Drittes Kapitel

Äropos verstand das Königtum zu behaupten; aber als er 392 starb, bemächtigte sich Amyntas der Kleine der Gewalt; ihn ermordete Derdas 391, und des Äropos Sohn Pausanias wurde König. Wieder diesen verdrängte jener Amyntas, des Arrhidaios Sohn (390-369); die älteste Linie des Königshauses trat mit ihm wieder in ihr Recht.

Die Jahre seiner Regierung sind voller Wirren, die das zerrüttete Makedonien zur leichten Beute jedes Überfalles zu machen schienen. Vielleicht von den Lynkestiern herbeigerufen, brachen die Illyrier verheerend in das Land, besiegten des Königs Heer, zwangen ihn selbst zur Flucht über die Grenzen. Zwei Jahre lang hatte Argaios das Königtum inne, ob aus dem Königshause, ob ein Bruder des Pausanias, ob ein Lynkestier, muß dahingestellt bleiben. Aber mit thessalischer Hilfe kam Amyntas zurück, gewann das Königtum wieder, freilich in elendem Zustande; die Städte, die Landschaften an der Küste waren in der Gewalt der Olynthier, selbst Pella schloß dem Könige die Tore. Daß er sich mit Eurydike vermählte, die beiden Fürstenhäusern, dem von Elymais und von Lynkestis, angehörte, mag geschehen sein, um endlich Versöhnung zu schaffen.

Es folgten die Wirkungen des Antalkidischen Friedens, der Zug der Spartaner gegen Olynthos; Amyntas schloß sich dem Zuge an, auch Derdas, der Fürst der Elymiotis, folgte mit 400 Reitern. Aber man kam nicht so bald zum Ziel; Derdas wurde gefangen. Und nachdem endlich (380) Olynth gebrochen war, erhob sich Theben, es folgten Spartas Niederlagen bei Naxos, bei Leuktra; Olynth erneuerte den Chalkidischen Bund; Jason von Pherai vereinte die Macht Thessaliens, nötigte wie Alketas von Epiros, so Amyntas III. in seinen Bund zu treten; an der Schwelle großer Erfolge wurde er ermordet (370). Der schwache Amyntas hätte sich seiner Oberhoheit nicht zu erwehren vermocht. Er starb wenig später: ihm folgte der älteste seiner dreiSöhne, Alexandros II.; von seiner Mutter, der Elymiotin, kam ihm ein rasches Verderben. Sie hatte schon lange geheime Buhlschaft mit Ptolemaios, aus unbekanntem Geschlecht, dem Mann ihrer Tochter, gehabt; sie veranlaßte ihn, während Alexandros, von den Thessaliern zu Hilfe gerufen, glücklich kämpfte, die Waffen gegen ihn zu erheben; er behauptete gegen den Heimeilenden das Feld; dann eilte Theben, sich einzumischen, es galt Makedonien zu lähmen, bevor es weitere Erfolge in Thessalien gewann; Pelopidas stiftete einen Vergleich, nach dem Alexandros dreißig Edelknaben als Geiseln stellte, Ptolemaios, so scheint es, ein Teilfürstentum mit der Stadt Aloros — nach dieser wird er genannt — erhielt. Ein Vergleich, der nur gemacht schien, den König sicherer zu verderben; während eines festlichen Tanzes wurde er ermordet: dem Mörder gab die Mutter ihre Hand und, unter dem Namen der Vormundschaft für ihre jüngeren Söhne Perdikkas und Philippos, das Königtum (368-365). Gegen ihn erhob sich, von vielen Makedonen gerufen, von der Chalkidike kommend, Pausanias — er heißt »aus dem Königshause«; von welcher Linie desselben er stammt, ist nicht mehr zu erkennen. Er machte rasche Fortschritte; Eurydike flüchtete mit ihren beiden Kindern zu Iphikrates, der mit attischer Macht in der Nähe war; er schlug den Aufstand nieder. Aber fester stand darum Ptolemaios nicht; die Ermordung Alexanders war ein Bruch des Vertrages mit Theben; an Pelopidas, der mit einem Heere in Theben stand, wandten sich die Freunde des Ermordeten; er kam mit einem rasch geworbenen Heere; aber des Ptolemaios Gold zerrüttete es; Pelopidas begnügte sich, einen neuen Vertrag mit ihm zu schließen; als Pfand seiner Treue stellte Ptolemaios 50 Hetairen und seinen Sohn Philoxenos; vielleicht war es bei diesem Anlaß, daß auch Philippos nach Theben kam.

Aber Perdikkas III., sowie er herangewachsen war, rächte den Mord seines Vaters mit dem Morde des Usurpators. Sich dem Einflusse Thebens zu entziehen, hielt er sich zu Athen, kämpfte an Timotheos' Seite mit Ruhm gegen die Olynthier. Dann aber brachen, vielleicht von den Lynkestiern aufgerufen,die Illyrier über die Grenze herein; er kämpfte anfangs glücklich gegen sie, dann in einer großen Schlacht fand er und 4000 Mann den Tod; das Land wurde weithin von den Illyriern verwüstet, die Paionen brachen von Norden ins Land.

Unter solchen Umständen übernahm Philippos das Regiment 359, zunächst für des Perdikkas unmündigen Sohn Amyntas. Er war schon — wohl seit des Ptolemaios Ende — im Lande; nach einem Vergleich, zu dem Platon dem Perdikkas geraten haben soll, war ihm ein Teilfürstentum zugewiesen worden; die Truppen, die er dort hielt, gaben ihm einen ersten Anhalt. Die Gefahr war groß; die Illyrier, die Paionen standen im Lande, es kamen die älteren Prätendenten Argaios, Pausanias, von Athen, von den Thrakerfürsten unterstützt; drei Bastardsöhne seines Vaters forderten das Königtum. Von dem bereiten Willen des Landes gestützt, überstand Philipp die erste Not; mit Vorsicht, Gewandtheit, Entschlossenheit rettete er das Reich vor den Illyriern, Thrakern, Paionen, das Königtum vor den Prätendenten, das königliche Haus vor neuen Intrigen und Verwirrungen. Und als die Athener, die die Torheit gehabt hatten, der gemeinsamen Sache wider ihn für seine Anerkennung ihres Anspruchs auf Amphipolis den Rücken zu kehren, über seine Erfolge in Sorge gerieten und mit »Grabos dem Illyrier, Lyppeios dem Paionen und Ketriporis dem Thraker und seinen Brüdern« ein Schutz- und Trutzbündnis schlossen, damit Barbareneinbrüche von drei Seiten zugleich die Macht Makedoniens brächen, ehe sie völlig gesammelt wurde und erstarkte, da war Philipp — schon hatte er Amphipolis genommen und die Bürgerschaft gewonnen — rasch an den Grenzen, und die Barbaren, die noch lange nicht zum Werk fertig waren, mußten eilen, sich zu unterwerfen.

Um 356 waren die Grenzen gegen die Barbaren bis auf weiteres gesichert. In kurzem schwanden die Parteien am Hofe; von der der Lynkestier waren Ptolemaios und Eurydike tot; einer von den Söhnen des Äropos, Alexandros, wurde später durch Vermählung mit des treuen Antipatros Tochter, die beiden anderen, Heromenes und Arrhabaios, durch andere Gnaden gewonnen, Arrhabaios' Söhne Neoptolemos und Amyntas am Hofe erzogen. Die beiden Prätendenten Argaios und Pausanias verschwinden in der geschichtlichen Überlieferung. Den rechtmäßigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn Amyntas, in dessen Namen Philipp im Anfange die Regierung geführt hatte, knüpfte er, als er erwachsen war, durch die Vermählung seiner Tochter Kynna an sein Interesse.

So war Makedonien in der Hand eines Fürsten, der mit Planmäßigkeit und Gewandtheit die Kräfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu dem Grade zu erhöhen verstand, daß sie dem großen Gedanken, an der Spitze des Griechentums gegen die Persermacht in die Schranken zu treten, schließlich gewachsen waren. In den geschichtlichen Überlieferungen, wie sie uns vorliegen, sind über die staunenswürdigen Erfolge des Königs die Machtelemente, durch welche sie errungen wurden, vergessen; und während sie die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem anderen zu sich herüberzog, in jedem einzelnen ihrer schlauen Griffe beobachten, lassen sie uns über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre Kraft und Sicherheit dankt, fast völlig im Dunkeln; das verführerische Gold, das sie dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spenden lassen, erscheint fast als das einzige oder doch wesentliche Mittel, mit dem Philipp gewirkt.

Faßt man das innere Leben seines Staates näher ins Auge, so treten deutlich zwei Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst zu ihrer ganzen Bedeutung entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.

»Mein Vater«, sagt Alexander bei Arrian zu den meuternden Makedonen in Opis 324, »übernahm euch, als er König wurde, umherziehend, mittellos, die meisten in Felle gekleidet, auf den Bergen Schafe weidend und elend genug zu deren Schutz gegen die Illyrier, Thraker und Triballer kämpfend; er hat euch die Chlamys der Soldaten gegeben, euch in die Ebene hinabgeführt, euch gelehrt, den benachbarten Barbaren im Kampf gewachsen zu sein.« Gewiß war früher schon, wenn es Krieg gab, jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung desKrieges wieder zu seinem Pflug oder zu seiner Herde zurückzukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung übernahm, die Kämpfe, mit denen er namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung sein von allen Seiten bedrohtes Land zu schützen hatte, gaben Veranlassung, das, was schon König Archelaos begonnen, vielleicht die dann folgenden inneren Wirren wieder zerrüttet hatten, wiederaufzunehmen und weiter zu entwickeln. Auf Grund jener Kriegspflicht schuf er ein Nationalheer, das, fort und fort gesteigert, schließlich wohl 40 000 Mann zählte.

Er verstand nicht bloß, es zu formieren, sondern ihm Zucht und militärische Tüchtigkeit zu geben. Es wird berichtet, daß er den unnützen Troß, die Bagagewagen des Fußvolkes abschaffte, den Reitern nur je einen Pferdeknecht gestattete, daß er oft, auch in der Sommerhitze, marschieren, oft Märsche von 6-7 Meilen, mit vollem Gepäck und Proviant für mehrere Tage, machen ließ. So strenge war die Zucht des Heeres, daß in dem Kriege von 338 zwei hohe Offiziere, die sich eine Lautenschlägerin mit ins Lager gebracht hatten, verabschiedet wurden. Mit dem Dienst selbst entwickelte sich die feste Ordnung von Befehlenden und Gehorchenden und eine Stufenfolge des Ranges, in der nur Verdienst und anerkannte Tüchtigkeit steigen ließ.

Die Erfolge dieser Militärverfassung zeigten sich bald. Sie bewirkte, daß sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, die Makedonen alseinVolk fühlen lernten; sie machten es möglich, daß die neugewonnenen Gebiete mit dem alten Makedonien zusammenwuchsen. Vor allem, sie gab in dieser Einheit und in dem militärischen Typus, der fortan vorherrschend wurde, dem makedonischen Volk das Selbstgefühl kriegerischer Tüchtigkeit und die ethische Kraft fester Ordnung und Unterordnung, deren Spitze der König selbst war. Und wieder bot ihm für seine Zwecke das Bauernvolk seines Landes ein fügsames und derbes Material, der Adel der Hetairen die Elemente zu einem Offizierstande voll Ehrgefühl und Wetteifer sich auszuzeichnen. Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerhaufen oder gar dem herkömmlichen Bürgeraufgebot der hellenischen Staaten, ein Volkstum von dieser Derbheit und Frische dem überbildeten, in Demokratie und städtischem Leben überreizten oder abgestumpften Griechentum überlegen sein. Die Gunst des Schicksals hatte diesem makedonischen Lande die alte Kraft und Art erhalten, bis es demselben zuteil wurde, sie in großen Aufgaben zu bewähren; sie hatte hier in dem Kampf des Königtums mit dem Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande, sondern dem Königtum den Sieg gegeben. Und dieses Königtum eines freien und kräftigen Bauernvolkes, diese militärische Monarchie gab jetzt diesem Volke die Form, die Kraft und Richtung, welche auch die Demokraten in Hellas wohl als wesentlich erkannt, aber festzuhalten und zu dauernden Organisationen zu entwickeln nicht vermocht hatten.

Dagegen mußte die Bildung, das eigenste Ergebnis des hellenischen Lebens, ganz und völlig dem makedonischen Volksleben gegeben, so das schon von früheren Fürsten Begonnene fortgesetzt werden. Das Vorbild des Königs und seines Hofes war hier von der größten Wichtigkeit, und der Adel des Landes trat bald in die ebenso natürliche wie wirksame Stellung, den gebildeten Teil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in solcher Art in keinem der griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, da die Spartaner alle roh und den Heloten und Perioiken ihres Landes gegenüber nur Herren waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme für höchst gebildet hielten, während andererorts freilich mit der Demokratie der Herrenstand aufgehört hatte, aber um mit dem Unterschiede von reich und arm das Niveau des geistigen Lebens desto sicherer sinken zu machen.

Philipp hatte in den Tagen des Epaminondas in Theben gelebt; ein Schüler des Platon, Euphraios von Oreos, hatte früh auf sein Schicksal Einfluß gehabt; ihn selbst nennt Isokrates einen Freund der Literatur und der Bildung; daß er Aristoteles zum Lehrer seines Sohnes berief, bezeugt es. Er sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvorträgen aller Art, die zunächst für die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt waren, für die Bildung des jungen Adels, den er so viel alsmöglich an den Hof zu ziehen, an seine Person zu fesseln und für den unmittelbaren Dienst des Königtums vorzuüben suchte. Als Edelknaben und bei reiferer Jugend in den Scharen der Hetairen als Leibwächter (Somatophylakes) des Königs, als Kommandierende bei den verschiedenen Abteilungen des Heeres, in Gesandtschaften an hellenische Staaten, wie sie so häufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit genug, sich auszuzeichnen oder den Lohn für geleistete Dienste zu empfangen; überall aber bedurfte er jener Bildung und attischen Sitte, wie sie der König wünschte und selbst besaß. Sein eifrigster Gegner mußte gestehen, daß Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm Ähnlichen aufzuweisen habe; und wenn es an seinem Hofe für gewöhnlich nach der derben makedonischen Art mit Gelagen und Lärm und Trunkenheit herging, »zentaurenhaft, lästrygonenhaft«, wie Theopomp sagt, so waren die Hoffeste, der Empfang fremder Gesandtschaften, die Feier der großen Spiele desto glänzender nach hellenischer Art und Geschmack, alles prächtig und großartig, nichts kleinlich und karg. Die Domänen des Königshauses, die Grundsteuern des Landes, die Zölle der Häfen, die Bergwerke am Pangaion, die jährlich an 1000 Talent Ertrag gaben, vor allem die Ordnung und Wirtschaftlichkeit der Verwaltung, die Philipp durchgeführt, machten sein Königtum so überlegen, wie es in der hellenischen Welt nur einmal vorgekommen war, in der perikleischen Zeit Athens.

Selbst attischen Gesandten konnte der Hof von Pella mit seiner Opulenz, seinem militärischen Glanz, dem Adel, der dort versammelt war, wohl imponieren. Mehrere dieser edlen Geschlechter, wie schon bemerkt, waren fürstlichen Ursprungs; so das Bakchiadengeschlecht von Lynkestis; so das Geschlecht des Polysperchon, fürstlich im tymphaiischen Lande; so das des Orontes, dem die Landschaft Orestis gehört zu haben scheint; des Orontes älterer Sohn Perdikkas erhielt die Führung der Phalanx von Orestis, derselben, wie es scheint, welche, als er selbst Hipparch wurde, an seinen Bruder Alketas überging. Das bedeutendste unter diesen fürstlichen Geschlechtern, eine Seitenlinie des Königshauses, war das von Elymiotis, entstammt vondem oben erwähnten Fürsten Derdas aus der Zeit des Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas den Besitz des Landes und war damals, mit Amyntas von Makedonien und den Spartanern verbündet, gegen Olynth gezogen; später wird er als von den Olynthiern gefangen erwähnt. Wenn Philippos dessen Schwester Phila zur Gemahlin genommen hat, so wird er damit ihn fester an sich zu ketten oder ein Zerwürfnis auszugleichen bezweckt haben. Des Derdas Brüder, Machatas und Harpalos werden in des Königs Umgebung erwähnt. Aber es blieben zwischen Philipp und dieser Familie Spannungen, die nicht immer geschickt genug verhehlt wurden, und die der König vielleicht absichtlich nährte, um durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgnis zu halten; kaum konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der König zu Gericht saß, einen gerechten Spruch erlangen, und Philipp unterließ nicht, eine Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zuschulden kommen lassen, zur öffentlichen Kränkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die des Machatas Bruder für ihn einlegte, wurden nicht ohne Schärfe zurückgewiesen.

Von den zahlreichen edlen Geschlechtern, die an dem Hofe von Pella versammelt waren, verdienen zwei wegen ihrer besonderen Wichtigkeit Erwähnung, das des Jollas und des Philotas. Philotas' Sohn war jener treue und besonnene Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholt die Führung der wichtigsten Expeditionen anvertraute; ihm dankte er den Sieg über die Dardaner 356, durch ihn ließ er 343 Euboia besetzen; Parmenions Brüder Asandros und Agathon, noch mehr seine Söhne Philotas, Nikanor und Hektor nahmen später bedeutenden Anteil an dem Ruhme des Vaters; seine Töchter verbanden sich mit den vornehmsten Söhnen des Landes: die eine mit Koinos, dem Phalangenführer, die andere mit Attalos, dem Oheim einer späteren Gemahlin des Königs. In nicht minder einflußreicher und ehrenvoller Stellung war des Jollas Sohn Antipatros oder, wie ihn die Makedonen nannten, Antipas; das bezeichnet des Königs Wort: »Ich habe ruhig geschlafen, denn Antipas wachte«; seine erprobte Treue und die nüchterneKlarheit, mit der er militärische wie politische Verhältnisse auffaßte, machten ihn für das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermählung mit seiner Tochter schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen; seine Söhne Kassandros, Archias und Jollas erhielten erst später Bedeutung.

So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf hinzufügen, daß das monarchische Element in dem makedonischen Staatsleben ebenso durch die geschichtliche Stellung dieses Staates, wie durch die Persönlichkeit Philipps ein entschiedenes Übergewicht erhalten mußte. Erst in dem Ganzen dieses Zusammenhanges ist des Königs Charakter und Handlungsweise begreiflich. In dem Mittelpunkte von Widersprüchen und Gegensätzen der eigentümlichsten Art, Grieche im Verhältnis zu seinem Volke, Makedone für die Griechen, war er jenen um die hellenische List und Hinterlist, diesen um die makedonische Derbheit und Tatkraft voraus, beiden überlegen an scharfer Fassung seiner Ziele, an folgerichtiger Durchführung seiner Entwürfe, an Verschwiegenheit und Raschheit in der Ausführung. Er verstand seinen Gegnern stets ein Rätsel zu sein, ihnen immer anders, an anderer Stelle, in anderer Richtung zu erscheinen, als sie erwarteten. Von Natur zu Wollust und Genuß geneigt, war er in seinen Neigungen ebenso rücksichtslos wie unbeständig; oft schien er von seinen Leidenschaften völlig beherrscht zu werden und war doch in jedem gegebenen Fall ihrer völlig Herr, so nüchtern und kalt, wie es seine Zwecke forderten; und man kann zweifeln, ob in seinen Tugenden oder in seinen Fehlern mehr sein eigenstes Wesen hervortrat. In ihm stellt sich die Bildung seines Zeitalters, ihre Glätte, Klugheit, Frivolität, ihre Verbindung von großen Gedanken und raffinierter Geschmeidigkeit wie ineinemBilde dar.

Das entschiedene Gegenteil von ihm war seine Gemahlin Olympias[2], die Tochter des Epirotenkönigs Neoptolemos, aus dem Geschlechte Achills; Philipp hatte sie in seinen jungen Jahren bei der Mysterienfeier auf Samothrake kennengelernt und sichmit Einwilligung ihres Vormundes und Oheims Arybbas mit ihr vermählt. Schön, verschlossen, voll tiefer Gluten, war sie dem geheimnisvollen Dienste des Orpheus und Bacchos, den dunklen Zauberkünsten der thrakischen Weiber eifrigst ergeben; in den nächtlichen Orgien, so wird berichtet, sah man sie vor allen in wilder Begeisterung, den Thyrsos und die Schlange schwingend, durch die Berge stürmen; ihre Träume wiederholten die phantastischen Bilder, deren ihr Gemüt voll war; sie träumte, so heißt es, in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schoß, daraus dann ein wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen verschwinde.

Wenn die Überlieferung sagt, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht, da Alexander geboren wurde, der Artemistempel zu Ephesos mit seinem Megabyzos an der Spitze seiner Verschnittenen und Hierodulen den Hellenen ein echt morgenländisches Heidentum, niedergebrannt sei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von der Geburt seines Sohnes zu gleicher Zeit mit drei Siegesbotschaften erhielt, so spricht sie sagenhaft den Sinn des reichsten Heldenlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus, wie ihn die Forschung nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und öfter überhoben hat.

Von König Philipp sprechend, sagt Theopompos: »Nie hat, alles in allem gerechnet, Europa einen solchen Mann getragen, wie den Sohn des Amyntas.« Aber das Werk, in dem er das Ziel seines Lebens sah, zu vollbringen, fehlte ihm, dem Zähen, Rechnenden, mit unverdrossener Arbeit sich Mühenden, ein letztes Etwas, das auf seinem Wege nicht lag. Er mag jenen Gedanken als Mittel ergriffen haben, die Griechenwelt zu einigen, den Blick seiner Makedonen hoch und höher zu heben; es war der Gedanke, den die Bildung, die Geschichte des Griechentums ihm gab; die Notwendigkeit der Verhältnisse, in denen er so lange, so schwer zu ringen hatte, trieb ihn zu diesem Gedanken, nicht die Notwendigkeit und die unwiderstehliche Macht dieses Gedankens zu dessen Ausführung; man möchte zweifeln, ob er an ihn glaubte, wenn man ihn in immer neuen Vorbereitungenzögern und zur Seite lenken sieht; gewiß waren diese erforderlich; aber den Ossa auf den Pelion türmend, erreicht man den Olymp der Götter doch nicht. Wohl sah er jenseits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Makedoniens; dann aber trübte sich sein Blick, und seine Pläne umwölkten sich mit den luftigen Gestaltungen seiner Wünsche. Dasselbe Verlangen nach dem großen Werke teilte von ihm sich seinen Umgebungen, dem Adel, dem gesamten Volke mit, es wurde der stets durchdringende Grundton des makedonischen Lebens, das lockende Geheimnis der Zukunft: man kämpfte gegen die Thraker und siegte über die Griechen; aber der Orient war das Ziel, für das man kämpfte und siegte.

Unter solchen Umgebungen verlebte Alexander seine Kinderjahre, und früh genug mögen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem Sonnenquell, dem goldenen Weinstock mit smaragdenen Trauben, und der Nysawiese des Dionys des Knaben Seele beschäftigt haben; dann wuchs er heran und hörte von den Siegen bei Marathon und Salamis und von den heiligen Tempeln und Gräbern, die der Perserkönig mit seinen Sklavenheeren zerstört und geschändet habe, und wie damals auch sein Ahnherr, der erste Alexandros, den Persern Erde und Wasser habe darbringen, ihnen Heeresfolge gegen die Hellenen leisten müssen, wie nun Makedonien nach Asien ziehen und die Ahnen rächen werde. Als einst Gesandte aus der persischen Königsburg nach Pella kamen, fragte er sie sorgsam nach den Heeren und Völkern dieses Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Völker; die Perser erstaunten über den Knaben.

Von nicht minderer Wichtigkeit war, daß Aristoteles, der größte Denker des Altertums, des Heranwachsenden Lehrer wurde (345-344). Philipp soll bei der Geburt seines Sohnes ihn darum ersucht, er soll ihm geschrieben haben: »Nicht daß er geboren ist, sondern daß er in Deinen Tagen geboren ist, macht mich froh; von Dir erzogen und gebildet wird er unserer würdig und der Bestimmung, die einst sein Erbe ist, gewachsen sein.« Der die Welt dem Gedanken erobert hat, erzog den, der sie mit dem Schwerte erobern sollte; ihm gebührt der Ruhm, demleidenschaftlichen Knaben die Weihe und Größe der Gedanken, den Gedanken der Größe gegeben zu haben, der ihn den Genuß verachten und die Wollust fliehen lehrte, der seine Leidenschaft adelte und seiner Kraft Maß und Tiefe gab. Alexander bewahrte für seinen Lehrer allezeit die innigste Verehrung: seinem Vater danke er nur sein Leben, seinem Lehrer, daß er würdig lebe.

Unter solchen Einflüssen bildete sich sein Genius und sein Charakter; voll Tatenlust und Ruhmbegier trauerte er wohl um die Siege seines Vaters, die ihm nichts mehr zu tun übriglassen würden. Sein Vorbild war Achilles, aus dessen Geschlecht er sich gern entstammt zu sein rühmte, und dem er durch Ruhm und Leid ähnlich werden sollte. Wie jener seinen Patroklus, so liebte er den Freund seiner Jugend, Hephaistion; und wenn er seinen großen Ahnherrn glücklich pries, daß Homer der Nachwelt das Gedächtnis seiner Taten überliefert habe, so ist die Heldensage der morgen- und abendländischen Völker nicht müde geworden, den Namen Alexanders mit allem Wunderglanz menschlicher und übermenschlicher Größe zu schmücken. Er liebte mehr seine Mutter als seinen Vater; von jener hatte er den Enthusiasmus und die tiefe Innigkeit des Empfindens, die ihn in der Reihe der Helden alter und neuer Zeit unterscheidet. Dem entsprach sein Äußeres: sein scharfer Gang, sein funkelnder Blick, das zurückfliegende Haar, die Gewalt seiner Stimme bekundete den Helden; wenn er ruhte, bezauberte die Milde seiner Miene, das sanfte Rot, das auf seiner Wange spielte, sein feuchtaufblickendes Auge, das ein wenig zur linken geneigte Haupt. In ritterlichen Übungen war er vor allen ausgezeichnet; schon als Knabe bändigte er das wilde thessalische Roß Bukephalos, an welches sich kein anderer wagen wollte, und das ihm späterhin in allen seinen Kriegen als Schlachtroß diente. Die erste Waffenprobe legte er unter seines Vaters Regierung ab; er bezwang, als Philipp Byzanz belagerte, die Maider und gründete dort eine Stadt mit seinem Namen; noch höheren Ruhm gewann er in der Schlacht von Chaironeia, die durch seine persönliche Tapferkeit gewonnen wurde. Im Jahre darauf schlug er den illyrischen Fürsten Pleurias in einer sehr hartnäckigen Schlacht. Der Vatersah, so scheint es, neidlos in dem Sohn den einstigen Vollender seiner Pläne; er wird nach so vielen Erschütterungen, die die Nachfolge des Königshauses über das Land gebracht, über die Zukunft desselben beruhigt gewesen sein, wenn ihm zur Seite der Nachfolger stand, der den höchsten Aufgaben des Königtums gewachsen schien, dem, so soll sein Ausspruch gewesen sein, »Makedonien zu klein sein werde,« der, »nicht, wie er selbst, vieles, was nicht mehr zu ändern, zu bereuen haben werde«.

Dann begannen Irrungen zwischen Vater und Sohn; Alexander sah seine Mutter von Philipp vernachlässigt, thessalische Tänzerinnen und griechische Buhlerinnen ihr vorgezogen; dann gar wählte sich der König eine zweite Gemahlin aus den edlen Töchtern des Landes, des Attalos Nichte Kleopatra. Das Beilager, so ist die Erzählung, wurde nach makedonischer Sitte glänzend und lärmend gefeiert; man trank und lachte; schon waren alle vom Wein erhitzt, da rief Attalos, der jungen Königin Oheim: »Bittet die Götter, ihr Makedonen, daß sie unserer Königin Schoß segnen und dem Lande einen rechtmäßigen Thronerben schenken mögen!« Alexander war zugegen; im heftigsten Zorn schrie er ihm zu: »Gelte ich dir als ein Bastard, Lästerer?« und schleuderte den Becher gegen ihn. Der König sprang wütend auf, riß das Schwert von der Seite, stürzte auf den Sohn, ihn zu durchbohren; der Wein, die Wut, die Wunde von Chaironeia machten seinen Schritt unsicher; er taumelte, fiel zu Boden. Die Freunde eilten, Alexander aus dem Saale zu entfernen; »seht, Freunde,« sagte er beim Hinausgehen, »mein Vater will von Europa nach Asien gehen und kann nicht den Weg von Tisch zu Tisch vollenden«. Er verließ mit der Mutter Makedonien; sie ging nach ihrer Heimat Epiros, er weiter zu den Illyriern.

Nicht lange danach kam Demaratos, der korinthische Gastfreund, nach Pella; nach dem Gruße fragte der König, wie es unter den Hellenen aussähe und ob sie Frieden und Eintracht hielten. Mit edler Freimütigkeit antwortete der Gastfreund: »O König, schön fragst du nach Fried' und Eintracht im hellenischen Lande und hast dein eigen Haus mit Unfrieden und Haß erfüllt und, die dir die Nächsten und Liebsten sein sollten, von dir entfremdet!« Der König schwieg; er wußte, wie Alexander geliebt wurde, was er galt und war; er fürchtete, den Hellenen Anlaß zu bösem Leumund und vielleicht zu böseren Plänen zu geben. Demaratos selbst mußte das Geschäft des Vermittlers übernehmen; bald waren Vater und Sohn versöhnt, Alexander kehrte zurück.

Aber Olympias vergaß nicht, daß sie mißehrt und verstoßen war; sie blieb in Epiros; sie drang in ihren Bruder, die Waffen gegen Philipp zu erheben, sich der Abhängigkeit von ihm frei zu machen. Sie wird auch ihren Sohn zu warnen und aufzureizen nicht unterlassen haben. Anlaß zu Mißtrauen fand sich genug; Attalos und dessen Freunde standen überall voran. Als gar den Gesandten des karischen Dynasten Pixodaros, die um ein Bündnis mit Philipp warben und Verschwägerung beider Häuser vorschlugen, für des Dynasten Tochter Arrhidaios zum Gemahl angeboten wurde, des Königs Sohn von der Thessalerin, da meinte Alexander nicht anders, als daß sein Recht auf die Nachfolge in Gefahr sei. Seine Freunde stimmten bei; sie rieten, mit Entschlossenheit und höchster Eile den Plänen des Vaters entgegenzuarbeiten. Ein Vertrauter, der Schauspieler Thessalos, wurde zum karischen Dynasten gesandt: er möge doch seine Tochter nicht dem blödsinnigen Bastard preisgeben; Alexander, des Königs rechtmäßiger Sohn und einstiger Thronerbe, sei bereit, eines so mächtigen Fürsten Eidam zu werden. Philipp erfuhr die Sache und zürnte auf das heftigste; in Gegenwart des jungen Philotas, eines der Freunde Alexanders, warf er ihm die Unwürdigkeit seines Mißtrauens und seiner Heimlichkeiten vor: er sei seiner hohen Geburt, seines Glückes, seines Berufes nicht wert, wenn er sich nicht schäme, eines Karers Tochter, des Barbarenkönigs Sklavin, heimzuführen. Die Freunde Alexanders, die ihn beraten, Harpalos, Nearchos, Ptolemaios, des Lagos Sohn, die Brüder Erigyios und Laomedon, wurden vom Hofe und aus dem Lande verwiesen, Thessalos' Auslieferung in Korinth gefordert.

So kam das Jahr 336. Die Rüstungen zum Perserkriege wurden mit der größten Lebhaftigkeit betrieben, die Kontingente der Bundesstaaten aufgerufen, nach Asien eine bedeutende Heeresmacht unter Parmenion und Attalos vorausgesandt, die Plätze jenseits des Hellesponts zu besetzen und die hellenischen Städte zu befreien, dem großen Bundesheere den Weg zu öffnen. Seltsam genug, daß der König so seine Macht zersplitterte, doppelt seltsam, daß er einen Teil derselben, der nicht auf alle Fälle stark genug war, daran gab, ehe er der politischen Verhältnisse daheim völlig sicher war. Ihm entgingen die Bewegungen in Epiros nicht; sie schienen einen Krieg in Aussicht zu stellen, der nicht bloß den Perserzug noch mehr zu verzögern drohte, sondern, wenn er glücklich beendet wurde, keinen bedeutenden Gewinn gebracht, im entgegengesetzten Falle das mühsame Werk, das der König in zwanzigjähriger Arbeit vollendet hatte, mit einem Schlage zerstört haben würde. Der Krieg mußte vermieden, der Molosser durfte nicht in so unzuverlässiger Stellung zu Makedonien gelassen werden; er wurde durch einen Antrag gewonnen, der ihn zugleich ehrte und seine Macht sicherte. Philipp verlobte ihm seine und Olympias' Tochter Kleopatra; noch im Herbst desselben Jahres sollte das Beilager gehalten werden, welches der König zugleich als das Fest der Vereinigung aller Hellenen und als die gemeinsame Weihe für den Perserkrieg mit der höchsten Pracht zu feiern beschloß; hatte doch auf seine Frage, ob er den Perserkönig besiegen werde, der delphische Gott ihm geantwortet: »Siehe, der Stier ist gekränzt; nun endet's; bereit ist der Opferer.«

Unter den jungen Edelleuten des Hofes war Pausanias, ausgezeichnet durch seine Schönheit und in des Königs hoher Gunst. Bei einem Gelage hatte er schwere Beschimpfung von Attalos erlitten, dann sich, auf das höchste entrüstet, an den König gewandt, der, was Attalos getan, wohl tadelte, aber sich begnügte, den Beleidigten mit Geschenken zu begütigen, ihn in die Reihe der Leibwächter aufzunehmen. Darauf vermählte sich Philipp mit Attalos' Nichte, Attalos mit Parmenions Tochter; Pausanias sah keine Hoffnung sich zu rächen; desto tiefer nagte derGram und das Verlangen nach Rache und der Haß gegen den, der ihn um sie betrogen. In seinem Hause war er nicht allein; die lynkestischen Brüder hatten nicht vergessen, was ihr Vater, was ihr Bruder gewesen war; sie knüpften geheime Verbindung mit dem Perserkönige an; sie waren um desto gefährlicher, je weniger sie es schienen. Im stillen fanden sich mehr und mehr Unzufriedene zusammen; Hermokrates, der Sophist, schürte die Glut mit der argen Kunst seiner Rede, er gewann Pausanias' Vertrauen. »Wie erlangt man den höchsten Ruhm?« fragte der Jüngling. »Ermorde den, der das Höchste vollbracht hat«, war des Sophisten Antwort.

Es kam der Herbst, mit ihm die Hochzeitfeier; in Aigai, der alten Residenz und, seit Pella blühte, noch der Könige Begräbnisort, sollte das Beilager gehalten werden; von allen Seiten strömten Gäste herbei, in festlichem Pomp kamen die Theoren aus Griechenland, viele mit goldenen Kränzen für Philipp, die Fürsten der Agrianer, Paionen, Odryser, die Großen des Reiches, der ritterliche Adel des Landes, unzähliges Volk. In lautem Jubel, unter Begrüßungen und Ehrenverleihungen, unter Festzügen und Gelagen vergeht der erste Tag; Herolde laden zum nächsten Morgen in das Theater. Ehe noch der Morgen graut, drängt sich schon die Menge durch die Straßen zum Theater in buntem Gewühl; von seinen Edelknaben und Leibwächtern umgeben naht endlich der König im festlichen Schmuck; er sendet die Begleitung vorauf in das Theater, er meint ihrer inmitten der frohen Menge nicht zu bedürfen. Da stürzt Pausanias auf ihn zu, durchstößt seine Brust, und während der König niedersinkt, eilt er zu den Pferden, die ihm am Tore bereit stehen; flüchtend strauchelt er, fällt nieder; Perdikkas, Leonnatos, andere von den Leibwächtern erreichen ihn, durchbohren ihn.

In wilder Verzweiflung löst sich die Versammlung; alles ist in Bestürzung, in Gärung. Wem soll das Reich gehören, wer es retten? Alexander ist der Erstgeborene des Königs; aber man fürchtet den wilden Haß seiner Mutter, die dem Könige zu Gefallen mancher verachtet und mißehrt hat. Schon ist sie in Aigai, die Totenfeier ihres Gemahls zu halten; sie scheint das Furchtbare geahnt, vorausgewußt zu haben; den Mord des Königs nennt man ihr Werk, sie habe dem Mörder die Pferde bereit gehalten. Auch Alexander habe um den Mord gewußt, ein Zeichen mehr, daß er nicht Philipps Sohn, sondern unter schwarzen Zauberkünsten empfangen und geboren sei; daher des Königs Abscheu gegen ihn und seine wilde Mutter, daher die zweite Ehe mit Kleopatra. Dem Knaben, den sie eben geboren, gebühre das Reich; und habe nicht Attalos, ihr Oheim, des Königs Vertrauen gehabt? Der sei würdig, die Regentschaft zu übernehmen. Andere meinen, das nächste Recht an das Reich habe Amyntas, Perdikkas' Sohn, der als Kind die Zügel des vielbedrohten Reiches an Philipp habe überlassen müssen; nur Philipps Trefflichkeit mache seine Usurpation verzeihlich; nach unverjährbarem Recht müsse Amyntas jetzt die Herrschaft erhalten, deren er sich in langer Entsagung würdig gemacht habe. Dagegen behaupten die Lynkestier und ihr Anhang: wenn ältere Ansprüche gegen Philipps Leibeserben geltend gemacht würden, so habe vor Perdikkas und Philipps Vater ihr Vater und ihr Bruder das Reich besessen, dessen sie nicht länger durch Usurpation beraubt bleiben dürften; überdies seien Alexander und Amyntas fast noch Knaben, dieser von Kindheit an der Kraft und Hoffnung zu herrschen entwöhnt, Alexander unter dem Einfluß seiner rachedürstenden Mutter, durch Übermut, verkehrte Bildung im Geschmack des Tages, Verachtung der alten guten Sitte den Freiheiten des Landes gefährlicher als selbst sein Vater Philipp; sie dagegen seien Freunde des Landes und aus jenem Geschlecht, das zu aller Zeit die alte Sitte aufrechtzuerhalten gestrebt habe; ergraut unter den Makedonen, mit den Wünschen des Volkes vertraut, dem großen Könige in Susa befreundet, könnten sie allein das Land vor dessen Zorn schützen, wenn er Genugtuung für den tollkühn begonnenen Krieg Philipps zu fordern komme; zum Glück sei das Land durch die Hand ihres Freundes früh genug von einem Könige befreit, der das Recht, der des Volkes Wohl, der Schwüre und Tugend für nichts geachtet habe.

So die Parteien; aber das Volk haßte die Königsmörder und fürchtete den Krieg nicht; es vergaß Kleopatras Sohn, da derVertreter seiner Partei fern war; es kannte den Sohn des Perdikkas nicht, dessen Tatlosigkeit Beweis genug für seine Unfähigkeit schien. Auf Alexanders Seite war alles Recht und die Teilnahme, welche unverdiente Kränkungen erwecken, außerdem der Ruhm der Kriege gegen die Maider, die Illyrier, des Sieges von Chaironeia, der schönere Ruhm der Bildung, Leutseligkeit und Hochherzigkeit; selbst den Geschäften des Reiches hatte er schon mit Glück vorgestanden; er besaß das Vertrauen und die Liebe des Volkes; namentlich des Heeres war er sicher. Der Lynkestier Alexandros erkannte, daß für ihn keine Hoffnung blieb; er eilte zu Olympias' Sohn, er war der erste, der ihn als König der Makedonen begrüßte.

Alexanders Anfang war »nicht die einfache Übernahme eines zweifellosen Erbes«; er, der Zwanzigjährige, sollte zeigen, ob er König zu sein Beruf und Kraft habe. Er ergriff die Zügel der Herrschaft mit sicherer Hand, und die Verwirrung war vorüber. Er berief nach makedonischer Sitte das Heer, seine Huldigung zu empfangen: nur der Name des Königs sei ein anderer, die Macht Makedoniens, die Ordnung der Dinge, die Hoffnung auf Eroberung dieselbe. Er ließ die alte Dienstpflicht; er erließ denen, die dienten, alle anderen Dienste und Lasten. Häufige Übungen und Märsche, die er anordnete, stellten den militärischen Geist bei den Truppen, den die jüngsten Vorgänge gelockert haben mochten, wieder her und machten sie seiner Hand sicher.

Der Königsmord forderte die strengste Strafe; sie war zugleich das sicherste Mittel, das neue Regiment zu befestigen. Es kam an den Tag, daß die lynkestischen Brüder vom Perserkönige, der den Krieg mit Philipp fürchtete, bestochen waren und in der Hoffnung, durch persische Hilfe das Reich an sich zu reißen, eine Verschwörung gestiftet hatten, für deren geheime Pläne Pausanias nur das blinde Werkzeug gewesen war; die Mitverschworenen wurden in den Tagen der Leichenfeier hingerichtet, unter ihnen die Lynkestier Arrhabaios und Heromenes; ihr Bruder Alexandros wurde begnadigt, weil er sich unterworfen hatte; des Arrhabaios Sohn Neoptolemos flüchtete zu den Persern.

Gefahren von außen — Der Zug nach Griechenland 336 — Erneuerung des Bundes von Korinth — Das Ende des Attalos — Die Nachbarn im Norden — Feldzug nach Thrakien, an die Donau, gegen die Illyrier — Zweiter Zug nach Griechenland — Zerstörung Thebens — Zweite Erneuerung des Bundes von Korinth

Rasch und mit fester Hand hatte Alexander die Zügel der Herrschaft ergriffen, die Ruhe im Innern hergestellt. Aber von außen liefen höchst beunruhigende Nachrichten ein.

In Kleinasien hatte Attalos, auf seine Truppen rechnend, die er zu gewinnen verstanden, den Plan gefaßt, unter dem Scheine, die Ansprüche seines Großneffen, des Sohnes der Kleopatra, zu vertreten, die Herrschaft an sich zu reißen; seine Heeresmacht, mehr noch die Verbindungen, die er mit den Feinden Makedoniens angeknüpft hatte, machten ihn gefährlich. Dazu begann eine Bewegung in den hellenischen Landen, die einen allgemeinen Abfall besorgen ließ. Die Athener hatten auf die Nachricht von Philipps Tod — die erste empfing Demosthenes durch geheime Boten des Strategen Charidemos, der wohl in der Nähe der thrakischen Küsten auf Station war — ein Freudenfest gefeiert, dem Gedächtnis des Mörders einen Ehrenbeschluß gewidmet; Demosthenes selbst hatte diese Anträge gestellt, er hatte, in der Ratsversammlung sprechend, Alexander einen Gimpel genannt, der sich aus Makedonien nicht hinauswagen werde; er setzte alles in Bewegung, Athen, Theben, Thessalien, das ganze Hellas zum offenen Bruch mit Makedonien zu vermögen, als bände der Eid des mit dem Vater geschworenen Bundesvertrages die Staaten, die ihm geschworen, nicht gegen den Sohn. Er sandte Boten und Briefe an Attalos, erunterhandelte mit Persien über Hilfsgelder gegen Makedonien. Athen rüstete zum Kriege, machte die Flotte bereit; Theben schickte sich an, die makedonische Besatzung aus der Kadmeia zu treiben; die Ätoler, bisher Freunde Makedoniens, beschlossen, die von Philipp aus Akarnanien Verjagten mit gewaffneter Hand zurückzuführen; die Ambrakioten verjagten die makedonische Besatzung und richteten Demokratie ein; Argos, die Elier, die Arkader waren bereit, das makedonische Joch abzuwerfen, und Sparta hatte sich ihm nie unterworfen.

Umsonst schickte Alexander Gesandte, die sein Wohlwollen für Hellas, seine Achtung vor den bestehenden Freiheiten versicherten; die Hellenen schwelgten in der Zuversicht, daß nun die alte Zeit des Ruhmes und der Freiheit zurückgekehrt sei; sie meinten, der Sieg sei unzweifelhaft; bei Chaironeia habe die ganze makedonische Macht unter Philipp und Parmenion mit Mühe die Heere Athens und Thebens besiegt; jetzt seien alle Hellenen vereint, ihnen gegenüber ein Knabe, der kaum seines Thrones sicher sei, der lieber in Pella den Lehren des Aristoteles nachhängen als mit Hellas zu kämpfen wagen werde; sein einziger erprobter Feldherr Parmenion sei in Asien, mit ihm ein bedeutender Teil des Heeres, schon von den persischen Satrapen bedrängt, ein anderer unter Attalos bereit, sich für die Hellenen gegen Alexander zu erklären; selbst die thessalischen Ritter, selbst das Kriegsvolk der Thraker und der Paionen sei der makedonischen Macht entzogen, nicht einmal der Weg nach Hellas ihr mehr offen, wenn Alexander wagen sollte, sein Reich den Einfällen der nordischen Nachbarn und den Angriffen des Attalos preiszugeben. In der Tat drohten die Völker im Norden und Osten, sich der Abhängigkeit von Makedonien zu entziehen, oder bei dem ersten Anlaß die Grenzen des Reiches räuberisch zu überfallen.

Alexanders Lage war peinlich und dringend. Seine Freunde — auch die jüngst verbannten waren zurückgekehrt — beschworen ihn, nachzugeben, ehe alles verloren sei, sich mit Attalos zu versöhnen und das vorausgesandte Heer an sich zu ziehen, die Hellenen gewähren zu lassen, bis der erste Rausch vorüber sei, die Thraker, Geten, Illyrier durch Geschenke zu gewinnen,die Abtrünnigen durch Gnade zu entwaffnen. So hätte sich freilich Alexander in Makedonien recht festsetzen und sein Land in Frieden regieren können; er hätte vielleicht allmählich denselben Einfluß über Hellas und dieselbe Macht über die umwohnenden Barbaren, die sein Vater gehabt hatte, gewinnen, ja endlich wohl auch an einen Zug nach Asien denken können, wie der Vater sein Leben lang. Alexander war anderer Art; der Entschluß, den er faßte, zeigt ihn in der ganzen Macht und Kühnheit seines Geistes. Wie von einem Helden späterer Jahrhunderte gesagt worden ist: »Sein Genius zog ihn.«

Das Gewirr der Gefahren ordnete sich ihm in drei Massen: der Norden, Asien, Hellas. Zog er gegen die Völker im Norden, so gewann Attalos Zeit, seine Macht zu verstärken und vielleicht nach Europa zu führen; das Bündnis der hellenischen Städte erstarkte, und er war gezwungen, als Treubruch und offene Empörung der Staaten zu bekämpfen, was jetzt noch als Parteisache und als Einflüsterungen verbrecherischer und von persischem Golde bestochener Demagogen bestraft werden konnte. Zog er gegen Hellas, so konnte auch eine geringe Macht den Marsch durch die Pässe sperren und lange aufhalten, während Attalos durch nichts gehindert war, in seinem Rücken zu operieren und sich mit den aufrührerischen Thrakern zu vereinen. Das Unstatthafteste war, gegen Attalos selbst zu ziehen; die griechischen Staaten wären zu lange sich selbst überlassen gewesen, Makedonen gegen Makedonen zum Bürgerkriege geführt, in dem vielleicht persische Satrapen den Ausschlag gegeben hätten, endlich Attalos, der nur als Verbrecher angesehen werden durfte, als eine Macht behandelt worden, gegen die zu kämpfen den König in den Augen der Hellenen und Barbaren erniedrigt hätte. Verstand man ihn zu treffen, so war die Kette gesprengt, und das Weitere fand sich von selbst.

Attalos wurde als des Hochverrats schuldig zum Tode verurteilt; einer der »Freunde«, Hekataios von Kardia, erhielt den Befehl, an der Spitze eines Korps nach Asien überzusetzen, sich mit den Truppen Parmenions zu vereinigen, Attalos lebend oder tot nach Makedonien einzubringen. Da von den Feindenim Norden schlimmstenfalls nicht mehr als verwüstende Einfälle zu fürchten waren und ein späterer Zug sie leicht unterwerfen konnte, beschloß der König, mit seinem Heere in Hellas einzurücken, bevor ihm dort eine bedeutende Heeresmacht entgegengestellt werden konnte.

Um diese Zeit kamen Boten des Attalos nach Pella, welche die Gerüchte, die über ihn verbreitet seien, Verleumdung nannten, in schönklingenden Worten seine Ergebenheit versicherten und zum Zeichen seiner aufrichtigen Gesinnung die Briefe, die er von Demosthenes über die Rüstungen in Hellas empfangen habe, in des Königs Hand legten. Der König, der aus diesen Dokumenten und aus Attalos' Annäherung auf den geringen Widerstand, den er in Hellas zu erwarten habe, schließen durfte, nahm seinen Befehl nicht zurück; auf des alten Parmenion Diensttreue, obschon Attalos dessen Schwiegersohn war, konnte er sich verlassen.

Er selbst brach nach Thessalien auf; er zog an der Meeresküste den Pässen des Peneios zu; den Hauptpaß Tempe, sowie den Seitenpaß Kallipeuke fand er stark besetzt. Sie mit der Waffe in der Hand zu nehmen, war schwierig, jeder Verzug gefahrbringend; Alexander schuf sich einen neuen Weg. Südwärts vom Hauptpaß erheben sich die Felsmassen des Ossa, weniger steil vom Meere her als neben dem Peneios emporsteigend; zu diesen minder steilen Stellen führte Alexander sein Heer, ließ es, wo es nötig war, Stufen in das Gestein sprengen und kam, so das Gebirge übersteigend, in die Ebene Thessaliens, im Rücken des thessalischen Postens. Er war ohne Schwertstreich Herr des Landes, das er gewinnen, nicht unterwerfen wollte, um für den Perserkrieg der trefflichen thessalischen Reiter gewiß zu sein. Er lud die Edlen Thessaliens zu einer Versammlung; er erinnerte an die gemeinschaftliche Abstammung vom Geschlecht Achills, an die Wohltaten seines Vaters, der das Land von dem Joche des blutigen Tyrannen von Pherai befreit und durch die Wiederherstellung der uralten Tetrarchien des Aleuas für immer vor Aufständen und Tyrannei gesichert habe; er verlangte nichts, als was sie freiwillig seinem Vater gegeben hätten,und die Anerkennung der in dem hellenischen Bunde demselben übertragenen Hegemonie von Hellas; er versprach, die einzelnen Familien und Landschaften, wie sein Vater, in ihren Rechten und Freiheiten zu lassen und zu schützen, in den Perserkriegen ihren Rittern den vollen Anteil an der Kriegsbeute zu geben, Phthia aber, die Heimat ihres gemeinsamen Ahnherrn Achilles, durch Steuerfreiheit zu ehren. Die Thessalier eilten, so günstige und ehrenvolle Bedingungen anzunehmen, durch gemeinsamen Beschluß Alexander in den Rechten seines Vaters zu bestätigen, endlich, wenn es not tue, mit Alexander zur Unterdrückung der Unruhen nach Hellas zu ziehen. Wie die Thessaler, so mit dem gleichen Entgegenkommen gewann er die anwohnenden Änianen, Malier, Dolopier, — Stämme, deren jeder in dem Rat der Amphiktyonen eine Stimme hatte, und mit deren Zutritt ihm der Weg durch die Thermopylen offen stand.

Die schnelle Einnahme und Beruhigung Thessaliens hatte den hellenischen Staaten nicht Zeit gelassen, die wichtigen Pässe des Oitagebirges zu besetzen. Es lag nicht in Alexanders Plan, durch gewaltsame Maßregeln einer Bewegung, die womöglich nur als das törichte Werk einer Partei erscheinen sollte, Vorwand und Bedeutung zu geben. Durch die Nähe der makedonischen Heeresmacht erschreckt, beeilte man sich in Hellas, den Schein tiefen Friedens anzunehmen. Weil demnach die früheren Verhältnisse, wie sie von Philipp gegründet waren, noch bestanden, berief Alexander die Amphiktyonen nach den Thermopylen, forderte und erhielt von ihnen durch gemeinsamen Beschluß die Anerkennung seiner Hegemonie. In derselben Absicht gewährte er den Ambrakioten die Autonomie, die sie mit der Austreibung der makedonischen Besatzung hergestellt hatten: er habe selbst sie ihnen anbieten wollen, sie seien ihm nur zuvorgekommen.

Wenn auch die Thessaler, die Amphiktyonen, Alexanders Hegemonie anerkannt hatten, von Theben, Athen, Sparta waren keine Gesandten in den Thermopylen erschienen. Vielleicht brach Theben jetzt noch los; es hätte auf die Zustimmung vieler Staaten, vielleicht auf ihren Beistand rechnen können.Freilich gerüstet waren sie nicht; Sparta hatte, seit Epaminondas am Eurotas gelagert, sich nicht erholen können; in der Kadmeia, in Chalkis, auf Euboia, in Akrokorinth lag noch makedonische Besatzung; in Athen wurde, wie immer, viel deklamiert und wenig getan; selbst als die Nachricht kam, daß der König bereits in Thessalien sei, daß er mit den Thessalern vereint in Hellas einrücken werde, daß er sich über die Verblendung der Athener sehr erzürnt geäußert habe, waren, obschon Demosthenes nicht aufgehört hatte, den Krieg zu predigen, die Rüstungen nicht eifriger betrieben worden. Rasches Vorgehen des makedonischen Heeres konnte Hellas vor großem Unheil retten.

Alexander rückte aus den Thermopylen in die boiotische Ebene hinab, lagerte sich nahe bei der Kadmeia; von Widerstand der Thebaner war keine Rede. Als man in Athen erfuhr, daß Theben in Alexanders Händen sei, so daß jetzt ein Marsch von zwei Tagen den Feind vor die Tore der Stadt bringen konnte, verging auch den eifrigsten Freiheitsmännern der Mut; es wurde beschlossen, in Eile die Mauern in Verteidigungsstand zu setzen, das platte Land zu räumen, alle fahrende Habe nach Athen zu flüchten, »so daß die viel bewunderte und viel umstrittene Stadt wie ein Stall voll Rinder und Schafe wurde«, zugleich beschlossen, dem Könige Gesandte entgegenzuschicken, die ihn begütigen, um Verzeihung bitten sollten, daß seine Hegemonie nicht sofort von den Athenern anerkannt sei; vielleicht ließ sich noch der Besitz von Oropos retten, das man zwei Jahre vorher aus Philipps Hand empfangen hatte. Demosthenes, der einer der Gesandten war, kehrte auf dem Kithairon um, entweder seines Schreibens an Attalos eingedenk, oder um sein Verhältnis mit Persien nicht bloßzustellen; mochten die anderen Gesandten die Bitten des attischen Demos überbringen. Alexander nahm sie gütig auf, verzieh das Geschehene, erneuerte die früher mit seinem Vater geschlossenen Verträge, verlangte nur, daß Athen zu den weiteren Verhandlungen Bevollmächtigte nach Korinth sende. Der Demos hielt es angemessen, dem jungen Könige noch größere Ehren als zwei Jahre vorher seinem Vater zu dekretieren.

Alexander zog weiter nach Korinth, wohin die Bevollmächtigten der Bundesstaaten beschieden waren. Auch Sparta mag geladen worden sein; darauf führt die Erwähnung der spartanischen Erklärung: es sei nicht Herkommen bei ihnen, anderen zu folgen, sondern selbst zu führen. Alexander hätte sie unschwer zwingen können; es wäre weder klug noch der Mühe wert gewesen, er wollte nichts als die möglichst schleunige Beruhigung Griechenlands und die Anerkennung der Hegemonie Makedoniens gegen die Perser. In diesem Sinne wurde die Formel des Bundes erneut und beschworen, Alexander zum unumschränkten Strategen der Hellenen ernannt.

Alexander hatte erreicht, was er wollte. Es wäre von Interesse, die Stimmung zu kennen, wie sie nun in den hellenischen Landen über ihn war; wahrscheinlich weder so empört, noch so nur erheuchelt, wie es der verbissene Freiheitseifer attischer Redner, oder der affektierte Tyrannenhaß griechischer Moralisten der römischen Kaiserzeit möchte glauben machen. Die andere Seite zeigt es, wenn, von den asiatischen Hellenen gesandt, Delius von Ephesos, der Schüler Platons, zu Alexander gekommen war und ihn »am meisten drängte und entflammte«, den Krieg gegen die Perser zu beginnen. Unter den ihm Nächstbefreundeten waren Erigyios und Laomedon geborene Lesbier, nach Amphipolis übersiedelt, denen das Elend ihrer von Perserfreunden beherrschten Heimat bekannt genug gewesen sein wird, — eine traurige Erläuterung der Autonomie, die der Großkönig in dem Antalkidischen Frieden den Inseln von Rhodos bis Tenedos zugesichert hatte; für das Griechentum dort gab es keine Rettung, wenn nicht Alexander kam und siegte. In Hellas selbst hatte nur Theben, nicht unverschuldet, den Untergang seiner Autonomie zu beklagen; in Athen war die Stimmung der leichtfertigsten Menge, die je geherrscht hat, je von den letzten Eindrücken und den nächsten Hoffnungen abhängig; und Spartas mürrische Abkehr bezeugt doch mehr Konsequenz der Schwäche als der Stärke, mehr üble Laune als echtes Selbstgefühl. Man darf vermuten, daß der verständigere Teil des hellenischen Volkes sich dem großen nationalen Unternehmen, an dessen Schwelle man stand, und dem jugendlichen Helden, der sich für dasselbeeinsetzte, zuwandte; die Tage, welche Alexander in Korinth zubrachte, schienen den Beweis dafür zu geben. Von allen Seiten waren Künstler, Philosophen, politische Männer dorthin geeilt, den königlichen Jüngling, den Zögling des Aristoteles, zu sehen; alle drängten sich in seine Nähe, suchten einen Blick, ein Wort von ihm zu erhaschen. Nur Diogenes von Sinope blieb ruhig in seiner Tonne am Ringplatz der Vorstadt. So ging Alexander zu ihm; er fand ihn vor seiner Tonne liegen und sich sonnen; er begrüßte ihn, fragte ihn, ob er irgendeinen Wunsch habe; »geh mir ein wenig aus der Sonne«, war des Philosophen Antwort. Der König sagte darauf zu seinem Gefolge: »Beim Zeus, wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein.« Vielleicht nur eine Anekdote, wie deren unzählige von dem Sonderling erzählt wurden.

Alexander kehrte mit dem Winter nach Makedonien zurück, um sich zu dem bis jetzt verschobenen Zuge gegen die barbarischen Völker an der Grenze zu rüsten. Attalos war nicht mehr im Wege; Hekataios hatte sich mit Parmenion vereinigt, und da sie ihre Macht nicht stark genug glaubten, Attalos inmitten der Truppen, die er zu gewinnen verstanden hatte, festzunehmen, ließen sie ihn dem Befehl gemäß ermorden; die verführten Truppen, teils Makedonen, teils hellenische Söldner, kehrten zur Treue zurück.

So in Asien; in Makedonien selbst hatte Olympias ihres Sohnes Abwesenheit benutzt, die Wollust der Rache bis auf den letzten Tropfen zu genießen. Der Mord des Königs war, wenn nicht ihr Werk, gewiß ihr Wunsch gewesen; aber noch lebten die, um deren Willen sie und ihr Sohn Unwürdiges hatten dulden müssen; auch die junge Witwe Kleopatra und ihr Säugling sollten sterben. Olympias ließ das Kind im Schoß der Mutter ermorden und zwang die Mutter, sich am eigenen Gürtel aufzuknüpfen. Es wird berichtet, daß Alexander der Mutter darüber zürnte; mehr als zürnen konnte der Sohn nicht. Noch war der Mut der Gegner nicht gebrochen; immer neue Anzettelungen wurden entdeckt; an einem Plan zur Ermordung Alexanders fand man Amyntas beteiligt, den Sohn des Königs Perdikkas,den Philipp nachmals mit seiner Tochter Kynna vermählt hatte; er wurde hingerichtet.

Indes hatte das nach Asien vorausgesandte Korps sich an der Küste nach Osten und Süden ausgedehnt; das freie Kyzikos an der Propontis stützte dessen linke Flanke, auf der rechten hatte Parmenion Gryneion im Süden des Kaikos besetzt; und schon hatte sich in Ephesos der Demos erhoben und die persisch gesinnte Oligarchie ausgetrieben, für das weitere Vordringen Parmenions ein wichtiger Stützpunkt. Gewiß sah der Demos allerorten, der von Tyrannen wie in den Städten der Insel Lesbos, von Oligarchen wie in Chios und Kos gedrückt und in persischer Unterwürfigkeit gehalten wurde, mit steigender Erregung auf die Fortschritte der makedonischen Truppen. Mochte deren Voraussendung ein Fehler, für Alexanders Anfänge eine Verlegenheit gewesen sein, jetzt konnte dies Korps und die Aufregung, die es veranlaßte, wenigstens für den thrakischen Feldzug den Rücken decken; die Positionen, die es besetzt hatte, und die makedonische Flotte, die im Hellespont lag, machten einen Versuch der Perser, nach Thrakien hinüberzugehen, unmöglich.

Allerdings war es dringend nötig, die Thraker, Geten, Triballer, Illyrier die Überlegenheit der makedonischen Waffen fühlen zu lassen, um mit ihnen, bevor das große Unternehmen nach Asien begonnen wurde, ein haltbares Verhältnis herzustellen. Diese Völkerschaften, die Makedonien von drei Seiten umgaben, waren in der Zeit Philipps teils zu Untertanen, teils zu pflichtigen Verbündeten des makedonischen Königtums gemacht oder doch, wie die illyrischen Stämme, durch wiederholte Niederlagen in ihren räuberischen Streifzügen gehemmt worden. Jetzt mit Philipps Tode schien diesen Barbaren die Zeit gekommen, sich der lästigen Abhängigkeit zu entschlagen und unter ihren Häuptlingen in alter Unabhängigkeit zu streifen und zu heeren, wie ihre Väter getan.

So standen jetzt die Illyrier unter ihrem Fürsten Kletosi auf, dessen Vater Bardyllis, erst Kohlenbrenner, dann König, die verschiedenen Gaue zu gemeinsamen Raubzügen vereint und in den schlimmsten Zeiten des Amyntas und des AloritenPtolemaios auch makedonische Grenzgebiete besetzt hatte, bis endlich Philipp in schweren Kämpfen ihn bis hinter den lychnitischen See zurückgeworfen hatte. Wenigstens die Pässe im Süden desselben gedachte jetzt Kleitos zu gewinnen. Gemeinsame Sache mit ihm zu machen, rüsteten sich die Taulantiner unter ihrem Fürsten Glaukias, die neben und hinter jenen bis zur Seeküste bei Apollonia und Dyrrhachion saßen. Nicht minder schickten sich die Autariaten, die seit zwei Menschenaltern in den Tälern des Brongos und Angros, der serbischen und bulgarischen Morawa, saßen, von der allgemeinen Bewegung ergriffen, zu einem Einbruch in das makedonische Gebiet an.

Noch gefährlicher schien der zahlreiche, den Makedonen feindliche Thrakerstamm der Triballer, die jetzt im Norden des Haimosgebirges und längs der Donau hinab wohnten. Sie hatten schon einmal, um 370, als die Autariaten sie aus ihrem Lande an der Morawa verdrängt hatten, den Weg über die Gebirge bis Abdera gefunden und waren dann mit Beute beladen zur Donau zurückgekehrt, wo sie die Geten aus ihren Sitzen trieben. Die Ausgetriebenen zogen sich auf die weiten Ebenen auf dem linken Donauufer zurück, die wie die Sumpfwälder der Donaumündung und die Steppe der Dobrudscha die Skythen, die der alte König Ateas beherrschte, innehatten; so bedrängten sie ihn, daß der alte König endlich durch Vermittlung der ihm befreundeten Griechen in Apollonia Philipps Hilfe anrief; aber bevor diese kam, hatte er seinen Frieden mit den Geten gemacht und kehrte seine Waffen gegen den, der zu seiner Hilfe heranzog; er büßte es mit schwerer Niederlage (339). Aber den mit reicher Beute heimkehrenden Philipp — er wählte den Weg durch das Gebiet der Triballer — überfielen die, welche er zu schrecken gedacht haben mochte, nahmen ihm einen Teil seiner Beute ab, und die Wunde, die er davontrug, zwang ihn heimzuziehen, ohne sie erst zu züchtigen; im Herbst darauf hatte ihn der amphiktyonische Krieg nach Hellas gerufen, dann die Bewältigung Thebens, die Ordnung des Korinthischen Bundes, dann der Krieg gegen den Illyrier Pleurias in Anspruch genommen; bevor er sich gegen die Triballer hatte wenden können,hatte ihn der Tod ereilt. Wie hätten die Anfänge eines jungen Königs und die nur zu bekannten Spannungen am Hofe zu Pella nicht die Triballer ebenso locken sollen wie die Illyrier?

Wenn sie sich jetzt erhoben, so würden die ihnen nächstgesessenen Thrakerstämme, die »selbst den Räubern als Räuber furchtbar« im Haimos hausten, die Maider, Besser, Korpillen, nicht etwa ihren Einbruch abgewehrt, sondern sich mit ihnen vereint und die Gefahr verdoppelt haben; auch die südlicher in der Rhodope bis zum Nessostal hinab wohnenden, die sogenannten freien Thraker, hätten sicher, wie ehedem bei dem Zug gegen Abdera, mit den Triballern gemeinsame Sache gemacht. Und der im Norden nächstgelegenen, halb untertänigen Gebiete, namentlich des zwischen dem Strymon und dem oberen Axios gelegenen und immer noch bedeutenden Fürstentums der Paionen[3]war das makedonische Königtum noch keineswegs für alle Fälle sicher, obschon sie sich für den Augenblick noch ruhig verhielten. Nicht weniger unzuverlässig schienen die Thraker im Flußgebiet des Hebros und bis an die Propontis im Süden, den Pontos im Osten, einst viele kleine Fürstentümer, zusammen von bedeutender Macht, solange sie in dem odrysischen Königtum — sie alle stammten aus diesem Königshause des Teres, des Odrysenkönigs in der perikleischen Zeit — eine Art zusammenhaltender Einigung gehabt hatten; von König Philipp waren sie in langen und schweren Kämpfen mehr und mehr getrennt und zur Abhängigkeit gezwungen worden; daß Athen die Wiedereinsetzung des Kersobleptes und des alten Teres von Philipp forderte, hatte den schweren Krieg von 340 veranlaßt. Möglich, daß nach dem Siege von Chaironeia Philipp auch in den thrakischen Verhältnissen Ordnung gemacht hat; es kann kein Zweifel sein, daß einzelne dieser Fürsten ihr Erbe behielten, aber in Abhängigkeit von Makedonien, die ihnen zu ertragen unleidlich genug sein mochte; doppelt unleidlich, da die makedonischen Ansiedlungen am Hebros und vielleicht ein makedonischer Strateg als Statthalter sie zwang, Ruhe zu halten. Ohne daß diese Völker die Verwirrung nach PhilippsErmordung zu offenbaren Feindseligkeiten benutzt, oder mit den Verschworenen, mit Attalos, mit den Athenern in Verbindung gestanden hätten, war die Besorgnis vor ihnen im Rat Alexanders so groß, daß alle Nachgiebigkeit, und selbst wenn sie abfielen, Nachsicht für geratener hielten, als mit Strenge Unterwürfigkeit und Achtung für die bestehenden Verträge zu fordern. Alexander erkannte, daß Nachgiebigkeit und halbe Maßregeln und Makedonien, wenn es angriff, unüberwindlich war, zur Defensive erniedrigt, die wilden und raublüsternen Barbaren kühner, den Perserkrieg unmöglich gemacht hätten, da man weder die Grenzen ihren Angriffen preisgeben, noch sie als leichtes Fußvolk in den Perserkriegen entbehren konnte.

Jetzt waren die Gefahren im hellenischen Lande glücklich beseitigt und die Jahreszeit so weit vorgerückt, daß man die Gebirge ohne bedeutende Hindernisse zu durchziehen hoffen durfte. Da diejenigen der bezeichneten Völkerschaften, welche zu Makedonien gehörten, noch nichts Entschiedenes unternommen hatten, oder wenigstens seit Alexanders Rückkehr nach Makedonien an weitere Wagnisse nicht zu denken schienen, da auf der anderen Seite, um sie von jedem Gedanken an Abfall und Neuerungen abzuschrecken, die Überlegenheit der makedonischen Waffen und der bestimmte Wille, diese geltend zu machen, gleichsam vor ihren Augen gezeigt werden mußte, so beschloß der König einen Zug gegen die Triballer, welche noch nicht dafür bestraft worden waren, daß sie Philipp auf dem Rückmarsche vom Skythenzuge überfallen und beraubt hatten.

Dem Könige standen zwei Wege über das Gebirge in das Land der Triballer offen, entweder am Axiosstrom aufwärts durch die nördlichen Pässe und das Gebiet der allezeit treuen Agrianer in die Ebene der Triballer hinabzugehen, oder ostwärts durch das Gebiet der freien Thraker ins Tal des Hebros zu ziehen und dann nach dem Haimos hinaufzusteigen, um die Triballer an ihrer Ostgrenze zu überfallen; dieser zweite Weg war vorzuziehen, weil er durch das Gebiet unsicherer Völkerschaften, namentlich der odrysischen Thraker führte. Zugleich wurde Byzanz aufgefordert, eine Anzahl Kriegsschiffe nach den Donaumündungenzu senden, um den Übergang über diesen Strom möglich zu machen. Antipatros blieb zur Verwaltung des Reiches in Pella zurück.

Von Amphipolis aus zog der König zuerst gegen Osten, durch das Gebiet der freien Thraker, Philippoi, dann den Orbelos zur Linken lassend, im Nessostal hinauf und über diesen Fluß. Darauf ging er über die Rhodope, um durch das Gebiet der Odryser zu den Haimospässen zu gelangen. Nach einem Marsche von zehn Tagen, so heißt es, stand Alexander am Fuß des Gebirges; der Weg, der sich hier eng und steil zwischen den Höhen hindurchdrängt, war von den Feinden besetzt, die mit aller Macht den Übergang hindern zu wollen schienen, teils Gebirgsbewohner dieser Gegend, teils freie Thraker. Nur mit Dolch und Jagdspieß bewaffnet, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes bedeckt, so daß sie gegen die schwerbewaffneten Makedonen nicht das Feld halten konnten, wollten sie die feindliche Schlachtlinie, wenn sie gegen die Höhen anrückte, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen sie die Höhen besetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung bringen, um über die aufgelösten Reihen herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah und sich überzeugte, daß der Übergang an keiner anderen Stelle möglich sei, gab dem Fußvolk die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, überall, wo es das Terrain gestattete, die Linien zu öffnen und die Wagen durch diese Lücken hinfahren zu lassen; wo sie nicht nach den Seiten hin ausweichen könnten, sollten die Leute, das Knie gegen den Boden gestemmt, die Schilder über ihre Häupter fest aneinander schließen, damit die niederfahrenden Wagen über sie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten teils durch die Öffnungen, teils über die Schilddächer hinweg, ohne Schaden zu tun. Mit lautem Geschrei drangen jetzt die Makedonen auf die Thraker ein; die Bogenschützen vom rechten Flügel aus vorgeschoben, wiesen die anprallenden Feinde mit ihren Geschossen zurück und deckten den bergaufsteigenden Marsch der Schwerbewaffneten; sowie diese in geschlossener Linie vordrangen, vertrieben sie mit leichter Mühe die schlechtbewaffneten Barbaren aus ihrer Stellung, so daß sie dem auf dem linken Flügel mit den Hypaspisten und Agrianern anrückenden König nicht mehr standhielten, sondern die Waffen wegwarfen und, so gut sie konnten, flüchteten. Sie verloren fünfzehnhundert Tote; ihre Weiber und Kinder und alle ihre Habe wurde den Makedonen zur Beute und unter Lysanias und Philotas in die Seestädte auf den Markt geschickt.

Alexander zog nun die sanfteren Nordabhänge des Gebirges hinab in das Tal der Triballer, über den Lyginos (wohl die Jantra bei Tirnowo), der hier etwa drei Märsche von der Donau entfernt strömt. Syrmos, der Triballerfürst, hatte, von Alexanders Zuge in Kenntnis gesetzt, die Weiber und Kinder der Triballer zur Donau vorausgeschickt und sie auf die Insel Peuke überzusetzen befohlen; ebendahin hatten sich bereits die den Triballern benachbarten Thraker geflüchtet; auch Syrmos selbst war mit seinen Leuten dahin geflohen; die Masse der Triballer dagegen hatte sich rückwärts dem Flusse Lyginos zu, von dem Alexander tags zuvor aufgebrochen war, gezogen, wohl um sich der Pässe in seinem Rücken zu bemächtigen. Kaum hatte das der König erfahren, so kehrte er schnell zurück, um sie aufzusuchen, und überraschte sie, da sie sich eben gelagert hatten; sie stellten sich schnell an dem Saume des Waldes auf, der sich an dem Fluß entlangzog. Während die Kolonnen der Phalanx heranzogen, ließ Alexander die Bogenschützen und Schleuderer vorauseilen, mit Pfeilen und Steinen die Feinde auf das offene Feld zu locken. Diese brachen hervor, und indem sie, namentlich auf dem rechten Flügel, sich zu weit wagten, sprengten rechts und links drei Ilen der Ritterschaft auf sie ein; schnell rückten im Mitteltreffen die anderen Ilen und hinter ihnen die Phalanx vor; der Feind, der sich bis dahin wacker gehalten hatte, stand dem Andrang der geharnischten Reiter und der geschlossenen Phalanx nicht und floh durch den Wald zum Fluß zurück; dreitausend kamen auf der Flucht um, die anderen retteten sich, durch das Dunkel des Waldes und der hereinbrechenden Nacht begünstigt.

Alexander setzte seinen früheren Marsch fort und kam am dritten Tage an die Ufer der Donau, wo ihn bereits die Schiffe von Byzanz erwarteten; sofort wurden sie mit Bogenschützen undSchwerbewaffneten bemannt, um die Insel, auf welche sich die Triballer und Thraker geflüchtet hatten, anzugreifen; aber die Insel war gut bewacht, die Ufer steil, der hier eingeengte Strom reißend, der Schiffe zu wenig, und die Geten am Nordufer schienen bereit, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Alexander zog seine Schiffe zurück und beschloß, sofort die Geten am jenseitigen Ufer anzugreifen; wenn er durch die Demütigung Herr der beiden Ufer war, konnte sich auch die Donauinsel nicht halten.

Die Geten, etwa viertausend Mann zu Pferde und mehr als zehntausend zu Fuß, hatten sich am Nordufer der Donau vor einer schlechtbefestigten Stadt, die etwas landeinwärts lag, aufgestellt; sie mochten erwarten, daß der Feind tagelang brauchen werde, über den Strom zu kommen, daß sich so Gelegenheit finden werde, die einzelnen Abteilungen, die landeten, zu überfallen und aufzureiben. Es war Mitte Mai, die Felder neben der Getenstadt mit Getreide bedeckt, das hoch genug in den Halmen stand, um landende Truppen den Augen des Feindes zu entziehen. Alles kam darauf an, die Geten mit schnellem Überfall zu fassen; da die Schiffe aus Byzanz nicht Truppen genug aufnehmen konnten, so brachte man aus der Gegend eine Menge kleiner Nachen zusammen, deren sich die Einwohner bedienten, wenn sie auf dem Strome fischten, Freibeuterei trieben oder Freunde im unteren Dorfe besuchten; außerdem wurden die Felle, unter denen die Makedonen nächtigten, mit Heu ausgefüllt und fest zusammengeschnürt. In der Stille der Nacht setzten fünfzehnhundert Reiter und viertausend Mann Fußvolk unter Führung des Königs über den Strom, landeten unter dem Schutze des weiten Getreidefeldes unterhalb der Stadt. Mit Tagesanbruch rückten sie durch die Saaten vor, vorauf das Fußvolk, mit der Weisung, das Getreide mit den Sarissen niederzuschlagen und, bis sie an ein unbebautes Feld kämen, vorzurücken. Dort ritt die Reiterei, die bisher dem Fußvolke gefolgt war, unter des Königs Anführung bei dem rechten Flügel auf, während links, an den Fluß gelehnt, die Phalanx in ausgebreiteter Linie unter Nikanor vorrückte. Die Geten, erschreckt durch die unbegreifliche Kühnheit Alexanders, der so leicht den größten aller Ströme, und das in einer Nacht, überschritten, eilten, weder dem Andrang der Reiter, noch der Gewalt der Phalanx gewachsen, sich in die Stadt zu werfen; und als sie auch dahin die Feinde nachrücken sahen, flüchteten sie, indem sie von Weibern und Kindern mit sich nahmen, was die Pferde tragen konnten, weiter ins Innere des Landes. Der König rückte in die Stadt ein, zerstörte sie, sandte die Beute unter Philippos und Meleagros nach Makedonien zurück, opferte am Ufer des Stromes dem Retter Zeus, dem Herakles und dem Strome Dankopfer. Es war nicht seine Absicht, die Grenzen seiner Macht bis in die weiten Ebenen, die sich nordwärts der Donau ausbreiten, auszudehnen; der breite Strom war, nachdem die Geten die Macht der Makedonen kennengelernt hatten, eine sichere Grenze, und in der Nähe weiter kein Volksstamm, dessen Widerstand man zu fürchten gehabt hätte. Nachdem der König mit jenen Opfern das nördlichste Ziel seiner Unternehmungen bezeichnet hatte, kehrte er noch am gleichen Tag von einer Expedition, die ihm keinen Mann gekostet hatte, in sein Lager im Süden des Flusses zurück.

So schwer und plötzlich getroffen, schickten die Völkerschaften, die in der Nähe der Donau wohnten, Gesandte mit den Geschenken ihres Landes in des Königs Lager, baten um Frieden, der ihnen gern gewährt wurde; auch der Triballerfürst Syrmos, der wohl einsah, daß er seine Donauinsel nicht zu halten imstande sein werde, unterwarf sich. Hierher kam auch von den Bergen am Adriatischen Meere eine Gesandtschaft keltischer Männer, die wie ein Augenzeuge erzählt, »groß von Körper sind und Großes von sich denken«, und, von des Königs großen Taten unterrichtet, um seine Freundschaft werben wollten. Beim Gelage fragte sie der junge König, was sie wohl am meisten fürchteten? Er meinte, sie sollten ihn nennen; sie antworteten: »Nichts, als daß etwa der Himmel einmal auf sie fallen möchte; aber eines solchen Helden Freundschaft gelte ihnen am höchsten.« Der König nannte sie Freunde und Bundesgenossen und entließ sie reich beschenkt, meinte aber nachmals doch, die Kelten seien Prahler.

Nachdem so mit der Bewältigung der freien Thraker auch die odrysischen zur Ruhe gezwungen, mit dem Siege über die Triballer die makedonische Hoheit über die Völker südwärts der Donau hergestellt, durch die Niederlage der Geten die Donau als Grenze gesichert, somit der Zweck dieser Expedition erreicht war, eilte Alexander südwärts, durch das Gebiet der ihm verbündeten Agrianer (in der Ebene von Sofia) nach Makedonien zurückzukehren. Er hatte bereits die Nachricht, daß der Fürst Kleitos mit seinen Illyriern sich des Passes von Pelion bemächtigt habe, daß der Taulantinerfürst Glaukias schon heranziehe, sich mit Kleitos zu vereinigen, daß die Autariaten mit ihnen im Einverständnis sich anschickten, das makedonische Heer in seinem Marsche durch die Gebirge zu überfallen.

Alexanders Lage war schwierig; noch mehr als acht Tagemärsche von den Pässen der Westgrenze entfernt, welche die Illyrier bereits überschritten hatten, war er nicht mehr imstande, Pelion, den Schlüssel zu den beiden Flußtälern des Haliakmon und des Apsos (Devol), zu retten; hielt ein Überfall der Autariaten ihn auch nur zwei Tage auf, so waren die vereinten Illyrier und Taulantiner stark genug, von Pelion aus bis in das Herz Makedoniens vorzudringen, die wichtige Linie des Erigonstromes zu besetzen und, während sie selbst die Verbindung mit ihrer Heimat durch den Paß von Pelion offen hatten, den König von den südlichen Landschaften seines Reiches und von Griechenland abzuschneiden, wo bereits gefährliche Bewegungen merkbar wurden. Freilich lag Philotas mit einer starken Besatzung in der Kadmeia, und Antipatros in Makedonien hatte noch Truppen zur Hand, ihn zu unterstützen; aber ohne die Heeresmacht, die mit dem Könige war, vermochten sie wenig; und diese Heeresmacht war in ernstem Gedränge; für Alexander stand Großes auf dem Spiel; ein unglückliches Treffen, und alles, was er und sein Vater mühsam erreicht hatten, stürzte zusammen.


Back to IndexNext