Und da sie ebensogut durch Körpervorzüge als durch Geistesvorzüge Götter werden konnten, herrschte im Volkssinn jener Tage ein edles Bestreben nach Körper- und Geistesgleichgewicht auf Erden, das uns heute, wie wir alle wissen, noch aus griechischen Kunstwerken unendlich erhebend anredet. — Aber warum mußte jenes Ideal vergehen, wenn es bereits festliches Leben darstellte?
Deshalb mußte es vergehen, weil es doch noch nicht das selbstverständlichallumfassendeFestliche war. Weil die Tierwelt, die Pflanzenwelt, die Welt der toten Dinge von den Griechen noch nicht als ihr Ich, als ihre eigene Schöpferkraft angesehen wurden.
So wie die Märchen des Mittelalters, um die Natur belebt zu sehen, menschliche Figuren in das Landschaftsleben hineindichteten, so taten dies in noch höherem Maße die Sagen der Griechen. Wo wir Elfen, Hexen, Kobolde dichteten, dichteten sie Dryaden, Faune, Nymphen und Halbgötter. Nie aber lebten in den griechischen Dichtungen der Baum, das Tier, die Quelle, die Wolke als Naturleben.
Es mußte in der Vorstellung der Griechen immer jedes Leben erst eine menschliche Verkörperung eingehen und deshalb war das griechische Lebensfest nicht vollkommen zu nennen. Die griechischen Dichter konnten nicht eine Abendstimmung auf sich wirken lassen, nicht einen Baum rauschen hören, nicht die Meereswelle sehen, ohne bei diesem Natureindruck soforteine menschliche Gestalt hinzuzaubern, die Nymphe, den Pan oder einen ihrer Götter.
Und dieses Umgestalten will die neue Weltanschauung nicht mehr tun. Sie will das Fest feiern, wie es ist. Sie will die einfache Musik des Windes und der Welle, des Regens und der Wälder, das festliche Leben der Tiere, Vögel und Insekten einfach festlich erleben.
Der „Mensch von morgen“ hat Sehnsucht, in die Nähe aller Wesen zu kommen, deren Lebensfest er noch nicht bewußt mitgefeiert hat. Er hat sich jetzt genug Geduld, Ruhe und Ernst angeeignet, um in die Festlichkeit der anderen Lebewesen dichterisch einzudringen, ohne daß er notwendig hat, in der Vorstellung die Körper der Tiere und Pflanzen fortzuwerfen und ihnen Menschengestalten aufzudrängen.
Der Weltblick des „Menschen von morgen“ will sich erweitern, und mit dem Weitblick vergrößert sich die Lebensfestlichkeit.
In der Kunst, die menschliche Gestalt darzustellen, darin haben die Griechen wohl höchste Lebensfestlichkeit erreicht. Aber im Hinblick auf das Weltalleben waren sie beschränkt und unaufgeklärt. Diese Aufklärung und diese Festlichkeiten des Menschengeistes zu erleben, blieb späteren Jahrtausenden vorbehalten, unserer Zeit und der Menschheit von morgen.
Wer aber behauptet, die Künstler seien nicht an eine Weltanschauung gebunden, sie dichten, musizieren, malen und bildhauern einfach das, was ihnen gefällt, dem möchte ich antworten, daß die Schöpfungen der Künstler immer abhängig waren von der Weltanschauung,die die Nation hegt und die Zeit, der ein Künstler angehört.
Die Künstler der Japaner, der Chinesen, der Indier, die die Tiere und Menschen, Landschaft und Pflanzen seit Hunderten von Jahren mit tiefster Kenntnis und künstlerischer Liebe umfassen und darstellen können, sind von der buddhistischen Weltanschauung beeinflußt, die alle Wesen gleich achtet. Die Lebenstreue und die Feinheit, mit der jene asiatischen Künstler die feinsten Lebensregungen in der Natur in großzügigen Linien auf ihren Bildern einzufangen verstehen, die Knappheit und Kürze und Anschaulichkeit ihrer Gedichte, die wenig ermüdend nie den dichterischen Eindruck übertreiben, sondern das Erlebte und Tiefste in sparsamer Kürze hinzusingen verstehen, ebenso die wunderbare Einfalt ihrer in Naturlauten summenden träumerischen und unaufdringlichen Musik, die nicht zum Anfüllen steinerner Hallen, sondern zum Einwiegen des Menschenohres berechnet ist, diese Kunstausübung nähert sich der festlichen Anschauungsweise des gesamten Weltallebens.
Wie wenig dagegen leisteten infolge ihrer engen Weltanschauung in der Kunst die Mohammedaner. Nur in der Architektur, in der Raumausschmückung und in der Ausschmückung von Waffen und häuslichen Geräten sind sie Meister gewesen. Aber nirgends im mohammedanischen Kunstleben wird das Naturleben oder Menschenleben, das vielgestaltige, dargestellt, wie dieses bei den buddhistischen Völkern, bei den Indern, Chinesen und Japanern der Fall ist.
Und seht die christliche Zeit des Abendlandes. DieKünstler des Mittelalters, sie malten und bildhauerten, musizierten und dichteten, aufs stärkste beeinflußt von der christlichen Weltanschauung, und jene mittelalterlichen Künstler konnten nur das hervorbringen, was sich um die Kirche und den Kirchengeist der damaligen Zeit bewegte. Nie kamen die christlichen Künstler jener Zeit den Künstlern der buddhistischen Weltanschauung gleich. Aber den mohammedanischen Künstlern waren die christlichen wieder an vielseitiger Entfaltung überlegen.
Von der jüdischen Kunst sind uns zwar Bücher und Lieder überliefert, aber in der darstellenden Kunst leisteten die Juden nichts, da die Weltanschauung dieses Volkes die bildnerische Kunst nicht zu pflegen erlaubte.
Und es ist wohl als sicher anzunehmen, daß bei den Juden damals in Palästina Künstler geboren wurden, ebenso wie in den übrigen Ländern der Erde, denn wenn dieses Volk auch hauptsächlich ein Handelsvolk ist, so ist das kein Beweis, daß nicht Kunstliebe und Künstler unter ihnen leben.
Das große Handelsvolk, die Engländer, haben den großen Dichter Shakespeare hervorgebracht und andere Künstler. Bei den Juden hätten sich in alter Zeit wohl auch Bildhauer ausgebildet, so wie bei den Ägyptern und Griechen, wenn die jüdische Weltanschauung das Aufstellen von Kunstwerken erlaubt hätte.
Ich wollte hiermit denen antworten, die da glauben, der Künstler dürfe immer zu allen Jahrhunderten und bei allen Völkern tun und lassen, waser wolle.Der Künstler war aber immer an die Weltanschauung seiner Zeit gebunden, auch wenn diese ihm ungünstig gesinnt war,anpassen mußte er sich immer der Weltanschauung seiner Zeit.
Ich erinnere nur an die Madonnenmaler, an die Künstler des Mittelalters, die gar keine himmlischen Gesichter erdachten, sondern schöne Mädchen des Volkes, die sie herzlich und sinnlich anregten, und von denen manche eines Künstlers auserkorenen Liebste war, die er in Holz oder Stein oder Farben im Kunstwerk herstellte, wonach das dann auf die Altäre als Mutter Gottes oder als irgendeine Heilige in die Kirche kam. Des Künstlers Liebesideal wurde so oft zum Anbetungsideal einer Kirchengemeinde.
Ebenso weiß man, daß die vielen Gedichte, die die Mönche für die Madonna, für ihre himmlische Braut, und die Nonnen an Christus, für ihren himmlischen Bräutigam schrieben, stark durchsetzt waren von weltlichen Liebeserinnerungen und unbewußt oder bewußt aus heißen Liebeserinnerungen und Liebessehnsüchten entstanden, die jene Männer und Frauen aus der Welt mit in die stillen Klöster brachten.
Wenn jene aus der Welt flüchtenden Menschen Mönche und Nonnen wurden und sich hinter die Klostermauern zurückzogen, schrieen ihre Welterinnerungen auf, und ihr heißes Gedenken an genossene oder entsagte Lust verwandelte sich oft in die inbrünstigsten und schönsten Liebeslieder, in denen sie ihren eingekerkerten Sinnen Luft machten. Diese Künstler mußten öffentlich eine Gottheit verehren unter dem Druck der Weltanschauung ihrer Tage; in Wahrheit aberverehrten sie das festliche Leben, dem sie sich entzogen hatten.
Als dann eine freigeistige Zeit anbrach, kam auch die große Zeit für die Porträtmaler, wobei dieselben ihre Menschen nicht mehr als Heilige und Madonnen verkleiden mußten. Sie folgten der befreiteren Weltanschauung ihrer Zeit und malten, so gut sie konnten, auch Landschaften, in denen aber erst immer noch Menschenfiguren als Beigabe herumstanden.
Zu dem vielseitigeren Genießen reiner Landschaften, reiner Naturstimmungen und zum Malen aller Leben ist erst unsere heutige Zeit mit der aufgeklärteren Geistesrichtung gekommen. Aber sie übt diese Kunst noch nicht so sichtlich reichhaltig und durch Menschengeschlechter geschult, wie es die buddhistischen Maler Asiens vermögen, welche die Insekten, fliegende Vögel, alle Blumen und Gräser und alle Naturstimmungen mit wenigen, kennzeichnenden Strichen wunderbar künstlerisch darstellen.
Laßt aber allen europäischen Völkern einmal die Weltanschauung von der Festlichkeit des geringsten Daseins bewußt werden, die Überzeugung von der Bedeutung der unendlichen Schöpferkraft, die in jedem Geschöpf liegt, die nicht nur den Menschen seelenvoll nennt, sondern, seelenvoll und dem Menschen gleichgestellt, das letzte Lebewesen, dann wird erst ein großes künstlerisches Aufblühen und damit ein inniges Vertiefen in alle Weltleben in der Dichtung, der Malerei, der Bildhauerei und der Musik einsetzen, so daß dann die Welt offensichtlich zu einer Festwelt wird.
Denn ihr sollt nicht sagen, die Japaner und die Chinesen und die meisten Asiaten erzeugen nur deshalb so viele Kunstwerke, und jeder ihrer Gebrauchsgegenstände ist nur deshalb von einem Kunstgedanken zum Leben gebracht, weil diese Völker ein angeborenes größeres Kunstverständnis und stärkeren künstlerischen ausübenden Sinn mit auf die Welt gebracht haben.
Das ist es nicht. Das ist eine bequeme Täuschung, mit der ihr euch selbst herabsetzt, weil ihr euch in Europa nicht gründlich in aller Weltallfestlichkeit erkannt habt, weil ihr euch nicht gründlich vertrauen wollt und noch teilweise in einer kunstfeindlichen, weil weltfeindlichen Weltanschauung befangen seid.
Die Künstler aller Zeiten waren wohl immer durchdrungen von der Festlichkeit aller Leben. Es waren nur die Volksmassen, die den Künstlern den Zwang einer beengenden Weltanschauung auflegten. Aber auch die Völker sind im letzten Grunde immer von der Festlichkeit des Daseins überzeugt gewesen, es fehlte ihnen nur die Reife und die Kraft des Eingeständnisses.
Die Kunstseele ist in allen Völkern und zu allen Zeiten immer dieselbe gewesen. So wie das Sonnenlicht jeden Tag rund um die Erde geht und überall Sonnenlicht ist, wenn ihr es nur zu euch kommen laßt und euch nicht vor dem Licht versteckt und das Licht nicht verbaut, und so wie die Erde unter euren Füßen euch rund um die Weltkugel gleichmäßig trägt und überall dieselbe Erde unter euren Füßen bleibt, so seid ihr Menschen, wandelnd zwischen Sonne undErde überall auf der Welt, durchdrungen von der Lust am Betrachten, am Zuhören und Wiedergeben der Welteindrücke, durchdrungen von der Weltallfestlichkeit, geboren.
Und aus diesem festlichen Empfinden heraus, das überall dem Menschenleben bei allen Völkern angeboren ist, entstehen auch überall die drei Kunstarten: Dichtung, Bildnerei und Musik. Nur schwächende Weltanschauungen und enge Weltüberblicke können teilweise das festliche Weltbetrachten dem Menschenherzen verkürzen, so daß die künstlerische Wiedergabe beschränkt wird.
Setzt aber einmal bei allen Völkern eine festliche Weltanschauung ein, so werdet ihr sehen, daß alle Völker höchste künstlerische Kräfte besitzen, und daß das Menschenleben sich zu einem harmonischen Fest auch in künstlerischer Hinsicht gestalten wird.
Halb bewußt und halb unbewußt gab ich mich damals in den Münchner Museen diesen Betrachtungen hin. Aber heute erst kann ich sie in Worten niederschreiben. Ich wußte damals nicht, was mich so eifrig zu den heidnischen antiken Kunstwerken hinzog, aber mich doch im allerletzten Grunde auch unbefriedigt ließ.
Ich wußte auch nicht, was mich an den Gemälden der christlichen Bilder bedrückte, und was mich daran, abgesehen vom malerischen Können jener Meister, unbehaglich, unbefriedigt ließ. Ich stand vor großen Werken der Malkunst, aber die Maler selber, das sagten ihre Werke, waren nicht Besitzer einerfreien und natürlich festlichen Weltanschauung gewesen.
Darum fand ich mehr Freude draußen in der Natur, bei Spaziergängen, wo das Leben der Wälder und Berge, des Himmels und der Flüsse von keinem kurzsichtigen Zeitgeist erschaffen war, dort im Freien herrschte das Weltallfest vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Die Kunstwerke des Christentums konnten mir nicht dieselbe Festlichkeit geben, wie sie mir die Natur gab. Nur die Statuen des heidnischen Griechentums trugen ähnliche Lebensfestlichkeit zur Schau wie die immer festliche Landschaft.
Es war mir aber damals auch noch unmöglich, mein Handeln und mein Denken zusammen Hand in Hand gehen zu lassen, da die Gedanken nicht so klar wie heute vor mir standen, also, der Gedanke noch nicht so sicher die Tat leiten konnte.
Ich wußte noch nicht, wie ich die Welt in Worten knapp durchgeistigt und verkörpert, ohne Anlehnung an die alte christliche Weltanschauung, in Gedichten wiedergeben sollte, und war oft recht verzweifelt und von Ungeduld geschüttelt.
Ich konnte auch niemanden um Rat fragen, mein philosophischer Freund hatte mir nur sagen können: „Verlaß die alte Weltanschauung! Sei ehrlich zu dir selbst. Du und wir alle haben sie im Grunde schon längst verlassen. Du findest den Weg zu neuen dichterischen Schöpfungen von selbst. Sei nur mutig!“ —
Verlassen hatte ich die alte Welt. Aber ich tapptenoch im unklaren und hatte keine neue vor mir. Denn die Wirklichkeitswelt, in der die anderen Dichter damals arbeiteten, die Alltagswelt, die Welt der Taglöhner und Proleten, die von ihnen mit Vorliebe damals aufgesucht wurde, die schien mir nur ein Nebenweg am Hauptweg zu sein, der eingeschlagen werden mußte, ein Vermittlungsweg zum Hauptweg.
Ich versuchte diesen Weg ein Stück zu gehen, und ich schrieb in München, um mir zu beweisen, ob ich mit photographischer Treue das Wirklichkeitsleben wiedergeben könnte, damals ein Drama in zwei Akten, betitelt „Das Kind“, das mit allzu deutlicher Deutlichkeit den Seelenzustand eines jungen Mädchens wiedergab während einer Nacht des Abschieds von ihrem Bräutigam, und das sich am Morgen nach dem Abschied aus dem Fenster stürzt.
Das Stück war kraß, erschütternd, aber es löste keine innere Erhebung in mir aus. Nur die Achtung vor wirklichkeitsgetreuer Schilderung blieb als Endgefühl in mir übrig. Und ich sah ein, daß äußere Wirklichkeitswiedergabe nur eine Schulung für einen Schriftsteller sein konnte, aber daß sie nicht höchstes Kunstideal werden durfte. Das Stück wurde später im Jahr 1900 vom Münchner Schauspielhaus angenommen. Aber ich zog es zum Erstaunen des Direktors vor der Aufführung zurück. —
Das Osterfest 1892 kam heran, und ich ging an einem Karfreitag, erfüllt von den Erinnerungen alter Osterzeiten, durch die Kirchen Münchens und kam in eine hohe alte Kirche, die war dunkel und wirkte wieein geräumiger Keller. Und die Menschenmenge, die zu dem einen Eingang hineindrängte, Kopf an Kopf, und die Kirche durchquerte und zu einem anderen Eingang hinausdrängte, schob mich vorwärts.
Alle großen Gemälde über den Altären und die Altäre selbst und die Altarstufen waren, wie das immer in der Karwoche ist, mit tiefvioletten Tüchern zugedeckt. Und durch die Weihrauchwolken sah ich die Pyramiden der Kerzen aufragen, deren unzählige spitze Flämmlein mir den Eindruck von goldenen Dornen machten.
Vom Weihrauch halb verhüllt, stand der in Spitzengewänder gekleidete Priester am Altar, und als ich einen Augenblick zurücksah über die Menge, die mich vorwärts schob, stach durch die offene hohe Kirchentür das blauweiße Tageslicht grell in das dunkle Kirchengewölbe herein, als stahlblauer Strahl und war wie ein mächtiges helles Schwert über den Köpfen der Menge. Und die Menschen, die Kopf an Kopf da drängten, erschienen mir wie ein Heerwurm, der unter dem blanken drohenden Schwert durch die Kirche zog.
Einen Augenblick schien es mir, als ich den Weihrauch aufsteigen sah, als hätten die Kerzen das violette Tuch, das über dem Altarbild hing, angezündet, und als rolle das Tuch feurig brennend und rauchend über den Köpfen der Menge hoch.
Ich ging dann nach Hause und schrieb den visionären Eindruck dieses Karfreitagkirchenbesuches in kurzer Skizze, die ich „Auferstehung“ betitelte, nieder. Ich gab den Eindruck so wieder, wie ich ihn ebenerzählt habe, nur ein wenig mehr ausgearbeitet, in heftigeren Farbeneindrücken und in knappen, etwas gehackten Sätzen.
In jenen Tagen in München — das muß ich noch vorher bemerken — hatte ich mir manches Mal ein Buch in der „Bibliothek der Modernen“ geliehen. Diese Bibliothek war im Hause des Schriftstellers Schaumberger, und dort im Hausgang war ich im Vorübergehen den Dichtern O. J. Bierbaum und Ludwig Scharf vorgestellt worden.
Einige Tage später erhielt ich von O. J. Bierbaum die Aufforderung, eine kleine Arbeit für den „Musenalmanach“ 1892–1893 einzusenden.
Nichts schien mir geeigneter für diesen Zweck als die kleine Skizze „Auferstehung“, die kaum zehn Druckzeilen groß war, und die ich für meine erste und beste Leistung auf dem neuen Weg beschreibender Prosa hielt.
Ich dachte mir aber, daß wahrscheinlich Hunderte von Schriftstellern zu Beiträgen für den Musenalmanach aufgefordert worden waren, und daß das, was ich geschrieben hatte, so wenig war, daß es in dem Buchband kaum zehn Menschen auffallen würde. Mir persönlich sollte diese kleine Skizze die Linie zeigen, die ich einschlagen wollte. Nicht Wirklichkeitsschilderung, sondern in Vision umgesetzte Wirklichkeit wollte ich von jetzt ab geben.
Ich hatte damals noch keine Ahnung von Kritik und Kritikern überhaupt. So wie es nirgends in der Bibel steht, daß Gott bei seiner Schöpfung an eine Kritik derselben gedacht habe, so wenig war mirder Gedanke gekommen, daß ich je eine gedruckte Kritik über mich lesen würde. Ich selbst hatte nie Kritiken über Bücher gelesen, so wie ich auch bis dahin nur äußerst selten eine Tageszeitung in die Hand genommen hatte.
Ich dachte, Dichtungen werden schweigend geliebt oder schweigend abgewiesen, und ich wußte noch nicht, daß das meiste, was geschrieben wird, auch öffentlich besprochen wird.
Daß in den Zeitschriften Bücherbesprechungen gebracht wurden, in jenen modernen Zeitschriften, in welchen die neuen Dichter sich vereinigt hatten, um auf neue Wege hinzuweisen, das schien mir natürlich. Daß aber die Zeitungswelt, die Augenblickswelt, die doch keine Zeit zum Sichvertiefen haben konnte, Geistesarbeit zu kritisieren sich berechtigt fühlte, in derselben Weise, als ob man das Wetter beschrieb und Tagesvorgänge besprach, daß Geistesarbeit unter die Augenblicksvorgänge gerechnet werden könnte, das war mir ganz unbekannt und unverständlich.
Im Herbst desselben Jahres, als ich dann später von München nach Berlin gezogen war, erhielt ich eines Tages von meiner Familie aus Würzburg eine Nummer des „Berliner Tageblattes“ zugesandt. Im Feuilleton war der Bierbaumsche „Musenalmanach“ für 1892–1893 breit besprochen. Aber mein Erstaunen wuchs aufs höchste, als ich meinen Namen an die Spitze des Aufsatzes gestellt sah und die Worte am Eingang der Kritik las: „Da tut ein Max Dauthendey seine milde Hand auf und schenkt uns eine Auferstehung.“
Ich begriff zuerst nicht, daß der Artikel von Hohn strotzte. Man hatte zugleich meine Skizze wortwörtlich abgedruckt, und man geißelte mit bissigem Spott die neue verrückte Schreibart. Die für eine Tageszeitung auch wirklich nicht am Platze gewesen wäre. So schwer denkbar wie es ist, daß Botticelli Skizzen für eine illustrierte Tageszeitung gezeichnet haben würde, so wenig paßte natürlich die Skizze eines neuen Wegesuchers in den Alltagsstil einer Zeitung.
Da ich zur Mitarbeit aufgefordert worden war und meine Skizze als Geschenk dem „Musenalmanach“ gegeben hatte, hatte ich die Einfalt, zu glauben, daß die Welt auch meine Arbeit als Geschenk annehmen müsse und nicht als eine Herausforderung zum Meinungszweikampf.
Grausam und ungerecht fand ich diesen unerwarteten Angriff auf meinen mit tiefstem, heiligstem Ernst ausgearbeiteten kleinen ersten Versuch, Wirklichkeit und Unwirklichkeit vereinigen zu wollen. Ohne nach der alten Figurenwelt von Engeln und Teufeln zu greifen, hatte ich die Visionen eine Kirchenstimmung, eine Karfreitagsphantasie, versuchsweise wiedergeben wollen.
Daß meine Welt nicht die Welt von heute war, wurde mir aus jener Kritik hier gründlich zum erstenmal öffentlich bestätigt. Aber mutlos oder kopfscheu machte mich diese Erkenntnis nicht. Und so breit, wie ich heute das Ereignis beachte, tat ich es damals nicht. Es war eine flüchtige Sekunde des Unbehagens, die aber doch so stark war, so daß ich sie nachlangen Jahren noch in mir aufgezeichnet finde. — Und ich erzähle dieses nur, weil es meinen ersten neuen Versuch betraf, der mir am Herzen lag.
Der Gedanke, die Natur phantastisch, doch ohne Verwandlung der Naturleben in Menschengestalten, wiederzugeben, beschäftigte mich damals in München, seit ich den ersten Versuch, die kleine Skizze „Auferstehung“, geschrieben hatte, unausgesetzt.
Eines Sonntags wohnte ich im Münchner Hoftheater einer Vorstellung des Byronschen „Manfred“ bei, und Ernst von Possart spielte den „Manfred.“ Von meinem Platz aus auf einem der Ränge konnte ich immer sehen, wie die Versenkung sich öffnete, und wie einer der Erdgeister oder einer der Feuergeister aus dem Bretterloch aufstieg. Das störte mich sehr. Wohl war die Sprache des Dichters schön, aber auf dem Heimweg vom Theater sagte ich mir, ich hätte das Stück lieber gelesen und hätte mir dann die Gestalten der Elemente mächtiger und unbegrenzter vorstellen können.
Es wirkte komisch, wenn da in grauen Kattunstoffe eingewickelte Menschen auf der Bühne herumliefen wie Gugelmänner, und wenn man sich vorstellen sollte, diese Vermummten sollen die verkörperten Elemente der Erde sein. So dürftig und so beschränkt war mir noch nie die Gestaltung der Elemente vorgekommen. Die Schuld lag nicht an der Bühne, nicht an der Darstellung, sondern am Dichter, der sich hätte hüten müssen in seinem Drama ungeheuere Elemente in der Form von Menschen auftreten zu lassen.
Mein neuzeitlicher aufgeklärter Natursinn sträubte sich fortwährend gegen die Annahme, daß verkleidete Menschen Elemente darstellen sollten. Ich ging unbefriedigt nach Hause, und ich sagte zu meinen Freunden: „Ich möchte ein Drama schreiben, in welchem die Elemente auftauchen wie die Bilder im Gehirn eines Menschen. In dem Drama möchte ich Gletscher, Meer, Wüste als unsichtbare Chöre singen lassen.“
Jedenfalls stieg mir an jenem Abend unklar die Idee auf, daß, wenn ein Drama ohne Menschen auch eine Ungeheuerlichkeit wäre, es doch keine Unmöglichkeit sein müßte. Heute weiß ich, daß das alles nur Vorbereitungsgedanken für meine künftige Lyrik waren, in welcher ich dann mit Vorliebe Liebes- und Landschaftsleben verschmolzen habe, ohne den Landschaftsdingen Menschengestalten zu geben.
Als die Universität Osterferien hatte, fuhr ich mit dem einen meiner Freunde, dem Schweigenden, ins Gebirge nach Tirol, und wir stiegen zum Achensee hinauf. Zu beiden Seiten des Weges lag noch hoher Schnee, besonders hoch beim See an den kalten Nordseiten der Berge.
Der Ausflug währte nur zwei Tage, aber ich erinnere mich noch deutlich, als wäre es gestern, einer Sekunde, die ich auf dem See erlebte, und die in mir blitzartig die Gestaltung eines Dramas ohne Menschen schaffen sollte.
Wir saßen am Spätnachmittag in einem Boot, mein Freund ruderte. Wir waren an einer Seeseite gewesen, wo streckenweise der Schnee auf großenWiesenflächen geschmolzen war, und dort waren, in der heftigen Frühjahrssonne, Gruppen von rosa Alpenhyazinthen emporgeschossen, die da wild und üppig wucherten.
Wir hatten einen großen Strauß davon gepflückt, der lag neben mir auf der Bootsbank. Ich hielt das Steuer und lag halb über den Bootsrand gebeugt und starrte in die herrliche smaragdgrüne Tiefe des Bergsees und freute mich an dem feuerblauen Schatten, den unser Schiff und wir selbst über die Seefläche zeichneten. Mir schien, wir schwammen mit dem Boot über einen ungeheueren Kristallberg.
Stellenweise konnte man die schlangenartigen Figuren der Seegewächse goldig am Grund aufblinken sehen oder Felsblöcke, die wie Goldklumpen spukartig aus dem grünen Wassergrund heraufsahen. Und versunkene Baumstämme waren da unten, unheimlichen Tierkörpern ähnlich, mit grünen und blauen Gliedern, die schienen mehr unwirklich als wirklich zu sein.
Ich ließ von Zeit zu Zeit einen Blütenbüschel des rosa Hyazinthenstraußes, daran ich einen kleinen Stein gebunden, in die Seetiefe gleiten, und es erstaunte mich immer wieder, wie die rosa Blumen in einiger Tiefe blau und dann weißlich wurden und versanken, als fielen sie durch verschiedenfarbige Tinten.
Und ich stellte mir dann vor, wie meine Blumen nun da unten liegen mußten und sich nach der Sonne und nach den Wiesen oben sehnen würden, und daß der Seegrund sie nun nie mehr loslassen würde,und daß sie zu Stein werden mußten neben dem Stein, der sie hinuntergezogen hatte in die grüne Glaskammer des Sees.
Als ich müde war vom Hinunterschauen, sah ich drüben über dem Seeufer einige schneebedeckte Berge Tyrols, und wenn auch keine Gletscher zu sehen waren, so bildete ich mir doch ein, so starr weiß müßten Gletschergipfel unberührt den ewigen Schnee tragen wie jene verschneiten Berge.
In demselben Augenblick ging die Sonne unter, und die Schneegipfel färbten sich, als wüchsen auf ihnen vor meinen Augen Felder von rosa Alpenhyazinthen. Es war aber nur die Abendsonne, die die äußersten Erdzacken aufglühen ließ.
Und dieses feierliche Schauspiel, dem ich im Boot, schwebend über der Seetiefe, im lautlosen Abend zusah, das prägte sich so stark in mich ein, daß ich es dichtend nachgestalten wollte, so wie es gewesen.
Und nach München zurückgekommen, dachte ich mir aus, ich wollte ein Drama schreiben, in welchem kein Mensch auftreten sollte, wie ich das schon einmal gesagt habe. Nur einzelne Menschenstimmen und Menschenchöre und Musik hinter der Bühne sollten die Verwandlungen begleiten.
Und ich wollte zuerst hinter der Szene eine große Stimme singen lassen. Das sollte die Stimme der menschlichen Sehnsucht sein. Und unsichtbare Chöre des Weltalls sollten ihr antworten.
Und die Sehnsucht sollte hinuntertauchen in die Meerestiefe, in die Pflanzengärten dort unten, wodie Perlen in ihren Schalen singen und tausend Jahre reifen. Und das Bühnenbild sollte den farbigen Meergrund zeigen.
Und die Sehnsucht, keine Ruhe in der Meerestiefe findend, sollte dann zum Gletscher eilen, zum ewigen Schnee. Und auf der Bühne sollte das Eis der Gletscherfelder aufglühen in der Abendsonne, und Chöre der Stimmen des ewigen Schnees sollten antworten, so wie die Scharen der Perlen in der Meerestiefe der Sehnsucht geantwortet hatten.
Und die Sehnsucht sollte, auch dort keine Ruhe findend, vom Gletscher zur Wüste eilen und dem Sand und den Sandmeilen zusingen. Und der im heißen Wind aufwirbelnde Sand sollte in Chören der Sehnsucht antworten.
Und die Sehnsucht sollte endlich heimkehren, heimgetrieben, nachdem sie nicht Ruhe gefunden, nicht in der Tiefe des Meeres, nicht in der Höhe des ewigen Schnees, nicht in der Hitze der Wüste.
Dann sollte im Abend ein Frühlingsgarten voll Blüten als letztes Bild dastehen und ferne Geigen unter den Blüten singen. Chöre der Blüten und die Mondstimme in der Frühlingsnacht und die Chöre der Blumendüfte sollten singen, und die Sehnsuchtstimme des Menschen sollte ihr letztes Lied finden und sich sagen: da sie nirgends auf Ruhe traf und auch das Weltall ihr geantwortet habe, daß nirgends Ruhe sei, so wäre die einzige Weisheit die, das Leid aller und die Liebe aller mitzuerleben, mitzujubeln und mitzuleiden. —
Ich wollte mich nun für dieses Drama vorbereiten.Schneeberge hatte ich gesehen. Auch die Seetiefe des Achensees konnte mir eine Vorstellung geben vom Meeresgrund. Nur über die Wüste wußte ich noch nichts. Und ich verschaffte mir Bücher mit Wüstenbeschreibungen.
Aber sie gefielen mir nicht. Ich konnte keine Stimmung aus ihnen erhalten. Und da erinnerte ich mich, wie ich als Knabe oft im heißen Mainsand auf einer Insel im Fluß nach dem Bade gelegen hatte. Und dieses ferne erlebte Bild des trockenen Julisandes mit der senkrechten Sonne am Himmel, gab mir mehr Wüstenvorstellung, als das Lesen von wissenschaftlichen Wüstenreisen in Büchern es vermocht hätte.
Aber es sollte noch ein Jahr dauern, bis ich die Stimmen dieses Dramas in Versen schreiben konnte. Das geschah im Jahre 1894, als ich zum zweiten Male in einem einsamen Pfarrhof an der Westküste Schwedens mehrere Monate zubrachte. —
Ich hatte jetzt in München fast alle Wagnervorstellungen besucht, den Nibelungenring gehört und war auch einige Jahre vorher in Bayreuth gewesen, wo ich bei einem Abstecher von Würzburg aus den „Parsifal“ gehört hatte.
Wagners neue heftige Musik hatte mein junges erregbares Blut tief erschüttert. Aber Wagners Dramengestalten, die Götterfiguren in Menschengestalten, erschienen mir in der Darstellung auf der Bühne unmöglich und kindisch und nicht so überzeugend, wie es für unsere neuzeitlichen Vorstellungen nötig gewesen wäre, um in mir volle Andacht zu erwecken.
Ein dicker Tenor, der den Wotan spielte, oder eine üppige Sängerin, die die verklärte Gestalt der Freja oder die gewaltige Gestalt einer Walküre darstellen sollte, verärgerte meine Aufmerksamkeit jedesmal, so daß ich meistens die Augen im Theater schloß und nur den singenden Stimmen der Musik zuhörte und auf das Bühnenbild, das ich mir in der Phantasie viel schöner vorstellen konnte, gern verzichtete.
Ich war also aus innerem Antrieb und nicht aus Neuheitssucht auf den Gedanken gefallen, teils durch die Manfredvorstellung, teils durch die Wagnervorstellungen herausgefordert, einmal ein Drama zu schreiben, in welchem nur Chöre und Landschaftsbilder von der Bühne wirken sollten. Aber es sollte dieses durchaus nicht eine neue Dramengattung werden.
Ich wollte nur einmal eine Bühnenphantasie geben, die, ohne menschliche Figuren zu verwenden, erhebend wirken sollte. Ich hatte in der Wagnerschen „Walküre“ in München auch gesehen, wie mit Dampf und bengalischen Flammen eine künstliche Branddarstellung erzeugt wurde, und ich stellte mir vor, daß die Landschaftsbilder meines Dramas, der Meeresgrund, der Gletscher und die Wüste nicht nur einfach nüchtern auf der Bühne dargestellt werden durften, sondern sie müßten, wie von Wolken getragen, erscheinen, auftauchen und in Wolken verschwinden wie Gedankenbilder im Gehirn eines Menschen. Und um dieses zu ermöglichen, sollte Dampf aus den Versenkungen aufsteigen und sollten so auf der Bühne Wolken erzeugt werden.
So wie in einem menschlichen Gehirn die Vorstellungsbilderbald klarer, bald unklarer wie aus Wolken aufzutauchen scheinen und dabei Stimmen der Gedanken sprechen oder singen, so sollten die Bühnenbilder in diesem Operndrama „Sehnsucht“ sein. Und ich hatte die jedenfalls etwas waghalsige Kühnheit, an die Spitze meines Dramas, als ich es schrieb, die Worte zu stellen: „Die Bühne stellt das Gehirn eines Menschen dar.“
Die eilige Kritik, welche heutzutage den Dichtern ihren Wert schnell zu- oder abspricht und sie bei Lebzeiten schon untereinander in Rangordnungen dem deutschen Volke vorführt, und die nicht Rücksicht nimmt, ob der Dichter jung ist und sich entwickelt, sondern die ihn mit fünfundzwanzig Jahren vielleicht sogar an toten Dichtern mißt, welche achtzig Jahre geworden sind — diese hastige Kritik, die in dieser erstaunlich voreiligen Weise an den lebenden und sich entwickelnden jungen Dichtern oft schweres Unrecht begeht, konnte mir dann zwanzig Jahre hindurch diesen Jugendausspruch nicht verzeihen: „Die Bühne stellt das Gehirn eines Menschen dar“. Und man frischte diesen Satz in unzähligen Kritiken über mich jedes Jahr wieder auf.
Meine zukünftige Welt, die ich in mir täglich weiterbildete — und deren erste Anfänge mir heute noch ebenso heilig sind wie damals, weil sie ehrlich und echt gemeint waren und nicht aus Verblüffungssucht entstanden — hat man verhöhnt und verlacht, und man hat nie einen Augenblick daran denken können, daß alles, was ich damals schrieb, begründet war von dem Drang, eine neue Weltanschauung in derDichtung zur Geltung zu bringen. Alle diese jungen Versuche aber zielten auf die Schöpfung einer mir eigenen Lyrik hin, die ich doch erst später geben konnte.
Den Dichter kann man nicht anspornen zum Blühen und ihn nicht hindern, wenn seine Dichtung blüht. Man kann nur die natürliche Verbindung zwischen Leserkreis und Dichter zeitweilig schädigen.
Mein Freund, der junge Philosoph — der in München in jener Zeit neben seinem Studium bereits mit der ersten Niederschrift über die Atomkraftlehre eifrig beschäftigt war — schlug mir im Frühjahr 1892 vor, die Pfingstreise, die er zu seiner Erholung hätte unternehmen sollen, und wozu ihm seine Mutter Reisegeld geschickt hatte, an seiner Stelle zu machen. Was ich mit Dank gerne annahm, und um die Pfingstzeit nach Venedig reiste.
Von dieser Reise sind mir zwei kleine Begebenheiten in Erinnerung.
Ich war am Abend von München abgereist, und als ich morgens im Bahnzug über den Brenner kam, begann ich, bereits von der Station Franzensfeste ab, unausgesetzt den Himmel zu prüfen, gespannt aufschauend, ob derselbe bald italienische Bläue zeigen würde. So saß ich in grauem Morgendämmern, bis wir zur Grenze nach Ala kamen, stundenlang das Gesicht nach oben gerichtet. Obgleich mein Nacken mich schmerzte und ich den Kopf kaum noch zurückbiegen konnte, so war doch die Begierde, den italienischen Himmel zu sehen, stärker als die Unbequemlichkeit.
Aber leider stellte sich die Bläue des Himmelsnicht so mächtig ein, wie ich sie von allen italienischen Bildern in Erinnerung trug. Doch weit entfernt enttäuscht zu sein, freute ich mich, daß ich mich nicht blind vom Reisefieber fortreißen ließ und mich nicht selbst belog. Und ich war stolz darauf, daß ich trotz aller Reisebegeisterung feststellen konnte, daß der italienische Himmel, wenigstens auf der Fahrt bis Venedig, nicht blauer war als zwischen Würzburg und München.
Diese Erkenntnis, die zwar für einen jungen Italienreisenden etwas Schmerzliches hatte, befriedigte mich aber, weil ich mir sagte: ein neuzeitlicher Schriftsteller muß die Dinge sehen, wie sie sind, und er darf nicht bloß die gehörte Fabel der Dinge sehen, die die andern gefabelt haben.
Ich erzähle dies nur als kleinen kennzeichnenden Zug der Schulung zur Wirklichkeitsbeobachtung, von der ich und meine Zeit damals fanatisch durchdrungen und besessen waren.
Das glitzernde Venedig, das bunt wie eine indische Stadt an den Spiegeln der Kanäle und an dem Spiegel eines sonnigen Frühlingshimmels lag, stimmte mich sehr glücklich.
Diese wirkliche und unwirkliche Stadt, deren Paläste wasserentstiegen, wie aus Meerschaum und Perlmutter gebaut, irisfarben beim Widerschein der leichten Wellen beleuchtet sind, beseligte mich. Ich fühlte mich, vom Norden wie aus einer grauen Wüste gekommen, als hätte ich eine sonst unerreichbare Fatamorgana erreicht.
Ein körpergewordenes Meeresspiegelbild erschienmir Venedig mit seinem blendenden, marmorgepflasterten weißen Markusplatz und mit den silbrigen indischen Kuppeln der Markuskirche und mit den Schaufensterreihen voll mit Juwelen und glitzernden Glaswaren unter den Bogengängen des Platzes.
Am Abend vor dem Himmelfahrtstage, als alle Glocken läuteten, trat ich in einer Seitenstraße in eine Kirche ein. Darinnen jubelte eine klingende Musik, wie ich sie vorher nur in Operetten gehört hatte. Scharen von jungen Mädchen und Frauen des Volkes, mit Spitzentüchern über den schön frisierten Köpfen, saßen dort bis dicht an die Altarstufen auf Stühlen. Und der Priester und die Chorknaben bei Blumen, Lichtern und dem weihrauchreichen Altar bewegten sich lebhaft und fröhlich, als wäre die Messe, die sie lasen, eine Volksvorstellung.
Ich sah in der ersten Sitzreihe Frauen bequem und gemütlich ihre kleinen Füße — die in seidenen Stöckelschuhen steckten, als wären sie zu einem Ball gekommen — auf die obersten Altarstufen aufstellen. Und ich bemerkte eine, die mit ihren übereinandergelegten Fußspitzen den messelesenden jungen Priester, der den Rücken gegen die Menge wendete, mit der Fußspitze leicht an seinen Fersen streichelte. Sie zeigte keck, daß sie den jungen Mann liebte und ihm ihre zärtlichen Gefühle mitteilen wollte. Sie hielt den Fächer halb vor das Gesicht, und ihre schwarzen Augen blinzelten schelmisch über den Fächerrand zum Kopf des Priesters hin.
Wahrscheinlich wartete sie auf den Augenblick,da der junge Geistliche, um die Menge zu segnen, sich umwenden mußte.
Auf den Kirchenemporen jubelten Sängerchöre, helle und dunkle Stimmen durcheinander. Und es herrschte ein freies und ungebundenes Leben in dieser Abendkirche, deren Türen weit offen standen und die Stimmen der Frucht- und Eisverkäufer und das Glockengewoge von der Straße hereinließen.
Das junge Mädchen, das zum Priester die Fußspitzen hinstreckte, die klingelnde Operettenmusik und alle auf ihren Stühlen schaukelnden und singenden Besucher der Kirche — diese Frühlingsabendstimmung in einer Kirche habe ich zwanzig Jahre nicht vergessen können. Ich hatte nie vorher Ähnliches erlebt und habe es nie nachher wieder erlebt.
Hier hatte zum erstenmal die Andacht etwas natürlich Frühlingsfestliches. Dabei muß ich gestehen, daß die Festlichkeit auch ein wenig überreizt an Gedankenlosigkeit und Leichtsinn streifte. —
Ich war aber der südlichen Süßlichkeit der Farben und Formen Venedigs nach acht Tagen schon satt. Es wurde meinem deutschen Herzen zuletzt vor den ewigen lila und rosigen Perlmutterfarben beinahe übel, als hätte man mich gezwungen, acht Tage nur von Zuckerwerk zu leben. Und ich sehnte mich von der großen schwülen Perlenmuschel im Meeresbilde fort nach dem Festland und nach erquickender grüner Landschaft. Ich sehnte mich fort von dem ewigen venetianischen Sonntagsgefühl, fort von dem auf lautlosen Wasserstraßen gleitenden Verkehr, von den Straßen, in denen keine Wagen dröhnen,keine Hunde bellen, in denen immer stilles und glattes Wasser steht, als wären das polierte Sonntagsstraßen ohne Verkehr.
Ich war jung und sehnte mich nach Getriebe und nach der Abnützung meiner Kräfte, die hier nur gewiegt wurden in Gondeln und auf sonnenwarmem Wasserspiegel. —
Nach München zurückgekommen und die farbigen venetianischen Eindrücke noch im Gedächtnis, freute ich mich, nach der Eröffnung des Glaspalastes täglich nun die Ausstellung besuchen zu können und die ersten Bilder der Sezession zu sehen.
Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plänen und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergängen mit meinen zwei Freunden besprach, so prägten sich bald die auf der Ausstellung gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein Gedächtnis, daß ich sie stündlich wie neue Kameraden empfand. Und ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im Beschreiben zu üben, einige der Bilder der Sezession in knappen dichterischen Worten wiederzugeben.
Da waren Bilder von Ludwig von Hoffmann, von Exter und von Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewählt hatte. Diese Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfänge zu der kleinen Prosagedichtsammlung „Ultraviolett“, deren weiteren Inhalt ich hauptsächlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in einsamen Granitwüsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im folgenden Frühjahr weilte.
Den Winter 1892–1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fühlung.
Mein Roman „Josa Gerth“, mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewußtsein, mein erstes Buch der Öffentlichkeit gegeben zu haben, fühlte ich mich mutiger und getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.
Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte:dieses Buch gewidmet einem Toten. Dem toten Dichter und meinem Dichtermeister, dem Dänen J. P. Jacobsen — dessen Schreibart ich mir zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil frei zu machen — hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, daß nur ich allein es wußte, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.
Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktor Wiking, eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt. Nach Jacobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen lassen, hatte ich meiner Romangestalt möglichst die Ähnlichkeit meines dänischen Prosameisters zu geben versucht.
Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Würzburg im Herbst 1891 beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem Vaterhaus geschieden war. — Diese Trennung habe ich bereits im „Geist meines Vaters“ ausführlich beschrieben.
Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein Monatsgeld etwas erhöht, so daß ich in weniger großer Bedrängnis, aber immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir zugleich angedroht, daß ich nur bis zu den nächsten Ostern väterliche Hilfe erhalten würde und dann auf eigenen Füßen stehen müßte.
Einstweilen aber lag Ostern noch für mich hinter tausend Jahren, und ich versuchte, so wenig wie möglich an das Ende der Gnadenfrist meiner Freiheit zu denken.
In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in München das Buch „Sensitiva Amorosa“ von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gütig beobachteter Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorüberwandelnder Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei einem Gut in Schonen daher; die andere saß auf einer Bank am Meer und sah lebensbetroffen über den Sund; und andere traten auf in der schicksalsreichen, stimmungsvollen Östergade Kopenhagens.
So ungefähr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere Menschenschicksale zart und verständnisvoll behandelte, erinnerte mich an Jacobsens Art. Und als ich hörte, daß Hanson, mit der Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.
Denn alles Nordische übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast menschenleeren Länder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine reinere und keuschere Luft zu haben, einen stärkeren rücksichtsloseren Geist, verbunden mit schärferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen Völker dort oben, außerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich damals mehr als das von verweichlichten üppigen Kulturen schlaffe, sinnensüße Südeuropa.
Kunstformen und künstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren mir alle zu sehr beeinflußt von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Höllenwahn der Göttlichen Komödie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir häßlich vor, daß er sich in seinem großen Gedicht zum Richter seiner Zeitgenossen aufgestellt hatte.
Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.
Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Völker mit unverbrauchten Geisteskräften. Und jedes neue Buch, das vom Norden über die deutsche Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien von Länderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer rauhen Wirklichkeit gegenüberstanden, stark geworden warenauf noch jungfräulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen mußten.
Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdörfer und Einzelgehöfte an weltentrückten Küsten, und wenn ich ans Reisen dachte, sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Stätten aufzusuchen.
Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung, und das war der, daß ich, in Berlin angekommen, den Schriftsteller Ola Hanson besuchte. Alles weitere fädelte dann mein Schicksal von selbst ein, und ich kam plötzlich nach dem Norden, wo ich die nächsten Jahre meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann auch später ein Mädchen fand, das meine Frau wurde. —
Die deutschen jungen Mädchen zerfielen damals für mich in zwei Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschränkter, gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen Geistesfreuden — außer den Grenzen christlicher Auffassung und der Familienkunstbegriffe — unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen Männern gegenüber wohl jugendlich und körperlich lieblich, aber geistig stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen völlig ungebildeten Eindruck. Ich spreche hier natürlich von der großen Masse. Vereinzelte geistig wacherzogene Mädchenmag es immer in Deutschland gegeben haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.
Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung männlichen Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung abstoßend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten, dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des weiblichen Körpers möglichst übersehen wissen. Sie taten sich etwas zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und sie wählten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit Absicht vermeidend.
Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glücklicherweise zu einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse natürliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhält von unnatürlicher Familienverblödung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden. Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen Länder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.
Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Südeuropa erkannte ich aber natürlich nicht früher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort wurde mir der Unterschied schnell bewußt. Fast alle jungen Mädchen waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natürlicher geistiger Frische.
Die Haushaltungsarbeit schloß nicht das tiefere Wissen und die geistige Aufklärung aus, und ebensohielten die nordischen Frauen, die sich ähnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht die kleinsten Haushaltungsarbeiten für unwert.
Die Mädchen in Schweden waren von ihren Müttern und Vätern und von den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen dort, trotz der Rauheit des Landes, fröhlich und festlich aufwachsen, so freigeistig erzogen, daß sie liebende Frauen, geistige Kameraden und tüchtige Familienmütter im Hause eines verständigen Mannes werden konnten.
Die meisten jungen nordischen Mädchen hatten durch ihre geistige und körperliche Erziehung einen europäischen, vorurteilslosen Weltblick erhalten. Sie waren auch glühende Vaterlandsverehrerinnen, treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebräuche und verständige Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hälfte des Jahres in freier Luft, bei Seen und Wäldern, an Küsten und auf Inseln verbracht hatten, waren sie körperlich und seelisch frisch und gesund.
Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht bloß auf städtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, während die langen Winternächte den Büchern und dem Familienleben in der Stadt gewidmet waren.
So wurde ich angenehm überrascht, ernsteren undgeistig klareren und körperlich gesunderen Frauen und Männern in Schweden zu begegnen als in irgendeinem südlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite Auslandsreisen gemacht. Viele der jungen Mädchen hatten mit Freundinnen Paris, London, Italien, Deutschland besucht.
Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stück Welt und fremde Menschen zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und man mußte ihnen Urteile und Gedankenaussprüche entlocken.
Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen öffneten und einen Satz sagten, sprachen sie nicht Gelesenes aus Büchern nach, sondern gaben ein unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rücksichtslos, war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und äußerst schlicht und ernst gemeint.
Dieses war in großen Zügen das Wesen der Nordländerinnen, die ich in kleinen und großen Städten, auf Pfarrhöfen und Bauernhöfen in manchen Jahren kennen lernte.
Aber bis ich das Mädchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte, vergingen noch zwei Wanderjahre.
In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine große nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Björnson wurde uns näher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Außerdem machten die Bilder des jungennorwegischen Malers Munch einen verblüffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.
Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den Arbeiten Munchs in Christiania gehört und den jungen Künstler aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.
Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen Akademieprofessoren, die bei der Öffnung der Kisten anwesend waren, dermaßen erschrocken über die neue Malart des Norwegers, daß sie nicht einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmählich die angebotene Gastfreundschaft kündigten.
Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße, also an der damals verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.
Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte, die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren phantastischen Eindrucksbildegetreu, von dem das Herz des Künstlers erschüttert worden war.
Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei den Jahresausstellungen der „Independants“ beobachtet, daß das Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem Lachen sich abwendete.
So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte!
Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.
Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten zuerst ähnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohlmiterlebt hatte, aber deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.
So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.
Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt, farben- und formenunmöglich angesehen wurden. —
Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste entgegenhalten.
Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.
Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der großen Tafel des Lebensfestes, sind die, die beschränkterweise allem neuen Lebensfestlichen mißtrauen, dieschelten und unverständlich schielen auf die anderen Festlichen.
Doch können sie nicht die unendliche Schöpferlust hindern, und lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden übergehen, bleibt jenen Störern doch nichts anderes übrig, als dem Fortgang des Festes nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre Trägheitswiderstände überwindet. —
Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft, ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mädchengestalt, die einem weißen Runenstein ähnlich dastand und über die kahlen Steinfelder fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.
Diese Eindrücke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in mir eine heftige Sehnsucht nach den Küsten jener urgermanischen Leute, bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprünglicher zu leben schien als bei uns.
Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Lebenlang nur Wälder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier aufgezählt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprünglichen machtvollen Naturwälder;es waren gezüchtete Baumherden, bei denen der Förster und sein Hund, ähnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht und Ordnung zu halten hatten.
Die Heimatwälder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren staatliche Holzgeschäfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerfülle in die Wälder hineinträumen konnte, waren bei uns längst vorüber. Die Bürger hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen Wälder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus der Vergangenheit zurückrufen.
Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich mich nach kräftigster urweltlicher Ursprünglichkeit, und die fehlte in dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.
Prächtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneidete die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre träumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Länderstrecken hinhalten durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergründlich hellen, gedankenreichen Sommernächten.
Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer wieder dasselbe Haus, das kahl, unschön, nüchtern, in einem Garten lag, dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Stürme hatten den Bäumen erschrockene und ringende Arme gegeben.
Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster und vom Mondlicht grell getüncht auf einem freien Platz im Garten, wild beleuchtet, als würde es von den Bäumen und von Sturmstimmen hell angeschrien. Und im Garten stand das weißgekleidete Mädchen wieder, schmal und weiß wie eine dünne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer Orchidee über dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mädchen, einige Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mädchengestalten, die der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder preßte, unwirklich schlank machte.
Die Figuren waren in dem großen Garten so klein, daß ihre Gesichter im Gemälde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe Irrlichtflammen strebten sie vorwärts, dem Sturm, der durch den Garten jagte, entgegen. Es war, als hörten sie alle zusammen in der großen Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.
Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachtnen Bäumen glich den Maschen eines Netzes, in denen die Mädchengestalten wie kleine gefangene Fische hingen. Das grelle Haus aber über dem Gartenplatz war wie ein Spuk, vor dem die Mädchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten. Sie wußten noch nicht, daß ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle gefangen hielt. —
Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und vielleichtmein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Küsten des Nordens verbinden zu lassen, immer kräftiger in mir.
Und als ich einige Monate später — nachdem ich oft als Gast im Hause Ola Hansons aus- und eingegangen war — mit einem jungen schwedischen Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwünschter als die Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen Westküste zu besuchen.
Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer Pensionäre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.
Ehe sich aber für mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach den nordischen Ländern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einfluß auf meine Weiterentwicklung waren.
Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan George.
Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht gut möglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die Öffentlichkeit zu treten, und noch nicht einmal an die breitere Öffentlichkeit; sie wurden damals erst in den Kreisen der jüngsten Schriftsteller genannt.
Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den früher genannten Gründen,und mich ganz der Entwicklung eines neuen Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift „Die freie Bühne“, die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.
Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe meinen Roman „Josa Gerth“, der eben erst erschienen war, Richard Dehmel zum Lesen gegeben. Ich hörte zum erstenmal den Namen, den er für sich so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt hätte, die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts wußte.
Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube führte. Ich hatte den Namen des Besuchers nicht verstanden, und ich saß mit dem Fremden vor einem großen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fühlte. Die Haltung des Fremden war sinnend und gedankenvoll, so daß mir jedes Wort im Halse stecken blieb.
Der fremde Besucher hatte einen großen dunkelblauen Kragenmantel an — wie sie damals getragen wurden —, in dem er wie in einer Tarnkappe verborgen saß. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstandich nicht, denn er murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht, was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein und leise zu sprechen — was meinen Vater und meine Umgebung oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
Wohl nahm ich mir ganz schüchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen innersten Gedanken.
Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergründliche Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen hätte. Er murmelte etwas von „erstaunlicher Ausdrucksweise“ und von sehr „farbig“.
Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites weißes totstilles Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.
Dieses Nebeneinanderherdenken war eigentlich ganz nach meinem eigenen Wesen und Geschmack. Erlebt hatte ich das aber noch nicht bei einem Fremden. Der Zeitbegriff hörte beinahe auf, und es war die Stille um uns, von der es in der Bibel heißt: Tausend Jahre sind wie ein Tag.
Dann erhob mein Besuch das furchenreiche Gesicht, das er meistens gegen die Tischplatte gesenkt gehalten hatte. Er sagte, er hoffe, daß ich ihn auch einmal besuchen würde. Und er nannte eine Straßeund seine Wohnungsnummer, die ich aber wieder nur halb verstand.
Wir reichten uns die Hände, und dann ging der Besuch fort, von dem ich immer noch keine Ahnung hatte, wer er gewesen und weshalb er gekommen war. Es blieb mir nur als tiefer Eindruck das tiefe Schweigen, das wir miteinander geschwiegen hatten, jeder auf die Tischplatte schauend.
Draußen über Berlin schneite es, als der Mann in der Tarnkappe fortgegangen war. Der tiefgesenkte Schneehimmel schien den Besuch fortgenommen zu haben. Er war wie von schweigenden Wolken verschluckt worden.
Einige Tage später, als ich Przybyszewski besuchte, fiel zufällig mitten im Gespräch aus Przybyszewskis Mund der Satz: „Richard Dehmel wollte Sie besuchen. Ist er noch nicht bei Ihnen gewesen?“
„Nein,“ sagte ich ahnungslos. Denn ich hatte mir unter Richard Dehmel keine Vorstellung gemacht, wie man sich von einer Stadt, die man nicht gesehen hat, keine Vorstellung machen kann. Den fremden Besuch brachte ich eigentümlicherweise gar nicht in Zusammenhang mit einem auf Erden lebenden Menschen. Er war wie die Schneeflocke gewesen, die lautlos ans Fenster kommt und zergeht, ehe man ihre Form noch recht erkannt hat. Er war mehr als ein Lebender und zugleich auch weniger als ein Lebender gewesen, unwirklich und wirklich, wie ich vorher noch keinem begegnet war.
Darnach wieder, bei einem späteren Besuch bei Przybyszewski, sagte mir dieser: „Richard Dehmelbehauptet, er sei bei Ihnen gewesen. Und ich soll Ihnen sagen, er erwarte, daß auch Sie ihn bald besuchen.“
Da begriff ich erst und erkannte auch durch Fragen, die ich an Stanislaus Przybyszewski stellte, daß jener Mann mit dem durchfurchten Gesicht Richard Dehmel gewesen war.
Aber Przybyszewski, der unruhige und geistig immer lebendige Pole, wenn er von Richard Dehmel sprach, verwandelte er mir den Mann, der mich besucht hatte, ohne daß er es wußte oder wollte, in eine andere Gestalt, und darum bekam ich bei seiner erstmaligen Frage, ob ich Richard Dehmel gesehen hätte, keine Ahnung davon, daß mein unbekannter Besuch Richard Dehmel gewesen sein könnte.
Als ich dann meinen Gegenbesuch machte und in einem großstädtischen Hause in der eben fertig gebauten Elsässer Straße im Treppenhaus auf einem schönen stattlichen Messingschild den NamenDr. phil.Richard Dehmel las, konnte ich mir den Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der wie Christus die Sorgen der ganzen Welt zu tragen schien, nicht in diesen Renaissancebau hineindenken.
Und auch als ich dann in einem mattblauen Schreibzimmer stand und durch die Flügeltür nach einer Weile ein schmaler feingliedriger schlanker Mann von ungefähr dreißig Jahren hereinkam und mich begrüßte, da konnte ich in der Figur, die neulich unter einem weiten Kragenmantel verborgen gewesen, den Mann, den ich im eisigen Besuchszimmer meiner Hausfrau gebeugt vor der Tischplatte hatte sitzen sehen, nicht gleich wieder erkennen.
Nur die angenehme leise Stimme erkannte ich wieder, aber die Furchen im Gesicht waren lachendere Furchen, lebensbewegter und nicht nur Sorgenfurchen, wie ich sie zuerst falsch gedeutet hatte. Es war ein von Begeisterung und innerlichen Ekstasen durchwühltes Künstlergesicht, über das ich erstaunte, weil es für seine jungen Jahre schon mächtig lebenserschüttert schien.
Aber immer noch nicht kannte ich den Dichter Dehmel. Denn ich hatte noch kein Gedicht von ihm gelesen. Dann erlebte ich jenen, mir unvergeßlichen Abend, an welchem Dehmel mir sein Gedicht „Christus der Künstler“ vorlas. Wir saßen bei ihm bei der Lampe an einem Tisch, und Dehmel, in gesteigerter Begeisterung, las stark ergriffen und hingerissen, wie es seine Eigenart ist, vor.
Auf meinem Stuhl war mir, als hätte man denselben mit mir mitten in eine Meeresbrandung gestellt. Ich begriff weniger das Gedicht als die Art des Dichters, der mit einer Urweltstimme fortgesetzt donnernd zwischen den Zeilen meinem Herzen zuzurufen schien: „Begreifst du nun, du elender Nichtigkeitswurm, daß der Glaube an die Dichtung Dichtung schaffen kann und Dichter gebären kann, auch wenn das Zeitalter von Prosa, Naturwissenschaft und Nüchternheit strotzt!
Ein Gedicht bleibt ewig die Krone der Schöpfung. Wie konntest du so armselig sein und nicht mehr glauben, daß auch die Neuzeit Gesänge anstimmen muß! Daß auch die Zeit der Lokomotiven, der Telegraphie und des elektrischen Lichtes Sänger habenwill und muß, die in Reimen, in begeisterten Versen und ewigen Liedern Verkünder der Menschengefühle sein müssen!
Kleinmütiger, du glaubtest, die Zeit des Liedes sei vorbei? Du glaubtest, die Zeit der nüchternen Arbeit habe die Zeit der festlichen Gefühle verdrängt, habe die Menschen so taub und blind gemacht, daß keiner mehr Ruhe finden könne, sich in ein Gedicht zu vertiefen! Du glaubtest, äußerst ehrlich zu sein, als du dem Liederdichten entsagen wolltest und nur zum erzählenden Wort deine Kräfte sammeln wolltest!
Du irrst gewaltig. Du hast freiwillig verzichten wollen auf den Weg zur höchsten Menschenhöhe, um wahr gegen deine Zeitgenossen und dich selbst zu handeln! Werde wach, und sieh auf mich, den Gläubigen, der vor der Muse mit Begeisterung niederkniet und der durch das Alltagsgeschrei hindurch an Lied und Dichtung inbrünstig glaubt!“
Da kam eine Träne in mein Auge, und als Dehmel sein Gedicht fortlegte und die Brandung seiner Stimme im Zimmer verschollen war, bemerkte er die Träne, die ich gerne versteckt hätte, und wir schüttelten uns die Hände, und er sagte:
„Habe ich das wirklich fertig gebracht mit meinem Gedicht, daß du weinen mußtest?“
„Ja,“ sagte ich. Doch konnte ich ihm nicht all die aufgewühlten Gedanken erklären, die mich plötzlich umgewandelt hatten von einem dichtungsungläubigen in einen dichtungsgläubigen Menschen.
Und diese Weihe und diesen Glauben, den ich von dieser Stunde an wieder für Lied und Gedichtüber mich kommen ließ, der ist nie wieder von mir gewichen und steigerte sich von Jahr zu Jahr, sich in Kraft umsetzend. —
Die andere Begegnung, die mit Stefan George, war nicht von dieser stark hinreißenden Art gewesen, aber sie bestimmte und festigte ebenfalls in mir die neue Überzeugung, daß der Wunsch, Dichtungen in Versen und Gesängen zu schaffen, trotz des Maschinenzeitalters und trotz der Wirklichkeitskunst, die auf den Bühnen in jenen Jahren Feste feierte, nicht unmöglich war. Wenn auch der augenblickliche Zeitgeist sich ablehnend gegen das Lesen von Gedichten verhielt, so war es doch ganz unmöglich, daß deshalb die Dichter und die Dichtung aussterben und nur die Erzählungskunst und die Bühnenkunst allein weiterleben sollten.