Dreizehntes Kapitel.

Damals war die Stunde noch nicht gekommen, daß Fritzchen ihre alte Heimat verließ. Es ging nicht. So wie der Doktor und Frau v. Pohle sich das zurecht gestellt hatten, ließen sich dieses Kindes Wege nicht ordnen.

Frau v. Pohle hatte heftige Szenen mit dem Papa wegen der »Luftveränderung«. Der Papa wurde zum ersten Male ausfallend gegen die feine alte Dame. Fritzchen kroch nicht an ihn heran, um Schutz zu suchen, sie fühlte sich nicht von ihm beschützt. Sie stand blaß und still und kalt und sagte: »Ich reise nicht fort.«

Als sie kaum aufgestanden war, ging sie nach oben, sie wußte, daß sie hier einen Zettel geschrieben hatte. Er war fort.

Hatte Gregor wirklich in der Tür gestanden? Oder hatte sie Geister gesehen?

Sie fragte nicht. Ein kaltes Schauern ergriff sie. Nicht mehr daran denken! Schon wieder kam das Gefühl des Entsetzens über sie, das mit diesem Raum verbunden war. Da stürzte sie hinaus und zitterte an allen Gliedern. Es war vorbei für sie mit der Turmstube auf immer.

– Das Grausen verließ sie lange nicht. Sie konnte sich Gregor nicht anders denken als mit dem toten kalten Angesicht und dem Gespensterblick hinter den Brillengläsern. Sie zürnte ihm nicht, sie suchte nicht nach Erklärungen, und niemals, zu keiner Stunde, hoffte sie auf ihn und die Wiederkehr von Liebe und Glück.

Nichts – nichts. Sie graute sich nur. Diese Trennung war in Wirklichkeit auf Tod und Leben gegangen.

Aber sie wollte nicht fort. Nicht aus Liebe oder Hoffnung oder Kraft geschah das, sondern aus der großen Lähmung heraus, die diesen freigebornen und abgeschossenen Vogel befallen hatte.

Am Sonntag hörte sie die Kirchenglocken läuten. Gisela kam in Hut und Mantel herein, heute war sie die einzige aus der Familie, die ging.

War das erst der vorige Sonntag, als sie alle dort gewesen waren?DerSonntag – das war erst eine Woche her –?

Fritzchen saß im allgemeinen Wohnzimmer. Sie staunte nur und dabei fror sie über und über trotz des warmen Raumes. Sie war in ein großes Tuch gewickelt. Wenn sie unter den anderen war, dann graute ihr nicht, nur allein mußte man sie nicht lassen.

Herr v. Dörfflin ging an ihr vorbei und streichelte ihr mit seiner breiten Hand über den Kopf. »Fritz, was ist's mit Dir? Wo tut's Dir weh?«

»Weh? Gar nicht«, sagte Fritzchen, verwundert über diese Frage.

»Du wirst hier gesund, ja? Du läufst nicht fort?« brummelte er weiter.

»Nein, warum sollte ich fort? Ich bin ja hier ganz gut.«

Mehr wollte er gar nicht wissen, er ging zufrieden seines Weges.

Am Nachmittag kam Besuch. Leopold Schultze, der Sohn des Fabrikbesitzers vom Laueschen Familiengut, und seine Schwester Melitta. Sie kamen wegen Gisela, sonst aus keinem Grunde. Herr Schultze jun. hatte eine aufrichtige, etwas weichliche Schwärmerei für sie, die zwar von seinem Vater, der mißlichen Geldverhältnisse auf Hohen-Leucken wegen, nicht mit Entzücken betrachtet, jedoch immerhin, aus Gründen einer Adelsverbindung durchaus gutgeheißen wurde. Nur hatte Herr Leopold, der ein sehr guter Sohn und ein weicher Mensch war, die strikte Weisung mitbekommen, nicht eher seine Wünsche in voller Deutlichkeit zu zeigen, als bis Giselas Zustimmung eine sichere Sache sei. Denn diese Familie war noch zu neu in dieser Gegend, um nicht eine solche Einführung, an der ein Korb hing, durchaus scheuen zu müssen.

Gisela hatte seit den letzten Wochen schon den Kopf voll von dieser Werbung und der Aussicht, eine Frau Schultze zu werden. Daher war Fritzchens wunderliche Erkrankung ziemlich spurlos an ihr vorbeigegangen. Eigentlich stand ihr Sinn nach anderen Dingen. Sie hatte gedacht, die beiden Rummelshöfer Söhne unter sich und ihre Schwester zuverteilen. Wie – daran war wohl kein Zweifel. Die verwandten Elemente zusammen, so daß nirgends Feuer und Wasser sich zu gesellen brauchten.

Sie war ein gar kühles, weltförmiges Menschenkind, in dessen geschickten Händen viel Unmögliches möglich wurde. Aber sie hatte auch ihre Abhängigkeiten, die sie armselig, bedürftig und ohnmächtig machten. Gregor, in seiner dörflichen Pfarre, von der Professur abgesehen, die ihr ziemlich sicher schien, war ihr doch immer noch der Liebere und Interessantere und Glänzendere, als Herr Schultze mit seinem Geld.

Wer zählt das Herzklopfen eines armen, auf Scheinbilder gestellten Mädchens, das zwischen der Frage: ob Schultze – ob Zülchow in grausamer Schwebe hängt, während schon der Sperling in ihrer Hand pickt und droben auf dem Dache die schimmernde, flüchtige Taube sitzt?

Auch der Sperling hat Flügel, er sitzt nicht ewig in Deiner Hand – mahnte das geängstigte Herz.

Wie sie dies Hohen-Leucken haßte in seiner kahlen Öde, wo man angewiesen war auf zwei, drei junge Leute, wo kein reizvolles Spiel der Eifersucht, kein keckes Wagen und Tändeln, kein prickelndes Wetterspiel von Gunst und Ungunst stattfinden konnte! Hier saß nur ein braver, langweiliger Freier in schwerfälligem Ernst: Nimmst Du mich – oder nimmst Du mich nicht? Und dahinten in Wirrnis und im unbekannten Land flackerte ein helles, prächtiges, vielleicht trügerisches Licht.

Sie fing an, nervös zu werden. Nur nicht allein mit ihm! Nur Aufschub, Aufschub! Es durfte nichts nach Ablehnung aussehen, und doch durfte auch nichts zu sehr ermutigen und dadurch beschleunigen.

Ja – das sind auch Kämpfe. Der eine hat es auf dieser Ecke, der andere auf jener. Tränen und Blut haben sie alle beide, und der Schein ist am Ende auch ein Sein.

Im ganzen war es eine brillante Unterhaltung, leicht, graziös, mit geistreichem Geblitzel, wie immer, wenn Gisela regierte. Melitta Schultze war klug und lustig, sie sekundierte vorzüglich. Gisela war gar nicht hübsch, sie hatte ein langes kaltes Gesicht und einen verkniffenen Mund, aber sie verstand es so pompös, etwas aus sich zu machen, daß viele Männer schwuren, sie sei eine Schönheit.

Ein ganz klein bißchen feiner Klatsch lief zuweilen auch mit unter, aber nur wie ein Körnchen Paprika. Gisela verpfefferte ihre Gerichte niemals. Heute gab es eine wirkliche plumpe Neuigkeit.

»Der jüngste Zülchow ist verschwunden.«

»Ach! Was heißt das: Verschwunden?«

»Nein, in der Tat, mein gnädigstes Fräulein. Es sollen schon Nachforschungen angestellt sein, der Bruder hat auch bei seinem Regiment vergeblich angefragt.«

Man lachte darüber. Der eifrige Bericht klang so ein bißchen kindlich. Herr Leopold war mit seiner Neuigkeit hereingefallen und schämte sich.

Fritzchen hörte das alles mit an. Sie saß baldam Ofen, bald am Fenster, bald mit am Kaffeetisch. Sie sprach nicht mit, sie war blaß und ruhelos. Melitta versuchte ein paarmal, mit ihr zu reden, aber sie gab kaum eine Antwort, so traumhaft dumpf war ihr zu Mut. Die anderen beiden beachteten sie nicht viel. Herr v. Dörfflin hatte über Kopfweh geklagt und war fortgegangen.

»Was soll denn mit Hans Henning sein?« fragte sie plötzlich und blieb hinter einem Stuhle stehen. Die Frage klang wie im Zorn gerufen.

Herr Schultze sah sie beinahe erschrocken an. »Ach, jedenfalls nichts. So ein Streich, wie ein junger Mensch mal macht.«

Wie aus unendlicher Vergangenheit stieg das Bild des stürmischen Jungen vor ihr auf. Sie mußte sich erst wieder zurechtfinden. Der erste Klang aus der alten lebendigen Welt!

Hans Henning – ja – an der Gartenmauer –

»Er hatte eine verstauchte Hand –«, sagte sie langsam, wie suchend.

»Nun, das hindert nicht am Streichemachen«, sagte Gisela, und die drei lachten.

Dem Mädchen wurde es plötzlich heiß in dem wollenen Tuch. Sie streifte es von sich, ging hin und her, ging zum Fenster und zurück. So war sie schon die ganze Zeit über gelaufen, aber in dumpfer Ruhelosigkeit. Jetzt bebte und klopfte alles in ihr. Eine unklare Angst hatte sie überfallen, es war nicht mehr das Grauen von vordem, sondern ein lebendiges, wildes Empfinden, so, als müsse im nächstenMoment die Tür aufgehen und ein Bote des Schreckens dort erscheinen.

Es geschieht etwas! Es geschieht etwas! hämmerte es in ihr.

Sie stand und starrte die Tür an: Jetzt muß es kommen!

Es kam etwas. Die Tür ging auf. Es war Jakob in seiner Sonntagslivree. Leise, wie ein Schatten, die anderen sahen oder beachteten ihn gar nicht. Seine und Fritzchens Augen trafen sich unmittelbar bei seinem Eintritt. Er winkte ihr nur zu, sie verstand sofort. Es war gekommen!

Draußen in der Halle sagte er zu ihr: »Der gnädige Herr ist unwohl geworden. Ich weiß nicht, was das ist, es sieht ganz doll aus.« Er war selber bleich und schlotterte an den Gliedern.

»Wo ist er? Schnell –«

Sie war schon davon, aufs Geratewohl in der Richtung seines Zimmers, er schoß ihr nach und hielt sie am Ärmel fest.

»Gnädiges Fräulein – Fräulein Fritzchen, ich denke – kriegen Fräulein Fritzchen man keinen Schreck – es ist am Ende wohl ein bißchen schlimm –«

»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte Fritzchen.

Es war so schlimm, wie es sein konnte. Herr v. Dörfflin war vom Sofa gefallen, auf das er sich wohl vorhin gelegt hatte. Er lag unten auf der Erde. Jakob hatte den Knall gehört, war herbeigestürzt, hatte sich die Sache angesehen, seinen Herrn ein bißchenherumgedreht und war davongelaufen. Es war doch eine grauliche Sache!

Fritzchen kniete neben ihm.

»Sofort den Doktor holen, Jakob. Sag's draußen. Und dann faß mit an, wir müssen Papa zu Bett bringen.«

Sie beugte sich tief über ihn. »Papa!«

Es kam keine Antwort zurück, nicht einmal ein Zucken. Sein Gesicht war wunderlich entstellt. Aber er lebte noch.

Ehe der Mensch wiederkam, kauerte sie neben ihm, den Arm unter dem schweren Kopf mit den blauroten, gedunsenen Zügen, mit der anderen Hand tastete sie ihm nach dem Puls, befühlte die feuchtkalte Stirn.

»Papa, mein Papa –«, murmelte sie immer wieder auf das leblose Gesicht nieder.

Es kam Leben in das Haus, die Kunde flog wie ein wilder Vogel durch alle Räume. Es kam Hilfe, mehr als nötig war. Draußen wurde nach dem Schultzeschen Wagen gerufen.

»Ein Schlaganfall –«, sagte Frau v. Pohle leise. »Ihr armen Kinder –«

Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen, die nichts nützen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut sich, oder man ringt die Hände und weint, was noch am wenigsten nützt. Da läuft Gisela durch das grüne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um aus Frau v. Pohles StubeTropfen zu holen, sie sieht noch all das Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da hört sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O schrecklich, schrecklich.

Frau v. Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, daß sie fror, und all das leere Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hände. Sie grauste sich nicht und schüttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme Mägdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wußte und konnte (viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrünstiges Bitten: »Papa, bleibe hier, lieber Papa!«

Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann getrost über das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders. Manch armer Schächer im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn vorgemacht. Selbst der Förster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein paarmal vorgestellt: »Zum wenigsten eine Diakonissin müßte her, gnädiger Herr.«

Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bißchen Kranksein!

Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bißchen Leben und Sterben. Was nicht mehr halten will, das reißt eben. Er hat auch nie geflickte Hemden tragen mögen. Nun behält er auch bis zum Schluß recht: die ganze Anstellerei hätte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin hätte heute auch nurdaneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor tat.

Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. »Na ja – das ist eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wäre es heute nicht gekommen, so käm es morgen, bei dieser Konstitution.«

Im Hof rannten die Leute, alle Ställe waren erleuchtet, keiner wußte warum. Das war auch »man eben so.« Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den Wagenlaternen des Doktors.

»Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin«, sagte der Doktor. »Ich komme im Frühesten noch einmal heran, bis Mittag hält er es wohl noch aus.«

Man trug alle überflüssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht für diesen armseligen Erdensohn brach an.

Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett paßte. Gisela nicht, und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese verstand das am ehesten. »Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen«, sagte sie zu Gisela.

»Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling«, entgegnete Gisela mit etwas sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalität war in diesem Moment ganz ehrlich.

– Noch gehen die Atemzüge. Noch stöhnt und gurgelt und grunzt es aus der Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Körper. Fritzchen sitzt auf seiner Bettkante und hält seine Hände, streicheltsein Gesicht. Manchmal ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten Geist.

Nur eine verhängte Lampe brennt.

Mein Vater – was war denn unser Leben miteinander?

Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich hätte mehr mit Dir sein müssen.

Sie beugt sich über das Gesicht, es zu küssen, er merkt es nicht mehr. Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die häufigste. Wenn der alltägliche Mensch, den man am Alltag vernachlässigt und nicht viel geachtet hat, plötzlich zur Erde stürzt und sein irdisch Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und Ansehen, dann sitzt der andere da und schlägt sich die leeren Hände vors Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versäumt!

Das ist die alte, gewöhnliche Geschichte.

Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stören. Laß das Kind mit dem Vater allein einig werden. Es läuft am Ende doch nicht alles nur auf ein Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von zweien der eine gehen will. Viel Unbewußtes, das hier klar und hell wird, viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die niemand verlangte und niemand angerufen hat.

Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Stützen, ein Trunk Wasser, ein beruhigendes Streichender Hand, das bloße Dabeisein – das alles ist in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende für ewige Zeit über die Kluft des Todes hinüber, das wiegt tausend Versäumnisse auf. So groß und so klein das Leben – so groß und so klein sind seine Formen. Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben.

Nicht im Jammer der Reue soll das Kind sich vom Vater scheiden. Mit den jungen, heißen, lebendigen Lippen küßte sie die zerfallende Form.

»Papa, lebe wohl, mein lieber Papa.«

Es kam schon jemand, aber der störte jetzt nicht mehr. Leben und Tod hatten schon ihren großen Bund geschlossen und saßen friedlich Hand in Hand.

»Fritzchen –«, sagte leise die Eingetretene, Frau v. Pohle, »es ist Ihnen vielleicht nicht recht, aber Gisela hat gehandelt, ohne mich zu fragen. Sie meinte, es sei in der Ordnung, sie hat zu dem Pfarrer geschickt. Er ist schon hier und wartet.«

Es war Morgen geworden, obwohl draußen noch Finsternis lag. Sie sah im schwachen Lampenschein die dämmernden Züge. »Er versteht ja doch nichts mehr, ich werde den Pfarrer zurückhalten.«

Fritzchen sah zu ihr auf, sie ließ die sterbenden Hände nicht los. Ihr Gesicht hatte sich in diesem seltsamen Zusammensein verwandelt, es sah klar und groß aus. »Der Pfarrer kann kommen«, sagte sie.

Frau v. Pohle ging und holte ihn herein. Sie war beklommen und bange wie das Kind dort nicht war. Sie wußte auch nicht, ob sie recht oder unrechttat, sie konnte jetzt nichts als den großen, stillen Augen gehorchen und ihren Willen tun.

Überall brannten Lampen, das ganze Herrenhaus war wie illuminiert. So hatte Gregor es gefunden, als er in eisiger Morgenfrühe den nächtlich dunklen Weg hinanging. Als ob es ihn zu einem hohen und strahlenden Feste grüßte.

Er wartete in Herrn v. Dörfflins Zimmer. Noch hing alter Zigarrenrauch im Raum, eine halbgerauchte Zigarre lag im Aschbecher auf dem Sofatisch. Welch eine Sprache dies alles führte!

Am Fenster stand Gisela und weinte. Seit er das Haus betreten hatte, war die Erschütterung übermächtig über sie gekommen. Es war wohl keine Spielerei, daß sie ihn gerufen hatte, wenn auch in ihrem tiefsten Winkel, wo die dunklen Motive lagern, solch ein Spielmotivchen vielleicht mitgefunden werden könnte. Aber sie hätte auch Pastor Baumann holen lassen.

Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wußte, bis nichts mehr übrig blieb, regiert zu werden, als ein Häufchen leichthandlicher und wechselbarer Wetterfähnchen.

Gregor dachte nicht an sie.

Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v. Dörfflin von dem Sterbebette seines Vaters hinausgeführt hatte, weil er kein Recht besaß, dort zu weilen.

Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett?

Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der Kirche. Er war nur der Träger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines Befehles.

Er wußte, wen er dort finden würde und bebte nicht.

Frau v. Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schloß sich an. Da sah er das Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht.

Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewußtlosen das Abendmahl nicht mehr reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte nun zu gehen.

Da kam der Geist über ihn. Er öffnete den Mund und sprach mit gedämpfter Stimme in einem edlen, schönen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der Fülle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschöpflichkeit und Unzerstörbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergründlichkeit des Werderätsels, das das Weltall umfaßt und an die Gottheit rührt.

Es war keine Predigt, kühl abgewogen, auch keine Improvisation, bei der plötzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott! laß uns Dich schauen! Mensch –wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin ich?

Er hörte es nicht mehr, der Ziehende. Aber er war es doch, der in seiner dunklen Sterbestunde den vier Menschen, die ihn umstanden, eine große, starke Gnade gab. Noch nie war in diesem Sohn der Kirche das Herz so heiß, so voll und groß geworden, noch nie hatte es, den Eispanzer sprengend, in so starken Tönen sein dumpfes Ringen und seine helle Erkenntnis, sein dunkles Glauben und seine herrliche Anbetung so unbekümmert und ohne Zurückhaltung verschwenderisch ausgeströmt.

Zum ersten Male in seinem Leben war er von sich selber frei.

Dies war die größte Stunde seines Lebens, zu der hinein keine Verleugnung, von der hinaus keine Reue führte.

Um ihn herum aber stand das Leben wie mit angehaltenem Atem. Sie fühlten alle, ob groß, ob gering, ob armselig, ob in der Fülle des eigenen Reichtums erbebend, die Schauer der Ewigkeit.

Fritzchen war vom Bettrand hinunter leise, halb unbewußt, in die Knie gesunken. Ihr Kopf lag auf der Bettdecke.

Ja – wohl hielt ihr Leben den Atem an. Wo war er geblieben, ihr Spielgott, ihr Katechismusgott, mit dem sie haderte und dem sie an den Fingern seine Fehler herzählte? Gegen den sie ausschlug und andere arme Seelen zur Rebellion anstachelte? Dieser Vertreter einer menschlichen Mächtigkeit, von denGrenzen menschlicher Gesetze umzogen, der Verantwortung und Abrechnung unterworfen?

Schauer der Ewigkeit. – Gehen Dir die Augen auf, Kind der Erde?

»Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?«

Die Worte waren verklungen. Noch mischte sich kaum in das Schwarz vor den Fenstern der graue Schein des Dezembermorgens. Still brannte die Lampe. Still war das Leben hier im Raum.

Zu gleicher Zeit richteten sie sich beide auf und sahen einander an. Sie waren keine armen Menschen mehr, keine wirren und heißen Kämpfer um Mein und Dein, um Du und Ich, all die Angst und das Grauen und die schreckliche Not lag hinter ihnen. Als zwei erlöste Geister grüßten sie sich.

Sie gaben sich die Hände und blickten sich lange an. Dann schieden sie.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle – Hölle, wo ist Dein Sieg?

Das Leben hatte in heiliger Stunde erschauernd angehalten, jetzt setzte es mit starkem Takt, mit Gewirr, Getön und Geklapper wieder ein.

Ludwig v. Dörfflin war im Leben nicht viel gewesen. Nun er tot war, war der Mittelpfeiler aus dem Hohen-Leuckener Dasein herausgezogen, und alles drohte zusammenzufallen.

Was nun? Wohin mit allem? Was wurde aus der Wirtschaft? Wer befahl jetzt im Hause? Wer gab Geld? Wer hatte Geld?

Kaum war der Gutsherr unter der Erde, da liefen beängstigende Schreiben ein. Hypotheken, Ablösung, Kündigung, fällige Zinsen – was schwirrte da alles durcheinander. Es war noch acht Tage vor Weihnachten, da kam der Inspektor und redete von rückständigem Gehalt. Wo waren die Papiere? Wo war Geld? Wer schaffte Klarheit und Ordnung in diesem entsetzlichen Wirrwarr?

Von solchen Geschäften verstand Frau v. Pohle auch so gut wie gar nichts; die beiden Kinder ahnten nicht einmal etwas. »Ja, ja, so geht's öfter mit plötzlichen Todesfällen«, sagte Herr v. Leisewitz-Deechow, den Frau v. Pohle in ihrer Angst am Begräbnistageum Rat anging. Er hatte wohl nicht viel Lust, in diesen Kram die Hände zu stecken. »Nehmen Sie einen gerichtlichen Verwalter für die Sache«, schlug er vor.

Ist ein Testament da? Ja, wo soll man suchen? In den Schränken liegen die Papiere herum wie Waschzettel, wer findet sich da hindurch?

Jeder Briefträger bringt Rechnungen. Ein Zigarrenfabrikant schreibt einen groben Brief. Es ist eine heillose Wirtschaft, wohin man auch blickt. Frau v. Pohle schläft keine Nacht. Um Gott, die armen Kinder! Da kommt ja wohl eine Zwangsversteigerung dabei heraus.

Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht!

Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck – und die wirrtolle Jagd bergab stand plötzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der kräftige Ruck?

Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr v. Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben Frau v. Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch festen Händen die häßlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemühen:

»Das ist nichts für Sie, gnädige Frau. Da findenSie sich doch nicht durch. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bißchen zur Hand und schaffe da erst Ordnung drein.«

Ach ja, es mußte ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben.

Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhörbar und sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt.

Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herüberkommen lassen und sich mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glänzend vor Wohlwollen und Frische, mit dem vergnügten Händereiben des Mannes, der ein Stück Arbeit hinter sich hat, in das Eßzimmer, wo man mit dem Kaffee auf ihn wartete.

Er redete unablässig, während er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein ließ, aber nur von ganz außenliegenden Dingen. Von seinem Gut und seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mühseligen Anfängen, die durch seine jetzige Stellung verklärt und gekrönt erschienen.

Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner Hand. Man hätte sich in diesem Falle keine bessere Hand wünschen können. Keine Liebe und liebenswürdige Begeisterung, keine Weichheit und kein Mitleid konnte so sicher, klar undeinzig richtig die verfahrenen Verhältnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschäftsgewohnten Kopf und dem kühlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe, rettete der künftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den Todesfall bedingte allernatürlichste Angelegenheit und band dabei durch all sein Vorgehen Gisela an Händen und Füßen für seinen Leopold fest.

Frau v. Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wußte es auch. Danach wurde es auch Fritzchen klar.

Es war am heiligen Abend. Kalt, still und dunkel war das ganze Haus. Kein Christbaum, keine Lichter, nur die Dienstboten hatten sich Kuchen backen dürfen. Herr Schultze hatte in seiner unzarten Manier gedrängt, den Abend in seinem Hause mitzufeiern, aber Frau v. Pohle hatte für sich und die beiden Kinder voll Bestimmtheit abgelehnt. Herr Schultze konnte es sich jetzt schon gestatten, eine starke Verstimmung an den Tag zu legen.

»Gisa«, sagte Fritzchen, als sie beide allein im grünen Zimmer waren, »Du wirst den Sohn von da drüben heiraten sollen.«

Gisela bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie fühlte alle diese Tage selbst eine Qual und Empörung über den Zwang, der sie in etwas hineinreißen wollte, was sie, als freie Gnade zu vollziehen, noch gar nicht entschlossen gewesen war.

»Sollen?« erwiderte sie. »Man wirbt um mich, das ist gewiß.«

Ihre Art war erkünstelt, sie hätte gern Kälte und Hoheit gefühlt und gezeigt. Aber sie fühlte nur die entsetzliche Frage: Wenn nicht – was dann?

»Tu es nicht!« rief Fritzchen.

Sie stand auf, setzte sich zu ihr auf das Sofa und schmiegte sich an sie.

»Gisa – fort müssen wir ja nun beide. Hier ist's nun wohl aus. Wie es wird, weiß ich nicht. Aber geh nicht zu den Schultzes!«

Matt – nicht heftig und ohne sich von ihr loszumachen, entgegnete Gisela: »Ach, Frida, Du verstehst ja nichts. Du siehst nur den Augenblick, nicht das weite, lange Leben. Wenn alles geordnet sein wird, werden wir ein paar arme Mädchen sein, Fritz.«

»Ja. Laß das doch. Was schadet es? Wir sind ja gesund. Andere Mädchen haben auch kein Geld. Besser, als aus Not und Angst irgend einen reichen Mann zu heiraten, ist das doch immer noch.«

»Du verstehst nichts!« sagte Gisela noch einmal. »Wir haben ja nichts gelernt, willst Du Wirtschaftsstütze werden oder alten grilligen Damen vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer weiß, ob wir auch davon etwas verstünden oder nur angenommen würden.«

»Gisa!« rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden Armen und rüttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf aufrütteln, »es ist nicht möglich, Du kannst nicht, Du kannst nichtdas wollen, aus bloßer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwürdig! Du entehrst Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch – Gisa, ich will für Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, daß ich's kann! Ich habe Kräfte und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bißchen Geld bekommen wir doch auch noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa,daswäre die ärgste Rache, die Du an Papa nehmen könntest! Das ist überhaupt das Niedrigste und Schlechteste, was es auf Erden gibt –«

»Laß los! Frida! Was fällt Dir ein! Du drückst mich ja! Laß los! Was weißt Du, Kind –«

»Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu nur das eine, Gisa, tu keinen übereilten Schritt. Laß Dir Zeit, dann wirst Du selber sehen –«

»Gnädige Fräulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch«, sagte Jakob in der Tür. Man hatte das Knirschen von Rädern im Kies nicht gehört. Er hielt die Tür auf als ein fühlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der Fülle seiner Ahnungen heraus.

»Ach, Herr Schultze –«, sagte Gisela in grenzenloser Bestürzung und machte sich aus der Umschlingung der Schwester los.

Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das sah Gisela, das sahFritzchen. Die Stufen vor der Haustür hätten es sehen müssen, so prangte es aus ihm heraus.

Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in schönster Ordnung.

»Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgrüße –« Er kam ins Stottern, es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her. Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst hätte er gemerkt, daß jetzt der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er hätte Kehrt gemacht und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als länger dazustehen und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben.

Da kam Frau v. Pohle herein. Sie hatte das Rädergeräusch gehört und nahm an, daß ihre Gegenwart jetzt nützlich sei. Im übrigen war sie in dieser Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand: Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was man durch Hinderung ihres Vorhabens hätte retten können. Sie war eine kühle alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein Mädchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mühsal tragen, so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten Mühsalträgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel. Laßt sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir sindauf Erden nicht so arm an guten, starken und blühenden Elementen, daß wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme ausrenken müßten. »Wir« überhaupt! »Wir« können gar nichts. Gisela heiratet doch – Fritzchen reißt doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu aufzubauen. – »Wir« sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut.

Sie übersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglückliche Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlüssigkeit, Frida kriegerisch bis zum äußersten.

Was ist es doch für eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rücken. Frau v. Pohle bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark »erstaunt« über den Besuch zu dieser Stunde, ließ ihn sanft und nachdrücklich fühlen, daß seine ungenügende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische lud. Die allgemeine Schwüle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle, wie sie waren.

Folgendes war das Bild dieses Abends.

Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschießen, sobald eines von beiden dem Kernpunkt näherrücken würde. Herr Leopold, die Unglücksfigur des Abends, sich windend und würgend, als hätte er einen schlechtsitzenden Kragen um.Gisela, allmählich aus der Verwirrung zu sich kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v. Pohle, über dem allen, die Oberfläche beständig glättend und sich um das Brodeln der Tiefe kein Herzklopfen machend.

Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am Tisch. Ach, es ist so wonnig schön, wenn man noch nicht mit seiner Kraft herumpufft, als hätte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch übersieht, mit seinem ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den Sieg glaubt! Die Jahre des Lächelns und Müdewerdens und Stilleseins kommen immer noch früh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige, gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging!

Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttäuschungen herum, Du, mein schönes Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Empörung und Schmerz! Es gehört alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein Leben lebst.

– – Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch.

Leopold Schultze fühlte sich beständig von der Erwartung seines Papas gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wäre die Entscheidung doch wohl noch verschoben worden. Aber das stärkte seine Schüchternheit wie Alkohol, er rannte einfach,wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das Fritzchen, vor dem er sich fürchtete, brauchte nur einmal aus der Tür zu sein, Frau v. Pohle zur Seite zu gucken, da flüsterte er wie im Sturm seine auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut übergossen, sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die Hauptsache, die Erklärung, war geschehen.

So sicher ritt dieser schüchterne Jüngling auf seines Papas dickem Geldsack einher!

Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische, beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, faßte er sie um und küßte ihren Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. »Süße Gisela –«, flüsterte er.

Als sie in die Helle traten, strich sie sich mit einem tiefen Aufatmen über das Gesicht.

Nun war es also doch so gekommen. Doch es konnte ja auch nicht anders sein. Gut, daß die Entscheidung vorüber war.

»Noch nichts sagen!« bat sie ihn.

»Aber bald – bald!« flehte er dagegen.

Frau v. Pohle sah sich nach ihnen um.

»Na ja!« dachte sie nur.

Schloß Hohen-Leucken, das Dorf, das Moor, der See, die Pferde und Hunde, die Leute, der alte klobige Turm – das hat aufgehört zu existieren. Es ist wie ein Bild, das im Nebel zergeht.

Es wird Sommer über dem Moor, das Gras steht hoch, die Käfer schwirren, der alte Kahn zieht sich ganz voll Wasser und liegt auf dem Grunde – kommt denn das Fritzchen noch immer nicht, das hier zum Sommer gehört wie Gras und Käfer?

Der alte wilde Garten ist neu angelegt, ein Tennisplatz ist darin abgezäunt. Darin spielen weißbeschuhte Herren und junge Damen den halben Tag. Es sind jetzt überall neue große Fensterscheiben eingesetzt, der Turm dient zu Logierzwecken und hat elektrische Leitung.

Wie heißt die neue Herrschaft? Es kommt nicht darauf an, Schmidt oder Schneider oder noch anders. Wenn sie sonst nur gut sind, aber die Leute im Dorf merken nicht viel davon. Man kennt das nicht von der Stadt her, daß man sich persönlich um die Leute kümmert. Früher ist es nichts großes gewesen, wenn das Fräulein Fritzchen eine Suppe gebracht hat undselber am Herde gestanden hat und gekocht. Jetzt reden sie davon, wie wenn sie Märchen erzählen.

Der Jakob kann einem leid tun. Ein Höhenmensch war er ja gerade nicht, aber doch ein alter braver Knecht. Er lief davon, wenn sein Herr vom Sofa fiel, aber die Stiefel hielt er noch immer blank und war so zuverlässig, wie ein alter Kettenhund. Der hatte sich auch wunders gedacht, was er war, und nun war er nichts. Der neue Herr Schneider oder Schmidt oder Sonstwie wollte ihn nicht haben, der hatte selber einen Diener, der anders fliegen konnte als dies Klappergestell. Am Ende konnte der Jakob ins Dorf gehen und sich von seiner alten Mutter füttern lassen, wenn er nicht auf Tagelohn gehen wollte. So ging er eben auf Tagelohn mit dem Dorfpack zusammen. Das war auch ein Trauerspiel aus unseres Herrgotts Druck und Verlag.

Rechts herum geht's zum Pfarrhaus. Die jungen kichernden Töchter gehen mit ihren Freundinnen die Dorfstraße entlang und stoßen sich an.

»Da wohnt »er«!«

Das ist nämlich auch noch etwas, hier auf dem Lande, der interessante Prediger, mit der Hof-Vergangenheit! In den Einladungsbriefen der Backfische wird das besonders erwähnt.

Viel Dorfleute sind Sonntags nicht in der Kirche, aber die rosa und hellblauen und weißen Backfische sind vollzählig. Ein paar junge Herrchen aus Eifersuchtsgründen sind auch regelmäßig dabei. Das ist ein Zublinzeln und verhaltenes Kittern, ein Augenverdrehenund Schmachten, daß die Leute heraufsehen und sich wundern.

Das ist nun Herrn Gregors Arbeitsfeld!

Wenn ihm übel werden will und matt bis zum Tode, geht er stundenlang über die Felder. Er kommt dann auch jedesmal über den Böllinger Kreuzweg, wo Möt über den Graben setzte. Möt ist jetzt zahm geworden und geht im Ackergeschirr.

Ist das auch das Ende aller unserer Weisheit nach den Stürmen und tollen Sprüngen unserer schönen Zeit?

Aber es ist viel untergegangen, doch nicht die Kraft und die Herrschaft.

Kennst Du den Rausch der Selbstüberwindung? Kennst Du den Triumph, der höher ist als alle Kränze des Lebens, wenn der Mensch von sich selber frei wird?

Königlich ist die Unabhängigkeit von den eigenen Wünschen. Sie ist mächtiger als das Schwert in der Brust, und sie spottet der Dornen unter den Füßen.

Die jungen Kinder eines hohlen Daseins schmachten ihn an und verdrehen sich nach ihm die Hälse. Sie wissen nicht, wen sie verehren. Seine Welt kennen sie nicht, und kennten sie sie, so würde ihnen grauen vor ihrer übermenschlich stolzen, kalten Einsamkeit.

* * *

Doch eine einsame alternde Frau, die Mutter dieses Mannes, konnte ihm auf dem schmalen Wege nichtfolgen. Sie saß in ihrem leeren Hause und hielt nur abgerissene Fäden in ihrer Hand.

Die beiden Söhne fort. Der eine, der nahe, den sie alle Tage sehen konnte, wohl noch am weitesten. Worte sind nichts, sie sind wie ein Schrei, ausgestoßen auf schwindelnder Bergeskuppe, verflatternd in der leeren, unendlichen, stummen Weite. Tränen sind nichts. Ach, was fragte dieser Sohn nach den Schmerzen der Zurückbleibenden da unten im Tal?

Es war eine Mutterqual, die sich durch dies ganze Leben gezogen hatte. Nun war dies Leben müde davon. Es brachte kaum noch Angst und Erregung für den zweiten der Söhne auf.

Hans Henning hatte geschrieben. Nach vielen Nachforschungen, Besorgnissen und Ratlosigkeiten wirkte der Brief fast wie eine Ernüchterung auf sie. Stempel Lissabon. Die Form kurz bis aufs äußerste. Er habe den Abschied schriftlich genommen und sei jetzt auf einer Reise um die Erde. Nach Jahresfrist oder etwas später werde er kommen und das Gut übernehmen. Geldmittel habe er sich bei dem Freunde des Vaters, Herrn So und so, verschafft, er bitte, sie ihm zurückzuerstatten. – Weiter nichts. Nicht einmal den Namen seines Dampfers hatte er genannt, keine Adressen angegeben, jegliche Möglichkeit einer Verbindung bis zu seiner Rückkehr total abgeschnitten.

Frau v. Zülchow fragte: »Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?«

»Ja«, entgegnete er. »Aber es war ein Mißverständnis von ihm.«

Ein feines, brennendes Rot überzog ihr Gesicht, als sie mit großer Überwindung, und doch getrieben von ihrer Begier, nicht außen zu stehen, fragte: »Ist es – Gregor, Du mußt diese Frage verstehen – handelt es sich um die jüngste Dörfflin hierbei?«

»Ja, Mama«, sagte Gregor ruhig.

Sie wollte noch Tausendfaches fragen, aber sie wußte nicht wie, und sie blieb stumm. Das hatte sie jetzt gelernt in ihrer schweren Zeit.

Abgerissene Fäden hielt sie in der Hand. Auch der Hans, dessen Liebe und fröhlicher Gegenwart sie so sicher, fast gleichgültig sicher gewesen war, hatte den seinen abgerissen. Der Mann, ihr Gatte, der ihr ganz zugehört hatte, war tot. Wo war all der Besitz hin, in dem man einst wie in einem blühenden Ährenfeld stand?

Sehnsucht nach Hans – das war jetzt wohl noch das einzige, was Sinn und Lebenszweck hatte. Diese Tränen brannten wenigstens das Herz nicht aus. Sie suchte die Erinnerungen an Hans zusammen, die Kinderbildchen und ähnlichen Kram. Sie saß stundenlang und grübelte, um sich seine Worte, Handlungen, Bewegungen ins Gedächtnis zurückzurufen und konnte es kaum fassen, wie verschwenderisch sie früher gewesen war.

* * *

Gisela v. Dörfflin gab es nicht mehr. Dafür eine junge Frau Schultze auf Gut Böllingen. Der Papa hatte seinem Sohn das Gut und auch die Zuckerfabriküberlassen und war mit Frau und Tochter zu einem seiner anderen Fabriketablissements übergesiedelt. Nun konnte das junge Paar nach einer oberitalienischen Hochzeitsreise »in ungestörtem Zusammensein seine Flitterwochen verleben.«

Süße Zeit. Gisela fand sie auch süß genug. Ach, man mag die Seele aufspannen, wie man will, die sieben fetten Jahre nach den sieben mageren Jahren sind doch nicht nur ein Tand, den man sich ohne Zucken vom Ärmel schütteln kann. Fritzchen weiß so etwas noch nicht, es liegt auch zum großen Teil an ihrer mangelnden Weltbildung.

Reisen – reisen! wohin man will, immer in die besten Hotels, immer an gebückten Kellnerhäuptern vorüber. Kunstschätze, Naturschätze sehen, ohne auch nur an das Geld denken zu brauchen. Einkaufen nach Belieben und mehr als man beliebt, so beflissen kommt Leopold jedem Wunsch zuvor. Die ganze Welt in ihrer Schönheit steht plötzlich offen. Liebe Seele, es ist doch noch eine große Frage, ob Dein Handel so schlecht war und ob der Einsatz nicht reichlich den Gewinn lohnte!

Ja, Gisela Schultze muß ja am besten wissen, wie hoch ihr Einsatz gilt. – – –

Insofern hatte Frau v. Pohle recht: solch ein Handel geht meistens richtig auf, und der Verkäufer weiß schon so ungefähr, was seine Ware wert ist.

Mit diesem Knalleffekt konnte Frau v. Pohle abgehen, die Rolle in diesem Hause, die sie so stark und mit ihrem ganzen Menschen gespielt hatte, waraus. Sie mußte sich eine neue Stellung suchen, das war für sie wohl eine leichtere Aufgabe als für ihr liebes Herzblatt, das Fritzchen, das jetzt in der gleichen Lage war. Sie hatte Referenzen und Erfahrungen, und Fritzchen hatte beides nicht.

Vielleicht konnte diese als arme Verwandte bei den Schultzes bleiben? Inmitten ihres großen Schmerzes lachte Frau v. Pohle laut bei diesem Gedanken. Ja, da kennt Ihr mein Fritzchen schlecht! Arbeit und Mühsal kann sie viel ertragen und es wird denen, die sie lieb haben, weher tun als ihr, aber ein weiches Bett sucht sie sich nicht.

Das war Frau v. Pohles Zuversicht und Stärkung in den schweren Tagen, als der Abschied kam und die Zukunft sich dunkel und verworren auftat.

Herr v. Leisewitz-Deechow hatte in Berlin eine alte Cousine, die kränklich, halbblind und hilfsbedürftig war. Mit ihrer letzten Gesellschafterin hatte eben eine trubulöse Entzweiungs- und Verabschiedungsszene stattgefunden. Herr v. Leisewitz war noch etwas von seinem Gewissen geplagt, als er Herrn Schultzes rührige Helferschaft und den darauf eingeheimsten Heiratslohn gesehen hatte. Nun wollte er sich wenigstens um Fritzchen bemühen und verfiel als erstes Bestes auf diese Stellung bei seiner alten Cousine, die ein sehr hohes Gehalt zahlte und dafür sehr starke Anforderungen stellte, von denen er freilich nichts wußte. Sollte aber Fritzchen für ihre alten Tage sichergestellt sein, so mußte sie jetzt schon einige Jahre zusehen, wo sie Geld her bekam.

Es war damals auch der Wundermut und die Begeisterungskraft in ihr, die oft aus der einfachen Gegensätzlichkeit entspringen. Daß Gisela solchen unwürdigen, armseligen Entschluß gefaßt hatte, straffteihrdas Herz. Nun gerade! Sie hätte am liebsten Steine gekarrt in dieser brausewütigen Wallung.

Aber der öde Werktag mit seiner unfruchtbaren Mühe hatte etwas Niederziehendes. Wie oft nachher, erst im heißen Sommer, dann im kalten Winter, wenn sie spät abends in ihrer schlechten, engen, fast unheizbaren Stube saß, todmüde vom vielen Laufen, Treppensteigen, Besorgen, heiser vom ewigen Vorlesen, dumpf vom leeren Geschwätz – wollte ihr der Wundermut oft elend zusammensinken. Aber der große Sturm, der sie wachgerüttelt hatte, ließ sie auch hier, in der freudlosen Vereinsamung, nicht untergehen.

Erst, als sie noch ein Kind an der Seele gewesen war dem Unbegreiflichen und Zermalmenden gegenüber, war das Grauen vor dem Tode über sie gefallen. Aber in jener wunderbaren Nacht hatte das allmächtige Leben es besiegt.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?

Es ist keine Zeit da für andere Dinge. Unsere Wünsche, unsere Sehnsucht, unsere Schmerzen verstummen alle vor dem großen klaren Gesicht des Lebens.

Das war die große Befreiung, die für diese arme Seele gekommen war. Nun brauchte sie keine Erfüllungmehr, noch Schutz, noch Hilfe, noch Trost. Sie hatte das Entsetzen verloren, nun sah sie in reinerem Licht unvergänglich und unverlierbar den wieder, dem ihr Herz seine junge starke Liebe gegeben hatte, jene stolze Liebe, die unabhängig ist vom Ja und Nein der Tatsachen, vom Echo des eigenen Schalls.

Es ging mehr als ein Jahr herum.

Auch in der eisigklaren Region des Weltüberwinders, der in sich das Herz erfrieren ließ, um der Schmerzen spotten zu können, gab es noch Stufen der Entwicklung und Klärung.

Wohl ist die Askese stark wie süßer Wein, aber Rausch ist nicht Wirklichkeit, und nur die Wirklichkeit befreit.

Pfarrer Gregor hörte auf, sein Leben hier auf dem Dorfe als seinen Zweck und Abschluß anzusehen, wie man aufhört, Arznei zu trinken, wenn die Gesundheit kommt.

Er war ein ungenügender Dorfprediger, das Volk verhungerte bei seiner nutzlosen Mühe. Sein Weg im Leben lag wo anders, da wo er seine Gaben und Kräfte in Wahrheit nutzbar machen konnte. Er arbeitete an einem Werk, das ihm die Professur einbringen würde, wie er, gestützt durch seine Verbindungen, ziemlich sicher annehmen konnte.

Es war ein kühles, frisches Arbeiten. Er war erlöst von der Zwiespältigkeit in sich, von der Welt der Leidenschaften, von Liebe und Haß. Er stand, abgelöst von der Welt, wie ein hoher Berg mit Schneeauf dem Gipfel. So hatte er seines Wesens Art gefunden.

Da kam ein leuchtender Septembertag. Gregor hatte fast die ganze Nacht gearbeitet, bis zum Morgen ein halb Fünf, als es schon hell zu werden begann. Da war sein Werk fertig und vollendet!

Er hatte sich niedergelegt und zwei Stunden fest und tief geschlafen.

Er erwachte. Die Sonne schien ihm bis auf das Bett, ein hohes Glücksgefühl war in ihm. Er kleidete sich an und ging hinaus.

Weit und klar dehnte sich der Horizont. Es war eine Frische über dem Lande, die wie lauter Lebensodem in die Lungen drang. Er schritt durchs Dorf, er sah die Menschen nicht, die ihn grüßten.

Und wieder kam er über den Böllinger Kreuzweg, aber er wußte nichts mehr von Möt und von dem wildschönen Bilde, das einstmals hier an ihm vorbeigebraust war.

In der Morgensonne, von Tau übersät, blinkte das Moor. Dahinten lief der Fahrweg nach Rummelshof.

– Rummelshof, Hohen-Leucken, die Mutter, Hans, Prinzeß Maria und Fritzchen – es sind alles zerflossene Bilder. Sie mußten zerfließen, damit das klare reine Bild des abgelösten Lebens entstand.

Er ging lange umher, bewegt von seinem Siege, und doch schon zu frei, um noch stolz zu sein. Schon war das Errungene, das Gewordene: Das Selbstverständliche.

– – – Was war es an der Zeit? Vielleicht schon gegen Mittag, er hatte seine Uhr vergessen.

Da kam jemand über das Stoppelfeld daher, im Lauf. Wer läuft denn so? Vor Jahren hat es so einen gegeben. Jawohl, der ist nun wieder zurück: Hans Henning.

Er blieb stehen. Willst Du zu mir? Es ist jetzt nicht mehr viel zu holen, von Bruder zu Bruder. Es ist mittlerweile der Frost übers Land gegangen.

»Steh still! Steh still!« rief der von weitem. Nun ja, er stand ja schon lange still. »Laufe doch nicht so! Ich warte ja!«

Es stand ein alter Weidenbaum am Feldweg, der war von oben bis unten aufgeschlissen, und die Hütekinder spielten darin Verstecken zur Sommerszeit. Es war an diesem Weidenbaum, daß sich die Brüder trafen.

»So bist Du jetzt zurück, Hans?«

Hans Henning war rot im Gesicht wie gesotten und er mußte nach Atem ringen, da er still stand. Er war sehr verändert, mager und verbrannt. Das Haar war lang gewachsen, und um den Mund hatte er einen wunderlich wilden Zug. Gregor sah auf die linke Hand, die so seltsam niederhing. »Hans, was ist mit der?«

»Lahm geblieben von damals her. Rede nicht davon, ich habe andere Dinge vor.«

»Hans, wir wollen uns doch erst begrüßen.«

»Jawohl!« rief der andere überlaut in einem unheimlichen Ton. »Ich will Dich schon begrüßen,aber nicht mit Händedruck. Sage mir – wo hast Du Dein Weib?«

»Mein Weib?«

»Wo hast Du Dein Weib – – Schuft! Bin ich darum im Jammer in die Welt gerannt als lächerlicher elender Liebhaber, dessen Schatz schon einem andern gehörte, daß ich nun wiederkomme und finde sie als Dienstmagd wieder, in einem Loch von Stube – und der edle Herr, der sie geküßt hat – – Gregor, mit welchem Recht hast Du sie geküßt?«

Gregor trat einen Schritt zurück, seine Augen wurden nach dem ersten Aufleuchten wieder um einen Schein kälter. Was warf sich ihm hier von neuem in seinen Weg?

»Ich brauche auch keine Antwort!« rief der andere mit wildem Lachen. »Ich wollte Dich nur noch einmal wiedersehen – Dich Teufel, der mein und meines kleinen Fritz Leben zerstört hat –«

Er verstummte einen Augenblick, überwältigt von alten Gefühlen. »Ich suche Dich schon lange –«, sagte er mit wankender Stimme. »Ich mußte Dir doch erzählen, was aus ihr geworden ist, seit Du sie fortgeworfen hast wie eine leere Nußschale. Gestern habe ich sie gesehen! Der Leisewitz von den Dragonern, den ich traf, hat es mir erzählt, wo sie ist und – was sie ist. Willst Du's auch hören? Die Dienerin eines alten, grämlichen, kleinlichen Weibes! Aber eine stolze Dienerin, bei Gott! Die arme Hilfe, die ich ihr anbieten konnte – na, lassen wir das. Ich konnte sie ihr ja auch nur mit der einen Hand anbieten– Aber wem erzähle ich das, Du kaltes Gesicht –!«

Gregors Ausdruck riß alles wieder um. Besinnungslos kam die Wut über den Jungen. »Du Gesicht – Du Gesicht – ich will Dich lehren, zu blicken – –«

Er ballte die Faust und schlug blindrasend dem Bruder ins Gesicht. Der taumelte zurück und schrie auf. Die Brille flog in Scherben nach allen Seiten.

»Ei ja!« rief Hans Henning laut gellend. »Das kann ich doch noch mit der einen Hand! Wird Dir jetzt bei Deiner Gottähnlichkeit bange?«

Dann warf er noch einen Blick auf ihn zurück, der wie ein Trunkener taumelte und sich Stirn und Augen mit den Händen bedeckte.

»Jetzt habe ich genug –«, sagte Hans Henning mit veränderter, schwerer Stimme. »Jetzt gehe ich nach Hause und arbeite und mache aus meinem Leben das Anständigste, was ich noch kann. Lebwohl! Ich hasse nicht mehr. Vielleicht kommt auch noch einmal ein Tag, an dem ich nicht mehr liebe.«

Er wandte sich ab und ging davon. Gregor nahm die Hände von der dröhnenden Stirn, von den matten Augen, die der Gläser beraubt waren, und sah ihm nach.

Er fühlte nicht Schmach oder Zorn. Noch einmal hatte sich mit seiner ganzen Wucht das Leben über ihn geworfen, ehe es ging und ihn in der Eiswüste zurückließ.

Bange vor der Gottähnlichkeit – hatte Hans gesagt.O ja, dies Bangen wird aufwachen, noch immer wieder, je und je, mitten wohl in seinen Königsstunden – eine niemals ganz verlöschende Erinnerung an das Leben, das er verraten und verleugnet hat.

»Vielleicht hättest Du noch besser treffen sollen, mein wilder Hans!« dachte er.

Dann wandte er sich und ging in entgegengesetzter Richtung davon.

* * *

Vor Zeiten gab es einmal eine verqualmte Herrenstube in einem windverlorenen alten Haus. Da saß ein rotes, rundes, schläfriges Gesicht und blinzelte verstohlen seine junge Gefährtin an. Jetzt ist kein Qualm in der Stube, auch kein rotes Junkergesicht, und der wilde Wind kann hier nicht herein. Aber Frida v. Dörfflin hört ihn doch, wie er über das Moor pfeift, und weiß, was er ihr zu sagen hat.

O Du webende, wogende, wallende Phantasie! Bist Du noch dieselbe, die in der Turmstube mit am Fenster stand, als die Wolken gingen? Zeige Dein Gesicht!

Die Frage kommt zurück: Bist denn Du noch dieselbe, Du Ungestüm?

Das wird ein wunderbares Wiedersehen! Sie sind ja beide miteinander gegangen, denselben, steilen, schaurigen, mächtigen Weg, ohne sich anzusehen. Jetzt stehen sie staunend: Wie bist Du anders und doch so bekannt!

Die Finger werden steif vor Kälte hier in der schlechten kleinen Stube, und der Kopf tut weh vor Müdigkeit. Aber das kommt alles kaum zum Bewußtsein. Ja, das hat sich der alte Junker auch wohl kaum gedacht, daß sein Fritzchen so verfroren und müde vom Dienst über denselben wunderlichen Schreibereien sitzen würde, die ihn einst ungerechterweise gegen Fräulein Miller aufbrachten.

Als der Winter zu Ende ging, war es mit Fridas überlasteten Körperkräften auch am Rande. Sie fiel am hellen Tage vor Erschöpfung fast in Ohnmacht. Sie war mager geworden, und ihre Kopfschmerzen quälten sie. Schon die letzten vierzehn Tage über hatte sie abends sogleich zu Bett gehen müssen, ob es ihr gleich schwerer fiel als die sauerste Arbeit.

Frau v. Leisewitz war halbblind und hörte nur durch andere Leute, daß ihre Gesellschafterin sehr elend aussähe. Das ärgerte sie. Es ärgerte sie auch, daß Fritzchen vergeßlich und langsam geworden war, es ärgerte sie mit Recht wegen des hohen Gehaltes. Sie ließ sich über diese Dinge aus in einem bissigen Ton.

Da wachte der junge Menschengeist auf, der Winters über unter einem Bann weltentrückter Träumerei gestanden hatte. Da sah er, wo er war und wo sein Weg im Leben lief.

Er konnte nicht Frau v. Leisewitz dienen, und der großen stummen Macht seiner Tage, der Königin Phantasie.

Fritzchen fühlte sanft und reuig gegen die wütige alte Dame. Die war so hilflos und war so gründlichmit ihr hereingefallen! Als es an das Gehaltauszahlen kam, erschrak sie fast über die Hunderte, die sich vor ihr aufbauten. Sie wollte nicht so viel, das war ja wie ein Hohn auf ihre verträumte Lässigkeit. Frau v. Leisewitz fand dies verspätete Sträuben geschmacklos. Herr v. Leisewitz-Deechow bekam einen Brief seiner Cousine und konnte sich zum zweiten Male in der Dörfflinschen Sache verlegen den Kopf krauen.

Fritzchen blieb in Berlin, mietete sich eine kleine hochgelegene Stube, packte ihre Sächelchen in die verquollene Kommode, die nie ganz zuging, schlief sich aus und fand sich dann allein mit ihrer rätselhaften Gefährtin.

* * *

Flatternde Vögel flogen aus der kleinen Schreibstube und setzten sich den Leuten auf die Köpfe, auf die Hände und auf die Herzen. An manchem flogen sie auch vorbei, ohne daß er sich umsah. Das waren die Träume, Gedanken und Gestalten von Fritzchen v. Dörfflin, die unter Wolken und Winden aufgewachsen und durch ein starkes Leben und ein starkes Sterben mitten hindurchgegangen war.

Es waren gewißlich viele, an denen die Vögel vorbeiflogen und denen sich das Umsehen danach nicht lohnte. Was lag ihnen an Wolken und Winden und dem alten Sang von Tod und Auferstehung?

Aber es gab viele verlorene Wanderer im Erdenleben,die froh und bang ihre Straße zogen, denen flog plötzlich so ein freier Vogel auf die Hand. Sie sahen ihn an und sagten: »Dich kenne ich doch schon lange und wußte nur nicht, wie Du heißest.«

Aus diesen Leuten kam allmählich Fritzchens neue Welt zusammen.

Eines Tages nahm sie ihre Sachen wieder aus der verquollenen Kommode heraus und zog in ein anderes Haus, und als ein paar Jahre vorüber waren, wußten es eine ganze Menge Leute, daß der kleine Märchenfritz ein heißes, stolzes Künstlerblut in sich hatte.

Eine feine alte Dame, die wieder in einem verwaisten Haushalt das Zepter führte, sagte bei Tisch, als man begeistert von Frida v. Dörfflin und ihren Büchern sprach, ganz ruhig: »Das habe ich schon längst gewußt!« und bildete sich so viel darauf ein wie alle Leute, die etwas, »schon längst« gewußt haben. Am Ende aber kam es so weit, daß sie auch einen Umzug machen konnte und zu ihrem Fritzchen als treue und parteiisch verblendete Mutter ging.

Sie nannte es Du, wie sie es seither in allen ihren Gedankengesprächen genannt hatte, und sagte zu ihm: »Es ist hohe Zeit, daß jemand nach Dir sieht!« Damit meinte sie noch etwas ganz Besonderes.

In der ersten Zeit versuchte sie es auch noch mit Predigen: »Du bist ein phantastischer Narr! Steht Dir nicht die Welt, da sie am schönsten ist, weit offen? Du hast starke und feine Menschen zu Freunden.Was kostet es Dich, dies fließende, ziehende Leben voll schöner Bilder festzuhalten und es zu einem einzigen mächtigen Bilde zu verdichten, indem es in den Rahmen des Weibtums, des Muttertums eingeschlossen wird?«

Fritzchen sagte nicht viel dazu, führte keine Dispute, sich zu verteidigen und andere Leute zu überzeugen. Sie sah nur aus so wundersam erstaunten Augen auf diese Darlegungen. Da wurde plötzlich Frau v. Pohle ganz von selbst nachdenklich. Es kam ihr ein Wort in den Sinn, das ließ sie nicht los.

»Du hörest sein Sausen wohl, aber Du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt.«

Ihr wildes Fritzchen war am Ende auch so ein Bote Gottes über den Feldern. Dem kann man wohl nicht die üblichen Straßen und Wege zeigen, der geht, wie er gehen muß. Vielleicht war ihre arme junge Liebe, so traurig und kümmerlich sie aussah, doch zu groß und stark und mächtig gewesen, als daß ihre Kraft jemals sterben oder durch eine neue ersetzt werden konnte.

Ach ja, man soll nur aufhören, alle Leute mit einem Maß zu messen. Der liebe Gott spricht doch zu einem jeden in einer besonderen Sprache.

Noch einmal in ihrem Leben sah Fritzchen die Felder von Hohen-Leucken und das Moor wieder, und das hochgelegene Herrenhaus, das durch die Bäume blickte. Sie kam von einem Besuch bei Gisela und ging allein über das Feld.

Ihr Bruder, der Wind, ging über die Stätte. Da breitete sie die Arme aus, als wollte sie ihn umfangen.

»Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft!«

Höher als alle Vernunft – – sang der Wind über dem Moor.

Druck von Petzschke & Gretschel, Dresden-A. 27


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