Chapter 2

Die Stämme Kungtan, Erlat, Huschin, Kelkenut, Bajaut, Suldus.

Der Namen des StammesKungtanheisst die Grossnasichten, was sowohl physisch als moralisch für stolz und anmassend verstanden werden kann.[32]Aus diesen und den folgenden Stämmen derErlat,HuschinundSulduswaren die bessten persönlichen Freunde Tschengischan's, die werkthätigsten Helfer seiner Jugend und seines männlichen Alters.Menglik Itschke, der Kungtane, hatte nach Jisukai's Tode den dreizehnjährigenTemudschingepflegt, sein Sohn aus einer früheren Ehe,But tanri, d. i. Gottes Ebenbild, trat als begeisterter Schamane auf und verwandelte im Namen des Himmels den Namen Temudschin's bei dessen Thronbesteigung inTschengis, als gleichbedeutend mit Gewaltiger, grosser Chan; der diesem gewogenste Stamm waren dieErlatoderArulad, d. i. die Guten, als deren Chakan Tschengischan den Thron bestieg[33]; aus diesem Stamme warBughurdschin Nujan, welcher mitBurghul Nujan, aus dem Stamme derHuschin, der Lebensretter Temudschin's, als er blutspeiend mitten im Schnee zu sterben Gefahr lief, wofür beide im höchsten Ansehen stehend in der Folge als die Waffengenossen, die ihm am QuellBaldschunatreu geblieben waren, zuTarchanen, d. i. Freiherren, geadelt, dieselbe Würde ohne Diplom erhielten und über Diplome erhaben erklärt wurden; auch den ganzen freundlichen Stamm derKelkenutadelte Tschengis als Freiherren, wie Kaiser Friedrich I. alle Einwohner einer italienischen Stadt zu Conti erhob; aus dem nicht minder freundlich gesinnten Stamme der Bajaut, welcher in zwei Abtheilungen an der Selinga sass, warBöke Gurgan, einer der Eidame Tschengischan's, dannOngkus Keisat, d. i. der Truchsess[34], ob der Plünderung der Schätze des chinesischen Kaisers Altan Chan in der Folge verungnadet, undSurkan, der betraute Rath Tschengischan's, der, als die Fürsten der Tataren undDschadscheratum die oberste Herrschaft der Mongolenstritten, dasselbe dem Temudschin vorausgesagt. Endlich der StammSuldus, verherrlicht durch die FamilieSurghan Schire's, des Retters Temudschin's, als dieser von seinen Feinden, den Taidschuten, gefangen, mit dem Blocke am Halse sich in einen Teich versteckte, so dass nur die Nase über dem Wasser sichtbar. Die alte FrauBaidschu Ikadschihatte sich seiner in dieser Sklaverei erbarmt; aber wichtiger war der Dienst, den ihmSurghan Schireerwies, indem er, des Verborgenen gewahr, die ihn aufsuchenden Taidschuten vom Teiche ableitete, Abends denselben hervorzog und in seinem Hause in einem Sacke von Wolle verbarg; die Verfolger durchsuchten das Haus und stiessen mit Spiessen in den Wollsack; als sie ferne, gab ihm Surghan Schire Kleider, Waffen, Mundvorrath und eine weisse Stute, auf welcher er seiner Familie zueilte, die längst alle Hoffnung, ihn wieder zu sehen, aufgegeben; sein vierter Sohn, Tuli, sagte schon mehrere Tage hindurch: Mutter! der Vater kommt auf weisser Stute; und desselben Ankunft bestätigte des Knaben zweites Gesicht[35]. Viele der Nachkommen Surghan Schire's kamen mit Hulagu nach Persien, und von denselben stammt der berühmte Emir Tschoban, der Feldherr unter Ghasan, Oldschaitu und Ebu Said, der in des letzten Regierung so wichtige Rolle spielt, und dessen Sohn Hasan der Gründer der DynastieTschoban, welche, wie die der Ilkaane, sich aus den Trümmern des ilchanischen Reichs in Iran erhob. Tschengischan zählte unter den Stämmen der Durlegin mehrere Freunde als unter den achtzehn der ihm nächstverwandten, von den lichtempfangenen Söhnen von der neunten Ahnfrau abstammendenNirunen, d. i. die Reinen. Sein eigenes Haus hiess erst von seinem AhnherrnKabulchannur das derKutatoderKitadund von seinem VaterJisukaidas derKutat Burdschugin, d. i. die rothbräunlichten Augen. Von diesen achtzehn Stämmen derNirunenwollen wir hier nur die vier mächtigsten, zwei freundliche, dieTaidschutundDschadscherat, und zwei feindliche, dieBarinundJisut, zur näheren Kenntniss einführen.

Die Stämme der Taidschut, Dschadscherat, Barin und Jisut.

DieTaidschut, deren Namen an die Deutschen erinnert, wie der derDschetean die Geten, und der derDschurmanenan die Germanen, stammten mit den ihnen nächstverwandten drei Stämmen, derErikian,SidschiutundDschinis, von Baiduchan, dem sechsten Ahnherrn Temudschin's, dessen Urenkel Ainbaghi von den Tataren gefangen, dem chinesischen Kaiser ausgeliefert, auf einem Esel paradirt und dann geschunden worden; gleiches Schicksal hatte ein anderer Urenkel desselben,Ökin Berkan, und die Blutrache dieser beiden Urgrossoheime Temudschin's diente in der Folge, den wider die Dynastie derKinunternommenen Krieg zu rechtfertigen; aber früher hatte Temudschin eigene Unbild an diesem seinem Hause so nahe verwandten, aber feindlichen Stamme zu rächen; nach der Niederlage derselben zuBaldschuschwurden die Gefangenen in siebzig Kesseln gesotten, welche in der mongolischen Geschichte eben so berühmt, als die siebzig Blasbälge, welche die Felsenwand von Ergenekun sprengten, als die siebzig Ringe[36]der Dschelairen, deren jeder aus tausend Familien bestand. An der Spitze des zweiten feindlichen Stammes derDschadscheratoderDschuirat, deren Stammvater Odurbejan, der Bruder Kabulchan's, des Urgrossvaters Temudschin's, stand Dschamuka, beigenanntSatschan, d. i. der Listige, der gefährlichste und unversöhnlichste aller Feinde Tschengischan's, dessen Ränke ihn mit Owangchan, dem Herrn der Kerait, entzweiten und der von Tschengischan endlich besiegt, dem Neffen Iltschidai zur Hinrichtung übergeben ward; doch theilten nicht alle Dschadscherat den unversöhnlichen Hass ihres Fürsten, indem Tschengischan Mehreren derselben wesentliche Dienste dankte, so den BrüdernKuschaulundDschusuk, welche während Tschengischan's chinesischen Feldzugs seinen Jurt hüteten; undKalender, welchen Tschengisin der Begleitung eines Uriangkuten mit erdichteter Botschaft im Namen seines BrudersDschudschi Kasaran Owangchan sandte, um diesen in die Falle zu locken. Aus dem Stamme derBarin, dem nächsten Verwandten derDurban, d. i. das Meer, die in den heutigenTörbedfortleben, warSutukusunach dem berühmten FeldherrnMokli Kajanikder zweite im Befehle, der noch als hundertjähriger Greis zur Zeit Ogotai's lebte und sich rühmte, den ersten Hochzeitsschmaus mit Tschengischan gefeiert zu haben; dannBigi, der Barine, welchen Tschengis alsUngkun, d. i. freien Mann, erklärte, der bei ihm im höchsten Ansehen wie die Prinzen vom Geblüte zu seiner Rechten sass, und dessen Pferde in einer Hürde mit denen Tschengischan's; da er sehr alt, befahl Tschengischan, dass ihm der Rücken einesSukanutbeim Aufstehen zum Schemel diene, woher diesem Stamme der NameAktadschi Bigi, d. i. die StallmeisterBigi's, blieb, wider welchen sie protestirten. DieJisutendlich leiten ihren Ursprung vonTschintai Utdschigin, dem jüngsten Sohne Kabulchans, des Urgrossvaters Temudschin's, ab.Utdschigin, d. i. der Feuerhüter, hiess bei den Mongolen der jüngste Sohn, welcher während der Abwesenheit des Vaters und der Brüder im Felde das Haus als Ofensitzer hüten musste, und welcher nach des Vaters Tode dasselbe erbte, weil er besser als die Brüder im Felde sich mit der Wirthschaft bekannt zu machen Gelegenheit gehabt. Diesen Beinamen führen also mehrere in der mongolischen Geschichte berühmte jüngste Söhne als Ofensitzer-Haushüter, nebstTschintainochBudan Utdschigin, der jüngste SohnBurtan Behadir's, des Grossvaters Tschengischan's;Taratai Utdschigin, der jüngste SohnJisukai's, des Vaters Tschengischan's, und endlichTuli, des letzten jüngster obengenannter Sohn. Diesen Stamm der Jisut verherrlicht die grosse zahlreiche FamilieDschebe Nujan's, des WaffengefährtenSubatai Behadir's, welcher mit demselben den dreijährigen Feldzug wider Persien und Russland vollbracht.

Erst nach dieser vorläufigen Kenntniss der berühmtesten Stämme des mongolischen Reichs ist es gerathen, die Geschichte seines Gründers kurz zu überblicken.

Perioden der Geschichte Tschengischan's.

Temudschin ward am 20. Silkide des fünfhundert neun und vierzigsten Jahrs der Hidschret, d. i. am 26. Jänner d. J. tausend hundert fünf und fünfzig der christlichen Zeitrechnung, im letzten Jahre des alttürkischen Thiercyclus, nämlich im Jahre des Schweines, geboren, und starb, zwei und siebzig Jahre alt, am vierten Ramasan d. J. d. H. 624, d. i. am 18. August 1227, nach dem sechsmal durchlaufenen zwölfjährigen Thiercyclus, abermal im Jahre des Schweines, ein ominoses Geburtsjahr für den Herrscher der mongolischen schweinischen Menge; nicht minder ominos, als dass Temudschin ein Stück geronnenes Blut fest in der Hand verschliessend zur Welt kam, die er mit Blut überschwemmen sollte. Von den ersten zwölf Jahren seines Lebens, in dessen dreizehntem er den Vater Jisukai verlor, weiss die Geschichte Nichts, als dass dieser ihm den Namen Temudschin von dem am Tage seiner Geburt besiegten und gefangen eingebrachten Fürsten gab; die übrigen sechzig Jahre seines Lebens zerfallen in die frühere kleinere Hälfte, welche sieben und zwanzig Jahre umfassend, von seinem dreizehnten bis an sein vierzigstes, und in die zweite grössere, welche von seinem vierzigsten bis zu seinem Tode zwei und dreissig Jahre füllt; von der ersten Hälfte, in welcher er den wiederholten Unbilden seiner Feinde ausgesetzt sich nur mühsam die Freiheit und Unabhängigkeit erkämpfte, kennt die Geschichte verhältnissmässig für die Zahl der Jahre nur wenige Begebenheiten, aber desto gellender und ohrenzerreissender durchschmettert sein Namen in den folgenden zwei und dreissig Jahren die Welt. Der grosse Geschichtschreiber Reschideddin hat die Geschichte des Lebens und der Herrschaft Tschengischan's von seinem dreizehnten Jahre bis in dessen drei und siebzigstes eben so pragmatisch als lichtvoll in fünf Perioden, die erste von dreimal neun, die zweite von neun, die dritte und vierte von sieben, die fünfteabermal von neun Jahren eingetheilt.[37]In der ersten Periode tritt er als Sieger der Taidschut, deren Gefangene in siebzig Kesseln gesotten worden, auf; schon wider seinen persönlichen Feind,Dschamuka, den Fürsten derDschadscherat, kämpfend, von denen sich jedoch ein Theil ihm unterwirft, sowie die StämmeSuldus,JisutundBarin, deren Emire sich seinem Dienste anreihen. Die Gelegenheit eines Festes führt einen Streit mit dem VetterSedschebegi, dem Fürsten des nahverwandten Stammes derKijat Burkin, herbei, der nun Temudschin gegenüber als Bewerber um die oberste Herrschaft auftritt; aber diesen Abfall vergütet der Sieg über dieTungkait, einen Zweig eines wider seinen Fürsten Owangchan, welchem Temudschin Hilfe leistet, empörten keraitischen Stammes. In der zweiten Periode erscheint Temudschin als Verbündeter Owangchan's, des Fürsten der Kerait, wider die ihnen beiden feindlichen Stämme derNaiman MerkitundTataren; nach Besiegung derselben unterwirft sich der mächtige Stamm derKonghuratder Herrschaft Temudschin's, und er besteigt den Thron als Herr der Mongolen in seinem siebenmal siebenten Jahre. Verschmähte Brautwerbung und Dschamuka's Ränke führen den Krieg mit Owangchan herbei, von welchem Temudschin zwar am Quell Baldschuna geschlagen, in der Folge denselben, sowie die Naiman und Merkit oder Tangut, besiegt, worauf ihm die Uighuren, Kirgisen, huldigen, und er als Herrscher aller Mongolen die neungipflige Fahne mit neun weissen Rossschweifen aufgepflanzt, und den Namen Temudschin inTchengis, d. i. starker, grosser, gewaltiger Herrscher, verwandelt. Die folgende Periode füllt der siebenjährige chinesische Krieg und die letzten neun Jahre seinesLebens die Feldzüge wider Chuaresmschah's über ganz Vorderasien verbreitete Macht in Transoxana, Chuaresm, Chorasan, Iran und Kipdschak, theils in eigner Person, theils durch seine Söhne und Feldherren, zuletzt die vierte wider Tangkut, wo er seinen Lauf als Eroberer beschliesst. Gibbon hat diese Eroberungen nach den vier Weltgegenden, im Norden, Süden, Osten und Westen, überblickt. Da die Geschichte Tschengischan's zu schreiben und blos die Eroberungen aufzuzählen, hier nicht unser Zweck, so beleuchten wir die grosse historische Figur Tschengischan's von vier Seiten, zuerst in seiner Familie als Menschen, dann gegenüber seinen Feinden als Sieger und Eroberer, hierauf als Staatsmann und Gesetzgeber, und endlich in dem Ueberblicke seiner Heeresmacht und letzten Anordnungen als denGewaltigenim eigentlichsten Sinne des Worts.

Die Familie Tschengischan's.

Man kennt insgemein nur die vier Söhne Tschengischan's:Dschudschi,Dschaghatai,OgotaiundTuli, die Stammväter der vier nach ihnen genannten Uluse aus der KonghuratinBurte Fudschin; aber Tschengis hatte noch vier andere Söhne:Kulkanoder Gulgan[38]aus Kulan Chatun, der Tochter Tairosun's, des Fürsten der Merkit, und drei, die als Kinder gestorben[39]; seine sechs Töchter[40], von denen er vier an die Prinzen feindlicher Stämme vermählte, um die alte Feindschaft zu sühnen, und nur zwei an befreundete Fürsten, nämlich:Alakabegian den Fürsten der Ungkut, welcher ihm den Durchgang der grossen Mauer geöffnet, und Kalbi an Idikut, den Fürsten der Uighuren, der ihm gehuldigt, so dass er ihn nicht anders als seinen fünften Sohn nannte. Das Frauengemach Tschengischan's war mit einem halben Tausend von Weibern und Mädchenbevölkert, aber von diesen fünfhundert hatten nur fünf den Titel von grossen Frauen, als die fünf Centurionen dieser fünf Weibercenturien, nämlich: 1.Burte Fudschin, die Tochter des Stammhauptes der Konghurat, Mutter der vier Söhne, Gründer der vier Uluse; 2.Kulan Chatun, die Tochter Tairosun's, des Fürsten des feindlichen Stammes der Merkit, Mutter des Sohnes Gulgan; 3. die beiden Tatarinnen, Schwestern,Jesulatund 4.Jesulun; 5.Kundschu, die Tochter des chinesischen Kaisers, welche keine Kinder hatte und in deren Lager sich die durch ihre Schönheit berühmteHogutaibefand; als die nächsten an diesen fünf grossen Frauen sind fünf andere von der Geschichte bezeichnet, nämlich die Tochter des viermal mit Krieg überzogenen Fürsten von Tanghut, die TochterTajangchan's, des siebenmal besiegten Fürsten der Naiman, die Naimanin, Mutter des SohnesDschurdschetai, die Tatarin, Mutter des SohnesUrdschahan, und endlichAbika, die Tochter Hakembu's, des Fürsten der Kerait, welche Tschengischan durch ein Traumbild erschreckt, dem Vertrauten Kehti Nujan, der in dieser Nacht die Nachtwache hielt, mit allen ihren Schätzen und Pagen schenkte, und als Andenken von ihr nur den Becher, worin sie mit ihmKumis, d. i. Stutenmilch, getrunken, und von ihrem Gefolge einen Tafeldecker zurückbehielt. Sollte den Barbaren vielleicht die Ahnung einer Neigung zwischen der Prinzessin und dem Leibwächter zum grossmüthigen Opfer dieser Abtretung bewogen haben? oder hat ihm dieselbe wirklich ein Traum abgeschreckt? selbst in diesem Falle ist das zurückbehaltene Andenken eine ganz unerwartete Spur menschlichen Gefühls in der Brust eines Wütherichs, wie Tschengis, der schon als Knabe, ehe er noch dreizehn Jahre alt, in Gemeinschaft mit dem Bruder Belgutai den Bruder Belter erschlug; die überlebenden vier Brüder Temudschin's sindBelgutai, sein Theilnehmer am Brudermord,Kodschuiu, dessen SohnIltschidaieiner der treuesten und eifrigsten Diener des Oheims, auf dessen Wink er den gefangenen Todfeind Dschamuka zerhieb; der jüngste,Temengu Uldschigin, d. i. der Feuer-oder Herdhüter (seine Mutter war die OlkunutinUsedenu, Verwandte der Mutter Tschengischan's), ein grosser Bauliebhaber, der überall, wo er hinkam, baute, und so viel es in seinen Kräften stand, – wenigstens dem Willen nach gutmachte, was der Zerstörungstrieb des Bruders Eroberers verheerte; endlichDschudschi Keser, wegen seines athletischen Körperbaues und seiner Stärke der Löwe beigenannt; seine Brust war so hoch gewölbt, sein Bauch so zurückgezogen, dass, wenn er worunter lag, ein Hund unter dem Bauche durchlaufen konnte, seine Stärke so gross, dass er gefangene Feinde wie Pfeile in die Hand nahm, indem er ihnen den Rückenwirbel wie Pfeile zerbrach.[41]Er war der starke Helfer Tschengischan's, der ihn auszeichnete, aber auch ein Paarmal mit ihm unzufrieden, die Beweise seiner Zufriedenheit und Unzufriedenheit, die erste ehrenvoll und die zweite nachtheilig, auf die Nachkommen desselben vererbte. Als Merkmal der Zufriedenheit seiner in dem Kriege wider die Naiman bewiesenen Tapferkeit räumte Tschengis allen Nachkommen des Oheims das Recht ein, wie die Prinzen Söhne auf der rechten Seite des Thrones zu sitzen, während alle andere Verwandte des Hauses auf der linken Seite mit den Emiren[42]; aber als in dem Kriege wider die Kerait Dschudschi Keser zu spät kam und zur Zeit des Mahles auf sich warten liess, sagte Tschengischan: „So erscheinen Mücken, nur wenn sie die Sonne bescheint, und verschwinden, sobald sie sich versteckt; der Thautropfen will, so klein er ist, mittels der Leiter der Sonnenstrahlen zum Himmel steigen.“ In seinem Unwillen gab er die unverbrüchliche Satzung, dass kein Glied der Familie Dschudschi Keser's je der Chanschaft würdig geachtet werde, und erniedrigte also alle Nachkommen desselben für alle künftige Zeiten zu blossen EmirenKaradschu, d. i. unterthänigen Fürsten.[43]

Die Feinde Temudschin's bis zu seiner ersten Thronbesteigung.

Der Jugendfreunde Temudschin's ist schon oben bei den Stämmen Erwähnung geschehen; seine Feinde können in vier Klassen getheilt werden, erstens die persönlichen unversöhnlichen; zweitens die besiegten und zum Theile, wenigstens dem Scheine nach, versöhnten Stämme; drittens die sich Herrschaft anmassenden Nebenbuhler um den Thron, und viertens, nachdem Tschengischan denselben bestiegen, die reichsgefährlichen feindlichen Mächte. Der erbittertste seiner persönlichen Feinde istDschamuka Sasan, d. i. der Listige, der Fürst der Dschadscherat, dessen List ihn mit Owangchan entzweite und die Anregung der Verschwägerung herbeiführte, welche dann der nächste Anlass des Krieges zwischen Owangchan und Tschengischan. Er machte gemeinsame Sache mit Taidschuten, welchen alsbald nach dem Tode Jisukai's der Stamm der Konghuraten und der mit ihm verwandten zugefallen waren. Von den Taidschuten hatte Tschengischan die grössten Unbilden seiner Jugend zu erleiden, die Sklaverei, aus der ihnSchurkan[44]Schire, der Sulduse, gerettet, und der Blutsturz, die Folge von zwölf ihm an den Hals geschossenen Pfeilen, dessen Todesgefahr die FreundeBurghudschiundBurghulabgewendet; solche Unbill und Schmach büssten sie in den siebzig Kesseln gesotten. Nach den Taidschuten waren die unerbittlichsten der Feinde dieTatarenundMerkiten, wider welche Tschengis, sowie wider die Taidschuten, den Krieg bis zur Vertilgung führte, die höchsten der Frauen schonend, die er als Frauen und Beischläferinnen in sein eigenes Frauengemach nahm oder den Söhnen überliess. Dem ältesten Sohne Dschudschi zürnte er unversöhnlich, weil dieser dem jüngsten SohneTuktabegdes Fürsten der Merkit als einem trefflichen Pfeilschützen das Leben retten wollte. Von dem sechsgetheilten Stamme der Tataren waren zuletzt auf Fürbitte der beiden Schwestern Tatarinnen, Gemahlinnen Tschengischan's, nur dreissig Familien das Leben gerettet, und vom Tataren Kuli, welchem eben diese beiden Frauen als Kind das Lebenerbeten hatten, in ein Regiment organisirt worden.[45]Die Taidschuten waren das erstemal zuBaldschuschin der Niederlage der siebzig Kessel,I. J. 1198.zum zweitenmale von Temudschin und Owangchan zuKisiltasch, d. i. am rothen Steine, geschlagen worden; mit ihnen verbündeten sich aus den Naimanen, den nächsten Stammverwandten Temudschin's, die StämmeKatagin,Saldschiut,DurbinundKonghurat, ihr Bündniss durch das fünffache Opfer eines Pferdes, Stiers, Widders, Hundes und Bockes beschwörend; die Fürsten, welche mit Tschengischan um die Oberherrschaft der Mongolen buhlten, warenDschamuka, der Fürst der Dschadscherat,Olak Odur, der Fürst der Merkiten,Sidschebeg, der Fürst der Kijat,Burkin, der nächste Verwandte Temudschin's, undDschudschi Kasar, der Oheim desselben. In diese Epoche fällt die Unzufriedenheit Temudschin's mit dem Oheim, der Anlass aber des Abfalls des Vetters Sidschebeg war der folgende. Bald nach dem ersten Siege über die Taidschuten gab Temudschin seiner MutterUlun Ike, seinen Brüdern Dschudschi, Bilkuti und Utdschigin ein Fest, bei welchem sich auch Sidschebeg, das Haupt des Stammes der Kijat Burkin, mit seiner grossen und kleinen Mutter, d. i. mit seiner wahren und Stiefmutter, einfand; die Mutter fand sich beleidigt, weilSijudscher, der erste Tafeldecker Temudschin's, die Stutenmilch ihr nicht der ersten vorgesetzt; sie schlug ihn desshalb, und als auch bald hierauf Bilgutei beleidigt worden, kam es zwischen den Knechten Temudschin's und Sidschebeg's zum Handgemenge, die beiden Frauen wurden gefangen, hernach wieder freigegeben, aber Sidschebeg trennte sich mit seinem ganzen Stamme vom Hause Temudschin's und trat wider ihn mit gewaffneter Hand als Anmasser der Oberherrschaft auf.I. J. 1201.Die obgenannten verbündeten Stämme riefen den Dschamuka zum Oberherrn mit dem TitelGurchan, d. i. des grossen Herrschers, aus. Sie verschworen sich abermal am Ufer der Tula, indem sie mit ihren Füssen die Erde des Ufers inden Fluss stampften und mit ihren Säbeln das Gesträuch abhieben: „dass der Verräther wie diese Erde zerstampft, wie dieses Gesträuch niedergehauen sei!“ Temudschin schlug die sieben Stämme zuJedi Gurgan, d. i. bei densieben Grabmalen, was ein als ihre Grabstätte, Unglück vorbedeutender Namen; als er hierauf auch die Tataren und Naimanen geschlagen,I. J. 1201.unterwarfen sich dieKonghurat, der nächste der Stämme der Naimanen, und Temudschin bestieg als grosser Herrscher derselben den Thron.

Die Feinde und Freunde Temudschin's bis zu seiner zweiten Thronbesteigung als Tschengischan.

Das bisher zwischen Temudschin und Owangchan bestandene Bündniss wurde durch die Einstreuungen Dschamuka's getrübt, welcher den Owangchan bestimmte, dem Antrage Temudschin's einer näheren Verbindung der beiden Häuser durch eine Doppelverbindung kein Gehör zu geben. Temudschin warb nämlich für sich umAbika, die Tochter Hakembu's, des Bruders Owangchan's, und um ihre SchwesterBegtutmischfür seinen ältesten Sohn Dschudschi, während er demSingun, dem Sohne Owangchan's, seine älteste TochterFudschinantrug; die ehemals Verbündeten waren nun offene Feinde; Temudschin, der so oft mit den Kerait wider ihre gemeinschaftlichen Feinde, die Tataren, Merkit und Naiman, gefochten, wurde geschlagen, und flüchtete zum schlammichten Quelle Baldschuna, wohin ihm nur die Getreuesten folgten. Diese waren in der Folge als die Waffengefährten von Baldschuna ausgezeichnet, wie vor sechs Jahrhunderten von Mohammed die Waffengefährten von Bedr und Ohod, er ernannte sie später alle zuTarchanen, d. i. Freiherren, sowie die beiden Lebensretter,Bughurdschinden Erlaten, undBurghulden Huschinen, dannSurgan Schire[46]den Suldusen, die beiden DschelaireOlai KalghaundKaradschu[47], den Taidschuten Jisukai, welcher vormals die mit Dschudschi schwangereBurte Fudschinsicher zu Owangchan geleitet hatte; Burghul diente von der Pike, oder mongolisch richtiger zu sprechen, vom Pfeile auf;denn Anfangs Tafeldecker, ward erGesiktu, d. i. vom Vortrabe der Pfeilschützen, dannEmir Gesik, Befehlshaber derselben, hieraufEmir Toman, d. i. Befehlshaber eines Corps von zehntausend Mann, und endlich Grossfürst. Von Bughurdschin sagte Tschengischan: Ich schätze ihn unter meiner Seele, aber höher als alle Fürsten undKaradschu(Unterthanen). Bughurdschin nannte sich selbst den Unfehlbaren und sagte von sich selbst: „Wann das Geschrei der Raben irret und fehlet, irre und fehle ich nicht; wann den Vogel des Grabes Schwindel ergreift, bleibt mir Kopf und Gehirn frei; wann der Staub von der Erde zum Himmel steigt und der Rauch des Himmels zur Erde sinkt, verfehle ich meinen Weg nicht, desshalb nennt man mich den Unfehlbaren.“ Als Tschengischan denBurghulundBughurdschinzu Tarchanen ernannte und sie das Diplom begehrten, erklärte er sie über alle Diplome erhaben.Bughurdschinwar der erste der neunÖrlök[48], d. i. die neun Mannen oder Helden, die andern acht: 2.Burghulder Huschine, 3.Schurkan Schire[49]der Sulduse, der Lebensretter, wie die beiden vorigen; nach diesen Lebensrettern 4.Moklider Dschelaire[50], der Eroberer China's; 5.Dschebeder Jisute; 6.Subutai Behadir[51], der Feldherr wider Persien und Kipdschak; 7.Dschelme Oho, d. i. der tapfere Räuber[52], der erste Waffengenosse der Raubzüge Tschengischan's, dessen Söhne die Befehlshaber des rechten und linken Flügels der Leibwachen; 8.Schiki Kuttu, der von Tschengischan, noch ehe ihm seine Gemahlin einen Sohn geboren, an Kindesstatt angenommene Pflegsohn, dessen Wahlspruch als Richter: Fürchte Nichts und sprich Recht; endlich 9. der UirateKara Karaghu[53]. Diese neun Helden waren die innigsten Waffengefährten Tschengischan's, Stützen seiner Macht widerseine Feinde: „Ihr neun Örlök, kommt mit mir herein, und ihr dreihundert und neun Leibwachen, umgebt das Haus!“[54]und als er sieben Jahre nach der ersten Thronbesteigung den Owangchan geschlagen und mit ihm Frieden geschlossen, nachdem Tajangchan, der Fürst der Naiman, der gefährlichste und mächtigste seiner Feinde, in der Niederlage gefallen, als er in der Gegenwart von hundert versammelten Stämmen den Thron als Herrscher aller Mongolen mit dem ihm von seinem gottbegeisterten StiefvaterButtangri(Ebenbild Gottes) ertheilten Ehrentitel des Gewaltigen angenommen und die neungipflige Fahne mit den neun weissen Rossschweifen und die viergipflige schwarze seines Hauses aufgepflanzt, als er Herrscher des Volkes der viermalhunderttausend Mongolen, als er die Fünffarbigen und Vierfarbigen[55]zu Einem Volke vereint, denselben den Namen derblauen Mongolen[56]odereinzigen[57]beigelegt und seine Staatseinrichtungen begann, redete er seinen Wesir Bughurdschin und die neun Helden Waffengefährten an: „Du mein Bughurdschin, dem Leben und Tod stets gleichgültig war, ihr neunÖrlök, ihr meine Fürsten und Edle, ihr meine Unterthanen und du ganzes grosses Volk, dass Keiner ihn neide! Er soll die oberste Verwaltung der inneren Reichsangelegenheiten führen und über die fünf Farben meines Volkes befehlen; er soll die grosse fernhinschmetternde Trompete bewahren und als Oberbefehlshaber über die neun Gebiete den TitelKuluk Bugudschiführen;“ er ward zum Oberhaupte der neun Örlök erhoben und seine Gemahlin erhielt den TitelButschin Taibutsan[58].

Die sieben Kurultai, die Fürsten, welche gehuldigt.

Das Kurultai, das ist allgemeine Volksversammlung, der Landtag, auf welchem Temudschin als Tschengischan, d. i. gewaltiger Herrscher, der Fünf- und Neunfarbigen, der blauen und anderen Mongolen ausgerufen worden, war das vierte der sieben Kurultai, deren die Geschichte Tschengischan'serwähnt. Das erste wurde unmittelbar vor dem Feldzuge wider die Taidschut und der Niederlage der siebzig Kessel, das zweite vor sieben Jahren bei der ersten Thronbesteigung als Herrscher der unterworfenen Stämme der Konghurat und der mit denselben Verwandten, das dritte nach der durch den Fürsten der Tunguten erhaltenen Kundschaft von dem Ueberfalle der Naiman und der Niederlage Tajangchan's, ihres Fürsten, das vierte wurde zur Aufpflanzung der vier schwarzen und neun weissen Rossschweife gehalten, das fünfte hat bald hierauf zur Berathung des siebenjährigen chinesischen Kriegs, das sechste sieben Jahre hernach zur Berathung des siebenjährigen persischen, und das siebente und letzte sieben Jahre später und zwei Jahre vor seinem Tode bei seiner letzten Rückkehr in die Heimath stattgehabt. Diese Kurultai blieben sofort mongolischer Reichsbrauch bei den Thronbesteigungen der Fürsten und anderen grossen Begebenheiten, welche der Chan mit allen Stämmen berieth. Tschengischan spricht in seiner Thronbesteigungsrede an die versammelten Stämme von den zwölf unterworfenen Reichen, worunter die Gebiete der besiegten, ihm unterworfenen Feinde zu verstehen sein dürften; zuerst die sieben des ihm nächsten verwandten, mächtigen Stammes derKonghuratmit seinen sechs Zweigen, dann die des verwandten Stammes derKijat Burdschin, dann derTatarenund des ihnen engverbündeten Stammes derMekrin, dann derTaidschutund derKerait; der noch unbezwungene, mächtigste feindliche Stamm war der der Naiman, wider welchen Tschengischan siebenmal zu Felde gezogen, fünfmal vor seiner Thronbesteigung, zweimal als gewaltiger Chan der Mongolen, und als Verbündeter Owangchan's. Immer waren sie an der Spitze der wider Tschengis verschworenen Stämme und ihre Niederlagen zuKisiltasch, d. i. am rothen Steine,I. J. 1198.nicht minder berühmt, als die der siebzig Kessel der Taidschut zuBaldschusch, die der verbündeten Stämme an den sieben Grabhügeln und die Tschengischan's selbst, als er nach der wider Owangchan verlornen Schlacht von wenigen Treuen begleitet zum QuelleBaldschunageflohen.Nachdem in der vierten Schlacht wider die Naimanen ihr grosser Fürst Tajangchan geblieben, zog Tschengischan wider dessen BruderBujuruk, d. i. den Befehlshaber, welcher ihm als Fürst seines Volkes gefolgt, und schlug denselben an der Sudscha, in der Nachbarschaft desUlugtag, d. i. des grossen Bergs, die Fortsetzung der Bergkette des kleinen Altai ober dem Balchasch-See. Tajang's Sohn Kuschluk floh mit Tukta, dem Fürsten der Merkit, nach den Ländern am Irtisch. Ihre gefährliche Nachbarschaft mochte ein Hauptgrund des Untergangs derKirkisundKemkemdschiutgewesen sein, welche am Irtisch und Jenisei sassen, und welche nun dem gewaltigen Herrscher huldigten; so huldigten ihm auch im SüdenIdikut, der Fürst der Uighuren, und die türkischen Fürsten derHoeihein der kleinen Bucharei, derGurchanvon Karachatai, der Fürst des Stammes der Karlik vonKajalighund der vonAlmaligh. Tschengis besiegelte den Bund der Huldigung durch Verschwägerung, indem er dem letzten eine Tochter seines ältesten Sohnes Dschudschi, dem Fürsten der Karlik eine andere Prinzessin des Tschengischan'schen Hauses, und seine TochterIl Altidem Fürsten Idikut zur Frau gab, den er seinen fünften Sohn nannte.[59]Er war nun mit nicht weniger als einem Dutzend der mächtigsten Stämme verschwägert; die zwei Schwestern Tatarinnen ausgenommen, war jede seiner grossen Frauen aus einem anderen Stamme, und ebenso gab er nicht mehrere seiner Töchter an Fürsten Eines Stammes, sondern jede an einen anderen; nur mit dem Stamme der Konghurat war er gegenseitig verschwägert, indem seine erste GemahlinBurte Fudschineine Konghuratin und er seine TochterTumalunan den Prinzen der Konghuraten vermählte, welcher, wie alle Eidame, den TitelGurchanführte.

Chinesische Ehrentitel, der chinesische und persische Krieg.

Stark durch Verbindung und Verschwägerung mit den mächtigsten Stämmen und Fürsten, vernichtete er so leichterden Fürsten der Naimanen,Kutschluk, in dem siebenten und letzten wider denselben geführten Krieg in der Schlacht amKem, und wagte nun den Krieg wider den Herrscher von China selbst, widerAltan Chan, d. i. den goldenen, welcher ihm gleich Anfangs seines Auftritts für die demTschingsang(chinesischen Staatsminister) wider empörte Tataren geleistete Hilfe den Ehrentitel einesGrossfürsten[60], sowie damals der Herrscher der Kerait dem Owangchan[61]und dem Fürsten der Naiman den EhrentitelTajangverliehen hatte. Die Seele dieses siebenjährigen chinesischen Krieges, welcher mit der Besiegung Altanchan's, des vormaligen Oberherrn der Tataren und Mongolen, endete, war der DschelaireMokli, welcher zur Belohnung seiner Dienste den auszeichnenden chinesischen TitelKojang[62], das ist Herrscher Eines Distrikts, erhielt. Der Kaiser von China war der mächtigste Feind des mongolischen Reichs im Osten, sowie Chuaresmschah, dessen Herrschaft sich über ganz Mittel- und Vorderasien erstreckte, der mächtigste und gefährlichste Nachbar im Westen. Nach dem glücklich vollendeten siebenjährigen chinesischen Feldzuge und der Einschüchterung des Ostens wandte Tschengischan seine ganze Macht wider den Herrscher des Westens, wider Mohammed Tekesch, zur Blutrache einer Karawane mongolischer Kaufleute, welche Ghairchan, der Statthalter von Otrar, hatte ermorden lassen. In diesem siebenjährigen Kriege befehligten die zur Eroberung des Westens bestimmten Heere theils Tschengischan in Person, theils seine vier Söhne, theils seine beiden grossen FeldherrenDschebe NujanundSubutai Behadir; sie eroberten eben so viele Länder:Transoxana,Chuaresm,Chorasan, daspersische Irak,Masenderan,GhasnaundKipdschak, und die mongolischen Heere verheerten die Länder von den Ufern des Indus bis an die der Wolga. Ogotai und Dschaghatai belagerten Otrar,worin sich Ghairchan, dessen Gewaltthat der Anlass und die Rechtfertigung des Kriegs, sich zwei Jahre lang tapfer vertheidigte.Dschudschi, welcher gegenChodschendbefehligt war, kehrte nach einiger Uneinigkeit mit seinen Brüdern wieder nach Kipdschak zurück. Tschengischan befehligte in eigener Person die Verheerung von Samarkand und Bochara, der beiden grössten und bevölkertsten Städte Transoxana's, in deren jeder dreissigtausend Schlachtopfer bluteten, was nicht unglaublich, wie die Zahl derer, welche in den Städten Chorasan's bluteten, mit dessen Eroberung der vierte Sohn, Tuli, betraut war. ZuNischabursoll eine Million, zuSebsewarsiebzigtausend gemetzelt worden sein. Glaublicher ist die Entvölkerung Chuaresm's, aus dessen Hauptstadt allein einmalhunderttausend Künstler und Handwerker in die östlichen Länder geschleppt worden.Bamian, vor dessen Mauern ein Enkel Tschengischan's, aus seinem Sohne Dschaghatai, fiel, erhielt den NamenMobaligh, d. i. verfluchte Ballei, und musste den Mord mit dem Blute seiner Einwohner sühnen. Die beiden Feldherren Dschebe Nujan und Subutai Behadir durchstäupten Persien bis an die Ufer des Sees von Urmia, drangen dann durch die Pässe des Kaukasus nach Russland und Kipdschak vor und wurden durch die Niederlage der Russen Herrscher an der Kalka, die sich in den Donesch ergiesst, wie sie Herrscher an der Kalka, die in den Bujursee mündet. Tschengischan selbst verfolgte am Indus den Sultan Dschelaleddin Mankburni, den Sohn des Mohammed Tekesch, der in einer Insel des kaspischen Meeres sein Leben geendet, und konnte dem Sohne seine Bewunderung nicht versagen, als derselbe, bis an das Ufer des Indus verfolgt, vom steilen Ufer sich ganz bewaffnet mit dem Pferde in den Indus stürzte und denselben durchschwamm: Ein Sohn, würdig seines Vaters, rief Tschengischan, ihm mit Bewunderung nachsehend, aus. Beim Kurultai, welches Tschengischan am Karagöl (Schwarzsee) zur grossen Jagd an alle Uluse ausgeschrieben hatte, erschien der älteste, Dschudschi, nicht, doch sandte er seinerstatt kostbare Geschenke an Pferden. Tschengischanunternahm von da den vierten Feldzug wider das empörte Tanghut und starb auf demselben, nachdem er durch letztwillige Anordnung zu seinem Nachfolger im Reiche weder den ältestenDschudschi, noch den zweitenDschagatai, sondern den drittenOgotaiernannt hatte.

Die Jasa.

Tschengischan's Politik, deren Hauptaugenmerk die Versöhnung feindlicher Stämme und die engere Verbindung mit freundlichen mittels Verschwägerung, erhellt schon aus dem Erzählten; aber seine bürgerliche Gesetzgebung und seine Staatseinrichtungen erfordern noch besondere Beleuchtung. Er ist der Gesetzgeber seines Volkes. Aus den bisherigen europäischen Geschichtschreibern mongolischer Geschichte ist nur die bürgerliche Gesetzgebung desselben, d. i. dieJasa, bekannt, aber in Wassaf, dem Livius der persischen Geschichtschreibung, welcher, berühmt unter dem Namen desLobredners der Majestät[63], schon anderthalb Jahrhunderte nach Tschengischan, zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung und zu Anfang des vierzehnten, schrieb, und aus der grossen Sammlung von Staatsschreiben, welche ein halbes Jahrhundert später der Staatssekretär Mohammed Hinduschah, beigenannt dieSonne des Stylisten[64], fürSchah Oweis Behadirchan, den zweiten Herrscher der zweiten Dynastie der Ilchane (deren Gründer sein Vater, der grosse Hasan), aus den Archiven zusammentrug, lernen wir auch die besonderen Namen der Gerichtsordnung und des Militärcodex kennen. Die erste, nach welcher den Oberrichtern das Recht zu sprechen in ihren Bestallungsdiplomen eingeschärft ward, hiessKutatgu bilik Tschengischani, d. i. das Kutadische Tschengischanische überlieferte Wort; denn unter dem Titel vonBilikgibt Reschideddin neun und zwanzig überlieferte Worte Tschengischan's, undKutat(oderKitad) ist der Name der Familie Tschengischan's; den Namen des Militärcodex hat nur Wassaf aufbewahrt; derselbe hiess:Tumendschin, d. i. wovor man sich zu hüten; dieses ging, sowiedasBilik, unmittelbar von Tschengischan selbst aus, aber an derJasahatte die Weisheit seines Sohnes Dschagatai grossen Antheil. Da die einige und zwanzig Punkte des ersten und des zweiten bereits bekannt gemacht worden, so genügen hier ein Paar Federstriche zum Umrisse des Geistes der Gesetzgebung Tschengischan's. Häufige Todesstrafe und Prügel waren die Sanction derselben, die Todesstrafe nicht nur auf Verbrechen, sondern auch auf Unsittlichkeit und auf die Verletzung abergläubischer Sitte gesetzt; so wurde der überwiesene Lügner, Zauberer, der, welcher bei Donnerwetter badete, und wer ins Wasser oder auf Asche pisste, mit dem Tode bestraft; den Prügeln, womit vorzüglich die Uebertretung der Kriegszucht bestraft ward, waren auch die Prinzen des Geblüts unterworfen, und dieselben entehrten nicht; ihre Zahl immer ungleich, von drei, fünf, sieben bis sieben und siebzig.[65]Die grösste politische Tugend der Mongolen die blindeste Unterwürfigkeit in den Willen des Herrschers, indem nur Einer der Herr und alle Anderen Sklaven; Nichts von Geburt aus, oder wenn auch durch diese und durch Stammverwandtschaft geadelt und zu Würden erhoben, wieder Nichts vor des Herrschers Allmacht; die zweite Tugend schweinische Unreinigkeit, indem es ihnen verboten, ihre Kleider zu waschen, die sie auf dem Leibe tragen mussten, bis sie ihnen in Stücken abfielen[66], also gerade das Gegentheil jüdischer und moslimischer Gesetzgebung, wovon jene zwischen Reinem und Unreinem so genau unterscheidet, diese wiederholtes Waschen zur Pflicht macht. Gastfreundschaft war geboten, doch durfte keiner zum Mahle niedersitzen, ohne dazu geladen zu seyn, keiner auf Kosten seiner Tischgenossen schlemmen; Titel und Phrasen waren untersagt, selbst der Kaan durfte nicht anders als bei seinem Namen angeredet werden; ein persischer Sekretär, welcher das im Namen Tschengischan's an eine belagerte Stadt erlassene Aufforderungsschreiben mit Floskeln ausgeschmückt, büsste dieselben mit seinemLeben. Alle Mädchen und Frauen der Mongolen standen dem Herrscher zu Gebot; die Tarchanen, d. i. Freiherren, waren von allen Steuern befreit und hatten zu jeder Stunde freien Zutritt zum Kaan. Die Erbfolge in der Familie Tschengischan's war durch die Jasa, welche hievon die Brüder Dschudschi Kasar's ausschloss und die Herrschaft dem Uluse Ogotai's, des zweiten Sohnes, zusprach, festgesetzt, aber die Verkündung der Thronbesteigung musste auf einemKurultai, d. i. einem Landtage, feierlich vollzogen werden. Der erste und grösste Hofdienst war der des Oberstjägermeisters, denn die Jagd als Vorspiel und Vorübung des Kriegs vertrat die Stelle der Bildung und Erziehung, da das Handwerk und die Kunst der Mongolen nur Krieg und Verheerung.

Das Heer und das Testament.

Die Periode der Staatseinrichtungen Tschengischan's fällt in die sieben Jahre, welche von seiner zweiten Thronbesteigung als gewaltiger Herrscher bis zum Ausbruche des siebenjährigen chinesischen Krieges verflossen; aber die militärische Einrichtung des Heeres nach Zehnern, Hunderten, Tausenden und Zehntausenden hatte schon früher stattgefunden. Das Buch der vier Uluse, dessen Verfasser Ulugbeg und welches demStammbaume der Türken[67]zu Grunde liegt, schreibt die Eintheilung des mongolischen Heeres in sieben Treffen schon dem Oguschan zu; in jedem Falle ist diese Einrichtung eine türkische und weit älter, als Tschengischan, und verschieden von der arabischen Eintheilung, welche nur fünf Abtheilungen des Heeres kennt. Die Türken und nach ihnen die Mongolen theilten ihr Heer in die folgenden sieben Theile: 1.Buldschunghar, auf türkischKaraul, die Vorposten oder Vedetten; 2.Borunghar, auf türkischMankalai, der Vortrab des Heeres, auf arabischMakaddemetol-dschisch; 3.Unghar, auf türkischSsaghkol, der rechte Flügel, auf arabischJemin; 4.Dschunghar, auf türkischSsolkol, der linke Flügel, auf arabischJesar; 5.Ghul, auf türkischJesaul, das Mitteltreffen, der Mittelpunktdes Heeres, die Fahnen und Standarten, die Rossschweife und Heerpauken, von den ArabernKalboldschisch, d. i. das Herz des Heeres, genannt; 6.Okdschunghar, auf türkischTschenkdaul, der Nachtrab, auf arabischSakat; 7.Bestunghar, auf türkischBassdürmaund auf persischKemingjah, d. i. der Hinterhalt; dieser Theil des Heeres war, wie der türkische und persische Name zeigt, zu Ueberfällen aus dem Hinterhalte bestimmt; er zog aber, der letzte, in so grosser Entfernung vom Nachtrab, dass er den Staub desselben nicht sah. Diese letzte Abtheilung, sowie die erste, fehlt in der Strategie der Araber. Ein Corps von zehntausend Mann hiessTumenoderToman, eine Benennung, welche auch den Länderabtheilungen und später Münzen beigelegt ward, wie denn noch heute Silber- und Goldtomane in Persien cursiren; die Silber- und Goldmünzen der Mongolen hiessenBalisch. Die Jagd, Pfeilschiessen, Pferdetummeln und Ringen waren die Uebungen des Heeres und der Feldherren, welche hierin mit gutem Beispiele vorgehen mussten: „Die grossen Fürsten und das ganze Heer muss sich in der Jagd üben und den Namen bestimmen, bei welchem sie, wenn sie ins Feld ziehen, ausgerufen werden sollen; sie sollen mit zu Gott gewandtem Herzen beten, bis sie mit göttlicher Hilfe die vier Weltgegenden unterjocht.“ lautet das zehnte der hinterlassenen Worte Tschengischan's; dann das eilfte: „Der Mann sei unter dem Volke ruhig und schweigsam, wie ein Kalb, falle aber in der Schlacht wie ein hungriger Geyer auf die Feinde.“ und das zwölfte: „Jedes Wort, das einmal gesprochen worden und von dem man zweifelt, ob es im Scherze oder Ernste gesprochen worden, kann nicht mehr zurückgenommen werden, – gilt für Ernst.“ Die grösste Auszeichnung war, wenn der Kaan auf einen mit dem Finger zeigte; dem mit dem Finger Ausgezeichneten[68]waren die Einkünfte der Minen, die guten Pfeilschützen, die Pferde der Post, die Jagdvögel, die Jagdhunde der eroberten Länder zugesprochen.[69]Die feste Grundlage des Herrschergesetzes Tschengischan's war Familieneinigkeit und festes Zusammenhalten der Stammverwandtschaft; eine Lehre, welche er durch das bekannte Gleichniss vom Pfeilbündel, dann von den zwei Schlangen, der einköpfigen Vielschweifigen[70]und einschweifigen Vielköpfigen, seinen Söhnen versinnlichte. Von diesen bekleidete Ogotai, der Oberste Jägermeister, das erste Hofamt, Dschagatai versah die Stelle des Obersten Richters und wachte auf die Vollziehung der Jasa, an deren Verfassung er so grossen Antheil hatte; dem Ogotai lag die innere Verwaltung, d. i. die Erhebung der Steuern, dem jüngsten, Tuli, die Sorge für das Haus und die Truppen, für den Herd und das Heer ob; der jüngste Sohn war, wie schon oben gesagt worden, nach mongolischen Gesetzen der Hüter des Herds und der Herden und nach des Vaters Tod der Erbe der ganzen Wirthschaft, wiewohl das Haupt der Familie und des Stammes stets der Erstgeborne blieb. Das mongolische Gesetz trennte also das Ansehen der Erstgeburt von dem Stammvermögen, indem die Stammherrschaft zwar dem Aeltesten, das Vermögen aber dem Jüngsten des Hauses zuerkannt ward. In diesem Sinne sollte Dschudschi, der älteste der vier Söhne, dem Vater auf dem Throne gefolgt sein, aber mit demselben unzufrieden, besonders seitdem er nicht auf dem letzten Kurultai zur grossen Jagd erschienen, sprach Tschengischan's letzter Wille die Thronfolge dem dritten Sohne, Ogotai, das Stammvermögen aber, das ist die grösste Macht des Heeres, dem jüngsten Sohne, Tuli, zu. Von hundert neun und zwanzig Toman, d. i. hundert neun und zwanzigtausend Mann, aus welchen das Heer bei Tschengischan's Tod bestand, hinterliess er hundert ein Tausend dem Tuli, jedem der vier anderen: Dschudschi, Dschagatai, Ogotai, Gulgan, nur viertausend; den rechten Flügel über acht und dreissigtausend Mann befehligte der erste der neun Orlöke, der treue Freund und WaffengefährteBughurdschi; den linken von zwei und sechzigtausend Mann der Eroberer China's, der Kojank Mokli der Dschelaire, welchem dreiHesare, d. i. dreitausend Mann Dschelairen als ein Leibregiment überlassen worden; fünftausend seinem jüngsten BruderUtdschigin, dreitausend seinem BruderKatschiunund eben so viele seiner MutterUlun, tausend dem Sohne des Bruders Dschudschi Kasar's. Diese Truppen erbten in den Familien fort. Als Tschengischan sein Testament machte, liess er aus den Archiven den Familienpact holen, welchem noch das goldene Siegel seines VorfahrenTumenaiaufgedrückt war und welchem die folgenden Ahnen, nämlich:Kabulchan, der Urgrossvater,Bertan Behadir, der Grossvater, undJisukai, der Vater Tschengischan's, ihre Unterschriften beigesetzt hatten[71]; er zeigte diese Familienurkunde, vermöge welcher der letzte Wille des Herrschers als Gesetz geachtet werden musste, den Söhnen, befahl ihnen, den Bruder Ogotai als Herrn anzuerkennen, und empfahl die Leitung der Reichsgeschäfte dem VetterKaradschar Nujan, dem Sohne seines Oheims, dem Ahnherrn Timur's. Ogotai erhielt das Reich als oberster Herrscher, Tuli das Stammgebiet am Onon und Kerulon und die östlichen Länder. Dem Uluse Dschudschi's, der kurz vor dem Vater verstorben, ward der Besitz von Kipdschak erhalten; Dschagatai's Antheil waren die Länder der Uighuren, die kleine und grosse Bucharei, die Länder amIliund zwischen demDschihunundSihun(Oxus und Jaxartes), welchen, sowie der türkischen Mundart der Uighuren, der Name derDschagataischenverblieb.


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