[1]Seine Vorschriften fußen zum großen Teile auf den mosaischen, unterscheiden sich aber dadurch, daß manches vereinfacht oder den örtlichen Verhältnissen angepaßt ist, wodurch oft vernünftige Erleichterungen, manchmal aber auch hygienische Rückschritte erzielt wurden. Eine große Tat war das, sonst in keinem Religionssystem mit solcher Strenge ausgesprocheneVerbot, berauschende Getränke zu genießen. — Merkwürdigerweise ist eine der wichtigsten Zeremonien des Islam, die Beschneidung, im Koran (im buchstäblichen Sinne) gar nicht erwähnt.[2]In der Krankheitsätiologie des Koran spielen jedenfalls neben rationellen Momenten auch Satan und Dämonen eine wichtige Rolle.[3]Widerraten ist das Schröpfen in der Nackengegend, weil es den Verlust des Gedächtnisses, das im hinteren Teile des Gehirns seinen Sitz habe, nach sich ziehe.[4]Als ein Kranker dem Propheten gegenüber den Wunsch äußerte, Schweinefleisch zu essen, gestattete es dieser und sagte: „Wenn ein Kranker irgend etwas begehrt, muß man es ihm verschaffen.”[5]Der Umstand, daß Muhammed selbst einen Ungläubigen zum Arzte genommen und denselben empfohlen hatte(vgl. S. 143),erleichterte der wissenschaftlichen Medizin außerordentlich das frühzeitige Eindringen in die Länder des Islam.[6]In der Glanzzeit soll Bagdad 2 Millionen Einwohner gehabt haben. Die Stadt war mit prächtigen, im Innern luxuriös eingerichteten, Palästen geschmückt; in der Umgebung gab es Villen, Tiergärten etc.[7]So wie Bagdad in politischer Hinsicht Damaskus in den Hintergrund drängte, so überstrahlte es bald auch in Bezug auf das wissenschaftliche Leben die bisherigen Pflegestätten Basra und Kufa.[8]Die Uebersetzungen wurden oftmals erneuert; in dem Maße, als man auf das Original zurückging, und die arabische Sprache durch wissenschaftliche Technizismen bereichert wurde, schwand die anfängliche Fehlerhaftigkeit.[9]Die wichtigsten der übersetzten philosophischen Autoren waren: Aristoteles, Platon, Theophrastos, Nikolaos von Damaskos, Alexandros von Aphrodisias, Plotinos, Porphyrios, Themistios, Jamblichos, Proklos. Die Mathematiker und Physiker sind besonders repräsentiert durch Euklid, Archimedes, Apollonios von Pergae, Diophantos, Pappos, die Astronomen durch Hipparchos und Ptolemaios.[10]Beispielsweise befand sich von den anatomischen Schriften Galens weit mehr im Besitze der Araber, als auf uns gekommen ist. Die kolossale Lücke im Original der ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις Bücher IX-XV wird nur durch die arabische Uebersetzung ausgefüllt. Seit kurzem liegt uns dieselbe in deutscher Uebertragung vor: Sieben Bücher Anatomie des Galen, zum ersten Male veröffentlicht nach den Handschriften einer arabischen Uebersetzung des 9. Jahrh. n. Chr., ins Deutsche übertragen und kommentiert von Dr. med. Max Simon, 2 Bde., Leipzig 1906. Es bedarf keines besonderen Hinweises, wie sehr diese verdienstvolle Publikation unsere bisherigen Kenntnisse über die galenische Anatomie erweitert.[11]Der hervorragende Bildungssinn dieses Kalifen, dem im Gegensatze zu seinen Vorgängern al-Mansur und Harun neronische Anlagen fremd waren, steht vielleicht damit im Zusammenhang, daß er als Sohn einer Perserin geboren wurde.[12]Als Uebersetzer wird z. B. der indische Arzt Manka genannt, der den Kalifen Harun ar-Raschid erfolgreich behandelte.[13]Der glänzendste Repräsentant der Polyhistorie war im 9. Jahrhundert der „arabische Philosoph”al-Kindi.[14]Unter dem Kalifen al-Mamun wurde das rationalistische (auch die Atomenlehre vertretende) System der Mutaziliten sogar staatlich anerkannt.[15]Der im Abendlande unter diesem Namen bekannte Großmeister der Alchemie hießDschabir ben Hajjan es-Sufiund lebte um die Mitte des 8. Jahrhunderts in Kufa; er stammte vielleicht aus dem Kreise der Sabier (Harran) und war Schüler des sechsten Imam der Aliden Dschafer es-Sadik, welcher sich wegen seiner Kenntnisse in der Astrologie, Alchemie etc. großen Ruf erworben hatte.[16]Es sei hier nur erwähnt, daß unter al-Mamun die Messung eines Breitengrades zur Bestimmung des Erdumfangs ausgeführt worden ist.[17]Bücherliebhaberei gehörte zu den noblen Passionen, es gab eigene Büchermärkte, und nicht wenige, welche Neigung und den nötigen Fonds besaßen, legten sich Privatbibliotheken an, die zuweilen hinter den öffentlichen nicht gar weit zurückgeblieben sein sollen.[18]Gute Straßen, Brücken, Karawanen, Herbergen, Brunnen etc., begünstigten das Verkehrsleben im ganzen Reiche; die Aufhebung der Binnenzölle gewährleistete Freizügigkeit. Für die Schiffahrt wurde durch Hafenanlagen gesorgt.Der Reisedrang, durch die gewaltige Ausdehnung der arabischen Herrschaft angeregt, war sehr verbreitet, er entsprang nicht bloß religiösen Momenten (Pilgerzüge) oder Handelsinteressen, sondern auch reiner Wißbegierde. Soll doch schon ein Ausspruch Muhammeds gelautet haben: „Wer sein Haus verläßt, um der Wissenschaft nachzuforschen, der wandelt auf dem Pfade Gottes bis zu seiner Heimkunft.” Das Bewußtsein, überall im weiten Reiche auf Kenntnis der arabischen Sprache, auf Gesinnungsgenossen, auf gastfreundliche Aufnahme rechnen zu können, ließ auch die weitesten Entfernungen überwinden, wenn es galt, neue Kenntnisse zu erwerben, berühmte Lehrer zu hören. „Durchwanderer aller Zonen” war ein Ehrentitel. Ganz besonders kam dieser wissenschaftliche Reisetrieb der Erdkunde zu gute — einem Gebiete, auf welchem die Araber wahrhaft Großes geleistet haben. Der vollendetste Typus eines solchen Forschungsreisenden, der durch Beobachten und Nachfragen, nicht durch Traditionsglauben und reine Vernunftschlüsse das Leben seiner Zeit kennen lernen wollte, war der Geograph Makdisi (10. Jahrhundert), welcher nur Selbstgeschautes beschrieb und sein Wanderleben folgendermaßen schildert: Ich habe allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin als Prediger aufgetreten und habe von dem Minarette der Moscheen den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten Sitzungen und frommen Uebungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis, Brei mit den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Ich ging mit den Einsiedlern des Libanon um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe. Kriege habe ich mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion in den Kerker geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloß ich mich wieder einer Räuberbande an und saß als Kleinhändler auf dem Markte.[19]Ein Fürst beneidete den anderen um besonders hervorragende Gelehrte; manche von diesen zogen bald flüchtig, bald unter sicherem Geleit von Hof zu Hof.[20]Wie ein Symbol nimmt es sich aus, daß er auf spanischem Boden die erste Palme pflanzte — ein Ereignis, das in einer, von ergreifender Sehnsucht nach Bagdad erfüllten, Elegie verherrlicht wurde.[21]Unter den Geschenken, welche diese Gesandtschaft überbrachte, befand sich auch ein Exemplar des Dioskurides. Auf Wunsch des Kalifen kam der gelehrte Mönch Nikolaos nach Cordoba und besorgte eine Uebersetzung dieses Autors.[22]Beispielsweise leistete Abu Jusuf Chisdai ibn Schaprut, welcher unter Abdarrahman III. und seinem Nachfolger als Finanzminister fungierte, sehr wichtige Dienste bei der unter Leitung des Mönches Nikolaos angefertigten Dioskuridesübersetzung.[23]Im Auftrage Hakims stellte Ibn Junis berühmt gewordene Sterntafeln her.[24]Das Arabertum, dessen Wehrkraft gesunken war, wurde im Staatsleben im Westen von den Berbern, im Osten von Söldnern (Seldschuken, Mameluken) zurückgedrängt. Steuerdruck, unaufhörliche Kriege, Seuchen etc. vernichteten den Wohlstand.[25]Die Angriffe von seiten der abendländischen Welt (Kreuzzüge) erregten begreiflicherweise allmählich religiöse Intoleranz und nährten die Orthodoxie.[26]Als längst die Blüte vorbei war, besaß Bagdad noch 36 Bibliotheken, in Merw bestanden um 1200 zehn, von denen eine 12000 Bände zählte.[27]In Persien bestanden Wissenschaft und Literatur sogar während der Mongolenherrschaft fort. Sogar der blutige Hulagu gründete eine großartige Sternwarte in Meraga.[28]Der Sprachschatz der europäischen Völker und der europäischen Wissenschaft enthält eine Fülle von Worten, welche auf die arabische Kultur und ihre weitreichenden, nachhaltigen Einflüsse hindeuten. Hierher gehören nicht nur zahlreiche Bezeichnungen der Astronomie, Mathematik, Chemie, Pharmazie, des Seewesens, des Handelsrechts u. s. w., sondern auch viele Namen von Genußmitteln, Stoffen, Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens etc.[29]Unter den Künsten blühte — da die Bildhauerei und Malerei durch religiöse Grundsätze behindert war — am meisten die Baukunst (Spitzbogen, Hufeisenbogen, starke Verwendung von Stuck, Vorliebe für Farbe und Ornament: Arabesken). Zu großartiger Entwicklung gelangte auch die Tonkunst (Streichinstrumente), wobei die Perser als Lehrer dienten. Die seit alten Zeiten gepflegte Dichtkunst bereicherte in der Glanzperiode der Kalifen ihren Stoff außerordentlich und spiegelte einerseits Lebensfreude (Liebeslieder, Weinlieder), anderseits den philosophischen Pessimismus wieder; später entartete sie durch Sprachkünstelei und Ueberladenheit.[30]Die fast unübersehbare Literatur erstreckte sich auf alle Wissenszweige und Künste (z. B. Musiktheorie), auf die verschiedensten Gewerbe, auf die Landwirtschaft, die Kriegskunst etc., aber auch auf Wahrsagerei, Zauberei, Taschenspielerkunst u. s. w. Sehr wichtig waren die zahlreichenSammelwerke,Enzyklopädien,Lexika.[31]Die Sprachwissenschaft entwickelte sich auf nationaler Grundlage zu vollendeter Meisterschaft. — Die anfangs bloß annalistische und lokale Geschichtsschreibung reifte allmählich zum Universalismus und zur philosophischen Betrachtungsweise heran. Ein später Vertreter der letzteren — Ibn Khaldun (1332-1406) — stellte gründliche Forschungen über den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen Geschehnisse an und rückte bereits das soziale Leben, die gesamte geistige und materielle Kultur in den Mittelpunkt der Betrachtung. — Sehr sorgfältig wurde auch die Geschichte einzelner wissenschaftlicher Zweige, einzelner Stände, der Parteien etc. und die Biographik bearbeitet.[32]Die Werke mancher arabischer Geographen, welche jahrzehntelang durch die Welt zogen, sind von höchstem Interesse wegen ihrer lebendigen Schilderungen der Länder und Städte, der Volkssitten, der Landesprodukte u. s. w.[33]Das Aräometer benutzten bereits die Alexandriner. Durch Bestimmung der Dichte glaubte man auch in das Wesen alchemistischer Prozesse eindringen zu können.[34]Es gab ein eigenes Bombardierkorps.[35]Diese großen Errungenschaften sind dem, im Abendlande unter dem NamenAlhazenbekannten,Ibn al-Haitamzu danken, welcher auch als Mathematiker (Monographie über den Asymptotenbegriff u. v. a.) und Astronom Hervorragendes leistete und sich mit philosophischen Fragen eifrig beschäftigte. Ibn al-Haitam stammte aus Basra und wurde von al-Hakim nach Aegypten gerufen, um daselbst, wie er sich dessen berühmt hatte, das Steigen des Nils (durch eine Stauwehranlage?) gleichförmig zu gestalten. Da ihm dies aber nicht gelang, so zog er sich den Zorn des Fürsten zu, simulierte Wahnsinn und mußte sich bis nach dessen Tode verborgen halten. Er verdiente sich sein Brot als Abschreiber mathematischer Texte und starb 1038. Besonders wichtig ist seineSehtheorie, welche die griechische Irrlehre, daß vom Auge ausgehende Strahlen das Sehen bewirken, bekämpfte.[36]Repräsentiert wird die arabische Chemie (Alchemie) durchGeber(vgl. S. 150). Er kannte sehr genau das Wesen der Amalgamation und Legierung, verstand die Metalle zu oxydieren, zu sulfurieren. Der wesentlichste Fortschritt bestand darin, daß sich, neben der bisher vorzugsweise betriebenen Chemie der Schmelzprozesse, das Verfahren aufnassemWege entwickelte, mittels Anwendung derSalpetersäure(gewonnen durch Erhitzen von Salpeter und Vitriol), derSchwefelsäure(gewonnen durch Glühen von Alaun), desKönigswassers(Zusatz von Salmiak zur Salpetersäure, Lösungsmittel des Goldes) — das Altertum kannte nur die Essigsäure. Durch das Auflösen der Metalle kam man zur allerdings unreinenDarstellung von bisher unbekannten Verbindungen, namentlich von Salzen, wobei außer dem Destillieren auch dasUmkristallisieren, dieSublimation, dasFiltrierenals geeignete Verfahren dienten (auch Wasserbäder und Oefen zum chemischen Gebrauch waren bekannt). Dargestellt wurden Höllenstein, Quecksilberoxyd, Pottasche, Kalilauge, Natronlauge, Schwefelmilch u. v. a. — An die großen Leistungen der Araber erinnern viele Bezeichnungen in der Chemie, z. B. Elixier, Alkohol, Alkali, Salmiak, Soda, Alaun etc.[37]Diese wurde ganz besonders dadurch gestärkt, daßBerbern und Türkenanstatt der mehr indifferenten oder skeptischen Araber die Hegemonie erlangten.[38]So erhielt sich z. B. die Lehre von den vier Elementen trotz der chemischen Fortschritte.[39]Eines der Hauptprobleme war der sogenannte Universalienstreit, d. h. die Frage, ob die allgemeinen Begriffe, Gattungen und Arten etwas Wirkliches oder bloße Gedanken seien. Angeregt wurde dieses Problem durch die Isagoge des (neuplatonischen und als Vorkämpfer des Vegetarianismus interessanten Philosophen) Porphyrios (vgl. S. 31), in welcher die fünf Begriffe (Universalia) γένος, διαφορά, εἶδος, ἴδιον und συμβεβηκός ═ Gattung, Wesensverschiedenheit, Art, Proprium, Accidens abgehandelt werden. Die Isagoge (Εἰσαγωγὴ περὶ τῶν πέντε φονῶν), eine Einleitung zum aristotelischen Organon, diente jahrhundertelang als Lehrbuch der Logik.[40]Er suchte im Gewande eines Romans „Hai ibn Jakzan” zu zeigen, daß der Mensch, ganz abgesehen von aller Offenbarung, im stande sei, zur Erkenntnis der Natur und Gottes zu gelangen. Ibn Tofaïl war Vezier und Leibarzt.[41]Averroës betrachtete den Aristoteles als die höchste Inkarnation des, einem Sterblichen überhaupt erreichbaren, Wissens und setzte es sich daher zur Aufgabe, die vielfachen Mißverständnisse der früheren Erklärer zu beseitigen, die Lehre des Stagiriten, richtig erfaßt, darzustellen. Averroës sah die Welt als einen streng an den Kausalnexus gebundenen, ewigen Werdeprozeß an, durchdrungen von der Gemeinvernunft, welche Erkenntnis schaffend in die Seele des Menschen hineinleuchtet; er lehrte die Vergänglichkeit alles Individuellen.[42]Die Abhandlungen der lauteren Brüder (vgl. die Schriften von Fr. Dieterici) gewähren ein abgerundetes Bild von der Naturanschauung und dem Wissen der Araber im 10. Jahrhundert. Für uns sind besonders die Abhandlungen 22-30, welche über die leibliche und geistige Beschaffenheit des Menschen handeln, von großem Interesse. Es heißt dort (vgl. Dieterici, Die Anthropologie der Araber etc., Leipzig 1871): „Als Gott den Körper des Menschen schuf ... glich die Gründung dieses Körperbaues und die Fügung seiner Teile der Gründung und dem Bau einer Stadt. ... Also verfuhr Gott. Zuerst begann er mit der Schöpfung und Herstellung der vier für sich bestehenden Naturen (Hitze, Kälte, Feuchte, Trockenheit), die mit einander sich befehdenden Kräften versehen sind. Darauf verband er je zwei derselben, so daß vier Elemente, mit sich entsprechenden Kräften, entstanden. Das sind die Elemente (Feuer, Luft, Wasser und Erde). Darauf begründete Gott den Bau dieses Körpers aus den vier Elementen und rief die vier Mischungen mit zwar einander widerstreitenden Naturen, doch sich entsprechenden Kräften hervor (Blut, Schleim, Gelbgalle, Schwarzgalle). Darauf tat Gott diese vier Mischungen zusammen und schuf daraus neun verschieden gestaltete Substanzen (Knochen, Mark, Nerven, Adern, Blut, Fleisch, Haut, Nägel, Haar). Diese sind die Stütze des Körperbaues; dann fügte und setzte er eines über das andere als zehn geometrisch genau verbundene Stufen zusammen (Kopf, Hals, Brust, Bauch, die zwei Weichen, Unterleib, die zwei Schenkelpfannen, zwei Ober-, zwei Unterschenkel, die zwei Sohlen). Diese verband er und stellte sie als 248 Säulen (Knochen) von gleichem Schnitt her. Er zog die Bänder derselben und band ihre Gelenke zusammen mit 720 dehnbaren darüber gewundenen Bändern (Ligamente). Darauf bestimmte er die Depots und verteilte die Schatzkammern, er setzte deren elf, die mit verschieden gearteten Substanzen angefüllt wurden (Gehirn, Lunge, Herz, Leber, Milz, Galle, Magen, Eingeweide, zwei Nieren, zwei Hoden, zwei Röhren [Luft- und Speiseröhre]). Er zog die Gänge, öffnete Weg und Tor und bestimmte 360 Laufgänge (Schlagadern) für die Bewohner der Stadt. Er ließ Quellen aus den Depots hervorgehen und zerteilte von ihnen aus 360 verschiedene Bäche (Venen), die nach allen Seiten hinliefen. In die Mauer brach er zwölf rundliche Tore (zwei Ohren, zwei Augen, zwei Nasenlöcher, zwei Gänge [Geschlechtsteile], zwei Brüste, Mund und After) als Ausgänge für die Depots. Er übergab dann die so angelegte Stadt den Händen von acht sich einander helfenden Werkleuten (die anziehende, anhaltende, reifmachende, scheidende, mehrende, zeugende, nährende, formbildende Kraft). Dies sind die Meister jener Stadt, auch betraute er mit ihrer Bewachung fünf Wächter (die fünf Sinne), um ihre Grundelemente zu überwachen.” ... „Die natürlichen Kräfte und angeborenen Anlagen zerfallen in drei Gattungen: a) Die Kraft der Pflanzenseele hat ihre Stätte in der Leber, ihre Wirkung reicht durch die Venen bis zu allen Enden des Leibes. b) Die Kraft der Tierseele hat ihren Sitz im Herzen und übt durch die Pulsadern ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes aus. c) Die Kraft der Vernunftseele hat als Stätte das Gehirn, durch die Nerven reicht ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes. Diese drei Seelen sind aber nicht als einzelne, voneinander getrennte, zu betrachten ... die Seele ist dem Wesen nach eine und hat je nach ihren Wirkungen verschiedene Namen. Schafft sie im Körper Ernährung und Wachstum, heißt sie Pflanzenseele, bewirkt sie im Körper sinnliche Wahrnehmung, Bewegung, heißt sie Tierseele, und schafft sie Ueberlegung und Unterscheidung, so heißt sie Verstandesseele.” —Nach der Darstellung der lauteren Brüder werden die Funktionen durch 23 Kräfte hervorgebracht, die in mannigfacher Wechselbeziehung (Diener-Herrscher) zueinander stehen.„Vier davon” — der Vergleich des Körpers mit dem städtischen Leben wird bis ins einzelne durchgeführt — „sind den Häuptlingen vergleichbar (Wärme,Kälte,Feuchtigkeit,Trockenheit), acht, die einander entgegengesetzt wirken, gleichen den Handwerkern (die anziehende,festhaltende,reifmachende,scheidende,nährende,formende,zeugendeundWachstumverleihende Kraft), fünf, die einander gleichgeartet sind, entsprechen den Händlern (die fünf Sinne), drei andere reichen sich einander zu, wie die Diener (Vorstellungskraft,Denkkraft,Gedächtniskraft), drei aber endlich befehlen wie Herren” (Begehr-, Zornes- und Verstandeskraft). — Bemerkenswert ist der Satz:„Jedes Glied des Körpers hat eine ihm speziell zukommende Kraft.Die Seele schafft durch diese Kraft und dieses Glied eine Wirkung, welche sie nimmer mit einem anderen Glied und einer anderen Kraft schaffen kann. Man nennt nun diese Kraft die Spezialseele jenes Gliedes.” — Aus den Störungen im Kräftespiel werden Krankheiten erklärt. — Es sei hier noch die Ansicht über die Lokalisation der Geisteskräfte und über die Apperzeption angeführt. „Die Seele denkt mit demMittelhirnüber die Dinge nach, stellt sich das sinnlich Wahrgenommene mit demVorderhirnvor und bewahrt die Wissensobjekte mit demHinterhirn.” ... „Vom Vorderhirn breiten sich feine Nerven aus, diese verbinden sich mit den Sinnen, d. h. den Organen, sie zerteilen sich dort und bilden hinter denselben ein Gewebe wie das Gespinst der Spinne. Gelangt nun die Qualität des Wahrgenommenen zu den im (normalen) Mischungszustand befindlichen Sinnen und ändert es dieselben in ihrer Qualität, so gelangt diese Aenderung von diesen Nerven aus zum Vorderhirn. Weil nun alle Sinne ihre Empfindung hieher senden, sammeln sich alle Bilder des sinnlich Wahrgenommenen bei der Vorstellungskraft. ... Haben sich bei ihr die Bilder gesammelt, so übergibt sie dieselben der Denkkraft, deren Sitz im Mittelhirn ist, um dieselben zu betrachten, ihren Sinn zu erfassen, ihre Eigentümlichkeiten, eigentliche Eigenschaft, ihren Nutzen und Schaden zu erkennen, dieselben der bewahrenden Kraft (im Hinterhirn) zuzustellen und sie dann bis zur Zeit der Erinnerung aufzubewahren.” — Unverändert oder bloß modifiziert finden sich die physio- und psychologischen Anschauungen der lauteren Brüder auch bei den späteren arabischen Philosophen und bei den Aerzten.[43]In Betracht kommen z. B. die Werke desal-Masudi,al-Biruni,al-Idrisi Abd-al-Latif,al-Kazwini. Auch Dichter behandelten gelegentlich medizinische Stoffe, z. B. einer der bedeutendsten, Mutanabbi beschrieb in einem Lehrgedicht das Fieber, welches er selbst infolge mangelnder Bewegung bekommen haben will (lat. Uebers. bei Reiske opusc. med. ex monum. Arab. ed Gruner 1776).[44]Wir gebrauchen hier, wie im folgenden, vorzugsweise die im abendländischen Mittelalter aufgekommenen Autorennamen und Büchertitel und erwähnen fast nur jene ärztlichen Schriftsteller, welche eine über den arabischen Kulturkreis hinausgehende Bedeutung erlangt haben.[45]Die Isagoge des Johannitius, nach dem Muster der galenischen verfaßt, gehört zu den, am frühesten ins Lateinische übersetzten Schriften.[46]resp. den Kanon der galenischen Schriften vgl. S. 128.[47]Bei Serapion d. Ae. finden sich subtile Vorschriften über den Ort der Aderlässe. Im Anschluß an die galenische Gefäßlehre entwickelte sich bei den Arabern eine praktisch eminent wichtige Lehre von derWahl der Vene, je nach dem Krankheitssitz. Meistens wurde dieRevulsio e contrariobevorzugt, d. h. es wurde der Aderlaß (z. B. bei Pleuritis) nicht auf der leidenden, sondern auf der gesunden Seite vorgenommen. Während Hippokrates und Galen in der Regel auf der kranken Seite den Aderlaß ausführten, machten im Altertum dieMethodikeraus der Revulsio e contrario ein Gesetz, und auchArchigenessowieAretaiosvenäsezierten gewöhnlich auf dergesundenSeite.[48]Sohn des jüdischen Arztes und Astronomen Zein at-Tabari (═ aus Tabaristan).[49]Als Naturphilosoph wendete er sich einerseits gegen die Leugnung eines Weltschöpfers, anderseits verteidigt er die Ewigkeit der Urmaterie und lehrte, daß der Körper das Prinzip der Bewegung in sich selbst habe.Bemerkenswerterweise war er der Dialektik sehr abhold.[50]Die Erblindung wird zumeist auf eine Mißhandlung von seiten des Fürsten al-Mansur von Chorasan zurückgeführt; dieser habe ihm nämlich aus Zorn darüber, daß die in der Confirmatio artis chemiae beschriebenen Experimente nicht glücken wollten, einen Peitschenschlag über den Kopf versetzt. Anfangs wollte er sich operieren lassen, doch stand er davon ab, da der Augenarzt seine Frage, „wie viel Häute das Auge habe”, nicht zu beantworten wußte. Als man ihm dennoch zur Operation weiter zuredete, sagte er: Ich habe von der Welt so viel gesehen, daß ich ihrer überdrüssig bin.[51]Im Widerstreit der pathologischen Theorien der alten Autoren mußte nach einem festen Anhaltspunkt gegriffen werden. Galen war anscheinend am meisten berufen, die oberste Autorität zu bilden.[52]Unter den verloren gegangenen Schriften befand sich eine Sammlung von Beobachtungen aus dem Krankenhaus in Bagdad.[53]Die betrügerische Harnschau hatte manchen zu Reichtum und Würden verholfen. Es sei beispielsweise nur erwähnt, daß im Jahre 766 der Apotheker Abu Koreisch Isa deshalb zum Leibarzt des Kalifen al-Mahdi erhoben wurde, weil er der Gemahlin desselben die Geburt eines Sohnes mittels Uroskopie vorausgesagt hatte.[54]Dies war eine Konsequenz seiner eifrigen Beschäftigung mit der Alchemie, welche er in einer eigenen Schrift gegen al-Kindi (vgl. S. 167) verteidigte.Rhazes war sichtlich bemüht, die Chemie in den Dienst der Medizin zu stellen.[55]Im Koran, Sure 105 und bei den arabischen Geschichtschreibern (al Wagidi und Abd el Malik ben Hischam) ist die Rede vom sogenannten Elefantenkrieg, in welchem das Heer der Abyssinier während der Belagerung von Mekka durch eine Seuche aufgerieben wurde.[56]Er hält die Masern im allgemeinen für gefährlicher als die Blattern, mit Ausnahme der durch letztere häufig bewirkten Erblindung. Der Begriff Hasbah war übrigens gewiß weiter als der heutige Begriff Morbilli und schloß wahrscheinlich Scharlach u. a. in sich. — Außer der Spezialschrift handeln auch Stellen im Continens (Lib. XVIII, cap. 8), im liber ad Almansorem und im liber divisionum (cap. 149) von demselben Gegenstand.[57]In den „Aphorismen” heißt es: Qui quamplures medicorum interrogaverit, in errorem incidit plurimum. — Eine Schrift bezog sich auf das Thema „quod medicus non solum prudens esse debeat, sed aegrotorum desideriis indulgens.” Von edelsterhumaner Gesinnungzeugt die, in den „Aphorismen” ausgesprochene, Mahnung, daß der Arzt auch dann den Patienten noch trösten solle, wenn bereits die Zeichen des bevorstehenden Todes sichtbar werden. Man beachtet hier gegenüber der Antike den, unter dem Einfluß der monotheistischen Religionen eingetretenen Fortschritt im humanen Auftreten der Aerzte, vgl. hierzu S. 40 und 85.[58]Z. B. der Geburtshilfe und der Kinderkrankheiten.[59]Abgesehen von anderen Spitzfindigkeiten achtete er sogar auf die Temperatur des Pulses. In der Einleitung macht er es dem Rhazes zum Vorwurf, daß er auf die allgemeinen Prinzipien zu wenig eingegangen sei.[60]Eine kulturhistorisch interessante Hinterlassenschaft dieser Epoche ist der sogenannteKalender von Cordoba(arabisch mit hebräischen Lettern und lateinisch erhalten), welcher neben Astronomischem, Meteorologischem, Landwirtschaftlichem auch hygienisch-therapeutische Vorschriften für die einzelnen Monate enthält.[61]Das Medizinische ist zum Teil aus dem Hawi des Rhazes geschöpft. Besonders bemerkenswert sind die Abschnitte über die Zubereitung der Arzneipräparate (der mineralischen hauptsächlich durch Sublimation). Bei der Destillation kam ein besonders konstruierter Ofen zur Verwendung, dessen Feuerungsmaterial sich automatisch ersetzte.[62]Auch ins Hebräische und sogar ins Provenzalische.[63]Man vgl. hierin und in anderen Zügen der Frühreife die Aehnlichkeit mit Galen.[64]Der Tod soll durch eine unzweckmäßige Selbstbehandlung beschleunigt worden sein. Deshalb sagt ein arabischer Dichter boshaft von Avicenna, seine Philosophie habe ihn nicht gute Sitten, und seine Heilwissenschaft habe ihn nicht die Kunst gelehrt, sich Gesundheit und Leben zu erhalten.[65]Es wurden ihm die Beinamen el Scheich, Arrajis, d. i. der Ehrwürdige, der Erhabene, der Fürst gegeben.[66]Vgl. hierzu S. 162. Die Kräftelehre macht sich z. B. in der Ernährungstheorie stark geltend, wobei dastemporaleVerhältnis, d. h. die einzelnen Phasen des Ernährungsprozesses,kausalausgedrückt wurde. Zunächst sollte in den feinsten Gefäßenden aus dem Blute eine Feuchtigkeit abgesondert werden, die zu den feinsten gleichartigen Teilen gelange, aus dieser entstehe dann eine tauähnliche, endlich eine konsistentere Flüssigkeit, welche (von den Geweben) assimiliert werde. Für diese komplizierten Veränderungen setzte man eine eigene„umwandelnde”Kraftvoraus. Bemerkenswert ist es, daß man eine aktive Attraktion des Nahrungsstoffes, eine spezifische Wahlanziehung und ein spezifisches Assimilationsvermögen in jedem Körperteile annahm (vgl. Canon Lib. I, Fen. I, Doctr. VI, cap. 2).[67]Biruni(973-1048), ein eminenter Polyhistor und positivistischer Philosoph, beschäftigte sich mit Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde, Geschichte und Medizin. Er soll lange Zeit in Indien gelebt und daselbst wissenschaftliche Studien gemacht haben. In einem allgemein naturgeschichtlichen und in einem (noch erhaltenen) Werke über die Steine, besprach er auch Medizinisches.[68]Im maurischen Spanien entfaltete sich die Philosophie verhältnismäßig recht spät, lange nachdem schon Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin, Geographie und Geschichte eifrig betrieben worden waren. Da im Westen die mannigfachen alten Kulturschichten und Parteiungen mit ihren Divergenzen fehlten, so bedurfte es, nicht wie im Oriente, der vielfach abgestuften philosophischen Vermittlungsversuche zwischen Glauben und Wissen, und ungestört von der Dialektik konnte die Orthodoxie das Zepter führen. Gerade aber unter diesen einfacheren Verhältnissen mußte sich bei einzelnen überlegenen Denkern der Gegensatz zur gläubigen Masse viel schroffer entwickeln als anderswo. So wird es auch verständlich, daß eben in der Zeit des höchsten Geistesdruckes, im Zeitalter der Almorawiden und Almohaden, wenn auch im Verborgenen und von wenigen kühnen Anhängern getragen, jene Strömung aufkam, welche schließlich in den, im Sinne der Theologie, irreligiösenAverroismuseinmündete.[69]Ein Beispiel seiner aristokratischen Behandlungsweise ist folgendes. Als der Emir Abd-al-Mumin Purgiermittel nehmen wollte, ließ Avenzoar einen Weinstock mit Purgierwässern begießen; von der reif gewordenen Rebe genoß der Fürst, wonach die erwünschte Wirkung eintrat.[70]Beispielsweise verwirft er den Streit über die größere Wichtigkeit des Gehirns, der Leber, des Herzens, da auf dem Zusammenwirken der Organe das Leben beruhe, die spekulative Dosologie des Kindi (vgl. S. 167) u. a.[71]Daß er solche Studien betrieben, betont er ausdrücklich.[72]Vom Vorurteil befangen, hielten es vornehme Aerzte unter ihrer Würde, sich mit manuellen Verrichtungen, chirurgischen und pharmazeutischen zu befassen, Avenzoar hatte aber, wie er selbst sagt, in beiden während seiner Ausbildungszeit gediegene Kenntnisse erworben. Nur die Ausführung des Steinschnitts von seiten des Arztes verwarf er aus Gründen der Dezenz (Entblößung der Genitalien).[73]Gelegentlich rüttelt er in speziellen Fragen an der galenischen Qualitätenlehre, behauptet gegen Galen die Empfindungsfähigkeit der Knochen und Zähne etc.[74]Z. B. Empfehlung der Konkremente von Hirschaugen gegen Ikterus, des Smaragds gegen Dysenterie, des Magnetsteins gegen Exostosen — verschiedener Sympathiemittel.[75]Averroës spricht in Ausdrücken größter Verehrung von Avenzoar und erklärt ihn für den Größten nach Galen. Avenzoar widmete dem Averroës seinen Teïsir.[76]Um die Erhaltung, Verbreitung und Verdolmetschung der Werke des Avenzoar und Averroës haben sich die Juden die größten Verdienste erworben.[77]Anatomie, Physiologie, allgemeine Pathologie, Semiotik, Arzneimittellehre, Hygiene, allgemeine Therapie.[78]Der Colliget ist gleichsam der kolossale Kommentar zum 1. Buch des Kanon, Averroës kommentierte übrigens Avicennas Canticum, welches er für die beste Einleitung zur Medizin erklärte.[79]Interessant sind hingegen manche theoretische Erörterungen, z. B. die sehr rationelle Widerlegung von Kindis Lehre über die Grade der Arzneimittel.[80]Einen Kompromißversuch stellt seine Schrift concordia inter Aristotelem et Galenum dar.[81]Durch den Fanatismus der Almohaden vertrieben, waren auch andere jüdische Aerzte Andalusiens nach Aegypten gezogen, wo sie zur Zeit Saladins eine ganz hervorragende Rolle spielten.[82]D. h. Sohn des Tierarztes.[83]Darunter der berühmte Botaniker Abul AbbasAnnabatiaus Sevilla († 1239).[84]Persien, Indien, Türkei, Aegypten, Nordafrika.[85]Abd el Letif (1162-1231) berichtigte auf Grund zahlreicher Untersuchungen an menschlichen Schädeln den Irrtum Galens, daß der Unterkiefer aus zwei getrennten Teilen zusammengesetzt sei, auch lehrte er, daß das Kreuzbein in der Regel nicht aus sechs, sondern in der Regel nur aus einem Knochen bestehe.[86]Als Verfasser von Schriften anatomischen Inhalts wären z. B. Jahja ben Masawaih, Thabit ben Kurra, Rhazes hervorzuheben.[87]Z. B. die Handschrift des Morched ═ Direktor des Muhammed el-Gafiki enthält nicht nur Abbildungen von Instrumenten, sondern auch Darstellungen des Faserverlaufs der Arterienhäute, der Schädelnähte und des Chiasma opticum, ebenso finden sich in augenärztlichen Schriften schematische anatomische Abbildungen.[88]Die Araber standen auch bei den Byzantinern als Prognostiker in hohem Ansehen.[89]Vgl. das S. 166 über den Aderlaß Gesagte.[90]Gemäß der Elementarqualitätenlehre erfolgte (nach dem Grundsatze Contraria contrariis) die Wahl der Mittel und in zusammengesetzten Arzneien die Bestimmung der Dosis jedes einzelnen Bestandteils.[91]Ein im abendländischen Mittelalter geschätztes Werk, welches diesen Gegenstand betrifft, rührt von dem berühmten jüdischen Gelehrten Abraham ben Meïr ibn Esra (Avenares, Avenerzel) aus Toledo (um 1150) her und zeigt, wie kompliziert sich allmählich das astrologische System in seiner Einwirkung auf die Medizin gestaltete (lat. unter dem Titel de diebus criticis, Lugd. 1496 u. ö.). — Von einzelnen überlegenen Denkern wurde freilich die Berechtigung der Astrologie energisch bestritten (z. B. Avicenna, Avenzoar, Averroës).[92]Die gleiche Erscheinung läßt sich, trotz mancher Anläufe zur scharfen Kritik, im Verhalten zum Ptolemäischen Systeme beobachten.[93]Vgl. hierzu die byzantinischen Zustände S. 103.[94]Die Augenheilkunde wurde zum großen Teile von wissenschaftlich gebildeten Spezialisten betrieben. In Bagdad, Damaskus, Kairo gab es eigene Augenabteilungen in den Krankenhäusern, ja sogar eigene Augenkliniken.[95]So bei Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar, Averroës u. a.[96]Bei Ali ben Isa sind 130 Augenkrankheiten beschrieben, bei einem Autor des 14. Jahrhunderts sogar 153.[97]Ali ben Isa nennt 143 einfache Arzneimittel.[98]Operiert wurde (nach dem Vorbild der Griechen) in der Regel mit dem Lederhautstich schläfenwärts (etwa 4 mm vom Hornhautrande entfernt); als Vorakt diente (um ein sanfteres Eindringen der Starnadel zu bewirken) eventuell ein Einschnitt in die Bindehaut (indisches Verfahren).[99]Das Verfahren des Aussaugens mittels der Röhre stammte aus dem Irak, die Anwendung einer Hohlnadel wurde wahrscheinlich zuerst von 'Ammar ersonnen.[100]Die Operationskunst, sagt er, ist bei uns verschwunden, fast ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nur in den Schriften der Alten findet man noch einige Hinweise darauf, aber auch sie sind durch schlechte Uebersetzungen, durch Irrtümer und Verwechslungen nahezu unverständlich und unbrauchbar geworden.[101]Von den Arabern „Alkawabeli” genannt, d. h. der Geburtshelfer (κατ' ἐξοχὴν).[102]Hier sei übrigens bemerkt, daß sich die Aerzte bei ihren diätetischen Vorschriften nicht immer streng an rituelle Gebote hielten, dies gilt namentlich hinsichtlich des Weingenusses. So haben z. B. Abulkasim und Avicenna den Wein als wichtiges Mittel verordnet. Der strenggläubige Muslim, der den in Oxford befindlichen Kodex des Abulkasim abschrieb, setzte allerdings die Worte hinzu: „Wein hat uns Allah verboten. Wenn es dem Kranken beschieden ist, gesund zu werden, wird er auch ohne Wein gesund werden.” Interessant ist es auch, daß Isaac Judaeus das Schweinefleisch als eine sehr gesunde Speise empfiehlt. Vgl. S. 144 Anm. 1.[103]In arabischen Reisewerken finden sich Berichte über die Herkunft und Gewinnungsart vieler Drogen (z. B. Kampfer, Moschus, Ambra, Santalum, Kubeben, Aloe, Rheum, Crocus, Asa foetida etc.).[104]Viele Aerzte waren eifrige Botaniker und machten botanische Exkursionen; in später Zeit wurden auch botanische Gärten angelegt.[105]Julep unterscheidet sich vom Sirup dadurch, daß er nicht so lange gekocht wird, daher weit dünner ist.[106]Augenkollyr.[107]Auch hier war das Vorbild der Nestorianer in Dschondisabur (vgl. S. 165) maßgebend.[108]Zum Beweise diene folgende köstliche Prüfungsgeschichte. „Im Jahre 319 d. H. erfuhr al-Muktadir (der Kalife), daß einer von den Aerzten einen Kunstfehler bei einem Manne gemacht hatte, woran dieser gestorben war. Da befahl er dem Polizeimeister, allen Aerzten die Ausübung der Praxis zu verbieten, falls sie nicht Sinan ben Tabit ben Kurra geprüft und ihnen einen Praktizierschein ausgestellt hätte, und er befahl dem Sinan sie zu prüfen und jedem einzelnen die Erlaubnis zur Ausübung des Teiles der Heilkunde zu erteilen, den er verstand. Und es erreichte ihre Zahl auf beiden Seiten Bagdads 800 und einige 60 Mann, abgesehen von denen, die ihre Berühmtheit von der Prüfung entband ob ihrer hervorragenden Bedeutung in der Kunst und von denen, die im Dienste des Kalifen standen. Und zu dem drolligen, was bei der Prüfung der Aerzte passierte, gehörte, daß zu Sinan ein Mann hineingeführt wurde, vornehm an Kleidung und Aussehen, ehrfurchtgebietend und würdevoll. Da ehrte ihn Sinan nach Maßgabe seiner Erscheinung und gab ihm einen Ehrenplatz und pflegte, wenn etwas passierte, sich an ihn zu wenden und hörte nicht auf, so zu tun, bis er seine Aufgabe an diesem Tage beendet hatte; da erst wandte sich Sinan an ihn und sagte: Ich würde mich freuen, etwas vom Scheiche zu hören, was ich mir von ihm merken könnte und wenn er mir seinen Lehrer in der Heilkunde nennen würde. Da zog der Scheich aus seinem Aermel eine Rolle heraus, darin blanke Denare waren, legte sie vor Sinan hin und sagte: Ich verstehe nicht zu schreiben und zu lesen und habe nie etwas gelesen, aber ich habe eine Familie und mein Lebensunterhalt ist ein immer volles (?) Haus und ich bitte dich, daß du mir das nicht abschneidest. Da lachte Sinan und sagte: Unter der Bedingung, daß du nicht auf einen Kranken losgehst mit dem, was du nicht kennst und nicht zu einem Aderlaß oder zu einem Abführmittel rätst, außer zu dem, was von den Krankheiten naheliegt. Da sagte der Scheich: Das ist meine Methode; mein Lebenlang bin ich nicht über Zuckerkand und Rosenwasser hinausgegangen. Und er ging davon. Und anderen Tags wurde ein Jüngling zu ihm hineingeführt, prächtig im Anzug, schön von Antlitz und klug. Da blickte Sinan auf ihn hin und sagte: Bei wem hast du gelesen? Er sagte: Bei meinem Vater. Wer ist denn dein Vater? Er antwortete: Der Scheich, welcher gestern bei dir war. Sinan sagte: Ein wackerer Scheich und du befolgst seine Methode? Er sagte ja. Da sagte Sinan: Ueberschreite sie nicht, und ging in Begleitung ab.” — Eine ganz ähnliche Anekdote wird aus dem 12. Jahrhundert von Ibn at-Talmid als Prüfer erzählt. — In Cordoba setzte der Emir Dschedur ben Muhammed (im 11. Jahrhundert) eine ärztliche Prüfungsbehörde ein und verfolgte die Scharlatanerie.[109]Das Studium des Dioskurides wurde durchbotanische Exkursionenergänzt.[110]Ursprünglich konnte jeder als Arzt und medizinischer Lehrer auftreten, ohne über die erworbene Ausbildung Rechenschaft geben zu müssen.[111]Das Amt des Protomedikus versah gewöhnlich der Leibarzt des Fürsten.[112]Ein Beispiel bildet Dschabril ben Bachtischua, dessen jährliches Einkommen sich auf ungefähr 280000 Franken belaufen haben soll. Solche Aerzte verstanden es auch, ihrem Reichtum entsprechend, zu leben. Von der luxuriösen Lebensweise des Sohnes des Dschabril berichtet ein Augenzeuge folgendes: Ich besuchte ihn an einem außerordentlich heißen Tage und fand ihn in einem tapezierten Sommergemache, dessen kuppelförmiges Dach mit Rohrmatten bedeckt und von außen mit feinster Leinwand überzogen war. Er trug einen schweren Kaftan aus südarabischem Seidenstoff und hüllte sich noch überdies in einen Mantel ein. Ich staunte über diesen Anzug bei solcher Hitze, aber kaum hatte ich Platz genommen, so empfand ich eine auffallende Kälte. Da lachte er, ließ mir einen Kaftan und Mantel bringen und befahl einem Diener, den Tapetenstoff von der Wand zu entfernen. Nun erst sah ich, daß sich in der Wand Oeffnungen befanden, die in einen Raum gingen, der ganz mit Schnee gefüllt war; Diener aber waren unablässig beschäftigt, mit großen Fächern die kühle Luft, die sich dort ansammelte, in das Gemach zu fächeln. Es wurde nun das Essen aufgetragen und der Tisch mit den köstlichsten Speisen bedeckt. ... Ein anderes Mal besuchte ihn derselbe an einem kalten Wintertage, wo er ihn in einem Gewächshause, wie in einem Garten sitzend, antraf. Vor ihm stand ein silbernes Kohlenbecken, in welchem mit wohlriechenden Hölzern die Glut unterhalten wurde. Als der Besucher sich über die angenehme Wärme wunderte, ließ der Hausherr den Tapetenstoff der Wände entfernen, und da sah er, daß hinter dem Gemache Sklaven beschäftigt waren, stets Feuer zu unterhalten, dessen Wärme das Gemach füllte.[113]Vgl. die Titel der standesärztlichen Abhandlungen des Rhazes und namentlich seine Schrift „über die Umstände, welche die Herzen der meisten Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden”, S. 172 u. ff. Die Schriften über ärztliche Ethik knüpften an die hippokratischen an.Es ist auch nicht zu übersehen, daß bei der großen Menge beständig die rohempirischen und abergläubischen Praktiken der Volksärzte (Tabib), ebenso die Zaubermedizin (Amulette, Talismane) und die Theurgie (Händeauflegen, Koranstechen etc.) auf starken Anhang rechnen konnten. Von den Arten des medizinischen Aberglaubens ist der (unter indischem Einflusse) erstarkteGlaube an die Heilkraft der Steine(in Form von Amuletten) der interessanteste. Ueber dieses Gebiet handelte die mineralogische Literatur (Steinbücher) mit größtem wissenschaftlichen Ernst. Den Ausgangspunkt bildete eine fälschlich dem Aristoteles zugeschriebene Schrift arabischer Herkunft über die Steine (lat. ed. von Val. Rose, Zeitschr. f. d. Altertum N. F. VI, 1875).[114]Die Augenärzte bildeten eine besondere Korporation.[115]Es gab Wundärzte, Schröpfer, Zahnärzte, Steinschneider etc.[116]Wichtige Quellen aus späterer Zeit sind die Werke des Hasan Ibn Muhammed Alwazzan, als ChristLeo Africanus, und das Lexicon bibliographicum desHadschi Khalfa(beide im 16. Jahrhundert).
[1]Seine Vorschriften fußen zum großen Teile auf den mosaischen, unterscheiden sich aber dadurch, daß manches vereinfacht oder den örtlichen Verhältnissen angepaßt ist, wodurch oft vernünftige Erleichterungen, manchmal aber auch hygienische Rückschritte erzielt wurden. Eine große Tat war das, sonst in keinem Religionssystem mit solcher Strenge ausgesprocheneVerbot, berauschende Getränke zu genießen. — Merkwürdigerweise ist eine der wichtigsten Zeremonien des Islam, die Beschneidung, im Koran (im buchstäblichen Sinne) gar nicht erwähnt.
[2]In der Krankheitsätiologie des Koran spielen jedenfalls neben rationellen Momenten auch Satan und Dämonen eine wichtige Rolle.
[3]Widerraten ist das Schröpfen in der Nackengegend, weil es den Verlust des Gedächtnisses, das im hinteren Teile des Gehirns seinen Sitz habe, nach sich ziehe.
[4]Als ein Kranker dem Propheten gegenüber den Wunsch äußerte, Schweinefleisch zu essen, gestattete es dieser und sagte: „Wenn ein Kranker irgend etwas begehrt, muß man es ihm verschaffen.”
[5]Der Umstand, daß Muhammed selbst einen Ungläubigen zum Arzte genommen und denselben empfohlen hatte(vgl. S. 143),erleichterte der wissenschaftlichen Medizin außerordentlich das frühzeitige Eindringen in die Länder des Islam.
[6]In der Glanzzeit soll Bagdad 2 Millionen Einwohner gehabt haben. Die Stadt war mit prächtigen, im Innern luxuriös eingerichteten, Palästen geschmückt; in der Umgebung gab es Villen, Tiergärten etc.
[7]So wie Bagdad in politischer Hinsicht Damaskus in den Hintergrund drängte, so überstrahlte es bald auch in Bezug auf das wissenschaftliche Leben die bisherigen Pflegestätten Basra und Kufa.
[8]Die Uebersetzungen wurden oftmals erneuert; in dem Maße, als man auf das Original zurückging, und die arabische Sprache durch wissenschaftliche Technizismen bereichert wurde, schwand die anfängliche Fehlerhaftigkeit.
[9]Die wichtigsten der übersetzten philosophischen Autoren waren: Aristoteles, Platon, Theophrastos, Nikolaos von Damaskos, Alexandros von Aphrodisias, Plotinos, Porphyrios, Themistios, Jamblichos, Proklos. Die Mathematiker und Physiker sind besonders repräsentiert durch Euklid, Archimedes, Apollonios von Pergae, Diophantos, Pappos, die Astronomen durch Hipparchos und Ptolemaios.
[10]Beispielsweise befand sich von den anatomischen Schriften Galens weit mehr im Besitze der Araber, als auf uns gekommen ist. Die kolossale Lücke im Original der ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις Bücher IX-XV wird nur durch die arabische Uebersetzung ausgefüllt. Seit kurzem liegt uns dieselbe in deutscher Uebertragung vor: Sieben Bücher Anatomie des Galen, zum ersten Male veröffentlicht nach den Handschriften einer arabischen Uebersetzung des 9. Jahrh. n. Chr., ins Deutsche übertragen und kommentiert von Dr. med. Max Simon, 2 Bde., Leipzig 1906. Es bedarf keines besonderen Hinweises, wie sehr diese verdienstvolle Publikation unsere bisherigen Kenntnisse über die galenische Anatomie erweitert.
[11]Der hervorragende Bildungssinn dieses Kalifen, dem im Gegensatze zu seinen Vorgängern al-Mansur und Harun neronische Anlagen fremd waren, steht vielleicht damit im Zusammenhang, daß er als Sohn einer Perserin geboren wurde.
[12]Als Uebersetzer wird z. B. der indische Arzt Manka genannt, der den Kalifen Harun ar-Raschid erfolgreich behandelte.
[13]Der glänzendste Repräsentant der Polyhistorie war im 9. Jahrhundert der „arabische Philosoph”al-Kindi.
[14]Unter dem Kalifen al-Mamun wurde das rationalistische (auch die Atomenlehre vertretende) System der Mutaziliten sogar staatlich anerkannt.
[15]Der im Abendlande unter diesem Namen bekannte Großmeister der Alchemie hießDschabir ben Hajjan es-Sufiund lebte um die Mitte des 8. Jahrhunderts in Kufa; er stammte vielleicht aus dem Kreise der Sabier (Harran) und war Schüler des sechsten Imam der Aliden Dschafer es-Sadik, welcher sich wegen seiner Kenntnisse in der Astrologie, Alchemie etc. großen Ruf erworben hatte.
[16]Es sei hier nur erwähnt, daß unter al-Mamun die Messung eines Breitengrades zur Bestimmung des Erdumfangs ausgeführt worden ist.
[17]Bücherliebhaberei gehörte zu den noblen Passionen, es gab eigene Büchermärkte, und nicht wenige, welche Neigung und den nötigen Fonds besaßen, legten sich Privatbibliotheken an, die zuweilen hinter den öffentlichen nicht gar weit zurückgeblieben sein sollen.
[18]Gute Straßen, Brücken, Karawanen, Herbergen, Brunnen etc., begünstigten das Verkehrsleben im ganzen Reiche; die Aufhebung der Binnenzölle gewährleistete Freizügigkeit. Für die Schiffahrt wurde durch Hafenanlagen gesorgt.Der Reisedrang, durch die gewaltige Ausdehnung der arabischen Herrschaft angeregt, war sehr verbreitet, er entsprang nicht bloß religiösen Momenten (Pilgerzüge) oder Handelsinteressen, sondern auch reiner Wißbegierde. Soll doch schon ein Ausspruch Muhammeds gelautet haben: „Wer sein Haus verläßt, um der Wissenschaft nachzuforschen, der wandelt auf dem Pfade Gottes bis zu seiner Heimkunft.” Das Bewußtsein, überall im weiten Reiche auf Kenntnis der arabischen Sprache, auf Gesinnungsgenossen, auf gastfreundliche Aufnahme rechnen zu können, ließ auch die weitesten Entfernungen überwinden, wenn es galt, neue Kenntnisse zu erwerben, berühmte Lehrer zu hören. „Durchwanderer aller Zonen” war ein Ehrentitel. Ganz besonders kam dieser wissenschaftliche Reisetrieb der Erdkunde zu gute — einem Gebiete, auf welchem die Araber wahrhaft Großes geleistet haben. Der vollendetste Typus eines solchen Forschungsreisenden, der durch Beobachten und Nachfragen, nicht durch Traditionsglauben und reine Vernunftschlüsse das Leben seiner Zeit kennen lernen wollte, war der Geograph Makdisi (10. Jahrhundert), welcher nur Selbstgeschautes beschrieb und sein Wanderleben folgendermaßen schildert: Ich habe allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin als Prediger aufgetreten und habe von dem Minarette der Moscheen den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten Sitzungen und frommen Uebungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis, Brei mit den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Ich ging mit den Einsiedlern des Libanon um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe. Kriege habe ich mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion in den Kerker geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloß ich mich wieder einer Räuberbande an und saß als Kleinhändler auf dem Markte.
[19]Ein Fürst beneidete den anderen um besonders hervorragende Gelehrte; manche von diesen zogen bald flüchtig, bald unter sicherem Geleit von Hof zu Hof.
[20]Wie ein Symbol nimmt es sich aus, daß er auf spanischem Boden die erste Palme pflanzte — ein Ereignis, das in einer, von ergreifender Sehnsucht nach Bagdad erfüllten, Elegie verherrlicht wurde.
[21]Unter den Geschenken, welche diese Gesandtschaft überbrachte, befand sich auch ein Exemplar des Dioskurides. Auf Wunsch des Kalifen kam der gelehrte Mönch Nikolaos nach Cordoba und besorgte eine Uebersetzung dieses Autors.
[22]Beispielsweise leistete Abu Jusuf Chisdai ibn Schaprut, welcher unter Abdarrahman III. und seinem Nachfolger als Finanzminister fungierte, sehr wichtige Dienste bei der unter Leitung des Mönches Nikolaos angefertigten Dioskuridesübersetzung.
[23]Im Auftrage Hakims stellte Ibn Junis berühmt gewordene Sterntafeln her.
[24]Das Arabertum, dessen Wehrkraft gesunken war, wurde im Staatsleben im Westen von den Berbern, im Osten von Söldnern (Seldschuken, Mameluken) zurückgedrängt. Steuerdruck, unaufhörliche Kriege, Seuchen etc. vernichteten den Wohlstand.
[25]Die Angriffe von seiten der abendländischen Welt (Kreuzzüge) erregten begreiflicherweise allmählich religiöse Intoleranz und nährten die Orthodoxie.
[26]Als längst die Blüte vorbei war, besaß Bagdad noch 36 Bibliotheken, in Merw bestanden um 1200 zehn, von denen eine 12000 Bände zählte.
[27]In Persien bestanden Wissenschaft und Literatur sogar während der Mongolenherrschaft fort. Sogar der blutige Hulagu gründete eine großartige Sternwarte in Meraga.
[28]Der Sprachschatz der europäischen Völker und der europäischen Wissenschaft enthält eine Fülle von Worten, welche auf die arabische Kultur und ihre weitreichenden, nachhaltigen Einflüsse hindeuten. Hierher gehören nicht nur zahlreiche Bezeichnungen der Astronomie, Mathematik, Chemie, Pharmazie, des Seewesens, des Handelsrechts u. s. w., sondern auch viele Namen von Genußmitteln, Stoffen, Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens etc.
[29]Unter den Künsten blühte — da die Bildhauerei und Malerei durch religiöse Grundsätze behindert war — am meisten die Baukunst (Spitzbogen, Hufeisenbogen, starke Verwendung von Stuck, Vorliebe für Farbe und Ornament: Arabesken). Zu großartiger Entwicklung gelangte auch die Tonkunst (Streichinstrumente), wobei die Perser als Lehrer dienten. Die seit alten Zeiten gepflegte Dichtkunst bereicherte in der Glanzperiode der Kalifen ihren Stoff außerordentlich und spiegelte einerseits Lebensfreude (Liebeslieder, Weinlieder), anderseits den philosophischen Pessimismus wieder; später entartete sie durch Sprachkünstelei und Ueberladenheit.
[30]Die fast unübersehbare Literatur erstreckte sich auf alle Wissenszweige und Künste (z. B. Musiktheorie), auf die verschiedensten Gewerbe, auf die Landwirtschaft, die Kriegskunst etc., aber auch auf Wahrsagerei, Zauberei, Taschenspielerkunst u. s. w. Sehr wichtig waren die zahlreichenSammelwerke,Enzyklopädien,Lexika.
[31]Die Sprachwissenschaft entwickelte sich auf nationaler Grundlage zu vollendeter Meisterschaft. — Die anfangs bloß annalistische und lokale Geschichtsschreibung reifte allmählich zum Universalismus und zur philosophischen Betrachtungsweise heran. Ein später Vertreter der letzteren — Ibn Khaldun (1332-1406) — stellte gründliche Forschungen über den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen Geschehnisse an und rückte bereits das soziale Leben, die gesamte geistige und materielle Kultur in den Mittelpunkt der Betrachtung. — Sehr sorgfältig wurde auch die Geschichte einzelner wissenschaftlicher Zweige, einzelner Stände, der Parteien etc. und die Biographik bearbeitet.
[32]Die Werke mancher arabischer Geographen, welche jahrzehntelang durch die Welt zogen, sind von höchstem Interesse wegen ihrer lebendigen Schilderungen der Länder und Städte, der Volkssitten, der Landesprodukte u. s. w.
[33]Das Aräometer benutzten bereits die Alexandriner. Durch Bestimmung der Dichte glaubte man auch in das Wesen alchemistischer Prozesse eindringen zu können.
[34]Es gab ein eigenes Bombardierkorps.
[35]Diese großen Errungenschaften sind dem, im Abendlande unter dem NamenAlhazenbekannten,Ibn al-Haitamzu danken, welcher auch als Mathematiker (Monographie über den Asymptotenbegriff u. v. a.) und Astronom Hervorragendes leistete und sich mit philosophischen Fragen eifrig beschäftigte. Ibn al-Haitam stammte aus Basra und wurde von al-Hakim nach Aegypten gerufen, um daselbst, wie er sich dessen berühmt hatte, das Steigen des Nils (durch eine Stauwehranlage?) gleichförmig zu gestalten. Da ihm dies aber nicht gelang, so zog er sich den Zorn des Fürsten zu, simulierte Wahnsinn und mußte sich bis nach dessen Tode verborgen halten. Er verdiente sich sein Brot als Abschreiber mathematischer Texte und starb 1038. Besonders wichtig ist seineSehtheorie, welche die griechische Irrlehre, daß vom Auge ausgehende Strahlen das Sehen bewirken, bekämpfte.
[36]Repräsentiert wird die arabische Chemie (Alchemie) durchGeber(vgl. S. 150). Er kannte sehr genau das Wesen der Amalgamation und Legierung, verstand die Metalle zu oxydieren, zu sulfurieren. Der wesentlichste Fortschritt bestand darin, daß sich, neben der bisher vorzugsweise betriebenen Chemie der Schmelzprozesse, das Verfahren aufnassemWege entwickelte, mittels Anwendung derSalpetersäure(gewonnen durch Erhitzen von Salpeter und Vitriol), derSchwefelsäure(gewonnen durch Glühen von Alaun), desKönigswassers(Zusatz von Salmiak zur Salpetersäure, Lösungsmittel des Goldes) — das Altertum kannte nur die Essigsäure. Durch das Auflösen der Metalle kam man zur allerdings unreinenDarstellung von bisher unbekannten Verbindungen, namentlich von Salzen, wobei außer dem Destillieren auch dasUmkristallisieren, dieSublimation, dasFiltrierenals geeignete Verfahren dienten (auch Wasserbäder und Oefen zum chemischen Gebrauch waren bekannt). Dargestellt wurden Höllenstein, Quecksilberoxyd, Pottasche, Kalilauge, Natronlauge, Schwefelmilch u. v. a. — An die großen Leistungen der Araber erinnern viele Bezeichnungen in der Chemie, z. B. Elixier, Alkohol, Alkali, Salmiak, Soda, Alaun etc.
[37]Diese wurde ganz besonders dadurch gestärkt, daßBerbern und Türkenanstatt der mehr indifferenten oder skeptischen Araber die Hegemonie erlangten.
[38]So erhielt sich z. B. die Lehre von den vier Elementen trotz der chemischen Fortschritte.
[39]Eines der Hauptprobleme war der sogenannte Universalienstreit, d. h. die Frage, ob die allgemeinen Begriffe, Gattungen und Arten etwas Wirkliches oder bloße Gedanken seien. Angeregt wurde dieses Problem durch die Isagoge des (neuplatonischen und als Vorkämpfer des Vegetarianismus interessanten Philosophen) Porphyrios (vgl. S. 31), in welcher die fünf Begriffe (Universalia) γένος, διαφορά, εἶδος, ἴδιον und συμβεβηκός ═ Gattung, Wesensverschiedenheit, Art, Proprium, Accidens abgehandelt werden. Die Isagoge (Εἰσαγωγὴ περὶ τῶν πέντε φονῶν), eine Einleitung zum aristotelischen Organon, diente jahrhundertelang als Lehrbuch der Logik.
[40]Er suchte im Gewande eines Romans „Hai ibn Jakzan” zu zeigen, daß der Mensch, ganz abgesehen von aller Offenbarung, im stande sei, zur Erkenntnis der Natur und Gottes zu gelangen. Ibn Tofaïl war Vezier und Leibarzt.
[41]Averroës betrachtete den Aristoteles als die höchste Inkarnation des, einem Sterblichen überhaupt erreichbaren, Wissens und setzte es sich daher zur Aufgabe, die vielfachen Mißverständnisse der früheren Erklärer zu beseitigen, die Lehre des Stagiriten, richtig erfaßt, darzustellen. Averroës sah die Welt als einen streng an den Kausalnexus gebundenen, ewigen Werdeprozeß an, durchdrungen von der Gemeinvernunft, welche Erkenntnis schaffend in die Seele des Menschen hineinleuchtet; er lehrte die Vergänglichkeit alles Individuellen.
[42]Die Abhandlungen der lauteren Brüder (vgl. die Schriften von Fr. Dieterici) gewähren ein abgerundetes Bild von der Naturanschauung und dem Wissen der Araber im 10. Jahrhundert. Für uns sind besonders die Abhandlungen 22-30, welche über die leibliche und geistige Beschaffenheit des Menschen handeln, von großem Interesse. Es heißt dort (vgl. Dieterici, Die Anthropologie der Araber etc., Leipzig 1871): „Als Gott den Körper des Menschen schuf ... glich die Gründung dieses Körperbaues und die Fügung seiner Teile der Gründung und dem Bau einer Stadt. ... Also verfuhr Gott. Zuerst begann er mit der Schöpfung und Herstellung der vier für sich bestehenden Naturen (Hitze, Kälte, Feuchte, Trockenheit), die mit einander sich befehdenden Kräften versehen sind. Darauf verband er je zwei derselben, so daß vier Elemente, mit sich entsprechenden Kräften, entstanden. Das sind die Elemente (Feuer, Luft, Wasser und Erde). Darauf begründete Gott den Bau dieses Körpers aus den vier Elementen und rief die vier Mischungen mit zwar einander widerstreitenden Naturen, doch sich entsprechenden Kräften hervor (Blut, Schleim, Gelbgalle, Schwarzgalle). Darauf tat Gott diese vier Mischungen zusammen und schuf daraus neun verschieden gestaltete Substanzen (Knochen, Mark, Nerven, Adern, Blut, Fleisch, Haut, Nägel, Haar). Diese sind die Stütze des Körperbaues; dann fügte und setzte er eines über das andere als zehn geometrisch genau verbundene Stufen zusammen (Kopf, Hals, Brust, Bauch, die zwei Weichen, Unterleib, die zwei Schenkelpfannen, zwei Ober-, zwei Unterschenkel, die zwei Sohlen). Diese verband er und stellte sie als 248 Säulen (Knochen) von gleichem Schnitt her. Er zog die Bänder derselben und band ihre Gelenke zusammen mit 720 dehnbaren darüber gewundenen Bändern (Ligamente). Darauf bestimmte er die Depots und verteilte die Schatzkammern, er setzte deren elf, die mit verschieden gearteten Substanzen angefüllt wurden (Gehirn, Lunge, Herz, Leber, Milz, Galle, Magen, Eingeweide, zwei Nieren, zwei Hoden, zwei Röhren [Luft- und Speiseröhre]). Er zog die Gänge, öffnete Weg und Tor und bestimmte 360 Laufgänge (Schlagadern) für die Bewohner der Stadt. Er ließ Quellen aus den Depots hervorgehen und zerteilte von ihnen aus 360 verschiedene Bäche (Venen), die nach allen Seiten hinliefen. In die Mauer brach er zwölf rundliche Tore (zwei Ohren, zwei Augen, zwei Nasenlöcher, zwei Gänge [Geschlechtsteile], zwei Brüste, Mund und After) als Ausgänge für die Depots. Er übergab dann die so angelegte Stadt den Händen von acht sich einander helfenden Werkleuten (die anziehende, anhaltende, reifmachende, scheidende, mehrende, zeugende, nährende, formbildende Kraft). Dies sind die Meister jener Stadt, auch betraute er mit ihrer Bewachung fünf Wächter (die fünf Sinne), um ihre Grundelemente zu überwachen.” ... „Die natürlichen Kräfte und angeborenen Anlagen zerfallen in drei Gattungen: a) Die Kraft der Pflanzenseele hat ihre Stätte in der Leber, ihre Wirkung reicht durch die Venen bis zu allen Enden des Leibes. b) Die Kraft der Tierseele hat ihren Sitz im Herzen und übt durch die Pulsadern ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes aus. c) Die Kraft der Vernunftseele hat als Stätte das Gehirn, durch die Nerven reicht ihre Wirkung bis zu allen Enden des Leibes. Diese drei Seelen sind aber nicht als einzelne, voneinander getrennte, zu betrachten ... die Seele ist dem Wesen nach eine und hat je nach ihren Wirkungen verschiedene Namen. Schafft sie im Körper Ernährung und Wachstum, heißt sie Pflanzenseele, bewirkt sie im Körper sinnliche Wahrnehmung, Bewegung, heißt sie Tierseele, und schafft sie Ueberlegung und Unterscheidung, so heißt sie Verstandesseele.” —Nach der Darstellung der lauteren Brüder werden die Funktionen durch 23 Kräfte hervorgebracht, die in mannigfacher Wechselbeziehung (Diener-Herrscher) zueinander stehen.„Vier davon” — der Vergleich des Körpers mit dem städtischen Leben wird bis ins einzelne durchgeführt — „sind den Häuptlingen vergleichbar (Wärme,Kälte,Feuchtigkeit,Trockenheit), acht, die einander entgegengesetzt wirken, gleichen den Handwerkern (die anziehende,festhaltende,reifmachende,scheidende,nährende,formende,zeugendeundWachstumverleihende Kraft), fünf, die einander gleichgeartet sind, entsprechen den Händlern (die fünf Sinne), drei andere reichen sich einander zu, wie die Diener (Vorstellungskraft,Denkkraft,Gedächtniskraft), drei aber endlich befehlen wie Herren” (Begehr-, Zornes- und Verstandeskraft). — Bemerkenswert ist der Satz:„Jedes Glied des Körpers hat eine ihm speziell zukommende Kraft.Die Seele schafft durch diese Kraft und dieses Glied eine Wirkung, welche sie nimmer mit einem anderen Glied und einer anderen Kraft schaffen kann. Man nennt nun diese Kraft die Spezialseele jenes Gliedes.” — Aus den Störungen im Kräftespiel werden Krankheiten erklärt. — Es sei hier noch die Ansicht über die Lokalisation der Geisteskräfte und über die Apperzeption angeführt. „Die Seele denkt mit demMittelhirnüber die Dinge nach, stellt sich das sinnlich Wahrgenommene mit demVorderhirnvor und bewahrt die Wissensobjekte mit demHinterhirn.” ... „Vom Vorderhirn breiten sich feine Nerven aus, diese verbinden sich mit den Sinnen, d. h. den Organen, sie zerteilen sich dort und bilden hinter denselben ein Gewebe wie das Gespinst der Spinne. Gelangt nun die Qualität des Wahrgenommenen zu den im (normalen) Mischungszustand befindlichen Sinnen und ändert es dieselben in ihrer Qualität, so gelangt diese Aenderung von diesen Nerven aus zum Vorderhirn. Weil nun alle Sinne ihre Empfindung hieher senden, sammeln sich alle Bilder des sinnlich Wahrgenommenen bei der Vorstellungskraft. ... Haben sich bei ihr die Bilder gesammelt, so übergibt sie dieselben der Denkkraft, deren Sitz im Mittelhirn ist, um dieselben zu betrachten, ihren Sinn zu erfassen, ihre Eigentümlichkeiten, eigentliche Eigenschaft, ihren Nutzen und Schaden zu erkennen, dieselben der bewahrenden Kraft (im Hinterhirn) zuzustellen und sie dann bis zur Zeit der Erinnerung aufzubewahren.” — Unverändert oder bloß modifiziert finden sich die physio- und psychologischen Anschauungen der lauteren Brüder auch bei den späteren arabischen Philosophen und bei den Aerzten.
[43]In Betracht kommen z. B. die Werke desal-Masudi,al-Biruni,al-Idrisi Abd-al-Latif,al-Kazwini. Auch Dichter behandelten gelegentlich medizinische Stoffe, z. B. einer der bedeutendsten, Mutanabbi beschrieb in einem Lehrgedicht das Fieber, welches er selbst infolge mangelnder Bewegung bekommen haben will (lat. Uebers. bei Reiske opusc. med. ex monum. Arab. ed Gruner 1776).
[44]Wir gebrauchen hier, wie im folgenden, vorzugsweise die im abendländischen Mittelalter aufgekommenen Autorennamen und Büchertitel und erwähnen fast nur jene ärztlichen Schriftsteller, welche eine über den arabischen Kulturkreis hinausgehende Bedeutung erlangt haben.
[45]Die Isagoge des Johannitius, nach dem Muster der galenischen verfaßt, gehört zu den, am frühesten ins Lateinische übersetzten Schriften.
[46]resp. den Kanon der galenischen Schriften vgl. S. 128.
[47]Bei Serapion d. Ae. finden sich subtile Vorschriften über den Ort der Aderlässe. Im Anschluß an die galenische Gefäßlehre entwickelte sich bei den Arabern eine praktisch eminent wichtige Lehre von derWahl der Vene, je nach dem Krankheitssitz. Meistens wurde dieRevulsio e contrariobevorzugt, d. h. es wurde der Aderlaß (z. B. bei Pleuritis) nicht auf der leidenden, sondern auf der gesunden Seite vorgenommen. Während Hippokrates und Galen in der Regel auf der kranken Seite den Aderlaß ausführten, machten im Altertum dieMethodikeraus der Revulsio e contrario ein Gesetz, und auchArchigenessowieAretaiosvenäsezierten gewöhnlich auf dergesundenSeite.
[48]Sohn des jüdischen Arztes und Astronomen Zein at-Tabari (═ aus Tabaristan).
[49]Als Naturphilosoph wendete er sich einerseits gegen die Leugnung eines Weltschöpfers, anderseits verteidigt er die Ewigkeit der Urmaterie und lehrte, daß der Körper das Prinzip der Bewegung in sich selbst habe.Bemerkenswerterweise war er der Dialektik sehr abhold.
[50]Die Erblindung wird zumeist auf eine Mißhandlung von seiten des Fürsten al-Mansur von Chorasan zurückgeführt; dieser habe ihm nämlich aus Zorn darüber, daß die in der Confirmatio artis chemiae beschriebenen Experimente nicht glücken wollten, einen Peitschenschlag über den Kopf versetzt. Anfangs wollte er sich operieren lassen, doch stand er davon ab, da der Augenarzt seine Frage, „wie viel Häute das Auge habe”, nicht zu beantworten wußte. Als man ihm dennoch zur Operation weiter zuredete, sagte er: Ich habe von der Welt so viel gesehen, daß ich ihrer überdrüssig bin.
[51]Im Widerstreit der pathologischen Theorien der alten Autoren mußte nach einem festen Anhaltspunkt gegriffen werden. Galen war anscheinend am meisten berufen, die oberste Autorität zu bilden.
[52]Unter den verloren gegangenen Schriften befand sich eine Sammlung von Beobachtungen aus dem Krankenhaus in Bagdad.
[53]Die betrügerische Harnschau hatte manchen zu Reichtum und Würden verholfen. Es sei beispielsweise nur erwähnt, daß im Jahre 766 der Apotheker Abu Koreisch Isa deshalb zum Leibarzt des Kalifen al-Mahdi erhoben wurde, weil er der Gemahlin desselben die Geburt eines Sohnes mittels Uroskopie vorausgesagt hatte.
[54]Dies war eine Konsequenz seiner eifrigen Beschäftigung mit der Alchemie, welche er in einer eigenen Schrift gegen al-Kindi (vgl. S. 167) verteidigte.Rhazes war sichtlich bemüht, die Chemie in den Dienst der Medizin zu stellen.
[55]Im Koran, Sure 105 und bei den arabischen Geschichtschreibern (al Wagidi und Abd el Malik ben Hischam) ist die Rede vom sogenannten Elefantenkrieg, in welchem das Heer der Abyssinier während der Belagerung von Mekka durch eine Seuche aufgerieben wurde.
[56]Er hält die Masern im allgemeinen für gefährlicher als die Blattern, mit Ausnahme der durch letztere häufig bewirkten Erblindung. Der Begriff Hasbah war übrigens gewiß weiter als der heutige Begriff Morbilli und schloß wahrscheinlich Scharlach u. a. in sich. — Außer der Spezialschrift handeln auch Stellen im Continens (Lib. XVIII, cap. 8), im liber ad Almansorem und im liber divisionum (cap. 149) von demselben Gegenstand.
[57]In den „Aphorismen” heißt es: Qui quamplures medicorum interrogaverit, in errorem incidit plurimum. — Eine Schrift bezog sich auf das Thema „quod medicus non solum prudens esse debeat, sed aegrotorum desideriis indulgens.” Von edelsterhumaner Gesinnungzeugt die, in den „Aphorismen” ausgesprochene, Mahnung, daß der Arzt auch dann den Patienten noch trösten solle, wenn bereits die Zeichen des bevorstehenden Todes sichtbar werden. Man beachtet hier gegenüber der Antike den, unter dem Einfluß der monotheistischen Religionen eingetretenen Fortschritt im humanen Auftreten der Aerzte, vgl. hierzu S. 40 und 85.
[58]Z. B. der Geburtshilfe und der Kinderkrankheiten.
[59]Abgesehen von anderen Spitzfindigkeiten achtete er sogar auf die Temperatur des Pulses. In der Einleitung macht er es dem Rhazes zum Vorwurf, daß er auf die allgemeinen Prinzipien zu wenig eingegangen sei.
[60]Eine kulturhistorisch interessante Hinterlassenschaft dieser Epoche ist der sogenannteKalender von Cordoba(arabisch mit hebräischen Lettern und lateinisch erhalten), welcher neben Astronomischem, Meteorologischem, Landwirtschaftlichem auch hygienisch-therapeutische Vorschriften für die einzelnen Monate enthält.
[61]Das Medizinische ist zum Teil aus dem Hawi des Rhazes geschöpft. Besonders bemerkenswert sind die Abschnitte über die Zubereitung der Arzneipräparate (der mineralischen hauptsächlich durch Sublimation). Bei der Destillation kam ein besonders konstruierter Ofen zur Verwendung, dessen Feuerungsmaterial sich automatisch ersetzte.
[62]Auch ins Hebräische und sogar ins Provenzalische.
[63]Man vgl. hierin und in anderen Zügen der Frühreife die Aehnlichkeit mit Galen.
[64]Der Tod soll durch eine unzweckmäßige Selbstbehandlung beschleunigt worden sein. Deshalb sagt ein arabischer Dichter boshaft von Avicenna, seine Philosophie habe ihn nicht gute Sitten, und seine Heilwissenschaft habe ihn nicht die Kunst gelehrt, sich Gesundheit und Leben zu erhalten.
[65]Es wurden ihm die Beinamen el Scheich, Arrajis, d. i. der Ehrwürdige, der Erhabene, der Fürst gegeben.
[66]Vgl. hierzu S. 162. Die Kräftelehre macht sich z. B. in der Ernährungstheorie stark geltend, wobei dastemporaleVerhältnis, d. h. die einzelnen Phasen des Ernährungsprozesses,kausalausgedrückt wurde. Zunächst sollte in den feinsten Gefäßenden aus dem Blute eine Feuchtigkeit abgesondert werden, die zu den feinsten gleichartigen Teilen gelange, aus dieser entstehe dann eine tauähnliche, endlich eine konsistentere Flüssigkeit, welche (von den Geweben) assimiliert werde. Für diese komplizierten Veränderungen setzte man eine eigene„umwandelnde”Kraftvoraus. Bemerkenswert ist es, daß man eine aktive Attraktion des Nahrungsstoffes, eine spezifische Wahlanziehung und ein spezifisches Assimilationsvermögen in jedem Körperteile annahm (vgl. Canon Lib. I, Fen. I, Doctr. VI, cap. 2).
[67]Biruni(973-1048), ein eminenter Polyhistor und positivistischer Philosoph, beschäftigte sich mit Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde, Geschichte und Medizin. Er soll lange Zeit in Indien gelebt und daselbst wissenschaftliche Studien gemacht haben. In einem allgemein naturgeschichtlichen und in einem (noch erhaltenen) Werke über die Steine, besprach er auch Medizinisches.
[68]Im maurischen Spanien entfaltete sich die Philosophie verhältnismäßig recht spät, lange nachdem schon Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin, Geographie und Geschichte eifrig betrieben worden waren. Da im Westen die mannigfachen alten Kulturschichten und Parteiungen mit ihren Divergenzen fehlten, so bedurfte es, nicht wie im Oriente, der vielfach abgestuften philosophischen Vermittlungsversuche zwischen Glauben und Wissen, und ungestört von der Dialektik konnte die Orthodoxie das Zepter führen. Gerade aber unter diesen einfacheren Verhältnissen mußte sich bei einzelnen überlegenen Denkern der Gegensatz zur gläubigen Masse viel schroffer entwickeln als anderswo. So wird es auch verständlich, daß eben in der Zeit des höchsten Geistesdruckes, im Zeitalter der Almorawiden und Almohaden, wenn auch im Verborgenen und von wenigen kühnen Anhängern getragen, jene Strömung aufkam, welche schließlich in den, im Sinne der Theologie, irreligiösenAverroismuseinmündete.
[69]Ein Beispiel seiner aristokratischen Behandlungsweise ist folgendes. Als der Emir Abd-al-Mumin Purgiermittel nehmen wollte, ließ Avenzoar einen Weinstock mit Purgierwässern begießen; von der reif gewordenen Rebe genoß der Fürst, wonach die erwünschte Wirkung eintrat.
[70]Beispielsweise verwirft er den Streit über die größere Wichtigkeit des Gehirns, der Leber, des Herzens, da auf dem Zusammenwirken der Organe das Leben beruhe, die spekulative Dosologie des Kindi (vgl. S. 167) u. a.
[71]Daß er solche Studien betrieben, betont er ausdrücklich.
[72]Vom Vorurteil befangen, hielten es vornehme Aerzte unter ihrer Würde, sich mit manuellen Verrichtungen, chirurgischen und pharmazeutischen zu befassen, Avenzoar hatte aber, wie er selbst sagt, in beiden während seiner Ausbildungszeit gediegene Kenntnisse erworben. Nur die Ausführung des Steinschnitts von seiten des Arztes verwarf er aus Gründen der Dezenz (Entblößung der Genitalien).
[73]Gelegentlich rüttelt er in speziellen Fragen an der galenischen Qualitätenlehre, behauptet gegen Galen die Empfindungsfähigkeit der Knochen und Zähne etc.
[74]Z. B. Empfehlung der Konkremente von Hirschaugen gegen Ikterus, des Smaragds gegen Dysenterie, des Magnetsteins gegen Exostosen — verschiedener Sympathiemittel.
[75]Averroës spricht in Ausdrücken größter Verehrung von Avenzoar und erklärt ihn für den Größten nach Galen. Avenzoar widmete dem Averroës seinen Teïsir.
[76]Um die Erhaltung, Verbreitung und Verdolmetschung der Werke des Avenzoar und Averroës haben sich die Juden die größten Verdienste erworben.
[77]Anatomie, Physiologie, allgemeine Pathologie, Semiotik, Arzneimittellehre, Hygiene, allgemeine Therapie.
[78]Der Colliget ist gleichsam der kolossale Kommentar zum 1. Buch des Kanon, Averroës kommentierte übrigens Avicennas Canticum, welches er für die beste Einleitung zur Medizin erklärte.
[79]Interessant sind hingegen manche theoretische Erörterungen, z. B. die sehr rationelle Widerlegung von Kindis Lehre über die Grade der Arzneimittel.
[80]Einen Kompromißversuch stellt seine Schrift concordia inter Aristotelem et Galenum dar.
[81]Durch den Fanatismus der Almohaden vertrieben, waren auch andere jüdische Aerzte Andalusiens nach Aegypten gezogen, wo sie zur Zeit Saladins eine ganz hervorragende Rolle spielten.
[82]D. h. Sohn des Tierarztes.
[83]Darunter der berühmte Botaniker Abul AbbasAnnabatiaus Sevilla († 1239).
[84]Persien, Indien, Türkei, Aegypten, Nordafrika.
[85]Abd el Letif (1162-1231) berichtigte auf Grund zahlreicher Untersuchungen an menschlichen Schädeln den Irrtum Galens, daß der Unterkiefer aus zwei getrennten Teilen zusammengesetzt sei, auch lehrte er, daß das Kreuzbein in der Regel nicht aus sechs, sondern in der Regel nur aus einem Knochen bestehe.
[86]Als Verfasser von Schriften anatomischen Inhalts wären z. B. Jahja ben Masawaih, Thabit ben Kurra, Rhazes hervorzuheben.
[87]Z. B. die Handschrift des Morched ═ Direktor des Muhammed el-Gafiki enthält nicht nur Abbildungen von Instrumenten, sondern auch Darstellungen des Faserverlaufs der Arterienhäute, der Schädelnähte und des Chiasma opticum, ebenso finden sich in augenärztlichen Schriften schematische anatomische Abbildungen.
[88]Die Araber standen auch bei den Byzantinern als Prognostiker in hohem Ansehen.
[89]Vgl. das S. 166 über den Aderlaß Gesagte.
[90]Gemäß der Elementarqualitätenlehre erfolgte (nach dem Grundsatze Contraria contrariis) die Wahl der Mittel und in zusammengesetzten Arzneien die Bestimmung der Dosis jedes einzelnen Bestandteils.
[91]Ein im abendländischen Mittelalter geschätztes Werk, welches diesen Gegenstand betrifft, rührt von dem berühmten jüdischen Gelehrten Abraham ben Meïr ibn Esra (Avenares, Avenerzel) aus Toledo (um 1150) her und zeigt, wie kompliziert sich allmählich das astrologische System in seiner Einwirkung auf die Medizin gestaltete (lat. unter dem Titel de diebus criticis, Lugd. 1496 u. ö.). — Von einzelnen überlegenen Denkern wurde freilich die Berechtigung der Astrologie energisch bestritten (z. B. Avicenna, Avenzoar, Averroës).
[92]Die gleiche Erscheinung läßt sich, trotz mancher Anläufe zur scharfen Kritik, im Verhalten zum Ptolemäischen Systeme beobachten.
[93]Vgl. hierzu die byzantinischen Zustände S. 103.
[94]Die Augenheilkunde wurde zum großen Teile von wissenschaftlich gebildeten Spezialisten betrieben. In Bagdad, Damaskus, Kairo gab es eigene Augenabteilungen in den Krankenhäusern, ja sogar eigene Augenkliniken.
[95]So bei Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar, Averroës u. a.
[96]Bei Ali ben Isa sind 130 Augenkrankheiten beschrieben, bei einem Autor des 14. Jahrhunderts sogar 153.
[97]Ali ben Isa nennt 143 einfache Arzneimittel.
[98]Operiert wurde (nach dem Vorbild der Griechen) in der Regel mit dem Lederhautstich schläfenwärts (etwa 4 mm vom Hornhautrande entfernt); als Vorakt diente (um ein sanfteres Eindringen der Starnadel zu bewirken) eventuell ein Einschnitt in die Bindehaut (indisches Verfahren).
[99]Das Verfahren des Aussaugens mittels der Röhre stammte aus dem Irak, die Anwendung einer Hohlnadel wurde wahrscheinlich zuerst von 'Ammar ersonnen.
[100]Die Operationskunst, sagt er, ist bei uns verschwunden, fast ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nur in den Schriften der Alten findet man noch einige Hinweise darauf, aber auch sie sind durch schlechte Uebersetzungen, durch Irrtümer und Verwechslungen nahezu unverständlich und unbrauchbar geworden.
[101]Von den Arabern „Alkawabeli” genannt, d. h. der Geburtshelfer (κατ' ἐξοχὴν).
[102]Hier sei übrigens bemerkt, daß sich die Aerzte bei ihren diätetischen Vorschriften nicht immer streng an rituelle Gebote hielten, dies gilt namentlich hinsichtlich des Weingenusses. So haben z. B. Abulkasim und Avicenna den Wein als wichtiges Mittel verordnet. Der strenggläubige Muslim, der den in Oxford befindlichen Kodex des Abulkasim abschrieb, setzte allerdings die Worte hinzu: „Wein hat uns Allah verboten. Wenn es dem Kranken beschieden ist, gesund zu werden, wird er auch ohne Wein gesund werden.” Interessant ist es auch, daß Isaac Judaeus das Schweinefleisch als eine sehr gesunde Speise empfiehlt. Vgl. S. 144 Anm. 1.
[103]In arabischen Reisewerken finden sich Berichte über die Herkunft und Gewinnungsart vieler Drogen (z. B. Kampfer, Moschus, Ambra, Santalum, Kubeben, Aloe, Rheum, Crocus, Asa foetida etc.).
[104]Viele Aerzte waren eifrige Botaniker und machten botanische Exkursionen; in später Zeit wurden auch botanische Gärten angelegt.
[105]Julep unterscheidet sich vom Sirup dadurch, daß er nicht so lange gekocht wird, daher weit dünner ist.
[106]Augenkollyr.
[107]Auch hier war das Vorbild der Nestorianer in Dschondisabur (vgl. S. 165) maßgebend.
[108]Zum Beweise diene folgende köstliche Prüfungsgeschichte. „Im Jahre 319 d. H. erfuhr al-Muktadir (der Kalife), daß einer von den Aerzten einen Kunstfehler bei einem Manne gemacht hatte, woran dieser gestorben war. Da befahl er dem Polizeimeister, allen Aerzten die Ausübung der Praxis zu verbieten, falls sie nicht Sinan ben Tabit ben Kurra geprüft und ihnen einen Praktizierschein ausgestellt hätte, und er befahl dem Sinan sie zu prüfen und jedem einzelnen die Erlaubnis zur Ausübung des Teiles der Heilkunde zu erteilen, den er verstand. Und es erreichte ihre Zahl auf beiden Seiten Bagdads 800 und einige 60 Mann, abgesehen von denen, die ihre Berühmtheit von der Prüfung entband ob ihrer hervorragenden Bedeutung in der Kunst und von denen, die im Dienste des Kalifen standen. Und zu dem drolligen, was bei der Prüfung der Aerzte passierte, gehörte, daß zu Sinan ein Mann hineingeführt wurde, vornehm an Kleidung und Aussehen, ehrfurchtgebietend und würdevoll. Da ehrte ihn Sinan nach Maßgabe seiner Erscheinung und gab ihm einen Ehrenplatz und pflegte, wenn etwas passierte, sich an ihn zu wenden und hörte nicht auf, so zu tun, bis er seine Aufgabe an diesem Tage beendet hatte; da erst wandte sich Sinan an ihn und sagte: Ich würde mich freuen, etwas vom Scheiche zu hören, was ich mir von ihm merken könnte und wenn er mir seinen Lehrer in der Heilkunde nennen würde. Da zog der Scheich aus seinem Aermel eine Rolle heraus, darin blanke Denare waren, legte sie vor Sinan hin und sagte: Ich verstehe nicht zu schreiben und zu lesen und habe nie etwas gelesen, aber ich habe eine Familie und mein Lebensunterhalt ist ein immer volles (?) Haus und ich bitte dich, daß du mir das nicht abschneidest. Da lachte Sinan und sagte: Unter der Bedingung, daß du nicht auf einen Kranken losgehst mit dem, was du nicht kennst und nicht zu einem Aderlaß oder zu einem Abführmittel rätst, außer zu dem, was von den Krankheiten naheliegt. Da sagte der Scheich: Das ist meine Methode; mein Lebenlang bin ich nicht über Zuckerkand und Rosenwasser hinausgegangen. Und er ging davon. Und anderen Tags wurde ein Jüngling zu ihm hineingeführt, prächtig im Anzug, schön von Antlitz und klug. Da blickte Sinan auf ihn hin und sagte: Bei wem hast du gelesen? Er sagte: Bei meinem Vater. Wer ist denn dein Vater? Er antwortete: Der Scheich, welcher gestern bei dir war. Sinan sagte: Ein wackerer Scheich und du befolgst seine Methode? Er sagte ja. Da sagte Sinan: Ueberschreite sie nicht, und ging in Begleitung ab.” — Eine ganz ähnliche Anekdote wird aus dem 12. Jahrhundert von Ibn at-Talmid als Prüfer erzählt. — In Cordoba setzte der Emir Dschedur ben Muhammed (im 11. Jahrhundert) eine ärztliche Prüfungsbehörde ein und verfolgte die Scharlatanerie.
[109]Das Studium des Dioskurides wurde durchbotanische Exkursionenergänzt.
[110]Ursprünglich konnte jeder als Arzt und medizinischer Lehrer auftreten, ohne über die erworbene Ausbildung Rechenschaft geben zu müssen.
[111]Das Amt des Protomedikus versah gewöhnlich der Leibarzt des Fürsten.
[112]Ein Beispiel bildet Dschabril ben Bachtischua, dessen jährliches Einkommen sich auf ungefähr 280000 Franken belaufen haben soll. Solche Aerzte verstanden es auch, ihrem Reichtum entsprechend, zu leben. Von der luxuriösen Lebensweise des Sohnes des Dschabril berichtet ein Augenzeuge folgendes: Ich besuchte ihn an einem außerordentlich heißen Tage und fand ihn in einem tapezierten Sommergemache, dessen kuppelförmiges Dach mit Rohrmatten bedeckt und von außen mit feinster Leinwand überzogen war. Er trug einen schweren Kaftan aus südarabischem Seidenstoff und hüllte sich noch überdies in einen Mantel ein. Ich staunte über diesen Anzug bei solcher Hitze, aber kaum hatte ich Platz genommen, so empfand ich eine auffallende Kälte. Da lachte er, ließ mir einen Kaftan und Mantel bringen und befahl einem Diener, den Tapetenstoff von der Wand zu entfernen. Nun erst sah ich, daß sich in der Wand Oeffnungen befanden, die in einen Raum gingen, der ganz mit Schnee gefüllt war; Diener aber waren unablässig beschäftigt, mit großen Fächern die kühle Luft, die sich dort ansammelte, in das Gemach zu fächeln. Es wurde nun das Essen aufgetragen und der Tisch mit den köstlichsten Speisen bedeckt. ... Ein anderes Mal besuchte ihn derselbe an einem kalten Wintertage, wo er ihn in einem Gewächshause, wie in einem Garten sitzend, antraf. Vor ihm stand ein silbernes Kohlenbecken, in welchem mit wohlriechenden Hölzern die Glut unterhalten wurde. Als der Besucher sich über die angenehme Wärme wunderte, ließ der Hausherr den Tapetenstoff der Wände entfernen, und da sah er, daß hinter dem Gemache Sklaven beschäftigt waren, stets Feuer zu unterhalten, dessen Wärme das Gemach füllte.
[113]Vgl. die Titel der standesärztlichen Abhandlungen des Rhazes und namentlich seine Schrift „über die Umstände, welche die Herzen der meisten Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden”, S. 172 u. ff. Die Schriften über ärztliche Ethik knüpften an die hippokratischen an.Es ist auch nicht zu übersehen, daß bei der großen Menge beständig die rohempirischen und abergläubischen Praktiken der Volksärzte (Tabib), ebenso die Zaubermedizin (Amulette, Talismane) und die Theurgie (Händeauflegen, Koranstechen etc.) auf starken Anhang rechnen konnten. Von den Arten des medizinischen Aberglaubens ist der (unter indischem Einflusse) erstarkteGlaube an die Heilkraft der Steine(in Form von Amuletten) der interessanteste. Ueber dieses Gebiet handelte die mineralogische Literatur (Steinbücher) mit größtem wissenschaftlichen Ernst. Den Ausgangspunkt bildete eine fälschlich dem Aristoteles zugeschriebene Schrift arabischer Herkunft über die Steine (lat. ed. von Val. Rose, Zeitschr. f. d. Altertum N. F. VI, 1875).
[114]Die Augenärzte bildeten eine besondere Korporation.
[115]Es gab Wundärzte, Schröpfer, Zahnärzte, Steinschneider etc.
[116]Wichtige Quellen aus späterer Zeit sind die Werke des Hasan Ibn Muhammed Alwazzan, als ChristLeo Africanus, und das Lexicon bibliographicum desHadschi Khalfa(beide im 16. Jahrhundert).
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Im folgenden sind nur die allerwichtigsten Autoren und vorzugsweise solche Werke berücksichtigt, welche in gedruckten Uebersetzungen (ins Lateinische oder in moderne Sprachen) vorliegen.