Sie hätte gern das Wundersame und Unbegreifliche des ganzen Vorganges verstehen mögen, und es drängte sie oft, zu ihrem Gatten zu eilen und ihm ihr Gefühl zu äußern, ihn zu fragen, ob er eine Erklärung oder ein Beispiel dafür kenne. Es tat ihr weh, dies Unverstandene mit sich herumzutragen, ohne es mit ihm zu teilen, der es vielleicht verstanden hätte. Aber sie fürchtete zu sehr das Geständnis ihresBetruges. Wenn sie bedachte, mit welch rührender Treue er immer dafür gesorgt hatte, daß in jenen ihrer Ruhe geweihten zwei Stunden kein Schritt ihrer Türe sich nahe, so fand sie es unmöglich, ihm zu sagen, daß diese Sorgfalt verschwendet, seine liebende Aufmerksamkeit mißbraucht worden war. »Wenn er hört, daß ich ihn monatelang betrogen habe,« so dachte Gabriele oft mit leisem Kummer, »so wird seine Liebe zu mir verlöschen. Er ist die Wahrhaftigkeit selbst!« Und sie schwur sich zu, daß er nie um das Geheimnis wissen sollte.
Der Ratsherr küßte seiner alten Freundin die Hände und nannte sie gerührt die gütige Vorsehung seines Lebens. Die gute Matrone freute sich des Erfolges, den ihre einfache Verordnung gehabt, und Gabriele, wenn sie es hörte, lächelte beklommen und dachte bei sich: »Auch diese darf nie erfahren, daß ihr Rat unbefolgt geblieben ist. Wie würde sie sich kränken!« Und ebenso schwieg sie dem Arzte gegenüber, mit weiblicher Feinheit daran bedacht, ihm das Gefühl der Lächerlichkeit zu ersparen.
Je weiter die Arbeit fortschritt, je köstlicher und reicher die zarte Kunstfertigkeit der neugeübtenFinger sich kundtat, desto stiller und seliger wurde Gabriele. Alles Irdische erschien ihr klein. Denn wahre schöpferische Kunstliebe ist nicht anders als wahrer Gottesglaube, sie leiht der Seele schöne lichte Flügel, mit denen sie über die Erde schwebt.
Zwei Stunden täglich sind eine knappe Zeit, um ein großes und allerfeinstes Werk zu Ende zu führen, und Gabriele arbeitete weit über ein Jahr an ihrer Spitze. Es kamen natürlich auch Wochen der Unterbrechung, sei es, daß ein Kind erkrankt war, sei es, daß unruhige Zeiten in Stadt und Land jede Ordnung auflösten. Dann unterwarf sich Gabriele ohne einen Schatten von Verstimmung der Entbehrung.
Endlich war das Werk vollendet. Und wie es nun so dalag, die feste und zarte Gestaltung des schönen Traumbildes, da ging die Freude, die Gabrielens ganzes Wesen verklärt hatte, in einen Sturm neuer Empfindungen auf. Mit einem heftigen Erschrecken kam es Gabrielen zum Bewußtsein, daß es jetzt um ihr Geheimnis geschehen sei: diese Arbeit ließ sich nicht verbergen! Wie ein Hammer pochte die Angst vor dem schmählichen Geständnis einer monatelang durchgeführten Unredlichkeit in GabrielensHerzen; aber Schlag um Schlag traf einen Gegenschlag. Wie Gabriele als Mädchen gelechzt hatte nach dem verstehenden Worte, das ihrer Arbeit die Krone aufsetze, so brannte sie jetzt töricht und wild auf eine Möglichkeit der Verwendung ihres Geschaffenen. Sie versuchte die Spitze zu vergessen, aber es war ihr, als habe sie ein Kind lebendig begraben. Sie haderte mit ihrer Natur, die sie erst zu Heimlichkeiten trieb und dann zum Geständnis zwang; sie begriff nicht, welche Dämonen in ihr tätig sein konnten, hielt sich vor, daß ihr Lebensglück auf dem Spiel stehe, und gewann es über sich, vierundzwanzig Stunden nicht an die Spitze zu denken. Dann kam der Augenblick der Mittagsruhe, des Alleinseins – und da saß sie, hielt die Spitze in der Hand, saugte sich mit Blick und Geist ordentlich in jede Masche fest und fühlte, daß die Arbeit nicht fertig sei, solange sie hier in der Verborgenheit begraben liege. Und nach einigen Tagen aufreibenden Kampfes gab Gabriele ihn auf und sann nun nur noch auf die erträglichste Form, ihr Schuldgeständnis darzulegen.
Sie holte aus einem Schrank, der Abgelegtes und Ungebrauchtes barg, das Kleid hervor,das sie in den letzten Jahren ihrer Mädchenzeit getragen, das Kleid, in dem sie ihre Liebe und ihr Glück gefunden, das schlichte, dünne, ärmliche braune Kleid mit dem zierlichen Halstuch und dem reinlich gefältelten Häubchen. Sie hatte es nie übers Herz gebracht, sich von diesem Kleide zu trennen, hatte es oft mit heimlicher Rührung betrachtet, es sauber gehalten und vor dem Verfall bewahrt. Jetzt probierte sie es an und änderte flugs mit geschickten, leichten Stichen Sitz und Weite. Sie lachte ein bißchen, als sie es anzog, und freute sich, daß sie ihrem früheren Selbst darinnen gar nicht so unähnlich sah, wie man es nach sechsjähriger Ehe hätte meinen sollen. Ein schwarzer Sammetfleck fand sich auch, den spannte sie fein über ein Kissen, nadelte ihre Spitze recht anschaulich und kokett darauf und betrat, so gerüstet, ihres Mannes Zimmer.
An der Türe packte sie noch einmal die Angst, daß sie fast wieder umgekehrt wäre. Sie wagte kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen; es schien ihr, als müsse der Boden vor ihr nachgeben und sie hinuntergleiten lassen in höllische Schlünde. Und so, in ihrer Zaghaftigkeit, mit den gesenkten Wimpern und den vonbrennender Scham geröteten Wangen, glich sie so sehr der demütigen kleinen Arbeiterin von einst, daß dem Ratsherrn, der zuerst mit ungeduldigem Staunen auf die Verkleidung geblickt hatte, das Herz weit wurde. »Gabriele,« rief er zwischen Rührung und Lachen, »was soll diese Schelmerei? Willst du mir damit sagen, daß ich meine alte Gabriele wiederhabe, die ich mir aus dem Winkelgäßchen geholt?« Sie aber antwortete nicht, sondern kam langsam auf ihn zu, ohne ihn anzusehen und immer das Kissen mit der Spitze ein wenig vor sich herstreckend, als solle das Kunstwerk ihr Fürbitter sein. So mußte der Ratsherr es ins Auge fassen, und als er es tat, stutzte er und erkannte sofort, daß es eine neue und selten schöne Arbeit war; zugleich aber mußte er auch den verworrenen und gequälten Ausdruck im Gesichte seiner Frau bemerken, und es dämmerte ihm, daß da ein Geheimnis sich enthüllen sollte. »Hast du diese Spitze gemacht, Gabriele?« fragte er sanft. »Du große Künstlerin, es ist deine schönste! Aber wann und wo hast du diese Riesenarbeit schaffen können?«
Gabriele rang eine Weile mit ihrer erstickenden Angst, dann brachte sie fast tonlos dieAntwort hervor: »In den zwei Stunden, in denen ihr alle dachtet, daß ich schliefe!« Dann legte sie ihr Kissen auf den nächsten Tisch, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen. Sie dachte: jetzt kommt der Wetterstrahl, der all dein Glück zerschlägt!
Aber der Ratsherr stand selber da, wie vom Wetter getroffen. Ein so schneller, klarer Denker er auch sein mochte –dieseOffenbarung nach allem Vorhergegangenen verwirrte ihn. Daß Gabriele an der Überlast eines großen Haushaltes, einer stets belebten Kinderstube und vielen neuen Kenntnissen, in die sie erst hineinwachsen mußte, erkrankt war, hatte er begriffen; daß ein täglicher, regelmäßiger Schlaf sie geheilt, war natürlich. Aber jetzt –? Da sie nicht geschlafen hatte und doch geheilt war, stand das Rätsel ihrer früheren Krankheit wieder ungelöst da, vermehrt um ein neues, noch verwirrenderes! Es bedurfte der ganzen weiblich-schönen Herzensgüte und auch der ganzen Selbstbeherrschung des Mannes, um hier nicht, was er für eine äußerst verworrene und dunkle Sache hielt, durch ein hartes Wort für immer um seine Aufklärung zu bringen. Er wagte fürs erste überhaupt nicht zu sprechen, sondernbetrachtete nur immer mit neuem Staunen die wunderbare Spitze. Aber die Frau, als sie nach einer langen Weile es endlich wagte, zu ihm aufzublicken, konnte unschwer erkennen, daß er keineswegs zürnte, sondern bloß sehr angestrengt nachdachte. Da trat sie an ihn heran, legte leise die Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Ich glaube es wohl, daß ich dir verrückt erscheinen muß!«
Er nahm ihre Hand und sagte lächelnd: »Ich will nicht leugnen, daß ich dich nicht ganz begreife. Wie kamst du darauf, eine solche Arbeit zu beginnen, da du doch sonst genug zu tragen hattest?« Da erzählte ihm Gabriele, so gut sie es eben verstand, von der zwingenden Lust, die sie dazu getrieben, und wie sie mit schlechtem Gewissen, aber doch mit Seligkeit an dem Werke geschafft hätte und es nicht hätte lassen können. Sie beschrieb auch ein wenig, wie ihr jede Arbeit verklärt und verschönt erschienen sei im Freudenschimmer eines schöpferischen Siegbewußtseins, und auch von ihrer Angst erzählte sie und wie sie schließlich gegen ihren Willen, gleichsam durch die Macht ihres Geschaffenen selbst zum Bekenntnis gezwungen worden sei. Es war alles ein wenig verworren und unzusammenhängend,denn es war das erste- und wohl auch das letztemal im Leben, daß Gabriele über sich selbst zu sprechen hatte, und es fiel ihr gewaltig schwer. Aber der Ratsherr schien doch etwas davon zu verstehen, wenigstens ging es wie Wechselspiel von allerlei Lichtern über sein Gesicht. Dann fragte er sehr ernst und sehr eindringlich: »Nun sage mir eines, Gabriele, was mir wichtiger zu wissen ist als alles übrige: bist du mir nun tatsächlich genesen, oder ist das nur ein frommer Betrug vor dir selbst, der deinen Ungehorsam rechtfertigen sollte, und fühlst du dich am Ende noch kränker, als du es zeigen willst?«
Da mußte Gabriele lachen in all ihrer Bangigkeit. »Siehst du mir das nicht an, Liebster? Mußt du nicht glauben, daß das Rot meiner Wangen echt ist, da es diesen Tränen widerstanden hat?«
»Man sollte es meinen,« sagte er mit humorvoller Grimmigkeit. »Aber ihr Weiber würdet den Teufel zum Narren machen mit eurer Verschlagenheit.« Dann nahm er sein Weib in den Arm, liebkoste es innig und fuhr fort: »Es war gut, daß du dieses Kleid angezogen hast, du Dreimalkluge! Denn dieses Kleid hatmir die Augen geöffnet, wer du eigentlich bist, und jetzt weiß ich auch, woran du erkrankt warst und wodurch du genesen bist. Nun sollst du mir auch nicht mehr darben.« Und er küßte sie nur noch herzlicher, so daß sie beglückt seine Güte und sein volles Verstehen empfand. –
Der Ratsherr hielt Wort. Wie er mit eiserner Strenge dafür zu sorgen gewußt hatte, daß inmitten all der unberechenbaren Zufälligkeiten eines großen Haushaltes der Schlaf seines Weibes nie ohne zwingende Not gestört wurde, so sorgte er jetzt dafür, daß Gabriele die einmal eingeführte Ruhestunde festhielt und sich ganz ihrer stillen Lust darin ergab. Gabriele selbst hatte sich anfangs dagegen gewehrt, aber die einmal aufgedämmerte Erkenntnis brach von Tag zu Tag zu neuer Klarheit durch, und bald war Gabriele dem Gatten dankbar. Und weder er selbst, noch der Haushalt, noch Kinder, noch Gäste kamen zu kurz durch diese Erweiterung von Gabrielens Tätigkeit. Wie ein Gebet oder ein frommes altes Lied labte und reinigte diese Stunde ihre Seele, stärkte sie zu neuem Lebenskampfe, machte sie hellsehend und gütig. Alles Schwere, was an sie herantrat – und es wurde dessen mehr, wie die Kinder heranwuchsen undeigene Wege suchten – löste sich in sanfte Harmonie, sobald der leise Tanzschritt der Klöppelelfen erklang. Die guten Gedanken tauchten aus den lichten Gebilden empor, die Gabrielens Hand entwarf: nicht einzeln kamen sie, sondern in langen freundlichen Reihen, und sie umschlossen Gabrielens ganzes Leben und ihr ganzes Haus.
Ich war, als ich Sabine Ricchiari verstehen lernte –gekannthatte ich sie schon seit zehn oder zwölf Jahren! – Seelsorger in einer kleinen süddeutschen Stadt, hatte die Fünfzig überschritten und war also in eine Lebensperiode getreten, wo man keinen mehr um seiner Sünde willen haßt, keinen um seiner Tugend willen preist, sondern alle liebt, weil man alle bedauert. Ist man einmal so weit, so fliegt einem das Vertrauen von selbst entgegen, man darf dann nur den scheuen Vogel nicht durch eine hastige Bewegung schrecken. Ich hörte manche Lebensgeschichte, dazu bedurfte ich keines Beichtstuhles. Über die nun folgende habe ich heißer gegrübelt als über sonst eine.
Sabine Ricchiari brachte durch ihre Erscheinung schon Aufruhr in unsere kleine Stadt. Sie war die Gattin eines Arztes, dessen Familie aus dem Veltlin stammte, die aber, seit mehreren Generationen in Deutschland ansässig, jede Erbschaft ihrer stolzen Abkunft verloren hatte, bis auf den klingenden Namen. Dessen gegenwärtiger Träger nun war ein so bescheidener,schlicht und nüchtern aussehender Mann, daß auch dieses karge Erbe an ihm noch wie Verschwendung erschien; denn der schöne Name wollte zu dem unscheinbaren Wesen übel passen. Er lebte einige Jahre in einer größeren Stadt, lernte dort Sabine kennen und führte sie uns zu, als er eine neue Praxis unter uns eröffnete. Nun, da ich die Frau erblickte, freute ich mich, und zwar um ihretwillen, daß der Mann nicht Schulze hieß. Denn Sabine saß der Name wie angeschaffen; sie trug das trompetenhelle Wort vor sich her, wie eine kriegerische Jungfrau eine silberne Tuba trägt; und wenn man ihre hohe Schönheit betrachtete, so genoß man es doppelt, daß man dies seltsame und bedeutende Geschöpf nicht mit einem gewöhnlichen oder gar übellautenden Worte benennen mußte.
Durch die engen und gewundenen Gassen unseres Städtchens, in denen damals noch Handwerker- und Markttreiben sich stieß und drängte wie vor hundert Jahren, war noch nicht zweimal Sabine Ricchiaris hohe Gestalt gewandelt, als schon Neugier und Tadelsucht sich an ihre Fersen hefteten. Der stille stolze Gang, womit sie die übelgepflasterten und bergigenGäßchen beschritt, als wären es Treppen einer Königshalle und mit den weichsten Purpurteppichen belegt; der freie, klare Blick, den sie die Häuserreihen hinabgleiten ließ bis an das altersgraue Stadttor, über welches Berg und Himmel hold hereinlugten; die kecke Haltung des wohlgeformten Hauptes; nicht zuletzt auch das helle Kleid, das alles Licht der Sonne, welches die graue Umgebung so mürrisch hinweg wies, in sich allein gesammelt zu haben schien – ja, der Klang ihrer zuversichtlichen, frischen und lauten Stimme selbst irritierte dies trippelnde, kichernde, hustende und knicksende Geschlecht bis zum Haß. Sabine wirkte verfassungstörend. Die Frau mit den Großstadtsitten machte die Kleinstadtgehirne toll. Alles Überkommene drohte zu stürzen. Frauen, die dreißig Jahre lang unangefochten und sorglos den Pantoffel geschwungen hatten, wurden plötzlich eifersüchtig und – aus Eifersucht – zahm; Männer, die dreißig Jahre lang geduldig ihr Joch getragen hatten, wurden plötzlich rebellisch. Putzmacherinnen wurden erfinderisch und phantasiekühn. Ladendiener und Schreiberlein salbten ihr Haar und trugen Nelken im Knopfloch. Offiziere a. D., die längstin Biertischgemütlichkeit versunken waren, hielten plötzlich wieder auf Taille, und Referendare wurden stumpf gegen die Reize zierlicher Krawattenverkäuferinnen. Und weil Sabinens Schönheit es war, die also demoralisierend wirkte, so wurde mit promptem Schlusse die Schönheit selbst für unmoralisch erklärt, so wurde, wie auch sonst wohl geschieht, das Unnachahmliche und Unerreichbare als nicht nachahmenswert beiseitegeschoben. Sabine war ein Jahr lang oder zwei höchst unpopulär. Dennoch war sie Gegenstand der Gespräche in Gasse und Kemenate: denn männiglich wartete auf den Augenblick, wo die lästerlich schöne Fremde zu Fall kommen würde, und sieben- bis achthundert Paar Nächstenaugen paßten haßgeschärft auf die Vorzeichen eines solchen Falles. Aber sie paßten umsonst. Klar wie ein Wiesenbach floß Sabinens schlichtes Leben dahin. Stets an der Seite ihres Gatten, immer im Kreise ihrer Kinder, sah man sie laute Vergnügungen meiden und keinen anderen Umgang pflegen, als den so tugendhafter Frauen, wie nur kleine Städte sie aufweisen können. Die Huldigungen der Männer wies sie lächelnd, aber nachdrucksvoll in solche Grenzen, daß auchdie bitterste Eifersucht ihr keinen Vorwurf allzuschneller Geneigtheit machen konnte. Erregte sie Aufmerksamkeit durch Gewandung und Erscheinung, so schien es doch, als beabsichtige sie nur, diese Aufmerksamkeit, einmal gefesselt, auf ihr musterhaftes Betragen zu ziehen: man sollte sie sehen, um zu sehen, daß es nichts zu sehen gäbe. Keine kokette Gebärde, kein noch so leises Augenspiel war ihr nachzusagen. Dazu war ihr Haushalt tadellos geführt mit geringen Mitteln; ihre Kinder blühten. Gegen Arme war sie äußerst freigebig, sonst jedoch sparsam, wenn auch stets auf vornehmes Auftreten bedacht. Und kurz und gut: Sabine Ricchiari erwies sich als ein solcher Ausbund trefflicher weiblicher Eigenschaften, daß langsam die neidischen Gemüter ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnen sich wandten, zur Duldung erst, dann zur Achtung, schließlich aber zu grenzenloser und unbedingter Bewunderung. Im dritten Jahre ihres Aufenthaltes war Sabine der Liebling unseres Städtchens, wie sie in ihrer Heimat der Stolz des Kreises gewesen war, in welchem sie sich bewegt hatte. Man sprach von ihrer Tugend als von etwas Heiligem, von ihrer Treue gegen den wenig bestechendenund meist mürrischen Gatten als von einem Wunder. Um diese Zeit geschah es nun, daß eine zufällige Gesprächswendung mich darauf führte, Sabinen in Gegenwart ihres Gatten von dieser verblüffenden Wandlung der öffentlichen Meinung zu reden und ein kleines und – wie ich glaubte – wohlverdientes Kompliment daran zu knüpfen. Alsobald erschrak ich jedoch über die Miene des Doktors, die sich noch mehr als gewöhnlich verfinsterte. Von ihm hinweg zu Sabinen mich wendend, erstaunte ich noch mehr über den Ausdruck höchsten Triumphes in ihren Zügen. Mitten im Zimmer stehend, von der Lampe über ihrem Haupte in einen Mantel von Licht gehüllt, strahlte ihr hochgehobenes Antlitz wie das einer Fürstin, der man eben eine Krone zu Füßen gelegt hätte. Arglos wie ich war, verwunderte ich mich nur darüber, daß eine so kluge Frau so hohen Wert auf das Urteil der Menge legen mochte, denn offenbar war sie über die Maßen geschmeichelt und erfreut. Indes mochte ich ihr diese Schwäche wohl verzeihen; mußte aber, sechs oder acht Jahre später, mit Schmerz an diese stumme Szene denken, deren Bedeutung ich im Augenblicke nur halb verstanden hatte.
Es sei hier nun gleich betont, daß ich kein so unbedingter Bewunderer der tugendhaften Sabine Ricchiari war, wie der Chor der Basen und Nachbarinnen; wie ich denn auch anfangs kein Verdammer ihrer Anmut gewesen war. Ich hatte zwar – leider hatten mich schlimme Erfahrungen dazu berechtigt – die auffallende Ungleichheit zwischen Mann und Frau nicht ohne Unruhe sehen können. Denn war auch der Doktor tüchtig in seiner Kunst, pflichttreu, redlich und von beherrschtem, würdigem Wesen, so habe ich es doch nie erlebt, daß Frauen vor solchen Eigenschaften sonderlichen Respekt haben; und die, denen ein Weib gerne erliegt, besaß Ricchiari nicht. Aber ich hatte doch das gesetzte Wesen der Frau erkannt, das leidenschaftliche Verirrungen ausschloß. Dieselbe Eigenschaft der Sabine aber, die mich ihr zu Anfang nichts Schlechtes zutrauen ließ, hinderte mich nun daran, ihr nur Gutes zuzutrauen: denn ganz ohne Zweifel war Sabine eine kalte Natur, und ihre Vortrefflichkeit baute sich mehr auf Überlegung als auf irgendwelche Herzenseigenschaften. Und wenn ich nun auch um so mehr eine mit Ausdauer geübte Willensbeherrschung in dieser Frau bewundern mußte,so konnte mir doch diese ganze starr festgehaltene Unfehlbarkeit im Grunde nicht recht gefallen. Man wird mir zugeben, daß wir Männer in diesem Punkte unlogisch sind; aber ich wette, man wird mir nachfühlen: lieben wir es schon, daß Frauen, die wir verehren sollen, rein und stark in ihrer Tugend seien, so lieben wir es doch auch, sie gegebenenfalls einer Schwäche mindestensfähigzu wissen. Und eben diese Fähigkeit schien Sabinen zu fehlen. Ich hatte Gelegenheit, sie ziemlich genau zu beobachten; war ich doch, dank meines Priesteramtes und dank der – Korrektheit, die Sabinens Verkehrswahl bedingte, ein vertrauter Gast im Hause des Doktors. Und daß ich es nur gleich sage: nie habe ich Sabinen gereizt, nie eigensinnig, nie vergnügungssüchtig, nie begehrlich nach Tand oder Schmuck gesehen; aber auch nie in weicher Stimmung, nie in Tränen, nie in überschwenglicher, voller, jugendlicher Freude. Ihr ganzes Wesen stellte eine bis zum äußersten geglättete Fläche dar; aber, wenn ich das Bild vollenden darf: nicht Marmor, der unter dem Schliff das köstliche Geäder, sein inneres Leben, erst recht schön entfaltet, sondern irgendeinen Kunstguß von Metall, der nurglänzt und seine reinliche Außenseite in Wind und Wetter blank erhält; sonst aber nichts von eigener, in seinerStrukturbegründeter Schönheit besitzt. Um Schillers hohe Forderung gegen diesen seltsamen Frauencharakter auszuspielen: Sabine Ricchiari war eine Natur, die eben unausgesetzt nötig hatte, »edel zu wollen«, weil sie ganz und gar nicht imstande war, »schön zu empfinden«. Freilich hatte sie es in der Anwendung dieses Wollens zu unerhörter Fertigkeit gebracht – das sollte mir später noch klar werden.
Die Eindrücke, die dies mein Urteil über Sabine Ricchiari begründen, lagen zu der Zeit, von der ich spreche, natürlich gleichsam schlummernd in mir; ich hätte damals nicht vermocht, sie zu irgendeinem Ausdrucke zu gestalten, ja, ich gab mir kaum Rechenschaft darüber. Ich war mir nur eines leicht abweisenden Gefühles gegen die vielbewunderte Dame bewußt, welches sich gerade dann regte, wenn ich sie in schwieriger Lage mit beängstigender Sicherheit das einzig Richtige und Wohlanständige treffen sah, das es für sie zu tun gab. So geschah es zum Beispiel öfters, daß der Doktor in einer Anwandlung von Laune, wie sie auch bei trefflichenMännern wohl vorkommen mag, seine Frau vor Zeugen hart anließ; dann benahm Sabine sich mit solch einzigem Anstande, daß man ihr Bewunderung nicht versagen konnte. Dennoch schien mir, als täte sie es ohne Anstrengung, als erlitte sie die Kränkung von einem Fremden, dessen Meinung ihr nichts galt, oder als eifere ein Machtloser gegen sie, der sie in ihrer Hoheit nicht verletzen konnte. Ich, der ich den Doktor liebte, empfand für ihn die Geringschätzung, die in dieser Sachlichkeit lag, womit Sabine seinen Schwächen gegenübertrat; und wohler wäre mir um seinetwillen gewesen, hätte sie sich bei solchen Gelegenheiten manchmal kindisch, trotzig, erregbar gezeigt. Ebenso erging es mir, als Ricchiari einmal bedenklich erkrankte: Sabine pflegte ihn mit beispielloser Pflichttreue und Geduld. Aber ihr Aussehen veränderte sich bei dem schwierigen Krankendienste nicht, ich sah sie nicht verhärmt, als er dem Tode nahe schien, sah sie nicht in jubelnder Seligkeit aufblühen, als die Rettung gewiß war. In ähnlicher unentwegter Fassung stand sie auch ihren Kindern gegenüber, ihren kleinen Unarten, ihren allerdings unbedeutenden Krankheiten. Und ich kam mir damals oftselbst töricht und sogar böse vor, weil eben diese Gleichmäßigkeit ihres Wesens mir nicht recht zusagen wollte, während doch jedermann sonst sie darum bewunderte und verherrlichte. Aber ich kam nicht gegen mein Empfinden auf.
Als Sabine eine mehr als zehnjährige Ehe hinter sich hatte – sie stand nun in der Mitte der Dreißig, trat ein Ereignis ein, welches mir Gelegenheit gab, Sabinens Wesen und Entwicklung aus ihrem eigenen Munde kennen zu lernen, zugleich auch mein dunkles Gefühl zum klaren Verständnis ihrer Art auszubilden. Das Ereignis war ein solches, das die ganze Stadt, Beteiligte und Unbeteiligte, heftig erschütterte und selbst in den seichtesten Seelen eine Ahnung weckte von der Sturmgewalt der Elemente, die in Tiefen toben können. Einer der jungen Rechtsgelehrten, die dem in unserem Städtchen tagenden Gerichtshofe beigegeben waren, ein Sohn guter Eltern, aus begüterten Kreisen stammend, aus einer größeren Stadt zugezogen – ein Jüngling von äußerst einnehmendem und freundlichem Wesen, der sich großer Beliebtheit unter den besten Menschen des Landes erfreute: wurde eines Morgens mit durchschossener Schläfe tot in seinem Bettegefunden. Ein hinterlassener Zettel kündigte Selbstmord aus verschmähter Liebe an, aber in so rührender Art, so schlicht zum Herzen sprechenden Ausdrücken, daß auch der böseste Skeptiker nicht zu lächeln gewagt hätte. Der Name des Weibes, das den armen Knaben in den Tod getrieben, war begreiflicherweise nicht genannt; aber der Instinkt der Menge, der in solchen Dingen fast immer richtig geht, bezeichnete Sabine Ricchiari als die Urheberin der Tat. So wie der Vorfall sich darstellte, schien diese Annahme allerdings glaublich: Sabine war in der Tat reizbegabt genug, um eine verheerende und alle Fesseln sprengende Leidenschaft zu entflammen; kein Mann wäre zu verdammen gewesen, der für dieses Götterbild das Letzte gewagt hätte; und andererseits machte Sabinens anerkannte Tugend jeden Wunsch von vornherein zu einem hoffnungslosen. Das war die Erläuterung, die die öffentliche Meinung gab: entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit schienen alle Lästerzungen geneigt, die edelsten Beweggründe auf beiden Seiten anzunehmen. Fama drapierte sich romantisch. Und wenn etwas imstande war, Sabine Ricchiaris Ansehen und Beliebtheit in derStadt noch zu steigern, so war es dieser Vorfall, die letzten Worte eines Todbereiten, die ihre ehrenfeste Unbesiegbarkeit mit solch tragischem Nachdruck verkündeten.
Die öffentliche Meinung sieht meistens richtig, aber niemals tief; Tatsachen bleiben ihr selten verborgen, Beweggründe immer: das Ereignis war genau so vor sich gegangen, wie der Stadtklatsch annahm – und doch, wie anders! wie furchtbar anders! –
Man hatte die Verwandten des Jünglings von dem Selbstmorde benachrichtigt, doch gab es keine Möglichkeit ihres Eintreffens vor dem späten Nachmittage. Weil ich das verblendete Kind lieb gehabt hatte und weil mir das Herz blutete um sein Schicksal, so übernahm ich es, bei ihm zu bleiben und seinen letzten Schlummer zu hüten, bis das Gebet seiner Mutter das meinige ablösen würde. Ich ließ den Leichnam auf reinem Bette aufbahren, setzte mich neben ihn und blickte unverwandt in das sanfte, stille Gesicht, als könne es mir noch Antwort geben auf die bittere Frage, die mich, der ich weniger hurtig schloß als die Menge, unablässig quälte: »Wie hat es so weit kommen können?« Ich hatte den Jüngling als einenstäten und tüchtigen gekannt, ohne Überspanntheit und ohne Pose. Was hatte er leiden müssen, was erkennen, bis er diesen letzten Verzweiflungsschritt unternommen hatte? In mir zitterte alles vor Mitleid und Schmerz, ich fühlte die Tränen über meine Wangen rinnen, und mehr als einmal beugte ich mich über den Toten und küßte seinen kalten Mund in einer traurigen Hoffnung, es möchte die Seele, die diesem Leib entflohen, noch irgendwo in der Nähe weilen, mein Leid und meine Liebe mit ansehen und als Trost empfinden. Da geschah es, daß ich plötzlich, den Kopf von meiner schmerzlichen Liebkosung erhebend, Sabine Ricchiari im Zimmer stehen sah. Sie war geräuschlos eingetreten und zwischen dem Bette und dem Fenster stehen geblieben, so daß sich nur ihr großer schwarzer Schattenriß in unheimlicher Starrheit vor mir erhob. Ich fuhr auf mit einer Regung des Hasses gegen sie; denn mein Gefühl, das nie unbedingt zu ihren Gunsten gesprochen hatte, schrie in diesem Augenblicke blindlings, jede Reflexion niederdonnernd, ein »Schuldig!« über sie. Meine Augen mußten deutlich sprechen, was ich empfand, denn sie trat einen Schritt zurückund senkte das Haupt langsam tiefer und tiefer. Dann hörte ich, daß sie weinte; und weil mich das bei ihr, die ich keiner redlichen Träne für fähig gehalten, überraschte und ergriff, wie es mich noch bei keiner Frau ergriffen hat, so fühlte ich schnell meine Stimmung gegen sie sich erweichen und näherte mich ihr, um ihr die Hand zu reichen. Dabei sah ich ihr Gesicht – und jetzt umschloß mein Mitleid sie ganz! Sie aber ergriff meine Hand nicht, sondern meine versöhnliche Geste für ein Zeichen der Verzeihung nehmend, das ihr freien Zutritt zu dem Toten gewährte, eilte sie an mir vorüber nach dem Bette, über welches sie sich mit dem ganzen Leibe warf, ihre Lippen auf die des Verblichenen pressend und mit den Armen seine Schultern und seinen Kopf umklammernd. Es lag eine Heftigkeit der Leidenschaft in dieser Bewegung, die grauenhaft gewirkt hätte einem Lebenden gegenüber; an dieser fühllosen Masse, die schlaff und kalt in ihrer Umarmung hing, stellte sich der Anblick ihrer Raserei geradezu haarsträubend dar. Besonders entsetzlich war die Art, wie der bleiche Kopf, den sie wiederholt emporriß, immer wieder über ihren Arm zurück und zur Seite sank, als wolle er sichden allzuspäten Liebkosungen jetzt verachtungsvoll abwehrend entziehen; so schien es Sabine auch zu nehmen, denn ihre Gesten wurden wilder, ihr Weinen lauter bei jeder derartigen Bewegung. Ich stand sprachlos dabei, fühlte Schauer um Schauer über meinen Rücken rinnen und vermochte nicht, dem Tun der Frau zu wehren. Sie aber, nachdem sie das Gesicht des Toten und seine Brust mit solchen Küssen bedeckt hatte, und unter solchen Ausrufen und Seufzern, wie die Verzweiflung fruchtloser Reue sie lehrt, erhob sich endlich rasch und wollte aus dem Zimmer huschen, wie sie hereingekommen war. Da ereilte ich sie an der Tür und verstellte ihr den Ausgang, denn ich dachte nicht anders, als daß auch sie jetzt in den Tod zu rennen beabsichtige. Sie kehrte um, setzte sich auf den nächsten Stuhl und suchte augenscheinlich in schwerem Kampfe ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Ich erinnere mich nicht, ob ich ihr zugesprochen habe; mit meinem Herzen tat ich es gewiß, aber in mir schrien so viele Stimmen durcheinander, daß ich nicht weiß, ob ich wirklich zu Worte gelangt bin oder ob ich die Laute nur geträumt habe, die meine bebenden Lippen zu formensuchten. Immerhin beruhigte die entrückte Frau sich endlich und kehrte zur Wirklichkeit zurück; ihre Augen begegneten wieder und hafteten diesmal an den meinen, in denen sie wohl das heißeste Erbarmen lesen mußte. Dann setzte sie sich neben das Bett, das sie nun mit einem rührenden Ausdrucke mütterlicher Geschäftigkeit in Ordnung brachte, und schließlich begann sie in schauerlich ruhigem Tone den Hergang der Sache zu erzählen.
Sabine war ein Kind von unvergleichlicher Anmut gewesen, und da war es denn nur zu begreiflich, daß sie in Aller Mienen der Wirkung ihrer eigenen Zauberhaftigkeit nachspürte und es zur Aufgabe ihres kleinen Lebens machte, diese Wirkung nach Möglichkeit zu verstärken. Dabei experimentierte sie förmlich mit der Tragfähigkeit dieses Magnets: denn sie trug Farben und Gewandformen, die an anderen Mädchen gewagt erschienen wären, und triumphierte innerlich, wenn ihre Schönheit das Unmöglichste und Heterogenste zu einem gefälligen Eindrucke verband. Auch gelang es ihr öfters, selbst die Mode zu beeinflussen,indem sie durch die Macht ihrer Erscheinung die Augen ihrer Geschlechtsgenossinnen blendete, so daß jene das Kleid von der Trägerin nicht mehr zu unterscheiden vermochten und sich für schön hielten, wenn sie trugen, was an Sabine Ricchiari schön erschien So sicher aber diese ihrer äußeren Vorzüge war und so viel sie darauf wagen konnte, so genügte ihr dies doch keineswegs; sie hätte nun auch gerne durch Gaben des Geistes und der Seele allen anderen Frauen den Rang abgelaufen und empfand es höchst schmerzlich, daß ihr hervorragende Talente versagt waren, die ihren Namen durch die Lande trügen. Deshalb aber nicht eingeschüchtert, warf sich Sabine auf das »Fach«, in welchem Lukretia und andere hohe Frauen der Geschichte sich mit Glück betätigt hatten: auf die Tugend. Und sie faßte diesen Begriff in seinem weitesten Sinne.
Als Kind hatte Sabine Ricchiari nicht gerne gelernt. Da sie heranwuchs, beobachtete sie, daß jedermann einen gewissen Grad von Albernheit und Denkfaulheit als Vorrecht ausnehmend schöner Personen für zulässig zu halten schien Das erbitterte sie sofort aufs höchste als eine Beleidigung, die ihr mehr galt alstausend anderen, minder reizenden Frauen. Und hier sprang nun der gefährliche Zug ihres Wesens mit einer ganz wohltuenden Wirkung ein: denn, beharrlich und energisch, wo es ihrer Eitelkeit galt, zwang Sabine ihren flattersüchtigen jungen Geist in eine Zucht, die alle Welt in Erstaunen setzte. Bald erlebte sie die Freude, daß man laut und leise ihren Fleiß und ihr ernsthaftes Streben noch höher als ihre Anmut pries, und ehe sie achtzehn Jahre alt war, konnte sie schon mit vollem Rechte das kühne Wort sprechen: »Müssen denn alle tüchtigen Frauen häßlich sein und nur häßliche tüchtig? Ich denke zu beweisen, daß man körperliche und geistige Bildung vereinigen kann!« Dabei fiel ihr das Studium vieler Wissenszweige durchaus nicht leicht, und nur der maßlose Ehrgeiz, ein Frauenbild von nie dagewesener Vollkommenheit darzustellen, hielt sie in Stunden tiefer geistiger Erschöpfung aufrecht. Bei solchen Beschäftigungen mußte sich ihr notgedrungen die Zeit kürzen, die andre junge Mädchen ihres Kreises auf Tanz und Flirt verwendeten; jedoch empfand Sabine dies durchaus nicht als Verlust, da ihr Siege auf diesem Felde allzu sicher waren, und wenn siesich unter die Spiele der Geselligen mischte, so war's nur, um durch verspätetes Erscheinen und frühen Abgang die Leute zu erinnern, daß sie Besseres zu tun hatte. So albern nun dies Tun an sich erscheinen mag, so trug es doch für Sabine bessere Früchte, als sie eigentlich verdient hätte. Denn darin ist die Wissenschaft, die Göttin, dem sterblichen Weibe gleich, daß sie ihre Bewerber nicht leicht auf die Redlichkeit ihrer Gesinnung prüft und auch den mit Segenshänden beschenkt, der nur mit ihr tändelt. Was Sabine Gutes, Klares, Großzügiges in ihrem Charakter hatte, war ihr als unverdiente und ungewollte Beute aus der Zeit dieser Raubzüge in das reine Land des Gedankens geblieben.
Aber nun kam Sabine in das Alter, wo die höchsten Lebensfragen an ein Weib herantreten, und leider machte sich auch hier wieder die Sucht, das Ungewöhnlichste, das völlig Unerwartete zu tun, zu ihrem Schaden geltend. Sie war – schön, gebildet und überaus sittsam, wie sie sich stets gezeigt hatte – von zahlreichen Bewerbern umschwärmt und hätte unter den Männern ihres Kreises den Besten und Begehrtesten zu ihren Füßen sehen können. AberSabine bildete ihr Urteil über Männer nach eigener Art. Die naive Siegessicherheit, mit welcher heutzutage ein Mann, der seinen Wert kennt, ein Weib zu nehmen pflegt, erbitterte und beleidigte sie, die sich selbst als etwas Einziges und Unvergleichliches geschätzt zu sehen wünschte, nicht wenig. Sabine wollte Werber im Minnesängerstil. Dafür war sie auf der anderen Seite höchst anspruchslos, denn kein äußerer Vorzug des Mannes sollte ihre Wahl bestimmen; freie, reine Neigung beider Herzen allein sollte den Ausschlag geben und – Bedingungsine qua non!– dasPublikumvor allem sollte von dieser reinen Neigung überzeugt sein. So, damit auch ja nicht der leiseste Vorwurf einer Bestechlichkeit erhoben werden konnte, wandte das törichte Fräulein sich sofort und demonstrativ von allen glänzenden, angesehenen und vielbegehrten Männern hinweg und solchen zu, die von Frauen übel behandelt, von Kritikern verkannt, von Vorgesetzten übersehen und von rassestolzen Aristokraten geächtet wurden. Und man konnte hinfort auf allen Festen das sonderbare Schauspiel genießen, das schönste Mädchen der Stadt mit einem Gefolge zweifelhafter Gestalten einherwandelnzu sehen, an denen sie eifrig und ernsthaft ein Werk der Veredlung zu betreiben suchte, das indes sehr selten mit einem Gelingen lohnte. Denn Männer pflegen es sehr übel aufzunehmen, wenn ein Weib sie »zu sich emporziehen« will – und ich weiß nicht, ob ich ihnen darin nicht recht geben muß.
Es konnte nicht fehlen, daß Sabine in diesem Umgange ein paar schlimme Erfahrungen machte, die ihr indes glücklicherweise nicht so zum Verderben ausfielen, wie es wohl hätte sein können. So befand sich unter den Unbegehrten, die sie zu beschenken glaubte, ein junger Naturforscher von beträchtlicher Häßlichkeit, deren Wirkung noch verstärkt wurde durch den Hochmut, mit welchem der Mann alle gefälligen Formen in Rede, Kleidung und Auftreten verschmähte. Er war aus Arbeiterkreisen hervorgegangen, recht im vollsten Sinne des Wortes ein geistiger Selfmademan, und allerdings sehr bedeutend in seinem Fache. Aber er setzte einen törichten Stolz darein, das Plebejertum, dem er angehört hatte, auf drastische Weise darzulegen, und scheuchte feinfühlige Frauen von sich durch die Derbheit seiner Ausdrucksweise sowohl wie durch die Gehässigkeit,die er denen gegenüber zur Schau trug, die sich feinerer Sitten befleißigten. Auf ihn konnte mit Recht das drollige Wort angewendet werden, er habe »zwei Rücken«; denn bei Gastmählern, zu denen er freilich selten genug gebeten wurde, brachte er es fertig, seinenbeidenNachbarinnenzugleichden Rücken zu kehren – und das schlimmste war: sie zogen sein unartiges Schweigen seiner Konversation vor. Das war ein Objekt für Sabine! Mit dem raschen Schlußvermögen, das sie auszeichnete, stellte sie fest, daß eben diese Gehässigkeit gegen alles Glatte und Vornehme einem tiefen Bewußtsein eigener gesellschaftlicher Unzulänglichkeit entsprungen sei, und daß der rauhe Mann nur deshalb nicht manierlich seinwollte, weil er klar empfand, daß er es nicht seinkonnte. Sie sagte sich, daß er wußte – und wahrlich nicht zu seinem Behagen wußte –, an ihm müsse Kultur zur Karikatur werden. Deshalb hegte sie Mitleid für ihn und beschloß, die erste zu sein, die seinem hervorragenden Verstande und seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit volle Ehre antat, ohne sich durch seine ungeschlachte Art und böse Sitten beirren zu lassen. Und sie erwählte ihn förmlichund feierlich zu ihrem Höflinge und war holdseliger zu ihm, als ihr dabei eigentlich ums Herz war; denn sie mußte sich alle mögliche Gewalt antun, um den Widerwillen zu überwinden, den seine physische Erscheinung, seine zynische Rede und häufige lästerliche Flüche ihr einflößten.
Aber Sabine kam übel an mit ihren Beglückungsversuchen. Denn sie mußte einsehen, daß der erwählte Mann selbst nicht nur keine sonderliche Dankbarkeit gegen sie empfand, sondern daß er die Bevorzugung, die ihm widerfuhr, auf eine sehr kränkende Weise deutete. Daß seine Häßlichkeit, über welche er sich keiner Täuschung hingab, ein so holdes und vielbegehrtes Wesen wie Sabine anzog, erschien ihm durchaus nicht als ein Wunder der Liebe, die ihren Gegenstand nach seinem seelischen Gehalte schätzt – denn so hätte Sabine es gerne gedeutet wissen wollen; vielmehr erklärte er sich in seiner materialistischen Weltanschauung dies Wunder einfach aus einem perversen Reiz, den Scheusale von Männern auf Frauen auszuüben verstehen, und er schämte sich nicht, dies in wenig verschleierten Worten anzudeuten, wobei er mit Vorliebe das Beispieldes großen Sinnenbetörers Mirabeau zitierte. Daß Sabine seine durchaus nicht gewählte Unterhaltung ertrug, schrieb er demselben krankhaften Gefallen am Allzunatürlichen zu, denn er gab sich nie Mühe, in den Mienen anderer zu lesen, und übersah deshalb den Kampf, mit welchem das wunderliche Fräulein diese härteste Probe ihrer Gesinnungstreue zu bestehen suchte. Daß sie endlich vor aller Welt seine Partei hielt, schien ihm selbstverständlich, denn er wußte, daß er für eine wissenschaftliche Größe galt und daß eine Frau an seiner Seite einer großen Zukunft entgegenging. Und er sprach auch dies aus und verfehlte nicht, Sabine aufmerksam zu machen, daß sie trotz ihrer Schönheit und höheren Geburt bei einer Verbindung mit ihm dergewinnendeTeil wäre. Es dauerte eine ganze Weile, bis Sabine diese seine Auffassung von der Sache ganz begriffen hatte, denn sie hatte sich in der Rolle der Gebenden und Herablassenden zu wohl gefallen, um leicht einer so demütigenden Erkenntnis zugänglich zu sein. Aber der merkwürdige Galan, der seinerseits durchaus nicht geneigt war, den Empfangenden, den Beschenkten zu spielen, versuchte endlich, ihre Liebe,die er für höchst leidenschaftlich hielt, durch bewußte Bosheiten auf die Probe zu stellen, bald ohne Anlaß fernbleibend, bald auch vor Zeugen ein hämisches und tyrannisches Wesen gegen sie zur Schau tragend. Ihre Ratlosigkeit und Verblüfftheit solchen Roheiten gegenüber hielt er für Schmerz, und die wirklich bewunderungswürdige Geduld, mit welcher sie verzieh, was sie einem Mangel an Besserwissen zuschrieb, deutete er als Verliebtheit, die, selbst getreten, nicht von ihm lassen konnte. Endlich kam aber doch der Tag der Abrechnung, und es erfolgte nun die allerwunderlichste Auseinandersetzung, die je zwischen Liebesleuten stattgefunden. Jeder der beiden Toren war sehr verdutzt, sich von dem anderen nicht heißer geliebt zu sehen, jeder rechnete dem anderen sein Gewinnen oder Verlieren mit allerliebster Offenheit vor. Bei dieser Abschiedsszene zeigte sich schließlich der Mann noch als der Charaktervollere von beiden, denn er war der erste, welcher der Frau mit ihrem unerbetenen Mitleiden den Laufpaß gab, indem er erklärte, daß ihm ein Schankmädchen, das zu ihm aufsähe, liebenswerter erscheine als eine Königin, die sich »herablasse«. Sabine zog sich gekränktzurück und gewann aus der bösen Erfahrung wenigstens die Lehre, daß Mitleid vom Weibe zum Manne vorsichtig in leisen Schuhen wandeln muß, soll nicht sein Tritt die jungen Liebespflänzlein zermalmen. Eine Weile war sie traurig und enttäuscht. Bald aber löste eine neue, noch sonderbarere Wahl die Mißstimmung jenes ersten Erlebnisses. Auch dieser zweite Mann war das Gegenteil von einem Adonis und nichts weniger als ein Gesellschaftslöwe. Wäre er beides gewesen, so hätte er ja für Sabine keinen Reiz gehabt, denn dann wäre es keine Kunst gewesen, ihn zu lieben; und Sabine wollte, wie gesagt, auch hierin etwas völlig Neues leisten. Was ihre Neigung in diesem besonderen Falle bestimmte, war hauptsächlich die bittere Armut, in welcher der Betreffende lebte, der seines Zeichens ein unbedeutender Musikus am Theaterorchester der Stadt war, in welcher das seltsam wählerische Fräulein damals lebte. Sabine hatte durch Hausgenossen des Fiedlers von seinem Elende vernommen, hatte ihn unterstützen lassen und suchte nun seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Sie verhalf ihm zu Unterrichtsstunden in besseren Häusern und eröffnete damit zugleichihm und sich selbst einen Weg, auf welchem sie sich häufig genug ohne Anstände begegnen konnten. Dabei geschah nun, was geschehen mußte. Hatte der Mann schon vorher gewußt, daß er ihrem Mitleid viel verdankte, so warfen ihre strahlende Erscheinung, ihr berückendes Lächeln und die freundlichen Worte, die sie an ihn richtete, ihn nun ohne weiteres in eine maßlose Leidenschaft, die er auch durchaus nicht zu verbergen strebte. Dabei war er klug genug, weder seinen persönlichen Vorzügen noch seiner musikalischen Begabung das Verdienst dieser Eroberung beizulegen, denn er wußte genau, daß er von letzterer nicht viel mehr besaß als von ersteren. Aber er empfand doch künstlerisch-naiv gerade soviel als es brauchte, um an eine ideale Liebe zu glauben, die wahllos trifft und sich mit gleich selbstloser Erwiderung reichlich gelohnt fühlt. Eine solche Liebe legte er in Sabine hinein; und er selbst stattete seinen Dank für das unverdiente Gnadengeschenk in einer Anbetung ab, an der sich Diana hätte genügen lassen können, und die unsere kühle Heldin selbst höchlichst befriedigte, weil sie endlich zur Erfüllung brachte, was lang geträumt und gewünscht war. Denn nungenoß Sabine die Genugtuung, daß die Romantik dieses Verhältnisses von alt und jung gebührend geschätzt wurde, und wandelte einher, von Mondschein und blauen Blumen gleichsam auf Schritt und Tritt umsponnen, wie ein mittelalterliches Burgfräulein, das sich einem fahrenden Sänger neigt. Sie redete viel, um zu beweisen, daß echtes Gefühl auch in unseren nüchternen und bösen Zeiten noch nicht ganz vom Erdenrund geflohen sei, und glaubte ganz ernsthaft, die schöne Neigung, die sie darstellte, wirklich selbst zu empfinden. Allerdings glaubte das auch jedermann sonst; und selbst die losesten Zungen fanden keinen schlimmeren Anlaß zu sticheln als den, daß man Sabine hinfort auch im Getöse einer Wagneroper in der ersten Reihe des Parkettes sitzen sah, wo sie dem Bombardement wahnsinniger Pauken- und Trompetenstöße heldenhaft standhielt, nur um Aug' in Auge mit ihrem Geigerlein und in seiner möglichsten Nähe den Abend zu verbringen. Dem Widerstand ihrer Verwandten gegen diese sehr unerwünschte Verbindung setzte sie eine siegreiche Beredsamkeit entgegen, die alle Bedenken entwaffnete und die Zweifler beschämte. Die Entdeckung, daß ihr neuer Liebhabereinige Male ziemlich betrunken im Orchester erschien und daß er Ring und Kette, die sie ihm gegeben, gelegentlich versetzte, ernüchterte sie zwar ein wenig, entmutigte sie aber keineswegs. Sie löste geduldig ihre Liebespfänder selbst wieder aus und gab sie ihm ohne ein Wort des Vorwurfes zurück. Die Beschämung und Reue, die der arme Kerl bei solchen Anlässen an den Tag legte, war echt; aber die sittliche Festigkeit, die er neuen Versuchungen gegenüber bewies, war die eines Kindes; und Sabine machte hier die schmerzliche Schule durch, die Künstlerliebchen und -frauen selten erspart bleibt: sie mußte sehen, daß ein Mann alles Göttliche und Hohe in seinem Busen bewegen und doch vor einem Glase Wein zum Tiere werden kann. Aber Sabine hatte ihre Rolle zu hoch gegriffen, um ihr selbst vor derlei Schrecknissen untreu zu werden. Auch als ihr Bräutigam wegen der eingetretenen Unordentlichkeit seines Lebenswandels aus dem Orchester entlassen wurde, hielt sie noch fest zu ihm. Bereits aber war sie so weit zur Vernunft gekommen, daß sie den Argumenten ihrer Verwandten ein willigeres Ohr lieh als zuvor; und als man ihr geschicktvorstellte, wie gerade die Gunst, die sie dem Musikus erwies, die unerwartete Veränderung seiner Lage verderbenbringend geworden sei für den Mann, der bisher in seinen dürftigen Verhältnissen arbeitsam und brav gewesen war – da entsagte sie, obgleich schweren Herzens und nach langem Kampfe, auch diesem Traume. Von ihrem Anbeter kaufte sie sich los, indem sie mit Einwilligung ihrer Angehörigen ein bescheidenes Kapitälchen für ihn anlegte, das ihn vor äußerster Not bewahren, ihm aber keinerlei Ausschreitungen ermöglichen sollte. Es muß zur Ehre des Mannes gesagt werden, daß er diese Abfindung erst nach langer und rasender Gegenwehr hinnahm; denn er liebte das schöne Mädchen, wie nur ein Musikerherz lieben kann, und drohte sie und sich selbst zu ermorden, ehe er sie aufgäbe. Erst die Vorstellungen desselben klugen Verwandten, der Sabine herumgebracht, vermochten ihn zu erschüttern; denn sie brachten ihn zur Einsicht, daß er die Heißgeliebte in ein trauriges Los herunterzöge, wenn er sie an sich fesselte, ohne durch seinen Charakter eine Gewähr für seines Zukunft zu geben. Er trat zurück und zeigte sich beim Abschiede so ehrenhaft und stolz, daßSabine fast wieder ihren Sinn zu seinen Gunsten geändert hätte; denn es war ihr bitter, daß er sie an Entsagungsmut übertraf, und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ungleich mehr opferte als sie, weil er ungleich leidenschaftlicher geliebt hatte. Seine Pension griff er erst viele Jahre später an, als er, wieder zur Ordnung zurückgekehrt, eine passende Lebensgefährtin gefunden hatte, mit welcher er dann auch leidlich glücklich wurde. –
Sabinens dritte Wahl fiel gleichfalls auf einen Musiker, aber weit höheren Ranges. Dieser Mann war städtischer Domorganist, war ein wirklicher Künstler, war weder häßlich noch arm, dafür aber blind. Sabine hätschelte ihr eigenes törichtes Heldentum mehr denn je, als sie diesem Manne nahetrat, mit welchem sie aber glücklicherweise kein Verlöbnis einging. Denn – um es kurz zu machen – sie mußte bereits nach einiger Zeit zur Überzeugung kommen, daß andere Frauen an derselben Wut der Selbstaufopferung krankten wie sie, und daß der blinde Mann die Äußerungen dieser edlen Regungen, denen er sich übrigens kaum hätte entziehen können, rückhaltlos und recht dankbar annahm. Es gab keinen tolleren DonJuan im Lande als ihn, und er prahlte, sein eigener Leporello, vergnügt mit seinem Sündenregister. Das widerte die im Grunde keusche Sabine an, und sie zog sich zurück, ehe ein bindendes Wort gesprochen war. So war sie noch einmal mit heiler Haut davongekommen, als sie dem Mann begegnete, der ihr Verhängnis werden sollte, ihre Strafe und – nach schweren Irrungen – ihre Rettung. Dieser Mann war Ricchiari.
Sabine war damals vierundzwanzig Jahre alt, und ihre Schönheit hatte den Gipfelpunkt der Entfaltung erreicht. Sie war eine so hervorragende Erscheinung, daß die Schar ihrer Bewerber und Bewunderer sich trotz all ihrer Torheiten nicht wesentlich vermindert hatte, und sie hätte immer noch eine Ehe eingehen können, wie sie ihrer höchst verfeinerten und verwöhnten Natur angemessen war. Abereinerwar abgefallen, von dem sie wußte, daß er sie früher gern gesehen hatte, und dieser eine beschäftigte nun die widerspruchsvolle Dame mehr als der ganze übrige Hofstaat. Auch Ricchiari warkein glänzender Mann. Er war, wie bereits erwähnt, von unansehnlicher, wiewohl durchaus nicht unangenehmer Erscheinung, dabei trocken und knapp in seiner Rede, schlicht in seinem Auftreten und nicht immer liebenswürdig in Frauengesellschaft. Als Arzt war er mäßig beliebt und gerade genug beschäftigt, um eine kleine Familie ohne Sorgen ernähren zu können, aber was man so eine Zukunft nennt, das traute ihm niemand zu. Auch war es diesem Manne, der die Welt kannte und wußte, nach welchen Werten ein Mensch geschätzt wird, nie zu Sinn gekommen, um die vielbegehrte Schöne zu werben; doch war auch er am Ende ein Wesen von Fleisch und Blut, und kein solches konnte Sabinens unvergleichliche Anmut sehen, ohne sich an ihr zu entflammen. So ging es auch dem armen Doktor, obgleich er sich redlich Mühe gab, seine Gefühle zu verbergen. Sabine, deren Augen auf dergleichen Vorgänge geübt waren, bemerkte nun wohl seine Leidenschaft; aber sie bemerkte auch seine Zurückhaltung, und sie schätzte ihn darob; möglicherweise würde sie ihn auch ermutigt haben, wenn der Beginn ihrer Bekanntschaft nicht gerade in eine Zeit gefallen wäre, woeines der früher erwähnten Opfer Sabinens ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Nun war aber auch der Doktor ein Mann von äußerst scharfen Blicken, und er beobachtete mit innerlicher Empörung Sabinens Verhalten. Das komplizierte und etwas krankhafte Spiel ihrer Seelenregungen lag ihm längst offen, und was von guten Gefühlen in diesem wunderlichen Gemüte vorhanden war, unterschätzte er keineswegs. Daß Sabine im Verhältnis zum Manne die Gebende sein wollte, lieber als die Empfangende, das gefiel ihm sogar; und die Beharrlichkeit, mit welcher sie alle Folgen dieses Anspruchs auf sich nahm und ertrug, setzte ihn in Bewunderung. Aber daß sie im allerletzten Grunde dabei um den Beifall der Menge buhlte, daß sie etwas sein wollte, nur um es auch zu scheinen, das verdroß den Doktor, der in allen Dingen gerade nach der entgegengesetzten Seite hinstrebte und sich unbeachtet am wohlsten fühlte. Schmerzlich geteilt zwischen stiller, heißer Leidenschaft und einer gewissen Verachtung lebte der Mann kein vergnügtes Leben unter den Sonnenaugen der begehrten Frau, und kein Wunder, daß er die Verachtung etwas schroffer zur Schau trug,als er eigentlich wollte, da er sie wie einen schützenden Mantel um sein Herz und seine Liebe ziehen mußte.
Sabine bemerkte alsobald die Veränderung in Ricchiaris Betragen, und da sie nicht ahnen konnte, wie klar der Mann sie durchschaute, und daß er mehr von den Vorgängen in ihrer Seele wußte, als sie selbst, so störte seine plötzliche Kälte sie und gab ihr zu denken. Sie nahm sich vor, ihn zu erobern; und da er auch sonst ihren – negativen Anforderungen genügte und sie dieIllusion, zu ihm herabgestiegen zu sein, vor sich und anderen aufrechterhalten konnte, so gab sie ihm Zeichen ihrer Huld, die er verstehen mußte, und bot alles auf, um ihn in ihren Bannkreis zu ziehen. Aber mit dem Doktor ging das nicht so leicht, wie es mit den anderen gegangen war. Je liebenswürdiger Sabine ihm entgegenkam, desto unnahbarer zeigte er sich und ließ sie endlich in unzweideutiger und fast unartiger Weise fühlen, daß er nichts von ihr wollte. Hätte Sabine in sein Herz blicken können, so hätte sie erkennen müssen, daß er unter dem Zustand der Dinge fast schwerer litt als sie, denn er konnte dem schönen Frauenbild lange nichtso ernstlich gram sein, wie er es zu sein wünschte. Da sie das nicht wußte, so war sie von seinem Verhalten nur aufs tiefste gekränkt und so unglücklich, wie ein Weltkind überhaupt sein kann. So heftig war sie von Zorn und verletzter Eitelkeit beherrscht, daß sie aller Weiblichkeit vergaß und den Doktor bei erster Gelegenheit zur Rede stellte. Es geschah dies auf einem einsamen Wege vor der Stadt, der durch Gärten und Gemüsepflanzungen weiter hinaus nach einer kleinen Privatheilanstalt führte, die Ricchiari regelmäßig besuchte. Sabine hatte ihm aufgelauert wie ein Schulmädchen, und sein spöttisches und abweisendes Gesicht, als er sie erblickte, brachte schnell genug zur Entladung, was sich an Lava, Schwefel und Pech in ihrem Gemüte gesammelt hatte. Es knallte ganz artig, als die erbitterte Heldin den Mund auftat. In dieser Stunde redete Sabine nicht eben klug und auch nicht ganz sittsam; aber sie redete zum ersten Male, seit er sie kannte,nichtmit der Absicht, ihrem Publikum zu imponieren. Deshalb empfand er ihren Ärger fast als etwas Wohltuendes und vernahm ihre wirren Vorwürfe lieber, als er je zuvor ihre wohlberechneten Sentenzengehört hatte. Endlich versagte ihr die Stimme, und sie lehnte sich halb weinend, ratlos und atemlos vor Erregung an den Gartenzaun, an welchem sie gerade entlang wandelten. Ricchiari blieb vor ihr stehen und betrachtete sie nachdenklich. Sie stand, schön wie immer, vor der hohen grünen Sträucherhecke, in deren Zweige sie, mit rückwärts emporgreifenden Armen, die Hände verschlungen hatte, als wolle sie sich daran aufrechterhalten. Sonnenlicht und Schatten der windbewegten Blätter spielten rieselnd auf ihrem Antlitz und auf ihrem weißen Kleide, so daß ein Schleier goldener Wellchen die Erregung ihrer Mienen und das Zittern ihrer Glieder verhüllte und ihre ganze Gestalt so in wogendes Funkeln auflöste, daß sie, aus geringer Entfernung gesehen, fast wie etwas Überirdisches erscheinen mußte, etwa wie eine Dryade, die sich schemenhaft leuchtend aus dem frühlingshellen Geäste erhob. Solch ein Naturwesen, mehr oder weniger als Mensch, tückisch, süß und verführerisch zugleich, mußte der geblendete Doktor in diesem Augenblicke doch zu sehen glauben, denn er erlag dem Zauber, und seine Wehrhaftigkeit splitterte um ihn wie ein Panzer von Glas. Mag nun sein,daß die Stimmung des blütenübersponnenen Sträßleins, das weit hinaus in freundliches grünes Land zu führen schien, der weiche Maiduft des Himmels und Frühlingsstimmen junger Vögel nah und fern die Wirkung des holden Bildes verstärken halfen – kurz, der Mann fühlte sich innig gerührt und zu jedem Verzeihen geneigt, so daß er nähertrat und bereitwillig Rede stand. Dabei konnte er es sich dennoch nicht versagen, ihr seine Meinung ordentlich klarzulegen, und so kam ein gar wunderlicher Sermon zustande, den ich aus mancher Andeutung Sabinens und aus später selbst miterlebten Wiederholungen ähnlicher Szenen wohl zu rekonstruieren vermag.
»Haben Sie denn«, so etwa mochte der Doktor schmälen, »je ein edles Gefühl um seiner selbst willen gehegt? Haben Sie nicht alles, was Sie taten, um der Leute willen getan? Haben Sie nicht früh schon durch Kleidung und Auftreten bewiesen, daß Sie Aufmerksamkeit zu erregen wünschten? Haben Sie nicht ein braves und anerkennenswertes Streben der modernen Frau, das Streben nach Bildung und Wissen, dadurch erniedrigt, daß Sie lauen Herzens und nur deshalb an denAltar der Athene getreten sind, weil es heute noch für ungewöhnlich gilt? Dies alles wäre noch zu verzeihen. Auch daß Sie Almosen geben, weil es zum guten Ton gehört, will ich Ihnen nicht zu hoch anrechnen, denn ihr kurzdenkenden Frauen könnt das Unheil nicht übersehen, das eure Wohltätigkeiten décolletéanrichtet. Aber Sie haben mit dem Dinge gespielt, das jede echte Frau als eine Offenbarung von oben in demütigen Händen empfängt. Sie haben mit Ihrer Liebe Parade geritten vor klatschlustigen Basen, Sie haben Männer angezogen und abgestoßen, um von sich reden zu machen, und Sie haben den, der mit gläubigem Herzen Ihnen entgegenkam, nicht minder geäfft als die Menge Ihrer Zuschauer, um deren Beifall es Ihnen so sehr zu tun scheint. Denn Sie gaben ihm ein Recht, an Liebe zu glauben, und Liebe haben Sie nie gefühlt, nur eitle Selbstüberhebung und Hochmut, die beide Tugenden galten, von denen Sie nur den Schein besitzen. Wie dürfen Sie nun noch Anspruch erheben auf eines ehrlichen Mannes Gefühl? Ich für mein Teil mag keine Schauspielerin zur Frau, und so innig lieb ich Ihr schönes Bild leider im Herzen halten muß,so wenig werde ich mich dazu hergeben, Ihren Partner zu spielen. Denn die Rolle, die Sie mir in Ihrer Komödie eines romantischen Ehestandes zudenken, gefällt mir nicht – und übrigens ist die Sache bei mir, Gott sei's geklagt! etwas mehr als Komödie!«
So gestand der Doktor seine Liebe und verschwor sie im selben Atem, und Sabine hing wie ein windbewegtes Blatt zwischen Himmel und Erde, zwischen Freude und Scham, zwischen höchstem Triumphgefühl und tiefster Erniedrigung. Tränen, halb des Zornes und halb der Rührung, traten ihr in die Augen, und sie empfand in dieser Stunde, was auch die seichteste Frau nicht ohne Seligkeit empfinden kann, die Herrschaft und Überlegenheit eines starken und geradsinnigen Mannes. Wie nun auf jedes Weib diese Erkenntnis des Untergeordnetseins viel eher beglückend als verletzend wirkt, so ward auch für Sabine die Beschämung selbst zu einer Quelle der Lust, und sie wünschte nichts sehnlicher, als daß der Doktor bis in alle Ewigkeit fortfahren möchte, sie zu schelten. Er fügte auch noch ein gut Teil bei; und sooft er aufhören wollte, sah Sabine ihn mit zwar feuchten, aber so strahlend glücklichenBlicken an, daß er schnell wieder einsetzte, weil ihm schien, sie sei noch lange nicht so zerknirscht und schuldbewußt, wie sie von Rechtes wegen hätte sein müssen. Bald wurde er dann wieder härter, als er beabsichtigt hatte, und nun faßte er ihre Hand, um durch einen sanften Druck und etwa ein Streicheln da versöhnend entgegenzuwirken, wo seine bitter wahren Worte zu tief verwunden mußten. Und so zwischen Grausamkeit und Liebe schwankend, nahm er Sabinen endlich an sein Herz und bedeckte sie mit Küssen, dazwischen hoch und teuer schwörend, daß er sie nun und nimmer zur Frau haben wolle. Sie aber, von einem neuen Gefühle ganz verwirrt und betäubt, ließ alles über sich ergehen und fragte in diesem Augenblicke sogar nicht einmal, was die Leute dazu sagen würden, die ab und zu durch das grüne Sträßlein spazierten und mit Lachen dem wunderlichen Paare nachblickten.
Es versteht sich von selbst, daß Ricchiari trotz all seiner grimmen Vorsätze um Sabinens Hand warb und daß er sie erhielt. Der brave Mann stellte sich entschieden und tapfer auf die Seite der Liebe, besiegte das Widerstreitende in seiner Brust und verzieh dem holdenFrauenbilde nicht nur alle früheren Torheiten, er bemühte sich sogar, in noch bestehende und fortwirkende sich zu finden oder sie wenigstens mit Anstand zu ertragen. Ricchiari sah seine Frau hundertmal des Tages an und fühlte, daß er sie bei jedem Blicke heißer liebte als zuvor. Er führte sie bald darauf hinweg nach der kleineren Stadt und hoffte sie dort in der Stille und Zurückgezogenheit in kurzer Zeit zu größerer Sinnesschlichtheit umzubilden und das Lautere ihres Wesens, woran er nun einmal glaubte, von anhaftendem Flitter zu reinigen.
Leider mußte er nur zu bald erkennen, daß er sich hierin vergriffen hatte. Die in der großen Stadt eine Rolle gespielt hatte, glaubte sich in der kleinen noch viel mehr berechtigt, alle Augen auf sich zu ziehen. Die Feindseligkeit und das Mißtrauen, die ihr allenthalben entgegentraten, reizten sie nur zu neuen Künsten. Und da sie bald herausgefunden hatte, daß dem beschränkten Geiste ihrer Mitbürger nur durch eine einzige Eigenschaft zu imponieren war, nämlich durch Tugendhaftigkeit, so warf sie sich mit ihrem ganzen virtuosen Anpassungsvermögen nach jener Seite hin und stellte alle Penelopen und Kornelien der Welt durch ihreLeistungen in Schatten. Zugleich aber begann jetzt für Sabine wie für ihren Gatten ein Martyrium schlimmster Art; es fing damit an, daß Sabinens Gefühl für den Doktor mit seiner Neuheit dahinging. Wohl hatte die Macht von Ricchiaris ehrlicher Gesinnung, seine Offenheit, sein Zorn, kurz, die Äußerung seiner Männlichkeit so überwältigend auf das Wesen mit den verschrobenen Neigungen gewirkt, wie eben das Wahre und Gewaltige dem Gekünstelten gegenüber wirken muß. Einer wirklichen Liebe war Sabine Ricchiari nicht fähig, und von der angenehmen Verwirrung ihrer Sinne war nichts geblieben als eine Empfindung höchsten Unbehagens dem Manne gegenüber, der so scharf in jeden Winkel ihrer Seele zu leuchten wußte; denn Sabine ahnte wohl, daß es keine wertvollen Funde in diesem Inneren aufzudecken gab. Das Unbehagen steigerte sich nicht selten zur Angst. Und diese Angst war es, die sie verhinderte, ihre Schauspielkunst, die sie gegen Fernerstehende so glänzend behauptete, auch da zu versuchen, wo es am meisten gelohnt hätte: Sabine konnte ihren Gatten nicht glauben machen, daß sie ihn liebte.
Den ganzen Tag wandelte sie in stumpferGleichgültigkeit umher. Daß sie die Großstadt und ihren Vasallenkreis vermißte, daß Haushalt und Kinderstube sie langweilten, daß sie hungerte nach rauschenden Festen, wo ihre Schönheit Siege gefeiert hätte, daß der schlichte, stäte und zuverlässige Gatte ihrem phantasievollen Köpfchen nichts zu denken gab – Ricchiari mußte es täglich aus kalten Mienen und lässigem Gebaren erkennen. Da er die Frau liebte, tat das ihm weh. Aber man vergegenwärtige sich das Leiden, das für ihn anhub, sobald ein fremder Fuß das Gemach betrat: wie durch Zauberschlag verwandelt, huschte die plötzlich erblühende Frau als rühriges Hausmütterchen durch alle Räume; Heiterkeit strahlte ihr von rosigen Wangen, Liebe aus leuchtenden Augen; sie herzte ihre Kinder, sie nickte dem Gatten zu; sie redete wirtschaftlich, prahlte mit kleinen häuslichen Kenntnissen, pries die pastoralen Freuden ihres bescheidenen Lebens, scherzte anmutig und überlegen über leicht verschmerzte Entbehrungen – kurz: zeigte sich so ganz als das, was sie nicht war und doch hätte sein sollen, daß die Klügsten betrogen hinweggingen. Laut und leise pries alle Welt Ricchiari als den glücklichstenGatten; und der Doktor hörte es mit finsterem Gesichte und verbiß seine Martern: wußte er doch aus wiederholter Erfahrung, daß Licht und Lächeln in den Augen seiner Frau erlöschen würden mit den letzten Lampen des Mahles, bei dem sie durch horazische Tugenden eine Anzahl leichtgläubiger Gäste berückt hatte.
Diese sichere und stets eintreffende Voraussicht machte, daß Ricchiari in Gesellschaft nicht eben leidenschaftlich auf die Liebenswürdigkeiten seiner Frau einging; dazu war er eine zu gerade Natur. Ja, er begegnete in der Regel ihren holden Koketterien mit abweisenden Blicken und erreichte dadurch, was er eben hatte vermeiden wollen, daß alle Leute die herrliche Frau, die an solch einen Bären gebunden war, erst recht bewunderten und bedauerten. Dieses Bedauern, das der unglückliche Mann in allen Mienen lesen mußte, war seine schärfste Qual. Es war ihm unmöglich, auf die unedle Pose einzugehen, die Sabine vor der Welt aufrechterhielt und mit welcher sie ihm seine tiefe und wahrhafte Liebe so übel vergalt. Jeder Versuch aber, die Komödie zu durchbrechen, prallte an Sabinens unerschöpflicher Sanftmut und Holdheit ab, undimmer blieb das gewandte Weib im Vorteil, immer mehr vergab sich der von Leidenschaft gepeinigte Mann in den Augen der Kurzsichtigen, die nach dem Schein urteilten. Bald war Sabine nah und fern als eine neue Griseldis gerühmt, der Doktor als ein Tyrann verschrien; und das ruchlose Geschöpf war wirklich erbärmlich genug, sich an dieser Rolle zu ergötzen. Die Art und Weise, wie sie Mitleid von sich wies und ihren Gatten zu entschuldigen suchte, war mit Feinheit so berechnet, daß auch wieder niemand als sie selbst dabei gewann: denn nun prunkte sie noch mit einem Edelmute, der ihr sehr ferne lag, da sie genau wußte, daß in Wirklichkeit ihr Gatte der still Duldende und Vergebende war. Daß ich selbst von diesem Spiele fast gefangen worden wäre, habe ich wohl schon angedeutet. Sabinens Geständnisse am Bette des Selbstmörders ließen mich klar in dies fürchterliche Verhältnis blicken. Die Unselige erzählte mir selbst, daß ihr Mann sie einmal mit Tränen in den Augen gebeten habe, ihm in Gegenwart von Leuten nicht mehr so zärtlich zuzunicken, da sie es doch in Stunden des Alleinseins mit ihm nicht wolle oder nicht könne. Dies habe ihr ins Herz geschnitten,und sie habe eine Zeitlang wieder ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden geglaubt, ein solches auch mit ängstlicher Deutlichkeit an den Tag gelegt. Ricchiaris trauriges Lächeln habe sie wohl belehrt, daß sie ihn nicht täuschen könne, und diese Erkenntnis habe sie selbst mit Bitterkeit erfüllt. Nach kaum einer Woche sei ihr machtloser Wille wieder erlahmt, Leben und Umgebung hätte sie gelangweilt, das tägliche Einerlei von Kleinem und Kleinstem die alte Verstimmung wieder wachgerufen. Vor Zeugen aber habe sie nach wie vor ihr äußeres Scheinleben weiterführen müssen und sich dabei selbst wie behext gefühlt; denn sie sei sich ihrer Falschheit wohl bewußt gewesen, ohne sich ihrer jedoch erwehren zu können.
Ich fragte Sabinen, ob sie sich über die Empfindungen Rechenschaft geben könne, die sie beherrschten, während sie dies verräterische und für ihren Gatten so grausame Spiel trieb. Sie gestand mir nach einigem Sinnen, daß sie sich immer durch das Verhalten der Leute selbst gleichsam dazu gereizt gefühlt habe. Denn wie ein offenes Buch habe jedes Herz vor ihr sich aufgetan, und was sie da zu lesen geglaubt, war eben die Erwartung dessen, was mittlerweilewirklich schon eingetreten war. Jeder Blick schien sie zu fragen: hast du die übereilte Verbindung noch nicht bereut? hält die Romantik dem wirklichen Leben stand? sehnst du dich nicht zurück nach dem Kreise, für den du geboren bist? Bereits glaubte sie zu hören, wie triumphierend Nachbarin zu Nachbarin flüsterte: wir haben es vorausgesagt! Bereits war ihr, als spitze sich jeder Beau, der huldigend ihre Hand küßte, schon im stillen darauf, der Hausfreund der schönen Doktorsfrau zu werden. Daß aller Augen auf ihren Fall warteten, hatte sie richtig erraten, und sie hätte sich, wie sie sagte, lieber in Stücke reißen lassen, als dem Volke die Freude des Rechthabens zu gönnen.
Die Spannung zwischen den Gatten kam endlich so weit, daß Ricchiari die Scheidung vorschlug. Ihm schien es leichter, sich der begehrten Frau ganz und gar zu entwöhnen, als fürder unter ihren Lieblosigkeiten zu schmachten. Dennoch mußte ihn der Vorschlag schwere Überwindung gekostet haben, und Sabine, die es verstand, war von seinem Leiden einigermaßen erschüttert. Aber als sie dies Anerbieten zurückwies, tat sie es dennoch erst inzweiterLinie aus Mitleid mit dem Manne; ihr erster Gedankewar auch hier wieder: »wie würden die Leute sich freuen!« und deshalb willigte sie nicht in die Scheidung.
Ricchiari, der mit weißen Lippen seinen Antrag gestellt hatte, errötete ein wenig, als sie rasch und heftig »Nein!« sprach. »Darf ich hoffen,« fragte er mit unsicherer Stimme, »daß es dir doch ein wenig leid tun würde, mich zu entbehren?« Sie schaute ihn an und hätte Welten darum gegeben, hätte sie jetzt ihr Verstellungstalent zur Hand gehabt, das ihr vor Fremden doch nie versagte. Aber vor den ehrlichen Augen dieses Mannes war sie gelähmt, sie fand das falsche Lächeln nicht, oder vielmehr, sie wußte, daß es ihn nicht würde betrügen können. Sie sah zur Seite, zitterte und stammelte endlich: »Um der Kinder willen laß uns beisammen bleiben!« und das war das einzige, was sie antworten konnte ohne direkte Unwahrheit. Wirklich war das ein Grund, dem Ricchiari sich beugen mußte; und wenn es für ihn irgendeinen Trost gab, so mußte es der Gedanke sein, daß Sabine in diesem einen Punkte wenigstens durch ein braves und natürliches Gefühl geleitet worden sei.
So also standen die Dinge in Ricchiarisanscheinend so tadelloser Häuslichkeit. Eine Frau von unfehlbarer Lebensführung und wertvollen Eigenschaften verstand die bescheidene Kunst nicht, einen schlichten Mann glücklich zu machen; und ein Mann, der jede andere Frau durch die Fülle und Tiefe seines Empfindens hoch beglückt hätte, mußte seine köstliche Flamme vor einem Götzenbilde von Erz verlodern sehen, und kein Zeichen belehrte ihn, ob sein Opfer Gnade gefunden.
Sylva stammte aus guter, alter Familie. Er war wohlhabend und hatte Ansehen. Aber er war auch brav, tüchtig, ernsthaft und seelenrein, wie wenige Menschen in dieser verderbten Zeit und in den Kreisen, aus denen er stammte. Er war dreiundzwanzig Jahre alt.
Sabine Ricchiari war eine zu blendende Erscheinung, um von dem neuen Ankömmling nicht alsbald bemerkt zu werden, und entzückt erkundigte er sich sofort nach Namen und Geschichte der schönen Frau. Der Bescheid, den er erhielt, entsprang der falschen Meinung, die Sabinens ruchloses Spiel in den Köpfen der Leute gezeitigt hatte. Die Frau, so hießes, sei ein vornehmes und mit allen holden Gaben geschmücktes Wesen, an einen Mann gekettet, der nicht wert sei, ihr die Schuhriemen zu lösen, und der das Gotteswunder nicht zu schätzen wisse, das mit solch einem Weibe über sein Haus gekommen. Vielmehr behandle er sie höchst lieblos, sie aber ertrage mit engelgleicher Geduld all seine Launen, und nie habe jemand sie ein Wort der Klage äußern hören. Ja, selbst den Mangel all des Glanzes, zu welchem ihre Geburt sie berechtigte, habe sie mit solcher Anmut und Heiterkeit auf sich genommen, daß alt und jung vor einem so seltenen Frauencharakter in Bewunderung vergehe. Niemand könne an dem herrlichen Bilde die leiseste Trübung nachweisen, und allgemein werde nur bedauert, daß nicht ein würdiges Eheglück ihr beschieden sei.
Solche Kunde war natürlich dazu angetan, ein Jünglingsherz zu rühren. Sie aber ahnte nicht, welchen Quellen die scheue Verehrung entsprang, die sie alsobald in den Augen des jungen Mannes zu lesen begann; seicht wie sie selbst war, schloß sie nur auf seichte Leidenschaft, wie ein blühender Frauenleib sie wohl zu wecken vermag, und wandte sich mit einemspröden Gesichte zur Seite, so oft sie dem stillen Minnewerber begegnete. Sie selbst gestand, daß sie damals nichts als Groll empfand, jenen alten Groll gegen angenehme und sogenannte unwiderstehliche Männer, die jede Frau als leichte Beute behandeln.
Es hatte nämlich bereits die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf Blicke und Mienen des schmachtenden Jünglings gerichtet, und eine Schar von solchen Geistern, die nie das Unheil zu bemessen verstehen, das sie anrichten, ergriff sofort diese wahrlich ernste Sache als ein neues und willkommenes Spielzeug. Keine der Freundinnen und Nachbarinnen konnte sich das Vergnügen versagen, Sabinen die Beobachtungen zu hinterbringen, die sie an Sylva gemacht hatten, und jene bekannten neckenden Bemerkungen daran zu knüpfen, die bei solch kurz denkenden Wesen besseren Gesprächstoff ersetzen. Und diese Gefühllosigkeit gab leider der gefühllosesten unter den törichten Frauen den Anstoß, um aufs neue und tiefer als jemals in ihr altes Laster des Posierens zu verfallen.
Sabine wies die Neckereien der Freundinnen anscheinend mit Ernst und Würde zurück, dabeiaber verfehlte sie nicht, mit feiner Wahl des Ausdruckes soviel Teilnahme für den stillen Anbeter zu verraten, als eine anständige Frau ohne Furcht vor Mißdeutungen an den Tag legen darf. Noch eine Nuance mehr Interesse, so gab sie, dessen war sie sich wohl bewußt, falschen Vermutungen Raum. Und dennoch – so unglaublich es scheint! – überschritt sie diese Linie, überschritt sie, während ihr selbst die Erkenntnis dessen, was sie tat, kalte Schauer über den Rücken jagte. Warum sie es tat – Gott weiß es! Sie wollte eben wieder einmal ihre Tugend zu allgemeiner Betrachtung aushängen. Sie arbeitete ihre Komödie mit gewohntem Raffinement aus, und die Freundinnen gingen mit der Gewißheit hinweg: »Sabine Ricchiari liebt den jungen Sylva. Aber mit eiserner Hand wird sie ihre Wünsche ersticken. Ihre Tugend ist über jede Versuchung erhaben.«
Alles dieses wäre noch kein Verhängnis gewesen. Aber nun gingen die schwatzenden Elstern hin und bearbeiteten den Jüngling. Sylva hatte das Unglück, jene sanfte und weiche Schönheit zu besitzen, auf welche ältliche Weiber besonders toll sind. Jede einzelne dermüßigen Redespinnerinnen suchte aus der eben gemachten Entdeckung einen Vorwand zu konstruieren, um sich dem jungen Manne zu nähern, sein Vertrauen zu gewinnen, als sympathetische Seele seinen Schmerz zu teilen und – aber dieser Gedanke lauerte nur ganz verborgen im Hintergrunde! – womöglich zu heilen. Sylva, jung und nicht übermäßig erfahren, war schnell umgarnt. Bald hatte er drei oder vier »mütterliche Freundinnen«, die sich darin überboten, ihm zu sagen, was er zu hören brannte. Und bald war auch er von der Überzeugung durchdrungen, daß Sabine ihn im stillen liebe. Jetzt erst stiegen seine Hoffnungen zu äußerster Kühnheit empor, und jetzt erst lag sein Herz zu tiefst im Staube vor dieser Frau, die er unglücklich glaubte und doch von siegreicher Reinheit in ihrem Unglücke. Hatte er sie vorher schon mit heißester Glut begehrt, so betete er jetzt geradezu die Spur ihrer Füße im Sande an, überwältigt von ihrer unantastbaren Tugend.
Und seine Trösterinnen sorgten dafür, daß ihm der Mut nicht sank. Jedes Wort Sabinens wurde ihm hinterbracht; und da es die Frau in entsetzlicher Verblendung nicht lassenkonnte, ihre Rolle weiter und weiter zu verfeinern und auszugestalten, so gab es bald ordentlich was zu hinterbringen. Die Phantasie der Zwischenträgerinnen tat das ihre.