Es gab zwei gelehrte Schriftsteller namensQ. Serenus Samonicus, Vater und Sohn, von denen der erstere im Jahre 211 auf Befehl Caracallas (angeblich weil er magische Mittel empfohlen hatte) hingerichtet wurde. Die Frage, ob dem älteren oder dem jüngeren Samonicus die Autorschaft des aus 1115 Hexametern bestehenden Lehrgedichtsde medicina praecepta saluberrima(ed. J. Chr. G. Ackermann, Lips. 1786) zukommt, bleibt trotz vielfacher Bemühungen noch unentschieden. Der Stoff ist größtenteils aus Plinius und Dioskurides zusammengelesen, die Darstellung verrät einen kritiklosen Dilettantismus. Im wesentlichen handelt es sich um ein Rezeptbuch für Arme, wie es der Verfasser in den Versen ausspricht:Quid referam multis composta Philonia rebus?Quid loquar antidotum variis? dis ista requirat,At nos pauperibus praecepta feramus amica.(v. 396-398).Das Lehrgedicht zerfällt in 65 Kapitel; in den ersten 42 sind Rezepte gegen verschiedenartige Leiden in der Anordnung a capite ad calcem angeführt, die folgenden enthalten Heilmittel gegen Verletzungen, Fieber, Frakturen, Verrenkungen, Schlaflosigkeit, Lethargie, Epilepsie, Gelbsucht, Vergiftungen, Warzen, Hämorrhoiden. Neben brauchbaren oder doch wenigstens unschädlichen Mitteln (z. B. Seewasserhonig als Laxans, Tierbad gegen Podagra) werden auch viele ekelhafte Dinge empfohlen (z. B. Taubenmist; Mäusekot zu Umschlägen bei Brustschwellung; Bettwanzen gegen Nasenbluten; Ziegenurin gegen Blasensteine, Wechselfieber etc.). Komisch berührt es, wenn der Autor bei der Kur des Wechselfiebers zuerst das Besprechen verwirft:Nam febrem vario depelli carmine posseVana superstitio credit tremulaeque parentes(v. 939-940),
Es gab zwei gelehrte Schriftsteller namensQ. Serenus Samonicus, Vater und Sohn, von denen der erstere im Jahre 211 auf Befehl Caracallas (angeblich weil er magische Mittel empfohlen hatte) hingerichtet wurde. Die Frage, ob dem älteren oder dem jüngeren Samonicus die Autorschaft des aus 1115 Hexametern bestehenden Lehrgedichtsde medicina praecepta saluberrima(ed. J. Chr. G. Ackermann, Lips. 1786) zukommt, bleibt trotz vielfacher Bemühungen noch unentschieden. Der Stoff ist größtenteils aus Plinius und Dioskurides zusammengelesen, die Darstellung verrät einen kritiklosen Dilettantismus. Im wesentlichen handelt es sich um ein Rezeptbuch für Arme, wie es der Verfasser in den Versen ausspricht:
Quid referam multis composta Philonia rebus?Quid loquar antidotum variis? dis ista requirat,At nos pauperibus praecepta feramus amica.(v. 396-398).
Quid referam multis composta Philonia rebus?Quid loquar antidotum variis? dis ista requirat,At nos pauperibus praecepta feramus amica.(v. 396-398).
Quid referam multis composta Philonia rebus?Quid loquar antidotum variis? dis ista requirat,At nos pauperibus praecepta feramus amica.(v. 396-398).
Quid referam multis composta Philonia rebus?
Quid loquar antidotum variis? dis ista requirat,
At nos pauperibus praecepta feramus amica.
(v. 396-398).
Das Lehrgedicht zerfällt in 65 Kapitel; in den ersten 42 sind Rezepte gegen verschiedenartige Leiden in der Anordnung a capite ad calcem angeführt, die folgenden enthalten Heilmittel gegen Verletzungen, Fieber, Frakturen, Verrenkungen, Schlaflosigkeit, Lethargie, Epilepsie, Gelbsucht, Vergiftungen, Warzen, Hämorrhoiden. Neben brauchbaren oder doch wenigstens unschädlichen Mitteln (z. B. Seewasserhonig als Laxans, Tierbad gegen Podagra) werden auch viele ekelhafte Dinge empfohlen (z. B. Taubenmist; Mäusekot zu Umschlägen bei Brustschwellung; Bettwanzen gegen Nasenbluten; Ziegenurin gegen Blasensteine, Wechselfieber etc.). Komisch berührt es, wenn der Autor bei der Kur des Wechselfiebers zuerst das Besprechen verwirft:
Nam febrem vario depelli carmine posseVana superstitio credit tremulaeque parentes(v. 939-940),
Nam febrem vario depelli carmine posseVana superstitio credit tremulaeque parentes(v. 939-940),
Nam febrem vario depelli carmine posseVana superstitio credit tremulaeque parentes(v. 939-940),
Nam febrem vario depelli carmine posse
Vana superstitio credit tremulaeque parentes
(v. 939-940),
gleich darauf aber zum Gebrauch von Amuletten rät, wobei das bekannte„Abracadabra”erwähnt wird, welches wiederholt und zwar mit sukzessiver Hinweglassung eines Buchstabens ungefähr folgender Art:
A B R A C A D A B R AA B R A C A D A B RA B R A C A D A BA B R A C A D AA B R A C A DA B R A C AA B R A CA B R AA B RA BA
niedergeschrieben werden soll, so daß eine keilförmige Figur entsteht. Die Etymologie dieses Zauberwortes wird verschieden erklärt, z. B. aus den hebräischen Worten ab, ruach, dabar (Vater, Geist, Wort), oder ab, berech, dabar (Vater, Segen, Wort), oder abra, kad (achat), abra, d. h. vorübergegangen ist das Fieber etc. Gegen Fallsucht läßt Serenus Samonicus den fabelhaften Stein aus dem Neste der Schwalben anwenden; Kindern sollen, um das Zahnen zu befördern, Pferdezähne umgehängt werden etc. Auch der Zahlenglaube (3, 7, 9) spielt in den Rezepten eine wichtige Rolle. — Proben einer deutschen metrischen Uebersetzung von Thierfelder in Küchenmeisters Ztschr. f. Medizin 1866.
DieMedicinae ex oleribus et pomisdesGargilius Martialis(um 240) bildeten ursprünglich nur einen Teil seines großen Werkes über Landwirtschaft. Die Schrift, welche im Mittelalter sehr beliebt und häufig umgearbeitet oder exzerpiert wurde (ed. Val. Rose, Lips. 1875), handelt über die diätetischen Wirkungen und Heilkräfte von mehr als 60 Gewächsen; der Inhalt beruht vorzugsweise auf Plinius, außerdem sind aber auch Dioskurides, Galen u. a. verwertet.
Als Rest der wissenschaftlichen (griechischen) Literatur des 3. Jahrhunderts[1]können Fragmente aus den Werken desPhilumenosbetrachtetwerden, vorausgesetzt, daß die neueren Forschungsergebnisse, welche die Lebenszeit dieses Autors um 250 ansetzen, richtig sind.
Philumenosging aus der Schule der Methodiker hervor, doch nahm er in der Praxis, wie Bruchstücke seiner Schriften zeigen, einen eklektischen Standpunkt ein, wobei er die Arbeiten der Vorgänger, namentlich desArchigenes,SoranosundHerodotos, ausgiebig benutzte. Die Kompilationen des Philumenos, welche den späteren Sammelschriftstellern als willkommene Vorlage dienten und zum Teile das Studium der Originalwerke ersetzten, bezogen sich auf die gesamte Therapie. Hervorzuheben sind insbesondere einige, noch in lateinischer Uebersetzung vorhandene Abschnitte über Unterleibsleiden (herausgegeben und verdeutscht in Th. Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berliner Studien z. klass. Philolog. V, 2, 1886) und die gynäkologisch-geburtshilflichen Fragmente. Was die ersteren anlangt, so erweist sich Philumenos in der Behandlung der Darmaffektionen als ein höchst rationeller Praktiker, welcher dem Unfug, bei jedem Durchfall sofort schablonenhaft Stopfmittel zu verabreichen, energisch entgegentritt; die beim „Rheumatismus ventris” und der „Passio coeliaca” auftretenden Diarrhöen behandelte er mit warmer Milch, leicht stopfender Nahrung und Opiumpräparaten, den Tenesmus mit adstringierenden Stuhlzäpfchen, lokal applizierten feuchten Umschlägen, Oeleinreibungen, Einspritzungen (schleimiger Dekokte). Die gynäkologischen Fragmente betreffen Geschwülste des Uterus, Metritis, Mastitis, noch wertvoller sind die Auseinandersetzungen über die Anomalien der Geburt (Enge des Beckens wichtigstes Geburtshindernis, allmähliche Erweiterung des engen Muttermundes mit den Fingern, Anwendung von Klysma und Katheter, Durchtrennung eines eventuell vorhandenen Hymen, der Eihäute u. s. w.), Wendung, Embryotomie, Embryulcie, Herausbeförderung der zögernden Nachgeburt, Indikationen und Ausführung des künstlichen Abortus. Von Interesse sind auch einige (bei Oreibasios erhaltene) Abschnitte über Neurosen und Psychosen.
Philumenosging aus der Schule der Methodiker hervor, doch nahm er in der Praxis, wie Bruchstücke seiner Schriften zeigen, einen eklektischen Standpunkt ein, wobei er die Arbeiten der Vorgänger, namentlich desArchigenes,SoranosundHerodotos, ausgiebig benutzte. Die Kompilationen des Philumenos, welche den späteren Sammelschriftstellern als willkommene Vorlage dienten und zum Teile das Studium der Originalwerke ersetzten, bezogen sich auf die gesamte Therapie. Hervorzuheben sind insbesondere einige, noch in lateinischer Uebersetzung vorhandene Abschnitte über Unterleibsleiden (herausgegeben und verdeutscht in Th. Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berliner Studien z. klass. Philolog. V, 2, 1886) und die gynäkologisch-geburtshilflichen Fragmente. Was die ersteren anlangt, so erweist sich Philumenos in der Behandlung der Darmaffektionen als ein höchst rationeller Praktiker, welcher dem Unfug, bei jedem Durchfall sofort schablonenhaft Stopfmittel zu verabreichen, energisch entgegentritt; die beim „Rheumatismus ventris” und der „Passio coeliaca” auftretenden Diarrhöen behandelte er mit warmer Milch, leicht stopfender Nahrung und Opiumpräparaten, den Tenesmus mit adstringierenden Stuhlzäpfchen, lokal applizierten feuchten Umschlägen, Oeleinreibungen, Einspritzungen (schleimiger Dekokte). Die gynäkologischen Fragmente betreffen Geschwülste des Uterus, Metritis, Mastitis, noch wertvoller sind die Auseinandersetzungen über die Anomalien der Geburt (Enge des Beckens wichtigstes Geburtshindernis, allmähliche Erweiterung des engen Muttermundes mit den Fingern, Anwendung von Klysma und Katheter, Durchtrennung eines eventuell vorhandenen Hymen, der Eihäute u. s. w.), Wendung, Embryotomie, Embryulcie, Herausbeförderung der zögernden Nachgeburt, Indikationen und Ausführung des künstlichen Abortus. Von Interesse sind auch einige (bei Oreibasios erhaltene) Abschnitte über Neurosen und Psychosen.
Ein weit erfreulicheres Bild, sowohl was die Zahl als den inneren Wert der literarischen Produktionen anlangt, bietet das4. Jahrhundert. Vor allem treten uns wieder Spuren der altberühmtenSchule von Alexandriaentgegen, welche, getreu ihrer Mission, auch jetzt noch, im Dunkel der Zeiten, die Fackel der medizinischen Forschung hochhielt.
Den Mittelpunkt der alexandrinischen Schule bildete in der ersten Hälfte des 4. JahrhundertsZenon von Kypros, welcher sich als Arzt und als Lehrer großes Ansehen erwarb. Im hohen Alter mußte er für eine Zeitlang infolge religiöser Wirren Alexandria verlassen, doch setzte ihn Kaiser Julian, dessen Gunst er genoß, bald wieder in sein Lehramt ein. Unter seinen Schülern ragten besonders folgende hervor:Ionikos von Sardes, dem umfassendes ärztliches Wissen im Verein mit philosophischer Bildung nachgerühmt wurde,Magnos von Antiochia, mehr Sophist als Praktiker, welcher sich durch seinen medizinischen Nihilismus mißliebig machte undOreibasios. Neben diesen Männern erlangte auchTheon von Alexandriaeinen allerdings geringeren Ruf; er wirkte um 350 in Gallien als Archiater und verfaßte im Geschmack des Zeitalters ein mit Arzneiformeln überladenes Werk über Therapie (von dem nur eine Inhaltsangabe übriggeblieben ist) unter dem Titel Ἄνθρωπος.
Den Mittelpunkt der alexandrinischen Schule bildete in der ersten Hälfte des 4. JahrhundertsZenon von Kypros, welcher sich als Arzt und als Lehrer großes Ansehen erwarb. Im hohen Alter mußte er für eine Zeitlang infolge religiöser Wirren Alexandria verlassen, doch setzte ihn Kaiser Julian, dessen Gunst er genoß, bald wieder in sein Lehramt ein. Unter seinen Schülern ragten besonders folgende hervor:Ionikos von Sardes, dem umfassendes ärztliches Wissen im Verein mit philosophischer Bildung nachgerühmt wurde,Magnos von Antiochia, mehr Sophist als Praktiker, welcher sich durch seinen medizinischen Nihilismus mißliebig machte undOreibasios. Neben diesen Männern erlangte auchTheon von Alexandriaeinen allerdings geringeren Ruf; er wirkte um 350 in Gallien als Archiater und verfaßte im Geschmack des Zeitalters ein mit Arzneiformeln überladenes Werk über Therapie (von dem nur eine Inhaltsangabe übriggeblieben ist) unter dem Titel Ἄνθρωπος.
Umstrahlt vom Abendrot der untergehenden Antike, ging aus der Schule von Alexandria jener hochverdiente Arzt hervor, der, voll Verehrung für die Größe der längst entschwundenen Vergangenheit, aus den medizinischen Werken der Vorfahren das Beste auswählte und in geistvoller Gruppierung zu einem Gesamtbilde vereinigte — der Leibarzt des Julian Apostata,Oreibasios.
Oreibasios, der Abkömmling einer vornehmen Familie, wurde um das Jahr 325 inPergamosgeboren, genoß eine gelehrte Erziehung und bildete sich in Alexandria unter der Leitung desZenon von Kyproszum Arzte aus. Reich begabt und vielseitig gebildet, ein Menschenfreund in seiner praktischen Tätigkeit, gelangte der Jüngling bald zu Ruf und Ansehen, ja man knüpfte an ihn die kühnsten Hoffnungen auf ein erneutes Aufblühen der althellenischen Heilkunst. Warm begeistert für antike Wissenschaft und Philosophie, durch Geist, Charakter und edle Umgangsformen ausgezeichnet, paßte er so recht in die Sphäre Julians, der ihn zuerst in Athen (um 355) kennen lernte und sodann wahrscheinlich auf Empfehlung Zenons als Leibarzt nach Gallien mitnahm. Die Geistesverwandtschaft knüpfte innige Bande zwischen beiden. Oreibasios bewährte sich oftmals als politischer Ratgeber, der mit prophetischem Blick den Caesar zur Ausführung seiner kühnen Pläne drängte; Julian nahm regstes Interesse an den Studien seines Arztes, dessen Wissen und Können er hochschätzte. Durch seinen fürstlichen Gebieter angeregt, stellteOreibasiosaus den weitschweifigen WerkenGalenseinen Auszug her und faßte durch den Erfolg ermuntert den Plan, auch aus den übrigen medizinischen Autoren das Wissenswerte übersichtlich in einer groß angelegten Enzyklopädie zusammenzutragen. Noch in Gallien gediehen die hierzu nötigen Vorarbeiten, aus denen die Ἰατρικαὶ συναγωγαί hervorgehen sollten. Während der kurzen Regierungszeit Julians als Alleinherrscher (361-363) schritt die Ausführung des imposanten Werkes mächtig vor. Schon früher mit Gunstbezeigungen überhäuft, nach der Thronbesteigung des Kaisers zum Quästor von Konstantinopel ernannt, widmete sichOreibasiosnicht nur seiner mühevollen schriftstellerischen und ärztlichen Tätigkeit, sondern nahm auch auf die Politik im Sinne der Neubelebung des Heidentums Einfluß, wie seine Sendung nach Delphi bezeugt, wo er aber die Antwort empfing, daß fortan das Orakel verstummen müsse. Auch auf dem Feldzug gegen die Perser begleitete er den Kaiser und stand ihm bis zum letzten Atemzug in Treue bei — Julian erlag bekanntlich einer auf dem Schlachtfelde erlittenen Verwundung. Nunmehr fiel ein Schatten auf das Leben des Leibarztes. Die neuen Machthaber, Valens und Valentinianus, beraubten Oreibasios seines Vermögens und überließen ihn „dem rohesten der barbarischen Naturvölker” (wahrscheinlich den Goten) zur Strafe für seinen Einfluß auf die christenfeindliche Regierung des Vorgängers. Er ertrug sein Unglück mit einer, seiner Gesinnung würdigen, Standhaftigkeit und wußte sich bei den Barbaren durch seine ärztliche Geschicklichkeit großes Ansehen zu erwerben; nach kurzer Zeit übrigens sahen sich die Kaiser selbst bewogen, den vortrefflichen Arzt, dessen Ruhm in der Heimat nicht erloschen war, wieder zurückzuberufen und ihm das konfiszierte Vermögen einzuhändigen. Mit einer vornehmen und reichen Gattin vermählt, lebte er in Byzanz, bis ins hohe Alter unermüdlich der Praxis und medizinischen Schriftstellerei hingegeben,im engsten Verkehr mit der Gelehrtenwelt. Er starb, nachdem er sich noch an den ärztlichen Studien seines Sohnes Eustathios erfreuen durfte, im Beginne des 5. Jahrhunderts.
Oreibasios, der Abkömmling einer vornehmen Familie, wurde um das Jahr 325 inPergamosgeboren, genoß eine gelehrte Erziehung und bildete sich in Alexandria unter der Leitung desZenon von Kyproszum Arzte aus. Reich begabt und vielseitig gebildet, ein Menschenfreund in seiner praktischen Tätigkeit, gelangte der Jüngling bald zu Ruf und Ansehen, ja man knüpfte an ihn die kühnsten Hoffnungen auf ein erneutes Aufblühen der althellenischen Heilkunst. Warm begeistert für antike Wissenschaft und Philosophie, durch Geist, Charakter und edle Umgangsformen ausgezeichnet, paßte er so recht in die Sphäre Julians, der ihn zuerst in Athen (um 355) kennen lernte und sodann wahrscheinlich auf Empfehlung Zenons als Leibarzt nach Gallien mitnahm. Die Geistesverwandtschaft knüpfte innige Bande zwischen beiden. Oreibasios bewährte sich oftmals als politischer Ratgeber, der mit prophetischem Blick den Caesar zur Ausführung seiner kühnen Pläne drängte; Julian nahm regstes Interesse an den Studien seines Arztes, dessen Wissen und Können er hochschätzte. Durch seinen fürstlichen Gebieter angeregt, stellteOreibasiosaus den weitschweifigen WerkenGalenseinen Auszug her und faßte durch den Erfolg ermuntert den Plan, auch aus den übrigen medizinischen Autoren das Wissenswerte übersichtlich in einer groß angelegten Enzyklopädie zusammenzutragen. Noch in Gallien gediehen die hierzu nötigen Vorarbeiten, aus denen die Ἰατρικαὶ συναγωγαί hervorgehen sollten. Während der kurzen Regierungszeit Julians als Alleinherrscher (361-363) schritt die Ausführung des imposanten Werkes mächtig vor. Schon früher mit Gunstbezeigungen überhäuft, nach der Thronbesteigung des Kaisers zum Quästor von Konstantinopel ernannt, widmete sichOreibasiosnicht nur seiner mühevollen schriftstellerischen und ärztlichen Tätigkeit, sondern nahm auch auf die Politik im Sinne der Neubelebung des Heidentums Einfluß, wie seine Sendung nach Delphi bezeugt, wo er aber die Antwort empfing, daß fortan das Orakel verstummen müsse. Auch auf dem Feldzug gegen die Perser begleitete er den Kaiser und stand ihm bis zum letzten Atemzug in Treue bei — Julian erlag bekanntlich einer auf dem Schlachtfelde erlittenen Verwundung. Nunmehr fiel ein Schatten auf das Leben des Leibarztes. Die neuen Machthaber, Valens und Valentinianus, beraubten Oreibasios seines Vermögens und überließen ihn „dem rohesten der barbarischen Naturvölker” (wahrscheinlich den Goten) zur Strafe für seinen Einfluß auf die christenfeindliche Regierung des Vorgängers. Er ertrug sein Unglück mit einer, seiner Gesinnung würdigen, Standhaftigkeit und wußte sich bei den Barbaren durch seine ärztliche Geschicklichkeit großes Ansehen zu erwerben; nach kurzer Zeit übrigens sahen sich die Kaiser selbst bewogen, den vortrefflichen Arzt, dessen Ruhm in der Heimat nicht erloschen war, wieder zurückzuberufen und ihm das konfiszierte Vermögen einzuhändigen. Mit einer vornehmen und reichen Gattin vermählt, lebte er in Byzanz, bis ins hohe Alter unermüdlich der Praxis und medizinischen Schriftstellerei hingegeben,im engsten Verkehr mit der Gelehrtenwelt. Er starb, nachdem er sich noch an den ärztlichen Studien seines Sohnes Eustathios erfreuen durfte, im Beginne des 5. Jahrhunderts.
ObwohlOreibasiosdie Medizin weder mit theoretischen Fundamentalgedanken noch mit neuen großen Erfahrungstatsachen bereichert hat, und zugegeben werden muß, daß seine Schriften im wesentlichen bloß fleißig gearbeitete Kompilationen darstellen, so kommt ihm in Anbetracht der Zeitverhältnisse doch eineganz eminente Bedeutung zu, weil er die durch Empirismus und Mystik teilweise verschüttete Bahn der rationellen Heilkunde für den Praktiker wieder freizulegen verstand und die um sich greifende Verwirrung durch den zielbewußten Hinweis auf die wissenschaftliche Methode behob. Dieses Verdienst wird freilich leicht übersehen, wenn man die Eigenart der Epoche nicht genügend berücksichtigt. Damit soll allerdings nicht bestritten werden, daß im Rahmen der Gesamtentwicklung die literarhistorische gegenüber der pragmatischen Bedeutung des Oreibasios überwiegt. Weit mehr noch als die Zeitgenossen, ist die Nachwelt dem Leibarzt des Julian zu Dank verpflichtet, weil er ihr zahlreiche Fragmente aus verloren gegangenen medizinischen Werken des klassischen Altertums überliefert hat.
Oreibasios war es eigentlich erst, der dem großen Galen den Weg ebnete.Denn er machte weitere ärztliche Kreise, welche sonst von der Weitschweifigkeit der kaum zu überblickenden Schriften des Pergameners abgestoßen wurden, mit dessen Lehren in wohlgeordneter Darstellung vertraut und gewöhnte sie, trotz der würdigenden Berücksichtigung aller übrigen Schulmeinungen (auch der methodischen), Galen als oberste Instanz für die Mehrzahl der medizinischen Probleme anzuerkennen. Von Galen, in dem er die höchste Entfaltung der hippokratischen Kunst und ärztlichen Wissenschaft erblickte, ging Oreibasios schon bei der ersten Anlage seiner Kollektaneen aus, und ihm räumte er auch in dem großen Sammelwerk, denἸατρικαὶ Συναγωγαί, einen ganz besonders hervorragenden Platz ein, wodurchdie Grundpfeiler für die mehr als tausendjährige Herrschaft des Pergameners im Reiche der Medizinaufgerichtet wurden.
DieἸατρικαὶ Συναγωγαίbestanden aus 70 Büchern, welche allgemeine Diätetik, allgemeine Therapie, Arzneimittellehre, Physiologie und Anatomie, Hygiene, Krankenpflege, Diagnostik, Prognostik, spezielle Pathologie und Therapie, Chirurgie behandelten. Leider ist ein sehr beträchtlicher Teil dieser groß angelegten Enzyklopädie verloren gegangen, aber auch noch der Torso gewährt uns überraschenden Einblick in den wundervollen Reichtum der antiken Heilkunst und Gesundheitspflege; die chirurgischen Abschnitte — die vollständigste einschlägigeAbhandlung aus dem Altertum — gestatten eine Rekonstruktion der erstaunlich entwickelten wundärztlichen Technik der alexandrinisch-römischen Periode.
Oreibasios stützte sich auf die gesamte vorausgegangene Literatur — schon vorhanden gewesene Kompilationen mögen ihm teilweise als Vorlage gedient haben — und exzerpierte meistens die bedeutungsvollsten Stellen aus den älteren medizinischen Schriften mit Angabe der Quelle. So groß der literarhistorische Wert dieses Verfahrens ist, die Einheitlichkeit des Werkes, der organische Aufbau des Ganzen, mußte dabei namentlich in Fällen, wo sich die maßgebenden Autoren widersprechen, verloren gehen. Es läßt sich nicht verkennen, daß Oreibasios über reiche praktische Erfahrung verfügte, welche aus vielen Zusätzen, ganz besonders aus denhygienisch-diätetischenundallgemein therapeutischenKapiteln hervorleuchtet — im großen und ganzen aber hinderte ihn seine allzu große Verehrung für die Vorgänger, die eigenen Ideen auffällig in den Vordergrund zu schieben, und verhältnismäßig selten ließ es seine Bescheidenheit zu, daß er in strittigen Fragen von größerer Tragweite, das eigene Urteil entscheidend in die Wagschale warf. Als bedächtiger Konservator hielt er am Ueberkommenen fest, verbesserte höchstens im stillen, ohne alle Vordringlichkeit, manche Einzelheiten und verriet seine Selbständigkeit bloß in der Auswahl, in der Gruppierung des Materials, in paraphrastischen Erörterungen, einzig vom Streben erfüllt, dem Arzte den reichen Literaturschatz in anregender, übersichtlicher Zusammenfassung leicht zugänglich zu machen.
Doch scheint der vielbelesene, gelehrteOreibasiosdie Aufnahmsfähigkeit der Praktiker weit überschätzt zu haben; zwar brachten die Συναγωγαί den Stoff in übersichtlicher Anordnung, aber der gewaltige Umfang schreckte noch immer, namentlich den Anfänger, von der Benützung ab. Aus diesem Grunde entschloß sichOreibasios, der im Verfolg der ärztlichen Studien seines Sohnes die Erfordernisse eines knappen Lehrbuchs kennen gelernt hatte, noch im Alter (nicht vor 390) einen Auszug aus dem Kolossalwerke auszuarbeiten. Dieser liegt uns in den neun Büchern derΣύνοψις(πρὸς Ευστάθιον τὸν ὑιὸν αὐτοῦ) vor, welche beabsichtigterweise nur die notwendigsten Tatsachen der Heilkunde enthalten und die gereifte Erfahrung, das selbständiger gewordene Urteil des Verfassers in konziser Darstellung erkennen lassen; bemerkenswert ist es, daß hier die Chirurgie nicht berücksichtigt wird, weil sie Sache besonderer Spezialisten wäre. Außerordentliches Interesse verdienen die reizvollen Ausführungen überGymnastik, Diätetik der verschiedenen Altersstufen, Kindererziehung und über die Kinderkrankheiten.
EinLob darf Oreibasios keinesfalls vorenthalten werden, nämlichdaß er in dieser, von Mystizismus aller Art überfluteten, Zeit der Versuchung widerstand, den weitverbreiteten abergläubischen Heilgebräuchen in seine Werke Eingang zu gestatten. Größere Aerzte vor und nach ihm verhielten sich weniger prüde! Um auch unter den medizinfreundlichen Laien, den φιλίατροι, gesunde, aus dem Quell wahrer Wissenschaft entspringende Ansichten zu verbreiten, um wirklich aufklärend zu wirken und das schädliche Kurpfuschertum einzudämmen — schrieb er, etwa 392-395, die mehr populär gehaltene AbhandlungΕὐπόριστα, deren vier Bücher Diätetik, Hygiene und allgemeine Arzneimittellehre behandeln, aber auf die spezielle Therapie der einzelnen Krankheiten den Nachdruck legen. Welcher Wertschätzung sich die Synopsis und Euporista erfreuten, beweisen ihre frühzeitig unternommenen lateinischen Uebersetzungen; durch diese beiden Schriften hat Oreibasios auch dorthin gewirkt, wohin sein eigentliches Lebenswerk nicht vorgedrungen ist.
Gesamtausgabe der Werke des Oreibasios vonBussemakerundDaremberg, Oeuvres d'Oribase, Paris 1856-1876, Text und französische Uebersetzung; von den sechs Bänden enthält der letzte, von A. Molinier herausgegebene, alte lateinische Uebertragungen der Synopsis und der Euporista. Von einer verlorenen Schrift über die Augenkrankheiten ist noch ein Auszug vorhanden.Von den 70 Büchern derἰατρικαὶ συναγωγαί(Collecta medicinalia) ist nur mehr etwa ein Drittel vorhanden, worin folgendes abgehandelt wird: Nahrungsmittel, Getränke, Gymnastik und Diätetik, Blutentziehung und die übrigen Ausleerungsmittel, Klimatologie und Hygiene, äußere Heilmittel, Bäder, einfache und zusammengesetzte Arzneimittel, allgemeine Physiologie und Pathologie, Symptomatologie, Embryologie, Anatomie, Entzündung, Geschwülste, allgemeine Chirurgie, Frakturen, Luxationen, Lehre von den Verbänden, Apparaten und Instrumenten, Harn- und Geschlechtsleiden, Hernien, Geschwüre, Varia. Viele wichtige Abschnitte, welche die innere Medizin betrafen, sind verloren gegangen. An manchen Stellen tritt die selbständige Erfahrung des Verfassers hervor, so z. B. in der Lehre vomAderlaß(die Venäsektion soll nicht schablonenhaft an einem bestimmten Tage, sondern je nach der Stärke der Krankheit und dem Zustand der Kräfte vorgenommen werden; bei Entzündungen auf der leidenden Seite), in der Lehre von derDiät,Gymnastik,Massage, in der weitläufigen Abhandlung von denKlistieren(die er auch beiBlasenaffektionenanwandte) u. s. w. Im großen und ganzen stehen aber die eigenen Ideen und Leistungen des Verfassers allzusehr im Hintergrunde, ja in strittigen Fragen scheut er sogar vor einem entscheidenden Urteil zurück und bringt statt dessen Exzerpte über dasselbe Thema von verschiedenen Autoren. So wird z. B. dieLepradreimal abgehandelt, nachGalenos,RhuphosundSoranos. In den anatomischen Abschnitten macht sich diese Unselbständigkeit besonders fühlbar, denn auf diesem Gebiete entbehrteOreibasioszumeist wohl der zur Kritik nötigen Erfahrung, er schildert z. B. die Gebärmutter einmal nachGalen, das andere Mal nachSoranos, weil beide in der Beschreibung divergieren, und sogar in den seltenen Fällen, wo er in der Lage war, die Angaben der galenischen Anatomie zu ergänzen oder zu korrigieren, unterließ er dies aus übertriebener Ehrfurcht vor den Leistungen des großen Pergameners, dem er, neben Lykos und Soranos, ausschließlich folgte. An einer Stelle, wo er vom Aderlaß spricht, berichtet er, daß er bei Zergliederung von Affen Nerven unter und neben der Vena mediana des Vorderarms gefundenhabe, dennoch erwähnt er diese Entdeckung in seiner Anatomie nirgends, geschweige denn, daß er sie zum Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen der Armnerven gemacht hätte. Die ἰατρικαὶ συναγωγαί bilden neben den Werken Galens[2]und den byzantinischen Autoren eine Hauptquelle für unsere Kenntnisse über die antike Medizin[3]. Ohne Oreibasios würden wir von manchem Autor nicht einmal den Namen wissen[4].Bezüglich der Lehrevon den Verbänden und chirurgischen Apparatenvgl. die Bücher 48 und 49 (Daremberg IV, p. 253-458, ferner die Abbildungen p. 691 ff.). Zur Ergänzung unserer früheren Darstellung sei hier auf einige in den chirurgischen Büchern des Oreibasios erhaltene Fragmente desArchigenes,HeliodorosundAntyllosverwiesen, welche für die Geschichte der Chirurgie in der römischen Kaiserzeit von Wert sind.Archigenes(vgl. Bd. I, S. 335). Oreib. XLVII, 13:Amputation mit dem Zirkelschnitt: „Es sind nun die zur Durchschneidungsstelle führenden Gefäße zu unterbinden oder zu durchnähen oder bei manchen das ganze Glied mit einem Bande zu umgeben, auch Kälte anzuwenden, bei einigen auch zur Ader zu lassen ... die Absetzung im Gelenke ist zu vermeiden. Man muß also die Haut nach dem Gesunden mit einem Bande oder einem anderen, einen kreisförmigen Druck ausübenden Gegenstande hinaufziehen, neben welchem Bande auch die Umkreisung mit dem Schnitt stattfinden kann. Entsprechend dem abzunehmenden Gliede muß auch das Absetzungsinstrument sein. Gelagert aber wird der zur Absetzung bestimmte Körperteil so, daß die zur Ausführung des Kreisschnittes und der Absägung dienenden Instrumente ihr Werk ungehindert verrichten können. Nach der Durchschneidung sind rundherum die Sehnen zu entfernen und, nachdem man die Häute abgeschabt hat, die Knochen zu durchsägen. Wenn eine erhebliche Blutung vorhanden ist, muß man mit glühenden, eine gewisse Dicke besitzenden, Brenneisen kauterisieren.”Heliodoros(vgl. Bd. I, S. 335). Oreib. XLIV, 8f.: Operation sichtbarer und verborgener Abszesse,Rippenresektion. XLVI c. 11:Trepanationmit einem, dem Perforativtrepan ähnlichen Instrumente. XLVII, 14:Amputation: „Es wird die Hand oder der Fuß abgenommen, wenn Gangrän vorhanden, irgend ein Ende eines Gliedes infolge einer anderen Ursache abgestorben ist. ... Einige befleißigen sich einer unnützen Schnelligkeit, indem sie in einem Zuge alle Weichteile durchschneiden und darauf die Knochen durchsägen; eine solche Amputation ist aber nicht ungefährlich, weil viele Gefäße zugleich bluten; deshalb halte ich es für zweckmäßiger, die weniger fleischigen Teile des Gliedes zuerst zu durchschneiden, z. B. am Schienbein, dann zu durchsägen und nach der Durchsägung der Knochen die übrigenWeichteile bis zur vollständigen Entfernung des Gliedes zu trennen. Ich bin gewohnt, zunächst über der Durchsägungsstelle einBand umzulegen, um so viel als möglich eine Verschließung der Gefäße herbeizuführen, und dann in der angegebenen Weise zu verfahren. Beim Absägen muß das Blatt der Säge gleichmäßig geführt werden, damit die Sägefläche der Knochen eine glatte werde. Nach dem Absägen der Knochen durchschneidet man darauf mit einem Messer die noch im Zusammenhang gebliebenen Weichteile, unmittelbar nach der Absetzung werden große Charpiewieken aufgelegt und statt des Charpiehalters nebeneinanderliegende Kompressen. Außen werden Schwämme und ein ziemlich fest angedrückter Verband angelegt.” XLVIII, 20: über dieBinden(Rollbinden, gespaltene Binden). Ibid. 33 ff.: verschiedene kunstvolle Verbände. XLIX:Behandlung der Luxationen(Reposition mit den Händen, mit Utensilien des gewöhnlichen Lebens, mit Maschinen). L, 9:Behandlung der Strikturen der Harnröhre, welche als Folge von fleischigen Wucherungen galten. Die Exzision wurde mit einem schmalen Stilett gemacht, sodann legte man eineBougieaus trockenem Papier ein, welche in ihrem Inneren ein metallenes Röhrchen oder eine Federpose barg. Ibid. c. 3, 4: Behandlung der Hypospadie und des Harnträufelns.Antyllos(vgl. Bd. I, S. 404). Oreib. VII, 7-11: Technik der Venäsektion, ibid. 14:Arteriotomie, ibid. 21:Bdellotomie, XLIV, 8: chirurgische Behandlung der Abszesse (Schnittrichtung), ibid. 22, 23 über Fisteln (Untersuchung mit der Sonde, aus Papyrus angefertigte Bougies zur Erweiterung, Operationsmethoden), XLV, 24:Aneurysmen, ibid. 25, 26:Kolobome(des Augenlids, der Stirn, der Wange, der Nase, der Ohren), L, 5 ff.: Operation der Phimose und Circumzision.Inhalt derSynopsis: Gymnastik, Coitus, Blutentziehungen, Purgantien, Emetika, Klysmen, Diaphoretika, Bäder, Rubefacientia, Arzneimittellehre, Nahrungsmittel und Getränke, Ammenwesen, Hygiene der Kindheit und des späteren Lebens, Krisenlehre, Uroskopie, Auswurf, Fieberlehre, Wunden, Geschwüre, Geschwülste, Hautleiden, Nervenkrankheiten, Psychosen, Haar-, Nasen-, Lippenleiden, Augenkrankheiten, Wiederbelebung Erhängter, Brust-, Magen-, Darmleiden, Leberkrankheiten, Nieren-, Blasenleiden, Gynäkologie, Gicht, Ischias. — Von besonderem Interesse sind die Abschnitte über die Diätetik der Schwangeren (V, 1), Ammenwahl (V, 2), Kinderkrankheiten (V, 5-13), Kindererziehung (V, 14, Beginn des Unterrichts mit 6-7 Jahren bei freundlichen Lehrern, bei denen die Kinder mit Freude lernen; Gemütsruhe trägt viel zum körperlichen Wohl bei, ἡ δὲ ἄνεσις τῶν ψυχῶν εἰς εὐτροφίαν σώματος μεγάλα συμβάλλεται, Enthaltung von Wein), Temperamentenlehre (V, 43-53; cap. 45 enthält eine kurze Phrenologie). Bemerkenswert ist es, daß Oreibasios bei fieberhaften Exanthemen den Gebrauch von Schwitzmitteln verwarf und an ihrer Stelle milde Laxantia empfahl, Asthma mit harntreibenden Mitteln, die Harnruhr mit Schwitzbädern bekämpfte und die Hämorrhoiden als Ausdruck eines Allgemeinleidens ansah etc.In der Synopsis finden sich Angaben über medizinische Metrologie, sowie Rezepte gegen verschiedene äußere Affektionen angeführt, welche von dem „Iatrosophisten”Adamantios, einem Zeitgenossen des Oreibasios, herrühren; aus weiteren Fragmenten geht hervor, daß Adamantios sich ganz besonders auch mit derZahnheilkundeabgab (Mittel gegen Zahnschmerz, z. B. Malvendekokt, Hyoscyamussaft, spielten — bei der damaligen Scheu gegen die Extraktion — die Hauptrolle). Erhalten sind von ihm außerdem noch Fragmente einer Abhandlung über die Winde (Val. Rose, Anecdota graeca et graeco-latina, I, S. 29, Berlin 1864) und die aus dem einschlägigen Werke des RhetorsPolemonexzerpierte Schrift überPhysiognomik(J. G. Fr. Franz, Scriptor. physiognomiae veteres, Altenburg 1780). Möglicherweise istAdamantiosidentisch mit dem gleichnamigen jüdischen Arzte, der sich gelegentlich der Vertreibung der Juden aus Alexandrien unter Theodosius II. taufen ließ.Die Εὐπόριστα (remedia parabilia, Hausmittel) sind dem Gelehrten Eunapios gewidmet und für gebildete Laien bestimmt. Sie verfolgen den Zweck, den letzteren einen gewissen Grad von medizinischer Bildung zu vermitteln, damit sie im Notfalle bei leichteren Krankheiten, plötzlichen Unglücksfällen auf der Reise oder auf dem Lande, wenn kein Arzt in der Nähe ist, rationell verfahren können.In der Vorrede wird auf das gemeingefährliche Treiben der Kurpfuscher (unter denen sich, wie stets, anmaßende ehemalige Heilgehilfen befanden) hingewiesen und nachdrücklichst betont, daß die vollkommene Ausführung ärztlicher Agenden stets ein Wissen voraussetzt, welches nur durch eine besondere theoretisch-praktische Ausbildung erworben werden kann.Oreibasios erwähnt als Vorgänger in diesem vornehmeren populärmedizinischen Schrifttum den „bewunderungswürdigen” Galen (dessen Schrift aber nicht mehr vorhanden sei, vgl. Bd. I, S. 365), Dioskurides (vgl. Bd. I, S. 326, deutsche Uebersetzung von J. Berendes im Janus 1907), Apollonios von Mys und Rhuphos.
Gesamtausgabe der Werke des Oreibasios vonBussemakerundDaremberg, Oeuvres d'Oribase, Paris 1856-1876, Text und französische Uebersetzung; von den sechs Bänden enthält der letzte, von A. Molinier herausgegebene, alte lateinische Uebertragungen der Synopsis und der Euporista. Von einer verlorenen Schrift über die Augenkrankheiten ist noch ein Auszug vorhanden.
Von den 70 Büchern derἰατρικαὶ συναγωγαί(Collecta medicinalia) ist nur mehr etwa ein Drittel vorhanden, worin folgendes abgehandelt wird: Nahrungsmittel, Getränke, Gymnastik und Diätetik, Blutentziehung und die übrigen Ausleerungsmittel, Klimatologie und Hygiene, äußere Heilmittel, Bäder, einfache und zusammengesetzte Arzneimittel, allgemeine Physiologie und Pathologie, Symptomatologie, Embryologie, Anatomie, Entzündung, Geschwülste, allgemeine Chirurgie, Frakturen, Luxationen, Lehre von den Verbänden, Apparaten und Instrumenten, Harn- und Geschlechtsleiden, Hernien, Geschwüre, Varia. Viele wichtige Abschnitte, welche die innere Medizin betrafen, sind verloren gegangen. An manchen Stellen tritt die selbständige Erfahrung des Verfassers hervor, so z. B. in der Lehre vomAderlaß(die Venäsektion soll nicht schablonenhaft an einem bestimmten Tage, sondern je nach der Stärke der Krankheit und dem Zustand der Kräfte vorgenommen werden; bei Entzündungen auf der leidenden Seite), in der Lehre von derDiät,Gymnastik,Massage, in der weitläufigen Abhandlung von denKlistieren(die er auch beiBlasenaffektionenanwandte) u. s. w. Im großen und ganzen stehen aber die eigenen Ideen und Leistungen des Verfassers allzusehr im Hintergrunde, ja in strittigen Fragen scheut er sogar vor einem entscheidenden Urteil zurück und bringt statt dessen Exzerpte über dasselbe Thema von verschiedenen Autoren. So wird z. B. dieLepradreimal abgehandelt, nachGalenos,RhuphosundSoranos. In den anatomischen Abschnitten macht sich diese Unselbständigkeit besonders fühlbar, denn auf diesem Gebiete entbehrteOreibasioszumeist wohl der zur Kritik nötigen Erfahrung, er schildert z. B. die Gebärmutter einmal nachGalen, das andere Mal nachSoranos, weil beide in der Beschreibung divergieren, und sogar in den seltenen Fällen, wo er in der Lage war, die Angaben der galenischen Anatomie zu ergänzen oder zu korrigieren, unterließ er dies aus übertriebener Ehrfurcht vor den Leistungen des großen Pergameners, dem er, neben Lykos und Soranos, ausschließlich folgte. An einer Stelle, wo er vom Aderlaß spricht, berichtet er, daß er bei Zergliederung von Affen Nerven unter und neben der Vena mediana des Vorderarms gefundenhabe, dennoch erwähnt er diese Entdeckung in seiner Anatomie nirgends, geschweige denn, daß er sie zum Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen der Armnerven gemacht hätte. Die ἰατρικαὶ συναγωγαί bilden neben den Werken Galens[2]und den byzantinischen Autoren eine Hauptquelle für unsere Kenntnisse über die antike Medizin[3]. Ohne Oreibasios würden wir von manchem Autor nicht einmal den Namen wissen[4].
Bezüglich der Lehrevon den Verbänden und chirurgischen Apparatenvgl. die Bücher 48 und 49 (Daremberg IV, p. 253-458, ferner die Abbildungen p. 691 ff.). Zur Ergänzung unserer früheren Darstellung sei hier auf einige in den chirurgischen Büchern des Oreibasios erhaltene Fragmente desArchigenes,HeliodorosundAntyllosverwiesen, welche für die Geschichte der Chirurgie in der römischen Kaiserzeit von Wert sind.
Archigenes(vgl. Bd. I, S. 335). Oreib. XLVII, 13:Amputation mit dem Zirkelschnitt: „Es sind nun die zur Durchschneidungsstelle führenden Gefäße zu unterbinden oder zu durchnähen oder bei manchen das ganze Glied mit einem Bande zu umgeben, auch Kälte anzuwenden, bei einigen auch zur Ader zu lassen ... die Absetzung im Gelenke ist zu vermeiden. Man muß also die Haut nach dem Gesunden mit einem Bande oder einem anderen, einen kreisförmigen Druck ausübenden Gegenstande hinaufziehen, neben welchem Bande auch die Umkreisung mit dem Schnitt stattfinden kann. Entsprechend dem abzunehmenden Gliede muß auch das Absetzungsinstrument sein. Gelagert aber wird der zur Absetzung bestimmte Körperteil so, daß die zur Ausführung des Kreisschnittes und der Absägung dienenden Instrumente ihr Werk ungehindert verrichten können. Nach der Durchschneidung sind rundherum die Sehnen zu entfernen und, nachdem man die Häute abgeschabt hat, die Knochen zu durchsägen. Wenn eine erhebliche Blutung vorhanden ist, muß man mit glühenden, eine gewisse Dicke besitzenden, Brenneisen kauterisieren.”
Heliodoros(vgl. Bd. I, S. 335). Oreib. XLIV, 8f.: Operation sichtbarer und verborgener Abszesse,Rippenresektion. XLVI c. 11:Trepanationmit einem, dem Perforativtrepan ähnlichen Instrumente. XLVII, 14:Amputation: „Es wird die Hand oder der Fuß abgenommen, wenn Gangrän vorhanden, irgend ein Ende eines Gliedes infolge einer anderen Ursache abgestorben ist. ... Einige befleißigen sich einer unnützen Schnelligkeit, indem sie in einem Zuge alle Weichteile durchschneiden und darauf die Knochen durchsägen; eine solche Amputation ist aber nicht ungefährlich, weil viele Gefäße zugleich bluten; deshalb halte ich es für zweckmäßiger, die weniger fleischigen Teile des Gliedes zuerst zu durchschneiden, z. B. am Schienbein, dann zu durchsägen und nach der Durchsägung der Knochen die übrigenWeichteile bis zur vollständigen Entfernung des Gliedes zu trennen. Ich bin gewohnt, zunächst über der Durchsägungsstelle einBand umzulegen, um so viel als möglich eine Verschließung der Gefäße herbeizuführen, und dann in der angegebenen Weise zu verfahren. Beim Absägen muß das Blatt der Säge gleichmäßig geführt werden, damit die Sägefläche der Knochen eine glatte werde. Nach dem Absägen der Knochen durchschneidet man darauf mit einem Messer die noch im Zusammenhang gebliebenen Weichteile, unmittelbar nach der Absetzung werden große Charpiewieken aufgelegt und statt des Charpiehalters nebeneinanderliegende Kompressen. Außen werden Schwämme und ein ziemlich fest angedrückter Verband angelegt.” XLVIII, 20: über dieBinden(Rollbinden, gespaltene Binden). Ibid. 33 ff.: verschiedene kunstvolle Verbände. XLIX:Behandlung der Luxationen(Reposition mit den Händen, mit Utensilien des gewöhnlichen Lebens, mit Maschinen). L, 9:Behandlung der Strikturen der Harnröhre, welche als Folge von fleischigen Wucherungen galten. Die Exzision wurde mit einem schmalen Stilett gemacht, sodann legte man eineBougieaus trockenem Papier ein, welche in ihrem Inneren ein metallenes Röhrchen oder eine Federpose barg. Ibid. c. 3, 4: Behandlung der Hypospadie und des Harnträufelns.
Antyllos(vgl. Bd. I, S. 404). Oreib. VII, 7-11: Technik der Venäsektion, ibid. 14:Arteriotomie, ibid. 21:Bdellotomie, XLIV, 8: chirurgische Behandlung der Abszesse (Schnittrichtung), ibid. 22, 23 über Fisteln (Untersuchung mit der Sonde, aus Papyrus angefertigte Bougies zur Erweiterung, Operationsmethoden), XLV, 24:Aneurysmen, ibid. 25, 26:Kolobome(des Augenlids, der Stirn, der Wange, der Nase, der Ohren), L, 5 ff.: Operation der Phimose und Circumzision.
Inhalt derSynopsis: Gymnastik, Coitus, Blutentziehungen, Purgantien, Emetika, Klysmen, Diaphoretika, Bäder, Rubefacientia, Arzneimittellehre, Nahrungsmittel und Getränke, Ammenwesen, Hygiene der Kindheit und des späteren Lebens, Krisenlehre, Uroskopie, Auswurf, Fieberlehre, Wunden, Geschwüre, Geschwülste, Hautleiden, Nervenkrankheiten, Psychosen, Haar-, Nasen-, Lippenleiden, Augenkrankheiten, Wiederbelebung Erhängter, Brust-, Magen-, Darmleiden, Leberkrankheiten, Nieren-, Blasenleiden, Gynäkologie, Gicht, Ischias. — Von besonderem Interesse sind die Abschnitte über die Diätetik der Schwangeren (V, 1), Ammenwahl (V, 2), Kinderkrankheiten (V, 5-13), Kindererziehung (V, 14, Beginn des Unterrichts mit 6-7 Jahren bei freundlichen Lehrern, bei denen die Kinder mit Freude lernen; Gemütsruhe trägt viel zum körperlichen Wohl bei, ἡ δὲ ἄνεσις τῶν ψυχῶν εἰς εὐτροφίαν σώματος μεγάλα συμβάλλεται, Enthaltung von Wein), Temperamentenlehre (V, 43-53; cap. 45 enthält eine kurze Phrenologie). Bemerkenswert ist es, daß Oreibasios bei fieberhaften Exanthemen den Gebrauch von Schwitzmitteln verwarf und an ihrer Stelle milde Laxantia empfahl, Asthma mit harntreibenden Mitteln, die Harnruhr mit Schwitzbädern bekämpfte und die Hämorrhoiden als Ausdruck eines Allgemeinleidens ansah etc.
In der Synopsis finden sich Angaben über medizinische Metrologie, sowie Rezepte gegen verschiedene äußere Affektionen angeführt, welche von dem „Iatrosophisten”Adamantios, einem Zeitgenossen des Oreibasios, herrühren; aus weiteren Fragmenten geht hervor, daß Adamantios sich ganz besonders auch mit derZahnheilkundeabgab (Mittel gegen Zahnschmerz, z. B. Malvendekokt, Hyoscyamussaft, spielten — bei der damaligen Scheu gegen die Extraktion — die Hauptrolle). Erhalten sind von ihm außerdem noch Fragmente einer Abhandlung über die Winde (Val. Rose, Anecdota graeca et graeco-latina, I, S. 29, Berlin 1864) und die aus dem einschlägigen Werke des RhetorsPolemonexzerpierte Schrift überPhysiognomik(J. G. Fr. Franz, Scriptor. physiognomiae veteres, Altenburg 1780). Möglicherweise istAdamantiosidentisch mit dem gleichnamigen jüdischen Arzte, der sich gelegentlich der Vertreibung der Juden aus Alexandrien unter Theodosius II. taufen ließ.
Die Εὐπόριστα (remedia parabilia, Hausmittel) sind dem Gelehrten Eunapios gewidmet und für gebildete Laien bestimmt. Sie verfolgen den Zweck, den letzteren einen gewissen Grad von medizinischer Bildung zu vermitteln, damit sie im Notfalle bei leichteren Krankheiten, plötzlichen Unglücksfällen auf der Reise oder auf dem Lande, wenn kein Arzt in der Nähe ist, rationell verfahren können.In der Vorrede wird auf das gemeingefährliche Treiben der Kurpfuscher (unter denen sich, wie stets, anmaßende ehemalige Heilgehilfen befanden) hingewiesen und nachdrücklichst betont, daß die vollkommene Ausführung ärztlicher Agenden stets ein Wissen voraussetzt, welches nur durch eine besondere theoretisch-praktische Ausbildung erworben werden kann.Oreibasios erwähnt als Vorgänger in diesem vornehmeren populärmedizinischen Schrifttum den „bewunderungswürdigen” Galen (dessen Schrift aber nicht mehr vorhanden sei, vgl. Bd. I, S. 365), Dioskurides (vgl. Bd. I, S. 326, deutsche Uebersetzung von J. Berendes im Janus 1907), Apollonios von Mys und Rhuphos.
Welch' feine Beobachtungskunst selbst am Ausgang des Altertums wenigstens bei einzelnen griechischen Aerzten noch anzutreffen war, beweisen die Fragmente aus den Werken desPhilagrios und Poseidonios(den beiden Söhnen des Arztes Philostorgios). Abgesehen von manchen anderen selbständigen Leistungen, erwarb sich der erstere namentlich auf dem Gebiete derMilzkrankheiten, letzterer auf dem Gebiete derPsychosenjahrhundertelangen Nachruhm. An den Namen desPoseidonios, der — eine seltene Ausnahme — den dämonischen Ursprung gewisser Geisteskrankheiten bestritt, knüpft sich auch ein früher Versuch, dieLokalisation der Gehirnfunktionenvorzunehmen.
Philagriosstammte aus Epirus und praktizierte in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts in Thessalonike; er verfaßte zahlreiche Schriften (70 Monographien, ferner Handbücher und einen Kommentar zu Hippokrates), von denen einzelne Fragmente auf uns gekommen sind und sich auf den medizinischen Nutzen verschiedener Getränke (Honigwein, Mohntrank, Trank aus Quittenkörnern, Kornelkirschen und Wasser etc.), auf die Diagnostik und Therapie der Milzaffektionen, auf Podagra, Nierensteine, Diabetes, Spermatorrhöe, Phthise, Frauenleiden, Magen-, Darm-, Leberaffektionen, Mund-, Zahn-, Rachen-, Ohrenleiden etc. beziehen. In der Krankheitsauffassung ist die Humoralpathologie maßgebend; in der (von Mystizismus ziemlich freien) Therapie wird außer auf Arzneimittel auch auf diätetische Vorschriften großer Nachdruck gelegt. Was dieMilzleidenanlangt, so erlangte Philagrios auf diesem Gebiete eine Autorität, die sich jahrhundertelang erhielt, und dankte dieselbe der Sorgfalt, mit der er die feineren diagnostischen Kennzeichen (soweit es die Hilfsmittel des Zeitalters ermöglichten) angab. Vgl. insbesondere die alte lateinische Uebersetzung der einschlägigen Abhandlung und deren deutsche Uebertragung in Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berlin 1886; das griechische Original ist nicht mehr vorhanden. Wie seine Vorgänger (Hippokratiker, Aretaios) wußte Philagrios, daß bei Wechselfieber und bei manchen akuten Infektionskrankheiten Milztumor auftritt, er lehrte, daß die Milz von den verschiedenen Dyskrasien,besonders der kalten, außerdem aber auch von Entzündung, Vergrößerung, Schrumpfung, Verhärtung, Skirrhus ergriffen werden könne und erwähnte den Husten der Milzkranken. Die Behandlung, welche sich nach der vermeintlichen Dyskrasie, nach dem Krankheitsstadium etc. richtete, bestand in diätetischen Maßnahmen, äußeren Applikationen, Aderlaß, Laxantien, Brechmitteln, Diureticis (die Präparate verschiedener Aspleniumarten und der Kappernwurzel). Gegen Gicht empfahl er Oel- und Salzeinreibungen, unter den Darmaffektionen beschrieb er dieFettdiarrhöe(gegen welche ein hydrotherapeutisches Verfahren zur Anwendung kam);Spermatorrhöesuchte er durch reizherabsetzende Nahrungsmittel, Spaziergänge, Gymnastik, Massage, Fernhaltung von psychischen Reizen (schlüpfrige Lektüre, Schauspiele), passende Maßnahmen während der Nachtruhe (Vermeidung der Rückenlage, Bleiplatten unter die Lenden) zu beseitigen, auch riet er in manchen Fällen, anhaltend Bohnenwasser zu trinken, in welchem glühendes Eisen mehrfach gelöscht worden war. Ausführlich schrieb Philagrios über dieNierensteine; dieselben kämen (im Gegensatz zu den Blasensteinen) häufiger bei alten Leuten vor, besäßen verschiedene Beschaffenheit in Bezug auf Größe, Form, Farbe und Oberfläche, lägen im Nierenbecken; zu den Symptomen gehöre Schmerzhaftigkeit der Nierengegend, zumeist auch Obstipation; eine bestehende Nierenentzündung verrate sich durch Geschwulst, Schmerz beim Bücken, Harnanomalien (Oligurie, Anurie, Hämaturie); runde und glatte Steine würden am leichtesten ausgeschieden; gelange der Stein in die Blase, so erfolge Abgang von viel Grieß und Stuhl. In einem Falle, wo ein Stein in die Harnröhre eingeklemmt war, entfernte ihn Philagrios durch Urethrotomie oberhalb der Eichel, verordnete nachher Eselinnenmilch, sowie entsprechende Diät (Fische, Geflügel). Gegen Frauenleiden hinterließ er mancherlei Rezepte (z. B. gegen hysterische Beschwerden Räucherung mit Juniperus Sabina), und auch als Chirurg soll sich Philagrios ausgezeichnet haben; bei seiner Behandlungsweise desGanglionspielte unter dem Deckmantel von Medikamenten das Zerdrücken die Hauptrolle. Taubheit leitete er, wenn er andere Ursachen nicht nachzuweisen vermochte, von einer Nervenläsion her.Von dem Schrifttum desPoseidonios(nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Verfasser einer Abbandlung über die Pest, vgl. Bd. I, S. 280) sind ebenfalls nur spärliche Fragmente erhalten, denen aber eine nicht geringe Bedeutung für die Geschichte der antiken Psychiatrie zukommt[5]. Das Wesen derPhrenitiserblickte er in einerEntzündung der Hirnhäuteund unterschied drei Formen, je nachdem bloßdie Phantasie(Sinnestätigkeit) oderder Verstandoder endlich beide gestört sind. Wenn in fieberhaften Krankheitendas Gedächtniszu Grunde geht, so leiden auch zumeist Verstand und Phantasie.Die drei Geistesvermögen werdenvon Poseidonioslokalisiert, und zwar die Phantasie in den vorderen Teil des Gehirns, der Verstand in die mittlere Hirnhöhle, das Gedächtnis in die hinteren Hirnteile.Diese Lehre von den drei Seelenorganen, die erste Spur der Gehirnlokalisation, erhielt sich außerordentlich lange in der psychologisch-psychiatrischen Literatur. In der Therapie der Phrenitis kamen neben geeigneter Lagerung (in einem warmen oder kühlen, in einem lichten oder dunklen Zimmer, je nach dem Falle), lauwarmen Umschlägen, Klistieren, Aderlässen auchschlafmachende Mittel(Einreibe-, Riech- oder innere Mittel) zur Anwendung, doch sollten die letzteren nur während der Abnahme der Paroxysmen, keinesfalls andauernd gegeben werden. DerLethargoskönne auf zweierlei Weise entstehen, indem das Gehirn entweder primär oder sekundär ergriffen werde (in letzterem Falle sitze die Krankheit ursprünglich im Herzen und in den Eingeweiden);auch entwickle sich Lethargos im Verlaufe chronischer Affektionen (Wechselfieber) oder im Verlaufe von Hirnentzündung, besonders wenn dieselbe mit narkotischen Mitteln in unangemessener Weise behandelt worden sei; die Somnolenz könne andauernd sein oder periodisch auftreten. Therapie: Lagerung in einem warmen, hellen Zimmer, Riechmittel (z. B. Castoreum), Niesemittel, warme Bähungen um den Kopf, öfteres Aufrütteln des Kranken, eventuell Klistiere und Aderlaß.Karos, worunter wohl ein (im Gefolge von verschiedenen Krankheiten auftretender soporöser Zustand verstanden werden muß), unterscheide sich von dem Lethargos durch den Grad der Bewußtseinsstörung: bei Lethargos antworte der Kranke auf Befragen und liege nicht ganz sprachlos da, bei Karos dagegen sei er von tiefem Schlafe umfangen,empfinde zwar beigebrachte Stiche, vermöge aber weder zu reden, noch die Augen zu öffnen.Komakennzeichne sich durch einen mehr als naturgemäßen Schlaf, Irrereden, Offenstehen des Mundes,Katalepsiedurch Bewußtlosigkeit und Empfindungslosigkeit.Schwindelwerde durch das Aufsteigen warmer und scharfer Dünste nach dem Kopfe, besonders um die Verdauungszeit und beim Erwachen des Morgens ausgelöst; dauere das Leiden an, so werde es schon von geringfügigen Anlässen (z. B. wenn der Kranke ein Rad in Bewegung sieht) hervorgerufen; die wichtigste Vorbauungs- und Heilungsregel sei die Berücksichtigung verhaltener Ausscheidungen. DasAlpdrücken(Ephialtos)sei nicht dämonischen Ursprungs— wie man damals allgemein glaubte —, sondern durch Ansammlung dicker, kalter Dünste in den Hirnhöhlen verursacht, welche die Innervation verhindern; die Behandlung habe die Ausleerung schädlicher Säfte oder die Beseitigung der Plethora anzustreben; außerdem Kopfbähungen, wollene Decke im Schlafe. Häufig sei das Alpdrücken Vorbote der Apoplexie, Manie oder Epilepsie. Die Krämpfe entstünden bei derEpilepsiedadurch, daß der Nervenursprung von einem fremdartigen Inhalt gereizt werde und denselben fortzuschaffen suche. In chronischen Fällen verordne man vieles Wassertrinken, bei gegebenen Indikationen Purgantien (Helleborus oder Koloquinthen), Bäder, Aderlässe, blutige Schröpfköpfe auf Unterleib und Hinterhaupt, Niesemittel, Schleimauswurf befördernde Mittel. Kenne man den peripheren Auslösungspunkt der Epilepsie, so sollen daselbst nach der allgemeinen Ausleerung Topika appliziert werden (z. B. Sinapismen). Heilung der Epilepsie der Greise und Neugeborenen sei zumeist unmöglich, warmes Verhalten und Diät angemessen.Maniekomme durch übermäßigen Zufluß von Blut oder durch Anhäufung verdorbenen Blutes oder der Galle im Gehirn zu stande, wobei Kopfschwäche, zornmütige Gemütsbeschaffenheit, Potus, schlechte Verdauung, Verhaltung der Menses disponierend wirken. Formen der Manie gebe es viele, manche tretenperiodischauf. Wenn die Manie vom Blute allein entstehe, so erhebe der Kranke ein unendliches Gelächter, da er lachenswerte Gegenstände sehe, er mache ein heiteres Gesicht und singe fortwährend, zuweilen höre er von den aufsteigenden Dämpfen Töne wie von Flötenbläsern;das Gedächtnis sei unverletzt, was man daraus erkenne, daß die Kranken gewohnte Lieder singen, während Einbildungskraft und Vernunft leiden. Wenn Galle mit Blut gemischt sei, so erlange dieses eine scharfe Beschaffenheit, so wie wenn Hirn und Hirnhäute gleichsam gestochen und angebohrt würden. Die Kranken seien aufbrausend, zanksüchtig, verfallen in wütende Rasereien. Durch scharfe und salzige Nahrung, viele unruhige Bewegung erlange das Blut eine Schärfe, weshalb oft ohne alle Hilfe, durch knappe und angemessene Diät das Hirn mit der Zeit sich reinige und gesund werde. Therapie: dünne, wässerige Diät, Aderlässe, Bäder, Bähungen, eventuell Niesemittel, Emenagoga, Expectorantia etc. Nach ähnlichen Grundsätzen werden auch für dieMelancholieHeilvorschriften erteilt (Purgantien, Klistiere, Aderlässe, Sudorifera, Diuretika, Bäder,Salbungen, Bewegung, Arbeit, krampfstillende Mittel). Sehr eingehend und zutreffend schildert Poseidonios dieLyssa, wobei das Symptom der Wasserscheu auf Schreckbilder, die dem Kranken in der Flüssigkeit des Trinkgefäßes erscheinen, zurückgeführt wird. Ein Philosoph sei von einem tollen Hunde gebissen worden, habe mit edler Ergebung sein Leiden ertragen und in seinem Trinkgefäße das Schreckbild des Hundes gesehen; bei sich überlegend, daß der Hund mit dem Gefäße nichts gemein haben könne, habe er sich selbst überwunden, unerschrocken getrunken und sei von der Krankheit (hysterische Hydrophobie!) geheilt worden. Zur Behandlung der Lyssa wird Erweiterung und Kauterisation der Wunde, Skarifikation der Umgebung, Unterhaltung der Eiterung, innerlich Theriak, nach Verheilung des Geschwüres weiße Nieswurz empfohlen, außerdem gedenkt der Autor mancher Volksmittel (gekochte Leber des Hundes, Präparate aus verschiedenen animalisch-vegetabilischen Stoffen, Anagallis). Ein Mittel, um zu prüfen, ob der verdächtige Hund wirklich toll gewesen oder ob der Lyssakranke vollkommen genesen sei, bestehe darin, daß man den vom Geschwür genommenen Breiumschlag einem Hahn zum Futter vorwerfe; wenn dieser vom Genuß nicht zu Grunde gehe, sei keine Gefahr vorhanden. Das Angeführte macht es begreiflich, daß die Abhandlung des Poseidonios, welche sich neben der eigenen Beobachtung auf Vorgänger (Aretaios, Archigenes, Rhuphos, Galenos u. a.) stützte, allen Späteren als Fundgrube in Fragen der Neurosen und Psychosen diente. Vgl. die Fragmentensammlung von Lewy und Landesberg über die Bedeutung des Antyllus, Philagrius und Posidonius in Henschels Janus 1847 u. 1848.
Philagriosstammte aus Epirus und praktizierte in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts in Thessalonike; er verfaßte zahlreiche Schriften (70 Monographien, ferner Handbücher und einen Kommentar zu Hippokrates), von denen einzelne Fragmente auf uns gekommen sind und sich auf den medizinischen Nutzen verschiedener Getränke (Honigwein, Mohntrank, Trank aus Quittenkörnern, Kornelkirschen und Wasser etc.), auf die Diagnostik und Therapie der Milzaffektionen, auf Podagra, Nierensteine, Diabetes, Spermatorrhöe, Phthise, Frauenleiden, Magen-, Darm-, Leberaffektionen, Mund-, Zahn-, Rachen-, Ohrenleiden etc. beziehen. In der Krankheitsauffassung ist die Humoralpathologie maßgebend; in der (von Mystizismus ziemlich freien) Therapie wird außer auf Arzneimittel auch auf diätetische Vorschriften großer Nachdruck gelegt. Was dieMilzleidenanlangt, so erlangte Philagrios auf diesem Gebiete eine Autorität, die sich jahrhundertelang erhielt, und dankte dieselbe der Sorgfalt, mit der er die feineren diagnostischen Kennzeichen (soweit es die Hilfsmittel des Zeitalters ermöglichten) angab. Vgl. insbesondere die alte lateinische Uebersetzung der einschlägigen Abhandlung und deren deutsche Uebertragung in Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berlin 1886; das griechische Original ist nicht mehr vorhanden. Wie seine Vorgänger (Hippokratiker, Aretaios) wußte Philagrios, daß bei Wechselfieber und bei manchen akuten Infektionskrankheiten Milztumor auftritt, er lehrte, daß die Milz von den verschiedenen Dyskrasien,besonders der kalten, außerdem aber auch von Entzündung, Vergrößerung, Schrumpfung, Verhärtung, Skirrhus ergriffen werden könne und erwähnte den Husten der Milzkranken. Die Behandlung, welche sich nach der vermeintlichen Dyskrasie, nach dem Krankheitsstadium etc. richtete, bestand in diätetischen Maßnahmen, äußeren Applikationen, Aderlaß, Laxantien, Brechmitteln, Diureticis (die Präparate verschiedener Aspleniumarten und der Kappernwurzel). Gegen Gicht empfahl er Oel- und Salzeinreibungen, unter den Darmaffektionen beschrieb er dieFettdiarrhöe(gegen welche ein hydrotherapeutisches Verfahren zur Anwendung kam);Spermatorrhöesuchte er durch reizherabsetzende Nahrungsmittel, Spaziergänge, Gymnastik, Massage, Fernhaltung von psychischen Reizen (schlüpfrige Lektüre, Schauspiele), passende Maßnahmen während der Nachtruhe (Vermeidung der Rückenlage, Bleiplatten unter die Lenden) zu beseitigen, auch riet er in manchen Fällen, anhaltend Bohnenwasser zu trinken, in welchem glühendes Eisen mehrfach gelöscht worden war. Ausführlich schrieb Philagrios über dieNierensteine; dieselben kämen (im Gegensatz zu den Blasensteinen) häufiger bei alten Leuten vor, besäßen verschiedene Beschaffenheit in Bezug auf Größe, Form, Farbe und Oberfläche, lägen im Nierenbecken; zu den Symptomen gehöre Schmerzhaftigkeit der Nierengegend, zumeist auch Obstipation; eine bestehende Nierenentzündung verrate sich durch Geschwulst, Schmerz beim Bücken, Harnanomalien (Oligurie, Anurie, Hämaturie); runde und glatte Steine würden am leichtesten ausgeschieden; gelange der Stein in die Blase, so erfolge Abgang von viel Grieß und Stuhl. In einem Falle, wo ein Stein in die Harnröhre eingeklemmt war, entfernte ihn Philagrios durch Urethrotomie oberhalb der Eichel, verordnete nachher Eselinnenmilch, sowie entsprechende Diät (Fische, Geflügel). Gegen Frauenleiden hinterließ er mancherlei Rezepte (z. B. gegen hysterische Beschwerden Räucherung mit Juniperus Sabina), und auch als Chirurg soll sich Philagrios ausgezeichnet haben; bei seiner Behandlungsweise desGanglionspielte unter dem Deckmantel von Medikamenten das Zerdrücken die Hauptrolle. Taubheit leitete er, wenn er andere Ursachen nicht nachzuweisen vermochte, von einer Nervenläsion her.
Von dem Schrifttum desPoseidonios(nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Verfasser einer Abbandlung über die Pest, vgl. Bd. I, S. 280) sind ebenfalls nur spärliche Fragmente erhalten, denen aber eine nicht geringe Bedeutung für die Geschichte der antiken Psychiatrie zukommt[5]. Das Wesen derPhrenitiserblickte er in einerEntzündung der Hirnhäuteund unterschied drei Formen, je nachdem bloßdie Phantasie(Sinnestätigkeit) oderder Verstandoder endlich beide gestört sind. Wenn in fieberhaften Krankheitendas Gedächtniszu Grunde geht, so leiden auch zumeist Verstand und Phantasie.Die drei Geistesvermögen werdenvon Poseidonioslokalisiert, und zwar die Phantasie in den vorderen Teil des Gehirns, der Verstand in die mittlere Hirnhöhle, das Gedächtnis in die hinteren Hirnteile.Diese Lehre von den drei Seelenorganen, die erste Spur der Gehirnlokalisation, erhielt sich außerordentlich lange in der psychologisch-psychiatrischen Literatur. In der Therapie der Phrenitis kamen neben geeigneter Lagerung (in einem warmen oder kühlen, in einem lichten oder dunklen Zimmer, je nach dem Falle), lauwarmen Umschlägen, Klistieren, Aderlässen auchschlafmachende Mittel(Einreibe-, Riech- oder innere Mittel) zur Anwendung, doch sollten die letzteren nur während der Abnahme der Paroxysmen, keinesfalls andauernd gegeben werden. DerLethargoskönne auf zweierlei Weise entstehen, indem das Gehirn entweder primär oder sekundär ergriffen werde (in letzterem Falle sitze die Krankheit ursprünglich im Herzen und in den Eingeweiden);auch entwickle sich Lethargos im Verlaufe chronischer Affektionen (Wechselfieber) oder im Verlaufe von Hirnentzündung, besonders wenn dieselbe mit narkotischen Mitteln in unangemessener Weise behandelt worden sei; die Somnolenz könne andauernd sein oder periodisch auftreten. Therapie: Lagerung in einem warmen, hellen Zimmer, Riechmittel (z. B. Castoreum), Niesemittel, warme Bähungen um den Kopf, öfteres Aufrütteln des Kranken, eventuell Klistiere und Aderlaß.Karos, worunter wohl ein (im Gefolge von verschiedenen Krankheiten auftretender soporöser Zustand verstanden werden muß), unterscheide sich von dem Lethargos durch den Grad der Bewußtseinsstörung: bei Lethargos antworte der Kranke auf Befragen und liege nicht ganz sprachlos da, bei Karos dagegen sei er von tiefem Schlafe umfangen,empfinde zwar beigebrachte Stiche, vermöge aber weder zu reden, noch die Augen zu öffnen.Komakennzeichne sich durch einen mehr als naturgemäßen Schlaf, Irrereden, Offenstehen des Mundes,Katalepsiedurch Bewußtlosigkeit und Empfindungslosigkeit.Schwindelwerde durch das Aufsteigen warmer und scharfer Dünste nach dem Kopfe, besonders um die Verdauungszeit und beim Erwachen des Morgens ausgelöst; dauere das Leiden an, so werde es schon von geringfügigen Anlässen (z. B. wenn der Kranke ein Rad in Bewegung sieht) hervorgerufen; die wichtigste Vorbauungs- und Heilungsregel sei die Berücksichtigung verhaltener Ausscheidungen. DasAlpdrücken(Ephialtos)sei nicht dämonischen Ursprungs— wie man damals allgemein glaubte —, sondern durch Ansammlung dicker, kalter Dünste in den Hirnhöhlen verursacht, welche die Innervation verhindern; die Behandlung habe die Ausleerung schädlicher Säfte oder die Beseitigung der Plethora anzustreben; außerdem Kopfbähungen, wollene Decke im Schlafe. Häufig sei das Alpdrücken Vorbote der Apoplexie, Manie oder Epilepsie. Die Krämpfe entstünden bei derEpilepsiedadurch, daß der Nervenursprung von einem fremdartigen Inhalt gereizt werde und denselben fortzuschaffen suche. In chronischen Fällen verordne man vieles Wassertrinken, bei gegebenen Indikationen Purgantien (Helleborus oder Koloquinthen), Bäder, Aderlässe, blutige Schröpfköpfe auf Unterleib und Hinterhaupt, Niesemittel, Schleimauswurf befördernde Mittel. Kenne man den peripheren Auslösungspunkt der Epilepsie, so sollen daselbst nach der allgemeinen Ausleerung Topika appliziert werden (z. B. Sinapismen). Heilung der Epilepsie der Greise und Neugeborenen sei zumeist unmöglich, warmes Verhalten und Diät angemessen.Maniekomme durch übermäßigen Zufluß von Blut oder durch Anhäufung verdorbenen Blutes oder der Galle im Gehirn zu stande, wobei Kopfschwäche, zornmütige Gemütsbeschaffenheit, Potus, schlechte Verdauung, Verhaltung der Menses disponierend wirken. Formen der Manie gebe es viele, manche tretenperiodischauf. Wenn die Manie vom Blute allein entstehe, so erhebe der Kranke ein unendliches Gelächter, da er lachenswerte Gegenstände sehe, er mache ein heiteres Gesicht und singe fortwährend, zuweilen höre er von den aufsteigenden Dämpfen Töne wie von Flötenbläsern;das Gedächtnis sei unverletzt, was man daraus erkenne, daß die Kranken gewohnte Lieder singen, während Einbildungskraft und Vernunft leiden. Wenn Galle mit Blut gemischt sei, so erlange dieses eine scharfe Beschaffenheit, so wie wenn Hirn und Hirnhäute gleichsam gestochen und angebohrt würden. Die Kranken seien aufbrausend, zanksüchtig, verfallen in wütende Rasereien. Durch scharfe und salzige Nahrung, viele unruhige Bewegung erlange das Blut eine Schärfe, weshalb oft ohne alle Hilfe, durch knappe und angemessene Diät das Hirn mit der Zeit sich reinige und gesund werde. Therapie: dünne, wässerige Diät, Aderlässe, Bäder, Bähungen, eventuell Niesemittel, Emenagoga, Expectorantia etc. Nach ähnlichen Grundsätzen werden auch für dieMelancholieHeilvorschriften erteilt (Purgantien, Klistiere, Aderlässe, Sudorifera, Diuretika, Bäder,Salbungen, Bewegung, Arbeit, krampfstillende Mittel). Sehr eingehend und zutreffend schildert Poseidonios dieLyssa, wobei das Symptom der Wasserscheu auf Schreckbilder, die dem Kranken in der Flüssigkeit des Trinkgefäßes erscheinen, zurückgeführt wird. Ein Philosoph sei von einem tollen Hunde gebissen worden, habe mit edler Ergebung sein Leiden ertragen und in seinem Trinkgefäße das Schreckbild des Hundes gesehen; bei sich überlegend, daß der Hund mit dem Gefäße nichts gemein haben könne, habe er sich selbst überwunden, unerschrocken getrunken und sei von der Krankheit (hysterische Hydrophobie!) geheilt worden. Zur Behandlung der Lyssa wird Erweiterung und Kauterisation der Wunde, Skarifikation der Umgebung, Unterhaltung der Eiterung, innerlich Theriak, nach Verheilung des Geschwüres weiße Nieswurz empfohlen, außerdem gedenkt der Autor mancher Volksmittel (gekochte Leber des Hundes, Präparate aus verschiedenen animalisch-vegetabilischen Stoffen, Anagallis). Ein Mittel, um zu prüfen, ob der verdächtige Hund wirklich toll gewesen oder ob der Lyssakranke vollkommen genesen sei, bestehe darin, daß man den vom Geschwür genommenen Breiumschlag einem Hahn zum Futter vorwerfe; wenn dieser vom Genuß nicht zu Grunde gehe, sei keine Gefahr vorhanden. Das Angeführte macht es begreiflich, daß die Abhandlung des Poseidonios, welche sich neben der eigenen Beobachtung auf Vorgänger (Aretaios, Archigenes, Rhuphos, Galenos u. a.) stützte, allen Späteren als Fundgrube in Fragen der Neurosen und Psychosen diente. Vgl. die Fragmentensammlung von Lewy und Landesberg über die Bedeutung des Antyllus, Philagrius und Posidonius in Henschels Janus 1847 u. 1848.
Der lateinischen Literatur desselben Zeitraums kommt eine nicht zu unterschätzende historische Bedeutung zu; zeigt sie doch deutlich, wohin fortan die abendländische Medizin steuerte. Die noch vorhandenen Schriften lassen sich ungezwungen in zwei Gruppen sondern, in wissenschaftliche oder halbwissenschaftliche und in rein volksmedizinische. Zu den ersteren gehören die Fragmente desVindicianus, welche wissenschaftliches Streben nicht verkennen lassen, und dieMedicinae praesentaneaeseines SchülersTheodorus Priscianus, der allerdings in der Wahl seiner Heilmittel dem Empirismus der Epoche allzu sehr Tribut zollte. Bemerkenswert ist es, daßneben der Humoralpathologie die theoretisch-praktischen Lehren der methodischen Schulegleichwertige Vertretung finden.
Vindicianusstammte aus Afrika, war Zeitgenosse und Freund des hl. Augustinus[6]und bekleidete unter Valentinian I. (364-375) das Amt eines Comes archiatrorum, später eines Prokonsuls und Gymnasiarchen. Was von seinen Schriften noch erhalten ist, Exzerpte ausGynaecia(Vindiciani Afric. quae feruntur reliquiae, I. Gynaecia quae vocantur, II. Epitoma uberior altem, ed. Val. Rose als Anhang zur Ausgabe des Th. Priscianus, Lips. 1894), bezieht sich größtenteils auf Anatomie, Entwicklungsgeschichteund Physiologie und geht teilweise auf sehr frühe Quellen zurück. Einleitend wird gesagt, daß die Alten Leichenzergliederungen vornahmen, daß dies aber jetzt verboten sei. Von den physiologischen Lehrsätzen, die manches Interessante bieten, seien hier bloß die Angaben über die Funktion des Gehirns und des Herzens mitgeteilt, weil sie beweisen, daß der Streit über den Sitz der psychischen Funktionen (vgl. Bd. I, S. 173) noch nicht beendet war: Cerebrum est medulla capitis ... quod multum copiosius habemus quam reliqua animalia, ideoque omnibus illis sapientiores sumus ... cerebrum autem semper sui commovens sensum ideoque salire non cessat (Hirnbewegung!) ... cor duas aures habet, ubi mens hominum animusque commoratur, unde quicquid nobis judicii est, venit per ipsas cordis aures, omnis et cogitatio extollit. ... Mit dem Inhalt dieser Bruchstücke aus den Gynaecia des Vindicianus stimmt ein anonymer Traktat vielfach überein, der sich als Anhang in der Ausgabe des Priscianus von Hermann Grafen von Neuenar (vgl. unten) befindet. Vindicianus schrieb auch ein therapeutisches Werkde expertis remediis, das von mittelalterlichen Autoren vielfach benützt wurde, aber nicht mehr existiert. Er selbst spricht von diesem Rezeptbuche in einem an den Kaiser Valentinian gerichteten Briefe (vgl. die Ausgabe des Marcellus Empiricus von Helmreich, Lips. 1889, S. 211), worin die glückliche Kur eines, aus gastrischen Ursachen hergeleiteten, Fiebers mitgeteilt wird. In einem anderen Briefe (ad Pentadium nepotem suum de quattuor humoribus in corpore humano constitutis, in der Ausgabe von V. Rose, S. 485 ff.) wird die Humoraltheorie recht klar erörtert.Theodorus Priscianuswar Leibarzt unter Gratian. Von seinen Werken ist nur das (ursprünglich griechisch niedergeschriebene, sodann von ihm selbst ins Lateinische übersetzte)Euporiston═„Medicinae praesentaneae”erhalten (ed. Val. Rose, Lips. 1894). Von den alten Ausgaben ist diejenige des Grafen vonNeuenar literarhistorisch sehr wichtig, weil sie im Anhang einen Traktat enthält, der, wie oben erwähnt, (wahrscheinlich) dem Vindicianus zukommt und sich teilweise mit den Schulmeinungen der Methodiker, teilweise mit Diokles von Karystos berührt[7]. Diese Abhandlung beschäftigt sich mit embryologischen, gynäkologischen und ätiologischen Fragen.Die Schrift des Priscianus zerfällt in vier Hauptabschnitte; das 1. Buch (betitelt Faenomenon) handelt a capite ad calcem von den äußeren Affektionen, das 2. Buch (Logicus) von den inneren Leiden, das 3. Buch (Gynaecia) von den Frauenleiden, daran schließen sich die (nur im Fragment erhaltenen) Physica, welche abergläubische Volksmittel (gegen Kopfschmerz, Epilepsie) enthalten. Seine, mehr zur Empirie hinneigenden, Grundsätze vertritt der Verfasser schon in der Vorrede, welche gegen dieSpitzfindigkeit der Aerzteeifert, denGebrauch der einfachen und heimischen Arzneimittelverteidigt und eine sehr interessante, satirisch gefärbte Skizze von demGebaren der Aerzte am Krankenbetteentwirft. Es heißt daselbst: „Si medicinam minus eruditi ac rustici homines, natura conscia, non philosophia, occupassent, et levioribus aegritudinum incommodis vexaremur, et faciliora remedia caperentur. sed haec via ab illis omissa est, quibus scribendi ac disputandigloria maior fuit. nam scire velim qui fieri possit ut, cum aut rectum sit quidque aut contrarium, aut salubre aut incommodum, huiusce artis repugnantes diversique professores sententias suas singuli servare conentur. jactatur aeger magna tempestate morbi. tunc nostri collegii caterva concurrit, tunc nos non pereuntis miseratio possidet, nec communis naturae condicio convenit, sed tamquam in olympica agone alius eloquentia alius disputando alius adstruendo destruendo alius inanem gloriam captant. interea dum hi inter se luctantur atque aeger fatiscit, pro pudor, nonne videtur natura ipsa rerum haec dicere? O frustra ingratum mortalium genus, occiditur aeger, non moritur, et mihi fragilitas imputatur. sunt tristes morbi, sed dedi remedia. latent in fruticibus venena, sed plura germinant salutis officia. absit haec nescio quae perturbatrix disputatio atque iste loquacitatis vanus amor. haec ego saluti mortalium remedia non dedi, sed magnas seminum ac frugum herbarumque potestates, et quidquid propter homines genui. his dictis nonne tibi, amice carissime, error noster fit clarior, qui ad aegros certandi studio infructuosa verba deferimus? hinc est ergo quod ego huiuscemodi opus adgressus sum, ut facilibus potius naturalibusque remediis et quae disputatione careant, medicinam salubrius ordinarem, hoc est euporistis, suco tritici et farina hordei, herbis variis vel metallis et similibus ceteris, in quibus manifesta remedia natura signavit. neque enim dum aegrotus afficitur, adeundus est mox Pontus aut interiora Arabiae sollicitanda sunt, aut storax vel castoreum vel reliqua quae orbis longinquus peculia habet, ideo medicinam etiam in vilibus herbis parens natura disposuit, ut nullo vel loco vel tempore medendi desit officium, cum tutum possit esse remedium.hoc igitur volumine bonam hominis valitudinem expertis ut aiunt et rusticis curationibus formatam in vulgus exposui.”Priscianus gibt nur flüchtige Krankheitsbeschreibungen, vereinigt humoralpathologische mit den Anschauungen der Methodiker und legt den Schwerpunkt auf die Rezepttherapie. Was die letztere anlangt, so spielen die pflanzlichen Mittel die Hauptrolle, doch empfiehlt er häufiger als andere Autoren auch mineralische und zeigt für die Dreckapotheke große Vorliebe. Abergläubische Prozeduren kommen vielfach vor (z. B. bei der Behandlung der Kolik, der Epilepsie). Plinius und Dioskurides bilden die Hauptquelle. Bemerkenswert ist es, daß er bei der Kur des Asthma Diuretica, bei Kopfschmerz die Verwendung des Magnetsteins, zur Behebung von Aphasie psychische Heilverfahren (Erschrecken mit Schlangen oder Feuer) anrät und unter den Wurmmitteln auch Zitwersamen (Santonicum) aufzählt. In der Einleitung der Physica rechtfertigt er die Empfehlung abergläubischer Mittel durch den Hinweis auf manche große Vorgänger und erhofft selbstbewußt gerade dafür den Beifall der Nachwelt: „nos magis posteris placebimus. nec mirum si nulla circa vivos fama est. sua tempora lector non amat.”
Vindicianusstammte aus Afrika, war Zeitgenosse und Freund des hl. Augustinus[6]und bekleidete unter Valentinian I. (364-375) das Amt eines Comes archiatrorum, später eines Prokonsuls und Gymnasiarchen. Was von seinen Schriften noch erhalten ist, Exzerpte ausGynaecia(Vindiciani Afric. quae feruntur reliquiae, I. Gynaecia quae vocantur, II. Epitoma uberior altem, ed. Val. Rose als Anhang zur Ausgabe des Th. Priscianus, Lips. 1894), bezieht sich größtenteils auf Anatomie, Entwicklungsgeschichteund Physiologie und geht teilweise auf sehr frühe Quellen zurück. Einleitend wird gesagt, daß die Alten Leichenzergliederungen vornahmen, daß dies aber jetzt verboten sei. Von den physiologischen Lehrsätzen, die manches Interessante bieten, seien hier bloß die Angaben über die Funktion des Gehirns und des Herzens mitgeteilt, weil sie beweisen, daß der Streit über den Sitz der psychischen Funktionen (vgl. Bd. I, S. 173) noch nicht beendet war: Cerebrum est medulla capitis ... quod multum copiosius habemus quam reliqua animalia, ideoque omnibus illis sapientiores sumus ... cerebrum autem semper sui commovens sensum ideoque salire non cessat (Hirnbewegung!) ... cor duas aures habet, ubi mens hominum animusque commoratur, unde quicquid nobis judicii est, venit per ipsas cordis aures, omnis et cogitatio extollit. ... Mit dem Inhalt dieser Bruchstücke aus den Gynaecia des Vindicianus stimmt ein anonymer Traktat vielfach überein, der sich als Anhang in der Ausgabe des Priscianus von Hermann Grafen von Neuenar (vgl. unten) befindet. Vindicianus schrieb auch ein therapeutisches Werkde expertis remediis, das von mittelalterlichen Autoren vielfach benützt wurde, aber nicht mehr existiert. Er selbst spricht von diesem Rezeptbuche in einem an den Kaiser Valentinian gerichteten Briefe (vgl. die Ausgabe des Marcellus Empiricus von Helmreich, Lips. 1889, S. 211), worin die glückliche Kur eines, aus gastrischen Ursachen hergeleiteten, Fiebers mitgeteilt wird. In einem anderen Briefe (ad Pentadium nepotem suum de quattuor humoribus in corpore humano constitutis, in der Ausgabe von V. Rose, S. 485 ff.) wird die Humoraltheorie recht klar erörtert.
Theodorus Priscianuswar Leibarzt unter Gratian. Von seinen Werken ist nur das (ursprünglich griechisch niedergeschriebene, sodann von ihm selbst ins Lateinische übersetzte)Euporiston═„Medicinae praesentaneae”erhalten (ed. Val. Rose, Lips. 1894). Von den alten Ausgaben ist diejenige des Grafen vonNeuenar literarhistorisch sehr wichtig, weil sie im Anhang einen Traktat enthält, der, wie oben erwähnt, (wahrscheinlich) dem Vindicianus zukommt und sich teilweise mit den Schulmeinungen der Methodiker, teilweise mit Diokles von Karystos berührt[7]. Diese Abhandlung beschäftigt sich mit embryologischen, gynäkologischen und ätiologischen Fragen.
Die Schrift des Priscianus zerfällt in vier Hauptabschnitte; das 1. Buch (betitelt Faenomenon) handelt a capite ad calcem von den äußeren Affektionen, das 2. Buch (Logicus) von den inneren Leiden, das 3. Buch (Gynaecia) von den Frauenleiden, daran schließen sich die (nur im Fragment erhaltenen) Physica, welche abergläubische Volksmittel (gegen Kopfschmerz, Epilepsie) enthalten. Seine, mehr zur Empirie hinneigenden, Grundsätze vertritt der Verfasser schon in der Vorrede, welche gegen dieSpitzfindigkeit der Aerzteeifert, denGebrauch der einfachen und heimischen Arzneimittelverteidigt und eine sehr interessante, satirisch gefärbte Skizze von demGebaren der Aerzte am Krankenbetteentwirft. Es heißt daselbst: „Si medicinam minus eruditi ac rustici homines, natura conscia, non philosophia, occupassent, et levioribus aegritudinum incommodis vexaremur, et faciliora remedia caperentur. sed haec via ab illis omissa est, quibus scribendi ac disputandigloria maior fuit. nam scire velim qui fieri possit ut, cum aut rectum sit quidque aut contrarium, aut salubre aut incommodum, huiusce artis repugnantes diversique professores sententias suas singuli servare conentur. jactatur aeger magna tempestate morbi. tunc nostri collegii caterva concurrit, tunc nos non pereuntis miseratio possidet, nec communis naturae condicio convenit, sed tamquam in olympica agone alius eloquentia alius disputando alius adstruendo destruendo alius inanem gloriam captant. interea dum hi inter se luctantur atque aeger fatiscit, pro pudor, nonne videtur natura ipsa rerum haec dicere? O frustra ingratum mortalium genus, occiditur aeger, non moritur, et mihi fragilitas imputatur. sunt tristes morbi, sed dedi remedia. latent in fruticibus venena, sed plura germinant salutis officia. absit haec nescio quae perturbatrix disputatio atque iste loquacitatis vanus amor. haec ego saluti mortalium remedia non dedi, sed magnas seminum ac frugum herbarumque potestates, et quidquid propter homines genui. his dictis nonne tibi, amice carissime, error noster fit clarior, qui ad aegros certandi studio infructuosa verba deferimus? hinc est ergo quod ego huiuscemodi opus adgressus sum, ut facilibus potius naturalibusque remediis et quae disputatione careant, medicinam salubrius ordinarem, hoc est euporistis, suco tritici et farina hordei, herbis variis vel metallis et similibus ceteris, in quibus manifesta remedia natura signavit. neque enim dum aegrotus afficitur, adeundus est mox Pontus aut interiora Arabiae sollicitanda sunt, aut storax vel castoreum vel reliqua quae orbis longinquus peculia habet, ideo medicinam etiam in vilibus herbis parens natura disposuit, ut nullo vel loco vel tempore medendi desit officium, cum tutum possit esse remedium.hoc igitur volumine bonam hominis valitudinem expertis ut aiunt et rusticis curationibus formatam in vulgus exposui.”
Priscianus gibt nur flüchtige Krankheitsbeschreibungen, vereinigt humoralpathologische mit den Anschauungen der Methodiker und legt den Schwerpunkt auf die Rezepttherapie. Was die letztere anlangt, so spielen die pflanzlichen Mittel die Hauptrolle, doch empfiehlt er häufiger als andere Autoren auch mineralische und zeigt für die Dreckapotheke große Vorliebe. Abergläubische Prozeduren kommen vielfach vor (z. B. bei der Behandlung der Kolik, der Epilepsie). Plinius und Dioskurides bilden die Hauptquelle. Bemerkenswert ist es, daß er bei der Kur des Asthma Diuretica, bei Kopfschmerz die Verwendung des Magnetsteins, zur Behebung von Aphasie psychische Heilverfahren (Erschrecken mit Schlangen oder Feuer) anrät und unter den Wurmmitteln auch Zitwersamen (Santonicum) aufzählt. In der Einleitung der Physica rechtfertigt er die Empfehlung abergläubischer Mittel durch den Hinweis auf manche große Vorgänger und erhofft selbstbewußt gerade dafür den Beifall der Nachwelt: „nos magis posteris placebimus. nec mirum si nulla circa vivos fama est. sua tempora lector non amat.”
Volksmedizinischen Charakter besitzen die sogenannteMedicina Plinii,fernerder Liber de medicina ex animalibusdesSextus Placitus Papyrensisund derHerbariusdes„Lucius Apulejus”(Ende des 4. oder Anfang des 5. Jahrhunderts). Die Hauptquelle der genannten Schriften ist in der Naturgeschichte desPliniuszu suchen. Unbeschadet ihres geringen Wertes erhielten sich diese Machwerke Jahrhunderte hindurch in hohem Ansehen.