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Auch in mir kam die Betrübnis erst spät zu ihrem Recht. Und wie es immer geht, es fielen mir unzählige Gelegenheiten ein, bei denen ich meinem toten Freunde Unrecht getan hatte. Nun, das Schlimmste hatte er sich selber angetan, und nicht erst mit seinem Tode. Ich dachte viel über diese Dinge nach und konnte nicht finden, daß in diesem Schicksal etwas unklar und unbegreiflich wäre, doch war alles darin grausam und höhnisch. Es war mit meinem eigenen Leben nicht anders, und mit dem Leben Gertruds und Vieler. Das Schicksal war nicht gut, das Leben war launisch und grausam, es gab in der Natur keine Güte und Vernunft. Aber es gibt Güte und Vernunft in uns, in uns Menschen, mit denen der Zufall spielt, und wir können stärker sein als die Natur und als das Schicksal, sei es auch nur für Stunden. Und wir können einander nahe sein, wenn es not tut, und einander in verstehende Augen sehen, und können einander lieben und einander zum Trost leben.

Und manchmal, wenn die finstere Tiefe schweigt, können wir noch mehr. Da können wir für Augenblicke Götter sein, befehlende Hände ausstrecken und Dinge schaffen, die vordem nicht waren und die, wenn sie geschaffen sind, ohne uns weiter leben. Wir können aus Tönen und aus Worten und aus andern gebrechlichen wertlosen Dingen Spielwerke erbauen, Weisen und Lieder voll Sinn und Trost und Güte, schöner und unvergänglicher als die grellen Spiele des Zufalls und Schicksals. Wir können Gott im Herzen tragen, und zu Zeiten, wenn wir seiner innig voll sind, kann er aus unsern Augen und aus unsern Worten schauen und auch zu andern reden, die ihn nicht kennen oder kennen wollen. Wir können unser Herz dem Leben nicht entziehen, aber wir können es so bilden und lehren, daß es dem Zufall überlegen ist und auch dem Schmerzlichen ungebrochen zuschauen kann.

So habe ich in den Jahren, seit Heinrich Muoth begraben ist, ihn mir tausendmal wieder lebendig gemacht und klüger und liebreicher mit ihm reden können als je im Leben. Und ich sah, als die Zeit da war, meine alte Mutter sich legen und sterben, und sah auch die schöne, lustige Brigitte Teiser sterben, die nach Jahren des Wartens und Verheilens einen Musiker geheiratet und das erste Kindbett nicht überlebt hat.

Gertrud hat ihren Schmerz überwunden, der sie damals überfiel, da unsre Blumen als Gruß und Werbung eines Toten zu ihr kamen. Ich rede nicht oft mit ihr darüber, obwohl ich sie jeden Tag sehe. Aber ich glaube, sie blickt in ihren Frühling wie in ein fernes, in ehemaligen Reisetagen gesehenes Tal zurück und nicht wie in einen verlorenen Garten Eden. Sie hat ihre Kraft und Heiterkeit wiedergefunden, sie singt auch wieder. Doch hat sie seit dem kalten Kuß auf des Toten Lippen keinen Mann wieder geküßt. Einmal, zweimal im Gang der Jahre, da ihr Wesen gesundet war und in der alten herben Blüte duftete, gingen meine Gedanken den alten verbotenen Weg ihr nach und dachten: warum nicht? Heimlich wußte ich aber die Antwort schon, und daß an meinem und ihrem Leben nichts mehr zu korrigieren war. Sie ist mein Freund, und wenn ich nach unruhig einsamen Zeiten aus meiner Stille hervortrete und ein Lied oder eine Sonate habe, gehört es zuerst uns beiden. Muoth hat recht gehabt, man ist beim Altwerden zufriedener als in der Jugendzeit, die ich darum nicht schmähen will, denn sie klingt mir dennoch in allen Träumen wie ein herrliches Lied herüber, und klingt heute reiner und lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.

Ende.

Druck von Hesse & Becker in LeipzigPapier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik Niefern bei PforzheimEinbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig


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