Den Dank überlassen wir dem, der gesagt hat: Wer dieser Geringsten einen mit einem Becher kalten Wassers tränket, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.”
Einen Liter, das konnte jeder; diese Freude konnte sich auch der Geringste bereiten. Aber gerade weil die Bitte sich so zu dem Geringsten hinunterbeugte, war auch der Wohlhabende gefaßt. Konnte der Kleine einen Liter geben, dann konnte der Vermögende zehn, zwanzig, fünfzig, hundert Liter schicken. So floß bald die Wasserleitung über. Und viele neue Freunde, die bis dahin den Aufgaben von Bethel fernstanden, waren hinzugewonnen.
Als die erste Nachricht über die große ostafrikanische Hungersnot nach Berlin kam, ließ sich Vater von Missionar Döring die soeben eingegangenen Berichte auf dem Bahnhof in Berlin an den Zug bringen, um sie auf der Heimreise zu studieren. Ich mußte ihm einen Bericht nach dem andern vorlesen. Dann saß er lange mit geschlossenen Augen in der Ecke. Schließlich sagte er: „Schreib mal!” In kurzen ergreifenden Zügen schilderte er die Hungersnot und ihre Folgen. Was sollte geschehen? Sofort sollten die Missionare an der Küste Nahrungsmittel und Kleidung aufkaufen und überall den Eingeborenen gegen Arbeit abgeben. Steine sollten aus den Wegen geschafft, aus den Feldern geräumt und auf Haufen getragen werden, damit Häuser und Schulen und Kirchen daraus gebaut werden konnten. Also „Brot für Steine”. Als er fertig war, sagte er: „So, nun habe ich 100 000 Mark.” Er kannte die Herzen der Kleinen, der Armen, der Schwachen, die selbst etwas von Not und Druck wußten. Den Lohn für einen Stein, der draußen in Afrika einem hungernden Kinde ausgezahlt wurde, konnte auch das ärmste Kind sich von seiner Mutter ausbitten. Wer aber mehr geben wollte, dem waren ja keine Schranken gesetzt. In der Tat kam gerade die deutsche Kinderwelt durch diese Bitte in Bewegung. Jeder wollte helfen, damit für Steine Brot gekauft und der Hunger gestillt werden könnte. Und als schließlich die Hungersnot zu Ende ging, blieb noch so viel übrig, daß auch diesterbenden Familien der Buren in Südafrika mit versorgt werden konnten.
Wenn solche Bitten in die Welt hinausgingen, gab es Anstalten, deren Leitungen erschraken: „Gräbt Bodelschwingh uns nicht das Wasser ab?” Nicht immer blieb es nur bei solchen Schrecken und Befürchtungen stehen; es kam auch zu Verwahrungen, zu Protesten. Vater hatte dafür keine Empfindung. Er sah in solchen Befürchtungen einen verkehrten Sorgengeist, eine geheime Fesselung durch den Mammon. Ihm lag ja gar nicht am Gelde, ihm lag immer an der Liebe. Und die Liebe zu entfachen, war nicht nur erlaubt, das war Pflicht, das kam ja aller Welt zugut, nicht nur ihm und seiner besonderen Aufgabe. Er war überzeugt, daß diejenigen Missionsgesellschaften, die sich in ihrem Gebiet abschlossen und andere ausschlossen, gegen ihr innerstes Wohl handelten. Nur ja der Liebe keine Schranken setzen!
Und wenn man jetzt zurückschaut, so wird es in der Tat in den letzten hundert Jahren wenige Menschen gegeben haben, vielleicht keinen, die so wie Vater Liebe zu wecken wußten, Liebe, die nicht nur irgend einem kleinen Sonderbereich zugute kam, sondern die überall, wo in der Heimat oder in der Heidenwelt eine Not sich zeigte, zur Hilfe willig war. Darum wollte er nichts davon wissen, daß wohltätige Unternehmungen oder Missionsgesellschaften bestimmt umgrenzte Interessengebiete für sich allein in Anspruch nahmen und jedem andern den Zugang wehrten.
Das hat sich auch in der engeren Heimat Bethels, im Ravensberger Lande, gezeigt. Als die Anstalt gegründet wurde, stand mancher der führenden Männer des Landes mit Sorge beiseite. Würden die Werke der inneren und äußeren Mission, die im Lande angefangen waren, nicht durch das neue Unternehmen zu leiden haben? Das Gegenteil ist Wirklichkeit geworden. Zu den bestehenden Anstalten im Lande sind nicht nur die von Bethel hinzugekommen, sondern noch eine nicht geringe Anzahl neuer Pflegestätten, wie die schon erwähnte Anstalt Pastor Krekelers im Wittekindshof und die unter Pastor Siebold zu einem selbständigen Zweige gewordene Waisen- und Fürsorgeanstalt Eickhof in Schweicheln und viele kleine Pflegehäuser in einzelnen Gemeinden. Sie leben alle und werden leben, solange und in dem Maße, als Glaube und Liebe da sind.
Für die Freudigkeit und Willigkeit der Freunde im Lande war es natürlich von großer Bedeutung, daß sie wissen konnten: Man geht mit der Hilfe, die wir bringen, in Bethel sorgsam um. Vater selbst hätte nicht mit solch freudigem Gewissen immer wieder bitten können, wenn er nicht innerhalb der Anstalt unablässig zu größter Treue gegenüber dem anvertrauten Gut angehalten hätte.
Und die Kräfte der Freunde konnten nur wachgerufen und wachgehalten werden, wenn auch in Bethel selbst immer wieder alle Kräfte willig und munter blieben. Als die Wasserleitung gebaut wurde, sah man Vater, seinen ältesten Enkel an der Hand, beide mit dem Spaten auf dem Rücken, an die Arbeit ziehen, um den Graben für die Wasserleitung ausgraben zu helfen. Natürlich wollte jetzt keiner zurückstehen. Es war ein Helfen und Wetteifern von Kranken und Gesunden, bis die ganze 2500 Meter lange Leitung aus dem Berge herangeführt und der Graben wieder zugeworfen war. Aber wenn dann Vater abends die Leitung entlang ging und fand noch Arbeitsgeschirr, das nicht weggenommen war, wie konnte er dann noch denselben Abend an den Hausvater, der mit seinen Leuten an der betreffenden Strecke gearbeitet hatte, ein Briefchen schicken, das durch Mark und Bein ging!
Und doch war diese Sorgsamkeit im Kleinen nicht kleinlich. Ein enges Gewissen und ein weites Herz blieben miteinander geeint. Er blieb der Vater. Es war nichts vom Aufseher, vom Aufpasser in ihm. Er erzwang nicht mit Gewalt eine Treue im Kleinen, wo er sah, daß sie Zeit haben müsse zu wachsen. Und nie sollte die Sparsamkeit die Freude und die Schönheit und den Frieden beschränken. Hätte er immer Zeit gehabt, sich jedes einzelnen Baues anzunehmen, so wäre mancher einfacher ausgefallen. Aber er ließ auch dem Baumeister Freiheit und beschränkte seine Freudigkeit nicht.
Für das Vertrauen der einzelnen Mitarbeiter am Elend aber war es schließlich von großem Wert, zu wissen, daß ihre Schultern nicht mit Aufgaben belastet wurden, die eigentlich von andern hätten geleistet werden müssen. Darum zog Vater von Anfang an und wo er nur konnte, die staatlichen Organe zu Mitarbeitern heran. Aber auch seine Eingaben an die Behörden trugen immer den persönlichen Ton, der an die Herzen drang.
Und immer unterstützte er die schriftlichen Bitten dadurch, daß er selbst kam. So suchte er einige Herren des Provinzial-Landtages in Münster morgens früh in ihrem Hotel auf, noch ehe sie aufgestanden waren, brachte ihnen ihre Stiefel ans Bett und gewann sie dann für seine Anliegen. „Sie sind ein gefährlicher Mensch”, sagte ihm einmal der Finanzminister Miquel, der pflichtgemäß immer die Sache vor die Person stellte, aber sich doch der persönlichen Glut nicht entziehen konnte, mit der Vater seine Angelegenheit vertrat.
Wie bei den Freunden im Lande, so war es auch, wenn er in die Regierungsgebäude, die Konsistorien und Ministerien kam, immer seine Art, von unten anzufangen. Die Pförtner, die Kanzlisten waren seine besonderen Freunde. Sie kannten ihn alle, sie taten ihm alles zu Gefallen. Sie wiesen ihm die Wege zu den Räten und Geheimräten, an die er sich im einzelnen Falle zu wenden hatte, und von diesen stieg er dann auf zum Präsidenten und Minister. Dieser Einfalt der Liebe, mit der Klugheit der Schlange gepaart, konnte auf die Dauer niemand widerstehen. Sie machte sich alle untertan, sodaß der Regierungspräsident von Minden im Blick auf sich und seine Beamten einmal scherzend sagte: „Wir haben die Ehre gehabt, unter Herrn von Bodelschwingh zu dienen.”
Einmal kam von Oberschlesien her ein epileptischer Knabe, Ferdinand Hintze, ganz allein angereist, nur mit einem Schild auf der Brust, auf dem die Bahnbeamten gebeten wurden, dem Jungen auf der Reise behilflich zu sein. Der kleine Ferdinand war denn auch von allen Zugführern und Schaffnern so freundlich behandelt und sicher geleitet worden, daß er bis an sein Lebensende nichts anderes werden wollte als Zugführer. Dieses Pappschild schickte Vater dem Eisenbahnminister ein, erzählte ihm, wie es dem Jungen ergangen sei und wie dankbar dieser wäre für alle ihm widerfahrene Hilfe, und schloß daran die Bitte, daß der Minister in den Fußtapfen seiner liebenswerten Beamten nun allen Epileptischen die große Liebe erweisen möchte, ihnen eine Fahrpreisermäßigung zu gewähren. Die Bitte schlug durch, sodaß seitdem alle Fallsüchtigen und andere mittellose Kranke mit ihren Begleitern zu halbem Preise reisen können, eine Wohltat, die Vater schon einige Jahre vorher allen deutschen Krankenpflegern und -pflegerinnen beider Konfessionen erkämpft hatte.
So wurde er der Bettelmann, von dem die Kinder deklamierten: „Edelmann, Bedelmann, Doktor, Pastor, Kutscher und Bauer und Lumpenmajor.” Und wenn er ein Bettelmann war, der immer wieder kommen durfte, so lag das an seiner tiefen Dankbarkeit. Er durfte bitten, weil er danken konnte. Und auch beim Danken dankte er immer für die Liebe, nie bloß für das Geld. Den Geber meinte er, nicht nur seine Gabe. Ganz unabsehbar ist die Fülle der Briefe, die er bittend und dankend schrieb und die doch immer wieder einen neuen Klang hatten, weil ihm Bitten und Danken nie zum Geschäft wurde, sondern zur täglich neuen Freude, die Gott ihm schenkte. So finden sich in dem Heft der Stenogramme aus Dezember und Januar 1891/92 u. a. folgende Diktate:
An Herrn Clemens Fischer, Bremen.
16. 12. 91.
Hochverehrter Herr!
Glauben Sie ja nicht, daß ich mich durch Ihre und Ihrer Mithelfer Gabe enttäuscht fühle. Wenn die Wohlhabenden und Reichen dieser Welt überall so willig wären, Becher kalten Wassers einzuschenken, wie Sie es gehofft haben, so würde das nicht gut für uns sein. Wir würden aufhören, arme Leute zu sein. Das Armsein ist uns recht nötig.
Ich habe neulich einmal an 57 Millionäre geschrieben und einen Beitrag erbeten für ein Krankenhaus in Ostafrika, wo drückende Not herrscht und das wir auch mit unsern Brüdern und Schwestern bedienen, die ihr Leben daran wagen. Aber von allen 57 habe ich keinen Pfennig für diesen Zweck empfangen. Da muß ich Ihre Ernte doch noch als eine verhältnismäßig reichliche ansehen und danke Ihnen doppelt für Ihre Liebe. Gott schenke Ihnen ein fröhliches, seliges Weihnachtsfest und eine Liebe, die nicht müde wird, auch wo man Enttäuschung erfährt.
Ihr Ihnen und allen Helfern Ihrer und unserer Freude innig dankbarer
B.
Zusatz zur Weihnachtsbitte für das Bielefelder Sonntagsblatt. 1891.
Übrigens möchten wir nicht allein für uns hier bitten, sondern ebenso für alle andern Anstalten der Innern Mission, die einem jeden der lieben Leser die nächsten sind. Außerdemmöchte ich auch wiederum gern unsere Westfalen an einen fernen Westfalen erinnern, den Hausvater Meyer in Osterode in Ostpreußen mit seinen ostpreußischen Waisenkindern. Er hat seit vielen Jahren sich Weihnachten freuen dürfen, daß Westfalen ihn nicht vergessen hat. Und der gleichen Liebe und alten Treue empfehle ich auch das Waisenhaus Ducherow in Pommern.
An acht Geschwister in Berlin.
16. 12. 91.
Meine geliebten Kinder!
Wie freue ich mich, daß Ihr auch in diesem Jahre wieder treu gewesen seid. O ja, Treue ist eine ganz besonders köstliche Sache vor Gott. Er wolle Euch alle acht treu machen in allen Stücken, in der Liebe zu Gott und zu Euren lieben Eltern, aber auch in der Liebe zum Nächsten. Er wolle Euch treu machen im Gehorsam, treu in der Arbeit, treu im Glauben bis ans Ende. Wie freue ich mich auch, daß ich am Weihnachtsabend unsern lieben Kranken sagen kann, daß Ihr wiederum um ihretwillen ein Jahr willig den süßen Zucker entbehrt habt, um ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest bereiten zu helfen. Ich schicke Euch hiermit einige Büchelchen und Bildchen von unserer Anstalt. Grüßt mir auch Euren lieben Vater und Eure liebe Mutter und dankt ihnen auch herzlich, daß sie zu Eurer Gabe das gleiche zugelegt haben.
Es gedenkt Euer in dankbarer Liebe Euer
B.
An Fabrikarbeiter in Iserlohn.
18. 12. 91.
Unter den mancherlei schmerzlichen Erfahrungen von Gleichgültigkeit gegen die Not der Brüder ist es mir eine ganz besondere Ermunterung und Stärkung in unserer Arbeit gewesen, daß in Iserlohn unter denen, die selbst nicht reich an Gütern dieser Welt sind, ein solches Liebesfeuer erwacht ist, an unsere armen Kranken zu denken. Wer selbst arm ist, weiß auch am besten, wie es andern Armen zu Mute ist. Ich will unter dem Weihnachtsbaum unsern Kranken erzählen, was Iserlohner Fabrikarbeiter für sie tun. Das wird unsere Kranken erfreuen und beschämen und dazu dienen, daß sie desto stiller und geduldiger ihr schweres Leiden tragen.
Es grüßt Sie alle in dankbarer Liebe und wünscht Ihnen ein reich gesegnetes, friedevolles Weihnachtsfest
Ihr B.
Liebe Dorothea, liebe Gertrud!
24. 12. 91.
Ich habe Euer kleines Paket bekommen und danke Euch herzlich für die 10 Mark, die Ihr für 10 Liter Wasser Euch gespart habt. Und ganz besonders danke ich Gertrud für das Hemdchen, das sie in der Schule genäht hat. Ich will es heute gleich nach dem Kinderheim tragen. Da will ich es einem kleinen schwarzen Heidenkind schenken, das vier Jahre alt ist und dem es gerade paßt. Es ist schade, daß Ihr heute nicht einmal eine Stunde in Bethel sein könnt. Da würdet Ihr etwas sehen, was Ihr noch nie gesehen habt. Da werden viele, viele hundert Kinder und Kranke an dem schönen Kripplein um den Weihnachtsbaum versammelt sein und viele schöne Lieder singen, und am Schluß wird die kleine Heidin, der ich das Hemdchen schenken will und die jetzt Fatuma heißt, getauft werden. Ein schwarzer Soldat hatte sie in Afrika gestohlen und wollte sie wie den kleinen Joseph nach Ägyptenland verkaufen. Das hat der Schiffskapitän gemerkt und sie dem Soldaten abgenommen und uns mitgebracht. Und die kleine Fatuma hat sehr schnell den Heiland liebgewonnen und ist sehr fleißig und treu im Kinderheim, die andern kranken Kinderchen zu pflegen. Nun soll sie heute abend den Namen Elisabeth bekommen.
Es grüßt Euch und Eure lieben Eltern
Euer dankbarer
4. 1. 92.
Mein teurer und geliebter Bruder und väterlicher Freund!
Ihre Simeonsgabe habe ich richtig erhalten, und unsere Kranken danken auch für diese Liebe auf das herzlichste. Der barmherzige Gott wolle den Spätabend Ihres Lebens, wo die irdische Sonne nicht mehr leuchten will, mit dem Morgenrot seines ewigen Lichtes hell machen, bis der Tag anbricht, dem kein Tag gleicht und wo alles, was hier noch dunkel ist, sich in volles Licht verwandelt.
In alter dankbarer, treuer Liebe
Ihr B.
An den wenigen Feierabenden, die ihm blieben, ließ er sich von uns vorlesen und unterschrieb währenddessen die Dankkarten. Es war oft nur ein einziger Satz, aber es lag ein Ton darin, der bis in den Grund der Seele wohltat.
Wer aber einmal in den Kreis der Freunde und Mitarbeiter eingetreten war, und wenn es auch nur mit der kleinstenGabe gewesen wäre, dessen Liebe wurde festgehalten und gepflegt. „Lassen Sie mich Ihre Hand recht fest fassen”, so bat Vater immer wieder. Aber er konnte das nur, weil ihm viele treue Hände zur Seite standen. Wie die Baseler Mission ihm für die geschäftliche Leitung der Anstalt immer wieder Mitarbeiter gab, deren Treue und Tüchtigkeit auf dem indischen und afrikanischen Missionsfelde erprobt war — welche Fülle unermüdlichster Arbeit schließen auf diesem Gebiet die Namen Ostermeyer und Kehrer in sich! — so war es die Barmer Mission, durch die Missionar Heienbrok nach Bethel kam. Als Leiter des „Dankortes” blieb Heienbrok, unterstützt von einem Stabe treuer Mithelfer, immer erfinderisch, den Kreis der Freunde im Lande zu pflegen und sie durch die Schriften, die vom Dankort ausgingen, immer fester und enger an die gemeinsame große Aufgabe zu fesseln.
Die letzte Bitte, die Vater durch den Dankort aussandte, hieß:
Weihnachten!
Ein von 37 Jahre langem Bitten fast müder Mann, der dicht vor seinem 80. Lebensjahr steht, stellt sich notgedrungen noch einmal an die Spitze seiner großen Schar von Fallsüchtigen, Geisteskranken, Obdachlosen und verlassenen Kindlein und bittet in ihrem Namen: Vergeßt unser auch zu Weihnachten nicht!
Unter unsern nahezu 4000 Pflegebefohlenen haben viele niemand mehr, der zu Weihnachten an sie denkt. Darum darf ich ganz besonders für sie meine Hände ausstrecken nach den alten treuen Mithelfern unserer Weihnachtsfreude!
Ich freue mich, daß ich noch einmal diese vielleicht letzte Bitte für meine lieben Pflegebefohlenen wagen darf, und bin dankbar auch für die kleinste Gabe. Auch Spielsachen, Wäsche, Kleider, überhaupt Gaben jeglicher Art sind, je früher desto lieber, mit Freuden willkommen.
Es grüßt alle treuen Freunde in allen Landen, die im Namen des großen Freudenmeisters Herzen und Hände regen für unseres kranken, aber doch fröhlichen Weihnachtsgäste, und wartet auf die Stunde, wo die ewige große Weihnachtsfreude anbricht,
F. v. Bodelschwingh,P. em.
Bethel, Weihnachten 1909.
Die große Arbeitslast hätte Vater nicht bewältigen können, wenn ihm nicht seine Eltern eine ungemein sonnige Naturanlage mitgegeben hätten. Namentlich sein Vater konnte auch in den schwersten Lagen frohgemut sein wie ein Kind. Seine Mutter neigte dazu, die Dinge schwer zu nehmen. Aber wie erzählt, war sie in der Zeit, in der sie ihren kleinen Friedrich erwartete, von ganz besonderem Gleichmut und innerem Frieden gewesen, sodaß Friedrich von Jugend auf unter seinen Geschwistern der zufriedenste und glücklichste war.
Wie haben denn auch wir Kinder diese Freude und dies Glück genossen! Wenn Vater abends von seinen Krankenbesuchen nach Hause kam, dann packte er wohl den Kleinsten von uns, warf ihn in hohem Schwung über seine Schulter, setzte ihn rittlings auf seinen Kopf, sprang und sang in der Stube herum, bis er den kleinen Reiter mit hohem Kopsdebolder wieder auf die Erde beförderte. Oder er ließ uns Größere der Reihe nach antreten, stellte sich mit ausgebreiteten Händen hinter uns und ließ uns dann in seine Arme fallen. Dabei kam es darauf an, daß man es wagte, sich ganz tief, ohne mit den Füßen rückwärts zu treten, fallen zu lassen, den sicheren Händen des Vaters vertrauend. Wer sich am tiefsten fallen ließ, ohne zu zucken, der hatte gewonnen.
Zuweilen des Sonntags baute er auch mit uns und unserm geliebten alten Baukasten einen hohen Turm bis unter die Decke. Abends kam dann die Hauptfreude: das Sisemännchen. Er hatte aus der Zeit, wo er in Pommern hier und da einmal einen Hasen geschossen hatte, noch eine Schachtel mit Pulver übrigbehalten. Daraus nahm er eine kleine Menge, rührte sie mit Wasser an und formte sie zu einer Pyramide, die er dann hinter dem Kachelofen langsam trocknen ließ. Abends, wenn es dunkel geworden war, wurde ein Stückchen Feuerschwamm an einen Stock befestigt, das Sisemännchen oben auf den Turm gesetzt und mit etwas frischem Pulver bestreut. Jetzt kam der feierliche Augenblick, wo Vater den Feuerschwamm anzündete, den Stock mit dem brennenden Schwamm dem Kleinsten in die Hand drückte und ihn in die Höhe hob. Mit verhaltenem Atem standen wir andern um den Turm her, langsam näherte sich das glühende Stückchen Schwamm derkleinen Pyramide. Jetzt — si ... i. i. i. i zischte das Pulver auf, und, nach allen Seiten hin spuckend, sprühend und dampfend, verzehrte sich das kleine Sisemännchen in seiner eigenen Glut.
Zu Ostern gab es natürlich ein Osterfeuer mit den in der heißen Asche gerösteten Kartoffeln, die die Eltern besonders liebten. Die Krönung des Festes aber war allemal der Böllerschuß aus der kleinen Kanone. Sie war aus Messing und nicht länger als ein Finger. Aber das ganze Jahr über freuten wir uns auf den Augenblick, wo sie am Abend des Ostertages von Vater in Tätigkeit gesetzt wurde. Wieder mußte der Kasten mit Pulver herhalten, aus dem sie geladen und dann mit Papier zugepfropft wurde. Dann kam wiederum ein kleines Stückchen Feuerschwamm auf einen Stock, über das Mundloch wurde ein bißchen Pulver geschüttet — und nun — bumm — knallte der Schuß, daß es durch Mark und Bein ging. Aber ehe wir es uns versahen, war Vater auch schon wieder verschwunden und sann über seiner Predigt für den zweiten Ostertag. Uns aber blieb in Erinnerung an solche kurzen Augenblicke ein unbeschreibliches Gefühl des Glückes und der Dankbarkeit.
Denn wenn er sich uns gab, dann gab er sich ganz, dann waren alle Lasten abgeschüttelt, dann war er ein Kind unter uns Kindern, ein Junge unter uns Jungen. Das machte ihm überhaupt sein Leben leicht, daß er bei allem ganz war. Wenn ein armer Kranker in die Stube kam, dann konnte er sich von allem, was ihn beschäftigte, losreißen, sodaß der Kranke spürte: Hier ist nun wirklich einer, der sich meiner Sache ungeteilt annimmt, hier ist mein nächster Freund, mein hingebendster Berater, dem mein Anliegen gerade so wie mir selbst die eine große Hauptsache ist, um die sich alles dreht.
Aber auch bei den kleinen und kleinsten Dingen ging es Vater so, nicht aus einer Überlegung, sondern aus dieser glücklichen Naturveranlagung heraus, sich einem einzigen Gegenstand ganz hinzugeben. Wenn im Vorfrühling die Stare kamen und auf dem Rasenplatz vor unserm Fenster auf- und abstolzierten, dann war er ganz versunken in sie, schwatzte mit ihnen, pfiff ihnen was vor und jauchzte über die Pracht ihres Gewandes, das in der Frühlingssonne in allen Farben glänzte. Oder wenn die Grasmücke draußen vor dem niedrigen Treppenfenster ihre Jungen ausgebrütet hatte, dann lag er aufseinen Knien in dem geöffneten Fenster, bog den Ast mit dem Nest behutsam zu sich herüber und unterhielt sich in den süßesten Tönen mit den Kleinen im Nest, als wenn er ihr Vater wäre und nichts anderes zu tun hätte, als für die Kleinen zu sorgen.
Aber im nächsten Augenblick war er schon wieder ganz in andere Gedanken versunken. Und wie tief konnte er versunken sein in die Sache, die ihn beschäftigte. Dann hörte und sah er nichts um sich her. Dann vergaß er Essen und Trinken. Dann suchte er seine Brille und hatte sie auf der Nase, dann eilte er mit fremdem Hut und fremdem Mantel davon, ohne es zu merken, wie ein glückliches zerstreutes Kind, das ganz von einem einzigen Gegenstand gefesselt ist und die Welt um sich her vergißt.
Seine beste Ruhezeit blieb natürlich die Nacht, nicht nur die Stunden des Schlafes, sondern auch die des Wachens. Und die schlaflosen Stunden nahmen mit den Jahren immer mehr zu. Aber auch sie genoß er dankbar und nutzte sie aus. „Wenn man”, schrieb einer seiner Kandidaten, „des Morgens zu ihm in sein Arbeitszimmer trat, machte er immer einen so frisch gewaschenen Eindruck, als wenn er sich auch von innen gewaschen hätte, nicht nur von außen.” Die wichtigsten Briefe, die er am andern Tage zu schreiben hatte, durchdachte er des Nachts, sodaß es oft wie ein Strom floß, wenn er morgens um sieben in sein Arbeitszimmer kam, wo sein treuer Sekretär mit nie versagender Pünktlichkeit schon auf ihn wartete, um die Stenogramme aufzunehmen. Aber war er des Nachts mit den Aufgaben des kommenden Tages fertig, dann plagte er sich damit auch nicht über das Ziel hinaus, sondern suchte den Schlaf, indem er im Gedächtnis ein Kapitel aus der Bibel wiederholte oder sich ein Kirchenlied vornahm. Es lag ihm immer daran, das Kirchenlied ganz zu beherrschen, ohne eine Strophe auszulassen, und er ließ sich keine Ruhe, bis alle Strophen beieinander waren. Wollte die eine oder andere gar nicht auftauchen, so nahm er schließlich sein Gesangbuch zu Hilfe, das immer neben der Bibel vor seinem Bette lag. Einmal war das Gesangbuch verlegt. Da zog er sich an, und unsere Schwester, die von dem Geräusch geweckt worden war, entdeckte ihn wie einen Nachtwandler, als er unten im Eßzimmer sich das Gesangbuch holte, weil er ohne die vergessene Strophe keinen Schlaf finden konnte.
Stellte sich der Schlaf auch dann noch nicht ein, so vertiefte er sich gern in irgend ein Buch, am liebsten Treitschke oder naturwissenschaftliche Aufsätze. Überhaupt blieb das Weltall gerade in diesen schlaflosen Stunden immer wieder der Gegenstand seiner Betrachtungen und Berechnungen. Dabei nahm er einen Kubikzentimeter Sand zu 100 000 Körnern an und rechnete nun aus, wieviel Sandkörner die Erde, die Sonne und andere Himmelskörper hätten. Beim Morgenfrühstück unterhielt er uns dann mit dem Ergebnis seiner nächtlichen Berechnung und den vielstelligen Zahlen, die er für die Riesenhimmelskörper gefunden hatte, und beides war der Gegenstand seiner Bewunderung: einmal wie unendlich groß die Welt sei und wie klein doch auch wieder, weil sich ihr Maß in einer einzigen Reihe von Nullen mit nur einer Eins davor ausdrücken lasse.
Auch im Gedränge des Tages war sein Schlafzimmer oft sein Zufluchtsort, wohin er sich zurückzog. Einmal erklärte er, er hätte nun keine Zeit mehr, sich zu rasieren, und ließ sich ein paar Tage lang die Stoppeln stehen. Aber schließlich gab er unsern vereinten Bitten nach, und die stillen zehn Minuten, die ihn oben im Schlafzimmer das Rasieren kostete, bildeten ihm allmählich eine immer liebere Unterbrechung im Getümmel des Vormittags. Fröhlich gingen während des Rasierens die Gedanken mit ihm durch, sodaß er, wenn er wieder im Arbeitszimmer erschien, häufig aus vielen Wunden blutete, die er mit kleinen Läppchen Papier zuzukleben pflegte.
Zur Mittagsruhe nach Tisch, während der er mit großer Aufmerksamkeit die Zeitung las, und ebenso zu den Vorbereitungen auf die Unterrichtsstunden suchte er gleichfalls am liebsten seine Schlafstube auf, und dann immer wieder zur stillen priesterlichen Arbeit für die eigene Seele und für die ganze Gemeinde. Einmal wartete jemand auf ihn, und ich suchte ihn oben. Ganz leise öffnete ich die Tür, um ihn nicht zu stören für den Fall, daß er ruhte. Da lag er auf seinen Knien vor seinem Bett. Ich schloß die Tür wieder, ohne daß er es merkte. Seitdem wußte ich mehr denn je, woher er die Ruhe hatte in aller Unruhe und zugleich die unermüdliche Tätigkeit, die alle mit sich fortriß.
In die Nächte hinein arbeitete Vater nur sehr selten. Die Abende waren ja freilich meist auch noch nach dem Abendbrot besetzt. Aber wenn es irgend ging, wurde doch noch eine halbeStunde herausgeschlagen. Dann lasen wir vor, und Vater unterschrieb die den Tag über diktierten Briefe und Dankkarten. Dabei war es erstaunlich, mit welchem tiefsten Interesse er dem Vorlesen folgte, bis die Abendandacht den Schluß machte. Die Sonntagabende aber waren die glücklichsten. Dann hockte unser jüngster Bruder auf dem Sofa zwischen Vater und Vaters Schwester, der geliebten Tante Frieda, die einige Jahre nach der Mutter Tode zu uns gezogen war. Wir andern drei Geschwister saßen um den kleinen Tisch, und dann wurden Vater und Tante Frieda geneckt! Alte und neue Erlebnisse wurden hervorgekramt, an denen das entsagungsvolle Leben unserer geliebten Tante und die sich drängenden Ereignisse in Vaters Leben so reich waren. Alle wurden in das Licht des Humors, oft auch in das Salz der Kritik getaucht. Dann schmunzelte die alte Tante vor innerstem Behagen, und Vater prustete nach seiner Art in herzlichstem Lachen — bis er schließlich, wenn die Uhr zehn schlug, aufsprang: „Gute Nacht, gute Nacht, Kinderchen, ihr seid böse Buben!”
Dieses Familienglück erhöhte sich vollends, seit aus der Ravensberger Familie von Ledebur-Crollage eine Tochter nach der andern in unsere Familie eintrat. Die ritterliche Art, mit welcher Vater seinen Schwiegertöchtern begegnete, verwandelte sich mehr und mehr in überströmende zarteste Liebe als Dank für alles, wodurch die Lebensgefährtinnen seiner Söhne den Abend seines Lebens erhellten. Er erlebte es noch, wie die Schar der Enkelkinder anfing, ihn zu umspielen, und wurde nicht satt, sich an jedem einzelnen zu erquicken. „Solch einem geliebten kleinen Kindchen zu begegnen,” sagte er einmal, als ihm eins der Enkelkinder mit ausgebreiteten Ärmchen entgegenlief, „das ist mir geradesoviel wert, als wenn ich auf einen hohen, freien Berg stiege.”
Ruhepausen im täglichen Getriebe der Arbeit waren auch immer wieder die Tage und Stunden, wo aus der Ferne Gäste bei uns einkehrten, durch die neue Anregungen kamen oder alte Zeiten wieder lebendig wurden.
Schwester Eva von Tiele-Winckler! Es war jedesmal für Vater ein Trunk frischen Wassers, sooft sie kam. Immer stärker wurde die Hoffnung, sie ganz für die Arbeit in Bethel zu gewinnen. Und schließlich, als die Kräfte der alten MutterEmilie in Sarepta eine Ergänzung verlangten, und nach deren Tode gab es wirklich mehrere Jahre gemeinsamer Arbeit. Nie seit dem Verlust unserer Mutter hat Vater glücklichere Jahre verlebt als die der gemeinsamen Arbeit und des Verstehens mit dieser hochgemuten Frau. Aber schließlich siegte bei ihr die Pflicht gegen die schlesische Heimat und die dort von ihr begonnene immer mehr wachsende Arbeit.
„Land meiner HeimatIn Nebel und Rauch,Dir bleib’ ich treuBis zum letzten Hauch.”
„Land meiner HeimatIn Nebel und Rauch,Dir bleib’ ich treuBis zum letzten Hauch.”
Wie um ein fernes Kind hat Vater um sie gesorgt, für sie gebetet und sich an der Liebe erquickt, die sie wie eine Tochter ihm bis zuletzt erwies.
Tante Caroline von Zacha! Die Jugendfreundin der Mutter, mit ihrem jugendlichen Herzen, ihrem tiefen Verständnis und ihrem klugen Rat, der immer den Kern der Sache traf!
Hermann Wilm, der erste Senior des Konvikts, der, sooft er kam, mit seinem herzerfrischenden Humor alle die lieben Erinnerungen wachrief an die Frühlingstage der ersten Arbeit für Afrika und der doch nicht ruhte in der Erinnerung, sondern wie ein Sohn die gegenwärtige Freude und Last mit dem Vater teilte und zugleich mit ihm den Blick vorwärts richtete auf neues Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes.
Tage voll erfrischender Ablenkung brachte auch der Besuch des „Wassersuchers” von Bülow. Die Wasserleitung hatte schließlich doch nicht mehr für den immer stärker werdenden Wasserbedarf ausgereicht. So war an einer günstig erscheinenden Stelle ein Bohrloch geschlagen worden. Viel Zeit und Geld hatte man schon verbraucht, ohne daß die Bohrungen zum Ziel führten. Endlich bat Vater Herrn von Bülow, ihm die Liebe zu erweisen, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er kam wirklich, ließ seine Rute auf dem Felde arbeiten, wo bis dahin vergeblich gesucht worden war, und fand nach kurzer Zeit eine starke Quelle. Er stellte auch sofort die annähernde Tiefe fest, in der dann wirklich das reichlich sprudelnde Wasser gefunden wurde.
Zwei ständige Freunde von seltener Treue hatte unser Haus. Das war einmal unser Freund Nedden. Neddenstammte aus angesehener Familie, hatte mit Pastor Stürmer zusammen die Sexta des Gymnasiums besucht, war dann aber in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung stehen geblieben. Er arbeitete den Tag über unten in der Ökonomie, hauptsächlich mit dem Waschen der Rüben für die Kühe beschäftigt, und nur morgens und abends kam er zu kurzer Hilfeleistung in unser Haus. Alle Glieder schienen ihm verkehrt angewachsen zu sein, mühsam trug er den kleinen schweren Körper auf den schleppenden Füßen, und aus dem übergroßen Kopf schielten ein paar glanzlose Augen hervor.
Aber welches Feuer lebte in dieser unscheinbaren Gestalt, immer bewegt in Gedanken um die höchsten Dinge! Den Feierabend und Sonntag brachte er über seinen geschichtlichen Büchern zu, die er sich von uns holte. Die Erträge seiner Forschungen, in denen richtige und verkehrte Beobachtungen in der komischsten Weise durcheinandergemischt waren, teilte er dann in vertraulichem Gespräch teils unserm Vater, teils den andern Hausgenossen mit. Die Worte seiner Weisheit waren all die Jahre, die er bei uns aus- und einging, eine nicht endende Quelle der Erheiterung. Auch als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten, blieb er der Hausfreund, der allemal an seinem Geburtstag im Rollstuhl an unserm Kaffeetisch erschien und mit größtem Behagen sich die kleinen Zeichen unserer Freundschaft und Dankbarkeit gefallen ließ.
Und dann Schwester Klara! Sie wohnte in dem kleinen Pförtnerhause der Anstalt, das hart an der Straße am Eingang in unsern Garten lag. Sie war der Cerberus, den jeder Besucher zu passieren hatte. Es war ein beständiger friedlicher Krieg zwischen ihr und Vater. Vater hatte ihren Dienst so gedacht, daß sie allen fremden Besuchern der Anstalt den ersten Weg zeigen, aber niemand abweisen sollte, der zu ihm selber wollte. Sie aber sah ihren Hauptdienst darin, Vater vor allem Anlauf zu schützen und jeden nicht wirklich notwendigen Besuch von ihm fernzuhalten. Dabei war sie grundsätzlich eher zu scharf als zu milde. Durch kein Bitten, durch kein Schelten, auch durch keinen Zorn des Vaters, der gelegentlich aufflammte, ließ sie sich von ihrem einmal eingeschlagenen Wege abbringen. Nur sie selbst weiß, wieviel sie in unsagbar stiller Treue und mit ihrem von Jahr zu Jahr kränker werdenden Herzen von Vater abgehalten hat.
Sie pflegte zwischendurch unsern kleinen Blumengarten und war vor allem ganz in der Verborgenheit die mütterliche Freundin mancher Epileptischen, die ihr Anliegen bei ihr ausschütteten. Nach Vaters Tode siedelte sie ins Feierabendhaus über, wo sie drei Jahre später unter schwerstem Leiden wie eine Heldin ein Leben der Treue beschloß.
Jedes Jahr einmal kam für Vater die eigentliche Ferienzeit. Das war die glücklichste Zeit für die ganze Familie, namentlich solange die Mutter noch lebte. Meist ging es an die Nordsee, nach Norderney, Wangeroog, Langeoog und schließlich immer wieder zum schönen Amrum. Dazwischen gab es Ferienzeiten im Gebirge: im Harz, im Sauerlande, auf dem Hunsrück, im Thüringer Wald. Einige Male auch wurden wir von Freunden in noch weitere Fernen gelockt: nach Holland, an die Ostsee, nach Schottland und in die Schweiz.
Es waren keine Zeiten der Zerstreuung, sondern der Sammlung und der stillen Arbeit. Hatten wir an irgend einem Ort erst einmal festen Fuß gefaßt, so wurde der Regel nach den ganzen Vormittag über gearbeitet. Denn Vater sagte immer wieder: „Nicht im Nichtstun besteht der Vorzug der Ferienzeit, sondern darin, daß man einmal arbeiten kann, ohne beständig unterbrochen zu werden.” Und für uns Kinder war es die höchste Freude, während der Ferienwochen ganz ohne Konkurrenz die Gehilfen des Vaters zu sein.
Sobald unsere kindliche Handschrift auch nur den bescheidensten Ansprüchen genügte, diktierte er uns seine Briefe und Aufsätze. Zuweilen wurde, ehe wir stenographieren konnten, das Verfahren dadurch beschleunigt, daß jedesmal zwei von uns ein Diktat aufnahmen, und zwar in der Weise, daß der eine die erste Hälfte des Satzes schrieb, der andere die zweite, und so fort. In Bethel besorgte dann Freund Kneipp, Vaters epileptischer Sekretär, das Zusammenstellen. Auf solche Weise wurden auch die Erinnerungen zu Papier gebracht, die Vater, sooft die Vormittagsarbeit eine Lücke darbot, aus seinem Leben diktierte. Es waren jedesmal nur kurze Abschnitte dieser Erinnerungen, die wir aus den einzelnen Ferienzeiten mitbrachten. Aber sie bereicherten unser ganzes Leben für die Zeit, die zwischen der vergangenen und folgenden Ferienzeit lag. Nach zwölf Jahren waren die ersten vierzig Jahre bis zur Übersiedelung nach Bethel beschrieben. Zu einer Fortsetzung überdie Zeit seit der Übersiedelung von Dellwig nach Bethel konnte er sich nicht entschließen.
Nur ein kurzes Bad in der See oder im Bach pflegte die Vormittagsstunden zu unterbrechen. Die stärksten Wellen waren Vater immer die liebsten. Manchmal schwammen wir in Wangeroog auf die Sandbank hinüber, um dort uns den kräftigen Wellenschlag zu erobern. Und in der Asbach auf dem Hunsrück halfen wir ihm, als Ersatz für die entbehrten Meereswellen mit Hilfe eines Schüttes ein kleines Wellenbad zu bauen.
Nach getaner Vormittagsarbeit wurden am Nachmittag Insel und Land durchstreift, bald in kleinen Ausflügen mit der Mutter zusammen, bald in kräftigen Wanderungen durch Wald und Dünen, am liebsten ohne Weg und Steg geradeaus auf ein Ziel zu, oft bis in die tiefe Dämmerung hinein. Jede Kirche am Wege, jede Fabrik wurde besehen, jeder Bewohner des Landes, der ein Stück mit uns wanderte, gründlich nach Land und Leuten ausgefragt. Dazu erzählte Vater uns Sagen und Geschichten, ein Lied nach dem andern wurde angestimmt, auch die fröhlichen Studentenlieder. Am liebsten hatten wir es, wenn Vater deklamierte. Das half über jede Müdigkeit hinweg. Wohl blieb der Gedanke an Goethe ihm im Blick auf Goethes italienische Zeit immer schmerzlich; aber seine schönsten Gedichte waren Vater stets gegenwärtig. Und daneben vor allen Strachwitz und Uhland. In unserm Quartier hatte inzwischen die Mutter das Abendbrot bereitet. Was für ein fröhliches Nachhausekommen gab es jedesmal und welch gemütlichen Feierabend! Dann hatte jeder seine Handarbeit, und Vater las vor, bis die Abendandacht den schönen Tag beschloß.
1881 hatte uns eine Ferienreise in den Harz und nach Gittelde-Grund gebracht. Und als im September in Harzburg alles leer und wohlfeiler geworden war, siedelten wir noch für ein paar Tage dorthin über, um Goslar und den Brocken zu erreichen, von denen wir in Grund zu weit getrennt gewesen waren.
In Goslar wurde Vater ganz von der Wunderuhr gefesselt. Wir erlebten gerade die Mittagsstunde, wo das Uhrwerk seine volle Kunst entfaltet. Aus einer kleinen Tür treten die zwölf Apostel hervor und wandern am Herrn vorüber, einer nach demandern ehrerbietig sich vor ihm verneigend; nur der letzte, Judas, bleibt ungebeugten Hauptes. Dann wurde die Kreuzigung dargestellt. Ein Kriegsknecht, auf der Leiter stehend, schlägt die Nägel durch die ausgebreiteten Hände, und ein anderer stößt mit der Lanze in die Seite.
Der Meister hatte uns selbst alles erklärt, und Vater faßte solches Vertrauen zu seiner Tüchtigkeit, daß er ihn bat, sich doch einmal an den Bau eines Flugzeuges zu machen. Er hatte als Junge sich gelegentlich aus einem Stück Blech eine Flügelschraube geschnitten, die mit Hilfe eines leeren Garnwickels und eines Bindfadens in schnelle kreisende Bewegung gebracht wurde und so nicht unbeträchtliche Höhen erreichte, bis sie schließlich ermattet wieder zur Erde fiel.
Es war damals noch nicht die Zeit, daß ein Ersatz des Luftballons durch ein anderes Luftfahrzeug erörtert wurde. Aber Vater baute auf dieses sein Kinderspielzeug seinen Plan auf. An der Hand von Zeichnungen setzte er dem Goslarer Meister auseinander, daß es darauf ankommen würde, eine wagerecht und eine senkrecht kreisende Schraube zwischen Tragflächen aus dünnem Stoff anzubringen, um so eine Aufwärts- und eine Vorwärtsbewegung zu ermöglichen. Die Schrauben selbst aber sollten durch starke Stahlfedern in Betrieb gesetzt werden, die dann während der Fahrt durch den Luftschiffer nachgespannt werden müßten.
Mehrere Stunden lang vertieften sich die beiden Männer in das Problem, sodaß wir viel zu spät von Goslar fortkamen, uns im Walde verirrten, bis wir schließlich durch ein Licht, das auf dem Harzburgberge brannte, auf den rechten Weg gelockt wurden und glücklich unser Quartier erreichten. Der Goslarer Meister hat nie wieder etwas von sich hören lassen, aber den Gedanken des Luftfahrzeuges ließ Vater seitdem nicht mehr los. Es gehörte zu seinen Erholungsstunden, sich damit zu beschäftigen und eine Zeichnung nach der andern zu entwerfen. Wenn wir an die See kamen, fesselte es ihn immer, die Möwen zu beobachten, wie sie, ohne die Flügel zu regen, im starken Wind in der Luft standen. „Seht einmal, Kinder,” sagte er immer wieder, „wie still steht sie da, wie wenig Kraft hat sie nötig! Und der Mensch sollte nicht fliegen können? Ganz gewiß, es geht, es geht!”
Wo er mit Ingenieuren und Offizieren zusammentraf, setzte er ihnen seine Tragflächen mit den eingesetzten Schrauben auseinander und ließ sich durch kein Kopfschütteln irremachen. Später fügte er einen Fallschirm hinzu, den er zu einem unbedingt nötigen Bestandteil seines Flugzeuges machte. Als die Zeppeline aufkamen, konnte er sich nicht viel von ihnen versprechen; sie würden im Winde nicht lenkbar genug sein und bald wieder abkommen. Er hielt an den kleinen Luftfahrzeugen fest. Bis zu seinem Tode war er Bezieher der Luftschiffszeitung und berechnete voll Sehnsucht, wie lange es dauern würde, bis das erste Flugzeug das Mittelländische Meer überqueren und so den Weg nach dem geliebten Afrika abkürzen würde.
Wie schon früher gesagt, blieb in der äußeren Form die Entfernung gewahrt, die den Pastor einer Gemeinde der Elenden von dem Erben des Kaiserthrones trennte. Aber wenn Wahrheit und Treue das Wesen der Freundschaft bilden, so wurde durch sie das in der Jugend geknüpfte Freundschaftsband bis zuletzt festgehalten.
Im Sommer 1885 wandte Vater sich Stöckers wegen in einem ausführlichen Briefe an den Kronprinzen. Es war in der Zeit, wo Stöcker die Niederlegung des Amtes als Hofprediger nahegelegt worden war. Der Brief ließ es dahingestellt, ob es für Stöckers Kampfnatur überhaupt richtig gewesen wäre, das Hofpredigeramt anzunehmen, widerriet aber aufs ernstlichste, ihn jetzt, nachdem er das Amt übernommen, fallen zu lassen. Ohne ihn von Fehlern freizusprechen und ohne sich mit seiner Arbeitsweise in allem einverstanden zu erklären, trat der Brief zugleich aufs wärmste für die persönliche Lauterkeit und Selbstlosigkeit Stöckers ein. Nur der vielleicht zu heißen Liebe und Hingabe Stöckers an Volk, Vaterland und Kaiserhaus seien seine Fehler zuzuschreiben; und es sei erstaunlich, daß einem Manne, der mehr als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen im öffentlichen Leben gestanden und gekämpft habe, nicht mehr angehängt werden könne als die kleinen und kleinlichen Vorwürfe, mit denen seine Gegner versuchten, ihn mundtot zu machen. Mit großer Entschlossenheit tritt der Brief schließlich auf den christlich-sozialen Boden, der jedoch nicht alseine Sache der Partei, sondern der Gesinnung aufgefaßt wird. Mit dem Sieg der Gegner der von Stöcker vertretenen christlich-sozialen Parole seien die Tage des deutschen Kaiserreiches und des Hohenzollernhauses gezählt. Darum dürfte Stöcker jetzt nicht gehen.
Eine Antwort auf den Brief erfolgte nicht, wurde auch nicht erwartet. Aber Stöcker blieb damals im Amte.
In den Ferien waren die Blumen immer Vaters besondere Freude. Er pflegte mit der Mutter und uns die zartesten Blumen zu ganz kleinen Sträußen zu binden, die dann den Briefen an Kranke und Freunde beigelegt wurden. Solch einen kleinen Strauß schickte er mit einem begleitenden Briefe im Sommer 1887, als wir auf der Insel Wangeroog waren, dem Kronprinzen, dessen Todeskrankheit sich damals schon angebahnt hatte. Der Kronprinz antwortete:
Bareno, Lago Maggiore, 9. 10. 87.
Lieber Freund!
Ich danke Deinen Kindern vielmals für das Dünensträußchen, welches aus Wangeroog wohlbehalten nach den Tiroler Alpen gelangte, aber nicht minder Dir und Deiner Frau für die Gesinnungen, mit welchen die Blumen gebunden, nebst den guten Wünschen, von denen sie begleitet wurden.
Es tut so wohl, aus der Heimat Grüße der Teilnahme zu erhalten, namentlich, wenn der Körper es nötig macht, lange fern zu bleiben! Doch kann ich mitteilen, daß die Ärzte das Übel als bezwungen ansehen, zumal seit Juli keine Nachwucherungen erfolgten. Dafür muß ich aber mit vieler Geduld eine langsame Genesung in einem andern Klima als dem heimatlichen mir gefallen lassen, weswegen ich den Mund halten und mich möglichst vor Erkältungen bewahren soll. Geschieht dies, und sollte es Gott fügen, so dürfte ich im Frühjahr als Genesener heimkehren.
Mich freut’s, daß Du Dir endlich einmal Ruhe und Luft gestattest, denn angesichts Deiner unermüdlichen Tätigkeit und Hingebung für Dein Liebeswerk könntest Du es ja fast gar nicht aushalten und bist es der Sache und Deinen Freunden schuldig, auch an Dich zu denken. Denn wir bedürfen Deiner auf mannigfachem Gebiet!
Gott segne und erhalte Dich, die Deinen und Deine Schöpfungen. Hoffentlich auf Wiedersehen im Frühjahr!
Dein alter Freund
Friedrich Wilhelm.
Als im Februar 1888 die Besorgnis um das Leben des Kronprinzen immer höher stieg, wurde Vater von seinem Schwager, dem Oberhofprediger Kögel, gebeten, nach San Remo zu reisen. Kögel selbst glaubte, den alten Kaiser Wilhelm nicht verlassen zu sollen, dessen Tage ja ebenfalls gezählt waren. Prinz und Prinzessin Wilhelm begrüßten den Gedanken mit größter Freude und verabschiedeten Vater für seine Reise in großer Bewegung und Herzlichkeit.
Vater erzählte später, wie schwer ihm beim Aufbruch ums Herz gewesen sei und wie wohl ihm auf dem Wege nach Italien die Lieder der Epileptischen in der Anstalt bei Zürich getan hätten und das kurze Zusammensein mit dem alten Samuel Zeller in Männedorf am Züricher See. Mitte Februar war er in San Remo. Professor von Bergmann vermittelte die Audienz bei der Kronprinzessin. Freundlich, aber bestimmt lehnte sie es ab, Vater zum Kronprinzen zu bringen. „Er sollte nichts vom Sterben wissen”, war Vaters Eindruck. Für zwei Tage ging er nach Nizza, um dort die Diakonissenstation zu besuchen, in der zwei Bielefelder Schwestern arbeiteten. Als er zurückkam, erhielt er dieselbe Ablehnung. Traurig reiste er zurück.
Heimgekehrt, bat Vater die ihm befreundete Fürstin-Witwe Elisabeth von Lippe-Detmold, in Kunstschrift drei schlichte Strophen zu malen, die dem Herzen eines schwer Leidenden entquollen waren (Ernst v. Willich). Er schickte sie nach Charlottenburg mit der Bitte, sie im Krankenzimmer des sterbenden Kaisers aufzuhängen. Soviel wir wissen, wurde wenigstens diese Bitte erfüllt. Die Strophen hießen: