Motto:Gottes ist der Orient!Gottes ist der Occident!Nord- und südliches GeländeRuht im Frieden seiner Hände.Westöstl. Diwan.
Motto:Gottes ist der Orient!Gottes ist der Occident!Nord- und südliches GeländeRuht im Frieden seiner Hände.Westöstl. Diwan.
Das Erlöschen eines jeden Wettstreits und der Mangel an frischen Triebkräften hatte die Medizin in Byzanz zur Erstarrung gebracht; seit dem 8. Jahrhundert führte sie dort trotz zeitweiligen Aufflackerns nur mehr ein Scheinleben. Glücklicherweise war das Schicksal der Heilkunde im Mittelalter nicht an Byzanz allein gebunden! Wie ein spezieller Fall des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft nimmt es sich aus, daß mit dem Sinken der geistigen Energie im Heimatlande eine zwar an Verirrungen reiche, aber doch lebendige Entwicklung der griechischen Heilkunst in der Fremde parallel läuft, daß die Medizin in der inzwischen entstandenen Welt des Islam eine Stufe erreichte, welche jedenfalls im Mittelalter unüberschritten blieb.
Der Aufschwung der Heilkunde in arabischen Landen knüpfte sich an die Machtstellung, an die erstaunlich rasch aufschießende, üppig blühende Kultur des Kalifenreiches, er beruhte auf der Neubelebung des griechischen Bildungsmaterials durch den fermentartig wirkenden Geist orientalischer Völker, die unter der siegesfrohen Fahne des Propheten zu einem Dasein voll Regsamkeit erwacht waren. Umgeackert durch die Pflugschar arabischer Tatkraft, ließ der alte Kulturboden Syriens, Mesopotamiens und Persiens, Aegyptens und Indiens aus seinen frisch gezogenen Furchen wieder eine reiche Saat emporkeimen, die wohl zumeist dem, in verschwenderischer Fülle verstreuten, Samen griechischer Gedanken entstammte, aber auch durch manche beigemischte Eigenart das spezifische Erdreich nicht verleugnete.
Es entstand ein neues, griechische mit orientalischen Elementen verschmelzendes Gebilde —die arabische Medizin, deren rasches Aufblühen nur durch die lange vorher in den alten Kulturländern Aegypten, Syrien, Mesopotamien und Persien geleistete Vorarbeit erklärlich wird.Aber nicht bloß die Grundlegung, sondern auch der Aufbau war nicht ausschließlich, ja nicht einmal überwiegend das Werk der Nationalaraber.Zwar stellt die reiche und vielseitige medizinische Literatur sprachlich und auch der Geistesrichtung nach, ein einheitlichesGanzes dar, aber an ihrer Schöpfung beteiligten sich außer den Arabern Angehörige der verschiedenen Nationen des islamischen Weltreiches, das sich in seiner Blüteepoche vom Himalaja bis zu den Pyrenäen, vom Schwarzen Meere bis zum Golf von Aden erstreckte.
Arabien selbst, das einer durch die gemeinsame Arbeit der Semiten, Arier und Hamiten geschaffenen Kultur den Namen gab, blieb für die wissenschaftliche Heilkunde ohne Einfluß; die Zentren der „arabischen” Medizin befanden sich in den Ländern mit reicher Mischbevölkerung.Immerhin bedeutete die Kulturmedizin den arabischen Eroberern keineswegs etwas vollkommen Neues, denn sie hatten die Superiorität derselben bereits früher im Heimatlande, schon in der vorislamischen Zeit durch jüdische und christliche Aerzte kennen gelernt, welche unter ihnen lebten und neben den eingeborenen Volksärzten, den Vertretern einheimischer abergläubisch-empirischer Traditionen, tätig waren. Manche Spuren weisen darauf hin, daß schon in alter Zeit hie und da Verbindungen mit der syrischen, persischen oder indischen Medizin angeknüpft worden sind.Der in der Epoche Muhammeds sehr angesehene (christliche) Arztel Harits ben Kalada, aus el Taïf bei Mekka, studierte an der Hochschule von Dschondisabur und bereiste Indien, um seine Kenntnisse zu erweitern. Bemerkenswert ist es, daß er den Propheten in seinen hygienisch-medizinischen Anschauungen beeinflußte, wozu er umsomehr berufen schien, da er selbst auf Mäßigkeit und Reinlichkeit abzielende Gesundheitsregeln verfaßte, die der arabischen Lebensweise angepaßt waren.Wie in den älteren Religionsurkunden, so spielen auch in den muhammedanischen hygienisch-medizinische Dinge eine wichtige Rolle. DerKoranbesitzt einen, im Vergleich zum Alten Testament weit geringeren, doch immer noch ansehnlichen hygienischen Inhalt[1]— Vorschriften über Reinlichkeit (Waschungen), Nahrungsweise (Verbot des Schweinefleisches, des Weingenusses), Geschlechtsleben u. s. w. —, hingegen enthält er nur wenig, was zur Beurteilung der medizinischen Anschauungen[2]des Zeitalters benützt werden könnte. In dieser Hinsicht bilden die dem Propheten durch die Tradition zugeschriebenen Aussprüche, welche alsMedizin des Prophetenin später Redaktion vorliegen (vgl. Perron, Médecine du prophète, Alger et Paris 1860), eine interessante Ergänzung; neben der einheimischen volkstümlichen Tradition tritt darin bereits der fremdländische Einfluß zu Tage, welcher durch jüdische und christliche Aerzte vermittelt worden war. Der Prophet, welcher sich selbst in leichteren Fällen mit der Behandlung Kranker abgab, legte den Gläubigen die Pflege der Gesundheit sehr ans Herz, empfahl ihnen bei gewissen Krankheiten Arzneien oder rationelle Heilverfahren (z. B. gegen anhaltenden Kopfschmerz und Fieber kalte Uebergießungen und Skarifikationen[3]), ließ unter Umständen auch abergläubischeGebräuche zu, wenn sie dem Monotheismus nicht allzusehr widersprachen, und gewährte in dringenden Fällen die Erlaubnis, bei Kranken von den rituellen Gesetzen abzuweichen[4]. Das Glüheisen dient als ultimum refugium in Krankheiten und als Blutstillungsmittel, die Behandlung der Knochenbrüche durch Reposition und Verband ist kurz erwähnt, gegen Biß der Schlangen oder des tollen Hundes wird Einschneiden der Wunde, Aussaugen, Schröpfen (mit dem Horn eines Tieres) empfohlen. Männern und Frauen ist es ausdrücklich gestattet, auch Kranke des anderen Geschlechts zu pflegen, selbst wenn es sich um die Genitalien handelt. Bei Ausbruch ansteckender Krankheiten wird Vorsicht empfohlen, doch verboten, das Land zu verlassen.
Arabien selbst, das einer durch die gemeinsame Arbeit der Semiten, Arier und Hamiten geschaffenen Kultur den Namen gab, blieb für die wissenschaftliche Heilkunde ohne Einfluß; die Zentren der „arabischen” Medizin befanden sich in den Ländern mit reicher Mischbevölkerung.
Immerhin bedeutete die Kulturmedizin den arabischen Eroberern keineswegs etwas vollkommen Neues, denn sie hatten die Superiorität derselben bereits früher im Heimatlande, schon in der vorislamischen Zeit durch jüdische und christliche Aerzte kennen gelernt, welche unter ihnen lebten und neben den eingeborenen Volksärzten, den Vertretern einheimischer abergläubisch-empirischer Traditionen, tätig waren. Manche Spuren weisen darauf hin, daß schon in alter Zeit hie und da Verbindungen mit der syrischen, persischen oder indischen Medizin angeknüpft worden sind.
Der in der Epoche Muhammeds sehr angesehene (christliche) Arztel Harits ben Kalada, aus el Taïf bei Mekka, studierte an der Hochschule von Dschondisabur und bereiste Indien, um seine Kenntnisse zu erweitern. Bemerkenswert ist es, daß er den Propheten in seinen hygienisch-medizinischen Anschauungen beeinflußte, wozu er umsomehr berufen schien, da er selbst auf Mäßigkeit und Reinlichkeit abzielende Gesundheitsregeln verfaßte, die der arabischen Lebensweise angepaßt waren.
Wie in den älteren Religionsurkunden, so spielen auch in den muhammedanischen hygienisch-medizinische Dinge eine wichtige Rolle. DerKoranbesitzt einen, im Vergleich zum Alten Testament weit geringeren, doch immer noch ansehnlichen hygienischen Inhalt[1]— Vorschriften über Reinlichkeit (Waschungen), Nahrungsweise (Verbot des Schweinefleisches, des Weingenusses), Geschlechtsleben u. s. w. —, hingegen enthält er nur wenig, was zur Beurteilung der medizinischen Anschauungen[2]des Zeitalters benützt werden könnte. In dieser Hinsicht bilden die dem Propheten durch die Tradition zugeschriebenen Aussprüche, welche alsMedizin des Prophetenin später Redaktion vorliegen (vgl. Perron, Médecine du prophète, Alger et Paris 1860), eine interessante Ergänzung; neben der einheimischen volkstümlichen Tradition tritt darin bereits der fremdländische Einfluß zu Tage, welcher durch jüdische und christliche Aerzte vermittelt worden war. Der Prophet, welcher sich selbst in leichteren Fällen mit der Behandlung Kranker abgab, legte den Gläubigen die Pflege der Gesundheit sehr ans Herz, empfahl ihnen bei gewissen Krankheiten Arzneien oder rationelle Heilverfahren (z. B. gegen anhaltenden Kopfschmerz und Fieber kalte Uebergießungen und Skarifikationen[3]), ließ unter Umständen auch abergläubischeGebräuche zu, wenn sie dem Monotheismus nicht allzusehr widersprachen, und gewährte in dringenden Fällen die Erlaubnis, bei Kranken von den rituellen Gesetzen abzuweichen[4]. Das Glüheisen dient als ultimum refugium in Krankheiten und als Blutstillungsmittel, die Behandlung der Knochenbrüche durch Reposition und Verband ist kurz erwähnt, gegen Biß der Schlangen oder des tollen Hundes wird Einschneiden der Wunde, Aussaugen, Schröpfen (mit dem Horn eines Tieres) empfohlen. Männern und Frauen ist es ausdrücklich gestattet, auch Kranke des anderen Geschlechts zu pflegen, selbst wenn es sich um die Genitalien handelt. Bei Ausbruch ansteckender Krankheiten wird Vorsicht empfohlen, doch verboten, das Land zu verlassen.
Als die tapfern und begabten, aber noch urwüchsigen Araber, entflammt durch religiöse Begeisterung, im Sturmeslaufe von den reichsten Kulturländern Besitz ergriffen, lag ihnen das Interesse für Bildung noch gänzlich fern; in ihrem barbarischen Stolze achteten sie die Gelehrsamkeit, das künstlerische Schaffen, den Gewerbfleiß der Unterworfenen höchstens in dem Sinne von Dienstleistungen, die dem waffenführenden Herrenvolke nützlich werden können. Ihr geistiges Streben wandte sich, abgesehen von der glutvollen und empfindungsreichen, nationalen Dichtkunst, ausschließlich dem religiösen Schrifttum zu, woran dann allmählich das Studium der arabischen Grammatik angeschlossen wurde, zwecks genauer Feststellung des heiligen Textes und mit Rücksicht auf die Neubekehrten, welchen der Koran nur im Original, nicht aber übersetzt, übermittelt werden durfte — ein Umstand, welcher dieErhebung des Arabischen zur Literatursprachebewirkte.
Genährt durch den Gegensatz der Sprache und der Religion, herrschte die Indolenz der Araber gegenüber der fremden Kultur während des 1. Jahrhunderts der Hidschra und noch darüber hinaus, umsomehr als ohnedies die besten Kräfte teils durch die Feldzüge, teils durch innere Wirren in Anspruch genommen waren. Wenn auch die Kalifen aus dem Hause derOmajjaden(661-750) ihre Residenz nach Damaskus, dem Hochsitze gräko-syrischer Bildung verlegten, die frühere Einfachheit der Sitten mit verfeinerten Lebensformen nach dem Muster der byzantinischen vertauschten, fremde Künstler, Gelehrte, Aerzte[5]beriefen und ihnen Einfluß gewährten — einer wirklich intensiven Förderung der nichtmuhammedanischen Wissenschaft stand der religiös inspirierte Nationalismus noch allzusehr entgegen. Zum größtenTeile blieb die Pflege der Kunst und Wissenschaft den Ungläubigen überlassen. Nur wo praktische Interessen in Frage kamen oder der Mystizismus anlockte — auf dem Gebiete derAlchemieundMedizin— machen sich schon in dieser Epoche Spuren der Wißbegierde oder selbst ernsterer Aneignungsversuche bemerkbar, wobei vorerst die alexandrinische Gelehrsamkeit als Hauptquell diente. Namentlich als Förderer der Alchemie wird der omajjadische PrinzKhaled ben Jezidgenannt; um die Verbreitung griechischer Heilkunst sollen sichTheodokosundAbd el Malik ben Abhar AlkinâniVerdienste erworben haben. Ein jüdischer Arzt,Masardjaweih(um 683) aus Basra, übertrug die schon in syrischer Sprache vorliegenden Pandekten des Presbyters Ahron (vgl. S. 128) ins Arabische. Schon im Jahre 707 stiftete der kunst- und wissensfreundliche Kalif el Welid daserste Krankenhausund stellte Aerzte an demselben an.
Der Muawide Khaled ben Jezid († 704) beschäftigte sich unter Anleitung des Mönches Marianos mit Alchemie, Medizin u. a. angeblich, um in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit Trost für die Nichtwahl zum Kalifen zu finden; er galt als Autor mehrerer einschlägiger Abhandlungen.Theodokos († 708) soll treffliche Schüler, darunter den jüdischen Arzt Forat ben Schânâsa, herangebildet haben und verfaßte ein noch lange angesehenes, häufig zitiertes Werk, das besonders von den Heilmitteln und ihrer Zubereitung handelte, Kannasch (Pandekten), wahrscheinlich das älteste medizinische Buch der arabischen Literatur. Abdalmalik ben Abhar Alkinani (ein zum Islam übergetretener Christ arabischer Abstammung) bemühte sich um die Verpflanzung der alexandrinischen Medizin nach Syrien und Mesopotamien. Masardjaweih (Masardjoje, Masardjis) schrieb auch selbständige Abhandlungen über die Kräfte der Medizinalpflanzen und Nahrungsmittel.
Der Muawide Khaled ben Jezid († 704) beschäftigte sich unter Anleitung des Mönches Marianos mit Alchemie, Medizin u. a. angeblich, um in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit Trost für die Nichtwahl zum Kalifen zu finden; er galt als Autor mehrerer einschlägiger Abhandlungen.
Theodokos († 708) soll treffliche Schüler, darunter den jüdischen Arzt Forat ben Schânâsa, herangebildet haben und verfaßte ein noch lange angesehenes, häufig zitiertes Werk, das besonders von den Heilmitteln und ihrer Zubereitung handelte, Kannasch (Pandekten), wahrscheinlich das älteste medizinische Buch der arabischen Literatur. Abdalmalik ben Abhar Alkinani (ein zum Islam übergetretener Christ arabischer Abstammung) bemühte sich um die Verpflanzung der alexandrinischen Medizin nach Syrien und Mesopotamien. Masardjaweih (Masardjoje, Masardjis) schrieb auch selbständige Abhandlungen über die Kräfte der Medizinalpflanzen und Nahrungsmittel.
Zwar entwickelten sich schon im Zeitalter der OmajjadenBasraundKufa, wo Muslimen, Christen und Juden zusammenströmten, zu Pflegestätten wissenschaftlichen Lebens, der eigentliche Aufschwung der arabischen Kultur erfolgte aber erst von der Zeit an, dadie Abbassidenzur Herrschaft gelangten (750), und die ebenso so rasch ansteigende wie vielseitige Entwicklung, welche ihr unter den Kalifen aus diesem Hause beschieden war, hängt wenigstens im Beginne damit zusammen, daß das Nationalarabertum seinen Vorrang im Staate zu Gunsten der allmählich entstandenen Mischrasse verloren hatte, und namentlich die Perser, bezw. deren arabisierten Abkömmlinge, eine einflußreiche Stellung gewannen. Der Uebergang zu großzügigen, kosmopolitischen Tendenzen, mit dem Gefolge von höheren Formen des wirtschaftlichen und geistigen Lebens fand seinen Ausdruck alsbald in der Verlegung der Residenz nachBagdad, welches, auf dem Boden des Zweistromlandes erbaut, die Traditionen altorientalischer Weltreiche verkörperte und als Knotenpunkt aller großen Handelsstraßen Vorderasiens zum Tummelplatz desVölkerverkehres wie geschaffen war. Von höfischem Prunk umstrahlt, byzantinischem Kunstsinn nacheifernd und persischen Luxus überbietend, magnetisch die Volksmassen und die Schätze aus zwei Weltteilen an sich ziehend, wuchs Bagdad zur größten und prächtigsten unter allen Städten empor[6]. Hier entsprangen jene mächtigen Impulse, welche zur Gewinnung und Verwertung der Naturschätze lockten, dem Gewerbfleiß stets neue Aufgaben stellten, den Umsatz der Produkte durch Ausbahnung und Vermehrung der Verkehrswege beschleunigten. Aber der Sitz einer weltgebietenden Macht, der Brennpunkt der Industrie und des Handels, die Stätte des maßlosen Luxus und des wahnsinnigen Genußlebens wurde auch eine Hochschule der Gelehrsamkeit[7], und nicht minder, wie für die materielle Kultur, war auch auf dem Felde des Geistes der Wille und Ehrgeiz der Kalifen anfangs die einzige, die stärkste Triebfeder für die erstaunlich fruchtbare Arbeit, mittels der man sich das kulturelle Fremdgut anzueignen wußte.
Am Ausgang des 8. und im Beginne des 9. Jahrhunderts, zu einer Zeit, da das Kalifat die höchste Macht besaß und die Wohlfahrt des muslimischen Reiches durch blühende Landwirtschaft, durch rege gewerbliche Betriebsamkeit und weit ausgedehnten Handel gesichert war, entstand jene bewundernswerte, welthistorisch bedeutungsvolle geistige Bewegung, welche dem Arabertum in kurzer Frist eine erstaunliche Fülle von abend- wie morgenländischer Bildung zutrug. Was in Syrien und Mesopotamien durch die Verpflanzung hellenischen Wissens begonnen, was in Persien unter den Sassaniden vorbereitet worden war, kam bei den Muslimen zu ungeahnter Vollendung, indem sie von einem unvergleichlich größerenImport des fremden Kulturguteszu wirklicherAssimilationund auf manchen Gebieten auch zuoriginalen Leistungenfortschritten.
Im Anschlusse an die früheren Vermittlungsversuche der Syrer und Perser, bildete eine überaus reichhaltigeUebersetzungsliteraturdie Basis der arabischen Wissenschaft.
Mögen auch schon vorher einzelne Schriften in die Sprache des Koran übertragen worden sein — eine systematische, allmählich alle Wissenszweige umfassende, Uebersetzertätigkeit großen Stiles entfaltete sich erst, als kulturfreundliche Abbassiden, hauptsächlich von ihren Leibärzten inspiriert, das Unternehmen mit reichen Mitteln förderten, fürdie kostspielige oder nur auf diplomatischem Wege mögliche Erwerbung der Originalhandschriften Sorge trugen und zur Ausführung eigene Gelehrtenkommissionen bestellten; begreiflicherweise erweckte das, von den Fürsten gegebene, Beispiel sehr bald unter den Großen des Reiches ein den gleichen Zwecken dienendes Mäcenatentum. Dauernd bewahrt die Geschichte in diesem Sinne die Erinnerung an die Abbassidenal-Mansur(754-775) undHarun ar-Raschid(786-809), an die hochgestellte Familie derBarmekiden; das herrlichste Denkmal setzte sich aber als Gönner der Wissenschaft der Kalifal-Mamun(813-833), welcher die größte Menge von Schriften zusammenbringen ließ und ein förmliches, unter Leitung der angesehensten Gelehrten stehendes Uebersetzungsinstitut errichtete, dessen imponierende Leistungen einen gewaltigen Wissensstoff weithin verbreiteten. Auch von den Nachfolgern dieses Fürsten — besonders den Kalifenal-Mutassim,al-Mutawakkilundal-Mutadhid— begünstigt, zog sich die Uebersetzertätigkeit fort, um vom Beginne des 10. Jahrhunderts an der Kommentierung und freieren Bearbeitung des zugänglich gewordenen Bildungsmaterials Platz zu machen.
Neben griechischen Schriften, welche die Hauptmasse ausmachten und in der ersten Zeit auf dem Umweg über das Syrische, später direkt aus dem Original übertragen wurden[8], fand auch die persische und indische Literatur Berücksichtigung; was den Inhalt betrifft, so kamen — entsprechend den praktischen Zwecken — anfangs namentlich medizinische, mathematische, astronomische und geographische Werke in Betracht, im weiteren Verlaufe aber auch philosophische und naturwissenschaftliche[9].
Aus der langen Reihe der Uebersetzer — arabische Quellen zählen etwa hundert auf — ragen in Bezug auf das medizinisch-naturwissenschaftliche SchrifttumJahja ben Māsawaih(„Mesue”),Hunain ben Ischak(„Johannitius”), dessen NeffeHubaisch ben el Hasan, der SabierThâbit ben Kurraaus Harran undKosta ben Lukabesonders hervor.
Von medizinischen Autoren wurden alle bedeutenderen ins Arabische übertragen, namentlich aber Hippokrates, Dioskurides, Archigenes,Rhuphos, Galenos, Oreibasios, Philagrios, Alexandros von Tralleis, Paulos von Aigina.Die arabischen Uebersetzungen sind noch gegenwärtig von großer Bedeutung, teils aus textkritischen Gründen, teils deshalb, weil sie manche der großen Lücken in der antiken Literatur ausfüllen.[10]
Die ersten Abbassiden — namentlich al-Mamun[11]— erwarben eine Menge von Handschriften wissenschaftlicher Werke durch Ankauf oder erbaten sich wertvolle Manuskripte vom byzantinischen Kaiserhofe; von Harun ar-Raschid wird erzählt, daß er eine Anzahl in griechischen Städten erbeutete, von al-Mamun, daß er die Auslieferung solcher literarischer Schätze zur Friedensbedingung machte. Am frühesten (unter al-Mansur und Harun ar-Raschid) wurden die Elemente des Euklid, der „Almagest” des Ptolemaios, die Physik des Aristoteles und medizinische Schriften übersetzt, bei welch letzteren die syrische Vorarbeit (Nestorianer) gute Dienste leistete. Außer griechischen Werken übertrug man auch persische und indische Schriften ins Arabische; von den indischen[12]waren (abgesehen von der Sammlung indischer Tierfabeln) die mathematisch-astronomischen und medizinischen (Charaka, Susruta) am wichtigsten; manche der angeblich aus dem Indischen oder Chaldäischen übersetzten Werke, z. B. die Schrift Schanaks über die Gifte und die beiden von Ibn Waschija veröffentlichten chaldäischen Schriften über (die nabatäische) Landwirtschaft resp. über Gifte, scheinen nach neueren Forschungen zusammengestoppelte Falsifikate zu sein, denen freilich zum Teil alte indische resp. babylonische Quellen zu Grunde lagen.Außer den Kalifen förderten auch die Wesire und hochstehende, reichbegüterte Männer durch Geldmittel die Uebersetzertätigkeit, so z. B. einzelne der Barmekiden, derBachtischua, die drei Söhne des Musa ben Schakir, Muhammed, Ahmed und el-Hasan u. a.Als Uebersetzer fungierten zumeist Syrer (darunter besonders Nestorianer und Sabier), Perser, Griechen, Juden, die meisten derselben übten den ärztlichen Beruf nebenbei oder ausschließlich aus.Nicht zum mindesten war es gerade die Heilkunde, wegen welcher die Kalifen der Sache so lebhaftes Interesse zuwandten.Eine Hauptanregung für die Uebertragung medizinischer Texte ins Arabische ging zuerst von dem NestorianerDschordschis(Georg)ben Dschabril(Gabriel)ben Bachtischuaaus, welcher dem Kalifen al-Mansur als Arzt diente und selbsteinige Schriften übersetzt haben soll; als Förderer von Uebersetzungen machte sich auch sein Enkel Dschabril ben Bachtischua, Leibarzt des Harun ar-Raschid, verdient. In der Epoche von Harun bis al-Mutawakkil war der berühmte „Mesuë” ═Jahjah ben Māsawaihmit der Sammlung und Uebersetzung griechischer Werke beauftragt.Die großartigste und vielseitigste Tätigkeit als Uebersetzer entfaltete Hunain ben Ischak, der Leibarzt des Kalifen al-Mutawakkil. Ueber gründlichste Kenntnis des Syrischen, Arabischen und Griechischen verfügend, lieferte Hunain einerseits selbst eine erstaunliche Zahl korrekter Uebersetzungen (hippokratischer,galenischer Schriften,Anatomie der Eingeweide aus Oreibasios,7 Bücher des Paulos), anderseits revidierte und verbesserte er die von anderen gemachten Uebersetzungen (z. B. Uebertragung galenischer Schriften des Isa ben Jahja, die Dioskuridesübersetzung des Stephanos, Sohn des Basilios). Er ermunterte auch jüngere Leute, besonders seine Söhne und seinen NeffenHubaisch ben al-Hasanzu gleicher nützlicher Arbeit. Der letztgenannte wirkte neben ihm als Hauptübersetzer galenischer Schriften. Die Zahl der medizinischen Uebersetzer, welche außer diesen wichtigsten erwähnt werden, ist sehr beträchtlich.Hunain und sein Sohn Ischak widmeten sich auch der Uebersetzung philosophischer und mathematischer, astronomischer, physikalischer etc. Werke; auf diesem Gebiete zeichneten sich ganz besonders aus:al-Hadschadsch ben Jusuf ben Matar,Jahja ibn el Batrik,der Sabier Thabit ben Kurra (Arzt und Astronom des Kalifen el-Mutadhid),Kosta ben Luka (Arzt aus Baalbek)u. a.Daß die Araber bei ihrem Uebersetzungseifer die dichterischen und historischen Werke der Antike außer acht ließen, erklärt sich einfach daraus, daß Poesie und Geschichtschreibung bei ihnen zur selbständigen Entwicklung gekommen waren und daher keine Sehnsucht nach fremden Quellen erwachen ließen. Religion einerseits, starkes Nationalgefühl anderseits beraubte sie der Empfänglichkeit für die erhabensten Emanationen des antiken Geistes, machte sie verständnislos für die griechische Kunst und die griechische Dichtung. Wer in diesen Elementen die unersetzliche Grundlage wahrer Kultur erblickt, mag dies beklagen, aber daraus, wie es von manchen Autoren geschieht, einen gehässigen Vorwurf der Minderwertigkeit zu schmieden, sollte einer objektiven Geschichtsauffassung ferne liegen.
Die ersten Abbassiden — namentlich al-Mamun[11]— erwarben eine Menge von Handschriften wissenschaftlicher Werke durch Ankauf oder erbaten sich wertvolle Manuskripte vom byzantinischen Kaiserhofe; von Harun ar-Raschid wird erzählt, daß er eine Anzahl in griechischen Städten erbeutete, von al-Mamun, daß er die Auslieferung solcher literarischer Schätze zur Friedensbedingung machte. Am frühesten (unter al-Mansur und Harun ar-Raschid) wurden die Elemente des Euklid, der „Almagest” des Ptolemaios, die Physik des Aristoteles und medizinische Schriften übersetzt, bei welch letzteren die syrische Vorarbeit (Nestorianer) gute Dienste leistete. Außer griechischen Werken übertrug man auch persische und indische Schriften ins Arabische; von den indischen[12]waren (abgesehen von der Sammlung indischer Tierfabeln) die mathematisch-astronomischen und medizinischen (Charaka, Susruta) am wichtigsten; manche der angeblich aus dem Indischen oder Chaldäischen übersetzten Werke, z. B. die Schrift Schanaks über die Gifte und die beiden von Ibn Waschija veröffentlichten chaldäischen Schriften über (die nabatäische) Landwirtschaft resp. über Gifte, scheinen nach neueren Forschungen zusammengestoppelte Falsifikate zu sein, denen freilich zum Teil alte indische resp. babylonische Quellen zu Grunde lagen.
Außer den Kalifen förderten auch die Wesire und hochstehende, reichbegüterte Männer durch Geldmittel die Uebersetzertätigkeit, so z. B. einzelne der Barmekiden, derBachtischua, die drei Söhne des Musa ben Schakir, Muhammed, Ahmed und el-Hasan u. a.
Als Uebersetzer fungierten zumeist Syrer (darunter besonders Nestorianer und Sabier), Perser, Griechen, Juden, die meisten derselben übten den ärztlichen Beruf nebenbei oder ausschließlich aus.Nicht zum mindesten war es gerade die Heilkunde, wegen welcher die Kalifen der Sache so lebhaftes Interesse zuwandten.
Eine Hauptanregung für die Uebertragung medizinischer Texte ins Arabische ging zuerst von dem NestorianerDschordschis(Georg)ben Dschabril(Gabriel)ben Bachtischuaaus, welcher dem Kalifen al-Mansur als Arzt diente und selbsteinige Schriften übersetzt haben soll; als Förderer von Uebersetzungen machte sich auch sein Enkel Dschabril ben Bachtischua, Leibarzt des Harun ar-Raschid, verdient. In der Epoche von Harun bis al-Mutawakkil war der berühmte „Mesuë” ═Jahjah ben Māsawaihmit der Sammlung und Uebersetzung griechischer Werke beauftragt.Die großartigste und vielseitigste Tätigkeit als Uebersetzer entfaltete Hunain ben Ischak, der Leibarzt des Kalifen al-Mutawakkil. Ueber gründlichste Kenntnis des Syrischen, Arabischen und Griechischen verfügend, lieferte Hunain einerseits selbst eine erstaunliche Zahl korrekter Uebersetzungen (hippokratischer,galenischer Schriften,Anatomie der Eingeweide aus Oreibasios,7 Bücher des Paulos), anderseits revidierte und verbesserte er die von anderen gemachten Uebersetzungen (z. B. Uebertragung galenischer Schriften des Isa ben Jahja, die Dioskuridesübersetzung des Stephanos, Sohn des Basilios). Er ermunterte auch jüngere Leute, besonders seine Söhne und seinen NeffenHubaisch ben al-Hasanzu gleicher nützlicher Arbeit. Der letztgenannte wirkte neben ihm als Hauptübersetzer galenischer Schriften. Die Zahl der medizinischen Uebersetzer, welche außer diesen wichtigsten erwähnt werden, ist sehr beträchtlich.
Hunain und sein Sohn Ischak widmeten sich auch der Uebersetzung philosophischer und mathematischer, astronomischer, physikalischer etc. Werke; auf diesem Gebiete zeichneten sich ganz besonders aus:al-Hadschadsch ben Jusuf ben Matar,Jahja ibn el Batrik,der Sabier Thabit ben Kurra (Arzt und Astronom des Kalifen el-Mutadhid),Kosta ben Luka (Arzt aus Baalbek)u. a.
Daß die Araber bei ihrem Uebersetzungseifer die dichterischen und historischen Werke der Antike außer acht ließen, erklärt sich einfach daraus, daß Poesie und Geschichtschreibung bei ihnen zur selbständigen Entwicklung gekommen waren und daher keine Sehnsucht nach fremden Quellen erwachen ließen. Religion einerseits, starkes Nationalgefühl anderseits beraubte sie der Empfänglichkeit für die erhabensten Emanationen des antiken Geistes, machte sie verständnislos für die griechische Kunst und die griechische Dichtung. Wer in diesen Elementen die unersetzliche Grundlage wahrer Kultur erblickt, mag dies beklagen, aber daraus, wie es von manchen Autoren geschieht, einen gehässigen Vorwurf der Minderwertigkeit zu schmieden, sollte einer objektiven Geschichtsauffassung ferne liegen.
Durch die mit beispielloser Hingebung geförderte, zielbewußt und systematisch durchgeführte Uebersetzertätigkeit wurde den Arabern schon im Laufe des 9. Jahrhunderts eine erstaunlich große, in der Folgezeit stetig wachsende Summe von Wissen zugeführt, und während sonst überall die Studien noch schlummerten oder gänzlich verkümmerten, erlebte die antike Bildung im Irak eine glänzende Wiedergeburt. Mit jugendfrischer Wißbegierde las man in Bagdad aristotelische und platonische Schriften, gestützt auf Euklid und Ptolemaios trieb man dort Mathematik und Astronomie, mit Hippokrates und Galen als Führern trat man ans Krankenbett!
Doch verfehlt wäre die Annahme, daß sich diese Frühepoche arabischer Kultur lediglich mit sklavischen Uebertragungen begnügt hätte und ohne freiere Gestaltungen ganz in blinder Gefolgschaft, in widerspruchsloser Verehrung der fremden Meister aufgegangen wäre. Wohl verbreitete die gleichsam neu entdeckte Geisteswelt ihren blendenden Glanz,dem sich keiner zu entziehen vermochte, doch gerade der Kontakt mit dem überlegenen griechischen Denken entzündete die eigene Intelligenz, und die außerordentliche Mannigfaltigkeit der aus West und Ost zuströmenden, oft gegensätzlichen Bildungselemente schärfte die Kritik. Bald richtete der eroberungslustige, hochgemutete, zur Assimilation eminent befähigte Volkscharakter sein Streben dahin, das von außen Empfangene durch Verarbeitung und zweckentsprechende innere Weiterbildung in nationalen Eigenbesitz zu verwandeln. Freilich konnten sich selbständige Leistungen anfangs nur sehr vereinzelt und bloß auf wenigen Gebieten hervorwagen, doch schon im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra fehlte es der islamischen Welt nicht gänzlich an Männern, welche durch ihr reges Schaffen die frohe Botschaft verkündeten, daßBagdad die Rolle Alexandriasnicht ohne berechtigte Hoffnung übernommen hatte.
Der Uebergang vom bloßen Uebersetzen zur paraphrastischen popularisierenden Darstellung vollzog sich rasch, und schon dasKommentierender Texte erweckte eine mehr selbständige, den Zeitverhältnissen und dem Volksgeist Rechnung tragende Gedankenarbeit. Nicht nur eine, mit wahrem Bildungsfanatismus aus den Quellen schöpfende,Polyhistorie[13]kennzeichnet die Glanzepoche der Abbassiden, sondern selbsthumanistischgefärbte Strömungen machten sich geltend, und bei den Versuchen zur Versöhnung von Wissenschaft und Glauben durfte diephilosophische Spekulationwenigstens vorübergehend einen Aufflug nehmen, der sogar vor sehr kühnen Folgerungen nicht zurückzubeben brauchte[14]— freilich die nach al-Mamuns Tode leise beginnende, am Ausgang des 9. Jahrhunderts bereits mächtig erstarkte und vom Kalifenhofe fortan begünstigte, orthodoxe Reaktion wußte der Gedankenfreiheit nur allzu bald wieder Zügel anzulegen. Von größter Tragweite aber wurde es, daß in den gelehrten Kreisen Bagdads neben den theologisch-philosophischen,neben den philologisch-literarisch-historischen Studien, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächereine sehr intensive und dauernde Pflege fanden, und daß man gerade auf diesen Gebieten, trotz steter Anlehnung an die Errungenschaften der Alten, daran ging, das Ueberkommene durch neue Ideen, Beobachtungen und Erfahrungen weiterzuführen. Freilich hatte bereits im 8. Jahrhundert der großeGeber[15]den Weg gewiesen, aufdem der arabische Genius seine größten Triumphe feiern sollte — aber erst in Bagdad, wo sich hervorragende Meister zu gemeinsamer Arbeit verbanden, wo die Mittel zu wissenschaftlichen Untersuchungen[16]freigebig flossen (z. B. Gründung von Sternwarten), konnte der nüchternen, mit Zahl, Maß und Gewicht hantierenden, auf Beobachtung gestützten, vom Bekannten stufenweise zum Unbekannten aufsteigenden Forschung eine genügende Menge von Jüngern gewonnen werden.
Für die Verbreitung der Bildung sorgtenSchulenund reichhaltigeöffentliche Bibliotheken[17]. Den Austausch der Ideen vermittelten gelehrte Vereinigungen. Der äußerst rege Verkehr[18], welcher zahlreiche Lernbegierige nach der Metropole führte, erleichterte das rasche Bekanntwerden neuer Schriften und geistiger Errungenschaften.
Bagdad bewahrte jahrhundertelang seinen Ruhm als Brennpunkt des geistigen Lebens, aber wie ein breiter Strom, in viele Arme geteilt, ergoß sich die Bildung von dort allmählich auch in die Provinzen bis in den äußersten Osten (Samarkand); selbst in Gegenden, wo heute wieder tiefste Unkultur herrscht, entstanden vorübergehend Pflegestätten der Wissenschaft — als Abglanz der Kalifenstadt.
Ursprünglich aus dem Mäcenatentum der Abbassiden hervorgegangen, war doch glücklicherweise der Fortbestand und die Weiterentwicklung der arabischen Kultur nicht ausschließlich von der Machtstellung der in Bagdad thronenden Kalifen abhängig. Während diese durch den Abfall ehrgeiziger Statthalter auf einen immer enger begrenzten Besitz beschränkt wurden und, die faktische Herrschergewalt an Söldnerführer (Bujiden, Seldschuken) verlierend, schließlich zu Schattenfürsten mit geistlichem Nimbus herabsanken, erhielt sich das Geistesleben noch jahrhundertelang in voller Frische, ja gerade die Zersplitterung des Reiches in zahlreiche selbständige Sonderherrschaften wirkte fördernd, indem manche der neuen Dynastien, mit den Abbassiden und untereinander wetteifernd, allerdings in sehr verschiedenem Ausmaße, künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen unterstützten, Gelehrte heranzogen[19], Unterrichtsanstalten und Bibliotheken gründeten, so die Samaniden in Bochara, die Ghasnawiden in Ghasna, die Bujiden in Persien, die Hamadaniden in Aleppo und Mosul, die Aglabiden in Kairowan, die Idrisiden in Maghrib u. a.
Mit der in Bagdad erklommenen Höhe kann sich aber nur jene messen, welche in Andalus in dem völkerdurchmischtenSpanienerreicht wurde, wo die Araber seit 711 festen Fuß gefaßt hatten; ein Jahrhundert später als im Oriente aufstrebend, lief die Entwicklung der arabischen Kultur an den Ufern des Guadalquivir parallel mit der am Euphrat und Tigris, um schließlich sogar die Errungenschaften des Mutterlandes in mancher Hinsicht zu überbieten.
Den Keim zu einer solchen Entfaltung legte der Zeitgenosse al-Mansurs, der Omajjade Abdarrahman, welcher allein dem von den Abbassiden angerichteten Blutbade entronnen war und in Cordoba das Banner der Unabhängigkeit aufgepflanzt hatte; Weisheit und Milde mit siegesstolzer Tapferkeit vereinend, schmückte dieser Fürst die Residenz mit herrlichen Bauwerken und suchte den Glanz abbassidischer Kultur über seinem Reiche zu verbreiten[20]. Dem vom Ahnherrn gegebenen Beispiele folgend,förderten die tatkräftigen Herrscher aus dem Hause der spanischen Omajjaden (755-1031) mit höchst anerkennenswertem Eifer und lang nachwirkendem Erfolge sowohl die materielle Wohlfahrt des Landes, als auch die geistigen Bestrebungen und künstlerischen Leistungen; namentlich unterAbdarrahmanIII. (912-961) undHakamII. (961-976) brach ein wahrhaft goldenes Zeitalter an, wurde die KalifenstadtCordobadas Bagdad des Westens, der Sitz höchster Bildung und erlesenster Kunstpflege, eine Sammelstätte reicher Bücherschätze, ein Mittelpunkt wissenschaftlichen Strebens, eine Hochschule für Tausende von Lerneifrigen. Auch in anderen großen Städten entwickelte sich, seit dem10. Jahrhundert, getragen von Arabern, Berbern, Juden und Mozarabern, ein blühendes Kulturleben, welches fortan dank seiner inneren Kraft die Zerrüttung, die Machteinbuße, ja sogar die Zertrümmerung des Reiches überdauerte und bis ins 13. Jahrhundert immer wieder aufs neue fürstliche Förderung empfing.
Die arabische Kultur Spaniens wird auch als maurische bezeichnet, weil die überwiegende Masse ihrer Träger aus Berbern zusammengesetzt war. Indessen ist daran festzuhalten, daß das Arabertum geistig den größten Anteil daran hatte. Cordoba blieb mit Bagdad durch ein geistiges Band verknüpft, wenn die Kultur in Andalus auch infolge der Einflüsse der Landesverhältnisse oder der Rasse, namentlich aber infolge der Beziehungen zu den christlichen Spaniern einen mehr abendländischen Charakter erhielt.Unter dem Zepter der fast ausnahmslos trefflichen Herrscher aus dem Hause der Omajjaden erlebte Spanien eine noch nicht wieder erreichte Blüte durch die Hebung der Landwirtschaft (Einführung von Nutz- und Zierpflanzen aus Asien und Afrika), der Viehzucht, des Bergbaues, der Gartenkunst, der Bewässerung u. s. w., durch die Förderung des Handels (Anlage von Landstraßen) und der Industrie (Weberei, Stickerei, Färberei, Glasarbeit, Töpferei, weltberühmte Lederindustrie, Schmiedekunst u. a.). In regster wirtschaftlicher und geistiger Verbindung mit der hochentwickelten Kultur des Ostens (über das Maghrib und Aegypten) genoß das maurische Spanien alle Vorzüge, ohne dabei unter dem despotischen Druck des Orients leiden zu müssen — eine günstige Lage, die mit derjenigen Griechenlands in der alten Welt einige Analogien besitzt; die Nähe stets kampfbereiter Feinde stählte die Tatkraft, die größere Milde des Klimas ließ neben kaltem orientalischen Ernst auch heitere Anmut aufkommen — Geisteseigenschaften, die in der spanisch-arabischen Kultur nicht ohne Ausdruck blieben. Der wirtschaftliche Aufschwung begünstigte Kunst und Wissenschaft. Noch heute bezeugt die von späten Epigonen errichtete Alhambra die einstige Pracht der Baukunst, die Reste der feinsinnigen Poesie erregen das Entzücken der Kenner. Die Wissenschaft stand wohl an Frühreife der morgenländischen nach, übertraf sie aber durch Stetigkeit. Schon die ersten der spanischen Omajjaden wirkten als Gönner der Kunst und Wissenschaft. Spanien war übrigens im 8. und 9. Jahrhundert noch gänzlich auf den Zuzug orientalischer Gelehrter, auf die Vermittlung der Errungenschaften aus dem östlichen Kalifat angewiesen und brachte es erst im 10. Jahrhundert zu selbständigen LeistungeneinheimischerForscher.AbdarrahmanIII., welcher den spanischen Kalifat auf den Gipfel der Macht erhob (glückliche Kriege, Gesandtschaften des byzantinischen Kaisers Romanos, Mitregentendes Konstantinos Porphyrogennetos[21]und des deutschen Kaisers Otto I.), förderte während seiner langen Regierung den Wohlstand des Reiches außerordentlich, zog noch weit mehr als seine Vorgänger Gelehrte, Aerzte, Dichter und Künstler an sein glänzendes Hoflager; schon zu seiner Zeit hielten Gelehrte, nach Fachwissenschaften gesondert, Versammlungen ab.HakamII., durch eigenst zu diesem Zwecke aus Bagdad berufene Gelehrte erzogen, suchte seinen Ruhm hauptsächlich in der Förderung von künstlerisch-wissenschaftlichen Bestrebungen und widmete sich selbst mit seltenem Eifer den Studien. Er zog Gelehrte aus dem Orient durch große Belohnungen heran, nahm persönlichen Anteil an wissenschaftlichen Streitfragen, versah die zahlreichen Schriften, die er las, mit gelehrten Anmerkungen, ließ für riesige Summen überall Bücher ankaufen, bereicherte die Bibliothek in Cordoba angeblich auf mehrere Hunderttausende von Büchern und soll eine Art von Akademie (deren Mitglieder mit Spezialforschungen über Geschichte, Literaturgeschichte und Naturwissenschaft beauftragt wurden), sowie eine Menge von Volksschulen (in der Hauptstadt allein 27) errichtet haben. Nie wurde die Wissenschaft höher geschätzt!Auch nach dem Untergang der Omajjaden, in der kalifenlosen Zeit, blühte die Kultur und fand an den Höfen der Teilfürsten reiche Pflege, lähmend wirkte nur die fanatische Orthodoxie der Almoraviden und Almohaden. Im 12. Jahrhundert soll das maurische Spanien 70 öffentliche Bibliotheken und 17 höhere Lehranstalten besessen haben, und nicht nur aus Cordoba, sondern auch aus Almeira, Murcia, Malaga, Granada, Valencia gingen viele Schriftsteller hervor.Eine sehr wichtige Rolle im Geistesleben der damaligen Zeit spielten— analog den Syrern und Persern im Orient —die spanischen Juden, welche bis zur maurischen Eroberung unter dem Drucke der Westgoten geschmachtet hatten und sich später durch Einwanderung sehr vermehrten. Unter der arabischen Herrschaft genossen sie wahre Toleranz und durften ihre Fähigkeiten frei entfalten; manche von ihnen gelangten sogar zu hohen Staatsämtern (Veziere, Gesandte). Vermöge ihrer linguistischen Kenntnisse eigneten sie sich vorzüglich zu Vermittlungsdiensten in der Wissenschaft (Uebersetzern)[22]und dank ihrer ererbten alten Kultur zeichneten sie sich in hervorragendster Weise als Forscher auf verschiedenen Wissensgebieten, als Aerzte, Philosophen und Dichter (Ibn Gabirol, Jehuda Ha-Levi, Maimonides) aus. — In schroffem Gegensatz zu den bedeutenden Einflüssen, welche im Orient von den Nestorianern und Syrern ausgingen, erlangten die spanischen Christen nur geringe Bedeutung für die arabische Wissenschaft, weil der Klerus geistig tiefer als im Osten stand.
Die arabische Kultur Spaniens wird auch als maurische bezeichnet, weil die überwiegende Masse ihrer Träger aus Berbern zusammengesetzt war. Indessen ist daran festzuhalten, daß das Arabertum geistig den größten Anteil daran hatte. Cordoba blieb mit Bagdad durch ein geistiges Band verknüpft, wenn die Kultur in Andalus auch infolge der Einflüsse der Landesverhältnisse oder der Rasse, namentlich aber infolge der Beziehungen zu den christlichen Spaniern einen mehr abendländischen Charakter erhielt.
Unter dem Zepter der fast ausnahmslos trefflichen Herrscher aus dem Hause der Omajjaden erlebte Spanien eine noch nicht wieder erreichte Blüte durch die Hebung der Landwirtschaft (Einführung von Nutz- und Zierpflanzen aus Asien und Afrika), der Viehzucht, des Bergbaues, der Gartenkunst, der Bewässerung u. s. w., durch die Förderung des Handels (Anlage von Landstraßen) und der Industrie (Weberei, Stickerei, Färberei, Glasarbeit, Töpferei, weltberühmte Lederindustrie, Schmiedekunst u. a.). In regster wirtschaftlicher und geistiger Verbindung mit der hochentwickelten Kultur des Ostens (über das Maghrib und Aegypten) genoß das maurische Spanien alle Vorzüge, ohne dabei unter dem despotischen Druck des Orients leiden zu müssen — eine günstige Lage, die mit derjenigen Griechenlands in der alten Welt einige Analogien besitzt; die Nähe stets kampfbereiter Feinde stählte die Tatkraft, die größere Milde des Klimas ließ neben kaltem orientalischen Ernst auch heitere Anmut aufkommen — Geisteseigenschaften, die in der spanisch-arabischen Kultur nicht ohne Ausdruck blieben. Der wirtschaftliche Aufschwung begünstigte Kunst und Wissenschaft. Noch heute bezeugt die von späten Epigonen errichtete Alhambra die einstige Pracht der Baukunst, die Reste der feinsinnigen Poesie erregen das Entzücken der Kenner. Die Wissenschaft stand wohl an Frühreife der morgenländischen nach, übertraf sie aber durch Stetigkeit. Schon die ersten der spanischen Omajjaden wirkten als Gönner der Kunst und Wissenschaft. Spanien war übrigens im 8. und 9. Jahrhundert noch gänzlich auf den Zuzug orientalischer Gelehrter, auf die Vermittlung der Errungenschaften aus dem östlichen Kalifat angewiesen und brachte es erst im 10. Jahrhundert zu selbständigen LeistungeneinheimischerForscher.
AbdarrahmanIII., welcher den spanischen Kalifat auf den Gipfel der Macht erhob (glückliche Kriege, Gesandtschaften des byzantinischen Kaisers Romanos, Mitregentendes Konstantinos Porphyrogennetos[21]und des deutschen Kaisers Otto I.), förderte während seiner langen Regierung den Wohlstand des Reiches außerordentlich, zog noch weit mehr als seine Vorgänger Gelehrte, Aerzte, Dichter und Künstler an sein glänzendes Hoflager; schon zu seiner Zeit hielten Gelehrte, nach Fachwissenschaften gesondert, Versammlungen ab.HakamII., durch eigenst zu diesem Zwecke aus Bagdad berufene Gelehrte erzogen, suchte seinen Ruhm hauptsächlich in der Förderung von künstlerisch-wissenschaftlichen Bestrebungen und widmete sich selbst mit seltenem Eifer den Studien. Er zog Gelehrte aus dem Orient durch große Belohnungen heran, nahm persönlichen Anteil an wissenschaftlichen Streitfragen, versah die zahlreichen Schriften, die er las, mit gelehrten Anmerkungen, ließ für riesige Summen überall Bücher ankaufen, bereicherte die Bibliothek in Cordoba angeblich auf mehrere Hunderttausende von Büchern und soll eine Art von Akademie (deren Mitglieder mit Spezialforschungen über Geschichte, Literaturgeschichte und Naturwissenschaft beauftragt wurden), sowie eine Menge von Volksschulen (in der Hauptstadt allein 27) errichtet haben. Nie wurde die Wissenschaft höher geschätzt!
Auch nach dem Untergang der Omajjaden, in der kalifenlosen Zeit, blühte die Kultur und fand an den Höfen der Teilfürsten reiche Pflege, lähmend wirkte nur die fanatische Orthodoxie der Almoraviden und Almohaden. Im 12. Jahrhundert soll das maurische Spanien 70 öffentliche Bibliotheken und 17 höhere Lehranstalten besessen haben, und nicht nur aus Cordoba, sondern auch aus Almeira, Murcia, Malaga, Granada, Valencia gingen viele Schriftsteller hervor.
Eine sehr wichtige Rolle im Geistesleben der damaligen Zeit spielten— analog den Syrern und Persern im Orient —die spanischen Juden, welche bis zur maurischen Eroberung unter dem Drucke der Westgoten geschmachtet hatten und sich später durch Einwanderung sehr vermehrten. Unter der arabischen Herrschaft genossen sie wahre Toleranz und durften ihre Fähigkeiten frei entfalten; manche von ihnen gelangten sogar zu hohen Staatsämtern (Veziere, Gesandte). Vermöge ihrer linguistischen Kenntnisse eigneten sie sich vorzüglich zu Vermittlungsdiensten in der Wissenschaft (Uebersetzern)[22]und dank ihrer ererbten alten Kultur zeichneten sie sich in hervorragendster Weise als Forscher auf verschiedenen Wissensgebieten, als Aerzte, Philosophen und Dichter (Ibn Gabirol, Jehuda Ha-Levi, Maimonides) aus. — In schroffem Gegensatz zu den bedeutenden Einflüssen, welche im Orient von den Nestorianern und Syrern ausgingen, erlangten die spanischen Christen nur geringe Bedeutung für die arabische Wissenschaft, weil der Klerus geistig tiefer als im Osten stand.
Geringere Pflege fand die Wissenschaft inAegypten, dem jüngsten Kalifate. Immerhin ist es bemerkenswert, daß der Fatimide Hakim Biamrillah im Jahre 1005 zu Kairo das sogen. „Haus der Weisheit” errichtete, d. h. eine Art von Akademie und Hochschule, die mit einer 18 Säle füllenden Bibliothek verbunden war. Hier hielten reich besoldete Gelehrte (Theologen, Rechtskundige, Philosophen, Philologen,Mathematiker, Astronomen[23], Aerzte) für Studienbeflissene aller Bekenntnisse Vorträge ab.
Das „Haus der Weisheit” zu Kairo scheint nur etwa ein halbes Jahrhundert bestanden zu haben.Was dieUnterrichtsverhältnisseanlangt, so übertraf die islamische Epoche gerade darin alle vorhergegangenen. Ganz besondere Aufmerksamkeit wurde schon früh dem Volksunterrichte gewidmet — durch Errichtung von zahlreichen Elementarschulen im ganzen Reiche. Der Besuch begann mit dem 6. Lebensjahre (für unbemittelte Kinder unentgeltlich); die Kenntnis des Lesens und Schreibens — im Anschluß an den Koran gelehrt — war allgemein verbreitet. So wie die Volksschulen gewöhnlich mit den Moscheen in Verbindung standen, so wurde ursprünglich auch in den Nischen, Gängen oder in eigenen Sälen derselben der höhere Unterricht erteilt, indem Gelehrte vor einem Kreise von Wißbegierigen der verschiedensten Altersklassen freie Vorträge oder Vorlesungen aus Heften über die verschiedensten Wissensgebiete hielten; die Lehrer lebten gewöhnlich von einem Nebenberuf (als Koranleser, Prediger, Richter, Aerzte, Kaufleute, Handwerker u. s. w.). Erst zur Zeit des beginnenden Verfalls der arabischen Kultur wurden durch Stiftungen oder Vermächtnisse eigene, dem höheren Unterrichte (vornehmlich der Theologie, Rechtspflege, Philosophie, Grammatik) dienende Anstalten, die„Medresen”(zumeist an den Moscheen), errichtet, welche große Bibliotheken, Lesesäle und Wohnräume für die Lehrer sowie einen Teil der Schüler besaßen; sehr berühmte Schulen dieser Art befanden sich in Bagdad, Damaskus, Nisabur, Basra, Bochara, Samarkand, Kairo, Fez und in Spanien (in der Blütezeit gab es dort 17). Belebt wurde der Unterricht dadurch, daß es den Zuhörern gestattet war, Fragen an den Lehrer zu richten resp. durch Disputatorien, welche sich dem Vortrag anschlossen; doch scheinen gerade die Medresen, im Geiste des wissenschaftlichen Dogmatismus und der religiösen Orthodoxie, vieles zur Stagnation des geistigen Lebens beigetragen zu haben — was die Gelehrten Transoxaniens voraussahen, denn bei Errichtung der ersten dieser Anstalten (in Bagdad) veranstalteten sie zu Ehren der Wissenschaft eine Trauerfeier. Die Studierenden ließen sich oft von ihren Lehrern Zeugnisse über den Besuch ihrer Vorlesungen ausstellen und schriftlich Lizenzen für eigene Lehrtätigkeit erteilen. Neben dem öffentlichen Unterricht verlor die private Unterweisung nie an Bedeutung, ja gerade letztere führte gewöhnlich zur höchsten Stufe des Wissens und der praktischen Beherrschung derselben.
Das „Haus der Weisheit” zu Kairo scheint nur etwa ein halbes Jahrhundert bestanden zu haben.
Was dieUnterrichtsverhältnisseanlangt, so übertraf die islamische Epoche gerade darin alle vorhergegangenen. Ganz besondere Aufmerksamkeit wurde schon früh dem Volksunterrichte gewidmet — durch Errichtung von zahlreichen Elementarschulen im ganzen Reiche. Der Besuch begann mit dem 6. Lebensjahre (für unbemittelte Kinder unentgeltlich); die Kenntnis des Lesens und Schreibens — im Anschluß an den Koran gelehrt — war allgemein verbreitet. So wie die Volksschulen gewöhnlich mit den Moscheen in Verbindung standen, so wurde ursprünglich auch in den Nischen, Gängen oder in eigenen Sälen derselben der höhere Unterricht erteilt, indem Gelehrte vor einem Kreise von Wißbegierigen der verschiedensten Altersklassen freie Vorträge oder Vorlesungen aus Heften über die verschiedensten Wissensgebiete hielten; die Lehrer lebten gewöhnlich von einem Nebenberuf (als Koranleser, Prediger, Richter, Aerzte, Kaufleute, Handwerker u. s. w.). Erst zur Zeit des beginnenden Verfalls der arabischen Kultur wurden durch Stiftungen oder Vermächtnisse eigene, dem höheren Unterrichte (vornehmlich der Theologie, Rechtspflege, Philosophie, Grammatik) dienende Anstalten, die„Medresen”(zumeist an den Moscheen), errichtet, welche große Bibliotheken, Lesesäle und Wohnräume für die Lehrer sowie einen Teil der Schüler besaßen; sehr berühmte Schulen dieser Art befanden sich in Bagdad, Damaskus, Nisabur, Basra, Bochara, Samarkand, Kairo, Fez und in Spanien (in der Blütezeit gab es dort 17). Belebt wurde der Unterricht dadurch, daß es den Zuhörern gestattet war, Fragen an den Lehrer zu richten resp. durch Disputatorien, welche sich dem Vortrag anschlossen; doch scheinen gerade die Medresen, im Geiste des wissenschaftlichen Dogmatismus und der religiösen Orthodoxie, vieles zur Stagnation des geistigen Lebens beigetragen zu haben — was die Gelehrten Transoxaniens voraussahen, denn bei Errichtung der ersten dieser Anstalten (in Bagdad) veranstalteten sie zu Ehren der Wissenschaft eine Trauerfeier. Die Studierenden ließen sich oft von ihren Lehrern Zeugnisse über den Besuch ihrer Vorlesungen ausstellen und schriftlich Lizenzen für eigene Lehrtätigkeit erteilen. Neben dem öffentlichen Unterricht verlor die private Unterweisung nie an Bedeutung, ja gerade letztere führte gewöhnlich zur höchsten Stufe des Wissens und der praktischen Beherrschung derselben.
Die Blüte der arabischen Kultur, welche an Lebhaftigkeit und Vielseitigkeit diejenige des kaiserlichen Rom (im 2. Jahrhundert), an Umfang alle früheren übertraf, erhielt sich bis ins 11. Jahrhundert. Späterhin wirkten die desolaten politischen Verhältnisse und der wirtschaftliche Niedergang zersetzend[24]. Nicht wenig trugen dazu auch die religiösen Parteiungen bei und namentlich die schließlich triumphierende Orthodoxie[25].Das 13. Jahrhundert entschied den Verfall:im Westen besiegelte der Fall Cordobas (1236) das weitere Schicksal, im Osten setzte der Mongolensturm der Abbassidenherrschaft in Bagdad ein Ende (1258) und brachte die Kultur zu einer Versandung, aus der es kein Auferstehen gab. Doch noch jahrhundertelang nach der Blütezeit[26]wurde Bedeutendes namentlich im maurischen Spanien, Manches auch in Aegypten, wohin die Mongolen nicht vorgedrungen waren, geleistet, ja selbst unter dem Zepter der Seldschuken und Mameluken erlosch das geistige Streben nicht gänzlich[27], undunverweht haben sich bis heute die zahlreichen Spuren erhalten, welche die arabische Epoche dem Werdegang der Menschheit aufdrückte[28].
Die Arbeitssumme der arabischen Epoche ist eine enorme. Kein Hauptgebiet der Kultur ging dabei leer aus. Nach einem überraschend kurzen Vorstadium, in welchem alles verwertet und assimiliert wurde, was Natur und Geisteswelt entgegenbrachten, gelangten Künste[29]und Wissenschaften, Technik und Gewerbe zu einer herrlichen Entwicklung, von deren Intensität und Ausdehnung wir uns ohne Zuhilfenahme der Phantasie kaum ein volles Bild machen können.Es gab nach langer Unterbrechung wieder ein Fortschreiten nach verschiedenen Richtungen, ein äußerst reges wirtschaftliches, künstlerisches, wissenschaftliches Leben, und trotz aller Anknüpfung an die Vorbilder der großen fremden Vergangenheit machte sich in den Schöpfungen der Pulsschlag der Zeit, die Eigenart der Oertlichkeit, das Denken und Empfinden der Volksseele geltend.
Die Erhaltung der alten und die Anlage vieler neuerStädtegab den geeigneten Boden für die Pflege der Künste des Friedens, der bewundernswerte Aufschwung der Kultur war in hohem Maße durch dasVerschwinden der aristokratischen Kriegerkastebegünstigt;das Fehlen eines eigentlichen Klerusbewahrte die Bildung davor, das Vorrecht eines Standes zu werden, und im befruchtendenWechselverkehrder Völker, imWettstreitderzahlreichen Kulturzentrenkonnte der Konventionalismus niemals so sehr erstarken, um jegliche Individualität zu ertöten. Einereiche Literatur[30], welche sich vielverzweigt auf jedes Fach erstreckte, ein verhältnismäßig hochentwickeltesUnterrichtswesensicherte dieKontinuität der Forschung,die Verbreitung des Wissens; das Zusammentreffen fördernder äußerer Umstände begünstigte denwissenschaftlichen Betrieb, ermöglichte die Ausführung kühngefaßter Projekte, dieVerbesserung der Methodik.
Die Erhaltung der alten und die Anlage vieler neuerStädtegab den geeigneten Boden für die Pflege der Künste des Friedens, der bewundernswerte Aufschwung der Kultur war in hohem Maße durch dasVerschwinden der aristokratischen Kriegerkastebegünstigt;das Fehlen eines eigentlichen Klerusbewahrte die Bildung davor, das Vorrecht eines Standes zu werden, und im befruchtendenWechselverkehrder Völker, imWettstreitderzahlreichen Kulturzentrenkonnte der Konventionalismus niemals so sehr erstarken, um jegliche Individualität zu ertöten. Einereiche Literatur[30], welche sich vielverzweigt auf jedes Fach erstreckte, ein verhältnismäßig hochentwickeltesUnterrichtswesensicherte dieKontinuität der Forschung,die Verbreitung des Wissens; das Zusammentreffen fördernder äußerer Umstände begünstigte denwissenschaftlichen Betrieb, ermöglichte die Ausführung kühngefaßter Projekte, dieVerbesserung der Methodik.
Unter den Wissenschaften blühten — abgesehen von Theologie, Jurisprudenz, Philologie und Geschichte[31]— namentlich diemathematischenundempirischenZweige, vornehmlich auf sie richtete sich schon die Tätigkeit der Uebersetzer und nachher der Fleiß der selbständigen Forscher. Es war nicht bloß der reine Erkenntnistrieb, sondern auch das Utilitätsprinzip, das den Ausschlag gab, ähnlich wie sich in der Geistesart der Wüstensöhne mit dem Eroberungsdrang kluger kaufmännischer Sinn mischte.
Namentlich in derMathematik, Astronomie und Geographie, in derMechanik und Optik, in derChemie, Botanik und Mineralogiehaben die Araber Bedeutendes geleistet und die Vorgänger durch neue wertvolle Forschungsergebnisse überholt. Hier folgten sie den Spuren der Alexandriner, nicht sklavisch, sondern selbständig. ReichlicheBeobachtungenundExperimenteführten zu einer überraschend großen Bereicherung des überkommenen Wissensmaterials, scharfsinnigeAnalyseundKlassifikationsicherten die Herrschaft über die Fülle der mit erstaunlichem Sammeleifer aufgestapelten Tatsachen. Und wie sehr man für die Praxis aus der Theorie Nutzen zu ziehen verstand, davon zeugt besonders diehochentwickelte Technik.