Chrysippos nahm Gehirn und Herz als mit Pneuma erfüllt an, betrachtete das Herz als Ursprung aller Gefäße und Nerven und bezeichnete abnorme Pulssteigerung als Hauptsymptom des Fiebers. Bei Wassersucht wendete er Schwitzkästen an. Ueber die Gemüse und über die Diätetik schrieb er eigene Abhandlungen. Unter seinen Schülern ragen besondersAristogenes, Leibarzt des Antigonos Gonatas, berühmt als Anatom und Therapeut,Medios und Metrodoros, der Lehrer des Erasistratos, hervor.
Chrysippos nahm Gehirn und Herz als mit Pneuma erfüllt an, betrachtete das Herz als Ursprung aller Gefäße und Nerven und bezeichnete abnorme Pulssteigerung als Hauptsymptom des Fiebers. Bei Wassersucht wendete er Schwitzkästen an. Ueber die Gemüse und über die Diätetik schrieb er eigene Abhandlungen. Unter seinen Schülern ragen besondersAristogenes, Leibarzt des Antigonos Gonatas, berühmt als Anatom und Therapeut,Medios und Metrodoros, der Lehrer des Erasistratos, hervor.
Auch die hippokratische Schule konnte sich dem Ideenkreise Philistions nicht entziehen, wie dies bei ihrem vornehmsten Vertreter in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts,Diokles von Karystos, bedeutsam hervortritt. Die Trümmer, welche von seinen vielseitigen Schriften auf uns gekommen sind, lassen manche Uebereinstimmung mit Platon erkennen und weisen auf den gemeinsamen Ursprung der Parallelstellen — auf den sizilischen Denker. Freilich wurde der erfahrene und nüchtern prüfende Arzt von Karystos, der sich wegen seiner Menschenfreundlichkeit und wissenschaftlichen Durchbildung bei den Mitbürgern den Namen des ἄλλος Ἱπποκράτης erwarb, kein blinder Anhänger, sondern entnahm in kritischer Auslese nur jene Elemente der fremden Lehre, welche ihm als nützliche Ergänzung oder Berichtigung der koischen Auffassung erschienen und mit der eigenen Forschung, an der er es nicht fehlen ließ, vereinbar waren.
Diokles aus Karystos, der Sohn des ArztesArchidamos, gründete sein Wissen auf das Studium der hippokratischen Schriften, unternahm aber auch Reisen, um seine Kenntnisse in der Fremde und an verschiedenen Pflegestätten der ärztlichen Kunst zu erweitern und wirkte, wie es scheint, durch längere Zeit am Zentralsitze der hellenischen Bildung, in Athen. Im attischen Dialekt verfaßte er eine ansehnliche Reihe von vortrefflichen Werken, welche zum Teil ähnliche Titel trugen wie die hippokratischen, sich wie diese auf die verschiedensten Gebiete bezogen und Jahrhunderte hindurch als belehrende Quelle dienten. Der größte Arzt nach Hippokrates — secundus aetate famaque, wie Plinius ihn rühmte — wandte Diokles neben der Klinik bereits den Hilfswissenschaften, der Anatomie, Entwicklungsgeschichte, Arzneimittel- und Giftlehre besondere Aufmerksamkeit zu und gab, zwar nicht frei von Systemsucht, der Spekulation ein Gegengewicht in Form tatsächlicher Beobachtungen oder praktisch erworbener Erfahrungen.
Seine fleißigen Tierzergliederungen, deren Ergebnisse Diokles in einem Spezialwerke über Anatomie niederlegte, bereicherten diese Wissenschaft in einer Weise, wie dies seit Alkmaion nicht geschehen war. Namentlich befaßte er sich mit dem Gefäßsystem, betrachtete das Herz als Quelle des Blutes, und unterschied zwei Grundstöcke, die παχεία ᾲρτηρία (Aorta), welche sich bis zu den Nieren und der Blase erstreckt, und die κοίλη φλὲφ (Hohlader); aus beiden gehen die „Adern“ hervor. Von Venen beschreibt er mehrere als seine Vorgänger, die Nerven wußte er ebensowenig wie diese von den Gefäßen zu trennen. Er erwähnt „Gänge“, die von der Leber zur Gallenblase führen, den „Magenmund“, „Blinddarm“, die Blindarmklappe, die Ureteren, die Eierstöcke und Eileiter. An dem Irrtum der Kotyledonen der Gebärmutter hält er noch fest. In großem Ansehen standen lange Zeit seine embryologischen Angaben, wonach am 9. Tage Blutpunkte, am 18. Bewegung des Herzens, am 27. schwache Spuren von Rückenmark und Kopf in einer schleimigen Membran erkennbar seien. Die Physiologie ist stark von der sizilischen Schule beeinflußt. Das Herz (linke Kammer) ist der Sitz der Seele vermöge des eingepflanzten Pneumas,welches Bewegung und Sinneswahrnehmung bewirkt. Vermittels der Atmung, welche auch zur Kühlung des Herzens dient, wird das Pneuma erneuert und verbreitet sich in den Adern mit dem Blute zum Gehirn und zu allen übrigen Teilen des Körpers. Die Ernährung erfolgt durch das Blut, das in der Leber bereitet wird, die Verdauung im Magen ist eine Art von Fäulnisprozeß, unterhalten durch die eingepflanzte Wärme, der Ueberschuß der Nahrung gelangt in Darm und Blase, wird aber auch als Schweiß und Ausdünstung ausgeschieden.Wie über Anatomie und Physiologie schrieb Diokles auch über tödliche Gifte und Pharmakologie besondere Bücher. Sein ῥιζοτομικόν = Wurzelschneidebuch, das älteste Kräuterbuch der Griechen, enthielt wichtige Angaben über Vorkommen, Kennzeichen, Nährwert, medizinische Wirkungen der Pflanzen und wurde von allen späteren Autoren eifrig benützt.
Seine fleißigen Tierzergliederungen, deren Ergebnisse Diokles in einem Spezialwerke über Anatomie niederlegte, bereicherten diese Wissenschaft in einer Weise, wie dies seit Alkmaion nicht geschehen war. Namentlich befaßte er sich mit dem Gefäßsystem, betrachtete das Herz als Quelle des Blutes, und unterschied zwei Grundstöcke, die παχεία ᾲρτηρία (Aorta), welche sich bis zu den Nieren und der Blase erstreckt, und die κοίλη φλὲφ (Hohlader); aus beiden gehen die „Adern“ hervor. Von Venen beschreibt er mehrere als seine Vorgänger, die Nerven wußte er ebensowenig wie diese von den Gefäßen zu trennen. Er erwähnt „Gänge“, die von der Leber zur Gallenblase führen, den „Magenmund“, „Blinddarm“, die Blindarmklappe, die Ureteren, die Eierstöcke und Eileiter. An dem Irrtum der Kotyledonen der Gebärmutter hält er noch fest. In großem Ansehen standen lange Zeit seine embryologischen Angaben, wonach am 9. Tage Blutpunkte, am 18. Bewegung des Herzens, am 27. schwache Spuren von Rückenmark und Kopf in einer schleimigen Membran erkennbar seien. Die Physiologie ist stark von der sizilischen Schule beeinflußt. Das Herz (linke Kammer) ist der Sitz der Seele vermöge des eingepflanzten Pneumas,welches Bewegung und Sinneswahrnehmung bewirkt. Vermittels der Atmung, welche auch zur Kühlung des Herzens dient, wird das Pneuma erneuert und verbreitet sich in den Adern mit dem Blute zum Gehirn und zu allen übrigen Teilen des Körpers. Die Ernährung erfolgt durch das Blut, das in der Leber bereitet wird, die Verdauung im Magen ist eine Art von Fäulnisprozeß, unterhalten durch die eingepflanzte Wärme, der Ueberschuß der Nahrung gelangt in Darm und Blase, wird aber auch als Schweiß und Ausdünstung ausgeschieden.
Wie über Anatomie und Physiologie schrieb Diokles auch über tödliche Gifte und Pharmakologie besondere Bücher. Sein ῥιζοτομικόν = Wurzelschneidebuch, das älteste Kräuterbuch der Griechen, enthielt wichtige Angaben über Vorkommen, Kennzeichen, Nährwert, medizinische Wirkungen der Pflanzen und wurde von allen späteren Autoren eifrig benützt.
Von erkenntnistheoretischer Bedeutung ist es, daß Diokles insofern über Hippokrates hinauszudringen suchte, indem er auf Grund anatomisch-physiologischer Betrachtungen die Fragen nach demkausalen Zusammenhang der Symptome, nach demKrankheitssitzaufzurollen begann. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht seine Behauptung,Fiebersei nur einFolgesymptom anderer Krankheitsvorgänge(z. B. von Wunden, Entzündungen, Verstopfung der Pneumawege etc.), ferner die Unterscheidung einer Leber- und Milzform des Ascites, die Trennung der Pleuritis von der Pneumonie, welch letztere in den Gefäßen der Lunge lokalisiert sein sollte, die Trennung des Dünndarmverschlusses vom Dickdarmverschluß. Es ist begreiflich, daß derartige Versuche, die Bahn der exakten Naturwissenschaft zu beschreiben, von Irrtümern gekreuzt wurden, wie dies namentlich zum Ausdruck kommt, wenn Diokles in Gefolgschaft der bestechenden sizilischen Pneumalehre die Geisteskrankheiten im Herzen lokalisiert (weil das Pneuma seinen Zentralsitz an der Vereinigungsstelle der luftführenden Gefäße, d. h. im Herzen, besitze). Solche theoretische Abirrungen hatten aber bei Diokles keinen Einfluß auf die praktische ärztliche Tätigkeit, denn hierin verknüpfte ihn ein untrennbares Band mit Hippokrates. Wie dieser pflegte er ganz besonders die Semiotik, die Prognostik (wobei auf Jahreszeit, Klima, individuelle Lebensweise u. s. w. geachtet wurde) und vertrat den therapeutischen Grundsatz,daß ein örtliches Leiden ohne Berücksichtigung des Gesamtzustandes nicht geheilt werden könne.
Die Pathologie des Diokles erweist sich als eine Art von Kompromiß zwischen koischen und sizilischen Theorien. Sie basiert auf derAnnahme von der Bedeutsamkeit zweier Faktoren für das organische Getriebe, des Pneumas und der vier Elemente oder Qualitäten. Unter der Einwirkung der Elementarqualitäten gehen aus der Nahrung Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle hervor, welche Diokles zwar als Kardinalsäfte, nicht aber als letzte Grundelemente des Körpers auffaßt. Krankheiten entstehen, abgesehen von äußeren Schädlichkeiten, durch Anomalien der Elementarqualitäten oder Störungen in der Bewegung des Pneumas. Die kontinuierlichen Fieber leitete Diokles von Verderbnis der gelbenGalle, die Quotidiana vom Schleim, die Tertiana vom Blut, die Quartana von der schwarzen Galle her (vergl. den Unterschied gegenüber Platon bezw. Philistion). Das Schwitzen betrachtete er als Zeichen beginnender oder schon eingetretener Erkrankung und als Folge mangelhafter Verdauung. —Entzündung ist eine Verstopfung der Blutgefäße.— Phrenitis galt ihm als Zwerchfellentzündung, Melancholie entsteht durch Ansammlung der schwarzen Galle im Herzen (nach koischer Lehre im Gehirn), Melancholie durch Kochung des Herzblutes ohne Verstopfung (nach koischer Lehre durch Anhäufung der gelben Galle im Gehirn), Lethargus rühre vom Festwerden des Blutes um Herz und Gehirn her, Epilepsie und Apoplexie würde durch Verstopfung der Aorta mit Schleim verursacht. — Mit großer Sorgfalt bearbeitete er die Chirurgie (eigene Schriften über die ärztliche Werkstätte, über Verbandlehre) und Gynäkologie, letztere in einem vielleicht 12 Bücher umfassenden Werke. Unter den Ursachen der Sterilität beschreibt Diokles Schiefstand des Uterus, wie er aus Sektionen an Mauleselinnen schloß, die Dystokie leitete er von abnormer Stellung, Verhärtung, Verschluß des Muttermunds, von abnormer Größe, mangelhafter Ausbildung oder vom Tod der Frucht her. Zur Behebung des Prolapses trieb er Luft in den Uterus und legte nach dessen Aufrichtung geschälte und in Essig getauchte Granatäpfel ein. — In den diätetischen Schriften stellte er sich gänzlich auf den echt hippokratischen Standpunkt und gab genaue Vorschriften für jede Tagesstunde, für den Morgenspaziergang, für das Waschen, Zähneputzen, für die Lagerung, Wanderungen u. s. w. Im Gegensatz zu seinem VaterArchidamosbekämpfte er in einer dessen Namen tragenden Schrift die trockenen Friktionen und empfahl an deren Stelle ölige Einreibungen.
Die Pathologie des Diokles erweist sich als eine Art von Kompromiß zwischen koischen und sizilischen Theorien. Sie basiert auf derAnnahme von der Bedeutsamkeit zweier Faktoren für das organische Getriebe, des Pneumas und der vier Elemente oder Qualitäten. Unter der Einwirkung der Elementarqualitäten gehen aus der Nahrung Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle hervor, welche Diokles zwar als Kardinalsäfte, nicht aber als letzte Grundelemente des Körpers auffaßt. Krankheiten entstehen, abgesehen von äußeren Schädlichkeiten, durch Anomalien der Elementarqualitäten oder Störungen in der Bewegung des Pneumas. Die kontinuierlichen Fieber leitete Diokles von Verderbnis der gelbenGalle, die Quotidiana vom Schleim, die Tertiana vom Blut, die Quartana von der schwarzen Galle her (vergl. den Unterschied gegenüber Platon bezw. Philistion). Das Schwitzen betrachtete er als Zeichen beginnender oder schon eingetretener Erkrankung und als Folge mangelhafter Verdauung. —Entzündung ist eine Verstopfung der Blutgefäße.— Phrenitis galt ihm als Zwerchfellentzündung, Melancholie entsteht durch Ansammlung der schwarzen Galle im Herzen (nach koischer Lehre im Gehirn), Melancholie durch Kochung des Herzblutes ohne Verstopfung (nach koischer Lehre durch Anhäufung der gelben Galle im Gehirn), Lethargus rühre vom Festwerden des Blutes um Herz und Gehirn her, Epilepsie und Apoplexie würde durch Verstopfung der Aorta mit Schleim verursacht. — Mit großer Sorgfalt bearbeitete er die Chirurgie (eigene Schriften über die ärztliche Werkstätte, über Verbandlehre) und Gynäkologie, letztere in einem vielleicht 12 Bücher umfassenden Werke. Unter den Ursachen der Sterilität beschreibt Diokles Schiefstand des Uterus, wie er aus Sektionen an Mauleselinnen schloß, die Dystokie leitete er von abnormer Stellung, Verhärtung, Verschluß des Muttermunds, von abnormer Größe, mangelhafter Ausbildung oder vom Tod der Frucht her. Zur Behebung des Prolapses trieb er Luft in den Uterus und legte nach dessen Aufrichtung geschälte und in Essig getauchte Granatäpfel ein. — In den diätetischen Schriften stellte er sich gänzlich auf den echt hippokratischen Standpunkt und gab genaue Vorschriften für jede Tagesstunde, für den Morgenspaziergang, für das Waschen, Zähneputzen, für die Lagerung, Wanderungen u. s. w. Im Gegensatz zu seinem VaterArchidamosbekämpfte er in einer dessen Namen tragenden Schrift die trockenen Friktionen und empfahl an deren Stelle ölige Einreibungen.
Von Diokles ausgehend, aber mit schärferer Nüancierung der neuen Richtung wirkte sein Zeitgenosse, Jünger und Nachfolger in der Leitung der dogmatischen Schule,Praxagorasvon Kos (Blütezeit um 340 bis 320 v. Chr.). Bei ihm sehen wir bereits von manchen vorsichtigen Andeutungen des Diokles die rücksichtslose, für die Praxis nicht immer heilvolle Konsequenz gezogen. Die zahlreichen Schriften des Praxagoras bezogen sich vorzugsweise auf Anatomie und Physiologie, Arzneimittellehre,Diagnostik, Diät und Gymnastik.
Wie für Diokles war auch für Praxagoras das Herz Sitz der Seele, durch das Pneuma Zentralstelle der Empfindung. Praxagoras hob aber bereits die früher nur angedeuteteUnterscheidung der Venen und Arterienklar hervor, behauptete, daß nurdie ersteren Blutführen, während dieletzteren ausschließlich mit Luft erfülltsein sollten, und ließ die (allerdings noch mit Sehnen und Blutgefäßen zusammengeworfenen)Nerven als Träger der Empfindung vom Herzen entspringen. DieKörperwärmefaßte er nicht als eingepflanzt, sondern alserworbenauf, wodurch er nicht allein die damals herrschende Atmungslehre empfindlich erschütterte, sondern auch zu den späteren mechanistischen Theorien den Grund legte. DerPulsberuhe auf deraktiven Tätigkeit, auf der eigentümlichen Schlagkraftder Arterien. — Das Gehirn bezeichnete er als bloßen Anhang des Rückenmarks.
Wie für Diokles war auch für Praxagoras das Herz Sitz der Seele, durch das Pneuma Zentralstelle der Empfindung. Praxagoras hob aber bereits die früher nur angedeuteteUnterscheidung der Venen und Arterienklar hervor, behauptete, daß nurdie ersteren Blutführen, während dieletzteren ausschließlich mit Luft erfülltsein sollten, und ließ die (allerdings noch mit Sehnen und Blutgefäßen zusammengeworfenen)Nerven als Träger der Empfindung vom Herzen entspringen. DieKörperwärmefaßte er nicht als eingepflanzt, sondern alserworbenauf, wodurch er nicht allein die damals herrschende Atmungslehre empfindlich erschütterte, sondern auch zu den späteren mechanistischen Theorien den Grund legte. DerPulsberuhe auf deraktiven Tätigkeit, auf der eigentümlichen Schlagkraftder Arterien. — Das Gehirn bezeichnete er als bloßen Anhang des Rückenmarks.
Das interessanteste Moment liegt darin, daß Praxagoras die diagnostischeDifferenzierung der Krankheiten, die kausale Erklärung der Symptome und ihrer Zusammenhänge, die Kenntnis derFolgekrankheitendurch Heranziehung der exakten Forschung nebenallerdings überwiegender Spekulation auszubilden unternahm — ein Streben, das ebenso wie bei Diokles in der Verfeinerung der medizinischen Kunstsprache deutlichen Ausdruck fand. Beispiele seiner lokalpathologischen Tendenzen war die Lokalisation der Fieber in die Hohlvene, die Verlegung der Geisteskrankheiten ins Herz, die Erklärung der Epilepsie aus Arterienverstopfung durch Schleim, die Mitteilung lokalpathologischer Befunde bei Pleuritis.Mit voller Erkenntnis seiner Bedeutung erhob Praxagoras zuerst den Puls zum wertvollen diagnostischen Hilfsmittelund ließ sich in der Therapie (namentlich in der Chirurgie) von anatomisch-physiologischen Gesichtspunkten zu allerdings oft sehr radikalen Maßnahmen leiten.
Die Pathologie des Praxagoras war ihrer Grundlage nach koisch, knüpft aber an die ältere vorhippokratische Säftelehre (Alkmaions) von neuem an, indem statt der vier dogmatischen Kardinalflüssigkeiten freilich nicht minder doktrinär 11 Säfte unterschieden wurden, die nach Farbe, Geschmack oder Konsistenz die Bezeichnung süß, gleichmäßig gemischt, glasartig, sauer, laugig, salzig, bitter, lauchgrün, eigelb, schabend und stockend zugesprochen erhielten. — Was die Pulslehre betrifft — zuerst soll dieselbeAigimios von Elisin einer besonderen Schrift dargestellt haben —, so trennte Praxagoras den normalen Puls (σφυγμός) vom krankhaften und unterschied hierbei das Hämmern (παλμός) und Zittern (τρόμος). — Die Diätetik desDioklesergänzte er noch weiter und beschäftigte sich auch mit Fragen der Gymnastik. Beispiele seiner heroischen Behandlungsweise sind die Anwendung scharfer Klistiere bei Phrenitis, von Klistieren, Schwitzmitteln und Aderlaß bei Angina, von kräftigen Diureticis bei Hämorrhagie und Hydrops, von Brechmitteln (Rettichsaft) bei Ileus. Noch eingreifender war seine Chirurgie: bei Volvulus Pressen der Eingeweide mit der Hand und, wenn dies erfolglos, Aufschneiden des Dickdarms behufs Entleerung vom Kote.
Die Pathologie des Praxagoras war ihrer Grundlage nach koisch, knüpft aber an die ältere vorhippokratische Säftelehre (Alkmaions) von neuem an, indem statt der vier dogmatischen Kardinalflüssigkeiten freilich nicht minder doktrinär 11 Säfte unterschieden wurden, die nach Farbe, Geschmack oder Konsistenz die Bezeichnung süß, gleichmäßig gemischt, glasartig, sauer, laugig, salzig, bitter, lauchgrün, eigelb, schabend und stockend zugesprochen erhielten. — Was die Pulslehre betrifft — zuerst soll dieselbeAigimios von Elisin einer besonderen Schrift dargestellt haben —, so trennte Praxagoras den normalen Puls (σφυγμός) vom krankhaften und unterschied hierbei das Hämmern (παλμός) und Zittern (τρόμος). — Die Diätetik desDioklesergänzte er noch weiter und beschäftigte sich auch mit Fragen der Gymnastik. Beispiele seiner heroischen Behandlungsweise sind die Anwendung scharfer Klistiere bei Phrenitis, von Klistieren, Schwitzmitteln und Aderlaß bei Angina, von kräftigen Diureticis bei Hämorrhagie und Hydrops, von Brechmitteln (Rettichsaft) bei Ileus. Noch eingreifender war seine Chirurgie: bei Volvulus Pressen der Eingeweide mit der Hand und, wenn dies erfolglos, Aufschneiden des Dickdarms behufs Entleerung vom Kote.
Anhänger und Schüler verfolgten die Bahn, welche Chrysippos, Diokles und Praxagoras vorgezeichnet hatten. Auf dem Gebiete der Anatomie und Arzneimittellehre, in der Diätetik wurde manches geleistet, was später zum wissenschaftlichen Aufbau benützt werden konnte.Xenophon von Kos,Pleistonikos,Philotimos,MnesitheosundDieuches von Athenwerden von den späteren Autoren in dieser Hinsicht gerühmt, Euenor von Argos scheint sich als Therapeut, besonders in der Geburtshilfe und Augenheilkunde, ausgezeichnet zu haben.
Xenophon von Kos, Schüler des Praxagoras, erwarb sich Verdienste um die anatomische Nomenklatur, Pleistonikos, Philotimos (Beschreibung der Tuben; Gehirn = unnützer Anhang des Rückenmarks) und Dieuches werden von Galen als gute Anatomen erwähnt. Mnesitheos schrieb eine medizinische Enzyklopädie und versuchte eineKlassifikation der Krankheiten.Numeniosvon Herakleia (Schüler des Dieuches) schrieb medizinische Lehrgedichte z. B. über giftige Tiere (θηριακά).
Xenophon von Kos, Schüler des Praxagoras, erwarb sich Verdienste um die anatomische Nomenklatur, Pleistonikos, Philotimos (Beschreibung der Tuben; Gehirn = unnützer Anhang des Rückenmarks) und Dieuches werden von Galen als gute Anatomen erwähnt. Mnesitheos schrieb eine medizinische Enzyklopädie und versuchte eineKlassifikation der Krankheiten.Numeniosvon Herakleia (Schüler des Dieuches) schrieb medizinische Lehrgedichte z. B. über giftige Tiere (θηριακά).
Die Pathologie der „Dogmatiker“ war zum größten Teile auf Spekulation aufgebaut, welche nicht allein die Therapie in ihren Strudel mit fortriß, sondern gewiß auch die Nüchternheit der Beobachtung amKrankenbette zu Gunsten einseitiger Hypothesen trübte. Von den Vorschriften des großen Koers war man, im frühreifen Drange nach wissenschaftlichem Abschluß, recht weit abgewichen und namentlich jener individualisierende Zug, der jeden einzelnen Fall als ein eigenes Problem aufgriff, war im Verschwinden begriffen. Leicht ist es freilich, den „Dogmatismus“ von der Warte der Gegenwart als Verirrung hinzustellen und die Phantasien über Säfte, Elementarqualitäten oder die Wirkung des Pneumas ad absurdum zu führen, tieferes Versenken in den Zeitgeist und die Entwicklung des medizinischen Denkens erfordert es hingegen, diese Verirrungen als das zu begreifen, was sie sind, alspsychologisch bedingte, aus den Zeitverhältnissen abzuleitende Glieder der Entwicklungskette, welche bestimmt war, den hippokratischen Sammelbegriff der Physis in seine Elemente aufzulösen.
Die Triumphe, aber auch die Irrwege des hellenischen Geisteslebens beruhen darauf, daß neben dem reich begabten Anschauungsvermögen die Neigung zur höchsten Abstraktion schon frühzeitig erwachte. Das Verallgemeinerungsbedürfnis führte zum wissenschaftlichen Aufbau und wurzelte in jenem ökonomischen Drange, welcher nach obersten Prinzipien aus dem Grunde fahndet, um das Bewußtsein zeitweilig von den zahllosen Einzelfakten entlasten und zugleich die jedesmalige weitere Einzelwahrnehmung entbehrlich machen zu können.Nicht das deduktive Verfahren an sich ist von schädlichen Folgen begleitet, sondern die Deduktion aus unzuverlässigen, falschen Prämissen.Die Frühepoche brachte es mit sich, daß die Mehrzahl der damaligen Prinzipien nicht aus zuverlässigen, breiten Induktionsreihen hervorgegangen war, sondern flüchtig geprüften Prämissen oder nur blendender Intuition entstammte. Die Medizin als Teilerscheinung des gesamten Geisteslebens blieb von diesem Wesenszug umso weniger frei, als ihr das Beispiel der Naturwissenschaft voranleuchtete. Die Ausnahmsgestalt desHippokrates, der die Unzulänglichkeit der Prämissen für die deduktive Methode klar erfaßt, bildet mit ihrer überragenden Kritik nur eine vorübergehende Erscheinung;die von ihm ausschließlich empfohlene Induktion beschränkte die Medizin auf praktische Ziele, auf den Aufbau der Symptomenkomplexe in jedem einzelnen Falle, auf die Prognostik, auf die hiervon abhängig gemachte Therapie. Diese Einschränkung war keine willkürliche, weil die Induktion aus bloß klinischen Symptomen wohl über die Folgen, nicht aber über die Ursachen des klinischen Tatbestandes Aufschluß erteilen kann.Um über die letzteren Gewißheit zu erlangen, bedarf es wieder anderer Induktionsreihen, welche die moderne Medizin besonders aus dem Gebiete der pathologischen Anatomie und experimentellen Pathologie entnimmt — Induktionsreihen, welche die Grundlage für hypothetische und disjunktive Schlüsse abgeben. Einerseits reiner Erkenntnisdrang, welcher der Pathogenie auf die Spur kommen wollte, anderseits jeneOekonomie des Denkens, welche an Stelle der in jedem Einzelfalle mühsam erworbenen Prognose die Diagnose und damit die Schlüssel zur Prognose und Therapie auf weit kürzerem Wege zu ermitteln trachtet, führte immer wieder dazu, nach Grundlagen für die hierzu nötigen hypothetischen und disjunktiven Schlüsse auszuspähen. Damit machen nach Hippokrates die Dogmatiker den Anfang, d. h. sie vermeinten in der spekulativen Physiologie, welche anscheinenddie uralte Säfte- und Pneumalehre ins Recht setzte, sowie in neu erworbenen anatomischen Tatsachen genügendes Material zu besitzen. Die späteren Schulen folgten ihnen zumeist auf diesem Wege.Die fortwährende Korrektur durch die praktische Erfahrung und die infolgedessen notwendig stets neu auftauchenden veränderten, ergänzten oder andersartigen Prämissen — dies bildet den Inhalt der Geschichte der Medizin und erklärt die bunte Phänomenologie ihres wechselvollen Entwicklungsganges.
Die Triumphe, aber auch die Irrwege des hellenischen Geisteslebens beruhen darauf, daß neben dem reich begabten Anschauungsvermögen die Neigung zur höchsten Abstraktion schon frühzeitig erwachte. Das Verallgemeinerungsbedürfnis führte zum wissenschaftlichen Aufbau und wurzelte in jenem ökonomischen Drange, welcher nach obersten Prinzipien aus dem Grunde fahndet, um das Bewußtsein zeitweilig von den zahllosen Einzelfakten entlasten und zugleich die jedesmalige weitere Einzelwahrnehmung entbehrlich machen zu können.Nicht das deduktive Verfahren an sich ist von schädlichen Folgen begleitet, sondern die Deduktion aus unzuverlässigen, falschen Prämissen.Die Frühepoche brachte es mit sich, daß die Mehrzahl der damaligen Prinzipien nicht aus zuverlässigen, breiten Induktionsreihen hervorgegangen war, sondern flüchtig geprüften Prämissen oder nur blendender Intuition entstammte. Die Medizin als Teilerscheinung des gesamten Geisteslebens blieb von diesem Wesenszug umso weniger frei, als ihr das Beispiel der Naturwissenschaft voranleuchtete. Die Ausnahmsgestalt desHippokrates, der die Unzulänglichkeit der Prämissen für die deduktive Methode klar erfaßt, bildet mit ihrer überragenden Kritik nur eine vorübergehende Erscheinung;die von ihm ausschließlich empfohlene Induktion beschränkte die Medizin auf praktische Ziele, auf den Aufbau der Symptomenkomplexe in jedem einzelnen Falle, auf die Prognostik, auf die hiervon abhängig gemachte Therapie. Diese Einschränkung war keine willkürliche, weil die Induktion aus bloß klinischen Symptomen wohl über die Folgen, nicht aber über die Ursachen des klinischen Tatbestandes Aufschluß erteilen kann.Um über die letzteren Gewißheit zu erlangen, bedarf es wieder anderer Induktionsreihen, welche die moderne Medizin besonders aus dem Gebiete der pathologischen Anatomie und experimentellen Pathologie entnimmt — Induktionsreihen, welche die Grundlage für hypothetische und disjunktive Schlüsse abgeben. Einerseits reiner Erkenntnisdrang, welcher der Pathogenie auf die Spur kommen wollte, anderseits jeneOekonomie des Denkens, welche an Stelle der in jedem Einzelfalle mühsam erworbenen Prognose die Diagnose und damit die Schlüssel zur Prognose und Therapie auf weit kürzerem Wege zu ermitteln trachtet, führte immer wieder dazu, nach Grundlagen für die hierzu nötigen hypothetischen und disjunktiven Schlüsse auszuspähen. Damit machen nach Hippokrates die Dogmatiker den Anfang, d. h. sie vermeinten in der spekulativen Physiologie, welche anscheinenddie uralte Säfte- und Pneumalehre ins Recht setzte, sowie in neu erworbenen anatomischen Tatsachen genügendes Material zu besitzen. Die späteren Schulen folgten ihnen zumeist auf diesem Wege.Die fortwährende Korrektur durch die praktische Erfahrung und die infolgedessen notwendig stets neu auftauchenden veränderten, ergänzten oder andersartigen Prämissen — dies bildet den Inhalt der Geschichte der Medizin und erklärt die bunte Phänomenologie ihres wechselvollen Entwicklungsganges.
Die Tendenz der rationalistischen Aerzte, das Wesen der von Hippokrates einfach axiomatisch hingestellten „Physis“ zu entschleiern, entspringt dem tieferen Erkenntnisdrang, welcher bis zu den entferntesten Ursachen der sinnfälligen Erfahrung hinstrebt. Die Deduktion bot sich aber umsomehr als einwandfreie Methode dar, als die damaligen Vertreter der Naturwissenschaft das Beispiel gaben und kein Geringerer als Platon die Berechtigung der sublimsten Spekulation gewährleistete.
Wie wenig selbst der bedeutendste Einschlag von empirischen Realkenntnissen geeignet war, die Denker im Geleise der streng induktiven Forschung festzuhalten, zeigt in überzeugendster Weise das Lehrsystem desAristoteles(384-322 v. Chr.), welches gerade wegen seiner positiven Unterlagen, wegen seiner universalen Bearbeitung eines überreichen Tatsachenmaterials der Medizin das Beispiel derempirischen Sammelforschungdarbot, wegen seiner methodischen Einheitlichkeit noch heute als unerreichtes Ideal eines wissenschaftlichen Menschenwerkes anzusehen ist und doch am meisten den Sieg derdeduktiven Beweisführungbegründete.
Von den Gedanken des Aristoteles summarisch Kenntnis zu nehmen, erfordert nicht so sehr der verhältnismäßig geringe Einfluß, denAristotelesauf die HeilwissenschaftseinerEpoche ausgeübt hat, als die Bedeutung, die dem Philosophen als höchsten Repräsentanten der wissenschaftlichen Entwicklung der Griechen zukommt, und ihn späterhin, viele Jahrhunderte hindurch, zum unbeschränkten Herrscher über das gesamte Geistesleben erhob.Aristoteles entstammte dem Geschlechte der Asklepiaden und wurde 384 v. Chr. zu Stageira als Sohn des mazedonischen Leibarztes Nikomachos geboren. Im 17. Lebensjahre kam er nach Athen, erwarb unter Leitung Platons seine Ausbildung und gehörte, wiewohl mit eigenen Forschungen beschäftigt und zu einer, von seinem Meister weit abweichenden Weltanschauung herangereift, durch zwanzig Jahre der „Akademie“ an. Nach dem Tode Platons lebte er einige Jahre in Kleinasien, leitete sodann die Erziehung Alexanders des Großen und begründete, 335 nach Athen zurückgekehrt, in einem mit dem Tempel des Apollon Lykeios in Verbindung stehenden Gymnasium (Λυκεῖον) eine eigene philosophische Schule, welche von der Gewohnheit des Philosophen, auch im Herumwandeln wissenschaftliche Probleme zu erörtern, den Namen die „peripatetische“ erhielt. Nach dem Tode Alexanders des Großen, mit dem er in den letzten Lebensjahren zerfallen war, drohte ihm aus politischen Gründen von Seite der Athener eine gerichtliche Verfolgung wegen Gottlosigkeit, der er sich durch die Flucht nach Chalkis auf Euboia entzog, damit sich, wie er im Hinblick auf das Schicksal des Sokrates sagte, Athen nicht um zweiten Male an der Philosophie versündige. Dort wurde er im folgenden Jahre (322) von einem Magenübel dahingerafft.Durch die Abkunft von knidischen Asklepiaden prädestiniert, durch den Studiengang der ersten Lehrjahre im Sinne einer kritisch-realistischen Geistesrichtung beeinflußt, fiel Aristoteles die Rolle zu, die Ideenlehre Platons mit der Erfahrungswissenschaft in innigen Zusammenhang zu bringen. Der Einfluß ärztlicher Jugendeindrücke und der Lektüre ärztlicher (besonders auch hippokratischer) Schriften tritt stellenweise noch in den reifsten Meisterwerken des Stagiriten zu Tage, wenn er beispielsweise in der Metaphysik den Unterschied zwischen Empirie und Kunst im Hinblick auf die Medizin erörtert oder wenn er die ästhetische Wirkung des Dramas mit der Katharsis (Säftereinigung) in Analogie bringt. Der Realismus führte Aristoteles dazu, sich zur Grundlegung seiner Weltanschauung auf ein Tatsachenmaterial zu stützen, wie es in solcher Reichhaltigkeit wohl nie durch einen einzigen zusammengetragen wurde, und welches nicht nur aus fleißiger kritischer Benützung fremder Erfahrungen, sondern zum größten Teile aus den eigenen Beobachtungen des Philosophen und seiner Schule herstammt. Gefördert durch die Munifizenz des Königs Philipp und späterhin des großen Alexander, wodurch die reichhaltigste Sammlung von Naturkörpern aller Art ermöglicht wurde, mit seltenem echt naturwissenschaftlichen Blick begnadet, arbeitete sich Aristoteles durch das gesamte Reich der Schöpfung hindurch, organisierte zweckbewußt die Forschertätigkeit seiner Jünger nach dem Prinzip der Arbeitsteilung und verfaßte auf breiter und allseitig gestützter Basis neben den philosophischen, staatsrechtlichen, rhetorischen, ethischen, ästhetischen eine Reihe von naturwissenschaftlichen Meisterwerken — medizinische sind nicht erhalten — die für Jahrtausende eine unerschöpfliche Fundgrube bildeten. Zu diesen zählen 8 Bücher φυσικαὶ ἀκροάσεις = naturwissenschaftliche Vorlesungen, 10 Bücher περὶ τὰ ζῷα ἱστορίαι = Tiergeschichte = De historia animalium (beste Ausgabe von Aubert und Wimmer, Leipz. 1868), 4 Bücher περὶ ζῷων μορίων = von den Teilen der Tiere = De partibus animalium, 5 Bücher περὶ ζῷων γενέσεως = von der Entstehung der Tiere = De generatione animalium (Ausgabe von Aubert und Wimmer, Leipz. 1860), περὶ αὶσθήσεως καἱ περὶ αἱσθητῶν = über Wahrnehmung und Wahrnehmbares = De sensatione, 2 Bücher περὶ γενέσεως = über Entstehung = De generatione, 3 Bücher περὶ ψυχῆς = über die Seele = De anima, 4 Bücher Μετεωρολογικά. So gewaltig der vorliegende Stoff ist, die erhaltenen Werke geben gleichsam nur Stichproben von dem ungeheuren Erfahrungsstoff, welchen Aristoteles bei seiner Durchforschung der physikalischen Vorgänge, des Baues und Lebens der Organismen angehäuft hat. Die größte Zahl der Werke ist verloren gegangen. Der Zweck dieser kolossalen mit durchdringendem Verstand durchgeistigten Materialanhäufungen war es, die Gesetze und Ursachen des gesamten Seins und Werdens, das Gemeinsame, das Typische im Chaos der Erscheinungen zu erfassen. Beobachtungen, Versuche, Abstraktion aus der Empirie, unter der berühmt gewordenen Voraussetzung, daß alle Ideen aus der Sinnestätigkeit hervorgehen (nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu), bilden somit einen Hauptteil der Forschung des Aristoteles, ohne aber in dem Maße bestimmend zu werden, daß sie durchgehends zur wahren induktiven Methode führen würden.Platonhatte den sokratischen Allgemeinbegriffen eine von der materiellen Wirklichkeit gesonderte reale Existenz zugesprochen und zwei verschiedenartige Welten statuiert: die sinnlich wahrnehmbare, unvollkommene, stetem Wandel unterworfene Erscheinungswelt und das Reich der unvergänglichen, nur der Vernunft erkennbaren „Ideen“. (Die einzelnen Dinge sind bloß der Abglanz der Ideen, nehmen an diesen nur teil je nach dem Grade ihrer Vollkommenheit.) — Diesen schroffen Dualismus suchte Aristoteles dadurch zu überbrücken, daß er den Ideen (Typen, Normen) zwar Realität zuerkannte, aber keine solche, welche transzendent über derErfahrungswelt steht, sondern vielmehrimmanentden Einzelerscheinungen als innerste Wesensform, als bewegende Kraft innewohnt. Jedes bestimmte Ding ist Produkt aus der Materie (ὓλη), welche das Substrat bildet, und der treibenden Idee (Gattungstypus), welche alsForm(εἰδος, μορφή) den Stoff gestaltet; um die im Stoffe als Anlage zur Gestaltung ruhende Potentialität (δύναμις) in Aktualität (ἐνέργεια) umzusetzen, ist Bewegung (κίνησις), ein Werdeprozeß nötig, welcher zwar den nötigen Anstoß durch eine mechanische Ursache empfängt, im letzten Grunde aber in seiner Richtung durch die einem bestimmten Zwecke zustrebende Idee (ἐντελέχεια) bedingt wird.Stoff und Form, äußere Ursache und Zweckbilden die vier Prinzipien jedes Seins; die wirkenden, mechanischen Kräfte (causae efficientes) stehen nur im Dienste der Zweckursachen (causae finales), welche in der vollendeten Form zur äußeren Erscheinung gelangen.Die Idee, welche im Einzelding verborgen liegt, den Zweck, der seine Form bedingt, zu erkennen, das allein macht, nach Aristoteles, das wahre Wissen aus, und deshalb versuchte er, im Streben nach Totalität, auf den verschiedensten Gebieten die grundlegenden Gesetze bloßzulegen, indem er an der Hand eines reichen Sammelmaterials das Allgemeine im Besonderen nachwies. Die größten Erfolge erzielte er auf dem Felde der beschreibenden Naturwissenschaften, wo er nicht allein einen immensen Erfahrungsstoff aufstapelte, sondern dieentwicklungsgeschichtliche Betrachtungaufs glänzende durchführte, die allgemeine Anatomie (der gleichartigen Teile) begründete und durch glückliche Anwendung des Prinzips der Vergleichung zum Schöpfer der Zoologie und Botanik wurde.Ewig bleibt es eine großartige Leistung, zuerst die Analoga der Organe des Menschen durch das ganze Tierreich abgehandelt, den Stufengang im Reich des Lebendigen nachgewiesen, die natürliche Einteilung der Tiere in solche, welche Blut und solche, welche nur ein Analogon desselben besitzen, vorgenommen zu haben. Der denkenden Betrachtung des Organischen, wo die Teile zum Zwecke des Ganzen angelegt sind und harmonisch zusammenwirken, wo der Kausalnexus sich mit der Zweckmäßigkeit deckt, indem der vererbte Typus die Richtung und das Maß der physikalisch-chemischen Kräfte anscheinend zielstrebend beherrscht, ist auch im wesentlichen die metaphysische Grundlehre des Aristoteles, welche dieFormbestimmtheitin den Vordergrund rückt,dynamisch-teleologischaufgebaut ist, entlehnt. Weit weniger bedeuten die Leistungen des Stagiriten in den „erklärenden“ Naturwissenschaften, wo die Enthüllung des mechanischen Kausalnexus allein maßgebend ist und nur nüchterne Betrachtung, durch quantitatives Denken geleitete Versuche, zum Ziele führen können, jedes Hineintragen von ästhetisch-teleologischen Begriffen aber den Gang der Untersuchung verwirrt. Dieselben Mängel haften natürlich auch seiner Biologie an, insofern die einseitig teleologisch-dynamische Anschauungsweise zwar vermöge ihres heuristischen Wertes viele bleibende Ergebnisse zeitigte, aber nicht, ohne der nüchternen Analyse den Weg zu verlegen. Bei dem Mangel an exakten Forschungsmitteln zur schärferen sinnlichen Beobachtung erschien das „Besondere“ einfacher, als es wirklich ist, wodurch die aristotelische Ableitung aus wenigen Prinzipien häufig einer gewaltsamen Ausdeutung vieler Tatsachen durch eine leichtfertige Annahme gleichkommt. Das Quantitative der Vorgänge fand gar keine Berücksichtigung, und der mechanische Kausalnexus trat so sehr hinter die Teleologie zurück, daß Aristoteles sogar die Struktur der Organe aus ihrer Funktion erklärte, statt umgekehrt.Die Probleme der Naturtechnik wurden vor Enträtselung der Naturmechanik studiert.Wiewohl der Enkelschüler des Sokrates die Induktion theoretisch als wichtige Forschungsmethode erkannte, um allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, so machte er dieselbe doch in der naturwissenschaftlichen Praxis vielfach unfruchtbar, indem er sich die Tatsachenvonvornhereinvermittels teleologischer oder ästhetischer Gesichtspunkte zurechtlegte.Die Induktion, wie sie der Begründer der Syllogistik und des wissenschaftlichen Beweises anwendete, war nur ein untergeordnetes Verfahren, das von wenigen Tatsachen ausging und auf voreiligen Analogien beruhte, keineswegs aber die quantitative Bestimmung, um theoretische Ergebnisse zu erhalten. Der Schwerpunkt der aristotelischen Methode lag bei dem Streben nach Zusammenfassung und Totalität in der Deduktion, die er nach dem Vorbilde der Mathematik ausbildete, wobei metaphysisch-teleologische Prinzipien die Stelle von Axiomen einnahmen und die Kongruenz der logischen Verbindungsfähigkeit von Begriffen mit der realen Verknüpfung der entsprechenden Objekte apodiktisch vorausgesetzt wurde.
Von den Gedanken des Aristoteles summarisch Kenntnis zu nehmen, erfordert nicht so sehr der verhältnismäßig geringe Einfluß, denAristotelesauf die HeilwissenschaftseinerEpoche ausgeübt hat, als die Bedeutung, die dem Philosophen als höchsten Repräsentanten der wissenschaftlichen Entwicklung der Griechen zukommt, und ihn späterhin, viele Jahrhunderte hindurch, zum unbeschränkten Herrscher über das gesamte Geistesleben erhob.
Aristoteles entstammte dem Geschlechte der Asklepiaden und wurde 384 v. Chr. zu Stageira als Sohn des mazedonischen Leibarztes Nikomachos geboren. Im 17. Lebensjahre kam er nach Athen, erwarb unter Leitung Platons seine Ausbildung und gehörte, wiewohl mit eigenen Forschungen beschäftigt und zu einer, von seinem Meister weit abweichenden Weltanschauung herangereift, durch zwanzig Jahre der „Akademie“ an. Nach dem Tode Platons lebte er einige Jahre in Kleinasien, leitete sodann die Erziehung Alexanders des Großen und begründete, 335 nach Athen zurückgekehrt, in einem mit dem Tempel des Apollon Lykeios in Verbindung stehenden Gymnasium (Λυκεῖον) eine eigene philosophische Schule, welche von der Gewohnheit des Philosophen, auch im Herumwandeln wissenschaftliche Probleme zu erörtern, den Namen die „peripatetische“ erhielt. Nach dem Tode Alexanders des Großen, mit dem er in den letzten Lebensjahren zerfallen war, drohte ihm aus politischen Gründen von Seite der Athener eine gerichtliche Verfolgung wegen Gottlosigkeit, der er sich durch die Flucht nach Chalkis auf Euboia entzog, damit sich, wie er im Hinblick auf das Schicksal des Sokrates sagte, Athen nicht um zweiten Male an der Philosophie versündige. Dort wurde er im folgenden Jahre (322) von einem Magenübel dahingerafft.
Durch die Abkunft von knidischen Asklepiaden prädestiniert, durch den Studiengang der ersten Lehrjahre im Sinne einer kritisch-realistischen Geistesrichtung beeinflußt, fiel Aristoteles die Rolle zu, die Ideenlehre Platons mit der Erfahrungswissenschaft in innigen Zusammenhang zu bringen. Der Einfluß ärztlicher Jugendeindrücke und der Lektüre ärztlicher (besonders auch hippokratischer) Schriften tritt stellenweise noch in den reifsten Meisterwerken des Stagiriten zu Tage, wenn er beispielsweise in der Metaphysik den Unterschied zwischen Empirie und Kunst im Hinblick auf die Medizin erörtert oder wenn er die ästhetische Wirkung des Dramas mit der Katharsis (Säftereinigung) in Analogie bringt. Der Realismus führte Aristoteles dazu, sich zur Grundlegung seiner Weltanschauung auf ein Tatsachenmaterial zu stützen, wie es in solcher Reichhaltigkeit wohl nie durch einen einzigen zusammengetragen wurde, und welches nicht nur aus fleißiger kritischer Benützung fremder Erfahrungen, sondern zum größten Teile aus den eigenen Beobachtungen des Philosophen und seiner Schule herstammt. Gefördert durch die Munifizenz des Königs Philipp und späterhin des großen Alexander, wodurch die reichhaltigste Sammlung von Naturkörpern aller Art ermöglicht wurde, mit seltenem echt naturwissenschaftlichen Blick begnadet, arbeitete sich Aristoteles durch das gesamte Reich der Schöpfung hindurch, organisierte zweckbewußt die Forschertätigkeit seiner Jünger nach dem Prinzip der Arbeitsteilung und verfaßte auf breiter und allseitig gestützter Basis neben den philosophischen, staatsrechtlichen, rhetorischen, ethischen, ästhetischen eine Reihe von naturwissenschaftlichen Meisterwerken — medizinische sind nicht erhalten — die für Jahrtausende eine unerschöpfliche Fundgrube bildeten. Zu diesen zählen 8 Bücher φυσικαὶ ἀκροάσεις = naturwissenschaftliche Vorlesungen, 10 Bücher περὶ τὰ ζῷα ἱστορίαι = Tiergeschichte = De historia animalium (beste Ausgabe von Aubert und Wimmer, Leipz. 1868), 4 Bücher περὶ ζῷων μορίων = von den Teilen der Tiere = De partibus animalium, 5 Bücher περὶ ζῷων γενέσεως = von der Entstehung der Tiere = De generatione animalium (Ausgabe von Aubert und Wimmer, Leipz. 1860), περὶ αὶσθήσεως καἱ περὶ αἱσθητῶν = über Wahrnehmung und Wahrnehmbares = De sensatione, 2 Bücher περὶ γενέσεως = über Entstehung = De generatione, 3 Bücher περὶ ψυχῆς = über die Seele = De anima, 4 Bücher Μετεωρολογικά. So gewaltig der vorliegende Stoff ist, die erhaltenen Werke geben gleichsam nur Stichproben von dem ungeheuren Erfahrungsstoff, welchen Aristoteles bei seiner Durchforschung der physikalischen Vorgänge, des Baues und Lebens der Organismen angehäuft hat. Die größte Zahl der Werke ist verloren gegangen. Der Zweck dieser kolossalen mit durchdringendem Verstand durchgeistigten Materialanhäufungen war es, die Gesetze und Ursachen des gesamten Seins und Werdens, das Gemeinsame, das Typische im Chaos der Erscheinungen zu erfassen. Beobachtungen, Versuche, Abstraktion aus der Empirie, unter der berühmt gewordenen Voraussetzung, daß alle Ideen aus der Sinnestätigkeit hervorgehen (nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu), bilden somit einen Hauptteil der Forschung des Aristoteles, ohne aber in dem Maße bestimmend zu werden, daß sie durchgehends zur wahren induktiven Methode führen würden.
Platonhatte den sokratischen Allgemeinbegriffen eine von der materiellen Wirklichkeit gesonderte reale Existenz zugesprochen und zwei verschiedenartige Welten statuiert: die sinnlich wahrnehmbare, unvollkommene, stetem Wandel unterworfene Erscheinungswelt und das Reich der unvergänglichen, nur der Vernunft erkennbaren „Ideen“. (Die einzelnen Dinge sind bloß der Abglanz der Ideen, nehmen an diesen nur teil je nach dem Grade ihrer Vollkommenheit.) — Diesen schroffen Dualismus suchte Aristoteles dadurch zu überbrücken, daß er den Ideen (Typen, Normen) zwar Realität zuerkannte, aber keine solche, welche transzendent über derErfahrungswelt steht, sondern vielmehrimmanentden Einzelerscheinungen als innerste Wesensform, als bewegende Kraft innewohnt. Jedes bestimmte Ding ist Produkt aus der Materie (ὓλη), welche das Substrat bildet, und der treibenden Idee (Gattungstypus), welche alsForm(εἰδος, μορφή) den Stoff gestaltet; um die im Stoffe als Anlage zur Gestaltung ruhende Potentialität (δύναμις) in Aktualität (ἐνέργεια) umzusetzen, ist Bewegung (κίνησις), ein Werdeprozeß nötig, welcher zwar den nötigen Anstoß durch eine mechanische Ursache empfängt, im letzten Grunde aber in seiner Richtung durch die einem bestimmten Zwecke zustrebende Idee (ἐντελέχεια) bedingt wird.Stoff und Form, äußere Ursache und Zweckbilden die vier Prinzipien jedes Seins; die wirkenden, mechanischen Kräfte (causae efficientes) stehen nur im Dienste der Zweckursachen (causae finales), welche in der vollendeten Form zur äußeren Erscheinung gelangen.Die Idee, welche im Einzelding verborgen liegt, den Zweck, der seine Form bedingt, zu erkennen, das allein macht, nach Aristoteles, das wahre Wissen aus, und deshalb versuchte er, im Streben nach Totalität, auf den verschiedensten Gebieten die grundlegenden Gesetze bloßzulegen, indem er an der Hand eines reichen Sammelmaterials das Allgemeine im Besonderen nachwies. Die größten Erfolge erzielte er auf dem Felde der beschreibenden Naturwissenschaften, wo er nicht allein einen immensen Erfahrungsstoff aufstapelte, sondern dieentwicklungsgeschichtliche Betrachtungaufs glänzende durchführte, die allgemeine Anatomie (der gleichartigen Teile) begründete und durch glückliche Anwendung des Prinzips der Vergleichung zum Schöpfer der Zoologie und Botanik wurde.Ewig bleibt es eine großartige Leistung, zuerst die Analoga der Organe des Menschen durch das ganze Tierreich abgehandelt, den Stufengang im Reich des Lebendigen nachgewiesen, die natürliche Einteilung der Tiere in solche, welche Blut und solche, welche nur ein Analogon desselben besitzen, vorgenommen zu haben. Der denkenden Betrachtung des Organischen, wo die Teile zum Zwecke des Ganzen angelegt sind und harmonisch zusammenwirken, wo der Kausalnexus sich mit der Zweckmäßigkeit deckt, indem der vererbte Typus die Richtung und das Maß der physikalisch-chemischen Kräfte anscheinend zielstrebend beherrscht, ist auch im wesentlichen die metaphysische Grundlehre des Aristoteles, welche dieFormbestimmtheitin den Vordergrund rückt,dynamisch-teleologischaufgebaut ist, entlehnt. Weit weniger bedeuten die Leistungen des Stagiriten in den „erklärenden“ Naturwissenschaften, wo die Enthüllung des mechanischen Kausalnexus allein maßgebend ist und nur nüchterne Betrachtung, durch quantitatives Denken geleitete Versuche, zum Ziele führen können, jedes Hineintragen von ästhetisch-teleologischen Begriffen aber den Gang der Untersuchung verwirrt. Dieselben Mängel haften natürlich auch seiner Biologie an, insofern die einseitig teleologisch-dynamische Anschauungsweise zwar vermöge ihres heuristischen Wertes viele bleibende Ergebnisse zeitigte, aber nicht, ohne der nüchternen Analyse den Weg zu verlegen. Bei dem Mangel an exakten Forschungsmitteln zur schärferen sinnlichen Beobachtung erschien das „Besondere“ einfacher, als es wirklich ist, wodurch die aristotelische Ableitung aus wenigen Prinzipien häufig einer gewaltsamen Ausdeutung vieler Tatsachen durch eine leichtfertige Annahme gleichkommt. Das Quantitative der Vorgänge fand gar keine Berücksichtigung, und der mechanische Kausalnexus trat so sehr hinter die Teleologie zurück, daß Aristoteles sogar die Struktur der Organe aus ihrer Funktion erklärte, statt umgekehrt.Die Probleme der Naturtechnik wurden vor Enträtselung der Naturmechanik studiert.Wiewohl der Enkelschüler des Sokrates die Induktion theoretisch als wichtige Forschungsmethode erkannte, um allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, so machte er dieselbe doch in der naturwissenschaftlichen Praxis vielfach unfruchtbar, indem er sich die Tatsachenvonvornhereinvermittels teleologischer oder ästhetischer Gesichtspunkte zurechtlegte.Die Induktion, wie sie der Begründer der Syllogistik und des wissenschaftlichen Beweises anwendete, war nur ein untergeordnetes Verfahren, das von wenigen Tatsachen ausging und auf voreiligen Analogien beruhte, keineswegs aber die quantitative Bestimmung, um theoretische Ergebnisse zu erhalten. Der Schwerpunkt der aristotelischen Methode lag bei dem Streben nach Zusammenfassung und Totalität in der Deduktion, die er nach dem Vorbilde der Mathematik ausbildete, wobei metaphysisch-teleologische Prinzipien die Stelle von Axiomen einnahmen und die Kongruenz der logischen Verbindungsfähigkeit von Begriffen mit der realen Verknüpfung der entsprechenden Objekte apodiktisch vorausgesetzt wurde.
Die innige Durchdringung von Spekulation und Empirie offenbart sich nicht am wenigsten in der aristotelischen Anatomie und Physiologie, welche, unterteleologischemGesichtswinkel gemeinsam abgehandelt, viele Jahrhunderte hindurch als Vorbild vollkommenster Wissenschaftlichkeit dienten. Die Anatomie des Stagiriten ließ die Arbeiten der Vorgänger und von den Zeitgenossen die Leistungen des Diokles nicht unbeachtet, entbehrt auch keineswegs der Verbesserungen, besonders in der Gefäßlehre, enthält aber noch zahlreiche schwere Irrtümer teils infolge der willkürlichen Uebertragung von Ergebnissen der Tiersektion auf den Menschen, teils infolge vorgefaßter Meinungen. Wertvoll ist die Begründung der allgemeinen Anatomie, der zufolge die vier Elemente[73]zunächst die gleichartigen Stoffe des Körpers (Homoiomerien = entsprechend den Geweben) bilden, nämlich Adern, Sehnen, Fasern, Knochen, Knorpeln, Horn, Haut, Haare, Membranen, Fleisch, Fett, Blut, Mark, Milch, Samen, aus deren Zusammensetzung erst die Organe hervorgehen. Die Embryologie ist gegenüber den Kenntnissen der Vorgänger wesentlich vorgeschritten durch das Studium der Entwicklung des Hühnchens im Ei, der Bildung des Herzens, Gehirns, der Augen, der Allantois und der Dottergefäße etc. In der Physiologie ließ sich Aristoteles einseitig von einer oft naivenTeleologieleiten und setzte dem Wirkungsbereich des kausalen Mechanismus allzu enge Schranken, indem er die Funktionendynamistischin letzter Linie auf Tätigkeiten der ernährenden (und fortpflanzenden), empfindenden oder bewegenden Psyche, d. h. auforganische Kräfte(Entelechien) zurückführte — eine Methodik, welche späterhin zur Ursache jahrtausendelangen Stillstandes in der Erforschung der Lebensvorgänge ward.
Einige Hauptmängel der aristotelischen Anatomie sind es, wenn der Philosoph eine Verschiedenheit der Schädelnähte bei Männern und Frauen statuiert, die Rippenzahl mit acht angibt, im Herzen drei Kammern (Uebersehen der Vorhofscheidewand)beschreibt, die Nieren gelappt sein läßt, die Milz des Menschen konform mit der des Schweines schildert u. a.Das Herz gilt ihm als Mittelpunkt des Gefäßsystems, er kennt die Aorta und Hohlvene sowie deren Aeste und verfolgt allerdings fehlerhaft den weiteren Verlauf, ohne Arterien und Venen zu trennen. Die Arter. spermat. führen kein Blut, sondern Pneuma und Wasser. Das menschliche Gehirn ist größer und feuchter als das tierische, aber blutlos und kalt, das Rückenmark hingegen, das dem Knochenmark gleichgestellt wird, ist warm. Der Ausdruck πόροι bedeutet nicht nur Nerven, die noch nicht differenziert werden, sondern auch Sehnen, Bänder, Ureteren. Die Gebärmutter gilt noch als zweihörnig, jedoch wird bereits die irrtümlicheAnnahme der Kotyledonen zurückgewiesen.Die Physiologie des Aristoteles, wiewohl von metaphysischen Voraussetzungen allzu sehr durchweht, bringt das Wesen desOrganischenzum ersten Male zu scharfer Formulierung und erblickt in derspontanen Bewegungsfähigkeitdessen hervorstechendes Kriterium. In der Mitte stehend zwischen primitivem Materialismus und Spiritualismus,dynamistischenErklärungsprinzipien huldigend, betrachtet der Philosoph in letztem Grunde den Leib wie sämtliche organische Vorgänge als Aeußerungenzweckmäßig wirkender Kräfte, deren Inbegriff die alsLebenskraftgedachte, dem Organismus immanente „Seele“ bildet. Diese wirkt im Organismus überall als eine bestimmte Art der Funktion, nicht als Seele (εἶδος, ἐντελέχεια) im allgemeinen, sondern immer entweder alsernährende(und fortpflanzende) oderempfindendeoderbewegendeoderdenkende, bezw. als eine Mehrheit von diesen zusammen. Mit Ausnahme des Geistes (νοῦς), des dem Menschen als solchem eigentümlichen „Teils“ der Seele, der an kein leibliches Organ gebunden ist, besitzen die Seelenfunktionen, also die Bewegung, aber auch dasBegehrenundEmpfinden, ihreZentralstätte im Herzen. Dort ist der Urquell des, durch die eingepflanzte Wärme und das Pneuma belebten Blutes, welches das Bindeglied zwischen den Körperteilen und dem Seelensitze darstellt — schon die Lage des Organs noch mehr die Tatsache, daß es beim Embryo zuerst entstehe und beim Tode zuletzt sterbe, weise auf die Bedeutung des Herzens als Hauptsitz des Lebens. Das kalte, blutlose, empfindungslose Gehirn ist das Gegenstück des Herzens — jeder physiologische Prozeß besitze einen ihm entgegengesetzten Schwerpunkt —, es dient nur dazu, die (aus dem Herzen) aufsteigende Wärme zu kompensieren. Mittels „Kochung“ bereitet die Wärme des Herzens aus dem Nährmateriale Blut und bringt es zur Wallung, welche sich in der Pulsation manifestiert. Gleichzeitig veranlaßt die Wärme aber auch eine Ausdehnung der Lungen, die hierdurch wie Blasebälge Luft aufnehmen und durch die Venen dem Herzen behufs Abkühlung zuführen können, wodurch einer zu großen Anhäufung von Wärme vorgebeugt wird; deshalb atmen die warmblütigen Tiere am intensivsten. Das durch die Wärme des Herzens flüssig erhaltene Blut — außerhalb der Adern gerinne es, wenn nicht die „Fasern“ daraus entfernt würden — ergießt sich durch die gleichzeitig mit dem Herzen pulsierenden Adern zu allen Körperteilen, welche es tränkt, wie Wasserbäche, die sich in immer kleinere Zweige teilend, einen Garten tränken. Das reinste Blut empfangen das Fleisch und die Sinnesorgane, das gröbere die Knochen, Haare und was diesen gleichwertig ist. Das zur Ernährung und dem Organaufbau dienende schwärzere und dickere Blut strömt vornehmlich in die unteren, das dünnere und kältere, zur Vermittlung der Empfindung geeignete Blut in die oberen Körpergegenden, wo daher auch die Sinnesorgane lokalisiert seien. Die Stoffwechselvorgänge unterstehen der „ernährenden“ Seele (ψυχὴ θρεπτική). Die im Magen aufgenommene Nahrung wird unter der Wirkung der Wärme und des Pneumas gekocht und gelangt aus dem Darm, nach Abgang der Ueberschüsse, in die Mesenterialgefäße, um von diesenals ἰχώρ (Chylus) auf dem Weg der Hauptgefäßstämme in das Herz übergeführt zu werden, wo die Umwandlung in Blut erfolgt. Was die Bauchorgane anbetrifft, so besitze der Darm deshalb eine bedeutende Länge, damit die Nahrung nicht zu schnell hindurchgehe, Leber und Milz dienen zur Fixation der Gefäße und unterstützen durch ihre Wärme den Verdauungsprozeß, die Milz zieht die übermäßige Flüssigkeit aus dem Magen hinweg, an der Leber sei — aber nicht immer! — die Gallenblase befestigt, welche einen unnützen Auswurfsstoff, die Galle enthalte, die Nieren scheiden (vermöge der in der fettreichen Kapsel angehäuften Wärme) aus dem Blute den Harn ab, der zunächst in das Nierenbecken, dann durch die Ureteren in die Blase und endlich durch die Harnröhre nach außen befördert wird. Um die edleren Organe der Brusthöhle vor den aufsteigenden Dünsten zu schützen, ist das Zwerchfell ausgespannt. — Die Bewegung nimmt ihren Ursprung vom Herzen und kommt durch die νεῦρα zu stande, welcher Terminus sowohl Sehnen, Faszien, Aponeurosen als auch Nerven umfaßt. Die νεῦρα stehen mit den Sehnenfäden des Herzens in Verbindung. — Die Stimme entsteht im Kehlkopfe dadurch, daß die eingeatmete Luft gegen die Wände desselben anprallt und sie in Schwingung versetzt. — Die Empfindung ist eine Eigenschaft des Fleisches (σάρξ) überhaupt, und wird vom Herzen aus vermittelt durch das zuströmende Blut, welches auch die spezielle Tätigkeit der Sinnesorgane ermöglicht. Ueber die Sinnesphysiologie macht Aristoteles viele scharfsinnige und zutreffende Bemerkungen. — Der Embryo ist das Produkt aus dem warmen männlichen Samen (= Mischung aus Wasser und Pneuma), welcher die bildende Seele (ψυχή φυσική) enthält, und den Katamenien der Weiber, welche den „Stoff“ für die Keimanlage liefern. Die Bildung des Samens erfolgt in den Vasa deferentia, während die Hoden den Zweck haben, eine langsamere Vollziehung der Begattung und geringere Geneigtheit dazu bewirken. Das Geschlecht des Embryos hängt nicht von der Entwicklung desselben in der einen oder anderen Uterushöhle ab, die Frucht wird von dem Amnion umschlossen, um welches sich später eine dem Uterus anhängende Haut, das Chorion, als Hülle schließt. Am 14. Tage ist die männliche, am 9. Tage die weibliche Frucht so groß wie eine Ameise. Die Differenzierung der Organe verläuft in gehöriger Folge, zuerst entstehen die inneren, dann die äußeren; die oberhalb des Zwerchfells gelegenen Teile früher, als die unterhalb situierten. Zuerst bilde sich das Herz, von ihm entspringen die Adern und ernähren den Körper mittels des mütterlichen Blutes, welches vom Uterus her durch den Nabelstrang zugeführt wird. Nach dem Herzen entsteht das Gehirn, als ein Teil desselben sondern sich die Augen ab. Hat der Embryo seine Ausbildung erreicht, so wird das mütterliche Blut zu den Brustdrüsen geleitet und dort zu Milch umgewandelt. Dieser Umstand wird zum Anlaß zur Geburt. Die Gravitation wendet den zuerst im Fundus des Uterus liegenden, nach den Knien gerichteten Kopf kurz vor Eintritt der Geburt nach unten.
Einige Hauptmängel der aristotelischen Anatomie sind es, wenn der Philosoph eine Verschiedenheit der Schädelnähte bei Männern und Frauen statuiert, die Rippenzahl mit acht angibt, im Herzen drei Kammern (Uebersehen der Vorhofscheidewand)beschreibt, die Nieren gelappt sein läßt, die Milz des Menschen konform mit der des Schweines schildert u. a.Das Herz gilt ihm als Mittelpunkt des Gefäßsystems, er kennt die Aorta und Hohlvene sowie deren Aeste und verfolgt allerdings fehlerhaft den weiteren Verlauf, ohne Arterien und Venen zu trennen. Die Arter. spermat. führen kein Blut, sondern Pneuma und Wasser. Das menschliche Gehirn ist größer und feuchter als das tierische, aber blutlos und kalt, das Rückenmark hingegen, das dem Knochenmark gleichgestellt wird, ist warm. Der Ausdruck πόροι bedeutet nicht nur Nerven, die noch nicht differenziert werden, sondern auch Sehnen, Bänder, Ureteren. Die Gebärmutter gilt noch als zweihörnig, jedoch wird bereits die irrtümlicheAnnahme der Kotyledonen zurückgewiesen.
Die Physiologie des Aristoteles, wiewohl von metaphysischen Voraussetzungen allzu sehr durchweht, bringt das Wesen desOrganischenzum ersten Male zu scharfer Formulierung und erblickt in derspontanen Bewegungsfähigkeitdessen hervorstechendes Kriterium. In der Mitte stehend zwischen primitivem Materialismus und Spiritualismus,dynamistischenErklärungsprinzipien huldigend, betrachtet der Philosoph in letztem Grunde den Leib wie sämtliche organische Vorgänge als Aeußerungenzweckmäßig wirkender Kräfte, deren Inbegriff die alsLebenskraftgedachte, dem Organismus immanente „Seele“ bildet. Diese wirkt im Organismus überall als eine bestimmte Art der Funktion, nicht als Seele (εἶδος, ἐντελέχεια) im allgemeinen, sondern immer entweder alsernährende(und fortpflanzende) oderempfindendeoderbewegendeoderdenkende, bezw. als eine Mehrheit von diesen zusammen. Mit Ausnahme des Geistes (νοῦς), des dem Menschen als solchem eigentümlichen „Teils“ der Seele, der an kein leibliches Organ gebunden ist, besitzen die Seelenfunktionen, also die Bewegung, aber auch dasBegehrenundEmpfinden, ihreZentralstätte im Herzen. Dort ist der Urquell des, durch die eingepflanzte Wärme und das Pneuma belebten Blutes, welches das Bindeglied zwischen den Körperteilen und dem Seelensitze darstellt — schon die Lage des Organs noch mehr die Tatsache, daß es beim Embryo zuerst entstehe und beim Tode zuletzt sterbe, weise auf die Bedeutung des Herzens als Hauptsitz des Lebens. Das kalte, blutlose, empfindungslose Gehirn ist das Gegenstück des Herzens — jeder physiologische Prozeß besitze einen ihm entgegengesetzten Schwerpunkt —, es dient nur dazu, die (aus dem Herzen) aufsteigende Wärme zu kompensieren. Mittels „Kochung“ bereitet die Wärme des Herzens aus dem Nährmateriale Blut und bringt es zur Wallung, welche sich in der Pulsation manifestiert. Gleichzeitig veranlaßt die Wärme aber auch eine Ausdehnung der Lungen, die hierdurch wie Blasebälge Luft aufnehmen und durch die Venen dem Herzen behufs Abkühlung zuführen können, wodurch einer zu großen Anhäufung von Wärme vorgebeugt wird; deshalb atmen die warmblütigen Tiere am intensivsten. Das durch die Wärme des Herzens flüssig erhaltene Blut — außerhalb der Adern gerinne es, wenn nicht die „Fasern“ daraus entfernt würden — ergießt sich durch die gleichzeitig mit dem Herzen pulsierenden Adern zu allen Körperteilen, welche es tränkt, wie Wasserbäche, die sich in immer kleinere Zweige teilend, einen Garten tränken. Das reinste Blut empfangen das Fleisch und die Sinnesorgane, das gröbere die Knochen, Haare und was diesen gleichwertig ist. Das zur Ernährung und dem Organaufbau dienende schwärzere und dickere Blut strömt vornehmlich in die unteren, das dünnere und kältere, zur Vermittlung der Empfindung geeignete Blut in die oberen Körpergegenden, wo daher auch die Sinnesorgane lokalisiert seien. Die Stoffwechselvorgänge unterstehen der „ernährenden“ Seele (ψυχὴ θρεπτική). Die im Magen aufgenommene Nahrung wird unter der Wirkung der Wärme und des Pneumas gekocht und gelangt aus dem Darm, nach Abgang der Ueberschüsse, in die Mesenterialgefäße, um von diesenals ἰχώρ (Chylus) auf dem Weg der Hauptgefäßstämme in das Herz übergeführt zu werden, wo die Umwandlung in Blut erfolgt. Was die Bauchorgane anbetrifft, so besitze der Darm deshalb eine bedeutende Länge, damit die Nahrung nicht zu schnell hindurchgehe, Leber und Milz dienen zur Fixation der Gefäße und unterstützen durch ihre Wärme den Verdauungsprozeß, die Milz zieht die übermäßige Flüssigkeit aus dem Magen hinweg, an der Leber sei — aber nicht immer! — die Gallenblase befestigt, welche einen unnützen Auswurfsstoff, die Galle enthalte, die Nieren scheiden (vermöge der in der fettreichen Kapsel angehäuften Wärme) aus dem Blute den Harn ab, der zunächst in das Nierenbecken, dann durch die Ureteren in die Blase und endlich durch die Harnröhre nach außen befördert wird. Um die edleren Organe der Brusthöhle vor den aufsteigenden Dünsten zu schützen, ist das Zwerchfell ausgespannt. — Die Bewegung nimmt ihren Ursprung vom Herzen und kommt durch die νεῦρα zu stande, welcher Terminus sowohl Sehnen, Faszien, Aponeurosen als auch Nerven umfaßt. Die νεῦρα stehen mit den Sehnenfäden des Herzens in Verbindung. — Die Stimme entsteht im Kehlkopfe dadurch, daß die eingeatmete Luft gegen die Wände desselben anprallt und sie in Schwingung versetzt. — Die Empfindung ist eine Eigenschaft des Fleisches (σάρξ) überhaupt, und wird vom Herzen aus vermittelt durch das zuströmende Blut, welches auch die spezielle Tätigkeit der Sinnesorgane ermöglicht. Ueber die Sinnesphysiologie macht Aristoteles viele scharfsinnige und zutreffende Bemerkungen. — Der Embryo ist das Produkt aus dem warmen männlichen Samen (= Mischung aus Wasser und Pneuma), welcher die bildende Seele (ψυχή φυσική) enthält, und den Katamenien der Weiber, welche den „Stoff“ für die Keimanlage liefern. Die Bildung des Samens erfolgt in den Vasa deferentia, während die Hoden den Zweck haben, eine langsamere Vollziehung der Begattung und geringere Geneigtheit dazu bewirken. Das Geschlecht des Embryos hängt nicht von der Entwicklung desselben in der einen oder anderen Uterushöhle ab, die Frucht wird von dem Amnion umschlossen, um welches sich später eine dem Uterus anhängende Haut, das Chorion, als Hülle schließt. Am 14. Tage ist die männliche, am 9. Tage die weibliche Frucht so groß wie eine Ameise. Die Differenzierung der Organe verläuft in gehöriger Folge, zuerst entstehen die inneren, dann die äußeren; die oberhalb des Zwerchfells gelegenen Teile früher, als die unterhalb situierten. Zuerst bilde sich das Herz, von ihm entspringen die Adern und ernähren den Körper mittels des mütterlichen Blutes, welches vom Uterus her durch den Nabelstrang zugeführt wird. Nach dem Herzen entsteht das Gehirn, als ein Teil desselben sondern sich die Augen ab. Hat der Embryo seine Ausbildung erreicht, so wird das mütterliche Blut zu den Brustdrüsen geleitet und dort zu Milch umgewandelt. Dieser Umstand wird zum Anlaß zur Geburt. Die Gravitation wendet den zuerst im Fundus des Uterus liegenden, nach den Knien gerichteten Kopf kurz vor Eintritt der Geburt nach unten.
Von der aristotelischen Pathologie — περὶ δὲ ὑγείας καὶ νόσου, οὐ μόνον ἐστὶν ἰατροῦ, ἀλλὰ καὶ φυσικοῦ μέχρι τοῦ τὰς αἰτίας εἰπεῖν — sind nur Spuren vorhanden, welche zur allgemeinen Heeresstraße der Säftelehre führen. So erklärte der Philosoph z. B. die Pleuritis aus der Kochung oder Verdichtung der flüssigen Teile. Die medizinischen Schriften sind leider verloren gegangen; die pseudoaristotelischen προβλήματα stammen aus der Alexandrinerzeit und wurden von einem Anonymus aus zwei Büchern „arztlicher Probleme“ und aus dem Corpus Hippocraticum zusammengestoppelt.
Die peripatetische Schule folgte der vom Meister eingeschlagenen Richtung, und manche ihrer Hauptvertreter leisteten Hervorragendes auf naturwissenschaftlichem Gebiete, wie besonders die unmittelbaren Nachfolger des Aristoteles:Theophrastosvon Eresos, welcher die Methode auf Botanik und Mineralogie ausdehnte, sowie über physikalische Probleme schrieb, der PhysikerStratonvon Lampsakos, fernerEudemosvon Rhodos undPhanias. Für die Medizin waren außer den musterhaften botanischen und pharmakologischen Werken viele leider verlorene Schriften des Theophrastos und Straton, die Osteologie desKlearchosvon Soloi, die Anatomie desKallisthenesvon Olynthos und das historische Sammelwerk desMenonvon großer Bedeutung.
Die Pflanzengeschichte des Theophrastos, ἱστορίαι περὶ φυτῶν (10 Bücher), sowie die Schrift über giftige Tiere dienten den späteren Autoren als wichtige Quellen für Arzneimittel- und Giftlehre. Engeren medizinischen Inhalts waren seine Schriften über Sinnesphysiologie, über den Schweiß, über Epilepsie, Schwindel, Lähmung, Erstickung, Melancholie, Delirien, Seuchen u. s. w. Der Anregung des Aristoteles entsprangen auch Werke doxographischen Inhalts, von denen die φυσικῦν δόξαι des Theophrastos die Lehrmeinungen der Physiker, die συναγωγὴ ἰατρική (ärztliche Sammlung) des Menon die Lehren der medizinischen Vorgänger behandeln. Letztere Schrift, die uns überarbeitet im Anonymus Londinensis (vergl. S. 161) vorliegt, gewährt einen wertvollen Einblick in die Entwicklung des ärztlichen Denkens bei den Hellenen. — Kallisthenes, der Neffe des Aristoteles und Mitschüler Alexanders des Großen, wurde bekanntlich auf dessen Befehl hingerichtet. —Stratonvon Lampsakos schrieb unter anderem über den Schlaf, die Träume, das Sehen, die sinnliche Wahrnehmung, die Krankheiten und die Mittel.Von größter Tragweite dürfte es für die Naturwissenschaft und medizinische Theorie gewesen sein, daß er die im Aristotelismus schlummernde mechanische Auffassung der Naturvorgänge vom metaphysischen Beiwerk möglichst befreite und zur Hauptrichtung erhob.In diesem Sinne wirkte wohl die Schrift über dasPneumabahnbrechend, welches er zum Träger des Seelischen (ἡγεμονικόν mit dem Zentralsitz in der Augenbrauengegend) erhob und neben Wärme und Kälte zur Erklärung der Naturvorgänge benützte.
Die Pflanzengeschichte des Theophrastos, ἱστορίαι περὶ φυτῶν (10 Bücher), sowie die Schrift über giftige Tiere dienten den späteren Autoren als wichtige Quellen für Arzneimittel- und Giftlehre. Engeren medizinischen Inhalts waren seine Schriften über Sinnesphysiologie, über den Schweiß, über Epilepsie, Schwindel, Lähmung, Erstickung, Melancholie, Delirien, Seuchen u. s. w. Der Anregung des Aristoteles entsprangen auch Werke doxographischen Inhalts, von denen die φυσικῦν δόξαι des Theophrastos die Lehrmeinungen der Physiker, die συναγωγὴ ἰατρική (ärztliche Sammlung) des Menon die Lehren der medizinischen Vorgänger behandeln. Letztere Schrift, die uns überarbeitet im Anonymus Londinensis (vergl. S. 161) vorliegt, gewährt einen wertvollen Einblick in die Entwicklung des ärztlichen Denkens bei den Hellenen. — Kallisthenes, der Neffe des Aristoteles und Mitschüler Alexanders des Großen, wurde bekanntlich auf dessen Befehl hingerichtet. —Stratonvon Lampsakos schrieb unter anderem über den Schlaf, die Träume, das Sehen, die sinnliche Wahrnehmung, die Krankheiten und die Mittel.Von größter Tragweite dürfte es für die Naturwissenschaft und medizinische Theorie gewesen sein, daß er die im Aristotelismus schlummernde mechanische Auffassung der Naturvorgänge vom metaphysischen Beiwerk möglichst befreite und zur Hauptrichtung erhob.In diesem Sinne wirkte wohl die Schrift über dasPneumabahnbrechend, welches er zum Träger des Seelischen (ἡγεμονικόν mit dem Zentralsitz in der Augenbrauengegend) erhob und neben Wärme und Kälte zur Erklärung der Naturvorgänge benützte.
Wiewohl der Einfluß des Aristoteles erst bei den Arabern und in der Epoche der Scholastik allgewaltig wurde, so treten doch wenigstens einige der Grundzüge seiner Forschungs- und Denkmethode auch schon in der späteren Entwicklung der griechischen Medizin, wenigstens andeutungsweise, hervor, als diese nach dem Verluste der Freiheit des Stammlandes auf fremden Boden überpflanzt wurde.Der Sinn für kritische reale Naturbeobachtung in Verbindung mit wissenschaftlicher logisch-dialektischer Konstruktion und historischer Forschung gab den besten Leistungen der Folgezeit die Signatur.
[1]Damit soll die überragende Eigenleistung der Hellenen nicht in Frage gestellt werden; sie verstanden die aus dem Orient übernommenen Elemente der materiellen Gesittung gleichwie die Anfänge künstlerischer Tätigkeit in einer Weise fortzubilden und zur Basis neuer Schöpfungen zu machen, wie dies am Ursprungsorte nie erreicht werden konnte. Das hellenische Volk gleicht in seiner Stellung zu den übrigen Nationen des Altertums dem Genie, welches das Wissen oder Können seiner Zeit durch ganz neue Assoziationen auf eine noch nicht dagewesene Höhe erhebt.[2]Mit den Persern zugleich wurde die orientalische Magie in Schranken gehalten. Welche Folgen eine Eroberung Griechenlands durch die Perser für die Geistesfreiheit gehabt hätte, geht daraus hervor, daß, nach dem Berichte des Plinius, der persische Magier Osthanes, welcher Xerxes begleitete, überall wo er hingekommen gleichsam den Samen seiner übernatürlichen Kunst ausgestreut habe. Unter dem Drucke einer den Persern ergebenen Priesterkaste wäre der Obskurantismus zur Herrschaft gelangt.[3]Im hippokratischen Buche über die Natur des Menschen, περὶ φύσεως ἀνθρώπου, heißt es ganz in diesem Sinne: „ ... es ist eine Naturnotwendigkeit, daß, wenn der Körper des Menschen zu Grunde geht, ein jedes zu seiner ihm eigentümlichen Qualität zurückkehrt, das Feuchte zum Feuchten, das Trockene zum Trockenen, das Warme zum Warmen und das Kalte zum Kalten.“[4]Γαίη μὲν γαιαν οπώπαμεν, ὑδατι δ' ὑδωρ, αιθέρι δ' αιδερα ὀιον, ὰτὰρ πυρὶ πῦρ αιὀηλον. Erde sehen wir mit Erde und Wasser mit Wasser, mit Aether schaun wir den göttlichen Aether, mit Feuer leuchtendes Feuer.[5]Es sind durch die neueren Forschungen (namentlich des Dr. Felix Freiherrn v. Oefele) sogar wörtliche (!) Uebereinstimmungen in Rezepten zwischen dem Corpus Hippocraticum und Papyrus Ebers nachgewiesen worden.[6]„Aber einst,“ sagt Galen, „war ein nicht kleiner Streit unter den Koern und Knidiern, wer den andern an Menge der Erfindungen übertreffe, denn damals gab es nur noch diese beiden Asklepiadengeschlechter in Asien, indem das zu Rhodos nicht mehr vorhanden war. Es stritten aber den trefflichen Streit mit ihnen die italischen Aerzte: Philistion, Empedokles, Pausanias und deren Schüler. Die meisten und besten Chorführer wurden den Koern zu teil, nahe standen ihnen die Knidier, aber auch die Italer sind nicht geringer Erwähnung würdig.“[7]Einleitung zu der Hippokratischen Schrift περὶ διαίτης ὁξέων = de diaeta in acutis.[8]Galen lagen noch beide Auflagen vor.[9]Z. B. ὄσχοι = Schößlinge = Zweige = Uterusbänder; ἀλώπηξ = Fuchs = Lendenmuskel.[10]Die Hippokratische Schrift περὶ νούσων δ' = de morbis IV ist geradezu eine Fundgrube fürphysikalische Vergleiche. DiemechanistischeSchule der Alexandrinerzeit unter Führung des Erasistratos nahm von dieser Richtung ihren Ursprung.[11]Das Prinzip der knidischen Schule (die Krankheitslokalisation) konnte erst nach dem Aufschwung der pathologischen Anatomie mit Erfolg durchgeführt werden. Bemerkenswerterweise erfuhr die Lokalpathologie und Lokaltherapie, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast zur Alleinherrschaft gelangte, in den letzten Dezennien durch die ätiologische Richtung und durch zahlreiche, auf den Allgemeinzustand gerichtete Behandlungsmethoden wieder eine Korrektur, welche lebhaft an die Reaktion der koischen Schule gegen die knidische erinnert.[12]Vergl. die Physiologie der Aegypter. Die koischen Aerzte nahmen nur Atmung durch Mund und Nase an.[13]Akron von Agrigentunterschied verschiedene Arten von Luftströmungen und zog aus ihrer Qualitätenmischung Schlüsse auf den Gesundheitszustand der Menschen. Damit im Zusammenhang steht es, daß er bei einer Seuche Feuer anzünden ließ, um die kalte und feuchte Luft trocken und warm zu machen. Vergl. hierzu die Seuchenbekämpfung durch Empedokles.[14]In einzelnen Büchern des Corpus Hippocraticum (namentlich über die Winde, περὶ φυσῶν, und über die heilige Krankheit [Epilepsie], περὶ ἰερὴς νούσου) wird ebenfalls (beeinflußt von Diogenes von Apollonia) dem Pneuma die Hauptrolle zugeschrieben. — Bedenkt man, daß, wie noch heute in der Volksmedizin, das Symptom der Blähungen (Aufstoßen und Flatus) als Abgang eines krankmachenden Stoffes aufgefaßt wurde (verschlagene Winde), so liegt es nahe, daß dem verdorbenenPneumaauch in der Pathologie eine große Bedeutung eingeräumt wurde.[15]In der Lehre vom Pneuma könnte man den ersten Keim der Wahrheit finden, daß der Sauerstoff eine Hauptrolle im Organismus spielt.[16]Die gleiche Ansicht vertritt der Verfasser der hippokratischen Schrift „Ueber die alte Heilkunst“ (περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς).[17]Nach koischer Anschauung gelangt das Pneuma zuerst in das Gehirn und wird von dort aus nach dem ganzen Körper verbreitet (περὶ ἰερὴς νούσου).[18]Die Zahl der Bücher wird von den Autoren verschieden angegeben, je nachdem einzelne derselben als ganz selbständige Abhandlungen geführt oder nur als Fortsetzungen anderer angesehen werden; in diesem Sinne schwanken die Angaben zwischen 53 und 72. Aus gelegentlichen Bemerkungen in den vorhandenen Schriften und aus den Angaben der Alten ist zu ersehen, daß eine ganze Reihe von Abhandlungen schon im Altertum verloren gegangen ist; außerdem fehlen aber in der überkommenen Sammlung auch Schriften, welche noch im späteren Altertum bekannt waren. In den älteren Handschriften ist nur ein Teil des Corpus Hippocraticum enthalten. — Unter den älteren Ausgaben der Werke des Hippokrates sind die wichtigsten: die Ausgabe vonCornarius(Basil. 1538), vonAnutius Foësius(Francof. ad M. 1590 u. öfter), von Mercurialis (Venet. 1588), von van der Linden (Lugd. Batav. 1665) und von Chartier (Paris 1639-1679). In neuerer Zeit veranstaltetenKühn(Lips. 1825-1827) und der um die Hippokratesforschung ganz besonders verdienteEmile Littre(Paris 1839-1861) und Franz Zach. Ermerins (Traj. ad Rhen. 1859-1864), letztere beide kritische Ausgaben. Unter Benützung neuen handschriftlichen Materials lassen neuerdings Joh. Ilberg und H. Kühlewein eine neu revidierte Textausgabe erscheinen. Von den zahllosen Partialeditionen ist namentlich die Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Pétrequin (Paris 1877) erwähnenswert. — Ungemein zahlreiche Kommentare und viele Uebersetzungen der gesamten Werke oder einzelner Schriften wurden seit alter Zeit in den verschiedensten Sprachen verfaßt, sie besitzen großes literarhistorisches Interesse. Die älteren deutschen Uebersetzungen von Grimm, Lilienhain und Upmann sind durch die moderne Uebertragung von Robert Fuchs (Hippokrates, Sämtliche Werke, München 1895-1900) überholt worden.[19]Ὅ μεν βίος βραχύς, ἥ δε τέχνη μακρή. ὅ μεν καιρὸς ὀξύς, ἥ δε πεῖρα σφαλερή.[20]Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται· ὄσα σίδηρος οὐκ ἰῆται, πῦρ ἰῆται ὅσα δε πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρῆ νομίζειν ἀνίατα.[21]Vergl. S. 161.[22]Heilige Dinge aber werden nur geheiligten Männern offenbart, sie Laien zu verraten, ist nicht eher erlaubt, als bis sie in die Geheimnisse der Wissenschaft eingeweiht sind.[23]In diesem Sinne heißt es im I. Kap. der Schrift „Die Diät“: „Es wäre unbillig, wenn man einem von den Vorgängern daraus einen Vorwurf machen wollte, wenn sie das Richtige nicht finden konnten, man hat vielmehr alle ohne Ausnahme zu loben, weil sie überhaupt die Erforschung dieser Fragen versucht haben. ... Ich setze aber diese Ausführung als Einleitung voran, weil gar viele Menschen, wenn sie die Erklärung eines Früheren über einen Gegenstand angehört haben, die Darlegung eines Späteren über denselben Gegenstand nicht annehmen wollen, in Unkenntnis darüber, daß es die Aufgabe derselben Ueberlegung ist, zu erkennen, was richtig gesagt ist, wie zu finden, was nicht richtig gesagt ist.“[24]Der Denkprozeß, welcher die Krankheitserscheinungen zu einem Ganzen zusammenfaßt, ist dem Wesen desDramasverwandt, welches die Einzelhandlungen ineineHandlung auflöst.Vielleicht ist es kein Zufall, daß die höchste Stufe des Dramas mit der höchsten Entwicklung des medizinischen Denkens bei den Griechen zusammenfällt![25]Darum konnte Hippokrates aus der diätetisch-hygienischen Therapie der Gymnasten das Gute entnehmen, ohne ihre Uebertreibungen mitzumachen.Es ist besonders bemerkenswert, daß er im Gegensatz zur Sozialhygiene der alten Gesetzgeber oder der Pythagoreer auch die Diät der Gesunden und Kranken zuerst individualisierte.[26]Am Schlusse der „Prognosen“ heißt es daher: „Man vermisse aber ja keinen einzigen Namen einer Krankheit, welche sich hier nicht beschrieben fände, denn alle Krankheiten, welche in den vorerwähnten Zeilen ihre Entscheidung finden, wird man an denselben Zeichen erkennen.“[27]Es zeigt sich dies gerade in der Lehre von den kritischen Tagen besonders deutlich. Während Hippokrates zwar den rhythmischen Verlauf akuter Krankheiten, auch das häufige Auftreten der Krise an bestimmten Tagen beobachtete, so heißt es doch im Prognosticon (37), daß die Berechnung unsicher ist (ebenso in der Schrift „Die Krisen“, Kap. VII). Was den Einfluß der cälestischen Erscheinungen anlangt, so eliminierte Hippokrates die astrologische Vorstellung vom Einfluß der Gestirne auf das Einzelindividuum, betonte aber die Wirkung im großen auf den allgemeinen Gesundheitszustand etc.[28]Vergl. die Schrift „Die Wochen“ (wo der Siebenzahl eine phantastische Bedeutung zugeschrieben wird). Im Buche über die Diät I und über die Träume wird die Analogie zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus in mystischem Schematismus durchgeführt.[29]In der „alten Medizin“ heißt es: „Ich bin überzeugt, daß man bezüglich der Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis kommen kann, als durch die ärztliche Kunst. ... Mir scheint die Notwendigkeit vorzuliegen, daß ein jeder Arzt die Natur kennen lernt und sich alle Mühe gibt, wenn er anders seine Pflicht recht erfüllen will, kennen zu lernen, wie sich der Mensch dem Essen und dem Trinken gegenüber verhält, wie sonst den Lebensgewohnheiten gegenüber.“[30]Sollte aber einer der Ansicht sein, daß diese Fragen lediglich in das Gebiet der Himmelskunde gehören, so wird er erfahren, daß die Astronomie nicht eine geringe, sondern eine sehr wesentliche Bedeutung für die ärztliche Kunst hat. Denn zugleich mit den Jahreszeiten ändern sich beim Menschen auch die Verdauung und die Krankheiten.[31]Epid. VI, 5. Wiewohl diese Stelle in einem „unechten“ Buche vorkommt, verleiht sie doch dem Hippokratismus den prägnantesten Ausdruck.[32]Die sexuelle Neurose (νοῦσος θήλεια) der Skythen, welche als Götterstrafe galt, wird hier auf vieles Reiten zurückgeführt.[33]„Mit der sogenannten heiligen Krankheit (= Epilepsie) verhält es sich folgendermaßen.“ Sie scheint mir in keiner Beziehung einen mehr göttlichen Ursprung zu haben als die übrigen Krankheiten. ... Die Menschen aber haben infolge ihrer Unerfahrenheit und Verwunderung geglaubt, ihre Beschaffenheit wie ihre Veranlassung seien etwas Göttliches, weil sie in keinem Punkte den anderen Krankheiten gleicht. ... Wenn sie aber wegen des Wunderbaren für etwas Göttliches gehalten werden sollte, so wird es viele heilige Krankheiten geben und nicht eine einzige. ... Ich für meine Person jedoch halte nicht dafür, daß der Körper des Menschen durch einen Gott besudelt wird.[34]Besonders in der Schrift de flatibus, wo das Pneuma als primäre Ursache aller Krankheiten erklärt wird. Als entferntere Krankheitsursache gilt es auch in Kap. X des Buches de nat. homin., wo es heißt: „Die Krankheiten entstehen teils durch die Lebensgewohnheiten, teils durch das Pneuma.“[35]De diaeta z. B. anerkennt zwei Elemente, Feuer (warm — trocken) und Wasser (kalt — feucht); de nat. hom. dagegen die vier Empedokleischen Qualitäten.[36]De prisca medicina, Kap. XIV: „Denn es steckt tatsächlich im Menschen das Bittere, das Salzige, das Süße, das Sauere, das Herbe, das Fade und noch vieles andere, mannigfaltig in Wirkung, Menge und Stärke. Dies alles nun tritt miteinander vermischt und vermengt nicht zu Tage, verursacht auch dem Menschen keinerlei Beschwerden, wird hingegen eines von ihnen abgesondert und selbständig, dann tritt es zu Tage und verursacht dem Menschen auch Beschwerden.“ Vergl. hierzu Alkmaion.[37]Galle und Schleim z. B. de morb. sacro, in den meisten knidischen Schriften, z. B. de morbis I, de affectionibus, de affectionibus internis u. a. Galle, Wasser, Schleim und Blut z. B. de morbis IV. Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle de nat. homin.[38]Sitz des Pneumas im Gehirn de morb. sacro, im Herzen de corde.[39]Nach dem Anonymus Lond. (resp. Menons Iatrika) Kap. IX war Hippokrates Anhänger der pneumatischen Theorie, was vielleicht für den Beginn seiner Laufbahn gelten könnte; wie wenig sicher diese Angabe aber ist, erhellt schon daraus, daß Menon im darauffolgenden Kapitel anhebt:„Wie aber Hippokrates selbst sagt“und sodann die humorale Lehre entwickelt.[40]Weder die Anomalien der Säfte, noch diejenigen des Pneumas oder die Fehler der Ernährung bilden allein für sich den Schwerpunkt der hippokratischen Krankheitsauffassung; worauf Hippokrates das Hauptgewicht legt, das ist die Störung der harmonischen Einheit des Organismus, welche zur Norm wieder zurückgeführt werden muß.[41]Im XXII. Kap. der Schrift de prisca medicina wird jedoch im einzelnen ausgeführt,wie sehr die Beschaffenheit der Organe an sich bestimmend auf die Krankheitsformenwirkt. Weiter geht noch die Einleitung von de locis in homine, wo gesagt wird: „Das von Natur Trockene scheint mir von Krankheiten befallen zu werden und mehr Schmerz zu empfinden, das Feuchte hingegen in geringerem Grade; denn die Krankheit, welche in dem Trockenen ihren Sitz hat, nistet sich dort fest und hört nicht wieder auf, diejenige hingegen, welche im Feuchten ihren Sitz hat, zerfließt gleichsam und sucht bald diesen bald jenen Körperteil in höchstem Grade heim.“ Hier, wo also auf die Festteile des Körpers besonderer Nachdruck gelegt wird, ist schon die spätere „Solidarpathologie“ vorgezeichnet![42]De loc. in hom: „Es scheint mir keinen Anfang im Körper zu geben, sondern alles in gleicher Weise Anfang und alles Ende zu sein. ... Desgleichen scheinen mir auch die Krankheiten in gleicher Weise von dem gesamten Körper auszugehen. ... Beim Körper aber rufen alle seine einzelnen Teile der eine bei dem anderen ... eine Erkrankung hervor, der Leib im Kopfe, der Kopf in den Fleischteilen und im Leibe und auch alles Uebrige im entsprechenden Verhältnis. ... Wollte einer den kleinsten Teil des Körpers nehmen und ihm Schaden zufügen, so würde der gesamte Körper das Leiden wahrnehmen und zwar aus dem Grunde, weil der kleinste Teil des Körpers alles enthält, was auch der größte Teil enthält. Dieser aber überträgt, welches Leiden ihm auch zustoßen mag, dasselbe in jedem einzelnen Falle immer auf die ihm verwandten Teile.“ Letzterer Satz beruht auf der Erkenntnis desphysiologischen Wechselverhältnisses der Organe, der sogen.Sympathie.De alimento heißt es (Kap. XXIII):Ξύρῥοια μια, ξύμπνοια μια, ξυμπαθέα πάντα, Ein Zusammenströmen, eine Vereinigung, eine Sympathie. Die „Sympathie“ der Teile wird besonders berührt in den Büchern de fracturis, de articulis, Epid. III, sec. V. Aphorism. V, 50 (Uterus — Mammae).[43]„Man muß wissen, in welchen Jahreszeiten die Säfte gleichsam in ihrer Blüte stehen, was für Krankheiten sie in jeder einzelnen Jahreszeit hervorrufen und was für Leiden sie bei jeder einzelnen Krankheit verursachen“ (de humorib. c. 8).[44]Krisis ist der Inbegriff der natürlichen Anstrengungen zur Expulsion der schädlichen Massen.[45]Im weiteren Sinne werden „Apostasen“ auch andere nicht kritische Wendungen, besonders Nachkrankheiten genannt.[46]Hinsichtlich der Standesgeschichte ist es bemerkenswert, daß Hippokrates sowohl an dieser als an anderer Stelle darauf hinweist, wie der Arzt, „wenn er den Exitusoder die glückliche Heilungvorhererkannt und vorhersagt, frei von jeder Schuld ist“.[47]Anderseits wird an zahlreichen Stellen vor leichtfertigen Prognosen gewarnt und zur Besonnenheit ermahnt, da man, „wenn man fehlgeht, nicht bloß dem Hasse anheimfällt, sondern wohl auch für verrückt angesehen wird“.[48]„Man muß das vor der Krankheit Gelegene angeben, den gegenwärtigen Stand erkennen, die Prognose voraussagen“ (Epid. I, 11).[49]Aus der Kasuistik läßt sich ermitteln,welche Symptome in ihrem Zusammentreffenauf günstigen und ungünstigen Ausgang hindeuten. Solche Zusammenstellungen finden sich besonders in den Koischen Prognosen, Aphorismen, Vorhersagungen. Am Schluß des Prognosticums sagt der Autor: „Wenn aber einer richtig erkennen will, wer davonkommen und wer zu Grunde gehen wird, bei wem die Krankheit länger oder kürzer anhalten wird, so muß er, nachdem er dieAnzeichenkennen gelernt hat, alle Fälle beurteilen können, indem er ihregegenseitigen Wirkungenberechnet.“[50]Sogar den Träumen wurde in prognostischer Beziehung große Beachtung geschenkt, wie aus de victu IV (de somniis) erhellt. Wie schon von Herodot, wurde auch von den Hippokratikern zwischen „gottgesandten“ und natürlichen Träumen unterschieden. Nur letztere, als Ausdruck körperlicher Zustände, fesselten nicht mit Unrecht die Aufmerksamkeit der Aerzte. Darin, wie in dem ganzen Buch über die Träume hat man keinen Rückschritt orientalischer Traumdeuterei, sondern eher einen Fortschritt im Sinne der Aufklärung zu erblicken, wenn die ganze Richtung im einzelnen auch begreiflicherweise in Phantastik ausartete.[51]Vergl. die Medizin der Aegypter.[52]Eiteransammlungen in der Bauchhöhle, die auch Empyem genannt wurden, erkennt man nach de morb. I, 17 nicht durch das Schütteln, sondern findet die Ansammlungsstelle durch die lokale Schmerzhaftigkeit, und „wenn man mit Töpfererde einen Umschlag macht, so trocknet sie binnen kurzem an der Stelle aus“ (wegen der Hitze).[53]Die hippokratische Auffassung ist auch heute, selbst durch die moderne ätiologische Therapie nicht überholt, sondern nur vertieft.[54]ὼφελεὶν ὴ μὴ βλάπτειν. (Epid. I, 11.)[55]Auf den richtigen Zeitpunkt (καιρός) wurde ganz besonderer Wert gelegt; denn dieser ist rasch enteilt (Aphor. I, 1). Im 5. Kapitel de morb. I wird über die „günstigen Augenblicke“ gehandelt. Am dringendsten ist das rasche ärztliche Eingreifen bei der Ohnmacht, bei Erstickungsanfall, bei Verhaltung des Harnes und Stuhles, bei gebärenden oder abortierenden Frauen etc. Wo es nur auf Schmerzlinderung ankommt, eilt es nicht. Bei gewissen Fällen ist am Morgen, am Abend, an jedem dritten oder vierten Tage oder alle drei Monate der Augenblick zum Eingreifen gekommen. —Bemerkenswert ist es, daß die hippokratische Medizin auch hier auf die Krankheitserscheinungen oder gewisse empirisch anscheinend festgestellte Tatsachen Rücksicht nimmt und sich nicht wie die orientalische Medizin an eine feste Schablone bindet. Dies zeigt sich besonders darin, daß man sich bei Vornahme des Aderlasses nicht an bestimmte Tage band.[56]Ueber die Ausführung des Aderlasses gaben die Schriften de medico, de vulnerib. et ulc. und de vict. acut. zweckmäßige Vorschriften. In der Regel wurden, wenn es der Kräftezustand erlaubte, bedeutende Blutmengen, je nach der Schwere der Krankheit, entzogen; bei Kindern, Greisen und Schwangeren wendete man größere Vorsicht an. Gewöhnlich wählte man zur Applikation solche Stellen, die dem leidenden Teile so nahe als möglich sind, oder vermeintlich mit den leidenden Teilen in Verbindung stehen. — Prophylaktische Aderlässe sollen nur im Frühjahre ausgeführt werden.[57]Der Schröpfkopf (σικύᾳ) war aus Horn, Glas, Bronze oder einem Flaschenkürbisende verfertigt.[58]In leichten Fällen kamen Fomente zur Anwendung. — Das Opium diente nur als schlafmachendes, nicht aber als schmerzstillendes Mittel.[59]De morbis I, Kap. 7.[60]De loc. in hom. Kap. 40.[61]Z. B. Aph. II, 22. „Alle durch Ueberfüllung kommenden Krankheiten heilt die Entleerung, alle durch Entleerung kommenden die Anfüllung und die übrigen ihr Gegenteil.“ De flatib. Kap. 1: „Mit einem Worte gesagt,es ist das Gegenteil das Heilmittel des Gegenteils, denn die ärztliche Kunst ist Hinzufügung und Wegnahme, Wegnahme des Ueberschusses, Hinzufügung des Mangelnden.“[62]De loc. in hom. Kap. 40 und 41 wird eine ganze Reihe solcher Beispiele aufgezählt, welche den Verfasser zu dem an die Homöopathie anklingenden Satz hinführt: „Durch das Aehnliche entsteht die Krankheit und durch die Anwendung des Nämlichen werden die Menschen statt krank gesund.“ Auf Grund dieses Satzes wollte man bei Hippokrates eine Rechtfertigung der Homöopathie finden. Aber mit Unrecht; denn in demselben Kapitel heißt es: „Auf beiden entgegengesetzten Wegen wird der Kranke genesen. Wenn es sich mit allen Fällen so verhielte, so würde es wohl feststehende Regel geworden sein, auf diese Weise die einen Zustände mit dem Entgegengesetzten zu behandeln, wie sie nun sein und woher sie kommen mögen, die anderen hingegen mit dem Nämlichen.“ ... Ganz richtig erkennt auch derselbe Autor,daß das „Homöopathische“ nur in den Symptomen besteht, wenn er als Beispiel anführt: „Wenn man einen Menschen, welcher erbricht, viel Wasser zu trinken geben wollte, so wird das, um dessentwillen er erbricht, beim Erbrechen mit hinuntergespült.“ Also die causa morbi wird hier durch ein Mittel vertrieben, welches an sich Erbrechen erregen kann. Deutet man solche Fälle „homöopathisch“, dann haftet man eben nur an der Oberfläche der Symptome, ohne das Wesen des Vorganges zu erfassen. Der homöopathische Schein begleitet eben Heilformen, welche das contraria contrariis befolgen, ätiologisch wirken, wie z. B. die Opiumtherapie der Bleivergiftung, die Behandlung der Dysenterie mit Abführmitteln etc.[63]Herodot IX, 83. Da nämlich die Platäer die Gebeine der Perser auf einen Platz zusammentrugen, fand sich ein Kopf, welcher gar keine Naht hatte, sondern aus einem einzigen Knochen bestand. Plinius, Hist. nat. XI, 70. Pausanias IV, 9.[64]Z. B. de corde X: „Wenn nun einer, der den alten Ritus kennt, einem Verstorbenen das Herz herausnimmt und von den beiden Klappen die eine stützt und die andere sich außerdem noch zurücklehnen läßt, so wird weder Wasser noch Luft in das Innere des Herzens dringen können.“ De articulis I, 1: „Gesetzt, man entblößte den oberen Teil der Schulter von Weichteilen ...“ L. c. 46 wird von Wirbelluxation gesprochen und gesagt, die Einrichtung wäre unmöglich, „man müßte denn dem Betreffenden die Leibeshöhle aufschneiden, die Hand einführen und von innen her mit der Hand nach außen drängen, was man zwar an der Leiche, nicht aber am lebenden Menschen machen kann“.[65]Epid. V, 26 heißt es allerdings von einem an Rippenbruch mit konsekutiver Verjauchung Verstorbenen: „Es wurde erkannt, daß sich die Krankheit weiter erstreckte als unter die Haut. Selbst wenn der Betreffende die richtige Behandlung erfahren hätte, wäre er doch nicht mit dem Leben davongekommen.“[66]De morbo sacro 3: Das Gehirn des Menschen doppelt wie das der Tiere. Epid. VI, 6: Dickdarm des Menschen gleicht dem des Hundes. De anatome: Herz des Menschen stärker gerundet als das der Tiere. De carne 17: Tier- und Menschenauge. Pathologische Befunde: de morbo sacro: Ziegenhirn. De affect. int. XXIII: Hydatiden der Lunge beim Hunde, Schwein und Rind.[67]Pausanias X, 2, 4.[68]Nach der ältesten vonSyennesisherrührenden Beschreibung entspringen die Gefäße aus dem Kopfe und kreuzen sich bei ihrem Uebergang auf den Rumpf; nachDiogenes von Apolloniasind zwei große Gefäße des Rumpfes (Aorta und Hohlvene) Ausgangspunkt der Adern. Die im Corpus Hippocraticum vorhandene Gefäßbeschreibung (de natura hominis, de natura ossium) stammt nach dem Zeugnis des Aristoteles vonPolybos. Ihr zufolge gibt es vier Paare von Hauptadern, von denen das erste hinten aus dem Nacken, ein zweites aus dem Kopfe hinter den Ohren, das dritte aus den Schläfen, das vierte aus der Stirn entspringt.[69]Beispielsweise verglich man die Anziehungskraft der Körperteile gegenüber den Säften mit der Wirkung der Schröpfköpfe. — Die Entstehung des Geschlechtes aus dem Ueberwiegen des männlichen oder weiblichen Samens erläutert der Verfasser von de semine mit folgendem Bilde: „Nimmt man mehr Fett als Wachs und schmilzt beides am Feuer, bis es flüssig geworden, so kann man nicht sehen, welches überwiegt, wenn es hingegen wieder hart geworden ist, kann man wahrnehmen, daß das Fett an Menge überlegen ist. So verhält es sich auch mit dem männlichen und weiblichen Samen.“ Im Buche de morbis IV findet sich eine ganze Reihe von Vergleichen krankhafter Vorgänge mit der Milchgerinnung, Molkenbereitung, der Verdampfung etc. Im Buche de diaeta I (Kap. 32) heißt es: „Das Feinste vom Wasser und das Lockerste vom Feuer deuten in ihrer Vereinigung auf den gesündesten Zustand im Körper des Menschen hin.... Das weichste und lockerste Kupfer läßt die ausgiebigste Mischung (Legierung) zu; so verhält es sich auch mit der Mischung des Feinsten am Wasser und des Lockersten am Feuer.“[70]Im Buche de corde wird ausdrücklich gesagt, daß sich der linke Ventrikel nur von dem „reinen und lichten Ueberschusse“ nährt, „welcher aus einer Blutaussonderung herstammt“, keineswegs aber von „sichtbarem Blute“. Die Aorta hingegen ist nach demselben Autor mit Blut gefüllt, welches „aus dem Leibe und den Eingeweiden“ stammt; der Klappenverschluß habe den Zweck, den Eintritt des Blutes in den linken Ventrikel zu verhüten! Bei der Sektion zeige sich das linke Herz völlig leer, die Arterie dagegen sei ebensowenig als das rechte Herz blutleer.[71]Aus Aegypten stammen wahrscheinlich auch manche der abergläubischen Mittel, besonders tierischer Art.[72]Der Pflanzenname φιλίστιον (Klebkraut) erinnert daran.[73]Aristoteles kennt außer den vier Elementen noch ein fünftes, den Aether, die quinta essentia, welches der siderischen Welt zukommt.
[1]Damit soll die überragende Eigenleistung der Hellenen nicht in Frage gestellt werden; sie verstanden die aus dem Orient übernommenen Elemente der materiellen Gesittung gleichwie die Anfänge künstlerischer Tätigkeit in einer Weise fortzubilden und zur Basis neuer Schöpfungen zu machen, wie dies am Ursprungsorte nie erreicht werden konnte. Das hellenische Volk gleicht in seiner Stellung zu den übrigen Nationen des Altertums dem Genie, welches das Wissen oder Können seiner Zeit durch ganz neue Assoziationen auf eine noch nicht dagewesene Höhe erhebt.
[2]Mit den Persern zugleich wurde die orientalische Magie in Schranken gehalten. Welche Folgen eine Eroberung Griechenlands durch die Perser für die Geistesfreiheit gehabt hätte, geht daraus hervor, daß, nach dem Berichte des Plinius, der persische Magier Osthanes, welcher Xerxes begleitete, überall wo er hingekommen gleichsam den Samen seiner übernatürlichen Kunst ausgestreut habe. Unter dem Drucke einer den Persern ergebenen Priesterkaste wäre der Obskurantismus zur Herrschaft gelangt.
[3]Im hippokratischen Buche über die Natur des Menschen, περὶ φύσεως ἀνθρώπου, heißt es ganz in diesem Sinne: „ ... es ist eine Naturnotwendigkeit, daß, wenn der Körper des Menschen zu Grunde geht, ein jedes zu seiner ihm eigentümlichen Qualität zurückkehrt, das Feuchte zum Feuchten, das Trockene zum Trockenen, das Warme zum Warmen und das Kalte zum Kalten.“
[4]Γαίη μὲν γαιαν οπώπαμεν, ὑδατι δ' ὑδωρ, αιθέρι δ' αιδερα ὀιον, ὰτὰρ πυρὶ πῦρ αιὀηλον. Erde sehen wir mit Erde und Wasser mit Wasser, mit Aether schaun wir den göttlichen Aether, mit Feuer leuchtendes Feuer.
[5]Es sind durch die neueren Forschungen (namentlich des Dr. Felix Freiherrn v. Oefele) sogar wörtliche (!) Uebereinstimmungen in Rezepten zwischen dem Corpus Hippocraticum und Papyrus Ebers nachgewiesen worden.
[6]„Aber einst,“ sagt Galen, „war ein nicht kleiner Streit unter den Koern und Knidiern, wer den andern an Menge der Erfindungen übertreffe, denn damals gab es nur noch diese beiden Asklepiadengeschlechter in Asien, indem das zu Rhodos nicht mehr vorhanden war. Es stritten aber den trefflichen Streit mit ihnen die italischen Aerzte: Philistion, Empedokles, Pausanias und deren Schüler. Die meisten und besten Chorführer wurden den Koern zu teil, nahe standen ihnen die Knidier, aber auch die Italer sind nicht geringer Erwähnung würdig.“
[7]Einleitung zu der Hippokratischen Schrift περὶ διαίτης ὁξέων = de diaeta in acutis.
[8]Galen lagen noch beide Auflagen vor.
[9]Z. B. ὄσχοι = Schößlinge = Zweige = Uterusbänder; ἀλώπηξ = Fuchs = Lendenmuskel.
[10]Die Hippokratische Schrift περὶ νούσων δ' = de morbis IV ist geradezu eine Fundgrube fürphysikalische Vergleiche. DiemechanistischeSchule der Alexandrinerzeit unter Führung des Erasistratos nahm von dieser Richtung ihren Ursprung.
[11]Das Prinzip der knidischen Schule (die Krankheitslokalisation) konnte erst nach dem Aufschwung der pathologischen Anatomie mit Erfolg durchgeführt werden. Bemerkenswerterweise erfuhr die Lokalpathologie und Lokaltherapie, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast zur Alleinherrschaft gelangte, in den letzten Dezennien durch die ätiologische Richtung und durch zahlreiche, auf den Allgemeinzustand gerichtete Behandlungsmethoden wieder eine Korrektur, welche lebhaft an die Reaktion der koischen Schule gegen die knidische erinnert.
[12]Vergl. die Physiologie der Aegypter. Die koischen Aerzte nahmen nur Atmung durch Mund und Nase an.
[13]Akron von Agrigentunterschied verschiedene Arten von Luftströmungen und zog aus ihrer Qualitätenmischung Schlüsse auf den Gesundheitszustand der Menschen. Damit im Zusammenhang steht es, daß er bei einer Seuche Feuer anzünden ließ, um die kalte und feuchte Luft trocken und warm zu machen. Vergl. hierzu die Seuchenbekämpfung durch Empedokles.
[14]In einzelnen Büchern des Corpus Hippocraticum (namentlich über die Winde, περὶ φυσῶν, und über die heilige Krankheit [Epilepsie], περὶ ἰερὴς νούσου) wird ebenfalls (beeinflußt von Diogenes von Apollonia) dem Pneuma die Hauptrolle zugeschrieben. — Bedenkt man, daß, wie noch heute in der Volksmedizin, das Symptom der Blähungen (Aufstoßen und Flatus) als Abgang eines krankmachenden Stoffes aufgefaßt wurde (verschlagene Winde), so liegt es nahe, daß dem verdorbenenPneumaauch in der Pathologie eine große Bedeutung eingeräumt wurde.
[15]In der Lehre vom Pneuma könnte man den ersten Keim der Wahrheit finden, daß der Sauerstoff eine Hauptrolle im Organismus spielt.
[16]Die gleiche Ansicht vertritt der Verfasser der hippokratischen Schrift „Ueber die alte Heilkunst“ (περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς).
[17]Nach koischer Anschauung gelangt das Pneuma zuerst in das Gehirn und wird von dort aus nach dem ganzen Körper verbreitet (περὶ ἰερὴς νούσου).
[18]Die Zahl der Bücher wird von den Autoren verschieden angegeben, je nachdem einzelne derselben als ganz selbständige Abhandlungen geführt oder nur als Fortsetzungen anderer angesehen werden; in diesem Sinne schwanken die Angaben zwischen 53 und 72. Aus gelegentlichen Bemerkungen in den vorhandenen Schriften und aus den Angaben der Alten ist zu ersehen, daß eine ganze Reihe von Abhandlungen schon im Altertum verloren gegangen ist; außerdem fehlen aber in der überkommenen Sammlung auch Schriften, welche noch im späteren Altertum bekannt waren. In den älteren Handschriften ist nur ein Teil des Corpus Hippocraticum enthalten. — Unter den älteren Ausgaben der Werke des Hippokrates sind die wichtigsten: die Ausgabe vonCornarius(Basil. 1538), vonAnutius Foësius(Francof. ad M. 1590 u. öfter), von Mercurialis (Venet. 1588), von van der Linden (Lugd. Batav. 1665) und von Chartier (Paris 1639-1679). In neuerer Zeit veranstaltetenKühn(Lips. 1825-1827) und der um die Hippokratesforschung ganz besonders verdienteEmile Littre(Paris 1839-1861) und Franz Zach. Ermerins (Traj. ad Rhen. 1859-1864), letztere beide kritische Ausgaben. Unter Benützung neuen handschriftlichen Materials lassen neuerdings Joh. Ilberg und H. Kühlewein eine neu revidierte Textausgabe erscheinen. Von den zahllosen Partialeditionen ist namentlich die Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Pétrequin (Paris 1877) erwähnenswert. — Ungemein zahlreiche Kommentare und viele Uebersetzungen der gesamten Werke oder einzelner Schriften wurden seit alter Zeit in den verschiedensten Sprachen verfaßt, sie besitzen großes literarhistorisches Interesse. Die älteren deutschen Uebersetzungen von Grimm, Lilienhain und Upmann sind durch die moderne Uebertragung von Robert Fuchs (Hippokrates, Sämtliche Werke, München 1895-1900) überholt worden.
[19]Ὅ μεν βίος βραχύς, ἥ δε τέχνη μακρή. ὅ μεν καιρὸς ὀξύς, ἥ δε πεῖρα σφαλερή.
[20]Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται· ὄσα σίδηρος οὐκ ἰῆται, πῦρ ἰῆται ὅσα δε πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρῆ νομίζειν ἀνίατα.
[21]Vergl. S. 161.
[22]Heilige Dinge aber werden nur geheiligten Männern offenbart, sie Laien zu verraten, ist nicht eher erlaubt, als bis sie in die Geheimnisse der Wissenschaft eingeweiht sind.
[23]In diesem Sinne heißt es im I. Kap. der Schrift „Die Diät“: „Es wäre unbillig, wenn man einem von den Vorgängern daraus einen Vorwurf machen wollte, wenn sie das Richtige nicht finden konnten, man hat vielmehr alle ohne Ausnahme zu loben, weil sie überhaupt die Erforschung dieser Fragen versucht haben. ... Ich setze aber diese Ausführung als Einleitung voran, weil gar viele Menschen, wenn sie die Erklärung eines Früheren über einen Gegenstand angehört haben, die Darlegung eines Späteren über denselben Gegenstand nicht annehmen wollen, in Unkenntnis darüber, daß es die Aufgabe derselben Ueberlegung ist, zu erkennen, was richtig gesagt ist, wie zu finden, was nicht richtig gesagt ist.“
[24]Der Denkprozeß, welcher die Krankheitserscheinungen zu einem Ganzen zusammenfaßt, ist dem Wesen desDramasverwandt, welches die Einzelhandlungen ineineHandlung auflöst.Vielleicht ist es kein Zufall, daß die höchste Stufe des Dramas mit der höchsten Entwicklung des medizinischen Denkens bei den Griechen zusammenfällt!
[25]Darum konnte Hippokrates aus der diätetisch-hygienischen Therapie der Gymnasten das Gute entnehmen, ohne ihre Uebertreibungen mitzumachen.Es ist besonders bemerkenswert, daß er im Gegensatz zur Sozialhygiene der alten Gesetzgeber oder der Pythagoreer auch die Diät der Gesunden und Kranken zuerst individualisierte.
[26]Am Schlusse der „Prognosen“ heißt es daher: „Man vermisse aber ja keinen einzigen Namen einer Krankheit, welche sich hier nicht beschrieben fände, denn alle Krankheiten, welche in den vorerwähnten Zeilen ihre Entscheidung finden, wird man an denselben Zeichen erkennen.“
[27]Es zeigt sich dies gerade in der Lehre von den kritischen Tagen besonders deutlich. Während Hippokrates zwar den rhythmischen Verlauf akuter Krankheiten, auch das häufige Auftreten der Krise an bestimmten Tagen beobachtete, so heißt es doch im Prognosticon (37), daß die Berechnung unsicher ist (ebenso in der Schrift „Die Krisen“, Kap. VII). Was den Einfluß der cälestischen Erscheinungen anlangt, so eliminierte Hippokrates die astrologische Vorstellung vom Einfluß der Gestirne auf das Einzelindividuum, betonte aber die Wirkung im großen auf den allgemeinen Gesundheitszustand etc.
[28]Vergl. die Schrift „Die Wochen“ (wo der Siebenzahl eine phantastische Bedeutung zugeschrieben wird). Im Buche über die Diät I und über die Träume wird die Analogie zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus in mystischem Schematismus durchgeführt.
[29]In der „alten Medizin“ heißt es: „Ich bin überzeugt, daß man bezüglich der Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis kommen kann, als durch die ärztliche Kunst. ... Mir scheint die Notwendigkeit vorzuliegen, daß ein jeder Arzt die Natur kennen lernt und sich alle Mühe gibt, wenn er anders seine Pflicht recht erfüllen will, kennen zu lernen, wie sich der Mensch dem Essen und dem Trinken gegenüber verhält, wie sonst den Lebensgewohnheiten gegenüber.“
[30]Sollte aber einer der Ansicht sein, daß diese Fragen lediglich in das Gebiet der Himmelskunde gehören, so wird er erfahren, daß die Astronomie nicht eine geringe, sondern eine sehr wesentliche Bedeutung für die ärztliche Kunst hat. Denn zugleich mit den Jahreszeiten ändern sich beim Menschen auch die Verdauung und die Krankheiten.
[31]Epid. VI, 5. Wiewohl diese Stelle in einem „unechten“ Buche vorkommt, verleiht sie doch dem Hippokratismus den prägnantesten Ausdruck.
[32]Die sexuelle Neurose (νοῦσος θήλεια) der Skythen, welche als Götterstrafe galt, wird hier auf vieles Reiten zurückgeführt.
[33]„Mit der sogenannten heiligen Krankheit (= Epilepsie) verhält es sich folgendermaßen.“ Sie scheint mir in keiner Beziehung einen mehr göttlichen Ursprung zu haben als die übrigen Krankheiten. ... Die Menschen aber haben infolge ihrer Unerfahrenheit und Verwunderung geglaubt, ihre Beschaffenheit wie ihre Veranlassung seien etwas Göttliches, weil sie in keinem Punkte den anderen Krankheiten gleicht. ... Wenn sie aber wegen des Wunderbaren für etwas Göttliches gehalten werden sollte, so wird es viele heilige Krankheiten geben und nicht eine einzige. ... Ich für meine Person jedoch halte nicht dafür, daß der Körper des Menschen durch einen Gott besudelt wird.
[34]Besonders in der Schrift de flatibus, wo das Pneuma als primäre Ursache aller Krankheiten erklärt wird. Als entferntere Krankheitsursache gilt es auch in Kap. X des Buches de nat. homin., wo es heißt: „Die Krankheiten entstehen teils durch die Lebensgewohnheiten, teils durch das Pneuma.“
[35]De diaeta z. B. anerkennt zwei Elemente, Feuer (warm — trocken) und Wasser (kalt — feucht); de nat. hom. dagegen die vier Empedokleischen Qualitäten.
[36]De prisca medicina, Kap. XIV: „Denn es steckt tatsächlich im Menschen das Bittere, das Salzige, das Süße, das Sauere, das Herbe, das Fade und noch vieles andere, mannigfaltig in Wirkung, Menge und Stärke. Dies alles nun tritt miteinander vermischt und vermengt nicht zu Tage, verursacht auch dem Menschen keinerlei Beschwerden, wird hingegen eines von ihnen abgesondert und selbständig, dann tritt es zu Tage und verursacht dem Menschen auch Beschwerden.“ Vergl. hierzu Alkmaion.
[37]Galle und Schleim z. B. de morb. sacro, in den meisten knidischen Schriften, z. B. de morbis I, de affectionibus, de affectionibus internis u. a. Galle, Wasser, Schleim und Blut z. B. de morbis IV. Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle de nat. homin.
[38]Sitz des Pneumas im Gehirn de morb. sacro, im Herzen de corde.
[39]Nach dem Anonymus Lond. (resp. Menons Iatrika) Kap. IX war Hippokrates Anhänger der pneumatischen Theorie, was vielleicht für den Beginn seiner Laufbahn gelten könnte; wie wenig sicher diese Angabe aber ist, erhellt schon daraus, daß Menon im darauffolgenden Kapitel anhebt:„Wie aber Hippokrates selbst sagt“und sodann die humorale Lehre entwickelt.
[40]Weder die Anomalien der Säfte, noch diejenigen des Pneumas oder die Fehler der Ernährung bilden allein für sich den Schwerpunkt der hippokratischen Krankheitsauffassung; worauf Hippokrates das Hauptgewicht legt, das ist die Störung der harmonischen Einheit des Organismus, welche zur Norm wieder zurückgeführt werden muß.
[41]Im XXII. Kap. der Schrift de prisca medicina wird jedoch im einzelnen ausgeführt,wie sehr die Beschaffenheit der Organe an sich bestimmend auf die Krankheitsformenwirkt. Weiter geht noch die Einleitung von de locis in homine, wo gesagt wird: „Das von Natur Trockene scheint mir von Krankheiten befallen zu werden und mehr Schmerz zu empfinden, das Feuchte hingegen in geringerem Grade; denn die Krankheit, welche in dem Trockenen ihren Sitz hat, nistet sich dort fest und hört nicht wieder auf, diejenige hingegen, welche im Feuchten ihren Sitz hat, zerfließt gleichsam und sucht bald diesen bald jenen Körperteil in höchstem Grade heim.“ Hier, wo also auf die Festteile des Körpers besonderer Nachdruck gelegt wird, ist schon die spätere „Solidarpathologie“ vorgezeichnet!
[42]De loc. in hom: „Es scheint mir keinen Anfang im Körper zu geben, sondern alles in gleicher Weise Anfang und alles Ende zu sein. ... Desgleichen scheinen mir auch die Krankheiten in gleicher Weise von dem gesamten Körper auszugehen. ... Beim Körper aber rufen alle seine einzelnen Teile der eine bei dem anderen ... eine Erkrankung hervor, der Leib im Kopfe, der Kopf in den Fleischteilen und im Leibe und auch alles Uebrige im entsprechenden Verhältnis. ... Wollte einer den kleinsten Teil des Körpers nehmen und ihm Schaden zufügen, so würde der gesamte Körper das Leiden wahrnehmen und zwar aus dem Grunde, weil der kleinste Teil des Körpers alles enthält, was auch der größte Teil enthält. Dieser aber überträgt, welches Leiden ihm auch zustoßen mag, dasselbe in jedem einzelnen Falle immer auf die ihm verwandten Teile.“ Letzterer Satz beruht auf der Erkenntnis desphysiologischen Wechselverhältnisses der Organe, der sogen.Sympathie.De alimento heißt es (Kap. XXIII):Ξύρῥοια μια, ξύμπνοια μια, ξυμπαθέα πάντα, Ein Zusammenströmen, eine Vereinigung, eine Sympathie. Die „Sympathie“ der Teile wird besonders berührt in den Büchern de fracturis, de articulis, Epid. III, sec. V. Aphorism. V, 50 (Uterus — Mammae).
[43]„Man muß wissen, in welchen Jahreszeiten die Säfte gleichsam in ihrer Blüte stehen, was für Krankheiten sie in jeder einzelnen Jahreszeit hervorrufen und was für Leiden sie bei jeder einzelnen Krankheit verursachen“ (de humorib. c. 8).
[44]Krisis ist der Inbegriff der natürlichen Anstrengungen zur Expulsion der schädlichen Massen.
[45]Im weiteren Sinne werden „Apostasen“ auch andere nicht kritische Wendungen, besonders Nachkrankheiten genannt.
[46]Hinsichtlich der Standesgeschichte ist es bemerkenswert, daß Hippokrates sowohl an dieser als an anderer Stelle darauf hinweist, wie der Arzt, „wenn er den Exitusoder die glückliche Heilungvorhererkannt und vorhersagt, frei von jeder Schuld ist“.
[47]Anderseits wird an zahlreichen Stellen vor leichtfertigen Prognosen gewarnt und zur Besonnenheit ermahnt, da man, „wenn man fehlgeht, nicht bloß dem Hasse anheimfällt, sondern wohl auch für verrückt angesehen wird“.
[48]„Man muß das vor der Krankheit Gelegene angeben, den gegenwärtigen Stand erkennen, die Prognose voraussagen“ (Epid. I, 11).
[49]Aus der Kasuistik läßt sich ermitteln,welche Symptome in ihrem Zusammentreffenauf günstigen und ungünstigen Ausgang hindeuten. Solche Zusammenstellungen finden sich besonders in den Koischen Prognosen, Aphorismen, Vorhersagungen. Am Schluß des Prognosticums sagt der Autor: „Wenn aber einer richtig erkennen will, wer davonkommen und wer zu Grunde gehen wird, bei wem die Krankheit länger oder kürzer anhalten wird, so muß er, nachdem er dieAnzeichenkennen gelernt hat, alle Fälle beurteilen können, indem er ihregegenseitigen Wirkungenberechnet.“
[50]Sogar den Träumen wurde in prognostischer Beziehung große Beachtung geschenkt, wie aus de victu IV (de somniis) erhellt. Wie schon von Herodot, wurde auch von den Hippokratikern zwischen „gottgesandten“ und natürlichen Träumen unterschieden. Nur letztere, als Ausdruck körperlicher Zustände, fesselten nicht mit Unrecht die Aufmerksamkeit der Aerzte. Darin, wie in dem ganzen Buch über die Träume hat man keinen Rückschritt orientalischer Traumdeuterei, sondern eher einen Fortschritt im Sinne der Aufklärung zu erblicken, wenn die ganze Richtung im einzelnen auch begreiflicherweise in Phantastik ausartete.
[51]Vergl. die Medizin der Aegypter.
[52]Eiteransammlungen in der Bauchhöhle, die auch Empyem genannt wurden, erkennt man nach de morb. I, 17 nicht durch das Schütteln, sondern findet die Ansammlungsstelle durch die lokale Schmerzhaftigkeit, und „wenn man mit Töpfererde einen Umschlag macht, so trocknet sie binnen kurzem an der Stelle aus“ (wegen der Hitze).
[53]Die hippokratische Auffassung ist auch heute, selbst durch die moderne ätiologische Therapie nicht überholt, sondern nur vertieft.
[54]ὼφελεὶν ὴ μὴ βλάπτειν. (Epid. I, 11.)
[55]Auf den richtigen Zeitpunkt (καιρός) wurde ganz besonderer Wert gelegt; denn dieser ist rasch enteilt (Aphor. I, 1). Im 5. Kapitel de morb. I wird über die „günstigen Augenblicke“ gehandelt. Am dringendsten ist das rasche ärztliche Eingreifen bei der Ohnmacht, bei Erstickungsanfall, bei Verhaltung des Harnes und Stuhles, bei gebärenden oder abortierenden Frauen etc. Wo es nur auf Schmerzlinderung ankommt, eilt es nicht. Bei gewissen Fällen ist am Morgen, am Abend, an jedem dritten oder vierten Tage oder alle drei Monate der Augenblick zum Eingreifen gekommen. —Bemerkenswert ist es, daß die hippokratische Medizin auch hier auf die Krankheitserscheinungen oder gewisse empirisch anscheinend festgestellte Tatsachen Rücksicht nimmt und sich nicht wie die orientalische Medizin an eine feste Schablone bindet. Dies zeigt sich besonders darin, daß man sich bei Vornahme des Aderlasses nicht an bestimmte Tage band.
[56]Ueber die Ausführung des Aderlasses gaben die Schriften de medico, de vulnerib. et ulc. und de vict. acut. zweckmäßige Vorschriften. In der Regel wurden, wenn es der Kräftezustand erlaubte, bedeutende Blutmengen, je nach der Schwere der Krankheit, entzogen; bei Kindern, Greisen und Schwangeren wendete man größere Vorsicht an. Gewöhnlich wählte man zur Applikation solche Stellen, die dem leidenden Teile so nahe als möglich sind, oder vermeintlich mit den leidenden Teilen in Verbindung stehen. — Prophylaktische Aderlässe sollen nur im Frühjahre ausgeführt werden.
[57]Der Schröpfkopf (σικύᾳ) war aus Horn, Glas, Bronze oder einem Flaschenkürbisende verfertigt.
[58]In leichten Fällen kamen Fomente zur Anwendung. — Das Opium diente nur als schlafmachendes, nicht aber als schmerzstillendes Mittel.
[59]De morbis I, Kap. 7.
[60]De loc. in hom. Kap. 40.
[61]Z. B. Aph. II, 22. „Alle durch Ueberfüllung kommenden Krankheiten heilt die Entleerung, alle durch Entleerung kommenden die Anfüllung und die übrigen ihr Gegenteil.“ De flatib. Kap. 1: „Mit einem Worte gesagt,es ist das Gegenteil das Heilmittel des Gegenteils, denn die ärztliche Kunst ist Hinzufügung und Wegnahme, Wegnahme des Ueberschusses, Hinzufügung des Mangelnden.“
[62]De loc. in hom. Kap. 40 und 41 wird eine ganze Reihe solcher Beispiele aufgezählt, welche den Verfasser zu dem an die Homöopathie anklingenden Satz hinführt: „Durch das Aehnliche entsteht die Krankheit und durch die Anwendung des Nämlichen werden die Menschen statt krank gesund.“ Auf Grund dieses Satzes wollte man bei Hippokrates eine Rechtfertigung der Homöopathie finden. Aber mit Unrecht; denn in demselben Kapitel heißt es: „Auf beiden entgegengesetzten Wegen wird der Kranke genesen. Wenn es sich mit allen Fällen so verhielte, so würde es wohl feststehende Regel geworden sein, auf diese Weise die einen Zustände mit dem Entgegengesetzten zu behandeln, wie sie nun sein und woher sie kommen mögen, die anderen hingegen mit dem Nämlichen.“ ... Ganz richtig erkennt auch derselbe Autor,daß das „Homöopathische“ nur in den Symptomen besteht, wenn er als Beispiel anführt: „Wenn man einen Menschen, welcher erbricht, viel Wasser zu trinken geben wollte, so wird das, um dessentwillen er erbricht, beim Erbrechen mit hinuntergespült.“ Also die causa morbi wird hier durch ein Mittel vertrieben, welches an sich Erbrechen erregen kann. Deutet man solche Fälle „homöopathisch“, dann haftet man eben nur an der Oberfläche der Symptome, ohne das Wesen des Vorganges zu erfassen. Der homöopathische Schein begleitet eben Heilformen, welche das contraria contrariis befolgen, ätiologisch wirken, wie z. B. die Opiumtherapie der Bleivergiftung, die Behandlung der Dysenterie mit Abführmitteln etc.
[63]Herodot IX, 83. Da nämlich die Platäer die Gebeine der Perser auf einen Platz zusammentrugen, fand sich ein Kopf, welcher gar keine Naht hatte, sondern aus einem einzigen Knochen bestand. Plinius, Hist. nat. XI, 70. Pausanias IV, 9.
[64]Z. B. de corde X: „Wenn nun einer, der den alten Ritus kennt, einem Verstorbenen das Herz herausnimmt und von den beiden Klappen die eine stützt und die andere sich außerdem noch zurücklehnen läßt, so wird weder Wasser noch Luft in das Innere des Herzens dringen können.“ De articulis I, 1: „Gesetzt, man entblößte den oberen Teil der Schulter von Weichteilen ...“ L. c. 46 wird von Wirbelluxation gesprochen und gesagt, die Einrichtung wäre unmöglich, „man müßte denn dem Betreffenden die Leibeshöhle aufschneiden, die Hand einführen und von innen her mit der Hand nach außen drängen, was man zwar an der Leiche, nicht aber am lebenden Menschen machen kann“.
[65]Epid. V, 26 heißt es allerdings von einem an Rippenbruch mit konsekutiver Verjauchung Verstorbenen: „Es wurde erkannt, daß sich die Krankheit weiter erstreckte als unter die Haut. Selbst wenn der Betreffende die richtige Behandlung erfahren hätte, wäre er doch nicht mit dem Leben davongekommen.“
[66]De morbo sacro 3: Das Gehirn des Menschen doppelt wie das der Tiere. Epid. VI, 6: Dickdarm des Menschen gleicht dem des Hundes. De anatome: Herz des Menschen stärker gerundet als das der Tiere. De carne 17: Tier- und Menschenauge. Pathologische Befunde: de morbo sacro: Ziegenhirn. De affect. int. XXIII: Hydatiden der Lunge beim Hunde, Schwein und Rind.
[67]Pausanias X, 2, 4.
[68]Nach der ältesten vonSyennesisherrührenden Beschreibung entspringen die Gefäße aus dem Kopfe und kreuzen sich bei ihrem Uebergang auf den Rumpf; nachDiogenes von Apolloniasind zwei große Gefäße des Rumpfes (Aorta und Hohlvene) Ausgangspunkt der Adern. Die im Corpus Hippocraticum vorhandene Gefäßbeschreibung (de natura hominis, de natura ossium) stammt nach dem Zeugnis des Aristoteles vonPolybos. Ihr zufolge gibt es vier Paare von Hauptadern, von denen das erste hinten aus dem Nacken, ein zweites aus dem Kopfe hinter den Ohren, das dritte aus den Schläfen, das vierte aus der Stirn entspringt.
[69]Beispielsweise verglich man die Anziehungskraft der Körperteile gegenüber den Säften mit der Wirkung der Schröpfköpfe. — Die Entstehung des Geschlechtes aus dem Ueberwiegen des männlichen oder weiblichen Samens erläutert der Verfasser von de semine mit folgendem Bilde: „Nimmt man mehr Fett als Wachs und schmilzt beides am Feuer, bis es flüssig geworden, so kann man nicht sehen, welches überwiegt, wenn es hingegen wieder hart geworden ist, kann man wahrnehmen, daß das Fett an Menge überlegen ist. So verhält es sich auch mit dem männlichen und weiblichen Samen.“ Im Buche de morbis IV findet sich eine ganze Reihe von Vergleichen krankhafter Vorgänge mit der Milchgerinnung, Molkenbereitung, der Verdampfung etc. Im Buche de diaeta I (Kap. 32) heißt es: „Das Feinste vom Wasser und das Lockerste vom Feuer deuten in ihrer Vereinigung auf den gesündesten Zustand im Körper des Menschen hin.... Das weichste und lockerste Kupfer läßt die ausgiebigste Mischung (Legierung) zu; so verhält es sich auch mit der Mischung des Feinsten am Wasser und des Lockersten am Feuer.“
[70]Im Buche de corde wird ausdrücklich gesagt, daß sich der linke Ventrikel nur von dem „reinen und lichten Ueberschusse“ nährt, „welcher aus einer Blutaussonderung herstammt“, keineswegs aber von „sichtbarem Blute“. Die Aorta hingegen ist nach demselben Autor mit Blut gefüllt, welches „aus dem Leibe und den Eingeweiden“ stammt; der Klappenverschluß habe den Zweck, den Eintritt des Blutes in den linken Ventrikel zu verhüten! Bei der Sektion zeige sich das linke Herz völlig leer, die Arterie dagegen sei ebensowenig als das rechte Herz blutleer.
[71]Aus Aegypten stammen wahrscheinlich auch manche der abergläubischen Mittel, besonders tierischer Art.
[72]Der Pflanzenname φιλίστιον (Klebkraut) erinnert daran.
[73]Aristoteles kennt außer den vier Elementen noch ein fünftes, den Aether, die quinta essentia, welches der siderischen Welt zukommt.