Vierter Abschnitt.Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.

Baden-Baden d. 23. Mai 1877.Nr. 1Das englische Surgeons College bewährt seine Leistungen in so erfreulicher Weise, daß in Deutschland ein ähnliches Unternehmen rathsam erscheint. Die Triumphe der Wissenschaft dienen dabei den Zwecken der Humanität und fördern die individuelle Wohlfahrt der Männer, welche als Träger der Wissenschaft dem großen geistigen Verbande aller Nationen und Systeme angehören.Nr. 2Die Gründung eines deutschen Chirurgen-Collegiums mit Bezugnahme auf die englischen Statuten müßte, dem deutschen Vereinswesen entsprechend, an geeigneter Centralstelle durch Mitwirkung Aller, welche den großen Zweck anerkennen und ihm dienstbar sein wollen, ins Leben gerufen werden.Nr. 3Hierfür wäre ein angemessenes Programm anzufertigen und zu verbreiten, ein Programm, das zunächst die Namen Langenbeck, Esmarch und Billroth als Empfehlung trüge, für Berlin speciell andere hervorragende Namen verschiedener Richtung mit an die Spitze zu stellen hätte. Dieses Programm würde das vorläufige Statut des Vereins und den Vorschlag zur Beschaffung des nöthigen Lokals (zunächst miethsweise) enthalten, worauf je nach erlangtem Erfolge dereinst der Beistand des Reiches in Anspruch genommen werden könnte.Nr. 4Es käme darauf an dem Unternehmen von vornherein die Popularität der Zweckmäßigkeit und des praktischen Nutzens zu erwerben, wozu der bestehende wichtige Chirurgen-Kongreß die beste Veranlassung bietet u. eine geschäftsmäßige Organisation die nöthige Vertretung gewähren muß.Nr. 5Es würde nach Beschaffung des Programms und vertraulicher Mittheilung desselben an die geeigneten Personen ein möglichst kurzer Termin zur Einsendung einer schriftlichen Begutachtung desselben festzusetzen sein, damit das Werkeinheitlichdemnächst in die Oeffentlichkeit trete und keine nachträgliche Diskussion zu gewärtigen habe. Ob die Form der einfachen Beiträge oder der Aktienausgabe dabei die angemessenste wäre, bleibt dem Urtheil der Fachmänner vorbehalten.Die Kaiserin würde sich mit einem einmaligen Geschenke von „Eintausend Mark“ daran betheiligen.

Baden-Baden d. 23. Mai 1877.

Nr. 1

Das englische Surgeons College bewährt seine Leistungen in so erfreulicher Weise, daß in Deutschland ein ähnliches Unternehmen rathsam erscheint. Die Triumphe der Wissenschaft dienen dabei den Zwecken der Humanität und fördern die individuelle Wohlfahrt der Männer, welche als Träger der Wissenschaft dem großen geistigen Verbande aller Nationen und Systeme angehören.

Nr. 2

Die Gründung eines deutschen Chirurgen-Collegiums mit Bezugnahme auf die englischen Statuten müßte, dem deutschen Vereinswesen entsprechend, an geeigneter Centralstelle durch Mitwirkung Aller, welche den großen Zweck anerkennen und ihm dienstbar sein wollen, ins Leben gerufen werden.

Nr. 3

Hierfür wäre ein angemessenes Programm anzufertigen und zu verbreiten, ein Programm, das zunächst die Namen Langenbeck, Esmarch und Billroth als Empfehlung trüge, für Berlin speciell andere hervorragende Namen verschiedener Richtung mit an die Spitze zu stellen hätte. Dieses Programm würde das vorläufige Statut des Vereins und den Vorschlag zur Beschaffung des nöthigen Lokals (zunächst miethsweise) enthalten, worauf je nach erlangtem Erfolge dereinst der Beistand des Reiches in Anspruch genommen werden könnte.

Nr. 4

Es käme darauf an dem Unternehmen von vornherein die Popularität der Zweckmäßigkeit und des praktischen Nutzens zu erwerben, wozu der bestehende wichtige Chirurgen-Kongreß die beste Veranlassung bietet u. eine geschäftsmäßige Organisation die nöthige Vertretung gewähren muß.

Nr. 5

Es würde nach Beschaffung des Programms und vertraulicher Mittheilung desselben an die geeigneten Personen ein möglichst kurzer Termin zur Einsendung einer schriftlichen Begutachtung desselben festzusetzen sein, damit das Werkeinheitlichdemnächst in die Oeffentlichkeit trete und keine nachträgliche Diskussion zu gewärtigen habe. Ob die Form der einfachen Beiträge oder der Aktienausgabe dabei die angemessenste wäre, bleibt dem Urtheil der Fachmänner vorbehalten.

Die Kaiserin würde sich mit einem einmaligen Geschenke von „Eintausend Mark“ daran betheiligen.

AlsBernhard v. Langenbeckam 28. September 1887 starb,richtete die Kaiserin ein Schreiben an den damaligen Kultusministerv. Goßler, welches den Vorschlag enthielt, statt eines Denkmales aus Erz oder Stein (wie es die Berliner Medizinische Gesellschaft plante) eine Stiftung von praktischer Bedeutung für die Entwicklung der Chirurgie anzustreben und durch deren Verknüpfung mitLangenbecksNamen das Andenken des großen Chirurgen dauernd zu ehren.

So ist der Gedanke eines Vereinshauses für die deutschen Chirurgen und des Namens, welchen es trägt, nicht nur ganz ausschließlich aus dem Kopfe der ersten Kaiserin des neuen Deutschen Reiches hervorgegangen, sondern sie hat auch die Wege gezeigt und die Kräfte in Bewegung gesetzt, auf welchen und durch welche das Ziel in erreichbare Nähe gerückt wurde. Das außerordentliche Wohlwollen aber, welches dieKaiserin Augustaden Bestrebungen der deutschen Chirurgen entgegenbrachte, hat sie auch auf ihre Nachkommen zu übertragen gewußt, wie KaiserWilhelmII. bei den verschiedensten Gelegenheiten und KaiserinAugusta Viktoriabei den alljährlich sich wiederholenden Empfängen eines Teiles der zum Kongreß versammelten Chirurgen in reichem Maße dargetan haben.

Das bewundernswerte, unbeirrte Festhalten an der Verfolgung des einmal als richtig erkannten Zieles hatte schon vor dem Jahre 1890 die Durchführung des Baues gesichert; doch sollte die KaiserinAugustadessen Beginn nicht mehr erleben. Am 7. Januar 1890 schloß die edle Frau, die liebevolle Beschützerin und fleißige Mitarbeiterin an der Entwicklung der deutschen Chirurgie, nach einem Leben voll rastloser Tätigkeit die Augen. Ihr Name und ihr Wirken soll und kann unter den deutschen Chirurgen niemals vergessen werden, die beim Besuche des Langenbeckhauses durch eine Porträtbüste, ein Geschenk ihres Enkels,Kaiser WilhelmsII., an die hochherzige Freundin und Beschützerin deutscher Kunst und Wissenschaft erinnert werden.

In dem kraftvollen und umsichtigen Nachfolgerv. Langenbecksauf dem Berliner Lehrstuhle für Chirurgie, inErnst v. Bergmann, fanden die deutschen Ärzte den geeigneten Führer zur Durchsetzung des kaiserlichen Planes. Der livländische Pfarrerssohn von fast hünenhafter Erscheinung, mit scharfgeschnittener Hakennase und langgetragenem schlichtem Haar, war von Dorpat über Würzburg nach Berlin gekommen. Klug und begabt, mit mächtigen Stimmitteln ausgerüstet, deren Wirkung durch seinen scharfen baltischen Dialekt noch erhöht wurde, Beherrscher des Wortes, welches er in unerhörter Leichtigkeit und mit dichterischem Schwunge zu meistern wußte, Fest- und Gelegenheitsredner ohnegleichen, verband er mit allen diesen Eigenschaften eine Tatkraft, die vor keinem Hindernis zurückwich. Freilich kamen ihm in dem besonderen Falle mancherlei Umstände zu Hilfe. Zunächst hatte die KaiserinAugustadurch letztwillige Verfügung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie eine Summe von 10000 Mark zum Bau eines Langenbeckhauses vermacht, welches bald nach ihrem Ableben in deren Besitz übergegangen war. Einen noch weit höheren Betrag von 100000 Mark schenkte der deutsche KaiserWilhelmII. Eine Sammlung von Beiträgen zu einem Ehrendenkmale fürBernhard v. Langenbeck, die von der Gesellschaft in Gemeinsamkeit mit der Berliner Medizinischen Gesellschaft für ihren langjährigen Vorsitzenden veranstaltet worden war, ergabgleichfalls reiche Mittel in Höhe von fast 100000 Mark. Ungefähr die gleiche Summe konnte die Kasse der Gesellschaft aus ihren Ersparnissen beisteuern, so daß unter Hinzurechnung kleinerer Geschenke am 1. April 1891 eine Summe von mehr als 260000 Mark zur Verfügung stand. Zur Annahme und Verwaltung dieser Summen war die Gesellschaft durch die Erteilung der Korporationsrechte befähigt worden, welche der damalige Vorsitzendev. Bergmannschon am 8. April 1888 beantragt hatte.

So konnte denn an den Bau des Hauses herangetreten werden. Am 18. November 1890 wurde für den Preis von 540000 Mark der Bauplatz in der Ziegelstraße 10/11 erworben, dessen südliche, an die Spree stoßende Hälfte der Gesellschaft verblieb, während der nördliche Teil für 300000 Mark in den Besitz des Staates überging. Die technische Ausführung wurde dem Berliner Baumeister E.Schmidtübertragen, die Oberaufsicht führte der Geheime OberregierungsratSpiekervom Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Am 4. April 1891 legte in feierlicher Weise der damalige VorsitzendeKarl Thierschden Grundstein des Gebäudes, welches nunmehr so schnell gefördert wurde, daß es in wenig mehr als einem Jahre vollendet und gebrauchsfähig dastand.

Der XXI. Kongreß, den man in Rücksicht auf die Fertigstellung bis in den Juni verlegt hatte, wurde am 8. Juni 1892 mit der Einweihung desLangenbeckhauseseröffnet. Vor einer glänzenden Versammlung in welcher der Kaiser durch den PrinzenFriedrich Leopold, die Kaiserin durch den KabinettsratBodo von dem Knesebeck, vertreten wurden, hielt der VorsitzendeAdolfv. Bardelebendie Eröffnungsrede, die in kurzen Strichen die Vorgeschichte des Baues darlegte. Ihm folgteErnst v. Bergmannmit einem formvollendeten Rechenschaftsberichte, in welchem er in klangvollen Worten, wie sie diesem Meister der Rede bei jeder Gelegenheit zu Gebote standen, die neuen Aufgaben der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, die ihr mit dem Vereinshause erwachsen waren, vorzeichnete. Er schloß mit den Worten: „Wozuv. Langenbeckdas Haus einst bestimmt hat, dazu wachse und blühe es: ein Hort der naturwissenschaftlichen Medizin, zur Ehre, Zier und Macht des ärztlichen Standes.“

So war das erste große ärztliche Vereinshaus Deutschlands seiner Bestimmung übergeben. —

Indessen blieb die Freude über das neue Heim, welches alle Mitglieder der Gesellschaft gleichmäßig erfüllte, nur wenige Jahre ganz ungetrübt. Es war wohl eine Folge des ungewöhnlich beschleunigten Baues und die Lage des Hauses auf einem wenig festen, moorigen Boden, daß die bei allen neuen steinernen Gebäuden unvermeidlichen Senkungen und Verschiebungen eine über das Mittelmaß hinausgehende Höhe erreichten. Fast alljährlich mußten mehr oder weniger erhebliche Summen für Ausbesserungen ausgegeben werden, welche den Jahreshaushalt zunehmend belasteten. Und dies war nicht einmal der größte Übelstand, sondern schon nach wenigen Jahren zeigte sich, daß die Fassungskraft des großen Sitzungssaales für die alljährlich anschwellende Mitgliederzahl in seinen Größenverhältnissen zu gering veranschlagt worden sei.

AufS. 32ist bereits von dem schnellen, fast lawinenartigen Anwachsen der Mitgliederzahl die Rede gewesen, die im Jahre 1900, also 8 Jahrenach der Einweihung des Langenbeckhauses, das erste Tausend überschritt, um von da an ein immer schnelleres Zeitmaß einzuschlagen. Der Grund dafür ist nicht ausschließlich in dem Umstande zu suchen, daß alle Ärzte des deutschen Sprachgebietes in Europa, soweit sie sich mit Chirurgie befaßten, es allmählich als eine große Ehre einschätzen lernten, Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein; vielmehr kam als wichtiger Umstand hinzu, daß die Satzungen auch allen fremdsprachigen Ausländern in weitherzigster Gastfreundschaft die Tore öffneten. Immerhin blieben solche Mitglieder, denen das Deutsche nicht Muttersprache war und die sich nicht als Deutsche fühlten, zunächst noch vereinzelt; aber mit der wachsenden Bedeutung der Verhandlungen und ihrer oft überaus wichtigen Entscheidungen in schwebenden Fragen schwoll der Strom der Ausländer mehr und mehr an, schickten nicht nur alle Völker Europas und der Kulturnationen Amerikas ihre Vertreter, sondern sie kamen aus allen Weltteilen. So haben lange Jahre die hervorragendsten Ärzte des bildungseifrigen Japans als Mitglieder unserer Gesellschaft angehört. Unter allen Fremden aber haben die slawischen Völker des europäischen Ostens stets den erheblichsten Bruchteil gestellt.

Es ist nicht ohne Wichtigkeit, sich klar zu machen, in welchem Umfange dieser Zustrom Nichtdeutscher zur Mitgliedschaft der Gesellschaft sich vollzogen hat. Eine Zählung ist allerdings dadurch sehr erschwert, daß weder Name, noch Wohnort des einzelnen einen sicheren Anhalt für sein Deutschtum zu geben vermag. Alle Personen zweifelhafter Nationalität sind daher als Deutsche gerechnet, so daß die aufgestellten Zahlen nur das Mindestmaß der Fremden wiedergeben. Die in Betracht kommenden Zahlen betrugen:

Die Übersicht zeigt nicht nur das ständige und seit 1890 ganz ungewöhnliche Wachstum der Gesellschaft an Mitgliederzahl, sondern zugleich die schon früher, seit 1880 einsetzende und unaufhörlich anschwellende Zunahme der Chirurgen fremder Volksstämme bis fast zum fünften Teile des Gesamtbestandes. Es ist das ganz gewiß ein Zeichen großen Vertrauens zu der wissenschaftlichen Chirurgie unseres Vaterlandes und daher als eine große Ehre zu betrachten; doch darf nicht übersehen werden, daß darin unter gewissen Umständen auch der Anlaß zu allerlei Unzuträglichkeiten gelegen sein könnte.

Gleichgültig, welche Gründe dabei mitwirkten, es blieb eine Tatsache, daß der zur Verfügung stehende Sitzungssaal für die Zahl der Besucher nicht ausreichte, zumal da man Jahre hindurch auch noch Freikarten für viele, nur vorübergehend in Berlin anwesende Ärzte ausgegeben hatte. Und wenn auch gewöhnlich nicht einmal die Hälfte der Mitglieder zu den Kongreßverhandlungen sich einstellte, so war selbst für diese der Raum schon unzureichend. Es blieb ein ungewöhnlicher und geradezu unerträglicher Zustand, daß die nach Berlin eilenden Mitglieder mit Sicherheit nicht einmal auf einen Stehplatz rechnen durften. Die Mißstände wurden endlich so erheblich und die berechtigten Klagen der Mitglieder so groß,daß der Vorstand mehrfach bauliche Veränderungen versuchte, die zwar kostspielig waren, eine befriedigende Lösung aber nicht herbeizuführen vermochten, bis er sich endlich im Jahre 1911 entschloß, für den nächstjährigen Kongreß den größesten, in Berlin zur Verfügung stehenden Saal, den Beethovensaal der Philharmonie in der Köthener Straße, zu mieten. In ihm sind die Kongresse von 1912 und 1913 abgehalten worden; und, da auch hier besonders die Akustik zu wünschen übrig ließ, so wurde für das Jahr 1914 ein anderer Saal in der Akademischen Hochschule für bildende Künste in der Hardenbergstraße zu Charlottenburg gemietet. Hier hat der Kongreß von 1914 stattgefunden. Das mit vieler Mühe und großen Kosten erbaute Langenbeckhaus war demnach seiner eigentlichen Bestimmung entzogen und diente nur noch für die Vorstandsversammlungen und zur Aufbewahrung der allmählich, hauptsächlich durch Schenkungen mehr und mehr anwachsenden Büchersammlung der Gesellschaft. Auch dieser Notbehelf blieb auf die Dauer unerträglich. Alljährlich beschäftigte sich der Vorstand mit neuen Plänen, bis unter ihnen einer auftauchte, der langsam festere Gestalt annahm.

Bald nach dem TodeRudolf Virchowsam 5. September 1902, des langjährigen Vorsitzenden der Berliner Medizinischen Gesellschaft, hatte diese den Plan erwogen, gleichfalls ein eigenes Vereinshaus zu gründen und ihm den NamenRudolf-Virchow-Hausbeizulegen. Der Gedanke konnte nur unter der Bedingung Aussicht auf baldige Gestaltung gewinnen, wenn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, deren räumliche Nöte nicht unbekannt geblieben waren, sich entschloß, mit ihren ziemlich reichen Mitteln als gleichwertige Teilhaberin in das Unternehmen einzutreten. Der Plan ging dahin, auf einem gemeinsam zu erwerbenden Grundstücke einLangenbeck-Virchow-Hauszu errichten, dessen eine Hälfte je eine der beiden Gesellschaften zur ausschließlichen Benutzung erhalten sollte; nur der in der Mitte zu erbauende, möglichst umfangreich zu gestaltende Sitzungssaal sollte beiden Teilhabern zur Verfügung stehen. Die Verhandlungen haben sich jahrelang hingezogen, da die Chirurgen erst dann zu festen Abmachungen gelangen konnten, wenn das alte Langenbeckhaus zu einem annehmbaren Preise verkauft oder der Verkauf gesichert war. An diesem Punkte stockten die Verhandlungen, da das preußische Kultusministerium, hinter dem der Finanzminister stand, den Ankauf immer von neuem hinausschob. Inzwischen hatte aber die Berliner Medizinische Gesellschaft zwei Grundstücke in der Luisenstraße 58/59 erworben und drängte zum Abschluß, weil jede Verzögerung erhebliche Verzugszinsen kostete. Da sie sich während der Verhandlungen, in welchen die Umsicht und Tatkraft des ersten Schriftführers der Deutschen Gesellschaft für ChirurgieWerner Körtevon ausschlaggebendem Einflusse war, auch bereit erklärt hatte, den gemeinsamen Saal mit etwa 900 Sitzplätzen und 100 Stehplätzen zu versehen, wie der Ausschuß der Chirurgen es forderte, so wurde am 3. Januar 1914 der bindende Vertrag zwischen beiden Gesellschaften abgeschlossen. Freilich war das Langenbeckhaus damals noch nicht verkauft; doch kam der Vertrag mit dem Kultusministerium am 20. März desselben Jahres endlich zustande. Im Mai 1915 dürfte der Neubau in Gebrauch genommen werden können und damit ein langjähriger Wunsch der an den Kongressen sich beteiligenden Chirurgen Erfüllung finden.

Unter den Entdeckungen und Erfindungen, welche im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gleich einem mächtigen unterirdischen Strome, der plötzlich gewaltsam aus der Erde hervorbricht, die Chirurgie zu unerhörten Leistungen emporgetragen haben, ist zunächst nur die eine, die neue Form der Wundbehandlung besprochen worden. Und zwar mit Recht; denn auf ihr beruht weitaus in erster Linie der ungeheure Aufschwung der die rückschauende Seele mit freudigem Erstaunen erfüllt. Immerhin stehen neben ihr noch eine Anzahl anderer Kräfte, deren Besprechung zur Vervollständigung des entworfenen Bildes nicht übergangen werden darf.

Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit. Wir nennen an erster Stelle die Bemühungen, welche darauf abzielten, die wundärztlichen Eingriffe am menschlichen Körper entweder ganz schmerzlos oder wenigstens leicht erträglich zu gestalten; und zwar nicht nur deshalb, weil sie ein schon älteres, in die Zeit vorListersAntisepsis zurückreichendes Hilfsmittel des Chirurgen darstellen, sondern zugleich aus dem Grunde, weil manche der durch die neue Wundbehandlung möglich gewordenen Eingriffe ohne sie dem Kranken nicht hätten zugemutet werden können.

Bis weit ins Altertum hinein lassen sich die in dieser Richtung angestellten Versuche verfolgen. Am häufigsten bediente man sich der Abkochungen narkotischer Mittel, die dem Kranken innerlich verabreicht wurden; und unter diesen stand in erster Linie ein aus der Atropa Mandragora bereiteter Trank, einer Pflanze, welche als zauberkräftige Alraunwurzel in deutschen Sagen und Märchen während des ganzen Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt hat. DurchGuy de Chauliacerfahren wir, daß auch narkotischeEinatmungenschon von den Wundärzten des 13. Jahrhunderts angewandt worden sind; und selbst die VersucheörtlicheGefühllosigkeit zu erzeugen, reichen bis in das Altertum zurück. Aber alles das blieb in den Anfängen stecken, wurde später vergessen und erlebte erst unter der Entwicklung der Chemie im 19. Jahrhundert einen plötzlichen und nunmehr nachhaltigen Aufschwung.

Die damals beginnende Bewegung setzte sich die Herbeiführung einerallgemeinen Gefühllosigkeit des ganzen Körperszum Ziele. Die ersten Versuche betrafen Einatmungen des schon im Jahre 1776 von dem englischen PredigerPriestleyentdecktenStickstoffoxyduls, in Deutschland Lust- oder Lachgas genannt, auf dessen narkotische Eigenschaften im Jahre 1800 der ChemikerHumphry Davyhinwies. Sehr langsam indessen gewann der Gedanke durch Gaseinatmungen die Operationen schmerzlos zu gestalten, an Boden, wenn auch hier und da kleinere Eingriffe unter Beihilfe dieses Gases vorgenommen wurden. Aber die Unhandlichkeit der Verwendung und die Kürze der damit erzielten Betäubung standen einer schnellen Ausbreitung des Verfahrens im Wege. So konnte denn auch der amerikanische ZahnarztHorace Wells, der sich seit 1844 der Sache besonders eifrig angenommen hatte, damit nicht durchdringen und endete durch Selbstmord, als er sich des Ruhmes seiner Anstrengungen durch das Emporkommen eines neuen Mittels entrissen sah. Dies neue Betäubungsmittel war derSchwefeläther, welchen als erster der deutsche ArztLongin Athen im Anfange der vierziger Jahre als Hilfsmittel bei Operationen gebrauchte, seine Versuche aber so spät veröffentlichte, daß zwei Amerikaner, der ChemikerJacksonund der ZahnarztMorton, denen sich späterhin als dritter noch der WundarztWarrenvom Massachusettshospital in Boston hinzugesellte, als die Väter der Äthernarkose angesehen zu werden pflegen. Auch die beiden Erstgenannten wurden von der Erfindertragik ereilt:Jacksonwurde geisteskrank,Mortonstarb im Elend. Denn inzwischen war auch dem Äther ein neuer und, wie sich bald zeigte, der gefährlichste Gegner erwachsen.

Das vonLiebigin Gießen undSoubeiranin Paris im Jahre 1831 etwa gleichzeitig entdeckteChloroformwurde nach Tierversuchen des PhysiologenFlourensals ein sehr wirksames narkotisches Mittel anerkannt. Das Verdienst aber, solches in die medizinisch-chirurgische Praxis eingeführt zu haben, gebührt dem berühmten Edinburgher GynäkologenJames Young Simpson, der im März 1847 zuerst die Äthernarkose aufgenommen hatte, im November desselben Jahres aber bereits das Chloroform als Betäubungsmittel dringend empfahl. Ein eigentümlicher Zufall war, wie erzählt wird, nahe daran, noch im letzten Augenblicke der Menschheit die ihr bevorstehende Wohltat wenn auch nicht auf immer, so doch sicherlich für längere Zeit zu entziehen.Simpsonwollte das neue Mittel zum ersten Male bei der Operation eines eingeklemmten Bruches versuchen; durch eine Ungeschicklichkeit ging aber der ganze Chloroformvorrat noch vor dem Beginne verloren. Als nun ohne Betäubung der erste Schnitt gemacht wurde, sank die Frau zusammen und starb. Es handelte sich um einen jener Fälle von tödlicher Nervenerschütterung, die in älterer wie in neuerer Zeit, wenn auch glücklicherweise sehr selten, beobachtet worden sind. Man stelle sich aber die Wirkung vor, wenn bei einer, wahrscheinlich sehr vorsichtigen und unvollkommenen Anwendung des Chloroforms, ein gleicher Vorgang sich ereignet hätte!

Von nun an trat das Chloroform, ungeachtet aller Anfeindungen, einen Siegeszug über die ganze Erde an. In Deutschland war es bereits im 7. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im allgemeinen und fast ausschließlichen Gebrauche, so vollständig, daß der Schwefeläther, dem doch Männer wieDieffenbachin Berlin,Schuhin Wien undPirogoffinPetersburg eingehende Studien gewidmet hatten, nahezu in Vergessenheit geriet. Nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Mutterlande der Äthernarkose, ist man bis zur Gegenwart dem Äther niemals ganz untreu geworden.

Indessen dauerte es nicht allzu lange, bis auch die schlimmen Seiten des an sich so überaus wohltätigen neuen Mittels in die Erscheinung traten. Todesfälle, zuweilen in entsetzlicher Häufung und um so niederschmetternder, als sie nicht selten lange Reihen guter Erfolge ablösten, drängten den Wundärzten die Frage nach der Ursache solcher Erscheinungen mit brutaler Heftigkeit auf. Wohl gab es einzelne Chirurgen, die, durch gute Erfahrungen lange Zeit verwöhnt, alles auf Unachtsamkeit und Mißgriffe schoben, bis sie selber vom Schicksale ereilt wurden. So erging esSimpson, der erst nach langjähriger Tätigkeit den ersten Chloroformtod erlebte, soGustav Simonin Heidelberg, der in seinen Vorlesungen immer die Schuld des Chirurgen betont hatte, sov. Dumreicherin Wien, der nach einem Chloroformtode auf der Nachbarklinik einen klinischen Vortrag gleicher Richtung hielt, aber im unmittelbaren Anschluß daran einen Kranken verlor. Keiner blieb auf die Dauer verschont, so daß die erfahrenen Ärzte stets mit einem leichten Gefühle des Grausens an die Narkose herangingen. Allein wie groß die Gefahr denn eigentlich war, das vermochte der einzelne Beobachter aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht zu beurteilen. Dazu gehörten große, umfassende Zahlen und diese zu beschaffen setzte sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie zur Aufgabe.

Auf dem XIX. Kongreß von 1890 hieltKappeler, leitender Arzt in dem schweizerischen Münsterlingen, einen Vortrag: „Beiträge zur Lehre von den Anästheticis“, an dessen Schluß er dem vom VorsitzendenErnst v. Bergmannlebhaft unterstützten Wunsche Ausdruck gab, die Gesellschaft möge eigene Erfahrungen in Gestalt einer Sammelforschung über verschiedene Betäubungsmittel aufzubringen versuchen. Die mühsame Arbeit der Sichtung und Zusammenstellung übernahmErnst Gurlt, der auf dem Kongreß von 1891 seinen ersten, auf dem von 1897 seinen letzten zusammenfassenden Bericht erstattete. Er bringt ein Gesamtmaterial von 330429 Narkosen mit verschiedenen Betäubungsmitteln, die eine Sterblichkeit von 1 Todesfall auf 2429 ergeben. Davon entfallen auf das Chloroform 240806 Narkosen mit 116 Todesfällen, also 1 Todesfall auf 2075 Anwendungen, während 56233 Ätherbetäubungen 11 Opfer forderten, d. h. 1 auf 5112.

Schon aus diesen Zahlen erhellt die Erkenntnis, daß die Anwendung derÄthernarkosen, für welche schon auf demselben XIX. Chirurgenkongreß P.Brunsauf Grund seiner praktischen Erfahrungen und tachometrischen Pulsuntersuchungen entschieden eintrat, erheblich ungefährlicher ist als das Chloroform; denn wenn auch dieGurltsche Statistik noch wenig von den unangenehmen und nicht selten tödlichen Nachkrankheiten des Äthers im Bereiche der Luftwege zu sagen weiß, auf die man bald in immer stärkerem Maße aufmerksam wurde, so blieb doch der Eindruck, den sie einmal hervorgerufen hatte, mächtig genug, um dem Äther wiederum eine umfangreichere Verwendung zu sichern. SelbstJohann v. Mikulicz, der auf dem Kongreß von 1901 einen ausgezeichneten Vortrag: „Die Methoden der Schmerzbetäubung und ihre gegenseitige Abgrenzung“ hielt, in welchem er über 98539 Inhalationsnarkosenund 103064 örtliche Anästhesien schlesischer Ärzte berichtet, stellt zwar, unter Berücksichtigung der Nachkrankheiten, für das Chloroform eine Sterblichkeit von 1:1683, für den Äther eine erheblich höhere Zahl von 1:1044 fest, nimmt aber dennoch auf Grund eigener Beobachtungen für das Chloroform eine größere Gefährlichkeit an, als sie dem Äther eignet. DieNeubersche Statistik von 1908, welche über 71052 Narkosen berichtet, hat diese Anschauungen im allgemeinen bestätigt; sie ergibt für Chloroform eine Sterblichkeit von 1:2060, für Äther von 1:5930, für Skopolaminmischnarkosen von 1:4762, für Mischnarkosen nachSchleich, Körte, Parker, freilich nur in der Zahl von 1748 Anwendungen,keinenTodesfall.

Hand in Hand mit dem Studium der Todesursachen in den einzelnen Fällen gingen die Versuche, den Gefahren durch eine aufmerksamere Darreichung des Betäubungsmittels zu begegnen. In den angelsächsischen Ländern bediente man sich schon seit Jahrzehnten des Kunstgriffes, eigene Gehilfen nur für die Betäubung zu erziehen, die ihre Aufmerksamkeit ausschließlich der Narkose zuzuwenden hatten und für deren guten Verlauf verantwortlich waren. Auch in Deutschland ging man hier und da zu diesem Verfahren über, mußte aber bald die Überzeugung gewinnen, daß eine nennenswerte Abnahme der Todesfälle dennoch nicht erzielt wurde. Vielmehr sah man ein neues schweres Bedenken in dem Umstände auftauchen, daß manche Gehilfen, um nicht mitten im blutigen Eingriffe eine Störung herbeizuführen, die Meldung gefahrdrohender Erscheinungen ungebührlich lange verzögerten. Eine große Zahl von neuen Darreichungsmethoden mittels zum Teil fein ersonnener Instrumente führten keineswegs zum ersehnten Ziele, wenn auch die wachsende Vorsicht manche Besserung der Verhältnisse erzwang. So gelangte man denn zu den Mischnarkosen, um die notwendige Menge des Einzelgiftes herabzumindern und dennoch die gleiche Wirkung zu erzielen. Diesen Weg betrat zuerst, schon im Jahre 1850, der ZahnarztWeigerin Wien mit einer Mischung von 9 Teilen Äther auf 1 Teil Chloroform. Das englische Chloroformkomitee setzte dem Äther und Chloroform noch Alkohol im Verhältnis von 3:2:1 hinzu, welches GemischBillrothdahin veränderte, daß er auf Chloroform 100 je 30 Teile Äther und Alkohol fügte. Endlich stellteKarl Ludwig Schleichin Berlin verschiedene Flüssigkeitsmischungen von einem willkürlich gewählten Siedepunkte zusammen, von der Voraussetzung ausgehend, daß ein Betäubungsmittel um so leichter in den Körper aufgenommen, zugleich aber um so leichter wieder ausgeschieden werde, je flüchtiger es sei.SchleichsSiedegemische haben sich praktisch als brauchbar erwiesen, ohne indessen den genannten Mischungen überlegen zu sein; seine physikalischen Voraussetzungen aber sind nicht unbestritten geblieben (Honigmann, H.Braun).

Noch in einer anderer Weise hat man die Menge des zuzuführenden Betäubungsmittels und damit auch seine Giftwirkung zu verringern versucht, indem man nämlich ein Schlafmittel (Morphin, Skopolamin, Veronal) kürzere oder längere Zeit dem Narkotikum vorauf schickte. Es scheint in der Tat damit eine Herabminderung der Gefahren erreicht worden zu sein. Endlich ist durch Einführung des sogenanntenÄtherrausches(Sudeck), der freilich nur bei ganz kurze Zeit dauernden Operationen angewandt werden kann, die Menge des Betäubungsmittels so verringert worden, daß fast jede Spur von Gefahr vermieden wird.

Daneben haben freilich die Versuche der durch die chemischen Fabrikenlebhaft unterstützten Ärzte, neue und immer weniger gefährliche Betäubungsmittel zu finden, niemals aufgehört. Wie auf einer Wandelbühne gingen, für den praktischen Wundarzt fast sinnverwirrend, immer neue Mittel auf, um nach einer kurzen Zeitspanne des Glanzes zu verlöschen und mehr oder weniger der Vergessenheit zu verfallen. Unter den zahllosen Neuerungen der zwei Jahrzehnte nach 1891 seien nur zwei genannt, dasBromäthylund dasPental, ersteres, weil manche hervorragende Chirurgen längere Zeit an ihm festgehalten haben, letzteres, weil es wohl als das gefährlichste aller Betäubungsmittel angesehen werden muß. DieGurltsche Statistik berechnet seine Tödlichkeit auf 1:213.

Blieben so Chloroform und Äther unverrückt auf ihrem hervorragenden Platze stehen, so erwuchs ihrer Anwendung doch von anderer Seite her eine überaus dankenswerte Ergänzung in den verschiedenen Maßnahmen, um eineörtliche Empfindungslosigkeitherbeizuführen. Schon seit dem Jahre 1866 war der Zerstäuber des EngländersRichardsondazu benützt worden, um durch den schnell verdunstenden Äther eine Vereisungs- und Erfrierungszone an der Körperoberfläche zu erzeugen in deren Bereich kleine, schnell ausführbare Eingriffe schmerzlos vorgenommen werden konnten. Die Methode ist, nur unbedeutend abgeändert, in dauerndem Gebrauch geblieben. Aber der durch sie wiederum angeregte Gedanke der Herbeiführung einer örtlichen Empfindungslosigkeit erhielt einen neuen Anstoß zu weiterer Ausgestaltung, die sich ganz an die Entdeckung des Kokains knüpft. Dies von den Andenindianern Südamerikas schon seit Jahrhunderten benutzte Mittel wurde in die europäische Medizin im Jahre 1884 durch den Wiener Arzt C.Kollereingeführt, zunächst nur zu dem Zwecke, Schleimhautflächen, insbesondere die Bindehaut des Auges, unempfindlich zu machen. Einige Chirurgen hatten auch bereits begonnen, das Alkaloid zu Einspritzungen unter die Haut zu verwenden, alsKarl Ludwig Schleichvor den Kongreß von 1892 mit einer gut ausgearbeiteten Methode trat, welche auch ausgedehnte und langdauernde Operationen schmerzlos und fast ohne jede Gefahr auszuführen erlaubte. Es ist sehr bedauerlich, daß die mindestens etwas unvorsichtige Art des Einführungsvortrages den heftigen Widerspruch des damaligen VorsitzendenAdolf v. Bardelebenund mit ihm des gesamten Kongresses hervorrief, wodurchSchleichsvorzügliche Idee auf ihrem Wege zur praktischen Betätigung für viele Jahre eine starke Behinderung erfuhr; aber durchgesetzt hat sie sich trotzdem und dem Erfinder ist der Ruhm geblieben, daß er die Chirurgie und damit die leidende Menschheit mit einem nahezu gefahrlosen örtlichen Betäubungsmittel beschenkt hat. Wenn es ihm auch nicht gelungen ist, die Einatmungsnarkosen zu verdrängen, wie er ursprünglich gehofft hatte, so hat er sie doch nicht unwesentlich eingeschränkt und damit die Narkosengefahr in sehr merkbarer Weise herabgesetzt. DieSchleichsche Infiltrationsanästhesie gehört zweifellos zu den Ruhmesblättern deutscher Chirurgie.

Es kann diesem Ruhme keinen wesentlichen Eintrag tun, daß die vonSchleichausgebildete Methode bereits vielfach überholt worden ist.Heinrich Braun(Zwickau), der in einer mustergültigen Arbeit vom Jahre 1905 (2. Aufl. 1907) alle bei der örtlichen Betäubung in Fragekommenden Verhältnisse einer eingehenden Würdigung unterzog, hat durch Zusatz von Nebennierenpräparaten die Wirksamkeit und Dauer der Kokainanästhesie in ungeahnter Weise erhöht und damit nicht nur die Operationen fast unblutig gemacht, sondern auch die Vergiftungsgefahr ganz erheblich vermindert. Letztere ist auch dadurch noch weiter herabgesetzt worden, daß Ersatzmittel des Kokains, insbesondere das Novokain, gefunden wurden, welche an sich erheblich weniger giftig sind als das ursprüngliche Alkaloid. So ist das Verfahren selbst bei großen und eingreifenden Operationen fast vollkommen unschädlich geworden.

DieBraunschen Abänderungen haben sich auch für die Fortbildung anderer, älterer wie neuerer Verfahren sehr nützlich erwiesen: so zunächst für die vonOberst(Halle) schon im Jahre 1890 angegebene Methode der Fingeranästhesie mittels zweier Einspritzungen von Kokain längs des Verlaufes der beiden Fingernerven. Sehr viel wichtiger aber, weil in unendlich größerer Ausdehnung verwendbar, war die im Jahre 1899 beschriebene MethodeAugust Biers, damals in Kiel, zurAnästhesierung des Rückenmarkesmittels Einspritzung des Betäubungsmittels in den Sack der harten Rückenmarkshaut, eine Methode, welche im Anschluß anHeinrich QuinckesLumbalpunktion erdacht worden war. Wenn sich auch das Kokain als solches bald als zu gefährlich erwies, weil es allerlei schwere Erscheinungen, Nachkrankheiten, selbst Todesfälle hervorrief, so hat man doch von einem Verfahren nicht absehen zu müssen geglaubt, welches ursprünglich nur die Operationen bis zur Nabelhöhe, später aber in seiner Vervollkommnung einen noch größeren Teil des Körpers, bei Erhaltung des Bewußtseins, unempfindlich zu machen gestattete. Mittels Ersatzes des Kokains durch verwandte Stoffe (Novokain und Tropakokain) lernte man auch die Gefahren herabmindern, die schließlich auf dem Wege der Mischung des Betäubungsmittels mit Adrenalin (H.Braun— Zwickau) oder mit Strychnin (Jonnescu) oder einer zweiten Lumbalpunktion zur Verminderung des Flüssigkeitsdruckes (E.Küster) auf ein so geringes Maß herabgesetzt wurden, daß heuteBiersErfindung als eine glänzende Errungenschaft der neueren Chirurgie zur Bekämpfung der Operationsgefahren angesehen werden muß. Sie ist freilich in neuerer Zeit durch die weitere Ausbildung der örtlichen Betäubung in ihrer Anwendung etwas beschränkt worden.

Wenn wir zum Schluß auf all die zahlreichen Mittel, welche erdacht wurden, um dem Menschengeschlechte den Operationsschmerz zu ersparen oder zu lindern, einen prüfenden Rückblick werfen, so sind wir zu dem Geständnis gezwungen, daß deren keines vorhanden ist, welches, wieMikuliczsich ausdrückt, im mathematischen Sinn, d. h. gänzlich und unter allen Umständen gefahrlos ist. Eines schickt sich nicht für alle. Der heutige Wundarzt weiß, daß er stets mit der ungeheuren individuellen Verschiedenheit zu rechnen hat, welche die Zellen des menschlichen Körpers jeder kraftmindernden Einwirkung, möge sie ererbt oder durch Alter, Verletzung und Krankheit erworben sein, an Widerstandskraft entgegenzustellen vermögen. Alle diese Veränderungen zu erkennen befähigt uns auch heute noch nicht eine aufs feinste entwickelte Diagnostik; aber sie hat den Arzt diesem Ziele wenigstens näher gebracht. Wenn ihm daraus die Möglichkeit erwachsen ist, jedem Kranken ohne Ausnahme den Schmerz zu ersparen, so doch auch zugleich die Pflicht, unter der Fülle der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel das für den Fall passendste auszuwählen.Das Studium der physiologischen Wirkungen aller Betäubungsmittel hat aber nicht allein die Möglichkeit geschaffen, unter ihnen von vornherein eine geeignete Wahl zu treffen, sondern auch die weitere, ein Mittel durch ein anderes zu ersetzen, sobald ersteres irgendwelche bedrohlichen Erscheinungen hervorruft. Nur auf diesem Wege ist eine Vervollkommnung der wissenschaftlich geleiteten Narkose noch zu erwarten; aber schon jetzt darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß das drohende Gespenst des Narkosentodes, welches einst den Weg des handelnden Wundarztes bei jedem Schritte begleitete, zwar niemals gänzlich verschwinden, aber für gewöhnlich doch zu einer freundlichen Lichtgestalt sich umwandeln werde, die den Kranken und Elenden mit sanfter Hand über Schmerz und Qual hinaushebt.

Eins der schönsten Geschenke erhielt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie schon auf ihrem zweiten Kongreß vom Jahre 1873 inFriedrich Esmarchs, des berühmten Kieler Chirurgen, Mitteilung über seineMethode, künstliche Blutleerean den Gliedmaßen herbeizuführen und Operationen an ihnen dadurch vollkommen blutlos zu gestalten. Die Frage der Beherrschung eines allzu reichlichen Blutverlustes hatte die Chirurgen schon seit dem Altertum fast fortdauernd beschäftigt, selbst in solchen Zeiten, in welchen die Medizin methodische Blutentziehungen, sowohl am ganzen Körper, wie insbesondere an erkrankten Gliedern, nicht entbehren zu können glaubte. Des Rätsels Lösung, wie dies Ziel erreichbar sei, brachteEsmarchsMethode wenigstens für die Extremitäten.

Es ist müßig, zu erörtern, ob das Verdienst der Erfindung wirklichEsmarch, oder nicht vielmehr seinem damaligen Assistenten J.Petersenoder gar seinem OberwärterCarstenszugeschrieben werden müsse, da letzterer eines Tages, wie erzählt wird, anstatt der bisher üblichen leinenen, eine elastische Gummibinde zum Einwickeln eines abzusetzenden Gliedes überreicht habe. Schon Jahre zuvor hatteEsmarchsich bemüht, durch sehr feste Einwicklung mit leinenen Binden und darauffolgende Abschnürung an einem höher hinauf gelegenen Punkte die Blutung an den Gliedmaßen auf ein bescheidenes Maß herabzumindern, wie es vor ihm wohl auch manche andere Chirurgen schon versucht hatten. Der Gedanke gehört also im wesentlichen ihm allein und für diese Auffassung spielt das bessere Material, welches ihm oder seinem Assistenten der Geistesblitz eines ungebildeten Mannes in die Hand legte, um so weniger eine Rolle, als der erfahrene Wundarzt sofort die großen Vorzüge, die weit überlegene Benutzbarkeit des neuen Stoffes erkannte. Mit fieberhafter Schnelligkeit und mit überraschenden Erfolgen wurde nunmehr die Methode ausgebildet, welche seitdem unzählige Kranke vor der durch starken Blutverlust erzeugten Schwäche bewahrt und ihnen Gesundheit und Leben erhalten hat. Sie gehört zum festen Bestande der Chirurgie der gesamten gebildeten Welt.

DaßEsmarchselastische Binde auch weiter als Mittel zur vorläufigen Blutstillung benutzt und daß in seinen Samariterkursen das sehr einfache Verfahren zur Verhütung schwerer Blutverluste auch zahlreichen Laienhänden eingeübt wurde, sei nur nebenbei erwähnt.

InFriedrich TrendelenburgsBeckenhochlagerung vomJahre 1892 hat die Methode derBlutersparungeinen neuen, höchst wertvollen Sproß getrieben, und durch die Anwendung der Nebennierenpräparate ist die Möglichkeit der Blutersparung füralleOperationen geschaffen worden.

Noch ein weiteres Verfahren entwickelte sich aus der in Schwang gekommenen Anwendung der elastischen Binde: ihre Benutzung zur Blutstauung, um dadurch heilend auf krankhafte Vorgänge verschiedener Art zu wirken.

Schon seit 1895 hatteBierfortgesetzt Studien über„Hyperämie als Heilmittel“gemacht, die er in verschiedener Weise, durch heiße Luft, heißes Wasser, endlich durch venöse Stauung, hervorbrachte und erprobte. Nach vielen kleineren Veröffentlichungen erschien unter genanntem Titel im Jahre 1905 eine Einzelschrift, welche seitdem viele Verbesserungen und Vermehrungen in zahlreichen Auflagen erlebte, als bester Beweis für den großen Anklang, den die neue Behandlungsmethode bei den Fachgenossen gefunden hat. Die Einfachheit und Zweckmäßigkeit des Verfahrens, welches die elastische Binde möglich machte und welchesBierbis in alle Einzelheiten praktisch ausgebildet hatte, gewann der Methode reichlich Anhänger, sowohl für die Behandlung akuter Entzündungen, zumal an den Fingern, als auch zur Heilung tuberkulöser Erkrankungen, in erster Linie der Knochen und Gelenke. Auch die „BierscheStauung“ dürfte fortan als ein fester Bestand unseres Heilmittelvorrates zu gelten haben.

Zu den bisher besprochenen Hilfsmitteln der Chirurgie gesellt sich als letztes ein solches, welches weniger für die Behandlung als für die Erkenntnis der Krankheiten eine stets wachsende Bedeutung gewonnen hat. Im Dezember 1895 veröffentlicheWilhelm Röntgen, Professor der Physik in München, eine kleine Schrift, in welcher er die überraschende Mitteilung machte, daß es ihm gelungen sei, unter Benutzung derHittorfschen Röhre Kathodenstrahlen zu erzeugen mit der merkwürdigen Fähigkeit, jeden Körper, dessen Schichten nicht gar zu dicht sind, zu durchdringen. Wie ein Geisterleib erschien der menschliche Körper nur in zarten Umrissen auf dem die Strahlen auffangenden Schirme und nur das Knochengerüst, sowie alle dicken metallischen Gegenstände und dichtgeschichteten Mineralien warfen deutliche Schatten Die Aufnahme des Verfahrens in den wundärztlichen Betrieb erfolgte zunächst langsam und zögernd. Zwar wurde es bald genug klar, welch ausgezeichnetes Mittel man in denRöntgenschen Kathodenstrahlen für die Erkenntnis der Besonderheiten der Knochenverletzungen und deren rechtzeitiger Beeinflussung während der Heilung besaß, daß auch Sitz und Eigenart der in den menschlichen Leib eingedrungenen Fremdkörper, soweit sie metallischer Natur waren, aufs genaueste festgestellt werden könnten; aber es dauerte doch mehrere Jahre, bis die Vervollkommnung der Apparate und das verfeinerte Studium der physikalischen Bedingungen auch die Zustände innerer Organe dem prüfenden Auge des vorgebildeten Beschauers zugängig machen konnten. Und wenn auch die sehr hochgespannten Hoffnungen der Laienwelt, daß es fortan möglich sein werde, die krankhaften Veränderungen des Körpers wie auf einer Landkarte zu sehen, sich nur zu einem kleinen Teile erfüllt haben, so war doch der Gewinn für die an eine genaue Erkenntnis geknüpfteBehandlung chirurgischer und innerer Leiden so groß, daß weder die Regierungen der einzelnen deutschen Bundesstaaten, noch die Gemeindevertretungen, noch Vereine sich der Aufgabe entziehen konnten, ihre Kliniken, sowie große und kleine Krankenanstalten mit Durchleuchtungsvorrichtungen in vollem Umfange zu versehen. Die fast märchenhaft erscheinende EntdeckungRöntgens, welche den wissenschaftlichen Aufschwung des 19. Jahrhunderts würdig abschloß, hat sich von ihrem deutschen Mutterboden schnell über die ganze Erde verbreitet. Von ihr erhielten die wissenschaftliche und praktische Chirurgie und deren Schmerzenskind, die Unfallheilkunde, ferner die innere Medizin, die Geburtskunde, überhaupt fast sämtliche Gebiete der praktischen Medizin einen ungeheuren Auftrieb; und wenn auch die heilenden Eigenschaften der Röntgenstrahlen den Erwartungen, welche menschlicher Optimismus an sie knüpfte, zunächst nur in bescheidenem Maße gerecht geworden sind, so ist doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß eine immer mehr sich verfeinernde Technik der leidenden Menschheit noch manche wertvolle und überraschende Gabe zum Geschenk machen werde.

Gleiches läßt sich von den beiden Stoffen sagen, die als Heilmittel in neuester Zeit mit den Röntgenstrahlen in Wettbewerb getreten sind, demRadiumundMesothorium. Ihre unmittelbare Wirkung ist überraschend groß, Art und Dauer derselben aber noch zweifelhaft.

Die von Anfang an außerordentlichen Erfolge der neuen Wundbehandlung, die sich zudem noch von Jahr zu Jahr verbesserten, führten zunächst eine Umwandlung und Vermehrung der Werkzeuge, sowie wesentlicheVeränderungen der operativen Technikherbei. Bald genug wurde es nämlich klar, daß die alten Instrumente mit Holz- oder Horngriffen, überhaupt alle aus mehreren Stücken zusammengesetzten Vorrichtungen, niemals mit Sicherheit keimfrei zu machen waren, weil der fettige, keimreiche Schmutz in den Spalten und Ecken weder durch chemische, noch durch physikalische Mittel sicher beseitigt werden konnte. Man verfiel daher, um der daraus erwachsenden Gefahr zu begegnen, auf ganz metallene Werkzeuge, entweder aus einem einzigen Stück gearbeitet oder, wenn dies aus irgendeinem Grunde nicht angängig war, mit einem Griffe aus einer dünnen Platte, die aufs sorgfältigste an das Hauptstück angelötet wurde. Alle Ecken und Winkel mußten nach Möglichkeit vermieden oder wenigstens abgerundet sein. So vorgerichtet konnten sie in Sodalösung gekocht, in einer antiseptischen Lösung abgekühlt und dann sofort mit der Wunde in Berührung gebracht werden.

Auch dieArt zu operierenveränderte sich. In der Zeit vor Anwendung der Betäubungsmittel stand am höchsten im Ansehen der Wundarzt, der seinen Eingriff blitzschnell zu vollenden wußte; und diesem höchsten Ziele paßten sich auch die Operationsmethoden an. Sehr hübsch spiegelt sich diese übertriebene Wertschätzung der Technik in einer Anekdote wider, dieBernhard v. Langenbeckvon seinem OheimKonrad Martin Langenbeckin Göttingen zu erzählen liebte. Letzterer hatte für die Absetzung des Oberschenkels in der Mitte die Ovalärmethode angegeben und wegen der außerordentlich schnellen Ausführbarkeit dringend empfohlen. Ein älterer Kollege von einer Nachbaruniversität kommt nach Göttingen, um die Methode kennen zu lernenundLangenbecklädt ihn für den nächsten Tag zu einer solchen Operation ein. Der Kranke liegt auf dem Tisch, jener ergreift das Messer: da wendet sich der fremde alte Herr noch einmal ab, um behaglich eine Prise zu nehmen. Aber welches Entsetzen, als er bemerkt, daß die Absetzung inzwischen schon vollendet ist!

Mit der allgemeinen Anwendung der Betäubungsmittel verlor die Behendigkeit etwas an Ansehen, wiewohl der bei großen Eingriffen schwer vermeidbare Blutverlust immer noch zu einer gewissen Eile zwang. Als diese Unannehmlichkeit durch die elastische Binde, wenigstens an manchen Körperteilen, vollständig überwunden worden war, da glaubte man sich mehr Zeit lassen zu dürfen, bis die Vergiftungen unter Anwendung des antiseptischen Sprühnebels und die Gefahren, welche man aus langen Abkühlungen des Körpers erwachsen sah, die sorglos Langsamen von neuem aufrüttelten. Die aseptische Behandlung, das Operieren in warmen Zimmern und auf heizbaren Tischen haben auch diese Bedenken fast vollkommen zum Schwinden gebracht, wenigstens so weit, daß die Methoden nicht mehr ausschließlich nach der Schnelligkeit der Ausführung, sondern vorwiegend nach der größeren Zweckmäßigkeit gewählt werden. Aber daß eine langdauernde Operation gefährlicher als eine schnell vollendete ist, unterliegt gar keinem Zweifel; der Grundsatz: Eile mit Weile gilt deshalb auch heute noch für jeden Wundarzt. —

Die bisherigen Vorstellungen überWundheilungmußten sehr bald einer erneuten Prüfung unterzogen werden. War doch bis dahin die Heilung durch erste Vereinigung und unter dem trockenen Schorfe, wie sie bei verwundeten Vögeln regelmäßig beobachtet werden kann, am menschlichen Körper eine ganz seltene und nur bei kleinen und oberflächlichen Wunden vorkommende Vereinigungsweise geblieben; der Ehrgeiz des Wundarztes ging also bei größeren Wunden auf kein höheres Ziel, als auf Herbeiführung eines Pus bonum et laudabile, d. h. eines geruchlosen gelben Eiters, und einer dabei langsam fortschreitenden Wundreinigung, da man diese Vorgänge als unbedingt notwendig zur Heilung, den Eiter sogar vielfach als heilungsbefördernd angesehen hatte. Über die Art, wie eine größere Wunde sich langsam schließt und über das Verhalten der einzelnen Körpergewebe bei diesem Vorgange hatten schon vor der Entdeckung, daß Bakterien die Wundeiterung erzeugten und unterhielten, zahlreiche Untersuchungen stattgefunden. Die durch mikroskopische Studien herbeigeführten Anschauungen hatten vielfach wechseln müssen, so nachCohnheimsEntdeckung der Auswanderung weißer Blutkörperchen durch die Gefäßwandungen hindurch, so nachMetschnikowsBeschreibung des Wesens der Freßzellen. Beide hatten die Arbeiten über Wundheilung vonKarl ThierschundKarl Gussenbauerbeeinflußt; aber in vollkommenster Weise wurde alles das zusammengefaßt und durch eigene Untersuchungen erweitert in der vortrefflichen ArbeitFelix Marchands: „Der Prozeß der Wundheilung mit Einschluß der Transplantation“ vom Jahre 1901. Der Verfasser unterscheidet zwar auch noch eine Heilung durch direkte Vereinigung und eine solche durch Regeneration, welch letztere früher ausschließlich unter dem Bilde der eitrigen Entzündung verlief, betont aber ausdrücklich, daß ein solcher Unterschied nicht mehr aufrecht erhalten werden könne, da jeder Heilungsvorgang ein Regenerationsvorgang sei, dem allerdings bei verschiedenen Wunden erhebliche gradweise Verschiedenheitenzukommen. Diese Lehre wird an den einzelnen Körpergeweben geprüft und bestätigt, so daßMarchandsBuch auch heute noch als Grundlage der herrschenden Anschauungen über die feineren Vorgänge bei der Wundheilung betrachtet werden muß.

Unter der großen Zahl von Wunden aller Art, welche dem Wundarzte unter die Hände kommen, haben, solange es eine Geschichte der Medizin gibt, dieSchußwundenund seit der Erfindung des Schießpulvers vor allen anderen die Kugelwunden eine besondere Rolle gespielt, nicht etwa deshalb, weil, soweit es sich um Friedensverletzungen handelt, Entstehung und Verlauf gegenüber mancherlei Zufallsverwundungen einen sehr erheblichen Unterschied darböten, sondern nur der Begleitumstände wegen. Denn einerseits führt der Krieg, denPirogoffeine „traumatische Epidemie“ genannt hat, zur räumlich und zeitlich beschränkten Anhäufung einer so ungeheuren Anzahl von Verwundungen, daß zu ihrer sachgemäßen Versorgung nach den Grundsätzen einer Friedensbehandlung die zur Verfügung stehenden Kräfte gewöhnlich in keiner Weise ausreichen; anderseits hat die Ausbildung der Waffen, die geeignet sind, den Gegner kampfunfähig zu machen, ein so schnelles Zeitmaß der Entwicklung eingeschlagen, daß sie fortdauernd neue Formen des Kampfes und neue Formen der Wundbehandlung erforderlich machte. So ist denn auch dieKriegschirurgiein neuerer Zeit zu einer Sonderwissenschaft geworden, deren Kenntnis jedem ins Feld ziehenden Arzte vertraut sein sollte. Freilich bilden nicht die Schußwunden allein den Inhalt der Kriegschirurgie; aber alle anderen Verletzungen, welche sonst noch im Kriege vorkommen, wie die Hieb-, Stich- und Quetschwunden, sind nur ein so kleiner Bruchteil der Kriegswunden, daß man die Schußverletzung als den Typus der Kriegswunde anzusprechen berechtigt ist.

Selbstverständlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, die Geschichte der militärärztlichen Organisation, deren Ziel es war und ist, schon im Frieden eine für den Krieg ausreichende Zahl von Ärzten auszubilden und bereitzustellen, eingehend zu schildern; doch muß auch sie wenigstens gestreift werden, da sie in engster Beziehung zu dem Aufblühen der Kriegschirurgie steht. In Preußen, dessen Einrichtungen für die übrigen deutschen Staaten seit 50 Jahren vorbildlich geworden sind, war durch Errichtung einer militärärztlichen Bildungsanstalt, des Collegium medico-chirurgicum in der Pepinière zu Berlin im Jahre 1795 und dessen Erweiterung 1797, für geordneten Unterricht und wissenschaftliche Erziehung der jungen Militärärzte in ziemlich ausreichender Weise gesorgt worden. Auch für eine bessere Ausbildung des niederen Heilpersonals, welches bis dahin seine Kenntnisse und Fertigkeiten bei Badern und Barbieren erworben hatte, wurde durch endgültige Trennung des Barbiergewerbes von der Chirurgie mittels des Gesetzes vom 7. September 1811 ein wichtiger Schritt getan. Der hierdurch entstehende Mangel an Unterchirurgen konnte durch die Kabinettsorder vom Jahre 1820 ausgeglichen werden, durch welche diejungen Ärzte und Wundärzte veranlaßt wurden, ihrer Dienstpflicht im Heere nicht mit der Waffe, sondern als Ärzte zu genügen. Die Gründung der Universität Berlin im Jahre 1810 drohte freilich eine Zeitlang dem genannten Kollegium den Untergang zu bringen; doch gelang es dem damaligen ersten Generalstabschirurgen des Heeres und Leiter des MilitärmedizinalwesensJohann Görckediese Gefahr abzuwenden und im Jahre 1811 eine neue Anstalt unter dem Namen einer medizinisch-chirurgischen Akademie für das Militär durchzusetzen, deren Zöglinge die Vorlesungen der Universitätsprofessoren zu hören berechtigt waren. Diese Akademie ist im Jahre 1852 für die wissenschaftliche Ausbildung der jungen Militärärzte der Universität gleichgestellt worden, während für deren praktische Erziehung die Charité benutzt wurde. Vom gleichen Zeitpunkte an hörten auch die langjährigen und zuweilen höchst gefährlichen Angriffe auf, welche gegen die Notwendigkeit der engeren militärärztlichen Ausbildung und damit gegen den Fortbestand der seit dem Jahre 1848 „Militärärztliches Friedrich-Wilhelms-Institut“ genannten Erziehungsanstalt gerichtet worden waren. Unter der tätigen Fürsorge des GeneralstabsarztesHeinrich Gottfried Grimmerfuhr das Militärsanitätswesen einen besonderen Aufschwung, begünstigt durch die Erfahrungen der drei aufeinanderfolgenden Kriege von 1864, 1866 und 1870/71. Ihm verdankt es die Abschaffung des Kompaniechirurgentums, die Hebung des Standes der Lazarettgehilfen, die Einführung der Krankenwärter und Krankenträger, die Einrichtung einer Militärmedizinalabteilung im Kriegsministerium, der Chefärzte für Feld- und Friedenslazarette, die Bildung eines Sanitätskorps und die Bezeichnung der Militärärzte als Sanitätsoffiziere. In den Jahren 1905 bis 1910 ist die alte Friedrich-Wilhelms-Akademie unter dem Namen „Kaiser-Wilhelms-Akademie“ in ein neues, glänzend erbautes Haus an der Ecke der Invaliden- und Scharnhorststraße verlegt worden, ausgestattet mit den zweckmäßigsten Ausbildungsmitteln, gesunden Wohnungen und umfangreichen Versammlungs- und Festräumen. — Trotzdem ist auch heute der Zustrom junger Ärzte zum militärärztlichen Berufe den ungeheuren Anforderungen, welche die außerordentliche Vermehrung des stehenden Heeres nötig macht, noch nicht ganz entsprechend. Es ist wohl zu hoffen, daß auch in dieser Hinsicht eine Änderung eintreten werde, seitdem im Februar 1914 auf Betreiben des Generalstabsarztesv. Schjerningdie Gleichstellung der Sanitätsoffiziere mit den Offizieren des Heeres fast vollkommen durchgeführt worden ist.

Wichtiger aber als dieser äußere Rahmen, in welchem sich die Entwicklung des militärärztlichen Standes in Preußen und in einem sehr großen Teile Deutschlands abgespielt hat, ist der Aufschwung derKriegschirurgie. Ihre Förderung ist jenem Stande in erster Linie anheimgefallen, wenn auch die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der freilich auch zahlreiche Militärärzte schon seit ihrer Gründung angehört haben, diesem Zweige ihrer Wissenschaft stets ein sehr reges Interesse entgegenbrachten.

Schon auf dem II. Kongreß von 1873 trat W.Busch(Bonn) mit einem Vortrage über die Ergebnisse von Schießversuchen auf menschliche Leichen auf, zu welchen die Kriegserfahrungen von 1866 und 1870/71 mit ihren von den bisherigen Anschauungen vielfach stark abweichenden Verwundungen den Anstoß gegeben hatten. Gleichfalls über derartigeVersuche sprachen E.Küster(Berlin) undSchädel. Ersterer setzte seine Versuche weiterhin an lebenden Tieren fort und berichtete über sie in einer Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft vom Januar 1874. Seitdem wurden wiederholt die Geschoßwirkungen auf den menschlichen und tierischen Körper durch andauernde Versuche in allen Einzelheiten studiert; unter den zahlreichen Arbeiten dieser Art seien nur die vonBornhaupt, Kocher, Reger, WahlundPaulv. Brunshervorgehoben.

Immer von neuem wurden die Chirurgen gezwungen, diesen Fragen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Abweichend von dem Gebrauche des alten Vorderladers, welcher ursprünglich nur Rundkugeln, später auch Spitzkugeln entsandte, hatte Preußen schon im Jahre 1841 dasDreysesche Zündnadelgewehr eingeführt, welches in den beiden Feldzügen von 1864 und 1866 zur Verwendung kam, einen Hinterlader mit Einheitspatrone, Spiegelführung und Langblei von 14–15 mm Durchmesser. Mit ihm wurde durch Geschoßlänge und Pulverladung die Anfangsgeschwindigkeit, die Treffgenauigkeit, die Totalschußweite und die Streckung (Rasanz) der Flugbahn ganz erheblich erhöht. Aber man blieb dabei nicht stehen. Bald nach 1866 führte Frankreich dasChassepotgewehr mit einem Kaliber von 11 mm und einer Anfangsgeschwindigkeit von 420 m ein, dem in Deutschland das Infanteriegewehr von 1871 gleichfalls von 11 mm Laufweite folgte. Seit 1888 besitzt das deutsche Heer kleinkalibrige Gewehre von 7–8 mm, deren Bleigeschosse von einem Nickelmantel umgeben und deren Leistungsfähigkeit im übrigen noch durch Anwendung des rauchlosen Pulvers und zugleich dadurch gesteigert worden sind, daß sie Patronenkammern haben, welche als Magazingewehre eingerichtet und daher als Repetiergewehre benutzbar sind. In manchen Heeren ist man darüber hinaus noch zu einem Kleinstkaliber vorgeschritten; so besitzt Rumänien einMannlichergewehr von 6,5 mm Laufweite mit einem Geschoß von nur 22,74 g Gewicht, während das Zündnadelgeschoß 40 g, die Chassepotkugel noch 32 g wogen. Auch das im Russisch-Japanischen Kriege von 1904/05 vorwiegend zur Verwendung gekommeneArusakagewehr Modell 94 der Japaner ist ein Kleinstkaliber von 6,5 mm Laufweite. Die Leistungen dieses Gewehres für die oben genannten Ansprüche sind unübertrefflich gewesen; und dennoch hat, wiePaul v. Brunsin überzeugender Weise dargetan, der Mandschurische Krieg der weiteren Anwendung eines so kleinen Kalibers sehr vernehmlich Halt geboten. Denn in einer, und zwar einer sehr wichtigen, Beziehung hat das Kleinstkaliber die Grenze der kriegsmäßigen Verwendung bereits überschritten: seine Wirkung ist so wenig nachhaltig, daß eine übergroße Zahl der Getroffenen den Kampf nicht zu unterbrechen braucht. Voraussichtlich wird daher das deutsche Heer bei dem 8-mm-Geschoß bleiben. Für die menschenfreundlichen Bestrebungen aber, welche die unvermeidlichen Schrecken des Krieges nach Möglichkeit zu mildern suchen, mag es als ein Trost angesehen werden, daß die Feuerwirkungen der neuen Gewehre zwar die Todesfälle auf dem Schlachtfelde vermöge ihrer Durchschlagskraft vermehren, dafür aber die Gesamtverluste eher ab- als zugenommen haben; denn die Sterblichkeit der vom Schlachtfeld noch lebend kommenden Verwundeten ist ganz erheblich geringer geworden, wodurchmehrals nur ein Ausgleich gegenüber der unmittelbar tödlichen Geschoßwirkung herbeigeführt wird.

Alle diese Fragen sind schon im Frieden mit dem größten Eifer gestelltund durch Versuche nach Möglichkeit beantwortet worden. An solchen Versuchen hat sich, außer den obengenannten Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, in ganz hervorragender Weise die Militärmedizinalabteilung des preußischen Kriegsministeriums beteiligt, welches allen Veränderungen der kriegsmäßigen Ausrüstung des Heeres die größte Aufmerksamkeit zuwandte und durch sehr wertvolle Veröffentlichungen die gewonnenen Erfahrungen zum Gemeingute der Chirurgen machte. Auf den Chirurgenkongressen haben diese Fragen wiederholt ihre Erörterung gefunden. Eine der wichtigsten Mitteilungen ist die des GeneralarztesSchjerningvom XXX. Kongreß 1901.

Noch in anderer Weise wurde für die Vermehrung der kriegschirurgischen Kenntnisse Sorge getragen und zwar durchVerbesserung und Förderung der Krankenpflege. Sie hing mit den Bestrebungen zusammen, das Los der Kriegsverwundeten auf dem Schlachtfelde und in den Kriegslazaretten etwas freundlicher zu gestalten als es bisher der Fall gewesen war. Auf Anregung eines von reinster Menschenliebe durchglühten Privatmannes namensHenry Dunanttrat im Jahre 1863 in seiner Vaterstadt Genf ein aus Mitgliedern verschiedener Völker gebildeter Ausschuß zur Beratung über genannten Gegenstand zusammen, die am 22. August 1864 zum Abschluß der sogenanntenGenfer Konventionführte. Durch sie verpflichteten sich die Staaten gegenseitig, die Kriegsverwundeten, sowie die Ärzte und das Pflegepersonal nicht mehr als Feinde zu behandeln, sondern ihnen gleiche Pflege und Behandlung angedeihen zu lassen wie den Angehörigen des eigenen Landes. Alle Staaten Europas sind im Laufe der Jahre der Konvention beigetreten, auch die Türkei unter dem Namen des roten Halbmondes, ferner der größere Teil der amerikanischen Staaten und Japan. Im Jahre 1906 ist sie einer Neufassung unterzogen worden. — Eine weitere Förderung erhielt die Kriegskrankenpflege durch Gründung von Vereinen, die sich ihre Entwicklung und Ausbildung im Kriege und im Frieden zum Ziele setzten. So entstand im Kriege von 1864 (6. Febr.) das Zentralkomitee des Preußischen Vereins zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger, im Jahre 1866 unter der Führung derKönigin Augustadie Immediatlazarettkommission und, mit Ausbruch des Krieges am 16. Juni 1866, der Berliner Frauenlazarettverein; endlich nach Beendigung des Krieges am 11. November desselben Jahres der Vaterländische Frauenverein. Auch die anderen deutschen Staaten blieben in der Gründung ähnlicher menschenfreundlicher Vereine nicht zurück, so daß ganz Deutschland in immer steigendem Maße mit Vereinen sich überzog, deren Aufgabe es war, im Frieden wohltätige Einrichtungen aller Art zu fördern und zugleich ein gutgeschultes Heer von Pflegekräften zu erziehen die im Kriegsfalle sofort dem Heere zur Verfügung gestellt werden können. Besonders wirksam ist diese Einrichtung erst dadurch geworden, daß alle solche Vereine sich für den Krieg der Militärmedizinalabteilung zur Verfügung gestellt haben, so daß von einer Zentralstelle aus eine gleichmäßige Verteilung über die deutschen Heere und eine schnelle Ausfüllung aller entstehenden Lücken vorgenommen werden kann. So ist der ärztlichen Tätigkeit im Felde eine unübertreffliche Hilfe zuteil geworden neben dem ausgebildeten Sanitätspersonal, welchesHaaseschon 1892 auf 45000 Köpfe berechnet hat.

Aber auch die kriegsmäßige Ausbildung der Zivilärzte bildet einesder Ziele dieser Vereine, die seit ihrer Gründung jeden nahen oder fernen Krieg benutzt haben, um wohleingerichtete Kriegslazarette mit Ärzten und Pflegepersonal den beiden kämpfenden Heeren zur Verfügung zu stellen. Ihre Bestrebungen konnten auch seitens der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gefördert werden, da diese nachBernhardv. LangenbecksTode von dessen Nachkommen ein wertvolles Geldgeschenk erhielt, dessen Zinsen dazu bestimmt waren, deutschen Ärzten im Falle eines Krieges, an dem das Deutsche Reich unbeteiligt bliebe, Gelegenheit zu kriegschirurgischen Erfahrungen und Studien zu geben. Zum ersten Male ist dieser Grundstock im Mandschurischen Kriege in Anspruch genommen worden, in welchem der preußische OberstabsarztSchäferauf russischer Seite sehr wertvolle Beobachtungen anstellen und veröffentlichen konnte. — Vor allen Dingen aber war es die Militärmedizinalabteilung der deutschen Heere, welche jede Gelegenheit zur Ausbildung in den Kriegen der letzten Jahrzehnte durch Entsendung einzelner Militärärzte benutzt hat. So ist die Genfer Konvention eine höchst erfolgreiche Handhabe zur Förderung der Kriegschirurgie und zur Heranziehung eines Stabes vorzüglicher Kriegschirurgen geworden.

Alles das würde indessen nicht ausreichend gewesen sein, um auf dem Schlachtfelde selber oder in den nächstgelegenen Verbandplätzen jedem einzelnen Verwundeten eine zuverlässige Behandlung zu sichern, wenn es inzwischen nicht gelungen wäre, die Wunde in der einfachsten und am wenigsten zeitraubenden Weise unter einen vorläufigen Schutz zu stellen; denn hätte man die Tausende von Verletzten einer großen Schlacht in gleicher Weise behandeln wollen, wie es die umständliche Antiseptik oder Aseptik des Friedens verlangt, so wäre keine Macht der Erde imstande gewesen, zu verhindern, daß nur einem kleinen Bruchteile die Segnungen der neuen Wundbehandlung zuteil geworden wären, während alle übrigen nach wie vor den Unbilden der Verunreinigung, der Witterung, des Transportes, der Blutungen und der Hospitaleinflüsse ausgesetzt geblieben wären.

Die Lösung der hier gestellten Aufgabe ist sowohl von der Militärmedizinalverwaltung wie von den im Kongreß vereinigten deutschen Chirurgen aufs eifrigste und, soweit es die wechselnden Schwierigkeiten der Lage zulassen, mit bestem Erfolge in Angriff genommen worden. Zwei Wege waren es, auf welchen man das gesteckte Ziel, wenn nicht völlig zu erreichen, so doch ihm möglichst nahe zu kommen suchte.

Den ersten dieser Wege betrat man in Form derKrankenzerstreuung, von der aufS. 8bereits die Rede gewesen ist. Dieses schon in früheren Kriegen übliche, aber systematisch wohl zuerst von dem hervorragenden russischen ChirurgenPirogoffim Jahre 1847 in den Kriegslazaretten des Kaukasus in größerem Umfange angewandte Verfahren ist auch von deutscher Seite in den Kriegen von 1864, 1866 und besonders großartig 1870/71 benutzt worden. Auch auf diesem Felde hat aber die veränderte Geschoßwirkung des Kleinkalibers zu Abweichungen von der ursprünglichen Handhabung gezwungen, von denen wir teils aus der Deutschen Kriegssanitätsordnung, teils aus dem an das Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz gesandten BerichteWalter v. Öttingensvom September 1905 Näheres erfahren. Nach ihm wurden auf dem Sortierungspunkte inMukden die eingelieferten Verwundeten in drei Gruppen geteilt: Leichtverwundete, die so lange an Ort und Stelle verblieben, bis sie zu ihren Truppenteilen zurückkehren konnten, und Schwerverwundete, die bis zu ihrer Transportfähigkeit gleichfalls dort in Behandlung waren. Dagegen wurden die Zugehörigen zur dritten Gruppe, nämlich alle jene Fälle, die zwar eine lange Heilungsdauer erheischten, aber doch transportfähig waren, möglichst schnell rückwärts gesandt, nachdem man sie durch Gipsverband, Operation oder nur gutsitzende Verbände dazu fähig gemacht hatte.

Immerhin entspricht auch dies Verfahren bei weitem noch nicht den dringenden Anforderungen des Schlachtfeldes selber, wie sie an die ärztlichen Begleiter der Truppenteile und deren Krankenträger gelegentlich herantreten. In früheren Kriegen haben sich die jungen Ärzte wohl damit beschäftigt, Kugeln schon auf dem Kampfplatze auszuziehen und herauszuschneiden, weil dies von den Verwundeten selber aufs lebhafteste verlangt wurde. Das ist ein in keiner Weise zu billigendes Verfahren, weil es die Arbeitskräfte auf unwesentliche Nebendinge ablenkt und dem Verletzten niemals nützt, aber vielfach schadet. Überhaupt sollten die Operationen auf dem Schlachtfelde und in den ersten Verbandplätzen im allgemeinen verboten sein, oder doch sehr eingeschränkt werden. Nur die Verletzungen des Bauches und großer Gefäße machen eine Ausnahme, zumal wenn letztere so gelegen sind, daß ihnen durch Anlegung einer zentralwärts angebrachten elastischen Binde nicht beizukommen ist; denn sonst würde der Verwundete während des Transportes zum Lazarett sich voraussichtlich verbluten. Alle übrigen Wunden aber bedürfen nur eines schnell anzulegenden Schutzverbandes, die Knochenschüsse zugleich einer Schienung. Das sind die jetzt wohl allgemein geltenden Grundsätze der ersten Behandlung von Kriegsverletzungen.

Der Trieb, einen solchen ganz einfachen und doch wirksamen Verband herzustellen, hat die deutschen Chirurgen schon seit dem Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie beherrscht. Auf dem V. Kongreß von 1876 hieltFriedrich Esmarcheinen Vortrag: „Die antiseptische Wundbehandlung in der Kriegschirurgie“, den er im Jahre 1879 vervollständigte. In beiden Reden legte er die Grundsätze dar, denen zwar einzelne Chirurgen in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere B.v. Langenbeck, bereits gefolgt waren, ohne daß sie aber bei der Mehrzahl Anerkennung gefunden hätten — die Grundsätze: vor allen Dingen durch Fingeruntersuchung der Wunden und Sondeneinführung keinen Schaden anzurichten, die zerschossenen Knochen ruhigzustellen, endlich den in seiner ganzen Strenge auf dem Schlachtfelde und auf dem Notverbandplatze nicht durchführbaren antiseptischen Verband aufs äußerste zu vereinfachen.Esmarchwurde hier der Urheber desVerbandpäckchens, welches aus einem antiseptischen Ballen, einem dreieckigen Tuche und einer Binde bestehend, in die Uniform eingenäht, jedem ins Gefecht ziehenden Krieger mitgegeben wurde, um bei seiner Verwundung sofort zur Hand zu sein. Dies Päckchen hat sich, wenn auch vielfach verändert, bis heute erhalten; es wird noch in der Kriegssanitätsordnung vom Januar 1907 als zur Ausrüstung des Feldsoldaten gehörig aufgeführt.

Zahlreiche Chirurgen haben seitdem auf den Schlachtfeldern von vier Erdteilen jene Grundsätze praktisch erproben können. Als die erstensind aus dem Russisch-Türkischen Kriege von 1877Karl Reyheraus Dorpat undErnst v. Bergmannzu nennen, von denen ersterer auf dem kleinasiatischen Kriegsschauplatze, letzterer an der Donau tätig war. Während aberReyherin einem wohlausgestatteten Lazarette des Roten Kreuzes arbeitete und deshalb den Forderungen der antiseptischen Behandlung in vollem Umfange genügen konnte, warBergmannin den mörderischen Schlachten der russischen Donauarmee in wesentlich schwierigeren Verhältnissen, in welchen er dennoch durch Befolgung der Grundsätze einer konservativen Chirurgie in Verbindung mit einer den Umständen angepaßten aseptischen Behandlung ganz überraschende Erfolge erzielte. Er wird daher als Begründer der Asepsis in der Kriegschirurgie angesehen, wasEsmarchgegenüber wohl nicht ganz gerecht ist; denn wenn dieser auch noch chemische Mittel in Anwendung zog, so ist doch das Verfahren beider sonst ziemlich gleich; und chemische Mittel sind auch heute noch nicht ganz aus der Kriegschirurgie geschwunden. So wird vonWalter v. Öttingendie von R.Credéim Jahre 1896 zuerst empfohlene Behandlung mit Silbersalzen (Kollargol) für den ersten Verbandplatz außerordentlich gerühmt; und zwar geschah die Anwendung des gänzlich ungiftigen Mittels in folgender Weise: die Wunde und ihre Umgebung wurde nicht gewaschen, sondern letztere nur mit einer Harzlösung bestrichen, um die an Haut und Haaren klebenden Bakterien mechanisch festzuhalten, auf die Wunde eine Silbertablette gelegt und über dieser ein aseptischer Ballen mit einer Binde befestigt. An Einfachheit läßt dieser Verband gewiß nichts zu wünschen übrig.


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