Chapter 7

„Das ist doch nicht Ihr alter, ernster, Ihr stattlicher und rüstiger Vater, der da drinnen von der Kanzel spricht,“ sagte ich tief erstaunt zu dem jungenSchweden, nachdem ich einen Augenblick sprachlos draußen vor der Kirchentür gelauscht hatte. „Das ist doch nicht seine natürliche Stimme, mit der er sonst so weise, vornehm und würdevoll im Hause mit uns spricht.“

Der junge Mann sah mich an und lachte. Er hatte seinen Vater oft predigen hören, und er begriff nicht recht, daß ich die Stimme des alten Herrn nicht wiederfinden konnte.

„Das ist er nicht! Das ist ganz unmöglich,“ behauptete ich. „Das ist ein fremder Geistlicher. Sicher hat sich Ihr Vater heute von einem anderen Prediger ablösen lassen.“

„Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder,“ meinte nun der Sohn ernst werdend.

„Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht,“ sagte ich, „dieser Stimme will ich jedenfalls nicht zuhören. Diese Stimme kommt mir so unwahr und so unmenschlich vor, daß ich dem Menschen nicht zuhören will, der diese Stimme hat. Wie kann man bei schönem Frühlingsonnenschein so wimmern, wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme unvernünftig. Der Frühling lacht auf den Steinen, und die Steine selber sehen in der Sonne so festlich aus, daß ich es eine Sünde finde, wenn ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequältes Gewimmer aufschlägt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und meine Menschenwürde plagt.“

„Es ist aberdochmein Vater,“ lachte jetzt wieder der Schwede, der meine Rede mehr lustig alsernst fand, und den es plötzlich gewaltig unterhielt, daß sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. „Das ist seine Amtsstimme,“ sagte er. „Mit dieser Stimme muß er zu den Bauern und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht den Worten, die er zu sagen hat.“

„Dann können die Worte nicht wahr sein,“ meinte ich und murmelte diesen Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die Türspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergnügt wieder zurück und sagte:

„Natürlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen.“

Und wir gingen und wanderten, immer noch über den alten Herrn und seine Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten lachend über das frühlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das so aufrichtig und unverhüllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher Würde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nureinetiefe Weltallsprache und nureinefestliche Lebensstimme kannte.

Später zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr großgeistig genug, unsere Aussprache über seine zwei Stimmen, die wir vor der Kirchentür hatten, und die ihm sein Sohn erzählte, lachend und humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklärung meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich hätte geben müssen, enthoben.

Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung beschäftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder aufdrängen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg ich über meine Gedanken.

Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner Lebensunerfahrenheit älteren und in ihren Bürden und Gedanken weiß gewordenen Männern gegenüber nicht fürwitzig benehmen wollte, aber hauptsächlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Körper durchkosten und anwenden wollte.

Ich schwieg aber nicht bewußt, ich fühlte nur unbewußt: die Zeit wird kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.

Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, daß man glücklich, weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen könnend, auch zu den ältesten und zu den jüngsten Leuten wird sagen können: „Seht, ich weiß einen Weg, einen Gedankengang, der alle Handlungen des Menschen, die Tätigkeit und die Ruhe, die Freude und das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen Jahrhunderten der Menschheit möglich gewesen ist.

Sich Schöpfer und Geschöpf fühlen, ob man nun Handwerker oder Dichter ist, Mannoder Frau, König oder Knecht, sich zu fühlen als Besitz aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken.

Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie jene Götter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfühlend, allweise sein. Ihr werdet allmilde, allgütig und gestreng sein, mit euch und allen Leben. Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung eine natürliche Schönheit geben.Und ihr werdet euch alle nicht mehr erniedrigen müssen, mit Doppelzungen zu reden.“

In den nächsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentüre umgekehrt war und mich von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach und sagte mir, daß ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme erschrocken wäre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten dürfen als den mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis zur Schulentlassung hatten verbringen müssen.

Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentüre die Drachenzeichnungen alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinenempfingen und einem mächtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht des ungebändigten Landes und bei der Nähe des ungebändigten freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung einfügte. So daß ich schon davon allein, vom Klang des jammernden Predigttones, bedrückt worden wäre, auch wenn ich gar nicht die schöne vornehme und kräftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her gekannt hätte. —

Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund, Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und abgelegt werden können durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine zweite Lunge.

Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das Weltamt, und keines darf das andere an Würde überbieten wollen.

Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie die Amtsarbeit außer dem Hause, die Würde verbreiten soll in das Leben der Menschenmassen.

Aber es war außer der Stimme auch der Schrecken über die Lehre von der Erbsünde und über die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im Frühsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentür überfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe und Leid undSorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und sehnsüchtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme schien die Tagessonne auslöschen zu wollen.

Ich versuchte es in den nächsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause öfters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl im großen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von jenem Sonntagmorgen her wie ein trüber Spuk noch im Geiste stand, in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem Wikingerhäuptling ähnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.

Es war mir das aber ganz unmöglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief und gewichtig, verständig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte sich auf einer allmenschlichen Güte und Würde, und in seinen blauen blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen weißen Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig unterstützte, dann war das ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Würden seit vielen Jahren beherbergt hatte, für mich mehr festliche Kirche als die Kirche, zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mußte und zu Gespenstern predigen mußte.

Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrängt von neuen Tagen und neuen fremdartigen Eindrücken.

Eines Tages, als wir auf der Höhe beim Pfarrhaus standen, der junge Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand silbern erscheinen ließ, da sagte mein Freund zu mir:

„Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot und segeln mehrere Tage.“

Es war nun Mitte Mai, und überall zwischen den Steinen grünte es, und die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grünen Wimpeln, und die Sonne ließ sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der Hand über das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im hellen Maisonnenschein behauptete, heute wäre noch Sturm auf dem Meer. Aber morgen würde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage gestürmt habe.

Da fühlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich. Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fühlte, daß der Wind scharf an uns anprallte, alswir da in der Sonne unterm wolkenleeren Himmel auf dem Granithügel standen. Also mußte es draußen auf dem Meer bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.

Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen, die man am Horizont wie den weißen Dampf aus einer Kanone über dem sonnenglänzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.

Am nächsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus geführt. Alles schlief noch. Die Mägde hatten vergessen, uns Milch ins Eßzimmer zu stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.

Um zur Milchkammer zu kommen, mußte man durch die große Mädchenkammer gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wänden befanden sich in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, daß sie kaum den üppigen Leib der Stall- und Küchendirnen fassen konnten, die da schliefen. Die Mädchen ließen die nackten Arme auf die Dielen herunterhängen, schöne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie sie dem schwedischen Volke eigen ist.

Die lautlose Kammer im dämmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzüge der drei kräftigen Geschöpfe gutmütig auf- und niedergingen, war wie ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprünglich, naturwüchsig und festlich irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mägde, die da den Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.

Während ich noch unter der Türe stand, ging der Schwede in die Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht enthalten, im Vorübergehen mit einem Löffel einige Tropfen Milch einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestörte öffnete die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst für zwei Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rückte auch die Arme nicht von der Stelle. Sie lächelte ein wenig, schloß die Augen und atmete weiter.

Wir schlossen wieder vorsichtig die Tür, und nachdem wir die Milch lachend getrunken hatten, verließen wir das Haus und kletterten auf den Wagen.

Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zügel gab und, uns grüßend, sich zurückzog und der Wagen mit Lärm den Hof verließ, sahen wir hinter den Erdgeschoßfenstern der Mägdekammer alle drei Mägde hinter den Scheiben stehen. Sie drückten ihre Nasen an das Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.

Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen Schweden behagten auch die Landmädchen mehr als die Stadtfräuleins. Beijeder Gelegenheit sprach er ein wenig spöttisch über Stadtdamen und lobte die gesunden einfachen Bauernmädchen seines Landes, deren Stallgeruch ihm angenehmer war als die überfeinerten Wohlgerüche der Städterinnen.

Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. „Sie sind nur eine Firnismasse und keine Menschen,“ behauptete er. „Es sind Wesen mit Schminke und Puder maskiert, verstandesmäßige, geldgierige Geschöpfe, deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von allen natürlichen, einfach menschlichen und warmen, gütigen Gefühlen.“ Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe ihn diese Stadt geekelt.

Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hörte diese Äußerungen mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur loben hören. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische; dem Widerwillen, der die beiden Völker wie Hund und Katze in den tiefsten Instinkten einander nie natürlich befreundet macht, wenn nicht gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefühl war ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des jungen Schweden.

Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an der Küste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu können. Nun fand ich Fjellbackafrühlinghaft wieder. An der steil zum Meer abfallenden Hauptstraße standen die schmucken Holzhäuschen frisch weiß und gelb und blaßblau und rot bemalt, und in den winzigen Vorgärten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grünten sparsame Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, ähnlich dem Schluck Wasser, der in der Wüste den Wert von Menschenleben hat.

Fjellbacka heißt: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhäuschen kleben hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen Felsenwand, die dort zum Meer abfällt. Im Dorf sind winzige Gäßchen, und manches Häuschen ist nicht viel höher als ein Mensch. Manches Fischerhaus hat nur eine Küche und eine Stube, aber glänzt von Sauberkeit innen und außen. Die Gassen sind von Felsen natürlich, höckerig gepflastert, und jeder Schritt muß erklettert werden über kleinen und großen Granitbuckeln, die auch hier wie überall in Bohuslän in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den Umfang einer ganzen Provinz behauptet.

Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hölzernen Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzählige kleine Boote der Fischer und Händler von Fjellbacka angeseilt.

Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel undabgrundfinster das Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weiße blinde Eisfläche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten bunten Fischerboote zurückspiegelten, als wäre das Wasser mit gelben, roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter draußen wurde das Meer ein dunkelgrüner Abgrund.

Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufüllen. Ich hatte das Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelfläche gesehen und ganz vergessen, daß es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor einigen Wochen war mir die Meeresoberfläche, die vereist gewesen, wie ein weißer Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von Tiefe gesprochen und von keiner Unergründlichkeit, vor der ich jetzt staunte.

Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein großer Genuß, sich vorzustellen, daß wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserfläche hin über Abgründe, in denen alle Möglichkeiten des Todes lauerten, schweben sollten.

Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen Meerplatz bei der Küste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie von hintereinanderliegenden Hügeln begrenzt wird, das Meer hat hier durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemütliches. Man war hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.

Ungefähr in der Mitte dieses eingeschlossenen Meerplatzes liegt ein winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fuß hoch über den Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch steht, sondern wo nur ein paar Holzgerüste zum Trocknen von Fischen errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten aufgerannt und untergegangen.

Dieses erzählte mir der Schwede, während wir jetzt im schönsten Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorüberkreuzten. Und es war mir wunderbar, auszudenken, daß Steine aus dem Meere wachsen und daß neue Welten sich bilden, und daß das hundertjährige kleine Inselchen noch wie ein Kind im Verhältnis zu den großen Inseln draußen war und doch schon hundert Menschenjahre zählte.

Und auszudenken, daß da einmal, wo wir jetzt über Abgründen, mit Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser verschwunden sein würde und überall Land auferstehen würde!

Daß dann da Menschen gehen und Häuser bauen würden, wo jetzt Wasser war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so würden Menschen hier walten, und niemand würde sich dann der Menschen von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand würde an uns beide denken können, niemand an diesen Tag, an dem wir hier Wirklichkeit waren.

Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hände, die jetzt eben in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der Windrichtung anpassen mußten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen mußten, um unsere Leben über die Abgründe zu bringen, die unter uns lagen.

Und auszudenken, daß unsere Schatten und der Schatten des Schiffes, die als schwarze gezeichnete Flecken über die grüne Wasserfläche mitfolgten, nicht körperloser waren als die Körpermasse des Bootes und unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, daß das Holz des Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Körper aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in nichts voneinander unterschieden. Sie würden, wenn hier das Wasser verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhäusern darin geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im Grunde körperlose Schatten.

Und diese Betrachtung, die sicher täglich an verschiedenen Orten der Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des Sichhineinfindenmüssen in die lästige Vergänglichkeit.

Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als eine persönliche Beleidigungan, als eine Beleidigung, die ihnen jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, daß er stärker wäre als sie.

Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die Vergänglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu Ende zu denken ist.

Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind aus der Vergänglichkeit hergekommen, aus der Unergründlichkeit, und gehen in die Unergründlichkeit. Wir gehören also dem Unergründlichen immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen.Aber wir gehören ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur Wirklichkeit kommen konnten.

Da einmal für uns die Möglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben zu kommen, so können wir ruhig annehmen, daß diese Möglichkeit schon tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir müssen verstehen lernen, daß wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit gekommen sind, und daß wir viele tausende Male immer wieder dieselbe Möglichkeit finden werden. Die Unergründlichkeit, der Tod, hält uns nicht für ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig festhält.

So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die alten Ägypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem neuen Zusatzunserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen Erkenntnis, daß jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des ganzen Weltalls so gut in sich trägt, in seiner ihm angeborenen Unergründlichkeit, wie er auch die Schwächen seiner kleinen Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trägt.

Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schließen müßt. Ihr müßt lernen, mit weisem Lächeln eurem Verschwinden nachzusehen. Ihr müßt es feiern lernen, daß eure kleine Wirklichkeit vergeht und immer wieder vergehen muß, und müßt wissen,daß ihr immer besteht als unvergänglich, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar verlaßt; das Festspiel des wirklichen Lebens behält euch immer.

Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle, dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der ich heute die Segelfahrt genieße, sie werden in abertausend Jahren verschollen sein, dann werdet ihr lächelnd sagen:

Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genußreich, und es gibt noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und in denen wir wieder aufleben werden.

Ein schöner Tag, eine schöne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen nicht weniger schön, weil sie vergänglich ist. Denn jedes Menschen Unergründlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine Unergründlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem Boot, und die viel tiefer ist als alle Höhe über dem Boot.

Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut aus dem Wasser neben mir herauf, sie dröhnt aus dem Holz des Bootes, sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und alle Dinge rundum unergründlich ansieht.

Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen möchtet, der ihr nachseufzen möchtet, da doch die herrliche erhabene Unergründlichkeit — die ihr besitzt, und die euch besitzt — weitaus großartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen beleuchtet!

Darum seufzt nicht über die unwirkliche Vergänglichkeit. Nichts stört euer großes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem Fest, immer und ewig. —

An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten. Die vielen Möwenvölker, die im Winter dagewesen, waren jetzt fortgeflogen. Sie sind im Sommer draußen, sagte mir der Schwede, auf den äußersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brüten. Nur hie und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der geheimnisvollen Gassen.

Ich mußte an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwänden in den Wasserläufen imBoote hinglitten. An ein versteinertes farbiges Venedig! Während wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwänden fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwände auf und purpurbraune getürmte Riesenblöcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom feuerblauen Frühlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dämmerigen Inselgassen hell überdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grünem Schattengrund, als wäre das Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefüllt.

Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkoloß an, der die Menschenstimme zurückgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer Felsenspalte ein verlassenes Birkengebüsch im Morgenwinde.

Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen unbekannten Leben: die Gedanken und Gefühle der Fische, die Gedanken des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die Gedanken und Gefühle vorüberstreichender lautloser Vogelpaare, die Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte, angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.

Solchen innersten Zusammenkünften der Gedanken-und Gefühlswelt, die der Wald oder der Fluß, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergründlichen Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die natürlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen Menschen, die fühlen und wissen, daß nicht der Mensch allein dem Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.

Keine bewußten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung und jenes Klügerwerden klar. Aber der ganze Mensch fühlt sich, wenn er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung, die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurückgekehrt, lebensbestärkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch lebensklüger und lebensreicher zu den Mitmenschen.

Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das wärmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also in der Natur stärken. Es sind die unbewußten Unterhaltungen und Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergründlichkeit des Menschen mit der Unergründlichkeit der anderen Lebewesen zu einem großen Schöpfergefühl vereinigt. Wobei das Geschöpf Mensch, ohne daß es sterben muß, totenstill und wunschlos wird und in Fühlung tritt mit seiner Unermeßlichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.

Nicht bloß dem höher gebildeten Menschen, auch dem geistig tiefstehenden, ist es unbewußt innigstesBedürfnis, von Zeit zu Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefühl dem Urweltgefühl der Naturleben bewußt oder unbewußt hinzuhalten und so für Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. — Der Dichter aber, der aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergründlichkeit mit der Unergründlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein tiefstes Menschengefühl, sein Liebesgefühl zu einem Menschen, in die Natur hinausträgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines unermeßlichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefühl hintrug, die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen läßt und seine Unergründlichkeit mit ihrer Unergründlichkeit umgibt.

Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten täglich wechselnd vorüberschreiten, so werden sie — wenn ein Dichter immer mit dem gleichen warmen Liebesgefühl von seiner Geliebten kommt, oder wenn er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht kommt, oder wenn er beglückt von ihr in Freude kommt — so werden sie immer wieder, wenn er mit seinem unergründlichen Liebesgefühl die anderen unergründlichen Leben betrachtet, für jede seinerStunden, die er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen Perle schenken.

Und jedes so entstandene Gedicht wird anders singen, und es ist da kein bestimmtes Versmaß, das dem Dichter vorgeschrieben ist, als das Versmaß seines Herzens und seiner Umwelt. Denn das Weltall kann dem Dichter das Liebesgefühl täglich in neuen Versmaßen zusingen, so daß er eine tausendtönige Stimme erhält, und jeden Tag eine neue Melodie. Und später sieht der Dichter auf einen unermeßlichen Melodienreichtum zurück. —

In der geheimnisvollen Inselstadt, deren Häuser mammutartige Klippenblöcke waren und Klippenberge, dort war, ganz verloren und vereinzelt, manchmal eine Menschenhütte hingestellt, ein gelbes oder rotes Holzhaus eines Fischers, mit weißen Tür- und Fensterleisten, schmuck und freundlich. Ein solch einsames Häuschen wirkte aber wie verhext, wenn es hinter einer Klippenkante auftauchte und in den glasgegossenen Meergassen scheinbar dem Boot entgegenschwamm.

Wir stiegen bei einem solchen Haus aus, der Schwede und ich. Das Holzgebäude stand etwas vom Wasserspiegel abgerückt, ein paar Schritte fort auf Steingeröll, aber es hatte eine bretterne Landungsrampe auf Pfählen vor sich. Sonst wäre es unmöglich gewesen, an den steil ins Wasser abfallenden Felsenwänden zu landen.

Grabesstille war auf dem kleinen Geröllplatz. Das gelbe Häuschen und ein paar rotbemalte Holzschuppen daneben leuchteten uns an, als wären sievon einem gelb und roten Feuer beschienen. Erstaunlich farbig standen die Gebäude hier bei den grauen Gesteinmassen. Und nichts rührte sich rund um die Hauswände.

Nur ein paar Geröllsteine klapperten unter unseren Füßen und waren wie Wächter, die ein Signal geben. Dann schob sich eine Frauengestalt aus der Haustüre und kam uns in der Morgensonne einige Schritte entgegen.

Als der Schwede seinen Namen nannte, verstand die Frau, daß er des Pfarrers Sohn war, und ihr erstauntes Gesicht wurde freundlich.

Sie hatte ein einfaches dunkles Kleid an, und in der Stube, in die sie uns hineinführte, waren mir Tisch und Stühle, Schrank, Spiegel und Sofa und die Bilder der Königsfamilie so erstaunlich wie das Kleid jener Frau, denn alle diese Dinge waren aus derselben Zeit wie wir.

Ich würde aber eher erwartet haben, daß eine Wikingfrau im selbstgewebten Mantel uns in ein leeres Wohngewölbe geführt hätte, wo nur ein Herd und Felle an der Erde den Gast empfangen hätten.

Denn ich war durch Jahrtausende gefahren in diesen Morgenstunden in den Inselgassen und mußte mich erst wieder damit zurechtfinden, daß ich in meiner Zeit geblieben war. So ungeheuerlich war die Einsamkeit zwischen den Klippen hier gewesen, daß, als wir das Boot angelegt hatten, es mir schien, als hätte ich seit Menschenalter kein Land mehr betreten, und als hätte ich viele Leben gelebt.

Ich war auf der Herfahrt, über den Bootsrandschauend, in der Wassertiefe oft einer der Dorsche da unten gewesen. Ich hatte auch als ein Muscheltier in vielen Muscheln gelebt. Ich war auch als Qualle neben dem Boot hergekreiselt. Ich war auch als einzelne Möwe den Möwen nachgeflogen hinaus zu den Brutstätten. Ich war ein Birkenstrauch gewesen, eingeklemmt in eine Klippenspalte, und hatte die Morgensonne auf meinen Blättern spielen lassen.

Und ich war unzählige Male ein roter Stein und ein gelber Stein und ein brauner Stein und ein grauer Stein gewesen und hatte angeschwemmten Tang jahrelang an mich anwachsen lassen und kleine Schnecken. Und ich bin in der Ebbezeit ein wenig aus dem Wasser gestiegen und bin in der Flutzeit mit meinem Tang und meinen Schnecken, vom Wasser überspült, unsichtbar geworden für die Oberwelt.

Ich bin in so vielen Leben gewesen, die ich vorher nicht gekannt hatte, so daß es mich sehr erstaunte, als die Frau in dem Haus an der Klippengasse in denselben Kleidern zu mir trat und in dieselben Möbel mich niedersetzen hieß, die ich in Fjellbacka, wie mir schien, vor Tausenden von Jahren verlassen hatte.

Denn wenn ich im Boot an Menschen dachte, so hatte ich vergangener Menschen Leben in den Meergassen nachgelebt. Unser Segelboot hatte sich unzählige Male in das Drachenschiff eines Wikinghäuptlings verwandelt. Denn diese Wasserläufe, durch die wir kreuzten, hatten früher die Spiegelbilder der Boote der Wikinger vor Tausenden von Jahren verschluckt und widergespiegelt. Und die Felsen hattendamals die Stimmen der erzenen Wikingschilde und die Zurufe der Männer in sich verschluckt und konnten sie zurückrufen, wenn wir an sie dachten in der Totenstille.

Dieses gewesene Leben früherer Menschen, das ich auch gewesen bin und wir alle gewesen sind, tönte mit seiner Unergründlichkeit von fern in meinem Bewußtsein an, so daß ich die Gegenwart nur noch verschollen fühlte, und alle Vergangenheit war Macht und Wirklichkeit in mir geworden.

Und so werden auch wir Heutigen einmal über die Zukunftswelt Macht haben, wenn wir Großes getan, Starkes, das sich den Zeiten einprägt wie der Name des Wikingervolkes. So werden Menschen in fernen Zeiten für Augenblicke uns wieder zur Wirklichkeit rufen können, indem wir Besitz von ihren Sinnen, ihrem Geist und ihrem Herzen ergreifen dürfen, und unsere Menschengestalt wird auch für Augenblicke durch zukünftige Menschen wieder zur Wirklichkeit hintreten können. Denn die Menschengestalt, die wir im Tode ablegten, auch sie kennt keinen Tod. Auch ihr Zerfall wird wirklich und unwirklich sein, wie alles Weltalleben. —

Die Fischerfrau, die uns empfangen hatte, erzählte uns, daß ihr Mann nach Fjellbacka gefahren sei; aber wir waren ihm in dem Labyrinth der Inselgassen, da wir auf Umwegen kamen, nicht begegnet. Sie kochte dann für uns Kaffee. Jede einzelne alltäglichste Handlung in diesem einsamen Hause, das umgeben vom breiten Rahmen einer unergründlichenStille dalag, war hier in dieser Weltferne wertvoll und wichtig, jede Handlung wurde bedeutungsvoll wie ein Kunstwerk im Rahmen künstlerischer Ruhe.

Ein wenig Reisigfeuer prasselte in der Küche auf dem ganz neuzeitlichen eisernen Kochherd, der wahrscheinlich von Gothenburg nach Fjellbacka gebracht worden war. Aber selbst dieser geschmacklose und sonst unschöne Gußeisenherd konnte in dieser Einsamkeit nicht einmal unschön wirken. Er sprach von Treuherzigkeit und Einfalt, ließ die Funken knistern und krachen und zeigte Hilfsbereitschaft wie die Hände der Frau.

Der arbeitende Eisenherd war in der Weltferne hier ein lebendes Wesen geworden, hatte Lebensberechtigung und Lebensbedeutung und war beteiligt am Wohl des Häuschens und verschwand nicht hinter dem tausendfachen leeren Lärmen des Tages, wie die Dinge in den menschenreichen Städten heutzutage hinter dem lärmenden Menschenleben, dem überanspruchsvollen, verschwinden müssen und nur stumme Sklaven sein dürfen, statt mitlebende Freunde und Berater.

Daß wenig Gerät im Hause war, das war es vor allem, was allen Dingen Bedeutung und ein Sichtbarwerden ihres Lebens zukommen ließ. Die Stühle und das Sofa kannten die Frau so gut, wie die Finger an ihren Händen sie kannten.

Da waren im Häuschen auch keine großen hallenden, toten Räume, die totgeborenen Geschöpfen gleichen, wie sie der Mensch in den Städten nur seiner Eitelkeit, seinem leersten Gefühl zuliebe erstehen läßt.

Solche Eitelkeit ist nicht einmal ein Gefühl, so wenig wie der Sonnenreflex Sonne ist. Eitelkeit ist nur zurückgespiegeltes Gefühl. Eitelkeit ist hinter allen Gefühlen immer nur eine Gefühlsleiche, und ihr Anblick erkältet und läßt kein warmes Leben aufkommen. —

Dieses Häuschen war für seine Bewohner nicht mehr als eine Nußschale um einen Nußkern. Und mehr Schale, als der Kern braucht, mehr sollte der Mensch an Geräten und Haus nicht um sich sammeln. Sonst wird die Schale zum Ballast, und der Kern erstickt dumpf und wird schimmelig und verwest im ungesunden Druck der Eitelkeitslasten.

Die Fischerfrau brachte dann ihre guten Tassen, und aus ihrer silbernen Kaffeekanne — die das ständige Hochzeitsgeschenk dort im Lande ist — goß sie uns den Kaffee in die uns anlächelnden ehrwürdigen Tassen. Und ebenfalls in einer silbernen Schale auf hohem Silberfuß stellte sie den Zucker zum Kaffee in die Mitte des Tisches und reichte uns auf einem Glasteller von ihrem Zwiebackvorrat, der zu jedem Fischerhause hier gehört wie das Salz.

Ehe die Frau aber das alles brachte, hörten wir zuerst eine Ziege im Holzschuppen neben dem Häuschen meckern, und der Schwede sagte lächelnd: „Jetzt ist sie zu ihrer Ziege gegangen, um Milch für den Kaffee zu melken.“

Wie wunderbar gewichtig wurde dieser einfache Imbiß, dieser Kaffee vormittags um elf Uhr, der im ganzen Lande Elfuhrkaffee genannt wird und eine Landesgewohnheit ist, da die Leute arm sind und nichtmit Wein oder Bier aufwarten können, wie in den südlichen Ländern.

Während wir dann den Kaffee tranken, setzte sich die Frau höflich ans Fenster, ein wenig abseits, um ihre Gäste nicht durch aufdringliches Zuschauen zu stören. An der Wand unter einem Glaskästchen sah ich die in Holz geschnitzte Abbildung eines Bootes, wie man sie fast bei allen Fischersleuten findet. Gewöhnlich haben einige männliche Angehörige solcher Fischerfamilien die Welt als Matrosen oder Steuermänner auf Frachtschiffen bereist und schnitzen, heimgekommen, zur Erinnerung ihr Schiff. Aber dieses Schiffchen hier war nur das Modell eines kleinen Segelbootes, wie sie in Fjellbacka von den Fischern angefertigt werden.

Die Frau folgte mit ihren Augen meinen Blicken und sagte dann — wie mir der Schwede übersetzte —, daß dieses Boot der eine ihrer beiden ertrunkenen Söhne angefertigt habe.

Sie sagte das einfach und sah mich an und hörte jetzt erst von dem jungen Pfarrerssohn, daß ich ihre Sprache nicht verstünde. Aber das hielt sie nicht ab, auch weiter zu mir zu sprechen, und ich merkte am Tonfall und an dem Blick, den sie bald mit dem Bootmodell und bald mit dem Meer draußen wechselte, daß sie mir das Unglück erzählte, wie es vor Jahren ihre Söhne betroffen.

Und als ich zuhörend unwillkürlich nickte, weil ich begriffen hatte, daß das Boot in der Inselgasse nicht weit vom Hause bei einem Sturm gekentert war, und daß dabei die jungen Leute ertrunken waren, dasah die Frau mich plötzlich ganz entgeistert an und wußte nicht recht, ob sie jetzt gar Deutsch gesprochen hätte, oder ob ich plötzlich bei ihr Schwedisch gelernt hätte. Und sie bat mich, Deutsch zu sprechen, sie wollte sehen, ob sie mich auch verstünde.

Solche Einfalt, welche gläubig ist und nichts für unmöglich hält, konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.

Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin lagen, waren trüb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher gewütet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Stürme immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.

Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Söhnen sprach, und weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nämlich oft ihre Söhne in der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder fortgehen. Die Mützen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tür am Nagel, und die Frau bürstete sie täglich ab. Auch die Bücher, in denen die Söhne gelernt hatten, standen säuberlich abgestaubt auf einem Wandbrett.

In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte die Mutter wohl manchmal geweint, aber dann waren die toten Söhne wiedergekommen. Sie hörte sie oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hörte morgens zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerüstet hatten, ihre Zurufe.

Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und sprach ein paar Worte ins Leere. Aber daß niemand da war und daß beide Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das störte sie gar nicht. Der Todesfall der Söhne war ihr nur wie eine kurze Krankheit gewesen.

Vom Tod waren für die Mutter beide Söhne längst wieder genesen. Sie kamen auch oft herein und sagten der Mutter, daß es Zeit sei, die Ziege zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr nützlich waren. „Es sind gute Söhne,“ meinte sie und nickte mir zu. —

Diese ihre innersten Gedanken aber erzählte uns die Frau nicht. Die hörten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurückkamen, von Leuten, denen es der Mann jener Frau erzählt hatte.

Da ich meine Verwunderung darüber aussprach, daß die Frau die Mützen der ertrunkenen Söhne immer am Türnagel hängen haben wollte, und weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie müsse dadurch täglich von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklärte man mir in Fjellbacka, daß die Frau immer ihre ertrunkenen Söhne kommen und gehen sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fühle.

Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle, die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des Todes, daß sie seine Geschöpfe kaum noch von den Geschöpfen des Lebens zu trennen vermögen. —

Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und kein Lufthauch die Segelantrieb — so daß wir die Leinwand vom Mast abnehmen und abwechselnd rudern mußten —, als wir da in den spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten, an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden jungen siebzehn- und achtzehnjährigen Burschen ertrunken waren, da wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserströmung tot.

Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da waren die tiefen Gassen wie große Grüfte. Da war unser Boot, das ohne Segel mühsam vorwärts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von den Felswänden eine eisige Kälte über uns.

Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien nicht vorwärts zu rücken.

Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger geworden zu sein und schienen uns irre zu führen in ihrem Labyrinth, denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden waren nicht mehr wie am Vormittag unergründliche vorüberkreiselnde Jahrtausende. Es waren schwere unvergängliche Stunden geworden.

„Um diese Stunde mögen sie hier untergegangen sein,“ sagte der Schwede, und er meinte die Söhne der Fischerfrau.

Da hörte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: „Ja.“ Aber ich sah mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran, uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hausejetzt wohl das Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo ihre Söhne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins Boot gekommen.

Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr „Ja“ sagen. Hier um diese Stunde mußte die Mutter, so lange sie in ihrem Häuschen lebte, viele Male des Tages unbewußt mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle kreisen, und dann zog sie die Söhne beide mit Mutterkräften von dem untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen über das Wasser heim. Und die Söhne folgten ihr in die Hütte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. —

Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren wir nach einer großen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des Oberlotsen übernachtet hatten, am anderen Tag zur äußersten Insel im Skagerak weitersegelten.

Diese letzte bewohnte Insel heißt Väderbod, das bedeutet Wetterschutz. Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel hatte einen mächtigen Leuchtturm, und außer dem Leuchtturmwärter, der ein alter abgedankter Kapitän war, befanden sich nur noch ein zweiter Leuchtturmwächter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhöhe, alle drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall für eine Kuh.

Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwürfel aus dem Meer. Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn die drei Bewohner hatten unser Kommen längst bemerkt, und sie hißten uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.

Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man hatte das Gefühl, als würde einen der Meerwind forttragen. Da oben war kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das kleinste Kräutlein, sondern nur eine Steinfläche und in ihr eingehauen einige gähnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.

Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Küste lag im Abend außer Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige graue Wölkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Küste, auf dem pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.

Unendlich toste das Meer hier draußen. Ich fühlte mich anfangs betäubt auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir, als sprächen die Felsenplatten, über die ich trat, vor Sehnsucht zart werdend, vor Sehnsucht nach der Küste, mit meinen Füßen, bei jedem Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wußten nicht, was sie tun sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Füßen berührt wurden, die vom riesigen Mutterfestland kamen.

Es war etwas wie Ratlosigkeit über dem kahlenInselstein, der nie Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen. Aber es war eine freundliche, aus Beglückung stammende Ratlosigkeit.

Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitän, dessen Körperchen flach und dürr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedörrt wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des zweiten Wächters, und der Wächter selbst.

Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schüttelten sie uns abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden Händen. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und Armen, und sie lachten, und sie bückten sich, und sie schlugen die Hände zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und sie schüttelten sich selber gegenseitig die Hände, denn es war ihnen ganz wunderbar, daß sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Männer an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst während des ganzen Jahres nur das traurige Geschäft zu verrichten hatten, Leichen von Schiffbrüchigen, die vorüberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote Menschen fanden sich hier selten ein.

Im Frühjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat für das nächste halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttürme an derKüste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frühjahr zu den Gezeiten ein unglücklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie oder ein paar Zurufe in der Nacht gehört und sahen am nächsten Morgen Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar Schiffsbretter.

Diese Klippe war ein Unglücksblock, düster umstanden von jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer. So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, daß der große Felsenwürfel Tag und Nacht bebte.

Mir aber schien es, als hätten die Wellen den Felsen eben erst hergetragen und als könnten sie ihn gleich wieder fortheben, denn ich war auch eben erst hergetragen worden, und ich hatte meinen Standplatz noch nicht begriffen. So neu und fremd war alles um mich, daß das Leben mir hier wie ein Spuk vorkam, und hundert Verwandlungsmöglichkeiten schienen mir möglich.

Ich selbst fühlte mich ratlos. Der weite Ausblick rundum war schwindelerregend, denn wo ich hinschaute, war ein Abgrund.

Die Kuh im Stall brüllte unausgesetzt, seit wir gekommen waren. Und aus einer Felsenspalte krähte der Haushahn unausgesetzt, der dort mit seinen Hennen lebte. Die Tiere begrüßten uns wie die Menschen verwirrt und aufgeregt.

Es waren da keine Bäume über unseren Köpfen, kein Grashalm am Wege. Nichts Vermittelndes zwischen Himmel und Erde. Nur die glatte geschliffene Felsenplatte zu Füßen und darüber unendliche Luft.

Die Felsenfläche war nicht größer als ein kleiner Dorfmarktplatz. Aber die Häuser fehlten. Nur der Meereswind kam pfeilgerade über den Platz. Kam und ging. Und draußen im Wasser stand hie und da eine Meereswelle aufrecht und bäumte sich gegen eine andere Welle, und beide bildeten zusammen einen weißen Palmbaum aus Schaum. Dort im Meer waren dann die unterirdischen Klippen, an denen die Schiffe so leicht zerschellten.

Bei den Leuten hier auf der Klippe mußten wir übernachten. Es war gegen sechs Uhr abends, als wir angekommen waren, und wir hätten nicht mehr genug Segelwind gefunden, um die Küste zu erreichen. Auch wäre es zu dunkel in den Inselgassen geworden, und wir hätten vielleicht nicht zurückgefunden.

Wir gingen zum Haus hin, und ich hatte bei jedem Schritt das Gefühl, als wenn wir ins Meer fallen könnten. Denn das Meer, das so riesenhaft ringsum lag, übte eine mächtige Anziehung aus von allen Seiten. Am liebsten hätte man sich flach auf die Steinfläche gelegt und mit dem Gesicht in den Himmel gesehen, um von dem Schwindelgefühl frei zu werden.

Wir hatten vorher im Boot das Rauschen des Meeres als einen wohltuenden Rhythmus empfunden.Und erst als die Insel, auf der wir jetzt waren, uns näher gekommen war, waren wir aufgestört worden durch den betäubenden Lärm, durch den Gischt und die überstürzende Flut, durch die waschenden Wellen und ihren donnernden Anprall und durch das gurgelnde Getose der Brandung, das uns mit seinem ohrenbetäubenden Lärm mehr und mehr umfing.

Vermittelst eines Sprachrohres hatten die Leute von der Klippe oben zu uns ins Boot hinuntergeschrieen. Und auch jetzt, oben angekommen, konnte man nicht reden, sondern man mußte schreien und lachen. Man schrie und lachte mit dem Höllenlärm rundum. Erst als im Haus die Türen geschlossen waren, wurde es möglich, die Menschenworte zu verstehen.

Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitän plauderte mit uns zärtlich und kindisch vergnügt, wie ein Knabe, dem man zwei junge Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Stühle an den Tisch, so viele Stühle als er hatte, als wären nicht bloß zwei Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.

„Die Einsamkeit hat ihn etwas närrisch gemacht, den Alten,“ sagte der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitän von seinen Zigarren an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen nach Westindien und von Havanna zu erzählen. Und er erzählte, er wäre auch viele Male im „echten“ Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen und viele Male rund umAfrika und rund um Kap Horn in Südamerika, war teils mit großen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er kannte alle Küsten der Erde.

Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt, und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage nützlich zu verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hände steckten nach alter Seemannsgewohnheit in den Taschen.

Vierzehn Schiffbrüche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt Feuerturmwächter hier draußen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslärm, der hier rund um die Steine war, und er hörte den Lärm schon fast gar nicht mehr.

Obwohl bei jedem Tür- und Fensteröffnen das Meeresgeschrei hereinstürzte, als wenn draußen ein ewiger Mord und Totschlag wäre, war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen Jahresgehalt für den Einkauf neuer großer Standuhren auszugeben. Die Wände waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher Zeit, und ihr Räderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitän hatte seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen, ihre Gewichteaufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.

Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den Wänden säßen und schnurrten, und im dämmerigen Abend sahen auch alle die vielen weißen Zifferblätter weißen dickbackigen Katzengesichtern ähnlich.

Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mächtigen Hummer und geräucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine Schüssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollständig geruchlosen Luft hier draußen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und kein grünendes Maienholz duftete, und Häuser und Menschen vom Wind stündlich ausgepeitscht wurden, so daß kein Geruch an den Kleidern und den Wänden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.

Es roch während der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte. Und man hatte das Gefühl, als wären die angerichteten Speisen alle nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bühne in Theaterstücken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war gleich null.

Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und Fisch unterschieden sich nur durch den stärkeren oder schwächeren Salzgeschmack. Man aß und schmeckte nichts undwar eigentlich um einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hörte nur Lärm, immer wieder Lärm, nie einen gesteigerten und nie einen verminderten Lärm. Man horchte auf den unendlich vielen Lärm und hörte doch nichts und kam sich vor wie einer, der an beständigem Ohrensausen leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehör.

Trat man an ein Fenster, da sah man draußen nichts als eine Linie zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren Leere hingezogen. Und man wußte nicht, was man am Fenster mit den Augen anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen. Und man mußte einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die Fenster aufriß, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in deren Mitte eine einzige dünne Linie.

Da auch die Steine vor der Türe keinen Duft hatten, so schienen hier alle Sinne überflüssig zu sein. Man hätte ebenso gut als Leichnam hier ankommen können. Man hätte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier draußen überflüssig! Das schien der Höllenlärm rundum jedem Ankömmling zuzuschreien. Hier wollen nur Wasser, Luft, Sonneund Stein zusammenkommen! So schrie es aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getöse der Brandung und des Windes.

Und man wird verstehen, daß die Menschen hier alle etwas verrückt wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie mußten deshalb abgelöst werden. Sonst lösten sie sich eines Tages selbst ab und stürzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei, um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lärm nicht überschreien könnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lärm hörte plötzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen Stille.

Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor, daß sie den Lärm nicht hörten. Aber das sagten sie nur, weil sie den Lärm hören mußten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlärm war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab für sie keine Nachtruhe. Wenn die Leute hier schliefen, war der Lärm doch in ihren Ohren, und die Ohren durften nie schlafen. Und der Lärm zerrüttete allmählich die Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblöcke absprengte.

Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine Betten Platz, wie in anderen Häusern, und man schlief in großen Schubladen, die unter Schränken nachts herausgezogen wurden, und worin nur die Hälfte des Körpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man, weil der Lärm den Geistnur zur Hälfte schlafen ließ, sollte auch der Körper nur ein halbes Bett haben.

Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem Meeresgeräusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im Zimmer und hinter den Wänden ihre Pendel rastlos arbeiten ließen. Als müßten sie hier die Zeiten anfertigen, die über das Weltall verteilt werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf los.

Die Frühlingsnächte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das hatte ich an der Küste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier draußen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es während der ganzen Nacht bereits so hell, daß man um Mitternacht am Fenster hätte lesen können.

Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel war gelbgrünlich, so wie die Blätter der Pflanzen leuchten, die in Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwölf Uhr nachts im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort, als sähe man die Sonne blaß unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr kam die Sonne schon wieder wie eine große Elfenbeinkugel aus dem Meer empor. Übernächtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen Teig, einem großen Mondleib, undzeigte nichts von ihrer sonstigen Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag kahl und verlassen da draußen, als bettelte sie selbst um Licht.

Eine Stunde später entzündete sie sich ganz allmählich. Aber der Himmel blieb noch lange hellgrün, als müßte er den Klippensteinen nachts hier draußen im Meer den grünen Schein der Küstenwälder ersetzen, das Grün jener Wälder und Bäume, nach denen die Steine im Frühling zu hungern schienen, das Grün, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.

Wohl sind die Nächte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer Schönheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nächte, nicht wie eine Verschönerung, sondern wie eine Entstellung der Natur. Sie waren wie Einäugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getöteten Blick vom Licht dieser hellen Nächte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man saß nicht ruhig in seinem Körper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten Kräften unsicher gemacht wurde.

Ich wünschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Berserkerwut, die früher unversehens bei den nordischen Völkern einzeln und in Massen ausbrach, und daß auch der große Wanderzug, der die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach Nordamerikagetrieben hat, von den hellen Nächten angeregt wurde, die keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternächten mit übermäßigem Lichtbesitz auch übermäßigen Machtbesitz vorspiegelten und die Männer in die Meerräume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die Sonne jene Nächte aufzuhellen schien.

Am nächsten Morgen rückte der kleine vertrocknete Kapitän, während er alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine Kirche besuchen zu dürfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, daß er gerne mit uns hinüber zur Küste segeln wollte.

Wir dachten nicht weiter darüber nach, ob ihn auch noch etwas anderes zur Fahrt nach der Küste locken könnte, und der junge Schwede sagte zu mir:

„Wenn der Kapitän mitfahren will, dann ist es nicht nötig, daß wir gleich in den Vormittagsstunden zurückkehren. Dann können wir auch erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der Kapitän, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen, und wir brauchen nicht zu befürchten, von der Nacht überrascht zu werden.

Den Vormittag können wir dann damit ausfüllen, daß wir erst noch hinaus nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da Steine draußen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende von Möwen jetzt nisten.“

Wir segelten dann in den Morgenstunden über das blauschwarze Morgenmeer, das uns mit weißköpfigenkleinen Wellen entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes Gebiß.

Das Boot glitt spielend in die Wassertäler und wurde auf halber Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs, in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers wurde immer mächtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen Skagerak. Das Meer überspritzte uns, und wir kamen in die Nähe von hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich über unterirdischen Klippen wie Geisire weißschäumend aufbäumten.

Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger und gefahrloser, einfacher und natürlicher fühlte sich mein Herz werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der Unergründlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverfälschter und unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des verfälschten Menschenlebens entfernte.

Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback mitgegeben. Das Frühstück wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln gelandet waren, verzehren. Aber wir wußten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhöhen, keine Klippen, sondern lagen wie flache große Steinlinsen, jede in einem weißen Brandungskranz.

Der Schwede kannte den Weg nicht und hattenoch nicht hier draußen gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je höher die Sonne stieg, die es blauer färbte, wie ein stahlblauer Garten, in welchem die Brandungen wie rauschende weiße Blütenbäume standen. Weißen Palmen ähnlich, schäumten die verschiedenen Meerspringbrunnen über den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die Schaumwellen und waren ähnlich wirren weißblühenden Hecken.

Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenäther war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.

Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Größen der Gefahren verflüchtigten das wirkliche Dasein derart, daß man sich über Tod und Leben gleichmäßig erhaben fühlen mußte.

Von der Küste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der wir übernachtet hatten, war nur als ein weißes Schaumpünktchen fern im schwarzblauen Meer zu sehen. Wäre unser Boot in einen Meerstrudel gekommen, deren es viele rundum gab, so wären wir im Kreis getrieben, mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der Gurgel eines Tieres. Nirgends hätte man es bemerkt, und niemand hätte Rettung bringen können.

Aber darüber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns eingeladen, und wirfühlten uns als sein Gast, und wir genossen das Bewußtsein der Gefahr und waren ganz Aug’ und Ohr für die Meerfestlichkeit ringsum.

Endlich näherten wir uns einer der Inseln, nachdem wir eine Lücke in der umgebenden Brandung entdeckt hatten, eine Lücke in der weißen Schaumhecke, wo das Wasser stiller war. Es war schwierig, das Boot zu befestigen. Nachdem wir ans Land gesprungen waren, drohte uns die Möglichkeit, daß die zerrenden Wassermassen das Bootseil, auf das wir ein paar Steine gelegt hatten, lockern würden. Und wir mußten uns bei jedem Schritt auf dem kleinen Eiland immer wieder nach unserem Bootsmast umsehen, ob er noch zu sehen war, oder ob das Meer das Boot vielleicht schon fortgetrieben hatte. Es war das kein angenehmer Gedanke, hier ohne Boot ausgesetzt zu sein, auf der Insel, die nur wie ein ovaler Steinfußboden ohne Erhebung und ohne Schutzwand platt wie ein etwas buckeliger, zerbeulter Zinnteller flach in der Wasserwüste lag und bei Sturm im Meer verschwand.

Schon als wir uns der Insel näherten, hatte sich ein Klagegeschrei erhoben, und viele Möwen waren fortgeschossen. Jetzt aber bei unserem ersten Schritt auf dem Stein brauste plötzlich die Luft um unsere Köpfe, als schlüge der Meerschaum haushoch und weißflockig wie ein dickes Schneegestöber über uns zusammen. Es waren Tausende der brütenden Möwenpärchen, die aufflogen, und ihr Geschrei war wie das von tausend Klageweibern. Sie blieben wie ein flatterndes, kreischendesund rauschendes großes Federgespenst alle zusammen oben im Äther über der Insel hängen. Sie ächzten und stöhnten. Sie verfluchten uns und beschworen uns, sie flehten und jammerten. Sie stießen gellende langgedehnte Angstschreie aus. Sie beschworen das Meer und die Wolken, uns Eindringlinge zu vernichten.

Niemals, so lange Möwen hier gebrütet hatten, waren zwei Menschentiere aus dem Meer hier auf das Eiland gekommen. Es war, als verhexten wir ihren Urweltfrieden, an dem nie gerüttelt wurde, so lange Möwen denken konnten.

In den langen, nur handtiefen Rissen und Sprüngen, die sich über die Inselplatte hinzogen, hatten die Möwenscharen dort in den getrockneten Tang unzählige, unauffällige, graugrüne Eier gelegt. Die tausend Mütter, die da, abwechselnd mit den tausend Vätern, gebrütet hatten, besprachen sich jetzt über uns im Himmel unausgesetzt fliegend und durcheinanderkreischend in dichtem Knäuel, und besprachen alles, was wir taten.

Sie sahen uns beim Frühstücken und beim schnellen Baden zu. Und als wir dann auf den sonnengewärmten Steinplatten auf dem Rücken lagen und uns von der Sonne trocknen ließen, da erst ließen sich die Aufgescheuchten in Gruppen bei uns nieder. Denn daß wir uns sonnen wollten, verstanden sie. Das taten die Seehunde manchmal auch, wenn einer aus dem Meer stieg und zu ihnen auf die Steine gerutscht kam und mit offenen Augen schlief, bis der Mittag vorüber war.

Wie ich dann Mövenpärchen bei Pärchen all die silbergrauen schönen Vögel beieinander sitzen sah, da fühlte ich, daß wir Menschen uns nicht so gut auf das Glück verstehen wie die Tiere. Jeder Vogel, jeder männliche, wenn er liebesreif wird, sucht sich sein Weibchen, und ein wenig Tang in einer Felsenspalte genügt ihnen für das ganze Leben als Brutplatz. Und die Möwenfrau und der Möwenmann brüten beide abwechselnd, und beide lehren später den jungen Möwenkindern zu fliegen und Fische zu fangen. Wie einfach ist das!

Aber welch eine Unwelt von Hindernissen wissen die Menschen dagegen vor ihrem Liebesglück aufzubauen! Eine Hölle von Unnotwendigkeiten setzen sie sich in den Weg, die das Lebensglück schwächt, das in der höchsten Lebenseinfachheit am edelsten und reichsten sich darbieten will. —

Die Steinfläche, auf der wir uns befanden, wurde bei hohen Stürmen von den großen Wellen überrollt, und es konnte sich auch im Sommer ereignen, daß bei plötzlichen Wetterstürzen der Seegang mächtig hoch wurde, so daß die brütenden Möwen fliehen und ihre Eier im Stiche lassen mußten.


Back to IndexNext