Viertes Kapitel.

»Aber um andere aus der Not zu ziehen?« fragte die Baronin sehr leise.

Ihr Sohn entgegnete ihr hart: »Auch um der Not anderer Leute willen lasse ich mich nicht zerbrechen.«

Noch viel leiser sagte sie: »Gregor – das tote Prinzip und das lebendige Leben! Vielleicht – nach zwanzig Jahren – der Gang über diese Erde ist weit und lang – –«

Es klang so rührend und weh, wie sie sprach, es drang durchs Herz. Aber Fritzchens Herz empörte sich und rief ihren Helden an: Gregor, steh' fest! Was Du einmal gesagt hast, soll gelten! Laß Dich nicht rühren!

Freilich, Helden lassen sich auch nicht rühren. In diesem, in Fritzchens Sinne, war Gregor auch wahrlich ein ganzer Held. Er stand fest, er ließ nicht ab, er antwortete mit heller, klingender Härte.

Was – darauf kam es für Fritzchen nicht mehr an. Sie glühte, sie bebte, sie verschrieb sich diesem Stolzen, Harten, Eiseskalten mit Leben und Blut.

»Ich werde nie wieder lügen – und ob mein Leben oder das Leben anderer Menschen (sie dachte in diesem Moment an Gisa und Fräulein Miller) davon abhängt.«

Diese beiden waren sehr ahnungslos, daß eben ein feuriges Gelöbnis abgelegt wurde, das unter allerhand wunderbaren Umständen ihnen das Leben kosten konnte! –

Dann ging auch dieser Abend zu Ende, und dann kam die lange, lange, traumesheiße Rückfahrt, mit dem Mondschein auf den Wegen und auf der leichten trügerischen Schneedecke des heimatlichen Moores.

Gisela saß beim Pastor und sagte: »Bitte, reden Sie doch einmal mit Papa, daß er mich Ostern in eine Pension gibt. Ich werde im April fünfzehn Jahre, und Sie meinen doch auch, daß ich einmal fortmüsse.«

»Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit«, sagte der alte Mann unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bücherborden verstellten Stube hin und her. Gisela nahm ihre Bücher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde war beendigt, und folgte ihm mit den Augen.

Draußen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie still die kahlen Bäume standen mit ihrer schweren weißen Last!

Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner Haustür, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorüber, der Dung drauf dampfte in weißen Wolken, die Räder knirschten auf dem gefrorenen Boden.

»Ich will's schon für Dich besprechen, Kind«,sagte der alte Pastor. Er nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. »Aber leicht wird's ihm nicht werden, fürchte ich.«

»Ach!« sagte Gisela wegwerfend.

»Ich meine –« sagte er hastig – »in anderer Hinsicht, meine ich. So ein Pensionsleben ist teuer –«

»Ach so –!« Gisela zog ein äußerst hochmütiges Gesicht. »Nun, daran wird es wohl nicht zu scheitern brauchen!«

»Nein, nein, gewiß nicht«, sagte der Pastor begütigend. Er sah wieder hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht sagen, was doch das ganze Land umher weiß. Wieviel Hypotheken mag er jetzt haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur möglich, daß ein Mensch so seine Ehre und Pflicht vergißt?

Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Käppchen und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Füße über den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von allen, aber auch vielleicht das bedürftigste! Ja, aber Patronatsherr und Beichtkind in einer Person, das faßt sich oft schlecht zusammen. Herr v. Dörfflin war seit langen Jahren – seit den sechs verfluchten Jahren – weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen schlecht bestellten Gewissens!

Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. – Na ja!) Die Luft war voll Zigarrenrauch und Weindunst.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich.

Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann, der Gerechte, sitzt unten.

Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.«

»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.«

Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's Tor, auf die Dorfstraße. – Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt, dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen weißen Haaren spielt.

Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!

DerGedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ – und daß in diesem speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich war. – –

Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten, aber man hörte aufHohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.

Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.

Da begriff sie plötzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue, unheimliche Macht drängte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal! Hundert Mark, zweihundert Mark wie für nichts. Und Papa war so bleich geworden, biß an seinem Schnurrbart und hatte verstörte Augen.

Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch großes Haus, Hof und Äcker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu Kutschen, Knechte, Mägde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt. Für ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war eigentlich dabei?

Aber der dunkle Geist war angerufen und drückte ihr auf der Brust, flog an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergällte ihre Träume.

Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen saß vor ihrem Kakaotäßchen, aber sie mochte nicht trinken.

»Papa!«

»Was gibt's?«

Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas nervös geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, daß sein Kind mit ihm reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder der Welt da draußen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein braunäugiges Kind, das wartete noch auf ihn.

Das junge Herz so einschüchtern, daß es nicht wieder kommt, das wäre vielleicht für beide Teile das Beste.

»Was willst Du? Was stierst Du mich an?«

»Papa – ich meine nur – nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?«

Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot über und über.

»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt? Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?«

»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen.

»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten, zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschußkam hin und wieder hinter dem Papier ein grollendes Gemurr heraus.

»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder – Na ja, überall neue Moden –«

Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa, wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares.

Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und doch nicht da – und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine ausfüllende Antwort verlangt – und eine erwachende junge Menschenseele schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug, Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis.

Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet eine immer wiederkehrende Passagein ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.

Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du mir die liebe Gisa ersetzen?«

Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still, aber dunkel.

Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen. Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf solche Steine wären.

Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich spannendes Kraftgefühl!

Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am Turmfensterin der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?

Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an, immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa.

»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!«

»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.«

Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden.

Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. – Was hatte doch einmal Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt?

Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen könnte.

Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es gab keine großen Versuchungen.Fräulein Miller – ach, um die hätte es sich wohl kaum gelohnt, und der Papa –

War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus heulten.

Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war, ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl. Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre.

In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern, Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.

Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er ausdem jungen, feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann – das waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.

»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider – und das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst neue und schönere –

Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel, die wir uns aufstellen können.

Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran.

Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein Fritzchen lebte,webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle, hochmütige Erscheinung.

Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden, daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.

Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht, wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an. Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe, am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milchund eine Selterflasche. Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen nur ein wenig, als er herankam.

»Na – Fritz? Fritzel – was machst denn für Sachen?«

Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheißes Händchen. Sie fühlte die Berührung als etwas Gutes.

»Faß mir den Kopf an, Papa. Du bist so schön kühl.«

Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand zurück, als fühle er sich auf einem Unrecht ertappt. »Du mußt bald wieder nach unten kommen«, sagte er.

Fritzchen blinzelte der schwerfälligen Gestalt nach, die sich zur Tür bewegte.

»Sieh' auch nach der Lampe unten, daß sie nicht blakt. Sie tut's immer.«

»Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.«

Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwüsteten Mannes verräucherten Kopf gefallen wäre, nun, da es ihm bewußt geworden war, wieviel ihm daran lag, daß sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenüber saß. Fritzchen selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Bälle und Gesellschaften, wenn sie jetzt wieder ihre Märchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgeschoß außer ein paar Wirtschaftsräumen nur des VatersStube erhellt war und die schwarze Winternacht draußen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte und von schimmernden Helden bekämpft wurde.

* * *

Ja – ihr schimmernder Held – wo blieb er?

Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen, denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte.

Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit – so alt wie die Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.

Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem,auch den Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn durchwühlten.

Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?«

Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht?

Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel hast! – ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht.

Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es hängt vielleicht eine Lächerlichkeitan solch einer Art von Bittgang. Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an – aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei es vor anderen, sei es vor sich selbst.

»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten.Erhatte große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.

Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal für den Winter in die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fünf Jahre war, zogen ins Ausland und wollten zum Schluß, ehe sie auch Gisa wieder abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben.

Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie träumte sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen würden. Mit ihrem Kopf, der an Märchen und Phantastereien gewöhnt war, malte sie sich das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen bunten Geschichte.

Das wurde nun anders. In den hellen, überhellen Räumen, unter den leichten, lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem öden, entlegenen Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Büchern, Menschen, Ereignissen, von denen sie nichts wußte. Man lachte über Scherze, die sie nicht verstand. Man versuchte flüchtig, sie ins Gespräch zu ziehen und ließ sie dann wieder beiseite liegen.

Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vorJahren, als sie noch Kinder waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hängen wollte, schüttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie war auch wie eine Fremde, beständig in lebhafter Unterhaltung mit Herren und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien, geistreich wie sie alle.

Auch die liebenswürdige Tante, bei der sie wohnten, schüttelte ein wenig den Kopf über dies verirrte Kind. »Aber Frida –« so hieß Fritzchen plötzlich – »Du mußt Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und Kenntnisse aneignen.« Das entschlüpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten.

»Ja, es ist wirklich unglaublich!« sagte Gisela.

Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Empörung, auch die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt sein!

Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstörte Kind vor, ihm wieder Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese äußeren Bedingungen fehlten, was es auch dafür einzusetzen haben mochte, nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit auf beiden Seiten, sie brachte außer einigen ganz kleinen Erfolgen noch Mißverständnisse hervor und wurde klüglich nicht wiederholt.

Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amüsement der anderen berufen sei. Sie wußte das nicht, und durch die Schicht der Höflichkeit fühlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefühl endloser Fremdheit und Verirrtheit blieb.

Allerlei an der Luftveränderung bekam ihr nicht. Sie fühlte sich matt und fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da erfand es sich, daß dies wieder ihre schönsten Abende wurden. Sie saß in einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht ausgedreht, so daß nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel. Alle Gegenstände nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll glückseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, beängstigenden Berlin, an fremder Stätte, wo ihr Herz trotz aller Mühe nicht warm werden wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der Abend verflog ihr unter den Händen, und sie erwachte wie aus einem schönen Traum, als es draußen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten.

»Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weißt Du das nicht?«

Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrüstet aus. »Wäre sie mit uns gewesen, Tante, so wäre sie schon längst müde geworden.«

Sie war in einen liebenswürdigen, lustigen undeleganten Kreis geraten, der kleine Märchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken – aber sie hätte wohl noch in einen besseren geraten können. Es kamen hin und wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil sie sie als die Einfalt vom Lande amüsierte.

Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und strahlenden Figuren und Figürchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik um diese Rolle.

Wo sollte sie nun hin? Wo paßte sie nun hin? Immer nur in ihr altes ödes Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte: glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, daß sie sich hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mußte und erst wieder los und ledig fühlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schönen Kopfwehabenden?

Der kleine Märchenfritz konnte es nicht wissen, daß er nur falsch gelaufen war, daß es für ihn noch schöne und lustige Wege gab, auch außerhalb des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nächsten Frühjahr, ziemlich zerbrochen in seinem Selbstgefühl und zerfallen mit sich und der ganzen Welt ins Vaterhaus zurück.

* * *

Gisela war mitgekommen. Deren glänzendes Leben hatte jetzt vielleicht für immer ein Ende. Das war eine harte Nuß für das verwöhnte Kind der Welt.

Drei Menschen sitzen im kalten, mürrischen Hause und warten, daß es Sommer wird über dem Moor. Für Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nässe. Aber sie will es nicht – nichts will sie wissen, hören, fühlen. Sie will hier nicht glücklich sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was hilft's, daß sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie rennt durchs Haus und über die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht noch am Fenster – alles ist, wie es war – ach Fritz, Fritz, was tut man mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein möchte!

»Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?«

Herr v. Dörfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen?

»Nichts, Fritz.«

Nichts. Der Fritz wird langsam ernst und seine Blicke werden verwirrt. Was weiß ein siebzehnjähriges Geblüt von dem Nichts, in das ein armseliges, verloddertes Leben versinkt?

Fräulein Miller war nicht mehr da, ihr Amt in diesem Hause war beschlossen. Sie war nie eine liebenswürdige, weitherzige Gefährtin gewesen, aber nun fehlte sie Fritzchen doch. Sie sollte ja nun vollständig erwachsen sein. Ach, dieser Wirrkopf hatte wohl noch manches Jahr vor sich, ehe man ihn für erwachsen nehmen konnte.

Also sprach auch Fräulein Gisela. Sie hatte hier keine Freude an dem klappernden Jakob, an Zigarrenrauch und Wolken. Sie nahm Anstoß an allem, besonders auch an Fritzchen. Es verging kein Tag, an dem sie nicht um die versunkene Herrlichkeit klagte.

Wie fein war sie geworden! Ja, sie hatte schon Grund, hier unzufrieden zu sein. Ihre kühlen, schlanken Hände waren so weiß, ihr blondes schlichtes Haar hatte durch sorgsame Pflege einen sanften Glanz erhalten, auch verstand sie, sich prächtig zu frisieren. Alle ihre Kleider hatten einen eleganten Sitz, ihre Bewegungen, ihre Sprechweise waren klar, vornehm und ruhig. Was war dagegen der Struwwelkopf aus der Turmstube?

Fritzchen bewunderte dies feine, sichere Wesen. Ach, wer jemals so werden könnte! Aber das zu wünschen, war wohl hoffnungslos. Der schlimme Winter saß noch wie brennendes Gift im Blut. Aber nun kam der Sommer über das Moor.

Wißt Ihr denn, wie der Sumpf blühen kann, Ihr Stadtmenschen, ihr Lampenmenschen! Wie es sich da liegt, da hinten in der Lichtung hinter demalten Graben, wo man sich im Gras verstecken kann, so hoch steht es. Kennt Ihr das Zirpen und Schwirren und tausendfache Leben um einen her, und die Sonnenstrahlen flirrend durch die Zweige?

»Gisa, willst Du mit an den alten Graben?«

»Was willst Du da?«

»Im Gras liegen. Seerosen bring' ich auch mit.«

Die Frage war recht überflüssig. Gisa – Gisa sollte in den durchlöcherten Kahn steigen, der bei jeder Fahrt rapide Wasser zog, dann landen – Fritzchen nannte das nämlich landen! – an einer sumpfigen Stelle, wo man nur von einer Baumwurzel zur anderen springend, schließlich auf eine feste Grasfläche gelangen konnte – und das alles, um schließlich ein paar Stunden im Gras zu liegen mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen Bunde. »Danke, liebe Frida. Fahre nur allein.«

Ja, Gisa, Prinzessin Unmut, wie soll denn das werden? Das sind doch die höchsten Freuden, die Hohen-Leucken bieten kann! Fritzchen grübelte angestrengt. Sie ehrte Giselas Unmut und fühlte sich brennend verantwortlich, ihn zu zerstreuen.

»Gisa, soll ich Wilhelm sagen, daß er anspannt? Ich kutschiere Dich über die Felder.«

»Bei diesem ewigen Wind? Und meine Haare? Und immer nur über die Felder? Nein, Fritzchen, Du meinst es gut, aber das ist wirklich kein Vergnügen.«

»O, jetzt weiß ich etwas! Willst Du bei mir reiten lernen?«

Bei Fritzchen reiten lernen. Eine zweifelhafte Gunst. »Bei wem hast Du es denn gelernt?«

»Bei mir selbst, natürlich.«

»So? Und welches Pferd hast Du dazu?«

»Ach, Möt. Eigentlich heißt es Erdmuthe. Papa hat sie mal als zurückgesetztes Remontepferd gekauft, aber sie geht nicht an der Deichsel. Wilhelm sagt, es ist nichts mit ihr zu machen, sie ist verdammelt. Da habe ich voriges Jahr mit ihr losgelegt. Aber fein! Über den Graben hinter dem Böllinger Kreuzweg setzt sie wie ein Pfeil. O, wenn Du mal mitkönntest. Du nimmst vorläufig den Schecken vom zweiten Gespann. Der geht wie ein Lamm und hat keine Mucken.«

»Ja, wenn ich einen richtigen Reitlehrer hier hätte! Aber auch dann! Es muß doch schrecklich stuckern! Nein, laß mich nur. Das ist alles nichts für mich. Aber da nun die Leute wissen, daß ich wieder hier bin, muß sich doch am Ende wohl etwas Verkehr hier anfinden auf dem alten Räubernest.«

Fritzchen schlich sich zum Papa. »Papa, Gisa langweilt sich hier so. Kannst Du es nicht machen, daß manchmal wieder Besuch herkommt?«

»Ja, wie soll ich das machen?«

»Wenn Du es nur willst, kannst Du es schon machen.«

Es war ein sonnenleuchtender Junitag. Vor dem Fenster im Hof blühten die alten Linden und ihr Duft strömte in die beiden offenen Fenster herein. Herr v. Dörfflin war in Joppe und Reitstiefeln, erwollte auf die Entenjagd gehen. Was ist es für ein anderes Ding um solch ein Landjunkergesicht zur Sommers- als zur Winterszeit! Heute sieht es frisch, gespannt, gebräunt, unternehmend aus und hockt nicht in Dumpfheit und im Gefühl des Nichts.

»Ja, Fritz, das denkst Du Dir so.«

Am Abend kam er zurück, und beim Abendessen warf er hin, als mache er eine Bemerkung über das Wetter: »Morgen kommt Hans Henning v. Zülchow. Die Tannenwalder wollen nächste Woche auch einmal kommen.«

Die Tannenwalder waren im Grunde ziemlich langweilige und herkömmliche Leute. Aber es war ein junger Sohn dabei, der Jura studiert hatte und sich jetzt in das väterliche Gut einarbeitete, und eine Tochter, die gleich Gisela mehrere Jahre in Berlin gewesen war. Das Ding legte sich also recht vielversprechend an.

Fritzchen blieb der Mund offen stehen. »Wie hast Du das so schnell gemacht, Papa?«

Diese Fragerei paßte ihm nicht. »Ich hab' gar nichts gemacht!« schnauzte er sie an. »Wir haben uns getroffen, wo der alte Graben in den Tannenwalder See geht. Der Zülchow war mit dem alten und dem jungen Euler da auf Entenjagd.«

So weit ist er wegen der Enten gerudert? dachte Fritzchen, aber sie hütete ihre Zunge. Nach dem Abendessen ging sie in die Küche, die Enten zu sehen, die der Herr geschossen hatte.

»Er hat gar keine abgegeben, gnädiges Fräulein«, sagte die Mamsell.

* * *

Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an.

Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten waren vergessen, Herr v. Dörfflin erschien als völlig unschädlich, und zwei junge, aufblühende Töchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen. Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch für die plumpesten Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstände mit entzückender Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz Besonderem zu verleihen.

Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen die Bärs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drüben das Böllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v. Dörfflins Adelsstolz entsetzte sich, er war geradezu schmählich ungezogen zu diesem Besuch. Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knüppels auf eine leere Haut schlüge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein. Nachher– lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn Leopold sehr nett unterhalten, fühlte sich von seinen großen Reisen und seinem flotten Weltleben angeheimelt und wünschte durchaus, diesen Verkehr festzuhalten und: »lächerlich veraltete Vorurteile« beseitigt zu sehen.

Jawohl, es kam denn auch zu Tage, daß dieser Prozeß beseitigter Vorurteile und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits längst in aller Stille vor sich gegangen sei, und Herr v. Dörfflin hatte jetzt nicht mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so völlig isolierte Wut- und Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehörte danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken.

Es kam noch bunter. Die beiden jungen Töchter wurden eingeladen, und Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, daß eine Gesellschaftsdame hier jetzt unumgänglich nötig sei. Herr v. Dörfflin sagte: »Verdammter Unsinn, da wird nichts draus!« Fritzchen machte ganz entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im nächsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel und außerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hieß Frau v. Pohle, war energisch und trotz aller Weltförmigkeit voll tiefer, ruhiger Güte. Ein stürmisches Leben hatte sie hart geschüttelt,so daß sie nicht mit den Ansprüchen eines verwöhnten Herzens nach Hohen-Leucken kam. Das nüchterne, häßliche Haus, der verbummelte Mensch, der hier Hausherr war, die beiden verschieden gearteten und verschieden geleiteten Töchter, die stumme, kahle Einsamkeit der Gegend, alles sprach ihr stark zum Herzen und bewog sie, hier ihre beste Kraft und Liebe, ihren feinsten Takt einzusetzen, um auf diesem verwilderten Felde doch noch eine gute Saat zu ziehen.

Fritzchen begriff es schlecht, was für sie da kam. Sie hatte bisher auch nur dürftige Erfahrungen mit den Gestalten ihrer Umgebung gemacht. Es war ein zur Not mit ihnen Fertigwerden gewesen, sonst nichts. Wo war die Hand, die sie behütet hatte, als sie ihren Träumen bis in die Wolken nachlief, oder ihnen auf einem unerzogenen Pferde über Gräben und Brachen nachjagte – die ihr gegeben hätte, als sie hungrig und durstig war, die ihr den wirren Kopf mit seinem tollen Phantastenkram gestreichelt hätte, die sie geführt hätte, als die Wege sich verwirrten?

Immer sich selbst war dieser junge Vogel überlassen worden. Nun duckt er sich, nun huscht er davon, als eine feine Hand ihn fangen möchte. Er haßt die Käfige, die er vom vorigen Winter her kennt.

Gregor v. Zülchow trat aus Fritzchens Märchenbüchern heraus und stand in Fleisch und Blut vor ihr da.

In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer Sagengestalt verschollen war, in der Blüte seiner jungen Herrlichkeit wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Märchen und Träume wie Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr.

Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v. Pohle im Hause war, hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verändert. Selbst die Freifrau v. Zülchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand es jetzt ganz natürlich, mit den Dörfflins zu verkehren, und sie selber betrat dieses Haus, das sie einst so tief mißachtet hatte, mit ihrem Sohn Hans Henning, dem jungen Offizier.

Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu geblieben, nur daß es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht sehr viel. Er war ein offener, liebenswürdiger undstarker Junge, mit der Einseitigkeit und dem Idealismus eines kräftig empfindenden, wenig philosophisch angelegten Gemüts. Er liebte mit großer Hingabe und stürmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und Verhältnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den Rummelshof und über alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe war von der Art, daß sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal lästig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es war vorgekommen, daß er einem Jungen, der das theologische Studium seines Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, Ängste und Kosten davon. Seine Lehrer klagten häufig über ihn, er war faul, wild und händelsüchtig.

Die Baronin Zülchow liebte solche Berührungen mit der Außenwelt nicht. Sie bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Daß er im Grunde der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht recht versöhnen. Ihr wäre es angenehmer gewesen, er hätte ihr seine Liebe in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne über seine Untaten leuchten zu lassen.

Für Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schönstes Märchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier.

Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof.

Es war eine große Gesellschaft dort. Zwischen den Bäumen des Gartens waren Drähte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft war verstärkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ältesten Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie eine Königsmutter aus.

Alles war zu Ehren ihres ältesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingeführt war und heute zu seinem ersten Besuch seit Jahresfrist kam.

Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein Erstaunen: Ach – so sieht er aus? Das ist er?

Es ist wie eine leise Enttäuschung, oder wie eine Erlösung, ein Abfinden zwischen »war« und »ist«, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt, zuckt, das Neue schlägt. Aber das Neue ist doch mächtiger. Es hat Klang und Farbe und Raum. Du stutzest, du läßt die alten Fäden fahren und schaust nur und schaust – und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt jählings mit einem Wirbel wieder ein. –

»Gnädiges Fräulein –«

Das war der junge Pfarrer, Gregor v. Zülchow, der im Gesellschaftsrock in einem der Rummelshöfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. »Ich habeschon die Ehre der Bekanntschaft aus früheren Jahren.«

»Ja gewiß –«, stammelte Fritzchen.

Sie schämte sich plötzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, kühlen, wildfremden Herrn hatte sie Märchen ohne Ende gedichtet und noch dazu aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer!

Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weißes Kleid mit Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden, aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Röschen aus dem Garten zu Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese eingefangen und mit hergebracht.

Sie sah und hörte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie ansprach, mußte sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer süßen Verträumtheit, der ihr ganzes Wesen dämpfte und reizvoll verschleierte.

Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzenTheologenrock und einen hohen weißen Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein kühnes, schmales, bartloses Gesicht von niederländischem oder englischem Typus, und vor den düster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille.

Nachdem der erste Wirbel vorüber war, fühlte Fritzchen sich unter all den Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte, lachte, und wußte schon in nächster Minute nicht mehr, was sie gesagt hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines fröhlichen kleinen Vogels, der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nähe zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glück, indem sie mit Hans Henning oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief, Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das bloße Gefühl, daß er ja da war, daß sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie nur wollte, sehen konnte, das krönte alles mit überirdischem Glanz.

Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen wurde, das erschien Fritzchen als die natürlichste Sache von der Welt.

Beim Abendessen wurden pompöse Toaste ausgebracht, alle auf den jungen Pfarrer. Es war im Grunde eine ziemlich alberne Lobhudelei, die man teils der Mutter, teils seiner allerdings stark verheißungsvollen Karriere wegen in Szene setzte. Fritzchen hätte zu jedem Toast jauchzen mögen, nur warihr es immer noch nicht genug. Der Umschmeichelte dagegen sah unter seiner tadellosen Maske der Höflichkeit ein wenig gelangweilt und leicht angewidert aus. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das nicht jeder vierundzwanzigjährige Junge hat.

Nach dem Essen wurde das Feuerwerk abgebrannt. Das war für die junge Welt ein großes Entzücken. Aber Gregor gehörte nicht zu der jungen Welt, er stand und saß bei den Alten auf der Terrasse oder in den Zimmern. Hans Henning sollte das Abbrennen besorgen, und Fritzchen, die für allen Firlefanz des Lebens sehr veranlagt war, bewies sich als unentbehrlichste Hilfskraft. Was hatte sie auch vom Zuschauen? Selber das Feuer wecken, die Spiel-, Sprüh- und Lärmgeister des Feuers wecken, daß sie hoch in den stillen Nachthimmel auffliegen, prasselnd niederstürzen, ihm, dem Herrn des Tages zur Ehre!

Sie verbrannte sich ein paarmal die Fingerspitzen; was tat das? Bebend, mit glühenden Wangen sah sie ihren Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Garben nach. »Heil Gregor!« rief ihr Herz. O, hätte sie es nur laut rufen dürfen.

»Seht die beiden Feuergeister!« wurde gerufen. Damit meinte man Hans Henning und Fritzchen. Sie sehen auch wohl geisterhaft genug aus. Hans, der selige Narr, strahlte. »Hören Sie das, Fräulein Fritz?«

Es stieg viel Torheit, Unsinn und Gaukelei mit diesen Leuchtkugeln und Raketen auf. Man könntesich wohl ebenso gut an eine Feuergarbe hängen, um mit ihr in die Luft zu gehen, als sich von seiner Liebe und ihren Verheißungen betören zu lassen. Aber die Beiden wollten nicht hören, was ihr feuriges Spielzeug sie lehren möchte.

Aus, vorbei. Der letzte Effektknall verhallt, dunkle Nacht. Lachend und tappend suchen die Gäste in den Steigen des großen Gartens sich den Weg, um ins Haus zu kommen, oder auch nicht ins Haus zu kommen. Die Feuergeister haben manch tollen Spuk geweckt. Herr Gregor, der junge Pfarrer, ist nun doch nicht nur für alle der Mittelpunkt und der Zweck dieses Festes.

»Fräulein Fritz«, sagte Hans Henning. »Ich glaube gar, Sie haben sich die Finger verbrannt.«

»Ja, das habe ich!« sagte sie mit der Verzückung eines Märtyrers.

»Ach! Tut es Ihnen weh?«

»Ja, fürchterlich!«

Er geriet gebührendermaßen außer sich. »Wir müssen sofort Öl anwenden!« rief er.

»Nehmen Sie bitte meinen Arm, Fräulein Fritzchen. Sie stolpern sonst über die eingeschlagenen Pflöcke. Ach, wie war ich ungeschickt, das zuzulassen!«

Sie ließ ihn jammern, und überlegte dabei, wie es anzustellen wäre, daß Gregor ihre Verletzung sähe. Ihr Mut war jetzt so ungeheuer geschwellt, daß sie seine Ansprache, sein Staunen, sein Bemitleiden guthätte ertragen können, ohne umzufallen. Ja, sie wünschte sich nichts heißer als das.

Aber als sie auf die erhellte Terrasse kamen, fing ihr Herz doch wieder an zu klopfen. Da stand er, und gerade in der Glastür, durch die sie gehen mußte!

»Fräulein v. Dörfflin hat sich beim Feuerwerk verbrannt«, sagte Hans in aufgeregtem Ton zu ihm.

»Verbrannt«, rief Gregor. »Hans, wie konntest Du das zulassen? Darf ich einmal sehen, gnädiges Fräulein? Da muß aber gleich für Hilfe gesorgt werden.«

Fritzchen reichte ihm mit einem entzückten Lachen ihre Hände hin, die Brandstellen waren in der Tat sichtbar. Aber sie wünschte sich, daß ihre ganzen Hände verbrannt sein möchten, damit er doch auch etwas Rechtes zu sehen bekomme. Doch es war schon vorbei, ein paar Damen hatten sich sofort herangeschoben, sie wurde von mehreren Armen umschlungen, geküßt, getröstet, bedauert bis zur Unerträglichkeit. Selbst Hans Henning hatten sie von ihr fortgedrängt, und in dieser Kohorte gelangte sie ins Schlafzimmer, Öl, Watte, Läppchen waren da, Frau v. Zülchow, die Königin-Mutter, rauschte auch herein und verband sie sorglich mit eigener Hand.

Solche Anstellerei um das bißchen Verbrennen! dachte Fritzchen entsetzt.

Ja, aber wer hatte sich denn angestellt da draußen im Garten und als man die Terrasse heraufkam?

Na, es ist auch so ganz gut. Nun hat man zweiverbundene Hände, das sieht entsetzlich großartig aus und muß unendliches Mitleid wecken!

Förmlich strahlend vor Prahlerei betrat das blessierte Fritzchen wieder den hellen Bannkreis der Gesellschaft. Gregor kam zu ihr, bedauerte sie, daß sie um seinetwillen leide, faßte ihre Hand und berührte mit den Lippen die freie Stelle oberhalb der Verbandlappen. Da wurde das Glücksgefühl so übermächtig in ihr, daß sie am liebsten die Arme ausgebreitet hätte und ihm um den Hals geflogen wäre.

* * *

Eine lange Rückfahrt im stockdunklen Wagen durch die graue Sommernacht, die eintönig auf den weiten Feldern lag, nur am Rande in dämmernden Strahlen umspielte das Sonnenlicht, das um diese Jahreszeit nie ganz verlischt, den Horizont.

Man hatte die große Kutsche genommen, weil Gisela bei der Fahrt durch den Wind Haar und Toilette geschont haben wollte. Nun sah man nur durch die Glasfenster die grauen Felder vorübergleiten. Fritzchen saß auf dem Rücksitz; sie hätte ihren heißen Kopf gerne draußen in der kühlen Nachtluft gebadet, aber auch daß sie dies nicht konnte, bedrückte sie heute nicht. Sie nahm den Hut ab, lehnte den Kopf in die Ecke, und so zurückgezogen ins Dunkel, hörte sie, was Frau v. Pohle und Gisa miteinander sprachen.

Frau v. Pohle sagte: »Welch ein eigentümlicher frühreifer Mensch dieser älteste Sohn ist!«

Gisela fragte, ob er ihr gefiele. In der Betonung der Frage lag schon die Annahme, daß jeder unbedingt Ja sagen müsse. Aber Frau v. Pohle zögerte.

»Gefallen? Liebe Gisela, ich möchte das kaum sagen. Es ist mir zu wenig Einfachheit und Lebensfrische an diesem jungen Menschen. Er kommt mir vor, wie ein künstliches, wunderschönes Gebäude aus Eis, das aber nur in einer Eisatmosphäre existieren kann. Vor der Sonne müßte er schmelzen.«

Fritzchen fuhr auf, doch Gisela nahm ihr schon das Wort aus dem Munde.

»Aber Frau v. Pohle! Er hat doch so viel Sonne um sich. Seine Mutter, seine Freunde –«

»Nein, mein Kind, das ist nichts, das durchdringt seine Atmosphäre nicht. Es ist eine seltsame Tragik um diesen jungen Pfarrer, aber freilich fühlt er sie selber wohl am wenigsten.«

»Tragik?« sagte Gisela lächelnd. Sie fühlte sich manchmal bewogen, über Frau v. Pohle zu lächeln. »Die wäre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie gehört, daß die Möglichkeit vorliegt, daß er nächstens Hofprediger wird?«

»Hofprediger?«

»Ja, man sagte allgemein so. Das heißt, man flüsterte es sich zu. Die jüngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe für ihn haben, und sie vermag alles über ihren Vater. Sie hat Gregor Zülchow einige Male predigen gehört und ihn auch zu sich befohlen.Sie soll ihm große Avancen machen, man spricht in der ganzen Residenz davon.«

»Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie überall«, sagte die alte Dame leise mahnend. »Doch kann es ja so sein. Der Weg, den Herr v. Zülchow geht, wird sicherlich nicht der gewöhnliche aller Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn »interessant« machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um einen Menschen, der sich also vermißt, mit dem Leben und seinen Gestalten zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde läßt das Leben doch nicht mit sich spielen!«

Fritzchens Gesicht glühte. Hatte sie es nicht gewußt? Prinzessinnen kamen und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute gingen. Frau v. Pohles sonstige Randglossen hörte sie nicht. In ihren Ohren klang es wie süße, rauschende Musik.

»Der liebste aus diesem Rummelshöfer Hause ist mir der junge Leutnant«, sagte Frau v. Pohle. »Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts oder links, vor- oder rückwärts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als frischer, unbekümmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Guß!«

»Ach – Hans Henning«, sagte Gisela wegwerfend,in dem üblichen Ton, in dem man gewöhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten des Hauses und den Reitknechten im Stall.

Frau v. Pohle lachte. »Das ist eine Geschichte zum Händeringen«, rief sie aus. »Wißt Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die Nachbarschaft seines glänzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja – Gregor! heißt es, und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich möchte Euch hier wohl mal ein bißchen eine Predigt halten über Menschen und Menschenwert. Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, würdevoll, eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans. Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu machen. Was dieser künftige Hofprediger damit anfangen wird – ach ja, da wird das Zuschauen kein großes Vergnügen sein. Er wird sich daran vorbeidrücken, denke ich.«

»So denken Sie?« rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie zerknitterte ihren Hut, daß das arme Stroh laut krachte und knirschte. »Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas vorbeidrücken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch Junge war. Er ist der bedeutendste und größte Mensch auf Erden! Ich lasse kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!«

Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hören, daß sie hier stand, bereit zu leben und zu sterben für ihn.

Sie hatte auch bei ihrem letzten Ruf aufrecht gestanden in der Kutsche, aber das Rad fuhr über einen Stein, da fiel sie unrühmlich auf ihren Sitz. Das machte nichts aus. Sie gab noch einen flammenden Satz dazu:

»Ich verlache jede Beschuldigung über ihn!«

»Aber Fritzchen! Wie ungezogen!« rief Gisela entsetzt. »Wie kannst Du so zu Frau v. Pohle sprechen! Da sehen Sie wieder, wie sie ist!«

»Lassen Sie doch, Kind«, sprach Frau v. Pohle. »Liebes Fritzchen, ich habe nicht gedacht, Ihr Herz zu kränken. Um Gott, Kind, nein. Sehen Sie einer alten Frau solche Gedankenspielerei nach. Das Leben wird ja erst beweisen, was richtig und was barer Unsinn an meinem Geschwätz war.«

»Aber wie kannst Du Deine Neigung so ausschreien!« rief Gisela, noch immer aufgeregt vor Entrüstung. »Das tut man doch nicht. Du blamierst Dich ja grenzenlos, Frida!«

»Was kümmert's mich!« entgegnete Fritzchen trotzig.

Frau v. Pohle dachte: Jawohl – Dich, starkes, junges Herz, kümmert's in der Tat nicht, ob Du Dich blamierst. Das ist das zweifelhafte Vorrecht derer, die Dich tadeln. Glückauf, Du freie Menschenseele!

Aber sie sagte das nicht. Für alle ihre Predigtenwar ihre Zuhörerschaft in der dunklen Kutsche doch noch nicht reif genug.

Behalte Du nur Deinen Gregor! dachte sie ohne Sorge, solange wie Dein Herz dieses Bild tragen mag, Du schönes, wildes Kind. Ich traue: eines Tages siehst Du Dich verwundert um, wo es geblieben ist.

Aber es ist ein undankbares Amt, Prophet zu sein.

Fritzchen schloß ihre Blumenblätter fester um sich zusammen. – Hier war eine Gelegenheit, so groß und stark, so weit und sonnig, eine Mutter zu haben, eine edle Freundin, ein fröhliches und doch weises Herz, stets aufmerksam und zur Stelle.

Nein, Fritzchen will das nicht. Sie geht in ihre Turmstube und spricht mit den Wolken, die über das Moor gehen. Das sind ihre Freunde und Gesellschafter.

Sie gehen massig, grauschwarz, mit hellen, blendenden Rändern. Unten sind es nur noch ziehende Schneeberge. Sie ziehen vorüber, andere kommen und ziehen auch. Schon wieder ist das Bild verändert. Die Sonne kämpft mit der schwarzen Wand, sie kämpft umsonst, sie erlischt. Horch, wie der Wind in Stößen kommt!

Dies Kind kennt die Wolken wie keines und den Wind ebenso. Ist es nicht mit ihm um die Wette geritten über die bräunliche Ebene?

Vielleicht ist es Gregor v. Zülchows eigenes Leben, sein kräftigstes, schönstes Leben, das da mit fliegendemHaar auf der schwarzen Möt über den Graben setzt hinter dem Böllinger Kreuzweg! Halt fest! – Oder läßt er es vorbei?

Nun ja, der Hans muß ja auch etwas haben, wenn er Hofprediger wird!

Gregor steht am Graben neben dem Kreuzweg. Welcher Teufel oder welcher Engel führte ihn hierher, da der Wind sauste und dies tolle, herrliche Bild heranführte?

Er stand still, am Fußsteige neben einem Baum.

»Hussa, Möt!«

Er aber war nicht mehr als ein Baum am Wege. Herrin, Königin in diesem Bilde war sie, die daher kam, sie, die Schwester und Braut des Sturmwinds!

Sie war vorüber, ohne ihn gesehen zu haben!

Wer sieht die Bäume an, wenn er mit den Wolken Haschen spielt? Er stand und sah ihr nach, der Staub flog hinter ihr auf.

* * *

Hans Henning kam zu seiner Mutter, die mit Gregor auf der Veranda saß. Morgen hieß es für beide Söhne wieder scheiden. Hans Henning mußte, Gregor wollte, so war es schon manch liebes Mal gewesen.

Der Abend dämmerte. Der Himmel stand regendrohend über den Bäumen des Gartens, sie raunten leise wie in bangem Vorgefühl. So bange war auch der Baronin zu Mut. Ach, dies immer neue Scheideweh!Und wer hielt des Scheidenden Herz, daß ihr wenigstens das blieb?

Ja, Gregor lieben, das hieß, täglich sterben. Liebte sie diesen Sohn am höchsten auf der Welt, so litt sie auch um ihn am tiefsten. Er rächte unbewußt den anderen, den Übersehenen, den immer matt und halb Geliebten.

Wie war dieses Jüngeren Herz jetzt voll! Stand es nicht auf seiner Stirn geschrieben, auf seinem Mund, seinen Augen, seinen Händen, in jeder Bewegung, die er tat? Aber man hatte keine Zeit, diese Ziffern zu lesen. Es war ja nur Hans!

Die Mutter sprach mit Gregor. Sie tippte an etwas, das auch sie hatte von fern nur läuten hören, ohne daß er ein Wort darüber verloren hatte: an seine Hofprediger-Aussichten.

»Gregor – ist etwas daran? Ist das möglich?«

Wie kalt und stolz blickten die blauen Augen! »Möglich? Ja, Mama. Aber lassen wir das, Du erfährst jede Tatsache, sobald sie vollendet ist!«

Gewiß, gewiß, sie erfuhr jede vollendete Tatsache. Das war die Speise, die ihr bester Sohn ihr gab, wenn ihr Mutterherz verhungern wollte.

Hans Henning aber brannte das Herz in der Brust. Ach, er wollte etwas anderes geben, als eine vollendete Tatsache. Ihn riß es, vor der Mutter hinzuknien, den Blondkopf in ihren Schoß zu legen. Mutter, bist Du zufrieden und froh, wenn ich mir das Fritzchen hole?

Leg' mir Deine kühle, weiße Hand auf, Mutter.Ich will reiten, morgen früh, ehe wir reisen, und das Fritzchen im Garten, oder in der Wiese oder in der Turmstube suchen und es nach seinen verbrannten Fingerchen fragen. Und dann auch noch nach etwas anderem. Gib mir einen Kuß, liebe Mutter, ich brauche sehr viel Mut. Mein kleiner Fritz träumt und fabuliert noch gar soviel, der merkt noch gar nichts von dem großen wilden Strom. Mutter, Du bist so klug, sage mir doch, ob es schon Zeit ist, sie aufzuwecken, oder ob es noch zu früh ist –.

»Lieber Gregor, wenn Du hin und wieder ein klein wenig mehr schreiben könntest – ich meine natürlich nur, wenn Du Zeit und Lust hast – aber manchmal ein bißchen ausführlicher, weißt Du. Ich kann mir oft so gar kein Bild von Deinem Leben machen. Nur so manchmal erzählen: Ich war dort oder dort, und wir haben dies und das gesprochen. Oder von dem, was Dich innerlich beschäftigt, Gregor, daß ich ein ganz klein wenig teilnehmen kann –«

Gregor lächelte. Es war ein flüchtiges, durchaus höfliches Lächeln, aber seine Mutter fürchtete sich davor. Auch jetzt wieder stieg es ihr heiß in die Wangen.

»So wird es sich schwer machen lassen, liebe Mama. Es fehlt die Zeit und die Unbeschäftigtheit, auf Deine Ideen einzugehen. Aber ich will möglichst daran denken.«

Er stand auf und sah über die Brüstung auf den umzogenen Himmel. In der Ferne wetterleuchtete es. Er dachte an ein anderes fernes Wetterleuchten,das an ihm vorbeigefahren war, heute am Kreuzweg, wo der breite Graben war.

Hans Henning sagte leise: »Mutter!«

Die fuhr aus schwerem Sinnen auf. »Ja, was willst Du?«

Der Ton der Frage war scharf und klar. Er klang nach einer Antwort wie die: »Mir fehlt noch Geld, Mutter.« Oder: »Ich brauche noch dies und das, wenn ich in die Garnison zurückkomme.« Aber nimmermehr nach einer so leisen, unbeholfenen Bitte: »Mutter, gib mir Rat. Ich bin Dein dummer, kleiner Junge und weiß nicht, wie ich mein Glück anfassen soll.«

Er war neben sie getreten, auch sie stand auf. Die Luft wehte kühler und schärfer, sie zog fröstelnd ihr leichtes Tuch über den Schultern zusammen. Sie war sehr groß, schlank und von stolzer Haltung wie ihr anderer Sohn.

Als Hans nicht gleich antwortete, sagte sie nervös: »Nun, was gibt's denn? Sprich doch schnell.«

In dem großen Jungen stieg eine jähe Bitterkeit auf. Noch nie hatte er empfunden wie heute, daß seine Mutter eigentlich niemals Zeit für ihn hatte. »Sprich schnell!« Ja, so war es immer gewesen. Ihm war ja auch sonst damit gedient, lang schleppende Auseinandersetzungen waren wahrlich nicht sein Fach.

Heute abend hätten sie vielleicht doch gepaßt. Oder auch nicht. Vielleicht hätten drei Worte es getan, aber davon konnte er im voraus nichts wissen. Dochdazu muß man stillsitzen und Zeit haben. Aber wer hat für ihn Zeit, er ist ja nur der Hans.

»Laß nur, Mama. Es war nichts.«

Sie sah schon wieder von ihm fort. »Kommst Du mit herein, Gregor?« bat sie.

Der kam von der Brüstung der Veranda, wo er in die Blitze gesehen hatte.

»Das Gewitter kommt nicht herauf«, sagte er in einem beruhigenden Tone.

Wen beruhigte er denn? Die Mutter und Hans hatten andere Dinge im Kopf, als ein Gewitter, das kommen könnte. Ach ja, es ist ein wunderlich trauriges Ding um solch einsames Nebeneinander, wo der eine Blitze sieht, der andere aber in den Blitzen ein schönes wildes Kind, oder wo eine arme Seele stumm ihr Leid anschaut, und es nicht verstehen kann. –

Hans Henning sah den beiden nach, wie sie durch die Glastüren gingen. Der helle Schein der Zimmerlampen überströmte sie. Da ging die kurze Bitterkeit in dem Jüngling unter.

Wem gab er denn Schuld, wenn er nur der dumme, lustige, beiseite geschobene Hans war? Wollte er mit dem Bruder hadern, weil er größer war, oder mit der Mutter, weil sie das fühlte und sah?

Such' Dir doch Deine Wege selber, Narr. Wer heißt Dich, noch an der Mutter Schürzenband zu hängen?

Er blieb auf der dunklen Veranda allein. Die Bäume rauschten stärker, Träume umfingen ihn. – Morgen in der Frühe, Du, mein wilder kleiner Vogel,werde ich Dich da fangen können? O, habe nicht Angst, ich will Dein feines Gefieder nicht zerdrücken und verletzen. Wie wir gelacht und fabuliert haben als Kinder, so wollen wir es weiter tun. Weißt Du noch die Schaukel in Eurem Garten, Fritz? Du wolltest ja immer so gerne fliegen. O, Du mein Prinzeßchen, ich könnte die Welt zerschlagen, um sie nach Deinem Gefallen aufzubauen. Und weißt Du noch, wie wir gestern abend die Feuergeister waren? Liebling, kleiner, Deine verbrannten Fingerchen möchte ich wiedersehen!

Sieh mal die Blitze da hinten, wie sie den Himmel aufreißen. Wollen wir hineingehen, Frida? Ach, wie ist das Glück so bange – ich habe es nie gewußt.

»Hans, sage mal, was treibst Du hier draußen! Mama ist schon zu Bett. Seit einer Stunde sitzest Du hier!«

Hans Henning fuhr auf. »Seit seiner Stunde –?«

»Junge, fehlt Dir etwas? Wie Deine Hände heiß sind! Warum kamst Du nicht mit herein?«

»Ich – weiß nicht. Ich habe mich wohl hier verträumt.«

»Hans – sag mir mal die Wahrheit. Du bist wohl verliebt?«

Sie standen jetzt beide beieinander. Es war zu dunkel, als daß sie ihre Gesichter sehen konnten. Wie stark der Wind gewachsen war! Es war ein Sausen und Brausen in den Bäumen des Gartens.

»Ich bin Dein Bruder, mein Junge«, sagte Gregor. »Du kannst Dich mir vertrauen.«

»Ja!« rief Hans Henning aus. Es war ein Ton des lautersten Frohlockens.

»Gregor – ich – siehst Du –«

Nein, es ging doch nicht. Hans sah verzweifelt zur Seite. Wie macht man es denn, daß man so etwas sagt?

»Es ist wohl Frida Dörfflin, um die es sich handelt«, sagte Gregor in völliger Gelassenheit.

Hans Henning antwortete nicht, das Herz schlug ihm bis zum Halse. Wie hatte die Nennung dieses Namens ihn durchschnitten! Wie konnte es nur so unsinnig weh tun, den Namen so kühl wie geschäftsmäßig nennen zu hören.

Gregor genügte wohl diese stumme Antwort. Er schwieg einen Moment.

»Das Kind!« sagte er dann in wegwerfendem Ton.

Hans Henning schoß das Blut wild ins Gesicht.

»Was meinst Du damit? Ich lasse nicht an ihr rühren.«

»Wer tut denn das?« sagte Gregor nachlässig. »Meinst Du etwa, sie sei kein Kind mehr? Verstehst Du Dich so wenig auf Menschenaugen? Bei diesem Mädchen ist alles noch Klarheit, Harmlosigkeit und ein vollständiges Spielen dem Leben gegenüber. Ich spreche das nicht als Tadel aus, sondern nenne es einen Vorzug.«

»Ich habe das auch schon gedacht«, murmelte Hans.Da stand er ja mit einem Male mitten in Frage und Antwort, Bitte und Rat, wie er es sich noch vorhin so sehr gewünscht hatte. Nur daß es nicht die Mutter war. Aber vielleicht wußte Gregor noch mehr von diesen Dingen.


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