Chapter 3

Außer der Liebe gibt es im ganzen Weltall keine höhere Seligkeit, für jede Gestalt bedeutet die Liebe die höchste Lebenshöhe, sie ist für alle Leben das einzige Lebensziel, die höchste Lebensfestlichkeit, die das Weltall kennt.—

Aber ihr werdet mir sagen: der Schrank gebiert doch keine Schränke, der Tisch und der Stuhl doch keine Tische und Stühle! Wo ist das Liebesfest und der Schöpfungsakt bei den toten Dingen?

Der Schreiner, der den Schrank ausgedacht hat, ist Vater und Mutter des Schrankes. Ihr habt doch gehört, daß alle Dinge zu euch Vater und Mutter sein können. Alle haben etwas an euch geboren. Und da der Schrank ein zugehöriges Stück zum Menschen ist, so mußte er auch von einem Menschen zuerst für das Menschenleben geboren werden.

Denn, seht, Wünsche sind so gut Lebewesen, wie es Gedanken sind.Der Leib des Menschen sprach zum Kopf des Menschen: Bau mir einen Behälter für meine Kleider. Und der Kopf des Menschen sprach: Du, Leib, dem ich diene, so wie du mir, Kopf, dienst, schicke deinen Wunsch tief ins Herz, so daßer ein Herzenswunsch wird. Dort laß ihn rufen und sich sehnen nach Vereinigung mit einem Gedanken in mir, Kopf.

Und seht, der Leib tat so und schickte den Wunsch zum Herzen, wie er es mit allen Wünschen tun muß, wenn sie etwas erreichen wollen.

Und im Kopf machte sich der Gedanke auf, der längst für diesen Wunsch vorbereitet war, so wie ein Mann geboren ist für eine Frau. Und Gedanke und Wunsch kamen zum Herzen und umarmten sich im Herzen. Und die Schöpferkraft, die sie erzeugten, setzte den Menschen in Bewegung.

Und der Mensch nahm die Bretter, die er aus einem Baumstamm gesägt hatte, und seine Hände setzten die Bretter zum Schrank zusammen. Und siehe, Wunsch und Gedanken, vereinigt im Herzen, freuten sich über ihr Geschöpf, den Schrank, den sie geschaffen.

Und als der Leib seine Kleider dann in den Schrank legte, war der Wunsch befriedigt, und auch der Gedanke war befriedigt. Und der Kopf nickte auf dem Leib, und Wunsch und Gedanke, beide sahen ihr Werk, den Schrank, an und freuten sich festlich.

Und so, aus Wunsch und Gedanken, aus dem Liebesakt von beiden im Herzen des Menschen, wurden alle Dinge geboren, die der Menschenleib nicht vorfand, und die der Wunsch und der Gedanke für das Menschenleben schaffen mußten. Doch das Leben solcher geschaffenen Dinge kann natürlich nicht seinen Zweck ändern, und es endet, wie alle Leben, bei der Zweckerfüllung. Wir können nicht zum Schranksagen: „Sei du heute die Treppe des Hauses oder gib uns heute Licht wie die Lampe.“

Erfüllen die Dinge ihren Zweck gut, so sind sie gutgeratene Dinge und können lange leben.

Der Zweck eines Gegenstandes ist sozusagen das innere Leben des Gegenstandes. Der Zweck bedingt die Gesetze des Gegenstandes, unter denen derselbe leben soll, und von denen seine äußere Gestalt bedingt ist. Die Gegenstände leben darum innerlich und äußerlich, wie die Menschen, die auch für ihre Menschengestalt ihre Gesetze und ihren Zweck von ihrer Weltferne für ihre Weltnähe vorgeschrieben bekommen haben.

Da der Schrank sozusagen ein Glied ist am Menschenleben, so kann er nicht sich selbst und keine neuen Schränke erzeugen; denn dein Arm an dir bringt auch keine neuen Arme hervor, dein Kopf setzt keine neuen Köpfe zwischen deine Schultern, weil er ein Glied an dir ist; die Glieder selbst pflanzen sich nicht an dir fort. So pflanzt sich auch kein Schrank fort, der ein Glied deines Menschenlebens bedeutet, da du ihn dir für deinen Leib geschaffen hast.

Und Glieder des Menschenlebens sind alle Gegenstände, die du dir zum Leben schaffst, wie der Schrank, wie der Stuhl, wie der Tisch, wie die Lampe, wie dein Haus, wie dein Kleid, wie alle Maschinen und alle Kunstwerke, die du dir zur Erhaltung deines Leibes und deines Geistes erschaffen hast, das heißt, zum Fest deines Menschenlebens, deines inneren und äußeren Daseins.

Du wirst jedoch, wenn dein Arm seinen Zweck erfüllt, aber sich nicht an dir fortpflanzt, nicht behaupten wollen, dein Arm sei kein lebendes Wesen, er sei ein totes Ding. Er besteht aus lebenden Schöpferatomen so gut wie die Bretter des Schrankes. Sie sind ja gewachsen, die Bretter, als der Baum wuchs, dem sie angehörten.

So ist dein Arm gewachsen vom Mutterleibe an bis zum Tage, wo dein Wachstum stillstand. Aber da er jetzt nicht mehr weiterwächst, dein Arm, und da die Bretter des Schrankes nicht mehr weiterwachsen, sind sie deshalb doch nicht tot.

Frage nur den Schreiner, ob der Schrank nicht lebt. Wenn er neu und das Holz zu grün ist, werfen und spannen sich die Bretter. So wie das Fleisch deines Armes für Wärme und Kälte empfindlich ist, so ist das Fleisch des Schrankes, das heißt, seine Bretter sind für Wärme und Kälte empfindlich und leben. Und so wie dein Arm im Alter mürbe wird und lahm und müde und die Frische und die Lebenslust einbüßt, so geht es mit dem Schrank. Sein Holz wird mürbe, und das Holz kann Krankheiten bekommen durch Feuchtigkeit und Nässe. Wucherungen entstehen, so wie in deinem Fleisch, so auch im Holz.

Und nicht bloß dem Holz und deinem Arm ergeht es so. Frage die Baumeister, die sich auf Eisen und Stein verstehen. Frage die Gärtner, die sich auf Erde verstehen. Eisen, Stein, Erde, wenn sie lange gelebt haben und dem Weltfest dienten und genug mitgefeiert haben, Stein, Eisen und Erde könnenkrank, müde, mürbe und untauglich werden. Und wenn sie von den Menschen zu Gegenständen verarbeitet waren, dann können sie, wenn sie müde werden, auch nicht mehr ihr inneres Leben, nicht ihren Zweck mehr erfüllen.

Da aber mit den Gegenständen — die wir nur mit erweiterten Gliedern unseres Menschenlebens vergleichen können, wenn wir sie in ihrer Gestalt betrachten und verstehen wollen — also nur ein Teil von uns, ein Glied von unserem Leib stirbt, sind wir auch nicht so traurig, wenn wir diese Gegenstände sterben sehen, als wenn wir ganze Menschen sterben sehen. Denn der Verlust eines Armes, eines Zahnes, eines Ohres, eines Beines ist uns wohl sehr wichtig, aber doch nicht so wichtig als der Verlust einer ganzen Menschengestalt.

Sehen wir aber von der Gestalt ab und denken, daß Lebensatome, Lebenskräfte, mit den Gegenständen oder mit den Gliedern, die wir verlieren, um uns verschwinden, so können wir, wenn wir uns auf einen höheren Empfindungsstandpunkt stellen, uns sagen: die Atome und Kräfte dieser Gegenstände oder Glieder sind ebensowenig wie die Menschenatome und ihre Atomkräfte, die mit dem einzelnen Menschenleben scheinbar aufhören, verschwunden. Sie wirken seit Ewigkeit und wirken in Ewigkeit fort. Die Schöpferkraft in uns, die den Schrank gebaut hat, und die den Menschenarm zum Menschenleib aus Wunsch und Gedanken geschaffen hat, diese gibt dem Schrank ähnlich ewiges Leben, wie sie dem Menschenarm es gegeben hat.

Ich will damit sagen: die Entstehung des Schrankes aus Wunsch und Gedanke gehört wie der Mensch im letzten Grunde der Urschöpferkraft aller Leben an. Und die ist nicht weniger ewig zu nennen, ob sie nun Glieder des Leibes, wie Arme, oder sogenannte tote Dinge, wie Schränke, ausdenkt.

Mit dieser Auseinandersetzung habe ich darauf hinweisen wollen, daß nicht bloß der Mensch zum Menschen reden soll und kann. Sondern Tiere, Pflanzen, Bäume, Steine, Erde, Holz, da sie mit dem Menschen Wesen und Glieder desselben ewigen Lebens sind, so können sie und auch die „toten“ Dinge ihr Leben einander und den Menschen mitteilen. So gut wie der Vogel den Menschen überzeugen kann, wenn letzterer sich in des Vogels Leben vertieft, wie schön es dieser in der Luft hat, so können auch die Gegenstände im Zimmer zum Menschen überzeugend reden und können von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Frische, von ihrem Alter, ihren Krankheiten und ihren Erinnerungen zu dir, Mensch, reden.

Und diese Gedanken und Gefühle, die dir, Mensch, beim Anblick toter Dinge im Herzen zu reden beginnen,das ist die Sprache der stummen Dinge. Höre darum deinen Gedanken und Gefühlen zu, wenn du vor der Welt und ihren Dingen sitzt.Die Gedankensprache und Gefühlssprache ist die Weltallsprache.

Der Gedanke und das Gefühl sind die Stimme, mit denen die Gestalten des Lebens, die Lebewesen und die von den Menschen geschaffenen Gegenstände,sich deinem Herzen und seiner Schöpferkraft verständlich machen wollen.

Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit Gefühlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe bitten, daß du tätig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir selbst helfen, daß du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, daß sie müde sind und sterben wollen und die Gestalt wechseln möchten. Mal wollen sie dir in ihrer Tätigkeit gefallen und deinem Gefühl mit ihrer Farbe und mit ihrer Linie mitteilen, wie schön, stark und ewig das Lebensfest ist.

Sage darum niemand, daß nicht im Menschenleben die ganze Welt zu uns kommen kann und wir nicht zur ganzen Welt kommen können.Die Gedanken sind die Klänge und Worte der Festlichkeit, und das Gefühl gibt die Rhythmen und den Takt an, mit dem uns das Weltallfest jeden Augenblick anders umgibt.

Gedanken und Gefühle sind die Sprache, die die Weltalleben untereinander verbindet.Glaubt nicht, daß nicht jedes Tier denken und fühlen kann. Jedes Gras denkt und fühlt; jeder Baum, jeder Stein, die Berge, die Wolken, der Fluß, die Sterne, Sonne, Mond und Erde denken und fühlen.Alles Leben schickt sich Gedanken und Gefühle zu, alles steht untereinander immer in ewiger Fühlung, denn alles Leben ist eine und dieselbe Schöpferkraft, alles besitzt eine und dieselbe äußere und innere Welt.

Eine große unendliche Lebensfühlung waltet im Weltall, und die äußersten Sterne der Milchstraße sprechen ebenso deutlich zur Erde, wie deine Freunde in Amerika oder China, nicht bloß mit Telephon, Telegraph oder Brief, nein, mit den Gedanken und Gefühlen, mit dir sprechen.

Wir wissen jetzt, daß wir ohne Draht von einem Meeresschiff auf dem Ozean zu einem anderen Meeresschiff, das wir weder sehen, hören, noch von dessen Dasein wir eine Ahnung haben, durch die „Telegraphie ohne Draht“ Gedanken aufnehmen und Gedanken, also auch Gefühle, hinleiten können. Und, stellt euch nun vor: jedes Atom im Weltall ist Besitzer eines solchen Gedankenübertragungsapparates, da es Besitzer der Schöpferkraft ist, die seit Millionen Jahren unausgesetzt denkt, handelt und empfindet.

Ihr werdet mir sagen: zum Denken gehört ein Gehirn.

Wer an die Schöpferkraft des Atomes glaubt, kann sich leicht vorstellen, daß jedes Atom ein Gehirn besitzt. Denn im Weltraume gibt es eigentlich kein groß und klein und auch keine Zeit. Es gibt nur Unendlichkeit in den Größenbegriffen dort und Ewigkeit in Zeitbegriffen. Also, welche Welt kann nicht in jedem Atom vorhanden sein!

In jedem Atom können auch Sonnensysteme sein und kann auch ein Weltraum sein, da des Atomes Kleinheit nur im Verhältnis zum Menschen die letzte Kleinheit bedeutet. Aber im Verhältnis zur Ewigkeit ist das Atom noch ein Weltraum, noch ein Weltraum voll Weltkräften, voll Weltempfinden, eineWeltschöpfung, eine Unendlichkeit in der Unendlichkeit.

Wer Frieden im Ohr mitbringt und die Sehnsucht im Willen, sich aufzuklären, der wird klärende Worte wie Öltropfen in seinem unruhigen Welttasten empfinden. Und diese Worte werden wie Inseln in ihm werden, auf denen seine Sehnsucht nach Ruhe und Überblick Fuß fassen kann.

Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird die Unruhe nicht Fuß fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen Dämmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von früheren falschen Idealen unbefriedigt, von früheren halben Lösungen angewidert; der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die Geduld besitzt, es in Ruhe auszukämmen. Und er wird sich Schmerzen bereiten aus einer unnötigen Ungeduld heraus. Darum gönnt euch Geduld, diesem Buch zuzuhören.

Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklärung, die sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat, vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht hätte ich, daß ich weniger Unruhe begegnen würde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum. Ich möchte, daß es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr Verinnerlichung und mehr Verständnis für die Weltleben,für Naturleben und für Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom Lebensfest geerntet wird.

Der Kapitän des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir, als die Anker in Nagasaki Grund faßten: „Herr Dauthendey, so lange Sie jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein Kind schreien hören und niemals sehen, daß ein Tier geschlagen wird.“

Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern, unendliche Geduld zu üben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verständigen will, unendliche Geduld zu üben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl beim Kind als beim Tier. Und für alle Leben, mit denen man in Beziehung treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig möglichen Verkehrsmittel, die angewendet werden müssen, weil sonst überhaupt keine Verständigung möglich ist, keine Übertragung von Gedanken und Gefühlen dieser lautlosen, aber überall den Verkehr ermöglichenden Weltsprache.

Denkt euch einem Franzosen oder einem Engländer gegenüber, dessen Sprachen ihr noch nicht geläufig versteht, so könnt ihr doch bei Geduld und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen. Denn es ist durchaus nicht nötig, die Sprache der verschiedenen Völker oder der Tiere, der Vögel oder aller Dinge in ihren Lauten auszuklügeln.

Es ist auch nicht nötig, die Zeichensprache der windbewegten Bäume, der Gräser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergründen. Es ist auch nicht nötig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.

Dieses Deuten überlaßt denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des Weltallebens widmen wollen.

Ihr alle aber könnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn, ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit über euch selbst breitet und den Gedanken und Gefühlen so den Zutritt laßt, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.

Hört, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht, hört auf die Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, die zu eurem inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem äußeren Ohr auf die Sprache und Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkürlichen Gedanken und Gefühlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens miterleben.

Hört auf die Gedanken, die euch übertragen werden von den euch fremden Wesen, auf die stille Gedankenwelt und Gefühlswelt, die die allgemeine Weltsprache ist, und wißt es:auch eure Gedanken und Gefühle dringen ein in die anderen Leben um euch.

Ihr braucht dabei nicht an das Wort „Gedankenlesen“ zu denken. Ihr sollt gar nichts an euremWesen ändern, um die Welt zu verstehen. Ihr sollt nur Geduld und Freundlichkeit undLebensfestlichkeitunausgesetzt über euch verbreiten. Dann wird euch von allen Leben zugesprochen und dadurch geholfen, geraten, gewarnt und zugeplaudert, so wie ihr es nie erwartet habt, daß dieses möglich wäre zu erleben.

Ihr braucht euch aber nicht immer dazu still hinzusetzen und auf die Welt zu horchen. Gerade mitten in der Tätigkeit, wenn ihr euerer Beschäftigung am ernstesten nachgeht, spricht irgendein Ding oder ein Lebewesen um euch seine Gedanken zu euch aus, manchmal betreffs eurer Arbeit, manches Mal ein Urteil über eure Vergangenheit, manches Mal einen Gedanken oder einen Vorausblick in eure Zukunft.

Nurder Glaubean die Weltallsprache sei euch gegeben, denn dasinnere Wissenhabt ihr alle längst selbst gehabt. Freunde müßt ihr sein mit allen Lebewesen, möglichst geduldige, vertrauende und liebevolle Freunde, mit allen Gegenständen um euch, mit allen Lebewesen um euch. Denn nur Freunde werden euch warnen, werden euch helfen und zusprechen.

Glaubt nicht, daß ihr euch ungestraft Menschen, Tiere und auch tote Dinge zu Feinden machen könnt. Ihr könnt euch die ganze Welt zu Feinden machen, wenn ihr ungeduldig, unfreundlich handelt und auf die Gedankensprache der Welt nicht hören wollt. Dadurch werdet ihr dann viel leiden und vielleicht zuletzt gezwungen werden, wenn ihr die ganze äußere Welt euch zu Feinden gemacht habt, die Gestalt, in der ihr gelebt habt, abzulegen, frühervielleicht abzulegen, als ihr es vorhattet, und müßt euch verwandeln, um eurem Haß und dem Haß der Welt, den ihr auf diese Gestalt geladen habt, zu entgehen.

Vielleicht gelingt es euch aber in anderer Gestalt, unter anderen Verhältnissen, friedfertiger, geduldiger und freundlicher euch die Welt zu Freunden zu machen und das Weltfest genußreicher zu feiern, als ihr es vorher tatet,denn ihr seid immer Schöpfer eurer Zustände.

Vom Tage an aber, an dem ihr annehmt, daß ihr an einem weise gefeierten Fest teilnehmt, könnt ihr vielleicht gar nicht anders als euch freundlich und geduldig und festlich benehmen. Denn welcher Mensch, wenn er Gastgeber oder Gast ist, könnte seine Lust darin finden, eine Feindschaftsfeier statt einer Freundesfeier bei einem Fest zu erleben! Wenn einer so entstellt ungeduldig und unfreundlich zu einem Fest erscheinen wollte, würde er sich bald hinausgewiesen fühlen und würde erst wiederkommen dürfen und wollen, wenn er sich in festlicher Gestalt zeigen kann.

Wohl mag es vorkommen, daß einer sich den rauhen Spaß machen will, sich Spielverderber zu nennen, und hunderte Male wiederkommt und immer als Feststörer. Auch diese wird es geben und immer wieder geben müssen, weil wir Gestalten innerer Schöpferkraft sind, weil Leben aus Licht und Schatten, Freude und Leid bestehen muß und nur der Wechsel das festliche Leben erzeugt.

Darum setze ich hinzu:die große festlicheWeltallschöpfung wird nicht gebessert werden durch diese Weltanschauung, wie niemals eine Weltanschauung die Schöpfung gebessert hat. Denn die Schöpfung ist nicht zu bessern und nicht zu verschlechtern. Sie ist ein ewiger Wandel von Tag und Nacht, von innerer und äußerer Welt, von tiefster Ruhe und höchster Gestaltungsunruhe, sie ist unsere ewige Schöpferlust.

Es ist nur ein neuer Wandel, der mit der neuen Weltanschauung über die Welt kommen wird, weil die alte Weltanschauung abgetreten, ausgeleiert, nichtssagend, mürbe, alt und brüchig geworden ist, weil ihre Zeit um ist und eine neue Zeit neue Ideale, neue Weltüberblicke aus neuen Aufklärungen heraus für die Menschheit fordert, und die früheren Weltanschauungen für uns nicht weitsichtig genug, nicht mehr äußerste Weltüberblicke sind. So wie ihr alte Kleider ablegt, weil sie eng werden, weil sie sich nicht mehr erweitern lassen, weil ihr eure Formen verändert habt, sie aber ihre Formen nicht mehr bewahren können, so wechseln auch die Weltüberblicke der Menschheit, die sie sich über das Leben machen muß.

Die Götterlehre der Griechen und Römer, die Götterlehre der alten Germanen und Kelten, die Götterlehre der Egypter, die Götterlehre der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Völker, die jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, daß das damals scheinbarUnerschütterliche erschüttert werden konnte, absterben und schwinden konnte.

Der Leser wird selber verfolgen können, wenn ich ihm jetzt die Entstehungsgeschichte meiner Bücher und die Richtung meiner Lebenswege schildern werde, daß ich alle Kraft, alle Arbeit, Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefühl schöpfen konnte.

Aber man möge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der Rede des Pharisäers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und sagte: „Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohltätig gewesen.“

Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde, herauslesen, keinen Übermut und keine Überhebung über alle die, welche anders denken.

Es fällt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich ans Dunkel gewöhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom Dunkel zum Licht gewöhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung für die wärmste unter der Sonne.

Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaosbetrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine unheilbare Krankheit — denn alle diese Anschauungen habe ich aus dem Munde lebender Menschen gehört —, wer eine von diesen genannten Anschauungen vertritt, der möge doch wenigstens seinem heranwachsenden Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise Festlichkeit auslegen.

Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und Freundlichkeit unternimmt, daß er einen größeren Vorteil davon haben wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die früheren Kinder waren, weltverständiger und dadurch edler. Und weltverständige und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glück, Ehre und Vergnügen bereiten als eingeschüchterte, verheuchelte oder in Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschöpfe.

Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, daß sie Schöpfer und Geschöpfe zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und daß ihre augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist, sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.

Sagt ihnen dann weiter: „Wir erinnern uns nicht und könnten nicht antworten, wenn wir plötzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht und erlebt?“ — So ist es auch mit unserem früheren Leben. Wir kennen es äußerlichnicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben, die wir vor zwei Jahren verdaut haben.

Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben.Schon die Sekunde, während ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der äußeren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich wird, bis ihr ausgedacht habt.

Und wie die Sekunde, so ist auch unser eigenes Wesen, wirklich und unwirklich zugleich.Und wir sind immer in der Unwirklichkeit so gut zu Hause wie in der Wirklichkeit. Und mit uns sind das alle Dinge und alle Lebewesen.

Alle Leben gehören einer greifbaren und einer ungreifbaren Welt an, und deshalb ist kein Leben nur niedrig und keines nur hoch. Das niedrige Tier ist niedrig und hoch zugleich. Die niedrigste Pflanzengattung ist hoch und niedrig zugleich.

Der toteste Gegenstand ist hoch lebend und niedrig lebend zugleich, denn er ist unwirklich und wirklich zugleich. Der elendste Mensch ist hoch und niedrig zugleich, vergänglich und unvergänglich, wirklich und unwirklich.

Und sagt euren Kindern weiter: „Liebe Kinder, wenn ihr das begreift, daß alles Leben wirklich und unwirklich, hoch und niedrig, greifbar und ungreifbar, einer inneren und einer äußeren Welt angehörig zugleich ist, so müßt ihr nicht den Schluß ziehen, als wäre die Welt und das Leben ein kreisender Unsinn.

Seht, das Leben soll ein weises Spiel sein.“ Deshalb ist es wie jedes Spiel wirklich und unwirklich. Was die Puppe für das Mädchen und das Schaukelpferd für den Knaben, das ist das Leben den Erwachsenen: ein anregendes, aber zugleich auch ein verantwortungsvolles Spiel. Und wenn ihr spielt, eifrig, glücklich und lebensvoll, dann fühlt ihr euch festlich.

Das ganze Leben ist deshalb im Grunde ein feinsinniges mächtiges Fest, das wir alle zusammen seit ewigen Tagen begehen und ewig weiter festlich erleben wollen.Die verschiedenen Gestalten des Lebens, Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Gegenstände, Lichtstrahlen und Schatten, alle sind Millionen festlicher Kleider, in denen die Schöpferkraft, die in jedem Leben wohnt, zur Festfeier erscheint.

Alle kommen, um Freude und Leiden zu erleben und Freuden und Leiden erleben zu lassen. Das Freudeerleben und Leiderleben ist unser wechselndes Erleben bei diesem Feste.

Und in jeder Gestalt sind drei große Hauptfreuden zu erleben möglich, und alle drei Freuden gehören wie die Geschöpfe, wie die Schöpferkraft auch, zugleich der wirklichen und unwirklichen Welt an.

Die erste Freude, die dir in der Jugend begegnet, wenn du ins Leben trittst, das ist dieTätigkeit, körperliche und geistigeTätigkeit.

DieTätigkeitist kein Fluch, keine schwitzende Not, keine bloße Aufgabe, keine nackte Notwendigkeit.Tätigkeit, geistige und körperliche, ist die erste Freude, die dem aufwachsenden Leben zuteil wird; und diese Freude täglich zu vergrößern, wird jedem eine Lust sein.

Denn dieTätigkeitkann jedem wohltun wie Essen und Trinken, wie Atmen und Schlafen, wie Gehen und Liegen.Die Tätigkeit anderer betrachten und die Tätigkeit nachahmen, das ist das Lebensfest des Kindes.

Wenn ihr dann erwachsen werdet, wird euch eine zweite große Festfreude begegnen:die Liebe, wie Vater und Mutter sie zu einander hegen. Auch dieLiebegehört einer wirklichen und einer unwirklichen Welt an, so wie dieTätigkeiteiner geistigen und körperlichen Welt angehört.TätigkeitundLiebesind dann die beiden großen Freuden imLebensfest des Erwachsenen, im Lebensfest des Mannes und der Frau.

Und wenn das Alter kommt und mit ihm der Abschied vom Lebensfest, nicht der Abschied vom ewigen Fest, nur der Abschied von der Gestalt, von dem Kleid, das wir wechseln sollen, und das vertragen ist, dann kommt eine Verklärung über euch, ein Rückblick über das Sattgewordensein in diesem Kleid, das ihr tragt, ein Dankblick auf diese Gestalt, in der ihr tätig wart und geliebt habt, und es kommt ein leichter Ruhegenuß über euch.

Doch auch dieser ist wirklich und unwirklich zugleich. Und es kommt die dritte Freude, die letzte große Festfreude über euch: das ist die Freude an derWeisheit.Wissendundweisewerdet ihr über das Fest zurückschauen, ehe ihr eine Pause macht und die alte Gestalt ablegt und nach einem neuen Kleide greift und euch verjüngt.

Und auch dieWeisheitist wirklich und unwirklichzugleich, und darum werdet ihr nicht bei ihr verweilen. DieWeisheitist eine hohe Kraft, die wir weder als Kind noch in den mittleren Jahren im höchsten Grade besitzen konnten, die erst beim Lebensabschied errungen wird.Die Weisheit ist die Freude des satten Alters.—

Aber über eurem äußeren und eurem inneren Leben, die wirklich und unwirklich zugleich sind, istwirklich allein eureSchöpferkraft.Sie ist ewig und unendlich wirkend, sie war seit ewigen Tagen euer Eigentum. Sie führt euch durch die drei Festzeiten jedes Lebens. Sie erschafft euch Lebensgestalt um Lebensgestalt. Sie erschuf und vernichtet eure Gestalt und alle Gestalten um euch. Sie macht euch zum Geschöpf und Schöpfer. Sie kann euch nie genommen werden. Sie ist euer unendlicher Besitz und läßt euch ein unendliches Fest feiern, ohne Müdigkeit, ohne Eintönigkeit, ein unendliches Schöpferfest.—

Und seht noch einmal um euch! Alles, was ihr um euch empfindet, das seid ihr selbst. Nicht bloß euer Kleid schuft ihr euch, eure Schöpferkraft durchströmt alles und alle Leben, alle lebenden und toten Dinge um euch. Nie seid ihr allein, nie einsam. Nie sollt ihr ängstlich sein.

Was immer ihr empfindet, ist euer festlicher Besitz.Ihr braucht nicht danach zu greifen. So wie ihr es empfindet, ist es euer Besitz. Eure Schöpferkraft umschließt es, auch wenn ihr es nicht in den Taschen und in den Händen haltet.

Denn eure jeweilige Gestalt ist auch mitallen Leben verkettet.Wie euer Leib einen Kopf besitzt und ein Herz, und wie der Kopf eine Stirn besitzt, und wie das Herz im Besitz von Herzkammern ist, so ist euere Gestalt eingegliedert als Teil, als Geschöpf in die Welt. Und euere Gestalt ist Besitz der Welt, wie die Welt Besitz eurer Schöpferkraft ist. Das heißt:Ihr seid der Besitz aller, und ihr besitzt alle, — ihr seid Geschöpf und Schöpfer zugleich.

Nun habe ich die Weltanschauung, die sich von 1890 bis 1913 in mir ganz langsam ausbaute, mit diesen Zeilen dem Leser erklärt. Bewußt und unbewußt wuchsen die Gedanken in all diesen Jahren in mir auf. Jetzt, in meinem sechsundvierzigsten Jahr, da das Leben sich bald dem Abstieg zuneigt, wollte ich dieses Gedankengut, wie es heute in mir lebt, vor mir feststellen.

Seit jenem Abendspaziergang mit meinem Freund, dem jungen Philosophen, der mir im Frühling 1890 bei untergehender Sonne, am Main entlang, jene mir so wichtige Aussprache gab, habe ich diese Weltanschauung zuerst wie einen Keim wachsen gefühlt, und jetzt überragt sie mich wie eine Weltenesche, und ich sitze unter schützenden Gedanken, gelehnt an den festen Stamm meines gefestigten Schöpfungsbaumes und fühle mich im innersten Leben wohl und zufrieden, ruhig und reich.

Aber erst war ich nicht gleich zufrieden, als ichnoch die Reste der Spinnweben, der alten unfruchtbaren Weltanschauung, in meinen Taschen und vor Augen hatte, und ich will erzählen, wie es mir da erging.

Auf jenem Abendspaziergang, im Frühling 1890, gab mir mein Freund mit den neuen Weltgedanken sozusagen das erste Goldstück meines heutigen Reichseins, und es hatte die Eigenschaft, daß es sich durch fast dreiundzwanzig Jahre ganz von selbst in meiner Tasche vermehrte.

Als ich in den ersten Wochen damals die Entdeckung machte, daß sich das Goldstück von selbst, ohne daß ich damit wucherte, zu vermehren begann, und ich merkte, daß das Gold, wenn ich in meine Tasche griff, meine Hand mehr und mehr anfüllte, da kam die lächerliche Gier über mich, das Reichwerden beschleunigen zu wollen. Und mit Jugendhast und Jugendfrevel verlockte ich meinen Freund, der bisher ruhig war und dem selbstverständlichen Wachsen des geistigen Goldes mit Selbstverständlichkeit zusah, meine Gier zu teilen und die Macht, die wir mit dem neuen Weltgedanken in uns trugen, zu versuchen und zu stürmischer Bereicherung anzufeuern.

Und das geschah an jenem Augustnachmittag, dessen Schilderung ich nun dem Leser so lange schuldig bin, daß er längst das Recht hat, sie ungeduldig von mir zu fordern.

Mein Vater wohnte im Sommer 1890 einige Wochen zu seiner Erholung auf jenem Gutshof am Nikolausberg. Es ist dies derselbe Hof, wo ich nach jenem Sturz verweilte und im Gartenzimmer einenAugenblick, an dem Weihnachtsbaum vorbei auf die Gartenterrasse schauend, mächtig an törichte Wunderversuche erinnert wurde, die ich damals mit meinem Freunde im Angesicht der Stadt Würzburg durchlebte.

Ich stand an jenem Augustnachmittag im Jahre 1890 an der Terrassenecke, halb auf der Mauerbrüstung sitzend und an die Fahnenstange angelehnt, die dort in der Ecke im Boden eingerammt ist. Ich war an diesem Samstagnachmittag auf jenes Gut gekommen, um meinen Vater zu besuchen, und sollte über den Sonntag bleiben.

Zwei Wege führen von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum Spätnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, während ich mich im Landschaftszeichnen üben würde.

Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spät in der Nachmittagsstunde drückend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Täler und die Stadt im Tal lagen noch breit im glühenden Nachmittagsonnenschein.

Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, über den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte sich hier leicht Herr der ganzen Welt fühlen.

Ich wurde endlich ungeduldig, weil ich zumLandschaftszeichnen von der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: „Ich finde, wir nützen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wäre es nicht einfacher, wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prüfen, — ich meine von ihnen besonders den Gedanken, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind und keinen einzelnen Schöpfer über uns haben, — wäre es nicht möglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, daß wir uns dann auch im alltäglichen Leben als Schöpfer gebärden müßten, so daß man alle diese Wunder spielend vollbringen könnte, welche zum Beispiel Christus vollbracht haben soll?“

So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schöpfer nicht im weitesten und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, daß ein weiser Schöpfer seine Schöpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht willkürlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe an seinen Werken tätig war.

Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat, einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schöpfungskraft geben zu wollen, indem er ganz unnütze und unnötige Änderungen an dem vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkür walten läßt und plötzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen hat, Ohr undNase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um sich zu beweisen, daß er tun kann, was er will, weil er Schöpfer ist. So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.

So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund ausführen sollte als sichtbare Beweise für die neue Weltanschauung, weil diese sagt, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind.

„Daß ich Geschöpf bin, habe ich immer gewußt. Nun will ich auch an mir erfahren, daß ich Schöpfer bin,“ so hatte ich zu ihm gesprochen. „Wenn du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschöpf, und der Schöpfer lebt dann doch über dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder beweise dir selbst deine Ohnmacht.“

Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas ganz Unfaßbares — das sah ich ihm an —, daß ich mich nicht reich genug fühlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die allmählich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem ich im Innersten zustrebte, schöpferisch wirken sollten.

„Du wirst das Schöpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an Lebensverständnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts zu tun. Wunder sind billige Verblüffungen für das gedankenlose Volk und nicht nötig für den Denker.“

„Gut,“ sagte ich ungeduldig, „dann rechne ich mich zum gedankenlosen Volk. Denn, was heißt unumschränkte Schöpferkraft anderes, als daß du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist übers Wasser gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen seiner Jünger, so sagt man. Und er tat dies, um sie gläubig für seine Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.

Du willst, daß ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schöpfer beiseite legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schöpfungskraft erklären soll. Beweise mir dieses, daß wir Mitschöpfer sind, durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder laß die Wolken, die da weiterziehen, plötzlich stillstehen. Tue irgend etwas Außergewöhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung zweifeln und will ihr erster Jünger und erster Verkünder werden.“

Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekränkt, halb beleidigt und zuletzt ärgerlich. Dann aber änderte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig spöttisch und klug.

„Darauf war ich wirklich nicht gefaßt,“ meinte er immer noch lachend, „daß du darauf verfallen könntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir noch nie überlegt, ob Wunder nötig sind, um die neue Weltanschauung, die dieMündigsprechung der Menschheitumfaßt, zu beweisen. Laß mich überlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen.“

Und er schnitt kurz das Gespräch ab und sprach von etwas anderem, als wenn er meine Frage vergessen wollte.

Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, daß ich es lächerlich fände, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schöpfer zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher geleistet hat.

„Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung eingedrungen,“ antwortete er mir kurz. „Die schöpferischen Leistungen werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der Weltvertiefung.

Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden müssen, einen neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und größere Verinnerlichung aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt stellten, daß nur der Mensch ein gottähnliches Geschöpf sei, Tiere aber unvernünftige Wesen wären und nicht gottähnliche Geschöpfe, und daß Pflanzen und Steine und alle Gegenstände und Wolken und Licht für den Menschen tote Dinge bedeuten.

Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von derMenschenseele sprach, aber die dieSchöpfungrundum alsseelenlosbehandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst du jetzt als Dichter in deinen Gedichten dieKameradschaft aller Lebewesengegenüberstellen.

Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklärt habe, ist alles von Schöpferkraft durchdrungen, alles aus äußerem und innerem Leben entstanden, und alles lebt ein äußeres und ein inneres Leben, das heißt,alles ist Geschöpf und Schöpfer zugleich und lebt so seit Unendlichkeit und in Unendlichkeit.

Dieser Friedensspruch, den die Versöhnung aller Leben mit sich bringt, die Gleichstellung aller Kräfte, die Aufstellung, daß jedes Ding dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht ausgesprochen und nicht bewußt erlebt wurde, diese Weltanschauung wird gegen die frühere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.

Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den alten unfreien Gedanken.

Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklärt dir nur, wer du bist. Sie erklärt, daß du Schöpfer und Geschöpf bist, das heißt, daß du von dir abhängig bist, von dir und deiner Schöpfung. Sie sagt dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heißt,du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus Gesetzen entsteht eine Schöpfung. Und als Geschöpf bist du abhängig von dir selbst als Schöpfer, und es ist selbstverständlich, daß du als Schöpfer deine Schöpfung liebst, wie du dich selbst liebst.Ohne Drohung, ohne daß ein ‚du sollst‘ und du ‚mußt‘ einer fremden Macht über dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennstdich als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natürlichen Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen natürlichen Ansprüchen am Lebensfest.

Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein künftiges Leben nach dem Tode.Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil in jedem Augenblick zu.Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklärt dir:du warst, du bist und wirst sein Mitgenießer und Mitschöpfer.

Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schöpferkraft, hast dich, Geschöpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schöpfung. Und müssen dich, Geschöpf, Sorgen bedrängen oder Leiden oder Strafen, weil du die Schöpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann erlöst du dich als Schöpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst, indem du dich, Geschöpf, verschwinden läßt und dich in einer andern Gestalt aufleben läßt. Von tätiger Freude zu tätiger Freude wanderst du. Dein Wesen ist die unerschöpfliche Schöpferlust und Schöpferkraft, dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heißt:Tätigkeit, Liebe und Weisheit in Unendlichkeit.“

So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge Philosoph, heftig auf mich ein. Ich ließ ihn reden und hörte nur verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und ich war ein Tor, dessen Schatten erst über dieSchwelle der Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch draußen vor der Erkenntnisschwelle.

In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort Schöpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag, äußerlich vor mir aufleben lassen.

Und ich sagte plump zu meinem Freund: „Du verschanzt dich hinter vielen Worten, weil du ohnmächtig bist. Du redest von dem Wort Schöpfer und bist nichts als ein ohnmächtiges Geschöpf. Ich glaube dir nicht mehr. Es kann manches gut an deinen Erklärungen sein, aber seit Wochen hast du mich jetzt totmüde gemacht mit deinen immerwährenden Wiederholungen von Schöpfer, Geschöpf und Schöpferkraft.

Ich will und muß von der Kraft etwas erleben. Von deiner inneren Kraft bin ich überzeugt. Zeige mir jetzt auch äußere Kraft.“ Und ich fügte noch, ihn reizen wollend, hinzu: „Der neue Freund, den du mir neulich vorgestellt hast, der Schweigende, er sagte auch, solange du dich nicht als Schöpfer beweisen kannst, bleibst du ein weltabhängiges Geschöpf.“

Im selben Augenblick fuhr es mir durch den Kopf: Hat sich denn der junge Philosoph nicht längst als Schöpfer bewiesen, indem er die „Weltauffassung von morgen“ ausdachte; so nannte ich die neue Weltauffassung jetzt.

Aber ich übersprang diesen Gedanken rasch, immer auf die Wunder begierig, die mein Freund als Beweis seiner Macht vollbringen sollte.

„Du willst mich vielleicht gar nicht mehr als Freund anerkennen wollen,“ sagte er scherzend, als er sich verabschiedete, „wenn ich dir nicht ein Wunder zeige.“

„Nein,“ entgegnete ich, „ich werde mich für irregeführt halten, wenn du kein Wunder vollbringen kannst.“

Da sah er mich rasch an, und es war mir, als hätte ich ihn aufs Äußerste gereizt.

„Also,“ sagte er plötzlich unvermittelt, „ich werde es mir nochmals überlegen. Vielleicht kann ich, wenn ich nächstens wiederkomme, doch einige Wunder vollbringen.“

Diese Entscheidung setzte ihn wieder in meine Achtung ein. Wir trennten uns mit einem kurzen Kopfnicken.

Nach dieser Aussprache waren einige Tage vergangen.

Nun saß ich auf der Terrassenecke und wartete. Beinahe bereute ich schon, daß ich den an äußerer Ruhe, Geduld und Weisheit mir so überlegenen Freund mit den heftigen Wünschen nach Wundern in die Enge getrieben hatte. Denn es waren bereits zwei Tage vergangen, oder war es eine ganze Woche — ich erinnere mich heute nicht mehr so genau, — seit er sich nicht mehr hatte sehen lassen. Er war öfters am Spätnachmittag auf das Gut gekommen, wo ich meinen Vater täglich besuchte und hatte mir beim Zeichnen zugesehen und geplaudert oder mit meinem Vater Schach gespielt.

Mit Spannung sah ich über die Äcker hinunter,ob ich nicht seinen Kopf bei der Buchenhecke am oberen Weg oder unter den Obstbäumen am unteren Weg auftauchen sehen würde. Der andere Freund, der Schweigende, hatte mir erzählt, daß er ihn lange nicht mehr in den Kollegs gesehen hatte, und hatte mich an diesem Morgen gefragt, ob der Philosoph krank sei. Diese Anfrage war am Telephon geschehen, und der Schweigende hatte gesagt, er wollte heute gegen Abend kommen und mir Nachricht über unseren Freund bringen.

Da hörte ich unterhalb der Terrasse den Kies des Weges knirschen, und als ich mich über die Mauerbrüstung bog, sah ich, bereits dicht am Gut angekommen, den jungen Philosophen. Aber sofort erkannte ich auch, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Sein Gang war fahrig, sein Gesichtsausdruck war, als er mir jetzt zunickte, lebhafter als sonst. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand, mit dem er sich unausgesetzt die Handflächen rieb.

Ein leichtes Gefühl von Schuld verdunkelte meine Gedanken. Ein Gefühl von Bedauern und Ratlosigkeit begann mich zu quälen, denn ich hatte blitzschnell begriffen, daß der Wunsch, Wunder zu wirken, in meinem Freund jetzt stärker Fuß gefaßt hatte als in mir vorher; das sah ich seiner Veränderung an.

Ich sagte mir dann rasch, daß ich alles wieder rückgängig machen müsse. Es war, als hätte ich den klugen Freund mit der Wunderforderung kindisch gemacht. Und ich wollte ihm sogleich Abbitte tun und gern auf alle Wunder verzichten, damit er seineruhige gelassene Haltung bei blindem Vertrauen in seine Weltanschauung zurückgewänne.

Ich sah auf einmal ein, daß er recht hatte, wenn er behauptete, daß seine Weltanschauung genug innere Wunder wirken würde, und daß man nicht äußerliche Verblüffungswunder von ihr verlangen sollte.

Unheimlich war mir das Taschentuch, mit dem er sich immer die Handflächen rieb, während er den letzten Rest der Wegstrecke am Bergabhang heraufstieg. Dann kam er herein in den Garten. Ich hatte ihm entgegengehen wollen, war aber an der Terrassenecke sitzen geblieben, um ihn beobachten zu können, und ich wurde mehr und mehr erschüttert.

Er nahm sein Augenglas ab und putzte die Gläser mit dem Taschentuch, und ich sah, daß seine Augen fieberten.

Er kam näher; er zwang sich zu lächeln, als wir uns begrüßten, aber sein Blick war nicht mehr ruhig und nicht in sich gekehrt wie sonst, nicht gefestigt und unerschütterlich. Seine Augen flackerten, als wären sie von einem Fieber entzündet.

Wir standen eine Weile nebeneinander, und jeder von uns überlegte, so schien es mir, um eine Gesprächseinleitung zu finden. Aber das Taschentuch blieb dabei nicht still in den Händen des jungen Philosophen. Es glitt von seiner einen Hand in die andere, und wenn er nicht seine Augengläser putzte, so rieb er sich die Handflächen. Und dabei konnte er nicht ruhig auf beiden Füßen stehen. Er stand bald auf dem linken, bald auf dem rechten Fuß, und ich fühlte mich immer schuldbewußter werden.

Plötzlich meckerte er ein Lachen, schielte mich ein wenig von der Seite an und sagte: „Nun, welches Wunder verlangst du zuerst von mir?“

Da wurde ich wie erlöst, weil ich glaubte, er scherze, und ich sagte rasch: „Ich bitte dich, vergiß diesen Unsinn von mir. Ich verlange gar keine Wunder. Ich verlange nur, daß du derselbe Mensch wieder bist, der du früher warst.“ Und ich sah voll Angst das Taschentuch an, das da immer noch von seiner linken Hand in seine rechte wanderte und von der rechten in die linke Hand zurück.

„Du wunderst dich,“ sagte er und fing meinen Blick auf, „daß ich so unruhig bin. Aber ich habe in mir seit drei Tagen künstlich ein Fieber gesteigert. Ich habe Unmassen Tee und Kaffee getrunken und Zigarren und Zigaretten geraucht, um mich aufzurütteln.“

Während er dies sagte, befühlte er seinen Puls und stellte befriedigt fest, daß das Fieber immer noch stieg. Und er hielt mir seine rechte Hand hin, damit ich auch seinen Puls fühlen sollte. Das wollte ich aber gar nicht tun. Mein Herz klagte plötzlich, als läge es irgendwo wie ein verwundetes Wild im Dickicht. Dieser Mensch, sagte ich mir, zerstört sich, um seine Weltanschauung zu beweisen, die längst bewiesen ist. Denn sie ist dadurch bewiesen, daß sie den festlich stimmt, der sie ernst überlegt.

Ich wußte mir nicht mehr zu helfen. Er meckerte wieder ein unnatürliches Gelächter. Vielleicht ist er schon ganz von Sinnen, rief es in mir eilig und ratlos.

„Du willst ja Wunder haben, und das geht nicht nur so ohne Vorbereitung, wenn man sich mit der Sache noch nicht befaßt hat. Darum habe ich mich jetzt in diesen Tagen vorbereitet,“ fuhr er fort. „Laß uns mal eine Probe machen.

Ich will mal versuchen, ob ich vor deinen Augen fortschweben kann über die Stadt, über das ganze Maintal, hinüber auf die Berge da drüben.“ Und er deutete auf den sogenannten „Kugelfang“ hin, auf die Höhenfläche, die im Osten das Maintal abgrenzt und die Stadt Würzburg, die mit Türmen und Dächern reich im Tal ausgebreitet liegt. „Du mußt aber fest an die Möglichkeit glauben und keinen Augenblick an mir zweifeln,“ fügte er hinzu.

Ich wollte abwehren. Er sah es mir an, daß ich nicht mittun wollte, und rief aus: „Nun, das ist noch schöner! Jetzt, wo ich mich vorbereitet habe, willst du gar keine Wunder haben. Aber jetzt gibt es keinen Rückweg. Jetzt willichdie Wunder haben,“ behauptete er. „Willst du nun daran glauben oder nicht, daß ich das Wunder fertig bringe?“

Ich verstand, daß er sich fest vorgenommen hatte, mich zu überzeugen, und daß ich ihn nicht abbringen würde von seinem Vorsatz, Wunder wirken zu wollen.

„Ach,“ sagte ich, „ich glaube dir alles. An meinem Glauben soll es nicht fehlen. Sage mir aber nur, warum du fortwährend deine Handflächen mit dem Taschentuch reibst?“

„Das will ich dir gleich erklären. Das tue ich, um die Elektrizitätskraft, die ich in meinen Fingerspitzen und in meinen Handflächen sich ansammelnfühle, an die Hautoberfläche zu bringen, um vielleicht so die elektromagnetische Stromverbindung mit der Ferne herzustellen, mit jenem Berge da drüben, zu dem ich mich jetzt durch die Luft bewegen will.“

Da mußte ich ihm antworten: „Ich habe mir das Wunder eigentlich ganz anders vorgestellt. Ich habe nicht geglaubt, daß du dich in einen Fieberzustand versetzen müßtest. Auch nicht, daß du dich vermittelst Elektrizitätskräften und Magnetismus auf den Berg über das Tal hinweg versetzen willst. Sondern ich dachte, daß dein einfacher Wunsch allein im gesunden alltäglichen Körper das Wunder vollbringen würde, das du deiner Schöpferkraft zu tun befiehlst.“

Da meckerte er wieder und schielte mich von der Seite an mit einem irren Blick, aus dem ich nicht klug wurde, ob mein Freund ernst war oder ob er scherzte.

„Du bist aber anspruchsvoll,“ höhnte er ein wenig. „Ich habe noch nie Wunder vollbracht und kann natürlich nicht sofort mit dem Wunsch allein arbeiten. Vielleicht, wenn ich einmal Übung habe, wird das möglich sein. Jetzt aber kann ich noch nicht ohne Vorbereitung eine Wirkung versprechen. — Nun wollen wir eine Gedankenkette herstellen,“ fuhr er fort. „Sieh da, der Stein an der Terrassenbrüstung ist noch warm von der Sonne, die ihn vorhin beschienen hat.

Lege deine beiden Hände flach auf den warmen Stein. Ich werde dasselbe tun. Dann benützen wir die Erdkräfte. Aber du mußt stark mit mir wünschen,denn ich glaube, daß dein Wunsch nach Wundern, weil er zuerst entstand, der kräftigere ist. Ich glaube, daß dein Wunsch mich eher hinüberheben wird auf den Berg als der meinige.“

Wir taten, wie er gesagt hatte. Aber natürlich rührte sich sein Körper nicht von der Stelle, und ich war auch ganz froh darüber, denn es war alles schon so unheimlich, daß, wenn auch noch ein Wunder sich ereignet hätte, wir wahrscheinlich alle beide unseren Verstand verloren hätten.

Nachdem wir eine Weile über das Tal hinüber auf den Berg gestarrt hatten, brach ich zuerst das Schweigen, da ich sah, wie seine Hände zitterten. „Laß es doch gut sein,“ sagte ich. „Ich glaube jetzt, daß es keine Wunder gibt. Streng dich nicht weiter an.“

Da wurde er aber böse, fuhr mich heftig an und rief geärgert: „Eben habe ich mich fortbewegen wollen! Ich fühlte schon meine Hände zittern, ich fühlte schon, daß ich in die Luft aufsteigen würde. Wenn du aber ungeduldig bist und keinen Glauben in mich hast, dann allerdings sind keine Wunder möglich.“

Mir wurde immer banger um seinen Zustand, denn er begann wieder dieselben heftigen Bewegungen mit seinem Taschentuch. Da sagte ich zu ihm: „Ich will jetzt auf den Berg gehen und zeichnen. Wir können ja ein andermal einen neuen Versuch machen. Für heute finde ich es genug.“

Das Seltsame war geschehen, wir hatten unsere Naturen vertauscht. Ich hatte seine äußere Ruheangenommen, und er trug meine Wunderbegierde zur Schau. Ich sprach fast wie ein Philosoph und er wie ein junger Dichtersmann, der Märchen in der Welt erleben möchte und Wunderbarkeiten, weil ihn die Dichtersehnsucht mehr zum Unwirklichen als zum Wirklichen lockt.

Ich nahm meine Zeichenmappe und den Bleistiftkasten, der auf der Terrassenbrüstung neben mir gelegen, an mich, setzte meinen Strohhut auf und ging langsam voraus. Ich fühlte, daß ich meinen Freund auf andere Gedanken bringen mußte, damit der Fieberzustand ihn verlassen könne.

Er folgte mir zögernd und immer das unheimliche Taschentuch zwischen den Fingern zerknitternd.

Und als ich ihm sagte, er solle seinen Hut nicht vergessen, erklärte er mir, er habe gar keinen Hut mitgebracht, damit die Elektrizität aus seinen Haaren ungehindert ausströmen könne.

Allmählich fing ich an, fast Verachtung für seinen Zustand zu empfinden. Dieser Wunderwahnwitz, der ihn ergriffen hatte, grenzte ans Lächerliche. Diese Wundersucht hatte es fertig gebracht, den jungen, sonst so gern unauffällig und schlicht daherkommenden Mann ganz zu verwandeln. Er war ohne Hut durch die Stadt aufs Land gewandert!

Eine Viertelstunde später saß ich unterhalb der Steinbrüche, die höher hinauf hinter dem Gutshof liegen, am Rande eines Akazienwäldchens, und ich zeichnete und plauderte von harmlosen Dingen, während mein Freund hinter meinem Rücken unstet umherging und kleine Steine aneinander und aufeinanderklopfte. Das Gewitter, das am westlichen Himmel stand, grollte dort hinter einem Wald, immer näher herankommend.

„Hörst du,“ sagte der Unruhige, „das ist meine Elektrizität, die das Gewitter jetzt anziehen wird. Du wirst sehen, es wird sogleich über unsere Köpfe ziehen. Ich fühle, wie ich mit Elektrizität geladen bin.“

Ich ließ ihn reden, zeichnete ein wenig und sah mich dann erst nach dem Gewitter um. Aber als ich meinen Freund anblickte, erschrak ich. Er hatte sich die Stirnecken so heftig mit dem Taschentuch gerieben, daß seine sonst weiße Stirn zwei feuerrote Male zeigte. Er schien einen neuen Einfall bekommen zu haben und winkte mir.

Er hielt seine Krawattennadel in der Hand. Diese Nadel war ein Geschenk seiner Mutter. Es waren in Silber gefaßte Rheinkiesel daran, die stellten eine Rose dar. „Ich werde diese Rheinkiesel jetzt in Diamanten verwandeln,“ sagte er mit etwas geduckter Stimme, kicherte geheimnisvoll und setzte sich auf einen Feldstein.

Das Gewitter grollte jetzt dumpfer und näher. Der Himmel hatte sich verdunkelt, aber die Wolken waren noch nicht über uns angekommen.

„Ich fürchte für meinen Strohhut,“ sagte ich nachlässig, um abzulenken, und blickte zum Himmel.

Er meckerte wieder das mir so unangenehme Lachen, das er heute zum erstenmal mitgebracht hatte, und rief: „Jetzt ist der Augenblick da, wo ich dir beweisen will, daß ich ein Wunder wirken kann. Das Gewitter dort und die Elektrizität in mir treffenso günstig zusammen wie vielleicht niemals wieder. Wünsche nun mit mir, daß diese Glaskiesel sich in Diamanten verwandeln sollen.“

Ich sah ein, es war ihm nicht zu widersprechen. Ich gab ihm achselzuckend nach und wünschte, daß die Rheinkiesel, die er unausgesetzt mit seinem Taschentuch rieb, sich in Diamanten verwandeln möchten. „Du wirst sehen,“ sagte er eifrig, „dieses Mal wird ein Wunder geschehen.“

Ich wollte es gerne glauben. Da setzte er noch hinzu: „Du sollst dich nicht vor dem Gewitter fürchten. Ich habe die Macht, es abzulenken. Ich werde es nach der anderen Seite des Berges schicken.“

Im gleichen Augenblick blendete uns ein greller Blitz, den ich in den Augen meines Freundes sich widerspiegeln sah, und zugleich schien die Erde, wie lebendig geworden, sich zu schütteln und zu brüllen. Die Steine zitterten, und in den Büschen hinter uns sprang ein heulender Wind auf. Die dünnen Bäume des jungen Akazienwäldchens legten sich schräg und begannen alle laut zu pfeifen.

Mein Freund blieb bleich sitzen; er sah aus, als beleuchte der Blitz ihn noch immer. Und ich sprang fort und rief: „Wir werden hier erschlagen. Schnell fort!“

„Wie schade,“ rief er mir nach, „daß du dich so fürchtest! Das ist ja gar kein Gewitter. Das ist meine Schöpferkraft! Bleibe! Ich werde dir dann die Krawattennadel gleich verwandelt zeigen.“

Ich lief aber schon fort, während er das sagte. Und ich tat, als wären mir meine Zeichenmappe undauch mein neuer Strohhut im Augenblick wichtiger als die zweifelhafte Verwandlung der Krawattennadel. Denn es begann eben mit talergroßen Tropfen zu regnen.

Mit großen Sätzen sprang ich bergab dem Gutshof zu. Ich hatte mich nur einmal umgesehen und zufrieden bemerkt, daß mein Freund, immer das Taschentuch durch die Luft schwingend, mir eiligst folgte.

Im Gutshof unter der Haustüre erwartete ich ihn. Er kam aber nicht eilig, sondern kam gemächlich unter den großen Regentropfen dahergewandert und behauptete, er habe mit seinem Taschentuch den Regen von sich abgehalten. Und trotzdem ihm das Regenwasser von beiden Schultern lief, meinte er, er wäre gar nicht naß geworden.

Jetzt begann ich mich über all die Torheit laut zu ärgern, und ich hielt ihm seine Selbsttäuschung vor. Er aber sagte, er habe Herrlicheres erlebt, als ich mir vorstellen könne. Er sei jetzt ganz frei von der Elektrizität, die in ihm aufgespeichert gewesen, denn den Donnerschlag und den Blitz, die hätte er mit seinen Kräften hervorgebracht. Das Gewitter wäre nur Schein und Einbildung von mir gewesen.

„Jawohl,“ sagte ich, „und dein Rock, der jetzt auf den Schultern ganz naß ist, und der Regen, der dich bis auf die Haut durchnäßt hat, nennst du das auch Einbildung?“

„Das ist nur in deinen Augen so,“ entgegnete er mir. „Ich sehe keinen Regen an mir. Ich bin ganz trocken. Und dich hätte auch kein Regen eingeholt,wenn du mir vertraut hättest und nicht vorausgelaufen wärest. Denn ich ging trocken im Regen nach Hause, weil es mein Wille war, daß der Regen mich nicht berühren sollte.“

„Und die Krawattennadel ist vielleicht jetzt ein Diamant geworden,“ höhnte ich ein wenig.

„Du bist immer so ungeduldig,“ klagte er. „Wärest du nicht fortgelaufen, wäre der Kiesel längst ein Diamant. Der Stein hat sich aber wieder zurückverwandelt, weil du das Gewitter mit deiner Furcht unterbrochen hast.“

Ich wollte: „Unsinn“ sagen, schwieg jedoch und sagte, ich wollte ihm einen Regenschirm holen, damit er auf dem Heimweg nicht naß würde. Er behauptete fortgesetzt, er würde nicht naß, er würde den Schirm nicht aufspannen.

„Denn wenn man von der Weltanschauungkeinen Nutzenhaben soll,“ lachte er, „dann ist ja die ganze Sache langweilig.“

Ich war erschüttert über den ihn erniedrigenden Ausspruch, den er da tat, und ich hätte aufweinen mögen. Seine Rede schnitt mir ins Herz. Er sprach von Nutzen und Vorteil. Während er früher nichts als die Erhabenheit seiner Gedanken erleben wollte, wollte er die Gedankenkraft jetzt in Diamanten und in irdischen Nutzen umsetzen. Aber Schuld daran, das leugnete ich keinen Augenblick vor mir selbst, war ich.

Als ich im Hause in meinem Zimmer den Regenschirm holte, erschien mein Freund plötzlich unter der Tür, und rief aus: „Ah, du hast einen eisernen Ofenim Zimmer! Ich habe zu Hause leider nur einen Kachelofen. Und wenn ich gestern einen eisernen Ofen im Zimmer gehabt hätte, hätte ich mein Waschwasser in kölnisches Wasser verwandeln können.“

Ich wurde ganz traurig und ich ließ ihn reden. Er aber stellte einen Stuhl an den Ofen und bat mich, auf den Stuhl zu steigen. Ich sollte mit der einen Hand den Ofen berühren. Meiner anderen Hand reichte er den Zipfel seines Taschentuches hin.

Er behauptete, das Taschentuch sei jetzt mit seiner Elektrizität ganz gesättigt. Er hatte vorher Wasser in die Waschschüssel gegossen und hielt nun mit der rechten Hand das andere Ende des Taschentuches. Seine linke Hand aber tauchte er in das Waschbecken.

„Nun ist der Strom hergestellt,“ triumphierte er. „Soll ich nun das Wasser in Rosenwasser oder in kölnisches Wasser verwandeln?“

Ich mußte beinahe auflachen. Aber er bat mich inständig, meine Gedanken zusammenzufassen, und wir entschieden uns, das Waschwasser in Rosenwasser zu verwandeln.

Plötzlich rief er: „Ach, ich habe ganz vergessen; du bist nicht isoliert genug. Ziehe deine Stiefel aus!“

Dagegen sträubte ich mich, und er ließ es dabei bewenden, daß ich die Stiefel anbehalten durfte.

Unser Anblick wäre für einen plötzlich Eintretenden äußerst komisch gewesen. Feierlich schweigend bildeten wir die Stromkette vom Ofen bis zum Waschtisch, und als Verbindungsglied zwischen mir und meinem Freund schwebte das weiße Taschentuch.

Nach einer kleinen Weile sagte er: „Jetzt ist es genug. Jetzt muß die Verwandlung fertig sein.“ Und er nahm von meinem Schreibtisch ein Stück Fließpapier, tauchte es vorsichtig in das Wasser, roch dann an dem durchtränkten Papier und behauptete, daß es einen schwachen Rosengeruch habe.

„Ja,“ stimmte ich bei, „es riecht nach Rosen im Zimmer.“ Das war auch wahr, denn die Sonne war eben untergegangen, und durch das offene Zimmerfenster strömte der feine Atem der Rosenbüsche aus dem tiefgelegenen Garten herauf. Ich wollte meinen Freund aber nicht daran erinnern, daß dieser Rosenduft jeden Abend nach Sonnenuntergang ins Zimmer kam, denn ich war müde von der Narretei.

Er sagte dann ganz ernst: „Der Duft des Wassers wird wahrscheinlich nicht lange anhalten, denn es ist dies heute das dritte Wunder, an das ich meine Kräfte verschwendet habe, und die Elektrizität war nicht mehr stark genug in mir, um das Wasser bleibend in Rosenwasser verwandeln zu können. Schade, daß ich das Gewitter hinter den Berg geschickt habe. Wenn es über das Haus gezogen wäre, hätten wir seine Kraft mit zur Bereitung des Rosenwassers verwenden können.“

Ich sah hinaus. Der Himmel war klar, das Gewitter war verschwunden, und der Abend breitete sich friedlich über Felder und Gärten aus.

Sichtlich stolz auf seine Leistungen, steckte jetzt endlich mein Freund das Taschentuch in seine Brusttasche, und ich begleitete ihn zur Stadt den Berg hinunter. Ich wollte ihn in dem unklaren Zustand,in dem er war, wenigstens bis zum Stadttor folgen. Ich fürchtete, er würde unterwegs vielleicht im Felde sitzen bleiben und irgendein neues Wunder ausdenken.

Vor dem Burkardustor war damals ein großer Zimmerplatz am Mainufer. Dort lagen lange Baumstämme und Balken, zu Haufen geschichtet, auf dem Rasen. Als wir an dem Platz vorüberkamen, stand der Mond mit schwach leuchtendem Halbrund am Himmel. Es war dämmrig geworden, und das Mondlicht begann auf den glatten Stämmen des Zimmerplatzes zu glänzen.

Ich wollte mich jetzt von meinem Freund verabschieden. Da deutete er nach dem Mond und sagte: „Warte einen Augenblick! Ich will doch noch versuchen, dir noch ein ganz einfaches Wunder zu zeigen.“

Ich wollte nicht hinhören und sagte: „Mein Vater wartet mit dem Abendbrot auf mich. Ich muß eilen, um auf den Berg zurückzukommen.“

Mein Freund aber war schon auf einen Balkenhaufen geklettert. Schleunigst zog er, oben sitzend, seine Stiefel aus und stand nun da, aufgerichtet auf den Zehenspitzen, die Arme hoch zum Mond gehoben, während ich an dem Bach — der damals noch nicht überbrückt war — an einem Maulbeerbaum lehnte und dem Wundersüchtigen von weitem zusah und nun wirklich von Herzen wünschte, es möge ihm gelingen, vor mir in den Mond zu steigen, damit wir nicht mehr von den Wundern weitersprechen müßten.

Es wurde dämmeriger. Wolken schoben sich vor den Mond, und einen Augenblick schien es wirklich,als wäre mein Freund im Dunkel verschwunden. Da wurde mir bang, und ich rief mehrmals seinen Namen.

Er war aber nur hinter die aufgestapelten Balken gestiegen und hatte dort seine Stiefel wieder angezogen. Nun kam er zurück und bewegte wieder lebhaft das Taschentuch in seiner Hand. Und er sagte: „Es wird mir gelingen, ich weiß es ganz gewiß. Jetzt ist es Halbmond, aber wenn es Vollmond ist, wird der Mond kräftig genug sein, mich zu sich zu ziehen.“

Dann nahm er ganz vergnügt Abschied, und wir trennten uns. Nachher auf dem Heimweg hinauf zum Gut in der Stille des dunkelnden Heckenwegs atmete ich auf, als wäre ich einem Zauberer entronnen.

War die Welt nicht wundervoll, wie sie da im Sommerabend nach dem Gewitter in der gereinigten Luft vor mir lag auch ohne Wunder? War es nicht wundervoll, als Mensch zu wandern und sich Mensch und sich nur als Mensch zu fühlen? Warum sollte man fliegen oder Verwandlungen vornehmen?

Als wäre ich von einem Alpdruck aufgewacht aus einem quälenden Schlaf, so befreit fühlte ich mich jetzt auf dem Abendweg. In der Ferne stand der Schattenriß des Giebels vom Gutshaus am Bergabhang. Ein Lichtpunkt leuchtete auf der dunklen Terrasse. Am Himmel flimmerten ein paar vereinzelte Sterne.

War es nicht Wunder genug, zu wissen, daß man lebte?

Der Lichtpunkt auf der Terrasse und die Lichtpunkte der Sterne waren einander ähnlich, und doch wußte ich, die Lichtpunkte oben am Himmel waren riesige Weltenkörper, und auf der Terrasse unten stand nur eine kleine Petroleumlampe auf einem gedeckten Tisch, auf dem das Abendbrot wartete.

War das nicht Wunder genug, daß riesige Welten klein wie Lampen werden konnten, klein wie eine Lampe, die auf einem Menschentisch steht?

Beim feierlichen Bewundern der Lebensdinge werden alle Leben Wunder!Heute kann ich mir mein Empfinden in Worten ausdrücken. Damals genoß ich es ohne umfassendes Wort.

Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen hätte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wäre ihm nicht geöffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.

Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen, habe auch kein Essen zu sich genommen und wünsche nur in Ruhe gelassen zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Türe, da er jedesmal von drinnen herausrufe, daß er nicht gestört sein wolle.

Das, was ich da hörte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzählte in kurzen Zügen dem Schweigenden dieVorgänge des Nachmittags: daß unser Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.


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