Entstehung des englischen Volkes.Die volkssprache, deren grundlage das alte Angelsächsische blieb, hatte sich allmälig in demselben masse grössere geltung verschafft, als die geborenen Engländer sich aus dem zustande der unterdrückung erhoben, in welchen sie der sieg der Normannen versetzt hatte. Hauptmomente in dieser hinsieht sind der verlust der Normandie unter könig Johann (1206) und die von Heinrich III. und Louis IX. getroffenen bestimmungen, wonach die unterthanen der einen krone keinen grundbesitz auf dem gebiete der anderen haben durften (Matth. Paris ad an. 1244). Dadurch wurde das band zwischen Frankreich und England gelockert, welches unter Eduard III. vollständig zerreissen sollte. Die bürgerkriege unter Johann ohne land und Heinrich III., in welchen sehr viele alte barone und herren umkamen, hatten den normännischen adel in England geschwächt und englischen familien gelegenheit gegeben, zu würden und ansehen zu gelangen. Ersterer musste sich mit der sächsischen Yeomanry vermischen, als er dieselbe gegen die tyrannischen und zugleich schwachen könige aufrief und mit den abkömmlingen des sächsischen adels die Magna Charta errang; es konnte nicht länger eine schmach bleiben, ein Engländer zu sein, als die normännischen barone unter Heinrich III. die zuströmenden fremden aus Poitou und Aquitanien mit hilfe der sich erhebenden Engländer verjagten.167Matthew Paris nennt in diesemsinne den Normann Hugh Bigod einen virum de terra Anglorum naturalem et ingenuum, und diejenigen fremden, qui Reginae attinentes per eam introducti fuerant in Angliam, bezeichnet er als alienigenae. Und um dieselbe zeit will der erzbischof von York einige vom papste empfohlene geistliche nicht annehmen, „weil sie mit der englischen sprache nicht bekannt seien.“
Gründung der englischen Universitäten.Auch die erziehung der höheren stände erlitt im dreizehnten und noch mehr im vierzehnten jahrhundert durch die äussere trennung England’s von Frankreich eine bedeutende veränderung, welche, wenn sie auch die französische sprache als unterrichtssprache nicht augenblicklich zu verdrängen im stande war, doch die unter Eduard III. erfolgende sprachliche und geistige trennung der Engländer von den Franzosen anbahnte. Bis in die mitte des dreizehnten jahrhunderts pflegten die normännischen barone England’s ihre kinder in Frankreich erziehen zu lassen, wo sie fremden sinn oft mit fremden lastern kennen lernten:
Filii nobilium, dum sunt juniores,Mittuntur in Franciam fieri doctores;Quos prece vel pretio domant corruptores,Sic prætaxatos referunt Artaxata mores.
heisst es im manuscript Digby, Nr. 4, welches zu ende des dreizehnten oder anfang des vierzehnten jahrhunderts geschrieben sein mag.168Diese sitte hörte mit der zum bedürfniss gewordenen stiftung der englischen universitäten zu Oxford und Cambridge grösstentheils auf. Die gründung der hauptsächlichsten Colleges an diesen beiden hauptsitzen alter englischer gelehrsamkeit fällt in jene durch die verschmelzung des angelsächsischen und normännisch-französischen stammes zueinemenglischen volke, so wie durch die entstehung der englischen sprache eben so wichtige als interessante zeit von 1250 bis 1350. Mit der Errichtung dieser pflanzstätten der gelehrsamkeit wie des nationalsinnes wurde die sitte der fremden, französischen erziehung allmälig zur unsitte.
Entartung des Französischen in England.In demselben grade, als die normännischen sieger aufhören, Franzosen zu sein, und das Englische das übergewicht über das Französische erhält, verändert sich auch das letztere in England. Der deutsche accent, welcher auf der stammsylbe der wörter liegt, veranlasste den Engländer, die aus der französischen sprache stammenden wörter, gegen den eigenthümlichen französischen, nach dem ende der wörter strebenden ton, ebenfalls auf der wirklichen oder vermeintlichen stammsylbe zu accentuiren, wodurch die nächst liegenden vokale und sylben, gleichsam von selbst, schwächer und kürzer ausgesprochen wurden. So findet sich arter (arrêter), cardenal, government, judgment, captain, wauter (gautier), tresorer, manere (manière). Bei vielsylbigen wörtern, deren erste sylben nunmehr den accent erhielten, konnte in der letzten oder vorletzten sylbe kein langer vokal geduldet, wenigstens nicht ausgesprochen werden: musoire, estoire, gloire, memoire, ordinaire, adversaire bleiben in England musorie, estorie, glorie, memorie, ordinarie, adversarie. Was die vokale anlangt, so wurde u und eu in den französischen wörtern in der aussprache beseitigt, nach welcher man auch bald die orthographie einrichtete. Dafür treten o und ou ein: so schrieb man rendez-vos, vole-vos (voulez-vous), auctor, cort, sojorn, soverain, seignor, plusiors. Bei den consonanten ist die veränderung noch grösser und auffallender, als bei den vokalen. C, ch, ss, sh beginnen zu schwanken; man findet commence und commenche, redresser und redrecher, Frenceiz und Francheis, blance und blanche, dessiré und déchirée, veinchirent und vainquirent. Das l mouillé verschwindet im dreizehnten und vierzehnten jahrhundert; man liest Wiliam, doel (deuil), travailer, perilouse, mervellus. Ebenso erlischt der nasenlaut des an, ain, en, in, on, oin, un; es wird nunmehr geschrieben: counsell, chemine, maine, champe, mone intencione, counte, secunde, viconte. Auch das nasale gn findet sich selten, mochte wenigstens nicht mehr gesprochen werden; man findet montaigne und mountaine, Alemaigne und Alemaine, Cocaygne und Cocayne, Spaygne und Spayne, soveraigne und soveraynie, compaingnie und companie.
Angelsächsische Wörter dringen in das Französische.Bereits in den gesetzen Wilhelm’s des eroberers bemerkt man eine nicht kleine anzahl angelsächsischer rechtsausdrücke, welche sich für den augenblick, da das volk daran gewöhnt war und sie verstand, nicht füglich in das Französische übersetzen liessen. Solche ausdrücke sind hemfare, sac und sache, soc und soche, sol, tem, infangenethef, hengwite, manbote, were, sarbote, forfengen, heuvelborh (heafodborh), wardireve, utlage. Allmälig mehren sich die wörter angelsächsischen ursprungs in den anglo-französischen schriften. Schon im jahre 1258 findet sich in einem erlass das wort to give: nousgiveonsnos lettres overtes seelees de nostre seel (we senden gew this writ open iseined [iseiled] wið ure seel). Je weiter man kömmt, desto mehr angelsächsische wörter erblickt man im Französischen (catchpole, villes de Upland, husbandrie u. s. w.), bis man im fünfzehnten jahrhundert kurz vor dem erlöschen des Französischen als umgangssprache sich genöthigt sah, das Französische so gut wie in das Englische zu übersetzen, damit nur verstanden wurde, was die amtlichen erlasse zu bedeuten hatten, z. b. in dem jahre 1463:
1) hand-irons 2) marteaux 3) drepee, ein gericht aus mandeln und zwiebeln 4) dice 5) anneauxNotre dit soverain seignur le Roi ad ordeigne qe null merchant ... amesne, maunde, ne convoie ... ascuns de cesteswares, desoutz escritez,... laces, corses, ribans, frenges de soie ...aund-irons,1)grid-irones,... marteus2)vulgarement nommezhamers, pinsons,fire-tonges,drepyngpannes,3)dises,4)tenys-balles,...daggers,vodeknyves,botkyns,sherespour taillours,... cisours, rasours,shethes,... agules pour sacs vulgarement nommezpaknedles,... aneus5)decoper,... chauffingdishes,... chauffyngballes, sackering belles, (?)...ladels,... scomers,...hattes, blanc file de fer vulgarement nomewhitewireetc.
Man möge bemerken, dass man schon in der mitte des dreizehnten jahrhunderts anfing, französische wörter mit englischen endungen zu versehen. So findet sich bereits in dem erlass Heinrich’s III. crouninge (krönung). Wenn das Französische in England so in verfall gerathen und so unrein geworden war, lässt es sich erklären, dass Gower deshalbum entschuldigung bittet, weil er französische verse zu schreiben wagt, und Chaucer über das schlechte Französisch seiner madame Eglantine spottet.
Mischung beider Sprachen.Wenn das eindringen angelsächsischer wörter das Französische veränderte, so war der umgekehrte fall, dass das Französische das bereits abgeschwächte angelsächsische idiom durchdrang, von noch grösserem einfluss auf die bildung des Englischen. Schon in der sächsischen chronik finden sich französische wörter; dieselben mehren sich besonders von anfang des vierzehnten jahrhunderts ab. In dem von Ellis (Specimens etc. band I. seite 83 ff.) aus Hickes’s Thesaurus mitgetheilten, leider in der orthographie modernisirten spottgedichte auf das land Cocaygne sind schon viele französische wörter zu entdecken: flower, fruit, serpent, vile, joy, rivers, fine, oil, pillars, capital, jaspe, corall, canel, odour, girofle, roses, lily, fienestres, baum (balsam), collation, procession, river, jambleus (gambols), solace, penance, dute (déduit); es finden sich darin sogar schon französische wörter mit englischer beugungssylbe, z. b. serveth. Noch mehr französische wörter, mit und ohne englische beugungssylben, befinden sich in der reimchronik Robert’s von Gloucester: paleys, seruyse, usages, sywete (suit), serwede, companye, botelerye, corteysye, noblye, armys, chastore, bachelerye, lance, vylenye, pleyynge at tables, manere, maystrye, large, u. s. w. Seine nachfolger verlassen die einmal betretene bahn nicht mehr, obwohl man bei einzelnen autoren, z. b. dem verfasser der visions of Piers Ploughman, eine geringere anzahl französischer worte findet, was sich meist nach den lebensverhältnissen der schriftsteiler und dem stoffe ihrer werke richtet.
Durch diese mischung und gegenseitige durchdringung beider idiome entstand allmälig jene sprache, welche wir Englisch nennen, und welche mit ausnahme einiger formen der declination des nomens und pronomens, der conjugation des verbs, der comparation des adjectivs und adverbs nur noch trümmer der alten angelsächsischen grammatik zeigt, aber in ihrer einfachen construction der meist beugungslosen wörter vorzüglich geschickt war, fremdwörter allerart ohne schwierigkeit in sich aufzunehmen und sich zu assimiliren.169
Obgleich nunmehr die angelsächsische sprache, als solche, schon im zwölften und noch mehr im dreizehnten jahrhundert verschwunden war, um in ihrer abschwächung der mit dem englischen volke zugleich entstehenden englischen sprache als basis zu dienen, so war diese neue sprache trotz der entartung der französischen doch nicht sogleich im stande, diese und die alte bildungs- und gelehrtensprache, die lateinische, aus manchen kreisen des volkes zu verdrängen.
Lateinisch, die Sprache der Gelehrsamkeit u. des Rechtes.Das Latein war bis in das 14. jahrhundert hinein die gewöhnliche sprache des rechtes, wenigstens sind die alten gerichtlichen und gesetzlichen urkunden ausschliesslich in lateinischer sprache bis zum jahre 1275 abgefasst. Erst in diesem jahre wurde eine verordnung Eduard’s I. in französischer sprache erlassen. Während der folgenden regierungsjahre dieses königs sind die verordnungen der regierung theils in lateinischer, theils in französischer, gewöhnlich aber in der ersteren sprache veröffentlicht worden. Das Französische wurde häufiger unter Eduard II. und beinahe ausschliesslich unter Eduard III. und Richard II. angewendet, obwohl auch unter diesem könige sich noch lateinische verordnungen finden. Lateinisch war auch die sprache der scholastischen geistlichen und philosophen, wie überhaupt der eigentlichen gelehrten, mochten sie über geometrie und astronomie, oder über chemie, medicin und andere naturwissenschaften schreiben.
Französich, die Sprache der Bildung.Die französische sprache war immer noch die sprache der bildung und im allgemeinen gebrauche bis in die regierungszeit Eduard’s III., unter welchem während des englisch-französischen erbfolgekrieges eine feindschaft zwischen dem englischen und französischen volke entstand, von welchernicht bloss die politische, sondern auch die sprachliche sonderung eine folge war. Ranulph oder Ralph Higden, ein mönch des St. Werburg’s-stiftes in Chester schreibt in seinem lateinischen Polychronicon, welches mit dem jahre 1357 endet, dass das Französische immer noch zu seiner zeit die sprache war, welche die kinder gebildeter eltern von der wiege ab sprachen, und die einzige, welche in der schule den knaben gestattet war, so dass sogar die landleute sie gemeiniglich verstanden und sich mühe gaben, in ihr zu reden. Allein man sieht aus den worten Higden’s zugleich, dass die öffentliche meinung gegen diesen allgemeinen gebrauch des Französischen war, welches seine herrschaft nicht mehr der vorliebe, sondern nur noch der gewohnheit des volkes zu verdanken hatte. Der autor des Cursor mundi war der ansicht, dass die Engländer die französische sprache ablegen sollten, da die Franzosen sich nicht um das Englische kümmerten (Ms. Cott. Vespas. A. III. f. 2).
This ilk bok it es translateInto Inglis tong to rede,For the love of Inglis lede,Inglis lede of Ingland,For the commun at understand.Frankis rimes her I reddComunlik in ilk sted.Mast es it wroght for Frankis man,Quat is for him na Frankis can?Of Ingland the nacionEs Inglisman thar in commun;The speche that man wit mast may spede,Mast thar wit to speke war nede.Selden was for ani chancePraised Inglis tong in France!Give we ilkan thare langageMe think we do tham non outrage.
Und in dem gedichte King Edward and the Shepherd wird die unwillige verwunderung des letztern über die bei hofe gesprochene fremde sprache in folgenden versen ausgedrückt (Ms. Cantab. Ff. v. 48. fol. 55).
The lordis anon to chawmbur went,
The kyng aftur the scheperde sent,He was broȝt forth fulle sone;
He clawed his hed, his hare he rent,
He wende wel to have be schent,He ne wyst what was to done.
When he French and Latyn herde,
He hade mervelle how it ferde,And drow hym ever alone:
Jhesu, he seid, for thi gret grace,
Bryng me fayre out of this place!Lady, now here my bone!
Das Englische wird Unterrichtssprache.Trevisa, der englische übersetzer von Higden’s Polychronicon, findet es im jahre 1385 nöthig, der erwähnten stelle seines autors eine erläuterung hinzuzufügen. Trevisa sagt darin: diese weise, die kinder in französischer sprache zu unterrichten, war vor der ersten pest (1349) sehr im gebrauch, hat sich jedoch seit der zeit etwas geändert; dennJohn Cornwaile, ein schulmeister, vertauschte das Französische als unterrichtssprache mit dem Englischen, von ihm lernteRichard Pencrichediese art zu unterrichten, und andere lernten sie wieder von Pencriche, so dass jetzt (1385) in allen unterrichtsanstalten (gramer scoles) die kinder das Französische verlassen und in englischer sprache construiren (das Latein übersetzen) und lernen und dabei vortheil auf der einen und nachtheil auf der anderen seite haben. Ihr vortheil ist, dass sie die grammatik in weniger zeit als sonst lernen, ein nachtheil aber, dass jetzt die schüler (children of gramer scole) nicht mehr Französisch verstehen als ihr linker absatz, was ihnen, wenn sie über see in fremde länder reisen, sehr leid thun wird; auch bleibt den vornehmen leuten (gentilmen) nunmehr viel zu thun übrig, ihren kindern Französisch zu lehren.170
Das Englische wird Rechtssprache.Diese veränderung der unterrichtssprache zwischen der zeit, wo Higden schrieb und Trevisa übersetzte, kann unbedenklich mit jener politischen acte Eduard’s III. in verbindung gesetzt werden, worin derselbe im jahre 1362 befahl, dass alle in den königlichen gerichtshöfen geführten processe in englischer sprache verhandelt, aber in lateinischer sprache eingetragen und verzeichnet werden sollten, während vor dieser zeit die verhandlungen in französischer sprache gepflogen, die acten aber in lateinischer, oder ebenfalls in französischer sprache geführt wurden. Als grund für diesen erlass Eduard’s III. wird angegeben, „dass dem könig von prälaten, herzögen, grafen, baronen und allen gemeinen oft das grosse unheil vorgestellt worden sei, welches verschiedenen des reiches zugestossen sei, weil sie die gesetze, gebräuche und verordnungen dieses reiches nicht immer gehalten und befolgt hätten, indem sie in der französischen sprache gegeben oder verhandelt werden, welche in dem besagten reiche nicht sehr bekannt ist, so dass die leute, welche bei den königlichen und anderen gerichtshöfen klagen oder verklagt werden, keine kenntniss von dem haben, was für oder wider sie gesagt wird; und weil vernünftiger weise die besagten gesetze und gebräuche in der im reiche üblichen sprache um so mehr begriffen, bekannt und verstanden werden, damit jedermann sich um so besser führen könne, ohne das gesetz zu verletzen, und um so eher seine erbschaft und besitzung bewahren und vertheidigen könne.“Das Französische bleibt noch Hofsprache.Indessen ist sonderbarer weise diese verordnung selbst in französischer171spracheerlassen worden, welche seit langer zeit die muttersprache der königlichen familie war, und wahrscheinlich ausschliesslich bei hofe und wenigstens bis 1483 im oberhause gesprochen worden ist. Ritson behauptet, dass Heinrich III. sich nie der englischen sprache bedient habe. Eduard I. sprach nur französisch im rathe sowohl als im felde; viele seiner aussprüche sind von den alten geschichtsschreibern aufbewahrt worden. Eduard II., welcher eine französische princessin heirathete, bediente sich gleichfalls der französischen sprache. Sein sohn Eduard III. schrieb alle seine briefe oder depeschen in der französischen sprache, in welcher sie von Robert v. Avesbury aufgezeichnet und überliefert worden sind.
Dafür, dass erst in den letzten jahren der regierung Eduard’s III. jene mächtige veränderung zu gunsten der englischen sprache vorging, spricht auch der umstand, dass in seinen ersten regierungsjahren die mitglieder der universität zu Oxford sich nur lateinisch oder französisch unterhalten durften. Noch früher gab es hochgestellte personen, welche weder Latein noch Englisch, sondern nur Französisch sprachen und verstanden. Von dem bischof von Durham,Lewis Beaumont, wird in dieser beziehung folgende anekdote erzählt: Als er seine bestallungsbulle, welche man ihm mehrere tage hindurch vorbuchstabirt hatte, vorlas (1318), konnte er das wort metropoliticæ nicht aussprechen, so oft er es auch versuchte. Nachdem er sich einige zeit vergeblich gemüht hatte, rief er endlich in seiner muttersprache ärgerlich aus: Seit pour dite! Par Seynt Lowys, il ne fu pas curteis qui ceste parole ici escrit! (Es ist so gut wie gesagt! Beim heiligen Ludwig, der war nicht höflich, welcher dieses wort hierher geschrieben hat!)172
Die englische Sprache im Parlament.Das erste englische actenstück in den parlamentsverhandlungen stammt aus dem jahre 1388; es ist eine bittschrift der londoner krämer (Rot. Parl. III, 225). Das nächstfolgende ist das geständniss des unglücklichen Thomas, Herzogs von Gloucester, aus dem jahre 1398, abgenommen zu Calais von William Rickhill (eingetragen unter Plac. coron. 21. Richard II. n. 9). Im anfange der regierung Heinrich’s VI. scheint die französische und englische sprache untermischt in den acten des parlaments gebraucht zu sein. Die subsidien an wolle u. s. w. wurden in englischer sprache gewährt (1 Hen. VI. n. 19). Ein französisches proviso wurde von dem hause der gemeinen den artikeln in betreff des regentschaftsrathes, welche in englischer sprache vorhanden sind, hinzugefügt (ibid. n. 33). Sogar die königliche zustimmung zu gesetzen wurde in englischer sprache gegeben: be it ordeined as it is asked, oder: be it as it is axed (2 Hen. VI. n. 54, 55). Die mündlichen verhandlungen mit sehr wenigen ausnahmen scheinen in französischer sprache geführt worden zu sein, und die erlassenen gesetze (statutes) wurden bis zum ersten regierungsjahre Richard’s III. (1483) unausgesetzt in französischer sprache veröffentlicht. Ein privatvertrag in englischer sprache zwischen dem abt und kloster von Whitby einerseits und Robert, dem sohne John Bustard’s, andererseits, zu York im jahre 1343 geschlossen, (Charlton’s History of Whitby, 247) ist das älteste actenstück dieser art, welches bekannt geworden ist.173
Die englische Sprache wird die herrschende.Zum schluss dieser betrachtung mögen hier aus Ms. Bodl. 48. f. 48. die worte eines schriftstellers des 14. Jahrhunderts einen platz finden, worin er seine gründe für den gebrauch der englischen sprache in gemüthlicher weise angiebt:
In Englis tonge y schal ȝow telle,Ȝyf ȝe so long with me wyl dwelle;Ne Latyn will y speke ne waste,Bot Englisch that men uses maste,For that ys ȝoure kynde langageThat ȝe hafe here most of usage;That can ech man untherstondeThat is born in Englonde;For that langage ys most schewed,Als wel mowe lereth as lewed.Latyn also y trowe can nane,Bot tho that hath hit of schole tane;Som can Frensch and no Latyne,That useth has court and duellt therinne,And som can of Latyn aparty,That can Frensch ful febylly;And som untherstondith Englisch,That nother can Latyn ne Frensch.Bot lerde, and lewde, old and ȝong,Alle untherstondith English tonge.Therfore y holde hit most siker thanne,To schewe the langage that ech man can;And for lewethe men namely,That can no more of clergy,Tho ken tham whare most nede,For clerkes can both se and redeIn divers bokes of Holy Writt,How they schul lyve, yf thay loke hit:Tharefore y wylle nie holly haldeTo that langage that Englisch ys calde.
Mit dem entstehen eines englischen volkes im dreizehnten, und dessen in die augen springenden gegensatze zu dem französischem volke im vierzehnten jahrhundert stossen wir auch alsbald auf sagenkreise, welche begebenheiten und helden aus der alten volksthümlichen geschichte feiern. Die hierher gehörenden romanzen wurden entweder jetzt erst aus dem gedächtniss und nach der überlieferung aufgezeichnet,welche sie in der zeit des druckes gepflegt und gehegt hatte, oder sie waren umarbeitungen verlorener angelsächsischer originale. Vielleicht schliesst die eine ansicht die andere nicht aus. Zuweilen ist aber der altenglische romanzenstoff nur in lateinischer,174oder französischer bearbeitung der nachwelt überliefert worden. Die romanze vonWaldef, handschriftlich in französischen versen im besitz des Sir Th. Phillipps, ist in Cambridge auch lateinisch vorhanden; sie wurde auf begehr einer dame, welche englisch nicht verstand, in französische verse, und hieraus in das Latein übersetzt, wie der letztere übersetzer in seiner vorrede erzählt.175
Altenglische Romanzen.Der alten angelsächsischen romantik waren die altnordischen und altdeutschen sagenkreise dienstbar, deren unverkennbare spuren sich im Beowulf, in des reisenden sängers liede und einigen andern alten dichtungen finden (vergl. s. 52. 55. 68); die thaten Arthur’s und seiner ritter, obwohl in den altenglischen reimchroniken vielfach erwähnt, haben nebst dem sagenkreise Karl’s des grossen nicht sowohl englischen als vielmehr normännisch-französischen dichtern den stoff zu ihren romanzen geliefert. Ausschliesslich englischen heldensagen dagegen, auf dem boden der englischen geschichte erwachsen und von dem herzen und dem munde des englischen Volkes getragen, begegnen wir zuerst in denjenigen gedichten, welche die kämpfe der Angelsachsen und Dänen feiern. Die anfänge dieses englisch-dänischen romanzenkreises erblicken wir schon indenjenigen liedern der älteren literatur, welche die thaten Byrhtnoth’s und Athelstan’s besingen (vergl. s. 56. 66). In späterer zeit, als das angelsächsischevolks-lebenund fühlen unterdrückt wurde, erfuhren die halbvergessenen angelsächsisch-dänischen heldenlieder mannigfache umänderungen, welche ihnen das gepräge sagenhafter romantik aufdrückten; so tauchen sie im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert als eigenthum des nunmehr englisch gewordenen Volkes wieder auf.Englisch-dänischer Romanzenkreis.Zu diesem angelsächsisch-dänischen sagen-cyclus gehören die romanzen von Havelok dem Dänen, könig Horn, Guy von Warwick, Bevis von Hampton, Wade und andere.176Die wichtigsten und ehemals beliebtesten romanzen dieses kreises sind unstreitig Havelok der Däne177und könig Horn,178von welcher letzteren sieben handschriften in englischer und französischer spräche bekannt sind. Die beste französische handschrift ans dem 13. sec. wird zu Cambridge (Ms. Bibl. Publ. Ff. 6, 17) aufbewahrt, we sich auch das älteste, ebenfalls dem 13. sec. angehörende englische Ms. (Bibl. Publ. Gg. 4, 27) befindet. Die französische romanze ist ersichtlich eine Überarbeitung des englischen originals im französischen geschmacke; an einer stelle ist das þ in einem angelsächsischen namen (Godswiþ) beibehalten worden, an einigen anderen stellen wird auf das „pergament,“ d. h. die zu grunde liegende englische aufzeichnung verwiesen:
„Cist ocisl Aaloff, com dit le parchemin;“„E Horn çi ad turné, com dit le parchemin.“
Während sich in diese alten romanzen durch die den letzten aufzeichnungen kurz vorangegangenen kreuzzüge eine grosse anzahl anachronismen eingeschlichen haben, indemz. B. die Dänen, weil heiden, gewöhnlich als saracenen aufgeführt werden, hat sich eine jüngere bearbeitung desselben gegenstandes unter dem titel: Hornchilde and maiden Rimnild in dem Auchinleck Ms. der advocatenbibliothek zu Edinburgh erhalten, welche den charakter der alten zeit treuer bewahrt hat.179Einige kurze sprachproben mögen hier einen platz finden:
Havelok der Däne, König Hörn.
Haveloc tint en sa baillieNicole et tote Lindesie,Xx. anz regna, si en fut rois;Assez conquist pas ses Danois.Mult fu de li grant parlance:Li auncien par remembranceFirent un lai de sa victoire.
1) did 2) light 3) fight 4) enough 5) ship 6) drew 7) themHe dude1)writes sendeInto Yrlonde,After kniȝtes liȝte,2)Irisse men to fiȝle.3)To Horn come i-noȝe,4)That to schupe5)droȝe6)Horn dude him7)in the weieOn a god galeie.
(Horn’s vater, Hatheolf, regierte über ganz England nördlich vom Humber. Während seiner herrschaft fielen die Dänen in sein gebiet und wollten eben ihre beute in Cleveland auf die schiffe bringen, als Hatheolf davon kunde erhält, mit seinen mannen nach Cleveland eilt und die Dänen schlägt:)
1) Imp. von blinnan, aufhörenIn a morning thai bigan,
Of al that day thai no blan1)That baleful werk to wirke:
Sides thai made blo and wan,
That er were while so fether on swan,Whiche gamen man aught irke.
When that even bicam,
The Danismen were al slan,It bigan to mirke.
Whoso goth or rideth ther-bi,
Yete may men se ther bones lyBi Seynt Sibiles kirke.
Romanzen dieser art waren noch zu Chaucer’s zeit so ausserordentlich beliebt, dass derselbe ihrer bei seinem Sir Thopas, wie es scheint, nicht ohne einen satyrischen seitenblick, gedenkt:
Men speken of romaunces of pris,
Of Horn-Child, and of Ipotis,Of Bevis, and Sire Guy,
Of Sire Libeux, and Pleindamour.
But Sire Thopas, he bereth the flourOf real chevalrie.
Die Robin Hood Balladen.Aller wahrscheinlichkeit nach lebte dieser chevalereske romanzencyclus nur in den höheren klassen der gesellschaft, wofür auch die französischen bearbeitungen desselben sprechen. Ein zweiter sagenkreis, die Robin Hood ballade, war nach seinem entstehen und ganzen wesen eigenthum der tieferen schichten des volkes. Seine entstehung fällt in die zeit, wo die Angelsachsen nach der eroberung des landes durch die Normannen von diesen hart gedrückt wurden, und einzelne kühnere männer des besiegten volkes, welche sich in die sümpfe und wälder zurückgezogen hatten, von hier an dem leben und gute der Normannen, besonders aber an dem durch strenge jagdgesetze geschützten wilde des königs repressalien nahmen, welche das unterdrückte volk unterstützte und guthiess, zumal es selbst manchen genuss davon ziehen mochte. Ob es jemals einen sächsischen outlaw mit namen Robin Hood und seinen treuen genossen Little John gegeben habe, dürfte nicht mehr auszumachen sein, da die spätere volkssage den charakter Robin Hood’s durchaus generalisirt und den namen Robin (Robert, Ruprecht) Hood (mit der kappe, oder vielleicht of the wood, aus dem walde) mit der bedeutung eines neckischen, den armen wohlgesinnten koboldes (Robin-Good-fellow) verbunden hat. In den hierher gehörenden balladen wird der held als vorzüglicherbogenschütze, als wilddieb und als lustiger, die freuden der tafel und der gelage nicht verachtender gesell dargestellt. Eine besondere eigenthümlichkeit dieses balladencyclus ist es, dass der held desselben nur gegen die das volk drückenden diener und grossen des königs, nicht gegen diesen selbst krieg führt; im gegentheil wird der könig bei einer zufälligen begegnung mit dem feinde seines wildes von diesem stets gastlich aufgenommen, so dass beide ganz gut bekannt werden, und der wilddieb wohl gar mit an den hof geht. Mit diesem merkwürdigen zuge der loyalität mochte das englische volk, in welchem jene balladen lebten, seine freude an dem ungesetzlichen leben Robin Hood’s gleichsam beschönigen wollen.
König Eduard und der Schäfer.Eine der ältesten balladen dieses kreises ist könig Eduard (II.) und der schäfer, welche sich zusammen mit der ältesten Robin Hood ballade in einem Ms. (Ff. 5. 48) zu Cambridge aufbewahrt befindet. In diesem gedichte nennt sich der könig Jolly Robin und schickt sich an, mit dem schäfer zu essen und zu trinken, wobei ihm dieser seine schlingen zeigt, mit denen er das wild fängt. Der schäfer begiebt sich auf die einladung Jolly Robin’s an den hof, wo er nach einiger zeit entdeckt, dass sein gast der könig selbst gewesen sei. Folgendes ist die stelle aus dieser schönen ballade, in welcher der schäfer das ansinnen des ihm unbekannten königs, diesem eine probe von seiner geschicklichkeit im fangen des wildes zu geben, zuerst zurückweiset:
The herd bade, „let sech wordis be,
Sum man myȝt here the,The were better be still.
Wode has erys, felde has siȝt:
Were the forster here now right,They wordis shuld like the ille.
He has with hym ȝong men thre,
Thei be archers of this contré.The kyng to serve at wille,
To kepe the dere both day and nyȝt;
And for theire luf a loge is diȝt,Full hye upon an hill.“
Der König und der Einsiedler.Eine andere alte ballade aus demselben cyclus ist unter demtitel The kyng and the Hermit bekannt geworden, wo die scene bereits im Sherwoodwalde liegt, und der mönch (Friar Tuck), welcher die rolle des schäfers übernommen hat, sich auf den bogen versteht und damit das wild erlegt. Der könig führt hier den namen Jack Fletcher und ladet den mönch ebenfalls ein, an den hof zu kommen. Von dem schlusse des gedichtes fehlt noch mehr als bei dem vorigen. Folgende zeilen schildern den jagdapparat des mönches:
Into a chambyr he hyin lede;
The king sauwe aboute the hermytes bedBrod arowys hynge.
The frere gaff him a bow in hond:
„Jake,“ he seyd, „draw up the bond;“He myght oneth styre the streng,
„Sir,“ he seyd, „so have I blys,
There is no archer that may schot in this,That is with my lord the kyng.“
Die eigentlichen Robin Hood balladen müssen schon um die mitte des 14. jahrhunderts populär gewesen sein, denn der autor der Visions of Piers Plowman erwähnt sie schon:
„But I kan rymes of Robyn Hood,“
und der schottische chronistFordun, welcher um 1350 schrieb, gedenkt ihrer ausführlich.180
Lytell Geste of Robyn Hode.Diejenige, welche sich in dem oben näher bezeichneten Ms. zu Cambridge findet (ungenau abgedruckt in Jamieson’s Ballads, Hartshorne’s Ancient Metrical Tales, besser in Ritson’s letzter ausgabe von Robin Hood), handelt von der befreiung Robin Hood’s durch seine treuen genossen Litul John und Moche, als er von einem mönche, dem er hundert pfund abgenommen, in der kirche zu Nottingham erkannt worden war. Das gedicht beginnt mit einer schilderung des waldes:
1) Dickicht 2) schön 3) hochIn somer when the shawes1)be sheyn,2)And leves be large and long,
Hit is full mery in feyre foresteTo here the foulys song,
To se the dere draw to the daleAnd leve the hilles hee,3)
And shadow hem in the leves greneUnder the grene-wode tre.
Die verschiedenen Robin Hood balladen wurden später zu einem kleinen epos verbunden, welches unter dem titel: Lytell Geste of Robyn Hode gegen ende des 15. jahrhunderts von Wynkyn de Worde gedruckt worden ist181und also beginnt (Percy’s Reliques S. 21):
Lythe and lysten, gentylmen.That be of free-bore blode:I shall you tell of a good yeman,His name was Robyn Hode.Robyn was a proude out-lawe,Whiles he walked on grounde;So curteyse an outlawe as he was one,Was never none yfounde.
Ausser den romanzen und balladen, welche den angeführten beiden sagenkreisen angehören, waren im vierzehnten jahrhundert noch mehrere andere vorhanden, wie jene beissende satyre auf das ritterthum The Tournament of Tottenham,182ferner The Tale of the Basyn and the Frere and the Boy,183vielleicht auch The Nutbrowne Maid,184wenn auch letztere nicht in ihrer jetzigen gestalt, indem sich volksthümlichelieder bis zu ihrer aufzeichnung durch schrift oder druck im munde des volkes vielfach umgestalteten.185
Gower.Zu gleicher zeit, d. h. in der zweiten hälfte des 14. jahrhunderts, erhielt die englische poesie, welche durch die Visions of Piers Ploughman zur selbstständigkeit gelangt war, einen überraschenden aufschwung durch Gower und eine solche ausbildung durch Chaucer, dass seine werke für zwei jahrhunderte als unerreichte muster dastehen. Der ältere dieser beiden männer, JohnGower, war wahrscheinlich einige jahre vor Chaucer geboren, den er auch um acht jahre überlebte, indem er erst 1408 starb. Todd in seinem werke „Illustrations of the Lives and Writings of Gower and Chaucer (8. London, 1810)“ hat eine verhandlung aus dem archiv des herzogs von Sutherland (damals marquis of Stafford) mitgetheilt, welche von Stitenham (oder Sittenham in Yorkshire) im jahre 1346 datirt, und als deren erster zeuge Johannes Gower unterschrieben ist. Eine aufschrift auf dieser verhandlung in einer wenigstens ein jahrhundert späteren handschrift sagt, dass jener Johannes Gower „Sir John Gower the Poet“ gewesen sei. Nach dieser angabe müsste Gower mindestens vor 1326 geboren und über 80 jahre alt geworden sein. Solches steht in übereinstimmung mit den angaben der alten schriftsteller, welche Gower immer in gemeinschaft mit Chaucer, aber vor diesem erwähnen. Gower war, wie aus seinem testament hervorgeht, ein mann von rang und beträchtlichem vermögen. Mit Chaucer war er durch freundschaft verbunden, wie auch seine im jahre 1393 vollendete Confessio amantis bezeugt. In diesem gedichtelegt Gower in den mund der Venus folgendes compliment für Chaucer:
And grete well Chaucer, when ye mete,As my disciple and my poete;For in the floures of his youth,In sondry wise, as he well couth,Of ditees and of songes glade,The which he for my sake made,The londe fullfilled is overall;Whereof to him in special,Above all other, I am most hold;Forthy now in his dayes oldThou shalle him tell this message,That he upon his latter ageTo set an end of all his werk,As he which is mine owne clerk,Do make his Testament of Love,As thou hast done thy shrift above,So that my court it may record.
Einige jahre früher hatte Chaucer seinem freunde Gower das gedicht Troilus and Cresseide in folgenden zeilen gewidmet:
O moral Gower! this booke I directTo thee, and to the philosophical Strood,
To vouchesauf there need is to correctOf your benignities and zeales good.
Das beiwort „moral“ ist seitdem dem dichter Gower geblieben, indem spätere dichter ihn „moral Gower“ nach Chaucer’s vorgange zu nennen pflegen.
Gower war der verfasser von drei grösseren gedichten, abgesehen von mehreren kleineren: des Speculum meditantis in französischer sprache, jetzt verloren, der Vox Clamantis in lateinischer sprache und der Confessio Amantis in englischer sprache. Die kleineren gedichte Gower’s wurden, nachdem einige schon früher veröffentlicht worden waren, im jahre 1818 für den Roxburghe Club von dem herzog von Sutherland (damals Earl Gower) unter dem titel Balades and other Poems by John Gower, printed from the original Ms., Latin and French; in black letter, 4. London, herausgegeben. Gower war wahrscheinlich einer der letzten Engländer,welcher in französischer sprache zu dichten versuchte; am ende eines dieser kleineren gedichte bittet er seine leser um verzeihung wegen etwa in dem fremden idiom gemachter fehler, weil er ein geborner Engländer und nicht meister der französischen beredsamkeit sei:
Et si jeo n’ai de François la faconde,Pardonetz moi qe jeo de ceo forsvoie.Jeo sui Englois: si quier par tiele voieEstre excuse ...
Gower’s hauptgedicht von 30,000 versen, die Confessio Amantis, ist ein dialog zwischen einem liebenden und seinem beichtvater, welcher ein priester der Venus ist und Genius heisst. Der inhalt ist moralisch und beruht auf der annahme, dass jeder glückliche liebhaber nothwendiger weise auch ein guter mensch und christ sein müsse. Der beichtvater bespricht zum beweise dieses satzes in ernster weise alle schwächen des menschlichen herzens und die moral, sowie das eigentliche wesen der liebe. Der schluss des ganzen gedichtes ist unbefriedigend, indem der held desselben uns erzählt, nicht etwa dass seine geliebte unerbittlich oder treulos, sondern dass er selbst schon so alt sei, dass die unterwerfung seiner schönen gegnerin kein triumph für ihn sein würde.
Chaucer.Unendlich wichtiger als Gower für die englische literatur und sprache ist GeoffreyChaucer, dem die dankbare nachwelt den beinamen „Vater der englischen dichtkunst“ gegeben hat. Obgleich die englische sprache schon mit der entwickelung des unterhauses unter dem ersten Eduard angefangen hatte, nach der herrschaft über die französische zu streben, so hatte sich diese sprache doch am königlichen hofe und in den höheren kreisen ungeschwächt behauptet. Es bedurfte daher eines so gewandten und umfassenden geistes, als Chaucer besass, um, wenn auch durch die kirchlichen und politischen verhältnisse unterstützt, der sprache und mit ihr der literatur England’s einen festen halt und eine sichere, bestimmte richtung zu geben. Fortan galt Chaucer’s sprache und styl, welche Spenser mit der ehrenvollen bezeichnung „The pure well of English undefiled“ belegt, alsdas musterbild englischer literatur, welches in den folgenden zwei jahrhunderten nicht erreicht, viel weniger übertroffen worden ist. Freilich war Chaucer’s auftreten, wie Warton bemerkt, nur gleich einem heiteren tage des englischen frühlings, wenn die sonne mit ungewöhnlicher wärme und schöne das antlitz der natur erfreut, worauf aber der winter mit neuer macht zurückkehrt.
Der dichter erzählt uns selbst in seinem Testament of Love, dass er zu London geboren sei. Als sein geburtsjahr wird auf seinem grabsteine (im nordöstlichen theile der Westmünster-abtei, im sogenannten Poetenwinkel) das jahr 1328 angegeben. Ob er die universität Cambridge oder Oxford, oder beide nach einander besucht habe, sind bestrittene punkte; gewiss ist aber, dass er die armee begleitete, mit welcher Eduard III. in Frankreich einfiel, und im jahre 1359 gefangen genommen wurde. Um diese zeit erwarb sich Chaucer die freundschaft und den schutz des John of Gaunt, dessen heirath mit Blanche, erbin von Lancaster, er in seinem gedichte The Dream feiert. Der dichter und sein beschützer waren sehr vertraut. Chaucer heirathete Philippa Pyckard oder de Rouet, die tochter eines ritters aus dem Hennegau und ehrendame der königin. Eine schwester dieser dame, Catherine Swinford (wittwe des Sir John Swinford) wurde die geliebte und endlich die frau des prinzen John of Gaunt, mit dessen glück auch das des dichters stieg. Im jahre 1367 erhielt er von der krone ein jahrgehalt von 20 mark silber; im jahre 1372 wurde er als gesandter an den herzog von Genua gesendet, bei welcher gelegenheit er die norditalienischen staaten bereist und Petrarca einen besuch gemacht haben soll; diese letztere vermuthung gründet sich jedoch nur auf eine anspielung in den Canterbury Tales, wo der Clerk von Oxford von seiner geschichte sagt, dass er sie
Learned at Padowe of a worthy clerk—Francis Petrarch, the laureat poet,Highte this clerk, whose rhetoricke sweetEnlumined all Itaille of poetrie.
Es ist dieses die geschichte von Patient Grisilde, welche von Boccaccio geschrieben und von Petrarca in das Lateinischeübersetzt worden war. So viel dürfte nicht bezweifelt werden, dass Chaucer die berühmten italienischen dichter der damaligen zeit wenigstens als vorbilder zu lehrmeistern des geschmacks und der poesie gehabt habe. Die göttliche komödie Dante’s hatte die italienische literatur verherrlicht, Petrarca erhielt die lorbeerkrone im römischen capitol nur fünf jahre früher als Chaucer seinen Court of Love schrieb (1346), und Boccaccio hatte sein Decameron, in welchem der wohllaut der sprache mit allen reizen der romantik verbunden war, der bewundernden mitwelt geschenkt. Solche Vorbilder entzündeten den empfänglichen geist Chaucer’s.
Eduard bewährte seine gunst, indem er Chaucer das einträgliche amt eines inspectors des wein- und wollsteueramts zu London verlieh und ihm täglich einen krug wein von der königlichen tafel schickte, wofür er später eine jährliche pension von 20 mark silber erhielt. Eduard sandte ihn auch an den französischen hof, um eine heirath zwischen dem prinzen von Wales und Marie, der tochter des französischen königs, zu vermitteln. Wenn Chaucer in England war, wohnte er in einem ihm von dem könige verliehenen hause in der nähe des königlichen schlosses zu Woodstock, wo er nach seiner schilderung in dem gedichte The Dream mit allen genüssen und feinheiten des lebens umgeben war.
Der anfang der regierung Richard’s II. brachte eine veränderung in Chaucer’s äusseren Verhältnissen hervor, indem er sich in die politischen und kirchlichen Unruhen der zeit verwickelte und der partei des John von Northampton, welcher ein anhänger Wycliffe’s war, gegen die neue regierung anschloss. Chaucer musste fliehen und begab sich zuerst in den Hennegau und nachher nach Holland. Als er im jahre 1386 nach England zurückkehrte, wurde er in den Tower geworfen. Im mai 1388 empfing er die erlaubniss, seine beiden pensionen zu verkaufen, wahrscheinlich aus noth zu diesem schritte gezwungen. Seine befreiung aus dem Tower erhielt er nicht eher, als bis er seine früheren parteigenossen angegeben hatte. Seine leiden, das elend, den hass, welchen er ertragen musste, und seinen unwillen über seine früherenbundesgenossen malt der dichter in rührender sprache in dem Testament of Love. Nach seiner unterwerfung wurde Chaucer wieder von der königlichen gunst getragen und erhielt 1389 ein öffentliches amt zu London und 1390 ein ähnliches zu Windsor. Späterhin empfing er wieder ein jahrgehalt von 20 pfund und jährlich eine tonne wein. Jetzt erst, am abende seines bewegten lebens angelangt, bearbeitete er wahrscheinlich in bescheidener zurückgezogenheit zu Woodstock sein hauptwerk, die Canterbury Tales. Im jahre 1398 wurde ihm von der krone ein schutzbrief bewilligt, ob wegen seiner politischen vergehen oder gegen gläubiger, ist nicht recht klar. Im jahre 1399, als Henry of Bolingbroke, der sohn John of Gaunt’s, seines schwagers, den thron bestieg, wurden weitere 40 mark der pension Chaucer’s zugelegt. Chaucer miethete sich jetzt (24. december 1399) ein haus in London in der nähe von Westmünster, wo jetzt die kapelle Heinrich’s VII. steht; hier starb er am 25. october 1400 und wurde in der Westmünster-abtei beerdigt, der erste jener dichter, deren asche in diesem englischen nationalheiligthum ruht.
Chaucer war gelehrter und weltmann, hofmann und soldat; er wurde in wichtigen und zarten staatsangelegenheiten verwendet, und war ebenso bekannt mit dem glänzenden hofe des kriegerischen und prachtliebenden Eduard III., als mit den unglücklichen schicksalen, welche ihn während der bürgerlichen unruhen in seinen späteren lebensjahren trafen. Chaucer führte ein bewegtes leben und hatte die verhältnisse der welt mit dem auge eines scharfen und glücklichen beobachters geschaut, so dass er besonders geeignet war, das leben der menschen, ihre beweggründe und zwecke getreulich zu schildern. Seine besten schriftstellerischen arbeiten fallen in seine späteren lebensjahre, wo sein verstand durch viele erfahrungen gereift, sein herz aber nicht erkältet, noch seine heitere laune vergiftet war. Er war kein feind der lust und heiterkeit, aber zugleich thätig und fleissig; er war ein feind des aberglaubens und kirchlicher missbräuche, aber seine satyre war nicht bitter; in der komischen erzählung und der charakterschilderungzeigte er sich besonders stark. Sein ganzes leben hindurch bewahrte er sich die liebe zur natur, deren belebenden und stärkenden einfluss er kannte. Mit reizenden farben schildert er die lieblichkeit eines frühlingsmorgens, und der maimonat scheint immer eine festzeit für sein herz und seine phantasie gewesen zu sein. Der aufenthalt in Woodstock, wo er in seiner jugend geschwärmt und im hohen alter die letzten und schönsten träume seines lebens empfangen hatte, mochte diese verehrung der natur in ihm geweckt und erhalten haben.
Chaucer’s Schriften.Chaucer ist ein sehr fruchtbarer dichter. Ausser den Canterbury Tales übersetzte er The Romaunt of the Rose von dem französischen roman de la Rose von Guillaume de Lorris und Jean de Meun; ferner dichtete er Troilus and Cresseide, eine nachahmung des Filostrato von Boccaccio, The House of Fame, Chaucer’s Dream, The Book of the Dutchess, The Assembly of Fowls, The Flower and the Leaf, The Court of Love, nebst vielen balladen und kleineren gedichten. Die werthvollsten derselben sind The flower and Leaf, eine begeisterte allegorie, Troilus and Cresseide, welches lange zeit beliebt war, und The House of Fame, späterhin von Pope paraphrasirt.Chaucer’s Canterbury Tales.Das schönste und dauerhafteste denkmal von Chaucer’s dichtergeist sind aber seine Canterbury Tales,186eine nachahmung von Boccaccio’sDecameron. Der italienische dichter lässt zehn personen während der pest des Jahres 1348 sich von Florenz in eine einsame villa zurückziehen, wo sie sich nach dem speisen damit unterhalten, einander geschichten zu erzählen. Zehn tage bleiben sie beisammen, und eine jede person erzählt täglich eine geschichte, so dass das ganze werk hundert geschichten enthält. Chaucer hat einen ähnlichen plan, aber ein freundlicheres motiv seinen Canterbury Tales zu grunde gelegt. Eine gesellschaft von neun und zwanzig verschiedenen leuten (sundry folk), worunter sich auch der dichter befindet, treffen sich im Tabard Inn zu Southwark. Die gesellschaft speist zusammen in dem grossen saale des gasthauses; nachdem sie eine gute mahlzeit gehalten, schlägt der wirth vor, dass ein jeder aus der gesellschaft auf dem wege nach Canterbury, wohin sie zu dem grabe des heiligen Thomas à Becket eine wallfahrt unternehmen wollen, zur abkürzung des weges zwei geschichten und auf dem rückwege wieder zwei der bestandenen abenteuer erzählen solle. Derjenige, welcher dann die beste geschichte vorgetragen haben würde, sollte auf gemeinschaftliche kosten ein abendbrod im Tabard Inn erhalten. Auch der wirth erklärt, selbst mitreisen zu wollen, um sie lustig zu erhalten und ihnen den weg zu zeigen. Die gesellschaft ist mit diesem vorschlage einverstanden und begiebt sich sammt dem wirthe am nächsten morgen auf den weg, wo einen ritter das loos trifft, mit dem geschichtenerzählen zu beginnen.Charactere aus den Canterbury Tales.Sämmtliche charaktere sind in dem prolog zu den Canterbury Tales von Chaucer selbst in launiger und lebendiger sprache geschildert. Da giebt es einen ritter, einen würdigen mann,