Die Ausbildung.

Bald ging es an den Bau eines einfachen einstöckigen Landhauses, an das Zuschütten des alten Hausgrabens und an die Einrichtung des neuen Blumen- und Obstgartens. Überall legten der Vater und seine Söhne selbst mit Hand an. Dazwischen aber tauchten all die alten Freuden aus Koblenz und Berlin wieder auf. In der Seseke, dem kleinen Fluß, der das Gutsland durchschnitt, wurde geschwommen, gefischt und gerudert; auch die Jagdflinte wurde wieder über den Rücken geworfen und mit dem geliebten Vater um die Wette das Land in die Länge und Breite durchstreift.

Aber inzwischen mußten weitere Schritte ins Leben hinein getan werden. Der Konfirmationsunterricht bei dem Hofprediger Snethlage in Berlin war unterbrochen worden. So brachte der Vater den nun schon siebzehnjährigen Friedrich nach Unna. Pastor von Velsen, als Mensch und als Christ eine gleich anziehende Persönlichkeit, wollte den Primaner nicht mit den so viel jüngeren Konfirmanden zusammen unterrichtenund gab ihm auf seinem Zimmer die Konfirmationsstunden. „Das waren selige Wege nach dem lieben Unna hinaus,” schrieb er, „und tiefer als die Konfirmationsfeier selbst blieben diese Stunden in der Seele haften.”

Dann kam die Aufnahme in das Gymnasium zu Dortmund. Aber heimisch wurde er hier nicht. Dazu war die Heimat zu nah. Einige Male machte er am Sonntag zu Fuß den weiten Weg von Dortmund nach Unna, um den Konfirmator wiederzusehen, dessen Predigten ihm mehr zu Herzen gingen, als es sonst ein menschliches Wort bis dahin getan hatte. Aber für gewöhnlich ging es mit den Brüdern Franz und Ernst jeden Sonnabend Nachmittag auf Fußwegen quer durch die Felder die drei Stunden weit zu Eltern und Geschwistern nach Velmede. „Dabei begegnete es mir einmal,” erzählt er, „als das Elternhaus aus der Ferne winkte, daß ich mich wiederholt umblickte, weil es mir vorkam, als ob ein Reiter auf dem schmalen Fußpfade hinter mir her galoppierte, bis ich erkannte, daß es mein eigenes Herz war, welches so laut vor Freude und Wonne klopfte beim Anblick des geliebten Vaterhauses.” Und am letzten Busch kamen Vater und Mutter und die beiden Schwestern Frieda und Sophie den Brüdern entgegen. Dann ging es gemeinsam ins Elternhaus, das vorher nie so genossen worden war als jetzt, wo die Söhne nicht jeden Tag darin zubringen konnten.

Am Sonntagmorgen stand der Vater, der in gesunden Tagen nie den Gottesdienst versäumte, für den Weg in die Kirche nach Methler bereit, und die Kinder folgten ihm, während die Mutter sich alle vierzehn Tage mit den Mägden abwechselte. Am Nachmittag ging es dann unter die Eichen des Mühlenbruchs, wo die Söhne einen lauschigen, stillen Sitzplatz für die Eltern und Schwestern errichtet hatten und wo nun an dem flackernden Feuer die Kartoffeln geröstet wurden. „Wie konnte der Vater jubeln durch den Mühlenbruch wie ein Kind!” schreibt der Sohn. Und in einem Brief der Tochter Sophie heißt es: „An jeder Blume, jedem Blatt und Strauch hatte er seine kindliche Freude. Es ist ja auch ein wahrhaft erfrischender Anblick, den Mann zu sehen, der durch alle Unnatur der Welt, alle Schlechtigkeit und Niedrigkeit der Menschen, alle die ertötendsten Geschäfte des täglichen Lebens und durch viel bittere Enttäuschungen sich hindurchgerettet und sich den reinen, heiteren,ungetrübten Sinn eines Kindes zu erhalten gewußt hat. So heiter, frisch und kräftig habe ich ihn eigentlich noch nie gekannt.”

Ostern 1849 entließ das Gymnasium in Dortmund den jungen Friedrich von Bodelschwingh mit dem Zeugnis der Reife. Da er nur ein halbes Jahr in Berlin und nur ein Jahr in Dortmund die Prima besucht hatte, so würde er am liebsten noch ein halbes Jahr auf das geliebte Friedrich-Wilhelms-Gymnasium nach Berlin zurückgekehrt sein, um trotz des guten Dortmunder Zeugnisses die klassischen Studien zu vertiefen. Aber der Vater riet ab.

„Meine landwirtschaftliche Lehrzeit ist unzweifelhaft die reichste meines Lebens gewesen und wird mir auch wahrscheinlich immer die angenehmste Erinnerung bleiben, sodaß ich sie um keinen Preis missen möchte, sollte ich auch jede beliebige andere Karriere ergreifen. Wenn Zeit und Mittel es gestatten, so will ich einem jeden unbedingt raten, dem Juristen sowohl wie dem Forstmann und Bergmann, vor allem aber dem zukünftigen Soldaten, daß er sich durch ein landwirtschaftliches Lehrjahr für seinen späteren Beruf vorbereitet.”

F. v. B. an seinen Vater 1853.

Was nun werden? Schon während der Zeit in Dortmund hatte Bodelschwingh gelegentlich ein Bergwerk befahren und als Hauer mitgearbeitet. Eigentlich gefesselt hatte ihn diese Arbeit nicht. Sollte er Jura studieren? Aber die unsicheren politischen Verhältnisse schreckten ihn ab. Dagegen brachte ihn die vielfache Beschäftigung mit seinem Vater in Garten, Feld und Wald zu dem Gedanken, zunächst einmal die Landwirtschaft zu ergreifen. Um sich für die praktische Tätigkeit als Landwirt vorzubereiten, ging er zum Studium der Botanik und der Physik für den Sommer 1849 nach Berlin, wo er außer den beiden genannten Fächern Philosophie und Geschichte hörte. Im Herbst 1849 brachte ihn dann sein Vater auf seine neue Arbeitsstelle.

„Ich besinne mich noch darauf,” schreibt er, „daß es gerade die Nacht vom 14. auf den 15. September war, wo wir in Begleitung meines neuen Lehrherrn, des alten Koppe, zu Wagen von Berlin nach Kienitz im Oderbruch fuhren. Die Nacht war für mich sehr lehrreich, weil der alte Herr meinem Vater, den er schon als früheren Finanzminister kannte und liebte, viel aus seinem Leben erzählte. Der alte Koppe war in der Tat eine ausgezeichnete und in vieler Beziehung für meinen neuen Berufvorbildliche Persönlichkeit. Er war auf einem Gute in der märkischen Lausitz Hütejunge gewesen. Sein Gutsherr hatte ihn als einen munteren, geweckten Knaben, der in allen Stücken besonders treu war, kennen gelernt und liebgewonnen. Er hatte ihm dann zu seiner weiteren Ausbildung verholfen, sodaß er später zum Gutsverwalter aufrückte.

Wir fuhren in jener Nacht durch die Güter eines der reichsten Herren dort in der Mark. Diese Güter hatte der alte Koppe lange Zeit verwaltet und hatte seinem Herrn in seinen Vermögensverhältnissen durch große Umsicht und Treue sehr fortgeholfen. Als dann die beiden wertvollen königlichen Domänen Kienitz und Wollup bei Küstrin pachtfrei wurden, reichte ihm sein Herr gegen die Teilung des Reingewinnes die Mittel dar, die Pachtung anzutreten. Mit großen Opfern kaufte sich Koppe später von dieser Verpflichtung, den Reingewinn zu teilen, frei. Trotzdem brachte er es so weit, daß er seiner Frau das Gut, auf dem er als Hütejunge gedient hatte, zum Geburtstagsgeschenk machen konnte und daß er seine sämtlichen Söhne und Schwiegersöhne ebenfalls entweder mit einem großen Gut oder mit großartigen Pachtungen auszustatten in die Lage kam.

Dies alles verdankte er nächst dem Segen Gottes seiner großen Treue im Kleinen und seiner pünktlichen Sorgfalt. Er wurde der Begründer des landwirtschaftlichen Rechenwesens in seiner jetzigen Genauigkeit, wodurch man in die Lage gesetzt ist, von jedem Zweige der Landwirtschaft am Schluß des Jahres genau zu wissen, was er an Gewinn oder Verlust gebracht hat. Während, wie Koppe in jener Nacht erzählte, sein Vorgänger z. B. keine Ahnung gehabt hatte, ob er bei seiner Pferdezucht gewinne oder zusetze, — das zweite war tatsächlich der Fall — gab sich Koppe über jeden einzelnen Betrieb seiner Wirtschaft genau Rechenschaft. Bis in sein hohes Alter behielt er die gleiche Pünktlichkeit bei: Punkt fünf Uhr stand er fertig angezogen an seinem Schreibtisch und erwartete, daß auch auf denselben Glockenschlag die Inspektoren und Eleven hereintraten, um die Arbeitseinteilung zu besprechen. Dabei sorgte er treulich für seine Arbeiter und ging ihnen auch in seinem kirchlichen Leben mit gutem Beispiel voran.

Ich wurde zunächst seinem zweiten Sohn, dem er die Bearbeitung der Domäne Kienitz übertragen hatte, als Eleve anvertraut.Die Domäne Kienitz war damals zwar nicht eins der größten, aber doch eins der bestbewirtschafteten Güter des Oderbruchs. Auch war sie das einzige Gut des Oderbruchs, das eine Zuckerfabrik besaß. Von den 2200 Morgen wurden jedes Jahr 700 mit Zuckerrüben bestellt. Der Viehbestand setzte sich zusammen aus 40 Ackerpferden, 24 Kühen, 100 Ochsen und mehreren 1000 Schafen. Das Gut lag nur eine halbe Stunde von der Oder entfernt. Die breiten mit Weiden bestandenen Wassergräben, die das Gut durchzogen, und ein einziger Sandhügel von 2 bis 3 Morgen, der mit Birken und Tannen bepflanzt war, bildeten die geringe Abwechslung in dieser einförmigen, aber überaus fruchtbaren Ebene.

Mein Prinzipal war in einiger Verlegenheit, was er mit dem etwas ungewöhnlichen Lehrjungen anfangen solle, der als Studiosus von der Universität kam und von dem er zu denken schien, er würde besondere Ansprüche machen. Auf dem ersten Spaziergang mit ihm ins Feld hinaus kamen wir zu den Ochsenpflügern, die den Acker für die Rüben, die im nächsten Frühjahr gelegt werden sollten, aufbrachen. Es war eine lange außerordentlich dürre Zeit gewesen und darum der Acker so hart wie eine Dreschtenne. Die sogenannten Rigolpflüge waren jeder mit fünf starken Ochsen bespannt, zwei hinten und drei vorn, und der von ihnen umgebrochene Acker war anzusehen wie ein Feld voller aufgebrochener Steinblöcke. Die einzelnen Erdschollen waren zum Teil zentnerschwer. Ein Mann mußte den Pflug führen, während ein anderer die Ochsen langsam antrieb, die unter beständigem Keuchen und Stöhnen einen Erdblock nach dem andern herausholten.

Ich fragte meinen Prinzipal, ob ich das Pflügen wohl lernen dürfe. Diese Frage schien ihm eine große Erleichterung zu gewähren. Denn ihm war nun aus der Verlegenheit geholfen, und ich war an der Arbeit. Etwa vier Wochen lang habe ich dann einen solchen Rigolpflug geführt. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Die Ochsen wurden zweimal am Tage umgespannt, aber der Pflüger mußte von morgens fünf bis abends acht Uhr aushalten, und es war damals in den Septembertagen noch eine recht heiße Sonnenglut. Die Knöchel schwollen mir vor Anstrengung dick an, und ich war bald von der Sonne braun gebrannt trotz einer großen grünen Mütze, die ich auf dem Kopfe trug. Hierauf lernte ich auch mit den Pferden pflügen,deren immer sechs vor einen Pflug gespannt waren, drei in einer Reihe, wobei ich gleichzeitig den Pflug führen und die Pferde regieren mußte.

Nun ging auch die Herbstbestellung an, und ich lernte mit vier Pferden die Eggen im Kreise herumschleudern, um die steinharte Erdkruste zu zerkleinern. Inzwischen hatte auch die Rübenernte begonnen, die bis tief in den November hinein dauerte. Alle Arbeit, die vorkam, machte ich mit. Am sauersten wurde mir das Säelaken, in das ein halber Scheffel Roggen eingebunden war und mit dem ich den tiefen Acker durchschreiten mußte. Hierbei wurde ich völlig lahm. Als das Frostwetter eintrat, bekam ich meine Arbeit auf dem großen Pachthof, wo nun tüchtig gedroschen wurde. Drei Drescher waren jedesmal zusammen auf dem Scheunenflur. Drei Tage wurde gedroschen und den vierten aufgemessen. Das Aufmessen hatte ich besonders zu beaufsichtigen. Die Drescher bekamen von Roggen und Weizen jedesmal den 15. Scheffel, von Hafer und Gerste jedesmal den 16. zum Eigentum. Das war ihr Lohn. Geld bekamen sie nicht. Daneben hatte ich die Futterausgabe und die Aufsicht über die Ställe. Hier bei den Ochsen, Schafen und Kühen war es im Winter gar heimlich und angenehm.

Mitunter galt es tagelang auf dem Kornboden stehen und das Getreide einmessen, das auf die Oder-Kähne verladen wurde, um nach Stettin und anderen Hafenstationen ausgeführt zu werden. Eine andere Winterarbeit war das Köpfen der Weiden. Abgesehen von den Gartenbäumen ist fast der einzige Baum des Oderbruchs die Weide, die die zahllosen Gräben der Niederungen begrenzt. Jedes Jahr wurde eine bestimmte Abteilung dieser Weiden abgeholzt, d. h. nur die drei- bis vierjährigen, und zwar über dem Kopf des Stammes. Diese Arbeit wurde mit einem kleinen scharfen Beil verrichtet und kostete mich erst einige Übung, denn die einzelnen Äste durften nicht splittern.

Sobald der Frühling ins Land kam, ging es an die Vorbereitung der wichtigsten Arbeit des ganzen Jahres, an die Rübenbestellung. Hierbei lernte ich eine heilsame Kunst, nämlich die, treu auf dem bestimmten Posten auszuharren. So verlangte es der alte Herr Koppe von allen seinen jungen Leuten. Nachdem der Acker zubereitet war, wurde zunächst der Same mit Hilfe einer sogenannten Hopser-Schnur gelegt. Die Schnurhatte hundert Knoten in gleich weitem Abstande. Je zwei Knoten, die mit bestimmten Bändern bezeichnet waren, gehörten immer einer Samenlegerin. Diese hatte da, wo ihre beiden Knoten waren, zwei Löcher zu graben, den Samen hineinzulegen, wieder zuzuscharren und mit dem Fuß daraufzutreten. An den beiden Enden der langen Schnur aber standen zwei Leute mit dem Hopser. Diese riefen jedesmal, wenn die Schnur weiterrückte, „Hopp”. Auf solche Weise mußten 700 Morgen mit Samen belegt werden — eine Arbeit, die die größte Sorgfalt erforderte. Es galt aufzupassen, daß keine der Samenlegerinnen zurückblieb und keine unordentliche Arbeit machte. Die größte Freude machte es mir, in den langen, langen Streifen die kleinen Rüben regelmäßig aufgehen zu sehen, und der Kummer war groß, wenn irgendwo schlecht gearbeitet worden war. Hatte man sich die Reihenfolge der einzelnen Legerinnen aufgeschrieben, so konnte man noch nach Wochen wissen, an wem die Schuld lag. Dann kam das Verhacken und Verziehen und abermalige Verhacken der Rüben. Vierzehn Wochen habe ich so ununterbrochen aushalten müssen, ohne mittags nach Hause zu kommen. Mein Mittagessen bekam ich in einem kleinen Korb an irgend einen Grabenrand hinausgeschickt.

So eintönig diese Arbeit scheint, so machte sie mir doch große Freude. Ihre Eintönigkeit erleichterte ich mir dadurch, daß ich in der Frühstücks- und Mittagspause meinen armen Rübenhackerinnen schöne Geschichten vorlas. Auch führte ich in meiner Tasche entweder Matthias Claudius oder eine andere Sammlung bei mir und lernte, hinter meinen Arbeiterinnen auf- und abgehend, unbemerkt manches schöne Gedicht auswendig. Hiernach kamen die Klee- und die Heuernte und dann die Getreideernte mit ihrer heißen Arbeit und ihrer Freude des Einfahrens, woran alle vierzig Pferde beteiligt waren.

Als wir eben die Rübenernte begonnen hatten, gab es für mich ein wichtiges Ereignis. Der Krieg gegen Österreich drohte auszubrechen. Meine sämtlichen älteren landwirtschaftlichen Mitarbeiter, auch der erste Inspektor, ja selbst der ältere Bruder meines Prinzipals, der Administrator von Wollup, wurden zu den Fahnen einberufen. So blieb meinem Prinzipal nichts anderes übrig, als mich zum ersten Inspektor avancieren zu lassen. Die Not ist ja der beste Lehrmeister. Ich bekam jetzt ein Reitpferd und hatte mich vom Morgen bis zum Abend tüchtig zutummeln. Am Abend hatte ich die Löhne auszuzahlen, und oft saß ich bis tief in die Nacht, um mit meiner Rechnung in Ordnung zu kommen. Denn es war eine Haupttugend des alten Koppe, daß er eine so sorgfältige Rechnungslegung verlangte und von jedem Arbeiter, jedem Ochsen, jedem Pferd jeden Abend genau aufgeschrieben haben mußte, was und worauf sie gearbeitet hatten.

Mitten in diese tapfere Arbeit, die mir viel Freude machte, kam die Nachricht, daß mein Vater, als die Kriegswolken sich dichter zusammenzogen, sich zum Eintritt in die Armee gemeldet und sich sein früheres Regiment als Oberst ausgebeten hatte. In einem seiner Briefe kam es mir so vor, als ob er dächte, mir wäre die Not des Vaterlandes gleichgültig. Ich trat mit diesem Briefe zu meinem Prinzipal und sagte: „Es hilft mir nichts, ich muß mich heute noch in Berlin als Soldat melden.” Als ich in Berlin bei meinem Vater eintrat, sagte er: „Dein Bruder Franz hat sich bereits bei den Garde-Jägern gemeldet; ich wünsche, daß auch du dort eintrittst.” Ich fuhr sofort nach Potsdam, meldete mich beim Kommandeur des Jägerbataillons und wurde als Freiwilliger angenommen. Um dies meinem Vater mitzuteilen, kehrte ich noch einmal nach Berlin zurück. Als ich bei ihm eintrat, war er sehr traurig. Denn soeben war die Nachricht gekommen, daß sich Preußen in Olmütz vor Österreich gedemütigt hatte und das Schwert wieder in die Scheide gesteckt wurde.

Nun sorgte mein Vater dafür, daß meine Meldung für ungültig erklärt wurde und ich wieder auf mein Arbeitsfeld zurückkehren konnte. Noch an demselben Tage langte ich um Mitternacht auf meinem todmüden Pferde in Kienitz an zur großen Freude meines Prinzipals, um am andern Morgen wieder meinen Dienst zu übernehmen. Als nach einiger Zeit auch meine Kollegen zurückkehrten, wollte mein Prinzipal mich nicht wieder Lehrling werden lassen, sondern schickte mich für den Rest meiner Lehrzeit nach Wollup zu seinem Bruder, einem äußerst liebenswürdigen Manne, dem ich das Hauptbuch abschließen half und bei dem ich auch die in Kienitz nicht vorkommenden Zweige der Landwirtschaft kennen lernte, namentlich die dort blühende Branntweinbrennerei.

An herzlicher Freundlichkeit in beiden Familien Koppe hat es mir nicht gefehlt. Im übrigen aber war das Leben für michmit viel Kampf und Not verbunden. Das Dasein der jungen Landwirte ist meist sehr traurig, weil sie vielfach für höhere Genüsse keinen Sinn haben. In die Kirche ging niemand. Das war insofern freilich kaum recht zu ändern, weil es mit dem Geistlichen in Kienitz überaus dürftig aussah. Ich ging aber aus Trotz, um nicht als Feigling dazustehen, und gerade weil ich darüber ausgelacht wurde, mitunter in die Kirche. Morgens beim Frühstück las ich meinen Tacitus, römische Geschichte. Im Hause war eine Schwester des Professors Steinmeyer, ein vortreffliches Mädchen, die „Fränzchen” genannt wurde. Mit ihr spielte ich, während die andern Karten spielten, manche Partie Schach. Denn für das Kartenspiel hatte ich mich nicht erwärmen können; ich hatte es wohl einige Male versucht, wurde aber, weil ich keinen Ernst bei der Sache zeigte, abgesetzt. Am liebsten ging ich Sonntags still durch die Felder, die ich hatte bestellen helfen, oder auch wohl an das Ufer der Oder, wo ich vom Deich eine liebliche Aussicht über die weiten fruchtbaren Fluren genoß. Der Abschied von diesem arbeitsreichen Ackerfeld wurde mir immerhin nicht ganz leicht, als es im Frühjahr 1851 galt, des Königs Rock anzuziehen, um mein freiwilliges Soldatenjahr abzudienen.”

Am 1. April 1851 trat ich beim Kaiser-Franz-Grenadier-Regiment ein und ließ mich gleichzeitig in der Universität als Student einschreiben, diesmal als Jurist, während ich vor zwei Jahren Philosoph gewesen war. Auf eine gemütliche Wohnung kam es mir ganz besonders an, weil ich wußte, wie wichtig das für einen Studenten ist, damit ihm sein Zimmer angenehmer bleibt als die Kneipe. Auch liebte ich damals sehr die Romantik, sodaß es mir wichtig war, in dem alten Berlin eine romantische Wohnung zu bekommen. Ich fand eine solche in der Klosterstraße, gerade gegenüber der alten Klosterkirche.

Am Anfang waren meine Eltern noch in Berlin, da mein Vater Mitglied des Landtages war. Aber bald kehrten sie nach Westfalen zurück. Ich hatte sie zum Abschied auf den Bahnhof geleitet, von dem sie den Nachtzug benutzten, und ich erinnere mich noch deutlich, daß es mir eigentümlich bange zu Mute war, als ich beim Schein der Laternen durchs Brandenburger Torzurückwanderte in die große, böse, versuchungsvolle Stadt, in der ich einen wirklich treuen Freund nicht besaß.

Mein früherer Freund, Gustav Bossart, war zwar auch Student in Berlin. Aber unsere Wege waren weit auseinander gegangen, und für meine Seele hatte ich an ihm keinen Halt mehr. Ja, ich mied ihn sogar. Meine Kameraden aber unter den Freiwilligen waren meistenteils recht lose Gesellen, die nichts als Narrenteidinge im Kopfe hatten. Nur einer war darunter, der Sohn eines armen Schäfers aus Pommern, der sich mit eisernem Fleiß durchgearbeitet hatte, um Theologie zu studieren. Er stand leider bei einer andern Kompagnie. Aber ich sah ihn doch mitunter, und er erzählte mir einmal mit großer Freude, daß ihn sein Hauptmann habe zu sich kommen lassen, weil er sein blasses und müdes Gesicht bemerkt hatte, — er mußte sich damals aufs äußerste durchhungern — und wie er ihn aus eigenen Mitteln aufs freundlichste versorgt und ihm einen Mittagstisch verschafft habe. Auch fand ich einen unter unsern Unteroffizieren, der sich vor der gewöhnlichen Sorte auszeichnete und für seine Leute vortrefflich sorgte.

Mein Kompagnieführer war mein Vetter, August von Witzleben, ein strammer Soldat, der es mit der Ordnung sehr genau nahm, aber von dem Einen, was not ist für seine Soldaten, nichts wußte. Interessant war mir jedesmal der Wachdienst, und ich freute mich immer, wenn ich an die Reihe kam. Am interessantesten war meine letzte Wache, die mir mein Vetter offenbar aus besonderer Freundlichkeit ausgesucht hatte, nämlich vor dem Palais des alten Kaisers, des damaligen Prinzen Wilhelm. Es war die zweite Nacht vor der Enthüllung des Denkmals Friedrichs des Großen. Ich hatte den Vorzug, in der frühen Morgendämmerung, ehe noch jemand auf der Straße sich blicken ließ, die Probe der Enthüllung vornehmen zu sehen und früher als andere das Bild des alten Fritz zu schauen.

An demselben Tage, vor meiner Ablösung, war ein gewaltiges Gedränge vor dem prinzlichen Palais. Viele fremde Offiziere fuhren in ihren Wagen vor, und ich mußte beständig auf meiner Hut sein. Unter andern kam auch mein alter Freund, Prinz Friedrich Wilhelm, und ich hatte die Freude, auch vor ihm mein Gewehr zu präsentieren. Er sah mich einen Augenblick scharf an, erkannte mich aber offenbar nicht in meinem Soldatenrock. Als er fort war, kam mit einem Male mitten aus demGetümmel des zusammengedrängten Volkes mutterseelenallein ein kleines Stümpchen von höchstens zwei Jahren die Rampe heraufgestiegen, gerade auf mich los. Da es in Gefahr war, von den Wagen überfahren zu werden, nahm ich es bei der Hand und führte es herunter, zum großen Jubel des zuschauenden Publikums.

Am folgenden Tage stand das ganze Gardekorps teils auf dem Schloßplatz, teils auf dem Opernplatz in Parade, und ich erinnere mich noch deutlich, wie ich des Königs Stimme selbst vernahm, als er laut rief: „Achtung!”, ihm nach dann die Generale: „Achtung!” und so herunter bis zu unserm Regimentskommandeur immer eine Stimme nach der andern: „Achtung!” und dann: „Präsentiert das Gewehr!” In demselben Augenblick fiel der Vorhang vom Denkmal des alten Fritz, und 101 Kanonenschüsse donnerten zum Zeichen, daß des großen Königs Andenken erneuert worden war, und in begeisterter Stimmung marschierten wir im Paradeschritt vor des Königs und sämtlicher Prinzen und Prinzessinnen Augen an dem Denkmal vorüber und die Linden hinunter.

Kurze Zeit danach hatten wir am Kreuzberg unser großes Feldmanöver zu Ehren des russischen Feldmarschalls Paskewitsch. Dieses Manöver war nach Gottes Führen und Regieren für meinen ganzen Lebensweg von Entscheidung. Es war ein heißer Tag. Nach längeren, scharfen Bewegungen, zum Teil im Laufschritt, hieß es plötzlich auf dem weiten zugigen Felde: „Halt! Gewehr ab!” Da standen wir. Von der Stunde ab fühlte ich mich nicht wohl, ohne daß jedoch sofort eine Krankheit ausgebrochen wäre. In meinem jugendlichen Trotz wollte ich nicht nachgeben und machte an den folgenden Tagen noch die Felddienstübungen mit. Aber es wurde mir immer saurer, und ich litt an Atemnot. Die Atemnot glaubte ich am besten durch kräftige Anstrengungen der Lunge überwinden zu können. Es war gerade damals ein köstliches Wellenbad in Moabit eingerichtet, wo ich gern mit meinen Kameraden badete. Ich gewann noch eine Wette beim Schwimmen, aber damit war auch meine Kraft zu Ende. Ich mußte mich revierkrank melden, da ich keine Kraft mehr zum Marschieren hatte und mein Atem immer kürzer wurde.

Zwei Tage lag ich recht elend auf meiner einsamen Stube in der Klosterstraße, von meinen guten jüdischen Wirtsleutengepflegt. Da besuchte mich mein Freund, Gustav Bossart, den ich sehr vernachlässigt hatte, und bewies sich nun recht als Helfer in der Not. Er brachte die Nacht an meinem Bette zu und schaffte mich dann, da er sah, wie ernst die Sache wurde, in das Militärlazarett in der Grünen Straße, wo ich mit zwei andern Freiwilligen, zu denen zu meiner großen Freude mein lieber Schäferssohn gehörte, ein Zimmer teilte. Der Bataillonsarzt erkannte die Krankheit nicht sogleich; als aber der Regimentsarzt kam, sagte er sofort: „Hier will ich Blut sehen”, d. h. ich sollte zur Ader gelassen werden. Der junge Militärarzt hatte noch wenig Übung in der Kunst des Aderlassens; darum floß wohl dreimal so viel Blut, als der Arzt bestimmt hatte. Es mochte aber so Gottes Wille sein zur Rettung meines Lebens. Denn es zeigte das Blut einen hohen Grad von Lungenentzündung, sodaß ich am nächsten Tage trotz des starken Blutverlustes noch einmal zur Ader gelassen wurde.

Die Lungenentzündung war mit einer Entzündung des Rippenfells verbunden, und es folgten nun dunkle Fieberstunden, die mich fast drei Tage lang ohne Besinnung ließen. Doch waren die Fieberphantasien meist freundlicher Art. Es ist mir darin etwas von dem klar geworden, was Paulus erfahren hat: „Außer dem Leibe wandeln”. 2. Kor. 12, 2. Es war mir nämlich so, als ob ich selbst die Schmerzen gar nicht mehr erlitte, die mein armer Leib zu tragen hatte. Ich sah in der Nacht, als meine Krankheit auf dem Höhepunkt war, einen Menschen, in welchem ich mich selbst erkannte, auf einem hohen Berggrat liegen. Die eine Hälfte des Menschen war ganz ein Eisklumpen, die andere stand in rotglühender Hitze. Zunächst nämlich war nur die eine Hälfte meiner Lunge entzündet. Dies war die Seite, die ich in der Gluthitze schaute. Ich konnte den Menschen in seiner Qual bedauern, während ich mich selbst ganz wohl fühlte.

Übrigens war meine Pflege jämmerlich. Der gute flachsköpfige Soldat, der bei mir Nachtwache halten sollte, schlief die ganze Nacht durch, und meine Bitte um einen Schluck frischen Wassers zur Linderung der Gluthitze blieb vergeblich. Nur mein Freund Bossart saß tagsüber öfter an meinem Bett. Eines Morgens aber, als ich eben aus einem kurzen Fieberschlummer aufwachte, saß statt seiner mein guter Vater da. Gerade in den ersten Tagen meiner Krankheit war des Vaters Bruder Karl, mein späterer Schwiegervater, als Minister nach Berlin versetztworden. Er hatte mich zum Mittagessen eingeladen, und als statt meiner die Nachricht kam, daß ich krank im Lazarett läge, hatte er meinen Vater benachrichtigt. Der Vater blieb drei bis vier Tage bei mir, bis ihn die liebe Mutter ablöste, die freilich die Pflege besser verstand als die Lazarettgehilfen, zumal sie ja den Vater so oft in der Lungenentzündung gepflegt hatte.

Die Krankheit ging aber nicht so schnell vorüber. Durch den übermäßigen Blutverlust bei den beiden Aderlässen war eine Art Wassersucht eingetreten, zu der dann noch ein typhöser Zustand hinzukam. Doch erinnere ich mich noch mit Freuden daran, wie mich einmal ein starker Grenadier auf die Arme nahm und die drei Treppen hinunter in den Garten trug, wie er mich in einen Lehnstuhl, der zwischen blühenden Blumen auf dem Rasenplatz stand, legte und wie mich dann ein Gefühl des Dankes und der Freude über meine Genesung ergriff. Einige Wochen später wurde ich zu meinem Onkel ins Finanzministerium transportiert. Hier bekam ich mein Quartier in dem schönen Gartensaal, wo wir als Kinder so glücklich gewesen waren. Nach fünf Wochen hatte sich die Kraft so weit eingestellt, daß ich die Reise in die Heimat antreten konnte.

Diese ernste Krankheit blieb mir ein Zeichen der Erbarmung und Freundlichkeit meines Gottes. Ich hatte ihn öfter gebeten, wenn er sähe, daß die große Stadt mit ihren Versuchungen mir gefährlich werden würde, dann möge er mich selbst hinausführen an seiner Hand. Ich konnte seine Gnadenführung deutlich erkennen. Namentlich die ersten beiden Tage im Lazarett, ehe ich die Besinnung verlor, hatten einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich lag ja mit den beiden Freiwilligen auf dem Krankenzimmer und zwar zwischen beiden. Der eine, der Schäferssohn aus Pommern, auch an der Brust leidend wie ich, wenn auch nicht gerade an Lungenentzündung, war freundlich, dankbar, still, ergeben, voll Lied und Lobgesang im Herzen. Der andere, ein junger Kaufmannssohn aus Elberfeld, infolge seines leichtsinnigen Lebens erkrankt, war beständig am Schimpfen und Fluchen, worüber er von meinem Nachbarn zur Linken mit großer Offenheit gestraft wurde. Als meine Krankheit zu schwer wurde, bekam ich ein Zimmer allein. Von meinen beiden Leidensgefährten habe ich nie wieder etwas gehört, aber der Eindruck blieb mir, was es doch für ein Unterschied sei zwischen einem gottlosen Menschen und einem Kinde Gottes.

Weil meine Krankheit einen chronischen Charakter annahm, so hatte ich, als ich in die Heimat reiste, einen langen Urlaub bekommen. Aber auch jetzt wollten sich die alten Kräfte nicht so schnell wieder einstellen. Als ich mich darum nach abgelaufenem Urlaub bei dem alten Regimentsarzt stellte, erklärte mich dieser für dauernd dienstuntauglich. Doch bekam ich meine definitive Entlassung erst neun Monate nach meinem Diensteintritt und zwar, wie es in meinen Militärpapieren hieß, „als ein mit der Muskete ausgebildeter Halbinvalide”.

„Nun war guter Rat teuer. Was sollte weiter aus mir werden? Als ich von dem alten Doktor wieder auf die Straße kam und der Droschkenkutscher mich fragte, wohin er fahren solle, sagte ich zu ihm, das wisse ich selbst nicht. Er möge fahren, wohin er Lust hätte. So fuhr er mich auf die nahegelegene Post, und ich entschloß mich flink, da die Postpferde gerade angespannt wurden, um nach Luckau zu fahren, einen kleinen Abstecher zu meinem Freunde Ernst von Senfft zu machen, der damals auf dem Hauptgute des alten Herrn Koppe in die Lehre getreten war.

Ernst von Senfft war in der Berliner Zeit, wo wir zusammen das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium besuchten, mein nächster Freund geworden und seitdem auch geblieben. Die Freundschaft zu ihm war mit ein Grund gewesen, weshalb ich den landwirtschaftlichen Beruf ergriffen hatte, in der Hoffnung, mit ihm gemeinsam landwirtschaftliche Studien treiben zu können. Während der Schülerzeit hatte ich von Berlin aus meinen Freund einige Male auf das Gut seines Vaters, Gramenz in Hinterpommern, begleitet, und es bestand ursprünglich die Absicht, daß wir dort gemeinsam unsere erste landwirtschaftliche Lehrzeit zubringen sollten. Aber gerade als wir diesen Plan in die Wirklichkeit umsetzen wollten, wurde mein Freund berufen, den Prinzen Friedrich Wilhelm (unseren späteren Kronprinzen und Kaiser) nach Bonn auf die Universität zu begleiten. Auf diese Weise waren wir auseinander gekommen und freuten uns nun um so mehr des Wiedersehens.

Ich brachte einige schöne, stille Wochen mit meinem Freund zusammen zu und lernte zugleich bei dem originellen alten Koppemanches, was ich im Oderbruch nicht hatte lernen können. Die Abende aber las ich mit Ernst Senfft, nach unserer gemeinsamen alten Jugendlust, Homers Ilias und dergl. mehr. Während unseres dortigen Zusammenseins traf eine Einladung des Vaters meines Freundes ein. Dessen Berufung als Oberpräsident von Pommern stand bevor. So konnte er sich wenig um seinen Besitz kümmern und forderte uns auf, daß wir im kommenden Frühling gemeinsam unsere bisher in der Landwirtschaft erworbenen Kenntnisse auf den Gütern in Hinterpommern verwerten sollten. Da die Ärzte vor der Hand bei dem Zustand meiner Lunge ein wissenschaftliches Studium nicht für geraten hielten, so willigte mein Vater ein.

Um mich auf meine Tätigkeit noch weiter vorzubereiten, folgte ich der Anregung eines andern Freundes, den ich in Kienitz kennen gelernt hatte, und ging zu dessen Bruder Franz Bieler nach Machern bei Friedeberg, einem trefflichen Landwirt, in dessen Hause ich viele Freundlichkeit und Förderung genoß.

In den ersten Tagen des April 1852 langte ich zugleich mit meinem Freunde Ernst in Gramenz an. Wir bezogen miteinander das Vorwerk Raffenberg, eine halbe Stunde von dem Hauptgute Gramenz entfernt. Raffenberg sollte von meinem Freunde Ernst bewirtschaftet werden, während mir zunächst die beiden andern Güter, Schoffhütten und Zechendorf, zugeteilt wurden, die ich von Raffenberg aus inspizieren sollte.

Der alte Herr von Senfft hatte Gramenz in den dreißiger Jahren für 60 000 Taler erworben. Er hätte bei diesem günstigen Ankauf ein sorgenfreies Leben führen können, denn das Hauptgut, das für sich allein 500 Morgen groß war, besaß sehr alte fruchtbare Ländereien und war darum recht wertvoll. Allein der rastlose Geist des alten Herrn war darauf gerichtet, alles unbebaute Land urbar zu machen. Um das dafür nötige Vieh halten zu können, legte er großartige Rieselwiesen an, zu deren Bewässerung das Wasser in drei großen Bassins durch aufgeführte Dämme gesammelt wurde. Allein diese Anlage, die Hunderttausende verschlang, brachte den gewünschten und erhofften Ertrag nicht, zumal gleichzeitig über 100 verschiedene Häuser gebaut wurden, sowohl für die wirtschaftlichen Zweige als für die Tagelöhner. Die Wasser des pommerschen Landrückens waren zu arm und darum der Ertrag der Wiesen zu gering. Infolgedessen befand sich der alte Herr beständig in dendrückendsten Sorgen. Da sollten wir jungen Leute nun raten und helfen, und die Hoffnung, die er auf uns setzte, ging dahin, daß binnen kurzem alle Sorgen von ihm genommen sein würden.

Immerhin war, äußerlich angesehen, Gramenz ein prachtvoller Besitz, zwei Meilen (15 Kilometer) lang, eine halbe Meile (3 bis 4 Kilometer) breit, von rieselnden Bächen und anmutigen Tälern durchzogen und an seinem Rande von lieblichen Seen umgeben, die mit Buchenwald eingefaßt waren. Was aber die Hauptsache war, um den Aufenthalt für mich segensreicher zu machen als meine drei letzten landwirtschaftlichen Orte Kienitz, Wollup und Machern: es bestand von alter Zeit her ein kirchlicher Sinn in der Gemeinde, und der Pfarrer Diekmann meinte es sehr treu. In der aufs freundlichste ausgestatteten Dorfkirche wurden erquickende Gottesdienste gehalten, zu denen wir uns regelmäßig Sonntags einfanden.

Wir beiden jungen Leute führten auf unserem Vorwerk ein eigenartiges Junggesellenleben. Die Schäfersfrau besorgte uns unsere Küche. Wir hatten jeder unser Reitpferd. Das meines Freundes hieß Soliman, meins Dido. Ich hatte es bald so gewöhnt, daß es, wenn es auf der Weide ging, auf einen Pfiff herankam und ich ihm bloß die Gerte, die ich in der Hand hatte, ins Maul zu legen brauchte. Dann ließ es sich ungesattelt in allen Gangarten reiten, indem ich es mit der Gerte, deren beide Enden ich gefaßt hatte, lenkte.

Wir beiden Freunde sahen uns gewöhnlich nur morgens und abends, gönnten uns aber doch bisweilen in einer trauten Einsamkeit an irgend einem Bachufer ein Ruhestündchen, um unsere klassischen Studien fortzusetzen. Unsere Freundschaft war sehr innig, auch in bezug auf die äußeren Dinge. Wir waren beide genau gleich groß, sodaß uns unser Zeug gegenseitig paßte. So hielten wir denn auf völlige Gütergemeinschaft, und jeder schaffte nach seinen Mitteln etwas in den gemeinsamen Kleiderschrank an, wobei man mit Vorliebe das anzog, was der andere angeschafft hatte.

So scharf und heiß unsere Arbeit meist den Tag über war, so fehlte es doch auch nicht an Erquickungen. Abends ritten wir oft auf unsern schnellen englischen Vollblutpferden nach dem nur eine Meile entfernten Buchwald hinüber, wo die älteste Schwester meines Freundes an einen Herrn von Glasenap verheiratetwar und wo damals ein liebliches Familienleben aufblühte. Glasenaps hatten sich am Ufer eines Sees ein gar freundliches Landhaus gebaut. In den schönen Sommernächten fuhren wir oft noch spät unter fröhlichen Liedern auf dem See, nachdem wir vorher ein erfrischendes Bad genommen hatten. Auch in Gramenz selbst, ehe der alte Herr nach Stettin übersiedelte, gab es in dem lieben Familienkreise manche freundliche Stunde.

Übrigens merkten wir beide, Ernst und ich, bald, daß die Sachen nicht standen, wie sie stehen sollten. Waren in den früheren Jahren große Fehler begangen, indem man zu große Flächen Wald urbar machte und stattliche Gehöfte auf ihnen aufrichtete, ohne die nötigen Mittel zu haben, um das urbar gemachte Land auch ertragfähig zu machen, so war es neuerdings ein besonders schwerer Mißgriff gewesen, daß man sich auf englische Pferdezucht und gar auf Trainierung kostbarer Rennpferde eingelassen hatte. Vor allem aber hatte der liebe alte Landesökonomierat Koppe, der sonst der kundigste Ratgeber war, den man hätte finden können, seinem Freunde Senfft geraten, eine große Zuckerfabrik zu bauen. Doch für den Zuckerrübenbau waren viele Flächen noch zu jung und zu arm.

Noch schlimmer war es, daß der alte Herr von Senfft nicht nachließ, seinen Pächtern immer neue Flächen zu entziehen in der Meinung, dadurch, daß er das Pachtland in eigene Bewirtschaftung übernahm, besser abzuschneiden. Der Sohn war hierin mit seinem Vater gar nicht einverstanden. In seiner romantischen Art konnte er wohl, wenn wir abends über einen der kleinen mit Eichen umstandenen Pachthöfe ritten, unter einer der alten Eichen still halten und sich dann in die Seele solch eines alten vertriebenen Erbpächters hineinzudenken, wie er seine mit ihm ausgetriebenen und zu Tagelöhnern hinuntergesunkenen und hinuntergestoßenen Leidensgefährten versammelte, um ihnen eine Rede zu halten, in der er sie zum Aufruhr gegen ihren Bedränger aufforderte, der sie von ihrem väterlichen Herd verstoßen und sie, voll unersättlicher Gier nach erweiterten Grenzen, aus dem Schatten ihrer alten Eichen verdrängt habe.

Der alte Senfft war in der Tat einer der wunderbarsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Schärfere Widersprüche können kaum in ein und demselben Herzen angetroffen werden. Voll inniger, ungeheuchelter Frömmigkeit, sich seines Heilands niemals schämend, auch am Hofe des Königs nicht, fürseine eigene Person mit dem Geringsten zufrieden, ja, ängstlich sparsam, ohne jeden Adelsstolz, hatte er doch auf der andern Seite Eigenschaften, die einem geraden Charakter, wie z. B. meinem Vater, unbeschreiblich schwer waren. Er liebte heimliche Wege, um zu seinen Zielen zu gelangen, und ließ sich niemals hinter seine Geheimnisse schauen. Das schwerste aber war uns Jungen seine Landgier. Diese besondere Gier verschloß ihm die Augen gegen manche furchtbare Härte, ohne die die bisherigen Pächter sich nicht aus ihren alten Wohnstätten vertreiben ließen.

Dazu kam, daß er in der Bewirtschaftung seiner Güter vielfach Unmögliches forderte und darum von seinen Beamten, von deren Vortrefflichkeit er oft geradezu kindliche Ansichten hatte, vielfach hintergangen wurde. Unter solchen schwierigen Umständen, in die sein Sohn und ich ahnungslos hineinversetzt waren, konnte es wohl vorkommen, daß wir zueinander sagten: „Wir müssen beten, sonst sind wir verloren.” So schwer legte sich mitten unter allerlei Knabenscherzen die große Sorge auf unser Herz.”

Einige Wochen nach seiner Ankunft in Gramenz schrieb der junge Inspektor Bodelschwingh seinem Vater:

Raffenberg bei Gramenz, Himmelfahrtstag 1852.

Lieber Vater!

Sei nicht böse, daß ich Dich so lange auf einen vernünftigen Brief habe warten lassen. Die unerwartete Bedeutsamkeit und Ausgedehntheit meiner hiesigen Stellung hat mich bis jetzt bei einer steten aufgeregten Tätigkeit kaum zur Besinnung kommen lassen. Die Feiertage selbst waren bis jetzt teils durch notgedrungenes langes Schlafen, regelmäßigen Kirchenbesuch und gezwungenen Gramenzer Familienaufenthalt, teils mit weitläufigem Rechnungswesen und reformatorischen Beratungen so ausgefüllt, daß ich bis jetzt vergeblich nach einer ruhigen Stunde gespäht habe, die mir nun endlich ein feierlich schöner Himmelfahrtsabend freundlich gewährt.

Zuerst will ich nur gleich vorausschicken, daß unter allen Wohltaten, für die ich dem lieben Gott Dank schuldig bin, kaum eine mir größer erscheint, als daß er mich hierher geführt hat. Ich muß wirklich meine hiesige Stellung nach allen Richtungen hin, sowohl was ihren Wert für meinen Lebenslauf direkt, als für meine ganze geistige Ausbildung im allgemeinen anlangt,eine ausgesucht glückliche nennen. Hier hast Du zuerst eine flüchtige Beschreibung meines landwirtschaftlichen Wirkungskreises.

Schoffhütten, das größere der beiden mir unterstellten Vorwerke, Raffenberg, meinem Wohnort, am nächsten gelegen (3,8 Meilen Entfernung), hat bei einer Viehhaltung von ca. 10 Pferden, 12 Ochsen, 20 Kühen und 700 Schafen ein Areal von etwa 800 Morgen Acker mit 100 Morgen natürlichen Wiesen, außerdem eine unberechnete Fläche teils verpachteten, teils noch nicht urbaren Landes, im ganzen 2400 Morgen. Der bis jetzt unter den Pflug genommene Teil des Schoffhütter Ackers ist seiner Bodenmischung nach unbezweifelt der beste unter allen Gramenzer Ländereien, aber teils von den früheren Pächtern ausgesogen, teils überhaupt noch ohne Kultur. Das Terrain ist dabei im höchsten Grade unübersichtlich, unzählige Gräben und steile Abhänge; die ganze Beackerungsweise ist mir vollständig neu. Dabei sind größere Entwässerungsarbeiten eines in diesem Jahre neu hinzugenommenen Schlages, Roden, Planieren usw. im Gange.

Das zweite mir unterstellte Vorwerk Zechendorf (der Wirtschaftshof liegt über eine halbe Meile von dem Schoffhütter entfernt, sonst sind beide Feldmarken nur durch einen kleinen Gramenzer Pächter voneinander getrennt) hat 700 Morgen Acker, Wiese und Bruch, 6 Pferde, 12 Ochsen, die nötigen Kühe und 3 bis 400 Schafe. Es ist erst seit vorigem Jahre teils aus der Verpachtung genommen, teils neu zugekauft und befindet sich noch auf allen Punkten im Zustande gänzlicher Verkommenheit und Verarmung. Hier sind noch bedeutende Meliorationsarbeiten in Angriff genommen.

Überall handelt es sich um eine erste mühsame Bestellung, überall ist Mangel an allem, darum aber herrscht auch über jedes mühsam neugeschaffene Stück Land desto größere Freude. Die Handarbeitskräfte auf beiden Vorwerken sind mehr als zureichend, da außer 20 eigenen Tagelöhnerfamilien gegen 40 Pächter täglich einen Dienstmann stellen müssen, sodaß ich täglich gegen 80 Leute zu beschäftigen habe. Auf jedem Vorwerk ist ein Hofmeister, beides recht gescheite, eifrige, tüchtige Männer, die bis dahin direkt unter den angrenzenden Inspektoren von Raffenberg und Ernsthöhe gestanden hatten, außerdem aber und seit der bedeutenden Erweiterung der Betriebe in diesem Frühjahr ganz vorzugsweise unter dem Oberinspektor selbst. Derhat mich aber seit dem großartigen Gramenzer Fabriktrubel völlig im Stich gelassen (es handelte sich um eine Meinungsverschiedenheit über Anlage und Betrieb der Zuckerfabrik). Über eine Meile von Gramenz entfernt bin ich selbständiger, als mir lieb ist. Herr von Senfft kümmert sich eigentlich gar nicht um die spezielle Bewirtschaftung; nach meinen entfernten Vorwerken kommt er höchstens fünf- bis sechsmal im ganzen Jahr; mich hat er erst einmal flüchtig besucht.

Außer diesen beiden Vorwerken, von denen mir in ihren jetzigen Verhältnissen jedes einzelne eine reichliche und angenehme Beschäftigung gewähren würde, habe ich nun unser hiesiges Raffenberg, ein Gut von 2200 Morgen schweren Weizenbodens mit 700 Morgen Wiesen, täglich selbst tätig mitwirkend, unter Augen, da Ernst Senfft allein von der Arbeit erdrückt werden würde. Namentlich des hiesigen Rübenbaus, über 200 Morgen (ich selbst habe auf meinen Vorwerken aus Mangel an aller Kultur erst dreißig Morgen bauen können), habe ich mich speziell angenommen.

Außer Raffenberg passiere ich nun auf meinem täglichen Ritt noch Ernsthöhe, 1500 Morgen leichteren Bodens, auch erst seit wenigen Jahren aus der Wildnis emporgearbeitet, und auch hier bleibe ich mit dem ganzen Wirtschaftsbetriebe bei dem ewigen Ineinandergreifen der Vorwerke mit Leuten und Gespannen immer im Zusammenhange. Außerdem muß ich mindestens ein- bis zweimal wöchentlich, außer Sonntag, nach Gramenz, wo mir 450 Morgen Zuckerrüben unterstellt sind, dazu die dortige Rieselwirtschaft und die Wäsche und Schur von 5000 Schafen, wovon die beiden letztgenannten Sachen mir noch ganz fremd sind. So ist das Feld für meine landwirtschaftliche Tätigkeit so unendlich groß, daß ich gar nicht im Stande bin, es auch nur einigermaßen auszunutzen und meine Pflicht, wie ich möchte, zu erfüllen.

Gleichwohl hat diese ersten Wochen über die eigentliche Landwirtschaft nur den geringeren Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Was mich viel lebhafter und inniger beschäftigt hat, war das Schicksal der Tagelöhner, besonders auf meinen entfernten Vorwerken, aber auch in Gramenz. Bei diesen Leuten, die unter rohen Inspektorhänden auf etwas brutale Weise verkümmert und verkommen waren, war es meine erste Sorge, wenigstens dem gröbsten Elend abzuhelfen, wobeimir übrigens Herr von Senfft auf die entschiedenste und freundlichste Weise zu Hilfe kam, da er eigentlich von der Größe des Elends gar keinen Begriff hatte.

Schoffhütten und Zechendorf sind nämlich nicht, wie Raffenberg und Ernsthöhe, neue Vorwerke, sondern beides alte Dörfer, mit ehrwürdigen Bäumen aller Art schön ausgestattet, die die alten Pächterwohnungen nach westfälischem Stil umgeben. Die Pächter sind nun zum großen Teile aus ihren Wohnsitzen verdrängt, und statt ihrer, soweit sie nicht selbst in Tagelöhner umgewandelt und als Tagelöhner wohnen geblieben sind, ist allerlei Gesindel eingezogen, das man aus Gramenz weggebracht hatte. Diese Leute, überschuldet wie sie waren und daher nicht imstande, von ihrem Verdienst zu leben, waren seit mehreren Monaten ohne Kartoffeln, ohne Getreide. Sie trieben sich teils bettelnd umher, teils lagen sie faul zu Hause, mißmutig, etwas zu tun, weil ihnen doch all ihr Verdienst auf ihre gemachten Schulden abgerechnet wurde. Da war es nun meine erste Sorge, gewaltsam und eigenmächtig einzugreifen. Da dies aber nicht geschehen konnte, ohne daß ich mich auf das genaueste um die Familienverhältnisse der Leute kümmerte, so bin ich fast täglich in allen Stätten des großen Elends herumgekrochen und habe in vielen Familien förmlich die Haushaltung geführt.

Pfingsten.Am Himmelfahrtstage zu früh unterbrochen und aufs neue in den Strudel hineingetrieben, bin ich heute vom Gramenzer Mittagstische direkt wieder nach Raffenberg umgekehrt, um endlich den angefangenen Brief zu Ende zu bringen. Du kannst Dir denken, daß nach der Behandlung, die die Tagelöhner bis dahin genossen, ich in diesem Punkte eine unglaublich leichte und dankbare Stellung habe. Obgleich ich mir eine Strenge und Härte anzwinge, die ich mir bis dahin nie zugetraut habe, sind mir alle meine Leute in so kurzer Zeit so ganz zugetan und anhänglich geworden, daß ich mich fast täglich der Ausbrüche ihrer Dankbarkeit gewaltsam erwehren muß.

Ich denke übrigens, indem ich die Leute aus dem Elend gerissen, auch Herrn von Senfft bedeutend genutzt zu haben. Indem ich die Kräfte der eigenen Leute aufs äußerste durch Akkordarbeiten ausnutzte, das Gramenzer Betteln durch Hilfe an Ort und Stelle zu Ende brachte, Frauen und Kinder beim Rübenbau beschäftigte, ist es mir mit der Zeit möglich geworden, gegen 40 fremde Arbeiter und Pächterknechte teils zu entlassen,teils nach Gramenz zu schicken und hier wieder die Annahme von noch teureren fremden Leuten zu vermeiden. In ähnlicher Weise habe ich eine Menge kleiner Einrichtungen gemacht, die ich erst in Zechendorf, dann in Schoffhütten ausprobte und von da hierher nach Raffenberg verpflanzte. Ich habe den Leuten statt des bloßen teuren Roggens, von dem sie ausschließlich lebten, Kartoffeln und Gerste angeschafft, womit sie ein Drittel billiger auskommen. Ich zahle ihnen ihren Tagelohn statt vierteljährlich wöchentlich aus, wodurch sie zu doppeltem Fleiß angefeuert werden. Für die ganz verkommenen Familien lasse ich Suppe kochen, die sie für ein billiges erhalten, damit auch die Frau ohne häusliche Sorgen täglich mitarbeiten kann. Manchen messe ich ihr Mehl für ihre Suppe zu und bestimme danach, wie lange sie mit ihrem Scheffel auskommen müssen, weil ich erfahren hatte, daß sie in der Not, aber wohl auch zum Branntweinsaufen, das empfangene Korn teilweise wieder verkauften.

Ich halte mich notgedrungen beständig in Zusammenhang mit den Speisekammern fast sämtlicher Leute. Die Vorräte an Mehl, Kartoffeln, Salz und Milch muß ich stets im Gedächtnis haben. Das Ganze ist im eigentlichen Sinne des Worts meine eigene Haushaltung. Denn indem ich das Schicksal sämtlicher Leute von der Gramenzer Inspektoren-Kamarilla losband, habe ich auch ihre ganzen Schulden, gegen 300 Taler, persönlich auf mich genommen, zwar nicht mit der Verpflichtung, sie der Gramenzer Gutskasse wieder zu bezahlen, aber doch mit dem Versprechen, darin mein Bestes zu tun. Ich erhalte nun wöchentlich aus der Gutskasse meinen vollen Tagelohn für alle Leute, mit dem ich nach besten Kräften für die Leute wirtschafte. So habe ich also außer meiner ausgedehnten landwirtschaftlichen Tätigkeit auch eine große Familienhaushaltung, die neben manchem andern Lehrreichen auch für mich das Gute hat, daß ich im steten Zusammenhange mit so großer Armut und so großen Entbehrungen mit meinem eigenen Lose recht von Herzen zufrieden sein kann und mir auch für die Zukunft jede Entbehrung leicht werden wird.

Übrigens ist meine jetzige Lebensweise auch keineswegs üppig zu nennen. Am frühen Morgen Raffenberg mit einer Tasse Milch und einem Stück Brot im Magen verlassend, kehre ich der Regel nach erst abends gegen zehn dahin zurück, zu müde, mehr wie einen Teller saure Milch zu vertilgen. DenTag über auf meinen Vorwerken wird nach Umständen gelebt, mitunter ein Butterbrot, mitunter ein paar Kartoffeln oder Eier, mitunter gar nichts. Dabei befinde ich mich aber so gründlich wohl und kräftig, daß ich es nicht beschreiben kann.

Mein täglicher Ritt beträgt in gradester Richtung mindestens zwei gute Meilen, wozu dann häufig noch die dritte und vierte kommt. Der Weg ist indessen entweder so hart oder bei nassem Wetter so schlüpfrig, das Terrain so hügelig, so viel Moraste, Gräben und mühsame Pfade, daß von scharfem Reiten selten die Rede ist und daß die Zeit zu Pferd mir immer eher eine angenehme Erholungszeit für Geist und Körper als eine Anstrengung ist. Die Szenerie ist zum großen Teile wirklich so lieblich und wird für mein Auge mit jedem Tage so viel lieblicher, daß ich Euch auf Eurer Reise im Thüringer Walde gar nicht zu beneiden brauche.

Jeden frühen Morgen führt mich mein Weg durch den im frischen üppigen Grün prangenden Buchenwald, meist auf selbstgesuchten näheren Pfaden, wo ich oft Zweig für Zweig zurückbiegen oder gebückt durch Laubengänge kriechen muß. Und des Abends, so wie gestern zum Beispiel, kehre ich im Mondschein wieder zurück, am liebsten an den Bachufern entlang, wo die Nachtigallen seit drei Wochen schon fleißig am Singen sind. Meine Feldmarken selbst aber sind wie aus der schönsten westfälischen Landschaft herausgeschnitten, mit Eichengruppen, kleinen Wiesen, Hecken und zerstreuten Pächterwohnungen mannigfach verziert; dazu dann eine weite herrliche Aussicht über das ganze Gramenzer Gelände (denn Schoffhütten und Zechendorf liegen wohl mehrere hundert Fuß über den Gramenzer Wiesen). Da geht mir nicht selten das Herz so auf, daß ich laut aufjauchzen möchte vor Fröhlichkeit.

Zu andern Zeiten kann ich dann freilich auch eine gewisse Wehmut nicht zurückweisen, wenn ich die schönen alten Pächtereien, auf denen oft ein und dieselbe Familie hundert Jahre gewohnt hatte, nun verwaist und verlassen stehen sehe, und nicht selten trifft man auf Leute, denen in Erinnerung an ihre alten Wohnstätten, die sie als ihr Eigentum anzusehen sich gewöhnt hatten, die Tränen in die Augen treten. Wie weit da nun Recht oder Unrecht waltet, kann ich nicht beurteilen, geht mich auch gar nichts an. So viel weiß ich aber, daß so viele Leute ihres heimatlichen Landes beraubt sind, ohne daß bis jetzt Herrn vonSenfft der geringste Nutzen daraus erwachsen ist. Denn das den Pächtern genommene Land ist teilweise in Hände geraten, die es noch mehr mißhandelt haben wie jene.

Der jetzige Oberinspektor aber, dahinter sind wir bald genug gekommen, ist in der Tat ein höchst untüchtiger Mann, der seiner Stellung nicht im geringsten gewachsen ist. Er hat in sehr wilder und leichtsinniger Weise darauf losgewirtschaftet, Land und Leute verdorben und Herrn von Senfft großen Schaden gemacht. Es ist daher auch bald ein drückendes Verhältnis zwischen Ernst und mir auf der einen Seite und ihm auf der andern Seite eingetreten. Wir kamen zuerst mit unsern Verbesserungsvorschlägen zu ihm. Aber da wir von ihm zurückgewiesen wurden, hielten wir uns bald für verpflichtet, sie durch Herrn von Senfft selbst durchzusetzen, der uns in allen Stücken ein fast zu großes Vertrauen schenkt. Dadurch ist nun der Mann moralisch sehr heruntergedrückt, während unser Wirkungskreis sich sehr erweitert hat. Einmal mißtrauisch geworden, haben wir uns bald verpflichtet gefunden, überall mit zuzusehen, haben in der Fruchtfolge geändert, im ganzen Leutewesen reformiert, ohne des Oberinspektors Einwilligung das Rechnungswesen umgestaltet usw. Dadurch sind wir allmählich sehr mächtig geworden und sind fast wider unsern Willen in eine Stellung hineingeraten, der wir gar nicht recht gewachsen sind.

Zum Schluß will ich nur noch sagen, daß unser Familienleben, nämlich Ernst Senffts und meins, einzig ist und daß die Freude, mit dem unvergleichlichen Jungen zusammen leben zu können, alle andern Freuden, die mir hier Natur und Beruf reichlich gewähren, weit übersteigt. In einem kleinen Zimmer, mit allem möglichen Studentenflitter ausgestattet, hausen wir auf das lustigste, präsidieren bei Tafel über zwei Wirtschaftslehrlinge und einen Schulmeister, denen gegenüber wir die Würde zweier Wirtschaftsprinzipale einzunehmen wissen. Daß bei unserer jetzigen Tätigkeit nicht viel von theoretisch-wissenschaftlichen Studien die Rede sein kann, magst du leicht denken. Gleichwohl passiert es uns gar häufig, daß wir uns des Abends unwillkürlich aus übergroßer Müdigkeit aufrütteln und uns über irgend einem unserer guten alten Klassiker bis tief in die Nacht hinein ergötzen oder uns an beiderseitigen reichen Erinnerungen aus den letzten Jahren, die wir noch lange nicht alle ausgetauscht haben, beglücken.

In der leisen Hoffnung, wenn nicht Dich selbst, so doch eins der Schwesterchen mit Herrn von Senfft von Berlin ankommen zu sehen, bin ich freilich diesmal getäuscht worden, hoffe aber doch noch einmal, Dir und ihnen unsere Herrlichkeit hier zeigen zu können.

Verzeih mein wildes, unruhiges, unordentliches Geschwätz noch einmal, indem ich hoffe, bald vollständigere Nachricht geben zu können, und grüße die Mutter und die Schwestern

von Deinem gehorsamen Sohn

Friedrich.

„Da der alte Herr”, so heißt es in den Erinnerungen weiter, „die gewöhnlichen Tänzereien bei den Erntefesten nicht litt, so erlaubte er meinem Freunde und mir, unsere Erfindungskraft anzustrengen, auf welche Weise dennoch fröhliche Volksfeste gefeiert werden könnten, um den Tagelöhnern und ihren Kindern nach der heißen Sommerarbeit einen Festtag zu gewähren. An irgend einem hochgelegenen Waldrande unter Eichen und Buchen wurden eine ganze Reihe von Feldküchen eingerichtet und ganze Körbe voll Kuchen und Obst hinausgeschafft. Mit Lied und Lobgesang im Kirchen- und Volkston wurde begonnen. Dann folgte eine Ansprache an die Versammlung, die auf die reiche Güte Gottes hinwies. Jetzt ging’s an die fröhliche Mahlzeit, die von den Gesängen der Kinder unterbrochen wurde. Dann wurde zu den mannigfaltigsten Spielen eingeladen, die für die Größeren und die Kleineren, für die Burschen und für die Mädchen besonders eingerichtet waren. Am Abend wurde mit Gesang und Gebet geschlossen.

Eins dieser Feste, das wir an einem besonders herrlichen Platz meines hochgelegenen romantischen Schoffhütten feierten, nahm freilich ein trauriges Ende. Denn der Pommer liebt leider den Schnaps über alle Maßen. Lieschen Senfft, die Schwester meines Freundes, hatte den Honoratioren der Gesellschaft eine Überraschung bereitet. In einer besonders dichten Waldecke hatte sie einen kleinen Platz aushauen lassen, zu welchem ein ganz verborgener Pfad führte. Hier war künstlich eine schöne Laube zurechtgeflochten, mit Blumen geschmückt und mit Rasenbänken versehen, zwischen denen die schönsten Kaffeetische mit allerlei Zubehör aufgeschlagen waren. Während nun unsere Dorfbewohner fröhlich schmausten und Kaffee tranken,hatten wir uns hierher zurückgezogen. Da kam plötzlich die Nachricht: „Man prügelt sich.” Irgend ein Nichtsnutz hatte in ein anderes Waldgestrüpp ein Schnapsfaß eingeschmuggelt. Dem hatten eine Anzahl junger Burschen so fleißig zugesprochen, daß alsbald nach pommerscher Weise auch das Prügeln begann. Denn Schnaps und blutige Prügeleien waren hier alte Volkssitte. Die Männer liefen mit langen Knütteln bewaffnet herzu, um Frieden zu stiften. Da galt es denn für meinen Freund und mich, mitten zwischen die Knüppel zu springen, und nur mühselig gelang es uns, den Blutströmen zu wehren. Der traurige Abschluß unseres Festes war der Anlaß, daß hinfort keins dieser fröhlichen Volksfeste mehr gefeiert wurde.

Übrigens diente während der Erntezeit dieses ersten Sommers ein merkwürdiges Ereignis dazu, mir die Augen über die ganzen Verhältnisse noch mehr zu öffnen. Mein Freund und ich waren spät abends noch zu einem Moorbrand gerufen worden, dessen Löschen uns bis tief in die Nacht hinein beschäftigt hatte. So hatte ich nur wenig Schlaf gefunden, als ich am andern Morgen um fünf Uhr schon wieder mein Pferd bestieg, um meinen gewohnten Weg nach meinem Vorwerk einzuschlagen. Dort bin ich aber von niemand bemerkt worden. Dagegen kam ich nach etwa sieben Stunden auf dem Pferde sitzend wieder in Raffenberg an. Meine Dido hatte ihre beiden Knie und ich meinen Kopf etwas wund. Ich stieg noch selbst vom Pferde und wollte, wie ich es gern, wenn ich nach Haus kam, zu tun pflegte, das kleine Töchterchen unserer Wirtin auf den Arm nehmen. Diese bemerkte aber etwas Besonderes an mir, gab mir das Kind nicht, sondern geleitete mich auf mein Zimmer, brachte mich zu Bett und sorgte für kalte Umschläge auf meinen Kopf. Erst mit hereinbrechender Nacht wachte ich auf und sah den lieben alten Herrn von Senfft an meinem Bette sitzen.

Offenbar bestand die Lösung des Rätsels darin, daß ich infolge meiner geringen Nachtruhe auf dem Pferde eingeschlafen war und daß meine Dido, durch keinen Zügel gehalten, gestürzt war. Da ich das gelehrige Tier daran gewöhnt hatte, sowohl frei hinter mir herzugehen, indem ich ihm den Zügel über den Hals legte, als auch still zu grasen, wenn ich mich irgendwo ein wenig ausruhen wollte, so hatte mich Dido auch nach unserm beiderseitigen Sturz nicht verlassen, bis ich nach etwa fünf- bis sechsstündigem Liegen auf der Erde wieder soweit zur Besinnung kam, daß ich in den Sattel kommen konnte. So hatte denn das Pferd von selbst seinen Weg nach Hause eingeschlagen. Merkwürdig war nur, daß von dem Vorgefallenen nichts in meiner Erinnerung geblieben war.

Der Arzt stellte eine Gehirnerschütterung fest, und ich hatte etwa vierzehn Tage völlige Ruhe nötig. Erst allmählich lernte ich wieder gehen und lesen, da mir beides anfangs schwer gefallen war. Für diese Ruhezeit nahm mich der alte Herr von Senfft mit nach Gramenz und ließ mich auf das treuste pflegen. Zugleich fand ich hier Gelegenheit, tiefere Blicke in die auf mannigfache Weise zerrütteten Verhältnisse zu tun und auch die Persönlichkeiten zu durchschauen, die dem Bestehen des Ganzen gefährlich waren. Zu meinem Freunde zurückgekehrt, teilte ich ihm alles mit, was ich wahrgenommen, und nicht ohne heiße Kämpfe wurden nun einige Persönlichkeiten aus dem Sattel gehoben, die bis dahin in der höchsten Gunst des alten Herrn gestanden hatten, aber sonst als Tyrannen gefürchtet waren.

Damit brach nun allerdings für mich eine sehr ernste Zeit an. Der alte Herr forderte mich auf, und die Umstände ließen es auch nicht wohl anders zu, die Leitung des ganzen Gutes zu übernehmen. Da ich von Kienitz her mit dem Zuckerrübenbau sehr genau vertraut war, so glaubte er wohl, ein besonderes Recht dazu zu haben, mir die neue Aufgabe zuzumuten. Denn an den Zuckerrüben schien in der Tat die Rettung der ganzen Lage zu hängen. Da er selbst, wie schon bemerkt, nach Stettin übergesiedelt war und sich nur noch gelegentlich in Gramenz aufhielt, so mußte ich meinen Wohnsitz von Raffenberg nach Gramenz verlegen.

Im Herbst 1853 verließ mich mein Freund Ernst, um in Berlin sein Einjährigenjahr abzudienen. Aber Gott schenkte mir ein paar tüchtige neue Gehilfen. Der eine war der Bruder meines früheren Lehrmeisters in Mechern, Bieler, der schon in Kienitz mit mir zusammen gearbeitet hatte, und der andere der Sohn meines früheren Religionslehrers, des Dompredigers Snethlage, Moritz, der anstelle von Ernst Senfft die Bewirtschaftung von Raffenberg übernahm.

Es war kein Geringes, was auf meine Schulter gefallen war. Im Äußeren schenkte Gott gerade für dieses Jahr viel Segen und Hilfe, sodaß die materiellen Nöte zu schwinden schienen. Aber um so größer waren die Nöte und Gefahren,die auf meiner Seele lagen, und oft stieg ich an der Stelle, wo ich, wie ich vermutete, an jenem Morgen bewußtlos gelegen hatte, vom Pferde — die Stelle lag an einem schattigen Bachufer mitten im Walde verborgen —, um Gott um Hilfe anzuschreien. Es waren im ganzen zwölf Inspektoren, ältere und jüngere, die alle der Leitung und Aufsicht bedurften. Dazu fühlte ich aber keineswegs die Kraft in mir. Sonntagmorgens ging man wohl nach alter Ordnung in die Kirche, aber den ganzen Sonntagnachmittag pflegten wir auf der Kegelbahn zuzubringen, und an viel Leichtsinn und Verirrungen mancherlei Art fehlte es unter uns nicht.

Doch wir jungen Leute fanden in unsern geistlichen Nöten einen besonders treuen Freund. Das war der Posthalter von Gramenz, ein früherer Wirtschaftsinspektor, der aber, weil er leidend war, diesen leichteren Posten übernommen hatte. Er hieß Otto Mellin. Oft wenn jemand einen Brief holte oder brachte, hörte er gleichzeitig dessen verborgenste Klagen mit an und teilte Freud und Leid mit jedermann. In besonderen Fällen aber, und wenn Zeit und Stunde es erlaubten, nahm er den Betreffenden mit in sein kleines freundliches Stübchen, das hinter dem Postbüro lag. Dort schlug er in der Bibel die Stelle auf, die ihm für die besondere Not die rechte Arznei zu liefern schien.

Unverhofft merkten wir, der eine wie der andere unter uns jungen Leuten — denn laut wurden diese Sachen nicht verhandelt —, daß man in Otto Mellin einen Freund gefunden und an derselben Quelle Hilfe und Trost geschöpft hatte. Unser lieber Pastor Diekmann, der kräftig und treu sein Amt verwaltete, war persönlich zu heftig, sodaß man sich nicht zu ihm traute. So bot der liebe Mellin, der in unsern schalkhaften Freundeskreisen immer „Seine Majestät die Post” hieß, einen Ersatz für das, was wir bei unserm Pastor an Seelsorge nicht fanden.

Durch Freund Mellin machte ich in einer Hütte, die zu Gramenz gehörte, die Bekanntschaft eines armen Kranken, die für mich von besonderem Wert wurde. Der Besuch in dieser Hütte war um so bedeutsamer für mich, als er in großem Gegensatz stand zu einer früheren Erfahrung. Der alte Herr von Senfft hatte mir einmal im ersten Jahre eine Rolle mit 100 Talern geschenkt mit dem Auftrag, sie zum Besten derArmen zu verwenden, und zwar in den beiden Vorwerken, die mir zuerst anvertraut waren. Besonders in einem dieser Vorwerke herrschte noch in ungezügelter Grausamkeit der Branntwein. Von dieser Macht des Branntweins hatte ich gleich in einer der ersten Katen, in die mich meine Armenbesuche führten, einen besonders erschreckenden Eindruck. Bei den alten pommerschen Katen waren die vier Pfosten der Hütte ohne jede Schwelle einfach auf vier Steine gesetzt. Je mehr nun diese Pfosten an ihrem unteren Ende faulten, desto tiefer sank die Hütte zur Erde herunter. Solange der Branntwein in solch schornsteinlosen Hütten nicht das Regiment führte, ließ sich ganz glücklich darin leben. Ja, es hatte früher einen langjährigen Krieg der Bewohner dieser alten Hütten gegen die modernen Schornsteinhäuser gegeben.

Aber in der obenerwähnten Hütte, in die ich nur mit gebücktem Kopf hatte eintreten können, herrschte der Branntwein. Der Mann soff, solange er etwas hatte, die Frau auch, und selbst ihren Kindern gaben sie zur Betäubung des Hungers von dem unseligen Naß. Als ich nun durch die niedrige Tür in den einzigen Raum, den der Katen enthielt, hineingekrochen war, sah ich auf dem Strohlager an der Erde eine Leiche liegen. Es war die Leiche der Mutter des Hauses. Während ich noch, entsetzt von dem Anblick der Not und des Grauens, dastand, bewegte sich die Decke, und ein schmutziger Kinderkopf und bald noch einer guckten unter der Decke hervor, verkrochen sich aber bald wieder, denn es war bitter kalt. Draußen lag Schnee und drinnen brannte kein Feuer.

Bei dieser armen Familie versuchte ich zuerst mein Heil mit meinen 100 Talern, wurde aber gründlich zuschanden. Denn der Roggen, den ich ihnen schenkte, und die Kleider, die ich für die armen zerlumpten Kinder kaufte, wurden, soweit es möglich war, wieder in Branntwein verwandelt. Ähnlich ging es mir bei andern Familien. Meine 100 Taler waren im Umsehen ausgegeben; aber ausgerichtet hatte ichnichts. Und diese Lehre war mir nicht zum Schaden, denn ich lernte, daß mit bloß menschlichen Künsten der Gutmütigkeit gegen menschliches Elend und gegen Sünde, von der das Elend stammt, nichts auszurichten ist.

Wie ganz anders sah es aber in der Hütte aus, in die mich mein Freund Mellin führte! Auch in ihr wohnte großeArmut und Krankheit und Elend dazu. Aber statt des Branntweins hatte hier der Friede Gottes das Regiment! Seit 28 Jahren, fast von seiner Jugend an, lag hier auf verhältnismäßig sauberem Lager ein Lazarus: „der kranke Fritz”, so hieß er im Dorf. Aber er besaß, was mehr war als die Schätze Ägyptens: er wußte, was er an Jesus Christus hatte, nämlich die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Und das machte ihn reich und glücklich. Der Vergleich mit den armen Branntweinsäufern, die mit keinem Mittel menschlicher Weisheit aus ihrem Elend gerissen werden konnten, zugleich mit der Erinnerung an meine vergeblich ausgegebenen 100 Taler — und dem gegenüber der kranke Fritz mit seinem reichen Besitz der unvergänglichen köstlichen Perle machten einen tiefen Eindruck auf mich. Der kranke Fritz wurde von da ab im Verborgenen mein Freund. Gott allein weiß es, und die Ewigkeit wird es klarmachen, was ich ihm verdanke!

Mitten in diese für mich so bewegte Arbeits- und Kampfeszeit fiel ein Ereignis besonderer Art. Ich war eines Abends im Monat Mai 1854 nach Buchwald hinübergeritten, wo mir ja immer der Eintritt in das liebe Glasenapsche Familienleben offen stand. Da wurde ein Brief durch einen besonderen Boten von Gramenz hinter mir her geschickt. Er war von der Hand meiner lieben Mutter und begann: „Ehe Du diesen Brief liest, mein lieber Sohn, bitte Gott, daß es Dir zum Segen werde, was ich Dir mitteilen muß.” Und nun kam die Nachricht von dem seligen Heimgang meines Vaters.

Der Vater hatte sich schon mehrere Jahre zuvor wieder eine Arbeit vom König ausgebeten. Und zwar hatte er gewünscht, daß ihm wieder ein Landratsamt zugewiesen werden möchte. Er trachtete nicht nach hohen Dingen, und solch ein geringer Posten wäre ihm in der Tat das liebste gewesen. Statt dessen hatte ihn der König im Jahre 1852 zum Regierungspräsidenten in Arnsberg ernannt anstelle des jüngeren Bruders meines Vaters, der das Finanzministerium in Berlin übernahm. Auch dieser Posten war ihm recht, und er hat ihn mit größter Freudigkeit und Treue die zwei letzten Jahre seines Lebens verwaltet.

Etwa ein Jahr vor der mir ganz überraschend gekommenen Todesnachricht hatte mich schon einmal ein Brief der Mutter plötzlich den weiten Weg von Gramenz nach Westfalen machenlassen. Die Mutter schrieb, daß der Vater tödlich erkrankt sei und die Ärzte wenig Aussicht für sein Leben ließen. Als ich nach Berlin zu meinen Verwandten kam, war die dort eingetroffene Nachricht noch hoffnungsloser, sodaß ich nichts anderes mehr erwarten konnte, als des Vaters Antlitz hienieden nicht mehr zu sehen.

Ich kam von Soest mit der Post abends zehn Uhr in Arnsberg an, wo das elterliche Haus dicht bei der katholischen Kirche an einem freien Abhang gelegen war. Der Mond stand hell am Himmel. Ich traute mich zunächst nicht in das Haus hinein, sondern ging von allen Seiten herum, um an den etwa vorhandenen Lichtern zu erkennen, was ich darin wohl vorfinden würde. Noch stand ich einen Augenblick an das Geländer des Abhangs gelehnt, als plötzlich die Haustür aufging und ein Mann heraustrat. Es war der Doktor. Ich lief ihm nach und faßte ihn beim Arm. „Gehen Sie nur getrost hinein,” sagte er, „seit heute mittag ist die Krisis zum Leben eingetreten.”

Drinnen fand ich außer der Mutter und den beiden Schwestern auch meine beiden Brüder, die bereits vor mir eingetroffen waren, Franz von seiner Oberförsterei, Ernst, der den Soldatenstand erwählt hatte, von seiner Garnison in Frankfurt a. M. Ich war der weiteste und letzte. Am Morgen nach meiner Ankunft hörte ich, an der Tür stehend, den Vater zur Mutter sagen: „Frau, was machst du für ein Gesicht! Ich glaube, der Friedrich ist auch da.” So mußte ich denn hinein. Dann haben wir miteinander, wie schon so oft, die selige Zeit der Wiedergenesung des Vaters mit innigster Dankbarkeit und Freude gefeiert. Denn sobald die Krisis eingetreten war, ging es bei der kräftigen Natur des Vaters meist schnell wieder mit ihm aufwärts. Es war dies das letzte Zusammensein, das ich auf Erden mit dem teuren Vater hatte. Noch einmal kosteten wir alle mit vollen Zügen das friedsame Glück unseres Familienlebens.

Bei Gelegenheit dieser seiner Erkrankung hatte Vater vor der Feier des heiligen Abendmahls einmal gesagt: „Herr, wenn du siehst, daß es mir und den Meinen heilsam ist, daß ich noch bleibe, so will ich wohl bleiben; wenn du aber siehst, daß ich von dir abkommen sollte, so nimm mich nur gleich dahin!” Dem Pastor Bertelsmann aber sagte er damals: „Ein armer bußfertiger Sünder stirbt allezeit in Frieden.” Von dieser Zeit abäußerte er öfter das Verlangen, daß ihm Gott doch ein langes untätiges Alter ersparen möchte und, wenn er nicht mehr arbeiten könne, mit ihm eilen möchte aus der Zeit in die Ewigkeit.

Besonders schwer lag meinem Vater meine Zukunft auf der Seele. Weil er arm war und mir kein eigenes Gut kaufen konnte, mich auch die Bewirtschaftung unseres kleinen Familienbesitzes Velmede nicht hätte befriedigen können, so hatte ich meinem Vater öfter erklärt, daß ich gern mein Leben lang als Verwalter fremder Güter arbeiten wolle. In der Tat erscheint mir das noch jetzt viel leichter, als selbst Besitzer zu sein, wenigstens unter den Verhältnissen, in denen sich die meisten Besitzer der östlichen Provinzen befinden. (1884 geschrieben.) Einmal ist es die Last der Sorge, die einen großen Teil von ihnen drückt, da sie mit Schulden beladen sind. Aber noch mehr sind die Umstände qualvoll, daß sie sich immer in den Gewinn der Ernte gewissermaßen mit den Tagelöhnern zu teilen haben und dabei der beständige Kampf nicht aufhört, wieviel sie diesen geben, wieviel sie selbst behalten sollen. Für einen Verwalter fremden Gutes, der keinen eigenen Gewinn für sich daraus zu ziehen hat, ist dagegen die Lage unvergleichlich leichter, und die Sorgen sind so viel geringer.

Gleichwohl war dieser Gedanke meinem Vater schwer; und er hatte den Wunsch, da meine Gesundheit sich inzwischen wieder vollkommen gekräftigt hatte, daß ich noch einmal eine Universität beziehen möchte. Was ich aber nach seiner Meinung studieren solle, sagte er nicht. Bloß wenn vom juristischen Studium die Rede war, sagte er: „Junge, das ist für dich zu trocken, das hältst du nicht aus.” — So blieb diese Frage offen. Ich reiste von Arnsberg nach Pommern zurück, um zunächst meine dortige Arbeit fortzusetzen, in der ich dann, ein Jahr später, durch die Nachricht von dem Tode meines Vaters überrascht wurde.

Durch eine Hungersnot, die infolge einer Mißernte im südlichen Teil des Regierungsbezirks Arnsberg herrschte, hatte Vater im Frühling 1854 eine ihn besonders bedrückende Last auf sich liegen. Er liebte es nicht, solche Nöte vom grünen Tisch aus zu bekämpfen, sondern hatte sich persönlich nach dem armen Wittgensteiner Land aufgemacht. Er hatte zu Fuß die armen Ortschaften durchwandert und war selbst in die Hütten eingetreten, an deren Tür der Hunger klopfte, um nach eigenemAugenschein desto leichter und gründlicher Abhilfe schaffen zu können.


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