Die Aerzte.

In dieser Hinsicht können Epidauros mit seiner ausgesprochenen Thaumaturgie und Kos mit seiner Hinneigung zum Rationalismus als Repräsentanten gelten. Als Kultort behielt das erstere stets den Vorrang und suchte seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über alle übrigen Asklepieien zu erlangen; die Hegemonie drückte sich symbolisch darin aus, daß die ehrgeizige epidaurische Priesterschaft zur Einweihung heilige Schlangen nach dem abhängigen Heiligtum schickte. Die Mythe erzählt, daß die Sendung nach Kos erfolglos blieb, d. h. die dortige Priesterschaft erklärte sich mit den Umtrieben der Epidaurier nicht einverstanden und huldigte in der Therapie Grundsätzen, welche im Sinne des Rationalismus von den wissenschaftlich forschenden koischen Asklepiaden ausgebildet wurden. Die koischen Tafeln, πίνακες, dürften darum im Inhalt ihrer Heilberichte wesentlich verschieden gewesen sein von den epidaurischen und verwandten, die, soweit sie jetzt bekannt sind, nur Zeugnis vom absurdesten Aberglauben liefern.

In dieser Hinsicht können Epidauros mit seiner ausgesprochenen Thaumaturgie und Kos mit seiner Hinneigung zum Rationalismus als Repräsentanten gelten. Als Kultort behielt das erstere stets den Vorrang und suchte seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über alle übrigen Asklepieien zu erlangen; die Hegemonie drückte sich symbolisch darin aus, daß die ehrgeizige epidaurische Priesterschaft zur Einweihung heilige Schlangen nach dem abhängigen Heiligtum schickte. Die Mythe erzählt, daß die Sendung nach Kos erfolglos blieb, d. h. die dortige Priesterschaft erklärte sich mit den Umtrieben der Epidaurier nicht einverstanden und huldigte in der Therapie Grundsätzen, welche im Sinne des Rationalismus von den wissenschaftlich forschenden koischen Asklepiaden ausgebildet wurden. Die koischen Tafeln, πίνακες, dürften darum im Inhalt ihrer Heilberichte wesentlich verschieden gewesen sein von den epidaurischen und verwandten, die, soweit sie jetzt bekannt sind, nur Zeugnis vom absurdesten Aberglauben liefern.

In welchem Geiste aber auch immer die therapeutischen Vorschriften von der Priesterschaft gegeben wurden, so handelte es sich formell doch immer um Theurgie — es war Asklepios selbst, der durch den Mund seiner Diener Vorschriften verkündete. Mochten dieselben von der anwachsenden Erfahrung noch so viel Nutzen ziehen, offiziell konnte die Priesterschaft vom Bestande einer Sammlung kritischer Beobachtungen— die ihre Richtschnur gewiß im geheimen bildete — keinen Gebrauch machen; die göttliche Offenbarung tat in jedem einzelnen Falle ein Wunder. Um den Schein des Supranaturalismus zu wahren, mußten die Priester anderen Männern die Begründung der wissenschaftlichen Heilkunst überlassen, nämlich solchen, die dem Kultus fernstanden. So wirkte, abgesehen von dem Mangel eines geschlossenen religiösen Dogmatismus, gerade die strenge Gebundenheit der Priester an den Kultus als Faktor für die freie Bearbeitung der griechischen Medizin neben und außerhalb der Tempel.

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Der Asklepioskult bildet nureineForm der medizinischen Entwicklung; verhältnismäßig spät auftauchend, stößt er sehr bald auf Gegenströmungen älteren Ursprungs, und infolge der fehlenden Möglichkeit, sich an bestehende universelle Priestersysteme anzuschließen gewinnt er wenigstens in den höheren Schichten des Volkes kaum vorübergehend jene geistige Macht, welche der Theurgie in der Heilkunde des Ostens die Oberherrschaft sicherte.Tiefer als der Obskurantismus wurzelt bei den Griechen die freie ärztliche Kunst.

Seit Homer erwähnen Dichter und Historiker nichtpriesterliche Aerzte, welche, ungehindert von der Tempelmedizin, in vollster Freizügigkeit ihren Beruf ausüben, ihre Erfahrung nach selbsterworbenen Gesichtspunkten verwerten konnten, und schon frühzeitig entstand die Sitte, daß politische GemeinwesenAmtsärzteanstellten, mit der Obliegenheit, gegen fixen Gehalt die Armen unentgeltlich zu behandeln, bei Seuchen die entsprechenden Anordnungen zu treffen, vor Gericht als Sachverständige auszusagen; ebenso ist es sicher verbürgt, daß Aerzte Heer und Flotte begleiteten (bereits Lykurg führteFeldärzteein!) oder, daß sie als Hof- undLeibärzte, wie z. B. Demokedes im 6. Jahrhundert v. Chr., dem Rufe von fremden Fürsten Folge leisteten.

Die ärztliche Praxis, die zu den Gewerben zählte, war jedem gestattet, der das erforderliche Wissen zu besitzen glaubte (Frauen war der Beruf allerdings verschlossen und Unfreie durften nur Sklaven behandeln); diese Freiheit brachte es mit sich, daß sehr verschiedenartige Elemente, Männer von höchster Bildung (Philosophen), tüchtig ausgebildete Praktiker, aber auch rohe Empiriker, nichtswürdige Scharlatane und armselige Dilettanten ihr Kontingent stellen durften.

Drei Typen sind es namentlich, die unter den Aerzten hervortreten: der einfache Praktiker (δημιουργός), der regelrecht gebildete, mit seinem Assistenten arbeitende Meister (ἀρχιτεκτονικός) und der dilettantische Kenner (πεπαιὀευμένος), welch letzterem (entsprechend dem spekulativen hellenischen Wissenschaftsbegriff) ebenso wie den beiden vorgenannten ein maßgebendes Urteil über Kunstfehler zukam.

Drei Typen sind es namentlich, die unter den Aerzten hervortreten: der einfache Praktiker (δημιουργός), der regelrecht gebildete, mit seinem Assistenten arbeitende Meister (ἀρχιτεκτονικός) und der dilettantische Kenner (πεπαιὀευμένος), welch letzterem (entsprechend dem spekulativen hellenischen Wissenschaftsbegriff) ebenso wie den beiden vorgenannten ein maßgebendes Urteil über Kunstfehler zukam.

Im engeren Sinne galten als eigentlich gebildete Aerzte (τεχνῖται, χειροτέχναι) nur solche, welche bei einem anerkannten Meister entsprechendentheoretisch-praktischen Unterricht genossen hatten. Dieser Nachweis war namentlich für Amtsärzte (δημοσιεύοντες) erforderlich, z. B. in Athen, wo sie nach Vorstellung der Kandidaten von der Volksversammlung gewählt wurden.

Die Aerzte übten ihre Praxis (sowohl innere Medizin als Chirurgie) teils an ihrem ständigen Wohnsitz aus, teils zogen sie umher als Periodeuten. Die Kranken wurden entweder zu Hause behandelt oder in den ärztlichen Werkstätten (ἰατρεῖα, ἰατρικὰ ὲργαστήρια), die auch mit Krankenzimmern zur vorübergehenden Verpflegung verbunden waren. Solche Iatreien errichteten größere Aerzte, welche von Gehilfen und Schülern umgeben waren, auf eigene Kosten, oder dieselben wurden für die Amtsärzte von den Gemeinden (besondere Steuern sind inschriftlich nachgewiesen) erhalten. Vornehmlich dienten sie zur Ausführung von Operationen und enthielten in ihren lichten Räumen alle nötigen Instrumente, Schüsseln, Schwämme, Verbandmaterial, Badewannen, Spritzen, Schröpfköpfe, Arznei- und Salbenbüchsen etc. Schüler und Gehilfen, welche hier ihre Kenntnisse erwerben oder vervollkommnen konnten, standen den Aerzten zur Seite und nahmen auch leichtere Fälle (namentlich unbemittelte Patienten!) selbständig in Behandlung; zuweilen begleiteten sie ihren Lehrer bei Krankenbesuchen in Privatwohnungen. Auf ärztlichen Reisen nahm man einen Handapparat mit, der aus den unentbehrlichsten Instrumenten, Verbandzeug, Salben, Pflastern, Brechmitteln und Purganzen bestand. (Solche Kästchen sind aufgefunden worden.) Außergewöhnliche Leistungen wurden mit Dotationen, Steuerfreiheit, Bürgerrecht, Ehrendekreten, goldenen Kränzen, Statuen u. s. w. belohnt. Beispielsweise berichten Inschriften von derartigen Ehrungen, welche die dankbaren Mitbürger demOnasilos,EuenorundMenokritoserwiesen haben.

Die Aerzte übten ihre Praxis (sowohl innere Medizin als Chirurgie) teils an ihrem ständigen Wohnsitz aus, teils zogen sie umher als Periodeuten. Die Kranken wurden entweder zu Hause behandelt oder in den ärztlichen Werkstätten (ἰατρεῖα, ἰατρικὰ ὲργαστήρια), die auch mit Krankenzimmern zur vorübergehenden Verpflegung verbunden waren. Solche Iatreien errichteten größere Aerzte, welche von Gehilfen und Schülern umgeben waren, auf eigene Kosten, oder dieselben wurden für die Amtsärzte von den Gemeinden (besondere Steuern sind inschriftlich nachgewiesen) erhalten. Vornehmlich dienten sie zur Ausführung von Operationen und enthielten in ihren lichten Räumen alle nötigen Instrumente, Schüsseln, Schwämme, Verbandmaterial, Badewannen, Spritzen, Schröpfköpfe, Arznei- und Salbenbüchsen etc. Schüler und Gehilfen, welche hier ihre Kenntnisse erwerben oder vervollkommnen konnten, standen den Aerzten zur Seite und nahmen auch leichtere Fälle (namentlich unbemittelte Patienten!) selbständig in Behandlung; zuweilen begleiteten sie ihren Lehrer bei Krankenbesuchen in Privatwohnungen. Auf ärztlichen Reisen nahm man einen Handapparat mit, der aus den unentbehrlichsten Instrumenten, Verbandzeug, Salben, Pflastern, Brechmitteln und Purganzen bestand. (Solche Kästchen sind aufgefunden worden.) Außergewöhnliche Leistungen wurden mit Dotationen, Steuerfreiheit, Bürgerrecht, Ehrendekreten, goldenen Kränzen, Statuen u. s. w. belohnt. Beispielsweise berichten Inschriften von derartigen Ehrungen, welche die dankbaren Mitbürger demOnasilos,EuenorundMenokritoserwiesen haben.

Die berühmtesten Pflegestätten fand die rationelle Medizin charakteristischerweise zuerst in den Kolonien, wo die intensivste Befruchtung durch asiatisch-ägyptische Einflüsse stattfand, an Orten, wo diePhilosophieblühte oderAsklepiostempelbestanden. Zu den ersteren zähltenKyreneundKroton, zu den letzteren die Schulen vonRhodos,KnidosundKos.

Zur Zeit Herodots erfreuten sich die Aerzte von Kroton und nach ihnen die kyrenaischen des höchsten Ruhmes. Kyrene, Hauptstadt der Landschaft Kyrenaia, eine Kolonie von Thera, dankte ihren Reichtum dem Silphium (Gewürz- und Arzneipflanze, eine Art Narthex. L.), das sie im Wappen führte und zeichnete sich durch Pflege der Philosophie schon sehr frühzeitig aus. Kroton war Sitz der Pythagoreer und besaß eine Aerzteschule. Die Aerzte von Rhodos, Knidos und Kos warenAsklepiaden. Die Geschichte der rhodischen Schule, welche bald unterging, ist in Dunkel gehüllt.

Zur Zeit Herodots erfreuten sich die Aerzte von Kroton und nach ihnen die kyrenaischen des höchsten Ruhmes. Kyrene, Hauptstadt der Landschaft Kyrenaia, eine Kolonie von Thera, dankte ihren Reichtum dem Silphium (Gewürz- und Arzneipflanze, eine Art Narthex. L.), das sie im Wappen führte und zeichnete sich durch Pflege der Philosophie schon sehr frühzeitig aus. Kroton war Sitz der Pythagoreer und besaß eine Aerzteschule. Die Aerzte von Rhodos, Knidos und Kos warenAsklepiaden. Die Geschichte der rhodischen Schule, welche bald unterging, ist in Dunkel gehüllt.

Auf den ersten Blick erscheint es schwer verständlich, wie sich eine rationelle Heilkunde und freie Heilkunst auch im Schatten der Tempel von Knidos und Kos entwickeln konnte, ungehindert durch die Theurgie der Asklepiospriester. Das Befremdende der Tatsache schwindet aber, wenn man erwägt, daß nicht die Priester Träger des Fortschrittes waren, sondern die Tempelärzte, die sogenanntenAsklepiaden, welche in historischer Zeit nur eine lose oder gar keine Beziehung zum Kultushatten und nach freiem Ermessen außerhalb des Heiligtums, ja sogar in der Fremde ihren Beruf ausüben konnten. Jedenfalls in dem Jahrhundert, welches dem Zeitalter des Hippokrates am nächsten liegt, sind die knidischen oder koischenAsklepiaden nur eine scharf begrenzte Gruppe der griechischen Aerzte, welche sich von den übrigen durch eine straffe Organisation charakterisiert, die in bestimmten Satzungen und Formalitäten ihren Ausdruck findet. Diese liefen darauf hinaus, in der Asklepiadenzunft nur solche Elemente zu vereinigen, welche durch die gemeinsame Verehrung des Heilgottes, durch gleiche wissenschaftliche Anschauungen eng aneinander gekettet, ihre Aufgabe in hervorragender ärztlicher Tätigkeit erblickten und sich eidlich verpflichteten, die Würde der Kunst zu erhalten, die Ethik bei der Ausübung des Berufes zu wahren, Dankbarkeit gegen die Lehrer, brüderliche Gesinnung gegen deren Nachkommen zu pflegen und die Profanation der Geheimnisse an Unberufene zu verhüten.

Der Zug vonfamiliärerPietät, der im Bunde der Asklepiaden deutlich hervortritt, und die ans Priestertum lebhaft erinnernde Geheimhaltung der Lehren (die Mysterienvereinigungen z. B. in Eleusis oder der Pythagoreerbund sind Analoga) stützten sich auf die Tradition, daß die Asklepiaden ursprünglich eine Genossenschaft von Blutsverwandten bildeten, die ihreHerkunft vom göttlichen Stammvater der Medizinableiteten und ihreKunst als Familienvermächtnishüteten. Aeußere Momente bewirkten es, daß diese Vereinigung von Blutsverwandten sich allmählich durch Aufnahme von Fremden (ἔξω τοῦ γένους) zu einer geistigen Familie von Aerzten erweiterte, aber auch diese bewahrte unter dem Mantel altehrwürdiger Formen die Reinheit der überkommenen Lehre und deutete noch durch mancherlei Aeußerlichkeiten, insbesondere durch den Verbandssitz in Tempelorten, ihren ehemaligen Zusammenhang mit dem Asklepiospriestertum an.

Die älteren Historiker der Medizin hielten die Asklepiaden für identisch mit den Asklepiospriestern. Diese Ansicht hat sich als unrichtig herausgestellt; man ging später aber so weit, jede Verbindung zwischen beiden zu leugnen. Gegenwärtig stehen maßgebende Forscher auf einem vermittelnden Standpunkt, indem sie den ursprünglichen Zusammenhang der Asklepiaden mit den Priestern, die Mitwirkung der „Söhne des Gottes“ bei den Kulthandlungen in älterer Zeit anerkennen, aber besonders in Kos und Knidos eine allmähliche und tiefgreifende Lostrennung der Asklepiaden von allem Tempelspuk annehmen. Vielleicht waren die sogenannten Asklepiaden ursprünglich Familien, in denen sich seit grauer Zeit der ärztliche Beruf forterbte und die Kunstgeheimnisse als Vermächtnis bewahrt wurden, wie es in abgelegenen Gegenden noch heute Familien gibt, die ärztliche Kunst oder nur einzelne Spezialitäten (z. B. Bruchoperationen, Steinschnitt, Frakturenbehandlung u. s. w.) seit Jahrhunderten pflegen und sich auf uralte Ueberlieferungen berufen. Ihren symbolischen Ausdruck fand diese Familienmedizin im Kultus des angeblichen Urahns, des ἡρως κτἰστης 'Ασκλαπιός, so wie die Schmiede den Hephaistosverehrten. Infolge des wachsenden Ansehens und der Verbreitung der Familienangehörigen, zu denen sich allmählich Fremde unter gewissen Bedingungen gesellen durften, wurde der angebliche Stammesheros zum allgemein anerkannten Heilgotte erhoben, verwandelte sich der Stammeskult in einen Staatskult mit besonderen Heiligtümern und staatlichen Priestern. Es prägt sich dieses Verhältnis darin aus, daß Asklepios zum Sohn des Heilgotts Apollon gemacht und mit anderen älteren Heilgottheiten zusammen verehrt wurde, daß seine Statue z. B. neben der des Apollon, der Hygieia u. s. w. ihren Platz fand; wie die Ausgrabungen z. B. auf Paros zeigen, wurde Asklepios (vielleicht nach Erschließung einer neuen Heilquelle) in das Heiligtum des Apollon Pythios aufgenommen. Die angeblichen Nachkommen des Asklepios gingen teils in der Tempelmystik auf, teils pflegten sie, z. B. in Kos rationelle Medizin und beeinflußten sogar die Priesterschaft gegen den schwindelhaften Wunderbetrieb. (Wie oben erwähnt, weigerte sich, nachgewiesenermaßen, die koische Priesterschaft, den nach Einheit strebenden Herrschaftsgelüsten von Epidauros Folge zu leisten!)

Die älteren Historiker der Medizin hielten die Asklepiaden für identisch mit den Asklepiospriestern. Diese Ansicht hat sich als unrichtig herausgestellt; man ging später aber so weit, jede Verbindung zwischen beiden zu leugnen. Gegenwärtig stehen maßgebende Forscher auf einem vermittelnden Standpunkt, indem sie den ursprünglichen Zusammenhang der Asklepiaden mit den Priestern, die Mitwirkung der „Söhne des Gottes“ bei den Kulthandlungen in älterer Zeit anerkennen, aber besonders in Kos und Knidos eine allmähliche und tiefgreifende Lostrennung der Asklepiaden von allem Tempelspuk annehmen. Vielleicht waren die sogenannten Asklepiaden ursprünglich Familien, in denen sich seit grauer Zeit der ärztliche Beruf forterbte und die Kunstgeheimnisse als Vermächtnis bewahrt wurden, wie es in abgelegenen Gegenden noch heute Familien gibt, die ärztliche Kunst oder nur einzelne Spezialitäten (z. B. Bruchoperationen, Steinschnitt, Frakturenbehandlung u. s. w.) seit Jahrhunderten pflegen und sich auf uralte Ueberlieferungen berufen. Ihren symbolischen Ausdruck fand diese Familienmedizin im Kultus des angeblichen Urahns, des ἡρως κτἰστης 'Ασκλαπιός, so wie die Schmiede den Hephaistosverehrten. Infolge des wachsenden Ansehens und der Verbreitung der Familienangehörigen, zu denen sich allmählich Fremde unter gewissen Bedingungen gesellen durften, wurde der angebliche Stammesheros zum allgemein anerkannten Heilgotte erhoben, verwandelte sich der Stammeskult in einen Staatskult mit besonderen Heiligtümern und staatlichen Priestern. Es prägt sich dieses Verhältnis darin aus, daß Asklepios zum Sohn des Heilgotts Apollon gemacht und mit anderen älteren Heilgottheiten zusammen verehrt wurde, daß seine Statue z. B. neben der des Apollon, der Hygieia u. s. w. ihren Platz fand; wie die Ausgrabungen z. B. auf Paros zeigen, wurde Asklepios (vielleicht nach Erschließung einer neuen Heilquelle) in das Heiligtum des Apollon Pythios aufgenommen. Die angeblichen Nachkommen des Asklepios gingen teils in der Tempelmystik auf, teils pflegten sie, z. B. in Kos rationelle Medizin und beeinflußten sogar die Priesterschaft gegen den schwindelhaften Wunderbetrieb. (Wie oben erwähnt, weigerte sich, nachgewiesenermaßen, die koische Priesterschaft, den nach Einheit strebenden Herrschaftsgelüsten von Epidauros Folge zu leisten!)

Gerade an den Tempelorten bot sich reichliche Gelegenheit, Leiden aller Art zu sehen, die Wirksamkeit von Kuren und Mitteln zu erfahren, aus manchen der aufgezeichneten Krankengeschichten die Erfahrung zu bereichern. Im Tempelarchiv von Rhodos, Kos und Knidos befanden sich reiche Bibliotheken, in denen der Wissensschatz für Schüler und Nachfolger niedergelegt war; ihre Praxis übten die Asklepiaden entweder in den Iatreien oder in den Behausungen der Patienten aus, manche folgten auch dem Rufe in die Fremde — ein Zeugnis, wie wenig sie durch priesterliche Abgeschlossenheit gebunden waren.

Eine Weihinschrift in Athen zeigt, daß schon im 6. Jahrhundert die koischen Asklepiaden wegen ihrer anerkannten Tüchtigkeit in ferne Teile Griechenlands berufen wurden; die in jüngster Zeit veranstalteten Ausgrabungen des koischen Asklepieions beweisen, daß dasselbe als Archiv für Ehrungen koischer Aerzte diente, und daß die dortigen Asklepiaden trotz ihrer Verbindung mit der Priesterschaft rationell gebildete Aerzte waren, welche Berufungen ins Ausland gerne Folge leisteten.

Während in älterer Zeit der Vater oder ein älterer Verwandter den Sprößling der Familie in der Heilkunst unterwies, wurden später, als sich die Zunft den Fremden erschloß,Asklepiadenschuleneigens eingerichtet, in denen Bürgerssöhne gegen oft bedeutendes Honorar in allen Kenntnissen und Fertigkeiten theoretischen und praktischen Unterricht empfingen; für die Söhne der Asklepiaden war der Unterricht unentgeltlich, da sich die Schüler nach erlangter Ausbildung verpflichten mußten, die Söhne ihres Meisters ohne Anspruch auf Entschädigung in der Heilkunst zu unterweisen. Der Unterricht erstreckte sich auf den Bau und die Funktionen des Körpers — nach dem Zeugnis Galens wurden die Asklepiadenjünger schon in früher Jugend in die Anatomie (Tierzergliederungen) eingeführt —, weiterhin auf die Lehre von den Krankheitsursachen etc., und fand seine Ergänzung inpraktischer(klinischer) Unterweisung über die verschiedenen Leiden und ihre Behandlung (Heilmittel, Operationen etc.) an konkreten Fällen, wie sie namentlich im Iatreion zur Beobachtung gelangten; die vorgeschrittenen Schüler durften unter Aufsicht des Lehrers selbst mit Hand anlegen. Die Aufnahme in die Asklepiadengenossenschaft erfolgte nach beendeter Ausbildung und nach Ablegung desSchwures, welcher das neue Mitglied für immer zur Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen und ethischen Traditionen verpflichtete.

Der auf uns gekommene, in der hippokratischen Schriftensammlung enthaltene Schwur lautet folgendermaßen: „Ich schwöre bei Apollon, dem Arzte, bei Asklepios, Hygieia und Panakeia und bei allen Göttern und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen mache, daß ich diesen meinen Eid und diese meine Verpflichtungen erfüllen werde nach Vermögen und Verständnis, nämlich denjenigen, welcher mich in dieser Kunst unterwiesen hat, meinen Eltern gleichzuachten, sein Lebensschicksal zu teilen, ihm auf Verlangen dasjenige, dessen er bedarf, zu gewähren, das von ihm stammende Geschlecht gleich meinen männlichen Geschwistern zu halten, sie diese Kunst, wenn sie dieselbe erlernen wollen, ohne Entgelt und ohne Schein zu lehren und die Vorschriften, Kollegien und den ganzen übrigen Lernstoff meinen Söhnen sowohl wie denen meines Lehrers und den Schülern, welche eingetragen und verpflichtet sind nach ärztlichem Gesetze, mitzuteilen, sonst aber niemand. — Diätetische Maßnahmen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken nach meinem Vermögen und Verständnis, drohen ihnen aber Fährnis und Schaden, so werde ich sie davor zu bewahren suchen. Auch werde ich keinem, und sei es auf Bitten, ein tödliches Mittel verabreichen, noch einen solchen Rat erteilen, desgleichen werde ich keiner Frau eine abtreibende Bougie geben. Lauter und fromm will ich mein Leben gestalten und meine Kunst ausüben. Auch will ich bei Gott keinen Steinschnitt machen, sondern ich werde diese Verrichtung denjenigen überlassen, in deren Beruf sie fällt. In alle Häuser aber, in wie viele ich auch gehen mag, will ich kommen zu Nutz und Frommen der Patienten, mich fernhaltend von jederlei vorsätzlichem und Schaden bringendem Unrechte, insbesondere aber von geschlechtlichem Verkehre mit Männern und Weibern, Freien und Sklaven. Was ich aber während der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im gewöhnlichen Leben erfahre, das will ich, soweit es außerhalb nicht weitererzählt werden soll, verschweigen, indem ich derartiges für ein Geheimnis ansehe. — Wenn ich nun diesen Eid erfülle, ohne ihn zu brechen, dann möge mir ein glückliches Leben und eine glückliche Kunstausübung beschieden sein und ich bei allen Menschen für immer in Ehren stehen, wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, möge das Gegenteil geschehen.“

Der auf uns gekommene, in der hippokratischen Schriftensammlung enthaltene Schwur lautet folgendermaßen: „Ich schwöre bei Apollon, dem Arzte, bei Asklepios, Hygieia und Panakeia und bei allen Göttern und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen mache, daß ich diesen meinen Eid und diese meine Verpflichtungen erfüllen werde nach Vermögen und Verständnis, nämlich denjenigen, welcher mich in dieser Kunst unterwiesen hat, meinen Eltern gleichzuachten, sein Lebensschicksal zu teilen, ihm auf Verlangen dasjenige, dessen er bedarf, zu gewähren, das von ihm stammende Geschlecht gleich meinen männlichen Geschwistern zu halten, sie diese Kunst, wenn sie dieselbe erlernen wollen, ohne Entgelt und ohne Schein zu lehren und die Vorschriften, Kollegien und den ganzen übrigen Lernstoff meinen Söhnen sowohl wie denen meines Lehrers und den Schülern, welche eingetragen und verpflichtet sind nach ärztlichem Gesetze, mitzuteilen, sonst aber niemand. — Diätetische Maßnahmen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken nach meinem Vermögen und Verständnis, drohen ihnen aber Fährnis und Schaden, so werde ich sie davor zu bewahren suchen. Auch werde ich keinem, und sei es auf Bitten, ein tödliches Mittel verabreichen, noch einen solchen Rat erteilen, desgleichen werde ich keiner Frau eine abtreibende Bougie geben. Lauter und fromm will ich mein Leben gestalten und meine Kunst ausüben. Auch will ich bei Gott keinen Steinschnitt machen, sondern ich werde diese Verrichtung denjenigen überlassen, in deren Beruf sie fällt. In alle Häuser aber, in wie viele ich auch gehen mag, will ich kommen zu Nutz und Frommen der Patienten, mich fernhaltend von jederlei vorsätzlichem und Schaden bringendem Unrechte, insbesondere aber von geschlechtlichem Verkehre mit Männern und Weibern, Freien und Sklaven. Was ich aber während der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im gewöhnlichen Leben erfahre, das will ich, soweit es außerhalb nicht weitererzählt werden soll, verschweigen, indem ich derartiges für ein Geheimnis ansehe. — Wenn ich nun diesen Eid erfülle, ohne ihn zu brechen, dann möge mir ein glückliches Leben und eine glückliche Kunstausübung beschieden sein und ich bei allen Menschen für immer in Ehren stehen, wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, möge das Gegenteil geschehen.“

Der Mystizismus der Asklepiaden schwand einerseits in dem Maße, als Fremde in ihrem Bund Aufnahme fanden, wodurch sich gewiß die Geheimhaltung der Kunstgeheimnisse lockerte, anderseits infolge der wachsenden Konkurrenz mit Aerzten, welche den Philosophenschulen (namentlich der Pythagoreer) eine höhere wissenschaftliche Auffassung verdankten oder aber beim Volke durch empirische Tüchtigkeit Vertrauen erworben hatten. Philosophen, die über ärztliche Kenntnisse oder sogar Fertigkeiten verfügten, wie z. B. Pythagoras, Empedokles undihre Schüler, bewiesen, daß auch fern von den Asklepiostempeln Heilung zu finden ist; philosophisch gebildete Aerzte erweckten durch ihre Schriften spekulativ-theoretischen Inhaltes — lange vor Hippokrates gab es eine ansehnliche medizinische (auch populär-medizinische) Literatur — allgemeines wissenschaftliches Interesse, und von Ruhmsucht oder Geldgier getrieben, ließen es auch Sophisten, die über alles zu reden wußten, nicht daran fehlen, durch öffentliche Vorträge ihre dilettantischen Kenntnisse ins hellste Licht beim Publikum zu setzen, wodurch die ärztliche Tätigkeit, dem Urteil von Laien preisgegeben, nicht wenig von ihrem einstigen Nimbus einbüßte.

Wie aus dem Eid der Asklepiaden hervorgeht, überließen sie manche Operationen, die wegen mangelhafter anatomischer Kenntnis und Technik nur auf die roheste Weise unternommen werden konnten (Kastration, Steinschnitt), den „Handwerkern“ und versagten ihre Mithilfe bei gewissen Zumutungen (Fruchtabtreibung), die mit der Standesehre dieser ärztlichen Elite nicht vereinbar schienen. Gerne ersetzten herumziehende Quacksalber oderEmpiriker, die zumeist mit mehr Kühnheit als Sachkenntnis zugriffen, ihre Stelle und erwarben durch die Willfährigkeit, mit der sie sich zu verpönten oder zweifelhaften Dingen herbeiließen, großen Anhang.

Diese Empiriker, welche sich zumeist mit Spezialitäten (Blasenoperationen, Augenleiden, Zahnleiden etc.) abgaben, bilden den Uebergang zu allerlei Dilettanten, welche, ursprünglich untergeordnete Gehilfen der Berufsärzte, gerne die Rolle der Aerzte spielten und mit dem ganzen Fanatismus der Einseitigkeit ihre spärlichen Methoden oder Handgriffe für unfehlbare Universalmittel ausgaben. Hierher zählen dieGymnasten, d. h. die Lehrer und Vorturner in den Ringschulen (Gymnasien), welche alsJatroliptenauch die Einsalbung des Körpers vornahmen. In Anbetracht der großen Bedeutung, welche den Ringschulen im öffentlichen Leben der Griechen zukam, kann es nicht wundernehmen, daß die Gymnasten, zumal sie bei den Verletzungen, Frakturen oder Luxationen vor dem Eintreffen des Arztes die erste Hilfe leisten mußten und über den heilsamen Einfluß der Lebensweise und der Leibesübungen anscheinend die größte Erfahrung besaßen, geradezu als Aerzte (ιατροἰ, ὑγιεινοἰ) betrachtet wurden. Von Gesunden und Kranken über Diät und Gymnastik zu Rate gezogen, überschritten manche von ihnen ihren Wirkungskreis und gaben vor, durch bestimmte Körperübungen und diätetische Maßregeln allein, namentlich chronische Krankheiten heilen zu können. Es soll den Gymnasten gewiß nicht das Verdienst bestritten werden, daß sie früher als Asklepiaden und sonstige Berufsärzte die Bedeutung der Leibesbewegung und Stoffwechselkuren erfaßten; ihre Halbbildung verleitete sie aber kritiklos, diätetischeMittel, Salbungen, Dampfbäder, Massage, Körperbewegungen bei allen möglichen Zuständen anzuwenden und mit maßloser Uebertreibung ihre gläubigen Patienten zu Kuren zu verhalten, die eher zur Trainierung robuster Athleten als zur Behandlung von Krankheiten ausgesonnen zu sein scheinen. Wie gewisse moderne Wundertäter, beriefen sich manche Gymnasten auf die Erfahrung am eigenen Leibe und machten für ihre Grundsätze in Schriften sophistischer Art erfolgreiche Propaganda, z. B.Ikkos von TarentundHerodikos von Selymbria. Letzterer verordnete mit Vorliebe ermüdende Spaziergänge (z. B. von Athen bis Megara und ohne Aufenthalt wieder zurück = 9,2 km) und suchte das Fieber durch Laufen, Ringen und äußere Wärme zu vertreiben. Seine Kur der Wassersucht (Abführen, Erbrechen gleich nach dem Essen, laue Bähungen, Schlagen der Geschwulst mit gefüllten Schläuchen) fand übrigens noch in späteren Jahrhunderten große Anerkennung. Dem Heilsystem desHerodikosund den empirischen Maßnahmen der Gymnasten lag eine Teilwahrheit zu Grunde, welche später mit Vorsicht von der rationellen Medizin benützt wurde.

Um ein vollkommenes Bild von dem griechischen Heilpersonal zu erhalten, müssen wir noch einen Blick auf das üppig wuchernde Kurpfuschertum werfen, das sich aus Leuten rekrutierte, die in betrügerischer Absicht auf den Aberglauben der Menge spekulierten und mit kecker Hand in das Heilgewerbe einzugreifen verstanden. Außer allerlei Hirten und Quacksalbern (φαρμακοἰ), die namentlich sympathetische Kuren verrichteten, spielten bei den Griechen die sogenanntenRhizotomenundPharmakopolendie Hauptrolle. Die Aerzte bereiteten in älterer Zeit die Arzneien selbst, bedurften aber natürlich solcher Handlanger, die sich mit dem Sammeln von Pflanzen, mit der Zerlegung in die Bestandteile, mit dem kunstgerechten Aufbewahren der Blätter, Blüten, Wurzeln, Säfte u. s. w. abgaben. Nach ihrer Hauptbeschäftigung, dem Wurzelsammeln, hießen solche Personen Rhizotomen. Viele unter ihnen verblieben aber, wie es stets zu gehen pflegt, keineswegs bei ihrem eigentlichen Metier, sondern nützten die gelegentlich aufgelesenen dürftigen pharmazeutischen und medizinischen Kenntnisse in verwerflicher Weise aus und umgaben sich durch verschiedenartige abergläubische Prozeduren mit einem Nimbus, der ihren Geschäftszwecken sehr zu Gute kam. Gefährlicher waren die Arzneihändler (φαρμακοπῶλαἰ), welche in ihren Buden nicht nur das Rohmaterial feilhielten, sondern neben Kuriositäten (z. B. Brenngläsern), auch selbstgebraute Medizinen, Geheimmittel (z. B. Aphrodisiaca), Schönheitsmittel, Gifte etc. verkauften und dabei fleißig quacksalberten.

Es würde überraschen, wenn die „weisen“ Frauen und Hebammen dem Bunde der Kurpfuscher ferngeblieben wären. War auch das Heilgewerbebei den Griechen den Frauen verschlossen, im geheimen konnten sie ihrem Triebe frönen, umsomehr, als das Schamgefühl der Leidenden den Weg dazu ebnete. Die „Aerztinnen“ (ἰατρἰναι) beschäftigten sich zwar hauptsächlich mit der Bereitung von Liebestränken und Schönheitsmitteln, hielten aber mit ihrem Rat auch bei ernsten Frauenkrankheiten nicht zurück. Wie zu allen Zeiten beschränkten sich natürlich auch die Hebammen nicht bloß darauf, die Schwangeren zu überwachen, Geburten durch Zuspruch, Gesänge, Beschwörungen und Arzneien zu befördern, die Nabelschnur der Neugeborenen zu durchtrennen u. s. w., sondern sie nahmen mit sträflichem Vorwitz gynäkologische oder pädiatrische Eingriffe vor (scheintote Kinder versuchten sie dadurch zu beleben, daß sie das Blut der Nabelgefäße nach innen drückten); Abortivmittel, Kuppelei und Heiratsvermittlung bildeten außerdem ihr lohnendes Nebengewerbe.

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Sammlung und Beobachtung von Tatsachen bilden die erste Stufe zur Wissenschaft, nicht diese selbst. Die ökonomische Veranlagung des menschlichen Geistes erheischt Gruppierung der Einzelfakten unter ordnende Gesichtspunkte, der Erkenntnistrieb erhebt die Forderung nach klarer Einsicht in die Gesetze, welche die Erscheinungswelt beherrschen.

Lange bevor die Bedingungen für eine methodische Ableitung oberster Prinzipien aus dem medizinischen Erfahrungsstoff auch nur angedeutet waren, versuchte kühn vorgreifendes Denken die ärmliche Empirie wissenschaftlich zu durchdringen, indem manElemente der Weltanschauungin die Medizin hineintrug alsLeitsätze, aus denen sich bekannte oder noch unbekannte Tatsachen, wie Folgerungen mit logischer Notwendigkeit ergeben sollten.

Die Priesterärzte des mesopotamisch-ägyptischen Kulturkreises verankerten die Theorie der Heilkunst an den Satzungen ihres religiös-kosmosophischen Dogmatismus, dasmedizinische Denken der Griechenschloß sich vorwiegend an die schwankenden Theoremephilosophischer Spekulationmit ihren verwegenen weit ausgreifenden Schlüssen an. Wurde es so zum Spiel der Wogen, welche ein fesselloses Gedankenmeer vielgestaltig, im beständigen Wechsel emporwarf, so überwog den Nachteil der Unstetigkeit der unschätzbare Vorteil beständigerKritik, die im Wandel der Systeme geboren wurde und wenigstens miteinemEnde anempirischer Naturforschunghaftete. Denn die vorsokratischenPhilosophenverschleierten oft spärliche, aber sicher gewonnene Erfahrungsergebnisse durch scheinbar rein intuitive Ideen und richteten ihr Streben nicht bloß auf die Analyse der Begriffswelt, sondern mit Vorliebe auch auf Naturerkenntnis, einschließlich des Baues, der Entwicklung und der Lebenstätigkeit organischer Wesen; sie warenNaturforscherund manche unter ihnen selbstAerzte, welche beherrscht vom Gedanken einer allumspannenden Regelmäßigkeit einzelne Erfahrungen kühn verallgemeinerten.Biologische Forschung, Kosmologie und Dialektik schließen sich noch zu einer Kreislinie, deren Ausgangspunkt beliebig angenommen werden kann.

Es sei beispielsweise auf einige empirische Stützen der ältesten naturphilosophischen Systeme hingewiesen. WennThalesvon Milet (624-548/5 v. Chr.) dasWasserfür den Grundstoff aller Dinge erklärt, so konnte seine Anschauung aus der Erwägung hervorgehen, daß Feuchtigkeit für die Vegetation unentbehrlich ist, Regengüsse und Ueberschwemmungen (Nil) Fruchtbarkeit erzeugen, die Nahrung von Pflanzen und Tieren feucht ist, Lebendiges aus Flüssigem (Samenflüssigkeit) entsteht u. s. w. Die Lehre desAnaximenes(geb. zwischen 528 und 524 v. Chr.) oder später desDiogenes von Apollonia(um 430 v. Chr.), daß dieLuftden Urstoff bildet, aus dem sich alles entwickelt, konnte damit bekräftigt werden, daß die Luft überall hindringt, die Atmung das Leben unterhält, die Winde von größtem Einfluß auf Temperatur, Wachstum und Gesundheit sind — nach Homer ist Zephyros Erzeuger der Früchte, dem Hesiod ist Luft überhaupt weizenbringend, dem Boreas wurden in Athen Feste gefeiert, den Windgöttern brachte man wegen des Kindersegens vor der Hochzeit Opfer etc. Ebenso beruht es auf einseitiger, aber doch realer Naturbetrachtung, wennHerakleitosaus Ephesos (535-475) aus dem fortwährenden Wechsel von Aufbau und Zerstörung, in allen Naturvorgängen (namentlich im Lebendigen) denjenigen „Stoff“, der niemals zu ruhen scheint, Umwandlungen in den flüssigen, gasförmigen oder festen Aggregatzustand (Schmelzung, Verdampfung, Asche) hervorruft und der außerdem auch der Lebenswärme (Beseelung) höher organisierter Wesen als Prinzip zu Grunde liegt, für die Urmaterie erklärt — dasFeuer. Die Bedeutung der Lebenswärme kommt auch beiParmenidesaus Elea (geb. um 540 v. Chr.) zur Geltung, wenn er dasWarmeals Grund des Lebens ansieht und die Menschen aus Erdschlamm vermittels der Sonnenwärme entstehen läßt. — Die tausendfältige Beobachtung der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der Sinneswelt, manche Erfahrung abnormer Sinnesempfindungen (z. B. das Sehen des Gelbsüchtigen) führte dieeleatischenPhilosophen zu ihrem System, nach welchem „wir das Seiende weder schauen noch erkennen“. — Die Pflege der Mathematik, das Studium der Regelmäßigkeiten geometrischer Körper, die Begründung der wissenschaftlichen Tonlehre (wobei das bisher Unfaßbare, die Tonhöhe, die Harmonie als Wirkung bestimmter Zahlenverhältnisse erkannt wurde) erweckten den Gedanken desPythagorasvon Samos (etwa 575 v. Chr. bis zur Jahrhundertwende), daß dieZahldas Wesen der Dinge ausmacht. — DemAnaxagorasaus Klazomenä (geb. um 500 v. Chr.) galten die zu seiner Zeit für einfach gehaltenen Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) als die kompliziertesten Stoffe, voll von „Samen“ jeder erdenklichen Art, er glaubte, es gäbe so viele Grundstoffe, als uns die Sinne Modifikationen der Materie vorführen, bestehend aus unendlich kleinen unveränderlichen Teilchen (z. B. Gold aus Goldteilchen, Silber aus Silberteilchen etc.) —Homöomerientheorie. Die Wurzel dieser grotesken Verirrung ist darin zu suchen, daß der Philosoph denErnährungsprozeßzum Ausgangspunkt seiner Betrachtung nahm und erwog, wie mannigfache Gebilde, z. B. Haut, Fleisch, Blut, Adern, Sehnen, Knochen, Haare u. s. w., aus dem Nahrungsstoff hervorgehen; es müßten daher bereits in der Nahrung, z. B. im Brot, im Wasser u. s. w., die unsichtbaren Teilchen (also Fleisch-, Blut-, Knochenteilchen u. s. w.) vorhanden sein, um beim Ernährungsprozeß unter günstigen Umständen zusammentreten zu können. —Empedoklesvon Agrigent (etwa 495-435 v. Chr.) nahm bekanntlich eine begrenzte Zahl (4) von Grundstoffen an —Feuer, Wasser, Luft und Erde(letztere bei Parmenides und Xenophanes aus Kolophon [etwa 575-480 v. Chr.] als Grundstoff erwähnt) — und ließ aus deren Vereinigung oder Trennung, aus den quantitativen Verhältnissen ihrer Zusammensetzung die verschiedenen Dinge der Natur hervorgehen. Um die Lehre von derMischung der Elementeverständlich zu machen, erinnerter bezeichnenderweise an den Prozeß, der sich auf der Palette des Malers abspielt. Mit seinen vier Grundstoffen vergleicht er die Grundfarben (Weiß, Schwarz, Rot, Gelb), deren sich die Malerkunst bediente und aus deren vielfach abgestufter Mischung unzählige Nüancen zu stande kommen. Daraus ergibt sich, wie sehr auch dieser Denker von positiven Wahrnehmungen ausging; deshalb ist gewiß anzunehmen, daß sein Weltgesetz: „Gleiches zieht sich wechselseitig an“ auf der Beobachtung der Massenansammlung gleichartiger Stoffe (Luft, Erde, Wolken, Meer) beruht. — Zum Schlusse möge noch darauf hingedeutet sein, daß dieAtomenlehreeinesLeukipposoderDemokritosaus Abdera (geb. 460 v. Chr.) sich anschaulich vorstellen ließ in der Betrachtung der Sonnenstäubchen, mit ihrer, selbst bei scheinbar vollständiger Ruhe der Luft, unablässigen Bewegung. — An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß die verschiedenen Phasen der hellenischen Spekulation die philosophischen Grundlehren orientalischer Völker widerspiegeln; so erinnert die mathematische Weltanschauung desPythagoras(Harmonielehre) und manche Eigentümlichkeit seiner Ethik an diechinesischePhilosophie, dieeleatischeLehre an die Vedantaphilosophie derInder, die Vierelementenlehre desEmpedoklesan dieAegypter, das System desHerakleitosanZoroaster.

Es sei beispielsweise auf einige empirische Stützen der ältesten naturphilosophischen Systeme hingewiesen. WennThalesvon Milet (624-548/5 v. Chr.) dasWasserfür den Grundstoff aller Dinge erklärt, so konnte seine Anschauung aus der Erwägung hervorgehen, daß Feuchtigkeit für die Vegetation unentbehrlich ist, Regengüsse und Ueberschwemmungen (Nil) Fruchtbarkeit erzeugen, die Nahrung von Pflanzen und Tieren feucht ist, Lebendiges aus Flüssigem (Samenflüssigkeit) entsteht u. s. w. Die Lehre desAnaximenes(geb. zwischen 528 und 524 v. Chr.) oder später desDiogenes von Apollonia(um 430 v. Chr.), daß dieLuftden Urstoff bildet, aus dem sich alles entwickelt, konnte damit bekräftigt werden, daß die Luft überall hindringt, die Atmung das Leben unterhält, die Winde von größtem Einfluß auf Temperatur, Wachstum und Gesundheit sind — nach Homer ist Zephyros Erzeuger der Früchte, dem Hesiod ist Luft überhaupt weizenbringend, dem Boreas wurden in Athen Feste gefeiert, den Windgöttern brachte man wegen des Kindersegens vor der Hochzeit Opfer etc. Ebenso beruht es auf einseitiger, aber doch realer Naturbetrachtung, wennHerakleitosaus Ephesos (535-475) aus dem fortwährenden Wechsel von Aufbau und Zerstörung, in allen Naturvorgängen (namentlich im Lebendigen) denjenigen „Stoff“, der niemals zu ruhen scheint, Umwandlungen in den flüssigen, gasförmigen oder festen Aggregatzustand (Schmelzung, Verdampfung, Asche) hervorruft und der außerdem auch der Lebenswärme (Beseelung) höher organisierter Wesen als Prinzip zu Grunde liegt, für die Urmaterie erklärt — dasFeuer. Die Bedeutung der Lebenswärme kommt auch beiParmenidesaus Elea (geb. um 540 v. Chr.) zur Geltung, wenn er dasWarmeals Grund des Lebens ansieht und die Menschen aus Erdschlamm vermittels der Sonnenwärme entstehen läßt. — Die tausendfältige Beobachtung der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der Sinneswelt, manche Erfahrung abnormer Sinnesempfindungen (z. B. das Sehen des Gelbsüchtigen) führte dieeleatischenPhilosophen zu ihrem System, nach welchem „wir das Seiende weder schauen noch erkennen“. — Die Pflege der Mathematik, das Studium der Regelmäßigkeiten geometrischer Körper, die Begründung der wissenschaftlichen Tonlehre (wobei das bisher Unfaßbare, die Tonhöhe, die Harmonie als Wirkung bestimmter Zahlenverhältnisse erkannt wurde) erweckten den Gedanken desPythagorasvon Samos (etwa 575 v. Chr. bis zur Jahrhundertwende), daß dieZahldas Wesen der Dinge ausmacht. — DemAnaxagorasaus Klazomenä (geb. um 500 v. Chr.) galten die zu seiner Zeit für einfach gehaltenen Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) als die kompliziertesten Stoffe, voll von „Samen“ jeder erdenklichen Art, er glaubte, es gäbe so viele Grundstoffe, als uns die Sinne Modifikationen der Materie vorführen, bestehend aus unendlich kleinen unveränderlichen Teilchen (z. B. Gold aus Goldteilchen, Silber aus Silberteilchen etc.) —Homöomerientheorie. Die Wurzel dieser grotesken Verirrung ist darin zu suchen, daß der Philosoph denErnährungsprozeßzum Ausgangspunkt seiner Betrachtung nahm und erwog, wie mannigfache Gebilde, z. B. Haut, Fleisch, Blut, Adern, Sehnen, Knochen, Haare u. s. w., aus dem Nahrungsstoff hervorgehen; es müßten daher bereits in der Nahrung, z. B. im Brot, im Wasser u. s. w., die unsichtbaren Teilchen (also Fleisch-, Blut-, Knochenteilchen u. s. w.) vorhanden sein, um beim Ernährungsprozeß unter günstigen Umständen zusammentreten zu können. —Empedoklesvon Agrigent (etwa 495-435 v. Chr.) nahm bekanntlich eine begrenzte Zahl (4) von Grundstoffen an —Feuer, Wasser, Luft und Erde(letztere bei Parmenides und Xenophanes aus Kolophon [etwa 575-480 v. Chr.] als Grundstoff erwähnt) — und ließ aus deren Vereinigung oder Trennung, aus den quantitativen Verhältnissen ihrer Zusammensetzung die verschiedenen Dinge der Natur hervorgehen. Um die Lehre von derMischung der Elementeverständlich zu machen, erinnerter bezeichnenderweise an den Prozeß, der sich auf der Palette des Malers abspielt. Mit seinen vier Grundstoffen vergleicht er die Grundfarben (Weiß, Schwarz, Rot, Gelb), deren sich die Malerkunst bediente und aus deren vielfach abgestufter Mischung unzählige Nüancen zu stande kommen. Daraus ergibt sich, wie sehr auch dieser Denker von positiven Wahrnehmungen ausging; deshalb ist gewiß anzunehmen, daß sein Weltgesetz: „Gleiches zieht sich wechselseitig an“ auf der Beobachtung der Massenansammlung gleichartiger Stoffe (Luft, Erde, Wolken, Meer) beruht. — Zum Schlusse möge noch darauf hingedeutet sein, daß dieAtomenlehreeinesLeukipposoderDemokritosaus Abdera (geb. 460 v. Chr.) sich anschaulich vorstellen ließ in der Betrachtung der Sonnenstäubchen, mit ihrer, selbst bei scheinbar vollständiger Ruhe der Luft, unablässigen Bewegung. — An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß die verschiedenen Phasen der hellenischen Spekulation die philosophischen Grundlehren orientalischer Völker widerspiegeln; so erinnert die mathematische Weltanschauung desPythagoras(Harmonielehre) und manche Eigentümlichkeit seiner Ethik an diechinesischePhilosophie, dieeleatischeLehre an die Vedantaphilosophie derInder, die Vierelementenlehre desEmpedoklesan dieAegypter, das System desHerakleitosanZoroaster.

Unter den Philosophen, welche auf die Medizin den frühesten und nachhaltigsten Einfluß ausübten, gebührtPythagorasdie erste Stelle. Der Weise von Samos, welcher nach langen Studienreisen (in Aegypten und wahrscheinlich auch Babylon) in Kroton einen religiös-sittlichen Bund gründete, beschäftigte sich nicht allein in bahnbrechender Weise mit Mathematik, Astronomie und Akustik, sondern auch mit Untersuchungen über Körperbau, Zeugung und Entwicklung, Sinnesfunktion und Seelentätigkeit, sowie mit der Behandlung von Kranken. Von seinen theoretischen Forschungsergebnissen wäre besonders erwähnenswert, daß er die Entstehung von Lebewesen aus faulenden Stoffen leugnete und durchwegs auf Samen zurückführte, ferner daß er die Affekte (θυμός) vom Verstand (νοῦς) scharf unterschied, wodurch die Lokalisation des Intellekts im Gehirn vorbereitet wurde.

Mit seinem System, wonach strenge Gesetzmäßigkeit, ein bestimmtes Zahlenverhältnis alle Naturvorgänge beherrscht, ließ sich dieLehre von den kritischen Tagenso ungezwungen vereinigen, daß man dieselbe gerne auf seine Autorität zurückführte. Was die Therapie anlangt, so verwendeten Pythagoras und seine Schüler, unter denen sich viele Aerzte befanden, unter Vernachlässigung der Chirurgie einfache Pflanzenmittel, Umschläge, Salben, theurgische Gebräuche (Sühnungen, Beschwörungen, magische Kräuter, Zaubergesänge, religiöse Musik), besonderer Nachdruck wurde aber auf die Regelung der Lebensweise und Leibesbewegungen gelegt (Pflege derGymnastikund gewissediätetischeVorschriften — Einschränkung des Fleischgenusses, Verbot der Fische und der Bohnen — zählten bekanntlich zu den wichtigsten Einrichtungen des Pythagoreerordens). Nach Sprengung des Bundes (infolge politischer Ereignisse kurz vor 500) verbreiteten sich viele Aerzte, die im Geiste des Stiftersgebildet waren, über ganz Griechenland; die medizinische Schule von Kroton stand zweifellos mit den Pythagoreern in Beziehung.

Die Schule von Kroton wurde durch den knidischen AsklepiadenKalliphonzu hoher Blüte gebracht. Dessen SohnDemokedesverließ 526/5 die Heimat, wurde Gemeindearzt in Aigina, hierauf in Athen, und folgte sodann einem Rufe des Polykrates von Samos. In dessen Mißgeschick verflochten, geriet er in persische Gefangenschaft, gelangte aber später zu hohen Ehren, weil er den König Dareios I. von einer Fußverrenkung, die Königin Atossa von einer Mastitis heilte. Von Sehnsucht nach der Heimat erfüllt, griff er zur List, ließ sich als Kundschafter nach Hellas senden und benutzte die günstige Gelegenheit, um die goldenen Ketten des Perserhofs mit dem Aufenthalt in Kroton zu vertauschen. Als krotoniatische Aerzte werden genannt die PhilosophenPhilolaos,AlkmaionundHippon, fernerHippasos(der nach anderen aus Metapont stammte).

Die Schule von Kroton wurde durch den knidischen AsklepiadenKalliphonzu hoher Blüte gebracht. Dessen SohnDemokedesverließ 526/5 die Heimat, wurde Gemeindearzt in Aigina, hierauf in Athen, und folgte sodann einem Rufe des Polykrates von Samos. In dessen Mißgeschick verflochten, geriet er in persische Gefangenschaft, gelangte aber später zu hohen Ehren, weil er den König Dareios I. von einer Fußverrenkung, die Königin Atossa von einer Mastitis heilte. Von Sehnsucht nach der Heimat erfüllt, griff er zur List, ließ sich als Kundschafter nach Hellas senden und benutzte die günstige Gelegenheit, um die goldenen Ketten des Perserhofs mit dem Aufenthalt in Kroton zu vertauschen. Als krotoniatische Aerzte werden genannt die PhilosophenPhilolaos,AlkmaionundHippon, fernerHippasos(der nach anderen aus Metapont stammte).

Die höchste Bedeutung für die Entwicklung der medizinischen Theorie ist einem jüngeren Zeitgenossen des Pythagoras zuzusprechen, dem tiefdenkenden ArztphilosophenAlkmaionvon Kroton.Mit seiner Schrift über die Natur, περὶ φύσεως, welche leider schon früh verschollen war,beginnt das griechische medizinische Schrifttum. Er gilt als erster, derSektionenanstellte, als Entdecker des Sehnerven (fälschlich auch der Eustachischen Röhre), er unterschied (in der Leiche) blutleere Adern (φλεβες) und blutführende Adern (αἰμόρροοι φλεβες), kannte die Luftröhre (ἀρτηρἰη); die Entstehung des Geschlechtes führte er auf das Ueberwiegen des männlichen oder weiblichen Samens zurück und lehrte, daß sich der Kopf zuerst bilde, damit der Mund schon im Uterus die Nahrung aufsaugen könne. Den Schlaf erklärte Alkmaion aus dem Zurückstauen des Blutes in die blutführenden Gefäße; wegen der bei Gehirnerschütterung eintretenden Sinnesstörungen meinte er, daß Blindheit oder Taubheit dann entstehe, wenn das aus seiner Normallage gerückte Gehirn die Wege der Sinnesempfindung (πόροι) verschließe; dem allgemein verbreiteten Vorurteil, daß der Same aus dem Rückenmark stamme, trat er mit dem tatsächlichen Befund entgegen, daß das Mark der Rückenwirbel bei Tieren, die nach dem Zeugungsakt getötet werden, keine Verminderung aufweise.

Die bedeutendste Leistung des großen Forschers liegt aber darin, daß er zuerst imGehirn das Zentralorgan der Geistestätigkeiterkannte.Gesundheitwird nach ihm durch dasGleichmaß(Isonomie) der im Körper vorhandenen Stoffqualitäten erhalten (des Kalten, des Feuchten, des Warmen, des Trockenen, des Süßen, des Bitteren u. s. w.).Krankheitentsteht durch dasVorherrschen(μοναρχἰα)einer Qualität(z. B. des Kalten, des Feuchten, des Bitteren, des Süßen etc.),Heilungerfolgt durchWiederherstellung des Gleichgewichts, indem die entgegengesetzte Qualität (z. B. Wärme beim Vorherrschen des Kalten, Feuchtigkeit beim Uebermaß der Trockenheit) zugeführt werde.

Ἀλκμαἰων τὴς μὲν ὑγεἰας εἶναι συνεκτικὴν τὴν ἰσονομἰαν των ὀυναμέων, ὑγροῦ, ξηροῦ, ψυχροῦ, θερμου, πικρου, γλυκεος καἰ των λοιπων, την δ' ὲν αυτοις μοναρχιαν νοσον ποιητικην: φθοροποιὸν γὰρ έκατέρου μοναρχἰαν (Aetius, Plac.V, 30). — Zu den Pythagoreern wird von manchen auchEpicharmos(etwa 550-460 v. Chr.) gerechnet, bekannt als Dichter (dorisch-sizilianische Komödie) und Arzt; er schrieb u. a. über denKohl als Heilmittel.

Ἀλκμαἰων τὴς μὲν ὑγεἰας εἶναι συνεκτικὴν τὴν ἰσονομἰαν των ὀυναμέων, ὑγροῦ, ξηροῦ, ψυχροῦ, θερμου, πικρου, γλυκεος καἰ των λοιπων, την δ' ὲν αυτοις μοναρχιαν νοσον ποιητικην: φθοροποιὸν γὰρ έκατέρου μοναρχἰαν (Aetius, Plac.V, 30). — Zu den Pythagoreern wird von manchen auchEpicharmos(etwa 550-460 v. Chr.) gerechnet, bekannt als Dichter (dorisch-sizilianische Komödie) und Arzt; er schrieb u. a. über denKohl als Heilmittel.

Von den Anhängern des Pythagoras istPhilolaos, der die Lehre seines Meisters weiter ausbildete (5 Elemente nach den 5 Sinnesqualitäten und 5 regelmäßigen Körpern), bemerkenswert wegen einiger physiologischer und pathologischer Grundsätze. Was später durch Plato und Aristoteles fixiert wurde, dieUnterscheidung der sensorischen, animalischen und vegetativen Funktionenund deren Lokalisation, findet sich bei ihm schon angedeutet, indem er das „Menschliche“ ins Gehirn (wo der Verstand seinen Ursprung hat), das „Tierische“ ins Herz, das „Pflanzliche“ (Wachstum) in den Nabel, Besamung und Erzeugung in die Geschlechtsteile verlegt.Der Körper bildet sich aus dem Warmen, die Atmung dient zur Kühlung. Krankheitsursachen sind Galle, Blut und Schleim.Anlässe zum Krankwerden sind zu viel oder zu wenig Wärme oder Nahrung u. a. Entzündung entsteht durch Anhäufung des (an sich warmen) Schleims.

Die von den Pythagoreern verfochtene Theorie, daß Gesundheit auf Harmonie oder, wieAlkmaionsagt, auf dem fortdauernden Gleichgewicht differenter Qualitäten beruht, ist nur die spezielle Anwendung desGedankens vom Widerstreit und versöhnenden Ausgleich der Gegensätze im gesamten Naturleben. Dieser Gedanke kehrt in den Spekulationen mehrerer späterer Philosophen wieder und erhält sich mit großer Konstanz.

Die Tafel der Gegensätze, eine ausBabylonstammende Lehre, spielt im System der Pythagoreer eine große Rolle. Ihr zufolge geht aus dem weltbildenden Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten eine Reihe von anderen Gegensätzen hervor, jene des Ungeraden und Geraden, des Einen und Vielen, des Rechts und Links, des Männlichen und Weiblichen, des Geraden und Krummen, des Lichts und Dunkels, des Guten und Uebeln, des Quadrates und Rechteckes. — Es sei hier auch auf den Dualismus im persischen Religionssystem, in der chinesischen Naturphilosophie u. s. w., sowie darauf hingewiesen, daß von den ionischen Philosophen namentlich Herakleitos („der Streit ist der Vater Dinge“) die Koexistenz der Gegensätze und ihre Vereinigung zur „unsichtbaren“ Harmonie auf den verschiedensten Gebieten verfolgt hat. NachParmenides, welcher dasWarmeals Träger des Lebens (daher altern = Folge der Wärmeabgabe) betrachtet, hängt das Geschlecht des Fötus vom Ueberwiegen des männlichen oder „weiblichen“ Samens ab; Knaben entstehen aus dem rechten Hoden und in der rechten Gebärmutterhälfte, Mädchen unter den entgegengesetzten Bedingungen; das weibliche Geschlecht (blutreicher, was aus den Menses geschlossen wird) ist das wärmere; Männer entstanden im Norden, Frauen im Süden. In der Kosmologie des Parmenides ist das Zusammenwirkender Gegensätze des Leeren — Dichten, des Lichts — der Finsternis u. s. w. besonders betont.

Die Tafel der Gegensätze, eine ausBabylonstammende Lehre, spielt im System der Pythagoreer eine große Rolle. Ihr zufolge geht aus dem weltbildenden Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten eine Reihe von anderen Gegensätzen hervor, jene des Ungeraden und Geraden, des Einen und Vielen, des Rechts und Links, des Männlichen und Weiblichen, des Geraden und Krummen, des Lichts und Dunkels, des Guten und Uebeln, des Quadrates und Rechteckes. — Es sei hier auch auf den Dualismus im persischen Religionssystem, in der chinesischen Naturphilosophie u. s. w., sowie darauf hingewiesen, daß von den ionischen Philosophen namentlich Herakleitos („der Streit ist der Vater Dinge“) die Koexistenz der Gegensätze und ihre Vereinigung zur „unsichtbaren“ Harmonie auf den verschiedensten Gebieten verfolgt hat. NachParmenides, welcher dasWarmeals Träger des Lebens (daher altern = Folge der Wärmeabgabe) betrachtet, hängt das Geschlecht des Fötus vom Ueberwiegen des männlichen oder „weiblichen“ Samens ab; Knaben entstehen aus dem rechten Hoden und in der rechten Gebärmutterhälfte, Mädchen unter den entgegengesetzten Bedingungen; das weibliche Geschlecht (blutreicher, was aus den Menses geschlossen wird) ist das wärmere; Männer entstanden im Norden, Frauen im Süden. In der Kosmologie des Parmenides ist das Zusammenwirkender Gegensätze des Leeren — Dichten, des Lichts — der Finsternis u. s. w. besonders betont.

Empedoklesbeschränkte die Zahl der Gegensätze, indem er nur die Enantiosen Warm — Kalt, Feucht — Trocken in den Vordergrund der Betrachtung rückte und dementsprechend (statt dereinenUrmaterie der ionischen Naturphilosophen oder der zahllosen Urstoffe des Anaxagoras)vier Elemente, ῥιζώματαFeuer,Luft,WasserundErdehypostasierte, die er sich beseelt, d. h. mit Kraft ausgestattet dachte. Der qualitative Unterschied der Dinge kommt lediglich durch die, in den quantitativ mannigfachsten Proportionen vor sich gehende Vereinigung der vier (an sich unveränderlichen) Grundqualitäten zu stande. (Fleisch und Blut sollten z. B. gleiche Gewichtsteile der vier Elemente, Knochen hingegen ½ Feuer, ¼ Erde und ¼ Wasser enthalten.) Da der menschliche Körper, so wie alle Naturkörper, aus den vier Urstoffen besteht,so wird Gesundheit durch das Gleichgewicht, Krankheit durch das Mißverhältnis der vier Elemente bedingt. Diese Anschauung des Empedokles durchzieht, wenn auch modifiziert, die Physiologie und Pathologie bis an die Schwelle der Neuzeit.

Empedokleswar Philosoph, Arzt, Seher, Priester und Staatsmann in einer Person. Wie ein Gott von den Zeitgenossen verehrt, erstreckte sich sein Einfluß auf ganz Hellas; sein Leben, seine Taten und sein Ende wurden geradezu mythisch ausgeschmückt. „Im goldumgürteten Purpurgewand, den priesterlichen Lorbeer im lang herabwallenden, das düstere Antlitz umrahmenden Haare, von Scharen bewundernder Verehrer und Verehrerinnen umgeben, durchzog er die Gaue Siziliens. Tausende, ja Zehntausende jubelten ihm zu und hefteten sich an seine Sohlen und heischten von ihm gewinnbringende Zukunftsverkündigung, nicht minder Heilung von Krankheit und Gebresten aller Art.“ Die Stadt Selinunt befreite Empedokles von einer verheerenden Seuche durch Entsumpfung des Bodens, seiner Vaterstadt Agrigent verschaffte er günstige klimatische Verhältnisse durch Verstopfen einer Bergspalte, eine pestähnliche Seuche vertrieb er durch Räucherungen und brennende Scheiterhaufen, einen Tobenden besänftigte er durch Musik, eine Scheintote erweckte er aus dem Starrkrampfe. — Das Selbstgefühl, mit welchem ihn solche Wundertaten erfüllten, drückt sich in den Worten aus, die er seinen Getreuen zuruft: „Ich bin euch ein unsterblicher Gott, nicht mehr ein Sterblicher“. Im Alter von 60 Jahren starb er auf fremder Erde, im Peloponnes, infolge eines Unfalles — der Legende nach soll er sich in den Flammenschlund des Aetna gestürzt haben.Von den Werken des Empedokles war das demPausanias, einem italischen Arzte, gewidmete Lehrgedicht φυσικά, über die Natur (Vorbild für Lucretius), das hervorragendste; er verfaßte auch καθαρμοἰ (Sühnungen) und das Gedicht ἰατρικὸς λόγος (vielleicht identisch mit den ἰατρικά, die wahrscheinlich einen Bestandteil der φυσικά bildeten).

Empedokleswar Philosoph, Arzt, Seher, Priester und Staatsmann in einer Person. Wie ein Gott von den Zeitgenossen verehrt, erstreckte sich sein Einfluß auf ganz Hellas; sein Leben, seine Taten und sein Ende wurden geradezu mythisch ausgeschmückt. „Im goldumgürteten Purpurgewand, den priesterlichen Lorbeer im lang herabwallenden, das düstere Antlitz umrahmenden Haare, von Scharen bewundernder Verehrer und Verehrerinnen umgeben, durchzog er die Gaue Siziliens. Tausende, ja Zehntausende jubelten ihm zu und hefteten sich an seine Sohlen und heischten von ihm gewinnbringende Zukunftsverkündigung, nicht minder Heilung von Krankheit und Gebresten aller Art.“ Die Stadt Selinunt befreite Empedokles von einer verheerenden Seuche durch Entsumpfung des Bodens, seiner Vaterstadt Agrigent verschaffte er günstige klimatische Verhältnisse durch Verstopfen einer Bergspalte, eine pestähnliche Seuche vertrieb er durch Räucherungen und brennende Scheiterhaufen, einen Tobenden besänftigte er durch Musik, eine Scheintote erweckte er aus dem Starrkrampfe. — Das Selbstgefühl, mit welchem ihn solche Wundertaten erfüllten, drückt sich in den Worten aus, die er seinen Getreuen zuruft: „Ich bin euch ein unsterblicher Gott, nicht mehr ein Sterblicher“. Im Alter von 60 Jahren starb er auf fremder Erde, im Peloponnes, infolge eines Unfalles — der Legende nach soll er sich in den Flammenschlund des Aetna gestürzt haben.

Von den Werken des Empedokles war das demPausanias, einem italischen Arzte, gewidmete Lehrgedicht φυσικά, über die Natur (Vorbild für Lucretius), das hervorragendste; er verfaßte auch καθαρμοἰ (Sühnungen) und das Gedicht ἰατρικὸς λόγος (vielleicht identisch mit den ἰατρικά, die wahrscheinlich einen Bestandteil der φυσικά bildeten).

Empedoklesist einerseits Mystiker (magische Heilungen), anderseits nähert er sich in vielem den modernsten Anschauungen mechanistischer Naturauffassung. Dahin gehören schon in erster Linie seine Grundprinzipien, welche an chemische Gesetze lebhaft erinnern: Annahmeeiner bestimmten Zahl von Elementen, Aufbau aller Körper aus Verbindungen der Elemente in wechselnder Proportion, Erklärung der qualitativen Unterschiede aus quantitativer Verschiedenheit.

Wichtig ist ferner dieKräftelehre. Zwei weltbeherrschende Grundkräfte φιλἰα καἰ νεἰκος, Liebe und Haß, gestalten in wechselnder Oberherrschaft den Aufbau, die Entwicklung, den Untergang aller Gebilde und unterhalten die mannigfachen Prozesse des Werdens und der Zersetzung, indem sie bald Verbindung ungleichartiger Grundstoffe, bald Zerfall der Formen herbeiführen, wobei dann jedes Grundteilchen (nach dem Gesetze: Gleiches zieht sich wechselseitig an) seinem Elemente zustrebt — Luftiges zur Luft, Erdiges zur Erde etc.[3]. DasGesetz der Anziehung des Gleichartigenund die Annahme vonPoren(Kanäle) als Vermittlungswege der Außen- und Innenwelt verwertete Empedokles ausgiebig in der Sinnesphysiologie[4]. Die Emanationen der leuchtenden, schallenden, riechenden Dinge strömen in die Poren des Körpers und werden durch Gleichartiges wahrgenommen, z. B. wird das Sichtbare (das Helle = Feuer, das Dunkle = Wasser) von den Feuer- und Wasserteilchen des Auges angezogen, der Schall wird im Ohrlabyrinth, welches Empedokles entdeckt haben soll, aufgefangen und hängt von den Poren ab, durch welche er sich bewegt (die Emanationslehre wurde später durch Demokrit ausgebaut).Physikalischgedacht ist auch seineTheorie der Atmung, welche nicht nur durch die Lungen, sondern auch durch dieHauterfolge. Hier erinnert er an die Wasseruhr oder daran, daß ein Gefäß, dessen nach unten gerichtete Oeffnung vorsichtig mit dem Finger verschlossen und solcherart in ein Wasserbecken getaucht wird, sich auch nach Entfernung desselben nicht mit Wasser füllt, weil die Luft ein Hindernis bilde, während sonst das Wasser sofort einströme. Ebenso dringe die Luft in die Lungen und Poren, wenn sich dasBlut als Träger der tierischen Wärme(Lebenskraft,Seele) in die inneren Körperteile zurückziehe und werde bei dem darauffolgenden Zurückströmen des Blutes an die Oberfläche hinausgetrieben; der regelmäßige Wechsel dieses Vor- und Rückwärtsströmens bedinge den Rhythmus der Respiration. — In überraschender Antizipation moderner Ideen behauptete Empedokles, daß die Lebewesen aus unvollkommenen Formen,einzelnen Gliedern, die nachher zusammenwuchsen, hervorgegangen seien, wobei sich nur innerlich zusammenstimmende Kombinationen als lebensfähig und fortpflanzungsfähig erhielten — eine phantastische Vorstellung, welche im Grunde nicht bloß den Entwicklungsgedanken enthält, sondern wie derDarwinismusdie Teleologie einfach auf das „Ueberleben der Tauglichsten“ zurückführt.


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