Und so kam es. Im Frühjahr 1864 nahmen Bodelschwinghs, nicht ohne heiße Tränen der ganzen Gemeinde, von ihrem kleinen Hügel in Paris Abschied und zogen mit ihrem Erstgeborenen in das Pfarrwitwenhaus von Dellwig ein. Mit dem Aufhören der zweiten Pfarrstelle war auch eines der beiden Pfarrhäuser, das oben neben der Kirche gelegen hatte, verkauft worden. Das Pfarrwitwenhaus aber, worauf seit langem keine Witwe Anspruch erhoben hatte, war für die Zwischenzeit einem Schweinehändler überlassen gewesen. Seine Fachwerkwände waren zum Teil schon sehr windschief, und der Lehm war an manchen Stellen herausgefallen. Aber zum Einzug des neuen Pfarrers wurde das Haus, so gut es nur irgend ging, hergerichtet. Immerhin mochte es damals wohl das bescheidenste Pfarrhaus sein, das in der ganzen Grafschaft Mark zufinden war. Aber gegenüber den engen Stübchen des Pariser Holzhauses bedeutete es doch eine Verbesserung. Nach vorn, wo die Brücke über den Dorfbach auf die Straße und zum Haus von Pastor Philipps führte, lag ein kleines Blumengärtchen, hinter dem Haus aber und zur Seite erstreckte sich ein schöner Obstbaumhof. Dort lag auch die Scheune, wo die Pfarrkuh ihren Platz hatte.
Es war eine köstliche Zeit der Stille, die Bodelschwingh und seine Frau nach der heißen Pariser Arbeitszeit in den ersten Jahren in Dellwig verlebten. Man spürt es den Briefen der Pastorin, die aus der damaligen Zeit erhalten sind, ab, wie sie in dieser ländlichen Zurückgezogenheit aufatmete und wie auch ihr Mann, auf dem die Not der Weltstadt und der tägliche Anlauf bisweilen schwerer gelastet hatten, als er selbst es zugeben wollte, heiterer und mitteilsamer wurde. Er konnte wieder ein wenig studieren, er konnte auch bei seinem lebendigen Teilnehmen an allen Geschehnissen wieder die Kreuzzeitung lesen, und oft saß seine Frau bei ihm auf seinem Zimmer, während ihr Mann ihr vorlas. Sonnabends aber brauchte er nicht, um sich auf den Sonntag vorbereiten zu können, auf die unruhigen Straßen von Paris zu flüchten, wo er doch immer noch ungestörter gewesen war als auf seinem überlaufenen Stübchen im Hügelhaus, sondern er konnte in die „Hulmke” gehen, einen schönen stillen Eichenwald, der sich damals noch an der Ruhr entlangzog, und seiner Gewohnheit nach, ohne Feder und Tinte zu Hilfe zu nehmen, seine Predigt meditieren.
Lieblich blühte das Familienleben auf. Zu dem kleinen Ernst gesellte sich noch eine Elisabeth, ein Friedrich und ein Karl. Von Velmede her kam zu Wagen die alte Mutter mit ihrer Tochter, der Tante Frieda, gefahren, und von dem noch näheren Heide stellten sich die Eltern und Geschwister der Pastorin ein, um sich an dem reichen Glück mitzufreuen, das sich in dem Witwenhaus von Dellwig entfaltete. Und als zum ersten Dellwiger Geburtstag der Pastorin als Geschenk ihres Vaters gar ein Paar Ponys vor der steinernen Treppe standen, die ins Haus hineinführte, gab es manche erquickliche Fahrt zu lieben Verwandten und Nachbarn in der Nähe und Ferne. Auch die alten Pariser Freunde und Mitarbeiter stellten sich ein, bald einzeln, bald zu zweien und dreien. Sie freuten sich,in dem stillen Pfarrhause für eine Weile dem Getriebe der Weltstadt entrückt zu sein, und zogen auch wohl mit hinaus in eines der Eichengehölze des Ruhrtales, um an den Rasenabhängen zu lagern, während die Kinder die Abhänge hinunterkullerten und Blumen, Erdbeeren und Brombeeren für Eltern und Gäste sammelten.
Wer aber heute durch die Gemeinde Dellwig wandert und nach den früheren Pastorsleuten fragt, den umfängt nicht nur wie aus weiter Ferne ein Sonnenstrahl jenes glücklichen Familienlebens im kleinen Pfarrhaus, sondern überall umtönen ihn die Erinnerungen an die stille, ernste Arbeit, die alsbald von dem Pastor und der Pastorin in Angriff genommen wurde. Die Verkündigung des Evangeliums war schon in Paris der Mittelpunkt der Arbeit gewesen. So wurde nun auch in Dellwig in Früh- und Hauptgottesdienst, in Christenlehre und wöchentlichen Bibelstunden der Same reichlich ausgestreut.
Noch heute erzählt man sich in Dellwig von den Predigten, die durch Gleichnisse und Erzählungen für das Verständnis so sorgsam zugerichtet waren und durch heiligen Ernst und lockende Liebe tief in Herz und Gewissen griffen. „Ich weiß, wie euch zu Mute ist, ihr lieben Dellwiger, ich habe ja selbst das Säelaken auf dem Rücken gehabt”, sagte der Pastor wohl gelegentlich. Und wie es den Bergleuten, die von Billmerich herunterstiegen, zu Mute war, wußte er auch. Hatte er doch einst wie sie im Schoß der Erde vor Ort gelegen. Die Konfirmanden und Katechumenen aber hatten den ersten Platz in der Kirche; und noch findet sich in Dellwig manch sorgsam geschriebenes Heft, worin die Konfirmanden am Sonntag nachmittag die am Morgen gehörte Predigt eintrugen.
Treu teilten sich die beiden Kollegen in die Arbeit. Aber die Krankheit von Pastor Philipps wuchs, und nach zwei Jahren konnte er eines Sonntags nicht mehr. Sein Hals versagte den Dienst. Er merkte, daß es zum Sterben ging. Unvorbereitet mußte Bodelschwingh statt seiner auf die Kanzel. Er nahm den Text von den Vögeln und Lilien, die nicht sorgen; und manches Auge in der Kirche wurde feucht, als er so kindlich und zuversichtlich von der sieghaften Freudigkeit sprach, mit der der sterbende Pastor dem Tode entgegengehen dürfe, und als er der Gemeinde schon jetzt die Frau und die Kinder ihres Abschied nehmenden Hirten so eindrücklich ans Herz legte.
Fortan bis kurz vor dem Tode des langsam hinsterbenden Kollegen findet sich in den Kirchenbüchern keine Aufzeichnung mehr von Bodelschwinghs Hand. Alle schriftlichen Arbeiten überließ er Pastor Philipps. Er sollte die Freude der Arbeit bis zuletzt genießen. Und wie froh war Bodelschwingh, nun die Feder ruhen lassen zu dürfen! Sie war ja nie seine Freundin gewesen, und manchen herben Tadel des Superintendenten mußte er einstecken für Berichte, die dem Schema der Kirchenordnung nicht entsprachen oder zu spät abgeliefert waren. Freilich mahnte ihn Pastor Philipps wohl in heiterem Ernst, er möchte doch wenigstens für seine Predigt sich an Tinte und Feder gewöhnen, damit er Zeit und Maß besser innehalte. „Du hast recht, lieber Philipps,” war dann wohl die Antwort, „du hast recht. Ich will mir auch Mühe geben. Aber es wird mir so sauer.” Doch schon bei nächster Gelegenheit stand er wieder in der Tür und bat: „Ach, Philipps, laß mich für meine Predigt ein bißchen in deinen Kuhkamp laufen! Ich kann von meiner Pariser Art noch nicht lassen.”
Kaum einen weiteren Weg aber machte er in die Gemeinde, ohne vorher bei seinem kranken Kollegen einzukehren und mit ihm zu überlegen. Auf dem Rückweg sprach er wieder vor, um ihm von seinen Wegen durch die Gemeinde zu berichten. Die Kinder des Philippsschen Hauses aber wissen sich noch zu erinnern, wie sein Rock einmal, als er in ihr Haus kam, ganz mit Holzfasern bestreut war. Während sie ihn abbürsteten, ließen sie ihm keine Ruhe, bis er gestand, woher die Fasern kamen.
Er hatte eine alte Frau getroffen, die sich mühsam mit ihrem Holzbündel schleppte. Da hatte er nicht nachgelassen, bis sie ihm ihr Bündel abgab und er es ihr nach Haus trug. Aber es war ihm schrecklich, wenn aus dergleichen etwas gemacht wurde. Das verstand sich ja für ihn von selbst; und noch heute erzählen die Leute von Dellwig, daß er überall, wo er jemand unter einem Sack oder irgend einer andern Last mühsam dahingehen sah, mit zufaßte und nicht eher nachgab, bis der andere sich helfen ließ.
Aber es gab schwerere Lasten zu tragen als Holzbündel und Mehlsäcke. Der Märker ist aus hartem Holz gemacht. Einer, der ihn kennt, sagt von ihm: „Er schreibt seinen Haßoben in sein Hypothekenbuch, und dieser Haß muß von Kind auf Kindeskind fortgeerbt werden.” Unermüdlich war darum Bodelschwingh bemüht, solchen Haß, wie er ihn in Dellwig reichlich vorfand, im Keime zu ersticken. War der Termin für die streitenden Parteien vor dem Gericht zu Unna schon angesetzt, so kam es öfter vor, daß Bodelschwingh durch einen Brief oder einen persönlichen Weg zum Gericht einen Aufschub erwirkte. Dann benutzte er die Zwischenzeit, um Frieden zu stiften.
Einmal sah man ihn vom Mittag bis zum Abend an der Arbeit, um mit langen Bohnenstangen, an denen weithin sichtbare Papierstreifen flatterten, eine strittige Grenze festzustellen. Aber als der Abend kam, war man sich noch nicht einig, und Bodelschwingh sagte: „Leute, wenn wir uns aufs Recht steifen, kommen wir nicht zum Ziel; wir müssen den gütlichen Weg nehmen.” Und wirklich, die Leute gaben nach und vertrugen sich.
Zwei andere Nachbarn stritten um eine Eiche, die auf der Grenze stand und 30 Taler Wert hatte. Ehe entschieden war, wem der Baum gehöre, ließ der eine, der ein besseres Anrecht zu haben glaubte, die Eiche schlagen. Natürlich war dadurch der Kampf aufs äußerste verschärft. Was tun? Bodelschwingh schickte seinen Wagen und ließ die Eiche auf den Pfarrhof bringen, wo gerade das neue Pfarrhaus im Bau begriffen war. Dann ging er zu den Streitenden und bat sie, jeder von ihnen möchte ihm sein Anrecht an die Eiche zu Gunsten des Pfarrhausbaues abtreten. Die beiden erklärten sich mit dieser höheren Gerechtigkeit einverstanden. Obgleich keiner auch nur einen Pfennig Geld bekam, war doch im Grunde die Eiche noch gut bezahlt, da jeder von beiden nun die weiteren Prozeßkosten gespart hatte.
Auch von der Kanzel griff er in die jeweiligen Zwistigkeiten der Gemeinde ein. Zwei Höfe in Altendorf, die nach Dellwig eingepfarrt waren, lagen in Streit. Die eine Partei des Dorfes stand für diesen Hof, die andere für den andern. Eide über Eide wurden geschworen. Da rief er von der Kanzel herunter, daß es den Leuten noch nach Jahrzehnten in den Ohren klang: „Schämt ihr euch nicht, ihr Altendorfer?” Und auch hier gelang es ihm über Jahr und Tag, dem Haß der streitenden Parteien wenigstens die schärfsten Spitzen abzubrechen. Dennseine Liebe hatte schon damals eine Geduld und eine Glut, denen nur ein ganz verhärteter Sinn auf die Dauer widerstehen konnte.
Diese Glut konnte gelegentlich auch in hellem, heiligem Zorn auflodern. Es war eine sogenannte Gebehochzeit in der Gemeinde gewesen, bei der es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ganz besonders ausgelassen und wüst zugegangen war, weil Eß- und Trinkvorräte als Gaben der einzelnen Festteilnehmer herbeigeschleppt wurden. Bodelschwingh und seine Frau hatten getan, was sie konnten, um das Brautpaar zu bewegen, eine stille Hochzeit zu feiern. Umsonst. Das Fest ging in der gewohnten üppigen Weise vor sich. Auch der Sohn einer Witwe nahm daran teil. Als er am Morgen in jämmerlichem Zustande nach Hause kam, gab es einen heftigen Zusammenstoß zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn verließ das Haus und kam nicht wieder. Als er am Abend noch nicht zurück war, machte sich seine Mutter auf, um ihn zu suchen, und fand ihn erhängt im Holze. Die Nachricht eilte durchs Dorf. Bodelschwingh war aufs tiefste erschüttert. Er litt mit der unglücklichen Mutter, als wenn er das Schreckliche an seinem eigenen Kinde erlebt hätte.
Noch stand die Leiche über der Erde, als in der Nähe des Trauerhauses ein Richtfest mit dem üblichen Lärm und Branntweingenuß gefeiert wurde. Bodelschwingh hörte den Lärm, nahm seinen Stock, stürzte, aufs tiefste verwundet, zu der lärmenden Schar und rief: „Während die Witwe über den Tod ihres Sohnes verzweifelt, seid ihr hier am Tollen? Ich schlage jeden nieder, der nicht sofort nach Hause geht.” Die Kinder, die ihren Pastor nie so gesehen hatten, kletterten, so schnell sie konnten, über die Hecke und suchten das Weite. Die jungen Burschen drückten sich still davon, nur einer sagte im Davonschleichen: „Herr Pastor, man lebt doch nur einmal.” Daran knüpfte Bodelschwingh am nächsten Sonntag an: „Man lebt nur einmal, aber — man stirbt auch nur einmal.” Und dann gab es eine Predigt, die bei vielen den Grund der Seele traf und noch durch Jahre nachklang.
Im Anschluß an dieses Ereignis führte Bodelschwingh einen Beschluß des Presbyteriums herbei, wonach jedem Brautpaar die Trauung versagt wurde, das sich nicht vorher verpflichtete,auf eine Gebehochzeit zu verzichten. Auch sonst hielt er das Presbyterium an, von seinen Pflichten und Rechten in bezug auf die Zucht der Gemeinde nachdrücklich Gebrauch zu machen. Einen notorischen Trinker schloß das Presbyterium vom Abendmahl aus, und über zwei streitende Nachbarn, die sich nicht vertragen wollten, wurde derselbe Beschluß verhängt. Aber nur im äußersten Notfall schritt Bodelschwingh zu solchen Maßregeln. Er erwartete überhaupt nicht viel von ihnen, wenn nicht gleichzeitig treue Liebe den also Gemaßregelten zu Hilfe kam.
Da die Beichte am Sonnabendnachmittag stattfand, das Abendmahl aber erst am folgenden Sonntag, so benutzte Bodelschwingh die Zwischenzeit, um den einzelnen Abendmahlsgästen nachzugehen. Er sah sich dann gern nach besonderer Gelegenheit um, damit er die Betreffenden, auf die er es abgesehen hatte, wie zufällig auf dem Felde oder bei der Arbeit träfe, um sie nicht vor ihren Hausgenossen und Nachbarn zu beschämen. So ging er auch einer Frau nach, die in der Beichte gewesen war und von der er wußte, daß sie in unversöhntem Streit mit ihrer Nachbarin lebte. Er traf sie draußen bei der Arbeit. Sie wies ihn schroff ab; sie habe jetzt keine Zeit. Dann wolle er warten, bis sie Zeit hätte; ob er sich so lange auf die Bank vor das Haus setzen dürfe. Das konnte sie ihm nicht abschlagen. Er hielt aus, bis sie ihn anhörte und bis er auch zu der Feindin gegangen war und die Versöhnung zustande gebracht hatte.
Einmal freilich wurde er bei einem solchen Friedenswege von einem Trinker zur Tür hinausgewiesen. Er gab, um den Mann nicht zu reizen, für den Augenblick nach, ging aber nach einer Weile zur Niedertür, wie man in Dellwig den zweiten Eingang ins Haus nennt, wieder hinein, um einen neuen Anlauf zu nehmen.
Er bekämpfte das Böse am liebsten dadurch, daß er so wenig wie möglich davon sprach und statt dessen das Gute an seine Stelle setzte. Dabei half ihm seine Frau treulich. Sie begleitete ihn am Sonntagnachmittag auf die Kindtauffeste, auf denen bis dahin noch so manche Unsitte herrschte. Oft ging die Pastorin auch allein in die Häuser, und ihr schlichtes, heiteres und doch so entschlossenes Wort fand manche gute Stätte. In der Woche aber versammelte sie die Frauen und Töchter der Gemeinde um einige große Kannen Kaffee und einige Tellermit Zwiebäcken und nähte mit ihnen zusammen für die Armen und die Kinder ihrer früheren Pariser Gemeinde.
Als Pastorin der Gemeinde bewährte sie sich besonders während der Kriegszeiten 1866 und 1870, wo ihr Mann als Feldprediger bei der Truppe war. In den einsamen und bangen Monaten waren ihr die regelmäßigen Briefe ihres Mannes, durch die er sie in der Form eines Tagebuches an allen kleinen und großen Erlebnissen eingehend teilnehmen ließ, ein tröstlicher Ersatz.[1]
[1]Siehe die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feldzuge 1870 von F. v. B., 1896, Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.
[1]Siehe die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feldzuge 1870 von F. v. B., 1896, Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.
In beiden Feldzügen war er den westfälischen Infanterie-Regimentern Nummer 15 und 55 zugeteilt, zu denen im Jahre 1870 noch das 8. westfälische Husarenregiment hinzukam. Den Wagen, der zu seinem Dienstaufwand gehörte, benutzte er nie, sondern stellte ihn stets den Verwundeten, Kranken und Schwachen zur Verfügung. Er selbst war immer zu Pferde. Es gibt noch eine Zeichnung von der halbgeübten Hand eines Fünfzehners, die den Feldprediger darstellt, wie er unter den einschlagenden Granaten den Schützengraben entlang reitet, um den Kämpfenden Zuspruch zu bringen.
Für Freund und Feind sorgte er während der Feldzüge ohne jeden Unterschied, wo er nur konnte. Wie mancher einsamen Franzosenfrau, an deren Nahrungsmitteln sich die hungernden Soldaten schadlos halten mußten, hat er aufs sorgsamste den Requisitionsschein ausgestellt! Für das schöne Kloster Peltre, das im Belagerungskampf vor Metz dem Feinde immer wieder Rückhalt bot und darum in Flammen aufgehen mußte, sammelte er in seiner Gemeinde Dellwig eine Kollekte, die dem Wiederaufbau des Klosters zugute kam.
Im Rückblick auf seine Kriegserlebnisse vor Metz schrieb er in sein Tagebuch aus dem Jahre 1870: „Es ist ein zweifaches Bild, das sich meinen Augen darstellt. Das erste ist ein schmerzliches. Reichlich zwei Meilen weit im Umkreise von Metz ist ein Gottesgarten in eine Wüste verwandelt. Alle Äcker liegen unbestellt, und wo sie nicht gänzlich zertreten sind, sind sie hoch mit Unkraut bewachsen. Ein ganzer Gürtel von Dörfern und Schlössern, der zwischen den kämpfenden Armeen liegt, istniedergebrannt, alles Vieh ist geschlachtet oder weggetrieben, alles Futter und Korn ist aufgezehrt oder in den Lagerstätten verdorben. Die Bäume, auch die schönsten Obstbäume, namentlich in der Nähe von Metz, sind abgehauen und verbrannt oder von den verhungernden französischen Pferden ringsum abgenagt, und statt der fehlenden Weizensaat ist eine andere Saat — eine große Gräbersaat — überreich ausgestreut. Und nun erst die Lazarette mit all ihren Schmerzensbewohnern. Metz selbst ist ein einziges großes Lazarett und rings ein großer Gürtel von mehr als dreißig deutschen Lazaretten in den Ortschaften umher.
Dies ist die eine Seite des Bildes. Aber nun die andere Seite! Da erscheint mir mitten in den verwüsteten Leichenfeldern ein Gottesgarten, viel schöner als der, den die Kunst der Gärtner und die Üppigkeit des Bodens und die Wärme der Frühlingssonne heranreifen läßt. Über all dem Greuel der Verwüstung wölbte sich Gottes Himmel, und dieser Himmel war uns in jenen Tagen so viel näher als in Friedenszeiten. Überall auf den Höhen der Berge und in den Tälern, in Feldern und Wäldern, in Wiesen und Gärten war allezeit unser Gotteshaus fertig. Dazu hatten wir sozusagenalleTage Sonntag. Und, was das Schönste war, es gab alle Tage Menschen, die gern und willig ihre Augen aufhoben zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommt. Es gab, was so viel köstlicher ist als alle Blüten der Gärten, hie und da aufrichtig bußfertige Herzen, bußfertige Männer und Jünglinge, die da gelobten, fortan zu suchen, was droben ist, und nicht, was auf Erden ist.
Ich habe in jenen heißen Augusttagen auf den steinharten ausgetrockneten Boden nicht nur Blutstropfen, sondern auch Tränen fallen sehen, die köstlicher und fruchtbarer sind, als aller Tau des Himmels. Ich weiß, daß mehr wie ein verlorener Sohn gesprochen hat: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.” Da ist kaum ein Plätzchen in jenem breiten Umkreis, wo unsere Truppen gekämpft und geharrt haben, das nicht von Gebeten und Seufzern und Lobgesängen zu sagen weiß, die zu Gott emporgesandt worden sind.”
Als der Friede geschlossen war, wurde auf dem Kirchplatz von Dellwig die Friedenseiche gepflanzt, und die Festversammlung sang nach der Weise „Erhebt euch von der Erde”:
Ich höre Glockenklänge,Ich sehe Fahnen wehnUnd mitten im GedrängeDen schönen Eichbaum stehn.Was hat das zu bedeuten?Es ist mir wie ein Traum —Das ist ja Friedensläuten!Das ist der Friedensbaum!Hier stehet die Gemeine,Die Eiche pflanzt sie ein,Die soll für Groß’ und KleineEin edles Denkmal sein.
Ich höre Glockenklänge,Ich sehe Fahnen wehnUnd mitten im GedrängeDen schönen Eichbaum stehn.Was hat das zu bedeuten?Es ist mir wie ein Traum —Das ist ja Friedensläuten!Das ist der Friedensbaum!Hier stehet die Gemeine,Die Eiche pflanzt sie ein,Die soll für Groß’ und KleineEin edles Denkmal sein.
Dann zog alles auf die Wilhelmshöhe hinauf. Da gab es Kaffee und Kuchen und auch manches gute Lied und manches gute Wort. Noch lange Zeit hindurch hat sich von Mund zu Mund das eine oder andere Lied in der Gemeinde erhalten, das der Pastor zu solchen frohen, harmlosen Festfeiern dichtete. Er ritt mit den Kindern Steckenpferd und jagte mit den jungen Burschen hinter dem Fußball her. Von Anfang aber bis zum Ende wurde Gott die Ehre gegeben, und alt und jung zog dankbar nach Haus.
„Überwinde das Böse mit Gutem!” Das war die Regel, durch die Bodelschwingh auch des Treibens in der Neujahrsnacht Herr wurde. Die halbwüchsige Jugend des Dorfes sah es als ihr Vorrecht an, in dieser Nacht vom Kirchturm herunter zu lärmen und bis zum Morgengrauen mit der Glocke zu kläppen. Mit einer Schar von Jünglingen, die der Pastor zu einem kleinen Verein gesammelt hatte, stieg er kurz vor Mitternacht in den Turm hinauf und sang, als die Mitternachtsglocke schlug, vom Turm herunter: „Wachet auf! ruft uns die Stimme”. Diesmal schien alles ruhig zu verlaufen. Aber die Störenfriede waren unbemerkt durch die offen gebliebene Turmtür nachgeschlichen und hatten sich in der Kirche versteckt, um, sobald die Sänger den Turm verlassen hatten, zu den Glocken hinaufzusteigen und den gewohnten Lärm aufs neue zu beginnen. Bodelschwingh aber drang mit einigen handfesten Burschen abermals in den Turm und nahm die Lärmmacher so ernst ins Gebet, daß von da ab jede Neujahrsnacht statt unter dem üblichen Skandal mit den schönen Liedern begonnen werden konnte, die vom Turm herunter in die stille Gemeinde schallten.
So nahm er überall mit großem Ernst den Kampf gegen das Böse auf. Ohne Niederlage ging es dabei freilich nicht ab.
Einhundert und einen Soldaten mußte Dellwig 1870 ins Feld ziehen lassen. Vor dem Auszuge rief Bodelschwingh noch einmal die ganze Gemeinde zur entschlossenen Umkehr zu Gott und gelobte dann in der gemeinsamen Abendmahlsfeier mit allen 101 Ausziehenden, nach Sieg und Frieden und glücklicher Heimkehr Gott die Treue zu halten. Nun war der Krieg beendet. Der Kriegerverein hatte die Vereine der Nachbargemeinden zu einem Fest auf die Wilhelmshöhe geladen. Der Pastor sollte die Festrede halten. Er erinnerte in der Vormittagspredigt an das Gelübde, das man damals getan hätte, und bat, diesmal von dem sonst üblichen wilden und ausgelassenen Feste abzustehen, damit nicht von den Dellwigern gelte, was 5. Mose 32, 5. 6 geschrieben steht: „Diese verkehrte und böse Art fällt von ihm ab. Sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder. Dankest du also dem Herrn, deinem Gott, du toll und töricht Volk?”
Bodelschwingh erklärte sich bereit, die Festrede zu halten, wenn er nicht nur den Anfang, sondern auch den Schluß machen dürfe. Mit Freuden willigte man ein und versprach, die Feier um zehn Uhr enden zu lassen. Das Fest begann so schön, wie man es sich nur wünschen konnte. Aber als der Abend hereinbrach und die älteren Festgäste anfingen, sich zurückzuziehen, nahm das junge Volk die Zügel in die Hand. Der wilde ausgelassene Tanz begann. Überall erhitzte Worte und erhitzte Gesichter. Die für den Schluß verabredete Stunde kam, aber der Vorstand mühte sich vergeblich, sein Wort einzulösen. So nahm das Gelage seinen wüsten Fortgang. Beschämt kam bald der eine oder der andere an Bodelschwingh heran und bat, er möchte jetzt gehen; es wäre ja doch nichts mehr zu machen. Aber er blieb. Er sah, wie sich von zwölf Uhr an das Zelt wieder zu füllen begann. Denn nachdem die Eltern zur Ruhe gegangen waren, stiegen Kinder und Dienstboten heimlich aus und eilten aufs neue zum Festplatz. Erst als der Morgen herankam, begann sich die Menge zu zerstreuen, und hinter dem letzten Mann her verließ auch er das Zelt.
Er hat es nie bereut, ausgehalten zu haben. Denn er hatte bei dieser Gelegenheit in manche Schäden des Gemeinde- undFamilienlebens tiefer hineingesehen als je vorher. Auch hielt er an der Hoffnung fest, doch schließlich noch über die verderblichen Ausartungen derartiger Volksfeste Herr zu werden. Seine Abberufung nach Bethel hinderte ihn an der Weiterarbeit. Doch blieb es bis zuletzt seine Überzeugung, daß Landrat, Amtmann und Pastor nur dann an solchen ländlichen Festen teilnehmen sollten, wenn sie entschlossen seien, das Fest bis zu Ende mitzumachen. Sonst würde ihr Erscheinen nur gar zu leicht zu einem Deckmantel für nächtliche Ausschreitungen schlimmer und schlimmster Art.
Desto fröhlicher wurde auf derselben Wilhelmshöhe das Missionsfest gefeiert, das Bodelschwingh schon im ersten Jahre, nachdem er nach Dellwig gekommen war, eingerichtet hatte. Von einem Jahr zum andern stellten sich immer größere Scharen zu Fuß und zu Wagen von nah und fern dazu ein, und während bis dahin die Synode Unna nur ein einziges Missionsfest feierte, hatte bald jede Gemeinde ihr besonderes Fest. Die gastlichen Dellwiger nahmen schon am Vormittag die Festbesucher in ihren Häusern auf, um dann den Nachmittag über oben auf der Wilhelmshöhe sich mit ihnen zu erquicken. Bis in sein hohes Alter hinein hat Bodelschwingh, so oft er nur konnte, dieses Missionsfest besucht und manch frohes Wiedersehen mit seinen alten Gemeindegliedern gefeiert.
Alle freie Zeit aber, die ihm die Gemeindearbeit ließ, widmete er neben dem „Schifflein Christi”, das über die Pariser Arbeit berichtete, dem „Westfälischen Hausfreund”, den er ein Jahr nach seinem Antritt in Dellwig begründete, um jede Woche einmal gesunde Kost in die Häuser zu tragen als Gegengift gegen die verderblichen Einflüsse einer gottfremden Presse. An Feinden fehlte es freilich nicht.
„Unser Hausfreund Bodelschwingh,Der liebe Bruder Kieserling,Velsen I und Velsen II,Selbst die Philipper sind dabei.— — — — — — — —Zur Nieden und Herr Pötter,Nehmt alle zwölf ihr: Götter!”
„Unser Hausfreund Bodelschwingh,Der liebe Bruder Kieserling,Velsen I und Velsen II,Selbst die Philipper sind dabei.— — — — — — — —Zur Nieden und Herr Pötter,Nehmt alle zwölf ihr: Götter!”
So spottete man wohl auf die zwölf Mitarbeiter des Blattes.
Aber je mehr man spottete, desto mehr kam der Hausfreund unter die Leute und desto trefflichere Mitarbeiter kamen zu jenen zwölf hinzu, um Beiträge für das Blatt zu liefern. Der geistreiche Pastor Niemann in Hamm, hernach Konsistorialrat in Münster, und nach ihm Pastor Pötter, der spätere Generalsuperintendent von Pommern, lieferten in ihrer urwüchsigen Weise den politischen Teil; Pastor Philipps hatte das große weite Reich der Natur und Geschichte zu bearbeiten. Bodelschwingh selbst schrieb über das Reich der Gnade und die Arbeit dieses Reiches auf der ganzen Erde, während der ehrwürdige Pastor von Velsen in Unna, Bodelschwinghs Konfirmator, der der Druckerei am nächsten wohnte, die Drucklegung besorgte.
Immer gute Speise bot das Blatt, aber nicht immer dieselbe Speise. Bald begann es mit einem politischen Artikel, bald mit der Besprechung eines Bibelabschnittes, bald mit einem patriotischen Lied, bald mit irgend einem andern Stoff. So wurde es auch für solche schmackhaft gehalten, die für die innerste Richtung des Hausfreundes noch kein Verständnis hatten. Und mancher wurde auf solche Weise, kaum daß er es selbst merkte, dem verderblichen Einfluß der seichten Tagespresse entzogen.
Neben der regelmäßigen Redaktionsarbeit blieb auch andere Arbeit in der Gemeinde nicht aus. Der Bahnbau Schwerte-Arnsberg machte es nötig, daß das Pfarrwitwenhaus mit seinen Grundstücken an die Bahnverwaltung abgetreten wurde, und so entstand aus dem Erlös, den die Bahnverwaltung zahlte, auf der Höhe über dem Dorf das neue Pfarrhaus. Bodelschwingh ließ es nicht zu, daß auch nur ein einziger Backstein dazu gekauft wurde. Vielmehr wurde der für die Kellerräume ausgeschachtete Lehm unter seiner Anleitung an Ort und Stelle zu Backsteinen geformt und gebrannt.
Dann kam auch die Kirche an die Reihe. Ihr Inneres sah mit den aufeinander getürmten Emporen und den engen, halb zerfallenen Bänken einem Speicherraum ähnlicher als einem Heiligtum. Dazu war auch der Platz zu klein geworden. Darum ging Bodelschwingh, als der Friede geschlossen war, von Haus zu Haus, um die Gemeindeglieder zu einem fröhlichen Dankopfer für den Kirchenbau zu ermuntern. Er trug ein Buch bei sich, worin er die Namen der 400 selbständigen Gemeindeglieder verzeichnet hatte. Jeder Name hatte seine eigeneSeite. Darauf trug er die Summe ein, für die der einzelne sich auf drei Jahre hinaus verpflichtete. Aber keinem sagte er, wieviel der andere geben wollte. Es war alles auf Freiwilligkeit gestellt.
Es galt, neben dem Chorraum nach rechts und links zwei Flügel anzubauen. Dazu mußten erst die alten Grabstätten entfernt werden. Alle Beteiligten gaben ihre Einwilligung dazu. Nur die Familie von G., die ebenfalls an der Kirchenmauer eine Grabstätte und ein altes Grabdenkmal hatte, mußte kirchenordnungsgemäß noch befragt werden. Da kein Mitglied der Familie mehr in der Gemeinde lebte, so erbat Bodelschwingh durch eine öffentliche Anzeige in der Zeitung die Erlaubnis zur Verlegung der Grabstätte. Aber statt der Erlaubnis lief ein flammender Protest eines der Familienmitglieder ein, die Grabstätte dürfe unter keinen Umständen beseitigt werden. Dennoch stand am andern Morgen das Denkmal außerhalb des Platzes, der für den Neubau geräumt werden mußte. Dort steht es noch heute, hart neben dem äußersten Eckpfeiler des neugebauten Seitenschiffes. Trotz des Protestes hatte Bodelschwingh es stillschweigend bei Nacht wegrücken lassen.
Nun konnte es also an die Ausschachtung gehen. Viele alte Gebeine kamen zum Vorschein. Der Pastor stieg selbst hinunter und fing an, die Knochen in einen Korb zu lesen. Dann griffen auch die Konfirmanden mit zu, und ein Korb voll gesammelter Knochen nach dem andern wurde unter stillem Gebet drüben auf dem neuen Kirchhof, zu dem der schöne Rundbogen über den Talweg hinüberführte, noch einmal bestattet.
Ein Steinbruchbesitzer gab seinen Steinbruch frei, alle für den Bau nötigen Steine daraus zu holen. Die Bergarbeiter aus Billmerich und andere Hilfskräfte brachen in ihrer freien Zeit und ohne Entschädigung die Steine. Die Bauern aber schafften mit ihren Gespannen die Steine herbei. Es war nicht immer leicht, sie zu den freiwilligen Fuhren zu bewegen, und mancher verschwor sich: „Wenn heute der Pastor kommt, schlage ich es ihm ab.” Aber wenn er kam und bat, konnte ihm doch keiner widerstehen.
Noch lange nachher erzählte einer: „Man stand sich immer gut, wenn man tat, worum Bodelschwingh bat. Nach langer Regenzeit wollte ich am nächsten Tage, weil sich das Wetter endlich gebessert hatte, Weizen einfahren, der aber noch rechtfeucht war. Da kam der Pastor und bat um meine Pferde. Ich konnte ihm die Bitte nicht abschlagen und fuhr, weil die Mauerleute an der Kirche sonst keine Arbeit hatten, zwei Tage Ziegelsteine. Während dieser zwei Tage klärte sich das Wetter auf, sodaß ich den Weizen schöner einbekam als alle andern.”
Von zwei verfeindeten Nachbarn hatte der eine einen schönen Haufen Steine auf seinem Hofplatz liegen. Er schenkte sie dem Pastor zum Kirchbau. Aber fahren konnte und wollte er sie nicht. Auch litt er nicht, daß sein Feind, der Nachbar, auf seinen Hofplatz kam, um sie mit seinem Gespann abzuholen. So spannte Bodelschwingh seine beiden Ponys an und fuhr die Steine von dem hochgelegenen Hofplatz herunter. Unten aber standen die Pferde des Gegners und schafften die Fuhre weiter. Da mußte auch der Feind, der von seinem Hause her zusah, lachen, und sein Lachen war der Anfang zum Frieden mit seinem Nachbar. Waren aber die Steine auf dem Kirchplatz, so sprang der Pastor auf den Wagen und reckte sie selbst auf das Baugerüst empor; dann griffen wie von selbst auch die andern zu. Auch die Kinder kamen aus der Schule gelaufen, um mitzuhelfen. So stieg der Kirchbau in die Höhe. Und wenn Bodelschwingh auch seine Vollendung nicht mehr an Ort und Stelle erlebte, so findet sich doch im Protokollbuch der Gemeinde im Jahre 1875 die Notiz: „Die durch den Erweiterungsbau der Kirche entstandenen Kosten sind nunmehr durch freiwillige Gaben der Gemeinde gedeckt. Gott sei Dank!”
Zwischen solchen irdischen Aufgaben ging der Strom der stillen Gemeindearbeit ungehindert weiter. Am stärksten floß er wohl im Konfirmandenunterricht. Es wurde nicht viel aufgegeben, und der Kopf wurde nicht überbürdet, desto tiefer aber wurde das Herz angefaßt. „Das 53. Kapitel im Jesaias erschütterte und erhob das Herz”, schreibt eine Konfirmandin, „und die Auslegung von Phil. 2, 5–11: ‚Ein jeglicher sei gesinnet wie Jesus Christus auch war!’ ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen. Luthers kleiner Katechismus wurde ganz auf die Schrift zurückgeführt, wie wir denn überhaupt mit der Bibel vertraut wurden und sie handhaben lernten. Es war ein lebendiger Austausch zwischen Pastor und Schüler, oft so in die Tiefe führend, daß Zeit und Stunde darüber vergessen wurden und wir statt zwei bisweilen fast drei Stunden zu den Füßen unseres geliebten Lehrers saßen. Zwischenein aber erzählte erunermüdlich von Paris und seinen Gassenkehrern dort, sodaß uns das Herz brannte, auch einmal an andern Mitmenschen zu arbeiten.” — Die Denksprüche der Konfirmanden suchte der Pastor mit besonderem Eingehen auf das einzelne Kind aus, sodaß er noch nach Jahren daran anknüpfen konnte, und mit eigener Hand schrieb er den Spruch auf den Konfirmationsschein.
Den Alten, Kranken und Einsamen der Gemeinde aber galt sein liebster Weg, und manch friedvolles Sterbebett erquickte ihn neben mancher Enttäuschung. „Leben, Frieden und heilige Freude” — so heißt es in einem Brief — „erblühte überall, wo unser Pastor eingriff; an den offenen Gräbern besonders empfand man, als ob ein Strom des Lebens von ihm ausging.”
Auf den Wegen durch die Gemeinde gab er jedem, der darnach begehrte, Rat nicht nur in Herzensangelegenheiten, sondern auch in irdischen Dingen. Er selbst aber ging auch in allen äußern Stücken mit gutem Beispiel voran, und der heutige Pfarrwald mit seinem kräftigen Bestande ist ein Zeuge davon, wie trefflich der Pastor das irdische Gut seiner Gemeinde verwaltete. „Er wußte alles, und er kannte alles,” sagt man noch heute in Dellwig, „und man tat gut, seinem Rat auch in irdischen Angelegenheiten zu folgen.”
Über Dellwig lag ein Wiesental, das von einem Bach durchschnitten wurde. Hier hätte Bodelschwingh gar zu gern eine kleine Talsperre errichtet, um die darunter gelegenen Wiesen regelmäßig zu berieseln. Aber diesmal gelang es ihm nicht, die Anlieger, denen die Talsperre zugute gekommen wäre, unter einen Hut zu bringen. Doch schafften auch solche rein äußerlichen Bemühungen seiner innersten Arbeit in der Gemeinde besonderen Nachdruck. Daß er auch im Irdischen alles so gründlich erfaßte, gab seiner Predigt und Seelsorge doppelte Kraft und immer tieferes Vertrauen.
Zwischen den Pastoren und Lehrern der Gemeinden, die Dellwig benachbart waren, schuf Bodelschwingh eine Zusammenkunft, und auf der Synode war er immer bemüht, den Wagen des kirchlichen Lebens in eine etwas schnellere Gangart zu bringen und neue Anregung zu geben. So drückte er bei einer Synodalversammlung seinem Freunde, Pastor Buschmann, das märkische Gesangbuch in die Hände, das so viele verunstaltete und verwässerte Lieder enthielt. Buschmannmußte ein verfälschtes Lied nach dem andern vorlesen, während Bodelschwingh gegen jeden Vers des bisherigen Liedes den ursprünglichen Vers setzte und so einen kräftigen Anstoß gab zur Einführung des neuen Gesangbuches, wie es jetzt die Gemeinden von Rheinland und Westfalen besitzen.
Aber so reich an Arbeit das Leben in Dellwig auch war, noch reicher an Leid wurde es. Während Bodelschwingh im Sommer 1866 als Feldprediger bei der Main-Armee stand, erhielt seine Frau die Nachricht, daß von ihren vier Brüdern, die bei Königgrätz mitgefochten hatten, einer gefallen, ein zweiter verwundet war. Und als auch von diesem zweiten nach vierzehn Tagen die Todesnachricht kam, da war es doppelter Balsam, als unvermutet der Schritt ihres Mannes vor der Tür hallte, der, um seine Frau zu trösten, für einen kurzen Urlaub herübergeeilt war.
1867 starb Pastor Philipps. Immer reicher und lieblicher hatte sich von Jahr zu Jahr der Verkehr zwischen den beiden Pfarrhäusern gestaltet. Es gab keine Freude, die nicht miteinander geteilt wurde, und die Philipps- und Bodelschwinghs-Kinder hatten in beiden Häusern und den zugehörigen Gärten ihr gemeinsames Kinderparadies. Auch mancher gemeinsame Spaziergang wurde unternommen, wobei Bodelschwingh mit einer Schäferschüppe den Kindern Blumen ausgrub, damit sie sie in ihre kleinen Gärten pflanzten. Noch manchmal saßen die beiden Freunde nebeneinander und erquickten sich gegenseitig im Vorblick auf das unvergängliche Reich, bis der Tod kam und die Kinder der beiden Pfarrhäuser in kindlicher Harmlosigkeit um die blumengeschmückte Leiche des Pastors Philipps spielten.
Auf dies friedvolle Sterben aber folgte der erbitterte Wahlkampf um den Nachfolger. Seit alter Zeit bestanden zwei Parteien in der Gemeinde, und jedesmal bei einer Pfarrwahl entbrannte der Parteikampf von neuem. Dieses Mal steigerte er sich zu ungeahnter Heftigkeit. Jede Partei stellte einen trefflichen Mann auf, sodaß es eigentlich ein leichtes hätte sein müssen, sich auf einen der beiden zu einigen. Aber das duldete die Parteiehre nicht. Man ging so weit, daß ein Jude gedungen und mit Geldmitteln versehen wurde, der in der Stille unter den Mitgliedern der Kirchenvertretung für den einen und gegen den andern Kandidaten arbeiten mußte.
Als der Wahltag kam, war die Erregung der Gemeinde schon bis aufs höchste gestiegen. Nicht nur die kirchlichen Vertreter, sondern auch ein großer Teil der Gemeindeglieder versammelten sich in der Kirche, wo der Superintendent die Wahl leitete. Unter lautloser Spannung wurden die Wahlzettel gezählt. Es ergab sich Stimmengleichheit: 15 gegen 15. So mußte gelost werden, und das Töchterchen von Pastor Philipps griff in den Hut und zog den Namen „Lange”. Da ging ein Tumult in der Kirche los. Anhänger beider Parteien stürzten auf den Turm. Die Unterlegenen schlugen die Feuerglocke, die andern die Totenglocke. Etliche drehten ihre Jacken um und zogen durchs Dorf und bis ans äußerste Ende der Gemeinde zum Ärger für die, die gleichsam ihre Jacken gewendet hatten, indem sie bei der Wahl umgefallen waren und einem andern ihre Stimme gaben, als sie ursprünglich zugesagt hatten.
Bodelschwingh aber, der sich der Stimme enthielt, hatte gerade so die Niederlage der einen Partei bewirkt. Darum wandte sich die Wut der Unterlegenen auch gegen ihn. Am Abend des Wahltages flogen ihm durchs Fenster Steine ins Haus, sodaß der Topf auf dem Herde zersprang und die Suppe in das Feuer floß. Denjenigen aber, von denen man mit Bestimmtheit annahm, daß sie sich durch Geld hätten bestechen lassen, wurden noch denselben Abend als Anspielung auf die dreißig Silberlinge des Judas dreißig Scherben vor das Fenster gezählt. Einer, dem man die Hauptschuld gab, wurde sogar von einem gedungenen Bösewicht durch Monate und Jahre verfolgt und verleumdet, sodaß man die Schuld an seinem Tode dem inneren Gram zuschrieb, der ihn frühzeitig ins Grab geführt hatte.
Dann wurde Protest gegen die Wahl eingelegt, sodaß die Entscheidung ein ganzes Jahr hingehalten wurde und Bodelschwingh die Last der Gemeindearbeit weiter allein tragen mußte. Ein halbes Jahr lang half ihm der Hilfsprediger Stürmer, von dem später noch die Rede sein wird, gegen ein Entgelt von fünfzig Talern, bis endlich Pastor Lange bestätigt wurde. Langes milde, treue Art ließ ihm bald alle Herzen zufallen, zumal ja überhaupt nicht eigentlich um seine Person, sondern nur um die Parteiehre gekämpft worden war.
Kaum aber hatten sich die wildesten Wogen des Wahlkampfes gelegt, so brach die dunkelste Zeit über das Pfarrhausin Dellwig herein. Im Frühjahr 1868 war die heißgeliebte jüngste Schwester Bodelschwinghs, Frau von Oven, ihren fünf kleinen Söhnen entrissen worden. Aber dieser Schmerz war nur das Vorspiel zu noch größerem Leid. Darüber heißt es in dem von Bodelschwingh niedergeschriebenen Bericht „Von dem Leben und Sterben vier seliger Kinder”:[1]
[1]Der ungekürzte Bericht ist unter obigem Titel erschienen in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.
[1]Der ungekürzte Bericht ist unter obigem Titel erschienen in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.
„Das Weihnachtsfest nahte heran. Fröhlicher, erwartungsvoller als je bisher hatten sich unsere Kleinen auf das frohe Kinderfest bereitet. Wie freudig erklangen seit Wochen von ihren Lippen die Lobgesänge dem Christuskinde entgegen! Selbst unser kleinster Sohn, der gerade in dem lieblichen Alter stand, wo er seine ersten Lauf- und Sprechversuche machte, konnte schon, wenn auch ohne Worte, in den kindlichen Jubel einstimmen.
Welche Freudenstunde, die uns noch einmal mit diesen lieben Kindern hienieden geschenkt wurde! Nur unser sonst so besonders fröhliches Ernstchen war am Weihnachtsfest schon viel stiller als die andern Kinder. Er hatte seit einiger Zeit einen bösen Husten, der ihn an das Haus fesselte. Sein letzter Ausgang war ein Liebesgang gewesen. Die Mutter hatte ihm und Elisabethchen die Geschichte von den beiden Kindern, die den Himmel suchen, vorgelesen, sie hatten mit leuchtenden Augen zugehört und sich darauf beide — es waren etwa zwei Tage vor Weihnachten — allein aufgemacht, um einem schwer kranken lieben Kinde in der Nachbarschaft, das sich auf den Heimgang zum Himmel rüstete, dies Büchlein als Weihnachtsgeschenk zu bringen. Überglücklich kehrten sie von diesem ihrem letzten Wege heim. Ernstchens Husten stellte sich bald als Stickhusten heraus, und zwar von sehr bösartiger Natur. Er fühlte sich binnen weniger Tage so schwach, daß er ganz das Bett hüten mußte. Er zeigte auch von vornherein einen wehmütigen Ernst. Von Spielsachen wollte er nichts mehr wissen, dagegen verlangte er immer wieder, daß man ihm vorlesen möchte, wobei ihm die ernstesten Geschichten die liebsten waren. Ebenso bat er sich immer aufs neue aus, daß die Morgenandacht an seinem Bett gehalten werden sollte, und es war wehmütig anzuhören, wie das Vaterunser, das von den drei ältesten Kinderngemeinsam gebetet wurde, von ihm und gar bald auch von den andern beiden nur noch mühsam mit zitternder Stimme gesprochen werden konnte, ja, wie ein Stimmchen nach dem andern in der wachsenden Atemnot verstummte.
Der Arzt stellte fest, daß bei Ernst eine Lungenentzündung hinzugetreten und sein Zustand recht bedenklich sei. Die drei jüngeren Kinder waren inzwischen ebenfalls erkrankt, auch ihr fröhlicher Jubel verstummte schnell, und es zeigte sich, daß bei ihnen der Stickhusten denselben bösartigen Charakter annehme, indem heftige Fieber hinzutraten und die Lungen angegriffen wurden. Während aber unser armer Ernst sehr große und lang anhaltende Schmerzen vor den Hustenanfällen zu leiden hatte, unter denen er allmählich zu einem rechten Leidensbilde zusammenschwand, so war es den andern drei Kindern, wenigstens Elisabeth und Friedrich, geschenkt, ohne besondere Schmerzen ihrer Todesstunde entgegenzugehen.
Unser lieber kleiner Friedrich, der mit seinem treuherzigen Wesen und mit seinen tiefdunklen, fast schwermütigen Augen sich aller Herzen stahl und der mit der ihm eigenen großen Entschiedenheit sich längst entschlossen hatte, er wolle Pastor werden, um Papa zu helfen, machte den Vorgang unter der heimziehenden Schar. Ich werde es nie vergessen, mit welch treuen Augen er in seinen gesunden Tagen an des Vaters Lippen hing, um als der erste bei der Morgenandacht mit kräftiger Stimme sein „Vater unser” anzustimmen. Als seine Mutter im Spätherbste leidend war und eine Zeitlang nicht zur Morgenandacht kommen konnte, da bat er sich immer ein Lied aus: „Für die liebe Mama!” oder, was ihm auch besonders am Herzen lag: „Ein Lied für die armen Heidenkinderchen.” Sein Lieblingsvers in seiner letzten Zeit, den er öfter laut für sich hersagte, war der letzte Vers aus: Wachet auf, ruft uns die Stimme: „Gloria sei dir gesungen — Mit Menschen- und mit Engelszungen, — Mit Harfen und mit Zimbeln schön! — Von zwölf Perlen sind die Tore — An deiner Stadt, wir steh’n im Chore — Der Engel hoch um deinen Thron. — Kein Aug’ hat je gespürt, — Kein Ohr hat je gehört — Solche Freude. — Drum jauchzen wir — Und singen dir — Das Halleluja für und für.” Nun durfte er als der erste sein himmlisches Gloria anstimmen und in die Perlentore einziehen.
Gar bescheiden und still ging das liebe Kind in seinen Tod. „Ein Schlückchen Wasser,” das war fast seine einzige Bitte, die er in den letzten drei Tagen vorbrachte; freilich zuletzt fast jede Minute, denn sein Durst war sehr groß. Er behielt seine Besinnung bis ans Ende. Wie versuchte die Mutter, ihm noch die erkalteten Händchen und Füßchen zu erwärmen, in der Hoffnung, es sei nur ein Krampf — eine Krisis. Wir beide waren allein an seinem Bettchen. Plötzlich hebt er seine Augen auf gen Himmel, sie werden leuchtend, wirklich himmlisch schön. „Was siehst du, Friedemännchen?” fragt die Mutter. Keine Antwort. Da brechen die Augen, und wir nehmen schon Abschied. Doch nein, noch einmal schlägt er sie freundlich hell auf und bittet: „Mama, Schoß!” Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, und die Tränen fließen ihr über die Wangen. Das sieht doch der Kleine noch, hebt sein Händchen auf, wie er so oft getan, die Tränen abzuwischen. Es ist sein letzter Liebesdienst. Das kleine Haupt fällt vornüber, und noch keine Viertelminute ist vergangen, da sind die letzten schweren Atemzüge getan. Es war um elf Uhr nachts am 12. Januar.
Die Heimat, in die der kleine Pilgrim gezogen, war mit ihrem Frieden auch uns nicht fern. Ich faltete ihm die lieben kleinen Hände, und die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihm die letzten Liebesdienste zu erweisen und ihm selbst das Sterbehemdchen anzuziehen. Dann versammelten wir neben der lieben Leiche unser Haus, und Psalm 126: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” machte die mitternächtliche Tränenstunde zu einer Gnadenstunde, in der wir schon etwas von der Freudenernte vorausnehmen durften.
Auch der erste Gang zum Grabe mit dem ersten geliebten Kinde wurde uns Eltern über Bitten und Verstehen erleichtert, nachdem uns Bruder Stürmer an dem offenen Sarge, worin die überaus liebliche Hülle, ganz wie ein schlafendes Kind, in grünen Kränzen ruhte, das Wort Offenbarung Joh. 7, 15–17 zum Pilgerstab gereicht hatte: „Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern oder dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze. Denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und sie leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihrenAugen.” So wurde es uns geschenkt, auch in Hiobs Worte einzustimmen, die uns Pastor Philipps aus Opherdecke am Grabe auslegte: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.”
Ebenso lieblich war Elisabethchens Heimgang. Diese liebe einzige fünfjährige Tochter, ein Bild strahlender Freude und Gesundheit, hatte ein gar zärtliches, sorgsames, williges Gemüt. Der Mutter an den Augen hängend, suchte sie ihr bereits mit tausend kleinen Liebesdiensten an die Hand zu gehen in unermüdlicher Geschäftigkeit. Rührend, ja erbaulich war die Freundlichkeit und Herzensstille des lieben Kindes bis zu ihrer Todesstunde. Kein Klageton kam über ihre Lippen. Wenn es ihr in ihrer Atemnot schwer wurde, so redete sie sich selbst zu: „So, so, nun ist’s gut.” Als in den letzten Tagen ihr Stimmchen zu einem kaum hörbaren Lispeln zusammengebrochen war, lag sie dennoch mit demselben freundlichen Gesichte da und versicherte, so oft man sie fragte, wie es ihr gehe: „Gut!” Ja, als sie nicht mehr sprechen konnte, nickte sie dem Fragenden diese Antwort noch zu.
Es war in der Nacht vom 19. zum 20., daß ich, an Ernstchens Bette wachend, meine Frau rufen ließ, weil ich glaubte, sein Todeskampf sei angebrochen, wie es der Arzt bei jedem schweren Hustenanfall erwartete. Statt seiner fährt plötzlich Elisabethchen aus einem leichten Schlummer, dem ersten seit drei Tagen, auf, versucht zu husten, es gelingt nicht mehr, und augenblicklich bricht sie zusammen, die Augen richten sich hellleuchtend himmelwärts, und der Todeskampf ist da. In diesem Zustand, mitunter leise schlummernd, aber mit glänzendem Angesicht, die Augen voll Klarheit der zukünftigen Welt unverwandt gen Himmel gerichtet, aber für diese Welt ganz abgestorben, blieb sie bis fünf Uhr morgens, wo sie auf des Vaters Schoß die letzten bangen Atemzüge aushauchte. Wir taten ihr, wie bei unserm lieben Friedrich, die letzten Liebesdienste und erquickten uns in der Morgenandacht an ihrem Bettchen mit dem Evangelium von Jubilate, Joh. 16, 16: „Über ein kleines.” Schöner, als sie je im Leben gewesen, und wie plötzlich gereift zu einer Jungfrau, als eine rechte Braut Christi, lag die liebe Tochter in ihrem Todesschrein —, und der zweite Weg zum Friedhofe wurde uns in gleicher Weise durch das verborgene Manna, das im göttlichen Worte liegt, auf unbegreifliche Weiseversüßt: Ps. 23; Jes. 40, 11; Joh. 10 am Sarge und 1. Kor. 10, 13 am offenen Grabe. — O ja, ein treuer Gott, dessen Verheißungen nicht Ja und Nein, sondern lauter Ja in ihm und lauter Amen sind.
Eines besonderen Zwischenfalls muß ich hier Erwähnung tun. Wir hatten einen sehr treuen und gewissenhaften Arzt,Dr.K., der auch darin seine Gewissenhaftigkeit zeigte, daß er uns die Todesgefahr der Kinder nicht verheimlichte. Er hatte unser Ernstchen besonders in sein Herz geschlossen und hörte gerne seinen kindlichen Reden zu. Nun kam er einmal, da er allein an Ernstchens Bette gesessen, zu uns in die andere Krankenstube und teilte uns mit sichtlicher Bewegung mit, Ernst habe ihm erklärt: „Du kannst mir mit deiner Medizin doch nicht helfen, der liebe Gott muß mir helfen.” Nicht über Ernstchens freimütiges Wort wunderte ich mich, sondern über das Bekenntnis des Arztes und noch mehr darüber, daß er in den folgenden Tagen das Wort des Kleinen, wie ich nachher erfuhr, an einer ganzen Anzahl von Krankenbetten wiederholt hatte, um das Vertrauen der Kranken von sich auf den lebendigen Gott abzuleiten. Bei der großen Verschlossenheit, die sonstDr.K. im Gespräch über göttliche Dinge zeigte, und bei der Neigung zum Selbstvertrauen, das wegen seiner großen Tüchtigkeit und Tatkraft bei ihm verzeihlich war, mußte uns dies Benehmen sehr auffallen. Er hatte, als ich ihn vor Elisabethchens Leiche führte, Tränen im Auge und ließ sich mit sichtlicher Rührung Ernstchens mannigfache liebliche Äußerungen über den Tod und die selige Ewigkeit mitteilen. Es war sein letzter Besuch. Als er sich am andern Morgen von seiner Wohnung wieder auf den Weg zu seinen Kranken machte, vernimmt plötzlich sein Kutscher das Klirren des Wagenfensters.Dr.K.’s Haupt hängt aus der Fensteröffnung heraus. Er ist eine Leiche. Der Schlag hat ihn gerührt, vermutlich, während er das Fenster zu öffnen versuchte. Hatten vielleicht unseres heimziehenden Kindlein nach Gottes Rat dazu dienen dürfen, daß dem im Irdischen so treuen Mann noch ein Morgenglanz der Ewigkeit seine letzten Lebenstage erleuchtete?
An der Morgenröte, die er von seinem Bette aus sehen konnte, hatte unser Ernstchen immer eine besondere Freude gehabt und gar oft sich aufgerichtet, um ihren schönen Glanz zu bewundern, hatte auch über ihr Wesen und ihre Natur vieleFragen getan. Auch auf seinem Sterbebette kam ein Freudenstrahl über ihn, wenn die Morgenröte nach einer bangen Schmerzensnacht auf sein bleiches Angesicht fiel. Und wie anders verstanden wir jetzt unser Morgenlied, das wir auf seine Bitte einige Male an seinem Bette anstimmten: „Morgenglanz der Ewigkeit, — Licht vom unerschöpften Lichte, — Schick’ uns diese Morgenzeit — Deine Strahlen zu Gesichte — Und vertreib’ durch deine Macht — Unsre Nacht! — — Leucht’ uns selbst in jene Welt, — Du verklärte Gnadensonne, — Führ’ uns durch das Tränenfeld — In das Land der süßen Wonne, — Da die Luft, die uns erhöht, — Nie vergeht!”
Unterschiedlich waren bei gleicher innerer Herzensstellung und gleichem Frieden doch die Äußerungen der Kinder über ihre Trennung von uns und über ihren Heimgang. Der kleine Friedrich, der Mutter besonderes Trostkind aus der für sie so schweren einsamen Zeit des Kriegsjahres 1866, in dessen Anfang er geboren war, hatte sich denn auch besonders fest an die Mutter geklammert, und sein einziger Wunsch blieb: „Bei Mama bleiben.” Elisabeth hatte durchaus nichts gegen das Sterben, das ihr ja ein gewisser Eingang zum Himmel war. Aber Mama und Papa, die Geschwister und noch viele andere Lieben sollten auch gleich mit. Ernst machte diese Bedingung nicht. Es war merkwürdig, daß dies lebensfrische Kind, das mit so natürlichem, lebendigem Interesse auch an den Dingen dieser Welt und mit so überaus inniger Liebe an Vater und Mutter hing, sich von vornherein bei der ihm vorgelegten Frage, ob er lieber bleiben oder in den Himmel gehen wollte, für den zweiten Weg entschied, und man konnte gewiß sein, daß er wußte, was er sagte. Freilich, als ich ihm die Geschichte von Gethsemane und des Heilandes dreifaches Gebet: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst” vorgelegt hatte, antwortete er in der Folge bei ähnlichen Fragen mit Magdalenchen Luther: „Wie der liebe Gott will.” Indessen behauptete doch der paulinische Wunsch: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir auch viel besser wäre” das Übergewicht in seinem Herzen. Am Abend vor des kleinen Friedrichs Tode erklärte er unaufgefordert aufs bestimmteste: „Wenn Friedemännchen diese Nacht stirbt, werde ich doch nicht traurig sein, er hat es ja dann viel besser.”
Ganz in diesem Geiste und mit der Wiederholung dieserErklärung nahm er dann auch die Todesnachricht hin. Und als ich in der Todesnacht unserer lieben Elisabeth mich einmal mit der sterbenden Tochter auf dem Schoß neben ihn gesetzt hatte, sodaß er selbst in das verklärte schöne Antlitz seines Schwesterchens sehen konnte, da erweckte in ihm ihr Scheiden keine Traurigkeit. Nur als er Tränen in den Augen seiner Mutter sah, da füllten sich seine Augen auch mit Tränen, denn er konnte die Mutter nie gut weinen sehen. Aber mit einer Art von heiligem Unwillen strafte er sie: „Was weinst du denn, Mama? Du weißt es ja doch, daß es Lisabethchen viel besser bekommt.”
Er und Elisabeth hatten sich ausgebeten, ihres kleinen Bruders Friedrich Leiche noch einmal zu sehen. Als der offene Sarg hereingebracht wurde, richteten sie sich mühsam in ihren Bettchen auf, sahen still in das freundliche bleiche Antlitz und sagten dann nur: „Adieu, Friedemännchen;” aber Traurigkeit bemerkte man nicht.
Als aber nun auch Elisabeth abgerufen war und ihre Leiche vor dem Wege zum Grabe aufs Ernsts Verlangen noch an sein Bettchen getragen wurde und er ihr, selbst zum Tode matt, das letzte Lebewohl gesagt hatte, da wurde sein Heimweh immer größer. Zwar willigte er wohl noch ein, daß er bleiben wollte, wenn die Mutter ihm vorstellte, daß der Vater doch an ihm einen Gehilfen haben müßte, wenn er alt würde, und daß der kleine Karl ja doch sonst ganz allein spielen müßte. Als aber nun vollends am nächsten Sonntagabend auch unser kleiner Karl, der mit rührender Stille seit vierzehn Tagen gekämpft hatte, ohne einen Klageton von sich zu geben, sein freundliches kleines Haupt in den Tod neigte und ich mir von Ernstchen, der mich in den letzten Tagen nur ungern von seinem Bette ließ, Urlaub ausbat, bis Karlchen im Himmel sei, da rief er mit lauter Stimme und mit dem Ausdruck tiefer Sehnsucht: „Ich will auch mit, Papa!” „Wohin denn?” „Zu Friedemännchen und Elisabeth,” lautete die Antwort. Von da ab klang in mir aus der Seele des heimziehenden Sohnes das Wort Eliesers durch und behielt die Oberhand über alles natürliche Wünschen: „Haltet mich nicht auf, der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben,” und sein „viel besser” daheim sein bei dem Herrn, das er wiederholt mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wurde auch im eigenen Herzen der überwiegende Wunsch für den geliebten Sohn.
Es ist ja freilich in gewissem Sinne richtig, was ein treuer Freund uns kürzlich aus Paris schrieb, daß der Herr die Kindlein krönt, ehe sie gestritten, insofern als der Kampf des Fleisches und des Geistes noch nicht zum rechten klaren Bewußtsein gekommen ist. Aber ohne Kampf geht es auch bei den Kleinen vor dem Sieg nicht ab.
Bei Friedrich und Elisabeth war der Streit zwischen Fleisch und Geist in ihren gesunden Tagen doch schon sehr deutlich erkennbar, und es hat ihnen manchen harten Strauß gekostet, Eigensinn und Selbstsucht niederzukämpfen. Es war uns aber eine Freude zu bemerken, daß gerade in den letzten Monaten solcher Kampf auch ohne Strafe meist schnell und siegreich ausgekämpft wurde, wozu doch der Geist der Gnade nötig ist.
Ernst aber vornehmlich hatte sein eigenes böses Herz recht viel zu schaffen gemacht, und es war bei ihm auch bereits zum Bewußtsein gekommen, was Sünde und was Gnade sei. Er kannte seine natürliche Selbstsucht wohl, und es war rührend zu sehen, wie er auf seinem Sterbebette in den letzten Tagen nichts wollte für sich aufgehoben haben, sondern auch die schönsten Sachen immer gleich zum Verschenken bestimmte und selbst sich eine besondere Freude daraus machte, das aufgehobene Zuckerwerk, Bücher, Bilder und andere Spielsachen auszuteilen. Es war uns aber doch auch dies tröstlich, daß der kleine Streiter seinen Weg zum Vaterhause nicht auf seine Gerechtigkeit hin wagen wollte. Als jemand äußerte, Friedrich sei immer so lieb gewesen und darum in den Himmel gekommen, da brachte dies Wort einen Mißton in ihm hervor, und er erinnerte daran, der kleine Bruder sei doch auch sehr eigensinnig gewesen. Von ganzem Herzen stimmte er ein, und ich sah, wie es ihn beruhigte, als ich zu ihm sagte: „Du weißt ja wohl, warum wir in den Himmel kommen, nämlich, weil der Heiland für uns gestorben ist und uns unsere Sünden vergeben hat.” Da nickte er mit tiefem Einverständnis. Jeden Sonntag lernte er bei seiner Mutter aus seiner Bibel einen Wochenspruch. Als — vor Weihnachten — Psalm 103, 1–3 an der Reihe war und die Mutter ihn fragte: „Was hat der Herr denn dir Gutes getan?”, da antwortete er ohne Besinnen: „Daß er für mich gestorben ist.” „Und was weiter, mein Sohn?” „Daß er mir alle meine Sünden vergeben hat.” So hatte er sich denn nach eigener Wahl unter seinen vielen Gebeten, die er auswendig konnte, für die letzte Zeitganz feststehend das Gebetlein ausgewählt: „Christi Blut und Gerechtigkeit, — Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, — Damit will ich vor Gott besteh’n, — Wenn ich zum Himmel werd’ eingeh’n.” Nur ein einziges Mal, etwa acht Tage vor seinem Tode, hat er noch versucht, sein Lieblingsgebet, den 23. Psalm, zu beten, und hat es unter großer Anstrengung zu Ende gebracht. Von da ab blieb er aber bei dem erwähnten Sterbeseufzer, den er auch noch am letzten Abend vor seinem Todestage gebetet hat.
Eine eigentümliche sinnige Bitte hatte er noch kurz vor seinem Sterben. Da unser Pfarrhaus durch den Bahnbau neu aufgebaut werden mußte, so war bereits auf dem Hügel hinter der Kirche ein neuer Brunnen gegraben worden, aus dem bis dahin noch nie ein Mensch getrunken hatte. Mehrmals war Ernst selbst hinaufgewandert und hatte dem Brunnengraben zugesehen. Jetzt kam ihm plötzlich der sehnliche Wunsch, er möchte einen Trunk „frischen Wassers aus dem neuen Brunnen” haben. Und siehe, es war wirklich gar köstliches gutes Wasser, und es blieb „das frische Wasser aus dem neuen Brunnen” seine beste irdische Erquickung bis in den Tod. Anknüpfend an den guten irdischen Lebensquell konnte ich ihm von dem lauteren Strom des lebendigen Wassers erzählen, der klar wie Kristall im neuen Jerusalem unter Gottes Thron hervorquillt. Wie leuchteten da noch einmal seine schon matten Augen, und wie freute er sich auf die Stunde, da er auf den grünen Auen an den Ufern dieses kristallenen Stromes unter den Augen des guten Hirten mit seinen geliebten Geschwistern würde spielen dürfen!
Und die ersehnte Stunde kam ja auch endlich für ihn, den allein übriggebliebenen kleinen Leidträger. Die großen Schmerzen hatten ihn in den letzten drei Tagen verlassen, und er konnte mitunter stundenlang stille schlummern. Nur einigemal noch faltete er am letzten Tage stille seine Hände, doch so, daß es seine Eltern nicht sahen, und betete: „Ach, lieber Gott, hilf mir doch!” Gegen vier Uhr am Montagnachmittag hatte ich ihn auf seine Bitte in ein ganz neues Bettchen gelegt, das die Großmutter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, das aber jetzt eben erst eingetroffen war. Das neue Bettchen war, wie das Wasser aus dem neuen Brunnen, ihm ein besonderer Gegenstand der Sehnsucht gewesen. Allein auch das neue Bett konnte ihm die Ruhe nicht geben, nach der er sich sehnte.
Die glückliche Stunde war da, wo er in seines Hirten Arm und Schoß gebettet werden sollte. Vater und Mutter waren noch einmal neben ihm niedergekniet und hatten das Schmerzenskind und sich dazu in die guten Hände gelegt, in denen man allein ewig wohl gebettet ist. Als er mich darauf in der Atemnot etwas bange ansah, sprach ich zu ihm: „Fürchte dich nicht, mein Sohn, der Herr hat dich erlöst, er hat dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein.” Darauf schlummerte er ganz leise und ruhig ein, und während ich hinunterging, ihm aus dem Teich frische Eisstückchen zu holen, um sein Trinkwasser damit zu kühlen, und die Mutter allein bei ihm war, fuhr er plötzlich mit dem gleichen Husten, der Elisabethchens Todesstunde ankündigte, aus dem Schlafe auf, — er konnte nicht mehr aushusten, und seine Sinne waren sofort hinweggerückt. Er erkannte mich nicht mehr, seine großen, hellen Augen schauten leuchtend, so schien es uns, in eine andere Welt hinein, und sein in langen Leiden abgemagertes Antlitz wurde wiederholt während dieses letzten Kampfes ebenso schön und glänzend, wie das der andern sterbenden Kinder. Ich hatte die Hoffnung, daß er nun bereits nichts mehr vom Todeskelch zu schmecken hatte und daß die Stunde schon da war, von der Paul Gerhardt in seinem schönen Liede über seinen heimgegangenen Sohn singt: „Ach, sollt’ ich doch von ferne stehn — Und nur ein wenig hören, — Wenn deine Sinne sich erhöhn — Und Gottes Namen ehren, — Der heilig, heilig, heilig ist, — Durch den du auch geheiligt bist, — Ich weiß, ich würde müssen — Vor Freuden Tränen gießen.”
Es war uns so, als ob seine Sinne schon erhöht seien, als ob seine Augen herrlichere Dinge sähen, seine Ohren lieblichere Klänge vernähmen, als diese Welt sie bieten kann.
Wir legten abwechselnd das Haupt auf das Kissen des sterbenden Kindes, während ein lieber Hausgenosse uns mit kurzen Unterbrechungen die schönsten Lieder aus dem Gesangbuch und die köstlichsten Trostworte aus der Heiligen Schrift vorlas, z. B.: Röm. 5–8; Joh. 17; 2. Kor. 4, 17 bis 6, 10. Ich kann es nicht aussprechen, wie sehr uns die letzten bangen Stunden durch die wunderbare Kraft des Wortes Gottes abgekürzt und erleichtert wurden. Er hatte gerade Offenb. Joh. 7 zu Ende gelesen: „Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten” und wollte eben Offenb. Joh. 21, vom himmlischen Jerusalem, beginnen — da war’s vollbracht, und wir durften dem letzten geliebten Kindedie brechenden Augen zudrücken. Es war elf Uhr nachts am 25. Januar.
Drei Tage darnach standen zwei Särge nebeneinander an der Stelle, wo die beiden ersten gestanden hatten, mitten im Winter über und über mit grünen Kränzen behangen, aus der Ferne und Nähe von liebenden Händen gespendet. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, — Wollt’ Gott, ich wär’ in dir! — Mein sehnend Herz so groß’ Verlangen hat — Und ist nicht mehr bei mir!” — wurde angestimmt und klang uns tiefer aus dem Herzen als wohl je bisher. Und: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben,” dies von Pastor von Velsen mit wärmster Liebe uns ins Herz geworfene Wort mußte fester als je von uns ergriffen und zu dem letzten Wege zum Friedhofe mit den beiden letzten Kindern festgehalten werden.
Der kleine Karl, an dem Ernstchen mit besonders zärtlicher Liebe gehangen, durfte nun noch im Grabe neben ihm ruhen, sein kleiner Sarg wurde dicht an den Ernstchens gerückt. Da liegt nun die liebe Schar auf dem schönen Friedhof zu Dellwig, dicht neben dem Grabe meines treuen Kollegen, den wir hier auch zwischen drei seiner Kleinen gebettet, und wartet der fröhlichen Stunde der Auferstehung, Ernst und Elisabeth in der Mitte, Friedrich an Elisabeths, Karl an Ernstchens Seite.
„Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und der Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding, daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte. Denn der Herr verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.” Klagel. Jer. 3. Mit diesem köstlichen Wort half uns der liebe Pastor Philipps von den teuren Gräbern in unser nun vereinsamtes Haus zurückkehren.”
Damit schließt der Bericht des Vaters. Der Mutter fingen seit der Zeit die Haare an auszufallen, und noch nach einem Jahre zitterte ihre Hand beim Schreiben. Oft stand sie schluchzend an den Gräbern, und ihren Mann sah man eines Tages mit einem Brett und vier Pfählen zum Kirchhof gehen, um an der stillen Stelle, wo die vier Gräber lagen, eine kleine Bank zu machen, damit er dort mit der Mutter zugleich nachdenkenkönne, was Gott ihnen durch solches Leid sagen wollte. Die geheimnisvolle Tiefe ihres Schmerzes ließ sie neue, ungeahnte Blicke tun in die Geheimnisse Gottes. „Damals,” so sagte Bodelschwingh später einem trauernden Vater, „als unsere vier Kinder gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.”
Nicht nur als eine Heimsuchung, sondern als ein Gericht empfanden beide Eltern den Schlag, der auf sie gefallen war. Und weil sie sich so tief demütigen konnten, konnte Gott sie auch erhöhen. Darum wurden die letzten Jahre in Dellwig die schönsten. Und als die tiefste Erfahrung, nicht nur aus den schmerzlichen Niederlagen, die ihnen das harte Märker Herz bereitete, sondern vor allem aus diesem Sterben ihrer heißgeliebten Kinder nahmen beide die Gewißheit in ihr ferneres Leben hinein: „Wenn du mich demütigst, machst du mich groß.”
Vier Monate später mußte Bodelschwingh auch seiner geliebten 76 jährigen Mutter den Todesschweiß von der Stirn wischen. In zunehmender körperlicher Schwäche, aber auch in zunehmender Heiterkeit des Glaubens war sie durch die letzten Jahre ihres Lebens gegangen. Jedem, der in ihre Nähe kam, welcher Richtung er auch angehörte, pflegte sie mit größtem selbstverständlichem Vertrauen zu begegnen, ohne ihn irgend welchen Unterschied merken zu lassen. Das war der Weg, auf dem sie aller Zuneigung gewann und auf dem sich manches Herz ihr erschloß, dem sie dann aus der Welt des Unglaubens in die Welt des Glaubens helfen konnte.
In Dillenburg, wo sie bei den verwaisten Kindern ihrer Tochter Sophie und ihrem einsamen Schwiegersohn weilte, schlug ihre letzte Stunde, auf die sie sich mit großer Sorgfalt und Demut vorbereitet hatte. „Dennoch bleibe ich stets an dir. Ob mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil” waren die letzten Worte, die der Sohn von den sterbenden Lippen seiner Mutter hörte und mit denen er in seine beiden letzten Arbeitsjahre in Dellwig zurückkehrte. Dann kam der Ruf nach Bielefeld.