„Ihr führt ins Leben uns hinein,Ihr laßt den Armen schuldig werden,Dann überlaßt ihr ihn der Pein;Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.”
„Ihr führt ins Leben uns hinein,Ihr laßt den Armen schuldig werden,Dann überlaßt ihr ihn der Pein;Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.”
Oft hatte Vater im Gedanken an die Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit der gesetzgebenden Körper mit tiefster Erbitterung zu kämpfen. Als wir eines Abends in jener Zeit, wo er selbst noch nicht Abgeordneter war, am Abgeordnetenhaus vorbeikamen, sagte er mit unterdrückter Stimme: „Ich möchte mir am liebsten jetzt einen Stein suchen und den Herren im Abgeordnetenhause die Fenster einschmeißen. Dann hätten sie doch die Genugtuung, einmal einen Schuldigen ins Gefängnis zustecken, statt daß sie jetzt immer wieder arme schuldlose Leute abführen lassen.”
Nach einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit Miquel, der als Finanzminister natürlich ein entscheidendes Wort zu sprechen hatte, bekam er unterwegs in der Droschke vor innerer Erregung eine Blutung, die ihn dem Tode nahe brachte.
Doch keine Niederlage, keine Abweisung, keine Gleichgültigkeit stumpfte ihn ab. Solange er für das Ganze keine Regelung erreichen konnte, setzte er doch, wo er nur konnte, die Lösung der Frage im einzelnen durch. Zunächst wurde, wie gesagt, in Westfalen ein großmaschiges Netz, das den dringendsten Bedürfnissen genügte, geschaffen. Für diejenigen Wanderarmen, die sich ohne geordnete Papiere obdachlos meldeten, wurden besondere Steinklopfbuden errichtet, in denen sie die Steine für die Chausseebauten zurüsteten und sich so Kost, Schlafgeld und Wanderschein erwarben. Mit dem kurzen Stahlhammer in den Händen, stand Vater unter den Steinklopfenden, um selbst auszuprobieren, ob auch eine ungeübte Hand die Arbeit leisten könne.
Den Schein über die geleistete Arbeit ließ er in seiner eigenen Schreibstube ausstellen, um so jede Gelegenheit zu benutzen, mit den Brüdern von der Landstraße in persönliche Berührung zu kommen und ihre Verhältnisse genau kennen zu lernen.
Seine Wahl in den Landtag im Jahre 1903 bedeutete dann einen wesentlichen Fortschritt in der Sache. Jetzt hatte er regelmäßig Gelegenheit, die Angelegenheit zu betreiben und sie nach allen Seiten hin sicher zu fundamentieren. Kurz vor seinem Tode war der Sieg erfochten. Sein Freund Pappenheim, der Führer der Konservativen, telegraphierte: „Gesetzentwurf angenommen.” Damit war das Wanderarbeitsstättengesetz für Preußen geschaffen, das jeder Provinz, die von sich aus die Regelung der Wanderarmen in die Hand nahm, eine Unterstützung aus dem preußischen Dotationsfonds zusicherte und so jeder Provinzialregierung, die guten Willens war, die Möglichkeit gab, nach dem Vorbilde von Westfalen und Württemberg eine feste Wanderordnung zu schaffen und dem willkürlichen Bettel das Handwerk zu legen. Zwischen den kürzeren Strecken wurden die alten Wanderstraßen festgehalten. Bei größeren Entfernungen aber sollten die Arbeitslosen durch die Bahn von einer Wanderarbeitsstätte und dem damit verbundenen Arbeitsnachweiszur andern befördert werden. Sie konnten sich dann an jedem neuen Arbeitsplatze nach Arbeit umsehen oder von einer Wanderarbeitsstätte zur andern sei es die Hauptzentren der Arbeitsgelegenheit, sei es die in Betracht kommende Arbeiterkolonie zu erreichen suchen.
Man sagt von den Westfalen, daß sie die dicksten Schädel der Welt hätten und unter allen deutschen Stämmen die Trotzigsten wären. Ein zäher Trotz hatte dazu gehört, um durch Jahrzehnte hindurch in diesem Kampf nicht zu ermüden. Aber Trotz allein hätte es nicht ausgerichtet. Es kam das zerbrochene Herz dazu, das sich jede Demütigung gefallen ließ und das mit magnetischer Gewalt die göttlichen Kräfte der Liebe an sich zog. Ein harter Schädel und ein zerbrochenes Herz und selbstlose Liebe, die drei im Bunde tun noch heute Wunder.
Es war an einem Winterabend im Jahre 1905. Vater hatte für diesen Abend mit dem Berliner Stadtrat Münsterberg, der ihm seit vielen Jahren durch gemeinsame Arbeit nahe stand, einen Besuch in dem städtischen Asyl für Obdachlose verabredet. Da er leidend war, war ich ihm nachgereist, um ein wenig für ihn zu sorgen. So kam es, daß ich das Nachfolgende miterlebte.
Es war eine lange Fahrt aus dem Südwesten der Stadt durch das Zentrum hindurch in den fernen Norden. Je weiter wir kamen, desto spärlicher fiel das Licht der Laternen auf die Schilder der Straßen, durch die wir fuhren. Endlich tauchte das Schild auf, das den Namen „Fröbelstraße” trug. Damit waren wir dicht vor dem Ende unserer Fahrt angelangt. Die Gestalten, die wir überholten, hatten alle das gleiche Ziel wie wir. Mit unsicheren Schritten, wie sie der Alkohol seinen Opfern gibt, schlichen die meisten von ihnen durch den Winternebel die düstere Straße entlang. Jetzt hielt unser Wagen vor dem stattlichen Gebäude, durch dessen Tür vor uns und hinter uns die Gestalten des Elends schwankten. Als wir in den Aufnahmeraum traten, stand gerade ein Haufen von siebzig bis achtzig jungen und alten Männern bereit, um in einen der großen Schlafsäle, deren das Asyl etwa vierzig bis fünfzig enthält, geführt zu werden. Es waren noch manche frische Gesichterdarunter, doch die meisten zeigten die Spuren der äußeren Not und des inneren Elends. Der ganze Raum war erfüllt von dem Dunst des Alkohols, der den Tag über in Pfennigen und Groschen an den Türen der Berliner Bürger zusammengebettelt war.
Wie ein Krieger, der in eine Schar von Feinden eine Bresche schlagen will, so sprang Vater zwischen den Haufen und rief: „Wer von euch will Arbeit haben? Ich habe Arbeit: Hand in die Höhe!” — Alle blieben stumm, und keine Hand rührte sich. Es war, als wenn alle von dem ungewohnten Ruf überrascht wären und sich erst eine Weile sammeln müßten. Jetzt rief Vater zum zweitenmal: „Hand in die Höhe! Wer von euch will Arbeit haben?” Da reckte sich schüchtern die erste Hand empor, dann die zweite, die dritte, bis fünf oder sechs Hände in der Luft schwankten. „Sehen Sie, Herr Stadtrat, sehen Sie diese Hände! Es heißt immer, im Asyl für Obdachlose will keiner mehr Arbeit haben. Hier sind aber noch Leute, die arbeiten wollen, und wir müssen ihnen Arbeit geben.”
Dann ließ sich Vater mit den einzelnen ins Gespräch ein, fragte nach Heimat, Stand und Alter und setzte der ganzen Schar, die anfing, immer aufmerksamer zuzuhören, auseinander, daß er daran gehen wolle, für alle, die wirklich noch einmal in die Arbeit und damit in ein neues Leben zurück wollten, draußen vor den Toren der Stadt Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Dann sagte er, zu der ganzen Schar gewandt: „Ich brauche aber dazu auch Geld! Wer von euch kann mir Geld borgen?” Wiederum blieb alles stumm. „Wer von euch kann mir Geld borgen?” Aber keine Hand ging in die Höhe. Nun fragte Vater den Nächststehenden: „Können Sie mir kein Geld borgen?” Der Mann schüttelte mit dem Kopfe. „Wie alt sind Sie?” — „Achtzehn Jahre.” Da schlug ihm Vater mit seinen flachen Händen auf die beiden Schultern, daß es durch den ganzen Mann schütterte: „Dann könntest du mir 500 Mark borgen! Wo hast du sie gelassen?” — Keine Antwort, aber auch kein Widersetzen. Der junge Mensch spürte nicht nur die Glut des Zorns, sondern auch die Glut des Erbarmens, die hinter dieser Frage und hinter diesen Schlägen loderte.
Immer aufmerksamer und immer nüchterner hörte die ganze Schar zu, während Vater die Reihen entlang fragte.Jetzt kam er an einen alten Mann mit triefenden Augen und zerrissenen Kleidern. Es stellte sich heraus, daß er früher Kutscher beim alten Kaiser Wilhelm gewesen war. Vater fragte ihn: „Nun sagen Sie mal, wie ist es denn so weit mit Ihnen gekommen?” Da stieß der Alte bitter zwischen den Zähnen hervor: „Ich hab’s gewollt.” Vater faßte ihn mit seiner zarten Hand, drehte ihn der ganzen Gesellschaft zu und sagte: „Guckt ihn euch einmal an, unseren armen alten Freund! Wollt ihr auch einmal so aussehen?” Schon fingen die Wärter an, den Haufen leise vorwärts zu drängen, da der Aufnahmeraum neuen Scharen Platz machen mußte. Aus der hintersten Reihe aber kam eine zitternde Hand, die sich über die Köpfe hinweg auf den Vater zustreckte. Vater sah sie und griff nach ihr. „Was wollten Sie denn, mein alter lieber Bruder?” „Ach,” sagte der Mann, „ich wollte Ihnen bloß mal die Hand geben und Ihnen danken für die guten Worte.” — Nun schoben die Wärter immer dringender, aber nur langsam und zögernd bewegte sich der Haufe vorwärts. Alle hatten den Blick rückwärts auf Vater geheftet, als wollten sie ihm, wenn auch stumm, noch einmal danken für die guten Worte.
Dann ging Vater durch die einzelnen eng gefüllten Säle. Der energische, freundliche Direktor des Asyls begleitete uns. Hie und da hatten sich schon die Obdachlosen auf ihre Pritsche ausgestreckt, von denen eine eng neben die andere gerückt war. Aber jetzt rappelten sich die meisten wieder in die Höhe und standen jeder stramm vor seiner Lagerstatt. Wenn Vater oben in einer Reihe anfing, jedem die Hand zu geben und einige Fragen an ihn zu richten, sah die ganze lange Linie ihm entgegen. Unwillkürlich lenkte er aller Augen zu sich hin. Und wenn er weitergegangen war, sahen ihm dieselben Augen nach, bis er verschwand. Es war wie eine Heerschau, die ein General über seine Armee abhielt — eine Armee von Bettlern.
Draußen auf dem Flur kosteten wir die Mehlsuppe, die aus großen Gefäßen in das blecherne Geschirr geschöpft wurde, das jeder in seiner Hand hielt. Auch in die Badestube mit ihren sauberen Duschapparaten gingen wir und auch in die Kammer, wo die mit Ungeziefer behafteten Kleider gereinigt wurden. Schließlich kamen wir in einen der Säle, die für die obdachlosen Frauen und Mädchen bestimmt waren. Aber während Vater in den Sälen der Männer lange verweilt hatte— in diesem Frauensaale sagte er nichts. Stumm ging er an einem Ende hinein und am andern wieder hinaus. Das Bild war für ihn zu schrecklich. Denn fast alle Insassen dieses Saales waren betrunken. So abschreckend der Anblick betrunkener Männer ist — der Anblick dieser durch Trunkenheit und alle Art von Lastern entstellten Frauenangesichte hatte etwas Bestialisches, ja Diabolisches an sich. Darum konnte und mochte Vater nichts sagen.
Dieser Abend im Asyl für Obdachlose aber war der Gründungstag von Hoffnungstal. Von jetzt ab ließ es Vater keine Ruhe mehr. Er bereiste in kurzer Zeit mit unermüdlichem Eifer die ganze Gegend um Berlin. Überall forschte er nach geeignetem Gelände, um für die Obdachlosen Berlins eine Zufluchtsstätte zu schaffen, wo sie nicht nur Obdach und Brot, sondern vor allem Arbeit fänden. Schließlich bot sich ihm im Norden der Stadt an den Grenzen der Berliner Rieselfelder ein geeigneter Platz. Dort besaß die Berliner Stadtverwaltung ein kleines Gut mit angrenzenden weiten Kiefernwaldungen, die sich auch durch die schwachen Kräfte der Berliner Obdachlosen mit Hilfe des leicht zu beschaffenden Düngers der Berliner Pferde- und Kuhställe in Obstanlagen verwandeln ließen.
Während nun Vater den Berliner Magistrat auf der einen Seite sehr scharf angriff, daß er in seinem Asyl Müßiggänger, ja schließlich Verbrecher schlimmster Art großziehe, indem den Obdachlosen wohl Almosen in Gestalt von Quartier und Mahlzeiten, aber keine Arbeit angeboten würde, hatte er gleichzeitig den Mut, denselben Magistrat zu bitten, ihm bei der Anlage der neuen Kolonie behilflich zu sein und ihm das Gut auf achtzehn Jahre zu verpachten. Wirklich ging der Magistrat auf Vaters Wünsche ein. Und bald erklang Vaters fröhliche Bitte: „Wer hilft uns mit zum Bau von Hoffnungstal?” Während er aber diese Bitte hinaussandte und seine Kollektanten in ganz Berlin treppauf, treppab zogen, kehrte Vater zu immer erneuten nächtlichen Besuchen in das städtische Asyl zurück, um mit dem Direktor und den Beamten des Asyls seine Pläne bis ins einzelne zu überlegen. Bei einem solchen Besuche war es, daß einer der ältesten und erfahrensten Aufseher zu ihm sagte: „Herr Pastor, Ihre Arbeit ist vergeblich. Wenn die jungen unverdorbenen Leute, die in unser Asyl kommen, nur ein paar Tage neben den ausgelernten Taugenichtsen liegen,so ist fast kein Unterschied mehr zwischen den beiden. Sie müssen sie trennen, damit die Ansteckung nicht so leicht möglich ist.”
Das Wort schlug tief bei Vater ein. Es war ja immer seine Art gewesen, auf guten Ratschlag anderer zu horchen, wie er sich überhaupt nie etwas auf eigene Gedanken zugute tat, sondern bis an sein Ende an der Überzeugung festhielt, daß er nie, so viel die Leute ihn auch rühmten, eigene neue Wege eingeschlagen hätte, sondern immer nur in die Fußtapfen anderer getreten sei, die ihm mit Rat und Tat vorangingen. So griff er denn auch den Rat des alten treuen Aufsehers im Asyl für Obdachlose auf. Hinfort war es sein Feldgeschrei, das er immer aufs neue laut erhob: „Kein Massenquartier mehr, sondern Einzelquartier!” „Keine Anhäufung dicht gelagerter Menschen, sondern Einzelstübchen!” Und bald war die erste „Heimstätte” in Hoffnungstal fertig. Sie barg keine übereinander gebauten Betten, wie in den Herbergen, in den Arbeiterkolonien und vielfach auch in den Kasernen, sondern für jeden müden heimatlosen Gast der Straße einen stillen kleinen Raum, von drei Wänden umschlossen, mit einem Bett und einem verschließbaren Schrankstuhl möbliert, nach oben in den freien Luftraum geöffnet und nach der vorderen Seite zu durch einen dichten Vorhang verschlossen.
Kaum aber war die erste Heimstätte fertig, so eilte Vater zu seinen Freunden in das Asyl. „Wer will nun kommen? Die Arbeit wartet auf euch und euer Stübchen auch.” Da reckten sich wieder die Hände empor; nicht schüchtern mehr, wie an jenem ersten Abend, sondern nun mit heißem Verlangen: „Herr Prediger! Ick, ick! nehmen Se mir mit, nehmen Se mir ooch mit!” Es waren die Stimmen und Hände Versinkender, die im Begriff waren, in dem Sumpf des großen Berliner Morastes unterzugehen, und die sich nun dem Retter entgegenstreckten.
Darum konnte Vater sich auch an der einen Heimstatt nicht genügen lassen, sondern bald kam die zweite und dritte hinzu, und die vierte, fünfte und sechste folgte, alle mit fünfzig bis achtzig Einzelstübchen eingerichtet.
Zur Einweihung der jungen Kolonie aber kam die Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne, dem Prinzen Eitel Friedrich, der das Protektorat übernommen hatte. Tief bezeichnend für den Sinn, mit dem die sonst so schlichte kaiserliche Frauund ihr Sohn die Geringsten des Volkes ehrten, war die kaiserliche Pracht, die sie bei dieser Gelegenheit entfalteten. Sie kamen im Viererzuge mit Spitzenreitern — Reiter und Kutscher im friderizianischen Kostüm mit Dreimastern und langen weißen Zöpfen. Ihren Platz hatte sie sich inmitten der Kolonisten erbeten. Die saßen denn auch während der Feier in dichtem Kranz um sie her und dahinter erst der große Kreis der Festgäste.
Am Abend vorher hatte Vater die Probe abgenommen über das Lied, das die Kolonisten während der Feier singen sollten. Er taktierte selbst mit seinem Krückstock, und nie habe ich ein Konzert gehört, das mir mehr zu Herzen gegangen wäre als der Gesang dieser von Schnaps und Elend abgenutzten Kehlen: „Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in Tod.” Die Einweihungsrede hatte Vater vorher aufgeschrieben, auswendig gelernt und sie seiner Schwiegertochter aufgesagt. Aber als er dann vor der Versammlung stand, konnte er doch nicht anders sprechen, als es ihm im Augenblick ums Herz war.
Wie viele fröhliche Gesichter hat Vater fortan in Hoffnungstal gesehen! Wer ihn einmal ein paar Stunden durch seine geliebten Einzelstübchen mit ihren Bewohnern begleiten konnte, der erlebte einen Anblick, wie er durch keine Pracht und keine Schaustellung der großen Weltstadt, deren Dunst im Süden von Hoffnungstal über dem Horizont lagerte, ersetzt werden konnte. Wie mancher von diesen gehetzten Leuten hatte hier zum erstenmal in seinem Leben eine Stätte des Friedens gefunden, wo Leib und Seele ausruhen konnten, um sich zu stärken für einen neuen und sieghaften Kampf. Mancher von ihnen hatte nie eine Wand über seinem Haupt gehabt, an der er das Bild seiner Mutter oder seiner Kinder aufhängen konnte. Jetzt endlich hatte er seine bescheidenen, wenn auch nicht vier, so doch drei Wände um sich und konnte sie sich mit den Erinnerungen an seine Lieben schmücken. Und wie ruhte es sich des Abends in dieser Einsamkeit! Da konnten sich unbemerkt und unverspottet die Hände einmal wieder falten wie einst in der Kinderzeit. Und manch einer konnte hier seine Mannesehre und seinen Mannesmut wiederfinden, indem er sich in der Stille seines Kämmerchens beugte vor dem lebendigen Gott und dem Heiland der Sünder. Aus solcher Stille aber ging esdoppelt fröhlich hinaus an die gesunde Arbeit im wilden Wald oder bei den fröhlich heranwachsenden Obstbäumchen. Darum konnte es nicht anders sein, als daß Vaters Gestalt, wo sie sich auch nur blicken ließ, verfolgt wurde mit vielen dankbaren Blicken und manchem dankbaren Wort.
Bald stellten sich auch die Besucher ein, geringe und vornehme, von nah und fern. Sie wollten die Stübchen sehen, die sie für Hoffnungstal und Lobetal, Gnadental und Neu-Gnadental gestiftet oder auf manchem mühsamen Wege zusammenkollektiert hatten. Sie freuten sich der dankbaren Pietät, mit der jedes Stübchen und jedes Bäumchen den Namen seines Gebers oder seines Sammlers trug, und freuten sich vor allem seiner glücklichen Bewohner. Unter den zahlreichen Besuchern der Kolonie, die immer wieder aus Berlin kamen, war auch eine jüdische Frau gewesen. Vater begleitete sie durch die ganze Kolonie. Als sie alles gesehen hatte, blieb sie stehen und sagte: „Herr Pastor, warum tun Sie das nur für die Männer von Berlin? Haben es die Frauen und Mädchen nicht noch viel nötiger?”
Wie das Wort des alten Aufsehers im Asyl, so schlug auch dies Wort der menschenfreundlichen Jüdin bei Vater ein. Es war ihm, als wenn er an eine große, lang vergessene Schuld erinnert würde. Der Saal mit den betrunkenen Frauen und Mädchen, den er bei seinem ersten Besuch im Asyl für Obdachlose gesehen hatte, trat vor seine Seele, und es beunruhigte ihn tief, daß er über der Not der Männer seine Augen für die Not der Frauen verschlossen hatte. Nun hieß es: „Wir brauchen auch Heimstätten und Einzelstübchen für die sinkende Frauenwelt der großen Stadt.” Und so erhob Vater noch einmal, kurz ehe ihn das erste Mal der Schlaganfall traf, seine Stimme zur Aufrichtung eines weiblichen Hoffnungstals. Bald hatte er auch diesmal wieder den geeigneten Platz gefunden, und wenn seine Kraft auch nicht mehr ausreichte, persönlich die Stelle zu besuchen, so freute er sich um so mehr an den Nachrichten über das fröhliche Aufblühen des neuen Zufluchtsorts, der unter einem von Liz. Bohn geleiteten Komitee im Osten Berlins bei Erkner auf ähnlichem Gelände wie Hoffnungstal den abgehetzten und abgehärmten Frauen und Mädchen seine Einzelstübchen anbot.
Dann aber setzte der Schlaganfall Vaters Arbeit ein Ende.Er war mehrere Wochen nahezu stumm. Es schien, als sollte es still dem Ende zugehen. Statt dessen aber ließ Gottes Freundlichkeit das glühende Herz noch einmal wieder aufflammen, um fast für ein ganzes Jahr die Herrschaft über den zerbrochenen Leib wiederzugewinnen. Sein ganzes Arbeitsfeld konnte er noch einmal überblicken, um, wo es not tat, für die alten Geleise neue Ziele zu weisen. So trat ihm auch für seine geliebten Einzelstübchen noch ein großes neues Ziel vor die Seele. Es war ihm nicht genug, darauf zu dringen, daß alle deutschen Herbergen und Arbeiterkolonien mit dem System der Massenquartiere brechen müßten, auch nicht nur für alle Diakonissen- und Diakonenhäuser wünschte er die gleiche Wohltat, vielmehr trat es ihm mehr und mehr wie eine große gemeinsame Pflicht des Vaterlandes vor die Seele, daß jedem deutschen Manne, der im Dienste des Vaterlandes für zwei Jahre auf seine Freiheit und Heimat verzichtete, als Ersatz dafür in seiner Kaserne solch eine heimatliche Stätte hergerichtet würde, deren unermeßlichen Wert Vater auf so mannigfache Weise erfahren hatte.
Mit Offizieren und Soldaten saß er manchen Nachmittag zusammen und überlegte hin und her, bis es ihm schließlich völlig gewiß wurde: „Es geht, es geht.” Er lud den Kronprinzen ein, einmal Hoffnungstal zu besuchen, und schrieb an den Kriegsminister folgenden Brief:
„Euer Exzellenz
wollen einem ehemaligen Kaiser-Franzer und späteren Feldprediger von 1866 und 1870 erlauben, sein Herz auszuschütten. Er bittet desto kühnlicher darum, als er vielleicht bald zur oberen Armee weiterziehen muß und es ihm keine Ruhe mehr läßt, vorher noch das Folgende vorgetragen zu haben.
Es ist jetzt dreißig Jahre her, daß ich zum erstenmal einem deutschen Ingenieur den Plan eines lenkbaren Flugschiffes auseinandersetzte, ohne daß ich damit durchdrang. Seitdem habe ich denselben Plan alle die vielen Jahre hindurch vielen Ingenieuren und Offizieren dargelegt, habe mir viel Kopfschütteln als über einen unausführbaren Plan gefallen lassen müssen, habe aber, wenn auch durch wichtigere Aufgaben an praktischer Mitarbeit gehindert, doch schließlich die Eroberung der Lüfte erlebt.
In folgendem handelt es sich aber um ein ungleich wichtigeres, höheres Ziel als bloß um die Eroberung der Luft.Darum wird es erst recht das Kopfschütteln vieler hervorrufen, ist eben darum aber auch des Schweißes der Edelsten wert. Worum es sich handelt, ist die Rückeroberung der Armee aus der ansteckenden Luft der Kasernenstuben und die Schaffung einer gesunden Atmosphäre für jeden deutschen Soldaten in einem Einzelquartier.
Ich weiß es aus meiner eigenen Militärzeit und habe es seitdem in einem fast achtzigjährigen Leben ungezählte Male bezeugt gefunden, welche Gefahren das Zusammenleben in den gemeinsamen Quartieren für die Soldaten mit sich bringt. Ein einziger unsauberer Bursche verdirbt oft eine ganze Stube. Und je größer die Stuben sind, desto größer die Gefahr. Es ist nicht in jeder Garnison und in jeder Kaserne gleich. Es gibt auch Stuben, aus denen keine Klagen kommen. Aber im allgemeinen sind die Verhältnisse so, daß nicht dringend genug auf eine Abhilfe gesonnen werden kann. Die Abhilfe aber würde eben darin bestehen, daß jedem Soldaten statt des gemeinsamen Quartiers ein Einzelquartier geboten wird. So nötig die gemeinsame Erziehung der Soldaten ist, so nötig ist als Ergänzung dazu ein bestimmtes Maß von Einsamkeit für jeden einzelnen Mann, wo er sich auf sich selbst besinnen kann. Es ist mir unzweifelhaft gewiß, daß die innere Beschaffenheit unserer Armee um viele Prozente in die Höhe schnellen würde, wenn es gelingt, den einzelnen Mann zu einem höheren Maß von Selbstachtung zu erziehen, indem man ihm ein Einzelquartier gewährt. Die mit solchen Einzelquartieren in der Praxis bereits erzielten Erfolge sind so außerordentlich, daß ich Ew. Exzellenz nicht dringend genug bitten kann, diesem Gegenstand eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.
Ich weise dabei auf die unter dem Protektorat Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Eitel Friedrich stehende, von Ihrer Majestät der Kaiserin eingeweihte Kolonie Hoffnungstal bei Bernau in der Mark hin. Während alle übrigen deutschen Arbeiterkolonien das Massenquartier eingerichtet haben, ist die Kolonie Hoffnungstal die erste Kolonie, in der das Einzelquartier zur strengen Durchführung gekommen ist. Der Unterschied zwischen den Kolonien mit Massenquartieren und dieser Kolonie mit Einzelquartieren ist überraschend groß. Während in den übrigen Kolonien trotz eines gleichwertigen Aufsichtspersonals und trotz einer gleich guten Verpflegung die Haltungund der Ton unter den Kolonisten immer noch zu wünschen übrigläßt, ist beides in der Kolonie Hoffnungstal geradezu mustergiltig zu nennen. Obgleich die Bewohner von Hoffnungstal zum größten Teil aus den Berliner Asylen für Obdachlose stammen, die mit ihren Massenquartieren geradezu als Hochschulen des Schmutzes und der Zote angesehen werden müssen, ist in Hoffnungstal jede Zote verschwunden. Kolonisten, die nach Hoffnungstal kommen, haben immer wieder ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, wie es nur möglich sei, unter einer so großen Zahl aus aller Welt zusammengeströmter Menschen eine solche Atmosphäre des Anstandes und der Zucht zu erhalten. Das Geheimnis sind unsere Einzelquartiere. Das Einzelquartier macht es, besser als Worte es können, jedem einzelnen Mann klar, daß er nicht nur als Herdenmensch in Betracht kommt, sondern daß er als Einzelperson vor Gott und vor Menschen seinen besonderen Wert hat. So weckt das Einzelquartier, das jeder Bewohner sich nach seinem eigenen Geschmack ausschmücken kann, den Trieb zur Selbständigkeit, zur Selbstachtung und Selbsterziehung.
Meine Bitte geht nun dahin, daß Ew. Exzellenz einige der entschlossensten, um die Schlagfertigkeit unserer Armee wahrhaft interessierten Offiziere nach Hoffnungstal entsenden möchten und womöglich selbst einmal Hoffnungstal mit seinen 450 Einzelquartieren besuchten, wie es auch der jetzige Herr Kultusminister und sein Amtsvorgänger und auch der Minister der öffentlichen Arbeiten getan haben. Dann würden sich Ew. Exzellenz davon überzeugen, daß der Einwurf, das System sei viel zu teuer, nicht aufrecht gehalten werden kann und daß auch der andere Gegengrund, das System des Einzelquartieres gefährde die Übersichtlichkeit und die rasche Orientierung des Wachthabenden, hinfällig wird. Von Offizieren sowohl wie von Mannschaften ist mir gegenüber das Einzelquartier als durchaus durchführbar und erstrebenswert gebilligt worden.
Schließlich möchte ich noch meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß durch die Einrichtung des Einzelquartiers mancher Dienstpflichtige, der sich jetzt aus Scheu vor dem Leben in der Kaserne mühsam zum Einjährigen durchquält, zu dem Entschluß kommen würde, auf die Einjährigen-Dienstzeit zu verzichten und zwei Jahre zu dienen. Das käme der Zusammensetzung der ganzen Truppe sehr wesentlich zugute.
Es würde sich zunächst darum handeln, in einigen Armeekorps, vielleicht nur jedesmal mit einer Kompagnie, Versuche anzustellen. Ich zweifle nicht daran, daß diese eine Kompagnie sich bald in so hohem Maße vor den übrigen ihres Regiments an innerer Qualifikation des einzelnen Mannes auszeichnen würde, daß damit der Siegeszug des Systems der Einzelquartiere gesichert wäre.
Ew. Exzellenz würden einen hellen Lichtstrahl auf das letzte Stück meines Pilgerlebens werfen, wenn Sie dieser meiner Bitte ein gnädiges Ohr schenken und vielleicht schon bald einen Besuch in Hoffnungstal zur Ausführung bringen könnten. Ob ich noch selbst in der Lage sein werde, Ew. Exzellenz persönlich durch Hoffnungstal zu führen, steht dahin, da mein Körper seit einem im Frühjahr erlittenen Schlaganfall unter immer erneuten Erschütterungen zu leiden hat. Ich würde aber dann meinen Sohn, der genau mit allen einschlägigen Fragen vertraut ist, an meiner Statt entsenden. Noch bemerke ich, daß ich den gleichen Gedanken auch dem Oberhofmarschall Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen unterbreitet habe, damit auch die Aufmerksamkeit des Thronfolgers auf diesen Gegenstand gelenkt wird und er womöglich ebenfalls zu einem Besuch in Hoffnungstal Anlaß nimmt. Ich habe dabei Graf Bismarck-Bohlen darauf aufmerksam gemacht, daß in der in unmittelbarster Verbindung mit der hiesigen Anstalt geleiteten Kolonie Freistatt, Kr. Sulingen in Hannover, neuerdings das System der Einzelquartiere nach den neuesten Modellen zur Ausführung kommt und daß es nach Fertigstellung der Bauten in diesem Frühjahr für Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen, der Protektor unserer hiesigen Arbeiter-Kolonien ist, vielleicht noch wertvoller sein würde, diese neuesten Einrichtungen zu besichtigen.
Gott aber schenke Ew. Exzellenz ein tapferes Herz und einige entschlossene Mitarbeiter, damit diese große Sache zu einem fröhlichen Sieg kommt. Das wäre allerdings ein Sieg, der, mitten im Frieden erfochten, vor Gott höher gilt und für unser ganzes Vaterland bedeutsamer ist als irgend ein Sieg, der in einem irdischen Krieg erfochten werden kann.
Euer Exzellenz gehorsamster
F. v. Bodelschwingh,p. em.”
Am 6. März, gerade an Vaters Geburtstag, kam die ersehnte Antwort:
„Berlin, den 1. März 1910.
Euer Hochehrwürden
beehre ich mich für die Anregung im Schreiben vom 8. Februar 1910 auf Schaffung von Einzelstübchen für Soldaten meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Obwohl ich nicht verhehlen kann, daß die Durchführung der Anregung sowohl finanziellen wie militärischen Bedenken begegnet, bin ich doch gern bereit, in eine nähere Prüfung der angeregten Frage einzutreten und zu diesem Zwecke zunächst Vertreter der interessierten Abteilungen des Kriegsministeriums zu einer Besichtigung der Kolonie Hoffnungstal zu entsenden.
Euer Hochehrwürden würde ich für eine kurze — am besten an das Armee-Verwaltungs-Departement zu richtende — Mitteilung, welcher Zeitpunkt für die Besichtigung am geeignetsten wäre, verbunden sein.
Der Kriegsminister: von Heeringen.”
Am andern Tage antwortete Vater:
„Euer Exzellenz
darf ich die Mitteilung machen, daß nächst dem huldvollen Telegramm der Majestäten zu meinem gestrigen Eintritt in das 80. Dienstjahr mir nichts solche große Freude gebracht hat als Ew. Exzellenz Schreiben vom 1. März, das ebenfalls gestern zu meinem Geburtstage in meine Hand kam.
Ich bin mir wohl bewußt, daß der Verbesserung der Wohnungsverhältnisse unserer Armee sehr große Hindernisse entgegenstehen und daß vielleicht eine Reihe von Jahren hingehen werden, ehe mein Vorschlag zur Ausführung gelangen kann. Aber was Ew. Exzellenz bereits an Hoffnung für die große Sache mir bieten, übersteigt schon weit meine Erwartungen, sodaß ich nur mit Freudentränen Ihr gütiges Schreiben lesen konnte. Ich werde nun sofort den von Ew. Exzellenz angezeigten Weg einschlagen und mich, sobald ich mich mit der Verwaltung von Hoffnungstal verständigt habe, an das Armeeverwaltungsdepartement wenden und Mitteilung über den geeigneten Zeitpunkt machen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß mir der barmherzige Gott noch die Freude schenkt, persönlichnach Hoffnungstal zu kommen und für diesen Dienst, den ich für den Rest meines Lebens als den wichtigsten ansehe, noch meinen bescheidenen Rat und meine Kraft darbieten zu können.
Ehrerbietigst Ew. Exzellenz dankerfüllter treu ergebenerF. v. Bodelschwingh,p. em.”
Zugleich mit der Hoffnung, dem armen unglücklichen Kongo mit den Sendboten von Bethel aus noch dienen zu können, kam es bei dem Gedanken an die Neugestaltung der Kasernen wie ein letztes frohes Abendleuchten über den geliebten Vater. „Sechs Jahre”, sagte er, „möchte ich noch leben, dann habe ich die Sache durch.” — Doch wenige Tage darauf trugen wir ihn zu seiner letzten irdischen Ruhe.
Ein Offizier aber, mit dem Vater über die Frage der Einzelquartiere in den Kasernen Briefe gewechselt hatte, schrieb: „Es kennzeichnet das Wesen des unvergleichlichen Mannes, daß seine letzte Sorge den Soldaten galt. Die Frage der Einzelquartiere für die Soldaten, so hoffe ich, geht nicht verloren. Wer das Wesen der militärischen Ausbildung in der Charakterbildung des Mannes sieht, muß Feuer und Flamme dafür sein.”
Es war einsamer und einsamer um Vater geworden, Stöcker, Siebold, Kuhlo, Schmalenbach, die ihm durch Freundschaft und Verwandtschaft des Geistes besonders nahe gestanden hatten, waren vor ihm abgerufen. Nur der alte Generalsuperintendent Braun blieb als der letzte übrig. Schwer leidend, mit zerriebenen Nerven, hatte er sich schließlich, Vaters unaufhörlichem Locken folgend, von Berlin nach Bethel zurückgezogen, wo ihm Vater am Waldrande ein Häuschen bauen ließ, so wie vorher schon Siebold, Kuhlo und die Familie Schmalenbach ein solches Häuschen bezogen hatten.
1907 war Stöcker noch einmal zu uns gekommen, und die beiden Kämpfer, die mit zunehmendem Alter einander immer näher gerückt waren, hatten sich für die letzte noch vor ihnen liegende Lebensarbeit miteinander im Glauben gestärkt — „Stöcker,” wie einer, der beiden nahe stand, schrieb, „der Mann Gottes, der mehr gearbeitet hat als sie alle und über solcher Arbeit fast müde geworden ist, Vater, das Kind Gottes, dem Barmherzigkeit widerfahren ist (2. Kor. 4, 1) und das darum nicht müde werden kann.” Vergeblich hatte sich Stöcker von Vater bitten lassen, er möchte doch seinem treuesten Freunde aus der Berliner Zeit, Pastor Kuhlo vom Elisabethkrankenhaus, folgen und den Rest seiner Fahrt in Bethel endigen; er konnte sich nicht entschließen, Berlin zu verlassen.
Der alte Pastor Siebold hatte schon im Jahre 1894 Schildesche mit Bethel vertauscht und war, achtzig Jahre alt, noch Vaters Hilfsprediger geworden, indem er ihm in unablässiger Bereitwilligkeit Stunden und Krankenbesuche abnahm. Als es dann zum Sterben ging, hatten die beiden in fast kindlicher Heiterkeit sich der Ewigkeit gefreut. Vater konnte sich kaum trennen von dem Bett des Sterbenden. „Bruder,” sagte er, „was stirbst du fein!”
Schmalenbach hatte bis zur letzten Faser seiner Kraft in seinem geliebten Mennighüffen ausgehalten. Er war nachVolkenings Tode die überragende Gestalt des Ravensberger Landes geworden und hatte mit Wort und Feder am tiefsten auf die Gemüter gewirkt. Fast ängstlich hatte er manchmal nach dem „Berge Zion”, wie er der auf dem Berge gelegenen Zionskirche wegen die Bethelgemeinde nannte, hinübergeblickt, ob nicht durch die dort sich dehnende Arbeit die Schultern des Minden-Ravensberger Volkes überlastet würden. Besonders seit dem Beginn unserer ostafrikanischen Arbeit war er, der das Ravensberger Land in wachsendem Maße dem Dienst der Barmer Mission zugeführt hatte, noch zurückhaltender geworden als vorher. Aber namentlich Budde hatte immer wieder dafür gesorgt, daß die Fäden hinüber und herüber nicht zerrissen. Als dann die Kräfte Schmalenbachs zusammenbrachen, holte unser ältester Bruder ihn nach Bethel herüber. Seine Familie folgte ihm, und Vater konnte noch an dem Lager des Sterbenden knien, der ihm wie ein ernster, stiller älterer Bruder gewesen war.
Die Übersiedelung des alten Pastors Kuhlo von seinem langjährigen Berliner Arbeitsfelde nach Bethel warf noch einen besonderen Sonnenstrahl auf Vaters Lebensweg. Zu ihm hatte er sich, sooft er in die Unruhe Berlins untertauchen mußte, mehr als zu irgend sonst jemand hingezogen gefühlt, und der tiefe Gottesfriede, der von der geheiligten Natürlichkeit Kuhlos ausging, war namentlich in den Zeiten, wo Vater als Abgeordneter je und je in seinem Stübchen im Berliner Hospiz krank gelegen hatte, seine große Erquickung gewesen. Ganz in der Stille hatte sich Vater dort auch einmal vom alten Kuhlo das heilige Abendmahl reichen lassen. Ein Jahr noch genoß Kuhlo mit seinen beiden Töchtern sein kleines mit ganz besonderer Liebe gebautes Waldhaus. Dann mußte Vater auch ihm das letzte irdische Geleite geben.
Aber es lag nichts Wehleidiges in der Trauer, mit der er seinen voraneilenden Freunden und Mitarbeitern nachsah. Die Einsamkeit, in der ihn seine Freunde zurückließen, sah er immer wieder voll Dankbarkeit sich füllen mit neu nachdrängenden Gestalten, die bereit waren, in die Lücken zu treten. Sein kindlicher Glaube hatte ihn jung erhalten, sodaß er sich auch unter den jüngeren Kräften und Mitarbeitern wohl fühlte, ja wie der jüngste, heiterste und arbeitseifrigste unter ihnen war.
Aber das auch für ihn näher rückende Ende hatte er dabei nicht aus dem Auge verloren, zumal sein Blasenleiden, das ihnseit dem Jahre 1899 nicht verlassen und ihm keine einzige ungestörte Nachtruhe mehr erlaubt hatte, ein unablässiger Mahner geworden war. Wem sollte er die Arbeit übergeben?
Seine drei Söhne hatten alle den Wunsch gehabt, außerhalb der Anstalt, sei es im Dienst der heimatlichen Kirche, sei es im Dienst der Mission, ihre Arbeit zu tun, und alle hatten auch zeitweilig einen solchen Dienst versehen. Aber schließlich hatte der Gehorsam gegen die Bitten des Vaters und das Verlangen, seine Kraft zu stützen und zu erhalten, sie einen nach dem andern in die Arbeit von Bethel zurückgeführt. Schon im Jahre 1896 war unser ältester Bruder in die Arbeit des Diakonissenhauses eingetreten und hatte schließlich dessen Leitung übernommen. 1904 war unser jüngster Bruder gefolgt, war auf allen Gebieten der vielgestaltigen Arbeit Vaters Gehilfe und von der Zeit ab, wo Vater in das Abgeordnetenhaus eintrat, sein verantwortlicher Vertreter geworden. Schließlich als Vater den Abschluß seiner Laufbahn herannahen fühlte, hatte er den Vorstand gebeten: „Gebt einem alten sterbenden Mann seinen Jungen wieder!” So war auch ich schnell, meine Gemeindearbeit in andere Hände legend, mit Frau und Kindern solcher Bitte gefolgt, um mit unserer Schwester zugleich den Vater während seines letzten Lebensjahres zu umgeben.
Immer wieder hatten wir Kinder Vater gebeten, sich nach einem Mann umzusehen, dem er noch bei seinen Lebzeiten die Leitung der Gesamtarbeit übergeben könnte. Und er hatte auch unablässig seinen Blick durch das gesamte Vaterland schweifen lassen, ob sich ihm solch eine Persönlichkeit zeigte oder zur Verfügung stellte.
Wieder und wieder hatte sich sein Auge auf den Superintendenten Holzhausen in Freiburg an der Unstrut gelenkt, den er im Jahre 1903 kennen gelernt hatte, als ihn eine Feier zum Gedächtnis der bei Freiburg im Oktober 1813 gefallenen und verwundeten Yorckschen Jäger, unter denen sich auch sein Vater befunden hatte, ins Unstruttal führte. Die urwüchsige Herzlichkeit, der kindliche tiefe Glaube, die große Arbeitsfreudigkeit und der väterliche und kameradschaftliche Sinn, die in Holzhausen vereinigt waren, hatten Vater ungemein angezogen. In ihm glaubte er wirklich einen Vater seiner Gemeinde gefunden zu haben. Mehrmals reiste er zu ihm und legte ihm in vertraulichstem Gespräch die ganze Aufgabe ans Herz. AberHolzhausen konnte sich nicht entschließen. Eine andere Persönlichkeit zeigte sich nicht.
So gab Vater allmählich den Gedanken auf, von auswärts eine neue Kraft zu berufen. Mehr und mehr glaubte er in den Persönlichkeiten, wie sie allmählich in die Arbeit hineingewachsen waren, diejenigen sehen zu sollen, die zur Fortführung des Werkes berufen waren. So stärkte er unserm Bruder Friedrich den Mut, die Verantwortung für die Gesamtleitung, die er bis dahin schon als Vertreter des Vaters getragen hatte, auch nach seinem Abscheiden auf sich zu nehmen, während alle andern als seine Mitarbeiter auf ihrem Posten bleiben sollten.
Waren diese Gedanken auch noch nicht öffentlich ausgesprochen und im einzelnen festgelegt, so waren sie doch mehr und mehr das selbstverständliche Eigentum der ganzen Gemeinde geworden, sodaß sowohl Vater wie die Gemeinde ohne quälende Unruhe in die Zukunft blickten. Mit zitterndem Herzen freilich beobachteten wir, wie in den ersten Monaten des Jahres 1909 sich die frischen Farben auf dem Angesicht des geliebten Vaters verloren und sein sonst so munterer Schritt mühsam und schleppend wurde. Aber als dann am 19. April die Nachricht die Anstalt durcheilte, daß Vater, der am Tage vorher noch mit letzter Kraft 47 Schwestern eingesegnet hatte, von einem Schlaganfall getroffen sei, da gab es wohl überall eine schmerzliche Bewegung, doch kein ungläubiges Erschrecken. Die Gemeinde war bereit, das Opfer zu bringen, wenn es gefordert wurde, und war ohne Erschrecken, weil sie wußte, daß Vater bei Zeiten das Haus seiner ganzen Anstaltsfamilie bestellt hatte.
Doch noch ging es nicht zum Sterben. Vielmehr gab es noch ein ganzes Jahr stillen Abendfriedens, dessen Glanz vielen zur tiefsten Erquickung wurde. Die Zunge war durch den Schlaganfall gelähmt. Aber sofort setzte Vater seine ganze Energie daran, über die Sprache wieder Herr zu werden. Er übte so lange, bis ein Laut nach dem andern wieder deutlich wurde, sodaß seine Stimme allmählich die volle Verständlichkeit wiedergewann.
Ende Mai konnten wir ihn noch einmal nach Wildungen bringen, wo er sich unter der mütterlichen Pflege der WitweDr.Thilenius und seines ärztlichen Freundes Geheimrat Marc in den letzten Jahren immer wieder so wohl gefühlt hatte.Die kleinen Wege zum Brunnen konnte er zu Fuß machen, und im Rollstuhl fuhren wir ihn weit hinaus in die stillen Wald- und Wiesentäler.
Dazu wurden bald wieder die gewohnten Arbeitsstunden aufgenommen. Sie galten namentlich den Brüdern von der Landstraße, deren Sache in einem ausführlichen Aufsatz, der zugleich den Stoff zu einem Volksfamilienabend bieten sollte, noch einmal verfochten wurde. In jene Tage fiel auch der Besuch der englischen Kirchenmänner in Bethel, die Vater in einem längeren Schreiben begrüßte. Ende Juni siedelten wir dann nach Eckardtsheim über, wo die Hauseltern Biermann im stillen Eichhof das Quartier bereitet hatten. Sinnend saß Vater am Fenster, als wir von Paderborn her in die Senne hineinfuhren. „Was ist aus der Wüste geworden!” sagte er still vor sich hin im Gedanken an die ersten Anfänge in der wilden Heide von Wilhelmsdorf. Bald der eine, bald der andere kam von Bethel heraufgewandert, um hier in der wohltuenden Einsamkeit mit Vater zusammen zu sein. Und nachmittags wurden im Rollstuhl die Fahrten in die Niederlassungen von Eckardtsheim unternommen. Die einzelnen Häuser der Epileptischen, der Trinker, der Kolonisten, der Lungenkranken, der Geisteskranken, auch der Familien der Pfleger und Handwerker wurden nacheinander aufgesucht, vor allem und immer wieder der nahegelegene Fichtenhof mit seinen Fürsorgezöglingen, an deren frischem Gesang sich Vater nicht satt hören konnte.
Einmal stand er unter den jungen Burschen, fragte sie der Reihe nach nach Namen und Heimat und legte dabei einem, wie es gelegentlich seine Art war, wie zum Segen die Hand auf den Kopf. Es war einer der wildesten Jungen. Nach einigen Tagen war er verschwunden. Alles Nachforschen war vergeblich, bis nach längerer Zeit aus Böhmen ein Brief kam: „Sucht nicht mehr nach mir, ich komme nicht wieder. Aber seid ohne Sorge um mich, der alte Bodelschwingh hat mich gesegnet.” Wieder und wieder kamen Lebenszeichen von dem jungen Burschen, aus denen hervorging, daß er sich in der Tat in der Fremde aufrechthielt. Schließlich meldete er, daß er in das österreichische Heer eingetreten sei. Noch bis zum Jahre 1916 drang hier und da von dem östlichen Kriegsschauplatz ein kurzes Wort durch, bis auch über diesen Lebenslauf sich dieStille deckte, durch die der Krieg so manches junge Leben geendet hat.
Der Führer des Rollstuhls bei diesen Fahrten in die Sennehäuser war der treue Bruder Liebusch. Er hatte ursprünglich Theologie studiert, aber wegen nervöser Schwäche das Studium aufgeben müssen und war schließlich in die Krankenpflege von Bethel eingetreten, in der sich seine Kräfte allmählich hoben, sodaß er einige Jahre in der afrikanischen Heilstätte für Geisteskranke in Lutindi mithelfen konnte. Doch hatten die Kräfte dort aufs neue versagt, sodaß er Afrika verlassen mußte und jahraus, jahrein in hingebendster Weise bald da, bald dort in Bethel Aushilfsdienste tat. Aber seine Seele hing an der afrikanischen Arbeit. Sooft Vater während der Rollstuhlfahrten dieses Thema anschnitt, quoll das ganze Herz des treuen Liebusch über. Er vergaß darüber Weg und Steg, und einige Male war es drauf und dran, daß er Vater in den Graben gefahren hätte. Aber gerade das machte Vater Freude, weil es ihm das sicherste Zeichen der inneren Glut des Mannes war.
Schon lange hatte er sich nach einer neuen Hilfe für den einsamen Bokermann und seine schwarzen Geisteskranken umgesehen. Jetzt reifte in ihm der Entschluß, Liebusch noch einmal hinauszusenden. Fortan ging Liebusch in Sprüngen. Seine tiefste Herzenssehnsucht, die er bis dahin nicht auszusprechen gewagt hatte, sollte sich noch einmal erfüllen.
Segnend legte ihm Vater zum Abschied vor versammelter Gemeinde die Hände auf: „Zieh in Frieden deine Pfade!” Nie ist irgend einer von uns Missionsarbeitern in Afrika mit solchem Jubel empfangen worden wie Bruder Liebusch. Freilich nur für ein kurzes Arbeitsjahr. Dann überfiel ihn ein heftiges Fieber. Bewußtlos trugen ihn seine treuen Schwarzen an die Bahn hinunter; während der Fahrt nach Tanga starb er. Unter den rauschenden Palmen haben wir an seinem Grabe gestanden. Ist er zu früh, ist er umsonst gestorben? Vater rechnete nicht so.
Ende August waren wir aus Eckardtsheim nach Bethel zurückgekehrt. Der letzte Herbst und Winter brach an. Eine wunderbare Stille lag über diesen letzten Monaten. Aber es war keine Stille, die nur Ruhe bedeutet hätte, kein bloßes Warten auf die letzte Stunde. Wie in gesunden Tagen blieb der Tag eingeteilt. Nur daß der Morgen eine Stunde später begonnen und der Abend eine Stunde früher beschlossen wurde.„Ich darf dem alten Kerl nichts durchgehen lassen,” sagte Vater zu sich selbst. Und pünktlich um acht Uhr morgens saß er an seinem Schreibtisch. Oft freilich übermannte ihn die Müdigkeit über dem Diktieren und Unterschreiben. „Es will nicht mehr,” sagte er dann und ließ der Müdigkeit freien Lauf. Aber nach kurzem Schlummer raffte er sich wieder auf, nahm von dem Schrank die beiden afrikanischen Stöcke und wanderte diktierend oder überlegend im Zimmer auf und ab.
Nachmittags wurden dann zu Fuß oder im Rollstuhl, einerlei, ob es stürmte, regnete oder schneite, die einzelnen Häuser besucht. Die Geisteskranken hatten Vater von Jahr zu Jahr immer mehr am Herzen gelegen. Ihnen galten auch jetzt vor allem seine Wege. Aber gleichzeitig kam ein Haus nach dem andern an die Reihe. Wo er Schwerleidende wußte, Verstimmte, Verbitterte, Vereinsamte, da nahm er sich besondere Zeit und Stille.
Im Spätherbst kam ein holländischer Bildhauer, Müller-Kühlenthal, mit der Bitte, Vater zu modellieren. Wir neckten zunächst unsere alte Tante Frieda damit, sie möchte doch dem Bildhauer sitzen. Aber in ihrer spröden Art lehnte sie mit wachsender Energie ab. „Ich will nicht mal einen Kranz auf mein Grab haben.” „Schwesterchen,” sagte Vater, „die Blümchen hat Gott auch gemacht, und die Gärtner wollen auch leben. Und wenn du dem Bildhauer eine Liebe erweisen kannst, warum solltest du es nicht tun?” Damit hatte er sich selbst gefangen. Als Tante Frieda, wie zu erwarten war, bei der Ablehnung blieb, willigte er statt ihrer ein, und am andern Morgen konnte der Bildhauer seine Arbeit beginnen.
Aber noch ehe sie vollendet war, überfiel Vater eine Lungenentzündung, die ihn für Wochen ans Zimmer fesselte. Der Arzt wünschte nicht, daß er zu Bett bliebe; und mit größter Energie nahm Vater den Kampf mit der Krankheit auf. An seinen geliebten Stöcken wanderte er, um den Atem kämpfend, im Zimmer auf und ab, lehnte sich zwischendurch eine Weile in seinen Sessel, schlief einen Augenblick und nahm dann aufs neue seine Wanderung auf.
Es war die Zeit, in der die Greuel am afrikanischen Kongo bekannt geworden waren. Über den furchtbaren Leiden der Kongoneger wurde Vater die eigene Krankheit gering. Abschnitt für Abschnitt mußte ich ihm aus den Broschüren vorlesen.„Junge,” sagte er immer wieder, „halt ein! Ich kann es nicht anhören; es ist nicht wahr, es kann nicht sein.” Aber dann wieder: „Lies weiter! Wir müssen die Sache zu Ende hören.” Darüber erwachte noch einmal seine ganze Glut für das arme Afrika. Der Gedanke wurde ihm schwer, daß Bethel so wenig weibliche Kräfte hinübergesandt hatte zur notwendigen Ergänzung der männlichen Arbeit in dem unermeßlichen Meer des afrikanischen Elends. „Nur nicht zu langsam!” rief er dem Missionsinspektor Trittelvitz zu. „Nur nicht zu langsam; sie sterben drüber.” Und wieder und wieder beschäftigte ihn der Gedanke, daß nach seinem Abscheiden ich mit den Meinen mich bald aufmachen möchte in das geliebte notleidende Afrika.
Die Lungenentzündung, als sie schließlich überwunden war, hatte ein gewisses Aufleben der Kräfte im Gefolge, sodaß Vater in der Zeit nach Weihnachten mit größerer Frische als vorher seine Besuche in den Häusern wieder aufnehmen und auch im Arbeitszimmer sich noch einigen Aufgaben widmen konnte, die ihm neben den täglichen kurzen Dankschreiben an die Geber und Freunde besonders am Herzen lagen. Durch den Amerikaner Buchmann, der einige Tage in Bethel zugebracht hatte, hatte der bekannte Multimillionär Carnegie Verbindungen mit Vater angeknüpft in der Hoffnung, durch ihn mit dem Kaiser bekannt zu werden.
Mit großem Interesse verfolgte Vater den Entwicklungsgang des aus kleinsten Verhältnissen emporgestiegenen, höchst energischen Mannes und ließ sich seine Aufsätze vorlesen. Aber den Gedanken des ewigen Völkerfriedens, der Carnegie besonders am Herzen lag, lehnte er als eine Utopie ab. In einem ausführlichen Briefe setzte er ihm auseinander, daß die Kriege um der Bosheit der Menschheit willen ganz unvermeidlich seien und daß er für seine Person erfahren habe, wie auch diese furchtbaren Gottesgerichte für Völker und einzelne einen Segen in sich schließen. Carnegie aber wurde durch diesen Brief bitter enttäuscht und sprach das seinem Freunde Buchmann, der inzwischen nach Amerika zurückgekehrt war, aus. Klagend wandte sich Buchmann an Vater: „Wenn dieser Brief doch nie geschrieben wäre! Jetzt sind Sie um die Million Dollar gekommen, die Carnegie drauf und dran war Ihnen zu schenken.” Das kümmerte Vater nicht. Die großen Gaben waren ihm ja immer ein Schrecken gewesen, weil sie, wenn die Kunde davonin die Öffentlichkeit drang, gar zu leicht die kleinen Bäche der Liebe verstopften. Aber im Traum verfolgte ihn der Gedanke, Carnegie hätte doch eine große Gabe geschickt, sodaß er im Schlafe rief: „Nimm mir die Millionen wieder ab! Nimm mir die Millionen wieder ab!”
Aber die Verbindung mit Carnegie sah er damit nicht als abgebrochen an. Für sich und seine Arbeit hoffte er nichts von ihm. Aber es lag ihm daran, Carnegie womöglich für eine tiefere Auffassung der sozialen Aufgaben Nordamerikas zu gewinnen. Mit Bestürzung hatte er in einem Aufsatze Carnegies die Meinung vertreten gefunden, daß man nur die Aufwärtsstrebenden unterstützen, die Versinkenden aber so schnell wie möglich untergehen lassen sollte. Die versinkende Masse Nordamerikas zu retten, darin sah Carnegie lediglich eine Verschwendung der nationalen Kraft. Vater umgekehrt erblickte die Echtheit wahrer Humanität, deren Carnegie sich rühmte, darin, daß sie sich gerade der Versinkenden annahm und an ihnen ihre Wahrheit und Tiefe bewährte.
Auf schriftlichem Wege Carnegie zu überzeugen, hoffte er nicht mehr. Darum knüpfte er mit dem Großkaufmann J. K. Vietor in Bremen an, der Amerika kannte. Vietor kam mit seinem Bruder, dem Pastor, zu einem ersten Besuch nach Bethel, und die herzhafte Energie der beiden Brüder tat Vater ungemein wohl. Namentlich die Lage der amerikanischen Brüder von der Landstraße, die nicht als Wanderer, sondern als blinde Passagiere auf, unter und hinter den Eisenbahnwagen in beständiger Lebensgefahr das Land durchquerten, hatte Vater aufs tiefste bewegt, und hier sollte Vietor in seinen Verhandlungen mit Carnegie einsetzen. Aber noch ehe Vater durch Buchmann eine Besprechung zwischen Carnegie und Vietor herstellen konnte, setzte Vaters Tod diesem Plan ein Ziel.
Wieder und wieder galten Vaters Besuche seinem alten Freunde, dem Generalsuperintendenten Braun, in seinem kleinen Hause am Waldrande. Vater hatte sich nie dareinfinden können, daß Braun seine Arbeit am evangelischen Gymnasium in Gütersloh aufgegeben hatte und Generalsuperintendent in Berlin geworden war. Er blieb der Überzeugung, daß Braun damit seine eigentliche Lebensaufgabe verlassen habe. „Wir haben keinen wichtigeren Posten in der ganzen evangelischen Kirche als den am Gymnasium zu Gütersloh,” sagte Vater gelegentlich.Nach dem Ausscheiden Pastor Möllers, der als Brauns Nachfolger zum Segen für viele bis zum siebzigsten Lebensjahr dem Gymnasium gedient hatte, wurde ein neuer Geistlicher für das Gymnasium gesucht, und Braun bat Vater, unsern Bruder Friedrich dafür freizugeben. Die Sache bewegte Vater aufs tiefste. Er blieb bis zuletzt seinem Grundsatz treu, wenn es nötig und möglich sei, das Liebste sich vom Herzen zu reißen und an die bedrohtesten Posten zu werfen. An einem Februarnachmittag fuhr er nach Gütersloh, um mit dem Fabrikanten Wolf, der seit Jahren sein verständnisvoller Mitarbeiter geworden war und als Nachfolger des Forstrats Deckert den Vorsitz des Anstaltsvorstandes führte, zu überlegen. Vater sah das Gymnasium in Gütersloh, das in seiner Unabhängigkeit einzig in seiner Art dastand, als das eigentliche geistliche Zentrum der heranwachsenden deutschen Jugend an und war bereit, dafür jedes Opfer zu bringen.
Aber er konnte die Freudigkeit des Präses seines Vorstandes nicht gewinnen und mußte sich davon überzeugen, daß der gesamte Vorstand die Ansicht des Präses teilte. So legte er den Gütersloher Plan mit kurzer Entschlossenheit beiseite, um nun desto mehr unsern Bruder in der Freudigkeit für seine Aufgabe in Bethel zu stärken. Aber nicht in irgend einem Menschen sah er den eigentlichen Mittelpunkt der vielverzweigten Anstalt. „Das Wort Gottes muß euch zusammenhalten,” sagte er, „und das eigentliche Herzblatt unserer ganzen Arbeit ist die Heidenmission.”
Aber zugleich blieb ihm die Mission an der Seele des eigenen Volkes tiefstes Anliegen. Seit einigen Jahren hatten im Anschluß an die theologische Schule regelmäßig Bibelkurse für evangelische Arbeitersekretäre stattgefunden. Anfang März 1910 waren wieder die Sekretäre zu einem solchen Kursus versammelt. Mit tiefstem Interesse nahm Vater an den Besprechungen teil und trat im Einzelgespräch den Sekretären näher, namentlich ihrem weitblickenden Führer Behrens. Die durch diese Sekretäre vertretene, von Liz. Mumm und Liz. Weber mit zäher Umsicht geleitete evangelische Arbeiterbewegung hatte seit Jahren ihr Organ in einer von Stöcker begründeten, unter dem Titel „Das Volk” erscheinenden Tageszeitung, aus der sich die Zeitung „Das Reich” entwickelte. Daß die letztgenannte alsbald in eine bedrängte Lage geriet, bewegte Vater sehr. Ersah den Untergang des Blattes kommen, wenn es in Berlin bliebe, und bat den Redakteur,Dr.Oestreicher, Mitte März, zu einer Besprechung nach Bielefeld zu kommen. In herzandringender Weise legte er ihm dar, daß der Herausgeber eines Blattes, das die innerste Pflege der Seele des Volkes zur Aufgabe habe, in der schwülen Großstadtluft Berlins nicht frei und tief genug atmen könne und eine gesundere Atmosphäre aufsuchen müsse. Oestreicher möge so schnell wie möglich eine Übersiedelung des Blattes aus Berlin nach Bielefeld in die Wege leiten, um dort im Anschluß an das kleine von Budde begründete christlich-soziale Organ, den „Ravensberger”, seine Arbeit fortzusetzen. Die Bitte war vergebens. Nach einem halben Jahre stellte „Das Reich” sein Erscheinen ein, und die hingebende Kraft Oestreichers war für die Sache verloren. Der Gedanke selbst aber lebte fort und fand, wenn auch erst neun Jahre später, dadurch seine Erfüllung, daß aus dem „Ravensberger” die noch heute in Bethel erscheinende Tageszeitung „Aufwärts” hervorging.
Für die Anstaltsgemeinde im besonderen beschäftigte ihn unablässig der Gedanke an die richtige Versorgung der im Dienst ergrauten Schwestern, der alsbald durch die Errichtung eines schönen, großen Feierabendhauses in die Tat umgesetzt wurde. Daneben lag ihm wieder und wieder die rechte Pflege der heranwachsenden Kinder der Anstaltshauseltern und Anstaltsbeamten am Herzen.
Einer der letzten ausführlichen Briefe Vaters galt, wie im vorigen Abschnitt gezeigt, der deutschen Armee, und die verständnisvolle Antwort des Kriegsministers war eine der letzten großen Freuden, die Vater erlebte.
Am 6. März feierten wir mit der ganzen Gemeinde im schönen großen Assapheumssaal seinen Eintritt ins achtzigste Lebensjahr. Gelassen wie ein Kind ging er seinen Weg vorwärts, zuweilen mit einer Verlängerung seiner Arbeitsfrist auf Erden rechnend, aber daneben immer wieder an sein baldiges Ende denkend. Unbeschreiblich gemütlich blieben unsere Abendstunden, in denen wir ein schönes Buch nach dem andern lasen, zuletzt, als der zehnjährige Sohn unseres afrikanischen Freundes Johanssen seine Abende bei uns zubrachte, das Leben Hagenbecks. Nicht nur den Jungen, dem zuliebe Vater das Buch lesen ließ, interessierte es aufs lebhafteste, sondern auchVater selbst, der immer wieder staunte über die große Liebe und Energie, mit der Hagenbeck über die wilden Tiere Herr wurde.
Wurde Vater müde, so rief er: „Vorwärts, alter Kerl!”, richtete sich in seinem Sessel auf und ging an seinen beiden Stöcken auf und ab. Wenn die Uhr neun schlug, las unsere Schwester aus Wursters Buch die Andacht, und Vater hielt das Schlußgebet. Tagsüber freute er sich immer wieder an dem kommenden Frühling und seinen Blumen. Am Todestage Cäsars, dem 15. März, blieb er vor den sprossenden Primeln im Garten stehen. „Armer Cäsar,” sagte er, „hast an deinen Iden gewiß keine so schönen Blümchen gehabt.” Und dann im Gedanken an den schmerzlichen Untergang des großen Mannes: „Wo mag er jetzt sein? Wenn Gott dem nicht gnädig ist, wem ist er dann gnädig?”
Mit den Frühlingsblumen in der Hand ist er dann noch von einem Krankenbett zum andern gewandert. Zuletzt zu den gemütsleidenden Frauen nach Magdala und zu seiner an schwerer Lungenentzündung darniederliegenden Schwiegertochter.
Am zweiten Ostertage zogen wir noch einmal mit ihm durch das ganze liebe Anstaltstal bis zum benachbarten Hof des Kolons Wüllner, der später die Heimat der Volkshochschule werden sollte.
Am Mittwoch darauf war der letzte Abend, den wir ihn unter uns hatten. Noch einmal las die Schwester die Andacht, und Vater betete und schloß mit den Worten: „Sorget nichts, Kinder! Alle eure Sorge werfet auf ihn!”
Im Schlafzimmer oben traf ihn dann ein neuer Schlaganfall. Das Bewußtsein war gleich verschwunden. Ohne zu leiden, lag er noch drei Tage. Wie mit verhaltenem Atem ging die ganze Gemeinde dahin. Wir wußten alle, daß nun der Abschied gekommen sei. Einer nach dem andern trat still an das Sterbelager, um noch einmal in das schlummernde Angesicht zu sehen. Die Klänge aus Pastor Kuhlos Flügelhorn stärkten uns wieder und wieder.
In der Mittagsstunde des 2. April, während ich am Krankenlager meiner Frau war, wurde ich gerufen. Die Stunde des Abscheidens stand vor der Tür. Ich eilte von meiner Wohnung durch den Buchenwald hinunter. Am Wege, den Spaten in der Hand, stand ein russischer Baron von Obolianinoff, der seitvielen Jahren als epileptischer Kranker in Bethel war und Vater sehr nahe stand. Ich sagte ihm, wohin mein Weg ginge. Da floh der Glanz von seinen dunklen Augen, und ich sah wie in einen dunklen Abgrund des Schmerzes hinein. Sagen konnte er nichts. Aber sein erloschenes Auge sprach laut von dem, was diese Stunde nicht nur für diesen einen einsamen Kranken, sondern für ungezählte bedeutete.
Die Geschwister fand ich schon versammelt. Wir knieten um das Bett und hielten abwechselnd die erkaltenden Hände. Als der letzte Atemzug getan war, betete unser Bruder Wilhelm aus tiefstem Herzen und brachte Gott den Dank dar über diesem für die Erdenarbeit abgeschlossenen Leben.
Als ich am späten Nachmittag wieder durch den Buchenwald zurückging, wehte von der Zionskirche die Fahne. Im hellen Schein der Abendsonne leuchteten darauf die Worte: „Lobe, Zion, deinen Gott!” Jene in Schmerz getauchten Augen des Kranken und diese hell leuchtende Fahne gehörten zusammen. Darum waren auch die nun folgenden Tage, in denen der Zug der Kranken und ihrer Freunde noch einmal still in das friedliche Antlitz sah, bis wir mit vielen aus der Nähe und Ferne Herbeigeeilten um den geschlossenen Sarg in der Zionskirche versammelt waren, Tage, in denen das Klagen und Weinen überdeckt und übertönt wurde durch das Lob, das die Gemeinde der Elenden Gott darbrachte. Und als am 6. April die nicht enden wollenden Scharen sich langsam vom Grabe verloren, sang durch den scharfen Abendwind die Amsel ihr Frühlingslied.
Buchdruckereider Anstalt Bethelbei Bielefeld.