zufälligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickthätten. Das nämliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wäre gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatsächlich zuerst fanden, existiert hätte. Nur freilich wäre in diesem Falle die Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere, erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber auch eine gewaltthätige und schreckliche.

Um das in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu zeigen, muß zunächst erwiesen werden, daß der Fortbestand der modernen Gesellschaft, so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein Ding innerer Unmöglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir gestatten, etwas weiter auszuholen.

In der ursprünglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der Arbeit so gering war, daß der Schwächere durch den Stärkeren nicht ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrängung und Vernichtung der Mitkonkurrenten gefördert werden konnte, waren Blutgier, Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht bloß zum Fortkommen des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener Gesellschaft, der das Individuum angehörte. Sie waren deshalb nicht bloß allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlächter war der geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als nachahmenswürdiges Beispiel gepriesen.

Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese „Tugenden“ zwar viel von ihrer ursprünglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr die Möglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch nützlich gewesen, schädlich, denn sie beraubte um eines vorübergehenden Genusses — des Menschenfleischgenusses — willen das siegende Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehörte, des dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die bestialische Blutgier mußte daher in der neuen Form des Daseinskampfes allmählich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer mehr und mehr der allgemeinen Mißbilligung unterworfenen Eigenschaft, d. i. also zu einem Laster werden. Siemußtedazu werden, weil nur jene Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproceß Platz griff, der Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution — der Sklaverei — in vollem Maße teilhaft werden konnten, dadurch an Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu benützten, die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stämme auszurotten oder sichzu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren Grundzügen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung.

Eine der seltsamsten Täuschungen aber ist es, diese Ethik „Menschenliebe“ zu nennen. Zwar der wilde, blutdürstige Haß gegen den Nebenmenschen war milderen Gefühlen gewichen, aber von diesen bis zu wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschätzung des Nebenmenschen alsUnseresgleichenverstehen, zum Unterschiede von jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe verträgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus. Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Töten des Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrückung und Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die ausbeuterische Gesellschaft führt, nicht bloß nicht gefördert werden, sie erweist sich als geradezu schädlich und vermag — als allgemein verbreiteter Gattungsinstinkt — gar nicht zu bestehen. Einzelne Individuen mögen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben; sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der öffentlichen Meinung keineswegs geschätzte Sonderlinge. Nur Heuchelei oder grobe Selbsttäuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit länger als einem Jahrtausend das Wort: „Liebe Deinen Nächstenwie dich selbst“ auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen — bestenfalls — wie ein nützliches Haustier, zogen ohne den geringsten Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor dessen kaltblütiger Tötung nicht entfernt zurück, wenn ihr wirklicher oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa die Gesinnungen und Gefühle einzelner, besonders hartherziger Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der öffentlichen Meinung nicht mißbilligt, sondern gebieterisch gefordert, unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer Phrasen Thaten in Frage kamen, günstigenfalls als bemitleidenswerte Thorheit, in der Regel aber als todeswürdiges Verbrechen. Er, der jenes Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wäre von ihnen allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerädert, gehängt — in der jüngsten Vergangenheit vielleicht bloß eingekerkert worden, hätte eres abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte und in zündender, nicht mißzuverstehender, lebendiger Rede zu predigen, was ihr blödes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jünger wohl las, aber nicht begriff.

Und das Entscheidende dabei ist, daß die Menschheit in der Epoche der Ausbeutung anders gar nicht fühlen und denken, geschweige denn handeln konnte. Siemußteauf der Ausbeutung beharren, solange diese eine Kulturnotwendigkeit war, siekonntedaher keine Menschenliebe empfinden und üben, denn diese verträgt sich mit Ausbeutung so wenig, als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung „Humanität“ nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wäre, so hätte späterhin das, waswirHumanität nennen, die wahre Menschenliebe, jede davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen werden — das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus; unterdrücken oder unterdrückt werden, in der Epoche der Ausbeutung.

Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen Empfindungen der Menschheit können davon nicht unberührt bleiben. Aber — und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen — es sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschließlich beschäftigt haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten Änderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den moralischen Gefühlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene Interessensolidarität löst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene Menschenliebe die Menschennutzung aus.

Wollen wir nun den letzten Zweifel über die bedingungslose Notwendigkeit dieses Entwickelungsganges ein für allemal beseitigen, so setzen wir den Fall, daß es anders käme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an die geänderte Arbeitsform vollziehe sichnicht.Denkenläßt sich eine solche Möglichkeit immerhin, und ich halte es — bis zu diesem Punkte der Beweisführung gediehen — auch für ganz überflüssig, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwägen; wir nehmen einfach an, daß sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar aber wäre in diesem Falle die fernere Annahme, daß dieses Beharren der socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden könne, ohne daß sehr wesentliche Rückwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wären. Jene überaus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die solches annehmen, halten es für möglich, daßeine Ursache von so überwältigender Tragweite, wie es die bis zur Möglichkeit des Überflusses und der Muße für alle Menschen gediehene Produktivität der Arbeit ist, überhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben könne. Sie übersehen, daß der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem Einflusse dieses Faktors für alle Fälle ändern muß, gleichviel, ob die socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen oder nicht, und daß demnach ebenso für alle Fälle untersucht werden muß, welche Rückwirkung diese geänderte Form des Daseinskampfes auf die Gesamtheit der menschlichen Institutionen äußern könne oder müsse.

Und worin besteht nun die Änderung des Daseinskampfes für den oben gekennzeichneten Fall?Ganz einfach in einem teilweisen Rückfalle in die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!

Wir haben gesehen, daß die Ausbeutung den früher auf Vernichtung des Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die Produktivität der Arbeit so groß wird, daß der — durch die Ausbeutung darniedergehaltene — Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird abermals die Verdrängung, die — wenn auch nicht physische, so doch wirtschaftliche — Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf muß die Formen der Unterjochung und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig nützt nunmehr auf wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft über noch so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrängen, muß er im Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten sich nicht bloß der Härten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie müssen, wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend gewordenen Stellen an den Futterkrippen des „Arbeitsmarktes“ mit Zähnen und Klauen streitig machen.

Ist es nun denkbar, daß eine so fürchterliche Änderung der Grundlagen des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die gleiche Ursachemußvon der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik der kannibalischen Epochemußihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar den veränderten Modalitäten des Vernichtungskampfes entsprechend werden auch die einstigen grausamen, bösartigen Instinkte eine Modifikation erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen den Nebenmenschen, muß wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der Kampf nur der Ausnützung des Nächsten galt, war, insbesondere wenn der Ausgenützte sich gewöhnt hatte, im Ausbeuter ein höheres Wesen zu verehren, zwischen Herr und Knechtzum mindesten jener Grad der Anhänglichkeit möglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht. Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anlaß einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Großmut, Milde, Dankbarkeit konnten als — allerdings sehr kärgliche — Surrogate der Menschenliebe bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und Verdrängung zugleich die Losung des Kampfes sind, müssen sich die obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie müssen folglich verschwinden und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tücke Platz machen. Und wohlverstanden, all diese schändlichen Eigenschaften müssen nicht bloß allgemein verbreitet, sie müssen auch allgemein geschätzt, aus dem Inbegriffe schmählichster Niedertracht zum Inbegriffe der „Tugend“ werden. Ebenso wenig, als ein „humaner“ Menschenfresser oder ein von wirklicher Menschenliebe erfüllter Ausbeuter denkbar sind, ebenso wenig läßt sich ein großmütiger, im bisherigen Sinne tugendhafter Ausbeuter unter dem Alpdrucke der Überproduktion auf die Dauer auch nur denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tückische Mordgier als preiswürdigste aller Tugenden anerkennen mußte, ebenso sicher müßte die von Überproduktion heimgesuchte ausbeuterische Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrüger als ihr Tugendideal zu verehren.

Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als daß es richtig sein könnte. Die Überproduktion, der Zwiespalt zwischen der Produktivität der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen bedingten Konsumtionsfähigkeit, bestehen thatsächlich seit Generationen und trotzdem wäre es zum mindesten eine arge Übertreibung, wollte man behaupten, daß die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren hätten. Daß mancherlei Nichtswürdigkeit infolge des stets schonungsloser sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an Verbreitung gewinne, ja daß allgemach eine gewisse Verwirrung sich der öffentlichen Meinung zu bemächtigen beginne, die den Unterschied zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht überall mehr festzuhalten vermöge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber umgekehrt, daß niemals zuvor Humanität in allen Formen so hoch geschätzt und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart.

Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, daß Überproduktion auf die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen führen könnte — sie zeigen nur, daß einerseits diese schreckliche Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch nicht lange genug wirksam ist, um ihre Früchte schon voll gezeitigt zu haben, und daß anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den richtigenAusweg aus dem ökonomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Bloß wenige Generationen ist es her, daß das Mißverhältnis zwischen Produktivität und Konsum äußerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des Kannibalismus überwand; warum sollte der Rückfall in die kannibalische Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber, daß wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem Rückschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknüpft sein werde, diese der abendländischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie ist eben jener „fremde Blutstropfen im Körper der europäischen Völkerfamilie“, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorübergehend dem Verwesungsprozeß von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen. Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelungnichtnehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivitätnichterhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zukünftige Los der Menschheit voraussetzen, so ließe sich dies logischer Weise anders, als verknüpft mit vollständigem moralischen Rückfalle gar nicht denken.

Und noch eine dritte Entwickelungsform ließe sich als denkbar hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivität der Arbeit mit dem geltenden socialen Rechte geraten, könnte erstere, die neue Form der Arbeit, unterliegen; vor die Unmöglichkeit gestellt, von den erlangten wirtschaftlichen Fähigkeiten den vollen Gebrauch zu machen, könnte die Menschheit diese Fähigkeiten wieder verlieren. In diesem Falle wäre der Einklang zwischen Produktivität und Konsum, Arbeit und Recht, auf der alten Grundlage zurückgewonnen und dem entsprechend könnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der Fortschritt zu wahrer Menschenliebe müßte zwar unterbleiben, denn nach wie vor würde der Kampf ums Dasein auf Unterdrückung des Nebenmenschen beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wäre vermieden. Auch die Ahnung der Möglichkeit einer solchen Entwickelung war der abendländischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere während der jüngsten Generationen, an teils bewußten, teils unbewußten Versuchen nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinüberzuleiten. Von der würgenden Umklammerung der Überproduktion geängstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht, rüttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der Produktivität, suchten dieQuelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschütten und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen Früchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung, gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gütererzeugung zur Güterverteilung geraten, durch Zurückschraubung ersterer zu überwinden. Daß solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte, deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren allerdings nicht begriff, die aber als düstere Ahnung vor ihrem geistigen Auge schwebte, läßt sich desgleichen nicht verkennen.

Und nun, nachdem wir alle drei überhaupt denkbaren Entwickelungsformen der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die neue, höhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen, höheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht und dem entsprechende Rückbildung der Moral; 3. die Anpassung der Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durchPreisgebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral — nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle drei; ist aber auch denkbar, daß materieller oder moralischer Verfall sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten, oder vollends über diesen endgültig triumphieren würden? Möglich, sagen wir sogar wahrscheinlich, daß ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich durchgeführtes Unternehmen die Menschheit zunächst noch längere Zeit hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt hätte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin hätte es deshalb doch niemals gänzlich gefehlt, und der schließliche Triumph derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns für alle Fälle erlangt hätte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschränkt es sich darauf, das, was kommen mußte, rascher und wahrscheinlich unblutiger herbeigeführt zu haben, als ohne uns geschehen wäre. (Stürmischer, lang andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bänken. Die Wortführer der Opposition drücken der Reihe nach dem Redner die Hände und versichern ihn ihrer Zustimmung.)

(Schluß des dritten Verhandlungstages.)

Da zahlreiche Congreßmitglieder den Wunsch geäußert hatten, sich eingehender davon zu überzeugen, daß thatsächlich die anscheinend so wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverständliche Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die Sitzungen des Congresses für zwei Tage unterbrochen und diese dazu benützt, um eine Reihe größerer Edenthaler und Danastädter Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur Verfügung der fremden Gäste stellenden Direktoren der fraglichen Anstalten sowohl, als des Leiters der freiländischen Centralbank alle etwa auftauchenden Zweifel gründlich zu erörtern.

Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage, woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche Sachkenntnis und Intelligenz hernähmen, um jederzeit genau beurteilen zu können, wo man ihrer gerade am nötigsten bedürfe. „Sie haben,“ so meinte einer der Besucher, „eine allumfassende, pünktliche Statistik, die jede Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit verzeichnet — sehr wohl; aber welch hohes Verständnis gehört dazu, um sich in einer solchen Statistik zu orientieren!“

„Dazu gehört in Wahrheit ein überaus bescheidenes Maß von Verständnis, kein höheres, als es bei jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres vorausgesetzt werden kann,“ war die Antwort. „Denn kein Arbeiter braucht sich um anderes zu kümmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Hätten wir keinen freien Markt, auf welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wäre es allerdings eine nicht bloß schwierige, sondern eine inWahrheit ganz und gar unlösliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig stärkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wünschenswert sei. Da sich aber bei uns jede Veränderung der Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im Preise der Produkte ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß der in Gemäßheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde entfallende Nettoertrag in untrüglichster Weise anzeigt, ob der Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Daß z. B. die Maschinenfabrik, in deren Räumen wir uns momentan befinden, ihren Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf zurückzuführen, daß deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind, eine Thatsache, die an und für sich zu konstatieren in der That höchst kompliziert und schwierig wäre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Erträgnis aller hier beschäftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so genügt es vollkommen, letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nämlich der vermehrte Zufluß von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.“

„Aber ist nicht auch diese Ergründung des überall in jedem gegebenen Momente vorhandenen Erträgnisses eine für gewöhnliche Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe?“ lautete die fernere Frage.

„Durchaus nicht,“ erklärte der Direktor der freiländischen Centralbank. „Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von unserer Centralstelle ergänzten und bearbeiteten Urmateriale zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich für statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der gewöhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er die seinen Fähigkeiten entsprechende höchste Rente findet, begnügt sich mit jenen übersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erläuterungen aller Art begleiten. Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8 Schilling begnügen, oder wegen des bei einem anderen verwandten Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde höheren Ertrages sich diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden soll, die vorübergehend — während der Erntezeit nämlich — bis zu 10 Schillingfür die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er muß mit sich darüber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm genügenden Ersatz gewährt für die mit dem Ortswechsel möglicherweise verknüpften materiellen oder gemütlichen Nachteile, für die Beschwerden und Unannehmlichkeiten des Umzuges, für die anstrengendere Arbeit u. dergl.; im übrigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verständnis verwickelter wirtschaftlicher Vorgänge, noch irgendwelches Interesse für anderes, als für den eigenen Vorteil gefordert.“

„Wie aber verhüten Sie,“ so fragte ein anderer der Herren, „daß bei einer irgendwo eintretenden stärkeren Steigerung der Erträge der Zuzug der Arbeitskräfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behörde ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so ist doch immerhin möglich, daß statt der gewünschten Hunderte sich Tausende einstellen.“

„Das könnte nur geschehen“ — so lautete die Erklärung — „wenn Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wären, oder wenn wir uns ihrer nicht zu bedienen verstünden. Um welchen Teilbetrag die Rente sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wächst, läßt sich natürlich überall mit großer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thöricht ist, einer irgendwo auftauchenden höheren Gewinnziffer nachzulaufen, ohne sich vorher zu vergewissern, daß er diese höhere Gewinnziffer, am Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es bei uns selbstverständliche Übung, daß die Arbeiter ihre Absicht den Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, daß diese Anmeldungen fortlaufend publiziert werden und daß demnach Jedermann, noch bevor er sich auf den Weg macht, vollkommen darüber beruhigt sein muß, an seinem zukünftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnöten zu sein.“

Einen zweiten Anlaß zu eingehenderen Erörterungen boten die in zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort beschäftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung leuchtete den Gästen natürlich sofort ein, weniger einleuchtend aber erschien den meisten derselben der erläuternde Zusatz eines der Direktoren — es war das zufällig in der Danastädter Chemikalienfabrik — daß man die gewonnenen Erfahrungen „selbstverständlich“ jederzeit publiziere, auf besonders nützlich erscheinende die anderen Associationen wohl auch ausdrücklich aufmerksam mache und dafür ebenso selbstverständlich von diesen über alle in deren Versuchsanstalten gemachten Funde pünktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.

„Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihrfreiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,“ meinte einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er hinzu: „Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die ihrigen preisgeben.“

„Sie haben ganz recht,“ war die Antwort, „das würde Niemand bei Ihnen thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten — ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos bliebe — so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit — umgerechnet auf die einzelne Arbeitsstunde — wieder auf das Niveau der anderwärts in Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern, damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen möglichst vollständig genießen.“

Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.

„Was geschähe“ — so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt — „wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von Nordleikipia, dazu aufgefordert durch — selbstverständlich geheimen— Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre, von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte, sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was — Sie entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen vorgebrachte Unterstellung — erreicht werden will und was doch verhütet werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?“

„Abermals in der freien Concurrenz,“ entgegnete lächelnd der Direktor. „Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten, alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken, daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre ich — darauf können Sie sich verlassen — zum längsten Direktor, meine Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden, bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitgliederdie übelwollende Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.“

Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten, in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten, war ihnen zur Gewißheit geworden.

Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung:Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend allgemein zu beseitigen?Als erster Redner war vorgemerkt

Robert Murchison(Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu begründen.

Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich — der Tag mag noch so ferne sein — die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu ernähren im Stande sein wird.

Ich will Sie mit ausführlicher Wiederholung und Begründung des bekannten Lehrsatzes meines berühmten Landsmannes Malthus nicht ermüden. Viel wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, Überzeugendes bisher nicht. Daß die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natürliche Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht bloß der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen bleiben muß. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren könnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum hätten, so müßte auch der Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des Nahrungsmangels stieße, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberfläche finden. Auch bestätigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Völker diese grausame Wahrheit; überall sehen wir, daß es der Nahrungsmangel, die Not mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser Grenzen hält. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit hinausrücken, völlig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und hundertfach größer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden, ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der Reichtum den Entbehrungen und schließlich bitterster Not weichen und zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil es aus ihrem alle Kultur erdrückenden Bannkreise kein Entrinnen geben wird, nicht einmal jenes teilweise, welches früher die Ausbeutung zum mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit, nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer könnte es sagen? Klar scheint nur, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht längere Zeit hindurch erfreuen könnte.

Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maßregeln zur Verhütung der Übervölkerung vorgeschlagen, um dem rückwirkenden Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf künstliche, planmäßige Unterdrückung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und Mittelchen sind — wenn sie sich überhaupt durchgreifend in Anwendung bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den äußersten Konsequenzen des Elends zitternden Bevölkerung; wie in Überfluß und Muße lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschränkungen zu unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung könnte meines Erachtens in der freien Gesellschaft günstigsten Falles erst dann Platz greifen, wenn die Not der Übervölkerung schon einen hohen Grad erreicht, deneinstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das individuelle Freiheitsgefühl bedenklich vermindert hätte. Das sind, ganz abgesehen von der ethischen Widerwärtigkeit all dieser gewaltsamen Eingriffe in das — gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit so überaus zart sich gestaltende — Verhältnis der Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von der überschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Männer von Freiland ihre Schöpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu können?

Franzisko Espero(Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von den anderen lebenden Wesen, daß er sich seine Nahrungsmittel selber bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit fortschreitender Kultur die Bevölkerung wird. Das hat ein großer amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt, daß das im übrigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen Zurückbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten, auf den Menschen keine Anwendung findet. Daß trotzdem Not und Elend bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde hätte genug für Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet hätte, freien Gebrauch von ihren Kräften zu machen. Die Ausbeutung aber ist eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben. Beseitiget sie, und Ihr habt für immer das Gespenst des Hungers verjagt.

Stefan Való(Freiland): Ich halte es für nützlich, den freiländischen Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu konstatieren. Das geehrte Kongreßmitglied aus Brasilien (Espero) hat recht, wenn es das thatsächliche Elend der Menschheit in der Epoche der Ausbeutung statt mit dem Walten natürlicher Kräfte, mit menschlichen Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie reichlicher zu ernähren unvermögend gewesen wäre. Ich will übrigens hinzufügen, daß dieses thatsächliche Elend die Massen niemals hinderte, sich zu vermehren in dem Maße, als dies durch andere, auf die Bevölkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja daß sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn er, gestützt auf die hohlen Redensarten Carey’s, leugnet, daß die Volksvermehrung, könnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu Nahrungsmangel führen müßte. Der erste der heutigen Redner hat ganz richtig bemerkt, daß es in diesem Falle schließlich dahin käme, daß den Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, daßein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberfläche bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja, in letzter Linie müßte bei wirklich schrankenlos fortschreitender Vermehrung der Menschenmenge nicht bloß die Oberfläche, sondern sogar der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente für die sich häufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme — in so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhängern Recht,mußalso irgend eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die vernünftiger Weise erst dann bejaht werden dürfte, wenn festgestellt, oder auch nur plausibel gemacht werden könnte, daß nicht früher schon, lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge hätte, daß die Grenzen des Nahrungsspielraums, von ganz außergewöhnlichen Fällen abgesehen, niemals auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überschritten werden könnten.

Arthur French(Rechte): Das soeben Gehörte erfüllt mich mit maßlosem Erstaunen. Wie, das Mitglied der freiländischen Verwaltung gibt zu — was allerdings vernünftiger Weise nicht geleugnet werden kann — daß unbegrenzte Vermehrung eine Unmöglichkeit sei, und bestreitet dennoch, daß Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wäre? Daß Malthus geirrt, als er dieses natürliche Hemmnis auch bisher schon als in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen verwehrt war, sich zu sättigen, nicht weil die Erde unvermögend gewesen wäre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu ernähren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt hatte. Schon minder verständlich ist mir, was Redner darunter meint, wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung künstlich hervorgerufene Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als Beförderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber möchte ich näheres über jene anderen, entscheidenden Faktoren hören, welche dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch in Zukunft die Regulierung der Bevölkerungszahl erwartet. Diese anderen Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die Bevölkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe kommen zu lassen. Künstliche, willkürlich zur Anwendung gelangende Mittel können das nicht sein, sonst würde ein Mitglied der freiländischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit gegründeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen.Doch abgesehen von all dem — wie kann die Wirksamkeit eines so elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist, gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden, während dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe nötigen würde, bei ihrem Fortpflanzungsgeschäfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes vernünftige Maß zu beschränken, welches den Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entspräche?“

Mächtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schärfe vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefühl erwartungsvoller Spannung noch dadurch, daß mehrere Mitglieder der freiländischen Verwaltung — unter diesen auch der frühere Redner Stefan Való — zum Präsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten, sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemächtigte sich die Empfindung, daß die Debatte — nicht bloß die heutige, sondern die des Kongresses überhaupt — an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei. Vermochten die Wortführer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und gegenstandlos nachzuweisen, so war die große Geistesschlacht endgiltig gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte fürderhin nicht mehr der Frage gelten,ob, sondern bloß derjenigen,wiedie neue sociale Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an diesem Punkte die Kraft der freiländischen Beweisführung, gelang es ihr nicht abermals, das Gebäude der gegnerischen Argumentation umzublasen, gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens. Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofür man sich begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.

Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr.Strahldas Wort, nachdem er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freiländischen Verwaltung abgegeben hatte:

„Unser Freund von der Rechten“, so begann er seine Rede, „hat den an uns gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das Mittel kennten, welches die Heringe nötigen würde, sich bei ihrem Fortpflanzungsgeschäfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entsprächen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bündig: Jawohl, wir kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? MitUnrecht, lieben Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf einen Gegenstand handelt, bezüglich dessen die mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem Urteilvermögen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, daß Sie Alle das fragliche Mittel so gut wüßten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, daß wir oder Sie imstande wären, den Heringen diese vorsorgliche Rücksicht erst beizubringen, was in der That ziemlich schwer durchführbar wäre; ich behaupte vielmehr, daß unsere gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, daß die Heringe von jeher üben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst durch unseren Witz angeleitet werden müßten und daß wir daher, um zur Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, bloß nötig hatten: erstlich, die Augen zu öffnen, um zu sehen,wasin der Natur vorgeht und sodann unseren Verstand einigermaßen zu gebrauchen, um auch hinter dasWiedieses Naturvorganges zu gelangen.

Öffnen wir also zunächst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde, die ererbte ökonomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne dabei an dessen mögliche Beziehungen zur Bevölkerungsfrage innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen Erklärungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie denselben einfach als einen der vielen Kostgänger am Tische der Natur. Unmöglich wird Ihnen dann entgehen, daß diese Tierspecies zwar in sehr zahlreichen Exemplaren vertreten ist, daß aber noch unendlich zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fänden. Ja ich behaupte, daß Sie sich — immer vorausgesetzt, daß Sie dabei nur den Hering und nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben — selber verlachen würden, käme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die Heringe könnten, wenn ihrer etwas mehr wären, keine Nahrung im Weltmeere finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu werden vermöchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren Ernährungsverhältnisse wir nicht wie bei den Heringen bloß durch unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch wirklichen Augenschein zu erkennen vermögen, also z. B. den Elefanten, den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und für den er gleichfalls berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Pärchen den ganzen Erdkreis mit seinen Nachkommen erfüllen müßte,um daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß es der Nahrungsmangel sei, was dieser schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste, oberflächlichste Blick, daß nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel Elefanten sind, als reichlich und in Fülle Nahrung fänden? Würden Sie nicht jeden für einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis machen wollte?

Sie wissen also insgesamt — das bitte ich zunächst festzuhalten — daß jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmäßig innerhalb solcher Schranken hält, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht bloß, daß es so ist, Sie wissen auch, daß und warum es so seinmuß. Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgänge sagt Ihnen nämlich bei nur einigem Nachdenken, daß eine Art, die sich wirklich regelmäßig bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmäßig dem Hunger und den Entbehrungen ausgesetzt wäre, notwendiger Weise verkümmern müßte.

Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel, welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder der sogenannten Lebenskraft zu erklären — was natürlich auch damals niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie aber — im Jahrhundert nach Darwin lebend — können auch über diesen letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen, ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten Schleier — seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und Wahnvorstellungen — ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen ‚Logik‘ sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige Kapriolen, die — läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen — unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus’schen Theorie sind doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische Fellache, so fragte er sich; und da er — gehindert durch den bewußten Schleier — nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten, hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche Erinnerung zurückreicht — so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Weltdasglaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz, welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen, durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnennoch immer Haupt und Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauerheutehungert, das zu sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans oder Afrikas — sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.“

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen Sieg anerkannten.

(Schluß des vierten Verhandlungstages.)

Fünfter Verhandlungstag.

Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:

Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommenen Interessen zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?

Der Vorsitzende.Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses,William Stuart, bitte, sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten über jene Vorschläge, welche das mit Ausarbeitung der Übergangsbestimmungen in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.

William Stuart.Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung über eine Reihe von gesetzlichen Verfügungen, die bestimmt sein sollen, uns mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht, zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinüberzuleiten. Meine Auftraggeber sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlaßt, daß unsere Nation unter allen Nationen außerhalb Freilands die erste ist, welche — unseres Wissens zum mindesten — über das Stadium der Vorberatungen hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchführung des Werkes führenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns diesbezüglich auf einbewährtes Präcedenz, das Beispiel Freilands, stützen, was denn auch — mit einigen höchst unwesentlichen, der Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden Abweichungen — durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es für die Übergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat — insbesondere in so wichtiger Sache — lieber vor als nach der That einholen, so bin ich hergesandt, Ihre Meinung zu hören und dieselbe dann im amerikanischen Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschläge des Komitees Gesetzeskraft erlangen.

Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden für herrenlos zu erklären, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen Katasterwerte zu entschädigen. Um denjenigen, die sich dabei verkürzt erachten sollten, die Möglichkeit der Abhilfe zu gewähren, sollen besondere Sachverständigenkommissionen zur Prüfung allfälliger Reklamationen niedergesetzt werden und die öffentliche Meinung der Union geht dahin, daß diesen Kommissionen ein möglichst rücksichtsvolles Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang ist bei Gebäuden beantragt, mit der Maßgabe jedoch, daß zum eigenen Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhäuser auf dessen Wunsch von der Ablösung ausgenommen werden können. Die solcherart erhobenen und festgestellten Ablösungsbeträge sollen je nach Wunsch der Berechtigten entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Maßgabe, daß für jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prämie von ⅕ Prozent gewährt wird, welche Prämie der Berechtigte in Form von Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises ausgezahlt erhält. Auf länger als fünfzig Jahre wird die Abzahlung nicht erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000 Dollars bewertet worden, so erhält der Besitzer, falls er sofortige Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn Jahresrentenà1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prämien von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200 Dollars zugezählt werden. Verlangt er Abzahlung in fünfzig Ratenà200 Dollars, so erwächst ihm ein Prämienanspruch von fünfzigmal 20, d. i. also von 1000 Dollars, die er in Form fünf fernerer Jahressratenà200 Dollars einkassiert. Dieselben Rückzahlungsmodalitäten gelten für die gesamte, sofort zu kündigende Nationalschuld.

Die bestehenden Kredit- und Schuldverhältnisse der Privaten bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche Abzahlungsbedingungen ursprünglich vereinbart waren, dasRechtunmittelbarer Rückerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen Kapitalien abseitens des Gemeinwesenswird die Privatschuldner in den Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nämliche Prämie, die es seinen Gläubigern gewährt, auch von seinen Schuldnern verlangen. Der Zweck letzterer Maßregel liegt auf der Hand; sie soll verhüten, daß — Mangels jedes ihnen eingeräumten Vorteils — die Privatgläubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen lassen. Bekämen die Kapitalbedürftigen anfangs ihren Bedarf gänzlich kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmählicher Rückerstattung des entliehenen Kapitals, so würden sie sich zu keinerlei Vergütung ihren alten Gläubigern gegenüber verstehen, während sie, wird der Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prämie, die das Gemeinwesen von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden.


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