Die Pneumatiker und Eklektiker.

Scribonius Largusdankte seine sehr ausgebreitete Praxis vornehmlich dem Umstande, daß er auch die medikamentöse Behandlung, die er anknüpfend an Herophilos, gegen die orthodoxen Anhänger einer ausschließlich diätetischen Therapie verteidigte, mit hingebungsvollem Eifer pflegte. Durch den Einfluß eines mächtigen Gönners (des freigelassenen Julius Callistus) an den Hof gezogen, behandelte er auch Mitglieder der kaiserlichen Familie (z. B. Messalina) und begleitete den Claudius auf seinem Zuge nach Britannien. Diese Reise, sowie jede sonstige Gelegenheit benützte er, um seine Kenntnis der Arzneistoffe und seine Sammlung von Rezepten zu ergänzen; einzig auf dem Boden einer wenig kritischen Empirie stehend, raffte er nicht bloß aus der griechischen Literatur zahlreiche bewährt befundene Heilformeln zusammen, sondern erwarb noch außerdem von Aerzten, Dilettanten und Kurpfuschern manches berühmte Geheimmittel um schweres Geld, die uns überkommenen Compositiones (ed. G. Helmreich, Leipzig 1887, Teubner; deutsche Uebersetzung bis Kap. 79 mit Kommentar von Felix Rinne, Halle 1896, in Koberts Histor. Studien) enthalten daher neben rationellen Rezepten vieleVolks- und Wundermittel(z. B. gegen Epilepsie, auch ein von einer römischen Dame gebrauchtes, gegen Kolik ein Mittel, das von einer afrikanischen Kurpfuscherin stammte, abergläubische tierische Heilmittel, sogar die Leber eines getöteten Gladiators!). Manchmal regt sich in ihm wohl die bessere Einsicht und ärztliche Kritik, aber nur selten; Erklärungen für die Wirkung der Arzneimittel finden sich nirgends und für den ausbleibenden Erfolg seiner erprobten Kompositionen hat er die Entschuldigung bei der Hand, daß die Verschiedenheit der Körperbeschaffenheit, des Alters, der Zeit oder des Ortes einen nicht vorher zu bestimmenden Einfluß äußern könne. Immerhin weht besonders durch die Vorrede des Werkchens ein sympathisch berührender Zug von Gewissenhaftigkeit, womit sich die beredte Klage über den geistigen und sittlichen Verfall der zeitgenössischen Kollegen verbindet. Schön sind namentlich die Worte, die er dem ärztlichen Beruf widmet: „Idcirco ne hostibus quidem malum medicamentum dabit, qui sacramento medicinae legitimeest obligatus; sed persequetur eos, cum res postulaverit, ut miles et civis bonus omni modo, quia medicina non fortuna neque personis homines aestimat, verum aequaliter omnibus implorantibus auxilia sua succursuram se pollicetur nullique umquam nocituram profitetur.“

Scribonius Largusdankte seine sehr ausgebreitete Praxis vornehmlich dem Umstande, daß er auch die medikamentöse Behandlung, die er anknüpfend an Herophilos, gegen die orthodoxen Anhänger einer ausschließlich diätetischen Therapie verteidigte, mit hingebungsvollem Eifer pflegte. Durch den Einfluß eines mächtigen Gönners (des freigelassenen Julius Callistus) an den Hof gezogen, behandelte er auch Mitglieder der kaiserlichen Familie (z. B. Messalina) und begleitete den Claudius auf seinem Zuge nach Britannien. Diese Reise, sowie jede sonstige Gelegenheit benützte er, um seine Kenntnis der Arzneistoffe und seine Sammlung von Rezepten zu ergänzen; einzig auf dem Boden einer wenig kritischen Empirie stehend, raffte er nicht bloß aus der griechischen Literatur zahlreiche bewährt befundene Heilformeln zusammen, sondern erwarb noch außerdem von Aerzten, Dilettanten und Kurpfuschern manches berühmte Geheimmittel um schweres Geld, die uns überkommenen Compositiones (ed. G. Helmreich, Leipzig 1887, Teubner; deutsche Uebersetzung bis Kap. 79 mit Kommentar von Felix Rinne, Halle 1896, in Koberts Histor. Studien) enthalten daher neben rationellen Rezepten vieleVolks- und Wundermittel(z. B. gegen Epilepsie, auch ein von einer römischen Dame gebrauchtes, gegen Kolik ein Mittel, das von einer afrikanischen Kurpfuscherin stammte, abergläubische tierische Heilmittel, sogar die Leber eines getöteten Gladiators!). Manchmal regt sich in ihm wohl die bessere Einsicht und ärztliche Kritik, aber nur selten; Erklärungen für die Wirkung der Arzneimittel finden sich nirgends und für den ausbleibenden Erfolg seiner erprobten Kompositionen hat er die Entschuldigung bei der Hand, daß die Verschiedenheit der Körperbeschaffenheit, des Alters, der Zeit oder des Ortes einen nicht vorher zu bestimmenden Einfluß äußern könne. Immerhin weht besonders durch die Vorrede des Werkchens ein sympathisch berührender Zug von Gewissenhaftigkeit, womit sich die beredte Klage über den geistigen und sittlichen Verfall der zeitgenössischen Kollegen verbindet. Schön sind namentlich die Worte, die er dem ärztlichen Beruf widmet: „Idcirco ne hostibus quidem malum medicamentum dabit, qui sacramento medicinae legitimeest obligatus; sed persequetur eos, cum res postulaverit, ut miles et civis bonus omni modo, quia medicina non fortuna neque personis homines aestimat, verum aequaliter omnibus implorantibus auxilia sua succursuram se pollicetur nullique umquam nocituram profitetur.“

Wissenschaftlicher Geist ist nur beieinemder zahlreichen Pharmakologen dieses Zeitalters zu erkennen, beiPedanios Dioskurides, welcher von der ersten reiferen Jugendzeit an, dem Gegenstand unablässiges Interesse entgegenbrachte und nicht allein aus guten Vorarbeiten, sondern auch aus der eigenen Anschauung schöpfte.Dioskuridesaus Anazarba in Kilikien diente zur Zeit Neros im römischen Heere als Arzt und benützte die beim Besuche der verschiedensten Gegenden erworbenen botanisch-pharmakologischen Kenntnisse für seine kurz vor 77 oder 78 n. Chr. in fünf Büchern verfaßte Arzneimittellehre (ὑλικά) — ein Werk, das durch Vollständigkeit, Kritik und Sorgfalt der Beschreibung unter allen übrigen einschlägigen Arbeiten unvergleichlich hervorragt und lange Zeit unübertroffen blieb. Dioskurides, frei vom Dilettantismus oder Dogmatismus der meisten Vorgänger, nur der exakten Tatsache vertrauend, erreichte in bewundernswerter Weise das vorgesteckte Ziel, durchgenaue Schilderung der Arzneikörperaller drei Reiche, durchscharfe Fixierung der Terminologie, durchverläßliche Angaben über Zubereitung, Aufbewahrung, Echtheitsprüfung, Anwendung, Dosierung und Wirkung, die Heilmittellehre zu vereinfachen, die Polypharmazie in die richtigen Grenzen zu bannen. Der Nachdruck ist begreiflicherweise auf die vegetabilischen Heilkörper gelegt; in einem besonderen Kapitel wird jede einzelne Pflanze in toto beschrieben. Name, Synonyma, Standort gehen den pharmakologischen und pharmakodynamischen Angaben voran, und wie vortrefflich die Botanik von Dioskurides dargestellt ist, geht daraus hervor, daß trotz der großen Schwierigkeit die Mehrzahl der beschriebenen Pflanzen in neuerer Zeit identifiziert werden konnte. Hervorzuheben ist es auch, daß er alle in Arabien einheimischen Heilpflanzen kennt, und daß man in seinem Werke zuerst aufdie chemische Zubereitungder (nur äußerlich angewendeten) metallischen Mittel stößt. Bei solchen Vorzügen — im ganzen hat er sich in Anbetracht des Zeitgeistes auch vom Aberglauben möglichst fern gehalten — ist es nicht zu verwundern, daß Dioskurides bis in die Neuzeit die Führerrolle einnahm und noch heute im Orient die Bedeutung eines Orakels besitzt.

StattDioskuridesfindet sich in der Literatur auch die Lesart Dioskorides, statt Pedanios auch Pedakios; als Beiname kommt Anazarbeus, aber auch Tarseus vor, letzterer weil Anazarba in der Nähe von Tarsos gelegen war. Dort, wo eine höhere Lehranstalt für Philosophie bestand, machte er wohl seine ersten Studien, die sodann wahrscheinlich in Alexandreia fortgesetzt wurden. Einer bestimmten Aerzteschule schloß sich D. nicht an, wie er denn in seiner Arzneimittellehre die Wirkungzwar von den vier Elementarqualitäten abhängig macht, aber ohne auf die Spitzfindigkeiten der Dogmatiker einzugehen und die Krankheiten nur in der Minderzahl mit bestimmten Namen bezeichnet. Dioskurides veröffentlichte sein Werk vor dem Erscheinen der Naturgeschichte desPlinius; zwischen beiden findet sich manche Uebereinstimmung, weil Plinius sich aufSextius Nigerstützte und dieser aus der, vonDioskuridesals Hauptquelle herangezogenen, Schrift des RhizotomenKrateuasschöpfte. Außer Krateuas ist auch der HerophileerAndreasals wichtigster Vorläufer zu betrachten, die ausgezeichnete Pflanzengeschichte desTheophrastosscheint der Anazarbeer dagegen sehr zum Nachteil des botanischen Teiles seiner Arzneimittellehre nicht gekannt zu haben. Die Reisen als Militärarzt hat Dioskurides nach eigener Versicherung zur Beobachtung lebender Pflanzen und anderer Heilmittel fleißig benützt, jedoch spricht er nur an einer Stelle von einer eigenen Beobachtung in den vestinischen Bergen (Abruzzen). Die Schrift περὶ ὕλης ῖατρικης hat folgenden Inhalt: Vorrede, worin er über die bisherige Bearbeitung des Gegenstands spricht, deren Fehler auseinandersetzt und seinen Plan skizziert; 1. Buch: von den Gewürzen, Oelen, Salben, Bäumen, sowie von den davon herstammenden Säften, Harzen und Früchten; 2. Buch: über die Tiere, Honig, Milch, Fett, von den Getreidearten, Gemüsen und scharfen Kräutern; 3. und 4. Buch: von den Wurzeln, Pflanzensäften, Kräutern und Samen; 5. Buch: vom Weinstock, den Weinen und Mineralien. — Im ganzen sind etwa 600 Pflanzen behandelt. Dioskurides ordnete den Stoff nicht, wie die Vorgänger, alphabetisch, sondern er stellte die Pflanzen nach den äußeren Merkmalen oder nach der Wirkungsart zusammen. Um die Identifizierung der Gewächse hat sich die Forschung schon im Altertum, dann namentlich seit der Renaissance bemüht, in neuerer Zeit ist die Bestimmung der von D. beschriebenen Pflanzen unter anderem von Tournefort, Sibthorp, Koch, K. Sprengel, C. Fraas unternommen worden. — Von reicher praktischer Erfahrung zeugen die Anweisungen zur Prüfung der Drogen (auf Echtheit und Güte), zur Bereitung der zusammengesetzten Mittel (Beschreibung des Verfahrens und der anzuwendenden Apparate), und sorgfältig werden die Gewichte und Mengen, besonders der stark wirkenden Arzneisubstanzen angegeben. Die Synonyma der Pflanzennamen, welche entweder von Völkern (z. B. den Aegyptern) oder von einzelnen Personen herstammen, sind wenigstens zum Teil eine spätere Hinzufügung. — Die beiden wertvollsten Handschriften des Dioskurides sind der Cod. Constantinopolitanus und Neapolitanus, sie befinden sich in der Wiener Hofbibliothek. Der erstere ist eine kostbar ausgestattete, für Julia Anicia, die Tochter des Kaisers Flavius Anicius Olybrius, angefertigte Pergamenthandschrift aus dem Ende des 5. Jahrhunderts, enthält die Beschreibung der Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge (was Dioskurides selbst verpönt hatte!). Neben dem vielfach gekürzten und umgearbeiteten Text besitzt sie Pflanzenabbildungen, die dem illustrierten Krateuas entnommen sind. Von dem Werke des Dioskurides wurden bereits im frühen Mittelalter lateinische Uebersetzungen, bezw. Ueberarbeitungen veranstaltet; unter den Kommentaren (mit lateinischer Uebersetzung) ragt derjenige von Matthiolus, Venet. 1554, hervor; die letzte Ausgabe (griechisch-lateinisch) ist die von C. Sprengel (Leipzig 1829-30). Die deutsche Uebersetzung „Des Pedanios Dioskurides Arzneimittellehre“ von J. Berendes (Stuttgart 1902) ist mit vortrefflichen Erklärungen versehen. — Unter dem Namen des Dioskurides gehen noch mehrere Schriften, von denen die beiden als 6. und 7. Buch dem Hauptwerk hinzugefügten περὶ δηλητηρίων φαρμάκων und περὶ ἰοβόλων καὶ περὶ λυσσῶντος κυνός (beide übersetzt von Berendes, Apothekerzeitung 1905) sicher unterschoben, die zwei Bücher περὶ εὐποριστῶν ἁπλῶν τε καὶ συνθέτων φαρμάκων (von den leicht zu beschaffenden einfachen und zusammengesetzten Arzneien) möglicherweise echt sind.

StattDioskuridesfindet sich in der Literatur auch die Lesart Dioskorides, statt Pedanios auch Pedakios; als Beiname kommt Anazarbeus, aber auch Tarseus vor, letzterer weil Anazarba in der Nähe von Tarsos gelegen war. Dort, wo eine höhere Lehranstalt für Philosophie bestand, machte er wohl seine ersten Studien, die sodann wahrscheinlich in Alexandreia fortgesetzt wurden. Einer bestimmten Aerzteschule schloß sich D. nicht an, wie er denn in seiner Arzneimittellehre die Wirkungzwar von den vier Elementarqualitäten abhängig macht, aber ohne auf die Spitzfindigkeiten der Dogmatiker einzugehen und die Krankheiten nur in der Minderzahl mit bestimmten Namen bezeichnet. Dioskurides veröffentlichte sein Werk vor dem Erscheinen der Naturgeschichte desPlinius; zwischen beiden findet sich manche Uebereinstimmung, weil Plinius sich aufSextius Nigerstützte und dieser aus der, vonDioskuridesals Hauptquelle herangezogenen, Schrift des RhizotomenKrateuasschöpfte. Außer Krateuas ist auch der HerophileerAndreasals wichtigster Vorläufer zu betrachten, die ausgezeichnete Pflanzengeschichte desTheophrastosscheint der Anazarbeer dagegen sehr zum Nachteil des botanischen Teiles seiner Arzneimittellehre nicht gekannt zu haben. Die Reisen als Militärarzt hat Dioskurides nach eigener Versicherung zur Beobachtung lebender Pflanzen und anderer Heilmittel fleißig benützt, jedoch spricht er nur an einer Stelle von einer eigenen Beobachtung in den vestinischen Bergen (Abruzzen). Die Schrift περὶ ὕλης ῖατρικης hat folgenden Inhalt: Vorrede, worin er über die bisherige Bearbeitung des Gegenstands spricht, deren Fehler auseinandersetzt und seinen Plan skizziert; 1. Buch: von den Gewürzen, Oelen, Salben, Bäumen, sowie von den davon herstammenden Säften, Harzen und Früchten; 2. Buch: über die Tiere, Honig, Milch, Fett, von den Getreidearten, Gemüsen und scharfen Kräutern; 3. und 4. Buch: von den Wurzeln, Pflanzensäften, Kräutern und Samen; 5. Buch: vom Weinstock, den Weinen und Mineralien. — Im ganzen sind etwa 600 Pflanzen behandelt. Dioskurides ordnete den Stoff nicht, wie die Vorgänger, alphabetisch, sondern er stellte die Pflanzen nach den äußeren Merkmalen oder nach der Wirkungsart zusammen. Um die Identifizierung der Gewächse hat sich die Forschung schon im Altertum, dann namentlich seit der Renaissance bemüht, in neuerer Zeit ist die Bestimmung der von D. beschriebenen Pflanzen unter anderem von Tournefort, Sibthorp, Koch, K. Sprengel, C. Fraas unternommen worden. — Von reicher praktischer Erfahrung zeugen die Anweisungen zur Prüfung der Drogen (auf Echtheit und Güte), zur Bereitung der zusammengesetzten Mittel (Beschreibung des Verfahrens und der anzuwendenden Apparate), und sorgfältig werden die Gewichte und Mengen, besonders der stark wirkenden Arzneisubstanzen angegeben. Die Synonyma der Pflanzennamen, welche entweder von Völkern (z. B. den Aegyptern) oder von einzelnen Personen herstammen, sind wenigstens zum Teil eine spätere Hinzufügung. — Die beiden wertvollsten Handschriften des Dioskurides sind der Cod. Constantinopolitanus und Neapolitanus, sie befinden sich in der Wiener Hofbibliothek. Der erstere ist eine kostbar ausgestattete, für Julia Anicia, die Tochter des Kaisers Flavius Anicius Olybrius, angefertigte Pergamenthandschrift aus dem Ende des 5. Jahrhunderts, enthält die Beschreibung der Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge (was Dioskurides selbst verpönt hatte!). Neben dem vielfach gekürzten und umgearbeiteten Text besitzt sie Pflanzenabbildungen, die dem illustrierten Krateuas entnommen sind. Von dem Werke des Dioskurides wurden bereits im frühen Mittelalter lateinische Uebersetzungen, bezw. Ueberarbeitungen veranstaltet; unter den Kommentaren (mit lateinischer Uebersetzung) ragt derjenige von Matthiolus, Venet. 1554, hervor; die letzte Ausgabe (griechisch-lateinisch) ist die von C. Sprengel (Leipzig 1829-30). Die deutsche Uebersetzung „Des Pedanios Dioskurides Arzneimittellehre“ von J. Berendes (Stuttgart 1902) ist mit vortrefflichen Erklärungen versehen. — Unter dem Namen des Dioskurides gehen noch mehrere Schriften, von denen die beiden als 6. und 7. Buch dem Hauptwerk hinzugefügten περὶ δηλητηρίων φαρμάκων und περὶ ἰοβόλων καὶ περὶ λυσσῶντος κυνός (beide übersetzt von Berendes, Apothekerzeitung 1905) sicher unterschoben, die zwei Bücher περὶ εὐποριστῶν ἁπλῶν τε καὶ συνθέτων φαρμάκων (von den leicht zu beschaffenden einfachen und zusammengesetzten Arzneien) möglicherweise echt sind.

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Die dogmatischen Sekten, welche aus der alexandrinischen Medizin hervorgegangen waren, bestanden auch in Rom weiter fort, doch fristeten sie nur ein Schattendasein neben dem sieggekrönten Methodismus und der alten, doch stets neu verjüngbaren Empirie. Unter dem Wuste der schablonenhaften Polypragmasie drohte nicht allein die Spekulation über die Krankheitsvorgänge, sondern das medizinische Denken überhaupt, zu versiegen, und weder von der einseitigen Humoral- noch von der extremen widerspruchsvollen Solidarpathologie war, bei dem Mangel exakter Forschungsmethoden, eine befriedigende Weiterbildung der Theorie zu erhoffen.

In ganz ähnlicher Lage hatte sich nach Erlahmung der Platonik und Peripatetik die Philosophie befunden, bis sich das hellenistische Epigonentum durch Skeptizismus und Atomismus hindurch zum synkretistischen Stoizismus emporschwang, der, auf der breiten Grundlage der Vergangenheit ruhend, zwar vorwiegend der praktischen Lebenskunst zugewandt blieb, aber auch die stagnierende Erkenntnistheorie und Metaphysik wieder in Fluß brachte.

Solchem Beispiel folgend undim direkten Anschluß an die Stoa, welche bei den Römern von allen Systemen am meisten angesehen war, suchte im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine Minderzahl wissenschaftlich strebender Aerzte eine neue Entwicklung der medizinischen Theorie herbeizuführen, indem man den Grundgedanken der stoischen Philosophie,die Pneumalehre, in die Physiologie und Pathologie hineintrug, zugleich aber auch die früheren gegensätzlichen Richtungen unter dem neu gewonnenen Gesichtspunkt vereinigte. Gründer der Schule warAthenaios von Attaleia(Pamphylien). Verdiente die Schule zur Zeit ihrer Stiftung den Namen derpneumatischen(πνευματικοί), weil sie vornehmlich auf dieAbleitung aller organischen Erscheinungen von der Funktion und Beschaffenheit der Lebensluftden Nachdruck legte, so verwandelte sie sich doch schon sehr bald in dem Maße, als die Therapie bestimmenden Einfluß auf den Ideengang erlangte, in die Schule derEklektiker(ἐπισυνθετικοί), auch hierin ein Gegenstück zum Stoizismus, welcher schon von Anfang an synkretistischenTendenzen huldigte. Mag die antike Medizin oftmals ihr Licht von der Philosophie erborgt haben, stärker treten doch niemals die historischen Zusammenhänge zwischen beiden und der Zusammenklang in der nachfolgenden Entwicklung hervor. Anderseits freilich, wenn man den Werdegang der medizinischen Theorie, losgelöst von äußeren Einflüssen, betrachtet, ist es nicht zu übersehen,daß die pneumatische Schule im Wesen jene uralten Ideen von der Bedeutung der „Lebensluft“ zur Vollreife brachte, welche, abgesehen von der orientalisch-ägyptischen, in der Medizin der Naturphilosophen und Hippokratiker (vergl. Diogenes von Apollonia, Herakleitos, die hipp. Bücher περὶ φυσῶν, περὶ φύσιος ἀνθρώπου, Anonym. Londin. cap. 5), ja selbst des Erasistratos und Asklepiades (λεπτομερές) lagen, aber wenig beachtet wurden.

Das stoische Lehrsystem, begründet von Zenon aus Kition (im letzten Dezennium des 4. Jahrhunderts v. Chr.), literarisch hauptsächlich vertreten durch Chrysippos aus Soli in Kilikien, stellte als Kompromiß zwischen den verschiedenen vorausgegangenen Systemen (besonders Heraklit, Plato, Aristoteles) die typische Philosophie des Hellenismus dar und erreichte wegen deseklektischenGrundzuges, wegen derpraktischen Tendenzenund last not least wegen deskosmopolitischenStandpunkts im Römerreiche die höchste Entfaltung, allerdings in Form einer moralisierenden Popularphilosophie. Die Metaphysik des Stoizismus ist dynamisch-materialistisch mit stärkster Betonung derTeleologie. Unter Anlehnung besonders an Herakleitos und an die aristotelische Dualität einestätigenund einesleidenden Prinzipsnehmen die Stoiker eine einheitliche Weltkraft (= Gott) an, die einerseits als Weltvernunft aufgefaßt wird, anderseits mit dem Urstoff, dem Feuer = Lebenshauch =Pneumaidentifiziert wird. Das Pneuma ist der Urkörper, aus dem die Einzeldinge hervorgegangen sind und zugleich die alles durchdringende, alles beherrschende und erzeugende Weltvernunft (λόγος σπερματικός). Da das Pneuma, als Körper, mit Naturnotwendigkeit, als Geist aber, zweckmäßig wirkt, so kann der Naturprozeß nur zu vollkommenen undzweckmäßigenBildungen führen. Entsprechend der Identifikation der Urkraft mit dem Urstoff wird auch bei jedem Einzelding trotz logischer Unterscheidung eines tätigen und eines leidenden Prinzips die bewegende Kraft mit dem bewegten Stoff gleichgestellt, ausklingend in den Satz:Nur das Körperliche ist wirklich. Der aus gröberen Elementen zweckmäßig zusammengefügte menschliche Leib ist in seiner ganzen Ausdehnung durchsetzt von dem warmen Lebenshauch, welcher als Ausfluß der Weltseele die Vernunft ausmacht, die Sprache, das Vorstellen, das Begehren hervorbringt, als einheitliche Lebenskraft, die physiologischen Funktionen unterhält und den Hauptsitz in der Brust hat.Wie die stoische Weltauffassung auf biologischer Betrachtungsweise beruht (Welt = ein organisiertes, beseeltes, vernünftiges, schaffendes, zeugendes Lebewesen), wie sich die Stoiker auch gerne mit physiologisch-medizinischen Fragen beschäftigten und mitkleinlicher Teleologievom anthropomorphen Standpunkt die Naturforschung betrieben, so war anderseits gerade ihre Lehre, wie geschaffen, auf die medizinische Theorie bestimmend einzuwirken. Dies erfolgte aber erst, als der epikureische Atomismus mit Asklepiades hinabgesunken war und der vergröberte Methodismus theoretisch nicht mehr befriedigte.Nicht allein durch die Pneumalehre undTeleologie, sondern auch in formaler Hinsicht durch die subtile Ausgestaltung der Logik und Dialektik (namentlich die feine Differenzierung im kausalen Denken) wurden die Stoiker maßgebend für die pneumatische Schule und damit für die ganze weitere Entwicklung der Medizin.

Das stoische Lehrsystem, begründet von Zenon aus Kition (im letzten Dezennium des 4. Jahrhunderts v. Chr.), literarisch hauptsächlich vertreten durch Chrysippos aus Soli in Kilikien, stellte als Kompromiß zwischen den verschiedenen vorausgegangenen Systemen (besonders Heraklit, Plato, Aristoteles) die typische Philosophie des Hellenismus dar und erreichte wegen deseklektischenGrundzuges, wegen derpraktischen Tendenzenund last not least wegen deskosmopolitischenStandpunkts im Römerreiche die höchste Entfaltung, allerdings in Form einer moralisierenden Popularphilosophie. Die Metaphysik des Stoizismus ist dynamisch-materialistisch mit stärkster Betonung derTeleologie. Unter Anlehnung besonders an Herakleitos und an die aristotelische Dualität einestätigenund einesleidenden Prinzipsnehmen die Stoiker eine einheitliche Weltkraft (= Gott) an, die einerseits als Weltvernunft aufgefaßt wird, anderseits mit dem Urstoff, dem Feuer = Lebenshauch =Pneumaidentifiziert wird. Das Pneuma ist der Urkörper, aus dem die Einzeldinge hervorgegangen sind und zugleich die alles durchdringende, alles beherrschende und erzeugende Weltvernunft (λόγος σπερματικός). Da das Pneuma, als Körper, mit Naturnotwendigkeit, als Geist aber, zweckmäßig wirkt, so kann der Naturprozeß nur zu vollkommenen undzweckmäßigenBildungen führen. Entsprechend der Identifikation der Urkraft mit dem Urstoff wird auch bei jedem Einzelding trotz logischer Unterscheidung eines tätigen und eines leidenden Prinzips die bewegende Kraft mit dem bewegten Stoff gleichgestellt, ausklingend in den Satz:Nur das Körperliche ist wirklich. Der aus gröberen Elementen zweckmäßig zusammengefügte menschliche Leib ist in seiner ganzen Ausdehnung durchsetzt von dem warmen Lebenshauch, welcher als Ausfluß der Weltseele die Vernunft ausmacht, die Sprache, das Vorstellen, das Begehren hervorbringt, als einheitliche Lebenskraft, die physiologischen Funktionen unterhält und den Hauptsitz in der Brust hat.

Wie die stoische Weltauffassung auf biologischer Betrachtungsweise beruht (Welt = ein organisiertes, beseeltes, vernünftiges, schaffendes, zeugendes Lebewesen), wie sich die Stoiker auch gerne mit physiologisch-medizinischen Fragen beschäftigten und mitkleinlicher Teleologievom anthropomorphen Standpunkt die Naturforschung betrieben, so war anderseits gerade ihre Lehre, wie geschaffen, auf die medizinische Theorie bestimmend einzuwirken. Dies erfolgte aber erst, als der epikureische Atomismus mit Asklepiades hinabgesunken war und der vergröberte Methodismus theoretisch nicht mehr befriedigte.Nicht allein durch die Pneumalehre undTeleologie, sondern auch in formaler Hinsicht durch die subtile Ausgestaltung der Logik und Dialektik (namentlich die feine Differenzierung im kausalen Denken) wurden die Stoiker maßgebend für die pneumatische Schule und damit für die ganze weitere Entwicklung der Medizin.

Im Gegensatz zum System der Methodiker erhebt sich das Lehrgebäude der Pneumatiker auf dem Fundament einer sorgfältig durchdachten Physiologie, in welcherneben dem Pneuma die vier Elementarqualitäten der älteren Dogmatiker, sowie die Lehre von der Lungen- und Hautatmung (vergl. hierzu besonders die sizilische Schule und Diokles) die Hauptrolle spielen.

Grundbestandteile des Körpers (wie bei den älteren Dogmatikern) sind das Warme, Kalte, Trockene und Feuchte, welche, als Stoffe gedacht, die Gewebe und Organe aufbauen, als Kräfte aufgefaßt, die Lebensvorgänge bedingen; hiervon gelten das Warme und Kalte als die wirkenden (ποιητικὰ αἴτια), das Trockene und Feuchte als die leidenden (ὑλικά) Potenzen. Die oberste Regulation der physiologischen Erscheinungen wird durch das Lebensprinzip (πνεῦμα ζωτικόν) bewirkt, das dem Menschen von Natur innewohnt (daher π. σύμφυτον), durch seine mannigfache Bewegung die innere Wärme (ἔμφυτον θερμόν) erzeugt und in dreifacher Abstufung 1. den Körper zusammenhält (ἒξις), 2. als Bildungskraft, Wachstum und Zeugung vermittelt (φύσις), endlich (als ψυχή) Denken, Empfinden, Begehren hervorbringt; der herrschende Teil der Seele ist das ἡγεμονικὸν, mit dem Sitz im Herzen (vergl. die sizilische Schule). Der Atmungsprozeß hat den Zweck, das Pneuma durch die eindringende Luft zu ersetzen und die innere Wärme zu mäßigen. (Die vom Herzen mit eingepflanzter Wärme versehene Lunge, verlangt nämlich zur Abkühlung nach kalter Luft und führt diese sodann dem Herzen wieder zu.) Bei der Zusammenziehung des Thorax wird Luft aufgenommen, bei der Ausdehnung wird die unrein gewordene nach außen abgegeben. Ergänzend wirkt die Perspiration (διαπνοή), d. h. die pulsatorische Tätigkeit der Arterien, durch deren feinste in der Haut befindlichen Endungen einerseits die Zuführung der Luft für den Körper (bei der Systole) stattfindet, anderseits die Aussonderung der unrein gewordenen Luft (bei der Diastole) vor sich geht (vergl. Empedokles, sizil. Schule, Diokles). Das Blut wird aus den brauchbaren Nahrungsstoffen (nach Vollendung des Verdauungsprozesses im Magendarmtrakt) in der Leber vermöge der eingepflanzten Wärme gebildet und von dieser dem Herzen zugeführt; die Milz dient als Reinigungsorgan (Aussonderung der unreinen Stoffe des schwarzen Blutes). Die vom Herzen entspringenden Arterien führen, ebenso wie die aus der Leber hervorgehenden Venen, sowohl Blut, als auch Pneuma (vergl. Praxagoras-Herophilos), nur mit dem Unterschied, daß die ersteren mehr Pneuma, die letzteren mehr Blut enthalten.Stimme und Sinnestätigkeit erklären sich aus der Funktion des Pneuma; jedes der Sinnesorgane besitzt ein besonders geartetes Pneuma, z. B. das Auge ein sehr feines, das Ohr ein trockenes, die Nase ein feuchtes und dampfartiges. Die Zeugung setzt ein tätiges und ein leidendes Prinzip voraus, d. h. den männlichen Samen (mit seiner bewegenden und bildenden Kraft) und den weiblichen Zeugungsstoff (Material für den Aufbau des Embryos). Die Eierstöcke liefern keinen wirklichen Samen und sind, ebenso wie die Brustdrüsen des Mannes, nur der Analogie wegen vorhanden, aber ohne ἐνέργεια. Die Knaben stammen aus der rechten (wärmeren) Seite des Uterus, die Mädchen aus der linken. Die Bildung des Embryos erfolgt nach40 Tagen, am 9. Tage zeigen sich einige blutige Streifen, am 18. fleischige Klümpchen und Fasern, nach 27 Tagen erscheinen schwache Spuren des Rückgrats und Kopfes. — Wie ein Rückblick ergibt, stützt sich die Physiologie der Pneumatiker auf den Stoizismus und teils indirekt, teils direkt auf Empedokles, die sizilische Schule, die Hippokratiker, Diokles, Aristoteles u. a.Ganz, wie bei den älteren Dogmatikern wurde die Verschiedenheit der Geschlechter, Lebensalter, Jahreszeiten auf die verschiedenen Qualitätenverbindungen zurückgeführt und ein Korrespondenzsystem aufgestellt, gemäß welchem der Qualität nach, das Knabenalter dem Frühling, das Jünglingsalter dem Sommer, das Mannesalter dem Herbste, das Greisenalter dem Winter entsprach (doch herrschte bei den einzelnen Autoren keine volle Uebereinstimmung).

Grundbestandteile des Körpers (wie bei den älteren Dogmatikern) sind das Warme, Kalte, Trockene und Feuchte, welche, als Stoffe gedacht, die Gewebe und Organe aufbauen, als Kräfte aufgefaßt, die Lebensvorgänge bedingen; hiervon gelten das Warme und Kalte als die wirkenden (ποιητικὰ αἴτια), das Trockene und Feuchte als die leidenden (ὑλικά) Potenzen. Die oberste Regulation der physiologischen Erscheinungen wird durch das Lebensprinzip (πνεῦμα ζωτικόν) bewirkt, das dem Menschen von Natur innewohnt (daher π. σύμφυτον), durch seine mannigfache Bewegung die innere Wärme (ἔμφυτον θερμόν) erzeugt und in dreifacher Abstufung 1. den Körper zusammenhält (ἒξις), 2. als Bildungskraft, Wachstum und Zeugung vermittelt (φύσις), endlich (als ψυχή) Denken, Empfinden, Begehren hervorbringt; der herrschende Teil der Seele ist das ἡγεμονικὸν, mit dem Sitz im Herzen (vergl. die sizilische Schule). Der Atmungsprozeß hat den Zweck, das Pneuma durch die eindringende Luft zu ersetzen und die innere Wärme zu mäßigen. (Die vom Herzen mit eingepflanzter Wärme versehene Lunge, verlangt nämlich zur Abkühlung nach kalter Luft und führt diese sodann dem Herzen wieder zu.) Bei der Zusammenziehung des Thorax wird Luft aufgenommen, bei der Ausdehnung wird die unrein gewordene nach außen abgegeben. Ergänzend wirkt die Perspiration (διαπνοή), d. h. die pulsatorische Tätigkeit der Arterien, durch deren feinste in der Haut befindlichen Endungen einerseits die Zuführung der Luft für den Körper (bei der Systole) stattfindet, anderseits die Aussonderung der unrein gewordenen Luft (bei der Diastole) vor sich geht (vergl. Empedokles, sizil. Schule, Diokles). Das Blut wird aus den brauchbaren Nahrungsstoffen (nach Vollendung des Verdauungsprozesses im Magendarmtrakt) in der Leber vermöge der eingepflanzten Wärme gebildet und von dieser dem Herzen zugeführt; die Milz dient als Reinigungsorgan (Aussonderung der unreinen Stoffe des schwarzen Blutes). Die vom Herzen entspringenden Arterien führen, ebenso wie die aus der Leber hervorgehenden Venen, sowohl Blut, als auch Pneuma (vergl. Praxagoras-Herophilos), nur mit dem Unterschied, daß die ersteren mehr Pneuma, die letzteren mehr Blut enthalten.

Stimme und Sinnestätigkeit erklären sich aus der Funktion des Pneuma; jedes der Sinnesorgane besitzt ein besonders geartetes Pneuma, z. B. das Auge ein sehr feines, das Ohr ein trockenes, die Nase ein feuchtes und dampfartiges. Die Zeugung setzt ein tätiges und ein leidendes Prinzip voraus, d. h. den männlichen Samen (mit seiner bewegenden und bildenden Kraft) und den weiblichen Zeugungsstoff (Material für den Aufbau des Embryos). Die Eierstöcke liefern keinen wirklichen Samen und sind, ebenso wie die Brustdrüsen des Mannes, nur der Analogie wegen vorhanden, aber ohne ἐνέργεια. Die Knaben stammen aus der rechten (wärmeren) Seite des Uterus, die Mädchen aus der linken. Die Bildung des Embryos erfolgt nach40 Tagen, am 9. Tage zeigen sich einige blutige Streifen, am 18. fleischige Klümpchen und Fasern, nach 27 Tagen erscheinen schwache Spuren des Rückgrats und Kopfes. — Wie ein Rückblick ergibt, stützt sich die Physiologie der Pneumatiker auf den Stoizismus und teils indirekt, teils direkt auf Empedokles, die sizilische Schule, die Hippokratiker, Diokles, Aristoteles u. a.

Ganz, wie bei den älteren Dogmatikern wurde die Verschiedenheit der Geschlechter, Lebensalter, Jahreszeiten auf die verschiedenen Qualitätenverbindungen zurückgeführt und ein Korrespondenzsystem aufgestellt, gemäß welchem der Qualität nach, das Knabenalter dem Frühling, das Jünglingsalter dem Sommer, das Mannesalter dem Herbste, das Greisenalter dem Winter entsprach (doch herrschte bei den einzelnen Autoren keine volle Uebereinstimmung).

Gesundheit beruht auf der normalen Beschaffenheit des Pneumaund namentlich wird sie durch die Spannung (τὀνος) desselben gefördert. (Der Tonos ist durch den Puls zu erkennen.)Krankheit ist Verderbnis des Pneuma, hervorgerufen durch Dyskrasien der Elementarqualitäten, deren es im ganzen acht gibt, je nachdem nur je eine oder je zweiElementarqualitätenabnorm vorwalten (z. B. Kälte und Feuchtigkeit). Vom Grade der Verderbnis des Pneuma, also der Dyskrasien, hängt die Schwere der Krankheit, ihre Sonderart ab. In der speziellen Pathologie der Pneumatiker wird von den Dyskrasien ausgiebig Gebrauch gemacht, zudem aber noch auf den entsprechendenKrankheitsstoff, d. h. einen der vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), das Hauptgewicht gelegt.

Am deutlichsten ist dies in der pneumatischen Fieberlehre zu verfolgen: dasQuotidianfieberberuht aufKälte und Feuchtigkeit, wird demnach durch die kaltfeuchte Körperflüssigkeit, d. h. durch den übermäßigenSchleimgebildet; dasTertianfieberberuht aufWärme und Trockenheit, sein Krankheitsstoff ist diegelbe Galle; dasQuartanfieberhat entsprechend derKälte und Trockenheitdieschwarze Gallezum Krankheitsstoff. (Trotz der praktischen Konformität mit den Humoralpathologen ist zu beachten, daß die Pneumatiker den Schleim, die gelbe und schwarze Galle nicht als letzte Krankheitsursache, sondern nur sekundär als Krankheitsstoff ansahen.) Unter den einzelnen Autoren herrschte übrigens betreffs der Krankheitsklassifikation nach Qualitäten keine volle Harmonie. Aus dem Korrespondenzsystem der Qualitäten leitete man die besonderen Eigentümlichkeiten der einzelnen Krankheitsformen in Bezug auf ihr Vorkommen ab. So kommt z. B. das kaltfeuchte Quotidianfieber (seiner Qualität entsprechend) am häufigsten im Winter, bei kalter und feuchter Luftbeschaffenheit, in kalten und feuchten Gegenden und im Greisenalter vor; die Tertiana (Wärme — Trockenheit) bei jugendlichen Personen, zur Sommerszeit, in heißen und trockenen Gegenden; die Quartana (Kälte — Trockenheit) im Herbste etc.

Am deutlichsten ist dies in der pneumatischen Fieberlehre zu verfolgen: dasQuotidianfieberberuht aufKälte und Feuchtigkeit, wird demnach durch die kaltfeuchte Körperflüssigkeit, d. h. durch den übermäßigenSchleimgebildet; dasTertianfieberberuht aufWärme und Trockenheit, sein Krankheitsstoff ist diegelbe Galle; dasQuartanfieberhat entsprechend derKälte und Trockenheitdieschwarze Gallezum Krankheitsstoff. (Trotz der praktischen Konformität mit den Humoralpathologen ist zu beachten, daß die Pneumatiker den Schleim, die gelbe und schwarze Galle nicht als letzte Krankheitsursache, sondern nur sekundär als Krankheitsstoff ansahen.) Unter den einzelnen Autoren herrschte übrigens betreffs der Krankheitsklassifikation nach Qualitäten keine volle Harmonie. Aus dem Korrespondenzsystem der Qualitäten leitete man die besonderen Eigentümlichkeiten der einzelnen Krankheitsformen in Bezug auf ihr Vorkommen ab. So kommt z. B. das kaltfeuchte Quotidianfieber (seiner Qualität entsprechend) am häufigsten im Winter, bei kalter und feuchter Luftbeschaffenheit, in kalten und feuchten Gegenden und im Greisenalter vor; die Tertiana (Wärme — Trockenheit) bei jugendlichen Personen, zur Sommerszeit, in heißen und trockenen Gegenden; die Quartana (Kälte — Trockenheit) im Herbste etc.

Fieber entsteht durch Fäulnis der Kardinalsäfte(σῆψις τῶν χυμῶν) — eine schon von den älteren Dogmatikern vertretene Lehre, die von nun an lange in der Medizin herrschend blieb. (Asklepiades und die Methodiker hatten die Annahme einer Fäulnis, ebenso wie einen eigentlichenVerdauungsprozeß verworfen, für sie gab es nur Verstopfung der Porengänge, bezw. Zerlegung in Atome.)In der Krankheitslehre sind nicht nur die offenbaren Ursachen (φαινόμενα), sondern auch die verborgenen, unsichtbaren (ἄδηλα) zu erforschen. Nach dem Muster der stoischen Doktrin unterschieden die Pneumatiker mit subtilster Haarspalterei in der Aetiologie eine ganze Reihe von Ursachen verschiedenen Grades, von denen die wichtigsten Arten folgende waren.Αἴτια προκαταρκτικά, das sind die äußeren Gelegenheitsursachen (z. B. übermäßige Nahrungsaufnahme). Von diesen erst werden dieαἴτια προηγούμεναhervorgerufen (z. B. die durch übermäßigen Genuß von Speisen entstandene Ueberfüllung der Gefäße mit Blut — Plethora). Unter denαἴτια συνεκτικαverstand man die eigentlichen fortwirkenden Ursachen, von deren Vorhandensein, Zunahme, Abnahme, Verschwinden die entsprechenden Stadien der Krankheit abhängen (z. B. Stein in der Harnblase). Man sonderte ferner im Krankheitsprozeß begrifflich: αἴτία (die wirkende Ursache), διάθεσις (alles das, was zum Krankheitszustand gehört), νόσος (die Dyskrasie), πάθος (Funktionsstörung) und σύμπτωμα (Folgen der verletzten Funktion).

Hinsichtlich der Aetiologie ist nachzutragen, daß auch die Methodiker bereits die Krankheitsursachen in ähnlicher Weise einteilten, jedoch die αἴτια προηγούμενα nicht kannten. Die Stoa scheint die Fülle ihrer αἴτια der älteren dogmatischen Schule entlehnt zu haben.

Hinsichtlich der Aetiologie ist nachzutragen, daß auch die Methodiker bereits die Krankheitsursachen in ähnlicher Weise einteilten, jedoch die αἴτια προηγούμενα nicht kannten. Die Stoa scheint die Fülle ihrer αἴτια der älteren dogmatischen Schule entlehnt zu haben.

Die Diagnostik wurde von der pneumatischen Schule ganz besonders dadurch verfeinert, daß sie die von Herophilos begründete, im Lichte des Systems besonders wichtigePulslehreallerdings mit dialektischer Spitzfindigkeit weiter ausbaute. IhreTherapiewar, entsprechend den pathologischen Prämissen, auf dieBekämpfung der Dyskrasiengerichtet, sie bestand demnach darin, übermäßige Wärme durch kühlende Mittel, übermäßige Kälte durch wärmende, übermäßige Feuchtigkeit durch trocknende und übermäßige Trockenheit durch anfeuchtende Mittel zu bekämpfen. Charakteristischerweise wichen die Anhänger der pneumatischen Schule von den Humoralpathologen aber darin ab, daß sie die abnormen Qualitätenverbindungen weit weniger durch Arzneimittel, als durch diediätetisch-physikalischenBehandlungsarten zu beheben bemüht waren (Einfluß des Methodismus). Gerade hierin leisteten sie ihr Bestes, indem sie in rationellster Weise und mit großer Selbständigkeit die Erfahrungen über Diätetik, Leibesübungen, Bäder,Mineralquellenetc. verwerteten, welche im Corpus Hippocraticum vorlagen, bezw. von den älteren Dogmatikern (vergl. z. B. Philistion, Mnesitheos, Dieuches, Diokles), sowie den Alexandrinern überliefert wurden und seit dem Auftreten des Asklepiades und der Methodiker das Lieblingsgebiet der Therapeuten bildeten.

Die angeführten theoretischen und praktischen Grundzüge — von den Anhängern mit größter Hartnäckigkeit als allein richtig verfochten — wurden schon von dem Stifter der SchuleAthenaiosvertreten und verraten, daß das System der Pneumatiker schon in seinem Ursprung eklektischen Charakter besitzt, auf die Vergangenheit stark zurückgreift und sich als eine Verschmelzung des verjüngten Dogmatismus mit dem Methodismus erweist. In diesem Sinne wurde auch durch die Schüler des Athenaios:Theodoros,Magnos, namentlich aber durchAgathinosdie Richtung weiter verfolgt.

Athenaioswirkte in der Zeit des Claudius — Celsus kennt die neue Sekte noch nicht — er scharte in Rom eine bedeutende Zahl von Anhängern um sich und erwarb bei der Mit- und Nachwelt hohes Ansehen. Ausgerüstet mit scharfem Blick für die Schwächen seiner Zeit, suchte er auf Grund einer überaus reichen philosophischen und medizinischen Literaturkenntnis und praktischen Befähigung die herrschenden medizinischen Mißzustände zu beseitigen. Von der Ansicht geleitet,daß die Unterweisung in der Heilkunde einen Bestandteil des Jugendunterrichts bilden solle, daß jeder Mensch Arzt sein müsse, da man in jedem Berufe auch der Heilkunde bedürfe, verfaßte er neben „Definitionen“ (ὁροι) ein das Gesamtgebiet behandelndes Werk in mindestens 30 Büchern (περὶ βοηθημάτων), das sich durch Klarheit der Darstellung auszeichnete. Leider sind davon bei späteren Autoren nur Bruchstücke vorhanden, welche Diätetik, Physiologie, Embryologie, Pathologie und Hygiene (Luft, Wohnort) behandeln. Von Interesse ist es namentlich, daß er vom wissenschaftlichen Standpunkt seiner Zeit, d. h. nach den Prinzipien der Qualitätenlehredie Nahrungsmittel(Getreidearten, Brote),das Trinkwasser(das Filtrieren durch die Erde),die Wirkung der Luft(in der Sonne, im Schatten; am Tage, bei Nacht; in der Stadt, auf dem Lande; in hohen, bewaldeten Gegenden, in der Nähe von Flüssen, am Meere, im Binnenlande, in der Nähe von Sümpfen) sorgfältig analysierte undfür jedes Alter, für die beiden Geschlechter, in den verschiedenen Jahreszeiten detaillierte Lebensregeln angab. Bei derJugenderziehunglegte er, anklingend an Platon, größten Wert auf gleichmäßige Ausbildung des Geistes und Körpers, empfahl den ersten Unterricht gewissermaßen spielend, ohne zu große Strenge zu erteilen und auch nach dem 12. Jahre, zu welcher Zeit erst der strengere, wissenschaftliche Unterricht beginnen soll, auf Leibesübungen (schon behufs Unterdrückung der erwachenden Geschlechtslust) das Hauptaugenmerk zu richten. Die geistige Ausbildung des weiblichen Geschlechtes soll vornehmlich darauf gerichtet sein, die zur Führung des Hauswesens erforderlichen Kenntnisse zu erwerben.Im Interesse ihrer Gesundheit rät Athenaios den Frauen wirtschaftliche Tätigkeit anund schreibt ihnen vor, das Backen selbst zu beaufsichtigen, selbst in der Wirtschaft Hand anzulegen, das für den Haushalt Erforderliche selbst zuzumessen und nachzusehen, ob alles an seinem Platze ist, selbst den Teig anzufeuchten und zu kneten, selbst die Betten zu machen, da körperliche Bewegung den Appetit vermehre und einen gesunden Teint verleihe. — In der Therapie schloß sich Athenaios ziemlich an Asklepiades an (auch hinsichtlich des Weins), trotz vielfacher Abweichung im einzelnen. —Magnos aus Ephesosschrieb medizinische Briefe und eine Geschichte der Entdeckungen seit Themison, worin viel vom Pulse gesprochen wurde.

Athenaioswirkte in der Zeit des Claudius — Celsus kennt die neue Sekte noch nicht — er scharte in Rom eine bedeutende Zahl von Anhängern um sich und erwarb bei der Mit- und Nachwelt hohes Ansehen. Ausgerüstet mit scharfem Blick für die Schwächen seiner Zeit, suchte er auf Grund einer überaus reichen philosophischen und medizinischen Literaturkenntnis und praktischen Befähigung die herrschenden medizinischen Mißzustände zu beseitigen. Von der Ansicht geleitet,daß die Unterweisung in der Heilkunde einen Bestandteil des Jugendunterrichts bilden solle, daß jeder Mensch Arzt sein müsse, da man in jedem Berufe auch der Heilkunde bedürfe, verfaßte er neben „Definitionen“ (ὁροι) ein das Gesamtgebiet behandelndes Werk in mindestens 30 Büchern (περὶ βοηθημάτων), das sich durch Klarheit der Darstellung auszeichnete. Leider sind davon bei späteren Autoren nur Bruchstücke vorhanden, welche Diätetik, Physiologie, Embryologie, Pathologie und Hygiene (Luft, Wohnort) behandeln. Von Interesse ist es namentlich, daß er vom wissenschaftlichen Standpunkt seiner Zeit, d. h. nach den Prinzipien der Qualitätenlehredie Nahrungsmittel(Getreidearten, Brote),das Trinkwasser(das Filtrieren durch die Erde),die Wirkung der Luft(in der Sonne, im Schatten; am Tage, bei Nacht; in der Stadt, auf dem Lande; in hohen, bewaldeten Gegenden, in der Nähe von Flüssen, am Meere, im Binnenlande, in der Nähe von Sümpfen) sorgfältig analysierte undfür jedes Alter, für die beiden Geschlechter, in den verschiedenen Jahreszeiten detaillierte Lebensregeln angab. Bei derJugenderziehunglegte er, anklingend an Platon, größten Wert auf gleichmäßige Ausbildung des Geistes und Körpers, empfahl den ersten Unterricht gewissermaßen spielend, ohne zu große Strenge zu erteilen und auch nach dem 12. Jahre, zu welcher Zeit erst der strengere, wissenschaftliche Unterricht beginnen soll, auf Leibesübungen (schon behufs Unterdrückung der erwachenden Geschlechtslust) das Hauptaugenmerk zu richten. Die geistige Ausbildung des weiblichen Geschlechtes soll vornehmlich darauf gerichtet sein, die zur Führung des Hauswesens erforderlichen Kenntnisse zu erwerben.Im Interesse ihrer Gesundheit rät Athenaios den Frauen wirtschaftliche Tätigkeit anund schreibt ihnen vor, das Backen selbst zu beaufsichtigen, selbst in der Wirtschaft Hand anzulegen, das für den Haushalt Erforderliche selbst zuzumessen und nachzusehen, ob alles an seinem Platze ist, selbst den Teig anzufeuchten und zu kneten, selbst die Betten zu machen, da körperliche Bewegung den Appetit vermehre und einen gesunden Teint verleihe. — In der Therapie schloß sich Athenaios ziemlich an Asklepiades an (auch hinsichtlich des Weins), trotz vielfacher Abweichung im einzelnen. —Magnos aus Ephesosschrieb medizinische Briefe und eine Geschichte der Entdeckungen seit Themison, worin viel vom Pulse gesprochen wurde.

ClaudiusAgathinosaus Lakedaimon (zur Zeit der Flavier) gab derSchule mit Recht den Namen dereklektischen, da er sie mit den Empirikern und Methodikern in noch innigeren Zusammenhang bringen wollte. Er behandelte mit ungewöhnlichem Fleiße die Lieblingsthemen seines Lehrers, namentlich die Pulslehre (περὶ σφυγμῶν), experimentierte an Hunden über die Wirkung der Nieswurz und verwarf zwar nicht ganz den Gebrauch der warmen Bäder, aber wandte mit Vorliebe die kalten an, für deren Anwendung er genaue Regeln festsetzte.

Der Gebrauch der kalten Bäder war nach Asklepiades und Antonius Musa, besonders durch den Arzt der neronischen Epoche, Charmis aus Massilia, in Aufnahme gekommen und wurde mit fanatischem Eifer von vielen Aerzten und von Laien verteidigt. Agathinos empfahl sie auch bei Kindern und in jeder Jahreszeit.

Der Gebrauch der kalten Bäder war nach Asklepiades und Antonius Musa, besonders durch den Arzt der neronischen Epoche, Charmis aus Massilia, in Aufnahme gekommen und wurde mit fanatischem Eifer von vielen Aerzten und von Laien verteidigt. Agathinos empfahl sie auch bei Kindern und in jeder Jahreszeit.

Zu den hervorragendsten Anhängern des Agathinos gehörtenHerodotosundArchigenes aus Apameia(in Syrien).

Herodotos(gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr.) näherte sich noch mehr, als alle übrigen, demMethodismus, indem er zwar die Qualitätenmischung zum Ausgangspunkt wählte, auf die Einflüsse des Alters, Geschlechtes und der Jahreszeiten Bedacht nahm, aber auch die Kommunitäten, die Theorie des Diatritos, die Metasynkrise berücksichtigte, ja sogar in der Terminologie Konzessionen machte.Er war ein großer Freund der „methodischen“ Heilmethoden, gab Vorschriften über Wasser-, Sand-, Sonnen-, Oel- und Schwitzbäder, über Massage, Gymnastik, Schröpfen, Venäsektion, Weingenuß u. a. m. Bei der Krankheit unterschied er vier Stadien: ἀρχή, ἐπίδοσις, ακμή, παρακμή. Herodotos scheint, nach einem erhaltenen Fragment zu urteilen, die Blattern beschrieben und die kontagiöse Verbreitungsweise derselben hervorgehoben zu haben.

Herodotos(gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr.) näherte sich noch mehr, als alle übrigen, demMethodismus, indem er zwar die Qualitätenmischung zum Ausgangspunkt wählte, auf die Einflüsse des Alters, Geschlechtes und der Jahreszeiten Bedacht nahm, aber auch die Kommunitäten, die Theorie des Diatritos, die Metasynkrise berücksichtigte, ja sogar in der Terminologie Konzessionen machte.Er war ein großer Freund der „methodischen“ Heilmethoden, gab Vorschriften über Wasser-, Sand-, Sonnen-, Oel- und Schwitzbäder, über Massage, Gymnastik, Schröpfen, Venäsektion, Weingenuß u. a. m. Bei der Krankheit unterschied er vier Stadien: ἀρχή, ἐπίδοσις, ακμή, παρακμή. Herodotos scheint, nach einem erhaltenen Fragment zu urteilen, die Blattern beschrieben und die kontagiöse Verbreitungsweise derselben hervorgehoben zu haben.

Archigeneslebte zur Zeit des Kaisers Trajan in Rom und vereinigte nach übereinstimmendem Urteil der Zeitgenossen, wie der nachfolgenden Kritiker, alle Vorzüge in sich, die den Ruf der Gelehrsamkeit und zugleich der praktischen Tüchtigkeit bedingen. Seiner Person dankte die Schule vielleicht am meisten die Anerkennung, welche ihr in steigendem Maße zu teil ward und, abgesehen von dem Lobe der späteren Autoren, spricht für die Bedeutung dieses ärztlichen Forschers die Tatsache, daß späterhin der großeGalenosvieles aus seinen Schriften entnahm und durch dieselben zu ähnlichen wissenschaftlichen Arbeiten angeregt worden ist. Aeußerst beliebt beim Publikum, namentlich bei der vornehmen Welt, fand Archigenes doch die Muße, eine reiche literarische Tätigkeit zu entfalten, um in populärer Darstellung, aber auch mit allen Finessen der logischen Distinktion, die Grundlehren der Pneumatiker mit den guten Leistungen der empirischen und methodischen Medizin in Einklang zu bringen. Außer Briefen mit ärztlichen Ratschlägen verfaßte er Werke über den Puls, über fieberhafte Krankheiten und Fiebertypen, über lokale Affektionen, Diagnostik und Behandlung akuterund chronischer Leiden, über den rechten Augenblick zur Vornahme ärztlicher Eingriffe, über Chirurgie, Arzneimittel (namentlich Nieswurz und Bibergeil) und therapeutische Hilfsmittel im allgemeinen. Nach den erhaltenen Fragmenten zu schließen, war er ein ausgezeichneter, auch chirurgisch hochbegabter Therapeut, der alle zu Gebote stehenden Methoden mit Umsicht verwendete, freilich aber aus suggestiven Gründen auch abergläubische Mittel (z. B. Amulette) benützte; theoretisch bemerkenswert ist es insbesondere,daß Archigenes die Pulslehre auf jene Höhe brachte, die sie überhaupt in der antiken Medizin erreichen konnte, daß er eine ganze Reihe von verschiedenen Schmerzempfindungen unterschied, aus deren Qualität er den Sitz der Krankheit bestimmen wollte und daß er die primären von den bloß sympathischen, sekundären Krankheitszuständen scharf zu trennen suchte.

Archigenes, Sohn eines als Pharmakologen bewährten Arztes,Philippos, gehörte zu den besten Autoren des Altertums, wenn er auch gewiß in sehr bedeutendem Maße von den Vorgängern abhängig ist. Obwohl er zu den galanten Modeärzten zählte und den Wünschen der vornehmen Damen (βασιλικαὶ γυναῖκες) sogar durch Angabe von Haarfärbemittel sehr entgegenkam — der Leibarzt des Trajan,Kriton, schrieb ein eigenes Handbuch der Toilettenkunst[15]— haftet ihm doch kaum ein Zug von Scharlatanerie an. Wo der bissige Juvenal von Aerzten spricht, nennt er ihn, sein Name ist bei dem Dichter geradezu der Gattungsname für „Aerzte“. — In seinen Lehren weicht Archigenes nicht selten von den früheren Meistern der pneumatischen Schule, wenigstens in Einzelheiten ab. Die Fieber leitete er von abnormer Steigerung der Wärme und Trockenheit ab (beiAthenaiosist es Wärme und Feuchtigkeit), auch folgte er in der Angabe über die vorherrschenden Qualitäten bei den intermittierenden nicht ganz den Vorgängern und unterschied (gegenüberHerodotos) als Stadien: die ἀρχή, ακμή, παρακμή und ᾰνεσῖς. Die Fieber zerfallen in drei diagnostisch (nach der Aetiologie, Pulsbeschaffenheit, Wärme, Harn, Allgemeinzustand) erkennbare Arten, nämlich Eintagsfieber, septische und hektische, je nachdem die Fäulnis im Pneuma, in den flüssigen oder festen Teilen ihren Sitz hat; nach dem Verlauf in intermittierende und kontinuierliche, nach der Dauer in κατόξεις (bis zu 7 Tagen), οξεις (bis zu 14 Tagen), χρόνιοι (bis zu 40 Tagen), βραχυχρόνιοι (über 40 Tage anhaltend). Von Hippokrates nahm Archigenes wieder die lange verworfene Lehre von denkritischen Tagenauf, sprach jedoch dem 21. Tage größere Bedeutung zu als dem 20., dem 27. eine geringere als dem 28. Tage. Den Glanzpunkt bildete diePulslehre. Unter σφύγμος verstand er die normale Bewegung der Arterien und des Herzens (zum Unterschied von τρόμος, σπάσμος, πάλμος vergl. Praxagoras) und führte die Systole wie die Diastole auf eigene Kraftäußerung zurück (vergl. Herophilos). Wie Herophilos nimmt Archigenesvier Zeiten (Systole, Diastole und die beiden Pausen) an und unterscheidet im wesentlichen zehn Pulsgattungen mit entsprechenden Unterarten, worüber man sich aus nachfolgendem Schema orientieren kann:1. τὸ παρὰ τὸ ποσὸντῆς διαστολῆς·μέγας, μικρὸςμέσος2. τὸ παρὰ τὸ ποῖοντῆς κινήσεως·ταχύς, βραδύς,μέσος3. τὸ παρὰ τὸ τὸνοντῆς δυνάμεως·σφοδρός,αμυδρός μέσος4. τὸ παρὰ τὸ ποσὸντῆς πληγῆς5. τὸ παρὰ τὸν χρόνοντῆς ἡσυχίας·πυκνός, ἀραιός μέσος6. τὸ παρὰ τὴν σύστασινσκληρός, μαλακός,μέσος7. τὸ παρὰ τὴνὁμαλότητα καὶἀνωμαλίαν8. τὸ παρὰ τὴντάξιν καὶ ἀταξίαν9. τὸ παρὰ τὸ πλῆθοςκαὶ τὸ κενόν10. τὸ παρὰ τὸνῥυθμόν.Es wird also Größe, Schnelligkeit, Stärke, Völle, Häufigkeit, Härte, Rhythmus, Gleichmäßigkeit in der Aufeinanderfolge untersucht. Wichtig waren die Unterarten des doppelschlägigen (δίκροτος), ameisenartigen (μυρμηκίζων), gazellenartigen (δορκαδὶζων), wurmartigen (σκωληκίζον) und welligen (κυματώδης) Pulses. — Von der Therapie des Archigenes wissen wir, daß er neben der eifrig gepflegten diätetisch-physikalischen Behandlungsweise auch Abführmittel (z. B. bei Fieber, bei Melancholie, gab er seine, „Hiera“ genannte, Koloquinthen enthaltende Komposition), Blutentziehungen (mit Indikationsstellung) und Brechmittel (gewisse Speisen, Rettiche, Nieswurz) anwendete. Eines seiner Lieblingsmedikamente war das Bibergeil. — Archigenes gab eine glänzende Beschreibung derLepraund berichtete auch über verschiedene indische Heilmethoden; er kannte auch die Diphtherie.Ebenfalls Pneumatiker warApollonios aus Pergamon, welcher die häufige Ausführung des Aderlasses widerriet, mit der Begründung, es werde dadurch zu viel πνεῦma dem Körper entzogen; besser sei es daher vom Schröpfkopf und Skarifikationen Gebrauch zu machen.

Archigenes, Sohn eines als Pharmakologen bewährten Arztes,Philippos, gehörte zu den besten Autoren des Altertums, wenn er auch gewiß in sehr bedeutendem Maße von den Vorgängern abhängig ist. Obwohl er zu den galanten Modeärzten zählte und den Wünschen der vornehmen Damen (βασιλικαὶ γυναῖκες) sogar durch Angabe von Haarfärbemittel sehr entgegenkam — der Leibarzt des Trajan,Kriton, schrieb ein eigenes Handbuch der Toilettenkunst[15]— haftet ihm doch kaum ein Zug von Scharlatanerie an. Wo der bissige Juvenal von Aerzten spricht, nennt er ihn, sein Name ist bei dem Dichter geradezu der Gattungsname für „Aerzte“. — In seinen Lehren weicht Archigenes nicht selten von den früheren Meistern der pneumatischen Schule, wenigstens in Einzelheiten ab. Die Fieber leitete er von abnormer Steigerung der Wärme und Trockenheit ab (beiAthenaiosist es Wärme und Feuchtigkeit), auch folgte er in der Angabe über die vorherrschenden Qualitäten bei den intermittierenden nicht ganz den Vorgängern und unterschied (gegenüberHerodotos) als Stadien: die ἀρχή, ακμή, παρακμή und ᾰνεσῖς. Die Fieber zerfallen in drei diagnostisch (nach der Aetiologie, Pulsbeschaffenheit, Wärme, Harn, Allgemeinzustand) erkennbare Arten, nämlich Eintagsfieber, septische und hektische, je nachdem die Fäulnis im Pneuma, in den flüssigen oder festen Teilen ihren Sitz hat; nach dem Verlauf in intermittierende und kontinuierliche, nach der Dauer in κατόξεις (bis zu 7 Tagen), οξεις (bis zu 14 Tagen), χρόνιοι (bis zu 40 Tagen), βραχυχρόνιοι (über 40 Tage anhaltend). Von Hippokrates nahm Archigenes wieder die lange verworfene Lehre von denkritischen Tagenauf, sprach jedoch dem 21. Tage größere Bedeutung zu als dem 20., dem 27. eine geringere als dem 28. Tage. Den Glanzpunkt bildete diePulslehre. Unter σφύγμος verstand er die normale Bewegung der Arterien und des Herzens (zum Unterschied von τρόμος, σπάσμος, πάλμος vergl. Praxagoras) und führte die Systole wie die Diastole auf eigene Kraftäußerung zurück (vergl. Herophilos). Wie Herophilos nimmt Archigenesvier Zeiten (Systole, Diastole und die beiden Pausen) an und unterscheidet im wesentlichen zehn Pulsgattungen mit entsprechenden Unterarten, worüber man sich aus nachfolgendem Schema orientieren kann:

1. τὸ παρὰ τὸ ποσὸντῆς διαστολῆς·μέγας, μικρὸςμέσος2. τὸ παρὰ τὸ ποῖοντῆς κινήσεως·ταχύς, βραδύς,μέσος3. τὸ παρὰ τὸ τὸνοντῆς δυνάμεως·σφοδρός,αμυδρός μέσος4. τὸ παρὰ τὸ ποσὸντῆς πληγῆς5. τὸ παρὰ τὸν χρόνοντῆς ἡσυχίας·πυκνός, ἀραιός μέσος6. τὸ παρὰ τὴν σύστασινσκληρός, μαλακός,μέσος7. τὸ παρὰ τὴνὁμαλότητα καὶἀνωμαλίαν8. τὸ παρὰ τὴντάξιν καὶ ἀταξίαν9. τὸ παρὰ τὸ πλῆθοςκαὶ τὸ κενόν10. τὸ παρὰ τὸνῥυθμόν.

Es wird also Größe, Schnelligkeit, Stärke, Völle, Häufigkeit, Härte, Rhythmus, Gleichmäßigkeit in der Aufeinanderfolge untersucht. Wichtig waren die Unterarten des doppelschlägigen (δίκροτος), ameisenartigen (μυρμηκίζων), gazellenartigen (δορκαδὶζων), wurmartigen (σκωληκίζον) und welligen (κυματώδης) Pulses. — Von der Therapie des Archigenes wissen wir, daß er neben der eifrig gepflegten diätetisch-physikalischen Behandlungsweise auch Abführmittel (z. B. bei Fieber, bei Melancholie, gab er seine, „Hiera“ genannte, Koloquinthen enthaltende Komposition), Blutentziehungen (mit Indikationsstellung) und Brechmittel (gewisse Speisen, Rettiche, Nieswurz) anwendete. Eines seiner Lieblingsmedikamente war das Bibergeil. — Archigenes gab eine glänzende Beschreibung derLepraund berichtete auch über verschiedene indische Heilmethoden; er kannte auch die Diphtherie.

Ebenfalls Pneumatiker warApollonios aus Pergamon, welcher die häufige Ausführung des Aderlasses widerriet, mit der Begründung, es werde dadurch zu viel πνεῦma dem Körper entzogen; besser sei es daher vom Schröpfkopf und Skarifikationen Gebrauch zu machen.

Die Schule der Pneumatiker hat sich auch um dieChirurgiegroße Verdienste erworben, gehörten ihr doch dieberühmtesten Wundärzte der Kaiserzeit an, Archigenes, Leonides und Heliodoros und der spätere Antyllos.

Archigeneszeichnete sich dadurch aus, daß er die Indikationsstellung für die Amputation (gegenüber den Hippokratikern) bedeutend erweiterte,Gefäßligatur oder Umstechunganwendete; er operierte Brust- und Gebärmutterkrebs, verwendete zur Stillung der Blutungen, sowie bei Coxalgie das Glüheisen und bediente sich desSpeculum uteri.Heliodoroshinterließ, wie die Fragmente zeigen, wertvolle Angaben über die Operation von Abszessen, über Schädelverletzungen (Untersuchung mit der Sonde, Trepanation), Exostosen, Empyem, Hypospadie, Strikturenbehandlung, nahm Resektionen vor, kannte denLappenschnittund bespricht ausführlich die verschiedenen Verbände (Rollbinden, gespaltene und zusammengenähte Binden) und Repositionsmethoden(mit der Hand, mit den Utensilien des gewöhnlichen Lebens, mit Maschinen, z. B. πλινθίον desNeileos).

Leonides aus Alexandreia(gegen Ende des 1. Jahrhunderts) stützte sich vornehmlich aufPhiloxenos(vergl. S. 281), verbesserte mehrere Operationsmethoden, z. B. bei der Amputation (Lappenschnitt), bei den Hämorrhoiden (unter Benutzung des Mastdarmspiegels) und beschäftigte sich, wie die erhaltenen Bruchstücke zeigen, besonders mit der Diagnostik der Schädelbrüche, sowie mit der Therapie der Tumoren, Hernien und Fisteln; er wußte auch, daß die Filaria Medinensis in Indien und Aethiopien endemisch vorkommt.

Literarische Bedeutung hat von den späteren „Eklektikern“Kassios, der Iatrosophist(_?_ n. Chr.), dessen „Medizinische Fragen und Probleme“ (ἰατρικαὶ ἀπορίαι καὶ προβλήματα φὑσικα) in 84 Sätzen medizinische und naturwissenschaftliche Dinge behandeln. Der Standpunkt des Verfassers ist vorwiegend pneumatisch aber auch methodisch. Die Fragen betreffen u. a. auchdie Tatsache der gekreuzten Lähmungen, die Lehre von den Sympathien(metastatische Abszesse, sympathische Augenentzündung etc.),die Ernährung der Körperteile durch die spezifische Assimilation, womit auch die Kallusbildung in Zusammenhang gebracht wird(vergl. Ideler, Med. gr. min. I). Erwähnenswert ist ferner:Markellos aus Side(Pamphylien) zur Zeit des Marc Aurel, welcher 42 Bücher ἰατρικά = Aerztliches schrieb, wovon wir noch ein Fragment über Lykanthropie und 101 Hexameter über die in der Medizin gebräuchlichen Fische besitzen (Schneider, Marcelli Sidetae medici fragmenta, Leipzig 1888).

Literarische Bedeutung hat von den späteren „Eklektikern“Kassios, der Iatrosophist(_?_ n. Chr.), dessen „Medizinische Fragen und Probleme“ (ἰατρικαὶ ἀπορίαι καὶ προβλήματα φὑσικα) in 84 Sätzen medizinische und naturwissenschaftliche Dinge behandeln. Der Standpunkt des Verfassers ist vorwiegend pneumatisch aber auch methodisch. Die Fragen betreffen u. a. auchdie Tatsache der gekreuzten Lähmungen, die Lehre von den Sympathien(metastatische Abszesse, sympathische Augenentzündung etc.),die Ernährung der Körperteile durch die spezifische Assimilation, womit auch die Kallusbildung in Zusammenhang gebracht wird(vergl. Ideler, Med. gr. min. I). Erwähnenswert ist ferner:Markellos aus Side(Pamphylien) zur Zeit des Marc Aurel, welcher 42 Bücher ἰατρικά = Aerztliches schrieb, wovon wir noch ein Fragment über Lykanthropie und 101 Hexameter über die in der Medizin gebräuchlichen Fische besitzen (Schneider, Marcelli Sidetae medici fragmenta, Leipzig 1888).

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Die Spirallinie der geschichtlichen Entwicklung führte das medizinische Denken unverkennbar wieder zum Rationalismus, allerdings auf höherer Stufe, zurück, und die pneumatisch-eklektische Schule bedeutet nichts anderes, als eine Erneuerung der dogmatischen Fundamentalsätze, deren humoralpathologischer Inhalt freilich durch die Pneumalehre erweitert, durch die Qualitätentheorie verschleiert, durch die Heranziehung aller bisher erzielten theoretischen und praktischen Errungenschaften wesentlich modifiziert wurde.

Eine logische Geschichtskonstruktion würde als weitere Etappe schließlich die vollendete Rückkehr zu Hippokrates selbst erfordern, von dem sich ja einst die dogmatische Richtung auf der Suche nach rationeller Begründung der Kunstregeln ableitete, sie würde die Existenz eines Mannes präsumieren, dessen Denken und Wirken gleichsam die Asymptote zu einem den Zeitansprüchen äquivalenten, wissenschaftlich gefestigten Hippokratismus darstellt.

Ideal und Wirklichkeit fällt in dieser Epoche tatsächlich zusammen in einigen — Meisterwerken, über deren vielumstrittenen Verfasser wir leider bloß das eine mit Sicherheit wissen, daß er, weder auf seine, noch auf die nachfolgende Zeit (wenigstens nach den äußerst spärlichen Zitaten der späteren Autoren zu urteilen) einen tiefer eingreifenden Einfluß ausgeübt hat. Es sind dies die glücklicherweise noch erhaltenen Bücher desAretaiosaus Kappadokien:Ueber die Ursachen und Kennzeichen der akuten und chronischen Krankheiten(περὶ αἰτιῶν καὶ σημείων ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν) undüber die Behandlung derselben(περὶ θεραπείας ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν) — Schriften von unvergänglichem Werte, Denkmäler echt hippokratischer Geisteshoheit!

Da Aretaios keinen medizinischen Autor außer Hippokrates erwähnt, und die Alten seiner ebensowenig gedenken, so herrschen über seine Lebenszeit nur Vermutungen, die sich vorwiegend auf Inhalt und Darstellungsweise seiner Schriften stützen. Der Umstand, daß er dem Pneuma eine bedeutende Rolle zuerkennt, hat neben anderen Momenten zur Annahme geführt, daß er in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. (wohl eine Zeitlang auch in Aegypten) lebte; der ionische Dialekt— den er für die Darstellung übrigens deshalb wählte, um Hippokrates auch in der Form nachzustreben — führt, nach Ansichten der Philologen, in die Zeit des 2. Jahrhunderts hinab. Außerdem ist heute sogar die Frage, wie Aretaios als Mediziner zu werten ist, deshalb diskutabel geworden, weil man eine bisher entgangene, merkwürdige Uebereinstimmung seiner Schriften mit den Fragmenten desArchigenes von Apameiaentdeckt hat, und so dreht sich die Debatte noch darum, ob Aretaios nur als „Stilist“ einzuschätzen ist und sein Wissen dem Archigenes entlehnt hat oder aber, ob letzterer als Plagiator aufzufassen wäre. Die bedeutende Selbständigkeit, welche Aretaios gerade bei der Darstellung allgemein bekannter Verhältnisse offenbart, macht die medizinischen Historiker bisher wenig geneigt, seinen Ruhm schmälern zu lassen. Mag aber das Endurteil wie immer ausfallen, dasEinewird unverrückbar feststehen: Kein einziger griechischer Autor nach Hippokrates, von dem wir Kunde haben, erreicht die Höhe des Aretaios und kein Werk in der ganzen Literatur nähert sich in solchem Maße dem echten, unverfälschten Geist desHippokratismus, sowohl in Bezug auf die Krankheitsschilderung, als auch im Hinblick auf die therapeutischen Grundsätze, wie die Bücher des Kappadoziers. Entrückt dem Streit über die Person des Autors, wollen wir in der folgenden Darstellung nur auf seine Schriften unser Augenmerk richten.Außer den oben genannten Büchern schrieb Aretaios noch über Fieber, Chirurgie, Gynäkologie, über Prophylaxe und Arzneimittel, wovon aber nichts gerettet wurde. Die beiden auf uns gekommenen Hauptwerke, je vier Bücher, de causis et signis acutorum et diuturnorum morborum und de curatione acutor. et diuturnor. morb., sind leider mit einigen bedeutenden Lücken versehen. Ed. C. G. Kühn (Leipzig 1828 in den Op. medicor. Graecor. quae exstant vol. 24); deutsche Uebersetzungen von Dewez (Wien 1790, 1802) und Mann (Halle 1858).

Da Aretaios keinen medizinischen Autor außer Hippokrates erwähnt, und die Alten seiner ebensowenig gedenken, so herrschen über seine Lebenszeit nur Vermutungen, die sich vorwiegend auf Inhalt und Darstellungsweise seiner Schriften stützen. Der Umstand, daß er dem Pneuma eine bedeutende Rolle zuerkennt, hat neben anderen Momenten zur Annahme geführt, daß er in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. (wohl eine Zeitlang auch in Aegypten) lebte; der ionische Dialekt— den er für die Darstellung übrigens deshalb wählte, um Hippokrates auch in der Form nachzustreben — führt, nach Ansichten der Philologen, in die Zeit des 2. Jahrhunderts hinab. Außerdem ist heute sogar die Frage, wie Aretaios als Mediziner zu werten ist, deshalb diskutabel geworden, weil man eine bisher entgangene, merkwürdige Uebereinstimmung seiner Schriften mit den Fragmenten desArchigenes von Apameiaentdeckt hat, und so dreht sich die Debatte noch darum, ob Aretaios nur als „Stilist“ einzuschätzen ist und sein Wissen dem Archigenes entlehnt hat oder aber, ob letzterer als Plagiator aufzufassen wäre. Die bedeutende Selbständigkeit, welche Aretaios gerade bei der Darstellung allgemein bekannter Verhältnisse offenbart, macht die medizinischen Historiker bisher wenig geneigt, seinen Ruhm schmälern zu lassen. Mag aber das Endurteil wie immer ausfallen, dasEinewird unverrückbar feststehen: Kein einziger griechischer Autor nach Hippokrates, von dem wir Kunde haben, erreicht die Höhe des Aretaios und kein Werk in der ganzen Literatur nähert sich in solchem Maße dem echten, unverfälschten Geist desHippokratismus, sowohl in Bezug auf die Krankheitsschilderung, als auch im Hinblick auf die therapeutischen Grundsätze, wie die Bücher des Kappadoziers. Entrückt dem Streit über die Person des Autors, wollen wir in der folgenden Darstellung nur auf seine Schriften unser Augenmerk richten.

Außer den oben genannten Büchern schrieb Aretaios noch über Fieber, Chirurgie, Gynäkologie, über Prophylaxe und Arzneimittel, wovon aber nichts gerettet wurde. Die beiden auf uns gekommenen Hauptwerke, je vier Bücher, de causis et signis acutorum et diuturnorum morborum und de curatione acutor. et diuturnor. morb., sind leider mit einigen bedeutenden Lücken versehen. Ed. C. G. Kühn (Leipzig 1828 in den Op. medicor. Graecor. quae exstant vol. 24); deutsche Uebersetzungen von Dewez (Wien 1790, 1802) und Mann (Halle 1858).

Den schönsten Vorzug des Aretaios bildet es, daß er unbeirrt durch einengende Schulsatzungen und Dialektik die scharf beobachtende, aber nüchtern urteilende ärztliche Erfahrung keiner geistreich schillernden Theorie opfert, und wohl ein Sohn, nicht aber ein Knecht seines Zeitalters, inmitten einer ungesunden Hyperkultur, inmitten von frivoler Routine und uferloser Spekulation den schmalen Saumpfad wahrer, denkender, kritischer Naturbetrachtung einschlägt — den Weg, der unbetretbar für die Masse der Allzuvielen, von dem erhabenen Genius aus Kos nur für die Besten aller Zeiten gebahnt worden zu sein scheint. Lebhaft an Hippokrates in der knappen, edelstilisierten und plastisch abgerundeten Darstellungsweise erinnernd, ein Muster in der Auffassung des ärztlichen Berufes, in der Naturwahrheit der Schilderung, in der Zurückhaltung des Urteils, erfüllt von dem Geistesadel, der die klassische Literatur der Hellenen über die aller Völker erhebt, entwirft Aretaios vom Standpunkt seiner Wissenshöhe schwer erreichbare, kaum zu übertreffende Krankheitsbilder, immer hinstrebend nach sicherer Diagnose, immer das Hauptziel im Auge behaltend — die einfache, möglichst naturgemäße Heilmethode.

Aus der Fülle des Stoffes sei hier nur auf dasjenige verwiesen, was die Schriften im Verhältnis zu den herrschenden Schulen charakterisiert und einen Fortschritt in praktischer Beziehung ausmacht.

Aretaios nimmt die φύσις in der Bedeutung des Inbegriffs der organischen Kräfte, macht das Herz zur Zentralstätte der eingepflanzten Wärme und mißt demPneumaeine hohe Bedeutung bei; der τὀνος (vergl. S. 330) ist das verknüpfende Band des Organismus.Krankheiten entspringen aus Anomalien der Säfte, der eingepflanzten Wärme oder des Tonus.Bei der Schilderung der einzelnen Krankheiten, welche in akute und chronische zerfallen, werden die pathognomonischenSymptomemit packender Naturtreue beschrieben, finden neben derAetiologieundDisposition(Lebensalter, Geschlecht) sehr oft auch dieanatomischen Verhältnissegebührende Berücksichtigung. Ganz besonders gelungen sind die Beschreibungen der Pleuritis (mit Empyem), Pneumonie und Phthise (Bluthusten), des Asthmas (in weiterem Sinne), der Lähmungszustände (Apoplexie= Lähmung der geistigen Tätigkeit, der Empfindung und Bewegung;Paraplegie= Lähmung der Empfindung und Bewegung;Paralysis= Lähmung der Bewegung;Anästhesie= Lähmung der Empfindung), des Tetanus (Emprosthotonus), der Epilepsie (mit vorausgehender Aura), der Hysterie (auch männliche), des Kopfschmerzes (Migräne), gewisser Halsaffektionen (darunter Diphtherie), desDiabetes(erste ordentliche Darstellung in der europäischen Literatur), des Ikterus, der Wassersucht, der Gicht und Ischialgie, derRuhr, verschiedener Darm-, Leber- und Blasenleiden, der Spermatorrhöe, derLepra(auf Grund eigener Erfahrung!). Scharf hervorgehoben und auf die physiologische Funktion zurückgeführt wird die Tatsache,daß die vom Gehirn ausgehenden Lähmungen gekreuzt, die spinalen dagegen gleichseitig sind. — Auf die Diagnostik ist besonderer Wert gelegt, ja an einer Stelle (De caus. et sign. acut. II. 3) ist sogar dieAuskultation des Herzensangedeutet.


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