»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in Mähren Quartiere bezogen.Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an, obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter, namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte, lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... ‘Er und stehlen, er, Jegor Awtamanow!’ Ich suchte die Wirtin von Jegors Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt – als sie sich seinem Pferde entgegenwarf, auf die Knie fiel – und ganz außer sich, mit fliegenden Haaren, meinen Burschen lautanzuklagen begann, wobei sie mit der Hand auf ihn deutete.‘Herr General!’ schrie sie, ‘Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!’ Jegor stand auf der Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache – und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu Stein erstarrte – mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und brummte zornig: ‘Nun?’ ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, der Kerl lache.Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: ‘Hängt ihn!’ gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter – zuerst wieder im Schritt – dann in scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen flüchtigen Blick zu.Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen – und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: ‘Mein Gott! Mein Gott!’ – dann halblaut: ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht!’ Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ichwar in Verzweiflung. ‘Jegor! Jegor!’ schrie ich, ‘warum hast du denn bloß dem General nicht geantwortet?’ ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht,’ wiederholte der Ärmste schluchzend. – Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, alles aufzuklären ...Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: ‘Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja schon verziehen.’«Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte, flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« – und dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.
»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in Mähren Quartiere bezogen.
Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an, obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.
Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter, namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.
Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte, lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... ‘Er und stehlen, er, Jegor Awtamanow!’ Ich suchte die Wirtin von Jegors Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.
Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.
Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.
Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt – als sie sich seinem Pferde entgegenwarf, auf die Knie fiel – und ganz außer sich, mit fliegenden Haaren, meinen Burschen lautanzuklagen begann, wobei sie mit der Hand auf ihn deutete.
‘Herr General!’ schrie sie, ‘Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!’ Jegor stand auf der Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache – und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu Stein erstarrte – mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.
Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und brummte zornig: ‘Nun?’ ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, der Kerl lache.
Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: ‘Hängt ihn!’ gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter – zuerst wieder im Schritt – dann in scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen flüchtigen Blick zu.
Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen – und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: ‘Mein Gott! Mein Gott!’ – dann halblaut: ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht!’ Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ichwar in Verzweiflung. ‘Jegor! Jegor!’ schrie ich, ‘warum hast du denn bloß dem General nicht geantwortet?’ ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht,’ wiederholte der Ärmste schluchzend. – Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, alles aufzuklären ...
Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: ‘Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja schon verziehen.’«
Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte, flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« – und dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.
Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde schlägt – wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich!Ich habe ja doch noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit gehen!«Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden – und wird meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden? Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und wartet dort überhaupt etwas meiner?Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken – und mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir auftut, abzulenken.Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.
Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde schlägt – wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?
Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?
»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich!Ich habe ja doch noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit gehen!«
Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?
Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden – und wird meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden? Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und wartet dort überhaupt etwas meiner?
Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken – und mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir auftut, abzulenken.
Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.
Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht.Ich sitze da, in einen Winkel gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; – am Fenster aber sitzt, mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein Mädchen – und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen heult und knirscht der Frost um die Mauer – und mir ist, als vernähme ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrundedes traulichen Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt? Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht.Ich sitze da, in einen Winkel gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; – am Fenster aber sitzt, mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein Mädchen – und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen heult und knirscht der Frost um die Mauer – und mir ist, als vernähme ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrundedes traulichen Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt? Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes, kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen Augen auf mich. – Ich erfaßte seine Hand – und da hörte es auf zu piepen und zu zerren.Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie ein unbewegliches, bleigraues, glattesTafeltuch aus. Nur wenig war davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem geheimnisvollen, seltsamen Rot.Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar, glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich, wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf – um gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig, als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden – dem Affen.Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs neue seine Hand hin.Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in gleiches, gedankenloses Brütenversunken saßen wir eins neben dem andern, wie zwei Verwandte.Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.Wir alle sind Kinder einer Mutter – und es tat mir wohl, daß das arme Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte, wie an einen Verwandten.
Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.
Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes, kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen Augen auf mich. – Ich erfaßte seine Hand – und da hörte es auf zu piepen und zu zerren.
Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie ein unbewegliches, bleigraues, glattesTafeltuch aus. Nur wenig war davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem geheimnisvollen, seltsamen Rot.
Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar, glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich, wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.
Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf – um gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig, als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden – dem Affen.
Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs neue seine Hand hin.
Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in gleiches, gedankenloses Brütenversunken saßen wir eins neben dem andern, wie zwei Verwandte.
Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.
Wir alle sind Kinder einer Mutter – und es tat mir wohl, daß das arme Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte, wie an einen Verwandten.
Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd – und du brauchst niemanden.Du bist schön – und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine Schönheit legst oder nicht. – Selbst bist du teilnahmlos – und verlangst keine Teilnahme.Dein Blick ist tief – und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in dieser lichten Tiefe.So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.
Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.
Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd – und du brauchst niemanden.
Du bist schön – und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine Schönheit legst oder nicht. – Selbst bist du teilnahmlos – und verlangst keine Teilnahme.
Dein Blick ist tief – und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in dieser lichten Tiefe.
So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.
Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe – so bleib für immer in meinem Gedächtnis!Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton – deine Augen glänzen nicht und strahlen nicht –sie verdunkeln sich, überwältigt von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine ermatteten Arme ausstreckst!Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken zurückgeweht?Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es – das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere Unsterblichkeit gibt es nicht – und braucht es nicht zu geben. – In diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden – und dann bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt dir daran! – In diesem Augenblick – standest du höher, standest über allem Vergänglichen und Zeitlichen. – DieserdeinAugenblick bleibt unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit strahlen!
Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe – so bleib für immer in meinem Gedächtnis!
Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton – deine Augen glänzen nicht und strahlen nicht –sie verdunkeln sich, überwältigt von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine ermatteten Arme ausstreckst!
Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?
Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken zurückgeweht?
Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es – das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere Unsterblichkeit gibt es nicht – und braucht es nicht zu geben. – In diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden – und dann bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt dir daran! – In diesem Augenblick – standest du höher, standest über allem Vergänglichen und Zeitlichen. – DieserdeinAugenblick bleibt unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit strahlen!
Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur in der Wonne des Gebets – und in diesem seligen Rausche stand er so lange auf den kaltenSteinfliesender Kirche, bis ihm seine Füße unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte sie nicht mehr, stand da – und betete.Ich verstand ihn – vielleicht beneidete ich ihn auch – aber auch er soll mich verstehen und mich nicht verurteilen – mich, dem seine Freuden unzugänglich sind.Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die mich davon abhält.MeinIchist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm – das seine.Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch ich lüge ja nicht.
Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur in der Wonne des Gebets – und in diesem seligen Rausche stand er so lange auf den kaltenSteinfliesender Kirche, bis ihm seine Füße unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte sie nicht mehr, stand da – und betete.
Ich verstand ihn – vielleicht beneidete ich ihn auch – aber auch er soll mich verstehen und mich nicht verurteilen – mich, dem seine Freuden unzugänglich sind.
Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die mich davon abhält.
MeinIchist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm – das seine.
Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch ich lüge ja nicht.
Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen völlig umzustimmen!Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich meiner bemächtigt.Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg, etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt, hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt und unbesorgt!Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als schere er sich um keinen Teufel! Ein Held – Zoll für Zoll!Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen – und augenblicklich waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut, Widerstandskraft und Lebenslust.Mag doch auch übermeinemHaupte ein Habicht kreisen ...– Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!
Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen völlig umzustimmen!
Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.
Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich meiner bemächtigt.
Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg, etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt, hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt und unbesorgt!
Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als schere er sich um keinen Teufel! Ein Held – Zoll für Zoll!
Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.
Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen – und augenblicklich waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut, Widerstandskraft und Lebenslust.
Mag doch auch übermeinemHaupte ein Habicht kreisen ...
– Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!
Um was der Mensch auch immer beten mag – er betet um ein Wunder. Jedes Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal zwei – nicht vier sei.«Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen abstrakten, wesenlosen Gotte beten – ist unmöglich und undenkbar. Aber kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich machen, daß zwei mal zwei – nicht vier sei?Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« – und ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen – dann hat er bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein – und beten.
Um was der Mensch auch immer beten mag – er betet um ein Wunder. Jedes Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal zwei – nicht vier sei.«
Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen abstrakten, wesenlosen Gotte beten – ist unmöglich und undenkbar. Aber kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich machen, daß zwei mal zwei – nicht vier sei?
Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« – und ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.
Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?
Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.
Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen – dann hat er bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«
Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein – und beten.
In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines Heimatlandes – bist du allein mir Halt und Stütze, o du große, mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! – Wenn du nicht wärst – müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was sich daheim vollzieht? – Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!
In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines Heimatlandes – bist du allein mir Halt und Stütze, o du große, mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! – Wenn du nicht wärst – müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was sich daheim vollzieht? – Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!
Druck von BernhardTauchnitz in Leipzig
Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig –> IhremSeite 73: auf den kalten Steinfließen –> Steinfliesen
Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: