Die medizinische Literatur der Byzantiner.

Auch in anderen Gebieten der Wissenschaft entwickelte sich namentlich in der Paläologenzeit eine Uebersetzungsliteratur, wobei den Griechen oft nur die vergesseneWeisheit ihrer Vorfahren in fremdländischem Gewande vermittelt wurde; so lernten sie beispielsweise die μεγάλη σύνταξις des Ptolemaios in der orientalischen Form des Almagest wieder kennen.

Auch in anderen Gebieten der Wissenschaft entwickelte sich namentlich in der Paläologenzeit eine Uebersetzungsliteratur, wobei den Griechen oft nur die vergesseneWeisheit ihrer Vorfahren in fremdländischem Gewande vermittelt wurde; so lernten sie beispielsweise die μεγάλη σύνταξις des Ptolemaios in der orientalischen Form des Almagest wieder kennen.

Was die Byzantiner dem Orient entlehnten, ist gar nicht in Vergleich zu ziehen mit dem überreichen medizinischen Wissensschatz, der diesem insbesondere über Syrien und in erster Linie durch die heterodoxe Sekte der Nestorianer vermittelt zufloß.Indirekt hat Byzanz hierdurch eine Kulturtat höchsten Ranges vollbracht. Daß auch auf die abendländische Heilkunde des Mittelalters einigermaßen eingewirkt wurde, ist wohl als sicher anzunehmen, jedoch läßt sich die Tatsache bisher nur spurenweise nachweisen, das Ausmaß dieses Einflusses noch gar nicht bestimmen.

Neben der wissenschaftlichen Heilkunde wucherte in Byzanz auchdie Volksmedizinüppig fort, und mehr als je verbreitete sich in allen Schichten dermedizinische Wunderglaube, stets neuen Nährstoff heranziehend aus dem ergiebigen Boden der uralten orientalischen Mystik. Dem Drucke des Zeitgeistes nachgebend, trugen selbst hervorragende medizinische Autoren kein Bedenken, Sympathiemittel, Beschwörungsformeln, Amulette etc. mit dem Brustton der vollen Ueberzeugung oder wenigstens im Sinne ärztlicher Politik warm zu empfehlen.

Aëtiosteilt überzeugungsvoll eine Fülle von Wundermitteln und abergläubischen Rezeptformeln mit, auffallender aber ist die Anerkennung der magischen Therapie durch den geistvollen, aufgeklärtenAlexandros von Tralles(z. B. bei Singultus, Epilepsie, Kolik, Podagra). Derselbe beruft sich zur Entschuldigung auf Galen, welcher anfänglich auch skeptisch gewesen sei, aber späterhin seine Ansicht wesentlich geändert habe, und meint, ein verständiger Arzt dürfe kein Mittel unbeachtet lassen und müsse ebenso mit den (geheimnisvollen) Naturkräften wie mit wissenschaftlichen Gründen und der kunstgerechten Methode Bescheid wissen. Daß dem Alexandros wenigstens teilweise die Suggestion als Zweck vorschwebte, scheint die Stelle anzudeuten, wo er vor Empfehlung von Wundermitteln gegen Podagra sagt: „Da es manche Menschen gibt, welche weder eine bestimmte Lebensweise einzuhalten noch Arzneien zu vertragen im stande sind, und uns daher nötigen, Wundermittel und Amulette anzuwenden, so will ich dieselben besprechen; denn ein tüchtiger Arzt soll überall zu Hause sein und dem Kranken auf die mannigfaltigste Weise zu helfen verstehen.”Handschriftlich existiert eine Menge von sogenannten Iatrosophieen, d. h. populären, mit wüstem Aberglauben allerlei Art reichlichst durchsetzten Arzneibüchern, welche meist in vulgärgriechischer Sprache abgefaßt sind und zum Teil unter dem Namen berühmter Verfasser, z. B. Johannes von Damaskos,Psellos, Blemmydes laufen.Dem Eindringen der Mystik in die Medizin und Naturkunde hat namentlich der Naturphilosoph Psellos, welcher hermetische Bücher benützt zu haben scheint und auch die Alchemie lebhaft förderte, Vorschub geleistet; insbesondere wurde seine Schrift über die Wunderkräfte der Steine von großer Bedeutung. — Wie manche der römischen, so waren auch einige der byzantinischen Kaiser den Geheimwissenschaften sehr zugetan, z. B. Leo VI. und Manuel (Astrologie).

Aëtiosteilt überzeugungsvoll eine Fülle von Wundermitteln und abergläubischen Rezeptformeln mit, auffallender aber ist die Anerkennung der magischen Therapie durch den geistvollen, aufgeklärtenAlexandros von Tralles(z. B. bei Singultus, Epilepsie, Kolik, Podagra). Derselbe beruft sich zur Entschuldigung auf Galen, welcher anfänglich auch skeptisch gewesen sei, aber späterhin seine Ansicht wesentlich geändert habe, und meint, ein verständiger Arzt dürfe kein Mittel unbeachtet lassen und müsse ebenso mit den (geheimnisvollen) Naturkräften wie mit wissenschaftlichen Gründen und der kunstgerechten Methode Bescheid wissen. Daß dem Alexandros wenigstens teilweise die Suggestion als Zweck vorschwebte, scheint die Stelle anzudeuten, wo er vor Empfehlung von Wundermitteln gegen Podagra sagt: „Da es manche Menschen gibt, welche weder eine bestimmte Lebensweise einzuhalten noch Arzneien zu vertragen im stande sind, und uns daher nötigen, Wundermittel und Amulette anzuwenden, so will ich dieselben besprechen; denn ein tüchtiger Arzt soll überall zu Hause sein und dem Kranken auf die mannigfaltigste Weise zu helfen verstehen.”

Handschriftlich existiert eine Menge von sogenannten Iatrosophieen, d. h. populären, mit wüstem Aberglauben allerlei Art reichlichst durchsetzten Arzneibüchern, welche meist in vulgärgriechischer Sprache abgefaßt sind und zum Teil unter dem Namen berühmter Verfasser, z. B. Johannes von Damaskos,Psellos, Blemmydes laufen.

Dem Eindringen der Mystik in die Medizin und Naturkunde hat namentlich der Naturphilosoph Psellos, welcher hermetische Bücher benützt zu haben scheint und auch die Alchemie lebhaft förderte, Vorschub geleistet; insbesondere wurde seine Schrift über die Wunderkräfte der Steine von großer Bedeutung. — Wie manche der römischen, so waren auch einige der byzantinischen Kaiser den Geheimwissenschaften sehr zugetan, z. B. Leo VI. und Manuel (Astrologie).

Was die Unterrichts-[5]und Standesverhältnisse[6]anlangt, so gewähren uns die spärlich vorliegenden Nachrichten kaum den dürftigsten Einblick, doch ist der Analogie nach zu schließen, daß im allgemeinen die spätrömischen Zustände im wesentlichen persistierten.

Die Fürsorge des Staates richtete sich vornehmlich auf die Verbesserung desHeeressanitätswesensund auf die Vermehrung derKrankenhäuser, welche letztere übrigens für die Forschung sterile Stätten blieben, weil den Aerzten in ihren Mauern nicht der gebührende Wirkungskreis eingeräumt war und statt des wissenschaftlichen Betriebs die Bigotterie, der Aberglaube und der Dilettantismus das Szepter führten.

In byzantinischer Zeit gab es besondere Schiffsärzte. Die Reiterei wurde — wie aus den kriegswissenschaftlichen Werken der Kaiser Mauritius, Leo VI. und Konstantin Porphyrogennetos hervorgeht — von Sanitätskolonnen ins Feld begleitet. Die Sanitätssoldaten (δεσποτάτοι, διποτάτοι, σκρίβωνες) hatten die schwer Verwundeten aufzunehmen und die erste Hilfeleistung zu bringen; sie führten Wasserflaschen mit sich.Von den byzantinischen Historikern werden an einzelnen Stellen die Namen von Leibärzten angeführt, jedoch keiner derselben hat sich ein Denkmal in der Geschichte der Wissenschaft zu setzen verstanden.Zu den berühmtesten Krankenhäusern Konstantinopels gehörten: das in der Nähe der Sophienkirche gelegene, von Justinian I. bedeutend erweiterte Krankenhaus des hl. Samson, das von Alexius I. (1081-1118) erbaute „Orphanotropheion”, welches eine außerordentlich große Ausdehnung besaß, ferner das von Isaak Angelos (1185-1195) begründete Hospital der vierzig Märtyrer. Außerdem gab es seit dem 5. und 6. Jahrhundert Leproserieen, Findelhäuser, Magdalenenhäuser (deren erstes von Justinian und seiner Gemahlin Theodora gestiftet wurde). In den byzantinischen Krankenhäusern spielten Mönche[7]und fromme Laien die Hauptrolle, manche der erhaltenen Rezeptsammlungen standen im Gebrauche derselben.Das Interesse für Medizin reichte sehr hoch hinauf. Die berühmte Anna Komnena besaß medizinische Kenntnisse und führte sogar bei den Beratungen der Leibärzte (während der letzten Krankheit des Kaisers Alexius I.) den Vorsitz. Kaiser Manuel (1143-1180) verordnete Heiltränke und Salben zum Gebrauch in den Krankenhäusern und behandelte in dringenden Fällen sogar in eigener Person Kranke.

In byzantinischer Zeit gab es besondere Schiffsärzte. Die Reiterei wurde — wie aus den kriegswissenschaftlichen Werken der Kaiser Mauritius, Leo VI. und Konstantin Porphyrogennetos hervorgeht — von Sanitätskolonnen ins Feld begleitet. Die Sanitätssoldaten (δεσποτάτοι, διποτάτοι, σκρίβωνες) hatten die schwer Verwundeten aufzunehmen und die erste Hilfeleistung zu bringen; sie führten Wasserflaschen mit sich.

Von den byzantinischen Historikern werden an einzelnen Stellen die Namen von Leibärzten angeführt, jedoch keiner derselben hat sich ein Denkmal in der Geschichte der Wissenschaft zu setzen verstanden.

Zu den berühmtesten Krankenhäusern Konstantinopels gehörten: das in der Nähe der Sophienkirche gelegene, von Justinian I. bedeutend erweiterte Krankenhaus des hl. Samson, das von Alexius I. (1081-1118) erbaute „Orphanotropheion”, welches eine außerordentlich große Ausdehnung besaß, ferner das von Isaak Angelos (1185-1195) begründete Hospital der vierzig Märtyrer. Außerdem gab es seit dem 5. und 6. Jahrhundert Leproserieen, Findelhäuser, Magdalenenhäuser (deren erstes von Justinian und seiner Gemahlin Theodora gestiftet wurde). In den byzantinischen Krankenhäusern spielten Mönche[7]und fromme Laien die Hauptrolle, manche der erhaltenen Rezeptsammlungen standen im Gebrauche derselben.

Das Interesse für Medizin reichte sehr hoch hinauf. Die berühmte Anna Komnena besaß medizinische Kenntnisse und führte sogar bei den Beratungen der Leibärzte (während der letzten Krankheit des Kaisers Alexius I.) den Vorsitz. Kaiser Manuel (1143-1180) verordnete Heiltränke und Salben zum Gebrauch in den Krankenhäusern und behandelte in dringenden Fällen sogar in eigener Person Kranke.

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Aëtioswurde am Anfang des 6. Jahrhunderts zu Amida (in Mesopotamien) geboren, erlangte seine medizinische Ausbildung in Alexandria und lebte in der Blüte seiner Jahre am byzantinischen Kaiserhofe (unter Justinian I.) mit dem Range eines comes obsequii. Er hinterließ eine aus sechzehn Büchern bestehende Kompilation (βιβλία ἰατρικὰ ἑκκαίδεκα), welche gewöhnlich alsTetrabiblonzitiert wird, gemäß der (in einigen Handschriften üblichen) Einteilung in vier τετράβιβλοι zu je vier λόγοι.

Eine Gesamtausgabe desTetrabiblonsteht noch aus, wir besitzen bloß eine alte Ausgabe der ersten acht Bücher (Aetii Amideni librorum medicinalium tomus primus, Venet. 1534) und Partialeditionen von einzelnen Büchern oder von Bruchstücken. Die wichtigsten sind: Fragmente aus Buch 1-3, 5-6, 8, 10-12 ed. Daremberg-Ruelle (in Oeuvres de Rufus, Paris 1879), Bruchstücke aus Buch IX (in Συλλογὴ ἑλληνικῶν ἀνεκδότων Ἀνδρέου Μουστοξύδου καὶ Δημητριοῦ Σχινᾶ, Venedig 1816), Lib. XII Ἀετὶου λόγος δωδέκατος, πρῶτον νῦν ἐκδοθεὶς ὑπὸ Γεωργίου Α. Κοστομοὶρου (Paris 1892), Lib. XVI ed. Skévos Zervòs (Aetii Sermo sextidecimus et ultimus, Leipzig 1901).Uebersetzungen: Lateinische (des ganzen Werkes) von Cornarius und Montanus, Basel 1533-35 u. ö.; von Cornarius allein, Basel 1542, und in späteren Auflagen. Auch in der Sammlung des Henricus Stephanus, Medicae artis principes post Hippocratem et Galenum, Paris 1567. Deutsche Uebersetzung und Textausgabe des VII. Buches von J. Hirschberg „Die Augenheilkunde des Aëtius aus Amida”, Leipzig 1899. Deutsche Uebersetzung des XVI. Buches (nicht ganz vollständig) von Max Wegscheider „Geburtshilfe und Gynäkologie bei Aëtios von Amida”, Berlin 1901. — Verloren gegangen ist eine im Tetrabiblon erwähnte Abhandlung über Chirurgie.Inhalt des Tetrabiblon. Buch I: die pflanzlichen Arzneistoffe in alphabetischer Anordnung; Buch II: die mineralischen und animalischen Arzneistoffe, die erwärmenden, abkühlenden, austrocknenden, anfeuchtenden etc. Medikamente; Buch III: allgemeine Therapie und Hygiene, Gymnastik, Geschlechtsleben, Blutentziehung, Purganzen, Klimatologie, Bäder, Kataplasmen und Derivantien; Buch IV: Diätetik der Kinder, Kinderkrankheiten, Diätetik des späteren Lebens und des Greisenalters, Temperamente; Buch V: Prognostik, allgemeine Pathologie und Diagnostik, Pest; Buch VI: Kopfleiden, Haar-, Nasen-, Ohrkrankheiten; Buch VII: Augenkrankheiten; Buch VIII: Kosmetik (c. 12 Tätowieren), Mund- und Zahnleiden, Tonsillarhypertrophie, Fremdkörper in den Luft- und Speisewegen, Erkrankungen des Respirationstrakts; Buch IX: Krankheiten des Digestionsapparats, Würmer; Buch X: Leber- und Milzleiden, Wassersucht; Buch XI: Krankheiten des Harnapparats; Buch XII: Ischias, Rheuma, Gelenksaffektionen; Buch XIII: Bißwunden durch Tiere, Gegengifte, verschiedene Hautleiden;Buch XIV: Krankheiten des Mastdarms, Afters, der Geschlechtsteile, Hernien, Wund- und Geschwürsbehandlung, Blutung und Blutstillung, allgemeine Chirurgie, verschiedene Hautleiden, Luxationen, Nagelkrankheiten, Varices, Filaria medinensis; Buch XV: Geschwülste, Aneurysmen, Favus, Pharmazie; Buch XVI: Geburtshilfe und Gynäkologie, Vorschriften für kosmetische Präparate, Salben, Oele, Küchenrezepte und Räuchermittel, Mittel zur Einbalsamierung eines Toten[8].Innere Medizin.Die Fieberlehre ist vorzugsweise nach Galenos vorgetragen, originell ist aber die Behauptung desAëtios, daß„erysipelatöse” Entzündung der Eingeweide(Tetrabiblon V, 89) verschiedenartige Fieber erregen könne; hier wird in der Therapie (kühlende Behandlung, Trinken von kaltem Wasser) von der Tradition deutlich abgewichen. Befällt die Entzündung den Magen, so entsteht Lipyria, ein Fieber, wobei die inneren Teile von brennender Hitze verzehrt werden, während die äußeren frieren. Bildet die Leber den Ausgangspunkt, so erfolgt „Typhusfieber”, bildet die Lunge den Ausgangspunkt, so erfolgt Frostfieber κρυμώδης). Ebenso gehört dem Aëtios unter anderem die Aufstellung einiger Formen von zerebralen Leiden an, z. B. die „erysipelatöse” Hirnentzündung, eine Hirnentzündung der Kinder (IV, 13); gut ist auch die Apoplexie beschrieben (VI, 27); eigene Erfahrungen leuchten hervor in der Schilderung des Aussatzes, der gastrischen Affektionen (IX, 24, 25), in der Behandlung der Pleuritis (Abführmittel, IV, 68) etc. Sehr bemerkenswert ist die Beschreibung einer epidemischen Halsaffektion, in deren Verlauf auch Lähmung des Gaumensegels vorkommen kann, und die wohl nur alsDiphtheriezu deuten ist, es handelt sich um die ἕλκη ἐν παρισθμίοις λοιμώδη καὶ ἐσχαρώδη (IV, 46). „Bei Kindern entwickelt sich das Leiden fast stets aus vorhergehenden Aphthen. Die Geschwüre aber sind bald weiß und fleckenartig, bald von aschgrauer Farbe, oder sie gleichen den durch Kauterien erzeugten Schorfen. Es stellt sich sodann bei den Kranken Trockenheit des Schlundes ein, und heftige Atemnot tritt hinzu, hauptsächlich, wenn eine Rötung unter dem Kinn entsteht, oder wenn, nachdem diese Schärfe vorübergegangen ist, Noma und Fäulnis die Stellen ergreift.... Aber auch das Fieber bedarf der Fürsorge, denn gewöhnlich tritt es in heftigem Grade hinzu. Und während der Ausscheidungen muß man am meisten auf die Geschwüre achten. Denn die Mehrzahl der Kinder wird in der Periode der Ausscheidung von Krämpfen ergriffen, andere ersticken durch Austrocknung des Halses. Bei manchen wird auch das Zäpfchen zerfressen, und wenn dann nach langer Zeit die Geschwüre zum Stillstand kommen und sich vertiefen, indem Vernarbung sich einstellt, so reden sie undeutlich, und das Getränk dringt beim Schlucken in die Nase. So habe ich gesehen, daß noch nach dem 40. Tage ein Mädchen starb, welches sich bereits in der Genesung befand. Die meisten aber sind bis zum 7. Tage in Gefahr ...” (Vgl. hierzu Bd. I, S. 340, Aretaios und S. 335 Archigenes; die von dem letzteren herrührende Beschreibung der Diphtherie ist bei Oreibasios erhalten.) — Von großer literarhistorischer Bedeutung sind die Fragmente aus den Werken früherer Autoren, so desArchigenesüber Fieber (V, 74), Lethargus (VI, 3), Schwindel (VI, 7),Manie (VI, 8), Starrkrampf (VI, 39), Lähmung (VI, 28), Ruhr (IX, 43), Kachexie (X, 19), Lepra (XIII, 120), Pruritus (XIII, 123, 126), desRhuphosüber Pest (V, 95), über Bluthusten (III, 8 ff.), desHerodotosüber Helminthen und Anwendung der Granatwurzelrinde (IX, 39, 40), Therapie der Erkältung (IV, 45) etc., desPhilumenosüber Durchfall (IX, 35), desPhilagriosüber gastrische Fieber (V, 90), Leber-Milzkrankheiten (X, 7, 15), Spermatorrhöe (XI, 33), desPoseidoniosüber Hirnlokalisation und Nervenleiden (VI, 2, 7, 8, 12, 24, 30). — Von der Anhängerschaft des Aëtios an die magische Therapie bildet z. B. folgende Beschwörungsformel, welche eine im Halse stecken gebliebene Gräte lösen soll, ein Beispiel: Ὡς Ἰησοῦς Χριστὸς Λάζαρον ἀπὸ τάφου ἀνήγαγε, καὶ Ιωνᾶν ἐκ τοῦ κήτους· λέγε, κατέχων τὸν λάρυγγα τοῦ πάσχοντος· Βλάσιος ὁ μάρτυς ὁ δοῦλος τοῦ Θεοῦ λέγει, ἀνάβηθι ὀστοῦν ἢ κατάβηθι (VIII, 50). Hier kommt der Name des Heilands und eines christlichen Märtyrers vor, an anderen Stellen dagegen altheidnische Beschwörungsformeln oder Amulette (z. B. das Jaspisamulett des Königs Nechepso [II, 35]). DerMagnetsteinsoll Gichtschmerzen beseitigen, wenn man ihn in Händen halte.Chirurgie.Aëtios schließt sich zum größten Teile den besten Vorgängern an und bringt aus den Werken derselben wichtige Bruchstücke. Die Lehre von den Wunden und der Geschwürsbehandlung stammt aus Galenos. Lib. XIV, cap. 51 enthält einen Auszug ausRhuphosüber Blutung und Blutstillung (Fingerdruck, Kompressivverband, Kälte, Adstringentien, Aetzmittel,Torsion,Ligatur,vollständige Durchtrennung angeschnittener Gefäße), sowie über die Entstehung traumatischer Aneurysmen aus Arterienverletzung. VonArchigenesentnommen sind die Kapitel über den Ileus (wobei auch der Brucheinklemmung gedacht wird, Lib. IX, 28), Leberabszeß (X, 4, 5), über die Behandlung der Ischias und Coxalgie mit dem Glüheisen oder mit Moxen (XII, 3). NachLeonidessind folgende Abschnitte dargestellt: Eröffnung von Mandelabszessen (VIII, 5), Pathologie und Therapie (Exstirpation) der Drüsengeschwülste am Halse (XV, 5), der Balggeschwülste (XV, 7), der Lipome (XV, 8), Anwendung des Glüheisens in der Therapie des Mastdarmvorfalles (XIV, 8), Operation der Mastdarmfistel (XIV, 11), Behandlung der Fissuren am Präputium (XIV, 14), Behandlung der Hydrokele (XIV, 22, Kauterisation durch wiederholte Applikation von Pflasterstreifen auf das Scrotum und nach Freilegung der Tunica vaginalis Eröffnung derselben), Hernien (XIV, 23, 24. Entstehung der Hernien teils durch Ausdehnung, teils durch Zerreißung des Bauchfelles; Repositionsmanöver, Bandage, Bruchpflaster), Filaria medinensis (XIV, 85). VonPhilagriosüberliefert sind Bruchstücke über die Entfernung von eingeklemmten Steinen aus der Harnröhre durch Urethrotomie (XI, 5) und über das Ganglion (XV, 9), vonRhuphosundPoseidoniosFragmente über die Lyssa (VI, 24). Von dem sonstigen Inhalt wäre folgendes hervorzuheben. Gute Beschreibung der Tonsillotomie. Entfernung von Fremdkörpern aus der Speiseröhre: man läßt den Patienten ein an einem starken Faden befestigtes, mit Terpentinharz befeuchtetes Stück Schwamm verschlucken, um damit den Fremdkörper zu fangen und herauszuziehen. Ausführliche Mitteilungen über die Behandlung der Verletzungen durch Tierbiß oder Insektenstiche. Therapie der Feigwarzen und spitzen Kondylome. Operation der Hämorrhoidalknoten durch Unterbindung und Abschneiden derselben. Behandlung der fressenden Mastdarmgeschwüre, Entzündungen und Geschwüre an den männlichen Genitalien, der Varices. Aëtios widerrät im allgemeinen die Operation der Aneurysmen, mit Ausnahme der durch Arterienverletzung in der Ellenbogenbeuge entstandenen und gibt folgende Methode an: man nimmt zunächst oberhalb des Aneurysma, 3-4 Zoll unterhalb der Achselhöhle eine doppelte Unterbindung der freigelegten Arterie vor, durchschneidet letztere zwischen den Ligaturen, sodann wird das Aneurysmaeröffnet, ausgeräumt, endlich die verletzte Stelle zwischen Doppelligaturen gelegt und exstirpiert.Geburtshilfe und Gynäkologie[9].Die Schilderung der anatomischen Verhältnisse lehnt sich zumeist, aber nicht überall an Soranos an. Beim Coitus ziehe der Uterus den Samen durch die Eileiter von den Testes muliebres an; die Kotyledonen seien im menschlichen Uterus kleiner als im tierischen; die Geburt werde dadurch veranlaßt, daß der Eihautsack zu klein und die Blutversorgung unzureichend geworden sei, weshalb das Kind die Eihäute zerreiße und inaktiverWeise zu Tage trete. Die Lehre von der Schwangerschaft (auch von Anschwellungen der Füße ist die Rede), die Diätetik der Schwangeren (Empfehlung häufiger Bäder) ist sorgfältig dargestellt, als Zeichen der kommenden Geburt gelten Abnahme der Ausdehnung des Oberbauches, häufiger Urindrang, stärkere Schleimsekretion, leichtere Zugängigkeit der Gebärmutter für den untersuchenden Finger; wenn bei den Wehen das Drängen nach den unteren Teilen nicht stattfinde, so entstehe eine Anschwellung des Halses. In den Fällen, wo eine Geburt am normalen Endtermin der Mutter Gefahr bringen würde, wird der künstliche Abortus eingeleitet (Aderlaß oder die verschiedenen ἀτόκια und φθόρια); der geeignetste Zeitpunkt für die Einleitung ist der 3. Monat; Zeichen des bevorstehenden Abortus sind wässerige, fleischwasserähnliche und blutige Abgänge. Zu den Mitteln, um eine abgestorbene Frucht herauszubefördern, gehört auch das Einlegen von trockenen Schwämmen oder Papyri (zuerst dünnere, dann dickere).Im 22. Kapitel wird bemerkenswerterweise unter den Ursachen der Dystokie folgendes angeführt: „Ferner entstehen Schwierigkeiten bei der Entbindung, wenn die Knochen der Schamgegend miteinander verwachsen sind (die Symphyse verknöchert ist), so daß sie nicht im stande sind, während der Geburt auseinander zu weichen; denn bei den Frauen sind nicht wie bei den Männern diese Schambeine durch eine Fuge (fest) verbunden, sondern ein kräftiges Band hält sie aneinander. Ein Geburtshindernis entsteht auch, wenn die Kreuzbeingegend zu stark ausgehöhlt ist und daher der Uterus beiseite geschoben wird.” Hier sind demnachSkelettanomalien als Geburtshindernisangeführt. Zuerst geschah dies von Herophilos und im Anschluß an ihn von Soranos, gleichzeitig wird aber auch an der von Soranos inauguriertenIrrlehre von dem Auseinanderweichen der Beckenknochenintra partum festgehalten.Die Kapitel 23 und 24 sind nach Angabe des Aëtios demPhilumenos(vgl. S. 46) entnommen und beziehen sich auf Extraktion der Frucht, Embryotomie, Embryulkie und Entfernung der Nachgeburt; sie erinnern in den wichtigsten Stellen an Soranos. Untersuchung der Gebärenden mit dem Mutterspiegel (διόπτρα), um die Ursache des Geburtshindernisses festzustellen; Abtragung etwaiger Auswüchse, Inzision resistenter Eihäute u. s. w.„Sollte sich der Kopf des Kindes eingekeilt haben, so muß man auch die Füße wenden und es so ans Licht ziehen”(Wendung auf die Füße bei Kopflage). Im folgenden werden die Indikationen und die Technik der Perforation, Kephalotripsie, Dekapitation,Zerstückelung angegeben. Zur Herausbeförderung der Nachgeburt führt man bei geöffnetem Muttermund die linke Hand ein und nimmt die etwa gelöste Placenta leicht heraus; sitzt sie fest, so ist bei der Extraktion der direkte Zug nach abwärts zu vermeiden, damit kein Gebärmuttervorfall entstehe. Um den geschlossenen Muttermund zu erweitern, sind ölige Eingießungen, allmähliche Dilatation mit den Fingern der linken Hand, Breiumschläge, Niesmittel, Emmenagoga, Einlagen, Sitzbäder, aromatische Dämpfe etc. anzuwenden. — Die mannigfachen Frauenleiden werden in fast derselben Anordnung wie bei Soranos besprochen. Die Anzahl der mitgeteilten Heilmittel ist sehr groß, von Interesse sind vorzugsweise die chirurgischen Eingriffe. Bemerkenswert sind unter anderem die Ausführungen über die Differentialdiagnose der fressenden Geschwüre, Operation des Mammakarzinoms (nach Archigenes, Leonides), der Uterus- und Scheidenatresie, des Blasensteins (Vestibularschnitt), der Hydrocele muliebris (Ausschneidung eines Stückes der Cystenwand), der Inguinalhernien (wenn Bandagen versagen, Radikalheilung durch Unterbindung und Vernähung des Bruchsackes), der Varices vulvae (Unterbindung und Exstirpation), die Amputation der Clitoris, Blasenmole (erste Beschreibung). Im 90. Kapitel gelegentlich der Besprechung der operativen Behandlung der Abszesse am Muttermunde wird die Anwendungsweise desSpekulums(ganz ähnlich wie bei Soranos vgl. das Kapitel bei Moschion Qua doctrina organo aperiendae sunt mulieres) geschildert. Diese Beschreibung stammt ursprünglich wohl aus einer Schrift des Archigenes und findet sich wörtlich auch bei Paulos von Aegina.Augenheilkunde[10].Die einschlägige Abhandlung (Lib. VII) ist nach fachmännischem Urteile die beste, geistreichste und, abgesehen von der mangelnden Beschreibung der Staroperation, die vollständigste des Altertums. Zwar stützt sich Aëtios auf die ganze vorausgegangene ihm bekannte Literatur, doch fehlt es nicht an zahlreichen eigenen Bemerkungen, namentlich hinsichtlich der Therapie. Er kennt 61 Augenaffektionen und befolgt schon einigermaßen eine anatomische Einteilung: „Die sogenannte eigentliche Augenentzündung, die Chemosis, die Bindehautreizung, die Schwellung, der Bluterguß und das Flügelfell sind Erkrankungen derBindehaut. Allein sie schwärt auch, erkrankt an Karbunkel und Krebs: der trockene Bindehaut- und Lidrandkatarrh sind ein den Lidern und dem Auge selbst gemeinsames Leiden. An der äußeren Fläche derLiderentstehen Wasserblasen, Honigsackgeschwülste und Talggeschwülste; an der inneren Lidfläche treten Rauhigkeiten auf, mit ihren weiteren Folgen (Körner- und Feigenkrankheit), Hagelkörner, Verkalkungen, Verwachsung und Verschluß, und Hasenaugen heißen diejenigen, bei denen das obere Lid emporgezogen ist, so daß es den Augapfel nicht bedecken kann. Ausstülpungen heißen diejenigen Leiden, bei denen das untere Lid nach außen gedreht ist. Aber auch Spaltbildungen, Substanzverluste und Geschwürsbildung treten an den Lidern auf. An den Lidfugen kommt die sogenannte Haarkrankheit vor und der Schwund der Wimpern; sodann Läusesucht, Kleiengrind, Gerstenkörner, endlich Milphosis, bei der die Lidränder rot sind, wie Mennige. DieAugenwinkelsind die leidenden Teile bei den Tränensackgeschwülsten, aber nicht sie allein. Vergrößerung der Karunkel und Tränenfluß sind Leiden der Augenwinkel allein. An derHornhauttreten auf neblige und wolkige Flecke, Randgeschwürchen, oberflächliches Geschwür, Abszeß, breites, flaches Geschwür, grubiges Geschwür, Durchbruch, Vorfall, Ringabszeß, Hypopyon, Pusteln, Karbunkel, Krebs. An derBeerenhautkommen folgende Leiden vor: Vorfall, Fliegenköpfchen, Traubengeschwulst, Nagel; Pupillenerweiterung, Pupillenverengerung,Synchysis, Verzerrung der Pupille. Star tritt auf gerade an der Oeffnung der Beerenhaut, das heißt an der sogenannten Pupille. Aber auch derwässerigen FlüssigkeitVermehrung und Verdickung hindert das Scharfsehen, und ihre Verminderung dörrt die Linse aus. Dies nennt manGlaukosis; sie ist nichts anderes als starke Austrocknung der Linse. DieAmauroseist eine Verstopfung desSehnerven, so daß die an derselben Leidenden durchaus nichts sehen können, obgleich die Pupille klar erscheint. Geschädigt an ihrem Sehwerkzeug, ohne äußerlich sichtbare Veränderung an den Augen, sind auch die Nachtblinden. Eine deutliche Schädigung des ganzenAugapfelsist auch das Herausdrängen des Augapfels.” (Kap. 2.) Aëtios überliefert uns in seiner ophthalmologischen Abhandlung wichtige Fragmente desDemosthenes(z. B. über krebsige Geschwüre in den Augen, Abszesse, Augenschwäche, Amaurose, Star, Ektropium, Hasenauge), desSeveros(über Augengeschwüre, Fremdkörper, Lidkarbunkel, Behandlung der eitrigenBindehautentzündung der Neugeborenen[11], Trachom, Trichiasis, Entropium), desLeonides(über das Empor- und Herabnähen zur Behebung der Trichiasis), des Antyllos (Operation des Ektropiums). Vortrefflich ist die Beschreibung derStaphylomoperation: „Bei denjenigen Staphylomen, welche eine enge Basis und gutartige Natur besitzen, schafft eine Operation Ordnung, und zwar die mit Umschnürung. Ihre Ausführung geschieht folgendermaßen: Zwei Nadeln muß man nehmen, jede mit einer Zwirnsfadenschlinge, deren Enden gleich lang sind. Dann setze den Kranken und gib ihm eine richtige Lage, indem du gegen deine Unterschenkel seinen Kopf zurücklehnst; das Hinterhaupt desselben muß auf deine Kniee sich stützen. Während dann die Lider auseinandergehalten werden, muß man mitten durch die Basis des Staphyloms von oben nach unten die eine Nadel durchstoßen. Dieselbe sei nicht sehr dick und auch nicht zu lang. Während dann der Augapfel durch die eingestochene Nadel immobilisiert ist, führe man die zweite Nadel mit dem Zwirnsfaden gleichfalls durch, vom kleinen Augenwinkel zum großen, gleichfalls durch die Mitte der Basis des Staphyloms, so daß die beiden durchgestochenen Nadeln die Figur eines Kreuzes bilden oder annähernd die eines Chi (Χ). Denn wenn der Einstich ein wenig schief wird, ist hernach das Ausziehen der Nadeln leichter. Darauf schneiden wir den Kopf der Fadenschlinge durch, legen die beiden oberen Fadenenden unter das obere Ende der (senkrechten) Nadel, die beiden unteren unter das untere und schnüren (jedes Paar für sich) kräftig zusammen. Ebenso verschnüren wir auch die Fadenenden der wagrechten Nadel. Aber die eleganteste Abschnürung besteht darin, daß immer ein senkrechter Faden mit einem wagrechten verschnürt und so zusammengebunden wird. Darauf schneiden wir den Gipfel des Staphyloms ab und lassen nur die Basis stehen, wegen der Fäden.” (Kap. 37.)Ohrenleiden.Zur Entfernung von Fremdkörpern dienen Niesmittel, Erschütterung des Kopfes, der Ohrlöffel, die mit einem Klebemittel versehene Sonde; Würmer werden durch Eingießen von bitteren oder scharfen Mitteln herausbefördert.Nasen-Mundkrankheiten.Bei den zahlreichen in dieses Gebiet fallenden Affektionen wird eine reichhaltige medikamentöse Behandlung empfohlen, die Chirurgie dagegen ganz übergangen. Selbst von der Extraktion der Zähne macht Aëtios keine Erwähnung.

Eine Gesamtausgabe desTetrabiblonsteht noch aus, wir besitzen bloß eine alte Ausgabe der ersten acht Bücher (Aetii Amideni librorum medicinalium tomus primus, Venet. 1534) und Partialeditionen von einzelnen Büchern oder von Bruchstücken. Die wichtigsten sind: Fragmente aus Buch 1-3, 5-6, 8, 10-12 ed. Daremberg-Ruelle (in Oeuvres de Rufus, Paris 1879), Bruchstücke aus Buch IX (in Συλλογὴ ἑλληνικῶν ἀνεκδότων Ἀνδρέου Μουστοξύδου καὶ Δημητριοῦ Σχινᾶ, Venedig 1816), Lib. XII Ἀετὶου λόγος δωδέκατος, πρῶτον νῦν ἐκδοθεὶς ὑπὸ Γεωργίου Α. Κοστομοὶρου (Paris 1892), Lib. XVI ed. Skévos Zervòs (Aetii Sermo sextidecimus et ultimus, Leipzig 1901).Uebersetzungen: Lateinische (des ganzen Werkes) von Cornarius und Montanus, Basel 1533-35 u. ö.; von Cornarius allein, Basel 1542, und in späteren Auflagen. Auch in der Sammlung des Henricus Stephanus, Medicae artis principes post Hippocratem et Galenum, Paris 1567. Deutsche Uebersetzung und Textausgabe des VII. Buches von J. Hirschberg „Die Augenheilkunde des Aëtius aus Amida”, Leipzig 1899. Deutsche Uebersetzung des XVI. Buches (nicht ganz vollständig) von Max Wegscheider „Geburtshilfe und Gynäkologie bei Aëtios von Amida”, Berlin 1901. — Verloren gegangen ist eine im Tetrabiblon erwähnte Abhandlung über Chirurgie.

Inhalt des Tetrabiblon. Buch I: die pflanzlichen Arzneistoffe in alphabetischer Anordnung; Buch II: die mineralischen und animalischen Arzneistoffe, die erwärmenden, abkühlenden, austrocknenden, anfeuchtenden etc. Medikamente; Buch III: allgemeine Therapie und Hygiene, Gymnastik, Geschlechtsleben, Blutentziehung, Purganzen, Klimatologie, Bäder, Kataplasmen und Derivantien; Buch IV: Diätetik der Kinder, Kinderkrankheiten, Diätetik des späteren Lebens und des Greisenalters, Temperamente; Buch V: Prognostik, allgemeine Pathologie und Diagnostik, Pest; Buch VI: Kopfleiden, Haar-, Nasen-, Ohrkrankheiten; Buch VII: Augenkrankheiten; Buch VIII: Kosmetik (c. 12 Tätowieren), Mund- und Zahnleiden, Tonsillarhypertrophie, Fremdkörper in den Luft- und Speisewegen, Erkrankungen des Respirationstrakts; Buch IX: Krankheiten des Digestionsapparats, Würmer; Buch X: Leber- und Milzleiden, Wassersucht; Buch XI: Krankheiten des Harnapparats; Buch XII: Ischias, Rheuma, Gelenksaffektionen; Buch XIII: Bißwunden durch Tiere, Gegengifte, verschiedene Hautleiden;Buch XIV: Krankheiten des Mastdarms, Afters, der Geschlechtsteile, Hernien, Wund- und Geschwürsbehandlung, Blutung und Blutstillung, allgemeine Chirurgie, verschiedene Hautleiden, Luxationen, Nagelkrankheiten, Varices, Filaria medinensis; Buch XV: Geschwülste, Aneurysmen, Favus, Pharmazie; Buch XVI: Geburtshilfe und Gynäkologie, Vorschriften für kosmetische Präparate, Salben, Oele, Küchenrezepte und Räuchermittel, Mittel zur Einbalsamierung eines Toten[8].

Innere Medizin.Die Fieberlehre ist vorzugsweise nach Galenos vorgetragen, originell ist aber die Behauptung desAëtios, daß„erysipelatöse” Entzündung der Eingeweide(Tetrabiblon V, 89) verschiedenartige Fieber erregen könne; hier wird in der Therapie (kühlende Behandlung, Trinken von kaltem Wasser) von der Tradition deutlich abgewichen. Befällt die Entzündung den Magen, so entsteht Lipyria, ein Fieber, wobei die inneren Teile von brennender Hitze verzehrt werden, während die äußeren frieren. Bildet die Leber den Ausgangspunkt, so erfolgt „Typhusfieber”, bildet die Lunge den Ausgangspunkt, so erfolgt Frostfieber κρυμώδης). Ebenso gehört dem Aëtios unter anderem die Aufstellung einiger Formen von zerebralen Leiden an, z. B. die „erysipelatöse” Hirnentzündung, eine Hirnentzündung der Kinder (IV, 13); gut ist auch die Apoplexie beschrieben (VI, 27); eigene Erfahrungen leuchten hervor in der Schilderung des Aussatzes, der gastrischen Affektionen (IX, 24, 25), in der Behandlung der Pleuritis (Abführmittel, IV, 68) etc. Sehr bemerkenswert ist die Beschreibung einer epidemischen Halsaffektion, in deren Verlauf auch Lähmung des Gaumensegels vorkommen kann, und die wohl nur alsDiphtheriezu deuten ist, es handelt sich um die ἕλκη ἐν παρισθμίοις λοιμώδη καὶ ἐσχαρώδη (IV, 46). „Bei Kindern entwickelt sich das Leiden fast stets aus vorhergehenden Aphthen. Die Geschwüre aber sind bald weiß und fleckenartig, bald von aschgrauer Farbe, oder sie gleichen den durch Kauterien erzeugten Schorfen. Es stellt sich sodann bei den Kranken Trockenheit des Schlundes ein, und heftige Atemnot tritt hinzu, hauptsächlich, wenn eine Rötung unter dem Kinn entsteht, oder wenn, nachdem diese Schärfe vorübergegangen ist, Noma und Fäulnis die Stellen ergreift.... Aber auch das Fieber bedarf der Fürsorge, denn gewöhnlich tritt es in heftigem Grade hinzu. Und während der Ausscheidungen muß man am meisten auf die Geschwüre achten. Denn die Mehrzahl der Kinder wird in der Periode der Ausscheidung von Krämpfen ergriffen, andere ersticken durch Austrocknung des Halses. Bei manchen wird auch das Zäpfchen zerfressen, und wenn dann nach langer Zeit die Geschwüre zum Stillstand kommen und sich vertiefen, indem Vernarbung sich einstellt, so reden sie undeutlich, und das Getränk dringt beim Schlucken in die Nase. So habe ich gesehen, daß noch nach dem 40. Tage ein Mädchen starb, welches sich bereits in der Genesung befand. Die meisten aber sind bis zum 7. Tage in Gefahr ...” (Vgl. hierzu Bd. I, S. 340, Aretaios und S. 335 Archigenes; die von dem letzteren herrührende Beschreibung der Diphtherie ist bei Oreibasios erhalten.) — Von großer literarhistorischer Bedeutung sind die Fragmente aus den Werken früherer Autoren, so desArchigenesüber Fieber (V, 74), Lethargus (VI, 3), Schwindel (VI, 7),Manie (VI, 8), Starrkrampf (VI, 39), Lähmung (VI, 28), Ruhr (IX, 43), Kachexie (X, 19), Lepra (XIII, 120), Pruritus (XIII, 123, 126), desRhuphosüber Pest (V, 95), über Bluthusten (III, 8 ff.), desHerodotosüber Helminthen und Anwendung der Granatwurzelrinde (IX, 39, 40), Therapie der Erkältung (IV, 45) etc., desPhilumenosüber Durchfall (IX, 35), desPhilagriosüber gastrische Fieber (V, 90), Leber-Milzkrankheiten (X, 7, 15), Spermatorrhöe (XI, 33), desPoseidoniosüber Hirnlokalisation und Nervenleiden (VI, 2, 7, 8, 12, 24, 30). — Von der Anhängerschaft des Aëtios an die magische Therapie bildet z. B. folgende Beschwörungsformel, welche eine im Halse stecken gebliebene Gräte lösen soll, ein Beispiel: Ὡς Ἰησοῦς Χριστὸς Λάζαρον ἀπὸ τάφου ἀνήγαγε, καὶ Ιωνᾶν ἐκ τοῦ κήτους· λέγε, κατέχων τὸν λάρυγγα τοῦ πάσχοντος· Βλάσιος ὁ μάρτυς ὁ δοῦλος τοῦ Θεοῦ λέγει, ἀνάβηθι ὀστοῦν ἢ κατάβηθι (VIII, 50). Hier kommt der Name des Heilands und eines christlichen Märtyrers vor, an anderen Stellen dagegen altheidnische Beschwörungsformeln oder Amulette (z. B. das Jaspisamulett des Königs Nechepso [II, 35]). DerMagnetsteinsoll Gichtschmerzen beseitigen, wenn man ihn in Händen halte.

Chirurgie.Aëtios schließt sich zum größten Teile den besten Vorgängern an und bringt aus den Werken derselben wichtige Bruchstücke. Die Lehre von den Wunden und der Geschwürsbehandlung stammt aus Galenos. Lib. XIV, cap. 51 enthält einen Auszug ausRhuphosüber Blutung und Blutstillung (Fingerdruck, Kompressivverband, Kälte, Adstringentien, Aetzmittel,Torsion,Ligatur,vollständige Durchtrennung angeschnittener Gefäße), sowie über die Entstehung traumatischer Aneurysmen aus Arterienverletzung. VonArchigenesentnommen sind die Kapitel über den Ileus (wobei auch der Brucheinklemmung gedacht wird, Lib. IX, 28), Leberabszeß (X, 4, 5), über die Behandlung der Ischias und Coxalgie mit dem Glüheisen oder mit Moxen (XII, 3). NachLeonidessind folgende Abschnitte dargestellt: Eröffnung von Mandelabszessen (VIII, 5), Pathologie und Therapie (Exstirpation) der Drüsengeschwülste am Halse (XV, 5), der Balggeschwülste (XV, 7), der Lipome (XV, 8), Anwendung des Glüheisens in der Therapie des Mastdarmvorfalles (XIV, 8), Operation der Mastdarmfistel (XIV, 11), Behandlung der Fissuren am Präputium (XIV, 14), Behandlung der Hydrokele (XIV, 22, Kauterisation durch wiederholte Applikation von Pflasterstreifen auf das Scrotum und nach Freilegung der Tunica vaginalis Eröffnung derselben), Hernien (XIV, 23, 24. Entstehung der Hernien teils durch Ausdehnung, teils durch Zerreißung des Bauchfelles; Repositionsmanöver, Bandage, Bruchpflaster), Filaria medinensis (XIV, 85). VonPhilagriosüberliefert sind Bruchstücke über die Entfernung von eingeklemmten Steinen aus der Harnröhre durch Urethrotomie (XI, 5) und über das Ganglion (XV, 9), vonRhuphosundPoseidoniosFragmente über die Lyssa (VI, 24). Von dem sonstigen Inhalt wäre folgendes hervorzuheben. Gute Beschreibung der Tonsillotomie. Entfernung von Fremdkörpern aus der Speiseröhre: man läßt den Patienten ein an einem starken Faden befestigtes, mit Terpentinharz befeuchtetes Stück Schwamm verschlucken, um damit den Fremdkörper zu fangen und herauszuziehen. Ausführliche Mitteilungen über die Behandlung der Verletzungen durch Tierbiß oder Insektenstiche. Therapie der Feigwarzen und spitzen Kondylome. Operation der Hämorrhoidalknoten durch Unterbindung und Abschneiden derselben. Behandlung der fressenden Mastdarmgeschwüre, Entzündungen und Geschwüre an den männlichen Genitalien, der Varices. Aëtios widerrät im allgemeinen die Operation der Aneurysmen, mit Ausnahme der durch Arterienverletzung in der Ellenbogenbeuge entstandenen und gibt folgende Methode an: man nimmt zunächst oberhalb des Aneurysma, 3-4 Zoll unterhalb der Achselhöhle eine doppelte Unterbindung der freigelegten Arterie vor, durchschneidet letztere zwischen den Ligaturen, sodann wird das Aneurysmaeröffnet, ausgeräumt, endlich die verletzte Stelle zwischen Doppelligaturen gelegt und exstirpiert.

Geburtshilfe und Gynäkologie[9].Die Schilderung der anatomischen Verhältnisse lehnt sich zumeist, aber nicht überall an Soranos an. Beim Coitus ziehe der Uterus den Samen durch die Eileiter von den Testes muliebres an; die Kotyledonen seien im menschlichen Uterus kleiner als im tierischen; die Geburt werde dadurch veranlaßt, daß der Eihautsack zu klein und die Blutversorgung unzureichend geworden sei, weshalb das Kind die Eihäute zerreiße und inaktiverWeise zu Tage trete. Die Lehre von der Schwangerschaft (auch von Anschwellungen der Füße ist die Rede), die Diätetik der Schwangeren (Empfehlung häufiger Bäder) ist sorgfältig dargestellt, als Zeichen der kommenden Geburt gelten Abnahme der Ausdehnung des Oberbauches, häufiger Urindrang, stärkere Schleimsekretion, leichtere Zugängigkeit der Gebärmutter für den untersuchenden Finger; wenn bei den Wehen das Drängen nach den unteren Teilen nicht stattfinde, so entstehe eine Anschwellung des Halses. In den Fällen, wo eine Geburt am normalen Endtermin der Mutter Gefahr bringen würde, wird der künstliche Abortus eingeleitet (Aderlaß oder die verschiedenen ἀτόκια und φθόρια); der geeignetste Zeitpunkt für die Einleitung ist der 3. Monat; Zeichen des bevorstehenden Abortus sind wässerige, fleischwasserähnliche und blutige Abgänge. Zu den Mitteln, um eine abgestorbene Frucht herauszubefördern, gehört auch das Einlegen von trockenen Schwämmen oder Papyri (zuerst dünnere, dann dickere).

Im 22. Kapitel wird bemerkenswerterweise unter den Ursachen der Dystokie folgendes angeführt: „Ferner entstehen Schwierigkeiten bei der Entbindung, wenn die Knochen der Schamgegend miteinander verwachsen sind (die Symphyse verknöchert ist), so daß sie nicht im stande sind, während der Geburt auseinander zu weichen; denn bei den Frauen sind nicht wie bei den Männern diese Schambeine durch eine Fuge (fest) verbunden, sondern ein kräftiges Band hält sie aneinander. Ein Geburtshindernis entsteht auch, wenn die Kreuzbeingegend zu stark ausgehöhlt ist und daher der Uterus beiseite geschoben wird.” Hier sind demnachSkelettanomalien als Geburtshindernisangeführt. Zuerst geschah dies von Herophilos und im Anschluß an ihn von Soranos, gleichzeitig wird aber auch an der von Soranos inauguriertenIrrlehre von dem Auseinanderweichen der Beckenknochenintra partum festgehalten.

Die Kapitel 23 und 24 sind nach Angabe des Aëtios demPhilumenos(vgl. S. 46) entnommen und beziehen sich auf Extraktion der Frucht, Embryotomie, Embryulkie und Entfernung der Nachgeburt; sie erinnern in den wichtigsten Stellen an Soranos. Untersuchung der Gebärenden mit dem Mutterspiegel (διόπτρα), um die Ursache des Geburtshindernisses festzustellen; Abtragung etwaiger Auswüchse, Inzision resistenter Eihäute u. s. w.„Sollte sich der Kopf des Kindes eingekeilt haben, so muß man auch die Füße wenden und es so ans Licht ziehen”(Wendung auf die Füße bei Kopflage). Im folgenden werden die Indikationen und die Technik der Perforation, Kephalotripsie, Dekapitation,Zerstückelung angegeben. Zur Herausbeförderung der Nachgeburt führt man bei geöffnetem Muttermund die linke Hand ein und nimmt die etwa gelöste Placenta leicht heraus; sitzt sie fest, so ist bei der Extraktion der direkte Zug nach abwärts zu vermeiden, damit kein Gebärmuttervorfall entstehe. Um den geschlossenen Muttermund zu erweitern, sind ölige Eingießungen, allmähliche Dilatation mit den Fingern der linken Hand, Breiumschläge, Niesmittel, Emmenagoga, Einlagen, Sitzbäder, aromatische Dämpfe etc. anzuwenden. — Die mannigfachen Frauenleiden werden in fast derselben Anordnung wie bei Soranos besprochen. Die Anzahl der mitgeteilten Heilmittel ist sehr groß, von Interesse sind vorzugsweise die chirurgischen Eingriffe. Bemerkenswert sind unter anderem die Ausführungen über die Differentialdiagnose der fressenden Geschwüre, Operation des Mammakarzinoms (nach Archigenes, Leonides), der Uterus- und Scheidenatresie, des Blasensteins (Vestibularschnitt), der Hydrocele muliebris (Ausschneidung eines Stückes der Cystenwand), der Inguinalhernien (wenn Bandagen versagen, Radikalheilung durch Unterbindung und Vernähung des Bruchsackes), der Varices vulvae (Unterbindung und Exstirpation), die Amputation der Clitoris, Blasenmole (erste Beschreibung). Im 90. Kapitel gelegentlich der Besprechung der operativen Behandlung der Abszesse am Muttermunde wird die Anwendungsweise desSpekulums(ganz ähnlich wie bei Soranos vgl. das Kapitel bei Moschion Qua doctrina organo aperiendae sunt mulieres) geschildert. Diese Beschreibung stammt ursprünglich wohl aus einer Schrift des Archigenes und findet sich wörtlich auch bei Paulos von Aegina.

Augenheilkunde[10].Die einschlägige Abhandlung (Lib. VII) ist nach fachmännischem Urteile die beste, geistreichste und, abgesehen von der mangelnden Beschreibung der Staroperation, die vollständigste des Altertums. Zwar stützt sich Aëtios auf die ganze vorausgegangene ihm bekannte Literatur, doch fehlt es nicht an zahlreichen eigenen Bemerkungen, namentlich hinsichtlich der Therapie. Er kennt 61 Augenaffektionen und befolgt schon einigermaßen eine anatomische Einteilung: „Die sogenannte eigentliche Augenentzündung, die Chemosis, die Bindehautreizung, die Schwellung, der Bluterguß und das Flügelfell sind Erkrankungen derBindehaut. Allein sie schwärt auch, erkrankt an Karbunkel und Krebs: der trockene Bindehaut- und Lidrandkatarrh sind ein den Lidern und dem Auge selbst gemeinsames Leiden. An der äußeren Fläche derLiderentstehen Wasserblasen, Honigsackgeschwülste und Talggeschwülste; an der inneren Lidfläche treten Rauhigkeiten auf, mit ihren weiteren Folgen (Körner- und Feigenkrankheit), Hagelkörner, Verkalkungen, Verwachsung und Verschluß, und Hasenaugen heißen diejenigen, bei denen das obere Lid emporgezogen ist, so daß es den Augapfel nicht bedecken kann. Ausstülpungen heißen diejenigen Leiden, bei denen das untere Lid nach außen gedreht ist. Aber auch Spaltbildungen, Substanzverluste und Geschwürsbildung treten an den Lidern auf. An den Lidfugen kommt die sogenannte Haarkrankheit vor und der Schwund der Wimpern; sodann Läusesucht, Kleiengrind, Gerstenkörner, endlich Milphosis, bei der die Lidränder rot sind, wie Mennige. DieAugenwinkelsind die leidenden Teile bei den Tränensackgeschwülsten, aber nicht sie allein. Vergrößerung der Karunkel und Tränenfluß sind Leiden der Augenwinkel allein. An derHornhauttreten auf neblige und wolkige Flecke, Randgeschwürchen, oberflächliches Geschwür, Abszeß, breites, flaches Geschwür, grubiges Geschwür, Durchbruch, Vorfall, Ringabszeß, Hypopyon, Pusteln, Karbunkel, Krebs. An derBeerenhautkommen folgende Leiden vor: Vorfall, Fliegenköpfchen, Traubengeschwulst, Nagel; Pupillenerweiterung, Pupillenverengerung,Synchysis, Verzerrung der Pupille. Star tritt auf gerade an der Oeffnung der Beerenhaut, das heißt an der sogenannten Pupille. Aber auch derwässerigen FlüssigkeitVermehrung und Verdickung hindert das Scharfsehen, und ihre Verminderung dörrt die Linse aus. Dies nennt manGlaukosis; sie ist nichts anderes als starke Austrocknung der Linse. DieAmauroseist eine Verstopfung desSehnerven, so daß die an derselben Leidenden durchaus nichts sehen können, obgleich die Pupille klar erscheint. Geschädigt an ihrem Sehwerkzeug, ohne äußerlich sichtbare Veränderung an den Augen, sind auch die Nachtblinden. Eine deutliche Schädigung des ganzenAugapfelsist auch das Herausdrängen des Augapfels.” (Kap. 2.) Aëtios überliefert uns in seiner ophthalmologischen Abhandlung wichtige Fragmente desDemosthenes(z. B. über krebsige Geschwüre in den Augen, Abszesse, Augenschwäche, Amaurose, Star, Ektropium, Hasenauge), desSeveros(über Augengeschwüre, Fremdkörper, Lidkarbunkel, Behandlung der eitrigenBindehautentzündung der Neugeborenen[11], Trachom, Trichiasis, Entropium), desLeonides(über das Empor- und Herabnähen zur Behebung der Trichiasis), des Antyllos (Operation des Ektropiums). Vortrefflich ist die Beschreibung derStaphylomoperation: „Bei denjenigen Staphylomen, welche eine enge Basis und gutartige Natur besitzen, schafft eine Operation Ordnung, und zwar die mit Umschnürung. Ihre Ausführung geschieht folgendermaßen: Zwei Nadeln muß man nehmen, jede mit einer Zwirnsfadenschlinge, deren Enden gleich lang sind. Dann setze den Kranken und gib ihm eine richtige Lage, indem du gegen deine Unterschenkel seinen Kopf zurücklehnst; das Hinterhaupt desselben muß auf deine Kniee sich stützen. Während dann die Lider auseinandergehalten werden, muß man mitten durch die Basis des Staphyloms von oben nach unten die eine Nadel durchstoßen. Dieselbe sei nicht sehr dick und auch nicht zu lang. Während dann der Augapfel durch die eingestochene Nadel immobilisiert ist, führe man die zweite Nadel mit dem Zwirnsfaden gleichfalls durch, vom kleinen Augenwinkel zum großen, gleichfalls durch die Mitte der Basis des Staphyloms, so daß die beiden durchgestochenen Nadeln die Figur eines Kreuzes bilden oder annähernd die eines Chi (Χ). Denn wenn der Einstich ein wenig schief wird, ist hernach das Ausziehen der Nadeln leichter. Darauf schneiden wir den Kopf der Fadenschlinge durch, legen die beiden oberen Fadenenden unter das obere Ende der (senkrechten) Nadel, die beiden unteren unter das untere und schnüren (jedes Paar für sich) kräftig zusammen. Ebenso verschnüren wir auch die Fadenenden der wagrechten Nadel. Aber die eleganteste Abschnürung besteht darin, daß immer ein senkrechter Faden mit einem wagrechten verschnürt und so zusammengebunden wird. Darauf schneiden wir den Gipfel des Staphyloms ab und lassen nur die Basis stehen, wegen der Fäden.” (Kap. 37.)

Ohrenleiden.Zur Entfernung von Fremdkörpern dienen Niesmittel, Erschütterung des Kopfes, der Ohrlöffel, die mit einem Klebemittel versehene Sonde; Würmer werden durch Eingießen von bitteren oder scharfen Mitteln herausbefördert.

Nasen-Mundkrankheiten.Bei den zahlreichen in dieses Gebiet fallenden Affektionen wird eine reichhaltige medikamentöse Behandlung empfohlen, die Chirurgie dagegen ganz übergangen. Selbst von der Extraktion der Zähne macht Aëtios keine Erwähnung.

Alexandros von Tralles(Lydien), der Sprößling einer hochbegabten Familie[12], wurde um 525 geboren und empfing den ersten medizinischen Unterricht von seinem Vater, dem vielbeschäftigten Arzte Stephanos. Nachdem er in seinem weiteren Studiengange, insbesondere durch den Vater des Kosmas (Indikopleustes?) gefördert worden war, reiste er nach Italien, Gallien, Spanien, Nordafrika, überall praktische Erfahrungen sammelnd, um sich schließlich dauernd in Rom niederzulassen; dort wirkte er, vielleicht auch als Amtsarzt und Lehrer, bis ins hohe Greisenalter. Das wissenschaftliche Ergebnis seiner langen und gewissenhaften ärztlichen Tätigkeit legteAlexandrosin seinem Hauptwerke nieder, welches zum Teil in Form akademischer Vorträge, in schlichter, klarer und dabei anspruchsloser Darstellungsweise die Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten behandelt (Originaltext und deutsche Uebersetzung von Theodor Puschmann, zwei Bände, Wien 1878-79). Dieses Werk bildet wahrhaft eine erfrischende Oase in der Wüste der byzantinischen Literatur, ja es erinnert stellenweise an die unbefangene Beobachtungskunst eines Hippokrates, an die lebendige, anschauliche Schilderung eines Aretaios; trotzdem der Verfasser die Literatur sorgfältig benützt[13], verschwindet seine eigene Persönlichkeit nirgends, und wiewohl er in der Theorie vorwiegend dem anerkannten Meister Galenos Gefolgschaft leistet, weiß er sich doch in allen praktischen Fragen unerschütterliche Selbständigkeit zu bewahren; erhaben über dem blinden Autoritätsglauben des Zeitalters, wagt Alexandros, wieder eigene, auf wirklicher Erfahrung beruhende Meinungen zu äußern[14]. Nur darinverleugnet er seine Epoche nicht, daß er, geleitet von einer Humanität, welche kein Mittel im Interesse des Kranken unversucht lassen will, auch abergläubische Heilverfahren empfiehlt, wenn die rationellen versagen — vorausgesetzt, daß die Patienten nach Wunderkuren Verlangen tragen.

Die Schriften des Alexandros übten sehr bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der Medizin; sie wurden nicht bloß von allen späteren Byzantinern stark benützt, sondern im Gewande von Uebersetzungen nach Ost und West verbreitet[15]; durch sie blieb wenigstens ein nachahmungswürdiges Vorbild der echten ärztlichen Beobachtung und Kritik selbst in den dunkelsten Zeiten erhalten.

Die in Puschmanns Ausgabe vorangestellte Abhandlungüber die Fieber, welche früher zum Hauptwerke als 12. Buch gerechnet wurde, bildet neben demselben eine eigene Schrift, dasselbe gilt von dem „Brief” über dieEingeweidewürmer(Puschmann II, 586-599). Alexandros gedenkt auch einer von ihm verfaßten Schrift über dieAugenkrankheiten, von der Puschmann zwei Bücher aufgefunden zu haben glaubte (Ausgabe und Uebersetzung in Berliner Studien f. klass. Philologie 1886, Bd. V, Heft 2, „Nachträge zu Alexander Trallianus”); neuerdings wurde aber die Ansicht ausgesprochen, daß dieses Fragment aus späterer Zeit stamme. Eine Abhandlung überKopfwundenundKnochenbrüche, welche Alexandros erwähnt, ist nicht auf uns gekommen. Mit Unrecht wurde Alexandros von Tralles früher auch zum Verfasser der Ἰατρικὰ ἀπορήματα καὶ φυσικὰ προβλήματα ═ärztliche Fragen und naturwissenschaftliche Probleme(ed. in Idelers Phys. et med. gr. minor.) gemacht, einer Schrift, welche jetzt gewöhnlich aufAlexandros von Aphrodisias(vgl. Bd. I, S. 386) zurückgeführt wird. In dieser Schrift kommen Fragen und Antworten (228) über alle möglichen Gegenstände der Natur- und Heilkunde vor; von Interesse ist es unter anderem, daß die Kontagiosität der Krätze, Schwindsucht und epidemischen Augenentzündung angeführt wird (Probl. lib. II, 42, vgl. hierzu Bd. I, S. 388).DaAlexandros von Trallesausschließlich praktische Zwecke verfolgt, so berührt er nur gelegentlich die Anatomie und Physiologie, wobei er vorzugsweise die Angaben Galens wiederholt.Allgemeine Pathologie.Von den eigentlichen Krankheitsursachen, die sich in der pathologischen Veränderung äußern, werden die Gelegenheitsmomente, wie z. B. Temperatureinflüsse, Diätfehler, Gemütsbewegungen etc., scharf gesondert. Bei der Entstehung der Krankheiten kommt der Krankheitsstoff (Lehre von den Dyskrasien), aber auch die Funktionsstörung der Lebenskräfte in Betracht. Die Beschaffenheit des Krankheitsstoffes beeinflußt den Charakter des Leidens. Es gibt lokale und allgemeine, primäre und sympathische Affektionen; die Symptome zerfallen in wesentliche und akzidentelle; in akuten Krankheiten sind drei Stadien ἀκμὴ, παρακμὴ, πέψις zu unterscheiden, die Kochung zeigt sich hauptsächlich durch die dunkle Färbung des Urins.Entzündungist durch Temperaturerhöhung bedingt, welche der vermehrte Zufluß von Blut resp. Schleim, gelber oder schwarzer Gallehervorruft; der Eiter, den man an der Farbe, an dem Geruch (beim Verbrennen), sowie daran erkennt, daß er sich im Wasser auflöst und nicht zu Boden fällt (im Gegensatz zum Schleim), entsteht ebenfalls durch Fluxion von Krankheitsstoffen.Fieberberuht auf abnormer Steigerung der eingepflanzten Wärme, wobei entweder das Pneuma oder die flüssigen oder die festen Teile betroffen werden.Blutungenkommen durch Ruptur, Erosionen oder „Anastomosen” der Gefäße zu stande. Manche Krankheiten führen bei längerer Dauer zur Entartung der Gewebe.Diagnostik.Inspektion(Farbe der Haut, der Haare, des Auswurfs, der Exkrete),Palpation(Temperatur der Haut),Pulsuntersuchung(harter, schwacher, großer, kurzer, schmaler, kleiner, seltener, undeutlicher Puls),Beobachtung der Atmung und Atmungsgeräusche,Harnuntersuchung(Sedimente etc.); ferner kommen in Betracht dieGeschmacksempfindung des Kranken(bittere weist auf die Galle, salzige auf den Schleim, essigartige auf die schwarze Galle als Krankheitsstoff), die Wirkung der therapeutischen Verordnungen, die individuellen und allgemeinen Verhältnisse (Alter, Geschlecht, Konstitution, Jahreszeit, Gegend).Allgemeine Therapie.Die Behandlung ergibt sich aus der Diagnose und hat in erster Linie die Beseitigung der Krankheitsursache anzustreben. Beobachtung dernatürlichen Heilbestrebungen, Beförderung derkritischen Ausleerungen; leitendes Prinzip der Therapie dasContraria contrariis. „Die Aufgabe des Arztes ist es, das Warme zu kühlen, das Kalte zu erwärmen, das Feuchte zu trocknen und das Trockene zu befeuchten.” Vermeidung der drastischen Kuren (z. B. reichliche und plötzliche Blutentziehung, starke Abführmittel, Arteriotomie, Kauterisation) und der Polypragmasie, Vorsicht beim Gebrauch der Narkotika, Rücksichtnahme auf die individuellen und ätiologischen Verhältnisse, Bevorzugung der hygienisch-diätetischen Behandlung, Prophylaxe.„Leider gibt es viele Leute, welche diejenigen Aerzte, die ihre Lust am Brennen und Schneiden haben, für tüchtiger halten als jene, die durch eine vernunftgemäße Diät die Heilung versuchen.”Die Wirkung der Heilmittel beruht auf den elementaren Eigenschaften, physikalischen Kräften, auf der spezifischen Organwirkung oder auf geheimen Kräften; sie zerfallen in kühlende, erhitzende, anfeuchtende, trocknende, verdünnende, verdickende, zusammenziehende, erschlaffende, ätzende, anziehende, zurückhaltende, ablenkende, metasynkritische, spezifische und Geheimmittel. Ratio und (noch mehr) Experimentum bedingen die Wahl der Arzneimittel; die zusammengesetzten bezwecken, gleichzeitig verschiedenen Indikationen zu entsprechen. Neben den Arzneien spielen diätetische Maßnahmen und Bäder (Mineralquellen, Thermen, Seebäder) eine sehr bedeutende Rolle. Der Aderlaß wird herkömmlich an den bekannten Prädilektionsstellen vorgenommen, doch ist die Stelle gleichgültig, da sich die Blutentziehung auf die ganze Blutmasse verteile.Spezielle Pathologie und Therapie: Fieberlehre.Im wesentlichen vertritt Alexandros hinsichtlich der Pathologie der Fieberkrankheiten die gleichen Anschauungen wie die Vorgänger; bei jeder Fieberform wird die Genese und Symptomatologie (darunter Puls- und Harnbeschaffenheit) angegeben. Der Unterschied der kontinuierlichen Fieber von den intermittierenden ist darin begründet, daß die Krankheitsstoffe sich bei den ersteren innerhalb, bei letzteren aber außerhalb der Gefäße anhäufen und durch das Aufsteigen zur Haut Frost erregen. Die Quotidiana wird entweder durch die gelbe Galle oder aber durch den schwarzgalligen Saft (hefenartige Blutbeschaffenheit) hervorgerufen, der Milztumor schwillt nach starken Entleerungen rasch ab. In der Therapie der Fieber kommen Bäder, Einreibungen,diätetische Maßnahmen, außerdem aber je nach dem Falle Abführmittel, Schwitzmittel, Diuretika, bei Schlaflosigkeit Opiate, bei Schwäche Wein zur Verwendung.Nervenleiden.Kopfschmerzkann die Folge von Säfteanomalien an Ort und Stelle sein oder im Verlauf von Magen-, Leber-, Milzkrankheiten, Fiebern vorkommen, oder durch übermäßigen Weingenuß, mechanische Gewalteinwirkung auf den Schädel veranlaßt werden.Chronischer Kopfschmerzentwickelt sich aus allgemeiner Plethora, Säfteanomalien des Kopfes, Erhitzung der Galle, Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit und Kummer. Als Symptom der Hirnhautentzündung ist der Kopfschmerz oft der Vorläufer von Krämpfen und Delirien, ja zuweilen eines plötzlichen Todes. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache.Hemikranieentsteht primär im Kopfe, wenn sich unreine Stoffe festsetzen, verdicken und in Gase umwandeln, oder sekundär durch Affektionen des Unterleibs. Die Behandlung hängt von den zu Grunde liegenden Dyskrasien ab, die bekämpft werden müssen, Venäsektion ist nur bei allgemeiner Plethora indiziert.Ohnmachtwird bei den verschiedensten Zuständen beobachtet, bei Fiebern, allgemeiner Schwäche, Diarrhöe, starker Schweißsekretion, Inanition, heftigen Gemütsbewegungen, Magen-, Darm-, Gebärmutterleiden etc. Namentlich scheinen Ohnmachten leicht vom „Magenmund” hervorgerufen zu werden, wenn derselbe nämlich durch schleimige und gallige Säfte affiziert ist. Therapie: Frottieren, Baden, Besprengen mit kaltem Wasser, Reizmittel, Luftzufuhr, Binden der Extremitäten, Wein, kräftigende Speisen, erwärmende Umschläge, Einreibungen, Diuretika.Apoplexiebesteht in der Aufhebung des Bewegungs- und Empfindungsvermögens.Paralysenberuhen darauf, daß entweder im Zentralorgan des Nervensystems oder in einzelnen peripheren Nerven Stockungen und Verstopfungen (durch die Säfte) auftreten. Ist das Gehirn beteiligt, so sind Hemiplegien oder Lähmungen der Nerven des Gesichtes zu erwarten. Therapie: Behebung der Säftestauung durch zyklische Stoffwechselkuren, durch Abführmittel, Venäsektion, Frottierungen, Bäder, Thermen; lokale Reizung der gelähmten Teile durch Applikation von Blutegeln, Skarifikation, Senfpflaster, Pechpflaster, aromatische Umschläge, Räucherungen etc.Epilepsiewird durch Verstopfung des Gehirns mit Schleim und schwarzer Galle hervorgerufen; es gibt drei Formen der Krankheit, je nachdem sie im Kopfe entsteht oder vom Magen oder einem anderen Körperteil ausgeht. Die Therapie richtet sich nach der Form der Epilepsie und nach dem Lebensalter des Kranken. Bei Kindern kommt vorzugsweise die erste Form vor. Handelt es sich um einen Säugling, so ist für gesunde und nahrhafte Milch Sorge zu tragen (Alexandros gibt vortreffliche Anleitungen für die Auswahl der Amme und für die Prüfung und Verbesserung der Milch), außerdem sind Bäder und Frottierungen anzuwenden. Bei älteren Kindern empfehlen sich Purgiermittel, Brechmittel. Bildet der Magen den Ausgangspunkt der Epilepsie, so ist für die Herstellung einer normalen Verdauung durch Abführmittel oder schleimlösende Mittel nebst entsprechender Diät zu sorgen. Macht sich eine Aura epileptica an der Peripherie des Körpers deutlich fühlbar — diese charakterisiert die dritte Form der Epilepsie — so verordnet Alexandros neben einer systematischen Purgierkur, die in seiner Therapie der Epilepsie die Hauptrolle spielt, örtliche Reize verschiedener Art an der Ausgangsstelle der Aura. Alle drastischen Maßnahmen, wie z. B. Blutentziehungen, Inzisionen der Kopfhaut, Kauterisation, Arteriotomie, Trepanationen etc. werden verworfen, hingegen wird der Diät, den Leibesbewegungen, dem Bädergebrauch und gewissen Vorbeugungsmitteln (z. B. Vermeidung scharfer Gerüche) große Bedeutung zuerkannt. Anhangsweise gibt Alexandros eine Uebersicht über die gebräuchlichstenWundermittelgegen Epilepsie, „damit der Arzt in der Lage sei, in jeder Weise seinen Kranken zu helfen”. Dieser Absatz ist aus den Schriften des Archigenes und anderer Autoren, sowie auch direkt aus der Volksmedizin geschöpft.Psychosen.„Phrenitis”gilt als eine durch die Galle erzeugte Entzündung des Gehirns und seiner Häute. Die Behandlung wird mit einer Venäsektion eingeleitet, darauf folgen beruhigende Applikationen (z. B. Mischung von Essig mit Rosenöl) auf den Kopf, Schlafmittel („denn der Schlaf ist das einzige und beste Heilmittel des Wahnsinns”), eventuell lauwarme Bäder, Frottierungen; Weingenuß kann denen, welche daran gewöhnt sind, gestattet werden; zur Nahrung empfehlen sich hauptsächlich schleimige Getränke und Suppen; Sorge für gesunde Wohnungsverhältnisse (Licht, Luft) und Ruhe (Besuche nur in beschränktem Maße und nur von vertrauten Freunden).„Lethargos”, eine durch Schleimanhäufung im Gehirn verursachte Geisteskrankheit, die mit Schwäche und Somnolenz einhergeht, erfordert kühlende und reizende Mittel, ganz besonders angemessen ist aber der interne und externe Gebrauch von Bibergeil. BeiKarosist eine ähnliche Behandlungsweise am Platze; der Sitz dieser Krankheit ist im vorderen Teile des Gehirns zu suchen.Melancholieist nach Alexandros ein Krankheitsbegriff, der nicht bloß die gewöhnlich darunter verstandene Geistesaffektion, sondern auch Tobsucht, Wahnsinn, Verrücktheit und manche Fälle von Stumpfsinn in sich schließt. Die Krankheitsursache ist in einer schlechten Beschaffenheit des Blutes (zu große Menge oder schädliche Beimengungen von galligen, scharfen, schwarzgalligen Stoffen) zu suchen; die zum Gehirn aufsteigenden Dämpfe trüben das πνεῦμα ψυχικόν und erregen Wahnvorstellungen. Die (sehr eingehend besprochene) Therapie besteht in angemessener Diät, Bädern, Abführmitteln (der weißen Nieswurz wird der „armenische Stein” vorgezogen), Sorge für Ruhe, Schlaf; zuweilen bringt die psychische Heilmethode Erfolge (Eingehen auf die Wahnideen)[16], desgleichen Ortsveränderung, Reisen, Theaterbesuch, gesellige Unterhaltungen und leichte Beschäftigung.Manieist eine zur Tobsucht gesteigerte Melancholie.Krankheiten des Respirationssystems.Anginawird mit Gurgelwässern (schwach adstringierende Pflanzensäfte, später alkalinische Substanzen), Umschlägen, bei Vollblütigen auch mit Aderlaß (an den Venae sublinguales oder Venae jugulares), Abführmitteln behandelt.Hustenkann als Symptom verschiedenartige Krankheiten begleiten, und bald von diesem, bald von jenem Organ ausgehen. Die Therapie hat sich nach der zu Grunde liegenden Dyskrasie zu richten, die besten Erfolge bringen die (nur mit Vorsicht anzuwendenden) Opiumpräparate, Räucherungen (mit Weihrauch, Bibergeil, verschiedenen ätherischen Harzen etc.), ölige Einreibungen auf der Brust. In den zahlreichen Rezepten, die Alexandros anführt, nehmen Storax, Myrrhe, Anis, Terpentin, Bibergeil, Süßholz, Schwefel die wichtigste Stelle ein. Je nachdem dieHämoptoëvon einer Ruptur oder aber von einer Erosion der Gefäße herrührt, ist die Therapie des Bluthustens mit einem Aderlaß (an der Ellenbogenvene und am Fußknöchel) einzuleiten (3 Stunden nachher) oder aber davon abzusehen, außerdem kommen kühle (adstringierende) Getränke, kalte Brustumschläge, blande Diät, Ruhe, Milchkur, von Arzneimitteln der Blutstein in Betracht. Ueber die BehandlungderPneumoniefindet sich bei Alexandros wenig. Zu den diagnostischen Methoden, die Existenz einesEmpyemsnachzuweisen, gehört in erster Linie dasSukkussionsgeräusch. „Wenn der Eiter in der Brust sitzt, so läßt sich dies sowohl aus manchen anderen Erscheinungen, als auch besonders aus dem Gefühl der Schwere in dem betreffenden Teile der Brust, sowie daraus schließen,daß man bei plötzlichen Wendungen des Kranken ein Rauschen hört.” Therapie: Regelung der Diät, Hebung des Kräftezustandes, ätherische Harze. In der Behandlung derPhthiseist die zweckmäßige Ernährung (verdauliche, kräftige Nahrung), der fortgesetzte Milchgenuß (Eselstutenmilch), der Gebrauch der Heilquellen das wichtigste, außerdem wirken Luftveränderung und Seereisen sehr günstig.Pleuritis(Entzündung der die Rippen bekleidenden Haut, zum Unterschiede vom Seitenschmerz) ist mit heftigem Fieber, stechenden Schmerzen, Atembeschwerden und Husten verbunden. Die Intensität des Fiebers bei diesem Leiden ist von der Nähe des Herzens herzuleiten. Die Farbe des Sputums läßt den Krankheitsstoff erkennen, rotes deutet auf das Blut, goldgelbes auf die gelbe Galle, weißes und klebriges auf den Schleim, schwarzes auf die schwarze Galle. In den ersten Stadien und bei manchen Formen der Pleuritis fehlt der Auswurf. Bei der Differentialdiagnose gegenüber manchen Leberleiden mit ähnlichen Symptomen ist zu beachten, daß letzteren der stechende Charakter der Schmerzen, die Härte des Pulses, der mit reichlichem Auswurf verbundene heftige Husten mangelt. Die Gesichtsfarbe des Leberkranken ist bleicher als diejenige, die man bei Pleuritikern beobachtet. Verschaffen Bähungen den Kranken Erleichterung, so genügen diese allein zur Zerteilung des Krankheitsstoffes; wo dies nicht der Fall, greife man zu Abführmitteln oder zum Aderlaß (jedoch nicht ohne dringende Notwendigkeit!). Statt der Venäsektion empfiehlt es sich oft nur blutige Schröpfköpfe anzuwenden. Außerdem sind äußerlich warme Bähungen, Auflegen von Schwämmen (die in laues Wasser getaucht sind), Kataplasmen, erweichende Pflaster und Salben, innerlich schleimige Dekokte, Honiglimonade angezeigt. Leichtverdauliche Nahrung, Opiate nur bei gefahrdrohender Schlaflosigkeit.Krankheiten des Digestionsapparates.Alexandros erörtert eingehend die Ursachen, welche den „Magenmund” (Stomachos, Kardia) so häufig zum Ausgangspunkt von Krankheiten machen (vgl. hierzu Galenos) und schildert dieSymptomatik der Magenaffektionen. Appetitlosigkeit beruht auf der zu großen Menge oder auf der abnormen Mischung der Säfte, die sich im Magen ansammeln, Heißhunger ist auf die kalte Dyskrasie des Magens, die Erhitzung des Magenmundes und die Schwäche der hemmenden Kraft des Magens zurückzuführen, übermäßiger Durst ist eine Folge der Dyskrasien oder verdorbener Magensäfte, Erbrechen wird durch Ansammlung schädlicher Stoffe verursacht, die sich entweder nur im Magen oder im ganzen Körper bilden, Singultus[17]entsteht durch die Schärfe, seltener durch die Trockenheit des Mageninhalts, Auftreibung des Magens tritt dann auf, wenn Gase (aus unverdauten Speisen) keinen Ausweg finden. Die Therapie, welche empfohlen wird, ist im Sinne der Krasenlehre eine kausale; so kommen je nach der Indikation bald erwärmende und trocknende, bald kühlende und adstringierende, bald reizende oder stärkende Arzneien in Betracht, abgesehen von den ausleerenden Mitteln. Die angeführten Krankheitserscheinungen zeigen sich bei derEntzündung des Magens. Alexandros ist der letzte Autor, welcher eine Schilderung des viel umstrittenen „Morbus cardiacus” (καρδιακὴ διάθεσις) entwirft; nach seiner Ansicht wäre die bisweilen tödlich verlaufende Affektion eine Folge der Anhäufung ätzender und giftiger Säfte im Magenmunde.Kolikwird durch kalte, dicke, schleimige oder durch heiße und gallige Säfte, die sich im Dickdarm ansammeln, hervorgebracht, kann sich aber auch sekundär aus Affektionen benachbarter Organe (Entzündungen der Nieren, Leber, Milz, Blase etc.) entwickeln. Auch die differentialdiagnostischen Charakteristika der Kolik gegenüber anderen, namentlich Nierenleiden, werden ausführlich entwickelt. Zu den wichtigsten Heilmitteln gehören: warme Bähungen des Unterleibes, Kataplasmen, ölige Einreibungen, Frottierungen, warme Sitzbäder, Trinken von schwefelhaltigen Mineralwässern, warme Klistiere, Einblasungen von Luft in den After („Schlauchkur”) mit nachfolgendem Klistier, Purgier-, Brechmittel und Carminativa, Opiate nur bei unerträglichen Schmerzen und sehr geschwächten Kranken[18]. Als eine im Verlaufe einer Kolik auftretende Erscheinung betrachtet Alexandros denIleus. Von der„Cholera”, welche sich in Erbrechen und Diarrhöen äußere und auf vollständiger Umwälzung des Magens beruhe, unterscheidet er vier Formen, wobei nicht bloß Fälle der Cholera nostras, sondern schon leichtere Magendarmaffektionen mitgezählt werden; unter den Schädlichkeiten, die krankheitserregend wirken können, ist auch der Genuß von Wassermelonen erwähnt. Gegen das Erbrechen wird ein Dekokt von Gartenminze verordnet, bei Kälte der Extremitäten sollen Reibungen mit erwärmten Händen, Umwickelungen, heiße Bäder u. dgl. vorgenommen werden, äußerlich kommen in der Magengegend aromatische, erwärmende Applikationen, auf den Leib trockene Schröpfköpfe zur Anwendung. DieRuhr, deren Krankheitsbild mit Naturtreue entworfen wird, kann primär oder sekundär im Darm entstehen, im letzteren Falle gehen Affektionen der Leber („Leberruhr”), der Milz, der Mesenterialgefäße etc. voraus. Vom Sitz der Geschwüre hängt der klinische Verlauf ab. Wenn die oberen Partien des Dünndarms ergriffen sind, so treten erst einige Stunden nach heftigen Leibschmerzen dünne, hautartige, bluthaltige Entleerungen auf; tiefer gelegene Geschwüre bewirken früher mit einer geringen Beimischung von Eiter versehene Stuhlgänge; Geschwüre im Dickdarm machen Schmerzen in der unteren Bauchgegend, Tenesmus und fleischartige Entleerungen; solche im Mastdarm nur Tenesmus und blutige Ausscheidungen. Die sogenannte Leberruhr ist darauf zurückzuführen, daß infolge der geschwächten Leberfunktion Diarrhöen hervorgerufen werden, welche schließlich zur Bildung von Darmgeschwüren Anlaß geben. Bei der Behandlung ist auf den Sitz der Geschwüre und auf den Grad der Diarrhöe Rücksicht zu nehmen, eventuell auf den Ausgangspunkt des Leidens. Sitzen die Geschwüre im oberen Darmabschnitt, so werden die Heilmittel durch den Mund, sonst durch den After eingeführt. Starke Diarrhöen indizieren den Gebrauch von schleimigen und stopfenden Dekokten, adstringierenden Pflanzensäften, Opiaten, Pillen aus Arsenik, Sandarach, Opium u. dgl., Galläpfelpulver. Stuhlzäpfchen, Klistiere aus schleimigen, adstringierenden und narkotischen Substanzen, erwärmende Umschläge, Salben, Pflaster und Einreibungen ergänzen den Heilapparat, abgesehen von zweckentsprechender Diät.VonEingeweidewürmernzählt Alexandros drei Arten auf, in denen die Oxyuris vermicularis, der Ascaris lumbricoides und die Taenia zu erkennen sind. Die Symptomatologie wird treffend geschildert, auch der Wanderung der Askariden in den Magen gedacht. In einem Falle beobachtete man eine Taenia von 16 Fuß Länge. Die Entstehung der Würmer erkläre sich aus der Zersetzung der genossenen Speisen oder aus der Fäulnis der unverdauten Säfte des Magens. Zur Abtreibung der Bandwürmer und runden Würmer dienen die Blüten und Samen des Granatbaumes, Farnkrautwurzel, Wurmkraut, die Samen von Heliotropium europaeum, Scammonium, schwarze Nieswurz, Ysop, Rizinusöl, Myrtenblätter u. a. m. Gegen die runden Würmer noch speziell Dekokt aus Artemisia maritima, Koriandersamen, Thymian; gegen die dünnen kleinen Würmer Klistiere (Kamillentee, ätherische Oele), abführende Mittel (Wermut, Knoblauch, Kümmel, Aloë u. a.). DieLeberleidenzerfallen in dieEntzündung,VerstopfungundSchwächeder Leber. Alexandros bemüht sich die diagnostischen Merkmale der verschiedenen Leberentzündungen (der Häute, der konvexen, der konkaven Seite) festzustellen, schildert die Symptomatologie (darunter Schmerzqualität, Hautverfärbung, Magen-Darmsymptome, Hustenanfälle) und kennt den Ausgang in Verhärtung oder Eiterung. Die Behandlung wird mit dem Aderlaß eingeleitet, sodann folgen, abgesehen von äußerlichen Applikationen, Diuretika, Sudorifera, Emetika und Laxantia. Die Verstopfung der Leber zeigt ähnliche Symptome, aber milderen Grades und verläuft ohne Fieber. Die Leberschwäche ist die Folge einer Dyskrasie. Bei der heißen Dyskrasie beobachtet man großen Durst, rauhe Zunge, Trockenheit der Haut, gallige, grünspanartige Massen im Erbrochenen, psychische Verstimmung; bei der kalten wenig Durst, schwarzen Stuhl, keinen galligen Auswurf, sauren Geschmack im Munde; bei der trockenen Dyskrasie Steigerung des Durstgefühles, Trockenheit des Körpers, spärlichen und dicken Stuhl; bei der feuchten keinen Durst, feuchte Zunge, Diarrhöen. Die Ursache derWassersuchtsucht Alexandros in einer Funktionsstörung der Leber, wodurch die Nahrung nicht in Blut, sondern in Wasser (Askites), Schleim (Anasarka) oder Gase (Tympania) umgewandelt wird. Beim Askites bewegt sich die in der Bauchhöhle befindliche Flüssigkeit wie in einem Schlauch umher, wenn der Kranke die Lage verändert (Fluktuation!).Bei der Tympania hört man, wenn man auf den Unterleib des Kranken klopft, einen Ton, welcher dem der Trommel gleicht (Perkussion!).Beim Anasarkableibt der Fingerdruck in der Haut längere Zeit bestehen. Die Kranken leiden gewöhnlich an Verdauungsstörungen, Husten mit unbedeutendem Auswurf, Oligurie, manchmal an Stuhlverstopfung oder Diarrhöe, stechenden Schmerzen im Unterleib, Fieber. Ueber die Punktion des Abdomens erwähnt Alexandros nichts, in seiner Therapie spielen Abführmittel, Diuretika, Sudorifera, Eisenpräparate und Carminativa neben äußeren Applikationen die Hauptrolle. Uebrigens warnt er vor Polypragmasie und läßt Blutentziehungen (bei Anasarka) nur mit Vorsicht vornehmen. Seereisen, mäßige Bewegung; in den späteren Stadien Bäder und Heilquellengebrauch, Luftveränderung, Zerstreuung.Krankheiten des Urogenitalsystems.Stranguriekann mit oder ohne Schmerzen verlaufen. Beschwerliche und schmerzhafte Harnentleerung deutet auf den Krankheitssitz in der Blase; enthält der Harn dabei Eiter, so sind Geschwüre der Blase vorhanden; sind die Schmerzen zwar mit Spannung, nicht aber mit dem Gefühl der Schwere verbunden, so befinden sich in der Blase aufblähende Gase. Wenn sich in der Gegend der Blase weder Schmerz, noch Geschwulst, noch Spannung zeigt, so hat das Leiden seinen Sitz in den Ureteren oder in der Niere. Therapie: urintreibende Arzneien, schweißerregende Dekokte, reichlicher Genußlauwarmen Wassers und Wein, warme Vollbäder, Thermen. Bei derNierenentzündungbesteht vermehrter Zufluß von abnorm zusammengesetztem Blute; wenn es zur Eiterung kommt, so nehmen Fieber und Schmerzen zu, und ohne jede äußere Veranlassung stellen sich Frostschauer und Fieberanfälle ein; beim Liegen auf der gesunden Seite empfindet der Kranke eine größere Schwere als früher, und jede Bewegung steigert den Schmerz. Der Urin enthält Blut und Eiter und verbreitet zuweilen einen üblen Geruch. Aus der Untersuchung des Harns versucht Alexandros den Sitz der Geschwüre festzustellen. Therapie: Aderlaß, Abführmittel, Diaphoretika, urintreibende Getränke, alkalische und säuretilgende Arzneien, Trinken von lauwarmem Wasser.Nierensteineentstehen am häufigsten nach fieberhafter Erhitzung (Entzündung) der Nieren. Zum Unterschied von der Kolik ist der Schmerz bei Nierensteinen heftiger, mehr umschrieben (hauptsächlich in der Lendengegend), im Urin zeigen sich grießähnliche, sandige Abgänge (aus deren Menge sich ein Schluß ziehen läßt, ob die Steine gänzlich oder nur zum Teile entfernt worden sind). Therapie: warme Bäder (protrahiert), erwärmende Einreibungen, Bähungen, Kataplasmen, ölige Klistiere, Diuretika, innerlicher Gebrauch von geronnenem Bocksblut, Opiate. Prophylaxe: Vermeidung von gepfefferten, stark gewürzten, dicken und breiartigen Speisen, Kuchen, harten Eiern, Milch, Käse, fettem Fleisch, vielem Stehen u. a.Blasensteineerfordern dieselbe Behandlung, auf die operative Behandlung geht Alexandros nicht ein[19]. Unter„Blasenkrätze”, gegen welche insbesondere Milchtrinken und Abführmittel verordnet werden, ist wohl dieCystitis chronicazu verstehen (Urin zeigt dicke Beschaffenheit und enthält kleienartige Schüppchen). „Gonorrhoe” ═ unwillkürliche Samenergießungen ist vorzugsweise durch Regelung der Lebensweise zu bekämpfen; gegen nächtliche Pollutionen wird empfohlen, Bleiplatten auf die Lenden zu legen, damit infolge des Druckes rechtzeitig das Erwachen erfolge.Priapismusentsteht, wenn sich das an Hohlräumen reiche Zeugungsglied des Mannes mit aufblähenden Gasen anfüllt. Therapie: Vermeidung von erhitzenden Speisen, kühlende Salben, Turnübungen, körperliche Anstrengungen.DemPodagraist das letzte Buch der Pathologie des Alexandros ausschließlich gewidmet. Es werden vier Formen unterschieden, je nach dem zu Grunde liegenden Krankheitsstoff; verdankt das Podagra z. B. der Galle seine Entstehung, so erscheint das Gelenk zwar gerötet, aber nicht geschwollen; bildet der Schleim die Ursache, so fehlt die Hitze und Röte, dagegen ist die Spannung und der Schmerz sehr bedeutend u. s. w. Wenn die Menge des Blutes die Schuld trägt, so sind Aderlässe angezeigt, welche auch schon aus prophylaktischen Gründen vorgenommen werden können. Zu den sonstigen Mitteln zählen starke Purgantien, schweißerregende Dekokte, urintreibende Arzneien, Narkotika, äußerlich, je nach Bedürfnis, kühlende Salben und Umschläge, ölige und vinöse Einreibungen, erwärmende Pflaster, Hautreize und Vesikantien (Senfpflaster, Kanthariden), Bähungen mit Salz, warme Bäder u. dgl. Von großem Wert ist die Regelung der Lebensweise (nicht zu kräftige Nahrung, Vermeiden sexueller Exzesse undAbstinenz vom Weingenuß), namentlich in Form der „zyklischen Kuren”, die mit dem Gebrauch von milden Abführmitteln an bestimmten Tagen verbunden waren[20].Dermatosen.Alopecie, Pityriasis, Achor und Favus werden beschrieben und im Sinne der Krasenlehre aufgefaßt. In der örtlichen Behandlung des Haarausfalles behaupten das Abrasieren der Haare an der erkrankten Stelle, Abwaschen der Kopfhaut, schwefelhaltige Präparate den Platz, unter den Bestandteilen von Haarfärbemitteln werden Galläpfel, Akazienextrakt, Rinde unreifer Nüsse und Eicheln, Rotwein, Myrrhen, Eisenhammerschlag, Kupfervitriol, Alaun, Bleifeile u. a. genannt. Gegen Pityriasis dienen fette Tonerde, Einreibungen mit Wein, Oel, gepulvertem Weihrauch, Waschungen mit Salzwasser.Augenkrankheiten.Der in dem Hauptwerk des Alexandros enthaltene Abschnitt über Augenleiden stellt eine Rezeptsammlung dar, mit spärlichem verbindendem Text; eine genauere Erörterung ist nur dem Karbunkel der Lider gewidmet. Die Therapie findet ihren Stützpunkt in der Krasenlehre. Mittel zur Stärkung des Sehvermögens enthalten Kupfer, Galmei, Pfeffer u. a. Die ebenfalls dem Alexandros zugeschriebene Augenheilkunde (herausgegeben und übersetzt in Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berlin 1886) ist bemerkenswert wegen der Unterscheidung der entzündlichen von der einfachenChemosisund wegen der Beschreibung zweier Lidgeschwülste, des„Emphysems”und desOedems. Am Schlusse des 1. Buches dieser Abhandlung finden sich interessante Bemerkungen über die Prädisposition zu Augenaffektionen. Es heißt unter anderem: „Trübungen des Sehvermögens und Glaukosis treffen ältere Personen und Blauäugige mehr, als Leute mit schwarzen Augen. ... Die Mydriasis befällt mit Vorliebe diejenigen, welche ziemlich große und schwarze Augen haben.... Wenn man kleine Dinge sehen will und sich Mühe gibt, starr darauf zu blicken, so entwickeln sich Entzündungen der Augen; ebenso werden Personen, welche sich beständig im Meere baden, in räucheriger Luft oder hauptsächlich in der Sonnenglut arbeiten und eine salzreiche Kost genießen, häufig von Augenleiden ergriffen.... Ferner erkranken solche, welche gern Bäder nehmen, reichlichem Geschlechtsgenuß frönen und in sehr heißen Orten, besonders in der Gegend des ägyptischen Theben, wohnen. Das angestrengte Lesen verursacht eine Disposition zu Augenleiden. Auch die Eisenarbeiter und Zimmerleute leiden sehr leicht an den Augen Schaden, die Läufer dagegen nicht....”Ohrenleiden.Ohrenschmerz, Ohrentzündung, Blutungen, Fremdkörper des Ohres, Ohrensausen, Schwerhörigkeit und Taubheit sind die bekannten Krankheitstypen. Die Therapie gründet sich im Wesen auf die Lehre von den Dyskrasien und zeichnet sich durch Sorgfalt und Vorsicht aus. Gegen Otalgie aus entzündlicher Ursache kommen Einspritzungen (mit Rosenöl, Opium, Bibergeil etc.), warme Bähungen, Räucherungen (Dämpfe, Wermutabsud), Kataplasmen, Narkotika und Aderlaß zur Anwendung. Bei Ohrkatarrh warnt Alexandros davor, sofort örtliche Mittel zu gebrauchen und empfiehlt statt dessen Bäder und Schröpfköpfe auf das Hinterhaupt. Blutungen werden, wenn sie anhalten, durch Einführung styptischer Medikamente (z. B. Galläpfelpulver) gestillt. Zur Entfernung von Fremdkörpern waren folgende Methoden gebräuchlich: die Ausspritzung, das Saugen mittels eines Rohres, das Herausziehen mit einem Ohrlöffel, der mit Wolle umwickelt und mit einem leimartigen Stoff bestrichen ist (bei der letztgenannten Methode wird Niesen erregt unddabei Mund und Nase geschlossen, damit die Luft den fremden Körper nach außen treibe). Ohrensausen soll durch blähende, dicke Luft und zähe, dicke Säfte im Innern des Ohres entstehen. Da die Schwerhörigkeit und Taubheit auf gallige oder zähe Säfte zurückgeführt wurde, so werden dagegen abführende, schleimentziehende und Niesemittel, Bädergebrauch etc. neben lokalen Einspritzungen empfohlen. Manche Aerzte, so erzählt Alexandros, haben auch die Arteriotomie vorgenommen,dem Kranken mit Hörnern ins Ohr geblasen und durch starke Geräusche das verlorene Gehör wiederherzustellen versucht. — Die Parotitis entstehen durch den Ueberfluß an unverdauten, dünnen und hitzigen oder dicken und kalten Säften. Therapie: Aderlaß, Kataplasmen von Leinsamen, erweichende Salben und Pflaster, kühle Umschläge etc.

Die in Puschmanns Ausgabe vorangestellte Abhandlungüber die Fieber, welche früher zum Hauptwerke als 12. Buch gerechnet wurde, bildet neben demselben eine eigene Schrift, dasselbe gilt von dem „Brief” über dieEingeweidewürmer(Puschmann II, 586-599). Alexandros gedenkt auch einer von ihm verfaßten Schrift über dieAugenkrankheiten, von der Puschmann zwei Bücher aufgefunden zu haben glaubte (Ausgabe und Uebersetzung in Berliner Studien f. klass. Philologie 1886, Bd. V, Heft 2, „Nachträge zu Alexander Trallianus”); neuerdings wurde aber die Ansicht ausgesprochen, daß dieses Fragment aus späterer Zeit stamme. Eine Abhandlung überKopfwundenundKnochenbrüche, welche Alexandros erwähnt, ist nicht auf uns gekommen. Mit Unrecht wurde Alexandros von Tralles früher auch zum Verfasser der Ἰατρικὰ ἀπορήματα καὶ φυσικὰ προβλήματα ═ärztliche Fragen und naturwissenschaftliche Probleme(ed. in Idelers Phys. et med. gr. minor.) gemacht, einer Schrift, welche jetzt gewöhnlich aufAlexandros von Aphrodisias(vgl. Bd. I, S. 386) zurückgeführt wird. In dieser Schrift kommen Fragen und Antworten (228) über alle möglichen Gegenstände der Natur- und Heilkunde vor; von Interesse ist es unter anderem, daß die Kontagiosität der Krätze, Schwindsucht und epidemischen Augenentzündung angeführt wird (Probl. lib. II, 42, vgl. hierzu Bd. I, S. 388).

DaAlexandros von Trallesausschließlich praktische Zwecke verfolgt, so berührt er nur gelegentlich die Anatomie und Physiologie, wobei er vorzugsweise die Angaben Galens wiederholt.

Allgemeine Pathologie.Von den eigentlichen Krankheitsursachen, die sich in der pathologischen Veränderung äußern, werden die Gelegenheitsmomente, wie z. B. Temperatureinflüsse, Diätfehler, Gemütsbewegungen etc., scharf gesondert. Bei der Entstehung der Krankheiten kommt der Krankheitsstoff (Lehre von den Dyskrasien), aber auch die Funktionsstörung der Lebenskräfte in Betracht. Die Beschaffenheit des Krankheitsstoffes beeinflußt den Charakter des Leidens. Es gibt lokale und allgemeine, primäre und sympathische Affektionen; die Symptome zerfallen in wesentliche und akzidentelle; in akuten Krankheiten sind drei Stadien ἀκμὴ, παρακμὴ, πέψις zu unterscheiden, die Kochung zeigt sich hauptsächlich durch die dunkle Färbung des Urins.Entzündungist durch Temperaturerhöhung bedingt, welche der vermehrte Zufluß von Blut resp. Schleim, gelber oder schwarzer Gallehervorruft; der Eiter, den man an der Farbe, an dem Geruch (beim Verbrennen), sowie daran erkennt, daß er sich im Wasser auflöst und nicht zu Boden fällt (im Gegensatz zum Schleim), entsteht ebenfalls durch Fluxion von Krankheitsstoffen.Fieberberuht auf abnormer Steigerung der eingepflanzten Wärme, wobei entweder das Pneuma oder die flüssigen oder die festen Teile betroffen werden.Blutungenkommen durch Ruptur, Erosionen oder „Anastomosen” der Gefäße zu stande. Manche Krankheiten führen bei längerer Dauer zur Entartung der Gewebe.

Diagnostik.Inspektion(Farbe der Haut, der Haare, des Auswurfs, der Exkrete),Palpation(Temperatur der Haut),Pulsuntersuchung(harter, schwacher, großer, kurzer, schmaler, kleiner, seltener, undeutlicher Puls),Beobachtung der Atmung und Atmungsgeräusche,Harnuntersuchung(Sedimente etc.); ferner kommen in Betracht dieGeschmacksempfindung des Kranken(bittere weist auf die Galle, salzige auf den Schleim, essigartige auf die schwarze Galle als Krankheitsstoff), die Wirkung der therapeutischen Verordnungen, die individuellen und allgemeinen Verhältnisse (Alter, Geschlecht, Konstitution, Jahreszeit, Gegend).

Allgemeine Therapie.Die Behandlung ergibt sich aus der Diagnose und hat in erster Linie die Beseitigung der Krankheitsursache anzustreben. Beobachtung dernatürlichen Heilbestrebungen, Beförderung derkritischen Ausleerungen; leitendes Prinzip der Therapie dasContraria contrariis. „Die Aufgabe des Arztes ist es, das Warme zu kühlen, das Kalte zu erwärmen, das Feuchte zu trocknen und das Trockene zu befeuchten.” Vermeidung der drastischen Kuren (z. B. reichliche und plötzliche Blutentziehung, starke Abführmittel, Arteriotomie, Kauterisation) und der Polypragmasie, Vorsicht beim Gebrauch der Narkotika, Rücksichtnahme auf die individuellen und ätiologischen Verhältnisse, Bevorzugung der hygienisch-diätetischen Behandlung, Prophylaxe.„Leider gibt es viele Leute, welche diejenigen Aerzte, die ihre Lust am Brennen und Schneiden haben, für tüchtiger halten als jene, die durch eine vernunftgemäße Diät die Heilung versuchen.”Die Wirkung der Heilmittel beruht auf den elementaren Eigenschaften, physikalischen Kräften, auf der spezifischen Organwirkung oder auf geheimen Kräften; sie zerfallen in kühlende, erhitzende, anfeuchtende, trocknende, verdünnende, verdickende, zusammenziehende, erschlaffende, ätzende, anziehende, zurückhaltende, ablenkende, metasynkritische, spezifische und Geheimmittel. Ratio und (noch mehr) Experimentum bedingen die Wahl der Arzneimittel; die zusammengesetzten bezwecken, gleichzeitig verschiedenen Indikationen zu entsprechen. Neben den Arzneien spielen diätetische Maßnahmen und Bäder (Mineralquellen, Thermen, Seebäder) eine sehr bedeutende Rolle. Der Aderlaß wird herkömmlich an den bekannten Prädilektionsstellen vorgenommen, doch ist die Stelle gleichgültig, da sich die Blutentziehung auf die ganze Blutmasse verteile.

Spezielle Pathologie und Therapie: Fieberlehre.Im wesentlichen vertritt Alexandros hinsichtlich der Pathologie der Fieberkrankheiten die gleichen Anschauungen wie die Vorgänger; bei jeder Fieberform wird die Genese und Symptomatologie (darunter Puls- und Harnbeschaffenheit) angegeben. Der Unterschied der kontinuierlichen Fieber von den intermittierenden ist darin begründet, daß die Krankheitsstoffe sich bei den ersteren innerhalb, bei letzteren aber außerhalb der Gefäße anhäufen und durch das Aufsteigen zur Haut Frost erregen. Die Quotidiana wird entweder durch die gelbe Galle oder aber durch den schwarzgalligen Saft (hefenartige Blutbeschaffenheit) hervorgerufen, der Milztumor schwillt nach starken Entleerungen rasch ab. In der Therapie der Fieber kommen Bäder, Einreibungen,diätetische Maßnahmen, außerdem aber je nach dem Falle Abführmittel, Schwitzmittel, Diuretika, bei Schlaflosigkeit Opiate, bei Schwäche Wein zur Verwendung.

Nervenleiden.Kopfschmerzkann die Folge von Säfteanomalien an Ort und Stelle sein oder im Verlauf von Magen-, Leber-, Milzkrankheiten, Fiebern vorkommen, oder durch übermäßigen Weingenuß, mechanische Gewalteinwirkung auf den Schädel veranlaßt werden.Chronischer Kopfschmerzentwickelt sich aus allgemeiner Plethora, Säfteanomalien des Kopfes, Erhitzung der Galle, Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit und Kummer. Als Symptom der Hirnhautentzündung ist der Kopfschmerz oft der Vorläufer von Krämpfen und Delirien, ja zuweilen eines plötzlichen Todes. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache.Hemikranieentsteht primär im Kopfe, wenn sich unreine Stoffe festsetzen, verdicken und in Gase umwandeln, oder sekundär durch Affektionen des Unterleibs. Die Behandlung hängt von den zu Grunde liegenden Dyskrasien ab, die bekämpft werden müssen, Venäsektion ist nur bei allgemeiner Plethora indiziert.Ohnmachtwird bei den verschiedensten Zuständen beobachtet, bei Fiebern, allgemeiner Schwäche, Diarrhöe, starker Schweißsekretion, Inanition, heftigen Gemütsbewegungen, Magen-, Darm-, Gebärmutterleiden etc. Namentlich scheinen Ohnmachten leicht vom „Magenmund” hervorgerufen zu werden, wenn derselbe nämlich durch schleimige und gallige Säfte affiziert ist. Therapie: Frottieren, Baden, Besprengen mit kaltem Wasser, Reizmittel, Luftzufuhr, Binden der Extremitäten, Wein, kräftigende Speisen, erwärmende Umschläge, Einreibungen, Diuretika.Apoplexiebesteht in der Aufhebung des Bewegungs- und Empfindungsvermögens.Paralysenberuhen darauf, daß entweder im Zentralorgan des Nervensystems oder in einzelnen peripheren Nerven Stockungen und Verstopfungen (durch die Säfte) auftreten. Ist das Gehirn beteiligt, so sind Hemiplegien oder Lähmungen der Nerven des Gesichtes zu erwarten. Therapie: Behebung der Säftestauung durch zyklische Stoffwechselkuren, durch Abführmittel, Venäsektion, Frottierungen, Bäder, Thermen; lokale Reizung der gelähmten Teile durch Applikation von Blutegeln, Skarifikation, Senfpflaster, Pechpflaster, aromatische Umschläge, Räucherungen etc.Epilepsiewird durch Verstopfung des Gehirns mit Schleim und schwarzer Galle hervorgerufen; es gibt drei Formen der Krankheit, je nachdem sie im Kopfe entsteht oder vom Magen oder einem anderen Körperteil ausgeht. Die Therapie richtet sich nach der Form der Epilepsie und nach dem Lebensalter des Kranken. Bei Kindern kommt vorzugsweise die erste Form vor. Handelt es sich um einen Säugling, so ist für gesunde und nahrhafte Milch Sorge zu tragen (Alexandros gibt vortreffliche Anleitungen für die Auswahl der Amme und für die Prüfung und Verbesserung der Milch), außerdem sind Bäder und Frottierungen anzuwenden. Bei älteren Kindern empfehlen sich Purgiermittel, Brechmittel. Bildet der Magen den Ausgangspunkt der Epilepsie, so ist für die Herstellung einer normalen Verdauung durch Abführmittel oder schleimlösende Mittel nebst entsprechender Diät zu sorgen. Macht sich eine Aura epileptica an der Peripherie des Körpers deutlich fühlbar — diese charakterisiert die dritte Form der Epilepsie — so verordnet Alexandros neben einer systematischen Purgierkur, die in seiner Therapie der Epilepsie die Hauptrolle spielt, örtliche Reize verschiedener Art an der Ausgangsstelle der Aura. Alle drastischen Maßnahmen, wie z. B. Blutentziehungen, Inzisionen der Kopfhaut, Kauterisation, Arteriotomie, Trepanationen etc. werden verworfen, hingegen wird der Diät, den Leibesbewegungen, dem Bädergebrauch und gewissen Vorbeugungsmitteln (z. B. Vermeidung scharfer Gerüche) große Bedeutung zuerkannt. Anhangsweise gibt Alexandros eine Uebersicht über die gebräuchlichstenWundermittelgegen Epilepsie, „damit der Arzt in der Lage sei, in jeder Weise seinen Kranken zu helfen”. Dieser Absatz ist aus den Schriften des Archigenes und anderer Autoren, sowie auch direkt aus der Volksmedizin geschöpft.

Psychosen.„Phrenitis”gilt als eine durch die Galle erzeugte Entzündung des Gehirns und seiner Häute. Die Behandlung wird mit einer Venäsektion eingeleitet, darauf folgen beruhigende Applikationen (z. B. Mischung von Essig mit Rosenöl) auf den Kopf, Schlafmittel („denn der Schlaf ist das einzige und beste Heilmittel des Wahnsinns”), eventuell lauwarme Bäder, Frottierungen; Weingenuß kann denen, welche daran gewöhnt sind, gestattet werden; zur Nahrung empfehlen sich hauptsächlich schleimige Getränke und Suppen; Sorge für gesunde Wohnungsverhältnisse (Licht, Luft) und Ruhe (Besuche nur in beschränktem Maße und nur von vertrauten Freunden).„Lethargos”, eine durch Schleimanhäufung im Gehirn verursachte Geisteskrankheit, die mit Schwäche und Somnolenz einhergeht, erfordert kühlende und reizende Mittel, ganz besonders angemessen ist aber der interne und externe Gebrauch von Bibergeil. BeiKarosist eine ähnliche Behandlungsweise am Platze; der Sitz dieser Krankheit ist im vorderen Teile des Gehirns zu suchen.Melancholieist nach Alexandros ein Krankheitsbegriff, der nicht bloß die gewöhnlich darunter verstandene Geistesaffektion, sondern auch Tobsucht, Wahnsinn, Verrücktheit und manche Fälle von Stumpfsinn in sich schließt. Die Krankheitsursache ist in einer schlechten Beschaffenheit des Blutes (zu große Menge oder schädliche Beimengungen von galligen, scharfen, schwarzgalligen Stoffen) zu suchen; die zum Gehirn aufsteigenden Dämpfe trüben das πνεῦμα ψυχικόν und erregen Wahnvorstellungen. Die (sehr eingehend besprochene) Therapie besteht in angemessener Diät, Bädern, Abführmitteln (der weißen Nieswurz wird der „armenische Stein” vorgezogen), Sorge für Ruhe, Schlaf; zuweilen bringt die psychische Heilmethode Erfolge (Eingehen auf die Wahnideen)[16], desgleichen Ortsveränderung, Reisen, Theaterbesuch, gesellige Unterhaltungen und leichte Beschäftigung.Manieist eine zur Tobsucht gesteigerte Melancholie.

Krankheiten des Respirationssystems.Anginawird mit Gurgelwässern (schwach adstringierende Pflanzensäfte, später alkalinische Substanzen), Umschlägen, bei Vollblütigen auch mit Aderlaß (an den Venae sublinguales oder Venae jugulares), Abführmitteln behandelt.Hustenkann als Symptom verschiedenartige Krankheiten begleiten, und bald von diesem, bald von jenem Organ ausgehen. Die Therapie hat sich nach der zu Grunde liegenden Dyskrasie zu richten, die besten Erfolge bringen die (nur mit Vorsicht anzuwendenden) Opiumpräparate, Räucherungen (mit Weihrauch, Bibergeil, verschiedenen ätherischen Harzen etc.), ölige Einreibungen auf der Brust. In den zahlreichen Rezepten, die Alexandros anführt, nehmen Storax, Myrrhe, Anis, Terpentin, Bibergeil, Süßholz, Schwefel die wichtigste Stelle ein. Je nachdem dieHämoptoëvon einer Ruptur oder aber von einer Erosion der Gefäße herrührt, ist die Therapie des Bluthustens mit einem Aderlaß (an der Ellenbogenvene und am Fußknöchel) einzuleiten (3 Stunden nachher) oder aber davon abzusehen, außerdem kommen kühle (adstringierende) Getränke, kalte Brustumschläge, blande Diät, Ruhe, Milchkur, von Arzneimitteln der Blutstein in Betracht. Ueber die BehandlungderPneumoniefindet sich bei Alexandros wenig. Zu den diagnostischen Methoden, die Existenz einesEmpyemsnachzuweisen, gehört in erster Linie dasSukkussionsgeräusch. „Wenn der Eiter in der Brust sitzt, so läßt sich dies sowohl aus manchen anderen Erscheinungen, als auch besonders aus dem Gefühl der Schwere in dem betreffenden Teile der Brust, sowie daraus schließen,daß man bei plötzlichen Wendungen des Kranken ein Rauschen hört.” Therapie: Regelung der Diät, Hebung des Kräftezustandes, ätherische Harze. In der Behandlung derPhthiseist die zweckmäßige Ernährung (verdauliche, kräftige Nahrung), der fortgesetzte Milchgenuß (Eselstutenmilch), der Gebrauch der Heilquellen das wichtigste, außerdem wirken Luftveränderung und Seereisen sehr günstig.Pleuritis(Entzündung der die Rippen bekleidenden Haut, zum Unterschiede vom Seitenschmerz) ist mit heftigem Fieber, stechenden Schmerzen, Atembeschwerden und Husten verbunden. Die Intensität des Fiebers bei diesem Leiden ist von der Nähe des Herzens herzuleiten. Die Farbe des Sputums läßt den Krankheitsstoff erkennen, rotes deutet auf das Blut, goldgelbes auf die gelbe Galle, weißes und klebriges auf den Schleim, schwarzes auf die schwarze Galle. In den ersten Stadien und bei manchen Formen der Pleuritis fehlt der Auswurf. Bei der Differentialdiagnose gegenüber manchen Leberleiden mit ähnlichen Symptomen ist zu beachten, daß letzteren der stechende Charakter der Schmerzen, die Härte des Pulses, der mit reichlichem Auswurf verbundene heftige Husten mangelt. Die Gesichtsfarbe des Leberkranken ist bleicher als diejenige, die man bei Pleuritikern beobachtet. Verschaffen Bähungen den Kranken Erleichterung, so genügen diese allein zur Zerteilung des Krankheitsstoffes; wo dies nicht der Fall, greife man zu Abführmitteln oder zum Aderlaß (jedoch nicht ohne dringende Notwendigkeit!). Statt der Venäsektion empfiehlt es sich oft nur blutige Schröpfköpfe anzuwenden. Außerdem sind äußerlich warme Bähungen, Auflegen von Schwämmen (die in laues Wasser getaucht sind), Kataplasmen, erweichende Pflaster und Salben, innerlich schleimige Dekokte, Honiglimonade angezeigt. Leichtverdauliche Nahrung, Opiate nur bei gefahrdrohender Schlaflosigkeit.

Krankheiten des Digestionsapparates.Alexandros erörtert eingehend die Ursachen, welche den „Magenmund” (Stomachos, Kardia) so häufig zum Ausgangspunkt von Krankheiten machen (vgl. hierzu Galenos) und schildert dieSymptomatik der Magenaffektionen. Appetitlosigkeit beruht auf der zu großen Menge oder auf der abnormen Mischung der Säfte, die sich im Magen ansammeln, Heißhunger ist auf die kalte Dyskrasie des Magens, die Erhitzung des Magenmundes und die Schwäche der hemmenden Kraft des Magens zurückzuführen, übermäßiger Durst ist eine Folge der Dyskrasien oder verdorbener Magensäfte, Erbrechen wird durch Ansammlung schädlicher Stoffe verursacht, die sich entweder nur im Magen oder im ganzen Körper bilden, Singultus[17]entsteht durch die Schärfe, seltener durch die Trockenheit des Mageninhalts, Auftreibung des Magens tritt dann auf, wenn Gase (aus unverdauten Speisen) keinen Ausweg finden. Die Therapie, welche empfohlen wird, ist im Sinne der Krasenlehre eine kausale; so kommen je nach der Indikation bald erwärmende und trocknende, bald kühlende und adstringierende, bald reizende oder stärkende Arzneien in Betracht, abgesehen von den ausleerenden Mitteln. Die angeführten Krankheitserscheinungen zeigen sich bei derEntzündung des Magens. Alexandros ist der letzte Autor, welcher eine Schilderung des viel umstrittenen „Morbus cardiacus” (καρδιακὴ διάθεσις) entwirft; nach seiner Ansicht wäre die bisweilen tödlich verlaufende Affektion eine Folge der Anhäufung ätzender und giftiger Säfte im Magenmunde.Kolikwird durch kalte, dicke, schleimige oder durch heiße und gallige Säfte, die sich im Dickdarm ansammeln, hervorgebracht, kann sich aber auch sekundär aus Affektionen benachbarter Organe (Entzündungen der Nieren, Leber, Milz, Blase etc.) entwickeln. Auch die differentialdiagnostischen Charakteristika der Kolik gegenüber anderen, namentlich Nierenleiden, werden ausführlich entwickelt. Zu den wichtigsten Heilmitteln gehören: warme Bähungen des Unterleibes, Kataplasmen, ölige Einreibungen, Frottierungen, warme Sitzbäder, Trinken von schwefelhaltigen Mineralwässern, warme Klistiere, Einblasungen von Luft in den After („Schlauchkur”) mit nachfolgendem Klistier, Purgier-, Brechmittel und Carminativa, Opiate nur bei unerträglichen Schmerzen und sehr geschwächten Kranken[18]. Als eine im Verlaufe einer Kolik auftretende Erscheinung betrachtet Alexandros denIleus. Von der„Cholera”, welche sich in Erbrechen und Diarrhöen äußere und auf vollständiger Umwälzung des Magens beruhe, unterscheidet er vier Formen, wobei nicht bloß Fälle der Cholera nostras, sondern schon leichtere Magendarmaffektionen mitgezählt werden; unter den Schädlichkeiten, die krankheitserregend wirken können, ist auch der Genuß von Wassermelonen erwähnt. Gegen das Erbrechen wird ein Dekokt von Gartenminze verordnet, bei Kälte der Extremitäten sollen Reibungen mit erwärmten Händen, Umwickelungen, heiße Bäder u. dgl. vorgenommen werden, äußerlich kommen in der Magengegend aromatische, erwärmende Applikationen, auf den Leib trockene Schröpfköpfe zur Anwendung. DieRuhr, deren Krankheitsbild mit Naturtreue entworfen wird, kann primär oder sekundär im Darm entstehen, im letzteren Falle gehen Affektionen der Leber („Leberruhr”), der Milz, der Mesenterialgefäße etc. voraus. Vom Sitz der Geschwüre hängt der klinische Verlauf ab. Wenn die oberen Partien des Dünndarms ergriffen sind, so treten erst einige Stunden nach heftigen Leibschmerzen dünne, hautartige, bluthaltige Entleerungen auf; tiefer gelegene Geschwüre bewirken früher mit einer geringen Beimischung von Eiter versehene Stuhlgänge; Geschwüre im Dickdarm machen Schmerzen in der unteren Bauchgegend, Tenesmus und fleischartige Entleerungen; solche im Mastdarm nur Tenesmus und blutige Ausscheidungen. Die sogenannte Leberruhr ist darauf zurückzuführen, daß infolge der geschwächten Leberfunktion Diarrhöen hervorgerufen werden, welche schließlich zur Bildung von Darmgeschwüren Anlaß geben. Bei der Behandlung ist auf den Sitz der Geschwüre und auf den Grad der Diarrhöe Rücksicht zu nehmen, eventuell auf den Ausgangspunkt des Leidens. Sitzen die Geschwüre im oberen Darmabschnitt, so werden die Heilmittel durch den Mund, sonst durch den After eingeführt. Starke Diarrhöen indizieren den Gebrauch von schleimigen und stopfenden Dekokten, adstringierenden Pflanzensäften, Opiaten, Pillen aus Arsenik, Sandarach, Opium u. dgl., Galläpfelpulver. Stuhlzäpfchen, Klistiere aus schleimigen, adstringierenden und narkotischen Substanzen, erwärmende Umschläge, Salben, Pflaster und Einreibungen ergänzen den Heilapparat, abgesehen von zweckentsprechender Diät.

VonEingeweidewürmernzählt Alexandros drei Arten auf, in denen die Oxyuris vermicularis, der Ascaris lumbricoides und die Taenia zu erkennen sind. Die Symptomatologie wird treffend geschildert, auch der Wanderung der Askariden in den Magen gedacht. In einem Falle beobachtete man eine Taenia von 16 Fuß Länge. Die Entstehung der Würmer erkläre sich aus der Zersetzung der genossenen Speisen oder aus der Fäulnis der unverdauten Säfte des Magens. Zur Abtreibung der Bandwürmer und runden Würmer dienen die Blüten und Samen des Granatbaumes, Farnkrautwurzel, Wurmkraut, die Samen von Heliotropium europaeum, Scammonium, schwarze Nieswurz, Ysop, Rizinusöl, Myrtenblätter u. a. m. Gegen die runden Würmer noch speziell Dekokt aus Artemisia maritima, Koriandersamen, Thymian; gegen die dünnen kleinen Würmer Klistiere (Kamillentee, ätherische Oele), abführende Mittel (Wermut, Knoblauch, Kümmel, Aloë u. a.). DieLeberleidenzerfallen in dieEntzündung,VerstopfungundSchwächeder Leber. Alexandros bemüht sich die diagnostischen Merkmale der verschiedenen Leberentzündungen (der Häute, der konvexen, der konkaven Seite) festzustellen, schildert die Symptomatologie (darunter Schmerzqualität, Hautverfärbung, Magen-Darmsymptome, Hustenanfälle) und kennt den Ausgang in Verhärtung oder Eiterung. Die Behandlung wird mit dem Aderlaß eingeleitet, sodann folgen, abgesehen von äußerlichen Applikationen, Diuretika, Sudorifera, Emetika und Laxantia. Die Verstopfung der Leber zeigt ähnliche Symptome, aber milderen Grades und verläuft ohne Fieber. Die Leberschwäche ist die Folge einer Dyskrasie. Bei der heißen Dyskrasie beobachtet man großen Durst, rauhe Zunge, Trockenheit der Haut, gallige, grünspanartige Massen im Erbrochenen, psychische Verstimmung; bei der kalten wenig Durst, schwarzen Stuhl, keinen galligen Auswurf, sauren Geschmack im Munde; bei der trockenen Dyskrasie Steigerung des Durstgefühles, Trockenheit des Körpers, spärlichen und dicken Stuhl; bei der feuchten keinen Durst, feuchte Zunge, Diarrhöen. Die Ursache derWassersuchtsucht Alexandros in einer Funktionsstörung der Leber, wodurch die Nahrung nicht in Blut, sondern in Wasser (Askites), Schleim (Anasarka) oder Gase (Tympania) umgewandelt wird. Beim Askites bewegt sich die in der Bauchhöhle befindliche Flüssigkeit wie in einem Schlauch umher, wenn der Kranke die Lage verändert (Fluktuation!).Bei der Tympania hört man, wenn man auf den Unterleib des Kranken klopft, einen Ton, welcher dem der Trommel gleicht (Perkussion!).Beim Anasarkableibt der Fingerdruck in der Haut längere Zeit bestehen. Die Kranken leiden gewöhnlich an Verdauungsstörungen, Husten mit unbedeutendem Auswurf, Oligurie, manchmal an Stuhlverstopfung oder Diarrhöe, stechenden Schmerzen im Unterleib, Fieber. Ueber die Punktion des Abdomens erwähnt Alexandros nichts, in seiner Therapie spielen Abführmittel, Diuretika, Sudorifera, Eisenpräparate und Carminativa neben äußeren Applikationen die Hauptrolle. Uebrigens warnt er vor Polypragmasie und läßt Blutentziehungen (bei Anasarka) nur mit Vorsicht vornehmen. Seereisen, mäßige Bewegung; in den späteren Stadien Bäder und Heilquellengebrauch, Luftveränderung, Zerstreuung.

Krankheiten des Urogenitalsystems.Stranguriekann mit oder ohne Schmerzen verlaufen. Beschwerliche und schmerzhafte Harnentleerung deutet auf den Krankheitssitz in der Blase; enthält der Harn dabei Eiter, so sind Geschwüre der Blase vorhanden; sind die Schmerzen zwar mit Spannung, nicht aber mit dem Gefühl der Schwere verbunden, so befinden sich in der Blase aufblähende Gase. Wenn sich in der Gegend der Blase weder Schmerz, noch Geschwulst, noch Spannung zeigt, so hat das Leiden seinen Sitz in den Ureteren oder in der Niere. Therapie: urintreibende Arzneien, schweißerregende Dekokte, reichlicher Genußlauwarmen Wassers und Wein, warme Vollbäder, Thermen. Bei derNierenentzündungbesteht vermehrter Zufluß von abnorm zusammengesetztem Blute; wenn es zur Eiterung kommt, so nehmen Fieber und Schmerzen zu, und ohne jede äußere Veranlassung stellen sich Frostschauer und Fieberanfälle ein; beim Liegen auf der gesunden Seite empfindet der Kranke eine größere Schwere als früher, und jede Bewegung steigert den Schmerz. Der Urin enthält Blut und Eiter und verbreitet zuweilen einen üblen Geruch. Aus der Untersuchung des Harns versucht Alexandros den Sitz der Geschwüre festzustellen. Therapie: Aderlaß, Abführmittel, Diaphoretika, urintreibende Getränke, alkalische und säuretilgende Arzneien, Trinken von lauwarmem Wasser.Nierensteineentstehen am häufigsten nach fieberhafter Erhitzung (Entzündung) der Nieren. Zum Unterschied von der Kolik ist der Schmerz bei Nierensteinen heftiger, mehr umschrieben (hauptsächlich in der Lendengegend), im Urin zeigen sich grießähnliche, sandige Abgänge (aus deren Menge sich ein Schluß ziehen läßt, ob die Steine gänzlich oder nur zum Teile entfernt worden sind). Therapie: warme Bäder (protrahiert), erwärmende Einreibungen, Bähungen, Kataplasmen, ölige Klistiere, Diuretika, innerlicher Gebrauch von geronnenem Bocksblut, Opiate. Prophylaxe: Vermeidung von gepfefferten, stark gewürzten, dicken und breiartigen Speisen, Kuchen, harten Eiern, Milch, Käse, fettem Fleisch, vielem Stehen u. a.Blasensteineerfordern dieselbe Behandlung, auf die operative Behandlung geht Alexandros nicht ein[19]. Unter„Blasenkrätze”, gegen welche insbesondere Milchtrinken und Abführmittel verordnet werden, ist wohl dieCystitis chronicazu verstehen (Urin zeigt dicke Beschaffenheit und enthält kleienartige Schüppchen). „Gonorrhoe” ═ unwillkürliche Samenergießungen ist vorzugsweise durch Regelung der Lebensweise zu bekämpfen; gegen nächtliche Pollutionen wird empfohlen, Bleiplatten auf die Lenden zu legen, damit infolge des Druckes rechtzeitig das Erwachen erfolge.Priapismusentsteht, wenn sich das an Hohlräumen reiche Zeugungsglied des Mannes mit aufblähenden Gasen anfüllt. Therapie: Vermeidung von erhitzenden Speisen, kühlende Salben, Turnübungen, körperliche Anstrengungen.

DemPodagraist das letzte Buch der Pathologie des Alexandros ausschließlich gewidmet. Es werden vier Formen unterschieden, je nach dem zu Grunde liegenden Krankheitsstoff; verdankt das Podagra z. B. der Galle seine Entstehung, so erscheint das Gelenk zwar gerötet, aber nicht geschwollen; bildet der Schleim die Ursache, so fehlt die Hitze und Röte, dagegen ist die Spannung und der Schmerz sehr bedeutend u. s. w. Wenn die Menge des Blutes die Schuld trägt, so sind Aderlässe angezeigt, welche auch schon aus prophylaktischen Gründen vorgenommen werden können. Zu den sonstigen Mitteln zählen starke Purgantien, schweißerregende Dekokte, urintreibende Arzneien, Narkotika, äußerlich, je nach Bedürfnis, kühlende Salben und Umschläge, ölige und vinöse Einreibungen, erwärmende Pflaster, Hautreize und Vesikantien (Senfpflaster, Kanthariden), Bähungen mit Salz, warme Bäder u. dgl. Von großem Wert ist die Regelung der Lebensweise (nicht zu kräftige Nahrung, Vermeiden sexueller Exzesse undAbstinenz vom Weingenuß), namentlich in Form der „zyklischen Kuren”, die mit dem Gebrauch von milden Abführmitteln an bestimmten Tagen verbunden waren[20].

Dermatosen.Alopecie, Pityriasis, Achor und Favus werden beschrieben und im Sinne der Krasenlehre aufgefaßt. In der örtlichen Behandlung des Haarausfalles behaupten das Abrasieren der Haare an der erkrankten Stelle, Abwaschen der Kopfhaut, schwefelhaltige Präparate den Platz, unter den Bestandteilen von Haarfärbemitteln werden Galläpfel, Akazienextrakt, Rinde unreifer Nüsse und Eicheln, Rotwein, Myrrhen, Eisenhammerschlag, Kupfervitriol, Alaun, Bleifeile u. a. genannt. Gegen Pityriasis dienen fette Tonerde, Einreibungen mit Wein, Oel, gepulvertem Weihrauch, Waschungen mit Salzwasser.

Augenkrankheiten.Der in dem Hauptwerk des Alexandros enthaltene Abschnitt über Augenleiden stellt eine Rezeptsammlung dar, mit spärlichem verbindendem Text; eine genauere Erörterung ist nur dem Karbunkel der Lider gewidmet. Die Therapie findet ihren Stützpunkt in der Krasenlehre. Mittel zur Stärkung des Sehvermögens enthalten Kupfer, Galmei, Pfeffer u. a. Die ebenfalls dem Alexandros zugeschriebene Augenheilkunde (herausgegeben und übersetzt in Puschmanns „Nachträge zu Alexander Trallianus”, Berlin 1886) ist bemerkenswert wegen der Unterscheidung der entzündlichen von der einfachenChemosisund wegen der Beschreibung zweier Lidgeschwülste, des„Emphysems”und desOedems. Am Schlusse des 1. Buches dieser Abhandlung finden sich interessante Bemerkungen über die Prädisposition zu Augenaffektionen. Es heißt unter anderem: „Trübungen des Sehvermögens und Glaukosis treffen ältere Personen und Blauäugige mehr, als Leute mit schwarzen Augen. ... Die Mydriasis befällt mit Vorliebe diejenigen, welche ziemlich große und schwarze Augen haben.... Wenn man kleine Dinge sehen will und sich Mühe gibt, starr darauf zu blicken, so entwickeln sich Entzündungen der Augen; ebenso werden Personen, welche sich beständig im Meere baden, in räucheriger Luft oder hauptsächlich in der Sonnenglut arbeiten und eine salzreiche Kost genießen, häufig von Augenleiden ergriffen.... Ferner erkranken solche, welche gern Bäder nehmen, reichlichem Geschlechtsgenuß frönen und in sehr heißen Orten, besonders in der Gegend des ägyptischen Theben, wohnen. Das angestrengte Lesen verursacht eine Disposition zu Augenleiden. Auch die Eisenarbeiter und Zimmerleute leiden sehr leicht an den Augen Schaden, die Läufer dagegen nicht....”

Ohrenleiden.Ohrenschmerz, Ohrentzündung, Blutungen, Fremdkörper des Ohres, Ohrensausen, Schwerhörigkeit und Taubheit sind die bekannten Krankheitstypen. Die Therapie gründet sich im Wesen auf die Lehre von den Dyskrasien und zeichnet sich durch Sorgfalt und Vorsicht aus. Gegen Otalgie aus entzündlicher Ursache kommen Einspritzungen (mit Rosenöl, Opium, Bibergeil etc.), warme Bähungen, Räucherungen (Dämpfe, Wermutabsud), Kataplasmen, Narkotika und Aderlaß zur Anwendung. Bei Ohrkatarrh warnt Alexandros davor, sofort örtliche Mittel zu gebrauchen und empfiehlt statt dessen Bäder und Schröpfköpfe auf das Hinterhaupt. Blutungen werden, wenn sie anhalten, durch Einführung styptischer Medikamente (z. B. Galläpfelpulver) gestillt. Zur Entfernung von Fremdkörpern waren folgende Methoden gebräuchlich: die Ausspritzung, das Saugen mittels eines Rohres, das Herausziehen mit einem Ohrlöffel, der mit Wolle umwickelt und mit einem leimartigen Stoff bestrichen ist (bei der letztgenannten Methode wird Niesen erregt unddabei Mund und Nase geschlossen, damit die Luft den fremden Körper nach außen treibe). Ohrensausen soll durch blähende, dicke Luft und zähe, dicke Säfte im Innern des Ohres entstehen. Da die Schwerhörigkeit und Taubheit auf gallige oder zähe Säfte zurückgeführt wurde, so werden dagegen abführende, schleimentziehende und Niesemittel, Bädergebrauch etc. neben lokalen Einspritzungen empfohlen. Manche Aerzte, so erzählt Alexandros, haben auch die Arteriotomie vorgenommen,dem Kranken mit Hörnern ins Ohr geblasen und durch starke Geräusche das verlorene Gehör wiederherzustellen versucht. — Die Parotitis entstehen durch den Ueberfluß an unverdauten, dünnen und hitzigen oder dicken und kalten Säften. Therapie: Aderlaß, Kataplasmen von Leinsamen, erweichende Salben und Pflaster, kühle Umschläge etc.


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