Chapter 7

Den ganzen Tag vorher hatte ich immer beim Wandern durch die Tempel meinen Reisezweck aus dem Auge verloren, und nur als wir abends die Ruinen verlassen hatten und ins Dorf Kastri zurückgekehrt waren, hatte ich mich wieder an den eigentlichen Sinn meiner griechischen Wanderung von meinem Reisekameraden erinnern lassen müssen. Dann erst, durch das Erinnern, war im Abend Unruhe über mich gekommen: für welchen Erdenfleck soll ich mich entscheiden? Soll ich wirklich meine Heimat hier in Delphi aufschlagen? — Nun aber nach der gedankenstürmischen wachen Nacht wußte ich, daß ich weiterreisen und weitersuchen wollte.

So hatte ich auch bereits in Athen mit mir viele Selbstgespräche geführt. Denn jeden Schritt, den ich in Griechenland bisher getan, tat ich nicht wie ein Vergnügungsreisender, sondern immer wie ein Auswanderer, der heimatlos eine Heimat sucht.

Ich beneidete oft meinen Reisegefährten, der neben mir sorglos und frühlingsfröhlich eine schöne Studien- und Vergnügungsreise machte, während ich, voll Enttäuschungen von Mexiko kommend, die ernsten Gedanken um meine Lebenssorge und die Sehnsuchtsgedanken nach meiner Frau immer zwischen den Zähnen zerbiß, als kaute ich an einer bitteren Wurzel, die ich verschlucken sollte und nicht verschlucken konnte. —

Wie wir wieder auf den Maultieren hinunterreiten sollten nach Itea, war mir nach kurzer Strecke das Sitzen auf dem bepackten Tier, das mühselig und vorsichtig abwärts stieg, zu langweilig. Ich sprang ab und lief voraus über das vieltausendjährigePflaster der heiligen Straße. Es war mir dann, als lachten meine Schritte fröhlich, weil ich nicht oben in Delphi bei dem alten Ruinenfeld geblieben war, und weil ich nicht mehr daran dachte, mich in jener Fremde niederzulassen.

Und die riesigen alten Quaderplatten der Straße, über die vielleicht einmal Homer nach Delphi gewandelt war, und die unter seinen Schritten geklungen hatten damals, wie heute unter unseren Schritten, besprachen sich mit meinem Herzen, während ich eilig bergabwärts schritt.

„Deine Füße sind nicht hier gewachsen und nicht dein Leib,“ sagten die Steine der heiligen Straße zu mir. „Darum wird auch das Brot des Landes deinen Hunger nicht sättigen können, und das Wasser des Landes wird deinen Durst nicht löschen können, und die Luft des Landes wird dir keine Ruhe bringen können, dir Fremden. Männer erstarken nur im Lande ihrer Väter. Sie sollen mutig wandern, aber der Weg des Mannes soll von der Heimat zur Heimat zurückführen.“

„Ihr Steine habt recht,“ sagte mein Herz. „Ihr fühlt zart und fein wie nur warmes Blut fühlt, und ihr redet wahr und aufrichtig wie nur gutes Blut redet.“

„Dann soll auch diese Reise umsonst sein?“ schrie mein Verstand dazwischen. Und es war mir, als gäbe mir der Schreier einen unsichtbaren Schlag ins Gesicht, so daß ich rot und blaß vor Scham wurde. „Soll dein Geld unnütz verreist sein? Sollen dich deine Freunde für einen Narren erklären? Nein,wir kehren nicht um! Blut und Herz sind immer weichlich unverständlich. Wir müssen hier in diesem Lande jetzt ein Haus finden. Haben nicht Tausende die Heimat verlassen? Der Verstand eines Menschen von heute darf nicht heimatsehnsüchtig empfindsam sein. Ich bin härter als ihr alten Steine. Und diese Füße sollen vorläufig noch nicht daran denken, zur Heimat zurückzulaufen.“

„O unheiliger Verstand von heute!“ rief es aus den Pflastersteinen der heiligen Straße. Und mein Herz schwieg verschüchtert.

So kämpfte und wogte es in mir. Kein Weg machte mich müde in meinen Gliedern, aber die Unklarheit über meine Zukunftswege machte mich müde in meinem Herzen und am ganzen Leibe.

Ein Dampfschiff brachte uns dann am Nachmittag hinüber ans andere Ufer der Meeresenge, und von dort fuhr uns ein Zug nach Patras. Aber hier muß ich einen kleinen erlebten Scherz erzählen, der das griechische Volk gut kennzeichnet, das geneigt ist, immer in der Unbegrenztheit der Phantasie zu leben.

Am Schalter des kleinen Bahnhofs, an dem wir Fahrkarten nehmen sollten für den Zug, der von Athen erwartet wurde und der uns nach Patras bringen sollte, fragten wir — uns in französischer und englischer Sprache verständigend — den Schalterbeamten, ob wir, anstatt mit diesem Zug zu reisen, der erst in einer Stunde von Athen hier erwartet wurde, nicht mit einem früheren Zug fahren könnten.

Der Beamte nickte eilfertig und höflich. „Dasginge schon.“ Wir waren erstaunt und konnten nicht begreifen, warum er es uns nicht gleich gesagt hatte, daß es einen früheren Zug gab. Wir forderten natürlich nun für den früheren Zug Karten. Ungefähr nach zehn Minuten könnte der Zug abgehen, sagte der Beamte. Er würde uns dann die Karten auf den Bahnsteig bringen.

Wir fanden es etwas eigentümlich, daß man uns nicht gleich die Karten geben konnte, aber wenn man viel reist, wundert man sich nicht mehr laut, und so schwiegen wir, nickten und gingen dann plaudernd auf dem Bahnsteig auf und ab.

Nach zehn Minuten, als der Mann noch nicht kam und auch kein Zug sichtbar wurde, plagte uns Ungeduld. Wir warteten noch eine Weile und gingen dann zum Schalter. Dort nickte uns der Beamte wieder zu und sagte, er hätte die Berechnung gleich fertig.

Wir begriffen nichts. Aber da wir in fremden Sprachen redeten, glaubten wir, weiter geduldig sein zu müssen, und gingen wieder auf dem Bahnsteig auf und ab.

Kurz darauf suchte uns der Beamte auf. Er hielt ein Aktenpapier in der Hand und las davon ab, daß der Fahrpreis für den Zug nach Patras vierhundertundfünfzig Francs betragen sollte. Wir möchten das Geld hinterlegen, sagte er freundlich. Dann würde er die Wagen von der nächsten Hauptstelle telegraphisch bestellen, da hier keine Wagen für einen Extrazug vorrätig wären.

Wir sahen einander erstaunt an und mußtennatürlich hell auflachen. Der Grieche hatte geglaubt, wir wünschten einen Extrazug zu nehmen, weil wir vielleicht zu vornehm wären, um auf den athener Zug zu warten. Denn fremde Reisende wurden damals, da nur wenig Ausländer in Griechenland unterwegs waren, entweder für reisende Prinzen oder für amerikanische Milliardäre angesehen. —

Der Hausdiener unseres Hotels in Athen, der öfters Reisegesellschaften durch den Peloponnes führte, hatte uns seine Visitenkarte an den Hausdiener des Hotels in Olympia mitgegeben, denn dieser war ebenfalls Reiseführer.

Am nächsten Morgen kamen wir von Patras aus, wo wir übernachtet hatten, in Olympia an. Dort nahmen wir den empfohlenen Führer und Maultiere und ritten durch die Landschaft von Arkadien nach Süden gegen Kalamata. Eine Tagreise vor Kalamata verabschiedete sich der Führer, der uns drei Tage begleitet hatte, und an seine Stelle trat ein griechischer Bauer, der uns nach Kalamata brachte, wo ein dritter Mann ihn ablöste und uns über den Gebirgspaß, immer noch auf Maultieren, nach Sparta führte.

In Sparta ruhten wir zwei Tage aus und nahmen dann einen Wagen nach Tripolitza. Dieser Ort ist eine Stadt mit türkisch-griechischer Bevölkerung. In Tripolitza übernachteten wir und fuhren am nächsten Tag nach Nauplia und von dort nach Epidaurus, wo wir wieder übernachteten und am Tage darauf mit einem Wagen nach Nauplia zurückkehrten. Von Nauplia führte uns ein Eisenbahnzug nach Mykene, wo wirnur einige Stunden beim Löwentor, im Palast des Agamemnon und am Grab der Klytämnestra weilten. Dann fuhren wir mit der Eisenbahn, ohne auszusteigen, über Korinth nach Athen zurück.

Wir waren zwei Wochen auf dieser Rundreise von Athen nach Delphi und durch den Peloponnes unterwegs gewesen, als wir zum Osterfest am athener Bahnhof ausstiegen.

Meine Aufmerksamkeit hatte sich hauptsächlich, als wir nach Olympia kamen, in Gedanken auf Arkadien gerichtet.

Die dunkelgrauen Ruinen von Olympia liegen versteckt, von kleinen grünen Anhöhen eingeschlossen, und die Landschaft umher hat nicht das Großzügige, nicht das Erschütternde, nicht das sich unaufhaltsam Verwandelnde wie die von kreisenden Wolkendämpfen umwanderte hohe Gebirgsmatte von Delphi. Aber gewaltig, irdisch trotzig und machthaberisch lagen in Olympia, beim lieblichen Herahügel, die wuchtigen Säulen des Zeustempels. Und da stand auch noch der mächtige Sockel, der einst das herrliche Laokoonbildwerk getragen, das jetzt in den Sammlungen des Vatikans in Rom steht.

Außer den machtvollen Gebäuderesten, die in dem kleinen Hügeltal durch die deutschen Ausgrabungen aufgedeckt lagen, war um Olympia nichts Reizvolles zu finden. Und ich sehnte mich, fortzureisen von den grauen trüben Steinmassen, die nicht festlich leuchteten, und die in lieblicher Landschaft Träumern glichen, die sich auf grünen Rasen hingelegt habenund gutmütig mit dem Erdboden verschmelzen wollen und, von gütigem Grün und Sonne zugedeckt, davon träumen Erde zu werden.

In dem kleinen Hotel, das das einzige Haus in Olympia war, saßen an einem Ende des langen Mittagstisches neun deutschsprechende Professorenfrauen. Sie waren auf einer Italienreise von Brindisi herübergekommen und hatten zusammen einen Abstecher nach Griechenland gemacht.

Damit wir den neun, unaufhörlich redenden Frauenzungen nicht preisgegeben wären, unterhielten wir uns, am anderen Ende des Tisches sitzend, in raschem pariser Französisch. Ich muß aber gestehen, auch dabei war wieder nur mein Verstand Tyrann über mich. Mein Herz wimmerte und lechzte nach den deutschen Heimatlauten, die vom anderen Ende des Zimmers kamen. Und ich wäre gern zu den neun alten Damen hingerückt, wenn auch ihre Zungen unausgesetzt wie Strickstrumpfnadeln bei der Sprecharbeit klapperten.

Ich war schon ganz müde von dem Suchen in der Fremde nach einem Haus. Meine Ohren horchten darum entzückt auf deutsche Frauenworte. Ich hatte deutsche Frauen seit der raschen Reise nach Petersburg, seit dem kurzen Aufenthalt am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, seit dem Begräbnis meines Vaters und seit der Rückkehr von Mexiko, nun fast ein Jahr lang, nicht mehr unverfälscht sprechen hören.

Als wir am nächsten Morgen früh um drei Uhr in Olympia vom Hotel fortritten, vom Führer begleitet, um tief in den Peloponnes hineinzuwandern,tat es mir leid, daß die neun Professorenfrauen noch schliefen und ich nicht mehr zum Abschied die neun deutschen Frauenstimmen hören durfte, die zwar so gar nicht zu der griechischen olympischen Stimmung der Tempelruinen hingehörten, die aber meinem Herzen ein wenig den Heimathunger und den Heimatdurst besänftigt hatten.

Es war in der ersten Hälfte des April, als wir durch den Peloponnes ritten. Aber außer den unzähligen Anemonen, deren es feuerblaue, rosenrote, rosige und schneeweiße gab, fanden sich im jungen Gras der kühlen Wiesen noch keine anderen Blumen. Diese farbigen Anemonen, deren schwarze Staubfädengruppe aus der hellen Blütenkrone wie eine dunkle große Pupille in einem Auge aufsah, betrachteten uns von allen Wegen in dem Peloponnes, auf den Berghöhen und im Talgrün.

Diese jungen Anemonenblumen, die vielleicht erst eine Woche alt waren und vielleicht nach einer dritten Woche schon verblüht sein würden, hatten einen unergründlichen Festblick und beleuchteten mit ihrer kurzen Lebensfreude die mühseligsten Höhen, die unsere Bergpferde erklettern mußten. Mir schien aber, die jungen Blumen kannten alle Freuden der Welt. Sie freuten sich in ihrem dreiwochenkurzen Leben mehr, als die Menschen sich in einem hundertjährigen Dasein freuen können.

Den Blicken dieser frohen Anemonen verdanke ich es, daß ich nicht in bittere Verzweiflung über mich selbst geriet. Denn mein Auge wurde immer salzig, wenn ich an meine ferne Frau dachte, die so weit von mirfort, in Schweden, am äußersten Ende Europas, im Norden weilte, während ich hier am äußersten Ende Europas, im Süden, auf einem Pferd kaum auf der Erde ritt. Denn der Boden unter den Hufen des Tieres, das mich trug, gehörte kaum noch der Gegenwart an. Er war das verschollene Vaterland eines untergegangenen großen Volkes.

Ich ritt hier nicht im April im Jahr 1897. Ich ritt hier im April eines Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blühte. Auf den Wegen erzählten die wochenjungen Anemonen von den Augen der jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach Olympia gezogen waren.

Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit. Und der Himmel, unter dem sich die Blumen für ein kurzes Hochzeitsfest erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest zugleich ist, bestätigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antönend, vorübergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend, wenn es sich gerufen fühlt.

So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter schönen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweißen stattlichen Birkenstämmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevölkert waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. Überall kamen unserem Geist die Geister fröhlich wandernder Griechenaus der Vergangenheit entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll seelenbevölkert.

Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorüber. Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem kleinen haushohen Hügel in weitem Bogen und freiem Sprung von grüner Höhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser köstliche Wasserstrahl kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es würde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben hätten und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frühlingsblau vorübergezogen wären.

Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen weißgekalkten Bauernhäuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter Landmann, verbeugte sich unter der Tür. Er konnte uns kein Mahl bieten, auch nicht für Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und getrockneten Feigen.

Ein Gläschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saßen vor dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen, das wir bei uns hatten.

Denn die kräuterduftende Luft hier, die Luft ausden grünen Bäumen und die Luft aus der kühlen Frühlingserde und aus dem kühlen Frühlingsgras erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete, kam sich frisch genährt vor. Diese Luft ließ im Magen keinen Hunger aufkommen.

Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen müssen. Und am Abend jener Tage war ich nicht müde. Es war, als würden wir hier vom Himmel unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genährt.

Einmal ließen wir uns abends in einer Hirtenhütte, wo wir die Pferde eingestellt hatten und wo wir übernachten sollten, ein Huhn auftischen. Der Hirte briet es uns am Spieß über einem kleinen offenen Feuer, das auf einem Stein am gestampften Erdfußboden brannte. An dem mageren Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenröhren und am Feuer gedörrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen schon übersatt. Es war, als nährte einen schon der Geruch des Feuers, der an dem dürren Huhn haftete.

Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata kein europäisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein Bergnest, das an einem abschüssigen Gebirgshang mühsam von unseren Pferden erklettert wurde. In der Abenddämmerung, als schon die Sonne untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstädtchen, zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hieß Andritzina.

Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Höhe, bei einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen können. Und wie wir noch dort vor der Haustüre auf- und abstampften, um die im unbequemen Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter, ein düsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener einsamen Haustüre ab.

Während er mit dem Hausherrn, der unter der Türe erschien, mit griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand den Sattel seines Pferdes rückte, daß ihm an dieser Hand neben dem kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.

Die Sonne war eben im trüben Bergdunst untergegangen. Der schwarzbärtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht verstand, die düstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere totstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Räubereien, wo man europäische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst, nachdem man großes Lösegeld gefordert, freigelassen hatte.

Ich trieb unseren Führer zur Eile an, da es mir unangenehm schien, wenn jener Mensch mit dem seltsamen sechsten Finger an der rechten Hand uns wie ein Spuk im heranbrechenden Abend folgen würde. Ich sagte meine Befürchtungen, als wir weiter geritten waren, meinem Reisegefährten, der sich gewunderthatte, daß ich mein Pferd so eilig anspornte. Und wir trieben dann unsere beiden Pferde lebhaft vorwärts, so daß wir den Führer weit hinter uns ließen.

Wir hörten bald auch schon die klappernden Hufe des fremden Reiters, der uns folgte, auf den Steinen des ausgetrockneten Bachbettes, das wir in der Abenddämmerung eben durchquert hatten. Da es nur einen Weg nach Andritzina gab, konnten wir das Reiseziel nicht verfehlen. Immer aber, wenn ich mich umsah, bemerkte ich zwei, drei Reiter mehr, die über den kahlen Anhöhen im Halbdunkel aufgetaucht waren, und die zuletzt in einiger Entfernung hinter uns einen kleinen Trupp von acht bis zehn Reitern bildeten.

Mein Herz sagte einfach: „Das sind nur Reisende wie wir auch; Handelsleute, heimkehrend von irgendeinem weitentfernten griechischen Marktflecken.“

Aber ich sah unseren Führer nicht mehr. Er schien spurlos verschwunden zu sein. Bisher war er den ganzen Tag neben unseren Pferden mit seinem kleinen, gewandten Bedientenschritt hergegangen.

Nun wurde auch mein Reisegefährte, er, der vorher keine Angst hatte, von meinen Räubervorstellungen angesteckt. Es war zu verlockend, sich auf diesen düsteren, abgeholzten, menschenleeren Höhen, auf welchen selten ein verkümmerter Baum, ein Busch oder eine Agavenpflanze im Abenddunkel stand, Räubergeschichten hinzudenken.

Wir hörten immer in einiger Entfernung hinter uns die Steine klappern und die Reiter, die die Pferdeantrieben, schnalzten mit der Zunge. Sonst war in der Weltverlorenheit des dunstigen toten Abends auf diesen kahlen Berghöhen kein Laut zu hören, keine Abendglocke, kein heimziehendes Gefährt. Von Fabriken oder Eisenbahnen war hier natürlich keine Spur.

Der vorsichtige Verstand, der Hausherr meines Körpers, erzählte mir immer lebhafter, was er über das heutige Räuberwesen Griechenlands in den Zeitungen gelesen hatte.

Mein Reisegefährte konnte unseren Führer ebenfalls nicht mehr entdecken, und sein Verschwinden gab uns die Versicherung, daß er wahrscheinlich an jenem letzten Berghaus absichtlich zurückgeblieben war. Es war mir nun klar: der Führer hatte in Olympia räuberische Landsleute von unserem Vorhaben, durch den Peloponnes reiten zu wollen, benachrichtigt. Meistens wird dieser Ritt nur von großen Gesellschaften ausgeführt und selten von einzelnen fremden Reisenden.

Die Räuber hatten wahrscheinlich verabredet, wenn der Abend des ersten Tages hereinbräche, uns einzuholen und abzufangen, um ein Lösegeld zu erpressen. Deshalb war unser Führer, der Hoteldiener, bereits zurückgeblieben, um, im Falle die Sache mißglücken würde, nicht Zeuge der räuberischen Schandtaten gewesen zu sein.

Also faselte mein Verstand ganz ernstlich, indessen mein Herz, das durch sein Gefühl immer allwissend, immer ruhig und gleichmütig war, beschwichtigend vor sich hinmurmelte: „Die friedlichen Handelsleute tun euch nichts. Achte doch auf den wunderbaren sanftendunkelnden Abend, an dem alle Hast der Welt eingeschlafen scheint. Nie mehr wirst du hier in Arkadien reiten. Nur selten kommt man zu einem so schönen Abendritt.

Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des Führers neben den Pferden her. Du fürchtest, ihr könntet von rückwärts von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird dich einfangen können, weil dich die Liebe begleitet.“

„Schweig,“ befahl der Verstand dem Herzen. „In einem wildfremden Land, und in einem Land wie diesem, ist es gefährlich, im Abend zu träumen. Im Dunkel soll man Augen und Ohren doppelt offen haben.“

Unsere armen Pferde aber wußten nicht, ob sie hinstürzen oder fortjagen sollten, weil wir sie so unmäßig antrieben. Hinter uns wurden die Wege immer dunkler. Nur auf der Höhe, auf der die Pferde auf gewundenen Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber noch nicht sahen, war noch mattes Dämmerlicht. Es war noch so hell, daß ich meinen Reisegefährten neben mir und die Straße vor mir erkennen konnte. Bergabwärts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.

Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwänden stehenden fernen Hütten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwärts, und bei den erstenFenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, daß wir noch nicht gefangen genommen waren. Denn jetzt war es für die Räuber zu einem Überfall zu spät, da in diesem Ort, das wußten wir, sogar eine Telegraphenstation war. Also würden wohl auch Gemeindevorsteher und andere anständige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.

Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffällig aufzugeben, damit man wissen sollte, daß wir dort erwartet würden, und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen Herbergen verschwinden lassen könnte.

In der späten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf dem armseligen Telegraphenamt ab.

Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Führers an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr hatten erkennen können.

Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklärte immer gesetzt und altklug: „Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes beendet haben, sollst du mich nicht verlachen.“ —

In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten übernachteten wir. Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und düsteren Hauses. Durchdie breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die unteren Räume hinunter auf die Köpfe der Griechen sehen, die dort bei einer Kerze zusammensaßen.

Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns hatten, und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht gleich gewöhnen konnten.

Die Weinkrüge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengroß, aus rötlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur Hälfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise öfters solche Krüge in den Hausgängen der Bauernhäuser in einer Ecke lehnen, und diese geheiligten altväterlichen Krüge schienen jedes neuzeitliche Bauernhäuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.

Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der Herberge im kalten Abend angezündet worden war, schickte uns beißenden Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Müdigkeit und Rauch betäubt, einschliefen.

Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung als in der Folge gefährlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter Volksstämmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen waren.

Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so daß ich einige Stunden geglaubt hatte, ich würde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre verbringen wollen.

Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddüsterheit, seit der Mann mit den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden unter mir hier von Räubervorstellungen, die ich auch in den nächsten Tagen nicht mehr ganz überwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie unmöglich war es dann erst für eine europäische Frau, für meine Frau, mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt zu führen.

Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt. Und ich sagte mir vom nächsten Morgen an: ich will jetzt als Vergnügungsreisender, wie mein Reisegefährte es ist, sorgenfrei über die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft denken. Ich werde bei meiner Rückkunft nach Athen, vielleicht in der Nähe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghausfinden, wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.

Von diesem Entschluß an war es mir, als legte ich ein schweres Gepäck ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen betrachten müssen.

Am nächsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war ich dem Räuberabenteuer dankbar, daß es mich wenigstens in Gedanken auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte. Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich fröhlich in die taufrische Frühhelle.

Das alte verwitterte Bergstädtchen lag rosig verklärt auf seiner wagehalsigen Höhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte alltägliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen könnten, wenn sie die goldglänzenden Scheiben ihrer Hütten über den Bergabhängen öffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und fröhlich, schienen diese Menschen auf dieser Berghöhe zu sein, so wie es die Vögel immer im Vergleich zu erdgebundenen vierfüßigen Tieren sind.

Ferne Bergspitzen gen Süden hin, drüben über den lilablauen Abgründen des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.

Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten, so merktenwir doch noch nicht, daß uns irgend etwas fehlte. Mein Reisegefährte hatte sich vom Führer einen Kranz getrockneter Feigen kaufen lassen, und diesen hängte er über den Arm. So zum Morgenimbiß Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bäume wurden immer spärlicher, und die Steinblöcke wuchsen immer reicher in die Luft.

Wir hatten jetzt außer dem Hotelführer noch einen jungen griechischen Hirten als Führer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand — an welchen oben eine Muschel geschnitzt war — vor unseren Pferden aufrecht und wegkundig einherschritt und uns über die Bergpässe führte.

Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedelung war auf viele Meilen zu finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weißen marmornen Löwenkopf sprudelte, zwei Hirten bei großen Hammelherden. Diese arkadischen Hirten hatten keine andere Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine umbunden trugen.

Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflöten in der Hand, und sie verwunderten sich so wenig über unser Erscheinen, so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, für die sie ihre Flöten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft, der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natürlichfestlichen Weltallzusammenleben getrennt haben.

Der Mensch der Städte, der da, nur mit seinesgleichen beschäftigt, auch nur seinesgleichen als lebenswürdig betrachtet, hat diese Geste verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer des Weltallgebäudes nennen könnten, die mit mehr Welt leben als jeder Städter, brachte kein Überraschtsein, keine Verwunderung hervor.

Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle Platz, und sie setzten sich, einen Gruß murmelnd, ein wenig weiter fort in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.

Nach einer Weile, während wir den alten tausendjährigen Löwenkopf an der schön umfaßten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten, spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hörten nur noch die Hammelherde über eine ferne Geröllböschung fortziehen, deren Steine unter den vielen Füßen rasselten.

Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen Höhe eine einsame prächtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von Bassä genannt. In der Nähe des Tempels ragte hier und da ein uralter Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne Äste, und sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung war, den Eichenhain um das Heiligtum.

Hier mag auch am Steinboden einst Rasen undErde gewesen sein, aber die Stürme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und wie ein zerbrochenes Knochengerüst stand die Tempelruine, von der Sonne silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshöhe.

Die Säulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung und stolz in ihren Linien. Hinter den Säulen aber, im Tempel, lag ein wüstes Durcheinander von kantigen und brüchigen Blöcken, die einst der Giebel und die Dachplatten gewesen sind.

Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mächtige Fernsicht gegen Süden bis zu den letzten Ausläufern des Peloponnes und bis zum Mittelmeer hin. Da drunten in mächtigen Tälern, wo üppige Pappelgruppen, Platanenwälder und Wiesenflächen mit blaudunklem Grün und goldgelbem Grün wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, über dem weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den laubreichen Tälern.

Über einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflöte. Die Morgenluft brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stücke einer lieblichen weltvergessenen Melodie noch lange über die Höhe nach.

Von nun an änderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern der Weg. Wir verließen die Kahlheit und kamen in erdreicheres, belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhängen, hinterüppigen, gelbblühenden Ginsterbüschen, der neugierige Kopf eines langbärtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrün über die Büsche hinaufschnupperte. Es war, als sähe uns ein behaarter Faun mit spitzen Ohren und schlauem Auge, halb von den Büschen verdeckt, an. Dann verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben Ginsterblüten.

Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gestützt am Wege oder eine Hütte. Und beide, Haus und Mensch, standen totenstill. Nur ihr fortrückender Schatten lag neben ihnen am Wege in der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.

Der Tempel von Bassä ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia und Kalamata den Landschaftsweg schmückt. Auch die alten Stadtmauern von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht denselben entzückenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer kahlen silbrigen Gebirgshöhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von Bassä.

Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhütte, die auf dem Trümmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kümmerlichen Ölbäumen stand. Hier sollten wir übernachten. Hier war es, wo man uns das dürftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.

Die Hütte bestand aus zwei höhlenartigen Räumen. In dem einen Raum kauerte die Hirtenfamilie in der Nähe des Feuers. Nur ein Stein am Fußboden war der einfache Herd. Der Rauch zog zum Fensterloch oder zum Türloch ins Freie.

In dem hinteren fensterlosen Raum wurden uns zum Schlafen Pferdedecken auf den gestampften Erdboden gelegt. An einem Holzspan, der zwischen die Mauersteine gesteckt war, hing ein ölgefülltes Eisennäpfchen. Darinnen brannte mit dünnem Rauchflämmchen ein Docht. In den Winkeln standen ein paar alte Ziegenkrippen und einige Futtersäcke.

Die Einfachheit gefiel mir außerordentlich. Der harte gestampfte Fußboden unter den Pferdedecken war zwar für die vom Ritt müden Glieder nicht verlockend. Doch lag eine Weihe, ein göttlicher Armuternst in dem Häuschen, in dem es keinen Tisch, keinen Stuhl und kein Gerät gab.

Der armen Hirtenfamilie war die Mutter Erde im wahrsten Sinne Mutter vom Geburtstage an bis zum Sterbetage. Die Leute hockten bei der Erde, sie aßen bei der Erde, sie kochten bei der Erde und schliefen bei der Erde. In einem Haus, in dem man nichts besaß als das Leben und die Erde, hatte ich bisher noch nie übernachtet.

Es war Friede und leises Plaudern am Abend bei den Leuten, die da im Herdrauch auf ihrer Türschwelle hockten und unserem Führer zuhörten. Von der toten Stadt, die draußen rund um die Hütte lag, stand keine Säule mehr aufrecht, stand keine Mauer mehr, und die tausendjährige Sonnenhitze und die kalten Nachtfröste hatten die Stadtreste längst wie mit Hämmern zu Steingeröll zermürbt. Hier und da ragte am Rand eines Steinfeldes ein kümmerlicher Baum auf, oder es lag da eine andere Hirtenhütte ebenso arm wie die, welche uns aufgenommen hatte.

Ich habe den Namen jener staubgewordenen Stadt vergessen und will nicht in Büchern nachschlagen. Ich will nur das, was noch von dieser Reise in meiner Erinnerung lebend haftet, wiedergeben und nicht mehr.

Die Pferdedecken, in die wir uns nachts zum Schlafen eingewickelt hatten, kratzten uns. Und auch die Erdmutter, die wir immer mit unseren Stiefelabsätzen getreten hatten, wollte uns auf dem Fußboden nicht so ruhig schlafen lassen wie die Hirten, die die Erde zeitlebens barfuß mit weichem Schritt gestreichelt hatten. Es war mir beim Liegen auf dem Fußboden, als teile die Erde meinen vom Ritt müden Knochen harte Püffe aus.

Vorher waren in diesem Raum die Hühner eingesperrt gewesen, und die zurückgebliebenen Hühnerflöhe machten sich nun mit blutdürstigem Vergnügen über uns Fremdlinge her.

Dazu rauchte das Öllicht so schrecklich, daß wir Kopfschmerzen bekamen und zu ersticken meinten. Wir waren noch zu ungöttlich für diese göttliche Armut, in die wir so plötzlich aufgenommen worden waren. Und der Körper, der immer langsamer als der Geist ist, wollte die Kasteiungen dieser Nacht nicht willig ertragen und wurde störrisch.

Ich hatte meine Taschenuhr neben dem Reisebündel, das mein Kopfkissen war, auf den Fußboden gelegt, aber in dieser Hütte schienen die Stunden nicht wandern zu wollen. Sie blieben hocken, und die Uhrzeiger vergaßen fortzurücken. In dieser Armut war ein ewiger Stillstand an Stelle der Zeit zu spüren.

So wie es kein Hausgerät gab, schien auch hier keine Uhr nötig zu sein. Die Nacht war eine einzige große Stunde und der Tag eine einzige große Stunde, die saß bei der Armut, auf dem leeren gestampften Erdboden, beharrlich zwischen den vier leeren Wänden der Hütte. Und deshalb war es gleich, was man in dieser Zeitlosigkeit erlebte.

Und da wir nicht schlafen konnten und einer den anderen sich in seinem Hüttenwinkel herumwälzen hörte, riefen wir uns zu, daß es vernünftiger wäre, in der Mondnacht weiterzureiten. Lieber wollten wir am Tage versuchen, ungeplagt von Rauch und Hühnerflöhen, auf einer weichen Wiese in frischer Luft zu schlafen und die Nachtruhe nachzuholen.

Die Hirten, die noch nicht ihr Lager aufgesucht hatten, staunten nicht, als wir im schönen Mondschein weiterreiten wollten. Nur unser Führer, der eben schlafen gehen wollte, brummte ein wenig.

Wir ritten um Mitternacht von der Hütte fort. Die schöne erfrischende Nacht machte uns eine Weile munter, aber das Mondlicht schläferte die Augen bald wieder ein. Und als wir das Steinfeld der untergegangenen Stadt verlassen hatten und unter Baumschatten an einem Bergabhang ritten, wußte ich bald nicht mehr, wie ich meine Augen vor Müdigkeit offen halten sollte.

Der Mond schien den Schlaf durch die Baumblätter zu schicken. Die weißen Milchflecken des Mondlichtes am Weg, durch die wir ritten, waren wie ein über uns ausgegossener Schlaftrunk. Und der Schlaf duftete aus den Büschen und sank aus den ruhendenBäumen herab auf uns, und zeitweise fürchtete ich, vom Pferde zu fallen, denn der wiegende Gang des Tieres erhöhte die Schlaflust.

Wir hörten aus einer Schlucht herauf, an der wir entlang ritten, ein ununterbrochenes Rauschen. Ich wußte nicht, kam das Geräusch von einem Wasser oder vom Wind im Laub. Es war da im Finstern ein Lärm in einem Tal, der ununterbrochen neben uns lebte. Der Weg senkte sich mehr und mehr, und bald sah ich durch die Zweige ein breites Bachbett; das andere Ufer lag in Finsternis, unbeleuchtet vom Mond.

Das Wasser vor mir schien endlos breit zu sein. Das schnelle Wasser sprang über Felsenblöcke und zeigte viele buckelige Strudel, die im Mondlicht silberschäumend kreiselten.

Die Luft wurde immer frischer und feuchter, und dann stand mein Pferd still. Der Weg endete vor dem wilden Wasser. Der Führer, der hinter uns zurückgeblieben und wahrscheinlich auch im Gehen halb eingeschlafen war, kam auf mein Rufen herabgerannt und sagte, daß wir das Wasser durchqueren müßten.

Dann rief er durch die hohlen Hände über das Wasser hinüber: „Compatriot!“ Drüben sah ich bald Feuerschein aufleuchten, als wenn man die Türe eines im Innern brennenden Hauses öffnete.

„Dort ist eine Mühle,“ erklärte der Führer, „und die Müllerknechte werden uns hinüberholen.“

Es war nicht gerade behaglich, mitten in der Nacht durch ein angeschwollenes, unbekanntes Frühlingswasserreiten zu müssen, wenn man den Weg am Tage noch nie gesehen hatte.

Unsere Rufe waren beantwortet worden, und nachdem sich die Stimmen eine Weile gegenseitig, über das Wasserbrausen weg, zugeschrieen hatten, erschienen Männer im Mondschein, bis zu den Hüften mitten im Wasserschaum stehend, und sie winkten und schrieen von neuem.

Wir ritten vorwärts, den Pferden die Zügel freigebend, da die Tiere die Furt suchten und behutsam die unter den Schaumstrudeln liegenden Übergangssteine mit den Hufen fanden. Indessen schrieen die Müllerknechte, und die Felsen echoten, und die Wasserwirbel johlten und zischten betäubend. Es war als ritten wir durch einen überkochenden Hexenkessel.

An den mondhellen Stellen sah ich neben mir die rasende Flut vorbeischießen. Dann empfingen uns die Müllerknechte bei den tiefsten Strudeln und stemmten sich gegen die Pferde und schoben diese und uns, die wir mit hochgezogenen Beinen im Sattel saßen, da das Wasser bis an den Sattel reichte, durch die nächtige Wasserwildnis.

Drüben empfing uns die vorweltlichste Mühle. Die Mühlenhütte war niedrig, aus mächtigen Eichenstämmen roh zusammengefügt, und drinnen im einzigen Raum prasselte ein mächtiges Feuer und brannte lichterloh. Um die Flammen saßen Männer, die uns zunickten.

Diese Mühle mit dem brüllenden Wasser vor der Tür, am gestampften Boden das hochwallende prunkvolle Feuer darinnen, das mit ungeheurem Leben den Raum füllte, die alten verwitterten Müllerknechte,alles zusammen erinnerte mich mit einem Male an Odysseus Abenteuer bei den Zyklopen.

Die Nacht draußen unter der offenen Tür, mit dem hochgehängten Mond, mit der johlenden Wasserstimme, schien einer der einäugigen Zyklopen zu sein, der jeden Augenblick hereinkommen konnte, um am Feuer niederzusitzen und einen von uns Menschen, die wir hier als Gefährten des Odysseus Unterkunft nahmen, zu verzehren.

Nachdem wir unsere Kleider an der Feuerwärme getrocknet hatten, war die Nacht schon am Verschwinden. Und als wir in die Morgendämmerung hinaustraten, um wieder auf den Pferden aufzusitzen, da war alles verwandelt und alltäglich. Da war nichts Besonderes ringsum, als ein mit gurgelndem Hochwasser angeschwollenes Bachbett, ein plumpes hölzernes Mühlenhaus und stumme schattige Baumgruppen davor, die sich vom morgengrauen Himmel abhoben.

Der Zyklopenspuk war verschwunden, das Feuer fortgeflogen, und wir ritten gemächlich auf einer breiteren Straße unter den Bäumen wieder weiter in die Berghöhen hinauf.

Am Spätnachmittag desselben Tages kamen wir noch nach dem Hafenort Kalamata am Mittelmeer. Hier waren dunkle Orangengärten am Meerufer, voll reifer Früchte, reichbeladen wie Apfelbäume im August.

Nach zwei Ruhetagen ritten wir über einen hohen Gebirgspaß, an Abgründen vorbei, in das düstereund kühle Tal von Sparta. Den Spartanern war wenig Sonne gegönnt. Ganz nahe der neuen Stadt, die hauptsächlich aus Kasernen besteht, erhebt sich im Osten und Westen ein mächtiger Bergwall. Die Sonne kommt spät in das Tal hinunter und geht am hohen Nachmittag schon zeitig aus dem Tal fort. Sparta liegt dem heißen Wind von Süden und dem eisigen Wind von Norden offen.

Lachendes Licht und von allen Windrichtungen spielende Lüfte umgeben das Auge Hellas’: Athen. Aber wie menschenunfreundlich dagegen das düstere Tal um Sparta.

Die Ritte vorher durch Arkadien und von Kalamata bis Sparta waren mir wertvoller als die anderen Wege nachher, die wir teils im zweispännigen Wagen, teils mit der Eisenbahn zurücklegen mußten.

Der Weg durch Arkadien an den Wiesentälern und dem Strahl der rauschenden Quellen vorbei, und der Aufenthalt bei weltabgeschiedenen Hirten auf den Berghöhen blieben mir so festlich in Erinnerung wie einst Jahre vorher die Frühlingstage und Segelfahrten an der Westküste Schwedens, in Bohuslän, und wie die einsamen Ritte und Wege zu den Aztekenpyramiden und Vulkantälern Mexikos.

Als wir Arkadien verlassen und später von Sparta einen Wagen genommen hatten, um die berühmten Ruinen von Thyrinx, Epidaurus und Mykene zu erreichen, fühlte ich mich wieder den gutbürgerlichen Menschen zurückgegeben, nachdem wir bisher in Arkadien von den edlen Armutgöttern der Hirten mit nur Luft und Sonnenschein genährt worden waren.

Wir wohnten von nun ab wieder in kleinen griechisch-europäischen Gasthäusern, wanderten in Tripolitza, dem gewerbetreibenden Provinzstädtchen, durch die lange Gasse der Leinwandhändler, durch die Gasse der Kupferschmiede, durch die Gasse der Töpfer und durch die Gasse der Seiler. Jede Gasse war von einem Handwerk bewohnt, und die Meister jeder Gasse, die da in ihren kleinen offenen Werkstätten arbeiteten, waren sich gute Nachbarn.

Sie saßen wie eine Gemeinde in ihrer Gasse, und jede Gasse hatte einen anderen Handwerkergott über sich, für den die Meister und Gesellen in Ehre und in Zucht arbeiteten, und der ihnen Käufer und tägliches Brot ins Haus schickte.

Hier lebten die Menschen für die Menschen, wie Würmer bei den Würmern. Ihre Arbeit adelte sie, ihre Herzen waren gut, aber sie waren lebensgeängstigter und lebensgeknechteter als die Herzen jener weltfernen Hirten in Arkadien, die sich mit der Mutter Erde begnügten ihr Leben lang und der Erde nichts gaben und ihr nichts nahmen als den menschlichen Herzschlag vom ersten Lebenstag bis zum letzten.

In bedürfnisloser Seligkeit waren die Hirten Arkadiens freie Männer in ihrer Armut, während die Handwerker in Tripolitza, die mit einem Auge nach den Käufern spähen mußten und die nur mit dem anderen bei der Arbeit blieben, in ihren Gassen nur mit halbem Herzschlag, nur mit halber Ruhe an der Erde saßen.

Mein Herz sehnte sich bald nach der feierlichen Armutsstille, nach der sorglosen Bedürfnislosigkeit Arkadiens zurück. Aber dann wurde es von großenRuinen getröstet, die es auf der Weiterreise mit alter festlicher Vergangenheit unterhielten.

Bei dem Städtchen Nauplia, in dessen Nähe einst die alte Burg von Thyrinx gelegen, bestiegen wir die Reste der grimmigen Feste, deren Mauern aus so ungeheuren Felsblöcken gebildet sind, daß man heute noch nicht versteht, wie jene Zyklopenmauern haben entstehen können. Hier waren keine Säulen, keine schönbehauenen Bildwerke. Hier war nur die irdische Kraft, der Männer Trotz und der Männer Stärke vergangener Zeiten zu bewundern.

Und auch in Mykene, wo noch das Löwentor an der Burg des Agamemnon steht und die Grundmauern der Säle und Kammern auf leichter Anhöhe bei einer sonnigen sandigen Ebene lagen, war Trotz und Kraft in den Steinmauern, die von unendlichem Machtbewußtsein der Menschen sprachen, die zu allen Tagen sich untereinander das Leben abtrotzen mußten, und die sich immer leichter gegen die Elemente und gegen wilde Tiere wehren konnten als gegen das Raubtier Mensch.

Von Nauplia ritten wir in zwei Tagereisen nach Epidaurus hin und zurück. In einem lieblichen Hügelwinkel lagen noch die schönen weißen marmornen Mauern der Hallen und Säulengänge und die Badebecken des alten Heil- und Badeortes der Griechen. Der Gott der Ärzte, der Gott Äskulap, hatte hier seinen Weiheort, wo einst warme Quellen die Kranken Griechenlands herbeilockten.

Der kleine Bergwinkel war mit weißem Marmor bepflastert. Die Ruinen leuchteten, wie aus Schneegebildet, unter dem jungen Grün vieler Bäume, die den Ruinenplatz umgaben.

Da waren noch die Wandelgänge für die Genesenden; die Säulen waren zwar umgestürzt, aber die Pflasterplatten noch gut erhalten. In den Nischen standen noch die marmornen Halbrundbänke, auf denen die Kranken geruht haben. Und jeder Bank gegenüber stand ein mächtiger Marmorsockel, darauf sich einst eine Bildergruppe aus Marmor befunden hat, deren Anblick die Sterbenden und die Genesenden erquicken konnte.

Immer gingen in diesem Lande die Künstler als oberste Herren allen Lebensbetätigungen zur Seite. Dem Menschen, der in Delphi seelische Erhebung gesucht hatte und Heilung von seinen Sorgen, waren die Kunstwerke dort am Wege vom Meer zur Parnaßhöhe, so wie die Kunstwerke hier in Epidaurus, wo die Körperkranken am warmen Erdenatem Linderung der Körperschmerzen suchten, Tröster und Beglücker des Menschenherzens gewesen.

Die Festlichkeit, die jedes Künstlerherz angeboren mit auf die Welt bringt, umgab feierlich nicht bloß Athen, die Hauptstadt des Geistes, sondern auch die nationalen Wallfahrtsorte Griechenlands, Delphi, Olympia und Epidaurus.

In den Bäderanlagen in Epidaurus waren noch die Röhrenleitungen und auch die großen gemauerten Wasserbecken sichtbar und gut erhalten, in denen viele Kranke zugleich hatten baden können. Es standen da noch Steine mit Inschriften, sowie Altäre.

Aus Fürsorglichkeit für die Kranken waren dakeine Treppenstufen bei den Tempeleingängen angebracht. Damit die Bahrenträger die Schwerkranken, ohne sie zu stoßen, auf ihren Betten in den Tempel bringen konnten, waren, statt der sonst üblichen vier, fünf Tempelstufen, schräg gelegte Steinplatten aus Marmor da, die sanft zur Höhe der Tempeleingänge anstiegen.

Unter einigen Bäumen nahe der Anlage befand sich noch das herrliche, besterhaltenste Theater Griechenlands, dessen Sitzreihen, kühl und vor der Sonne geschützt, hier im Bergwinkel in lauschigem grünen Hügelversteck zu beträchtlicher Höhe anstiegen.

Dieses Theater sah wie neu aus, als hätten die Zuschauer gestern erst ihre Plätze nach einer Vorstellung verlassen. Und doch weilten zweitausend Jahre hier im Halbrund bei mir, als ich dort auf den Marmorstufen saß. Diese Sitzreihen hatten viele Menschengeschlechter in der Ferne vorüberwandern fühlen, seit das letzte Wort von dem Altar gesprochen wurde, der da unten, festlich gebildet von Künstlerhand, in der Mitte der marmornen Bühne stand.

Wo ist das Gebäude, dachte ich, das Theater, in Berlin, in London, in Petersburg, in Paris, in Neuyork, das nach zweitausend Jahren noch wie neu wirken würde? Das so edel, einfach und erhaben in seiner Einteilung, in der Vereinigung von Zuschauerwelt und Darstellerwelt ist, daß es noch ein Vorbild sein kann künftigen Theatern?

Mein Reisegefährte sprach unten auf dem Steinplatz der Bühne bei dem Altar einige Sätze, undich verstand oben auf der fernsten Sitzreihe in dem muschelförmigen Halbrund auch das schwach geflüsterte Wort.

Ich glaube, daß die Einheit des angewendeten Materials im griechischen Theaterrund — denn es ist zum Bau nur Stein verwendet worden — den Klang melodisch und ungestört zu einem einzigen Hall für das Menschenohr sammelt. Auch der einheitliche Holzbau in chinesischen und japanischen Theatern fördert den Schall, der nicht zerstückelt und zerstört klingt. Während unsere Theater, die eine Zusammensetzung aus Eisen, Holz, Stein, Kalkbewurf bilden, den Schall, der von der Bühne kommt, nicht einheitlich weiterschwingen können.

Ich glaube, daß diese Einheit des Materials wichtiger ist als alle akustischen Berechnungen. Man stelle sich vor, daß wir uns eine Ohrmuschel zusammensetzen würden aus Steinchen, Eisenteilen, Ton und Holzstückchen. Wie unmöglich würde der Klang in diesem Ohr einheitlich gefaßt werden können!

Als ein großes Ohr ist aber der muschelartige Zuschauerraum jedes griechischen Theaters gedacht, dessen Halbrundform ganz unerläßlich ist unter freiem Himmel, wo die Geräusche der Bäume, der Winde und des Naturlebens das Bühnengespräch noch besonders beim Auffangen des Schalls stören können. Unsere menschliche Ohrmuschel aber ist auch nichts anderes als ein amphitheaterartiges Halbrund aus einheitlichem Material, das vom Lebensdrama den Schall aufnimmt.

An dieses mußte ich immer denken, so oft ich inGriechenland, in Delphi, in Olympia, in Epidaurus und in Athen eines der großen alten Theater besuchte und mich die gute Schallverteilung in dem weiten steinernen Halbrund unter offenem Himmel immer wieder zum Staunen brachte und zum Vergleichen aufforderte mit heutigen europäischen Theatern. —

Wir ritten von den Bäderanlagen noch einige Stunden weiter fort in ein Fischerdorf am Meer, wo wir übernachteten. Als wir gegen Abend in den Ort kamen, hing an einigen Türpfosten an einem Nagel ein frischgeschlachtetes Lamm. In der Hauptgasse an mancher Tür stand der ländliche Hausherr bei seinem Osterlamm. Es war Karfreitag, und der Lammbraten für das Osterfest wurde überall vorbereitet, und die Familie, die Kinder und die Frauen, stand andächtig und spielend und plaudernd um den Vater, der das geschlachtete Tier abhäutete.

Unser Reiseführer, der neben den Pferden herlief, erklärte uns, daß die Landleute hier nur einmal im Jahr Fleisch zu sehen bekämen, zum Osterfest. Man kann sich leicht die Erwartung vorstellen, mit der die Augen der Familienmitglieder das geschlachtete Lamm am Türpfosten betrachteten.

In Einfachheit lebten die Menschen hier friedlich, und die unbewußte Bedürfnislosigkeit machte ihre Gebärden schlicht und frei von Begierde. Das Meer vor der Türe speiste sie täglich, ebenso der Feigenbaum und das kleine Kornfeld hinter dem Haus.

Außer einigen Holzhockern fand sich fast kein Hausrat bei den meisten Leuten. Der Herdstein amgestampften Fußboden in einer Zimmerecke gab dem Haus das natürlichste Gerät. Ruhe und Wärme kamen von diesem edlen Stein, der in schlichter Nützlichkeit nur eine Aschenhöhlung zeigte, und der seit Homers Zeiten keine andere Form angenommen hatte.

Wie in den japanischen leeren Zimmern, wo nur eine Blumenvase in einem Winkel oder ein Bild der einzige Schmuck sind und nirgends ein Gerät zu finden ist, so war es hier bei den griechischen Landleuten. Eine wohltuende Leere herrschte in den Häusern. Der Sinn der Frauen richtete sich nur auf das Notwendigste, ebenso der Sinn der Männer. Und ihr Auftreten und ihre Rede blieben in dieser Bedürfnislosigkeit würdevoll und einheitlich.

Und diese Griechen im Peloponnes gingen auch, von alter Vergangenheit geadelt, so würdevoll frei und gesittet aufrecht, köstlich harmonisch im Geist und im Herzen, viel edler als das Landvolk in Italien, das erhitzter, begierdevoller und unklarer hinlebt. Unendliche unvergängliche Hoheit sprach aus der Haltung der griechischen Landleute, die ich da am Wege und auf den Türschwellen bei einsamen Bauernhäusern antraf.

Nur einmal fand ich im Gebirge flüchtige Unbescheidenheit, das war auf dem Wege nach Kalamata. Es war in früher Morgendämmerung, nachdem wir die Mühle verlassen hatten, hoch im Gebirge, als wir auf eine Hirtengesellschaft stießen. Mehrere Hirten hausten dort mit ihren Weibern und Kindern in Zelten. Es war noch grauer Morgen vor Sonnenaufgang,als wir, nach einem mühevollen Aufstieg, auf einem öden Geröllplatz jenen Menschen begegneten. Wir hätten gern ein wenig Milch getrunken und beauftragten unseren Führer, bei den Hirten zu fragen, ob sie uns Milch verkaufen wollten.

Es war aber noch nicht gemolken worden, da die Herde noch abseits zerstreut im Gestein schlief. Unser plötzliches Erscheinen machte die Hirten starr. Daß wir vor Sonnenaufgang erschienen, das hat die dürftigen Leute so verwundert, daß sie zum mindesten glaubten, der König von Griechenland wäre mit seinem Gefolge unterwegs. Sie redeten uns mit „Fürst“ und „Prinz“ an, und sie glaubten dabei, es würde über ihre Zelte Gold regnen.

Sie forderten für eine kleine Schale Milch, die sie endlich herbeibrachten, Gold und Gold und wieder Gold. Schließlich mußten wir die Leute durch den Führer zurechtweisen und ihnen Vernunft zureden lassen. Sie meinten aber, wenn man aus Athen käme, müsse man vom König kommen, und der König sei Besitzer von goldenen Schlössern, und wohin der König gehe oder ein Königlicher, müsse er auch Gold mitbringen.

Und die Frauen der Hirten, die nur ihre Köpfe aus den Zeltfalten heraussteckten, und die Kinder, die unter dem Zeltsaum herauskrabbelten, alle begehrten Gold für den Napf Milch. Ich glaube heute, da sie eben aus dem Schlaf aufgewacht, waren sie noch nicht ganz von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit zurückgekehrt.

Denn so lange diese Einsamen lebten, ist sicher nochnie jemand vor Sonnenaufgang, wie aus der Erde gewachsen, vor ihrem Zelte erschienen, geradenwegs aus Athen kommend. Sie begnügten sich jedoch endlich mit einigen Frankenstücken, die sie gern annahmen, wobei sie immer noch das Wort „Gold“ murmelten und sich zurückgesetzt fühlten, weil von dem vom Himmel gefallenen Morgenbesuch nur Silber und kein Gold kam.

Aber dann, als wir weiter ritten, und je weiter wir uns von ihnen entfernten, desto fröhlicher dankten sie uns, und ehe wir ganz verschwanden, riefen sie uns lange Danksprüche nach. So kindlich handelten diese Leute, wenn in ihnen unerwartet Begierden erweckt wurden, denen ihr Herz nicht gewachsen war, und die eigentlich nicht ernst gemeint waren. Denn nur ihre Träume schrieen nach Gold.

Wir Fremde aber sind für diese weltfremden Hirten keine richtigen Fremden aus dem königlichen Athen gewesen, da wir nicht königliches Gold auf unsere Wege regnen ließen. Jene Hirten wollten ihre Träume erleben.

Es war nur dieses eine Mal hoch im Gebirge, daß wir dem ausgesprochenen Goldverlangen begegneten. Gewöhnlich waren die Anforderungen zufriedengestellt bei landesüblicher Preiseinhaltung.

Noch heute sehe ich gern im Geist die einfachen ländlichen Häuslichkeiten, in die wir in Griechenland am Wege kurze Einblicke bekamen.

Bei Epidaurus saß an einer Landstraße auf der Hausschwelle eine Frau, die von einer mit Hanf umwickelten Kunkel, die sie auf ihre eine Hüfte stützte,den Garnfaden drehte. Auf einer Böschung seitlich vom Hause, unter einem großen Platanenbaum, stand aufrecht eine andere Frau; sie hielt auch eine Kunkel im Arm und arbeitete wie die erste.

Und am Rande eines großen steinernen Brunnentroges, aus dem unsere Pferde getränkt wurden und in den das Wasser aus dem Felsen sickerte, saß eine dritte Frau und hielt gleichfalls eine hanfumwickelte Kunkel und arbeitete. Über den drei Frauen stand der Frühlingshimmel, und der Frühlingssonnenschein machte den Himmel hinter dem Haus und durch die Blätter des Platanenbaumes leuchten, als wäre dort ein gläsernes Fenster, das ins Weltall hinaussah.

Von dem hellen Weltraum draußen kam seligste Einfachheit, weise Lebensfreude, Lebensernst und Lebensruhe; und nicht das Licht allein, sondern diese dreifache Seligkeit beschien und bewachte die drei stillen, ihre Hanffäden drehenden Frauen.

Da war keine Hast, keine Unruhe, kein wild erwartetes Morgen, keine sinnlose Eile um den Brunnen, um den Platanenbaum und um das Haus. Und solche, von unbewußter Menschenweisheit geschmückte, natürlich festliche Landschaftsbilder, fand ich viele auf jener Reise durch den Peloponnes. Sie erquickten den Wandernden mehr als ein erfrischender Schluck Wasser aus der klarsten Quelle.

Wo die Quellen des Weltalls ungestört, fern von gepeitschter Lebensjagd und frei von sinnlosen Bedürfnissen, friedlich rinnen dürfen, dort ist immer für das künstlerische Herz das Weltallfest vollkommen. Denn der Künstler trägt in sich das ursprünglichsteHerz und sehnt sich nach harmonischer Ursprünglichkeit auf allen Lebenswegen.

Während ich reitend, von meinem Bergpferdchen herab, solche Bilder, die in Weltallruhe eingerahmt waren, in mich aufnahm, wurde mir zugleich die Sehnsucht nach der Heimat und nicht nach der Fremde von solchen Blicken gestärkt. Ich sah mit Neid, wie die einfachen Landleute alle, ebenso wie die Handwerksleute der Städte, an ihrem Stück Erde hingen, und mit Frieden an der ihnen angeborenen Erdscholle ihr Stück Brot aßen und ihre Hände still bei der Arbeit rührten.

Je mehr ich Einblick bekam in die fremden Häuslichkeiten am fremden Wege, desto mehr wurde in mir der Glaube bestärkt, daß auch mir als Künstler nur die Heimat fortgesetzt Frieden und Kraft geben konnte.

Ich erinnerte mich daran, daß ich auch auf den fränkischen Landstraßen und auch bei den bayrischen Bergen und Seen und auf deutscher Heimaterde überall dieselbe edle Einfachheit der Sitten, dieselbe Arbeitsvertiefung beim Volk, dieselbe Schlichtheit der Gebärden, die Helligkeit alter vergangener Gebräuche und auch edle Bedürfnislosigkeit finden könnte.

Es gibt bei uns auch genug künstlerische Bilder am Wege und ebenso genug unbewußtes Verschmelzen mit dem Weltall. „Du findest es daheim in den Bauernstuben, in den Handwerkerstuben, in den Studierstuben“, sagte mein Herz ernst zu mir und zeigte meinen Gedanken warme runde Heimatsbilder, viele und freundliche, buntfarbig wie die verschiedenenAnemonenblumen auf den griechischen Wiesen.

Aber noch schämte ich mich vor mir selbst und vor meinem Reisegefährten, der mich bei jedem Aufenthalt in den griechischen Landschaften, in den Bergen, bei den Ruinen, in den Tälern und am Meere immer gefragt hatte, wo ich mich denn jetzt im Peloponnes niederlassen wollte. Und immer wieder hatte ich antworten müssen: „Hier nicht.“

Und dann waren wir wieder weiter geritten. Ich glaubte zuletzt, da ich schon vorher in Mexiko keine Heimat gefunden hatte, und ich nun einmal in Griechenland war, ich müßte wenigstens eine lange Zeit hier in diesem Lande ausharren, um mich nicht vor mir und meinen Freunden qualvoll lächerlich zu fühlen.

Als wir im Eisenbahnzug am Tag vor dem Ostersonntag nach Athen fuhren, und ich erklärt hatte, nirgends im Peloponnes bleiben zu wollen, sagte ich deshalb, noch einmal mein Herz verleugnend, ich wollte mir in der Nähe von Athen ein Weinberghaus suchen.

In Athen wurde uns dann bekannt, daß draußen ein einsames verlassenes kleines Klostergebäude am Fuße des Hymättos liege. Dieses hieß Cäsaria. Jenes Haus war einmal in ältester Zeit unter Kaiser Hadrian ein Lustschlößchen gewesen. Später ist es ein Kloster geworden. Das Gebäude war jetzt noch Eigentum eines großen Klosters in Athen. Wirmußten in jenem Kloster die Schlüssel für Cäsaria holen. Wir wollten das Haus besichtigen, das man mir verpachten sollte.

Der kurze Augenblick in jenem großen griechischen Kloster, in dem wir die Schlüssel verlangten, ist mir unvergeßlich.

Nach einem viereckigen sonnigen Hof hin lagen die offenen Zellen der Mönche. Große schattige Bäume standen mächtig und ruhig bei den Zellentüren. Die dicken Stämme der Bäume waren wie große Urnen anzusehen. Aus diesen quollen die Blätterkronen, als wüchse der Friede hier Blatt an Blatt aus der Erde.

Die Zellentüren standen offen, und ich sah in jedem kleinen weißgetünchten viereckigen Raum einen Betpult und ein schmales Bett. An der Wand hing ein Holzkreuz, und in einer Nische stand ein Wasserkrug. Köstliche heilige Einfachheit herrschte hier.

Einige Mönche mit langen grauen Bärten saßen im Hof unter den Bäumen und lasen, und ein alter stattlicher Mönch mit weißem Haupthaar und weißem Bart gab uns vertrauensvoll die Schlüssel.

Wie schade ist es, dachte ich, daß wir Künstler nicht in solcher Einfachheit mit unseren Frauen leben wie die Mönche hier. Diese leben wie jene drei Frauen, die ich im Peloponnes mit ihren Flachskunkeln in der Hand, im Frühlingstag arbeitend, unter einem Ahornbaum, in der Haustür und am Brunnen fand, und die mir wie an den Quellen der Ewigkeit sitzend sind erschienen.

So müßten wir Männer, in äußerer Einfachheitden Mönchen ähnlich, und unsere Frauen, jenen drei Wockenspinnerinnen ähnlich, im herrlichsten Frieden leben können, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, den Vorbildern aller Götterbegriffe ähnlich, wenn wir uns zur edelsten Bedürfnislosigkeit entschließen könnten.

Sauberkeit und Ordnung am Körper, in der Kleidung und im Hause müßten die Grundbedürfnisse bleiben bei täglicher Arbeit. Und die Quellen des Weltallfriedens und der künstlerischen Freuden wären dann unerschöpflich.

Welche festliche künstlerische Beobachtung des Weltalls, welch festliches Miterleben mit Pflanzen, Tieren und Menschen wäre jenen Menschenherzen möglich, jenem Mann und jener Frau, die in solch äußerster Schlichtheit ihr tägliches Leben führen wollten!

Später, auf meiner Weltreise, traf ich diese Schlichtheit in Asien bei Millionen Menschen, sowohl im warmen Indien, als in dem in gemäßigter Zone liegenden Japan. Überall fand ich diese möbelleeren, aber von künstlerischen Gedanken erfüllten, kleinen Wohnungen, in welchen als erster Schmuck die peinlichste Sauberkeit herrschte und die feinfühligste Lebensordnung.

Zwischen leeren Wänden saßen in jenen Ländern gefühlvoll fleißige und allem Weltalleben klug nachfühlende Menschen. Und die Leere der japanischen Zimmer war so reich wie die Leere des blauen Himmels es ist, die nie langweilt.

Die Japaner hatten die Maße der Höhe, Breiteund Tiefe ihres Hauses klug und fühlend um die Menschenfigur ausgedacht, so daß das Zimmer wie eine Schachtel zum Verpacken eines köstlichen Kunstwerkes wurde, eine Schachtel, die gerade so viel Raum bietet, als der Gegenstand Schutz braucht.

Das kleine Gebäude von Cäsaria lag bei einer winzigen Kapelle. Die stammte noch aus den ersten Jahren des Christentums. Die Kreuze und die Bilder darinnen waren ungemein liebevoll, einfältig und rührend kindlich gläubig gearbeitet. Das einstöckige Haus neben der Kapelle wurde von einigen Hirtenfamilien bewohnt. Aber hier herrschte Verwahrlosung überall. Die Dielen waren so zerrissen, daß man durch die Stockwerke hindurchsehen konnte, und das Gesindel, das da hauste, war nicht vertrauenerweckend. Die Hirten beim Hause trugen Gewehre über den Schultern, Revolver und Dolche in den Gürteln. So standen sie zwischen ihren Herden und schossen nach Vögeln und Feldmäusen und benahmen sich bei unserem Erscheinen, als müßten sie uns mit ihren Büchsen das Echo vom Hymättosgebirge hören lassen.

Hinter dem Haus zog ein ungeheuerer Bergabhang hinauf, der seit Jahrhunderten schon abgeholzt war und kahl und sonnenverbrannt in die Lüfte starrte.

Einige Schritte von der Türschwelle fort, unter dürftigen Laubbäumen, sickerte aus einem alten marmornen Widderkopf eine Quelle. Dort bei einem großen alten Trog knieten Weiber, alte Männer und Kinder; die wuschen unter viel Geschnatter und Geschimpf ihre Wäsche.

Es führte kein eigentlicher Weg zu diesem Haus. Wir hatten von der großen Landstraße quer durch Felder einen Pfad suchen müssen. Ich hatte geglaubt, ein einsames einfaches leeres Klosterhaus zu finden, und war erstaunt über die uns mißtrauisch begrüßende, verwilderte Hirtengesellschaft, die da, büchsenknallend und freche Reden führend, das verwahrloste Haus wie eine Räuberhöhle erscheinen ließ.

Da war kein Garten, kein Wald in der Nähe, nur dürftiges Buschwerk war da und ein heißer steinerner Bergabhang und flache Felder davor. „Wollen Sie hier auch nicht bleiben?“ fragte mich mein Reisegefährte. „Nein,“ sagte ich, „hier erst recht nicht.“ „Was wollen Sie dann tun?“ —

Die Frage war leicht gestellt, aber ich mußte in meiner Brust einen schweren Kampf kämpfen, um die Antwort zu finden, die ich mir selbst geben sollte. Ich kam mir gedemütigt vor, weil ich so viele Pläne gemacht hatte, und weil nun alle meine Gefühle und Gedanken, wenn ich aufrichtig zu mir war, nichts mehr von jenen Plänen wissen wollten. Mein Herz drängte nur heftig nach der Vereinigung mit meiner Frau und mit meiner Heimat.

Wir gaben die Schlüssel von Cäsaria dann wieder im Kloster ab. Der weißbärtige Mönch nickte, als er hörte, daß ich nicht daran denken wollte, dort zu wohnen, und er fand es ganz in der Ordnung, daß ich wieder nach Hause reisen wollte. Herrlich friedlich war es in mir nach diesem Entschluß. Auf dem Rückweg vom Kloster nach Athen beleuchtete die Abendsonne vor uns den fernen Akropolishügel. Derlag goldrötlich über den blauschattigen Feldern und verdunkelte sich mehr und mehr, als wollte er vor meinen Augen verschwinden und wollte sich in einen fränkischen Hügel, in den Marienberg, der das Schloß über der Stadt in Würzburg trägt, verwandeln.

Von den Bergwänden des Hymättos hallten Käuzchenschreie und Eulenrufe in der Abenddämmerung.

„Eulen nach Athen tragen“, fuhr es mir durch den Sinn. Ich hatte, wie das Sprichwort sagt, gehandelt. Die Eulen waren meine unruhig flatternden Pläne gewesen, die ich umsonst nach Athen getragen. Ich ließ sie jetzt für immer fortfliegen, und sie riefen mir von Cäsaria zum letztenmal nach. Aber ich kehrte ihnen den Rücken und ging im weichen Staub der Landstraße weiter.

Dabei machte ich in meiner Zufriedenheit die Wahrnehmung, daß jener alte Staub der athenischen Straßen einen wunderbar süßen Geruch hat. Wie Wohlgeruch aus alten Räucherurnen, so stieg ein Duft von der Erde hier auf. Ich fragte mich, ob sich der Staub am Boden hier noch an jene Abende erinnert, da die Griechen köstliche Rauchopfer vor den edlen Menschengestalten ihrer Heimatgötter auf den Hausaltären anbrannten. Nirgends auf der Welt fand ich wieder, daß der Erdstaub so süß, getrockneten Blumen ähnlich, duftete wie hier auf den Landstraßen um Athen.

Befreit vom Ballast unmöglicher Pläne, kam ich jetzt nach Athen reicher zurück, als ich fortgegangen war. Ich nahm mir nun vor, nur noch einige Tagedie Schönheiten Athens zu sehen, und dann auf kürzestem Weg nach meiner fränkischen Heimat, nach Deutschland zurückzukehren. Dort wollte ich meine Frau erwarten, und dann würden wir endlich in der Heimat unsere Heimat finden.

Ich besuchte am nächsten Nachmittag noch Eleusis, denn dort waren alljährlich zum Osterfest alte Ostertänze auf dem Marktplatz zu sehen. Eleusis ist nach einer kurzen Bahnfahrt von Athen aus erreichbar. Die Bahn läuft am Meer entlang neben der alten heiligen Straße der Pilger.


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