III. Antike Zoologie.

III. Antike Zoologie.

Wie für jede andere philosophische Disziplin, sind auch für unsere die Grundlagen in Griechenland gelegt worden. Immer deutlicher hebt sich beim Studium der antiken Literatur ab, wie die ersten Gedankenreihen der Zoologie sich dort bildeten. Es ist weniger die Kenntnis neuer Tiere, als die Vertiefung in ihren Bau und die logische Gestaltung des Beobachteten, durch die auf hellenischem Boden die wissenschaftliche Betrachtung der organischen Natur entstand und sich entwickelte. Die Tierpflege, Tierhaltung, Jagd, Fischerei erlitt keinerlei Einbuße, wenn sie sich in Griechenland auch in bescheidenerem Maßstab bewegte, als vorher in den vorderasiatischen Despotenhöfen und nachher in Rom. Die großen Unterschiede der griechischen Zoologie im Vergleich zur vorausgehenden vorderasiatischen und zur nachfolgenden bis zur Neuzeit liegen in folgenden Richtungen: Einmal wurde eine planmäßige Vermehrung der Tierkenntnis, insbesondere nach der marinenFauna hin, angestrebt, sodann trat neben die Lehre von der äußeren Gestalt die vom Bau und von den Verrichtungen der Organe. Tier und Tierwelt wurden dem Weltganzen eingegliedert und nach Normen beurteilt, wie sie auch für dieses sich als fruchtbar erwiesen hatten. Wurde dadurch ein oft fast zu enges Band um die organische und anorganische Natur zugleich geschlungen, so kam anderseits aber auch die Eigentümlichkeit der organischen Natur zur Würdigung ihrer Eigenart. Quellen für die antike Zoologie sind reichlich vorhanden. Wenn auch nicht an zoologischem Inhalt, so doch an Umfang und Alter steht an erster Stelle die hippokratische Schriftensammlung (5-4. Jahrhundert v. Chr.), ferner Galens Werke (2. Jahrhundert v. Chr.), alles überragend aber die Aristotelischen Werke (4. Jahrhundert v. Chr.). In zweiter Linie sind zu nennen Herodot, die vorsokratischen Philosophen, die alexandrinischen Kompilatoren und der Römer Plinius d. J. Aber es gibt beinahe überhaupt keinen antiken Schriftsteller, dem nicht interessante Einzelangaben zu entnehmen wären, die uns verständlich werden lassen, daß mit der Höhe griechischer Lebenshaltung auch die Wissenschaft vom Leben stets neue Nahrung erhielt.

Flüchtiger Vögel leichten SchwarmUnd wildschweifende Tier im Wald,Auch die wimmelnde Brut des MeersFängt er, listig umstellend, einMit netzgeflochtenen Garnen,Der vielbegabte Mensch.Sophokl. Antigone V. 342.

Flüchtiger Vögel leichten SchwarmUnd wildschweifende Tier im Wald,Auch die wimmelnde Brut des MeersFängt er, listig umstellend, einMit netzgeflochtenen Garnen,Der vielbegabte Mensch.Sophokl. Antigone V. 342.

Flüchtiger Vögel leichten SchwarmUnd wildschweifende Tier im Wald,Auch die wimmelnde Brut des MeersFängt er, listig umstellend, einMit netzgeflochtenen Garnen,Der vielbegabte Mensch.Sophokl. Antigone V. 342.

Flüchtiger Vögel leichten Schwarm

Und wildschweifende Tier im Wald,

Auch die wimmelnde Brut des Meers

Fängt er, listig umstellend, ein

Mit netzgeflochtenen Garnen,

Der vielbegabte Mensch.

Sophokl. Antigone V. 342.

Auch von einem modernen Standpunkte aus betrachtet, erscheinen die Beobachtungen und Verallgemeinerungen der ältesten griechischen Philosophen, der sog.Vorsokratiker, höchst beachtenswert.Anaximanderhat schon die Annahme vertreten, die Tiere seien aus dem Meerschlamm hervorgegangen und hätten beim Übergang zum Leben auf demLande ihren Hautpanzer abgelegt. NachPythagorassollte alles tierische Leben aus Samen, nicht aus faulenden Stoffen entstehen.Philolaossucht, entgegen der herrschenden Ansicht, die den Sitz der Seele ins Zwerchfell zu verlegen pflegte, diesen im Hirn. EbensoAlkmäon von Kroton, der den Zusammenhang zwischen Hirn und Sinnesorganen, sowie wahrscheinlich auch die Ohrtrompete kannte, ferner durch Tierexperiment feststellte, daß das Rückenmark nach dem Koitus unverletzt gefunden wird.Anaxagorasspricht von der Atmung der Fische und Schaltiere durch die Kiemen und der Zweckmäßigkeit und Teilbarkeit der Organe. Mit Embryologie finden wir fast jeden der älteren Naturphilosophen beschäftigt, insbesondere Alkmäon,Hippon von RhegiumundEmpedokles. Auf das Lehrgedicht des letzteren gehen viele der später gültigen Anschauungen zunächst zurück, wenn sie auch vielfach noch älteren Ursprungs sein mögen; so die Lehre von den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft, Erde als den Grundstoffen der gesamten Natur. Nach ihm ist die Verschiedenheit der Organismen so zustande gekommen, daß die einzelnen Teilstücke sich in Liebe oder Haß vereinigt hätten. Dadurch sucht er auch die Mißbildungen auf natürliche Weise zu erklären. Ihm ist das Labyrinth im Ohr bekannt; er erörtert die chemische Zusammensetzung der Knochen. „Eins ist Haar und Laub und dichtes Gefieder der Vögel.“ Eine Auswahl früherer Anschauungen gibt auchDiogenes von Apollonia, so eine Schilderung des Gefäßsystems. Eine Andeutung des biogenetischen Grundgesetzes mag man auch in dem von ihm ausgesprochenen Satze sehen, daß kein dem Wechsel unterworfenes Wesen von einem anderen verschieden sein kann, ohne ihm vorher ähnlich gewesen zu sein. Als eigentlich kritisch forschender Geist giltDemokrit von Abdera(geb. ca. 470 v. Chr.), dem schon im Altertum die Trennung der Tierwelt in Bluttiere (Wirbeltiere in unserem Sinne)und Blutlose (Wirbellose) zuerkannt wurde. Schriften über die Ursachen der Natur im allgemeinen und der Tiere im besonderen, sowie eine Anatomie des Chamäleons wurden ihm zugeschrieben. Auf ihn geht die Betrachtung von Lebenserscheinungen nach mechanischen Prinzipien am allermeisten zurück. Damit wird er der Vater ähnlicher Bestrebungen im späteren Altertum sowohl wie im Beginn der Neuzeit, deren Schriftsteller, wie z. B. Severino, sich geradezu auf ihn berufen.

Neben all diesen mehr auf einheitliche Erfassung der organischen Natur und auf den Nachweis ihrer Übereinstimmung mit der anorganischen gerichteten Bestrebungen wandte sich aber auch der offene Blick der Griechen dem Reichtum der Tierwelt zu, namentlich auch derjenigen Asiens und Ägyptens. Schon im 5. Jahrhundert weißHerodotvon einer großen Anzahl von Tieren, ihrem Vorkommen und ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, fernerKtesias; endlich die attischen Komödiendichter, besondersEpicharmundAristophanes. Aber mit dem Sinn und der Freude an der belebten Natur war es nicht getan. Während in den älteren hippokratischen Schriften die Tiere in ähnlicher Weise, wie etwa bei Mose, nach dem Medium ihres Vorkommens aufgezählt werden, existiert in der Schrift „Über die Diät“ eine Aufzählung von 52 Tieren, die man füglich als eine systematische Reihenfolge, daskoische Tiersystem(ca. 410 v. Chr.), bezeichnen kann. Es scheint einem verschollenen Autor entlehnt zu sein und behandelt die Tiere in absteigender Reihenfolge, und zwar: Säugetiere, zahme, wilde, unter letzteren nach der Größe geordnet, Vögel des Landes und Wassers, Fische: Küstenfische, Wanderfische, Selachier, Schlammbewohner, Fluß- und Teichfische (Weichtiere), Muscheltiere, Krebse. Von größeren Gruppen fehlen nur Reptilien und Insekten, da sie nicht genossen wurden. Die Bedeutung dieses Systems besteht vor allem in der Abtrennung der Fische von den übrigen Wirbeltierenund der Wirbellosen von ihnen, wodurch diese Klassifikation einige nicht selbstverständliche und bedeutungsvolle Züge des Aristotelischen Systems vorwegnimmt. Die Gruppenbildungen dieses Systems wirken aber besonders da nach, wo mehr im Anschluß an die medizinische Literatur Kategorien von Tieren aufgezählt werden, bei Galen und den Ichthyographen des 16. Jahrhunderts.

Weit wichtiger als um die Zoologie sind die Verdienste derhippokratischen Ärzteum Anatomie und Physiologie, wobei begreiflich der Mensch und die Haustiere im Vordergrund des Interesses stehen. Auch auf diesen Gebieten sind Ansätze zu systematischer Ordnung des Stoffes unverkennbar, Einteilung des Körpers nach der Siebenzahl, von der Peripherie nach dem Zentrum, vom Scheitel zur Zehe. Bedeutungsvoll ist für die spätere Medizin die Lehre von den vier Säften geworden. Aber auch Vergleiche zwischen körperlichen Einrichtungen und Produkten der Technik, zwischen anatomischen Zuständen verschiedener Art bei verwandten Tieren, Experimente an lebenden Tieren, planmäßige Bebrütung von Hühnereiern zum Studium der Entwicklung, Parallelen zwischen der Entwicklung von Pflanze, menschlichen und tierischen Embryonen, Zeugungstheorien, worunter namentlich die später als Pangenesis bezeichnete, Anklänge an die Lehre vom Überleben der kräftigsten Organismen, die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften — all das deutet nicht nur auf umfangreiches Wissen, sondern auf einen hohen Zustand von dessen Verwertung im Dienste der Biologie hin. Wenn man bedenkt, wie lange die Zoologie durchaus an die Medizin gekettet und wie mächtig und grundlegend der Einfluß der hippokratischen Literatur nicht nur auf die nächstliegende antike, sondern auch auf die spätere moderne war, so wird man die Bedeutung dieser Errungenschaften schon auf so früher Stufe der Entwicklung unserer Wissenschaft nicht verkennen.

Diese aussichtsvolle Entwicklung der Vorstufen einer wissenschaftlichen Zoologie wurde dadurch jählings unterbrochen, daß die Naturphilosophie hinter der Ethik zurückzutreten begann, ein Vorgang, der mit der Sophistik seinen Anfang nahm und inPlatoseinen literarischen Abschluß fand. Plato gibt uns im Timäus eine Schilderung der Weltbildung mit Einschluß der organischen Natur und des Menschen, aus der alle Mystik und Teleologie späterer Jahrhunderte ihre Nahrung sog. Der Timäus bedeutet aber im Vergleich zur vorangehenden ihres kritischen Geistes bewußt werdenden Naturauffassung einen gewaltigen Rückschritt von der Forschung in die Poesie. So wenig sein Erkenntniswert in Betracht kommt, so ist er doch dadurch und infolge der späteren Gegensätzlichkeit zwischen der Aristotelischen und Platonischen Philosophie von großer geschichtlicher Bedeutung geworden. Die organische Natur erscheint im Timäus als Degeneration des Mannes, den der Weltenschöpfer aufs vollkommenste geschaffen hat, wobei Plato die Pythagoreische Zahlenmystik mit der Geometrie des Organismus in Verbindung setzt und die teleologische Erklärung der einzelnen Organe im Dienste der Seele durchführt. Anderseits scheint das Verdienst, Naturerscheinungen nach Gattung (genus) und Art (species) zu gliedern und damit auf dem Wege der Induktion Allgemeinbegriffe zu schaffen, ebenfalls auf Plato zurückzugehen. Die genannten Begriffe stehen zwar bei ihm in komplizierterem gegenseitigen Verhältnis, als in unserer Logik; doch bleibt wohl der Aufbau von Systemen mit ihrer Hilfe Gemeingut der Platonischen Schule, die zum Teil infolge mangelnder Erweiterung ihrer positiven Kenntnisse in der künstlichen Ausbildung dichotomischer Gliederungen (nach Art unserer botanischen und zoologischen Bestimmungstabellen) verfiel, zum Teil aber auch die Stärke der Aristotelischen Systematik wurde.


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