Chapter 6

„Dort bringt die fruchtbare ErdeMancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung.Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an ErfahrungAlle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlecht Paëons.“(Odyssee IV, 229-232.)

„Dort bringt die fruchtbare ErdeMancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung.Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an ErfahrungAlle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlecht Paëons.“(Odyssee IV, 229-232.)

„Dort bringt die fruchtbare ErdeMancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung.Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an ErfahrungAlle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlecht Paëons.“(Odyssee IV, 229-232.)

„Dort bringt die fruchtbare Erde

Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung.

Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an Erfahrung

Alle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlecht Paëons.“

(Odyssee IV, 229-232.)

Nachrichten über ägyptische Medizin finden sich bei Herodot, Diodor, dem kirchlichen Schriftsteller Clemens Alexandrinus (2. Jahrhundert n. Chr.), ferner in der Naturgeschichte des Plinius, der ebenso wie Dioskurides ägyptische Heilmittel erwähnt.Herodot erklärt Aegypten für das gesündeste Land(neben Libyen),doch erfüllt von Aerzten, von denen „der eine nur die Leiden des Auges, der andere diejenigen des Kopfes, der Zähne, des Unterleibs oder der inneren Organe behandle“; auch berichtet er (ebenso Xenophon), daß Kyros und Dareios ägyptische Aerzte zu sich beriefen.Diodor sagt, daß die ägyptischen Aerzte von übermäßiger Nahrungsaufnahme die Entstehung der Krankheiten herleiteten, vorzugsweise durch Fastenlassen, Brech- und Abführmittel heiltenund zur unentgeltlichen Behandlung der Krieger und Reisenden verpflichtet waren, da sie ohnedies vom Staate Besoldung empfingen; derselbe Autor bemerkt auch,daß der unglückliche Ausgang einer Kur, welche der gesetzmäßig festgelegten Behandlungsweise entsprach, dem Arzte nicht zur Last fiel, während ein eigenmächtiges Vorgehen, das sich über die herkömmlichen Schranken hinwegsetzte, im Falle des Exitus letalis sogar Todesstrafe nach sich ziehen konnte. Die medizinische Wissenschaft soll nach dem Berichte des Clemens Alexandrinus, in den sechs letzten der 42hermetischen Bücherfestgelegt gewesen sein, deren Abfassung dem Gotte Thot (= Hermes der Griechen, daher der Name „hermetisch“) zugeschrieben wurde; sie hießen (nach den Anfangsworten Ha em re em per em hru = es fängt an das Buch vom Bereiten der Arzneien für alle Körperteile) Ambre oder Embre und betrafen der Reihe nach: den Bau des menschlichen Körpers, die Krankheitslehre, die Chirurgie, die Arzneimittel, die Augenkrankheiten, die Frauenleiden. Die von Dioskurides angeführten ägyptischen Drogenbezeichnungen konnten nur zum allergeringsten Teile identifiziert werden.

Nachrichten über ägyptische Medizin finden sich bei Herodot, Diodor, dem kirchlichen Schriftsteller Clemens Alexandrinus (2. Jahrhundert n. Chr.), ferner in der Naturgeschichte des Plinius, der ebenso wie Dioskurides ägyptische Heilmittel erwähnt.

Herodot erklärt Aegypten für das gesündeste Land(neben Libyen),doch erfüllt von Aerzten, von denen „der eine nur die Leiden des Auges, der andere diejenigen des Kopfes, der Zähne, des Unterleibs oder der inneren Organe behandle“; auch berichtet er (ebenso Xenophon), daß Kyros und Dareios ägyptische Aerzte zu sich beriefen.Diodor sagt, daß die ägyptischen Aerzte von übermäßiger Nahrungsaufnahme die Entstehung der Krankheiten herleiteten, vorzugsweise durch Fastenlassen, Brech- und Abführmittel heiltenund zur unentgeltlichen Behandlung der Krieger und Reisenden verpflichtet waren, da sie ohnedies vom Staate Besoldung empfingen; derselbe Autor bemerkt auch,daß der unglückliche Ausgang einer Kur, welche der gesetzmäßig festgelegten Behandlungsweise entsprach, dem Arzte nicht zur Last fiel, während ein eigenmächtiges Vorgehen, das sich über die herkömmlichen Schranken hinwegsetzte, im Falle des Exitus letalis sogar Todesstrafe nach sich ziehen konnte. Die medizinische Wissenschaft soll nach dem Berichte des Clemens Alexandrinus, in den sechs letzten der 42hermetischen Bücherfestgelegt gewesen sein, deren Abfassung dem Gotte Thot (= Hermes der Griechen, daher der Name „hermetisch“) zugeschrieben wurde; sie hießen (nach den Anfangsworten Ha em re em per em hru = es fängt an das Buch vom Bereiten der Arzneien für alle Körperteile) Ambre oder Embre und betrafen der Reihe nach: den Bau des menschlichen Körpers, die Krankheitslehre, die Chirurgie, die Arzneimittel, die Augenkrankheiten, die Frauenleiden. Die von Dioskurides angeführten ägyptischen Drogenbezeichnungen konnten nur zum allergeringsten Teile identifiziert werden.

Das Zeugnis Homers und die Hinweise der griechischen Geschichtschreiber ließen zwar ein hohes Alter der ägyptischen Medizin vermuten, doch reichten die Schätzungen nicht entfernt an die Wirklichkeit heran. Heute wissen wir, daß die Griechen, als sich ihnen im 7. Jahrhundert das Nilland eröffnete, nicht die Blüte, sondern den Verfall der ägyptischen Medizin antrafen, und daß deren höchste Entwicklungsstufe, wenn die Originalität der literarischen Produktionen den Maßstab abgibt, vor das zweite Jahrtausend zu verlegen ist. Denn, wie sicher erwiesen, wurden die beiden Papyrusrollen, welche hauptsächlich für unsere Kenntnis der ägyptischen Heilkunde in Betracht kommen:der Papyrus Ebers und der(größere Berliner medizinische)Papyrus Brugsch, um die Mitte des 16. bezw. im 14. Jahrhundert v. Chr. niedergeschrieben; beide Werke sind aber nichts anderes als Kompilationen aus älteren Schriften, die zum Teil auf die Pyramidenzeit (3. oder 4. Jahrtausend) zurückdatiert werden.

Der im Besitze der Leipziger Universitätsbibliothek befindlichePapyrus Ebersübertrifft die übrigen bisher aufgefundenen medizinischen Papyri durch den Reichtum des Inhalts, durch die Schönheit der Schrift und durch seine beinahe vollkommene Lückenlosigkeit. Er besitzt eine Länge von mehr als 20 m, eine Höhe von 30 cm, und besteht aus 108 Spalten mit 20-22 Zeilen in hieratischer Schrift; durch ein Versehen des Schreibers sind bei der Numerierung der Spalten die Zahlen 28 und 29 übergangen, so daß die letzte Tafel nicht mit 108, sondern mit der Zahl 110 schließt. Mittels einer Kalendernotiz, die von anderer Hand geschrieben auf der Rückseite der ersten Spalte steht, konnte festgestellt werden, daß der Papyrus spätestens um 1550 v. Chr., vielleicht aber schon zur Zeit der Hyksos, abgefaßt worden ist. Die Vorderseite trägt einen, aus verschiedenen kleineren Stücken ungleichartigen Ursprungs bestehenden Text, der ausHeliopolisundSaisherstammen soll; die 12 Spalten umfassende Rückseite, deren Hauptabschnitte ein Traktat ausLetopolisund einethebanischeSchrift vorwiegend chirurgischen Inhalts bilden, nimmt auf die Vorderseite des Papyrus keinen Bezug. Das Ganze stellt demnach keine Originalarbeit, sondern eine lose Kompilation von Abschnitten dar, was schon daraus hervorgeht, daß an einigen Stellen mitten im Text die Worte quem-sen = „gefunden zerstört“ stehen; im wesentlichen ist es eine Rezeptsammlung (über 900) gegen eine beträchtliche Anzahl von Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe). Einige Abschnitte besitzen ein sehr hohes Alter, so namentlich Taf. 103, welche beginnt: „Anfang des Buches vom Vertreiben der ucheduin allen Gliedern einer Person, so wie es in einer Schrift unter den Füßen des Gottes Anubis in der Stadt Letopolis gefunden wurde; es wurde zu Sr. Majestät dem König von Ober- und Unterägypten Husapaït (Usaphaïs) gebracht.“ Husapaït (Chasty) war der fünfte König der ersten Dynastie (um 3700 v. Chr.), der Abschnitt stammt also aus dem4. Jahrtausend v. Chr.Weiteren Kreisen ist der Papyrus Ebers durch eine Edition und eine Uebersetzung zugänglich gemacht worden: Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzneimittel der alten Aegypter in hieratischer Schrift. Herausgegeben mit Inhaltsangabe und Einleitung versehen vonGeorg Ebers. Mit hieroglyphisch-lateinischen Glossen von Ludwig Stern. 2 Bände, Leipzig 1875. — Papyros Ebers. Aus dem Aegyptischen zum ersten Male vollständig übersetzt vonH. Joachim, Berlin 1890. — Der Inhalt des Pap. E. ist vorwiegendpharmakotherapeutisch, das theurgische Element (mit dem Ueberwiegen der Gebete über Beschwörungen) steht im Hintergrunde.Der weit schwerer lesbare, schlecht erhaltene, 5 m langePapyrus Brugschmajor des Berliner Museums, welcher aus 24 Spalten besteht, viel stärkere Spuren des fleißigen Benützens trägt und aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. (Epoche Ramses II.) herrührt, ist von Brugsch herausgegeben (Recueil de Monuments egyptiens II, Tafel 85-107), aber bisher nur teilweise übersetzt worden. Er besitzt ein ähnliches Gepräge wie der Pap. Ebers (170Rezeptformeln), doch tritt in ihm die magische Therapie (besonders in der Geburtshilfe) schon etwas stärker hervor. Die Quellen, aus denen der Papyrus Brugsch zusammengestellt worden war, decken sich zum großen Teil mit jenen des Pap. Ebers, wobei jedoch ersterer in einzelnen Abschnitten ausführlicher gehalten ist. Zu dem oben zitierten Abschnitt aus Pap. Ebers „Anfang des Buches vom Vertreiben der uchedu“ findet sich (Taf. 15) eine Parallelstelle, die noch weitere Aufschlüsse erteilt: „Anfang des Buches vom Vertreiben der Krankheiten, gefunden in einer alten Schrift in einer Kiste mit Schreibsachen unter des Gottes Anubis Füßen in Letopolis unter Sr. Majestät des ägyptischen Königs Usaphaïs Regierung. Nachdem er gestorben war, wurde das Buch zu Sr. Majestät dem König von Aegypten, Sent, auf Grund seiner Vortrefflichkeit gebracht.“ Sent (Sendi) war der fünfte König der zweiten Dynastie.Der in neuester Zeit von G. A. Reisner (Leipzig 1905) ediertePapyrus Hearst, stammt ungefähr aus derselben Zeit wie der Pap. Ebers und besteht etwa zu ⅔ aus Abschnitten, die mit dem Papyrus E. identisch sind, und zwar sind nicht nur einzelne Rezepte, sondern ganze Rezeptgruppen manchmal die gleichen. Es scheint demnach eine bedeutende Anzahl kleiner Rezeptsammlungen damals gegeben zu haben, welche nach Belieben geordnet wurden.Der kleinere Berliner medizinische Papyrus3027 (in der Zeit des Uebergangs vom mittleren zum neuen Reich abgefaßt und aus 15 Seiten bestehend) wurde unter dem Titel „Zaubersprüche für Mutter und Kind“, von A. Erman herausgegeben und übersetzt (Berlin 1901). Sein Inhalt bezieht sich nur auf die abergläubischen Gebräuche der Wochen- und Kinderstube; mit Ausnahme von drei eigentlichen Rezepten bringt die Schrift bloß Zauberformeln.Weitere Aufschlüsse sind zu erwarten von der Herausgabe des Londoner Papyrus Birch (aus der Zeit der 18.-19. Dynastie), neben welchem sich im British Museum noch ein zweiter medizinischer Papyrus (aus der 12. Dynastie) befindet. In den Beginn des „mittleren“ Reiches (Zeit der 12. Dynastie) fällt die Abfassung der beiden ältesten unter den bisher bekannten Papyris, nämlich desVeterinärpapyrusund desgynäkologischen Papyrus von Kahun, welche Flinders Petrie auffand und Griffith veröffentlichte;beide wurden Ende des 3. oder spätestens im Anfang des 2. Jahrtausends niedergeschrieben. Der (hieroglyphische) Veterinärpapyrus steht auf streng empirischem Standpunkte und enthält rationelle chirurgische und sonstige äußere Vorschriften zur Behandlung wohl erfaßterSymptomenkomplexe(nicht einzelner Symptome!), der gynäkologische Papyrus, welcher in sehr schlechtem Zustande erhalten ist (die ersten Spalten wurden schon vor 4000 Jahren beschädigt und durch Aufkleben kleiner Makulaturstreifen auf dem Rücken ausgebessert), stellt eine Kompilation aus zwei Quellen dar; seine therapeutischen Maßnahmen sind zumeist arzneilich,frei von Theurgie(?); dem Uterus wird ein Steigen und Fallen, also Herumschweifen im Leibe zugeschrieben.Von geringerer Bedeutung für die Kenntnis der altägyptischen Medizin sind die Texte magisch-medizinischen Inhalts in den Museen zu Leiden, Turin, Paris und Boulaq. Die demotisch geschriebenen Texte sind frühestens im 1. Jahrtausendv. Chr. (teilweise in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten) niedergeschrieben worden; ihre Rezeptur und ihre medizinische Ausdrucksweise entspricht der Altägyptischen Medizin, doch findet sich das rationell-empirische Moment in einem Wust von krassemAberglauben(Wortzauber, Tagwählerei, Omenbeachtung) undGeheimniskrämerei(hermetische Umnennung der Drogen) vergraben — ein deutliches Zeichen der Verfallszeit und der überwiegenden fremden Einflüsse. Als Zeugen der nüchternen empirischen Geistesart der Aegypter zur Zeit der Ptolemäer sind bisher nur die auf den Tempelwänden aufgezeichneten Rezepte für verschiedene Räuchermittel und Salböle bekannt.

Der im Besitze der Leipziger Universitätsbibliothek befindlichePapyrus Ebersübertrifft die übrigen bisher aufgefundenen medizinischen Papyri durch den Reichtum des Inhalts, durch die Schönheit der Schrift und durch seine beinahe vollkommene Lückenlosigkeit. Er besitzt eine Länge von mehr als 20 m, eine Höhe von 30 cm, und besteht aus 108 Spalten mit 20-22 Zeilen in hieratischer Schrift; durch ein Versehen des Schreibers sind bei der Numerierung der Spalten die Zahlen 28 und 29 übergangen, so daß die letzte Tafel nicht mit 108, sondern mit der Zahl 110 schließt. Mittels einer Kalendernotiz, die von anderer Hand geschrieben auf der Rückseite der ersten Spalte steht, konnte festgestellt werden, daß der Papyrus spätestens um 1550 v. Chr., vielleicht aber schon zur Zeit der Hyksos, abgefaßt worden ist. Die Vorderseite trägt einen, aus verschiedenen kleineren Stücken ungleichartigen Ursprungs bestehenden Text, der ausHeliopolisundSaisherstammen soll; die 12 Spalten umfassende Rückseite, deren Hauptabschnitte ein Traktat ausLetopolisund einethebanischeSchrift vorwiegend chirurgischen Inhalts bilden, nimmt auf die Vorderseite des Papyrus keinen Bezug. Das Ganze stellt demnach keine Originalarbeit, sondern eine lose Kompilation von Abschnitten dar, was schon daraus hervorgeht, daß an einigen Stellen mitten im Text die Worte quem-sen = „gefunden zerstört“ stehen; im wesentlichen ist es eine Rezeptsammlung (über 900) gegen eine beträchtliche Anzahl von Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe). Einige Abschnitte besitzen ein sehr hohes Alter, so namentlich Taf. 103, welche beginnt: „Anfang des Buches vom Vertreiben der ucheduin allen Gliedern einer Person, so wie es in einer Schrift unter den Füßen des Gottes Anubis in der Stadt Letopolis gefunden wurde; es wurde zu Sr. Majestät dem König von Ober- und Unterägypten Husapaït (Usaphaïs) gebracht.“ Husapaït (Chasty) war der fünfte König der ersten Dynastie (um 3700 v. Chr.), der Abschnitt stammt also aus dem4. Jahrtausend v. Chr.Weiteren Kreisen ist der Papyrus Ebers durch eine Edition und eine Uebersetzung zugänglich gemacht worden: Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die Arzneimittel der alten Aegypter in hieratischer Schrift. Herausgegeben mit Inhaltsangabe und Einleitung versehen vonGeorg Ebers. Mit hieroglyphisch-lateinischen Glossen von Ludwig Stern. 2 Bände, Leipzig 1875. — Papyros Ebers. Aus dem Aegyptischen zum ersten Male vollständig übersetzt vonH. Joachim, Berlin 1890. — Der Inhalt des Pap. E. ist vorwiegendpharmakotherapeutisch, das theurgische Element (mit dem Ueberwiegen der Gebete über Beschwörungen) steht im Hintergrunde.

Der weit schwerer lesbare, schlecht erhaltene, 5 m langePapyrus Brugschmajor des Berliner Museums, welcher aus 24 Spalten besteht, viel stärkere Spuren des fleißigen Benützens trägt und aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. (Epoche Ramses II.) herrührt, ist von Brugsch herausgegeben (Recueil de Monuments egyptiens II, Tafel 85-107), aber bisher nur teilweise übersetzt worden. Er besitzt ein ähnliches Gepräge wie der Pap. Ebers (170Rezeptformeln), doch tritt in ihm die magische Therapie (besonders in der Geburtshilfe) schon etwas stärker hervor. Die Quellen, aus denen der Papyrus Brugsch zusammengestellt worden war, decken sich zum großen Teil mit jenen des Pap. Ebers, wobei jedoch ersterer in einzelnen Abschnitten ausführlicher gehalten ist. Zu dem oben zitierten Abschnitt aus Pap. Ebers „Anfang des Buches vom Vertreiben der uchedu“ findet sich (Taf. 15) eine Parallelstelle, die noch weitere Aufschlüsse erteilt: „Anfang des Buches vom Vertreiben der Krankheiten, gefunden in einer alten Schrift in einer Kiste mit Schreibsachen unter des Gottes Anubis Füßen in Letopolis unter Sr. Majestät des ägyptischen Königs Usaphaïs Regierung. Nachdem er gestorben war, wurde das Buch zu Sr. Majestät dem König von Aegypten, Sent, auf Grund seiner Vortrefflichkeit gebracht.“ Sent (Sendi) war der fünfte König der zweiten Dynastie.

Der in neuester Zeit von G. A. Reisner (Leipzig 1905) ediertePapyrus Hearst, stammt ungefähr aus derselben Zeit wie der Pap. Ebers und besteht etwa zu ⅔ aus Abschnitten, die mit dem Papyrus E. identisch sind, und zwar sind nicht nur einzelne Rezepte, sondern ganze Rezeptgruppen manchmal die gleichen. Es scheint demnach eine bedeutende Anzahl kleiner Rezeptsammlungen damals gegeben zu haben, welche nach Belieben geordnet wurden.

Der kleinere Berliner medizinische Papyrus3027 (in der Zeit des Uebergangs vom mittleren zum neuen Reich abgefaßt und aus 15 Seiten bestehend) wurde unter dem Titel „Zaubersprüche für Mutter und Kind“, von A. Erman herausgegeben und übersetzt (Berlin 1901). Sein Inhalt bezieht sich nur auf die abergläubischen Gebräuche der Wochen- und Kinderstube; mit Ausnahme von drei eigentlichen Rezepten bringt die Schrift bloß Zauberformeln.

Weitere Aufschlüsse sind zu erwarten von der Herausgabe des Londoner Papyrus Birch (aus der Zeit der 18.-19. Dynastie), neben welchem sich im British Museum noch ein zweiter medizinischer Papyrus (aus der 12. Dynastie) befindet. In den Beginn des „mittleren“ Reiches (Zeit der 12. Dynastie) fällt die Abfassung der beiden ältesten unter den bisher bekannten Papyris, nämlich desVeterinärpapyrusund desgynäkologischen Papyrus von Kahun, welche Flinders Petrie auffand und Griffith veröffentlichte;beide wurden Ende des 3. oder spätestens im Anfang des 2. Jahrtausends niedergeschrieben. Der (hieroglyphische) Veterinärpapyrus steht auf streng empirischem Standpunkte und enthält rationelle chirurgische und sonstige äußere Vorschriften zur Behandlung wohl erfaßterSymptomenkomplexe(nicht einzelner Symptome!), der gynäkologische Papyrus, welcher in sehr schlechtem Zustande erhalten ist (die ersten Spalten wurden schon vor 4000 Jahren beschädigt und durch Aufkleben kleiner Makulaturstreifen auf dem Rücken ausgebessert), stellt eine Kompilation aus zwei Quellen dar; seine therapeutischen Maßnahmen sind zumeist arzneilich,frei von Theurgie(?); dem Uterus wird ein Steigen und Fallen, also Herumschweifen im Leibe zugeschrieben.

Von geringerer Bedeutung für die Kenntnis der altägyptischen Medizin sind die Texte magisch-medizinischen Inhalts in den Museen zu Leiden, Turin, Paris und Boulaq. Die demotisch geschriebenen Texte sind frühestens im 1. Jahrtausendv. Chr. (teilweise in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten) niedergeschrieben worden; ihre Rezeptur und ihre medizinische Ausdrucksweise entspricht der Altägyptischen Medizin, doch findet sich das rationell-empirische Moment in einem Wust von krassemAberglauben(Wortzauber, Tagwählerei, Omenbeachtung) undGeheimniskrämerei(hermetische Umnennung der Drogen) vergraben — ein deutliches Zeichen der Verfallszeit und der überwiegenden fremden Einflüsse. Als Zeugen der nüchternen empirischen Geistesart der Aegypter zur Zeit der Ptolemäer sind bisher nur die auf den Tempelwänden aufgezeichneten Rezepte für verschiedene Räuchermittel und Salböle bekannt.

Wie die meisten alten Kulturvölker gaben die Aegypter der Heilkunst einen überirdischen Ursprung und brachten gewisse Gottheiten in nahen Zusammenhang mit der Medizin. Am öftesten werden in dieser Hinsicht genannt: der Sonnengott Ra, die Erfinderin vieler Arzneimittel, die zauberkundige Isis (Erde) mit ihrem Sohne Horus, die in Saïs verehrte Neit, der Mondgott Thot (Duhit = Hermes, Erfinder der Rechen- und Meßkunst, Urheber des religiös-wissenschaftlichen, daher auch medizinischen Schrifttums) und der Sohn des Ptah Imhotep (= Asklepios, vielleicht ein vergöttlichter Priesterarzt), dessen Hauptheiligtum sich in Memphis befand. Thot wurde durch den Hundsaffen, Kynokephalos und den Ibis verkörpert (ibisköpfig dargestellt) und galt als eigentlicher Aerztegott; ihm wurde auch die Erfindung des Klistiers zugeschrieben (beruhend auf der angeblichen Beobachtung, daß der Ibis sich mit seinem langen Schnabel Meerwasser in den Anus eingießt). Das Ansehen des Imhotep (= der in Frieden kommt) stieg in dem Maße, als die Bedeutung von Memphis und seiner Priesterschule anwuchs. — Als Schutzgötter des Kindersegens und der Entbindung verehrte man den widderhörnigen Gott Chnum, die löwen- oder katzenköpfigen Göttinnen Sechmet, Pacht, Bastet. — Bringer der epidemischen Krankheiten war der (eselsköpfige) Gott Set = Typhon, welcher das böse Prinzip repräsentierte.

Zu einem wirklich einheitlichen Religionssystem kam es niemals in Aegypten; trotz des allmählichen Aufgehens im Gesamtreiche wußten die ursprünglichen Einzelstaaten ihre Selbständigkeit in religiösen Dingen zu wahren. Dies drückt sich auch in der medizinischen Mythologie deutlich aus, und demgemäß zeigen nicht nur die einzelnen Texte untereinander Verschiedenheiten, sondern auch ein und derselbe Papyrus läßt, sofern er, wie der Pap. Ebers, aus Schriften verschiedener Herkunft kompiliert ist, eine Vielgestaltigkeit des Götterkultus erkennen. Ein orientierender Faden ist, ähnlich wie in der mesopotamischen Mythologie, in dem Auftreten von Göttertriaden (väterlicher Gott, Mutter, Sohn) zu finden, welche darin übereinstimmen, daß der väterliche Gott als höchste Instanz der Heilkunst galt, dem Sohne die eigentliche Heiltätigkeit oblag, während der Mutter vorwiegend magische Kräfte und die Beeinflussung der Frauenkrankheiten zugeschrieben wurden. In der Osirismythe (Heimat Abydos) ist der Isis und ihrem SohneHorusdiese Rolle zugewiesen, in On (Heliopolis) bilden: Ra, Ast undThotdie Göttertrias, in Memphis: Ptah, Sechet und Imhotep, in Theben: Amun, Mut und Chonsu; in anderen Städten wurden andere Götterkreise verehrt (so war z. B. in Sechem [Letopolis] Anubis der göttliche Sohn, in Saïs Neit die Göttermutter). Thot (Duhit) wird vermutungsweisemit Athotis (Teti, zweiter König der ersten Dynastie) oder dessen Nachfolger Itath in Zusammenhang gebracht, Imhotep mit (dem König der dritten Dynastie) Zoser Sa, Tosorthos.In der Mythologie spielen auch Krankheiten der Götter eine Rolle. Der alternde Rā erkrankt durch einen, aus seinem eigenen Sputum bereiteten „Wurm“, welcher ihn von der Ferse aus infiziert. Isis wurde in den Sümpfen des Delta von einer Entzündung der Mamma ergriffen. Der Sohn des Osiris und der Isis, Horus, erkrankte einmal an Skorpionstichen, ein anderes Mal an einer Art von Dysenterie, im Entscheidungskampf mit dem bösen Set (Typhon) büßt dieser die Hoden ein, kommt Horus beinahe um ein Auge, wird aber wieder geheilt. Anspielungen auf die Götterkrankheiten bezw. Heilungen machen den Hauptinhalt mancher magischer Formeln aus, und Rezeptsammlungen heben jene Arzneimischungen besonders hervor, welche angeblich von Göttern stammen oder für sie bereitet wurden. Im Pap. Ebers z. B. wird ein Mittel erwähnt, das der Gott Rā, ferner andere, welche der Gott Sŭ, der Gott Seb, die Göttinnen Tefnut, Nut und Ast zusammengesetzt haben. In der Einleitung dieses Papyrus heißt es: „Möge mich Isis heilen, so wie sie Horus heilte von allen Schmerzen, die ihm sein Bruder Set angetan hat, da er seinen Vater Osiris tötete. O Isis, du große Zauberin, heile mich, erlöse mich von allen bösen, schlechten, typhonischen Dingen, von den dämonischen und tödlichen Krankheiten und Verunreinigungen jeder Art, die sich auf mich stürzen, so wie du erlöst und befreit hast deinen Sohn Horus.“ Eine der Formeln, welche über ein Augenmittel zu sprechen ist (Joachim, Pap. Ebers p. 93), enthält den Namen des Horus. Der Horusknabe, welcher von bösen Tieren, Feuer und anderem Unglück bedroht war, aber aller Gefahr durch den Zauber der Isis entging (oder Isis mit dem Horuskinde), wurde späterhin, wie Amulette bewiesen, zum Schutzgeist gegen schädliche Tiere und erfreute sich namentlich in der Krankenstube der Kinder großer Verehrung. Von den einschlägigen Stellen im Berliner Papyrus 3027 (Zaubersprüche für Mutter und Kind) seien hier nur folgende erwähnt: „Meine Hände liegen auf diesem Kinde, und die Hände der Isis liegen auf ihm, wie sie ihre Hände legt auf ihren Sohn Horus.“ — Ansprache an ein krankes Kind, das ebenso wie Horus genesen wird: „Du bist Horus und du erwachst als Horus. Du bist der lebende Horus; ich vertreibe die Krankheit, die in deinem Leibe ist, und das Leiden, das in deinen Gliedern ist.“

Zu einem wirklich einheitlichen Religionssystem kam es niemals in Aegypten; trotz des allmählichen Aufgehens im Gesamtreiche wußten die ursprünglichen Einzelstaaten ihre Selbständigkeit in religiösen Dingen zu wahren. Dies drückt sich auch in der medizinischen Mythologie deutlich aus, und demgemäß zeigen nicht nur die einzelnen Texte untereinander Verschiedenheiten, sondern auch ein und derselbe Papyrus läßt, sofern er, wie der Pap. Ebers, aus Schriften verschiedener Herkunft kompiliert ist, eine Vielgestaltigkeit des Götterkultus erkennen. Ein orientierender Faden ist, ähnlich wie in der mesopotamischen Mythologie, in dem Auftreten von Göttertriaden (väterlicher Gott, Mutter, Sohn) zu finden, welche darin übereinstimmen, daß der väterliche Gott als höchste Instanz der Heilkunst galt, dem Sohne die eigentliche Heiltätigkeit oblag, während der Mutter vorwiegend magische Kräfte und die Beeinflussung der Frauenkrankheiten zugeschrieben wurden. In der Osirismythe (Heimat Abydos) ist der Isis und ihrem SohneHorusdiese Rolle zugewiesen, in On (Heliopolis) bilden: Ra, Ast undThotdie Göttertrias, in Memphis: Ptah, Sechet und Imhotep, in Theben: Amun, Mut und Chonsu; in anderen Städten wurden andere Götterkreise verehrt (so war z. B. in Sechem [Letopolis] Anubis der göttliche Sohn, in Saïs Neit die Göttermutter). Thot (Duhit) wird vermutungsweisemit Athotis (Teti, zweiter König der ersten Dynastie) oder dessen Nachfolger Itath in Zusammenhang gebracht, Imhotep mit (dem König der dritten Dynastie) Zoser Sa, Tosorthos.

In der Mythologie spielen auch Krankheiten der Götter eine Rolle. Der alternde Rā erkrankt durch einen, aus seinem eigenen Sputum bereiteten „Wurm“, welcher ihn von der Ferse aus infiziert. Isis wurde in den Sümpfen des Delta von einer Entzündung der Mamma ergriffen. Der Sohn des Osiris und der Isis, Horus, erkrankte einmal an Skorpionstichen, ein anderes Mal an einer Art von Dysenterie, im Entscheidungskampf mit dem bösen Set (Typhon) büßt dieser die Hoden ein, kommt Horus beinahe um ein Auge, wird aber wieder geheilt. Anspielungen auf die Götterkrankheiten bezw. Heilungen machen den Hauptinhalt mancher magischer Formeln aus, und Rezeptsammlungen heben jene Arzneimischungen besonders hervor, welche angeblich von Göttern stammen oder für sie bereitet wurden. Im Pap. Ebers z. B. wird ein Mittel erwähnt, das der Gott Rā, ferner andere, welche der Gott Sŭ, der Gott Seb, die Göttinnen Tefnut, Nut und Ast zusammengesetzt haben. In der Einleitung dieses Papyrus heißt es: „Möge mich Isis heilen, so wie sie Horus heilte von allen Schmerzen, die ihm sein Bruder Set angetan hat, da er seinen Vater Osiris tötete. O Isis, du große Zauberin, heile mich, erlöse mich von allen bösen, schlechten, typhonischen Dingen, von den dämonischen und tödlichen Krankheiten und Verunreinigungen jeder Art, die sich auf mich stürzen, so wie du erlöst und befreit hast deinen Sohn Horus.“ Eine der Formeln, welche über ein Augenmittel zu sprechen ist (Joachim, Pap. Ebers p. 93), enthält den Namen des Horus. Der Horusknabe, welcher von bösen Tieren, Feuer und anderem Unglück bedroht war, aber aller Gefahr durch den Zauber der Isis entging (oder Isis mit dem Horuskinde), wurde späterhin, wie Amulette bewiesen, zum Schutzgeist gegen schädliche Tiere und erfreute sich namentlich in der Krankenstube der Kinder großer Verehrung. Von den einschlägigen Stellen im Berliner Papyrus 3027 (Zaubersprüche für Mutter und Kind) seien hier nur folgende erwähnt: „Meine Hände liegen auf diesem Kinde, und die Hände der Isis liegen auf ihm, wie sie ihre Hände legt auf ihren Sohn Horus.“ — Ansprache an ein krankes Kind, das ebenso wie Horus genesen wird: „Du bist Horus und du erwachst als Horus. Du bist der lebende Horus; ich vertreibe die Krankheit, die in deinem Leibe ist, und das Leiden, das in deinen Gliedern ist.“

Der Arzt(Sun-nu)gehörte der Priesterschaft an, d. h. jener Kaste, welcher neben dem Kultus die Pflege der gesamten Gelehrsamkeit anvertraut war. Wie die übrigen Wissenszweige wurde auch die Medizin in den, mit den Tempeln in Verbindung stehenden Schulen gelehrt — die berühmtesten waren inOn,Saïs,Memphis und Theben—, die ärztlichen Adepten empfingen aber gewiß nicht nur theoretischen Unterricht (auf Grund der vom Gotte Thot inspirierten heiligen Bücher und deren Erklärungsschriften), sondern auch praktische Unterweisung; für diese war dadurch Gelegenheit gegeben, daß sich viele Heilungsbedürftige in den Tempeln einfanden, und die Priesterärzte die Kranken auch in ihren Wohnungen besuchten. Das Aufgehen des Aerztestandes im Priestertum brachte Vorteile und Nachteile, einerseits war für eine geregelte Ausbildung gesorgt, gegen welche das Pfuschertum nicht aufkam, und die Aerzte wurden als Mitglieder der Priesterkollegien ausdem Tempelfond besoldet, anderseits aber verschmolz die Wissenschaft mit der Theurgie und verblieb im Banne einer „göttlich“ inspirierten, erstarrten Tradition, welche der individuellen Betätigung die engsten Schranken zog;wir hören daher vieles von berühmten Aerzteschulen, aber nichts von hervorragenden ärztlichen Individualitäten, und mögen die Schulen in einzelnen Auffassungen voneinander abgewichen sein, von einem ärztlichen Sektenwesen konnte keine Rede sein. Die Scheidung der Priesterärzte: in den Arzt engeren Sinnes, Chirurgen und Beschwörer, läßt sich früh nachweisen (der Beschwörer besaß das höchste Ansehen), die Sonderung in Spezialärzte aber (worüber Herodot berichtet) dürfte wohl erst der Zeit des zunehmenden Kastenwesens, des Niedergangs der ägyptischen Medizin eigen sein; die einzelnen Priesterschulen haben jedenfalls, wie aus Papyrus Ebers hervorgeht, gewisse Zweige der Heilkunde besonders kultiviert.

Den Priesterkollegien kam, als Körperschaft, die Bedeutung einer Medizinalbehörde zu, welche die ärztliche Tätigkeit überwachte (der Oberpriester von Saïs z. B. führte den Titel „Oberster der Aerzte“). — Die Geburtshilfe (und Kosmetik) lag in den Händen kundiger Frauen, an deren Spitze Oberhebammen standen.

Das Kastenwesen der Aegypter war keineswegs von solcher Schroffheit wie das indische. Daher erschlossen Fleiß und Begabung den Jünglingen aller Stände die gelehrten Berufe. Daß alle Aerzte der Priesterschaft angehörten (ähnlich wie im europäischen Mittelalter dem Klerus), scheint sichergestellt, zweifelhaft aber bleibt es, ob nicht ein gewisser Grad von ärztlichem Wissen einen Teil der Priesterbildung überhaupt ausmachte. — Die hierarchische Gliederung der Aerzte unter Leitung eines „Oberarztes“ bestand schon im „alten Reich“. Das soziale Ansehen, das die Aerzte als Mitglieder der Priesterkollegien genossen, war ein hohes, und die Geschichte berichtet von manchem, der sogar den Königsthron einnahm, z. B. Athotis und Tosorthos. — Die Genesenden spendeten für die TempelWeihgaben, z. B. Nachbildungen der erkrankt gewesenen Körperteile, z. B. von Armen, Fingern, Augen, Ohren u. a.

Das Kastenwesen der Aegypter war keineswegs von solcher Schroffheit wie das indische. Daher erschlossen Fleiß und Begabung den Jünglingen aller Stände die gelehrten Berufe. Daß alle Aerzte der Priesterschaft angehörten (ähnlich wie im europäischen Mittelalter dem Klerus), scheint sichergestellt, zweifelhaft aber bleibt es, ob nicht ein gewisser Grad von ärztlichem Wissen einen Teil der Priesterbildung überhaupt ausmachte. — Die hierarchische Gliederung der Aerzte unter Leitung eines „Oberarztes“ bestand schon im „alten Reich“. Das soziale Ansehen, das die Aerzte als Mitglieder der Priesterkollegien genossen, war ein hohes, und die Geschichte berichtet von manchem, der sogar den Königsthron einnahm, z. B. Athotis und Tosorthos. — Die Genesenden spendeten für die TempelWeihgaben, z. B. Nachbildungen der erkrankt gewesenen Körperteile, z. B. von Armen, Fingern, Augen, Ohren u. a.

Die Priesterwissenschaft lieferte der Heilmittellehre und Arzneibereitung keine unbedeutende naturwissenschaftliche Grundlage (zoologisch-botanisch-chemische Kenntnisse; es gab botanische Gärten; die Chemie, deren Name auf die heimische Bezeichnung Aegyptens χημι zurückgeführt wird, erreichte eine ansehnliche Höhe) — das Wissen überBau und Funktionen des menschlichen Körpersverharrte aber auf sehr niedriger Stufe. Mögen die zugänglichen Quellen, da sie nur praktisch medizinische Werke, Rezeptbücher, darbieten, für ein abschließendes Urteil keinen hinlänglichen Stützpunkt gewähren, sie lassen doch deutlich erkennen, daß es ganz unberechtigt war, wenn man, wie es früher geschah, den Aegyptern ein bedeutendes anatomisches Wissen auf Grund des Einbalsamierungsverfahrens andichtete; denn was bisherbekannt geworden, steht weit unter dem Niveau von Kenntnissen, die bei diesem Verfahren möglicherweise hätten erworben werden können! Zudem ist nicht außer acht zu lassen, daß die der Balsamierung vorausgehende Entfernung der Eingeweide nicht durch Aerzte, sondern durch Handwerker vorgenommen wurde, und daß die kultische Weihe des ganzen Gebrauchs die Befriedigung der wissenschaftlichen Neugier beinahe ausschloß. Die spärlichen Einblicke in die Anatomie, welche der ägyptische Arzt besaß, sind auf zufällige Erfahrungen und auf die Beobachtungen beim Schlachten der Tiere zurückzuführen — Beobachtungen, die wie bei anderen Völkern in ein Netz vorgefaßter naturphilosophischer Spekulationen verwoben wurden.

In der ältesten Zeit, der „Negadaperiode“, gab es, wie die Ausgrabungen lehren, zwei Beerdigungsarten, nämlich die Bestattung (des in Hockstellung gebrachten) mit einer Hülle von Fellen bedeckten Leichnams und die Beisetzung der Skelettteile des zerstückelten Leichnams, nach Entfernung aller Weichteile (ähnlich wie bei manchen Stämmen des heutigen Afrika). Das Einbalsamieren entwickelte sich erst allmählich; zur Zeit der zweiten Dynastie stand es bloß teilweise im Gebrauch und noch bis in die Epoche der fünften Dynastie läßt sich (neben der Einbalsamierung) die Sitte der Leichenzerstückelung (und Abschabung des Fleisches von den Knochen) verfolgen. Ausgehend von dem Glauben an dieAuferstehungin irdischer Gestalt, von der Ansicht, daß das Wohl der Seele an dieKonservierung des Leibesgeknüpft sei, suchte man der in dem heißen Klima so rasch eintretenden Verwesung entgegenzuwirken — die gleichzeitig zur Geltung kommenden hygienischen Vorteile bildeten wohl nur ein sekundäres, jedenfalls bemänteltes Moment. Die natürliche Ausdörrung der Leichen, wie sie bei solchen eintrat, die man in Berghöhlen beisetzte oder im Wüstensand vergrub, zeichnete den einzuschlagenden Weg vor; zur schnelleren, künstlichen Austrocknung dienten in erster Linie das Natron, welches den Geweben das Wasser entzieht und die Fettteile vernichtet, sodann fäulniswidrige Substanzen, Myrrhen, Weihrauch, Kassia u. a.; eine notwendige Ergänzung fand das Verfahren in der, sogleich nach dem Tode vorgenommenen Entfernung der Eingeweide, woran sich die Ausspülung mit Palmwein und die Ausfüllung der Höhlung mit syrischem Salz, Balsam, Zedernpech, Asphalt, Hobelspänen, Mumienbinden etc. schloß. Hierauf wurde der Leichnam mit Binden umwickelt, jeder Körperteil für sich; die fertige Mumie legte man in einen Holzsarg, der dann wohl (bei Reichen) von einem Steinsarkophag umschlossen wurde. Die Einbalsamierung erfolgte in den „Totenstädten“ (wo die mit dem Totenkultus berufsmäßig in Verbindung stehenden Leute wohnten), die Beisetzung geschah in alter Zeit in unterirdischen Kammern, später in eigenen hierzu bestimmten oberirdischen Räumen.Bildliche Darstellungen des Einbalsamierens finden sich auf mehreren Mumien, ziemlich genaue Angaben bei Herodot und Diodor; es gab drei Arten des Verfahrens (die Leichen der Armen wurden bloß in eine Natronlösung gelegt), weibliche Leichen übergab man Frauen zum Einbalsamieren und überließ sie dem männlichen Personal frühestens nach 4 Tagen. Auf das hohe Alter der Sitte weisen gewisse Formalitäten, die gemäß den griechischen Berichten bei der Eröffnung der Leichen zum Zweck der Herausnahme der Eingeweide eingehalten wurden: zuerst zeichnete der γραμματεῦς die Richtung des Schnittes vor, worauf der παρασχίστης mit einem äthiopischen Stein —Feuersteinmesser— in dielinke Unterleibsseiteeinschnitt und davonrannte, während ihm die Anwesenden Steine nachwarfen (Hindeutung auf die Todesstrafe durch Steinigung wegen des Verbrechens der Leichenschändung!). Das Gehirn entfernte man mittels eines bronzenen Hakens durch die Nase(?). Mit den Eingeweiden scheint man verschieden verfahren zu haben, nach einer Angabe brachte man sie in ein Gefäß und warf dieses unter Anrufung des Rā in den Nil, nach einer anderen legte man sie nach ihrer Reinigung und Einbalsamierung in die Leiche wieder zurück. Häufig setzte man sie aber in vier Gefäßen, entsprechend den vier Totendämonen, gesondert bei (das Gefäß, dessen Deckel den Menschenkopf des Amset zeigte, enthielt den Magen und die großen Eingeweide, das zweite, welches dem hundsköpfigen Hapi geweiht war, die kleinen Eingeweide, das dritte mit dem Schakalkopf des Duamutef barg Herz und Lunge, das vierte mit dem Sperberkopf des Kebsenuf Leber und Galle).Die Hauptbestandteile des Körpers — freilich ohne Berücksichtigung feinerer Einzelheiten — spielten in der Schrift, Sprache und Mythologie der Aegypter eine wichtige Rolle. Nicht wenige Hieroglyphenzeichen stellen Körperabschnitte vor; die Sprache enthält nicht nur eine ansehnliche Zahl von Benennungen derselben, sondern benützte sie auch zur Versinnlichung abstrakter Begriffe; der ganze Himmel wurde anthropomorph vorgestellt (Sternbilder als Glieder), und selbst die Landeseinteilung war eine Gliederung im buchstäblichen Sinne des Wortes, da jeder der 14 Bezirke einem Körperteil des Osiris entsprach. Noch unterliegt die Bestimmung der ägyptischen Termini manchen Schwierigkeiten, die unter anderem darauf beruhen, daß bisweilen dasselbe Wort zur Bezeichnung ganz verschiedener Körperteile dient, z. B. von Ohr und Nase (die gleiche Bezeichnung von Herz und Magenund die daraus resultierende Konfusion in der medizinischen Auffassung der entsprechenden Symptome läßt sich fortwirkend noch heute sprachlich verfolgen, Cardia, Herzgrube). Wie aus den Ideogrammen der Hieroglyphenschrift und aus bildlichen Darstellungen hervorgeht, wurden die Befunde der Tierzergliederung (Küchen- und Opferanatomie) per analogiam auf den Menschen übertragen, so figuriert z. B. die Lunge immer als sechslappig (Säugetierlunge).Eine anatomische Spezialschrift ist nicht auf uns gekommen, doch soll angeblich eines der hermetischen Bücher eine Schilderung des Körperbaues enthalten haben, und nach einheimischer Ueberlieferung (Manetho) galt der zweite König der ersten Dynastie,Athotis, als Verfasser anatomischer Werke (vielleicht eine volksetymologische Verwechslung mit dem ägyptischen Hermes, dem Gotte Thot). Zur Beurteilung der anatomischen Kenntnisse stehen nur gelegentlich eingestreute Bemerkungen zur Verfügung, z. B. Aufzählungen von Körperteilen (im Totenbuch, in Zaubersprüchen etc.); Genaueres erfahren wir höchstens überdas Gefäßsystem, als dessen Zentrum man das Herz ansah.Im Papyrus Ebersist an zwei Stellen (Taf. 99 und Taf. 103) die Rede von den Gefäßen (metu), wobei unter dieser Bezeichnung außer den Adern auch Hohlgänge verschiedener Art, sowie Nerven und Sehnen zu verstehen sind. An der ersten Stelle (Joachim, Pap. Ebers p. 180-182) werden nach dem „Geheimbuch des Arztes“ folgende „metu“ genannt: 4 in der Nase (2 geben Schleim, 2 Blut), 4 an den Schläfen (sie versorgen auch das Auge), 4 im Kopf (Ausbreitung am Hinterhaupt), 2 zum Jochbein, je 2 zum rechten Ohr (für denLebenshauch) und zum linken Ohr (für denTodeshauch), 6 zu beiden Armen, 6 zu den Füßen, 2 zu den Hoden, 2 zu den Nieren, 4 zur Leber (Feuchtigkeit und Luft führend), 4 zum Mastdarm und zur Milz (ebenfalls Feuchtigkeit und Luft führend), 2 zur Blase (Urin führend, also Harnleiter), 4 in den After („sie bringen in ihm hervor Feuchtigkeit und Luft“). An der zweiten Stelle (Joachim, p. 186-187), die dem uralten Buche „Vom Vertreiben der uchedu“ entnommensein soll (vergl. S. 36), heißt es: Der Mensch hat 12 Herzgefäße, die sich in alle Glieder ausbreiten; es sind je 2 Gefäße in ihm in seiner Brustgegend, je 2 ziehen zum Schenkel, zum Arm, zum Hinterkopf, zum Vorderkopf, zum Auge, zur Augenbraue, zur Nase, zum rechten Ohr (Lebenshauch), zum linken Ohr (Todeshauch); „sie kommen in ihrer Gesamtheit von seinem Herzenund verteilen sich in seine Nase, sich sammelnd in ihrer Gesamtheit in seinen beiden Hinterbacken.“ Nach dem Pap. Brugsch „hat der Kopf 32 Adern, von ihm aus schöpfen sie den Atem nach der Brust, so daß sie den Atem allen Gliedern geben“. Diese auf flüchtiger Beobachtung und Spekulation beruhende phantastische Gefäßlehre (vergl. unten die chinesische und indische) war in Aegypten noch im 14. Jahrhundert v. Chr. gültig und reichte, wenn die Angabe bezüglich der Abfassung des Buches vom Vertreiben der uchedu richtig ist, ins 4. Jahrtausend zurück. Interessant ist es, daß auch der Ausläufer der ägyptischen Medizin, nämlich die koptische Medizin, 300 Adern vom Nabel entspringen ließ, also noch in den gleichen Bahnen verharrte.Eine sehr wertvolle Ergänzung der dürftigen literarischen Dokumente bilden hinsichtlich der ägyptischen Anatomie die erhaltenen Weihgaben (z. B. ein Ohr aus Terrakotta, eine Steintafel mit zwei ausgemeißelten Ohren, ein elfenbeinerner Vorderarm nebst Hand), namentlich aber die Skulptur und Malerei (eigenartige verfehlte Perspektive, strenger Proportionskanon, getreue Wiedergabe der Rassenmerkmale).

In der ältesten Zeit, der „Negadaperiode“, gab es, wie die Ausgrabungen lehren, zwei Beerdigungsarten, nämlich die Bestattung (des in Hockstellung gebrachten) mit einer Hülle von Fellen bedeckten Leichnams und die Beisetzung der Skelettteile des zerstückelten Leichnams, nach Entfernung aller Weichteile (ähnlich wie bei manchen Stämmen des heutigen Afrika). Das Einbalsamieren entwickelte sich erst allmählich; zur Zeit der zweiten Dynastie stand es bloß teilweise im Gebrauch und noch bis in die Epoche der fünften Dynastie läßt sich (neben der Einbalsamierung) die Sitte der Leichenzerstückelung (und Abschabung des Fleisches von den Knochen) verfolgen. Ausgehend von dem Glauben an dieAuferstehungin irdischer Gestalt, von der Ansicht, daß das Wohl der Seele an dieKonservierung des Leibesgeknüpft sei, suchte man der in dem heißen Klima so rasch eintretenden Verwesung entgegenzuwirken — die gleichzeitig zur Geltung kommenden hygienischen Vorteile bildeten wohl nur ein sekundäres, jedenfalls bemänteltes Moment. Die natürliche Ausdörrung der Leichen, wie sie bei solchen eintrat, die man in Berghöhlen beisetzte oder im Wüstensand vergrub, zeichnete den einzuschlagenden Weg vor; zur schnelleren, künstlichen Austrocknung dienten in erster Linie das Natron, welches den Geweben das Wasser entzieht und die Fettteile vernichtet, sodann fäulniswidrige Substanzen, Myrrhen, Weihrauch, Kassia u. a.; eine notwendige Ergänzung fand das Verfahren in der, sogleich nach dem Tode vorgenommenen Entfernung der Eingeweide, woran sich die Ausspülung mit Palmwein und die Ausfüllung der Höhlung mit syrischem Salz, Balsam, Zedernpech, Asphalt, Hobelspänen, Mumienbinden etc. schloß. Hierauf wurde der Leichnam mit Binden umwickelt, jeder Körperteil für sich; die fertige Mumie legte man in einen Holzsarg, der dann wohl (bei Reichen) von einem Steinsarkophag umschlossen wurde. Die Einbalsamierung erfolgte in den „Totenstädten“ (wo die mit dem Totenkultus berufsmäßig in Verbindung stehenden Leute wohnten), die Beisetzung geschah in alter Zeit in unterirdischen Kammern, später in eigenen hierzu bestimmten oberirdischen Räumen.

Bildliche Darstellungen des Einbalsamierens finden sich auf mehreren Mumien, ziemlich genaue Angaben bei Herodot und Diodor; es gab drei Arten des Verfahrens (die Leichen der Armen wurden bloß in eine Natronlösung gelegt), weibliche Leichen übergab man Frauen zum Einbalsamieren und überließ sie dem männlichen Personal frühestens nach 4 Tagen. Auf das hohe Alter der Sitte weisen gewisse Formalitäten, die gemäß den griechischen Berichten bei der Eröffnung der Leichen zum Zweck der Herausnahme der Eingeweide eingehalten wurden: zuerst zeichnete der γραμματεῦς die Richtung des Schnittes vor, worauf der παρασχίστης mit einem äthiopischen Stein —Feuersteinmesser— in dielinke Unterleibsseiteeinschnitt und davonrannte, während ihm die Anwesenden Steine nachwarfen (Hindeutung auf die Todesstrafe durch Steinigung wegen des Verbrechens der Leichenschändung!). Das Gehirn entfernte man mittels eines bronzenen Hakens durch die Nase(?). Mit den Eingeweiden scheint man verschieden verfahren zu haben, nach einer Angabe brachte man sie in ein Gefäß und warf dieses unter Anrufung des Rā in den Nil, nach einer anderen legte man sie nach ihrer Reinigung und Einbalsamierung in die Leiche wieder zurück. Häufig setzte man sie aber in vier Gefäßen, entsprechend den vier Totendämonen, gesondert bei (das Gefäß, dessen Deckel den Menschenkopf des Amset zeigte, enthielt den Magen und die großen Eingeweide, das zweite, welches dem hundsköpfigen Hapi geweiht war, die kleinen Eingeweide, das dritte mit dem Schakalkopf des Duamutef barg Herz und Lunge, das vierte mit dem Sperberkopf des Kebsenuf Leber und Galle).

Die Hauptbestandteile des Körpers — freilich ohne Berücksichtigung feinerer Einzelheiten — spielten in der Schrift, Sprache und Mythologie der Aegypter eine wichtige Rolle. Nicht wenige Hieroglyphenzeichen stellen Körperabschnitte vor; die Sprache enthält nicht nur eine ansehnliche Zahl von Benennungen derselben, sondern benützte sie auch zur Versinnlichung abstrakter Begriffe; der ganze Himmel wurde anthropomorph vorgestellt (Sternbilder als Glieder), und selbst die Landeseinteilung war eine Gliederung im buchstäblichen Sinne des Wortes, da jeder der 14 Bezirke einem Körperteil des Osiris entsprach. Noch unterliegt die Bestimmung der ägyptischen Termini manchen Schwierigkeiten, die unter anderem darauf beruhen, daß bisweilen dasselbe Wort zur Bezeichnung ganz verschiedener Körperteile dient, z. B. von Ohr und Nase (die gleiche Bezeichnung von Herz und Magenund die daraus resultierende Konfusion in der medizinischen Auffassung der entsprechenden Symptome läßt sich fortwirkend noch heute sprachlich verfolgen, Cardia, Herzgrube). Wie aus den Ideogrammen der Hieroglyphenschrift und aus bildlichen Darstellungen hervorgeht, wurden die Befunde der Tierzergliederung (Küchen- und Opferanatomie) per analogiam auf den Menschen übertragen, so figuriert z. B. die Lunge immer als sechslappig (Säugetierlunge).

Eine anatomische Spezialschrift ist nicht auf uns gekommen, doch soll angeblich eines der hermetischen Bücher eine Schilderung des Körperbaues enthalten haben, und nach einheimischer Ueberlieferung (Manetho) galt der zweite König der ersten Dynastie,Athotis, als Verfasser anatomischer Werke (vielleicht eine volksetymologische Verwechslung mit dem ägyptischen Hermes, dem Gotte Thot). Zur Beurteilung der anatomischen Kenntnisse stehen nur gelegentlich eingestreute Bemerkungen zur Verfügung, z. B. Aufzählungen von Körperteilen (im Totenbuch, in Zaubersprüchen etc.); Genaueres erfahren wir höchstens überdas Gefäßsystem, als dessen Zentrum man das Herz ansah.Im Papyrus Ebersist an zwei Stellen (Taf. 99 und Taf. 103) die Rede von den Gefäßen (metu), wobei unter dieser Bezeichnung außer den Adern auch Hohlgänge verschiedener Art, sowie Nerven und Sehnen zu verstehen sind. An der ersten Stelle (Joachim, Pap. Ebers p. 180-182) werden nach dem „Geheimbuch des Arztes“ folgende „metu“ genannt: 4 in der Nase (2 geben Schleim, 2 Blut), 4 an den Schläfen (sie versorgen auch das Auge), 4 im Kopf (Ausbreitung am Hinterhaupt), 2 zum Jochbein, je 2 zum rechten Ohr (für denLebenshauch) und zum linken Ohr (für denTodeshauch), 6 zu beiden Armen, 6 zu den Füßen, 2 zu den Hoden, 2 zu den Nieren, 4 zur Leber (Feuchtigkeit und Luft führend), 4 zum Mastdarm und zur Milz (ebenfalls Feuchtigkeit und Luft führend), 2 zur Blase (Urin führend, also Harnleiter), 4 in den After („sie bringen in ihm hervor Feuchtigkeit und Luft“). An der zweiten Stelle (Joachim, p. 186-187), die dem uralten Buche „Vom Vertreiben der uchedu“ entnommensein soll (vergl. S. 36), heißt es: Der Mensch hat 12 Herzgefäße, die sich in alle Glieder ausbreiten; es sind je 2 Gefäße in ihm in seiner Brustgegend, je 2 ziehen zum Schenkel, zum Arm, zum Hinterkopf, zum Vorderkopf, zum Auge, zur Augenbraue, zur Nase, zum rechten Ohr (Lebenshauch), zum linken Ohr (Todeshauch); „sie kommen in ihrer Gesamtheit von seinem Herzenund verteilen sich in seine Nase, sich sammelnd in ihrer Gesamtheit in seinen beiden Hinterbacken.“ Nach dem Pap. Brugsch „hat der Kopf 32 Adern, von ihm aus schöpfen sie den Atem nach der Brust, so daß sie den Atem allen Gliedern geben“. Diese auf flüchtiger Beobachtung und Spekulation beruhende phantastische Gefäßlehre (vergl. unten die chinesische und indische) war in Aegypten noch im 14. Jahrhundert v. Chr. gültig und reichte, wenn die Angabe bezüglich der Abfassung des Buches vom Vertreiben der uchedu richtig ist, ins 4. Jahrtausend zurück. Interessant ist es, daß auch der Ausläufer der ägyptischen Medizin, nämlich die koptische Medizin, 300 Adern vom Nabel entspringen ließ, also noch in den gleichen Bahnen verharrte.

Eine sehr wertvolle Ergänzung der dürftigen literarischen Dokumente bilden hinsichtlich der ägyptischen Anatomie die erhaltenen Weihgaben (z. B. ein Ohr aus Terrakotta, eine Steintafel mit zwei ausgemeißelten Ohren, ein elfenbeinerner Vorderarm nebst Hand), namentlich aber die Skulptur und Malerei (eigenartige verfehlte Perspektive, strenger Proportionskanon, getreue Wiedergabe der Rassenmerkmale).

DiephysiologischeSpekulation der Aegypter beruhte auf Analogien zwischen der äußeren Natur und dem Menschen, wobei man den Blick, weit weniger als in Mesopotamien, nach den Gestirnen wandte, da in Aegypten die Jahreszeiten nicht so sehr durch den Himmel, als durch das Steigen und Fallen des Nil reguliert werden. Die scharfe Trennung des durch die Ueberschwemmung kulturfähig gemachten Bodens (Wasser—Erde), der Einfluß der Sonnenwärme (Feuer) und der Winde (Luft), das periodische An- und Abschwellen des Nil, die nützliche Wirkung des Kanalisationssystems, welches die richtige Berieselung des Landes vermittelte, schien dem Bau und Leben des Organismus zu entsprechen, seiner Zusammensetzung aus festen Bestandteilen (Knochen, Fleisch —Erde, Humus) und Flüssigkeiten (Wasser), seinem vielverzweigten Gefäßsysteme (Kanäle), welches das Blut führt und durch den Puls an das Steigen und Fallen des Nils erinnert, der inneren Wärme (Feuer), der Atmung (Luft, Wind). Eine Lokalfärbung besitzt die ägyptische Physiologie dadurch, daß — im Gegensatz zur vorzugsweisen hämatischen Theorie des Zweistromlandes — auf die vitale Bedeutung derAtmungein besonderer Nachdruck gelegt (Pneumalehre), und daher die Körperluft als wichtigstes Agens aufgefaßt wurde.

Die höchstwahrscheinlich in Aegypten zuerst entwickelte Lehre von denvierElementen — manche Forscher glaubten den Gedanken sogar in der Gestalt der Pyramiden und Obelisken sichtbar ausgedrückt zu finden — ist nirgends klar ausgesprochen. — Die Herleitung des Lebens von der Atmungsluft und den Körperflüssigkeiten spielte auch im Kultus eine wichtige Rolle, bot dieser doch den Göttern wie den Abgeschiedenengute Luftals Weihrauch undLebenswasserin Form von Weihwasser. DaslokaleMoment der naturphilosophischen Analogientritt markant z. B. darin hervor, daß die Aegypter die Hypersekretion, das andauernde Wässern des Auges bei Entzündung desselben als „Aufsteigenvon Wasser in die Augen“ (vom Herzen aus) bezeichnen (im Gegensatz zur griechischen Auffassung, welche ein Herabfließen vom Kopfe für die Entstehung desselben Phänomens verantwortlich machte). In Aegypten entsteht eben die Bewässerung nicht, wie bei uns, durch den herabfallenden Regen, sondern durch das Emporsteigen des Nils.

Die höchstwahrscheinlich in Aegypten zuerst entwickelte Lehre von denvierElementen — manche Forscher glaubten den Gedanken sogar in der Gestalt der Pyramiden und Obelisken sichtbar ausgedrückt zu finden — ist nirgends klar ausgesprochen. — Die Herleitung des Lebens von der Atmungsluft und den Körperflüssigkeiten spielte auch im Kultus eine wichtige Rolle, bot dieser doch den Göttern wie den Abgeschiedenengute Luftals Weihrauch undLebenswasserin Form von Weihwasser. DaslokaleMoment der naturphilosophischen Analogientritt markant z. B. darin hervor, daß die Aegypter die Hypersekretion, das andauernde Wässern des Auges bei Entzündung desselben als „Aufsteigenvon Wasser in die Augen“ (vom Herzen aus) bezeichnen (im Gegensatz zur griechischen Auffassung, welche ein Herabfließen vom Kopfe für die Entstehung desselben Phänomens verantwortlich machte). In Aegypten entsteht eben die Bewässerung nicht, wie bei uns, durch den herabfallenden Regen, sondern durch das Emporsteigen des Nils.

Die Atmungsbewegung setzte das Einströmen der Luft in den Körper und das Ausströmen außer Zweifel — und auch die Wege, auf denen das Pneuma im Körper zirkulieren sollte, scheinen mit täuschender Exaktheit schon in sehr alter Zeit durch die Beobachtung an Tier- und Menschenleichen aufgedeckt worden zu sein; denn ein Teil der Gefäßstränge des Kadavers fand sich stets blutgefüllt, ein anderer Teil dagegen — die Arterien — leer (= lufthaltig); die letzteren wurden mit dem Anschein des unzweideutigen Beweises als Kanäle des Pneuma in Anspruch genommen, indem man von den Verhältnissen am Kadaver auf den Lebenden schloß.

AlsUrsprung der Blutadernwurdedas Herzerkannt.

Papyrus Ebers und Brugsch enthalten in dem oben erwähnten Buche vom Vertreiben der uchedu, in welchem von luftführenden Gefäßsträngen die Rede ist,die älteste Quelle für die Pneumatheorie. Bemerkenswert ist es, daß hierbei ein Unterschied von gutem und schlechtem Pneuma, nämlich „Pneuma des Lebens“ und „Pneuma des Todes“, gemacht wird, welche auf verschiedenen Wegen zirkulieren, worunter kaum etwas anderes als In- und Exspirationsluft verstanden werden kann. [Dieser Unterscheidung entspricht in der vorzugsweise hämatischen Lebenstheorie der Babylonier die Sonderung des Blutes in Blut des Tages (helles Aderlaßblut, arterielles) und Blut der Nacht (dunkles Aderlaßblut, venöses).]Herz und Magen (hieroglyphisch mit demselben Determinativ, dem Bilde des Kochtopfes bezeichnet) wurden als Doppelsystem betrachtet, in welchem die Lebenswärme aus der aufgenommenen Nahrung das Blut bereitet. — Vom Herzen glaubte man, daß es sich mit zunehmendem Alter verkleinere.

Papyrus Ebers und Brugsch enthalten in dem oben erwähnten Buche vom Vertreiben der uchedu, in welchem von luftführenden Gefäßsträngen die Rede ist,die älteste Quelle für die Pneumatheorie. Bemerkenswert ist es, daß hierbei ein Unterschied von gutem und schlechtem Pneuma, nämlich „Pneuma des Lebens“ und „Pneuma des Todes“, gemacht wird, welche auf verschiedenen Wegen zirkulieren, worunter kaum etwas anderes als In- und Exspirationsluft verstanden werden kann. [Dieser Unterscheidung entspricht in der vorzugsweise hämatischen Lebenstheorie der Babylonier die Sonderung des Blutes in Blut des Tages (helles Aderlaßblut, arterielles) und Blut der Nacht (dunkles Aderlaßblut, venöses).]

Herz und Magen (hieroglyphisch mit demselben Determinativ, dem Bilde des Kochtopfes bezeichnet) wurden als Doppelsystem betrachtet, in welchem die Lebenswärme aus der aufgenommenen Nahrung das Blut bereitet. — Vom Herzen glaubte man, daß es sich mit zunehmendem Alter verkleinere.

In derPathologie(namentlich der epidemischen Krankheiten) spielt das religiös-abergläubische Moment zwar keine geringe Rolle, doch treten rationelle Beobachtungen stark in den Vordergrund. Die Aegypter leiteten die Krankheiten meist von übermäßiger Nahrung oder Würmern (wirklichen und bloß supponierten) her.

Je nach den Texten, Zauberpapyri oder Rezeptbücher, herrscht die superstitiöse oder empirische Aetiologie vor. Der Mystizismus ließ die einzelnen Körperteile unter der Herrschaft bestimmter Gottheiten stehen und dem unheilvollen Einfluß bestimmter Dämonen ausgesetzt sein. — Daß der „Wurm“ geradezu zumGrundsymbol der Krankheitwurde, kann nicht wundernehmen in einem Lande, wo tatsächlich tierische Parasiten so häufig als Krankheitserreger wirken. Generalisierend schloß man auf das Vorhandensein von krankmachenden „Würmern“ auch dort,wo sie nicht nachweisbar waren und meinte, daß sie aus den verdorbenen Körpersäften entstehen.

Was man „Krankheit“ nannte, waren entweder nur einfache Symptome oder Gruppen von Symptomen (Symptomenkomplexe). Die letzteren erforderten begreiflicherweise schon ein entwickelteres diagnostisches Räsonement.

Im Papyrus Ebers wird die Rezepttherapie für eine Menge von differenzierten Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe) angeführt; die Deutung der Krankheitsbezeichnungen ist aber mit sehr großen philologischen und medizinischen Schwierigkeiten verbunden, welche noch nicht in Gänze überwunden werden konnten. Erwähnt sind unter anderen: Abdominelle Affektionen (darunter wahrscheinlich auch Dysenterie), Eingeweidewürmer, Entzündungen am After, Hämorrhoiden, (schmerzhafte) Affektionen des Epigastriums, Herzkrankheiten, Schmerzen im Kopfe, Störungen der Harnsekretion, Dyspepsie, Schwellungen am Halse, Angina, ein Leberleiden, etwa 30 Augenkrankheiten, Haarkrankheiten, Hautleiden, Frauenkrankheiten, Kinderkrankheiten, Nasen-, Ohren-, Zahnkrankheiten, Geschwülste und Geschwüre.

Im Papyrus Ebers wird die Rezepttherapie für eine Menge von differenzierten Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe) angeführt; die Deutung der Krankheitsbezeichnungen ist aber mit sehr großen philologischen und medizinischen Schwierigkeiten verbunden, welche noch nicht in Gänze überwunden werden konnten. Erwähnt sind unter anderen: Abdominelle Affektionen (darunter wahrscheinlich auch Dysenterie), Eingeweidewürmer, Entzündungen am After, Hämorrhoiden, (schmerzhafte) Affektionen des Epigastriums, Herzkrankheiten, Schmerzen im Kopfe, Störungen der Harnsekretion, Dyspepsie, Schwellungen am Halse, Angina, ein Leberleiden, etwa 30 Augenkrankheiten, Haarkrankheiten, Hautleiden, Frauenkrankheiten, Kinderkrankheiten, Nasen-, Ohren-, Zahnkrankheiten, Geschwülste und Geschwüre.

Bezüglich derDiagnostikläßt sich als erwiesen annehmen, daß der ägyptische Arzt nicht nur dieInspektionundPalpationübte, sondern auch denHarnbesah. Von größtem Interesse aber ist es, daß man, wie aus Papyrus Ebers hervorzugehen scheint, auch die Schallphänomene nicht außer acht ließ; denn kaum anders als im Sinne derAuskultationist der Satz zu deuten: „Das Ohr hört darunter.“

DieTherapieumfaßt den größten Teil der ägyptischen Medizin. Die halb priesterliche, halb empirische Zwittergestalt des Arzttums brachte es mit sich, daßtheurgische[10]undrationelleMaßnahmen in der Behandlungsweise bald rivalisieren, bald gleichwertig nebeneinander bestehen oder sich gegenseitig durchdringen. In den jüngeren Texten und in den Laienpapyri herrschen Gebete, Segenssprüche, Zauber- und Beschwörungsformeln, symbolische Handlungen vor, in den älteren und ältesten Rezeptbüchern prävaliert diePharmakotherapie, ohne daß aber das theurgische Moment vermißt wird; denn nicht selten gehen Gebete und Beschwörungen den Rezepten voran, zauberkräftige Sprüche begleiten die Bereitung der Arzneien oder sind vom Kranken beim Gebrauch derselben zu sprechen, und zum mindesten wird die suggestive Wirkung gewisser Mixturen dadurch gesteigert, daß man ihre Komposition als göttliche Erfindung (z. B. der Isis, der Nut, des Set) bezeichnet.

Entsprechend dem Grundprinzip der Krankheitsauffassung wurde die Materia peccans insbesondere durchBrechmittel,Abführmittel,Klistierebeseitigt, der gleichen Absicht dienten auch Aderlässe, Schwitzmittel, Diuretika, Niesemittel; das verdorbene Pneuma suchte man durch Erregung von Ructus und Flatus (Zwiebel, Lauch, Bohnen) zu entfernen. Der Arzneischatz — aus dem Pflanzen-, Tier- und Mineralreich entnommen — war ungemein reichhaltig. Besonders hervorzuheben sind: die Verwendung von Kupferverbindungen undOxymel scillaeals Brechmittel, des Rizinusöls (mit Bier) als Abführmittel, der Granatäpfel gegen Wurmleiden, des Opiums, der Mandragora; der Import der auswärtigen (arabischen, indischen) Drogen dürfte hauptsächlich durch Vermittlung derPhöniziererfolgt sein;ein Abschnitt des Papyrus Ebers(Augenmittel)ist phönizischen Ursprungs; die (älteste bekannte) kommerzielle Forschungsexpedition der ägyptischen Königin Hatschepsut (um 1500 v. Chr.) nach den Küstenländern am Roten Meere war eine Ausnahme; direkt lernten die Aegypter nach glücklichen Feldzügen gegen asiatische Völker (unter Thutmose III., Ramses II.) eine Menge fremder Drogen kennen (zugleich mit diesen auch eine Fülle von medizinischem Mystizismus der mesopotamischen Priesterschaft).

Von pflanzlichen Arzneistoffen kommen unter anderem in Betracht: Absinth, Acacia, Anagallis, Calamus, Chelidonium, Coriander, Cyperus, Datteln, Gerste (Bier), Granatwurzelrinde (gegen Bandwurm), Hyosciamus, Kümmel, Lactuca, Lauch, Leinsamen, Lotus, Mandragora, Mohn (Opium), Myrrhe, Oliven, Pfefferminze, Rettichsaft, Rizinusöl (mit Bier als Abführmittel), Rosen, Safran, Scilla, Sesamöl, Strychnos, Wacholder, Weihrauch, Zimt, Zwiebel. Von mineralischen wären zu erwähnen z. B. Antimonsulfid und verschiedene Bleipräparate (zu kosmetischen Zwecken), Kupferverbindungen (Brechmittel), Lapis lazuli, Natron, Seesalz u. a. Von tierischen sind sicher: Honig,Milchvon verschiedenen Tieren undvon einer Frau, die einen Knaben geboren hat, Fette (von Rindern, Böcken, Ziegen, Schweinen, Eseln, Gazellen, Antilopen, Mäusen, von mehreren Vögeln, Fischen, Schlangen, vom Nilpferd, Krokodil), Galle (vom Rind, Schwein, von Fischen). Außerdem finden sich in buchstäblicher Lesung viele Dinge verzeichnet, die an die chinesische Apotheke oder zum Teil an die moderne Organtherapie erinnern, wie Blutsorten, Eingeweide, Fleisch, Haut, Haare, Stacheln, Hörner, Klauen, Knochen, Gräten, Exkremente, sowie ganze Tiere, wie Kanthariden, Würmer, Schlangen, Eidechsen, Fledermäuse. Unterliegt die Deutung der ägyptischen Drogenbezeichnungen schon im allgemeinen großen Schwierigkeiten, so gilt dies namentlich für die „animalischen“ Stoffe, da man es hier — wenn auch die Aegypter gewiß einige tierische Mittel anwendeten — vielleicht weit öfter als bisher nachgewiesen worden ist, mit solchen Substanzen nicht-tierischer Herkunft zu tun hat, deren Name oder hermetische Geheimbezeichnung zu einer falschen Annahme führt. Es sei z. B. darauf verwiesen, daß unter der ägyptischen Bezeichnung „Mäuseschwanz“ die Malve zu verstehen ist und daran erinnert, daß auch viele der noch heute verbreiteten volkstümlichen Pflanzennamen einen Uneingeweihten täuschen könnten (z. B. Storchschnabel, Löwenmaul, Löwenzahn, Mäusedarm, Hühnerdarm, Bärenklaue). Insbesondere sind jene Stoffe verdächtig, welche den Namen von heiligen Tieren tragen, z. B. Krokodilshoden; wissen wir doch, daß manche Pflanzen nach Körperteilen oder Körperbestandteilen der Gottheiten benannt wurden, z. B. Anethum = Glied des Duhit, Potentilla = Fingerdes Duhit, und daß stellvertretend für den Namen des Gottes jener seines heiligen Tieres (Duhit — Ibis oder Hundsaffe) eingesetzt wurde, z. B. Träne des Hundsaffen = Dillsaft, Haare des Hundsaffen = Dillsame, Glied des Hundsaffen = Dill oder Krallen des Ibis = Potentilla. Diese „hermetischen“ Umnennungen, welche natürlich zu suggestiven Zwecken und zur Fernhaltung des Laienelements dienten — entsprechend der sumerischen Geheimsprache babylonischer Priesterärzte — sind unter anderem verbürgt durch ein Räucherrezept (Tempelinschrift in Edfu), wo zwischen je zwei Bezeichnungen (Geheimname — Vulgärname) regelmäßig die Worte „Name für“ eingefügt erscheinen, ferner durch einen Papyrus aus der römischen Kaiserzeit, welcher die Synonyma von 37 meist vegetabilischen Arzneidrogen enthält unter der Kapitelüberschrift: „Hermetische Auflösung aus den Gelehrtenbüchern, gemäß dem Gebrauche der Schriftgelehrten. Gegenüber dem Vorwitze der Laien nämlich, nennen sie die Pflanzen und die übrigen Drogen nach göttlichen Symbolen um, damit die Laien wegen der resultierenden Fehler in ihrer gewohnten Diensteifrigkeit nicht pfuschen können.“ Am öftesten kommen diese tierischen Substanzen als Ingredienzen von äußeren Medikamenten vor, nämlich in Augenmitteln (Blutsorten, Gehirnsubstanz, Exkremente), Haarwuchsmitteln (Blut von schwarzen Tieren, Körperteile), Salben und Pflastern; in der internen Medikation des Pap. Ebers werden sie weniger genannt.

Von pflanzlichen Arzneistoffen kommen unter anderem in Betracht: Absinth, Acacia, Anagallis, Calamus, Chelidonium, Coriander, Cyperus, Datteln, Gerste (Bier), Granatwurzelrinde (gegen Bandwurm), Hyosciamus, Kümmel, Lactuca, Lauch, Leinsamen, Lotus, Mandragora, Mohn (Opium), Myrrhe, Oliven, Pfefferminze, Rettichsaft, Rizinusöl (mit Bier als Abführmittel), Rosen, Safran, Scilla, Sesamöl, Strychnos, Wacholder, Weihrauch, Zimt, Zwiebel. Von mineralischen wären zu erwähnen z. B. Antimonsulfid und verschiedene Bleipräparate (zu kosmetischen Zwecken), Kupferverbindungen (Brechmittel), Lapis lazuli, Natron, Seesalz u. a. Von tierischen sind sicher: Honig,Milchvon verschiedenen Tieren undvon einer Frau, die einen Knaben geboren hat, Fette (von Rindern, Böcken, Ziegen, Schweinen, Eseln, Gazellen, Antilopen, Mäusen, von mehreren Vögeln, Fischen, Schlangen, vom Nilpferd, Krokodil), Galle (vom Rind, Schwein, von Fischen). Außerdem finden sich in buchstäblicher Lesung viele Dinge verzeichnet, die an die chinesische Apotheke oder zum Teil an die moderne Organtherapie erinnern, wie Blutsorten, Eingeweide, Fleisch, Haut, Haare, Stacheln, Hörner, Klauen, Knochen, Gräten, Exkremente, sowie ganze Tiere, wie Kanthariden, Würmer, Schlangen, Eidechsen, Fledermäuse. Unterliegt die Deutung der ägyptischen Drogenbezeichnungen schon im allgemeinen großen Schwierigkeiten, so gilt dies namentlich für die „animalischen“ Stoffe, da man es hier — wenn auch die Aegypter gewiß einige tierische Mittel anwendeten — vielleicht weit öfter als bisher nachgewiesen worden ist, mit solchen Substanzen nicht-tierischer Herkunft zu tun hat, deren Name oder hermetische Geheimbezeichnung zu einer falschen Annahme führt. Es sei z. B. darauf verwiesen, daß unter der ägyptischen Bezeichnung „Mäuseschwanz“ die Malve zu verstehen ist und daran erinnert, daß auch viele der noch heute verbreiteten volkstümlichen Pflanzennamen einen Uneingeweihten täuschen könnten (z. B. Storchschnabel, Löwenmaul, Löwenzahn, Mäusedarm, Hühnerdarm, Bärenklaue). Insbesondere sind jene Stoffe verdächtig, welche den Namen von heiligen Tieren tragen, z. B. Krokodilshoden; wissen wir doch, daß manche Pflanzen nach Körperteilen oder Körperbestandteilen der Gottheiten benannt wurden, z. B. Anethum = Glied des Duhit, Potentilla = Fingerdes Duhit, und daß stellvertretend für den Namen des Gottes jener seines heiligen Tieres (Duhit — Ibis oder Hundsaffe) eingesetzt wurde, z. B. Träne des Hundsaffen = Dillsaft, Haare des Hundsaffen = Dillsame, Glied des Hundsaffen = Dill oder Krallen des Ibis = Potentilla. Diese „hermetischen“ Umnennungen, welche natürlich zu suggestiven Zwecken und zur Fernhaltung des Laienelements dienten — entsprechend der sumerischen Geheimsprache babylonischer Priesterärzte — sind unter anderem verbürgt durch ein Räucherrezept (Tempelinschrift in Edfu), wo zwischen je zwei Bezeichnungen (Geheimname — Vulgärname) regelmäßig die Worte „Name für“ eingefügt erscheinen, ferner durch einen Papyrus aus der römischen Kaiserzeit, welcher die Synonyma von 37 meist vegetabilischen Arzneidrogen enthält unter der Kapitelüberschrift: „Hermetische Auflösung aus den Gelehrtenbüchern, gemäß dem Gebrauche der Schriftgelehrten. Gegenüber dem Vorwitze der Laien nämlich, nennen sie die Pflanzen und die übrigen Drogen nach göttlichen Symbolen um, damit die Laien wegen der resultierenden Fehler in ihrer gewohnten Diensteifrigkeit nicht pfuschen können.“ Am öftesten kommen diese tierischen Substanzen als Ingredienzen von äußeren Medikamenten vor, nämlich in Augenmitteln (Blutsorten, Gehirnsubstanz, Exkremente), Haarwuchsmitteln (Blut von schwarzen Tieren, Körperteile), Salben und Pflastern; in der internen Medikation des Pap. Ebers werden sie weniger genannt.

Die Formen, in denen die Arzneistoffe zur Anwendung gelangten, waren Arzneitränke, Elektuarien, Kaumittel und Gurgelwässer, Schnupfpulver, Inhalationen, Salben, Pflaster, Umschläge, Einspritzungen, Suppositorien,Klistiere(galten als ägyptische Erfindung!),Räucherungen. Die letzteren — im Geiste der Pneumalehre — hatten den Zweck, die „schlechte Luft“ (d. h. den üblen Geruch derselben) durch noch schärfere Gerüche zu beseitigen oder durch Wohlgerüche zu verbessern. Harze, Benzoe, Styrax etc. waren hierzu geeignet, am beliebtesten aber war ein aus Wacholder, Myrrhe, Kalamus und ähnlichen Substanzen zusammengesetztes Räuchermittel, das den NamenKyphiführte. (Noch unter den Ptolemäern wurde das Rezept zu demselben in die Wände des Tempels von Edfu eingegraben.)

Die Arzneitherapie unterlag festen Regeln, und gerade auf ihrem Gebiete wirkte der drückende Zwang, welcher die individuelle Tätigkeit des Arztes lähmte, am meisten. Vor allem durften akute Affektionen nur 5Tagelang behandelt werden, und zwar bestand die Medikation darin, daß man am ersten Tage ein drastisches Mittel (als Einleitungskur zur eventuellen Ausleerung des Krankheitsstoffes), sodann an den folgenden 4 Tagen andere Arzneien (zur Nachkur) darreichte; deshalb findet sich bei den Rezepten die Bezeichnung „für 1 Tag“ oder „für 4 Tage“. Die Rezepte besaßen einen ähnlichen Aufbau wie die modernen, bestanden aus Grundstoffen, Hilfsstoffen, Auszugsmitteln und Geschmackskorrigentien; den einfachen Rezepten der älteren Zeit stehen sehr umfangreiche Rezeptkompositionen aus der späteren Epoche gegenüber. Die Dosierung war aufs genaueste bestimmt; auffallenderweise erscheint derselbe Stoff mit wenigen Ausnahmen immer in der gleichen Menge und dieDrogengewichte verhalten sich wie 1:2:4:8:16:32:64 (duales Gewichtssystem).

Ueber dieChirurgieder Aegypter wissen wir noch wenig, doch ist die Vermutung begründet, daß sie auch hierin Hervorragendes geleistet haben; erwiesen sind bisher (abgesehen von derBeschneidungundKastration) nurGeschwulstoperationen. DieGeburtshilfelag in den Händen der Hebammen. Die Geburt erfolgte auf dem Geburtsstuhle unter Assistenz von vier Hebammen:die Oberhebamme hockte vor der Kreißenden, außerdem wurde dieselbe von zwei Frauen an beiden Seiten und von einer dritten von rückwärts unterstützt. Auch die Augenheilkunde (die ägyptischen Augenärzte erfreuten sich eines besonders guten Rufes!), die Ohren- und Zahnheilkunde ist in den medizinischen Texten vertreten.

Auf Grund des bisher erschlossenen handschriftlichen Materials, welches nur wenig Chirurgisches enthält, darf noch kein abschließendes Urteil gefällt werden, denn es könnten einschlägige Texte noch in der Verborgenheit schlummern. Der Kahuner Veterinärpapyrus beweist, daß man jedenfalls bei Tieren schon in sehr alter Zeit auch vor solchen Eingriffen nicht zurückschreckte, die eine gewisse Technik erfordern; Ausgrabungsgegenstände demonstrieren, daß die Befähigung zur Konstruktion geeigneter Instrumente — Schröpfköpfe, Messer, Haken, Pinzetten, Metallstäbe, Nadeln etc. — vorhanden war; die Geschicklichkeit, mit welcher die Einbalsamierer das Gehirn aus der Schädelhöhle (mit mehr als 30 cm langen bronzenen Haken), ohne die Form der Gesichtszüge zu beeinträchtigen, entfernten, läßt manuelle Gewandtheit auch auf anderen verwandten Gebieten vermuten. Die Texte berichten uns freilich höchstens von Geschwulstexstirpationen, bei Mumien fand man neben gut ausgeheilten Knochenbrüchen auch solche mit einer Uebereinanderschiebung von fast 4 cm; von vorgenommenen Amputationen ließ sich noch keine Spur entdecken. Im Papyrus Ebers ist die Rede von Wunden (auch Biß- und Brandwunden, Insektenstiche), Fremdkörpern, Brand, Eiteransammlungen, Pusteln, stinkenden Geschwüren, Geschwülsten (Fetttumoren, Abszessen am Halse, Drüsengeschwülsten, Mammatumoren u. a.), äußerlichen Erkrankungen des Rumpfes und der Glieder (Pusteln, Blasen, Verhärtungen, Quetschungen u. a.), Hämorrhoiden etc. Beim Verbande kamen teils Leinwand, teils Charpie (aus Flachs, Leinwand oder Baumwolle) zur Anwendung; die Salben und Pflaster bestanden namentlich aus Oel, Fettarten (Gänse-, Rinder-, Schweine-, Esel-, Katzen-, Nilpferdfett), Wachs, Honig, vermischt mit mannigfachen anderen Substanzen; in Höhlungen wurden Suppositorien oder Charpiebauschen, mit entsprechenden Mitteln bestrichen, eingeführt; zur Entfernung von Fremdkörpern (und Filaria medinensis) benützte man eitererregende Pflaster, zu operativen Eingriffen diente Lanzette oder Glüheisen. Folgende Beispiele aus Papyrus Ebers illustrieren die Untersuchungsweise (Inspektion, Palpation) und Behandlungsmethode. „Wenn du einen Eitertumor in einem beliebigen Glied einer Person triffst und findest die Spitze davon erhöht, begrenzt und mit rundlicher Form, so sag du dazu: ‚es ist ein Eitertumor, der in seinem Fleische umläuftʻ. Ich werde die Krankheit mit dem Messer behandeln“ (Joachim, p. 191-192). — „Wenn du ein Gewächs an der Kehle eines Patienten triffst ... worin Eiter ist ... und du findest seine Spitze hoch aufgerichtet gleich einer Warze, der Eiter bewegt sich darin“ ... (ibidem p. 188). — „Wenn du ein Fettgewächs in seiner Kehle triffst und findestes wie einen Abszeß des Fleisches, der unter deinen Fingern erweicht ist ... so sag du dazu: ‚er hat ein Fettgewächs in seiner Kehleʻ. Ich werde die Krankheit mit dem Messer behandeln, indem ich mich vor den Gefäßen in acht nehme“ (ibid. p. 189). — „Wenn du einen Tumor des Fleisches in einem beliebigen Körperteil einer Person triffst und du findest ihn wie Haut an seinem Fleisch; er ist feucht, er bewegt sich unter deinen Fingern, ausgenommen, die Finger werden ruhig gehalten, denn die Bewegung entsteht durch die Finger, so sag dazu: ‚es ist ein Tumor des Fleischesʻ. Ich werde die Krankheit behandeln, indem ich versuche, es mit Feuer zu heilen ...“ (ibidem p. 190).Die Angaben aus dem Altertum, daß die Aegypter dieBeschneidungvon jeher geübt haben, finden ihre Bestätigung durch die Befunde an den Mumien und durch bildliche Darstellungen (so führt z. B. ein Gemälde aus der Zeit Ramses II. die Ausführung der Operation an einem Knaben vor). Die Priester und Vornehmen unterwarfen sich jedenfalls der Zirkumzision. Auch die Beschneidung der Mädchen scheint schon sehr früh in Aegypten eine weit verbreitete Sitte gewesen zu sein.Was dieAugenheilkundeder alten Aegypter anlangt, so fällt es auf, daß derselben im Papyrus Ebers ein sehr bedeutender Abschnitt eingeräumt wird, aber aus dieser Quelle kann weder über die epidemische „ägyptische“ Augenentzündung — sie gewann erst im Mittelalter jene Rolle, welche sie heute spielt — noch über die Kenntnis der Staroperation etwas entnommen werden; das Ausrupfen der Haare bei Trichiasis ist die einzige Operation, die im Papyrus vorkommt. Von Affektionen sind zu erkennen: der Bindehautkatarrh, dessen Hauptsymptome Rötung, Schwellung und Absonderung der Augen, jedes für sich abgehandelt wird, entzündliche Hornhauttrübung, Hornhautabszeß, Triefauge, Verengerung (Verschließung) der Pupille, Hagelkorn, weiße Hornhautnarbe, Blutunterlaufung der Lider, Schielen, Milium, Gerstenkorn, Chemosis, Ptosis, Trichiasis u. a. Hinsichtlich der Therapie ist es besonders bemerkenswert, daß dielokale Behandlungin den Vordergrund tritt (z. B. Einpinseln mit der Feder eines Geiers). Zu den Mitteln zählen: Schwefelblei, Spießglanz (in Schminken), Grünspan, Kupfervitriol, Kupferkarbonat, Bleivitriol, Rötel, Lapis lazuli, Salpeter, viele Harzarten, Pflanzenkohle, Myrrhe, Schöllkraut, Urin (zum Waschen der Augen), Frauenmilch, bei Trichiasis nach dem Ausrupfen der Haare das Blut von Eidechse, Fledermaus, Rind, Esel, Schwein, Windhund und Ziege (möglicherweise sind dies nur hermetische Umnennungen von Drogen). Einmal wird als Lösungsmittel für ein metallisches Präparat Honig und „Wasser aus Schweinsaugen“ empfohlen. Auf dieOhrenheilkundebeziehen sich Rezepte des Pap. Ebers (gegen Ohrenfluß und Ohrgeschwüre), in einem derselben findet sich als Bestandteil Eselsohr. Hinsichtlich derZahnheilkundeist zu erwähnen, daß der Papyrus einige zusammengesetzte Mittel anführt, und Mumienbefunde auf eine gewisse Technik des Ersatzes und der Konservierung hinweisen.Auch dieGeburtshilfeundGynäkologieist in den beiden uralten ägyptischen Handschriften vertreten, mit Schwangerschaftsdiagnosen, Rezepten zur Beförderung der Konzeption, zur Wehenbeförderung (Suppositorien), zur Vermehrung der Milchsekretion (Salben auf die Brüste appliziert), zur Anregung der Menstruation (Einspritzung von Dekokten in die Scheide), zur Behebung der Uteruswanderungen (Hysterie), Mammaerkrankungen, Dysmennorrhöe, Fluor von verschiedenen entzündlichen Affektionen der weiblichen Genitalorgane (Irrigationen, Räucherungen, Suppositorien) etc. Beispielsweise sei aus Papyrus Brugsch angeführt, mit welchen Methoden man auf Schwangerschaft oder den Verlauf der Entbindung schloß.„Ein anderes Rezept, um zu sehen, ob eine Frau gebiert oder ob sie nicht gebiert: Wassermelone zerstoßen, überschütten mit Milch der Mutter eines Knabenund mache es sie trinken. Wenn sie sich erbricht, wird sie gebären, wenn sie aber nur Blähungen hat, wird sie nimmermehr gebären.“„Es werde ihr ein warmer Umschlag gemacht mit Nilpferdkot. Wenn sie hierauf uriniert und ihr Urin ist unrein, oder wie vom Sturm aufgeregtes Wasser, oder von schmutzig gelbroter Farbe, dann wird sie gebären. Wenn dies nicht der Fall ist, dann wird sie nicht gebären.“„Indem sie ausgestreckt liegt, salbe du ihre Papillen, ihre Arme, ihre Schultern mit neuem Oele.“ Je nachdem sich dann am anderen Morgen die Muskeln infolge der Einreibung präsentierten und je nach ihrem Verhalten beim Drücken und Streichen, schloß man auf einen günstigen oder ungünstigen Verlauf der Entbindung (d. h. von der Art der Muskelerregbarkeit auf die Kontraktilität des Uterus).Eine Methode zur Schwangerschaftsdiagnose und Geschlechtsbestimmung bestand darin, daß man Weizen und Gerste in zwei gesonderten Säcken in den Urin der Frau legte; fangen die Körner an zu keimen, so wird die Frau gebären, und zwar, im Falle der Weizen keimt, einen Knaben, im Falle die Gerste treibt, ein Mädchen.Im Papyrus Ebers lautet ein Rezept, „um den Uterus wieder an seinen Ort eintreten zu lassen“: „Einen Ibis von Wachs auf Kohle tun; den Dampf davon in ihr Geschlechtsorgan eindringen zu lassen.“Aus derKinderheilkundeinteressiert es uns besonders,daß man die Ammen Medizin einnehmen ließ, um die Säuglinge zu heilen. Bemerkenswert ist auch die Prognose für ein Kind am Tage, an dem es geboren wird: „Wenn es ni schreit, wird es leben, wenn es ba schreit, wird es sterben.“

Auf Grund des bisher erschlossenen handschriftlichen Materials, welches nur wenig Chirurgisches enthält, darf noch kein abschließendes Urteil gefällt werden, denn es könnten einschlägige Texte noch in der Verborgenheit schlummern. Der Kahuner Veterinärpapyrus beweist, daß man jedenfalls bei Tieren schon in sehr alter Zeit auch vor solchen Eingriffen nicht zurückschreckte, die eine gewisse Technik erfordern; Ausgrabungsgegenstände demonstrieren, daß die Befähigung zur Konstruktion geeigneter Instrumente — Schröpfköpfe, Messer, Haken, Pinzetten, Metallstäbe, Nadeln etc. — vorhanden war; die Geschicklichkeit, mit welcher die Einbalsamierer das Gehirn aus der Schädelhöhle (mit mehr als 30 cm langen bronzenen Haken), ohne die Form der Gesichtszüge zu beeinträchtigen, entfernten, läßt manuelle Gewandtheit auch auf anderen verwandten Gebieten vermuten. Die Texte berichten uns freilich höchstens von Geschwulstexstirpationen, bei Mumien fand man neben gut ausgeheilten Knochenbrüchen auch solche mit einer Uebereinanderschiebung von fast 4 cm; von vorgenommenen Amputationen ließ sich noch keine Spur entdecken. Im Papyrus Ebers ist die Rede von Wunden (auch Biß- und Brandwunden, Insektenstiche), Fremdkörpern, Brand, Eiteransammlungen, Pusteln, stinkenden Geschwüren, Geschwülsten (Fetttumoren, Abszessen am Halse, Drüsengeschwülsten, Mammatumoren u. a.), äußerlichen Erkrankungen des Rumpfes und der Glieder (Pusteln, Blasen, Verhärtungen, Quetschungen u. a.), Hämorrhoiden etc. Beim Verbande kamen teils Leinwand, teils Charpie (aus Flachs, Leinwand oder Baumwolle) zur Anwendung; die Salben und Pflaster bestanden namentlich aus Oel, Fettarten (Gänse-, Rinder-, Schweine-, Esel-, Katzen-, Nilpferdfett), Wachs, Honig, vermischt mit mannigfachen anderen Substanzen; in Höhlungen wurden Suppositorien oder Charpiebauschen, mit entsprechenden Mitteln bestrichen, eingeführt; zur Entfernung von Fremdkörpern (und Filaria medinensis) benützte man eitererregende Pflaster, zu operativen Eingriffen diente Lanzette oder Glüheisen. Folgende Beispiele aus Papyrus Ebers illustrieren die Untersuchungsweise (Inspektion, Palpation) und Behandlungsmethode. „Wenn du einen Eitertumor in einem beliebigen Glied einer Person triffst und findest die Spitze davon erhöht, begrenzt und mit rundlicher Form, so sag du dazu: ‚es ist ein Eitertumor, der in seinem Fleische umläuftʻ. Ich werde die Krankheit mit dem Messer behandeln“ (Joachim, p. 191-192). — „Wenn du ein Gewächs an der Kehle eines Patienten triffst ... worin Eiter ist ... und du findest seine Spitze hoch aufgerichtet gleich einer Warze, der Eiter bewegt sich darin“ ... (ibidem p. 188). — „Wenn du ein Fettgewächs in seiner Kehle triffst und findestes wie einen Abszeß des Fleisches, der unter deinen Fingern erweicht ist ... so sag du dazu: ‚er hat ein Fettgewächs in seiner Kehleʻ. Ich werde die Krankheit mit dem Messer behandeln, indem ich mich vor den Gefäßen in acht nehme“ (ibid. p. 189). — „Wenn du einen Tumor des Fleisches in einem beliebigen Körperteil einer Person triffst und du findest ihn wie Haut an seinem Fleisch; er ist feucht, er bewegt sich unter deinen Fingern, ausgenommen, die Finger werden ruhig gehalten, denn die Bewegung entsteht durch die Finger, so sag dazu: ‚es ist ein Tumor des Fleischesʻ. Ich werde die Krankheit behandeln, indem ich versuche, es mit Feuer zu heilen ...“ (ibidem p. 190).

Die Angaben aus dem Altertum, daß die Aegypter dieBeschneidungvon jeher geübt haben, finden ihre Bestätigung durch die Befunde an den Mumien und durch bildliche Darstellungen (so führt z. B. ein Gemälde aus der Zeit Ramses II. die Ausführung der Operation an einem Knaben vor). Die Priester und Vornehmen unterwarfen sich jedenfalls der Zirkumzision. Auch die Beschneidung der Mädchen scheint schon sehr früh in Aegypten eine weit verbreitete Sitte gewesen zu sein.

Was dieAugenheilkundeder alten Aegypter anlangt, so fällt es auf, daß derselben im Papyrus Ebers ein sehr bedeutender Abschnitt eingeräumt wird, aber aus dieser Quelle kann weder über die epidemische „ägyptische“ Augenentzündung — sie gewann erst im Mittelalter jene Rolle, welche sie heute spielt — noch über die Kenntnis der Staroperation etwas entnommen werden; das Ausrupfen der Haare bei Trichiasis ist die einzige Operation, die im Papyrus vorkommt. Von Affektionen sind zu erkennen: der Bindehautkatarrh, dessen Hauptsymptome Rötung, Schwellung und Absonderung der Augen, jedes für sich abgehandelt wird, entzündliche Hornhauttrübung, Hornhautabszeß, Triefauge, Verengerung (Verschließung) der Pupille, Hagelkorn, weiße Hornhautnarbe, Blutunterlaufung der Lider, Schielen, Milium, Gerstenkorn, Chemosis, Ptosis, Trichiasis u. a. Hinsichtlich der Therapie ist es besonders bemerkenswert, daß dielokale Behandlungin den Vordergrund tritt (z. B. Einpinseln mit der Feder eines Geiers). Zu den Mitteln zählen: Schwefelblei, Spießglanz (in Schminken), Grünspan, Kupfervitriol, Kupferkarbonat, Bleivitriol, Rötel, Lapis lazuli, Salpeter, viele Harzarten, Pflanzenkohle, Myrrhe, Schöllkraut, Urin (zum Waschen der Augen), Frauenmilch, bei Trichiasis nach dem Ausrupfen der Haare das Blut von Eidechse, Fledermaus, Rind, Esel, Schwein, Windhund und Ziege (möglicherweise sind dies nur hermetische Umnennungen von Drogen). Einmal wird als Lösungsmittel für ein metallisches Präparat Honig und „Wasser aus Schweinsaugen“ empfohlen. Auf dieOhrenheilkundebeziehen sich Rezepte des Pap. Ebers (gegen Ohrenfluß und Ohrgeschwüre), in einem derselben findet sich als Bestandteil Eselsohr. Hinsichtlich derZahnheilkundeist zu erwähnen, daß der Papyrus einige zusammengesetzte Mittel anführt, und Mumienbefunde auf eine gewisse Technik des Ersatzes und der Konservierung hinweisen.

Auch dieGeburtshilfeundGynäkologieist in den beiden uralten ägyptischen Handschriften vertreten, mit Schwangerschaftsdiagnosen, Rezepten zur Beförderung der Konzeption, zur Wehenbeförderung (Suppositorien), zur Vermehrung der Milchsekretion (Salben auf die Brüste appliziert), zur Anregung der Menstruation (Einspritzung von Dekokten in die Scheide), zur Behebung der Uteruswanderungen (Hysterie), Mammaerkrankungen, Dysmennorrhöe, Fluor von verschiedenen entzündlichen Affektionen der weiblichen Genitalorgane (Irrigationen, Räucherungen, Suppositorien) etc. Beispielsweise sei aus Papyrus Brugsch angeführt, mit welchen Methoden man auf Schwangerschaft oder den Verlauf der Entbindung schloß.

„Ein anderes Rezept, um zu sehen, ob eine Frau gebiert oder ob sie nicht gebiert: Wassermelone zerstoßen, überschütten mit Milch der Mutter eines Knabenund mache es sie trinken. Wenn sie sich erbricht, wird sie gebären, wenn sie aber nur Blähungen hat, wird sie nimmermehr gebären.“

„Es werde ihr ein warmer Umschlag gemacht mit Nilpferdkot. Wenn sie hierauf uriniert und ihr Urin ist unrein, oder wie vom Sturm aufgeregtes Wasser, oder von schmutzig gelbroter Farbe, dann wird sie gebären. Wenn dies nicht der Fall ist, dann wird sie nicht gebären.“

„Indem sie ausgestreckt liegt, salbe du ihre Papillen, ihre Arme, ihre Schultern mit neuem Oele.“ Je nachdem sich dann am anderen Morgen die Muskeln infolge der Einreibung präsentierten und je nach ihrem Verhalten beim Drücken und Streichen, schloß man auf einen günstigen oder ungünstigen Verlauf der Entbindung (d. h. von der Art der Muskelerregbarkeit auf die Kontraktilität des Uterus).

Eine Methode zur Schwangerschaftsdiagnose und Geschlechtsbestimmung bestand darin, daß man Weizen und Gerste in zwei gesonderten Säcken in den Urin der Frau legte; fangen die Körner an zu keimen, so wird die Frau gebären, und zwar, im Falle der Weizen keimt, einen Knaben, im Falle die Gerste treibt, ein Mädchen.

Im Papyrus Ebers lautet ein Rezept, „um den Uterus wieder an seinen Ort eintreten zu lassen“: „Einen Ibis von Wachs auf Kohle tun; den Dampf davon in ihr Geschlechtsorgan eindringen zu lassen.“

Aus derKinderheilkundeinteressiert es uns besonders,daß man die Ammen Medizin einnehmen ließ, um die Säuglinge zu heilen. Bemerkenswert ist auch die Prognose für ein Kind am Tage, an dem es geboren wird: „Wenn es ni schreit, wird es leben, wenn es ba schreit, wird es sterben.“

Höher als die therapeutische Polypragmasie ist dieHygieneundKrankheitsprophylaxeder Aegypter zu werten. Nicht nur im Rahmen ihrer Zeit, sondern selbst von der Warte der Gegenwart betrachtet, verdienen die meisten ihrer hygienischen Maßnahmen (namentlich unter Berücksichtigung des heißen Klimas) vollste Anerkennung, und sie lassen so recht den Ausspruch Herodots begreiflich finden: „Die Aegypter seien neben den Libyern das gesündeste Volk.“ Sicher auf Kosten sehr weit zurückreichender Erfahrungen, insbesondere über Seuchen aller Art, dürfte in Aegypten jener Wunderbau der Sozialhygiene errichtet worden sein, der zwar in erster Linie und voller Strenge für den König, die Priesterschaft und die obersten Kasten galt, aber doch auch die weitesten Schichten des Volkes in der ganzen Lebensführung beeinflußte; war es doch die hehrste Pflicht des Königs, die Reinheit des Volkes zu wahren.

Die Herleitung der meisten Krankheiten von Nahrungsüberschüssen und die Erkenntnis, daß es leichter ist, Krankheiten vorzubeugen, als die schon entstandenen zu heilen, rief (nach den Angaben Herodots und Diodors) den Gebrauch hervor, 3 Tage in jedem Monat hintereinander bloß aus prophylaktischen Gründen Brechmittel und Klistiere anzuwenden. In tiefer Kenntnis der Völkerpsychologie, getreu der Maxime, daß die Menschheit einer gewissen Denkstufe, autoritativ im Interesse ihres eigenen Wohles zunächst zu Handlungen getrieben und erst sekundär zum Nachdenken veranlaßt werden solle, regelten Religionsgesetze,kraft göttlicher Inspiration, die öffentliche Gesundheitspflege und die ganze Lebensweise, die Körperpflege, die Bekleidung, die Nahrung, das sexuelle Leben u. s. w., und stellten, wie viele Tempelinschriften besagen, den Frommen, d. h. denReinenundMäßigen, statt transzendentaler Güter ein langes Leben und Gesundheit ohne Begrenzung, sowie reiche Nachkommenschaft in Aussicht. „Die ganze Lebensweise,“ sagt Diodor, „war so gleichförmig geordnet, daß man glauben sollte, sie wäre nicht von einem Gesetzgeber geschrieben, sondern von einem geschickten Arzte nach Gesundheitsregeln berechnet.“


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