Herbstjagd in den Bergen

Herbstjagd in den Bergen

Herbstjagd in den Bergen

Ormanhütte, 24. September 1903.

E

Ein Waldtal tief im Gebirge, in dem noch nie das Lautgeben der Hunde zur Hasenjagd von den Bergen widerhallte, hat seinen eigenen Reiz; es ist eine stille Welt für sich.

Vorigen Herbst war ich eines Tags durch ein solches Tal gekommen. Andres und ich waren oben im Gebirge auf der Hühnersuche gewesen und hatten kein Glück gehabt. Die Schneehühner hielten nicht, und wenn sie aufstanden, verschwanden sie im Nebel. Es war ein nasses, garstiges Wetter.

Dann aber kamen wir unter das Nebeldach hinab in dieses Tal, wo der Wald so still dastand, das Moos so weich und grün war, und der Bach sich zwischen sanft abfallenden Hängen im flachen Talgrunde schlängelte. Im Moor entdeckten wir Elchspuren. Wie geschützt und üppig war es hier; kein Kampf, keine Hast.

Wir zogen unsern Proviant hervor, warfen uns unter einer Kiefer am Rande des Moors in das Heidelbeergesträuch und steckten uns dann eine Pfeife an. Ich hatte nur den einen Wunsch: hätte ich doch den Hasenhund mitgenommen! Hier war so schöner Waldbestand, ein herrliches Revier, die Jagd mußte hier leicht und ergiebig sein.

Seitdem lockte mich dieses Waldtal dort im Westen immer von neuem, und so oft ich im Gebirge war, besonders am Nachmittag, schaute ich hinüber zu diesen bewaldeten Abhängen zwischen den baumlosen Gebirgsflächen, wo der Abend schon kühle Schatten warf.

Vorgestern früh brachen wir endlich auf, Andres und ich. Nun wollten wir einen Versuch machen, erst mit den Schneehühnern und am nächsten Morgen mit den Hasen. Es war so schönes Herbstwetter. Die Schneehühner mußten jetzt in die Berglehnen hinaufgezogen sein. Wohl waren wir in diesem Herbst schon einmal dort gewesen, ohne mehr als einige alte Hühner zu finden, aber damals herrschte ein rasender Westwind.

Jetzt hegten wir große Erwartungen. Es ging über den Velebuberg und die flachen Strecken mit Mooren und Hügeln hinter den Sötliseen — aber nirgends war etwas von Schneehühnern zu sehen.

Dann den Waldhang ins Tal hinab über Windbruch, Wipfel und Zweige; hier und da gab es Hasenspuren, und Sang zog an der Koppel. Aber jetzt galt es den Schneehühnern.

Auf Liset fanden wir eine Almhütte voll mit Heu, wo wir die Nacht schlafen konnten. Wir legten unsere Sachen ab, aßen in aller Eile, bevor wir hinaufzogen nach dem lockenden Weidengesträuch oben auf den kahlen Höhen über der Waldgrenze.

Den ganzen Tag über trotteten wir über dieselben Strecken, wo wir voriges Jahr um diese Zeit Volk um Volk gefunden hatten; aber kein Schneehuhn war zu sehen, nicht einmal ein einsamer Hahn, kaum eine Feder. Alles war hier wie ausgestorben. Nur an einer Stelle hatte ein Volk Spuren hinterlassen, doch es war nirgends zu finden. Gab es zuviel Füchse? Fuchslosung fanden wir an mehreren Stellen, und als wir das letztemal hier waren, hörten wir den Fuchs die ganze Nacht oben in den Halden bellen.

Aber herrliches Wetter war es. Die Sonne sengte auf die Gebirgsflächen herab wie in Hochsommerzeiten. Dort im Westen lag im blauen Sommernebel der Gausta mit seinen weißen Schneestreifen; die Berge von Telemarken mit Skorve und Lifjell wogten südwärts in leichtem Dunst, und unter uns die Waldrücken und Talsenken von Hovin, ein Meer von Tannenwäldern mit goldenen Tupfen, den gelben Birken, die ihr Laub noch nicht verloren hatten. Und mitten in den Wäldern lagen die blanken Seen still und weltenfern.

Immer haben solche Weiher im Walde etwas Friedvolles, wenn man sie von weitem sieht. Sie spiegeln den Himmel und spiegeln die Halden, und wenn man nicht zu nahe kommt, möchte man beinahe glauben, der Wald ringsum sei noch nicht angetastet von Menschenhand.

Eine solche Waldwelt sehe ich immer mit einem Gefühl, wie es etwa die ersten Jäger gehabt haben müssen, wenn sie vor Tausenden von Jahren herankamen und von der Höhe aus den gewaltigen dunklen Waldteppich weithin wogen sahen — mit seinen Mengen von Hochwild — und ihnen diese Seen entgegenblinkten, die großen Fischreichtum ahnen ließen.

Über dem Walde aber liegt die Bergweite jetzt rotbraun in den letzten Farben des Herbstes, bevor der Schnee kommt. DieBergbirke hat schon fast das ganze Laub verloren, welk raschelt es unter den Füßen. Sollte es den Schneehühnern im Gebirge zu trocken sein, und sind sie die Abhänge hinabgezogen? Am Nachmittag fanden wir auf dem Heimweg nach der Alm oben am Waldrand ein Volk und schossen einige Hühner.

Wir kochten das Abendessen draußen auf der Almwiese, streckten uns auf dem Boden hin und rauchten....

Wie still und friedlich es war! Längst waren Menschen und Tiere von den Almen heimgekehrt. Die Sterne erglänzten. Im Westen erhob sich über uns dunkel der bewaldete Hang, darüber das kahle Gebirge.

Östlich, auf dem Velebuberg, dem Åkeligipfel und dem Ble, stand noch tiefe Abendröte, aber bald verschwand sie.

Die Erde mit Tälern und Bergen und Wäldern und Seen lag da, eingehüllt in die dunkle Herbstnacht.

All das sinnlose Gewimmel und Hasten war ausgelöscht. Nur die großen Linien waren noch undeutlich zu erblicken unter dem glitzernden Sternenhimmel, der ruhig und selbstverständlich alles Kleinliche in Vergessenheit sinken läßt.

***

Gegen fünf Uhr morgens waren wir wieder nach Sörset unterwegs. Noch herrschte nächtliche Stille, kein Laut im Walde. Der Orion strahlte auf uns herab, im Osten aber dämmerte schon der Tag.

Als wir an Sörset vorübergekommen waren, begann Sang unruhig zu werden. Bald gab er Laut. Es war wohl ein Junghase, denn er ging so unregelmäßig und versteckte sich imDickicht; richtiges Büchsenlicht war auch noch nicht. Es dauerte nicht lange, bis der Hund ihn unter Steinen verbellte, und der Hase kam zur Strecke.

Wir zogen weiter, ließen den Hund wieder los, und bald fand Sang eine neue Spur; mit hellem Laut ging es die Böschung hinan. Es wurden anderthalb Kreislinien gemacht, denn der norwegische Hase läuft, wenn gejagt, in großen Kreisen. Dann kam der Hase in langen Sprüngen den Almsteig herab und fiel. An einigen offenen Stellen im Walde, etwas weiter unten, wurde wieder eine Spur gefunden. Es dauerte nicht lange, und das Treiben war neuerdings im vollen Gang. Nach einigen langen und schwierigen Kreistouren hatte dieser Hase dasselbe Schicksal wie der vorige.

Ist es nicht merkwürdig, daß unser Gedächtnis sich so oft an Dinge heftet, die wir zunächst vielleicht gar nicht weiter beachteten?

Was mir von diesem Jagdausflug am meisten vor Augen steht, ist, wie wir uns gegen Mittag in der Sonnenhitze müde und schläfrig nach der Alm zurückzogen. Der Hund lief irgendeiner Spur nach. Wir setzten uns ab und zu und warteten auf ihn, ob er den Hasen wohl finden würde.

Es war sehr heiß, die Augenlider fielen uns zu, und zuweilen nickten wir ein wenig. Das vergilbte Farnkraut stand hoch und dicht auf Lichtungen an den Lehnen zwischen Windbruch und Tannenreisig.

Es war nicht leicht zu gehen. Bei solcher Trockenheit werdendie Stiefel sehr glatt. Unter den Birken raschelte das Laub, wenn wir gingen, aber unter den Tannen war Schatten.

Dann kamen wir an den Bach in dem flachen Talgrund. Das erfrischte. Welche Wonne ist doch so ein klarer rieselnder Waldbach an einem heißen Tage!

Es war so erquickend, so friedlich, sich in dem dichten Gras am Ufer zu lagern, wie auf einer kleinen Wiese mitten im Walde. Die Sonne spielt mit frischen Lichtern in dem klaren, kühlen Wasser. Jeder Stein auf dem Grunde ist sichtbar, und die Sonnenstrahlen, von den kleinen Wellen gebrochen, glitzern über sie hin. Ein Bild der ewigen, lachenden Jugend.

Der Bach schlängelt sich dahin zwischen den flachen Sand- und Kiesbänken. An den offenen Stellen wachsen an den Ufern Gras und etwas Schilf, und unter den Bäumen grünes Moos und Farnkraut. Und die Tannen, die hoch und schlank dastehen und schattenspendend ihre Zweige breiten, spiegeln sich in dem dunkeln, stillen Wasser.

Diese Gumpen im Flußbett haben etwas unveränderlich Reines und Frisches. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber so oft ich sie sehe, drängt sich mir ein zufälliger Eindruck auf aus den Straßen Roms an einem warmen, klaren sonnenheißen Junitag. Ich kam an einem dieser vielen kleinen Marmorbecken vorüber, in denen aus einem Löwenmaul ein Wasserstrahl springt. Ich sehe noch die Sonne auf dem Marmorboden spielen, höre noch das Plätschern des Wassers.

Weshalb kommt mir das in den Sinn? Vielleicht versetzte mich damals dieses frische, reine Wasser in dem kühlen, weißenMarmor im Nu aus der großen Weltstadt mit all ihren Kulturdenkmälern und ermüdenden Museen an einen klaren Bach mit murmelndem Wasser und weißen Kieselsteinen, tief drinnen im Wald, wohin die Kultur nicht gelangt....

Ja, diese Freude am rieselnden, reinen Wasser — an der Sonne, — am blauen Himmel, — am Waldfrieden — sie ist vielleicht mit dem Ursprünglichsten in unserm Wesen verwandt. Wenn wir nur von dieser einfachen Freude mehr in das Leben zurückbringen könnten!

Worüber freuen wir uns denn sonst?

Plötzlich muß ich an ein Bild denken, das mir einst Erik Werenskiold mit Worten malte. Ich sehe es aber, als habe er es mit seinem Pinsel gemalt:

„Wir Menschen in den Städten, sind wir nicht wie Tiere, die in Kisten leben? Erst schlafen wir in einer Kiste, dann schlüpfen wir hinaus durch einen schmalen Zwischenraum und hinein wieder in eine andere Kiste. Dort bleiben wir einige Stunden, dann kehren wir wieder in die vorige Kiste zurück. Nach ein oder zwei Stunden geht’s wieder in eine dritte Kiste. Wenn wir dort eine Weile gewesen sind, dann schnell zurück in die vorige Kiste.“

Ja, genau so ist es. Und so vergehen die Jahre, drinnen in diesen Kisten. Und das nennen wir das Leben! Und darin pflanzen wir uns fort und schaffen neue Geschlechter, die dasselbe Kistenleben fortsetzen sollen.

Und wenn es einmal so eine rechte Freude sein soll, dann schlüpft ein Teil der Tiere in eine größere Kiste, um miteinanderzu essen. Da sitzen sie reihenweise auf ihren Hinterteilen, die Vorderpfoten auf einem Brett, und stopfen fünf, zehn, fünfzehn verschiedene Sorten Nahrung in sich hinein, je nach der Größe der Freude, und trinken entsprechende Mengen starker Getränke, bis sie sich selbst und die andern und die Kistenwelt in einem idiotischen Nebel sehen. — Das nennt man Fest....

Aber dieser Bach rinnt Jahr um Jahr und gräbt langsam sein Tal, und der Wald steht still, gilbt im Herbst und grünt im Frühling. Und wie viele sehen den Bach außer dem großen Elch, der haltmacht und trinkt — dem kleinen Hasen, der angehoppelt kommt und im Grase äst — und dem Fuchs, der in der Dämmerung behutsam heranschleicht, um Hasen und Vögel zu belauern?.....

Zu unsern Häupten ziehen die Drosselscharen hin und wieder. Sie sammeln sich jetzt im Herbst. Keck und lebensfroh sind sie. Bald flöten sie sich etwas zu, bald lachen und spotten sie kreuzvergnügt.

Warum findet ihr heuer das Leben so lustig, wo es doch so wenig Vogelbeeren gibt? Vielleicht deswegen, weil ihr trotz allem dahin zieht, wohin es euch gelüstet....

In einem Tannenwäldchen jenseits des Bachs fliegt der wunderliche Unglückshäher von Zweig zu Zweig. In der Regel ist er stumm und still, als trüge er das Geheimnis des Lebens. Zuweilen schlägt er einen melodischen, wehmütigen Flötenton an, aber zu andern Zeiten bricht er plötzlich in ein hitziges, schneidendes Lachen voller Zorn aus.

Rätselhafter Vogel! Aus dir werde ich niemals klug. Bist du vielleicht der, der dem unsteten Menschengeiste am ähnlichsten ist?

Zuweilen, wenn ich im Walde sitze und du lautlos herangeschwebt kommst und dich auf den Ast über mir setzst und den Kopf schief hältst und herabsiehst, dann ist es, als müßtest du unbedingt etwas sagen. Aber dann fliegst du wieder weiter zum nächsten Baum, ehe du es gesagt hast. So geht es wohl auch mit uns. Wie oft finden wir keinen Ausdruck für das, was auf dem Grunde unserer Seele liegt und am tiefsten in uns ertönt......

Ab und zu kommt etwas wie der Versuch eines kleinen kühlenden Hauches. Es rauscht schwach in den Baumwipfeln und zischelt leise im Farnkraut. Aber es ist nur wie ein Luftschöpfen, und dann ist wieder alles still.

Oben zittert der Waldhang in der Sonnenhitze, wie er es Jahrtausende getan hat, und die Insekten summen ihre alte ewige Lebensmelodie. Dann fährt ein größerer Käfer in dürres Laub und raschelt darin. Der Kopf sinkt tiefer; ach, es ist so schön zu sitzen — wahrhaftig.....

Aber auf einmal fahren wir in die Höhe und ergreifen das Gewehr. Hat jetzt doch der Hund in der Mittagshitze den Hasen aufgestoßen!

In voller Jagd geht es aufwärts. Alle Schläfrigkeit und Müdigkeit sind wie weggewischt.....

***

Auf dem Heimweg. Es dunkelt. Auf einmal stehen wir am Abhang. Dort unten liegen die Ormanhütte und der Sörkjesee. Draußen nach dem Auslauf zu glitzert ein Wasserstreifen im Mondschein, ebenso gerade unter uns in der Bucht. Über dem See ein leichter Silberschleier, oben auf dem Blegipfel eine dichte, weiße Wolke. Darüber groß und rund der Mond. Die Berge dunkel, tiefblau.

Über allem der große Weltraum, unendlich und blau, — nur vereinzelte flimmernde Sterne. Im Osten blinkt gelb der Jupiter, gerade über dem Bergkamm von Synhövd.

Wie hoch wölbt sich heute abend der Himmel! Man sieht die Erde wie einen Punkt im Weltraum schweben.

Vor solch einem Hintergrund bewegen wir uns und beschäftigen wir uns mit unsern kleinen Sorgen! Was werden sie in zwanzig, ja schon in zehn Jahren bedeuten? In welcher Welt von Kleinlichkeiten leben wir und sind wir verstrickt?

Nur eine solche Nacht — so weit, so einfach! Hierher trachten wir durch alles Hasten des Tages, ohne es zu wissen. Hier finden wir die Befriedigung unseres Sehnens nach Schönheit und Harmonie.

„Wir steigen hinab, um uns zu finden“, sagt man. Hat nicht jeder von uns, mag er noch so sehr Alltagsmensch sein, ein solches Heiligtum, in das wir leise treten? Aber das bewahren wir für uns selbst und „steigen hinab, um uns zu finden“.

Montag, 5. Oktober 1903.

Der Tag war am Freitag gerade angebrochen, als Andres und ich uns aufmachten. Wir wollten einen großen Ausflugnach Hovin hinunter unternehmen und Hasen und Schneehühner jagen. Der Himmel war überzogen. Vom Süden trieben dunkle Wolken heran, als wir über den Sörkjesee ruderten. Es konnte Regen geben.

Als Trygve uns am andern Ufer ans Land gesetzt hatte und wir die Moore hinaufgingen, hörten wir einen eigentümlichen Laut. Da war er wieder. Andres meinte, es sei wohl ein Fuchs am andern Ufer. Ich dachte an eine Lumme, aber eine solche war jetzt im Dunkeln nicht unterwegs.

Noch war kein Vogel wach. Oben auf dem Moor stand ein Schneehuhn schreiend vor dem Hunde auf. Ich konnte es in der Dunkelheit gerade noch weiß schimmern sehen.

Dann wurde es heller. Die Drosseln begannen zu erwachen und sich miteinander zu unterhalten, und bald gab es ein lautes Drosselkonzert. Aber der Hund, der draußen herumstrich, ließ nichts von sich hören. Der Boden war feucht und versprach einen guten Jagdtag — wenn nur kein Regen kam.

Endlich hörten wir Sang in dem Abhang zwischen Lauvhövd und Grönli, und bald war das Treiben im Gang. In großen Kreistouren ging es bergauf, bergab, den waldlosen Höhen zu. Endlich kam ein guter Hase den Weg flüchtig herab und fiel.

Noch drei Treiben gab es. Das Ergebnis waren vier Hasen; inzwischen war es wohl zwölf Uhr mittag geworden. Aber nun begann es im Ernst zu regnen; genieselt hatte es schon lange. Da gingen wir nach Rustaholte.

Der Hof war voller Kinder, die ins Haus liefen, als sie uns erblickten. Es war Schule. Aber wir wurden in dieSchulstube hineingeholt und Kinder und Lehrerin solange hinausgejagt. All mein Bitten fruchtete nichts. Später aber gelang es uns, in die Käserei zu schlüpfen und uns auszuruhen.

Dort wurde uns etwas Essen gekocht, während wir uns mit Sveinung und seinem Vater unterhielten, einem drolligen alten Hallingbauern, dem die Rede aus dem zahnlosen Munde wie Wasser floß.

Während wir dort saßen, kam ein Mann mit einem Regenschirm und einem Gewehr herein. Es war ein Gelegenheitsarbeiter, der angestellt war, die Steuern einzutreiben und auszupfänden. Er hatte schon das Remingtongewehr als Pfand genommen und sollte nun auch noch bei andern Schafe pfänden.

Der Regen dauerte an, und da wir hier keine Unterkunft finden konnten, gingen wir nach Knutsgard hinüber. Dort wurden wir von Tor, dem Bruder Sveinungs, gut aufgenommen. Man würde uns die Nacht über schon unterbringen.

Den ganzen Tag regnete es in Strömen. Wir vertrieben uns die Zeit, so gut es ging, damit, daß wir an den Türen herumstanden, nach dem Wetter ausschauten, im Garten Johannisbeeren aßen und mit den Kindern plauderten, mit der kleinen schönen Ingeborg und den Zwillingen, die seit vorigem Jahr stark gewachsen waren. Aber der Junge war doch der prächtigere; zwei Jahre alt, bekam er noch Muttermilch. Das Mädchen war wohl soviel Mühe nicht wert.

Am Abend bekamen Andres, Tor und ich einen Grog, und ein Gespräch über die heurige Elchjagd entspann sich. Tor war von einer eigenen, unbestimmbaren Art. Schwarzhaarig, hatteer etwas Mongolisches an sich, während sein Bruder Sveinung ein blauäugiger Germane war.

Als ich Andres sagte, Tor sei doch gar so mager, er müsse zuviel auf die Elchjagd gegangen sein, antwortete Andres, Tor sei nicht mehr recht gesund gewesen seit dem Tage, da er vor einigen Jahren einen Knacks bekommen habe. Er hatte sich in Kongsberg auf dem Markte herumgetrieben und lag bei der Heimfahrt betrunken auf seinem vollgeladenen Wagen. Und wäre ihm nicht jemand, der ihn auf der Heimfahrt sah, gefolgt, dann wäre er damals wohl draufgegangen, denn als man ihn fand, war er fast erfroren. Das Pferd hatte die Beine zwischen den Zügeln verwickelt und konnte nicht weiter, und er lag besinnungslos auf dem Wagen. Es war krachend kalt, und man fand ihn gerade noch im letzten Augenblick. Seitdem ist er nicht wieder recht zu Kräften gekommen.

Ich lag lange wach und dachte über diesen Mann nach, während draußen der Regen immer noch herabströmte. Das kränkliche Gesicht mit dem halbscheuen Blick, den nervösen, hageren Zügen, den knochigen Schläfen, den hohlen, knochigen Backen, dem unruhigen Wesen.

Was konnte ihm noch das Leben sein? Etwa diesen kleinen Gebirgshof zu bewirtschaften und im Winter Holz zu fällen, oder sich herumzutreiben und aufzuspielen, oder auf die Elchjagd zu gehen? Was ist seine Jagdfreude? Ist es der Raubtierinstinkt, oder ist es der fahrende Geselle, die rastlose Jagd nach etwas, das in der Ferne liegt? —

Als ich tags darauf zu seinem Bruder Sveinung kam, dermit seiner Frau und der fünfjährigen Tochter gebückt auf dem Felde stand und Kartoffeln ausnahm, tauchte bei mir dieselbe Frage auf. Ist dies da das Leben für ihn? Es schien nicht gerade das zu sein, was am besten zu ihm paßte, zu dem gewandten, kräftigen Burschen, der auf allen Tanzböden obenauf war, den ich im Wald hinter dem Elch leicht wie einen Wolf laufen sah.

Als wir am Morgen ins Freie kamen, waren die Hänge unter dem Gråfjell und Ble bis auf die Almwiesen hinab weiß. Hier unten hatte es die ganze Nacht bis gegen Morgen geregnet; aber wir wollten die Hasenjagd trotzdem versuchen.

Am Björsee fing Sang an Laut zu geben, und bald hatte er einen jungen Hasen aufgestoßen, der sich aber noch drückte.

Als wir nach langem vergeblichem Treiben den Moorrand entlang wateten, wo er liegen sollte, fuhr Sang mit der Schnauze in ein Tannendickicht neben mir — der Hase sprang heraus, ein helles Gekläff Sangs, der Hühnerhund auch hinterdrein — vier Schüsse von Andres und mir — und der Hase lag.

Einige Birkhühner fanden wir auch, aber dann gab es nichts mehr, und wir machten uns auf den Heimweg. Es hatte zuviel geregnet.

Auch hier begannen Schneeflocken zu fallen, und wir waren noch nicht weit über Rustaholte hinausgekommen, als der Boden schon ganz weiß war. Bald lag der Schnee mehrere Zoll hoch.

Der Hühnerhund zog an. Es ging weiter und weiter über ein Moor und eine Halde hinan. Im Schnee war keine Spur zu sehen. Was konnte es sein? Ein Vogel mußte es sein.Aber der war hier gelaufen, bevor der Schnee gekommen war. Endlich stieg ein großer Auerhahn auf.

Auf Grönli wollten wir zwei Hasen holen, die wir dort im Kuhstall aufbewahrt hatten. Auf der Wiese lag tiefer Schnee wie mitten im Winter, und im Wald fiel er dicht und still.

Alles Leben war verschwunden. Die Drossel, die gestern, trotz des trüben Wetters, so geschäftig und so vergnügt gewesen war, war jetzt fortgezogen. Auf dem Heimweg nach der Ormanhütte waren wir und die Hunde die einzigen lebenden Wesen im Gebirge. So einsam wird es in solchem Schneewetter.

Doch still, was war das? Wahrhaftig, Sang gab Laut trotz des Neuschnees über den Spuren. Und nun wieder! Und bald begann das klingende Treiben über den Grönlialmen.

Ich sah den Hasen weit draußen, ganz grau in dem weißen Schnee. Aber der Hase will jetzt nur ungern aufs offene Feld hinaus. Am liebsten schlüpft er ins Dickicht.

Andres schoß in die Tannen hinein, fehlte aber und rief den Hund. Gleich darauf jagte Sang den Hasen aus seinem Versteck unter einer umgewälzten Tannenwurzel dicht neben der Stelle, wo Andres stand und schoß. Wie ging das zu? Der Hase kann sich doch nicht so schnell wieder gedrückt haben? Es war ein Rätsel.

Wieder wurde es nichts. Wir wollten die Spur des Hasen verfolgen. Das war aber nicht leicht. Es gab im Schnee zu viele Hasen- und Hundespuren. Nun standen wir lange zu beiden Seiten eines Tannenbuschs und unterhielten uns darüber, wo der Hase sich wohl gedrückt haben könnte. Hier irgendwo mußte es sein. Der Hund kam herbei, steckte die Nase in den Buschhinein, und zwischen uns fuhr der Hase heraus. Aber da knallte es auch schon, und er lag.

Ich ging zu der Tannenwurzel, wo Sang den Hasen aufgestoßen hatte. Dort war das Lager, aber keine Spur führte dahin. Also war es ein anderer Hase, und der erste war noch da. Ich gab einen Schuß ab. Wir schrien, und Sang lief hinaus.

Bald begann er oben auf einem Moor zu winseln. Es ging aufwärts, und das Winseln nahm zu; dann folgte hier und da ein Gekläff und nun klingendes Treiben. Wir gingen auf unsere Posten; ich dahin, wo der vorige Hase gefallen war. Fünfmal ging es hier vorüber, hinauf und hinunter, bevor ich zum Schuß kam; aber jetzt kam Lampe auf dem weißen Schnee gerade auf mich zugelaufen und fiel.

Wahrhaftig, das hatten wir nicht erwartet! Zwei Hasen, bei vier Zoll tiefem Schnee über den Spuren. Nun stapften wir im Schneewetter heimwärts.

Bei unserer Ankunft wurden wir mit frohen Mienen empfangen, und es wurde nur bedauert, daß wir so schlechtes Wetter gehabt hätten. Als aber unsere Beute an Hasen und Schneehühnern hereingebracht wurde, schien man uns nicht mehr zu bedauern.

***

Und nun ist weiß und still der Winter da. Hier wird geschäftig eingepackt, um ins Tal hinabzukommen.

Ich mußte heute morgen in den Spürschnee hinaus und Abschied nehmen. Zwei Nächte lang hatte es geschneit. Es wäre wohl denkbar, daß der Hase trotz des Schneewetters ein wenig unterwegs gewesen war.

Die Sonne brach durch und schien lockend auf die weißen Hänge herab. Aber keine Hasenspur war zu sehen.

Wie still es in dem gepuderten Walde war! Nur ein paar feine Meisenpfiffe ertönten auf einigen Tannen. Keine Spur auf dem weißen Teppich, nur die von einem Eichhorn. Und dann die feinen Striche, die eine Maus hinterlassen hatte. Die Zweige bogen sich unter dem Schnee. Die Winterruhe war gekommen. Nur der Sörkjesee lag dort unten offen und schwarz in all dem Weißen; Rauch stieg von ihm auf wie zur Winterszeit.

Wieder einmal ist dieses Gebirgsleben zu Ende, und es geht zu dem Lärm, zu den Nichtigkeiten hinab, zu all dem, was man nicht will, nach dem man sich nicht sehnt.

Das Auge schweift über die schneebedeckten Hänge. Die Berge glänzen in der Sonne, während unten in den Tälern, in Hovin und im Numetal, auf beiden Seiten schwarze Nebelschwaden ziehen.

Es ist ein schmerzliches Gefühl, fort zu müssen. Man möchte so gern bleiben und sehen, wie der Winter sich festsetzt groß, weiß und rein...

Aber gehen wir nur. Um so schöner ist’s, wieder hier heraufzukommen, fernab vom Tal, wo die lichten Birken wachsen und die dunkeln Tannen — wo das Gebirge morgens und abends sich rötet, und die Nacht groß ist und still......

Dekoration 1


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