Guglielmo da Saliceto(Salicetti) aus Piacenza (daher Magister Placentinus) wurde im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts geboren und war ein Schüler des Buono di Garbo (Schwager des Taddeo Alderotti). Er lebte und lehrte eine Zeitlang in Bologna, zuletzt in Verona, wo er eine Anstellung als Stadt- und Hospitalsarzt hatte. Sein Todesjahr ist nicht sichergestellt, wahrscheinlich starb er um 1280.Cyrurgia(Placent. 1476, Venet. 1502, 1546, franz. Uebersetzung von Nic. Prevost, Lyon 1492, Paris 1505, 1596), neueste französische Ausgabe vonP. Pifteau(Chirurgie de Guillaume de Salicet, Traduction etc., Toulouse 1898); czechische Uebers. Prag 1867.Summa conservationis et(sanationis)curationis(Placent. 1475, Venet. 1489 mit der Chirurgie, 1490, Lips. 1495 u. ö.). De salute corporis (Lips. 1495). Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: H. Grunow, Diätetik des Wilhelm von Saliceto (1895), Eug. Loewy, Beitr. z. Kenntnis u. Würdigung des W. von Saliceto (1897), Herkner, Kosmetik und Toxikologie nach W. v. S. (1897), O. Basch, Materialien zur Beurteilung des W. v. S. als Arzt (1898). DieCyrurgiazerfällt in fünf Bücher, denen eine kurze chirurgische Hodegetik und Methodologie vorangeht.Buch I: Erkrankungen des Schädels (Hämatom des Neugeborenen, Hydrocephalus), Kopfausschläge, Augen-, Ohrleiden (Unterbindung der Ohrpolypen), Nasenpolypen, Mundkrankheiten, Drüsenschwellungen des Halses, Kropf (innerliches oder operatives Verfahren), Schwellungen und Abszesse in der Achselhöhle (Differentialdiagnose), an der oberen Extremität, Panaritium, Krankheiten der Brustdrüse „scrofula”, „durities”, „cancer”, Fall von inoperablem Mammakarzinom), Vereiterungen am Thorax, Nabelbruch (Pflaster, Verbände, Unterbindung), Tumoren der Leber- und Milzgegend, Affektionen der Leistenbeuge, darunter venerische, (et fit etiam [scilicet bubo], cum homo infirmatur in virga propter fedam meretricem vel aliam causam; cap. 42), Hernia inguinalis (Beschreibung des Bruchbandes„lumbar”; Radikaloperation), Kastration, Hämorrhoiden und Kondylome des Afters (Unterbindung, Kauterisation), Operation von Mastdarmfisteln, Steinschnitt (vorher bimanuelle Untersuchung), Erkrankungen der männlichen Genitalien (de pustulis albis et scissuris et corruptionibus que fiunt in virga et circa preputium propter coitum cum meretrice vel feda vel ab alia causa) — am Schlusse dieses Kapitels (48) der prophylaktische Rat: ablutio cum aqua frigida et continua abstersio cum eadem post coitum ... post ablutionem roratio loci cum aceto), Abszesse an den Hoden, Skrotalhernie, Hydro-, Sarkokele, Varices (Bloßlegungder Vene, doppelte Ligatur, Kauterisation), Hüft-, Kniegelenksleiden, Frostbeulen etc., Karbunkel, Anthrax, Kontusionen, Verbrennungen, verschiedene Dermatosen, Gicht.Buch IIbetrifft die verschiedenartigen Verwundungen und Kontusionen der einzelnen Körperregionen. Die Behandlung der großen Schnittwunden bestand in Reinigung mit Oel, Blutstillung, Naht, sorgfältigem Verbande, Ruhestellung des verletzten Organs und passender Diät; bei eingetretener Eiterung kamen die mundificativa, incarnativa etc. zur Anwendung. Bei Schädelverletzungen legte er einen sehr dicken Verband an, um den schädlichen Zutritt der Luft zu verhindern; unter den Folgeerscheinungen ist namentlich diekontralaterale Lähmunghervorgehoben. Sehr ausführlich ist die kasuistisch belebte Schilderung der Pfeilwunden, penetrierenden Brust- und Bauchwunden (Anwendung der Kürschnernaht bei Längs- und Querwunden des Darmes). Bei der, für sehr gefährlich erklärten Stichverletzung der Nerven ist Erweiterung der Wunde, Oelapplikation, zur Schmerzstillung Opium, Hyoscyamus empfohlen.Buch IIIhandelt in sehr gründlicher Weise von den Frakturen und Luxationen. Unter den diagnostischen Zeichen der Frakturen ist namentlich dasKrepitationsgeräusch(sonitus ossis fracti) erwähnt; der Verband war ziemlich kompliziert (Oelbauschen, Eiweiß enthaltendes Pflaster, 4-6 Schienen, Kompressen, Binden), Warnung vor zu festem Anlegen des Verbandes, alle 3-4 Tage Verbandwechsel; Aderlaß, Schröpfen, Diät u. s. w. Zur Reposition der Verrenkungen sind rationelle Verfahren angegeben.Buch IVenthält eineAnatomie für die praktischen Zwecke des Chirurgen. Der Wert derselben beruht nur auf der neuartigentopographischenDarstellungsweise, der Inhalt ist zum größten Teile aus den fehlerhaften Angaben der Vorgänger geschöpft, Anatomie an der Menschenleiche hat Verfasser nicht ausgeübt. Dem angegebenen Zwecke entsprechend sind die Aderlaßvenen, die verschiedenen Formen der Luxationen, die Hernien ausführlich berücksichtigt.Buch Vhandelt von der Kauterisation und von den, in der Chirurgie gebräuchlichen Arzneimitteln. Die zum Kauterisieren verwendeten Instrumente waren aus Gold, Silber, Messing oder Eisen verfertigt, ihrer Form nach wurden sie bezeichnet als Cauterium olivare seu cultellare, clavale, punctuale, rotundum, triangulatum, minutum (für Kinder). Auf den Brandschorf legte man gleich nach der Aetzung butirum vel axungia seu oleum rosatum. Anstatt des Glüheisens kamen unter Umständen auch ätzende Medikamente zur Anwendung. Das Cauterium actuale oder potentiale diente, wie Wilhelm de Saliceto sagt, ad alterandam dispositionem membri cujus complexionem volumus rectificare et ad resolvendum materias corruptas in membro contentas et ad restringendum fluxum sanguinis.Summa conservationis et curationisin fünf Büchern, beginnt mit einer vortrefflichen medizinischen Deontologie und mit einer ausführlichen Diätetik und Prophylaxe. Buch I enthält die spezielle Pathologie und Therapie; Buch II die Fieberlehre; Buch III die Kosmetik und Dermatologie; Buch IV die Toxikologie; Buch V die Heilmittellehre und ein Antidotarium. Zitiert sind am häufigsten Hippokrates, Galen, Rhazes und Avicenna. Aus der noch heute beherzigenswerten ärztlichen Politik des Saliceto sei Einiges hervorgehoben, was sich auf das Verhalten des Arztes am Krankenbette und auf den Umgang mit den Laien bezieht: Inpulsuvero debet medicus cum maxima instantia quoad laicos considerare;sed veritatem ignorare non convenit: astute tangere cum quiete pulsum infirmi est conveniens et est bonum videri, ut medicus sit multum intentus de hac re.Nam omnia talia de medico hominibus fidem faciunt; quae est valde utilis in convenienti opere medicinali et per istud astantes bonam habent praesumptionem de medico. Et in quibus rebus delectatur infirmus hora sanitatis inquirere convenit et etiam de somno et vigiliis et similibus. Et cumhoc deliberative inquirere debet de infirmitate et ejus causa seu causis et hoc per considerationem in superfluitatibus:egestione, urina, sputo et sudore et per narrationem infirmi et adstantium: etiam si ipse debilis aut parvae scientiae fuerit et per hoc confortatur mens infirmi super ejus operationem et fit operatio medicinarum nobilior et confortatur in tantum anima infirmi per hanc fidem et imaginationem quod operatur contra infirmitatem fortius et nobilius et subtilius quam faciat medicus cum instrumentis et medicinis. (Also sorgfältige Untersuchung und Erhebung der Anamnese schon aus psychologischen Gründen!) Bezüglich der Prognose heißt es in echt humaner Gesinnung: Nullo modo praesumas coram infirmo nec ipso audiente aliquam debilitatem de ejus natura proferre, neque aliquid mali de eo, etiam si de ejus salute fueris desperatus:sed medico semper convenit infirmo salutem promittere, ut imaginatio bonae dispositionis et salutis firma in infirmi anima remaneat: nam talis infirmitas de salute operationem medici juvat in omni re et effectus medicinarum contra materias et infirmitatem melior et nobilior reperitur;amicis vero et secretis infirmi totam veritatem exponasut omnis suspicio si infirmus ad malum converteretur a mentibus amicorum infirmi per tuam bonam et veram narrationem tollatur. Gewarnt wird vor allzugroßer Vertraulichkeit mit den Laien, namentlich aber vor wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, da offenbar werdende Kontroversen hinsichtlich der Diagnose oder Behandlung das Vertrauen erschüttern.Nam omnes laici propter discordiam repertam inter medicossolum sermonibus et aliquando inquisitione causarum et egritudinum artem medicinalemreputant vanitatem et dicunt medicos non rationabiliter contra egritudines, sed ut plurimum, casualiter operari. Möglichst nachdenklich, schweigsam, mit zu Boden gesenktem Antlitz solle der Arzt dastehen, so daß der Eindruck erweckt werde, daß in seinem Geiste alle Weisheit verborgen sei, etiam si in tali cognitio veritatis nullo modo reperiretur. Nur das nötigste ist mit den Angehörigen zu sprechen, denn Schweigen fällt nicht dem Tadel törichter Rede anheim. Der Arzt halte sich fern von allem, was seinen Ruf beim Publikum schädigen könnte, namentlich hüte er sich mit der Frau des Hauses über intime Angelegenheiten zu reden. Seine Leistungen lasse er sich gut honorieren: et petere optimum salarium de qualibet operatione medicinali, assignando pro causa visionem stercoris et urinae non erit malum. Er gehe nicht hochmütig und in feinem Putz daher, auch vermeide er es, durch auffallendes, unschickliches Benehmen Anstoß zu erregen. Der Besuch bei dem Kranken erfolge nicht überflüssig, sondern nur auf dessen Wunsch: quia ex tali visitatione redderes te suspectum, et perit in te fides infirmi. Besondere Vorsicht ist bei der Verabreichung von Narcoticis am Platze, die Verordnung von Abortivis oder antikonzeptionellen Mitteln verstoße gegen Religion, Ethik und die staatlichen Gesetze.Die Kenntnis von den Leistungen der Vorgänger als Grundlage der eigenen Leistungen ist erforderlich, quod nullus hominum per se perfecte potest pervenire ad artes operativas seu conservativas nisi cum communitate prioris et melioris a quo doctrinaliter audire debet causas et principia et regulas universales artis. — Die diätetisch-hygienische Abhandlung bildet ein noch jetzt lesenswertes Vademekum von der Wiege bis zum Grabe. Sie beginnt mit einer ungemein sorgfältigen Hygiene der Schwangeren und der Kinder in den ersten Lebensjahren. Tägliches Baden des Kindes ist unerläßlich, das Bestreichen des Anus mit Oel erleichtert den Durchtritt der Fäces, das Weinen und Schreien der Kinder erweitere den Brustkasten und befördere den Stoffwechsel, sei also nicht besorgniserweckend, die Entwöhnung — man stillte bis zum 2. Jahre — das Laufenlernen und alles übrige erfolge nur gradatim. Nach vollendetem 6. Jahre habe man auf gute geistige undleibliche Erziehung Bedacht zu nehmen, das Baden sei von großem Wert, Weingenuß sei gänzlich zu untersagen. Nach dem 14. Jahre könne eine größere Freiheit in der Auswahl und Menge der Speisen gestattet werden, und man solle für gute Luft, angemessene Ruhe und Bewegung, Sättigung und Stuhlentleerung, Vermeidung seelischer Aufregung und körperlicher Ueberanstrengung und für eine gewisse Abhärtung sorgen. Saliceto weist auf die Notwendigkeit einer in gesunder Gegend gelegenen Wohnung und geeigneten Schlafstätte hin; Bewegung besonders vor dem Essen sei nützlich; Unmäßigkeit des Trinkens während des Essens störe die Verdauung; Zurückhalten des Urins (wegen Disposition zu Harnleiden) und der Fäces sei zu vermeiden. Allzugroße Enthaltsamkeit in Sexualibus sei nicht zu billigen; mäßiger Coitus schaffe dem Körper Erleichterung und lenke die Gedanken von sinnlichen Vorstellungen ab; unmäßige Ausübung desselben schwäche den Menschen. Allzu heiße Bäder seien schädlich durch ihre schwächende und austrocknende Wirkung. Alle Gemütsbewegungen, welche das Maß überschreiten, können Krankheiten erzeugen, z. B. langanhaltender Zorn — Fieber. Der Schluß der Abhandlung betrifft die Diagnose und die ärztlichen Maßnahmen vor dem Ausbruch einer herannahenden Krankheit. Aus der speziellen Pathologie wäre namentlich die Beschreibung der„durities renum”als Ursache der Wassersucht(Vorahnung des Brightschen Symptomenkomplexes![70]), und die Schilderung der Melancholie bemerkenswert. DiegynäkologischenAbschnitte haben folgenden Inhalt: Ursachen und Behandlung der Amenorrhöe, Dysmenorrhöe, Abszesse, Karzinom des Uterus (entsteht auf einem Boden, der durch eine Art Verbrennung in seiner Ernährung gestört ist, wobei die Gefäße als Verbreiter des Krankheitsstoffes wirken), Rhagaden, Blasenmole, Hysterie (der Anfall unterscheidet sich vom epileptischen durch das fortbestehende Bewußtsein), Stenosen der Vulva, Ursachen und Behandlung der Sterilität, Gebärmutterkatarrh, Verhaltungsmaßregeln zur Beförderung der Konzeption etc.
Guglielmo da Saliceto(Salicetti) aus Piacenza (daher Magister Placentinus) wurde im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts geboren und war ein Schüler des Buono di Garbo (Schwager des Taddeo Alderotti). Er lebte und lehrte eine Zeitlang in Bologna, zuletzt in Verona, wo er eine Anstellung als Stadt- und Hospitalsarzt hatte. Sein Todesjahr ist nicht sichergestellt, wahrscheinlich starb er um 1280.
Cyrurgia(Placent. 1476, Venet. 1502, 1546, franz. Uebersetzung von Nic. Prevost, Lyon 1492, Paris 1505, 1596), neueste französische Ausgabe vonP. Pifteau(Chirurgie de Guillaume de Salicet, Traduction etc., Toulouse 1898); czechische Uebers. Prag 1867.Summa conservationis et(sanationis)curationis(Placent. 1475, Venet. 1489 mit der Chirurgie, 1490, Lips. 1495 u. ö.). De salute corporis (Lips. 1495). Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: H. Grunow, Diätetik des Wilhelm von Saliceto (1895), Eug. Loewy, Beitr. z. Kenntnis u. Würdigung des W. von Saliceto (1897), Herkner, Kosmetik und Toxikologie nach W. v. S. (1897), O. Basch, Materialien zur Beurteilung des W. v. S. als Arzt (1898). DieCyrurgiazerfällt in fünf Bücher, denen eine kurze chirurgische Hodegetik und Methodologie vorangeht.Buch I: Erkrankungen des Schädels (Hämatom des Neugeborenen, Hydrocephalus), Kopfausschläge, Augen-, Ohrleiden (Unterbindung der Ohrpolypen), Nasenpolypen, Mundkrankheiten, Drüsenschwellungen des Halses, Kropf (innerliches oder operatives Verfahren), Schwellungen und Abszesse in der Achselhöhle (Differentialdiagnose), an der oberen Extremität, Panaritium, Krankheiten der Brustdrüse „scrofula”, „durities”, „cancer”, Fall von inoperablem Mammakarzinom), Vereiterungen am Thorax, Nabelbruch (Pflaster, Verbände, Unterbindung), Tumoren der Leber- und Milzgegend, Affektionen der Leistenbeuge, darunter venerische, (et fit etiam [scilicet bubo], cum homo infirmatur in virga propter fedam meretricem vel aliam causam; cap. 42), Hernia inguinalis (Beschreibung des Bruchbandes„lumbar”; Radikaloperation), Kastration, Hämorrhoiden und Kondylome des Afters (Unterbindung, Kauterisation), Operation von Mastdarmfisteln, Steinschnitt (vorher bimanuelle Untersuchung), Erkrankungen der männlichen Genitalien (de pustulis albis et scissuris et corruptionibus que fiunt in virga et circa preputium propter coitum cum meretrice vel feda vel ab alia causa) — am Schlusse dieses Kapitels (48) der prophylaktische Rat: ablutio cum aqua frigida et continua abstersio cum eadem post coitum ... post ablutionem roratio loci cum aceto), Abszesse an den Hoden, Skrotalhernie, Hydro-, Sarkokele, Varices (Bloßlegungder Vene, doppelte Ligatur, Kauterisation), Hüft-, Kniegelenksleiden, Frostbeulen etc., Karbunkel, Anthrax, Kontusionen, Verbrennungen, verschiedene Dermatosen, Gicht.Buch IIbetrifft die verschiedenartigen Verwundungen und Kontusionen der einzelnen Körperregionen. Die Behandlung der großen Schnittwunden bestand in Reinigung mit Oel, Blutstillung, Naht, sorgfältigem Verbande, Ruhestellung des verletzten Organs und passender Diät; bei eingetretener Eiterung kamen die mundificativa, incarnativa etc. zur Anwendung. Bei Schädelverletzungen legte er einen sehr dicken Verband an, um den schädlichen Zutritt der Luft zu verhindern; unter den Folgeerscheinungen ist namentlich diekontralaterale Lähmunghervorgehoben. Sehr ausführlich ist die kasuistisch belebte Schilderung der Pfeilwunden, penetrierenden Brust- und Bauchwunden (Anwendung der Kürschnernaht bei Längs- und Querwunden des Darmes). Bei der, für sehr gefährlich erklärten Stichverletzung der Nerven ist Erweiterung der Wunde, Oelapplikation, zur Schmerzstillung Opium, Hyoscyamus empfohlen.Buch IIIhandelt in sehr gründlicher Weise von den Frakturen und Luxationen. Unter den diagnostischen Zeichen der Frakturen ist namentlich dasKrepitationsgeräusch(sonitus ossis fracti) erwähnt; der Verband war ziemlich kompliziert (Oelbauschen, Eiweiß enthaltendes Pflaster, 4-6 Schienen, Kompressen, Binden), Warnung vor zu festem Anlegen des Verbandes, alle 3-4 Tage Verbandwechsel; Aderlaß, Schröpfen, Diät u. s. w. Zur Reposition der Verrenkungen sind rationelle Verfahren angegeben.Buch IVenthält eineAnatomie für die praktischen Zwecke des Chirurgen. Der Wert derselben beruht nur auf der neuartigentopographischenDarstellungsweise, der Inhalt ist zum größten Teile aus den fehlerhaften Angaben der Vorgänger geschöpft, Anatomie an der Menschenleiche hat Verfasser nicht ausgeübt. Dem angegebenen Zwecke entsprechend sind die Aderlaßvenen, die verschiedenen Formen der Luxationen, die Hernien ausführlich berücksichtigt.Buch Vhandelt von der Kauterisation und von den, in der Chirurgie gebräuchlichen Arzneimitteln. Die zum Kauterisieren verwendeten Instrumente waren aus Gold, Silber, Messing oder Eisen verfertigt, ihrer Form nach wurden sie bezeichnet als Cauterium olivare seu cultellare, clavale, punctuale, rotundum, triangulatum, minutum (für Kinder). Auf den Brandschorf legte man gleich nach der Aetzung butirum vel axungia seu oleum rosatum. Anstatt des Glüheisens kamen unter Umständen auch ätzende Medikamente zur Anwendung. Das Cauterium actuale oder potentiale diente, wie Wilhelm de Saliceto sagt, ad alterandam dispositionem membri cujus complexionem volumus rectificare et ad resolvendum materias corruptas in membro contentas et ad restringendum fluxum sanguinis.
Summa conservationis et curationisin fünf Büchern, beginnt mit einer vortrefflichen medizinischen Deontologie und mit einer ausführlichen Diätetik und Prophylaxe. Buch I enthält die spezielle Pathologie und Therapie; Buch II die Fieberlehre; Buch III die Kosmetik und Dermatologie; Buch IV die Toxikologie; Buch V die Heilmittellehre und ein Antidotarium. Zitiert sind am häufigsten Hippokrates, Galen, Rhazes und Avicenna. Aus der noch heute beherzigenswerten ärztlichen Politik des Saliceto sei Einiges hervorgehoben, was sich auf das Verhalten des Arztes am Krankenbette und auf den Umgang mit den Laien bezieht: Inpulsuvero debet medicus cum maxima instantia quoad laicos considerare;sed veritatem ignorare non convenit: astute tangere cum quiete pulsum infirmi est conveniens et est bonum videri, ut medicus sit multum intentus de hac re.Nam omnia talia de medico hominibus fidem faciunt; quae est valde utilis in convenienti opere medicinali et per istud astantes bonam habent praesumptionem de medico. Et in quibus rebus delectatur infirmus hora sanitatis inquirere convenit et etiam de somno et vigiliis et similibus. Et cumhoc deliberative inquirere debet de infirmitate et ejus causa seu causis et hoc per considerationem in superfluitatibus:egestione, urina, sputo et sudore et per narrationem infirmi et adstantium: etiam si ipse debilis aut parvae scientiae fuerit et per hoc confortatur mens infirmi super ejus operationem et fit operatio medicinarum nobilior et confortatur in tantum anima infirmi per hanc fidem et imaginationem quod operatur contra infirmitatem fortius et nobilius et subtilius quam faciat medicus cum instrumentis et medicinis. (Also sorgfältige Untersuchung und Erhebung der Anamnese schon aus psychologischen Gründen!) Bezüglich der Prognose heißt es in echt humaner Gesinnung: Nullo modo praesumas coram infirmo nec ipso audiente aliquam debilitatem de ejus natura proferre, neque aliquid mali de eo, etiam si de ejus salute fueris desperatus:sed medico semper convenit infirmo salutem promittere, ut imaginatio bonae dispositionis et salutis firma in infirmi anima remaneat: nam talis infirmitas de salute operationem medici juvat in omni re et effectus medicinarum contra materias et infirmitatem melior et nobilior reperitur;amicis vero et secretis infirmi totam veritatem exponasut omnis suspicio si infirmus ad malum converteretur a mentibus amicorum infirmi per tuam bonam et veram narrationem tollatur. Gewarnt wird vor allzugroßer Vertraulichkeit mit den Laien, namentlich aber vor wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, da offenbar werdende Kontroversen hinsichtlich der Diagnose oder Behandlung das Vertrauen erschüttern.Nam omnes laici propter discordiam repertam inter medicossolum sermonibus et aliquando inquisitione causarum et egritudinum artem medicinalemreputant vanitatem et dicunt medicos non rationabiliter contra egritudines, sed ut plurimum, casualiter operari. Möglichst nachdenklich, schweigsam, mit zu Boden gesenktem Antlitz solle der Arzt dastehen, so daß der Eindruck erweckt werde, daß in seinem Geiste alle Weisheit verborgen sei, etiam si in tali cognitio veritatis nullo modo reperiretur. Nur das nötigste ist mit den Angehörigen zu sprechen, denn Schweigen fällt nicht dem Tadel törichter Rede anheim. Der Arzt halte sich fern von allem, was seinen Ruf beim Publikum schädigen könnte, namentlich hüte er sich mit der Frau des Hauses über intime Angelegenheiten zu reden. Seine Leistungen lasse er sich gut honorieren: et petere optimum salarium de qualibet operatione medicinali, assignando pro causa visionem stercoris et urinae non erit malum. Er gehe nicht hochmütig und in feinem Putz daher, auch vermeide er es, durch auffallendes, unschickliches Benehmen Anstoß zu erregen. Der Besuch bei dem Kranken erfolge nicht überflüssig, sondern nur auf dessen Wunsch: quia ex tali visitatione redderes te suspectum, et perit in te fides infirmi. Besondere Vorsicht ist bei der Verabreichung von Narcoticis am Platze, die Verordnung von Abortivis oder antikonzeptionellen Mitteln verstoße gegen Religion, Ethik und die staatlichen Gesetze.Die Kenntnis von den Leistungen der Vorgänger als Grundlage der eigenen Leistungen ist erforderlich, quod nullus hominum per se perfecte potest pervenire ad artes operativas seu conservativas nisi cum communitate prioris et melioris a quo doctrinaliter audire debet causas et principia et regulas universales artis. — Die diätetisch-hygienische Abhandlung bildet ein noch jetzt lesenswertes Vademekum von der Wiege bis zum Grabe. Sie beginnt mit einer ungemein sorgfältigen Hygiene der Schwangeren und der Kinder in den ersten Lebensjahren. Tägliches Baden des Kindes ist unerläßlich, das Bestreichen des Anus mit Oel erleichtert den Durchtritt der Fäces, das Weinen und Schreien der Kinder erweitere den Brustkasten und befördere den Stoffwechsel, sei also nicht besorgniserweckend, die Entwöhnung — man stillte bis zum 2. Jahre — das Laufenlernen und alles übrige erfolge nur gradatim. Nach vollendetem 6. Jahre habe man auf gute geistige undleibliche Erziehung Bedacht zu nehmen, das Baden sei von großem Wert, Weingenuß sei gänzlich zu untersagen. Nach dem 14. Jahre könne eine größere Freiheit in der Auswahl und Menge der Speisen gestattet werden, und man solle für gute Luft, angemessene Ruhe und Bewegung, Sättigung und Stuhlentleerung, Vermeidung seelischer Aufregung und körperlicher Ueberanstrengung und für eine gewisse Abhärtung sorgen. Saliceto weist auf die Notwendigkeit einer in gesunder Gegend gelegenen Wohnung und geeigneten Schlafstätte hin; Bewegung besonders vor dem Essen sei nützlich; Unmäßigkeit des Trinkens während des Essens störe die Verdauung; Zurückhalten des Urins (wegen Disposition zu Harnleiden) und der Fäces sei zu vermeiden. Allzugroße Enthaltsamkeit in Sexualibus sei nicht zu billigen; mäßiger Coitus schaffe dem Körper Erleichterung und lenke die Gedanken von sinnlichen Vorstellungen ab; unmäßige Ausübung desselben schwäche den Menschen. Allzu heiße Bäder seien schädlich durch ihre schwächende und austrocknende Wirkung. Alle Gemütsbewegungen, welche das Maß überschreiten, können Krankheiten erzeugen, z. B. langanhaltender Zorn — Fieber. Der Schluß der Abhandlung betrifft die Diagnose und die ärztlichen Maßnahmen vor dem Ausbruch einer herannahenden Krankheit. Aus der speziellen Pathologie wäre namentlich die Beschreibung der„durities renum”als Ursache der Wassersucht(Vorahnung des Brightschen Symptomenkomplexes![70]), und die Schilderung der Melancholie bemerkenswert. DiegynäkologischenAbschnitte haben folgenden Inhalt: Ursachen und Behandlung der Amenorrhöe, Dysmenorrhöe, Abszesse, Karzinom des Uterus (entsteht auf einem Boden, der durch eine Art Verbrennung in seiner Ernährung gestört ist, wobei die Gefäße als Verbreiter des Krankheitsstoffes wirken), Rhagaden, Blasenmole, Hysterie (der Anfall unterscheidet sich vom epileptischen durch das fortbestehende Bewußtsein), Stenosen der Vulva, Ursachen und Behandlung der Sterilität, Gebärmutterkatarrh, Verhaltungsmaßregeln zur Beförderung der Konzeption etc.
Der mächtige Aufschwung, den die Chirurgie während des 13. Jahrhunderts in Italien nahm, beruhte nicht bloß auf der ausgedehnten praktischen Verwertung der gräko-arabischen Ueberlieferung, sondern noch mehr auf der beginnenden Selbständigkeit der Beobachtung und Erfahrung mindestens in einzelnen Fragen und Methoden[71].Die wichtigste Voraussetzung dieser aufstrebenden Entwicklung war durch den Umstand gegeben, daß die ärztlichen Schulen Italiens für die wissenschaftliche Ausbildung der Chirurgen Sorge trugen, und daß diesen eine ihres Standes würdige soziale Stellung eingeräumt wurde.
Der Einfluß der großen italienischen Meister blieb glücklicherweise nicht auf ihre nächste Umgebung beschränkt, doch eine wirkliche Pflanzstätte der italienischen Chirurgie wurde zunächst nurParis, wo sich die legitimen Wundärzte um die Mitte des 13. Jahrhunderts zwecksWahrung ihrer geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu einer Korporation, demCollège de St. Côme, vereinigt hatten und dank ihrer fachlichen Ausbildung wenigstens einigermaßen schon für die Aufnahme einer Operationskunst im eigentlichen Sinne des Wortes vorbereitet waren[72]. Diese ihnen übermittelt und damit den Grundstein zur später so glänzenden französischen Chirurgie gelegt zu haben, ist das große Verdienst des MailändersLanfranchi, welcher der Schule des Wilhelm von Saliceto entstammte.
Wie aus den beiden Hauptwerken Lanfranchis, aus derChirurgia parvaund der kasuistisch belebtenChirurgia magna, hervorgeht, war der Herold der italienischen Wundarzneikunst auf französischem Boden eifrigst bemüht, den Spuren seines berühmten Lehrers zu folgen, ohne aber auf eigene Beobachtung und selbständiges Urteil Verzicht zu leisten. Gleich Saliceto für die Würde seiner Kunst begeistert und von strengster Gewissenhaftigkeit geleitet, suchte erdie wissenschaftliche Begründung der Chirurgie und ihre Wiedervereinigung mit der internen Medizinherbeizuführen, und als Hauptmittel des chirurgischen Unterrichts galt ihmder Hinweis auf konkrete Fälle. „Bona casuum narratio multum corroborat operantem.” — „Nam omnis scientia, quae dependet ab operatione multum corrobatur per experientiam.” Mehr aber als Saliceto huldigte Lanfranchi der literarischen Gelehrsamkeit, ja selbst dem Scholastizismus, und unverkennbar ist ein Rückschritt darin zu erblicken, daß er gegenüber der Ausführung großer Operationen (z. B. Herniotomie, Steinschnitt) oft übertriebene Zaghaftigkeit zur Schau trägt.
Lanfranchi(Lanfranco, Lanfrancus, Alanfranc u. a.) aus Mailand, der hervorragendste Jünger Salicetos, wirkte zuerst als Chirurg und Internist in seiner Vaterstadt, aus der er infolge politischer Konflikte im Jahre 1290 verbannt wurde. Wie manche andere italienische Aerzte[73]suchte er in Frankreich ein Asyl, begab sich zunächst nach Lyon, wo er dieChirurgia parvaschrieb, reiste sodann, immer seine Kunst ausübend, durch verschiedene Provinzen, um schließlich seit 1295 in Paris dauernden Aufenthalt zu nehmen. Hier entwickelte er in Verbindung mit seiner großen Praxis eine sehr ersprießliche Lehrtätigkeit, welche nach seiner (besonders durch den Dekan der medizinischen Fakultät, Jean Passavant, angeregten) Aufnahme ins Collège de St. Côme dem Ansehen der Pariser Chirurgenvereinigung in hohem Maße zu gute kam. Das Neue der Lehrweise bestand in der Oeffentlichkeit der Operationen, an die sich instruktive Vorträge knüpften, also in der echtklinischen Unterrichtsmethode. Lanfranchi beendete 1296 sein Hauptwerk, welches ihm den Nachruhm sicherte, die dem König Philipp dem Schönen gewidmeteChirurgia magna. Sein Todesjahr ist nicht festgestellt, doch scheint er noch vor 1306 gestorben zu sein.DieChirurgia parva(in Collect. chir. Venet., deutsche Uebersetzung von O. Brunfels, Kleyne Wundartznei des hochberümpten L., Straßburg 1528; alte spanische Uebersetzung, Sevilla 1495) ist nur ein Abriß, der in 16 Kapiteln das allernotwendigste chirurgische Wissensmaterial enthält. DieChirurgia magna═ Practica quae dicitur ars completa totius chirurgiae (Venet. 1490, in Coll. chir. Venet., alte französische Uebersetzung von G. Yvoire, Lyon 1490; alte englische Uebersetzung veröffentlicht in Early English Text Society 1894 unter dem Titel Lanfrank's Science of Cirurgie) zerfällt in 5 Traktate, welche in Doktrinen und Kapitel eingeteilt sind[74].Traktat Ibeginnt mit der Definition der Chirurgie (cyrurgia von „cyros” ═ manus und „gyos” ═ operatio!) und einer Deontologie. Von den Eigenschaften, die der Chirurg besitzen soll, heißt es unter anderem: manus habeat bene formatas: digitos graciles et longos: corpus forte non tremulum: membra cuncta habilia ad perficiendum bonas animae operationes. Sit subtilis ingenii. Sit naturalis, humilis et fortis animi, non audacis. Naturali scientia sit munitus: non medicina solum sed in omnibus partibus phylosophiae studeat: naturalis logicam sciat: ut scripturas intelligat: loquatur congrue: quod docet grammatica: propositiones suas sciat rationibus approbare: quod docet dyalectica: verba sua sciat secundum intentionem propositam adaptare: quod docet rhetorica. Adeo noscat ethicam quod spernat vitia et mores habeat virtuosos: non sit gulosus: non adulter: non invidus: non avarus: sit fidelis. ... In aegri domo verba curae non pertinentia non loquantur. Mulierem de domo aegri visu temerario respicere non praesumat, nec cum ea loquatur ad consilium nisi pro utilitate curae: non det in domo aegri consilium nisi petitum: cum aegro vel aliquo de familia non rixetur: sed blande loquatur aegro: promittens eidem quamque salutem in aegritudine. Et si de ipsius salute fuerit desperatus, cum parentibus et amicis casum prout est expositione non postponat. Curas difficiles non diligat et de desperatis nullatenus se intromittat. Pauperes pro posse juvet: a divitibus bona salaria petere non formidet: ore se proprio non collaudet, alios aspere non increpet, medicos omnes honoret et clericos. nullum cyrurgicum pro posse sibi faciat odiosum. ...Sic addiscat physicam, quod in cunctis operationibus sciat instrumentum ejus cyrurgicum theorice regulis approbare, quod docet physica. Nam necessarium est quod cyrurgicus sciat theoricam sicut potest syllogizando probari. Omnis practicus est theoricus: omnis cyrurgicus est practicus: ergo omnis cyrurgicus est theoricus.... Der Schluß dieses Kapitels klingt in die Forderung aus,daß der Chirurg auch von der Medizin eine vollständige Kenntnis besitzen müsse. Nach einem kurzen Ueberblick über Anatomie und Physiologie handelt Lanfranchi von den Wunden und Geschwüren. Die Wunde wurde gewöhnlich mit einem Verband behandelt, bei dem „pura clara ovi” oder das rote Pulver (vgl. S. 307) direkt appliziert wurden; bei großen, klaffenden Wunden kam die Naht zur Anwendung (Naht auch bei vollständig queren Nervendurchtrennungen, im Gegensatz zu Theodorich). Bemerkenswert ist es, daß auf den Einfluß hingewiesen wird, den die Luft auf die Eiterbildung in Wunden ausübt. Unter den Methoden der Blutstillung wird auch dieDigitalkompressionund dieUnterbindung(vielleicht auch die Torsion)der Gefäßeerwähnt. Verwundete müssen sich im allgemeinen, wenigstens anfangs, von Wein und substantiöser Nahrung enthalten. Die Geschwüre werden eingeteilt in ulcera virulenta, sordida, profunda, corrosiva, putrida, ambulativa und ulcera difficilis consolidationis.Hindernisse für die Geschwürsheilung sind oft in dem Sitze der Geschwüre oder in der Folgewirkung gewisser Krankheiten(mala dispositio totius corporis ut ydropisis, Leber-, Milzleiden etc.)zu suchen. Der „cancer apertus” soll nur dann mit dem Messer oder Glüheisen angegriffen werden, wenn die vollständige Entfernung möglich ist. Wenn der Wundstarrkrampf durch Verletzung einer Sehne oder eines Nerven (welche beide voneinander nicht genügend geschieden wurden) entstanden ist, so empfiehlt es sich (falls Aderlaß, Schröpfköpfe, Klysmen etc. nutzlos blieben) die völlige Durchtrennung vorzunehmen.Traktat IIhandelt von den Wunden der einzelnen Körperteile a capite ad calcem, wobei anatomische Erörterungen stets vorausgeschickt werden.Zeichen einer Schädelfraktur sind: der rauhe, klirrende Ton beimBeklopfen der Schädeldeckemit einem Stäbchen, die Schmerzempfindung des Patienten, wenn an einem, von diesem mit den Zähnen gehaltenen Faden mit den Nägeln geschabt wird. Die Hirnsymptome bei Schädelbruch werden treffend abgehandelt. Lanfranchi wendet sich gegen die übermäßige Anwendung der Trepanation, die er nur bei Depression eines Fragments und bei Durareizung für indiziert erklärt.Die Wiederanheilung von ganz abgehauenen Nasen hält er für unmöglich.Traktat IIIbetrifft zunächst die Hautleiden (Impetigo, Morphea, Serpigo, Lepra etc.) und die„Apostemata”, worunter nicht bloß Abszesse, sondern auch manche Geschwülste verstanden werden (z. B. Kröpfe, deren Entstehung namentlich auf das Trinkwasser und auf das Leben im Gebirge zurückgeführt ist). In der Behandlung der Abszesse spielt diehumorale Auffassungeine sehr bedeutende Rolle in Form der Evacuantia, Repercussiva (Zurücktreibung bezw. Verteilung der Materie), Maturativa. Es folgen die Augen-, Ohren- und Nasenkrankheiten, die Affektionen der Brustdrüsen, Hernien, Nieren- und Blasensteine, Geschlechtsleiden, die verschiedenen Arten der Wassersucht, Hämorrhoiden, Varices. Bemerkenswert ist es, daß Lanfranchi sich gegenüber der Radikaloperation der Hernien vorsichtig zuwartend verhält (Empfehlung von Bruchbändernund einer angemessenen Lebensweise), daß er die Nephro-Lithotomie verwirft und den Blasenschnitt nur dann anrät, wenn innere Mittel, Sitzbäder u. dgl., im Stiche ließen. Dieselbe Vorsicht bekundet er auch hinsichtlich der Parazentese des Abdomens bei Ascites, wobei er dagegen eifert, daß man diese Operation zumeist, ohne Berücksichtigung der Grundkrankheit und der individuellen Verhältnisse, schablonenhaft ausführe. Den Beschluß dieses Traktats bilden Vorschriften über die Technik der Venäsektion[(1)], des Schröpfens, der Kauterisation (mit 10 Abbildungen verschiedener Arten von Glüheisen, Cauterium punctuale, rotundum, radiale, cultellare, subtile, dactilare, triangulare, acuale, linguale, C. cum tenaculis perforatis). Was die Technik des Aderlasses anlangt, so ist im allgemeinen die Inzision der Länge nach empfohlen; als Aderlaßvenen kommen 30 in Betracht; neben den zahlreichen Indikationen wird auch der Kontraindikation bei Kindern, Greisen, Schwangeren etc. Rechnung getragen. Lanfranchi erhebt hier Klage darüber, daß der Aderlaß denBadernüberlassen wurde, und über die Trennung der Medizin von der Chirurgie. Et jam scivisti quod licet propter nostram superbiam flebotomiae officium bartitonsoribus sit relictum, quod antiquitus erst medicorum opus et maxime quando cyrurgici illud officium exercebant. O deus quare fit hodie tanta differentia inter physicum et cyrurgicum, nisi quoniam physici manualem operationem laicis reliquerunt, aut quoniam operariut dicunt quidam cum manibus dedignantur: aut quod magis credo, quoniam operationis modum quod apud scientiam est necessarium non noverunt. et haec abusio tantum valuit propter antiquam dissuetudinem: quod apud quosdam de vulgo credatur impossibile quod unus homo possit scire magisterium utriusque.Sed sciat quicunque quod non erit bonus medicus, qui operationem cyrurgiae penitus ignorabit. Et sicut est dictum cyrurgicus debet haberi pro nullo qui medicinam ignorat: imo est ei necessarium partes medicinae singulas bene scire.Traktat IVenthält die Lehre von den Frakturen und Luxationen.Traktat Vist ein Antidotarium.
Lanfranchi(Lanfranco, Lanfrancus, Alanfranc u. a.) aus Mailand, der hervorragendste Jünger Salicetos, wirkte zuerst als Chirurg und Internist in seiner Vaterstadt, aus der er infolge politischer Konflikte im Jahre 1290 verbannt wurde. Wie manche andere italienische Aerzte[73]suchte er in Frankreich ein Asyl, begab sich zunächst nach Lyon, wo er dieChirurgia parvaschrieb, reiste sodann, immer seine Kunst ausübend, durch verschiedene Provinzen, um schließlich seit 1295 in Paris dauernden Aufenthalt zu nehmen. Hier entwickelte er in Verbindung mit seiner großen Praxis eine sehr ersprießliche Lehrtätigkeit, welche nach seiner (besonders durch den Dekan der medizinischen Fakultät, Jean Passavant, angeregten) Aufnahme ins Collège de St. Côme dem Ansehen der Pariser Chirurgenvereinigung in hohem Maße zu gute kam. Das Neue der Lehrweise bestand in der Oeffentlichkeit der Operationen, an die sich instruktive Vorträge knüpften, also in der echtklinischen Unterrichtsmethode. Lanfranchi beendete 1296 sein Hauptwerk, welches ihm den Nachruhm sicherte, die dem König Philipp dem Schönen gewidmeteChirurgia magna. Sein Todesjahr ist nicht festgestellt, doch scheint er noch vor 1306 gestorben zu sein.
DieChirurgia parva(in Collect. chir. Venet., deutsche Uebersetzung von O. Brunfels, Kleyne Wundartznei des hochberümpten L., Straßburg 1528; alte spanische Uebersetzung, Sevilla 1495) ist nur ein Abriß, der in 16 Kapiteln das allernotwendigste chirurgische Wissensmaterial enthält. DieChirurgia magna═ Practica quae dicitur ars completa totius chirurgiae (Venet. 1490, in Coll. chir. Venet., alte französische Uebersetzung von G. Yvoire, Lyon 1490; alte englische Uebersetzung veröffentlicht in Early English Text Society 1894 unter dem Titel Lanfrank's Science of Cirurgie) zerfällt in 5 Traktate, welche in Doktrinen und Kapitel eingeteilt sind[74].Traktat Ibeginnt mit der Definition der Chirurgie (cyrurgia von „cyros” ═ manus und „gyos” ═ operatio!) und einer Deontologie. Von den Eigenschaften, die der Chirurg besitzen soll, heißt es unter anderem: manus habeat bene formatas: digitos graciles et longos: corpus forte non tremulum: membra cuncta habilia ad perficiendum bonas animae operationes. Sit subtilis ingenii. Sit naturalis, humilis et fortis animi, non audacis. Naturali scientia sit munitus: non medicina solum sed in omnibus partibus phylosophiae studeat: naturalis logicam sciat: ut scripturas intelligat: loquatur congrue: quod docet grammatica: propositiones suas sciat rationibus approbare: quod docet dyalectica: verba sua sciat secundum intentionem propositam adaptare: quod docet rhetorica. Adeo noscat ethicam quod spernat vitia et mores habeat virtuosos: non sit gulosus: non adulter: non invidus: non avarus: sit fidelis. ... In aegri domo verba curae non pertinentia non loquantur. Mulierem de domo aegri visu temerario respicere non praesumat, nec cum ea loquatur ad consilium nisi pro utilitate curae: non det in domo aegri consilium nisi petitum: cum aegro vel aliquo de familia non rixetur: sed blande loquatur aegro: promittens eidem quamque salutem in aegritudine. Et si de ipsius salute fuerit desperatus, cum parentibus et amicis casum prout est expositione non postponat. Curas difficiles non diligat et de desperatis nullatenus se intromittat. Pauperes pro posse juvet: a divitibus bona salaria petere non formidet: ore se proprio non collaudet, alios aspere non increpet, medicos omnes honoret et clericos. nullum cyrurgicum pro posse sibi faciat odiosum. ...Sic addiscat physicam, quod in cunctis operationibus sciat instrumentum ejus cyrurgicum theorice regulis approbare, quod docet physica. Nam necessarium est quod cyrurgicus sciat theoricam sicut potest syllogizando probari. Omnis practicus est theoricus: omnis cyrurgicus est practicus: ergo omnis cyrurgicus est theoricus.... Der Schluß dieses Kapitels klingt in die Forderung aus,daß der Chirurg auch von der Medizin eine vollständige Kenntnis besitzen müsse. Nach einem kurzen Ueberblick über Anatomie und Physiologie handelt Lanfranchi von den Wunden und Geschwüren. Die Wunde wurde gewöhnlich mit einem Verband behandelt, bei dem „pura clara ovi” oder das rote Pulver (vgl. S. 307) direkt appliziert wurden; bei großen, klaffenden Wunden kam die Naht zur Anwendung (Naht auch bei vollständig queren Nervendurchtrennungen, im Gegensatz zu Theodorich). Bemerkenswert ist es, daß auf den Einfluß hingewiesen wird, den die Luft auf die Eiterbildung in Wunden ausübt. Unter den Methoden der Blutstillung wird auch dieDigitalkompressionund dieUnterbindung(vielleicht auch die Torsion)der Gefäßeerwähnt. Verwundete müssen sich im allgemeinen, wenigstens anfangs, von Wein und substantiöser Nahrung enthalten. Die Geschwüre werden eingeteilt in ulcera virulenta, sordida, profunda, corrosiva, putrida, ambulativa und ulcera difficilis consolidationis.Hindernisse für die Geschwürsheilung sind oft in dem Sitze der Geschwüre oder in der Folgewirkung gewisser Krankheiten(mala dispositio totius corporis ut ydropisis, Leber-, Milzleiden etc.)zu suchen. Der „cancer apertus” soll nur dann mit dem Messer oder Glüheisen angegriffen werden, wenn die vollständige Entfernung möglich ist. Wenn der Wundstarrkrampf durch Verletzung einer Sehne oder eines Nerven (welche beide voneinander nicht genügend geschieden wurden) entstanden ist, so empfiehlt es sich (falls Aderlaß, Schröpfköpfe, Klysmen etc. nutzlos blieben) die völlige Durchtrennung vorzunehmen.Traktat IIhandelt von den Wunden der einzelnen Körperteile a capite ad calcem, wobei anatomische Erörterungen stets vorausgeschickt werden.Zeichen einer Schädelfraktur sind: der rauhe, klirrende Ton beimBeklopfen der Schädeldeckemit einem Stäbchen, die Schmerzempfindung des Patienten, wenn an einem, von diesem mit den Zähnen gehaltenen Faden mit den Nägeln geschabt wird. Die Hirnsymptome bei Schädelbruch werden treffend abgehandelt. Lanfranchi wendet sich gegen die übermäßige Anwendung der Trepanation, die er nur bei Depression eines Fragments und bei Durareizung für indiziert erklärt.Die Wiederanheilung von ganz abgehauenen Nasen hält er für unmöglich.Traktat IIIbetrifft zunächst die Hautleiden (Impetigo, Morphea, Serpigo, Lepra etc.) und die„Apostemata”, worunter nicht bloß Abszesse, sondern auch manche Geschwülste verstanden werden (z. B. Kröpfe, deren Entstehung namentlich auf das Trinkwasser und auf das Leben im Gebirge zurückgeführt ist). In der Behandlung der Abszesse spielt diehumorale Auffassungeine sehr bedeutende Rolle in Form der Evacuantia, Repercussiva (Zurücktreibung bezw. Verteilung der Materie), Maturativa. Es folgen die Augen-, Ohren- und Nasenkrankheiten, die Affektionen der Brustdrüsen, Hernien, Nieren- und Blasensteine, Geschlechtsleiden, die verschiedenen Arten der Wassersucht, Hämorrhoiden, Varices. Bemerkenswert ist es, daß Lanfranchi sich gegenüber der Radikaloperation der Hernien vorsichtig zuwartend verhält (Empfehlung von Bruchbändernund einer angemessenen Lebensweise), daß er die Nephro-Lithotomie verwirft und den Blasenschnitt nur dann anrät, wenn innere Mittel, Sitzbäder u. dgl., im Stiche ließen. Dieselbe Vorsicht bekundet er auch hinsichtlich der Parazentese des Abdomens bei Ascites, wobei er dagegen eifert, daß man diese Operation zumeist, ohne Berücksichtigung der Grundkrankheit und der individuellen Verhältnisse, schablonenhaft ausführe. Den Beschluß dieses Traktats bilden Vorschriften über die Technik der Venäsektion[(1)], des Schröpfens, der Kauterisation (mit 10 Abbildungen verschiedener Arten von Glüheisen, Cauterium punctuale, rotundum, radiale, cultellare, subtile, dactilare, triangulare, acuale, linguale, C. cum tenaculis perforatis). Was die Technik des Aderlasses anlangt, so ist im allgemeinen die Inzision der Länge nach empfohlen; als Aderlaßvenen kommen 30 in Betracht; neben den zahlreichen Indikationen wird auch der Kontraindikation bei Kindern, Greisen, Schwangeren etc. Rechnung getragen. Lanfranchi erhebt hier Klage darüber, daß der Aderlaß denBadernüberlassen wurde, und über die Trennung der Medizin von der Chirurgie. Et jam scivisti quod licet propter nostram superbiam flebotomiae officium bartitonsoribus sit relictum, quod antiquitus erst medicorum opus et maxime quando cyrurgici illud officium exercebant. O deus quare fit hodie tanta differentia inter physicum et cyrurgicum, nisi quoniam physici manualem operationem laicis reliquerunt, aut quoniam operariut dicunt quidam cum manibus dedignantur: aut quod magis credo, quoniam operationis modum quod apud scientiam est necessarium non noverunt. et haec abusio tantum valuit propter antiquam dissuetudinem: quod apud quosdam de vulgo credatur impossibile quod unus homo possit scire magisterium utriusque.Sed sciat quicunque quod non erit bonus medicus, qui operationem cyrurgiae penitus ignorabit. Et sicut est dictum cyrurgicus debet haberi pro nullo qui medicinam ignorat: imo est ei necessarium partes medicinae singulas bene scire.Traktat IVenthält die Lehre von den Frakturen und Luxationen.Traktat Vist ein Antidotarium.
Während die chirurgische Kunst in der Seinestadt schon ihre erste Blüte entfaltete, stand dieParisermedizinische Fakultät hinter den anderen ärztlichen Schulen an tatsächlicher Bedeutung wie an Ansehen weit zurück, und aus den spärlichen Nachrichten, die wir besitzen, läßt sich ersehen, daß man dort die Heilwissenschaft ganz unter die drückende Herrschaft des Scholastizismus brachte, hingegen die praktische Ausbildung arg vernachlässigte.
Im Gegensatz hierzu trug die Schule vonMontpellierder Empirie in Forschung und Lehrweise einigermaßen Rechnung[75], eine Richtung, welche noch zielbewußter verfolgt wurde, seitdem der glänzendste Vertreter der Medizin des 13. Jahrhunderts auf die dortigen Studienverhältnisse von Einfluß wurde, der große KatalonierArnaldus de Villanova(† 1311)[76], eine der eigenartigsten und interessantesten Persönlichkeiten des ganzen Mittelalters.
Die Lebensgeschichte desArnaldus de Villanova(Arnoldus, Arnauldus, Arnaudus, Rainaldus, Reginaldus, Villanovanus, de Nova Villa, Catalanus, Cathelanus, Provincialis) ist uns — charakteristisch für den wenig historischen Sinn des Mittelalters — einerseits höchst lückenhaft, anderseits entstellt durch viele widerspruchsvolle Angaben und durch phantastische Zutaten Späterer überliefert worden,welch letztere erst in jüngster Zeit durch gründliche Quellenforschungen ihre Revision erfahren haben. Leider bleibt aber noch vieles im Lebenslauf und hinsichtlich der Schriften Arnalds unaufgeklärt.Arnald von Villanova dürfte innerhalb des Zeitabschnittes 1234-1240 geboren sein, als seine Heimat ist mit einer, an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit Spanien und zwar die Diözese von Valencia anzunehmen, ohne daß die Frage nach dem eigentlichen Geburtsort gelöst wäre — gibt es doch eine ganze Reihe von Ortschaften des Namens Villanueva. Arnald war nach eigener Angabe von niedriger Abkunft und wuchs, wie er dankbar erwähnt, in einem Kloster der Dominikaner auf. Nachdem er eine, übrigens mangelhafte, elementare Schulbildung erworben hatte, wandte er sich dem Studium der Theologie, Sprachkunde (Hebräisch), Philosophie, hauptsächlich aber der Naturwissenschaft (Alchemie, Physik) und Medizin mit größtem Eifer zu. Geht dies, abgesehen von gelegentlichen autobiographischen Bemerkungen, schon aus dem Inhalt seiner Werke hervor, welche ein, auch für die damalige Zeit selten umfassendes Wissen verraten, so sind wir dagegen über die Studienorte nicht ganz hinreichend orientiert. Jedenfalls spieltenParisundMontpellierunter diesen die Hauptrolle, als medizinischer Lehrer wird von ihm bloß Johannes (Casamida) Casamicciola rühmend erwähnt, der inNeapelals Professor und Leibarzt tätig war. Zweifellos hat Arnald nicht nur aus Büchern studiert, sondern auch auf Reisen, im Verkehr mit sarazenischen Aerzten (die arabische Sprache konnte er sich in Spanien leicht aneignen), mit hervorragenden Zeitgenossen und mit dem Volke seine Kenntnisse ergänzt und reichere Erfahrung als viele andere gesammelt. Schon in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts erfreute er sich eines bedeutenden Rufes als Arzt, wurde in Italien öfters zu vornehmen Personen berufen und trat später als Konsiliarius in den Dienst Pedros III. von Aragonien. Hatte er eine Zeitlang in Barcelona einen festen Wohnsitz, so ließ er sich vielleicht schon seit 1289, jedenfalls aber nicht über das Jahr 1299 hinaus, in Montpellier nieder, wo er nicht nur die Praxis ausübte, sondern auch mit großem Erfolg als Lehrer wirkte und einige der wichtigsten von seinen zahlreichen medizinischen Schriften verfaßte. Wenn Arnald auch fürderhin als ärztlicher Praktiker in verschiedenen Städten Italiens, Frankreichs und Spaniens, als medizinischer Schriftsteller und als Alchemist die Bewunderung seiner Zeitgenossen erregte, so ist doch der Schwerpunkt seines Wirkens in der späteren Epoche seines Lebens insbesondere indiplomatischen Aktionenim Interesse Aragoniens und inreligiös-reformatorischen Strebungenzu suchen. Im Jahre 1299 geriet Arnald, als er als Gesandter Aragoniens am Hofe Philipps des Schönen weilte, mit den Pariser Theologen wegen seiner teils freien, teils mystischen (chiliastischen, spiritualistischen) religiösen Anschauungen in Konflikt und wurde vor das Inquisitionsgericht gestellt, das ihn nach kurzdauernder Verhaftung zum Widerruf zwang und seine Schrift de adventu Antichristi als häretisch verurteilte. Unter fortgesetzten Protesten mutig bei seinen religiösen Ansichten verharrend und dieselben in Streitschriften vertretend, suchte er sich bei den Päpsten Bonifaz VIII., dessen Gunst er durch ärztliche Dienstleistungen zu erwerben wußte[77],und Benedikt XI. (bei diesem vergeblich) zu rechtfertigen, seine Rehabilitation erlangte er aber erst durch Clemens V., der ihn ehrenvoll aufnahm und ihm die größte Hochachtung bezeigte. Auf die Einzelheiten des reichbewegten Lebens, das Arnald bald nach Italien und Frankreich, bald in die spanische Heimat führte, kann hier nicht eingegangen werden, ebensowenig auf die religiösen und diplomatischen Beziehungen, welche er zu den Päpsten, zu Jayme II. von Aragonien, zu dessen Bruder Friedrich III. von Sizilien und zu dem wissensfreundlichen Robert von Neapel hatte. Es sei nur erwähnt, daß Arnald von Villanova, verehrt von den Freunden, gehaßt und gefürchtet von den Feinden, vermöge seiner geistigen Ueberlegenheit und seines suggestiven, imponierenden Wesens in der Geschichte der religiösen Bewegungen und kirchenpolitischen Ereignisse des ausgehenden 13. und des beginnenden 14. Jahrhunderts eine höchst einflußreiche Rolle spielte. Er diente gekrönten Häuptern zum Berater, er erfüllte die Könige von Aragonien und Sizilien mit seinen schwärmerischen religiösen Ideen, an ihn wandten sich die bedrohten Tempelritter und die bedrängten Mönche vom Berge Athos um Hilfe, seinen Anregungen entsprang eine durchgreifend neue Gesetzgebung für Sizilien. Nach glaubwürdigen Chroniken ist Arnald auf einer Reise an den Hof Clemens V. auf dem Meere im Angesicht der Küste vor Genua gestorben (1311)[78]. Konnte ihn bei Lebzeiten das Wohlwollen der Päpste Bonifaz VIII. und Clemens V. gegen die Verfolgungen seiner Feinde schützen, so ruhte nach seinem Tode keineswegs das Inquisitionsverfahren gegen seine philosophisch-theologischen Schriften, welche kirchliche Mißstände schonungslos geißelten. Infolge des 1316 gefällten Inquisitionsurteils wurden die meisten derselben als ketzerisch verdammt und der Vernichtung preisgegeben. Unter diesen Umständen kann es nicht wundernehmen, daß Arnald auch der Zauberei und des Bündnisses mit dem Teufel bezichtigt wurde.Arnald von Villanova war ein außerordentlich fruchtbarer Autor. Seine in barbarischem Latein abgefaßten, aber doch einer gewissen Eleganz des Ausdrucks nicht entbehrenden Schriften[79]beziehen sich, soweit sie erhalten sind, hauptsächlich auf Medizin, Alchemie, Astrologie. Ihr Umfang ist ein sehr verschiedener, manche besitzen eine sehr bedeutende Ausdehnung, andere füllen kaum mehr als eine Foliospalte. Gedruckt sind über 60. Ueber die Echtheit herrscht im einzelnen Zweifel. Gesamtausgaben seiner Werke (unvollständig und ohne Kritik der Echtheit), Lugd. 1504, 1509, 1520, 1532, Venet. 1505, 1514, Paris 1509, Basil. 1515, 1560, 1585, die medizinischen Schriften (Praxis medicinalis), Lugd. 1586, die astronomisch-chemischen Schriften (Tractatus varii exoterici ac chymici), Lugd. 1586, außerdem Sonderausgaben einzelner Schriften und Uebersetzungen derselben.Zur Methodologie und Deontologie.Medicinalium introductionum(considerationum)speculum, Lips., s. a. Grundlagen der allgemeinen Pathologie und Therapie.De diversis intentionibus medicorumhandelt über die Prinzipien der medizinischen Wissenschaft, über Aetiologie, Diätetik.Cautelae medicorum(de opificio medici). Aerztliche Politik, Krankenexamen und Hygiene am Krankenbett. Die Schrift ist ein späteres Machwerk, das ausvier heterogenen Bestandteilenzusammengesetzt wurde. Von diesen geht höchstens einer, der von hoher sittlicher Auffassung des ärztlichen Berufes zeugt, auf Arnald zurück.De considerationibus operis medicinae(ad Grosseinum Coloniensem). Forderung einer rationellen Bearbeitung der Heilkunde gegenüber der verworrenen Anhäufung von „Partikularitäten” nach Art der Empiriker.Zur Physiologie.De humido radicali.De conceptione.Zur Hygiene und Diätetik.De regimine sanitatis(auch in Sonderausgaben, ital. Venezia 1549), fälschlich dem Arnaldus zugeschrieben, tatsächlich von dem Mailänder Arzte Magnino herrührend. Inhalt: Hygiene mit Rücksicht auf die verschiedenen Temperamente, Geschlechter, Klimate, Lebensalter, spezielle Hygiene der Nahrungsmittel,gewisser Berufe, hygienisches Verhalten bei Krankheiten, Rekonvaleszenz, Seuchen, Vorschriften über Aderlaß, Kauterien, Blutegel (Beachtung der Qualität derselben! manchmal nachfolgende Applikation von Schröpfköpfen auf die Wunde), Brechmittel, Purgiermittel.Regimen sanitatisad inclytum regem Aragonum directum et ordinatum (auch unter dem Titel Tractatusde conservatione sanitatisoder Consilium ad reg. Arag.), mehrmals besonders gedr. z. B. Paris 1573, Colon. 1586, ins Spanische (Sevilla 1526) u. a. Spr. übersetzt, handelt über den Einfluß der Luft, der Körperbewegung, der Bäder, des Schlafs, der Affekte, der Nahrungsmittel u. a.De conservanda juventute et retardanda senectute, Lips. 1511, übersetzt ins Italienische (Venez. 1550) und Englische. Pathologie und Diätetik des Greisenalters, Mittel zur Wiederverjüngung, darunter das Goldwasser. Die Schrift beginnt mit der Widmung ad Robertum, regem Hierosolymitanum et Siciliae.De regimine castra sequentium(vielleicht nicht von Arnald selbst, jedenfalls aber aus seiner Zeit herrührend).Lagerhygienein einem Kapitel. Deutsche Uebersetzung von R. v. Töply, Wien. med. Wochenschr. 1896.De bonitate memoriae. Ueber den Verlust des Gedächtnisses und Mittel zur Verhütung. Von zweifelhafter Echtheit.De coitu. De modo praeparandi cibos et potus infirmorum in aegritudine acuta, eine recht rationelle Krankendiät (vgl. hierzu Musandinus, S. 303).Compendium regiminis acutorum, bezieht sich ebenfalls auf die Krankendiät. Darstellungsweise scholastisch.De conferentibus et nocentibus principalibus membris corporis nostri, Lips. 1511 (mit de conservanda juventute), Basil. 1560, 1565 (mit den Parabolae).De esu carnium(pro sustentatione ordinis Carthusiensis contra Jacobitas). Verteidigung der ausschließlich vegetabilischen Diät.De confortatione visus secundum sex res non naturales(ed. Pansier in Coll. ophthalmolog. veter. auctar. Fasc. I, Paris 1903) handelt von der Hygiene im allgemeinen und von der Hygiene des Auges (nach dem entsprechenden Kapitel des Grabadin Mesuae, de cura oculorum).Zur Heilmittellehre, Pharmazie und Toxikologie.De dosibus theriacalibus.Liber aphorismorum de graduationibus medicinarum per artem compositarum.Simpliciagedr. auch unter dem Titel Aggregator practicus de simplicibus, Venet. 1520.Antidotarium, enthält nicht bloß eine Nomenklatur der Arzneimittel, sondern auch Angaben über Zubereitung und Anwendungsweise derselben. Gewarnt wird vor der Benützung kupferner Gefäße bei Bereitung der Acetosa, Dulcia u. a.De vinis, auch unter dem TitelElixir de vinorum confectionibus oder de secretis magnis medicinae et virtutibus mirabilibus specierum et artificialium vini, separ. gedr. z. B. Lips. ca. 1510, Lugd. 1517; deutsche Uebersetzung von Wilhelm v. Hirnkofen, Augsburg 1479, 1481, 1482, 1484, Ulm 1499 und noch öfters a. versch. O. im 16. Jahrhundert. Enthält Vorschriften über Zubereitung und diätetisch-therapeutische Anwendung von Arzneiweinen (Kräuterweinen mit Rad. Buglossae, Melisse, Korinthen, Rosmarin, Wermut u. s. w. angesetzt), Alkohol (aus Rotwein), ätherischen Oelen (z. B. Terpentinöl), aromatischen Wässern. Um natürlichen Weinen medizinische Kräfte zu geben, machte man Einschnitte in die Weinstöcke und brachte in diese Scammonium, Helleborus u. dgl. (vgl. Avenzoar). In dieser Schrift kommt eine Stelle vor, welche einen vorübergehenden Aufenthalt des Arnaldus in Afrika wahrscheinlich macht: Fortunae impetus ... commovit super me aquilonem et duxit me in Africam ad miseriam ipsam.De aquis medicinalibus(aq. bechice s. ptisane, diuretice, purgative, adstringentes et alterative).De venenis, Repertorium der Universalantidote, Symptomatologie und Therapie der Vergiftungen, Hauptquellen Plinius, Dioskurides und die Araber.De arte cognoscendi venena, mehrmals separat gedr. z. B. Mediol. 1475, Pad. 1487 (mit d. Libell. de venen. des Petr. Aponens. und d. Tract. de peste des Valescus de Taranta). Vorsichtsmaßregeln gegen Vergiftungen und Gegengifte.Zur Pathologie, Diagnostik und Therapie.Parabolaemedicationis secundum instinctum veritatis aeternae, quae dicuntur a medicis regulae generales curationis morborum, separat gedruckt Basil. 1560, 1565, Altenburg 1638, in der Articella Lugd. 1534, Hauptwerk des Arnaldus Philipp dem Schönen (1300) gewidmet, aus sieben Doktrinen mit 345 Aphorismen bestehend (der Kommentar zu den Aphorismen rührt von einem Schüler her). Inhalt:Allgemeine Grundsätze, spezielle interne und(von der 5. Doktrin angefangen)chirurgische Pathologie und Therapie. Diese Aphorismen enthalten viele bedeutsame Wahrheiten und verraten philosophischen Geist, Erfahrung, selbständiges Urteil.Tabulae quae medicum informant specialiter cum ignoratur aegritudo.Anempfehlung einer exspektativen oder mit diätetischen und indifferenten Mitteln hantierenden Therapie in zweifelhaften Fällen, nach dem Grundsatz: si non proficias, saltem non laedas.De parte operativa, handelt über Nervenleiden, Gehirnaffektionen, mit einem Anhang über Magen- und Darmtumoren.Aphorismi de ingeniis nocivis, curativis et praeservativis morborum, speciales corporis partes respicientes, summarische Pathologie (Lethargie, Phrenesis, Paralyse, Apoplexie, Epilepsie u. s. w.).Compendium medicinae practicaeBreviariumpracticae a capite usque ad plantam pedis, cum capitulo generali de urinis et tractatus de omnibus febribus, peste empiala et liparia, erschien in Sonderausgabe Mediol. 1483, Venet. 1494, 1497, Lugd. 1532, früher von mancher Seite dem Arnaldus abgesprochen[80], besteht aus 4 Büchern, von denen die beiden ersten die örtlichen Krankheiten, das dritte die Lehre von den Frauenkrankheiten und die Behandlung bei Verletzungen durch giftige Tiere enthalten (eine Zusammenstellung, welche der Verf. boshafterweise damit begründet, „quia mulieres ut plurimum sunt animalia venenosa”); das vierte Buch handelt von der Harnsemiotik, von den Fiebern (auch in der Coll. Venet. de febr. 1576) und von einer Reihe von Respirations-, Digestions- und Nervenleiden.Das Breviarium nimmt unter den medizinischen Werken des Mittelalters eine ganz besonders hervorragende Stellung ein und beruht nicht bloß auf Schulmeinungen, sondern auch auf wirklich selbständiger Beobachtung;bemerkenswert ist es, daß der Verf. sich nicht scheute, auch von Empirikern und einfachen Frauen zu lernen, wobei freilich mancher therapeutischer Aberglauben mit unterläuft. In den Zitaten sind nicht wenige sonst ganz unbekannte Aerzte angeführt.Practica summaria, seu regimen ad instantiam domini papae Clementis. Therapie in 29 kurzen Kapiteln (von der Astrologie stark durchsetzt).Regimen sive consilium quartanae(in Briefform an den Papst Clemens V.? gerichtet), hauptsächlich diätetisch.Consilium sive cura febris ethicae(gleichfalls in Briefform), hygienisch-therapeutisch.Consilium sive regimen podagrae.Deutsche Uebersetzung Straßburg 1576. Rezeptsammlung gegen Gichtanfall und Gichtschmerz.Tractatus de sterilitate tam ex parte viri quam ex parte mulieris. Signa leprosorum.Als diagnostische Mittel zur Erkennung des Aussatzes werden auch gewisse Veränderungen des Harns, Pulses, des Blutes, der Stimme angeführt.De amore qui heroicus nominatur.Ueber physische und psychische Folgen der unglücklichen Liebe und die zweckmäßigste Behandlung (in Briefform an einen Arzt). Der Sitz des Leidens wird ins Gehirn verlegt, die therapeutischen Mittel sind Zerstreuungen, Spaziergänge, Musik, Bäder, religiöse Gespräche.Remedia contra maleficia, handelt von Mitteln gegen dämonische Verhinderung des Geschlechtsverkehrs. Sicher eine unterschobene Schrift.Regulae generales de febribus.Unterschobene Schrift.Tractatus contra calculum(an den Papst Benedikt XI.? gerichtet).Regimen curativum et praeservativum contra catarrhum, handelt nicht bloß von Katarrhen im engeren Sinne, sondern auch von rheumatischen Affektionen.De tremore cordis, enthält viele eigene Beobachtungen. Versuch einer Trennung des bloß symptomatischen Herzklopfens von den primären und sekundären Herzleiden. Therapie. Diätetisches Regime, Evakuantia, Diuretika.De epilepsia. Recepta electuarii mirabilis praeservantis ab epidemiaet confortantis mineram omnium virtutum. Destillat des Blutserums.De sanguine humanoad mag. Jacobum Toletanum in Briefform, gedr. mit anderen Schriften in Basel 1597 (als Anhang zu Joh. Rupescissa, de consideratione quintae essentiae), Lugd, 1572 (in angebl. Conr. Gesners Evonymus sive de remediis secretis), London 1576 (in der engl. Uebersetzung des genannten Werkes The newe Jewell of Health), neu publiziert von J. F. Payne im Janus 1903). Empfehlung eines Destillats aus Menschenblut als kräftigstes Wiederbelebungsmittel und Lebenselixir. Vgl. die Schr. Recepta electuarii mirabilis etc.Tractatus medicinae regalis.Unter den Rezepten findet sich auch dasjenige für aromatische Wässer, für das Goldwasser etc. Das Astrologische ist stark vertreten.De phlebotomia, höchstwahrscheinlich unterschobene Schrift.In französischer und spanischer Uebersetzung läuft auch ein Thesaurus pauperum unter Arnaldos Namen.Zur Kosmetik.De ornatu mulierum.Kulturgeschichtlich sehr interessant. Enthält auch Rezeptformeln gegen Hautleiden.De decoratione.Kommentare.Commentum super libello De mala complexione diversa cum textu Galieni.Quaestiones super libro De mala complexione diversa.Ganz scholastisch.Commentum super Regimen Salernitanum.Kommentar zu dem Salernitanischen Lehrgedicht (das in dieser Redaktion aus 370 Versen besteht), auf Grund der galenischen Temperamentenlehre. Die Verbreitung des Kommentars war eine enorme. Zahlreiche Ausgaben.Commentum super canonem: Vita brevis.Uebersetzungen.Liber Costae ben Lucae de physicis ligaturis. Liber Avicennae de viribus cordis (gedr. z. B. in den Op. Avicennae, Venet. 1570, t. IV).Zur Astrologie, Alchemie etc.Capitula astrologiae de judiciis infirmitatum secundum motum phanetarum, auch unter den Titeln Compendium astronomiae, Introductorium astrologiae in scientiam judiciorum astrorum, Introductorium astrologiae pro medicis, Brevis tractatus introductorius ad judicia astrologiae.Sigilla.Ueber Talismane.Expositiones visionum quae fiunt in somno.Traumdeuterei als Wissenschaft betrachtet, wahrscheinlich unterschoben. Von den unter dem Namen des Arnaldus gehenden, gewiß nur teilweise echten alchemistischen Schriften sind gedruckt: Thesaurus thesaurorum,Rosarius philosophorum ac omnium secretorum; Novum lumen; Perfectum magisterium et gaudium (auch unter anderen Titeln, z. B. Flos florum); Epistola super alchymia ad regem Neapolitanum; De lapide philosophorum; Cathena aurea; Testamentum; Novum testamentum; Speculum alchymiae; Fractica; Semita semitae; Quaestiones tam essentiales quam accidentales; Carmina Tractatus parabolarum; Explicatio compendii alchimiae Joannis Garlandii. — Handschriftlich ist noch eine ganze Reihe angeblich von Arnaldus herrührender medizinischer bezw. alchemistischer und astrologischer Schriften bekannt.
Die Lebensgeschichte desArnaldus de Villanova(Arnoldus, Arnauldus, Arnaudus, Rainaldus, Reginaldus, Villanovanus, de Nova Villa, Catalanus, Cathelanus, Provincialis) ist uns — charakteristisch für den wenig historischen Sinn des Mittelalters — einerseits höchst lückenhaft, anderseits entstellt durch viele widerspruchsvolle Angaben und durch phantastische Zutaten Späterer überliefert worden,welch letztere erst in jüngster Zeit durch gründliche Quellenforschungen ihre Revision erfahren haben. Leider bleibt aber noch vieles im Lebenslauf und hinsichtlich der Schriften Arnalds unaufgeklärt.
Arnald von Villanova dürfte innerhalb des Zeitabschnittes 1234-1240 geboren sein, als seine Heimat ist mit einer, an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit Spanien und zwar die Diözese von Valencia anzunehmen, ohne daß die Frage nach dem eigentlichen Geburtsort gelöst wäre — gibt es doch eine ganze Reihe von Ortschaften des Namens Villanueva. Arnald war nach eigener Angabe von niedriger Abkunft und wuchs, wie er dankbar erwähnt, in einem Kloster der Dominikaner auf. Nachdem er eine, übrigens mangelhafte, elementare Schulbildung erworben hatte, wandte er sich dem Studium der Theologie, Sprachkunde (Hebräisch), Philosophie, hauptsächlich aber der Naturwissenschaft (Alchemie, Physik) und Medizin mit größtem Eifer zu. Geht dies, abgesehen von gelegentlichen autobiographischen Bemerkungen, schon aus dem Inhalt seiner Werke hervor, welche ein, auch für die damalige Zeit selten umfassendes Wissen verraten, so sind wir dagegen über die Studienorte nicht ganz hinreichend orientiert. Jedenfalls spieltenParisundMontpellierunter diesen die Hauptrolle, als medizinischer Lehrer wird von ihm bloß Johannes (Casamida) Casamicciola rühmend erwähnt, der inNeapelals Professor und Leibarzt tätig war. Zweifellos hat Arnald nicht nur aus Büchern studiert, sondern auch auf Reisen, im Verkehr mit sarazenischen Aerzten (die arabische Sprache konnte er sich in Spanien leicht aneignen), mit hervorragenden Zeitgenossen und mit dem Volke seine Kenntnisse ergänzt und reichere Erfahrung als viele andere gesammelt. Schon in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts erfreute er sich eines bedeutenden Rufes als Arzt, wurde in Italien öfters zu vornehmen Personen berufen und trat später als Konsiliarius in den Dienst Pedros III. von Aragonien. Hatte er eine Zeitlang in Barcelona einen festen Wohnsitz, so ließ er sich vielleicht schon seit 1289, jedenfalls aber nicht über das Jahr 1299 hinaus, in Montpellier nieder, wo er nicht nur die Praxis ausübte, sondern auch mit großem Erfolg als Lehrer wirkte und einige der wichtigsten von seinen zahlreichen medizinischen Schriften verfaßte. Wenn Arnald auch fürderhin als ärztlicher Praktiker in verschiedenen Städten Italiens, Frankreichs und Spaniens, als medizinischer Schriftsteller und als Alchemist die Bewunderung seiner Zeitgenossen erregte, so ist doch der Schwerpunkt seines Wirkens in der späteren Epoche seines Lebens insbesondere indiplomatischen Aktionenim Interesse Aragoniens und inreligiös-reformatorischen Strebungenzu suchen. Im Jahre 1299 geriet Arnald, als er als Gesandter Aragoniens am Hofe Philipps des Schönen weilte, mit den Pariser Theologen wegen seiner teils freien, teils mystischen (chiliastischen, spiritualistischen) religiösen Anschauungen in Konflikt und wurde vor das Inquisitionsgericht gestellt, das ihn nach kurzdauernder Verhaftung zum Widerruf zwang und seine Schrift de adventu Antichristi als häretisch verurteilte. Unter fortgesetzten Protesten mutig bei seinen religiösen Ansichten verharrend und dieselben in Streitschriften vertretend, suchte er sich bei den Päpsten Bonifaz VIII., dessen Gunst er durch ärztliche Dienstleistungen zu erwerben wußte[77],und Benedikt XI. (bei diesem vergeblich) zu rechtfertigen, seine Rehabilitation erlangte er aber erst durch Clemens V., der ihn ehrenvoll aufnahm und ihm die größte Hochachtung bezeigte. Auf die Einzelheiten des reichbewegten Lebens, das Arnald bald nach Italien und Frankreich, bald in die spanische Heimat führte, kann hier nicht eingegangen werden, ebensowenig auf die religiösen und diplomatischen Beziehungen, welche er zu den Päpsten, zu Jayme II. von Aragonien, zu dessen Bruder Friedrich III. von Sizilien und zu dem wissensfreundlichen Robert von Neapel hatte. Es sei nur erwähnt, daß Arnald von Villanova, verehrt von den Freunden, gehaßt und gefürchtet von den Feinden, vermöge seiner geistigen Ueberlegenheit und seines suggestiven, imponierenden Wesens in der Geschichte der religiösen Bewegungen und kirchenpolitischen Ereignisse des ausgehenden 13. und des beginnenden 14. Jahrhunderts eine höchst einflußreiche Rolle spielte. Er diente gekrönten Häuptern zum Berater, er erfüllte die Könige von Aragonien und Sizilien mit seinen schwärmerischen religiösen Ideen, an ihn wandten sich die bedrohten Tempelritter und die bedrängten Mönche vom Berge Athos um Hilfe, seinen Anregungen entsprang eine durchgreifend neue Gesetzgebung für Sizilien. Nach glaubwürdigen Chroniken ist Arnald auf einer Reise an den Hof Clemens V. auf dem Meere im Angesicht der Küste vor Genua gestorben (1311)[78]. Konnte ihn bei Lebzeiten das Wohlwollen der Päpste Bonifaz VIII. und Clemens V. gegen die Verfolgungen seiner Feinde schützen, so ruhte nach seinem Tode keineswegs das Inquisitionsverfahren gegen seine philosophisch-theologischen Schriften, welche kirchliche Mißstände schonungslos geißelten. Infolge des 1316 gefällten Inquisitionsurteils wurden die meisten derselben als ketzerisch verdammt und der Vernichtung preisgegeben. Unter diesen Umständen kann es nicht wundernehmen, daß Arnald auch der Zauberei und des Bündnisses mit dem Teufel bezichtigt wurde.
Arnald von Villanova war ein außerordentlich fruchtbarer Autor. Seine in barbarischem Latein abgefaßten, aber doch einer gewissen Eleganz des Ausdrucks nicht entbehrenden Schriften[79]beziehen sich, soweit sie erhalten sind, hauptsächlich auf Medizin, Alchemie, Astrologie. Ihr Umfang ist ein sehr verschiedener, manche besitzen eine sehr bedeutende Ausdehnung, andere füllen kaum mehr als eine Foliospalte. Gedruckt sind über 60. Ueber die Echtheit herrscht im einzelnen Zweifel. Gesamtausgaben seiner Werke (unvollständig und ohne Kritik der Echtheit), Lugd. 1504, 1509, 1520, 1532, Venet. 1505, 1514, Paris 1509, Basil. 1515, 1560, 1585, die medizinischen Schriften (Praxis medicinalis), Lugd. 1586, die astronomisch-chemischen Schriften (Tractatus varii exoterici ac chymici), Lugd. 1586, außerdem Sonderausgaben einzelner Schriften und Uebersetzungen derselben.
Medicinalium introductionum(considerationum)speculum, Lips., s. a. Grundlagen der allgemeinen Pathologie und Therapie.De diversis intentionibus medicorumhandelt über die Prinzipien der medizinischen Wissenschaft, über Aetiologie, Diätetik.Cautelae medicorum(de opificio medici). Aerztliche Politik, Krankenexamen und Hygiene am Krankenbett. Die Schrift ist ein späteres Machwerk, das ausvier heterogenen Bestandteilenzusammengesetzt wurde. Von diesen geht höchstens einer, der von hoher sittlicher Auffassung des ärztlichen Berufes zeugt, auf Arnald zurück.De considerationibus operis medicinae(ad Grosseinum Coloniensem). Forderung einer rationellen Bearbeitung der Heilkunde gegenüber der verworrenen Anhäufung von „Partikularitäten” nach Art der Empiriker.
De humido radicali.De conceptione.
De regimine sanitatis(auch in Sonderausgaben, ital. Venezia 1549), fälschlich dem Arnaldus zugeschrieben, tatsächlich von dem Mailänder Arzte Magnino herrührend. Inhalt: Hygiene mit Rücksicht auf die verschiedenen Temperamente, Geschlechter, Klimate, Lebensalter, spezielle Hygiene der Nahrungsmittel,gewisser Berufe, hygienisches Verhalten bei Krankheiten, Rekonvaleszenz, Seuchen, Vorschriften über Aderlaß, Kauterien, Blutegel (Beachtung der Qualität derselben! manchmal nachfolgende Applikation von Schröpfköpfen auf die Wunde), Brechmittel, Purgiermittel.Regimen sanitatisad inclytum regem Aragonum directum et ordinatum (auch unter dem Titel Tractatusde conservatione sanitatisoder Consilium ad reg. Arag.), mehrmals besonders gedr. z. B. Paris 1573, Colon. 1586, ins Spanische (Sevilla 1526) u. a. Spr. übersetzt, handelt über den Einfluß der Luft, der Körperbewegung, der Bäder, des Schlafs, der Affekte, der Nahrungsmittel u. a.De conservanda juventute et retardanda senectute, Lips. 1511, übersetzt ins Italienische (Venez. 1550) und Englische. Pathologie und Diätetik des Greisenalters, Mittel zur Wiederverjüngung, darunter das Goldwasser. Die Schrift beginnt mit der Widmung ad Robertum, regem Hierosolymitanum et Siciliae.De regimine castra sequentium(vielleicht nicht von Arnald selbst, jedenfalls aber aus seiner Zeit herrührend).Lagerhygienein einem Kapitel. Deutsche Uebersetzung von R. v. Töply, Wien. med. Wochenschr. 1896.De bonitate memoriae. Ueber den Verlust des Gedächtnisses und Mittel zur Verhütung. Von zweifelhafter Echtheit.De coitu. De modo praeparandi cibos et potus infirmorum in aegritudine acuta, eine recht rationelle Krankendiät (vgl. hierzu Musandinus, S. 303).Compendium regiminis acutorum, bezieht sich ebenfalls auf die Krankendiät. Darstellungsweise scholastisch.De conferentibus et nocentibus principalibus membris corporis nostri, Lips. 1511 (mit de conservanda juventute), Basil. 1560, 1565 (mit den Parabolae).De esu carnium(pro sustentatione ordinis Carthusiensis contra Jacobitas). Verteidigung der ausschließlich vegetabilischen Diät.De confortatione visus secundum sex res non naturales(ed. Pansier in Coll. ophthalmolog. veter. auctar. Fasc. I, Paris 1903) handelt von der Hygiene im allgemeinen und von der Hygiene des Auges (nach dem entsprechenden Kapitel des Grabadin Mesuae, de cura oculorum).
De dosibus theriacalibus.Liber aphorismorum de graduationibus medicinarum per artem compositarum.Simpliciagedr. auch unter dem Titel Aggregator practicus de simplicibus, Venet. 1520.Antidotarium, enthält nicht bloß eine Nomenklatur der Arzneimittel, sondern auch Angaben über Zubereitung und Anwendungsweise derselben. Gewarnt wird vor der Benützung kupferner Gefäße bei Bereitung der Acetosa, Dulcia u. a.De vinis, auch unter dem TitelElixir de vinorum confectionibus oder de secretis magnis medicinae et virtutibus mirabilibus specierum et artificialium vini, separ. gedr. z. B. Lips. ca. 1510, Lugd. 1517; deutsche Uebersetzung von Wilhelm v. Hirnkofen, Augsburg 1479, 1481, 1482, 1484, Ulm 1499 und noch öfters a. versch. O. im 16. Jahrhundert. Enthält Vorschriften über Zubereitung und diätetisch-therapeutische Anwendung von Arzneiweinen (Kräuterweinen mit Rad. Buglossae, Melisse, Korinthen, Rosmarin, Wermut u. s. w. angesetzt), Alkohol (aus Rotwein), ätherischen Oelen (z. B. Terpentinöl), aromatischen Wässern. Um natürlichen Weinen medizinische Kräfte zu geben, machte man Einschnitte in die Weinstöcke und brachte in diese Scammonium, Helleborus u. dgl. (vgl. Avenzoar). In dieser Schrift kommt eine Stelle vor, welche einen vorübergehenden Aufenthalt des Arnaldus in Afrika wahrscheinlich macht: Fortunae impetus ... commovit super me aquilonem et duxit me in Africam ad miseriam ipsam.De aquis medicinalibus(aq. bechice s. ptisane, diuretice, purgative, adstringentes et alterative).De venenis, Repertorium der Universalantidote, Symptomatologie und Therapie der Vergiftungen, Hauptquellen Plinius, Dioskurides und die Araber.De arte cognoscendi venena, mehrmals separat gedr. z. B. Mediol. 1475, Pad. 1487 (mit d. Libell. de venen. des Petr. Aponens. und d. Tract. de peste des Valescus de Taranta). Vorsichtsmaßregeln gegen Vergiftungen und Gegengifte.
Parabolaemedicationis secundum instinctum veritatis aeternae, quae dicuntur a medicis regulae generales curationis morborum, separat gedruckt Basil. 1560, 1565, Altenburg 1638, in der Articella Lugd. 1534, Hauptwerk des Arnaldus Philipp dem Schönen (1300) gewidmet, aus sieben Doktrinen mit 345 Aphorismen bestehend (der Kommentar zu den Aphorismen rührt von einem Schüler her). Inhalt:Allgemeine Grundsätze, spezielle interne und(von der 5. Doktrin angefangen)chirurgische Pathologie und Therapie. Diese Aphorismen enthalten viele bedeutsame Wahrheiten und verraten philosophischen Geist, Erfahrung, selbständiges Urteil.Tabulae quae medicum informant specialiter cum ignoratur aegritudo.Anempfehlung einer exspektativen oder mit diätetischen und indifferenten Mitteln hantierenden Therapie in zweifelhaften Fällen, nach dem Grundsatz: si non proficias, saltem non laedas.De parte operativa, handelt über Nervenleiden, Gehirnaffektionen, mit einem Anhang über Magen- und Darmtumoren.Aphorismi de ingeniis nocivis, curativis et praeservativis morborum, speciales corporis partes respicientes, summarische Pathologie (Lethargie, Phrenesis, Paralyse, Apoplexie, Epilepsie u. s. w.).Compendium medicinae practicaeBreviariumpracticae a capite usque ad plantam pedis, cum capitulo generali de urinis et tractatus de omnibus febribus, peste empiala et liparia, erschien in Sonderausgabe Mediol. 1483, Venet. 1494, 1497, Lugd. 1532, früher von mancher Seite dem Arnaldus abgesprochen[80], besteht aus 4 Büchern, von denen die beiden ersten die örtlichen Krankheiten, das dritte die Lehre von den Frauenkrankheiten und die Behandlung bei Verletzungen durch giftige Tiere enthalten (eine Zusammenstellung, welche der Verf. boshafterweise damit begründet, „quia mulieres ut plurimum sunt animalia venenosa”); das vierte Buch handelt von der Harnsemiotik, von den Fiebern (auch in der Coll. Venet. de febr. 1576) und von einer Reihe von Respirations-, Digestions- und Nervenleiden.Das Breviarium nimmt unter den medizinischen Werken des Mittelalters eine ganz besonders hervorragende Stellung ein und beruht nicht bloß auf Schulmeinungen, sondern auch auf wirklich selbständiger Beobachtung;bemerkenswert ist es, daß der Verf. sich nicht scheute, auch von Empirikern und einfachen Frauen zu lernen, wobei freilich mancher therapeutischer Aberglauben mit unterläuft. In den Zitaten sind nicht wenige sonst ganz unbekannte Aerzte angeführt.Practica summaria, seu regimen ad instantiam domini papae Clementis. Therapie in 29 kurzen Kapiteln (von der Astrologie stark durchsetzt).Regimen sive consilium quartanae(in Briefform an den Papst Clemens V.? gerichtet), hauptsächlich diätetisch.Consilium sive cura febris ethicae(gleichfalls in Briefform), hygienisch-therapeutisch.Consilium sive regimen podagrae.Deutsche Uebersetzung Straßburg 1576. Rezeptsammlung gegen Gichtanfall und Gichtschmerz.Tractatus de sterilitate tam ex parte viri quam ex parte mulieris. Signa leprosorum.Als diagnostische Mittel zur Erkennung des Aussatzes werden auch gewisse Veränderungen des Harns, Pulses, des Blutes, der Stimme angeführt.De amore qui heroicus nominatur.Ueber physische und psychische Folgen der unglücklichen Liebe und die zweckmäßigste Behandlung (in Briefform an einen Arzt). Der Sitz des Leidens wird ins Gehirn verlegt, die therapeutischen Mittel sind Zerstreuungen, Spaziergänge, Musik, Bäder, religiöse Gespräche.Remedia contra maleficia, handelt von Mitteln gegen dämonische Verhinderung des Geschlechtsverkehrs. Sicher eine unterschobene Schrift.Regulae generales de febribus.Unterschobene Schrift.Tractatus contra calculum(an den Papst Benedikt XI.? gerichtet).Regimen curativum et praeservativum contra catarrhum, handelt nicht bloß von Katarrhen im engeren Sinne, sondern auch von rheumatischen Affektionen.De tremore cordis, enthält viele eigene Beobachtungen. Versuch einer Trennung des bloß symptomatischen Herzklopfens von den primären und sekundären Herzleiden. Therapie. Diätetisches Regime, Evakuantia, Diuretika.De epilepsia. Recepta electuarii mirabilis praeservantis ab epidemiaet confortantis mineram omnium virtutum. Destillat des Blutserums.De sanguine humanoad mag. Jacobum Toletanum in Briefform, gedr. mit anderen Schriften in Basel 1597 (als Anhang zu Joh. Rupescissa, de consideratione quintae essentiae), Lugd, 1572 (in angebl. Conr. Gesners Evonymus sive de remediis secretis), London 1576 (in der engl. Uebersetzung des genannten Werkes The newe Jewell of Health), neu publiziert von J. F. Payne im Janus 1903). Empfehlung eines Destillats aus Menschenblut als kräftigstes Wiederbelebungsmittel und Lebenselixir. Vgl. die Schr. Recepta electuarii mirabilis etc.Tractatus medicinae regalis.Unter den Rezepten findet sich auch dasjenige für aromatische Wässer, für das Goldwasser etc. Das Astrologische ist stark vertreten.De phlebotomia, höchstwahrscheinlich unterschobene Schrift.
In französischer und spanischer Uebersetzung läuft auch ein Thesaurus pauperum unter Arnaldos Namen.
De ornatu mulierum.Kulturgeschichtlich sehr interessant. Enthält auch Rezeptformeln gegen Hautleiden.De decoratione.
Commentum super libello De mala complexione diversa cum textu Galieni.Quaestiones super libro De mala complexione diversa.Ganz scholastisch.Commentum super Regimen Salernitanum.Kommentar zu dem Salernitanischen Lehrgedicht (das in dieser Redaktion aus 370 Versen besteht), auf Grund der galenischen Temperamentenlehre. Die Verbreitung des Kommentars war eine enorme. Zahlreiche Ausgaben.Commentum super canonem: Vita brevis.
Liber Costae ben Lucae de physicis ligaturis. Liber Avicennae de viribus cordis (gedr. z. B. in den Op. Avicennae, Venet. 1570, t. IV).
Capitula astrologiae de judiciis infirmitatum secundum motum phanetarum, auch unter den Titeln Compendium astronomiae, Introductorium astrologiae in scientiam judiciorum astrorum, Introductorium astrologiae pro medicis, Brevis tractatus introductorius ad judicia astrologiae.Sigilla.Ueber Talismane.Expositiones visionum quae fiunt in somno.Traumdeuterei als Wissenschaft betrachtet, wahrscheinlich unterschoben. Von den unter dem Namen des Arnaldus gehenden, gewiß nur teilweise echten alchemistischen Schriften sind gedruckt: Thesaurus thesaurorum,Rosarius philosophorum ac omnium secretorum; Novum lumen; Perfectum magisterium et gaudium (auch unter anderen Titeln, z. B. Flos florum); Epistola super alchymia ad regem Neapolitanum; De lapide philosophorum; Cathena aurea; Testamentum; Novum testamentum; Speculum alchymiae; Fractica; Semita semitae; Quaestiones tam essentiales quam accidentales; Carmina Tractatus parabolarum; Explicatio compendii alchimiae Joannis Garlandii. — Handschriftlich ist noch eine ganze Reihe angeblich von Arnaldus herrührender medizinischer bezw. alchemistischer und astrologischer Schriften bekannt.
Die Lebensgeschichte und das Wirken des berühmten Kataloniers ist zwar teilweise an Montpelliers aufblühenden Ruhm geknüpft, unbestreitbar lebt auch die Gestalt desArnald von Villanovabesonders als Arzt und Alchemist im Gedächtnis der Nachwelt fort, tatsächlich aber reichte sein Denken und Schaffen nicht nur über den Bannkreis einer bestimmten Schule, sondern über die Grenzen der Heilkunst selbst weit hinaus.
Das Wesen des merkwürdigen Mannes, der in sich den Arzt mit dem Alchemisten, den religiösen Schwärmer mit dem berechnenden Politiker vereinte und dessen vielseitige Ueberlegenheit schon von den Zeitgenossen empfunden wurde, bildet geradezu einen Ausschnitt der spätmittelalterlichen, im Ringen nach neuen Werten begriffenen Kultur. Es ist eine kraftbewußte, von faustischen Trieben nach universaler Erkenntnis erfüllte, von heißer religiöser Sehnsucht durchglühte Individualität, die uns hier entgegentritt, eine Vollnatur, die in ihren Licht- und Schattenseiten auch dort, wo sie sich bloß ärztlich manifestiert, nur aus der gesamten Weltanschauung heraus erfaßt werden kann, aus einer Weltanschauung, welche Verstandesschärfe mit Gemütstiefe, Denkklarheit mit Phantastik und Mystik wundersam verwebte.
Die Richtungen, in denen sich der Genius Arnalds reformatorisch versuchte, waren wohl recht verschiedenartig, doch im Grunde entsprang die Mannigfaltigkeit seiner geistigen Betätigung nur aus einer einzigen Wurzel, aus der, an Roger Bacon erinnernden, in reicher Lebenserfahrung, im warmen Naturempfinden, im inbrünstigen Gottessuchen erwachten Abneigung gegen jenen einseitigen Intellektualismus und dürrabstrakten Formalismus, welcher im Zeitalter der Scholastik auf den Gebieten des Glaubens und der Wissenschaften drückend lastete.
In erfreulichem Gegensatz zur sonstigen medizinischen Literatur dieser Epoche sind Arnalds Schriften keine formalen, in Begriffskonstruktionen aufgehenden Ueberarbeitungen, keine dogmatisch gebundenen Interpretationen fremder Vorlagen, vielmehr bilden sie ein von frischem Forschergeist durchwehtes Ganzes, in welchem das Tatsächliche und das Persönliche vorwaltet. Man spürt die Nähe eines geistesgewaltigen, denkmutigen Mannes, der die Tradition gebührend ausnützte, ohne von ihr erdrückt zu werden, der nicht nur aus toter Büchergelehrsamkeit, sondern auch aus Natur und Leben sein Wissen zu schöpfen wußte[81], der zwar nirgends die herkömmlichen Grundanschauungen durch umwälzende Erkenntnisse überwand, aber den überlieferten Erfahrungsstoff souverän zu meistern, zu mehren und vom Standpunkt deskritischen Synkretismusneu zu verarbeiten verstand.
In dem Systeme Arnalds — denn von einem solchen läßt sich sprechen — sind die medizinischen Hauptrichtungen vertreten, derHippokratismusundGalenismus, dieSalernitanerschuleund derArabismus, aber keiner dieser Richtungen folgt der Katalonier blindlings. Er vertraut am meisten dem Kompaß seines Wahrheitsinstinkts, seiner eigenen Beobachtung, wirklichen oder vermeintlichen Erfahrung, er bewahrt sich insbesondere der arabischen Medizin gegenüber eine überraschende Selbständigkeit, er scheut unter Umständen in seiner Polemik nicht einmal vor der sakrosankten Autorität eines Galen oder Avicenna zurück[82]. Gerade, weil er tiefer als die Zeitgenossen zu den primären Quellen herabstieg[83], fand er die Kraft in sich, ein freiesUrteil über den Wert der vorausgegangenen Entwicklung im einzelnen zu fällen.
Dierationelle Empiriehält bei ihm dieDialektikin Schranken, und wenn er auch hie und da den Lockungen der letzteren zu theoretischen Subtilitäten nicht ganz zu widerstehen vermag, so gebraucht er sie doch vorzugsweise nur dazu, um seine Gedanken und Beobachtungen in das wissenschaftliche Gewand des Zeitalters zu kleiden. Ist schon die Dialektik im Vergleich zur rationellen Empirie bloß von untergeordneter Bedeutung, so gilt dies noch mehr von einem dritten geistigen Element, derPhantastik, die in Form der mystischen Naturphilosophie (astrologisch-magische Wechselbeziehungen zwischen Makro- und Mikrokosmos) zwar in Arnalds medizinische Gesamtauffassung eingreift, jedoch darin keineswegs die Vorherrschaft erlangt.
Den besten Einblick in das Wissen und Können des großen Arztes gewähren seineParabolae medicationisund sein umfassendes Kompendium der Medizin, dasBreviarium; im Verhältnis zu diesen beiden Meisterwerken nehmen sich die übrigen Schriften wie Ergänzungen auf einzelnen Gebieten oder in speziellen Fragen aus.
In der Anatomie[84], Physiologie und allgemeinen Pathologie[85]bietet Arnald kaum etwas, was als wesentlicher Fortschritt über Galen und die Araber hinaus angesehen werden könnte, hingegen offenbart sich sein ausgesprochener Tatsachensinn, seine glänzende Begabung zur Beobachtung in derspeziellen Krankheitslehre. Statt der weit ausgesponnenen vagen Hypothesen, welche sonst in den mittelalterlichenKompendien die Hauptsache bilden, und deren Lektüre so unerquicklich machen, gibt Arnald zunächst eine kurze Definition des betreffenden Leidens, dann erörtert er eingehend die prädisponierenden und Gelegenheitsursachen sowie die pathologische Physiologie, worauf eine ungemein sorgfältige und eingehende Schilderung der Symptome unter Berücksichtigung des differentialdiagnostischen und prognostischen Moments, zum Schlusse die Behandlungsweise folgt. Wenn auch unvollkommen, sind seine oft originellenVersuche der Krankheitsklassifikationdoch jedenfalls anerkennenswert.
Die Ueberzeugung, daß die kalte, trotz all ihres trügerischen Glanzes inhaltsarme Dialektik weder den seelischen Bedürfnissen, noch den wahren Erfordernissen der Wissenschaft zu entsprechen im stande ist, daß die subtilste Syllogistik über den Mangel an sinnlicher Erfahrung nicht hinweghelfen kann, also sein demScholastizismus widerstrebender Standpunktist es vornehmlich, der Arnald gerade als medizinischen Autor kennzeichnet und ihn hoch über die ärztlichen Zeitgenossen erhebt, mag er auch sonst schon in Bezug auf seine Welt- und Menschenkenntnis, umfassende Gelehrsamkeit, schriftstellerische Produktivität und praktische Tüchtigkeit eine Ausnahmserscheinung gewesen sein.
Die scharfe Bekämpfung des falschen Begriffs der Wissenschaftlichkeit bildete aber bloß die eine Seite von Arnalds verdienstvollem Wirken, dennebenso energisch wie dem Mißbrauch der Dialektik in der Medizin trat er auch dem planlosen therapeutischen Empirismus entgegen, der sich als Ausfluß skeptischer Anwandlungen und selbstzufriedener Denkträgheit unter Außerachtlassung jedweder theoretischer Grundlagen immer mehr auszubreiten begann.
Liegt schon in der Zurückweisung methodologischer Irrtümer ein anerkennenswertes Verdienst, so steigerte der Katalonier dasselbe noch erheblich, indem er von der negativen Kritik zur positiven Tat fortschritt. Denn, während alle übrigen daran verzweifelten, dem Dilemma des scholastischen Dogmatismus oder des rohen Empirismus entrinnen zu können, zeigte er, daß der Weg derrationellen Heilkundeoffen stand, d. h. derjenigen, welche die ratio mit dem experimentum verknüpft, auf der beständigen Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis beruht, ihre obersten Leitsätze nicht einem fremden Ideenkreise ungeprüft entnimmt, sondern aus der kritisch verarbeiteten Erfahrung abstrahiert. Und jenen entgegentretend, die den wissenschaftlichen Charakter der Medizin überhaupt in Frage zu ziehen wagten, suchte er den Nachweis zu erbringen, daß sich die Heilkunde selbst in ihrem empirischen Teile auf Vernunftprinzipien stütze, daß die allgemeinen Grundsätze des ärztlichen Handelns sich geradezu aus dem natürlichen Wahrheitsinstinkt des Menschen ergeben.
Mit der angestrebten rationellen Begründung der Heilkunst verbindet Arnald auch eine hohe sittliche Auffassung des ärztlichen Berufes, echte, von wahrer Frömmigkeit und tiefem Verantwortlichkeitsgefühl durchdrungene Humanität.