Erfüllt von tief religiösem Empfinden widmeten sich der Krankenpflege nicht nur Angehörige des Klerikerstandes, der Mönchs- und Krankenpflegerorden, sondern auch Laien aus allen, selbst den vornehmsten Kreisen, es sei nur beispielsweise an die Lichtgestalten der hl. Elisabeth von Thüringen oder der hl. Hedwig erinnert. Ludwig der Heilige, der das Hôtel Dieu mit Geschenken überhäufte, ähnliche Anstalten in Fontainebleau, Pontoise, Vernon, sowie das noch bestehende Blindeninstitut der Quinzevingt in Paris stiftete, verband selbst die Wunden Lepröser und forderte von den Chirurgen, denen er Privilegien erteilte, daß sie sich der Behandlung der Armen widmen.Allenthalben entstanden Hospitäler und Aussatzhäuser (letztere in enormerZahl)[105]. Bei der Stiftung von Hospitälern kommen weniger die Zweigniederlassungen der ritterlichen Krankenpflegerschaften in Betracht, als die zahlreichen, über ganz Westeuropa zerstreuten Tochteranstalten des Hospitals San Spirito in Rom (vgl. S. 326), dieHeiligengeistspitäler. Diese letzteren verdanken der kräftigen Initiative des Papstes Innozenz III. ihren Ursprung, waren aber durchaus nicht sämtlich Stiftungen des Ordens vom heiligen Geiste selbst, sondern zum Teil, was oft verkannt wird, in städtischer Verwaltung stehende Anstalten mit gleichen Einrichtungen und Zielen.
Erfüllt von tief religiösem Empfinden widmeten sich der Krankenpflege nicht nur Angehörige des Klerikerstandes, der Mönchs- und Krankenpflegerorden, sondern auch Laien aus allen, selbst den vornehmsten Kreisen, es sei nur beispielsweise an die Lichtgestalten der hl. Elisabeth von Thüringen oder der hl. Hedwig erinnert. Ludwig der Heilige, der das Hôtel Dieu mit Geschenken überhäufte, ähnliche Anstalten in Fontainebleau, Pontoise, Vernon, sowie das noch bestehende Blindeninstitut der Quinzevingt in Paris stiftete, verband selbst die Wunden Lepröser und forderte von den Chirurgen, denen er Privilegien erteilte, daß sie sich der Behandlung der Armen widmen.
Allenthalben entstanden Hospitäler und Aussatzhäuser (letztere in enormerZahl)[105]. Bei der Stiftung von Hospitälern kommen weniger die Zweigniederlassungen der ritterlichen Krankenpflegerschaften in Betracht, als die zahlreichen, über ganz Westeuropa zerstreuten Tochteranstalten des Hospitals San Spirito in Rom (vgl. S. 326), dieHeiligengeistspitäler. Diese letzteren verdanken der kräftigen Initiative des Papstes Innozenz III. ihren Ursprung, waren aber durchaus nicht sämtlich Stiftungen des Ordens vom heiligen Geiste selbst, sondern zum Teil, was oft verkannt wird, in städtischer Verwaltung stehende Anstalten mit gleichen Einrichtungen und Zielen.
[1]Man berücksichtigt im allgemeinen viel zu wenig, daß im 11. und besonders im 12. Jahrhundert ein, an die Renaissancezeit erinnernder, äußerst reger humanistischer Eifer in Italien und Frankreich (Schule von Chartres) herrschte, welcher an der Hand des Studiums der römischen Autoren zu einer hohen Ausbildung der Latinität führte, wie sich dies z. B. in den Schriften Abälards, Joh. von Salisburys u. a. kundgibt. Schon in der zweiten Hälfte des 12., noch weit mehr aber im 13. Jahrhundert gerieten die „grammatischen” Studien in Verfall. Die Höhe der damaligen philosophischen Spekulation, welche in weitem Umfange auf großer Selbständigkeit im Denken beruhte und fast allein die, noch dazu unvollständig bekannten logischen Schriften des Aristoteles zur Stütze hatte, kann namentlich an Abälard ermessen werden. Mit Rücksicht auf die Anknüpfung an sehr wenige, dafür aber unverfälscht erhaltene antike Elemente, ließe sich zwischen der philosophischen Entwicklung des 12. Jahrhunderts und der Salernitanermedizin eine Parallele ziehen. Wie die erstere vom augustinisch-platonischen, so war die letztere von hippokratischem Geiste durchweht, im Gegensatz zur späteren, mit dem 13. Jahrhundert beginnenden Epoche, in welcher hier der arabisierte Galen, dort der arabisierte Aristoteles das Szepter führte.[2]Es braucht hier nur an die Hauptvertreter Johannes Scotus Erigena, Gerbert, Berengar von Tours, Lanfranc, Anselm von Canterbury, Roscellinus von Compiegne, Wilhelm von Champeaux und Abälard erinnert werden. Die dürftige antike Grundlage ihrer spekulativen Theologie bezw. kirchlichen Philosophie bildeten hauptsächlich einige der analytischen Schriften des Aristoteles, die Isagoge des Porphyrius in der Uebersetzung und mit den Kommentaren des Boëthius, des letzteren Abhandlungen über den kategorischen und hypothetischen Schluß. Die von Porphyrius aufgeworfene Frage, ob Gattungen und Arten, die allgemeinen Begriffe etwas Wirkliches außer uns oder bloß Gedanken seien, entfachte schon seit Anselm und Roscellin den noch früher im Morgenlande begonnenen, durch das ganze Mittelalter hin und her wogenden Streit derRealistenundNominalisten, von denen jene die Realität der Universalien verfochten, letztere nur die Realität der Einzeldinge gelten lassen wollten, abgesehen von den beiderseitigen Vermittlungsversuchen.[3]Vgl. namentlich H. Denifle, Die Universitäten des Mittelalters, I. Bd., Berlin 1885; G. Kaufmann, Die Geschichte der deutschen Universitäten, I. Bd. Vorgeschichte (die auswärtigen Universitäten), Stuttgart 1888; Rashdall, The universities of Europe in the middle ages, Oxford 1895.[4]Eine den weitesten Kreisen geöffnete Anstalt im Gegensatze zum Studium particulare, d. h. einer nur für engere Kreise bestimmten, nicht mit Privilegien ausgestatteten Schule. Der im Beginn des 13. Jahrhunderts zuerst auftretende Begriff Studia generalia — solche waren zunächstBologna,Salerno,Parisfür Rechtswissenschaft, Medizin, Theologie — erhielt erst im Laufe der Zeit seine genauer umgrenzte juristische Fixierung, indem zu den Grundeigenschaften einer solchen Hochschule (Studenten aus allen Gegenden, Pluralität der Lehrer, Vertretung wenigstens eines der höheren Fakultätsgegenstände, d. h. der Theologie, Jurisprudenz oder Medizin neben den artes liberales) noch gewisse Privilegien (Enthebung der Geistlichen von der Residenzpflicht, Promotionsrecht, das Jus ubique docendi u. a.) hinzutraten, welche ursprünglicher oder nachträglich eingeholter (päpstlicher bezw. kaiserlicher) Beurkundung bedurften, wenn sie nicht ex consuetudine (wie z. B. in Oxford) anerkannt waren.[5]Typus Bologna, dessen Universität (zunächst bloß Juristenuniversität) schon 1158 durch Friedrich Barbarossa („Habita”) ihre Rechtsgrundlage erhielt und durch ihre demokratische Verfassung (Wahl des Rektors aus der Mitte der fremdländischen Scholaren, wobei aber den, mit der Universität in Zusammenhang stehenden Doktorenkollegien durch das Promotionsrecht etc. die gebührende Autorität gewahrt blieb) für eine ganze Reihe von italienischen Stadtuniversitäten (Vicenza,Arezzo,Padua,Vercelli,Sienau. a.), zum Teil auch für einige Lehranstalten Südfrankreichs, vorbildlich wurde.[6]Typus Paris, dessen Universitas zwar eine aus Scholaren und Magistern zusammengesetzte Korporation bildete, aber nur den Magistern Stimmrecht gewährte und unter dem Kanzler stand. Aehnlich, aber mit oft erheblichen Modifikationen hinsichtlich der Machtbefugnis des Kanzlers, warenMontpellier,Toulouseund in EnglandOxfordundCambridgeorganisiert.[7]Am reinsten repräsentiert diesen Typus die von Friedrich II. 1224 gestiftete Hochschule vonNeapel. Wenigstens teilweise gehören aber in diese Kategorie auch die durch königlichen Willensakt ins Leben gerufenen spanischen Universitäten, nämlichPalencia, die älteste derselben (von Alfons VIII. gestiftet), sodannSalamancaundLerida, ferner die portugiesische inLissabonbezw.Coimbra. Diese erhielten aber auch päpstliche Anerkennung als Studia generalia respectu regni.[8]So war z. B. an der berühmten Pariser Universität das römische Recht gar nicht vertreten, sondern nur das kanonische; die italienischen Stadtuniversitäten im allgemeinen waren ursprünglich bloß Schulen für römisches sowie kirchliches Recht, sie pflegten erst im Laufe ihrer weiteren Entwicklung auch die Artes und die Medizin, wozu nur selten auch die Theologie hinzutrat.[9]InMontpellierbildete die medizinische Schule (medizinische „Universität”) für sich eine eigene Korporation, welche mit den später entstandenen Schulen („Universitäten”) der Juristen und Artisten nicht vereinigt wurde.InBolognawaren einerseits Genossenschaften der stadtfremden Scholaren, anderseits städtische Gilden der Lehrer miteinander verbunden. Von der ursprünglich einheitlichen, aber vorzugsweise das juristische Element vertretenden Scholarengenossenschaft trennte sich allmählich die Genossenschaft der Mediziner- und Artistenscholaren ab, und da die juristische Scholarenvereinigung wieder in die Citramontani und Ultramontani mit je einem Rektor an der Spitze zerfiel, so existierten tatsächlich mehrere „Universitäten” (im Sinne von Genossenschaften) nebeneinander. Gegenüber den großen Scholarengenossenschaften standen die Gilden der Lehrer, die Doktorenkollegien, welche das Promotionsrecht innehatten, sich nach den Wissenschaften gliederten, aber in ihrer Stellung keineswegs den heutigen Fakultäten entsprachen. Alle diese Vereinigungen hatten für ihre Versammlungen ein gemeinsames Gebäude, und streng genommen äußerte sich ihre Verknüpfung zu einer Einheit auf dem Boden der Hochschule nur darin, daß die akademischen Grade unter Leitung des Bischofs, der dabei als Kanzler auftrat, erteilt wurden.InParisschieden sich aus der ursprünglich gemeinsamen Magisterkorporation verhältnismäßig früh die theologische, juristische und medizinische von der artistischen Fakultät. Jede derselben wählte ihren Dekan. Die drei ersteren Fakultäten hießen die oberen, weil das Studium der Artes als Vorbereitung betrachtet, und jeder erst in den Artes zum Magister promoviert sein mußte, ehe er in einer der oberen Fakultäten als Scholar zugelassen wurde. Unter den an Zahl überwiegenden Artisten, undnurunter diesen, entstanden neben der Magisterfakultät noch landsmannschaftliche Vereinigungen aus Magistern und Scholaren, die vier „Nationen” (gallische, normannische, pikardische und englische) mit dem Rektor an der Spitze, der schließlich zum Haupt der Universitas wurde. — Die medizinische Fakultät erscheint als feste Organisation schon seit1213in den Urkunden, ein Dekan der medizinischen Fakultät wird zuerst 1267 erwähnt.[10]Abweichend von der spätrömischen Tradition, sofern Martianus Capella für dieselbe maßgebend ist (vgl. S. 268, 270).[11]Dieselben bildeten zu dieser Zeit in Italien schon einen eigenen Stand, der sich einerseits vom ärztlichen Beruf, anderseits von den Arzneihändlern differenziert hatte. Durch die Medizinalverfassung Friedrichs II. wurde nicht nur das Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker, sondern auch die Ausbildung und Tätigkeit der letzteren gesetzlich geregelt.[12]Diese Statuten geben auch über die dem Unterricht zu Grunde gelegten Bücher Auskunft. Debet audivisse bis artem medicinae ordinarie et semel cursorie exceptis urinis Theophili, quas sufficit semel audivisse ordinarie vel cursorie: Viaticum bis ordinarie, alios libros Ysaac semel ordinarie, bis cursorie, exceptis diaetis particularibus, quas sufficit audivisse cursorie vel ordinarie; Antidotarium Nicholai semel. Versus Egidii non sunt de forma. Item debet unum librum de theorica legisse et alium de practica. (Chartularium Univ. Parisiens. ed. Denifle et Chatelain, Paris 1889-91.)[13]Welche Anforderungen an den „Baccalarius” resp. den„Baccalarius licentiandus”gestellt wurden, ersieht man aus der oben erwähnten Verordnung des Königs Karl I. von Anjou. ... teneatur baccalarius audivisse bis ordinarie ad minus omnes libros artis medicae, exceptis Theofili et libro pulsuum Filareti, quos sufficit audivisse semel ordinarie vel cursorie. Item regimenta acutorum bis ordinarie. Item quatuor libros Yshac, scilicet Viaticum, dictas universales, urinas. Librum febrium semel ordinarie ad minus. De omnibus praedictis tenetur baccalarius facere fidem et praestare juramentum. ... (Renzi, Coll. Salern. I, p. 62.) ... teneatur baccalarius licentiandus audivisse per triginta menses medicinam a magistro conventato et regente, deinde teneatur respondere bis de questione et desputatione magistri regentis, praeterea leget cursorio duos libros unum de theorica et alium de practica, postmodum teneatur audire antequam conveniat ad conventum seu licentiam quosque compleveritquadraginta mensesin universo incipiendo computationem a prima die qua incepit audire medicinam a magistro conventato regente ut supra dictum est, si fuerit magister seu licentiatus in artibus et si non fuerit magister seu licentiatus in artibus debet audivissequinquaginta sex mensibusita quod non computetur, nec illud tempus in quo ut prius dicitur regitur Salerni. Item teneatur respondere cuilibet magistro regenti singulariter de questione in disputatione sua. ... L. c. p. 361. Ueber den Erfolg der Prüfung wurde an den Kanzler zu Neapel berichtet, worauf am letzteren Orte die Prüfung „per physicos regios”, also die eigentliche Staatsprüfung stattfand. Diese Kontrolle der medizinischen Fakultät von Salerno durch den Kanzler und die königlichen Aerzte ist erst 1395 aufgehoben worden.[14]Die wissenschaftlich gebildeten Aerzte trugen anfänglich allgemein den TitelMagister. Im Laufe des 13. Jahrhunderts jedoch fand nach dem Beispiel Bolognas auch in den medizinischen Schulen derDoktortitel Eingang, wurde aber zunächst im ursprünglichen Sinne des Wortes (vgl. S. 247, Anm. 1 und S. 306) nur demjenigen erteilt, der alsLehrerin der Heilkunde tätig war. Allmählich wurde es übrigens Gebrauch, den Doktortitel allen zur Ausübung der Kunst legitimierten Aerzten zu geben, da eben jedem das Recht zu lehren fakultativ zustand. Die Scheidung inDoctores legentes et non legentesentsprach dann den tatsächlichen Verhältnissen, indem nur die ersteren die Lehrtätigkeit wirklich versahen.[15]Wie sehr dieser Gegensatz gefühlt wurde, geht auch aus manchen Stellen in der schönen Literatur der damaligen Zeit hervor.[16]Diese Fortschritte waren freilich nur Entlehnungen aus dem Orient bezw. Verbesserungen derselben. Der Kompaß wird bereits Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt (in der Schrift de rerum naturis des Alexander Neckam, in den Dichtungen des Guiot de Provins und Jacques de Vitry), die Brillen (konvex) waren Ende des 13. Jahrhunderts bekannt, Salvino degli Armati und Alexander de Spina können höchstens als Wiedererfinder gelten.[17]Aristoteles wurde erst nach langen Geisteskämpfen zum kirchlich anerkannten „Philosophen” par excellence. In den ersten Dezennien des Bekanntwerdens seiner physischen, metaphysischen, ethischen Schriften im Gewande arabischer Interpretation betrachtete man seitens der Kirche das Studium des Aristoteles mit einem gewissen Argwohn und verbot es teilweise sogar (1210, 1215, 1231), umsomehr als die Gegensätzlichkeiten zur katholischen Weltanschauung (z. B. die Lehre von der Ewigkeit der Welt) noch unausgleichbar erschienen und zu Häresien gefährlichster Art Anlaß gaben. Die Verbote vermochten aber den Enthusiasmus für das neue, hellstrahlende Licht der Erkenntnis nicht zu hemmen, und auch die Bedenken der Kirche schwanden in dem Maße, als gezeigt wurde, wie dem Aristotelismus gleichsam seine giftigen Bestandteile entzogen, ja wie er sogar den Interessen der kirchlichen Gelehrsamkeit dienstbar gemacht werden könnte. Schon das letzte, 1231 erlassene Verbot ließ vermuten, daß die Freigabe in Aussicht genommen war, bereits 1233 durften die verbotenen Bücher in Toulouse gelesen werden, seit 1254 gehörten dieselben auch in Paris zum regelmäßigen Studienplan. Insbesondere waren es Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die den Aristotelismus fortan zu seiner autoritativen Stellung in kirchlichen Kreisen erhoben, indem sie dabei gleichzeitig gewisse entgegenstehende neuplatonisch-arabische Auslegungen bekämpften. Die Art, wie die Kirche eine, anfangs nicht grundlos als feindlich betrachtete Strömung einzudämmen und in ihr Bett zu leiten wußte — vergleichbar mit dem Aufgehen der mystischen, schwärmerischen Richtungen im Franziskanerorden etc. — bedeutete einen Sieg, der, mit den Waffen des Geistes erfochten, weit glänzender war als jener, den die Inquisition über die Ketzer davontrug. Ein für die selbständige kirchliche Interpretation des Aristoteles und damit für die Anerkennung seiner Lehren höchst förderlicher Umstand ist nicht am wenigsten auch in demAuftauchen neuer Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen, wie sie im 13. Jahrhundert in erster Linie Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln, Joh. Basyngstoke und Wilhelm von Moerbeke lieferten oder wenigstens anregten, zu suchen. Solche hat schon Thomas von Aquino — im Gegensatz zu Albertus Magnus — seinen Kommentaren zumeist zu Grunde gelegt; sie trugen viel dazu bei, daß sich der, ursprünglich gegen die gegensätzlichen Lehren der Peripatetik als solche gerichtete Kampf in einen Kampf gegen die, dem kirchlichen System widerstrebenden arabischen Interpreten (namentlich Averroës) einengen konnte.[18]Es sei hier nur auf die von tiefster religiöser Inbrunst getragenen Hymnen Dies Irae und Stabat mater und auf die Anfänge des an den biblischen Stoffkreis gebundenen Dramas hingedeutet.[19]Es waren vorzugsweise die Dominikaner, welche durch ihre auf Lehre und Schule gerichtete Tätigkeit eine tiefgreifende Durcharbeitung des gesamten Wissensstoffes anregten (der praktischen Medizin sind sie aber in der Regel fern geblieben); die Franziskaner sind ihnen hierin erst später gefolgt.[20]Außerdem gibt es zahlreiche Ausgaben gewisser Gruppen seiner Schriften oder einzelner Schriften, von denen manche auch übersetzt worden sind (Deutsch, Französisch, Italienisch, Polnisch).[21]Zu den naturwissenschaftlichen Schriften gehören Physicorum libri VIII (allgemeine Naturlehre, Lehre von den Kräften und der Bewegung) — de coelo et mundo libri IV (über die Bewegung der Himmelskörper) — de generatione et corruptione libri II (über die Verwandlung der Körper) — Meteorum libri IV (Meteorologie und physikalische Geographie) —de mineralibuslibri V (allgemeine Eigenschaften der Mineralien, Beschreibung von 95 Edelsteinen, 7 Metallen, ferner Salz, Vitriol, Alaun, Arsenik, Schwefelkies, Nitrum, Tutia, Elektrum) — de anima libri III — de sensu et sensato — de memoria et reminiscentia — de somno et vigilia — de motibus animalium libri II — de juventute et senectute — de spiritu et respiratione libri II — de vita et morte — de nutrimento et nutribili — de natura locorum (Klimato- und kurze Kosmographie, reich an ethnologischen und physiologischen Bemerkungen) — de causis proprietatum elementorum (physikalische Geographie auf Grund der Vierelementenlehre) — de passionibus aëris (über meteorologische Vorgänge) —de vegetabilibus et plantislibri VII (Neuausgabe von Meyer und Jessen, Berlin 1867) — de motibus progressivis —de animalibuslibri XXVI —Philosophia pauperum(Phil. naturalis, Summa naturalis, Isagoge in libros Aristotelis physicorum de coelo et mundo, de generatione et corruptione, meteorum et de anima; auszugsweise wiedergegebener Inbegriff der Naturanschauungen des Albertus in Anlehnung an Aristoteles, vielleicht von einem Schüler des Albertus herrührend). Psycho-physiologisches enthält auch die theologische Schrift Summa de creaturis. Unechte hierhergehörende Schriften sind vielleicht speculum astronomiae und de alchimia, sicherde virtutibus herbarum, lapidum et animalium quorundam (wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammendes Machwerk über die magischen Kräfte der Pflanzen, Edelsteine und Tiere), Mirabilia mundi,De secretis mulierum. Die letztgenannte unter dem Namen des Albertus laufende Schrift handelt von der Zeugung (astrologische Einflüsse), Menstruation, Fötusbildung, Geburt, Mißgeburten etc. und erfreute sich einer ganz besonderen Beliebtheit — was die zahlreichen Ausgaben (auch Kommentare), Uebersetzungen („der Frauenzimmer Heimlichkeit”) und Umarbeitungen, welche bis in das späte 18. Jahrhundert veranstaltet worden sind, beweisen; sie besitzt für die Geschichte der Geburtshilfe eine gewisse Bedeutung. Die im Laufe der Zeit zustandegekommenen, voneinander oft erheblich abweichenden Umarbeitungen und Erweiterungen basieren auf zwei verschiedenen Vorlagen, welche aufHenricus de Saxoniabezw. aufThomas von Brabantzurückgehen sollen.[22]Z. B. gehört hierher sein Glaube an die wunderbare Heilwirkung der Edelsteine (in der Schrift de mineralibus) u. a. Es ist aber nicht zu vergessen, daß es vorwiegend unterschobene Schriften sind (z. B. de virtutibus herbarum, mirabilia mundi u. a.), welche von Aberglauben strotzen. Leider haben gerade diese Schriften dazu beigetragen, daß Albertus in der Geschichte lange Zeit nur im verzerrten Bilde fortlebte. Bezüglich des Glaubens an die Heilkraft der Steine (vgl. S. 320) sei erwähnt, daß derselbe bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts von einem deutschen Dichter, genannt„der Stricker”, in einem langen Spottgedicht bekämpft wurde. Als Gegenschrift zu diesem ist das unterVolmarsNamen bekannte mittelhochdeutsche Gedicht über die Steine (ed. H. Lambel, Heilbronn 1877, mit demSt. Florianer Steinbuch) aufzufassen. Dem 13. Jahrhundert gehört auch das lateinische Steinbuch desArnoldus Saxoan.[23]Im II. Sentent. Opp. t. XV, 137a: Sciendum quod Augustino in his, quae sunt de fide et moribus, plus quam Philosophis credendum est, si dissentiunt. Sed si de medicina loqueretur, plus ego crederem Galeno vel Hippocrati, et si de naturis rerum loquatur, credo Aristoteli plus vel alii experto in rerum naturis. ... S. th. I, 14a: In theologia locus ab auctoritate est ab inspiratione Spiritus veritatis. ... In aliis scientiis locus ab auctoritate infirmus est et infirmior caeteris, quia perspicacitati humani ingenii, quae fallibilis est, innitur. In der Schrift de vegetabilibus (Opp. V, 430a, Ed. Jessen p. 339) verwirft Albertus an einer Stelle geradezu die Syllogistik und anerkennt, wo es sich um Einzeldinge handelt, nur die Erfahrung:Experimentum enim solum certificat in talibus, eo quod de tam particularibus naturis syllogismus haberi non potest.[24]Zu den Enzyklopädien des 12. Jahrhunderts zählen der Elucidarius des Honorius Augustodunus und die Schrift des englischen Augustiners Alexander Neckam (1157-1227)de naturis rerum.[25]Er wird als ein „familiaris” der königlichen Familie bezeichnet, hatte die berühmten Bücherschätze des Königs zu überwachen und zu mehren, für die Erziehung der königlichen Kinder allgemeine Vorschriften zu geben, welch letztere in der Schrift des Vincenz de eruditione filiorum regalium (ins Deutsche übers. von Chr. Fr. Schlosser, Frankfurt a. M. 1819) enthalten sind; ein Abschnitt darin betrifft die physische Erziehung.[26]Bescheiden weist er für sich selbst jeden Anspruch auf Originalität zurück, zufrieden mit der Rolle des Kompilators: „Antiquum esse (scil. opus) auctoritate et materia, novum vero partium compilatione et aggregatione, se son per modum auctoris, sed excerptoris ubique procedere.”[27]Lib. XI cap. 104: ... sed quoniam haec ipsa (scil. medicina) non tantum in operatione manuum, sed etiam in mentis speculatione consistit, videlicet quantum ad causarum considerationem, unde quasi media est inter practicam et theoricam....[28]Thomas von Cantimpré war anfangs Augustiner und Regularkanonikus im Kloster Cantimpré bei Cambrai und trat später in den Predigerorden ein. Nach längeren Studien in Köln und Paris wurde er Lektor in Löwen, Subprior des dortigen Predigerkonvents, endlich noch Suffraganbischof. Er verfaßte außer der uns interessierenden Schrift theologische Werke.[29]In diesem Buche findet sich auch eine Stelle, die für die Geschichte derGeburtshilfesehr bemerkenswert ist, weil sie in gewissen Fällen dieinnere Wendung auf den Kopfempfiehlt. Dieselbe Vorschrift findet sich übrigens auch im Speculum doctrinale des Vincenz von Beauvais und in den aufThomas von Brabant(vielleicht identisch mit Th. von Cantimpré) zurückgeführten Ausgaben der, dem Albertus Magnus unterschobenen, Schrift de secretis mulierum.[30]Wir folgen in den, zum Teile nicht ganz klargestellten, biographischen Angaben vorzugsweise dem neuesten Herausgeber von Bacons Hauptwerken, Bridges.[31]Um die Wurzeln der Größe Bacons bloßzulegen, muß hervorgehoben werden, daß die Pflege der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer und im Zusammenhange damit die Abneigung gegen scholastische Klopffechterei damals die Schule von Oxford charakterisierten — Züge, die schon früher in den Engländern Adelard von Bath, Alexander Neckam und Alfred Sershall hervorgetreten waren. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren die freisinnigen TheologenRobert Grossetête, Bischof von Lincolnund der Franziskaner Adam von Marisco die glänzendsten Vertreter, Männer, die den größten Einfluß auf Bacon ausgeübt haben. Grosseteste, der mehr Theologe und Naturwissenschaftler als Logiker und Metaphysiker war, legte, wie später Bacon, den Schwerpunkt einerseits auf dieKenntnis der gelehrten Sprachen(er verwarf die schlechten lateinischen Uebersetzungen des Aristoteles und regte neue unmittelbar aus dem Griechischen an), anderseits auf dieMathematik und Naturwissenschaft(seine Schrift de physicis lineis, angulis et figuris bildete für Bacons physikalische, namentlich optische Lehren eine der wichtigsten Grundlagen). Außer den beiden Genannten und anderen gleichstrebenden Denkern wirkte auf Bacon ganz besonders der Picarde Petrus von Maricourt (Maharncuria, Mahariscuria) ein, den er in Paris kennen gelernt hatte; dieser zeichnete sich durch unermüdlichen Eifer und eine seltene Geschicklichkeit in der physikalisch-alchemistischen Experimentalforschung aus.[32]Dieses Werk handelt in seinen sieben Hauptabschnitten über die Quellen der wissenschaftlichen Irrtümer, über das Verhältnis zwischen Theologie und Philosophie, über die Erlernung der (zum Studium der Bibel und Philosophie nötigen) Sprachen, über Mathematik, Optik (wobei al-Haitam ═ Alhazen die Hauptquelle bildet), Experimentalwissenschaft und schließlich über Moralphilosophie. Der leitende Grundgedanke ist die Idee, daß gerade die intensivste Pflege der Wissenschaften, auf der von Bacon gewünschten sicheren Basis, der Kirche als höchstem Kulturfaktor die größten Dienste zu erweisen im stande ist.[33]Vorher erschienen: Speculum alchimiae (1541), Epistola de secretis artis et naturae operibus (Paris 1541, Hamburg 1617), De nullitate magiae (Hamburg 1618), De retardandis senectutis accidentibus et de senibus conservandis (Oxon. 1590, engl. von R. Browne 1683), mehrere alchemistische Schriften zusammengefaßt unter dem Titel Thesaurus chymicus (Francof. 1603, 1620), Perspectiva (Francof. 1614), Specula mathematica (Francof. 1614).[34]Aus dem ersten Kapitel der SchriftCommunia Naturaliumergibt sich, daß Roger Bacon die Abfassung einer aus vier Hauptteilen (Grammatik und Logik; mathematische Wissenschaften; Physik; Metaphysik und Moralphilosophie) bestehenden, kolossalen Enzyklopädie beabsichtigt hat, zu welcher das Compendium studii philosophiae wohl die Einleitung gebildet hätte. Verfolgung und Gefangenschaft hinderten die Ausführung. Das Opus majus ist nur als großzügiges Exposé aufzufassen, geschrieben, um die wissenschaftlichen Reformpläne des Verfassers zu verteidigen, den Nutzen ihrer Verwirklichung für kirchliche und moralische Zwecke zu veranschaulichen.[35]De secretis operibus artis et naturae cap. 4. Nam instrumenta navigandi possunt fieri sine hominibus remigantibus, ut naves maximae, fluviales et marinae, ferantur unico homine regente, majori velocitate quam si plenae essent hominibus. Item currus possunt fieri, ut sine animali moveantur cum impetu inaestimabili. Item possunt fieri instrumenta volandi, ut homo sedeat in medio instrumenti revolvens aliquod ingenium, per quod alae artificialiter compositae aërem verberent, ad modum avis volantis. Item instrumentum, parvum in quantitate ad elevandum et deprimendum pondera quasi infinita, quo nihil utilius est in casu. ... Possunt etiam instrumenta fieri ambulandi in mari vel fluminibus usque ad fundum absque periculo corporali. L. c. cap. 5 handelt über Brennspiegel, cap. 6 unter anderem über schießpulverähnliche Mischungen. Opus majus V, Perspectivae pars III, Dist. III, cap. 4: ... Nam possumus sic figurare perspicua et taliter ea ordinare respectu nostri visus et rerum, quod frangentur radii et flectentur quorsumcunque voluerimus, ut sub quocunque angulo voluerimus videbimus rem prope vel longe. Et sic ex incredibili distantia legeremus literas minutissimas et pulveres ac arenas numeraremus propter magnitudinem anguli, sub quo videremus. ... Op. maj. V, Perspectivae pars III, Dist. II, cap. 4:Si vero homo aspiciat literas et alias res minutasper medium crystalli vel vitri vel alterius perspicui suppositi literis, et sit portio minor sphaerae cujus convexitas sit versus oculum, et oculus sit in aere, longe melius videbit literas et apparebunt majores. ... Et ideo hoc instrumentum est utile senibus et habentibus oculos debiles. Nam literam quantumcunque parvam possunt videre in sufficienti magnitudine.[36]Die schlechten lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen, namentlich diejenigen des Aristoteles, hätte er am liebsten verbrennen lassen.[37]Quatuor vero sunt maxima comprehendendae veritatis offendicula, quae omnem quemcumque sapientem impediunt et vix aliquem permittunt ad verum titulum sapientiae pervenire, videlicet fragilis et indignae auctoritatis exemplum, consuetudinis diuturnitas, vulgi sensus imperiti et propriae ignorantiae ocultatio cum ostentatione sapientiae apparentis (Op. maj. I, cap. 1). Vgl. auch Op. tert. cap. 22.[38]Duo enim sunt modi cognoscendi, scilicet per argumentum et experimentum. Argumentum concludit et facit nos concedere conclusionem, sed non certificat neque removet dubitationem, ut quiescat animus in intuitu veritatis nisi eam inveniat via experientiae (Op. maj. VI, cap. 1).[39]Ein Hauptabschnitt des Opus majus (Pars VI), de scientia experimentali, handelt ausschließlich darüber.[40]Im „Scriptum principale” (vgl. S. 360, Anm. 2) hätte auch die Medizin ihren Platz gefunden und zwar nach der Alchemie, Botanik und Zoologie, auf welche Hilfswissenschaften sich das Studium des Menschen aufbauen sollte. Im Opus majus und seinen Annexschriften kommt Bacon gelegentlich auch auf die Heilkunde zu reden, der 6. Teil (Perspectiva) handelt eingangs über die Sinnesperzeption im allgemeinen, die Anatomie des Auges und den Sehakt (Bacon sucht zwischen der alten Emanationstheorie und den richtigen Anschauungen des al-Haitam zu vermitteln). — Rein medizinischen Inhalts ist die Abhandlung de retardandis senectutis accidentibus, beruhend auf Ali Abbas, dispos. regalis II, lib. I, pag. 24; im Manuskript sind ferner zwei Schriften über die Krisen und die kritischen Tage (Amploniana) vorhanden.[41]Op. maj. IV, ed. Bridges Vol. I, p. 251, 384 ff., an beiden Stellen tadelt er die Aerzte seiner Zeit wegen ihrer Unwissenheit in astrologischen Dingen, „et ideo negliguntmeliorem partem medicinae.”[42]Opus tertium cap. 12: Sed alia est scientia, quae est de rerum generatione ex elementis et de omnibus rebus inanimatis. ... Et quia haec scientia ignoratur a vulgo studentium, necesse est ut ignorent omnia, quae sequuntur de rebus naturalibus; scilicet de generatione animatorum, ut vegetabilium et animalium et hominum: quia ignoratis prioribus, necesse est ignorari quae posteriora sunt. Generatio enim hominum et brutorum et vegetabilium est ex elementis et humoribus et communicat cum generatione rerum inanimatarum. Unde propter ignorantiam istius scientiae, non potest sciri naturalis philosophia vulgata, nec speculativa medicina, nec per consequens practica; non solum quia naturalis philosophia et speculativa medicina necessariae sunt ad practicam ejus, sed quia omnes simplices medicinae de rebus inanimatis accipiuntur de hac scientia, quam tetigi ... et haec scientia est alkimia speculativa, quae speculatur de omnibus inanimatis et tota generatione rerum ab elementis. Est autem alkimia operativa et practica, quae docet facere metalla nobilia et colores et alia multa melius et copiosius per artificium, quam per naturam fiunt. Et hujusmodi scientia est major omnibus praecedentibus, quae majores utilitates producit. Nam non solum expensas et alia infinita reipublicae potest dare, seddocet invenire talia, quae vitam humanam possunt prolongare in multa tempora, ad quae per naturam produci potest.[43]Op. maj. VI, ed. Bridges pag. 204 ff., am Schlusse heißt es: Nam illa medicina, quae tolleret omnes immunditias et corruptiones metalli vilioris, ut fieret argentum et aurum purissimum, aestimatur a sapientibus posse tollere corruptiones corporis humani in tantum, ut vitam per multa secula prolongaret. Das Problem der Lebensverlängerung bildet namentlich den Inhalt seiner Schrift über das Alter. Bemerkenswert ist es übrigens, daß Bacon trotz aller Leichtgläubigkeit an der Ansicht festhält, daß die Lebensdauer über einen gewissen Grad, der einerseits für das Menschengeschlecht im allgemeinen, anderseits für das Individuum durch erbliche Keimverhältnisse im speziellen bestimmt ist, nicht verlängert werden könne.[44]Epistola de secretis operibus artis et naturae cap. 2: Considerandum est tamen, quod medicus peritus, et quicunque alius qui habet animam excitare, per carmina et characteres licet fictos, utiliter (secundum Constantinum medicum) potest adhibere; non quia ipsi characteres et carmina aliquid operentur, sed ut devotius et avidius medicina recipiatur et animus patientis excitetur et confidat uberius et speret et congaudeat; quoniam anima excitata potest in corpore proprio multa renovare, ut de infirmitate ad sanitatem convalescat ex gaudio et confidentia. Si igitur medicus ad magnificandum opus suum, ut patiens excitetur ad spem et confidentiam sanitatis, aliquid hujusmodi faciat, non propter fraudem nec propter hoc, quod de se valeat (si credimus medico Constantino) non est abhorrendum.[45]Vgl. besonders Hauréau in Histoire litteraire de la France, XXIX.[46]Unter anderem wird darin die Medizin als die schwierigste Wissenschaft erklärt und die Forderung aufgestellt, daß die Regierungen mit aller Strenge gegen Kurpfuscher eintreten sollen. Es sei aber nicht verhehlt, daß Lull in einer anderen Schrift nichtmedizinischen Inhalts, Liber contemplationis in Deum, einen Vergleich zwischen den Aerzten der Seele und den Aerzten des Leibes zieht, wobei die letzteren in höchst ungünstigem Lichte erscheinen, ja sogar dem Kranken geraten wird, auf die eigene Erfahrung zu vertrauen.[47]Im Jahre 1195 wurde von Heinrich VI. ein furchtbares Strafgericht über Salerno verhängt, bei welcher Gelegenheit viele Gelehrte nach anderen italienischen Städten auswanderten. Seit Friedrich II. litt die Schule erheblich durch die Konkurrenz mit der (1224) neugegründeten Universität Neapel, wiewohl sich vorübergehend das medizinische Ansehen Salernos stärker erwies als dasjenige ihrer hauptstädtischen, mit größeren Rechten und Geldmitteln ausgestatteten Schwesteranstalt. Nachdem schon 1231 die medizinische Fakultät in Neapel aufgelassen worden war, wurden 1252 sogar die übrigen Fakultäten nach Salerno verlegt, doch fand schon 1258 wieder eine Neuaufrichtung der Hochschule zu Neapel in vollem Umfang statt.[48]Nach den französischen Synonymen zu schließen. Das Glossar beginnt in der ursprünglichen konfusen Anordnung mit dem Worte Alphita (et farina hordei est idem), daher die Bezeichnung.[49]Er starb schon nach wenigen Monaten infolge einer schweren Verletzung, die er sich infolge des Einsturzes einer Mauer in seinem Palaste zu Viterbo zuzog.[50]Am berühmtesten wurden die „Summulae logicales”. Auf diese bezieht sich Dante, der in seinem Paradiso von allen zeitgenössischen Päpsten nur den Petrus Hispanus antrifft:E Pietro IspanoLo qual giù luce in dodici libelliCanto XII, v. 135-136.[51]Für dieses Werk wird übrigens auch der Arzt Julianus (Vater des Petrus Hispanus) als Autor in Anspruch genommen.[52]Wahrscheinlich im Anschluß an alte Volksgebräuche; vgl. übrigens die moderne Rotlichtbehandlung.[53]In der Einleitung zur Ausgabe des Mesuë von 1539 wird Joh. de St. Amando„doctor suavissimus”genannt.[54]Das Revocativum memoriae stellte er für die scolares zusammen, „damit sie es nicht nötig hätten, schlaflose Nächte über dem sehr mühseligen Selbststudium des Galen und Avicenna zu verbringen”.[55]Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: O. Paderstein, Ueber Joh. de St. Amando (1892); Eicksen, Historisches über Krisen und kritische Tage; Müller-Kypke, Ueber d. Ars parva Galeni (1893); Reichel, Zur Literaturgeschichte der antiken Arzneimittellehre; G. Matern, Die drei Bücher des Galen über die Temperamente; F. Petzold, Ueber die Schrift des Hippokrates von der Lebensordnung in akuten Krankheiten (1894); Ehlers, Zur Pharmakologie des Mittelalters (1895).[56]Bemerkenswert durch ihre Freimütigkeit sind seine Urteile über Avicenna, dem er zumutet, über viele einfache Heilmittel im Irrtum gewesen zu sein, über Constantinus, dessen Uebersetzungen er nicht traut, über Gariopontus, dessen bloß kompilatorische Tätigkeit er durchschaut. Festzuhalten ist besonders die Benützung desCelsus, desCassius Felixund des verloren gegangenenDemosthenesals Quellen.[57]Daß sich die artistisch-medizinische („Universität”) Fakultät Bologna (vgl. S. 317) übrigens bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts eines nicht unbedeutenden Besuchs wißbegieriger laikaler und klerikaler Scholaren erfreute, beweist eine vom Papst Honorius III. 1219 an den dortigen Bischof gerichtete Verordnung, wonach den Priestern, Mönchen und regulierten Geistlichen dasmedizinischeund juristische Studium untersagt wurde. Die medizinische Scholarenkorporation besaß eine ähnliche Organisation wie die juristische (an der Spitze ein Rektor), mußte sich aber gegenüber der langwährenden Präponderanz der letzteren erst in hartem Kampfe die Selbständigkeit erringen. Der Aufschwung der Schule datierte seit der Zeit, als die empirische Unterrichtsweise der philosophisch begründeten Platz zu machen begann, d. h. seit der Lehrtätigkeit des Thaddaeus Alderotti. Seinem Einfluß war es vornehmlich zu danken, daß die medizinischen Scholaren dieselben Privilegien wie die Jünger der Themis erhielten.[58]Nach dem Schema:Behauptung, Beleg, Einwand, Gegeneinwand, Lösung.[59]Es wird erzählt, daß er durch den Verkauf geweihter Wachskerzen vor den Kirchentüren seinen Lebensunterhalt fand.[60]Als Papst Honorius IV., der ihn zu sich berufen hatte, seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß Alderotti ein tägliches Honorar von 100 Goldstücken forderte, antwortete er, daß doch kleine Fürsten und Edelleute nicht Anstand nehmen, 50 Goldstücke und mehr zu geben. Um nicht als geizig zu gelten, ließ ihm der Papst nach seiner Genesung angeblich nicht weniger als 10000 Aurei auszahlen.[61]So geriet Alderotti mit Barth. Varignana deshalb in Feindschaft, weil dieser ihm angeblich einige Scholaren entzogen hatte, die früher seine Schüler gewesen waren.[62]Interessant ist eine Stelle, aus welcher hervorgeht, daß er Nachtwandler gewesen ist; wir setzen sie hierher, um eine Probe seiner dialektischen Darstellungsweise und seines Stils zu geben. „An sensus possit fieri in aliquo dum dormit, Quarta quaestio. De quarta sic procedo. Videtur quod homo possit dormiendo sentire, nam dormiendo movetur, sicut patet in surgentibus de nocte, quorum Ego fui unus. Sed quandocumque homo movetur, tunc sentit quod ista duo sunt aequalia. Praeterea nos videmus eos infrenare equum et equitare: hoc autem non posset fieri sine sensu. Contra somnus secundum quod dicit Aristoteles in somno et vigilia est impotentia usus sensuum, et est immobilitas sensus, quare non sentit homo in somno. Ad hoc dico quod sine dubio non sentit homo in somno, et concedo rationes ad hanc partem. Quare si mihi opponas quod homo movetur in somno ergo sentit, dico quod ille motus non fit nisi ab impressione facta in virtute imaginativa, nam illa bene operatur in somno. Sed si dicas sensus convertitur cum motu, dico quod hoc est verum secundum aptitudinem sed non secundum actum; quare plerumque sentimus et non movemus aliquod membrum et e converso, sicut probatur in hoc quod modo dixi. Ad secundum quod tu dicis quod ipsi infrenant equum et equitant, dico quod ipsi tamen hoc faciunt per virtutem imaginativam et non per visum; nam si domus esset eis insolita non irent ad stabulum, sed vadunt propter consuetudinem, sicut Magister Compagnus Caecus, qui vadit propter consuetudinem per Bononiam transeundo vias sine aliquo socio. Praeterea Ego qui jam cecidi de alto quatuor pedum ad terram semper dormiens scio bene hujus facti experientiam. Unde dico quod nihil sentio. Statim enim cum frigus percutit me, aut audio aliquem loquentem, revertor ad me ipsum et redeo ad lectum. ...” (In Isagorum Joannitii libellum expositio, cap. X.)[63]Es ist kein bloßer Zufall, daß die scholastische Medizin zuerst an der Stätte zur reinsten Entwicklung gelangte, wo die juristische Interpretationskunst ihre höchsten Triumphe feierte, in Bologna, denn unter den Einflüssen des Milieus mußte es ja naheliegen, die Glossiermethode auf das Gebiet der ärztlichen Forschung und des ärztlichen Unterrichts zu übertragen, wobei die falsche Voraussetzung maßgebend war, es käme auch hier nur auf die richtige Auslegung der„Litera scripta”an, es könne der antik-arabischen Fachliteratur von vornherein diejenige autoritative, unverrückbar fundamentale Bedeutung beigemessen werden, welche die Rechtsbücher des Justinian für die Juristen tatsächlich besaßen. Wie diese die Rechtsquellen, so behandelte Thaddaeus die Aphorismen, das Prognosticon des Hippokrates etc., indem er sie mitGlossenversah, denen bald förmlicheQuaestiones,Disputationes,RecollectionesundQuodlibetationesfolgten. Im Grunde war es ja der, durch die Wiedererweckung des römischen Rechts erwachte,juristische Geist, der — wie Roger Bacon klagte — die Theologie des 13. Jahrhunderts beherrschte, der juristische Formalismus, der so großen Einfluß auf die Architektonik der theologischen Lehrgebäude ausübte. In Italien selbst, wo die spekulative Theologie merkwürdigerweise keinen hervorragenden Vertreter hatte — führende Theologen italienischer Abstammung wie Petrus Lombardus u. a. wirkten in Paris —, wurde diescholastische Methode, nur soweit sie auf dem Gebiete der zumeist gepflegten Rechtsstudien zur Geltung kam, vorbildlich für andere Zweige, namentlich für die Medizin.[64]Die Salernitaner Chirurgen strebten bei der Behandlung der Wunden Eitererzeugung an, die Bologneser Chirurgen dagegen empfahlen die austrocknende Wundbehandlung(nach dem Vorgang von Avicenna galt Wein als bestes Heilmittel für Wunden). Die Salernitaner stützen sich auf Hippokrates (Aphor. V, 67,Laxa bona, cruda vero mala), die Gegner auf Galen (Methodi med. Lib. IV, cap. 5,Siccum sano est propinquius, humidum vero non sano).[65]Außer bei dem S. 308 besprochenen Jamerius kommt der Einfluß Rogers auch beiWilhelm von Congeinna(vgl. Pagel, Die Chirurgie des Wilhelm von Congeinna, Berlin 1891) zur Geltung; über die Nationalität dieses Chirurgen ist nichts bekannt.[66]Die ältestbekannten Aerzte Bolognas stammen aus der Fremde. In den Archiven von Lucca werden Aerzte seit dem 8. Jahrhundert erwähnt.[67]Die darüber berichtenden Stadtstatuten sind eines der ältesten Denkmäler für die gerichtliche Medizin im Mittelalter.[68]So z. B. bezüglich dereiterungslosen Wundbehandlung: Predictus tamen vir mirabilis magister Hugo omnia fere vulnera cum solo vino et stupa et ligatura ... sanabat, consolidabat, pulcherrimas cicatrices sine unguento aliquo inducebat (Lib. I, cap. 12).[69]Stadt in Calabrien.[70]Signa sunt, quod minoratur quantitas urinae ... et incipit venter inflari post tempus et fit hydropicus post dies. Et ut plurimum fit talis durities post apostema calidum in renibus et post febrem ejus. Aehnliche Stellen finden sich übrigens schon früher bei Serapion und Rhazes.[71]Wiewohl Abulkasim eine Hauptquelle bildete, so blieb man doch bei seiner Vorliebe für das Glüheisen nicht stehen.[72]Schon 1254 hatten die Wundärzte Examinatoren verlangt. Ihre Korporation besaß einen gildenartigen Charakter und sollte hauptsächlich einen Schutz gegen unlautere, meist aus der Fremde eingewanderte Elemente bilden. Die Mitglieder verehrten als Patrone die heiligen Aerzte Kosmas und Damian. Wahrscheinlich wurden ihnen schon früh die Kranken des Hôtel-Dieu anvertraut.[73]Z. B. Aldobrandino von Siena, der besonders als diätetischer Schriftsteller (in französischer Sprache) hervortrat.[74]Zitiert werden außer Wilhelm von Saliceto antike, arabische und abendländische Autoren.[75]Als Beispiel diene die aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammende SchriftExperimenta magistri Gilliberti(ed. Pansier, Janus 1903), in welcher noch der für die Empirie günstige, lang nachwirkendearabische und jüdische Einflußdurchleuchtet.[76]Den Gegensatz zwischen Montpellier und den anderen in philosophischer Spekulation aufgehenden Schulen (Paris, Bologna etc.) schildert Arnaldus bezeichnend in seinem Breviarium Lib. V, cap. 10 mit den Worten:qui universale cognoscit, particulare autem ignorat, multoties in curatione peccabit. Et propter hocParisiensesetUltramontani mediciplurimum student, ut habeant scientiam de universali, non curantes habere particulares cognitiones et experimenta.Memini enim vidisse quendam maximum in artibus, naturalem logicum et theoreticum optimum in medicina, tamen unum clystere seu aliquam particularem curationem non novit ordinare et vix ephemeram sciebat curare.Atmedici Montis Pessulani, sicut magister meus et alii probi viri, qui fuerunt scholares, qui student satis habere scientiam de universali, non praetermittentes scientiam particularem, unde magis respiciunt ad curationes particulares et didascola et vera experimenta habere, quam semper universalibus incumbere.[77]Bonifaz VIII., der an einem Steinleiden laborierte, wurde von Arnald, welcher in der Kur dieser Affektionen besonders erfahren war, erfolgreich behandelt. In der Therapie spielte neben diätetisch-medikamentösen Maßnahmen auch die Applikation eines festansitzenden Lendengurts und eines — magischen Löwensiegels eine wichtige Rolle. Letzteres benützte der Papst mit Vorliebe — zur höchsten Entrüstung der Kardinäle. Bekanntlich wurde übrigens Bonifaz VIII. selbst nach seinem Tode der Ketzerei verdächtigt.[78]Clemens V., der Arnald auch bei der Ordnung der Verhältnisse der medizinischen Schule von Montpellier (1308) zu Rat gezogen hatte, richtete nach dem Ableben des großen Arztes unter Androhung des Kirchenbannes an alle Bischöfe und die ihnen unterstellten Kleriker die Aufforderung, nach einem medizinischen Werke des Verstorbenen „de variis experimentis curandorum morborum acutorum” zu fahnden und ihm dasselbe auszufolgen. Der Papst erteilte ihm in diesem Zirkularschreiben die höchsten Lobsprüche.[79]Der Herausgeber Symphorien Champier berichtet von seiner flüchtigen Schreibweise: cum enim aliquid ille scripsisset, quod scripserat, respicere bis minime tolerabat, sed neque etiam semel legere atque percurrere.[80]Als Verf. wurde ein anderer Arnoldus angenommen, wobei man sich namentlich darauf stützte, daß im Breviarium eine Reihe von Neapolitanismen vorkommen.[81]Im Prooemium zum Breviarium heißt es: et omnia, quae expertus sum, et quaecunque per omnes magistros et viros et mulieres etiam simplices et empiricos vidi temporibus meis experiri ... clariter enarrabo.[82]Abweichend oder sogar oppositionell gegen Galen tritt er wiederholt auf, z. B. an mehreren Stellen in der Schrift de intentionibus medicorum, in dem Kommentar zur Schr. de mala complexione. Im allgemeinen freilich bringt er Galen und noch mehr dem Hippokrates Ehrfurcht entgegen. Weit schärfere Worte als gegen den Pergamener findet Arnald gegenAvicenna, von dem er einigemal sagt, daß er Galen ganz mißverstanden habe, ja den er geradezu einen Schriftsteller nennt, welcher den größeren Teil der abendländischen Aerzte verdummt habe („qui in medicina majorem partem medicorum latinorum infatuat”. De consid. oper. medic. Pars II, cap. 1). Es ist bezeichnend für Arnalds medizinische Richtung, daß er den Kliniker Rhazes im Gegensatz zu Avicenna ganz besonders verehrt und ihn mit folgenden treffenden Worten charakterisiert: „vir in speculatione clarus, in opere promtus, in judicio providus, in experientia approbatus” (De divers. intentionib. medicinae prooemium).[83]Er wirft seinen Zeitgenossen mit Recht vor, daß sie statt der Originalschriften sekundäre Machwerke (Summae) studieren: Praeterea non in scripturis student, in quibus ars traditur supradicta Galeni et Hippocratis, a quibus medicinam divina concessione veraciter et perfecte novimus esse relevatam: immo potius in chartapellis et summis, quae potissime magni voluminis sunt, sicut in historiisGilaberti, fabulisPontijetGalteri. (De consid. oper. medicinae, prooemium.) — Bei der unmittelbaren Berührung mit den in Spanien ansässigen Sarazenen ist es nicht verwunderlich, daß Arnald das Arabische beherrschte, daher die arabische medizinische Literatur nicht nur intensiver, wie seine Zeitgenossen, sondern mit einer, diesen fehlenden Kritik benützen konnte. Auf seine arabische Sprachkenntnis weist z. B. folgende Stelle im Commentum super libello de mala complexione diversa: nec est imputandum errori transferrentis, quia in omnibus libris Arabum, quos invenire potuimus, sic invenimus continere nec similiter imputandum est defectui vocabulo in illa lingua, quoniam ad notificandum dolorem secundo modo acceptum scimus in eo esse copiosos sermones. Fast in allen Traktaten Arnalds kommen arabische Ausdrücke, auch vulgär-arabische Worte vor. — Vom Griechischen scheint er dagegen keine oder höchstens eine ganz oberflächliche Kenntnis besessen zu haben.[84]Wie sich aus vielen Stellen ergibt, besaß Arnald für die Anatomie viel Interesse.[85]Die Grundlage seiner Physiologie und Pathologie ist die Qualitäten- und Säftelehre, jedoch räumt er den zwischen Körper und Geist vermittelndenSpiritusbesondere Bedeutung für das Leben im gesunden und kranken Zustande ein.[86]Diesem goldenen Spruch geht ein sicherlich unechter Abschnitt voran, der in 12 Regeln eine systematische Anweisung zum methodischen Betrug bei der Uroskopie bietet. Besonders häufig wurde die siebente dieser humoristisch anmutenden, kulturgeschichtlich jedenfalls interessanten Regeln zitiert und dem Arnald mit Unrecht in die Schuhe geschoben: Tu forte nihil scies, dic quod habet obstructionem in hepate; dicet, non Domine, immo dolet in capite vel in tibiis vel in aliis membris; tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate vel a stomacho et specialiter utere hoc nomine obstructio, quia non intelligunt, quid significat et multum expedit, ut non intelligatur locutio ab eis.[87]Parabolae, Doctr. II, aph. 8. 9. 11. 12. Prudens et pius medicus morbum expellere satagit ante cibis medicinalibus quam medicinis puris. — Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. — Modestus et sapiens medicus nunquam properabit ad pharmaciam, nisi cogente necessitate, cum etiam debilia, quibus corpus non indiget, sint nociva. — In pueris et decrepitis verendum est pharmacare, juvenibus quoque suspectum est crebro sumere pharmaciam.[88]De vinis. Vgl. über den Inhalt S. 392.[89]Nach neueren Forschungen darf Arnald freilich die Entdeckung des Alkohols, der Terpentinessenz, der Salz- und anderer Säuren nicht zugeschrieben werden, dessenungeachtet bleibt die Einführung des Alkohols in die Medizin sein Verdienst.[90]Damit steht es auch im Zusammenhang, daß er ängstlichen Patienten übel aussehende Arzneien im Dunkeln gibt (De aquis medicinalibus, cap. 3), für Rekonvaleszente eine Ortsveränderung empfiehlt (Parabol. medicat., Doctr. VII, aphor. 2), daß er auf die Ideen der Geisteskranken liebevoll eingeht (De parte operativa) u. s. w.[91]Als Alchemist hat sich Arnald einen langdauernden Nachruhm erworben, fast alle späteren Anhänger der spagirischen Kunst erwähnen ihn als einen Meister; eine Menge von alchemistischen Schriften, darunter freilich nicht wenige fälschlich, gehen unter seinem Namen. Aus der Untersuchung derselben erhellt, daß er aus der älteren Literatur schöpfte und mit ehrlicher Ueberzeugung arbeitete, ohne es freilich an Renommistereien, wie sie sich ja in allen derartigen Schriften finden, fehlen zu lassen. Rührt doch von Arnald der Ausspruch her, daß er das Meer mit seinem Elixier in Gold verwandeln wollte, wenn es aus Quecksilber bestände. Noch mehr als bei der Mitwelt stand er bei der Nachwelt im Rufe eines Zauberers, dem der Teufel die Transmutation der Metalle ermöglicht hätte. Als Principia naturalia nahm erMerkurundSulfuran, d. h. das Prinzip des Unzersetzbaren, des Metallglanzes u. s. w. und das Prinzip der Zersetzbarkeit, Veränderlichkeit. Der Unterschied der Metalle beruhe auf der größeren oder geringeren Beimengung des schwefligen Prinzips, die Möglichkeit der Transmutation auf dem gemeinsamen Ursprung der Metalle. Arnalds schwer analysierbares Verfahren bestand der Hauptsache nach in wiederholtem Destillieren bezw. Sublimieren von Quecksilber, Kupfer-, Gold- und Silberamalgamen mit Essig und Salzzusatz, Verreiben, Filtrieren, einigen Oxydationsprozessen über dem Feuer, Trennung von den Verunreinigungen. Sehr bemerkenswert sind die beliebtenVergleiche der alchemistischen Prozesse mit organischen Vorgängen, der Zeugung, Geburt, dem Wachstum etc.; die Bestandteile des Steins der Weisen entsprechen dem Leib, dem Spiritus, der Seele. — Seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts war die Beschäftigung mit der Alchemie im Abendlande, besonders auch in Klöstern, weit verbreitet.[92]In den Traktaten de coitu, de conceptione und de sterilitate.[93]De parte operativa. Der Traktat Remedia contra maleficia, welcher allerlei Mittel gegen Zauber enthält, ist aber apokryph.[94]Insbesondere unter astrologischen Einflüssen angefertigte Siegel (z. B. das Löwensiegel, vgl. S. 389 Anm. 1). Der Traktat de sigillis handelt eigens über die Herstellungsweise solcher Amulette.[95]Die Aqua auri, erzeugt durch eine glühende, in Wein abgelöschte Goldplatte preist er als Panazee gegen Aussatz. Während aber im Rosarius philosophorum das durchalchemistischeKünste bereitete Gold als Universalmittel gepriesen und demselben sogar der Vorrang gegenüber dem natürlichen Gold zugesprochen wird, heißt es in der Schrift de vinis: „Ideo falluntur in hoc alchimistae. Nam etsi substantiam et colorem auri faciunt, non tamen virtutes praedictas in illud infundunt” — womit eigentlich über die Alchemie überhaupt der Stab gebrochen wird.[96]Die Schriften Arnalds sind größtenteils von der Astrologie durchsetzt, speziell handelt aber der Traktat Capitula astrologiae darüber; darin wird eingehend die Wichtigkeit der Astrologie für die Stellung der Prognose (kritische Tage), für die Arzneibereitung, für die Darreichung gewisser Mittel (z. B. der Laxantien), für die Ausführung des Aderlasses etc. erörtert. Arnald beruft sich auf Hippokrates und Galen und meint, wenn jemand weiter gehe als diese, so überschreite er die Grenzen der Medizin (Speculum introductionum medicinalium, cap. 97). Daß Arnald anderseits die Unverläßlichkeit der Astrologie erkannte und die Beobachtung am Krankenbette höher stellte, geht aus einer merkwürdigen Stelle hervor, wo er sagt, der Arzt, welcher die Astrologie vernachlässigt, fällt nicht in untrügliche Irrtümer (De judiciis astronomiae, cap. 10). — Bei Beurteilung dieses Sachverhalts muß man in Erwägung ziehen, daß man damals selbst von theologischer Seite die Vernachlässigung gewisser Konstellationen in der ärztlichen Praxis als sündhaft bezeichnete, so sehr man vom Gesichtspunkte des freien Willens die absolute Einwirkungskraft der Gestirne bestritt.[97]Expositiones visionum. Soweit die Medizin in Betracht kommt, schließt er übrigens, was nicht zu verdammen ist, auf einen natürlichen Zusammenhang der Träume mit körperlichen Zuständen (z. B. Plethora-Alpdrücken).[98]Breviar. II, cap. 51. Ein Geistlicher führte die Wunderkur aus durch ein Paternoster mit verändertem Schlußsatz. Gegen Halskrankheiten findet sich der Blasiussegen empfohlen.[99]Auf astralen Einflüssen beruhe z. B. die Kraft gewisser Amulette, die aus Pflanzen, Tierteilen oder Mineralien gewonnen werden. Zauber sei besonders wirksam, wenn neben dem Instrumentarium die Person des Zauberers selbst vermöge des Sternbilds seiner Geburt eine entsprechende Kraft in sich trägt. Diese Kraft könne später noch durch Einflüsse der Himmelskörper verstärkt oder umgekehrt auch durch hemmende Konstellation vermindert und aufgehoben werden. Die geheimnisvollen Kräfte wirken durch Spiritus und Vapores, welche von den Personen ausgehen. Infolgedessen könne in Krankheiten ganz unbeabsichtigt ein Arzt oder ein Pfleger durch seine bloße Anwesenheit nachteiligen Einfluß ausüben, wenn er eben die geheime Kraft zur „Infektion” und Korruption des Spiritus in sich trägt, und diese Kraft noch durch eine ungünstige Konstellation verstärkt wird. (De parte operativa.)[100]In diesem Abschnitt (Part. III, cap. 5) wird von denBrillengesprochen. Es heißt dort nämlich von einem Augenwasser: et est tantae virtutis quod decrepitum faceret legere literas minutas sineocularibus.[101]Es kommen Fragen vor wie z. B.: ob das Feuer warm oder kalt ist, ob die spezifische Form eine Substanz oder ein Accidens ist, ob ein goldenes Kauterium besser als ein silbernes Kauterium wirkt u. s. w.[102]So wird z. B. die Frage, ob die Nerven vom Gehirn oder vom Herzen entspringen, mit den Kunstgriffen der Dialektik zu beantworten gesucht. Die Frage, ob Gerstenptisane Fiebernden verabreicht werden darf, wird nach allerlei Subtilitäten in negativem Sinne entschieden, weil Gerstenwasser eine Substanz, Fieber dagegen ein Accidens sei.[103]Pietro d'Abano sprach der Luft Schwere zu, erklärte den Regenbogen aus der Brechung der Strahlen, lehrte, daß die Aequinoktiallinie bewohnbar sei, berechnete annähernd richtig das Sonnenjahr und die Eintrittszeit der Sonne in die Hauptzeichen des Tierkreises. Was die Physiologie anlangt, verteidigte er z. B. die Ansicht, daß die Venen vom Herzen (nicht von der Leber) entspringen, daß die Respiration wenigstens quoad modum ein willkürlicher Akt sei u. s. w.[104]Der Conciliator gehört zu den am frühesten gedruckten Werken.[105]In Frankreich allein gab es im Anfang des 13. Jahrhunderts 2000, in den christlichen Ländern zusammen 19000 Leproserien (Sondersiechenhäuser, St. Georgsspitäler, Mesalleries).
[1]Man berücksichtigt im allgemeinen viel zu wenig, daß im 11. und besonders im 12. Jahrhundert ein, an die Renaissancezeit erinnernder, äußerst reger humanistischer Eifer in Italien und Frankreich (Schule von Chartres) herrschte, welcher an der Hand des Studiums der römischen Autoren zu einer hohen Ausbildung der Latinität führte, wie sich dies z. B. in den Schriften Abälards, Joh. von Salisburys u. a. kundgibt. Schon in der zweiten Hälfte des 12., noch weit mehr aber im 13. Jahrhundert gerieten die „grammatischen” Studien in Verfall. Die Höhe der damaligen philosophischen Spekulation, welche in weitem Umfange auf großer Selbständigkeit im Denken beruhte und fast allein die, noch dazu unvollständig bekannten logischen Schriften des Aristoteles zur Stütze hatte, kann namentlich an Abälard ermessen werden. Mit Rücksicht auf die Anknüpfung an sehr wenige, dafür aber unverfälscht erhaltene antike Elemente, ließe sich zwischen der philosophischen Entwicklung des 12. Jahrhunderts und der Salernitanermedizin eine Parallele ziehen. Wie die erstere vom augustinisch-platonischen, so war die letztere von hippokratischem Geiste durchweht, im Gegensatz zur späteren, mit dem 13. Jahrhundert beginnenden Epoche, in welcher hier der arabisierte Galen, dort der arabisierte Aristoteles das Szepter führte.
[2]Es braucht hier nur an die Hauptvertreter Johannes Scotus Erigena, Gerbert, Berengar von Tours, Lanfranc, Anselm von Canterbury, Roscellinus von Compiegne, Wilhelm von Champeaux und Abälard erinnert werden. Die dürftige antike Grundlage ihrer spekulativen Theologie bezw. kirchlichen Philosophie bildeten hauptsächlich einige der analytischen Schriften des Aristoteles, die Isagoge des Porphyrius in der Uebersetzung und mit den Kommentaren des Boëthius, des letzteren Abhandlungen über den kategorischen und hypothetischen Schluß. Die von Porphyrius aufgeworfene Frage, ob Gattungen und Arten, die allgemeinen Begriffe etwas Wirkliches außer uns oder bloß Gedanken seien, entfachte schon seit Anselm und Roscellin den noch früher im Morgenlande begonnenen, durch das ganze Mittelalter hin und her wogenden Streit derRealistenundNominalisten, von denen jene die Realität der Universalien verfochten, letztere nur die Realität der Einzeldinge gelten lassen wollten, abgesehen von den beiderseitigen Vermittlungsversuchen.
[3]Vgl. namentlich H. Denifle, Die Universitäten des Mittelalters, I. Bd., Berlin 1885; G. Kaufmann, Die Geschichte der deutschen Universitäten, I. Bd. Vorgeschichte (die auswärtigen Universitäten), Stuttgart 1888; Rashdall, The universities of Europe in the middle ages, Oxford 1895.
[4]Eine den weitesten Kreisen geöffnete Anstalt im Gegensatze zum Studium particulare, d. h. einer nur für engere Kreise bestimmten, nicht mit Privilegien ausgestatteten Schule. Der im Beginn des 13. Jahrhunderts zuerst auftretende Begriff Studia generalia — solche waren zunächstBologna,Salerno,Parisfür Rechtswissenschaft, Medizin, Theologie — erhielt erst im Laufe der Zeit seine genauer umgrenzte juristische Fixierung, indem zu den Grundeigenschaften einer solchen Hochschule (Studenten aus allen Gegenden, Pluralität der Lehrer, Vertretung wenigstens eines der höheren Fakultätsgegenstände, d. h. der Theologie, Jurisprudenz oder Medizin neben den artes liberales) noch gewisse Privilegien (Enthebung der Geistlichen von der Residenzpflicht, Promotionsrecht, das Jus ubique docendi u. a.) hinzutraten, welche ursprünglicher oder nachträglich eingeholter (päpstlicher bezw. kaiserlicher) Beurkundung bedurften, wenn sie nicht ex consuetudine (wie z. B. in Oxford) anerkannt waren.
[5]Typus Bologna, dessen Universität (zunächst bloß Juristenuniversität) schon 1158 durch Friedrich Barbarossa („Habita”) ihre Rechtsgrundlage erhielt und durch ihre demokratische Verfassung (Wahl des Rektors aus der Mitte der fremdländischen Scholaren, wobei aber den, mit der Universität in Zusammenhang stehenden Doktorenkollegien durch das Promotionsrecht etc. die gebührende Autorität gewahrt blieb) für eine ganze Reihe von italienischen Stadtuniversitäten (Vicenza,Arezzo,Padua,Vercelli,Sienau. a.), zum Teil auch für einige Lehranstalten Südfrankreichs, vorbildlich wurde.
[6]Typus Paris, dessen Universitas zwar eine aus Scholaren und Magistern zusammengesetzte Korporation bildete, aber nur den Magistern Stimmrecht gewährte und unter dem Kanzler stand. Aehnlich, aber mit oft erheblichen Modifikationen hinsichtlich der Machtbefugnis des Kanzlers, warenMontpellier,Toulouseund in EnglandOxfordundCambridgeorganisiert.
[7]Am reinsten repräsentiert diesen Typus die von Friedrich II. 1224 gestiftete Hochschule vonNeapel. Wenigstens teilweise gehören aber in diese Kategorie auch die durch königlichen Willensakt ins Leben gerufenen spanischen Universitäten, nämlichPalencia, die älteste derselben (von Alfons VIII. gestiftet), sodannSalamancaundLerida, ferner die portugiesische inLissabonbezw.Coimbra. Diese erhielten aber auch päpstliche Anerkennung als Studia generalia respectu regni.
[8]So war z. B. an der berühmten Pariser Universität das römische Recht gar nicht vertreten, sondern nur das kanonische; die italienischen Stadtuniversitäten im allgemeinen waren ursprünglich bloß Schulen für römisches sowie kirchliches Recht, sie pflegten erst im Laufe ihrer weiteren Entwicklung auch die Artes und die Medizin, wozu nur selten auch die Theologie hinzutrat.
[9]InMontpellierbildete die medizinische Schule (medizinische „Universität”) für sich eine eigene Korporation, welche mit den später entstandenen Schulen („Universitäten”) der Juristen und Artisten nicht vereinigt wurde.InBolognawaren einerseits Genossenschaften der stadtfremden Scholaren, anderseits städtische Gilden der Lehrer miteinander verbunden. Von der ursprünglich einheitlichen, aber vorzugsweise das juristische Element vertretenden Scholarengenossenschaft trennte sich allmählich die Genossenschaft der Mediziner- und Artistenscholaren ab, und da die juristische Scholarenvereinigung wieder in die Citramontani und Ultramontani mit je einem Rektor an der Spitze zerfiel, so existierten tatsächlich mehrere „Universitäten” (im Sinne von Genossenschaften) nebeneinander. Gegenüber den großen Scholarengenossenschaften standen die Gilden der Lehrer, die Doktorenkollegien, welche das Promotionsrecht innehatten, sich nach den Wissenschaften gliederten, aber in ihrer Stellung keineswegs den heutigen Fakultäten entsprachen. Alle diese Vereinigungen hatten für ihre Versammlungen ein gemeinsames Gebäude, und streng genommen äußerte sich ihre Verknüpfung zu einer Einheit auf dem Boden der Hochschule nur darin, daß die akademischen Grade unter Leitung des Bischofs, der dabei als Kanzler auftrat, erteilt wurden.InParisschieden sich aus der ursprünglich gemeinsamen Magisterkorporation verhältnismäßig früh die theologische, juristische und medizinische von der artistischen Fakultät. Jede derselben wählte ihren Dekan. Die drei ersteren Fakultäten hießen die oberen, weil das Studium der Artes als Vorbereitung betrachtet, und jeder erst in den Artes zum Magister promoviert sein mußte, ehe er in einer der oberen Fakultäten als Scholar zugelassen wurde. Unter den an Zahl überwiegenden Artisten, undnurunter diesen, entstanden neben der Magisterfakultät noch landsmannschaftliche Vereinigungen aus Magistern und Scholaren, die vier „Nationen” (gallische, normannische, pikardische und englische) mit dem Rektor an der Spitze, der schließlich zum Haupt der Universitas wurde. — Die medizinische Fakultät erscheint als feste Organisation schon seit1213in den Urkunden, ein Dekan der medizinischen Fakultät wird zuerst 1267 erwähnt.
[10]Abweichend von der spätrömischen Tradition, sofern Martianus Capella für dieselbe maßgebend ist (vgl. S. 268, 270).
[11]Dieselben bildeten zu dieser Zeit in Italien schon einen eigenen Stand, der sich einerseits vom ärztlichen Beruf, anderseits von den Arzneihändlern differenziert hatte. Durch die Medizinalverfassung Friedrichs II. wurde nicht nur das Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker, sondern auch die Ausbildung und Tätigkeit der letzteren gesetzlich geregelt.
[12]Diese Statuten geben auch über die dem Unterricht zu Grunde gelegten Bücher Auskunft. Debet audivisse bis artem medicinae ordinarie et semel cursorie exceptis urinis Theophili, quas sufficit semel audivisse ordinarie vel cursorie: Viaticum bis ordinarie, alios libros Ysaac semel ordinarie, bis cursorie, exceptis diaetis particularibus, quas sufficit audivisse cursorie vel ordinarie; Antidotarium Nicholai semel. Versus Egidii non sunt de forma. Item debet unum librum de theorica legisse et alium de practica. (Chartularium Univ. Parisiens. ed. Denifle et Chatelain, Paris 1889-91.)
[13]Welche Anforderungen an den „Baccalarius” resp. den„Baccalarius licentiandus”gestellt wurden, ersieht man aus der oben erwähnten Verordnung des Königs Karl I. von Anjou. ... teneatur baccalarius audivisse bis ordinarie ad minus omnes libros artis medicae, exceptis Theofili et libro pulsuum Filareti, quos sufficit audivisse semel ordinarie vel cursorie. Item regimenta acutorum bis ordinarie. Item quatuor libros Yshac, scilicet Viaticum, dictas universales, urinas. Librum febrium semel ordinarie ad minus. De omnibus praedictis tenetur baccalarius facere fidem et praestare juramentum. ... (Renzi, Coll. Salern. I, p. 62.) ... teneatur baccalarius licentiandus audivisse per triginta menses medicinam a magistro conventato et regente, deinde teneatur respondere bis de questione et desputatione magistri regentis, praeterea leget cursorio duos libros unum de theorica et alium de practica, postmodum teneatur audire antequam conveniat ad conventum seu licentiam quosque compleveritquadraginta mensesin universo incipiendo computationem a prima die qua incepit audire medicinam a magistro conventato regente ut supra dictum est, si fuerit magister seu licentiatus in artibus et si non fuerit magister seu licentiatus in artibus debet audivissequinquaginta sex mensibusita quod non computetur, nec illud tempus in quo ut prius dicitur regitur Salerni. Item teneatur respondere cuilibet magistro regenti singulariter de questione in disputatione sua. ... L. c. p. 361. Ueber den Erfolg der Prüfung wurde an den Kanzler zu Neapel berichtet, worauf am letzteren Orte die Prüfung „per physicos regios”, also die eigentliche Staatsprüfung stattfand. Diese Kontrolle der medizinischen Fakultät von Salerno durch den Kanzler und die königlichen Aerzte ist erst 1395 aufgehoben worden.
[14]Die wissenschaftlich gebildeten Aerzte trugen anfänglich allgemein den TitelMagister. Im Laufe des 13. Jahrhunderts jedoch fand nach dem Beispiel Bolognas auch in den medizinischen Schulen derDoktortitel Eingang, wurde aber zunächst im ursprünglichen Sinne des Wortes (vgl. S. 247, Anm. 1 und S. 306) nur demjenigen erteilt, der alsLehrerin der Heilkunde tätig war. Allmählich wurde es übrigens Gebrauch, den Doktortitel allen zur Ausübung der Kunst legitimierten Aerzten zu geben, da eben jedem das Recht zu lehren fakultativ zustand. Die Scheidung inDoctores legentes et non legentesentsprach dann den tatsächlichen Verhältnissen, indem nur die ersteren die Lehrtätigkeit wirklich versahen.
[15]Wie sehr dieser Gegensatz gefühlt wurde, geht auch aus manchen Stellen in der schönen Literatur der damaligen Zeit hervor.
[16]Diese Fortschritte waren freilich nur Entlehnungen aus dem Orient bezw. Verbesserungen derselben. Der Kompaß wird bereits Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt (in der Schrift de rerum naturis des Alexander Neckam, in den Dichtungen des Guiot de Provins und Jacques de Vitry), die Brillen (konvex) waren Ende des 13. Jahrhunderts bekannt, Salvino degli Armati und Alexander de Spina können höchstens als Wiedererfinder gelten.
[17]Aristoteles wurde erst nach langen Geisteskämpfen zum kirchlich anerkannten „Philosophen” par excellence. In den ersten Dezennien des Bekanntwerdens seiner physischen, metaphysischen, ethischen Schriften im Gewande arabischer Interpretation betrachtete man seitens der Kirche das Studium des Aristoteles mit einem gewissen Argwohn und verbot es teilweise sogar (1210, 1215, 1231), umsomehr als die Gegensätzlichkeiten zur katholischen Weltanschauung (z. B. die Lehre von der Ewigkeit der Welt) noch unausgleichbar erschienen und zu Häresien gefährlichster Art Anlaß gaben. Die Verbote vermochten aber den Enthusiasmus für das neue, hellstrahlende Licht der Erkenntnis nicht zu hemmen, und auch die Bedenken der Kirche schwanden in dem Maße, als gezeigt wurde, wie dem Aristotelismus gleichsam seine giftigen Bestandteile entzogen, ja wie er sogar den Interessen der kirchlichen Gelehrsamkeit dienstbar gemacht werden könnte. Schon das letzte, 1231 erlassene Verbot ließ vermuten, daß die Freigabe in Aussicht genommen war, bereits 1233 durften die verbotenen Bücher in Toulouse gelesen werden, seit 1254 gehörten dieselben auch in Paris zum regelmäßigen Studienplan. Insbesondere waren es Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die den Aristotelismus fortan zu seiner autoritativen Stellung in kirchlichen Kreisen erhoben, indem sie dabei gleichzeitig gewisse entgegenstehende neuplatonisch-arabische Auslegungen bekämpften. Die Art, wie die Kirche eine, anfangs nicht grundlos als feindlich betrachtete Strömung einzudämmen und in ihr Bett zu leiten wußte — vergleichbar mit dem Aufgehen der mystischen, schwärmerischen Richtungen im Franziskanerorden etc. — bedeutete einen Sieg, der, mit den Waffen des Geistes erfochten, weit glänzender war als jener, den die Inquisition über die Ketzer davontrug. Ein für die selbständige kirchliche Interpretation des Aristoteles und damit für die Anerkennung seiner Lehren höchst förderlicher Umstand ist nicht am wenigsten auch in demAuftauchen neuer Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen, wie sie im 13. Jahrhundert in erster Linie Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln, Joh. Basyngstoke und Wilhelm von Moerbeke lieferten oder wenigstens anregten, zu suchen. Solche hat schon Thomas von Aquino — im Gegensatz zu Albertus Magnus — seinen Kommentaren zumeist zu Grunde gelegt; sie trugen viel dazu bei, daß sich der, ursprünglich gegen die gegensätzlichen Lehren der Peripatetik als solche gerichtete Kampf in einen Kampf gegen die, dem kirchlichen System widerstrebenden arabischen Interpreten (namentlich Averroës) einengen konnte.
[18]Es sei hier nur auf die von tiefster religiöser Inbrunst getragenen Hymnen Dies Irae und Stabat mater und auf die Anfänge des an den biblischen Stoffkreis gebundenen Dramas hingedeutet.
[19]Es waren vorzugsweise die Dominikaner, welche durch ihre auf Lehre und Schule gerichtete Tätigkeit eine tiefgreifende Durcharbeitung des gesamten Wissensstoffes anregten (der praktischen Medizin sind sie aber in der Regel fern geblieben); die Franziskaner sind ihnen hierin erst später gefolgt.
[20]Außerdem gibt es zahlreiche Ausgaben gewisser Gruppen seiner Schriften oder einzelner Schriften, von denen manche auch übersetzt worden sind (Deutsch, Französisch, Italienisch, Polnisch).
[21]Zu den naturwissenschaftlichen Schriften gehören Physicorum libri VIII (allgemeine Naturlehre, Lehre von den Kräften und der Bewegung) — de coelo et mundo libri IV (über die Bewegung der Himmelskörper) — de generatione et corruptione libri II (über die Verwandlung der Körper) — Meteorum libri IV (Meteorologie und physikalische Geographie) —de mineralibuslibri V (allgemeine Eigenschaften der Mineralien, Beschreibung von 95 Edelsteinen, 7 Metallen, ferner Salz, Vitriol, Alaun, Arsenik, Schwefelkies, Nitrum, Tutia, Elektrum) — de anima libri III — de sensu et sensato — de memoria et reminiscentia — de somno et vigilia — de motibus animalium libri II — de juventute et senectute — de spiritu et respiratione libri II — de vita et morte — de nutrimento et nutribili — de natura locorum (Klimato- und kurze Kosmographie, reich an ethnologischen und physiologischen Bemerkungen) — de causis proprietatum elementorum (physikalische Geographie auf Grund der Vierelementenlehre) — de passionibus aëris (über meteorologische Vorgänge) —de vegetabilibus et plantislibri VII (Neuausgabe von Meyer und Jessen, Berlin 1867) — de motibus progressivis —de animalibuslibri XXVI —Philosophia pauperum(Phil. naturalis, Summa naturalis, Isagoge in libros Aristotelis physicorum de coelo et mundo, de generatione et corruptione, meteorum et de anima; auszugsweise wiedergegebener Inbegriff der Naturanschauungen des Albertus in Anlehnung an Aristoteles, vielleicht von einem Schüler des Albertus herrührend). Psycho-physiologisches enthält auch die theologische Schrift Summa de creaturis. Unechte hierhergehörende Schriften sind vielleicht speculum astronomiae und de alchimia, sicherde virtutibus herbarum, lapidum et animalium quorundam (wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammendes Machwerk über die magischen Kräfte der Pflanzen, Edelsteine und Tiere), Mirabilia mundi,De secretis mulierum. Die letztgenannte unter dem Namen des Albertus laufende Schrift handelt von der Zeugung (astrologische Einflüsse), Menstruation, Fötusbildung, Geburt, Mißgeburten etc. und erfreute sich einer ganz besonderen Beliebtheit — was die zahlreichen Ausgaben (auch Kommentare), Uebersetzungen („der Frauenzimmer Heimlichkeit”) und Umarbeitungen, welche bis in das späte 18. Jahrhundert veranstaltet worden sind, beweisen; sie besitzt für die Geschichte der Geburtshilfe eine gewisse Bedeutung. Die im Laufe der Zeit zustandegekommenen, voneinander oft erheblich abweichenden Umarbeitungen und Erweiterungen basieren auf zwei verschiedenen Vorlagen, welche aufHenricus de Saxoniabezw. aufThomas von Brabantzurückgehen sollen.
[22]Z. B. gehört hierher sein Glaube an die wunderbare Heilwirkung der Edelsteine (in der Schrift de mineralibus) u. a. Es ist aber nicht zu vergessen, daß es vorwiegend unterschobene Schriften sind (z. B. de virtutibus herbarum, mirabilia mundi u. a.), welche von Aberglauben strotzen. Leider haben gerade diese Schriften dazu beigetragen, daß Albertus in der Geschichte lange Zeit nur im verzerrten Bilde fortlebte. Bezüglich des Glaubens an die Heilkraft der Steine (vgl. S. 320) sei erwähnt, daß derselbe bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts von einem deutschen Dichter, genannt„der Stricker”, in einem langen Spottgedicht bekämpft wurde. Als Gegenschrift zu diesem ist das unterVolmarsNamen bekannte mittelhochdeutsche Gedicht über die Steine (ed. H. Lambel, Heilbronn 1877, mit demSt. Florianer Steinbuch) aufzufassen. Dem 13. Jahrhundert gehört auch das lateinische Steinbuch desArnoldus Saxoan.
[23]Im II. Sentent. Opp. t. XV, 137a: Sciendum quod Augustino in his, quae sunt de fide et moribus, plus quam Philosophis credendum est, si dissentiunt. Sed si de medicina loqueretur, plus ego crederem Galeno vel Hippocrati, et si de naturis rerum loquatur, credo Aristoteli plus vel alii experto in rerum naturis. ... S. th. I, 14a: In theologia locus ab auctoritate est ab inspiratione Spiritus veritatis. ... In aliis scientiis locus ab auctoritate infirmus est et infirmior caeteris, quia perspicacitati humani ingenii, quae fallibilis est, innitur. In der Schrift de vegetabilibus (Opp. V, 430a, Ed. Jessen p. 339) verwirft Albertus an einer Stelle geradezu die Syllogistik und anerkennt, wo es sich um Einzeldinge handelt, nur die Erfahrung:Experimentum enim solum certificat in talibus, eo quod de tam particularibus naturis syllogismus haberi non potest.
[24]Zu den Enzyklopädien des 12. Jahrhunderts zählen der Elucidarius des Honorius Augustodunus und die Schrift des englischen Augustiners Alexander Neckam (1157-1227)de naturis rerum.
[25]Er wird als ein „familiaris” der königlichen Familie bezeichnet, hatte die berühmten Bücherschätze des Königs zu überwachen und zu mehren, für die Erziehung der königlichen Kinder allgemeine Vorschriften zu geben, welch letztere in der Schrift des Vincenz de eruditione filiorum regalium (ins Deutsche übers. von Chr. Fr. Schlosser, Frankfurt a. M. 1819) enthalten sind; ein Abschnitt darin betrifft die physische Erziehung.
[26]Bescheiden weist er für sich selbst jeden Anspruch auf Originalität zurück, zufrieden mit der Rolle des Kompilators: „Antiquum esse (scil. opus) auctoritate et materia, novum vero partium compilatione et aggregatione, se son per modum auctoris, sed excerptoris ubique procedere.”
[27]Lib. XI cap. 104: ... sed quoniam haec ipsa (scil. medicina) non tantum in operatione manuum, sed etiam in mentis speculatione consistit, videlicet quantum ad causarum considerationem, unde quasi media est inter practicam et theoricam....
[28]Thomas von Cantimpré war anfangs Augustiner und Regularkanonikus im Kloster Cantimpré bei Cambrai und trat später in den Predigerorden ein. Nach längeren Studien in Köln und Paris wurde er Lektor in Löwen, Subprior des dortigen Predigerkonvents, endlich noch Suffraganbischof. Er verfaßte außer der uns interessierenden Schrift theologische Werke.
[29]In diesem Buche findet sich auch eine Stelle, die für die Geschichte derGeburtshilfesehr bemerkenswert ist, weil sie in gewissen Fällen dieinnere Wendung auf den Kopfempfiehlt. Dieselbe Vorschrift findet sich übrigens auch im Speculum doctrinale des Vincenz von Beauvais und in den aufThomas von Brabant(vielleicht identisch mit Th. von Cantimpré) zurückgeführten Ausgaben der, dem Albertus Magnus unterschobenen, Schrift de secretis mulierum.
[30]Wir folgen in den, zum Teile nicht ganz klargestellten, biographischen Angaben vorzugsweise dem neuesten Herausgeber von Bacons Hauptwerken, Bridges.
[31]Um die Wurzeln der Größe Bacons bloßzulegen, muß hervorgehoben werden, daß die Pflege der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer und im Zusammenhange damit die Abneigung gegen scholastische Klopffechterei damals die Schule von Oxford charakterisierten — Züge, die schon früher in den Engländern Adelard von Bath, Alexander Neckam und Alfred Sershall hervorgetreten waren. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren die freisinnigen TheologenRobert Grossetête, Bischof von Lincolnund der Franziskaner Adam von Marisco die glänzendsten Vertreter, Männer, die den größten Einfluß auf Bacon ausgeübt haben. Grosseteste, der mehr Theologe und Naturwissenschaftler als Logiker und Metaphysiker war, legte, wie später Bacon, den Schwerpunkt einerseits auf dieKenntnis der gelehrten Sprachen(er verwarf die schlechten lateinischen Uebersetzungen des Aristoteles und regte neue unmittelbar aus dem Griechischen an), anderseits auf dieMathematik und Naturwissenschaft(seine Schrift de physicis lineis, angulis et figuris bildete für Bacons physikalische, namentlich optische Lehren eine der wichtigsten Grundlagen). Außer den beiden Genannten und anderen gleichstrebenden Denkern wirkte auf Bacon ganz besonders der Picarde Petrus von Maricourt (Maharncuria, Mahariscuria) ein, den er in Paris kennen gelernt hatte; dieser zeichnete sich durch unermüdlichen Eifer und eine seltene Geschicklichkeit in der physikalisch-alchemistischen Experimentalforschung aus.
[32]Dieses Werk handelt in seinen sieben Hauptabschnitten über die Quellen der wissenschaftlichen Irrtümer, über das Verhältnis zwischen Theologie und Philosophie, über die Erlernung der (zum Studium der Bibel und Philosophie nötigen) Sprachen, über Mathematik, Optik (wobei al-Haitam ═ Alhazen die Hauptquelle bildet), Experimentalwissenschaft und schließlich über Moralphilosophie. Der leitende Grundgedanke ist die Idee, daß gerade die intensivste Pflege der Wissenschaften, auf der von Bacon gewünschten sicheren Basis, der Kirche als höchstem Kulturfaktor die größten Dienste zu erweisen im stande ist.
[33]Vorher erschienen: Speculum alchimiae (1541), Epistola de secretis artis et naturae operibus (Paris 1541, Hamburg 1617), De nullitate magiae (Hamburg 1618), De retardandis senectutis accidentibus et de senibus conservandis (Oxon. 1590, engl. von R. Browne 1683), mehrere alchemistische Schriften zusammengefaßt unter dem Titel Thesaurus chymicus (Francof. 1603, 1620), Perspectiva (Francof. 1614), Specula mathematica (Francof. 1614).
[34]Aus dem ersten Kapitel der SchriftCommunia Naturaliumergibt sich, daß Roger Bacon die Abfassung einer aus vier Hauptteilen (Grammatik und Logik; mathematische Wissenschaften; Physik; Metaphysik und Moralphilosophie) bestehenden, kolossalen Enzyklopädie beabsichtigt hat, zu welcher das Compendium studii philosophiae wohl die Einleitung gebildet hätte. Verfolgung und Gefangenschaft hinderten die Ausführung. Das Opus majus ist nur als großzügiges Exposé aufzufassen, geschrieben, um die wissenschaftlichen Reformpläne des Verfassers zu verteidigen, den Nutzen ihrer Verwirklichung für kirchliche und moralische Zwecke zu veranschaulichen.
[35]De secretis operibus artis et naturae cap. 4. Nam instrumenta navigandi possunt fieri sine hominibus remigantibus, ut naves maximae, fluviales et marinae, ferantur unico homine regente, majori velocitate quam si plenae essent hominibus. Item currus possunt fieri, ut sine animali moveantur cum impetu inaestimabili. Item possunt fieri instrumenta volandi, ut homo sedeat in medio instrumenti revolvens aliquod ingenium, per quod alae artificialiter compositae aërem verberent, ad modum avis volantis. Item instrumentum, parvum in quantitate ad elevandum et deprimendum pondera quasi infinita, quo nihil utilius est in casu. ... Possunt etiam instrumenta fieri ambulandi in mari vel fluminibus usque ad fundum absque periculo corporali. L. c. cap. 5 handelt über Brennspiegel, cap. 6 unter anderem über schießpulverähnliche Mischungen. Opus majus V, Perspectivae pars III, Dist. III, cap. 4: ... Nam possumus sic figurare perspicua et taliter ea ordinare respectu nostri visus et rerum, quod frangentur radii et flectentur quorsumcunque voluerimus, ut sub quocunque angulo voluerimus videbimus rem prope vel longe. Et sic ex incredibili distantia legeremus literas minutissimas et pulveres ac arenas numeraremus propter magnitudinem anguli, sub quo videremus. ... Op. maj. V, Perspectivae pars III, Dist. II, cap. 4:Si vero homo aspiciat literas et alias res minutasper medium crystalli vel vitri vel alterius perspicui suppositi literis, et sit portio minor sphaerae cujus convexitas sit versus oculum, et oculus sit in aere, longe melius videbit literas et apparebunt majores. ... Et ideo hoc instrumentum est utile senibus et habentibus oculos debiles. Nam literam quantumcunque parvam possunt videre in sufficienti magnitudine.
[36]Die schlechten lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen, namentlich diejenigen des Aristoteles, hätte er am liebsten verbrennen lassen.
[37]Quatuor vero sunt maxima comprehendendae veritatis offendicula, quae omnem quemcumque sapientem impediunt et vix aliquem permittunt ad verum titulum sapientiae pervenire, videlicet fragilis et indignae auctoritatis exemplum, consuetudinis diuturnitas, vulgi sensus imperiti et propriae ignorantiae ocultatio cum ostentatione sapientiae apparentis (Op. maj. I, cap. 1). Vgl. auch Op. tert. cap. 22.
[38]Duo enim sunt modi cognoscendi, scilicet per argumentum et experimentum. Argumentum concludit et facit nos concedere conclusionem, sed non certificat neque removet dubitationem, ut quiescat animus in intuitu veritatis nisi eam inveniat via experientiae (Op. maj. VI, cap. 1).
[39]Ein Hauptabschnitt des Opus majus (Pars VI), de scientia experimentali, handelt ausschließlich darüber.
[40]Im „Scriptum principale” (vgl. S. 360, Anm. 2) hätte auch die Medizin ihren Platz gefunden und zwar nach der Alchemie, Botanik und Zoologie, auf welche Hilfswissenschaften sich das Studium des Menschen aufbauen sollte. Im Opus majus und seinen Annexschriften kommt Bacon gelegentlich auch auf die Heilkunde zu reden, der 6. Teil (Perspectiva) handelt eingangs über die Sinnesperzeption im allgemeinen, die Anatomie des Auges und den Sehakt (Bacon sucht zwischen der alten Emanationstheorie und den richtigen Anschauungen des al-Haitam zu vermitteln). — Rein medizinischen Inhalts ist die Abhandlung de retardandis senectutis accidentibus, beruhend auf Ali Abbas, dispos. regalis II, lib. I, pag. 24; im Manuskript sind ferner zwei Schriften über die Krisen und die kritischen Tage (Amploniana) vorhanden.
[41]Op. maj. IV, ed. Bridges Vol. I, p. 251, 384 ff., an beiden Stellen tadelt er die Aerzte seiner Zeit wegen ihrer Unwissenheit in astrologischen Dingen, „et ideo negliguntmeliorem partem medicinae.”
[42]Opus tertium cap. 12: Sed alia est scientia, quae est de rerum generatione ex elementis et de omnibus rebus inanimatis. ... Et quia haec scientia ignoratur a vulgo studentium, necesse est ut ignorent omnia, quae sequuntur de rebus naturalibus; scilicet de generatione animatorum, ut vegetabilium et animalium et hominum: quia ignoratis prioribus, necesse est ignorari quae posteriora sunt. Generatio enim hominum et brutorum et vegetabilium est ex elementis et humoribus et communicat cum generatione rerum inanimatarum. Unde propter ignorantiam istius scientiae, non potest sciri naturalis philosophia vulgata, nec speculativa medicina, nec per consequens practica; non solum quia naturalis philosophia et speculativa medicina necessariae sunt ad practicam ejus, sed quia omnes simplices medicinae de rebus inanimatis accipiuntur de hac scientia, quam tetigi ... et haec scientia est alkimia speculativa, quae speculatur de omnibus inanimatis et tota generatione rerum ab elementis. Est autem alkimia operativa et practica, quae docet facere metalla nobilia et colores et alia multa melius et copiosius per artificium, quam per naturam fiunt. Et hujusmodi scientia est major omnibus praecedentibus, quae majores utilitates producit. Nam non solum expensas et alia infinita reipublicae potest dare, seddocet invenire talia, quae vitam humanam possunt prolongare in multa tempora, ad quae per naturam produci potest.
[43]Op. maj. VI, ed. Bridges pag. 204 ff., am Schlusse heißt es: Nam illa medicina, quae tolleret omnes immunditias et corruptiones metalli vilioris, ut fieret argentum et aurum purissimum, aestimatur a sapientibus posse tollere corruptiones corporis humani in tantum, ut vitam per multa secula prolongaret. Das Problem der Lebensverlängerung bildet namentlich den Inhalt seiner Schrift über das Alter. Bemerkenswert ist es übrigens, daß Bacon trotz aller Leichtgläubigkeit an der Ansicht festhält, daß die Lebensdauer über einen gewissen Grad, der einerseits für das Menschengeschlecht im allgemeinen, anderseits für das Individuum durch erbliche Keimverhältnisse im speziellen bestimmt ist, nicht verlängert werden könne.
[44]Epistola de secretis operibus artis et naturae cap. 2: Considerandum est tamen, quod medicus peritus, et quicunque alius qui habet animam excitare, per carmina et characteres licet fictos, utiliter (secundum Constantinum medicum) potest adhibere; non quia ipsi characteres et carmina aliquid operentur, sed ut devotius et avidius medicina recipiatur et animus patientis excitetur et confidat uberius et speret et congaudeat; quoniam anima excitata potest in corpore proprio multa renovare, ut de infirmitate ad sanitatem convalescat ex gaudio et confidentia. Si igitur medicus ad magnificandum opus suum, ut patiens excitetur ad spem et confidentiam sanitatis, aliquid hujusmodi faciat, non propter fraudem nec propter hoc, quod de se valeat (si credimus medico Constantino) non est abhorrendum.
[45]Vgl. besonders Hauréau in Histoire litteraire de la France, XXIX.
[46]Unter anderem wird darin die Medizin als die schwierigste Wissenschaft erklärt und die Forderung aufgestellt, daß die Regierungen mit aller Strenge gegen Kurpfuscher eintreten sollen. Es sei aber nicht verhehlt, daß Lull in einer anderen Schrift nichtmedizinischen Inhalts, Liber contemplationis in Deum, einen Vergleich zwischen den Aerzten der Seele und den Aerzten des Leibes zieht, wobei die letzteren in höchst ungünstigem Lichte erscheinen, ja sogar dem Kranken geraten wird, auf die eigene Erfahrung zu vertrauen.
[47]Im Jahre 1195 wurde von Heinrich VI. ein furchtbares Strafgericht über Salerno verhängt, bei welcher Gelegenheit viele Gelehrte nach anderen italienischen Städten auswanderten. Seit Friedrich II. litt die Schule erheblich durch die Konkurrenz mit der (1224) neugegründeten Universität Neapel, wiewohl sich vorübergehend das medizinische Ansehen Salernos stärker erwies als dasjenige ihrer hauptstädtischen, mit größeren Rechten und Geldmitteln ausgestatteten Schwesteranstalt. Nachdem schon 1231 die medizinische Fakultät in Neapel aufgelassen worden war, wurden 1252 sogar die übrigen Fakultäten nach Salerno verlegt, doch fand schon 1258 wieder eine Neuaufrichtung der Hochschule zu Neapel in vollem Umfang statt.
[48]Nach den französischen Synonymen zu schließen. Das Glossar beginnt in der ursprünglichen konfusen Anordnung mit dem Worte Alphita (et farina hordei est idem), daher die Bezeichnung.
[49]Er starb schon nach wenigen Monaten infolge einer schweren Verletzung, die er sich infolge des Einsturzes einer Mauer in seinem Palaste zu Viterbo zuzog.
[50]Am berühmtesten wurden die „Summulae logicales”. Auf diese bezieht sich Dante, der in seinem Paradiso von allen zeitgenössischen Päpsten nur den Petrus Hispanus antrifft:E Pietro IspanoLo qual giù luce in dodici libelliCanto XII, v. 135-136.
E Pietro IspanoLo qual giù luce in dodici libelliCanto XII, v. 135-136.
[51]Für dieses Werk wird übrigens auch der Arzt Julianus (Vater des Petrus Hispanus) als Autor in Anspruch genommen.
[52]Wahrscheinlich im Anschluß an alte Volksgebräuche; vgl. übrigens die moderne Rotlichtbehandlung.
[53]In der Einleitung zur Ausgabe des Mesuë von 1539 wird Joh. de St. Amando„doctor suavissimus”genannt.
[54]Das Revocativum memoriae stellte er für die scolares zusammen, „damit sie es nicht nötig hätten, schlaflose Nächte über dem sehr mühseligen Selbststudium des Galen und Avicenna zu verbringen”.
[55]Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: O. Paderstein, Ueber Joh. de St. Amando (1892); Eicksen, Historisches über Krisen und kritische Tage; Müller-Kypke, Ueber d. Ars parva Galeni (1893); Reichel, Zur Literaturgeschichte der antiken Arzneimittellehre; G. Matern, Die drei Bücher des Galen über die Temperamente; F. Petzold, Ueber die Schrift des Hippokrates von der Lebensordnung in akuten Krankheiten (1894); Ehlers, Zur Pharmakologie des Mittelalters (1895).
[56]Bemerkenswert durch ihre Freimütigkeit sind seine Urteile über Avicenna, dem er zumutet, über viele einfache Heilmittel im Irrtum gewesen zu sein, über Constantinus, dessen Uebersetzungen er nicht traut, über Gariopontus, dessen bloß kompilatorische Tätigkeit er durchschaut. Festzuhalten ist besonders die Benützung desCelsus, desCassius Felixund des verloren gegangenenDemosthenesals Quellen.
[57]Daß sich die artistisch-medizinische („Universität”) Fakultät Bologna (vgl. S. 317) übrigens bereits im Anfang des 13. Jahrhunderts eines nicht unbedeutenden Besuchs wißbegieriger laikaler und klerikaler Scholaren erfreute, beweist eine vom Papst Honorius III. 1219 an den dortigen Bischof gerichtete Verordnung, wonach den Priestern, Mönchen und regulierten Geistlichen dasmedizinischeund juristische Studium untersagt wurde. Die medizinische Scholarenkorporation besaß eine ähnliche Organisation wie die juristische (an der Spitze ein Rektor), mußte sich aber gegenüber der langwährenden Präponderanz der letzteren erst in hartem Kampfe die Selbständigkeit erringen. Der Aufschwung der Schule datierte seit der Zeit, als die empirische Unterrichtsweise der philosophisch begründeten Platz zu machen begann, d. h. seit der Lehrtätigkeit des Thaddaeus Alderotti. Seinem Einfluß war es vornehmlich zu danken, daß die medizinischen Scholaren dieselben Privilegien wie die Jünger der Themis erhielten.
[58]Nach dem Schema:Behauptung, Beleg, Einwand, Gegeneinwand, Lösung.
[59]Es wird erzählt, daß er durch den Verkauf geweihter Wachskerzen vor den Kirchentüren seinen Lebensunterhalt fand.
[60]Als Papst Honorius IV., der ihn zu sich berufen hatte, seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß Alderotti ein tägliches Honorar von 100 Goldstücken forderte, antwortete er, daß doch kleine Fürsten und Edelleute nicht Anstand nehmen, 50 Goldstücke und mehr zu geben. Um nicht als geizig zu gelten, ließ ihm der Papst nach seiner Genesung angeblich nicht weniger als 10000 Aurei auszahlen.
[61]So geriet Alderotti mit Barth. Varignana deshalb in Feindschaft, weil dieser ihm angeblich einige Scholaren entzogen hatte, die früher seine Schüler gewesen waren.
[62]Interessant ist eine Stelle, aus welcher hervorgeht, daß er Nachtwandler gewesen ist; wir setzen sie hierher, um eine Probe seiner dialektischen Darstellungsweise und seines Stils zu geben. „An sensus possit fieri in aliquo dum dormit, Quarta quaestio. De quarta sic procedo. Videtur quod homo possit dormiendo sentire, nam dormiendo movetur, sicut patet in surgentibus de nocte, quorum Ego fui unus. Sed quandocumque homo movetur, tunc sentit quod ista duo sunt aequalia. Praeterea nos videmus eos infrenare equum et equitare: hoc autem non posset fieri sine sensu. Contra somnus secundum quod dicit Aristoteles in somno et vigilia est impotentia usus sensuum, et est immobilitas sensus, quare non sentit homo in somno. Ad hoc dico quod sine dubio non sentit homo in somno, et concedo rationes ad hanc partem. Quare si mihi opponas quod homo movetur in somno ergo sentit, dico quod ille motus non fit nisi ab impressione facta in virtute imaginativa, nam illa bene operatur in somno. Sed si dicas sensus convertitur cum motu, dico quod hoc est verum secundum aptitudinem sed non secundum actum; quare plerumque sentimus et non movemus aliquod membrum et e converso, sicut probatur in hoc quod modo dixi. Ad secundum quod tu dicis quod ipsi infrenant equum et equitant, dico quod ipsi tamen hoc faciunt per virtutem imaginativam et non per visum; nam si domus esset eis insolita non irent ad stabulum, sed vadunt propter consuetudinem, sicut Magister Compagnus Caecus, qui vadit propter consuetudinem per Bononiam transeundo vias sine aliquo socio. Praeterea Ego qui jam cecidi de alto quatuor pedum ad terram semper dormiens scio bene hujus facti experientiam. Unde dico quod nihil sentio. Statim enim cum frigus percutit me, aut audio aliquem loquentem, revertor ad me ipsum et redeo ad lectum. ...” (In Isagorum Joannitii libellum expositio, cap. X.)
[63]Es ist kein bloßer Zufall, daß die scholastische Medizin zuerst an der Stätte zur reinsten Entwicklung gelangte, wo die juristische Interpretationskunst ihre höchsten Triumphe feierte, in Bologna, denn unter den Einflüssen des Milieus mußte es ja naheliegen, die Glossiermethode auf das Gebiet der ärztlichen Forschung und des ärztlichen Unterrichts zu übertragen, wobei die falsche Voraussetzung maßgebend war, es käme auch hier nur auf die richtige Auslegung der„Litera scripta”an, es könne der antik-arabischen Fachliteratur von vornherein diejenige autoritative, unverrückbar fundamentale Bedeutung beigemessen werden, welche die Rechtsbücher des Justinian für die Juristen tatsächlich besaßen. Wie diese die Rechtsquellen, so behandelte Thaddaeus die Aphorismen, das Prognosticon des Hippokrates etc., indem er sie mitGlossenversah, denen bald förmlicheQuaestiones,Disputationes,RecollectionesundQuodlibetationesfolgten. Im Grunde war es ja der, durch die Wiedererweckung des römischen Rechts erwachte,juristische Geist, der — wie Roger Bacon klagte — die Theologie des 13. Jahrhunderts beherrschte, der juristische Formalismus, der so großen Einfluß auf die Architektonik der theologischen Lehrgebäude ausübte. In Italien selbst, wo die spekulative Theologie merkwürdigerweise keinen hervorragenden Vertreter hatte — führende Theologen italienischer Abstammung wie Petrus Lombardus u. a. wirkten in Paris —, wurde diescholastische Methode, nur soweit sie auf dem Gebiete der zumeist gepflegten Rechtsstudien zur Geltung kam, vorbildlich für andere Zweige, namentlich für die Medizin.
[64]Die Salernitaner Chirurgen strebten bei der Behandlung der Wunden Eitererzeugung an, die Bologneser Chirurgen dagegen empfahlen die austrocknende Wundbehandlung(nach dem Vorgang von Avicenna galt Wein als bestes Heilmittel für Wunden). Die Salernitaner stützen sich auf Hippokrates (Aphor. V, 67,Laxa bona, cruda vero mala), die Gegner auf Galen (Methodi med. Lib. IV, cap. 5,Siccum sano est propinquius, humidum vero non sano).
[65]Außer bei dem S. 308 besprochenen Jamerius kommt der Einfluß Rogers auch beiWilhelm von Congeinna(vgl. Pagel, Die Chirurgie des Wilhelm von Congeinna, Berlin 1891) zur Geltung; über die Nationalität dieses Chirurgen ist nichts bekannt.
[66]Die ältestbekannten Aerzte Bolognas stammen aus der Fremde. In den Archiven von Lucca werden Aerzte seit dem 8. Jahrhundert erwähnt.
[67]Die darüber berichtenden Stadtstatuten sind eines der ältesten Denkmäler für die gerichtliche Medizin im Mittelalter.
[68]So z. B. bezüglich dereiterungslosen Wundbehandlung: Predictus tamen vir mirabilis magister Hugo omnia fere vulnera cum solo vino et stupa et ligatura ... sanabat, consolidabat, pulcherrimas cicatrices sine unguento aliquo inducebat (Lib. I, cap. 12).
[69]Stadt in Calabrien.
[70]Signa sunt, quod minoratur quantitas urinae ... et incipit venter inflari post tempus et fit hydropicus post dies. Et ut plurimum fit talis durities post apostema calidum in renibus et post febrem ejus. Aehnliche Stellen finden sich übrigens schon früher bei Serapion und Rhazes.
[71]Wiewohl Abulkasim eine Hauptquelle bildete, so blieb man doch bei seiner Vorliebe für das Glüheisen nicht stehen.
[72]Schon 1254 hatten die Wundärzte Examinatoren verlangt. Ihre Korporation besaß einen gildenartigen Charakter und sollte hauptsächlich einen Schutz gegen unlautere, meist aus der Fremde eingewanderte Elemente bilden. Die Mitglieder verehrten als Patrone die heiligen Aerzte Kosmas und Damian. Wahrscheinlich wurden ihnen schon früh die Kranken des Hôtel-Dieu anvertraut.
[73]Z. B. Aldobrandino von Siena, der besonders als diätetischer Schriftsteller (in französischer Sprache) hervortrat.
[74]Zitiert werden außer Wilhelm von Saliceto antike, arabische und abendländische Autoren.
[75]Als Beispiel diene die aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammende SchriftExperimenta magistri Gilliberti(ed. Pansier, Janus 1903), in welcher noch der für die Empirie günstige, lang nachwirkendearabische und jüdische Einflußdurchleuchtet.
[76]Den Gegensatz zwischen Montpellier und den anderen in philosophischer Spekulation aufgehenden Schulen (Paris, Bologna etc.) schildert Arnaldus bezeichnend in seinem Breviarium Lib. V, cap. 10 mit den Worten:qui universale cognoscit, particulare autem ignorat, multoties in curatione peccabit. Et propter hocParisiensesetUltramontani mediciplurimum student, ut habeant scientiam de universali, non curantes habere particulares cognitiones et experimenta.Memini enim vidisse quendam maximum in artibus, naturalem logicum et theoreticum optimum in medicina, tamen unum clystere seu aliquam particularem curationem non novit ordinare et vix ephemeram sciebat curare.Atmedici Montis Pessulani, sicut magister meus et alii probi viri, qui fuerunt scholares, qui student satis habere scientiam de universali, non praetermittentes scientiam particularem, unde magis respiciunt ad curationes particulares et didascola et vera experimenta habere, quam semper universalibus incumbere.
[77]Bonifaz VIII., der an einem Steinleiden laborierte, wurde von Arnald, welcher in der Kur dieser Affektionen besonders erfahren war, erfolgreich behandelt. In der Therapie spielte neben diätetisch-medikamentösen Maßnahmen auch die Applikation eines festansitzenden Lendengurts und eines — magischen Löwensiegels eine wichtige Rolle. Letzteres benützte der Papst mit Vorliebe — zur höchsten Entrüstung der Kardinäle. Bekanntlich wurde übrigens Bonifaz VIII. selbst nach seinem Tode der Ketzerei verdächtigt.
[78]Clemens V., der Arnald auch bei der Ordnung der Verhältnisse der medizinischen Schule von Montpellier (1308) zu Rat gezogen hatte, richtete nach dem Ableben des großen Arztes unter Androhung des Kirchenbannes an alle Bischöfe und die ihnen unterstellten Kleriker die Aufforderung, nach einem medizinischen Werke des Verstorbenen „de variis experimentis curandorum morborum acutorum” zu fahnden und ihm dasselbe auszufolgen. Der Papst erteilte ihm in diesem Zirkularschreiben die höchsten Lobsprüche.
[79]Der Herausgeber Symphorien Champier berichtet von seiner flüchtigen Schreibweise: cum enim aliquid ille scripsisset, quod scripserat, respicere bis minime tolerabat, sed neque etiam semel legere atque percurrere.
[80]Als Verf. wurde ein anderer Arnoldus angenommen, wobei man sich namentlich darauf stützte, daß im Breviarium eine Reihe von Neapolitanismen vorkommen.
[81]Im Prooemium zum Breviarium heißt es: et omnia, quae expertus sum, et quaecunque per omnes magistros et viros et mulieres etiam simplices et empiricos vidi temporibus meis experiri ... clariter enarrabo.
[82]Abweichend oder sogar oppositionell gegen Galen tritt er wiederholt auf, z. B. an mehreren Stellen in der Schrift de intentionibus medicorum, in dem Kommentar zur Schr. de mala complexione. Im allgemeinen freilich bringt er Galen und noch mehr dem Hippokrates Ehrfurcht entgegen. Weit schärfere Worte als gegen den Pergamener findet Arnald gegenAvicenna, von dem er einigemal sagt, daß er Galen ganz mißverstanden habe, ja den er geradezu einen Schriftsteller nennt, welcher den größeren Teil der abendländischen Aerzte verdummt habe („qui in medicina majorem partem medicorum latinorum infatuat”. De consid. oper. medic. Pars II, cap. 1). Es ist bezeichnend für Arnalds medizinische Richtung, daß er den Kliniker Rhazes im Gegensatz zu Avicenna ganz besonders verehrt und ihn mit folgenden treffenden Worten charakterisiert: „vir in speculatione clarus, in opere promtus, in judicio providus, in experientia approbatus” (De divers. intentionib. medicinae prooemium).
[83]Er wirft seinen Zeitgenossen mit Recht vor, daß sie statt der Originalschriften sekundäre Machwerke (Summae) studieren: Praeterea non in scripturis student, in quibus ars traditur supradicta Galeni et Hippocratis, a quibus medicinam divina concessione veraciter et perfecte novimus esse relevatam: immo potius in chartapellis et summis, quae potissime magni voluminis sunt, sicut in historiisGilaberti, fabulisPontijetGalteri. (De consid. oper. medicinae, prooemium.) — Bei der unmittelbaren Berührung mit den in Spanien ansässigen Sarazenen ist es nicht verwunderlich, daß Arnald das Arabische beherrschte, daher die arabische medizinische Literatur nicht nur intensiver, wie seine Zeitgenossen, sondern mit einer, diesen fehlenden Kritik benützen konnte. Auf seine arabische Sprachkenntnis weist z. B. folgende Stelle im Commentum super libello de mala complexione diversa: nec est imputandum errori transferrentis, quia in omnibus libris Arabum, quos invenire potuimus, sic invenimus continere nec similiter imputandum est defectui vocabulo in illa lingua, quoniam ad notificandum dolorem secundo modo acceptum scimus in eo esse copiosos sermones. Fast in allen Traktaten Arnalds kommen arabische Ausdrücke, auch vulgär-arabische Worte vor. — Vom Griechischen scheint er dagegen keine oder höchstens eine ganz oberflächliche Kenntnis besessen zu haben.
[84]Wie sich aus vielen Stellen ergibt, besaß Arnald für die Anatomie viel Interesse.
[85]Die Grundlage seiner Physiologie und Pathologie ist die Qualitäten- und Säftelehre, jedoch räumt er den zwischen Körper und Geist vermittelndenSpiritusbesondere Bedeutung für das Leben im gesunden und kranken Zustande ein.
[86]Diesem goldenen Spruch geht ein sicherlich unechter Abschnitt voran, der in 12 Regeln eine systematische Anweisung zum methodischen Betrug bei der Uroskopie bietet. Besonders häufig wurde die siebente dieser humoristisch anmutenden, kulturgeschichtlich jedenfalls interessanten Regeln zitiert und dem Arnald mit Unrecht in die Schuhe geschoben: Tu forte nihil scies, dic quod habet obstructionem in hepate; dicet, non Domine, immo dolet in capite vel in tibiis vel in aliis membris; tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate vel a stomacho et specialiter utere hoc nomine obstructio, quia non intelligunt, quid significat et multum expedit, ut non intelligatur locutio ab eis.
[87]Parabolae, Doctr. II, aph. 8. 9. 11. 12. Prudens et pius medicus morbum expellere satagit ante cibis medicinalibus quam medicinis puris. — Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. — Modestus et sapiens medicus nunquam properabit ad pharmaciam, nisi cogente necessitate, cum etiam debilia, quibus corpus non indiget, sint nociva. — In pueris et decrepitis verendum est pharmacare, juvenibus quoque suspectum est crebro sumere pharmaciam.
[88]De vinis. Vgl. über den Inhalt S. 392.
[89]Nach neueren Forschungen darf Arnald freilich die Entdeckung des Alkohols, der Terpentinessenz, der Salz- und anderer Säuren nicht zugeschrieben werden, dessenungeachtet bleibt die Einführung des Alkohols in die Medizin sein Verdienst.
[90]Damit steht es auch im Zusammenhang, daß er ängstlichen Patienten übel aussehende Arzneien im Dunkeln gibt (De aquis medicinalibus, cap. 3), für Rekonvaleszente eine Ortsveränderung empfiehlt (Parabol. medicat., Doctr. VII, aphor. 2), daß er auf die Ideen der Geisteskranken liebevoll eingeht (De parte operativa) u. s. w.
[91]Als Alchemist hat sich Arnald einen langdauernden Nachruhm erworben, fast alle späteren Anhänger der spagirischen Kunst erwähnen ihn als einen Meister; eine Menge von alchemistischen Schriften, darunter freilich nicht wenige fälschlich, gehen unter seinem Namen. Aus der Untersuchung derselben erhellt, daß er aus der älteren Literatur schöpfte und mit ehrlicher Ueberzeugung arbeitete, ohne es freilich an Renommistereien, wie sie sich ja in allen derartigen Schriften finden, fehlen zu lassen. Rührt doch von Arnald der Ausspruch her, daß er das Meer mit seinem Elixier in Gold verwandeln wollte, wenn es aus Quecksilber bestände. Noch mehr als bei der Mitwelt stand er bei der Nachwelt im Rufe eines Zauberers, dem der Teufel die Transmutation der Metalle ermöglicht hätte. Als Principia naturalia nahm erMerkurundSulfuran, d. h. das Prinzip des Unzersetzbaren, des Metallglanzes u. s. w. und das Prinzip der Zersetzbarkeit, Veränderlichkeit. Der Unterschied der Metalle beruhe auf der größeren oder geringeren Beimengung des schwefligen Prinzips, die Möglichkeit der Transmutation auf dem gemeinsamen Ursprung der Metalle. Arnalds schwer analysierbares Verfahren bestand der Hauptsache nach in wiederholtem Destillieren bezw. Sublimieren von Quecksilber, Kupfer-, Gold- und Silberamalgamen mit Essig und Salzzusatz, Verreiben, Filtrieren, einigen Oxydationsprozessen über dem Feuer, Trennung von den Verunreinigungen. Sehr bemerkenswert sind die beliebtenVergleiche der alchemistischen Prozesse mit organischen Vorgängen, der Zeugung, Geburt, dem Wachstum etc.; die Bestandteile des Steins der Weisen entsprechen dem Leib, dem Spiritus, der Seele. — Seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts war die Beschäftigung mit der Alchemie im Abendlande, besonders auch in Klöstern, weit verbreitet.
[92]In den Traktaten de coitu, de conceptione und de sterilitate.
[93]De parte operativa. Der Traktat Remedia contra maleficia, welcher allerlei Mittel gegen Zauber enthält, ist aber apokryph.
[94]Insbesondere unter astrologischen Einflüssen angefertigte Siegel (z. B. das Löwensiegel, vgl. S. 389 Anm. 1). Der Traktat de sigillis handelt eigens über die Herstellungsweise solcher Amulette.
[95]Die Aqua auri, erzeugt durch eine glühende, in Wein abgelöschte Goldplatte preist er als Panazee gegen Aussatz. Während aber im Rosarius philosophorum das durchalchemistischeKünste bereitete Gold als Universalmittel gepriesen und demselben sogar der Vorrang gegenüber dem natürlichen Gold zugesprochen wird, heißt es in der Schrift de vinis: „Ideo falluntur in hoc alchimistae. Nam etsi substantiam et colorem auri faciunt, non tamen virtutes praedictas in illud infundunt” — womit eigentlich über die Alchemie überhaupt der Stab gebrochen wird.
[96]Die Schriften Arnalds sind größtenteils von der Astrologie durchsetzt, speziell handelt aber der Traktat Capitula astrologiae darüber; darin wird eingehend die Wichtigkeit der Astrologie für die Stellung der Prognose (kritische Tage), für die Arzneibereitung, für die Darreichung gewisser Mittel (z. B. der Laxantien), für die Ausführung des Aderlasses etc. erörtert. Arnald beruft sich auf Hippokrates und Galen und meint, wenn jemand weiter gehe als diese, so überschreite er die Grenzen der Medizin (Speculum introductionum medicinalium, cap. 97). Daß Arnald anderseits die Unverläßlichkeit der Astrologie erkannte und die Beobachtung am Krankenbette höher stellte, geht aus einer merkwürdigen Stelle hervor, wo er sagt, der Arzt, welcher die Astrologie vernachlässigt, fällt nicht in untrügliche Irrtümer (De judiciis astronomiae, cap. 10). — Bei Beurteilung dieses Sachverhalts muß man in Erwägung ziehen, daß man damals selbst von theologischer Seite die Vernachlässigung gewisser Konstellationen in der ärztlichen Praxis als sündhaft bezeichnete, so sehr man vom Gesichtspunkte des freien Willens die absolute Einwirkungskraft der Gestirne bestritt.
[97]Expositiones visionum. Soweit die Medizin in Betracht kommt, schließt er übrigens, was nicht zu verdammen ist, auf einen natürlichen Zusammenhang der Träume mit körperlichen Zuständen (z. B. Plethora-Alpdrücken).
[98]Breviar. II, cap. 51. Ein Geistlicher führte die Wunderkur aus durch ein Paternoster mit verändertem Schlußsatz. Gegen Halskrankheiten findet sich der Blasiussegen empfohlen.
[99]Auf astralen Einflüssen beruhe z. B. die Kraft gewisser Amulette, die aus Pflanzen, Tierteilen oder Mineralien gewonnen werden. Zauber sei besonders wirksam, wenn neben dem Instrumentarium die Person des Zauberers selbst vermöge des Sternbilds seiner Geburt eine entsprechende Kraft in sich trägt. Diese Kraft könne später noch durch Einflüsse der Himmelskörper verstärkt oder umgekehrt auch durch hemmende Konstellation vermindert und aufgehoben werden. Die geheimnisvollen Kräfte wirken durch Spiritus und Vapores, welche von den Personen ausgehen. Infolgedessen könne in Krankheiten ganz unbeabsichtigt ein Arzt oder ein Pfleger durch seine bloße Anwesenheit nachteiligen Einfluß ausüben, wenn er eben die geheime Kraft zur „Infektion” und Korruption des Spiritus in sich trägt, und diese Kraft noch durch eine ungünstige Konstellation verstärkt wird. (De parte operativa.)
[100]In diesem Abschnitt (Part. III, cap. 5) wird von denBrillengesprochen. Es heißt dort nämlich von einem Augenwasser: et est tantae virtutis quod decrepitum faceret legere literas minutas sineocularibus.
[101]Es kommen Fragen vor wie z. B.: ob das Feuer warm oder kalt ist, ob die spezifische Form eine Substanz oder ein Accidens ist, ob ein goldenes Kauterium besser als ein silbernes Kauterium wirkt u. s. w.
[102]So wird z. B. die Frage, ob die Nerven vom Gehirn oder vom Herzen entspringen, mit den Kunstgriffen der Dialektik zu beantworten gesucht. Die Frage, ob Gerstenptisane Fiebernden verabreicht werden darf, wird nach allerlei Subtilitäten in negativem Sinne entschieden, weil Gerstenwasser eine Substanz, Fieber dagegen ein Accidens sei.
[103]Pietro d'Abano sprach der Luft Schwere zu, erklärte den Regenbogen aus der Brechung der Strahlen, lehrte, daß die Aequinoktiallinie bewohnbar sei, berechnete annähernd richtig das Sonnenjahr und die Eintrittszeit der Sonne in die Hauptzeichen des Tierkreises. Was die Physiologie anlangt, verteidigte er z. B. die Ansicht, daß die Venen vom Herzen (nicht von der Leber) entspringen, daß die Respiration wenigstens quoad modum ein willkürlicher Akt sei u. s. w.
[104]Der Conciliator gehört zu den am frühesten gedruckten Werken.
[105]In Frankreich allein gab es im Anfang des 13. Jahrhunderts 2000, in den christlichen Ländern zusammen 19000 Leproserien (Sondersiechenhäuser, St. Georgsspitäler, Mesalleries).