Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden vorbereitet wird
Wir können die Verlegenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die Umstände gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Kapitels verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er bisher mit einer so rühmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er sich zweifelsohne in eine nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern gesetzt hat, einen Abfall, der denenjenigen, welche von einem Helden eine vollkommene Tugend fordern, eben so anstößig sein wird, als ob sie, nach allem was bereits mit ihm vorgegangen, natürlicher Weise etwas bessers hätten erwarten können.
Wie groß ist in diesem Stücke der Vorteil eines Romanendichters vor demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch Verschönerung seiner Charakter, und durch Erhebung des Natürlichen ins Wunderbare sich hätte erwerben können, der Natur und Wahrheit in gewissenhafter Aufrichtigkeit durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die ganze grenzenlose Welt des Möglichen zu freiem Gebrauch vor sich ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den mächtigen Reiz des Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre Einbildungskraft und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der kleinste Schein von übereinstimmung mit der Natur hinlänglich ist, die Freunde des Wunderbaren, welche immer die größeste Zahl ausmachen, von ihrer Möglichkeit zu überzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur selbst umzuschaffen, und, als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Ton, aus welchem er seine Halbgötter und Halbgöttinnen bildet, zu gestalten wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag, erheischet: So sieht sich hingegen der arme Geschichtschreiber genötiget, auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in die Fußstapfen der vor ihm hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so groß oder so klein, so schön oder so häßlich, wie er ihn würklich findet, abzumalen; die Würkungen so anzugeben, wie sie vermöge der unveränderlichen Gesetze der Natur aus ihren Ursachen herfließen; und wenn er seiner Pflicht ein völliges Genügen getan hat, sich gefallen zu lassen, daß man seinen Helden am Ende um wenig oder nichts schätzbarer findet, als der schlechteste unter seinen Lesern sich ohngefähr selbst zu schätzen pflegt.
Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Aufwand von Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu werden, als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es doch sein) ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und Gebrechen, durch etliche Bände voll wunderreicher Abenteure, in der einförmigsten Gleichheit mit sich selbst, herumzuführen. Eh ihr es euch verseht, ist ein Buch fertig, das durch den erbaulichen Ton einer strengen Sittenlehre, durch blendende Sentenzen, durch Charaktere und Handlungen, die eben so viele Muster sind, den Beifall aller der gutherzigen Leute überraschet, welche jedes Buch, das die Tugend anpreist, vortrefflich finden. Und was für einen Beifall kann sich ein solches Werk erst alsdenn versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die natürliche Gabe besitzt, seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und, verliebt in die schönen Geschöpfe seiner erhitzten Einbildungskraft, die Meinung von sich zu erwecken, daß ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann ein verdächtiger Kunstrichter sich heiser schreien, daß ein solches Werk eben so wenig für die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt Nutzen schaffe; umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die Definitionen eines Auszugs der Sittenlehre in Personen, und die Maximen des Epictets in Handlungen zu verwandeln; umsonst mag er beweisen, daß die unfruchtbare Bewunderung einer schimärischen Vollkommenheit, welche man nachzuahmen eben so wenig wahren Vorsatz als Vermögen hat, das äußerste sei, was diese wackere Leute von ihren hochfliegenden Bemühungen zum Besten einer ungelehrigen Welt erwarten können: Der weisere Tadler heißt ihnen ein Zoilus, und hat von Glück zu sagen, wenn das Urteil das er von einem so moralischen Werke des Witzes fällt, nicht auf seinen eignen sittlichen Charakter zurückprallt, und die gesundere Beschaffenheit seines Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird. Und wie sollte es auch anders sein können? Unsre Eitelkeit ist zusehr dabei interessiert, als daß wir uns derjenigen nicht annehmen sollten, welche unsre Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so großen Hoheit und Würdigkeit erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch so viele Zeichen von Vorzügen des Stands, des Ansehens, der Macht und des äußerlichen Glanzes unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich über die Gegenstände seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im Staube unter sich zurücklassen zu können. Und wenn gleich die unverhehlbare Schwäche unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu großem Vorteil unsrer Trägheit, von der Ausübung heroischer Tugenden loszählt; so ergötzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem süßen Wahne, daß wir eben so wundertätige Helden gewesen sein würden, wenn uns das Schicksal an ihren Platz gesetzt hätte.
Wir müssen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so natürlich und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Klassen unsrer Leser aufgenommen werden mögen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten, uns ungünstige Vorurteile zuzuziehen; so können wir doch nicht umhin, diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je größer die Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden Geschichte hat.
Unter allen den übernatürlichen Charaktern, welche die mehrbelobten romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung gebracht haben, sind sie mit keinem glücklicher gewesen, als mit dem Heldentum in der Großmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue. Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterbücher und Romanen, von den Zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden, die einander alles, sogar die Forderungen ihrer stärksten Leidenschaften, und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern, welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und (bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angefüllt, welche nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen ihrer Geliebten in die Bäume zu schneiden, ohne daß die reizendesten Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermögend wären, ihre Treue nur einen Augenblick zu erschüttern. Man müßte wohl sehr eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so große Hochachtung gekommen sind. Von je her haben die Schönen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen alles aufopfert, und eine Beständigkeit, die gegen alle andre Reizungen unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem Stücke den großen Herren, welche verlangen, daß unserm Eifer nichts unmöglich sein solle, und die sich sehr wenig darum bekümmern, ob uns dasjenige, was sie von uns fordern, gelegen, oder ob es überhaupt recht und billig sei, oder nicht. Eben so ist es für unsre Beherrscherinnen schon genug, daß der Vorteil ihrer Eitelkeit und ihrer übrigen Leidenschaften sich bei diesen vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen Grafen von Comminges zu einem größern Mann in ihren Augen zu machen, als alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigennützigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen Völkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als natürlich ist, gefürchtet wird) den größesten Teil der bürgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz vergessende Großmut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu vergöttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir nötig es zu sein; und je höher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei unsern Lastern zu besorgen.
Der Himmel verhüte, daß unsre Absicht jemals sei, in schönen Seelen diese liebenswürdige Schwärmerei für die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so natürlich und öfters die Quelle der lobenswürdigsten Handlungen ist. Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, daß die romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der Natur zu suchen seien als die geflügelten Löwen und die Fische mit Mädchenleibern; daß es moralische Grotesken seien, welche eine müßige Einbildungskraft ausbrütet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergöttert, je weiter ihre verhältniswürdige Mißgestalt von der menschlichen Natur sich entfernet, welche doch, mit allen ihren Mängeln, das beste, liebenswürdigste und vollkommenste Wesen ist, das wir würklich kennen—und daß also der Held unsrer Geschichte, durch die Veränderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst durch seine Fehler zu belehren.
Wir können indes nicht bergen, daß wir aus verschiednen Gründen in Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt anzutun, und unsern Agathon, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina hätte geschehen müssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich würklich befindet, herauszuwickeln, als es für die Ehre des Platonismus, die er bisher so schön behauptet hat, allerdings zu wünschen gewesen wäre. Allein da wir in Erwägung zogen, daß diese einzige poetische Freiheit uns nötigen würde, in der Folge seiner Begebenheiten so viele andre Veränderungen vorzunehmen, daß die Geschichte Agathons würklich die Natur einer Geschichte verloren hätte, und zur Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden wäre: So haben wir uns aufgemuntert, über alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns anfänglich stutzen gemacht hatten, und uns zu überreden, daß der Nutzen, den unsre verständigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge zu ziehen Gelegenheit bekommen könnten, ungleich größer sein dürfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hätte, wenn wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen "Orlando" unsers Freunds Ariost finden wird, die schöne Danae in die Notwendigkeit gesetzt hätten, in der Stille von ihm zu denken, was die berühmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von dem weisen Xenocrates öffentlich gesagt haben soll.
So wisset dann, schöne Leserinnen, (und hütet euch, stolz auf diesen Sieg eurer Zaubermacht zu sein,) daß Agathon, nachdem er eine ziemliche Weile in einem Gemütszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Thomsons oder Geßners erfoderte, allein zurückgeblieben war, wir wissen nicht ob aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Zitronen-, Granaten—und Myrtenbäumen auf jonischen Säulen von Jaspis ruhte; daß er, weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal, dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte, und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches für die Ruhe der Liebesgöttin bestimmt schien, die schöne Danae auf einem Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; daß er, nachdem er sie eine lange Zeit in unbeweglicher Entzückung und mit einer Zärtlichkeit, deren innerliches Gefühl alle körperliche Wollust an Süßigkeit übertrifft, betrachtet hatte, endlich—von der Gewalt der allmächtigen Liebe bezwungen, sich nicht länger zu enthalten vermocht, zu ihren Füßen kniend, eine von ihren nachlässig ausgestreckten schönen Händen mit einer Inbrunst, wovon wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug gewesen sind, zu küssen, ohne daß sie daran erwacht wäre; daß er hierauf noch weniger als zuvor sich entschließen können, so unbemerkt als er gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, daß die kleine Psyche, die Tänzerin, welche seit der Pantomime, man weiß nicht warum, gar nicht seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, daß er eine ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Miene, aus welcher sich sehr vieles habe schließen lassen, aus dem Pavillion hinter die Myrtenhecken sich weggestohlen habe.
Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen Mißverstandes
Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstraße zwischen zween Abwegen, welche beide gleich sorgfältig zu vermeiden sind. Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen wichtigern Zweck als die bloße Ergötzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei gewissen Anlässen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern Franzosen, lieber die bescheidne Zurückhaltung des jungfräulichen Virgils nachahmet, welcher bei einer Gelegenheit, wo die Angola's und Versorand's alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget hätten, als daß sie nicht lebhaft und deutlich genug sein möchten, sich begnügt uns zu sagen:
"Daß Dido und der Held in Eine Höhle kamen."
Allein wenn diese Zurückhaltung so weit ginge, daß die Dunkelheit, welche man über einen schlüpfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Mißverstand und Irrtum Anlaß geben könnte: So würde sie, deucht uns, in eine falsche Scham ausarten; und in solchen Fällen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang ein wenig wegzuziehen, als aus übertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegründeten Vermutungen auszusetzen. So ärgerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend bei dem bloßen Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines schönen Jünglings zu den Füßen einer selbst im Schlummer lauter Liebe und Wollust atmenden Danae billig sein mag; so können wir doch nicht vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstößigen Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen Fällen der Einbildungskraft den Zügel schießen zu lassen, daß wir uns lächerlich machen würden, wenn wir behaupten wollten, daß unser Held die ganze Zeit, die er (nach dem Vorgeben der kleinen Tänzerin) in dem Pavillion zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Kapitels gesehen hat. Wir müssen vielmehr besorgen, daß Leute, welche nichts dafür können, daß sie keine Agathons sind, vielleicht so weit gehen möchten, ihn im Verdacht zu haben, daß er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf eine Art zu Nutze gemacht haben könnte, welche sich ordentlicher Weise nur für einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau selbst nicht schlechterdings gebilliget hätte, so scharfsinnig er auch (in einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu rechtfertigen weiß, was er "eine stillschweigende Einwilligung abnötigen" nennet. Um nun unsern Agathon gegen alle solche unverschuldete Mutmaßungen sicher zu stellen, müssen wir zur Steuer der Wahrheit melden, daß selbst die reizende Lage der schönen Schläferin, und die günstige Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich überrascht haben würden, wenn es ihm möglich gewesen wäre, der zauberischen Gewalt der Empfindung, in welche alle Kräfte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun. Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen Umständen für unmöglich erklären, nachdem er einem Agathon unmöglich gewesen ist. Er überließ also endlich seine Seele der vollkommensten Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schönheit, welche selbst seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zurücke ließ; und (was nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses Anschauen erfüllte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen, unbeschreiblichen Befriedigung, daß er alle Wünsche, alle Ahnungen einer noch größern Glückseligkeit darüber vergessen zu haben schien. Vermutlich (denn gewiß können wir hierüber nichts entscheiden) würde die Schönheit des Gegenstands allein, so außerordentlich sie war, diese sonderbare Würkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte, und dieser Umstand verstärkte die Bewundrung, womit auch die Kaltsinnigsten die Schönheit ansehen müssen, mit einer Empfindung, welche noch kein Dichter zu beschreiben fähig gewesen ist, so sehr sich auch vermuten läßt, daß sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein könne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien sogar über dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts, oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr würde in solchen Augenblicken fähig gewesen sein, wie Agathon zu handeln?—Behutsam und mit der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor verräterisch aufgedeckt hatte, wieder über die schöne Schlafende her, warf sich wieder zu den Füßen ihres Ruhebettes, und begnügte sich, ihre nachlässig ausgestreckte Hand, aber mit einer Zärtlichkeit, mit einer Entzückung und Sehnsucht an seinen Mund zu drücken, daß eine Bildsäule davon hätte erweckt werden mögen. Sie mußte also endlich erwachen. Und wie hätte sie auch sich dessen länger erwehren können, da ihr bisheriger Schlummer würklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung natürlich scheinen kann, sehen wollen, wie ein Agathon bei einer so schlüpfrigen Gelegenheit sich betragen würde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche, ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit für sie hatte, rührte sie so sehr, daß sie, von einer ungewohnten und unwiderstehlichen Empfindung überwunden, in einem Augenblick, wo sie zum erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schönen Augen auf, Augen die in den wollüstigen Tränen der Liebe schwammen, und dem entzückten Agathon sein ganzes Glück auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es das beredteste Liebesgeständnis hätte tun können. "O Callias!" (rief sie endlich mit einem Ton der Stimme, der alle Saiten seines Herzens widerhallen machte, indem sie, ihre schönen Arme um ihn windend, den Glückseligsten aller Liebhaber an ihren Busen drückte,) "—was für ein neues Wesen gibst du mir? Genieße, o! genieße, du Liebenswürdigster unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Zärtlichkeit, die du mir einflößest." Und hier, ohne den Leser unnötiger Weise damit aufzuhalten, was sie ferner sagte, und was er antwortete, überlassen wir den Pinsel einem Correggio, und schleichen uns davon.
Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu späte, daß wir unsern Freund Agathon auf Unkosten seiner schönen Freundin gerechtfertiget haben. Es ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrwürdigen und glücklichen Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und vermutlich Ursache dazu haben) daß sie in ähnlichen Umständen sich ganz anders als Danae betragen haben würden. Auch sind wir weit davon entfernt, diese allzuzärtliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch immer die Liebe ihre Vergehungen zu bemänteln weiß. Indessen bitten wir doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Kapitel mit einer kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefaßt gemacht haben, schließen zu dürfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir ihnen schuldig sind, sei es gesagt) würden sich sehr betrügen, wenn sie glaubten, daß wir die Schwachheiten einer so liebenswürdigen Kreatur, als die schöne Danae ist, nur darum verraten hätten, damit sie Gelegenheit bekämen, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so sehr Neulinge in der Welt, daß wir uns überreden lassen sollten, daß eine jede, welche sich über das Betragen unsrer Danae ärgern wird, an ihrer Stelle weiser gewesen wäre. Wir wissen sehr wohl, daß nicht alles, was das Gepräge der Tugend führt, würklich echte und vollhaltige Tugend ist; und daß sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen könnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde sehr daran, daß diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem Platz einem viel weniger gefährlichen Versucher als Agathon war, die Augen auskratzen würden: Und wenn sie es auch täten, so würden wir vielleicht anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische Würkung unreizbarer Sinnen, und eines unzärtlichen Herzens, hätte gewesen sein können. Unser Augenmerk ist bloß auf euch gerichtet, ihr liebreizenden Geschöpfe, denen die Natur die schönste ihrer Gaben, die Gabe zu gefallen, geschenkt—ihr, welche sie bestimmt hat, uns glücklich zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erfüllung dieser schönen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die schätzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend ist, durch die Zärtlichkeit eures Herzens selbst, unglücklich zu werden: Euch allein wünschten wir überreden zu können, wie gefährlich jene Einbildung ist, womit euch das Bewußtsein eurer Unschuld schmeichelt, daß es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen zu setzen. Möchten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die Unschuld und die Güte des Herzens himmlische Beschützer hat,) möchten sie über die eurige wachen! Möchten sie euch zu rechter Zeit warnen, euch einer Zärtlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem großmütigen Vergnügen, den Gegenstand ihrer Liebe glücklich zu machen, so leicht sich selbst vergessen kann! Möchten sie endlich in jenen Augenblicken, wo das Anschauen der Entzückungen, in die ihr zu setzen fähig seid, eure Klugheit überraschen könnte, euch in die Ohren flüstern: Daß selbst ein Agathon, weder Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu sein, daß die Befriedigung seiner Wünsche euch die Ruhe eures Herzens koste.
Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie nicht sehr glücklich oder vollkommne Stoiker sind, überschlagen können
Die schöne Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur Hälfte tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund glücklich zu machen, so vollführte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher Vergnügen und Wonne genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder verwandelte. Man erinnert sich vermutlich noch, daß eine Art von Vorwitz oder vielmehr ein launischer Einfall, die Macht ihrer Reizungen an unserm Helden zu probieren, anfangs die einzige Triebfeder der Anschläge war, welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die persönliche Bekanntschaft belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie an ihm fand; und der tägliche Umgang, die Vorzüge Agathons, und, was in den meisten Fällen die Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht, doch sehr befördert, die ansteckende Kraft, das Sympathetische der verliebten Begeisterung, welcher der göttliche Plato mit Recht die wundertätigsten Kräfte zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt diesen Geschmack in Liebe, aber in die wahreste, zärtlichste und heftigste, welche jemals gewesen ist. Unserm Helden allein war die Ehre aufbehalten (wenn es eine war) ihr eine Art von Liebe einzuflößen, worin sie, ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer Geschichte schon entdeckt worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine Vestalin in jeder Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu gemacht, den Widerwillen zu überwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die schönen Hyacinthe, diese tändelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen) die Hälfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen alles was die Miene der Liebe trug, einzuflößen angefangen hatten.
Die meisten von derjenigen Klasse der Naturkündiger, welche mit dem Herrn von Büffon davorhalten, daß das Physikalische der Liebe das beste davon sei, werden ohne Bedenken eingestehen, daß der Besitz, oder (um unsern Ausdruck genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genuß einer so schönen Frau als Danae war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von Vergnügungen in sich schließe, deren unsre Sinnen fähig sind; eine Wahrheit, welche, ungeachtet einer Art von stillschweigender übereinkunft, daß man sie nicht laut gestehen wolle, von allen Völkern und zu allen Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, daß Carneades, Sextus, Cornelius Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet haben, sie in Zweifel zu ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen, gegen einen so ehrwürdigen Beweis als das einhellige Gefühl des ganzen menschlichen Geschlechts abgibt, öffentlich zu behaupten, daß diejenigen Vergnügungen der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben: So werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, daß ein Liebhaber, der selbst eine Seele hat, im Besitz der schönsten Statue von Fleisch und Blut, die man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicuräern so hoch gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren würde; und daß diese allein von der Empfindung des Herzens jenen wunderbaren Reiz erhalte, welcher immer für unaussprechlich gehalten worden ist, bis Rousseau, der Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem fünf und vierzigsten der Briefe der neuen Heloise, in einer Vollkommenheit zu schildern, welche sehr deutlich beweist, was für eine begeisternde Kraft die bloße halberloschene Erinnerung an die Erfahrungen seiner glücklichen Jugend über die Seele des Helvetischen Epictets ausgeübt haben müsse. Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art, Saint Preux und Agathons, welchen es zukömmt, über die berührte Streitfrage einen entscheidenden Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres Gefühls eben so geschickt gemacht werden, von den physikalischen, als durch die Zärtlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren innerlichen Sinn für das sittliche Schöne, von den moralischen Vergnügungen der Liebe zu urteilen. Und wie wahr, wie natürlich werden nicht diese jene Stelle finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverständlicher ist als eine Hetruscische Aufschrift den Gelehrten,—"O, entziehe mir immer diese berauschenden Entzückungen, für die ich tausend Leben gäbe!—Gib mir nur das alles wieder was nicht sie, aber tausendmal süßer ist als sie"-Die schöne Danae war so sinnreich, so unerschöpflich in der Kunst (wenn man anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine ohne die andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielfältigen, den innerlichen Wert derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu erhöhen, ihnen immer die frische Blüte der Neuheit zu erhalten, und alles Eintönige, alles was die Bezauberung hätte auflösen, und dem überdruß den Zugang öffnen können, klüglich zu entfernen; daß sie oder eine andre ihres gleichen den Herrn von Büffon selbst dahin gebracht hätte, seine Gedanken von der Liebe zu ändern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris zusammengenommen nicht von ihm erhalten würden. Diese glückseligen Liebenden, brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Göttern an Wonne gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschmähten itzt alle diese Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre Liebe machte alle ihre Beschäftigungen und alle ihre Ergötzungen aus: Sie empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, daß sie sich liebten; und wenn sie von einer Morgenröte zur andern nichts anders getan hatten, so beklagten sie sich doch über die Kargheit der Zeit, welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich gewünscht hätten, ihnen Augenblicke für Tage anrechne. "Welch ein Zustand, wenn er dauern könnte!"—ruft hier der griechische Autor aus.
Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder von der Seelenmischung
Ein alter Schriftsteller, den gewiß niemand beschuldigen wird, daß er die Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen, um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen für Platonische Grillen erklären, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, daß er eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur für möglich, sondern für einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der Liebesgöttin natürlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der Ergötzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schöner also ausdrückt:
Et transfudimus hinc & hinc labellis Errantes animas- Ob er selbst die ganze Stärke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der meisten Ausleger) sehr wenig bekümmert. Genug, daß wir diese Stellen einer Hypothese günstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach, verschiedene Phänomena der Liebe nicht wohl erklären lassen, und vermöge welcher wir annehmen, daß bei wahren Liebenden, in gewissen Umständen, nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern eine wirkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses möglich sei zu untersuchen, überlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten, welche sich, in stolzer Muße und seliger Abgeschiedenheit von dem Getümmel dieser sublunarischen Welt, mit der nützlichen Spekulation beschäftigen, die Art und Weise ausfindig zu machen, wie dasjenige was würklich ist, ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgebäude, möglich sein könne. Für uns ist genug, daß eine durch unzähliche Beispiele bestätigte Erfahrung außer allen Zweifel setzt, daß diejenige Gattung von Liebe, welche Shaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Enthusiasmus macht, und gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer erklärt, solche Würkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden können.
Agathon und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlaß gegeben haben, hatten kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Kalender der Liebe nur vierzehn Augenblicke waren, in diesem glückseligen Zustande, worin wir sie im vorigen Kapitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung sich in einem solchen Grade bei ihnen äußerte, daß sie nur von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen. Würklich war die Veränderung und der Absatz ihrer gegenwärtigen Art zu sein, mit ihrer vorigen so groß, daß weder Alcibiades seine Danae, noch die Priesterin zu Delphi den spröden und unkörperlichen Agathon wieder erkannt haben würden. Daß dieser aus einem spekulativen Platoniker ein praktischer Aristipp geworden; daß er eine Philosophie, welche die reinste Glückseligkeit in Beschauung unsichtbarer Schönheiten setzt, gegen eine Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen Empfindungen in ihren nächsten Quellen, in der Natur, in unsern Sinnen und in unsern Herzen sucht, vertauschte; daß er von den Göttern und Halbgöttern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und Liebesgötter beibehielt; daß dieser Agathon, der ehmals von seinen Minuten, von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, itzt fähig war (wir schämen uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in zärtlicher Trunkenheit wegzutändeln—Alles dieses, so stark der Abfall auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber daß Danae, welche die Schönsten und Edelsten von Asien, welche Fürsten und Satrapen zu ihren Füßen gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten Versammlungen am meisten zu glänzen, einen Hof von allem, was durch Vorzüge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente würdig war, nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Daß diese Danae itzt verächtliche Blicke in die große Welt zurückwarf, und nichts angenehmers fand als die ländliche Einfalt, nichts schöners als in Hainen herumzuirren, Blumenkränze für ihren Schäfer zu winden, an einer murmelnden Quelle in seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt zu vergessen—daß sie, für welche die Liebe der Empfindung sonst ein unerschöpflicher Gegenstand von witzigen Spöttereien gewesen war, itzt von den zärtlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern Nächten bis zu Tränen gerührt werden—oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in zärtliches Staunen und in den Genuß ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte, ohne daran zu denken, ihn durch einen eigennützigen Kuß aufzuwecken,—daß diese Schülerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts lächerlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese süßen Träume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so gerne zu wiegen pflegen—daß sie itzt, beim dämmernden Schein des Monds, an Agathons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkörpert zu sein, schon in den seligen Tälern des Elysiums zu schweben glaubte—mitten aus den berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Gräbern und Urnen verlieren, dann ihren Geliebten zärtlicher an ihre Brust drückend den gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der Unsterblichen, von unvergänglichen Schönheiten und himmlischen Welten phantasieren konnte, und, von den Wünschen ihrer grenzenlosen Liebe getäuscht, in der Hoffnung einer immerwährenden Dauer itzt so wenig Ausschweifendes fand, daß ihr kein Gedanke natürlicher, keine Hoffnung gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agathons, nur jene Vermischung der Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack und Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir unsern Lesern zu entscheiden überlassen, von denen der zärtlichere Teil vielleicht der schönen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses, deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, daß sie glücklich waren—felices errore suo—glücklich in dieser süßen Betörung, welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und nie gefunden haben, nichts abgeht, als daß sie (wie der griechische Autor hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer währen kann.
Ein Besuch des Hippias
Zufällige Ursachen hatten es so gefüget, daß Hippias sich auf einiche Wochen von Smirna hatte entfernen müssen, und daß die Zeit seiner Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schönen Danae den äußersten Punkt ihrer Höhe erreichte. Dieser Umstand hatte sie gänzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergnügens so wohl anzuwenden wußten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erkühnt, ihre Einsamkeit zu stören; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Glück alle mit ihren eignen Angelegenheiten so viel zu tun, daß sie keine Zeit behielten, sich um Fremde zu bekümmern. Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewöhnliches, und der allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergnügungen allzugünstig, als daß eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend foderte) über die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen wären, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt hätte.
Allein Hippias war kaum von seiner Reise zurückgekommen, so ließ er eine seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorzügliche Recht, sie auch alsdann zu überraschen, wenn sie sonst für niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zurückhaltung, eine Art von schamhafter Schüchternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter Aspasiens fast lächerlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen fiel. Wahre Liebe (wie man längst beobachtet hat) ist eben so sorgfältig ihre Glückseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zurückhaltung, welche unsre Liebenden, aller angewandten Mühe ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewußtsein der Verwandlung, welche sie erlitten hatten; die Furcht vor dem komischen Ansehen, welches sie ihnen in den Augen des Sophisten geben möchte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die mutwilligen Ergießungen bei jedem Blicke, bei jedem Lächeln erwarteten; dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdrießliches gab, welches von einem jeden andern als Hippias für ein Zeichen, daß seine Gegenwart unangenehm sei, hätte aufgenommen werden müssen. Allein dieser nahm es für das auf, was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wußte, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und Sorglosen so natürlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend gleichgültigen Dingen zu schwatzen, und wußte dem Gespräch einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, daß sie alle erforderliche Zeit gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen. Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhigst wurde, daß er würklich hoffte, sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen; sie sah wohl, daß es zu einer Erörterung mit ihm kommen müsse, und war nur darüber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, daß sie, über der Bemühung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken hatte sie sich in den Stunden der gewöhnlichen Mittagsruhe beschäftiget, und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der vertraulichen Freimütigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, daß es die Neugier über den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. "Die Glückseligkeit des Callias" (setzte er hinzu) "schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus seinem ganzen Betragen hervor, schöne Danae, als daß ich durch überflüssige Fragstücke das reizende Inkarnat dieser liebenswürdigen Wangen zu erhöhen suchen sollte. Und findest du ihn also der Mühe würdig, die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden mußtest?" "Der Mühe?" sagte Danae lächelnd; "ich schwöre dir, daß mir in meinem Leben keine Mühe so leicht geworden ist, als mich von dem liebenswürdigsten Sterblichen, den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle Mühe -" "Nicht ganz und gar", (unterbrach sie Hippias) "wenn du so aufrichtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gemäß ist. Ich bin gewiß, daß er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war; und die Veränderung, die ich an ihm wahrnehme ist so groß, verbreitet sich so sehr über seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, daß Danae selbst, auf deren Lippen die überredung wohnt, mich nicht überreden soll, daß eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen könne. Keine Zurückhaltungen, schöne Danae, die Würkungen zeugen von ihren Ursachen; ein großes Werk setzt große Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin gebracht wird, daß er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, daß er mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem Geschmack der Weine urteilt; daß er die wollüstigsten Läufe eines in Liebe schmelzenden Liedes mit entzücktem Händeklatschen wiederholen heißt, und sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverhülltem Busen eben so gleichgültig reichen läßt, als er sich in die weichen Polster eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt—wahrhaftig, schöne Danae, das nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ich keiner von allen unsterblichen Göttinnen zugetraut hätte." "Ich weiß nicht, was du damit sagen willst", erwiderte Danae mit einer angenommenen Zerstreuung; "mich deucht nichts natürlichers, als alles, worüber du dich so verwundert stellst; und gesetzt, daß du dich in deinem Urteil von Callias betrogen hättest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so kann nichts unähnlichers sein, als wie du ihn mir abgeschildert und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Komödie erwarten, und ich wiederhole es, du magst über mich lachen so lange du willt, Alcibiades selbst im Frühling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebenswürdiger als derjenige, den du mir für ein komisches Mittelding von einem Phantasten und von einer Bildsäule gegeben hast. Wenn eine Verschiedenheit zwischen Agathon und den Besten ist, für welche ich ehmals aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gefälligkeiten gehabt habe, so ist sie gänzlich zu seinem Vorteil; so ist es, daß er edler, aufrichtiger, zärtlicher ist, daß er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten; daß ihn mein Vergnügen glücklicher macht als sein eignes; daß er das großmütigste und erkenntlichste Herz mit den glänzendesten Vorzügen des Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt. "—"Welch ein Strom von Beredsamkeit", rief Hippias mit dem Lächeln eines Fauns aus; "du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich machen müßtest; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich ihn nicht als liebenswürdig? Sagt' ich dir nicht, daß er dir die Hyacinthe, und alle diese artigen gaukelnden Sommervögel unerträglich machen würde? Aber wir wollen uns nicht zanken, schöne Danae. Ich sehe, daß Amor hier mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den Agathon zu unterwerfen; aber der übermütige kleine Bube hat es für eine größere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae -" "Ja", (fiel sie ihm lebhaft ein) "ich bekenne, daß ich liebe wie ich nie geliebt habe; daß alles was ich sonst Glückseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, daß ich fähig wäre, alles was ich besitze, alle Ergötzlichkeiten von Smirna, alle Ansprüche an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze Welt voll Liebhaber wie eine Nußschale hinzuwerfen, um mit Callias in einer mit Stroh bedeckten Hütte zu leben, und mit diesen Händen, welche nicht zu weiß und zärtlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher schmecken würde, als Nektar aus den Händen der Liebesgöttin."
"O, das ist was anders", rief Hippias, der sich nun nicht länger halten konnte, in ein lautes Gelächter auszubrechen; "wenn Danae aus diesem Tone spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber", fuhr er fort, nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte; "in der Tat, schöne Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in ganzem Ernste, daß Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe genug haben möchte, die deinige zu erwidern." "Ich erlasse dem Hippias diese Sorge", sagte Danae mit einem spöttischen Lächeln, welches ihr sehr reizend ließ; "das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias, welcher ein so großer Meister ist, von den Würkungen auf die Ursachen zu schließen, sollte ganz ruhig darüber sein können, daß sich Danae nicht wie ein vierzehnjähriges Mädchen fangen läßt." "Die Götter der Liebe und Freude verhüten, daß meine Worte einen übelweissagenden Sinn in sich fassen", erwiderte Hippias! "Du liebest, schöne Danae; du wirst geliebt; kein würdigers Paar glücklich zu sein, kein geschickteres sich glücklich zu machen, hat Amor nie vereiniget. Erschöpfet alles, was die Liebe reizendes hat! Trinket immer neue Entzückungen aus ihrem nektarischen Becher; und möge die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben dauern!"
Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers
In einem so freundschaftlichen und schwärmerischen Ton stimmte der gefällige Sophist seine Sprache um, als Agathon hereintrat, und ihnen einen Spaziergang in die Gärten vorschlug, worin er sich das Vergnügen machen wollte, sie mit einer in geheim veranstalteten Ergötzung zu überraschen. Man ließ sich den Vorschlag gefallen, und nachdem Hippias eine Reihe von neuen Gemälden, womit die Galerie vermehrt worden war, gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem, nach Persischem Geschmack, große Blumenstücke, Spaziergänge von hohen Bäumen, kleine Weiher, künstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung unter einander geworfen schienen. Das Gespräch ward itzt wieder gleichgültig, und Hippias wußte es so zu lenken, daß Agathon unvermerkt veranlaßt wurde, die neue Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen hatte, auf hundertfältige Art zu verraten. Inzwischen neigte sich die Sonne, als sie beim Eintritt in einen kleinen Wald von Myrten—und Zitronenbäumen, an welchen die Kunst keine Hand angelegt zu haben schien, von einem versteckten Konzert, welches alle Arten von Singvögel nachahmte, empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien eine besondere Stimme hervorzugehen; so volltönig war diese Musik, in welcher die Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelmäßigkeit phantasierender Töne, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man jemals gehört hatte. Die Dämmerung des heitersten Abends, und die eigne Anmut des Orts vereinigten sich damit, um diesem Lusthain die Gestalt der Bezauberung zu geben. Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue Empfindlichkeit für das Schöne der Natur und die Vergnügungen der Einbildungskraft bekommen hatte, sahe ihren sich ganz unwissend stellenden Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, daß nur die Gegenwart des Hippias sie verhindere, ihre schönen Arme um seinen Hals zu werfen: als unversehens eine Anzahl von kleinen Liebesgöttern und Faunen aus dem Hain hervorhüpfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen durchwürkt war, leicht bedeckt; diese nackend, außer daß ein Efeukranz, mit gelben Rosen durchflochten, ihre milchweißen Hüften schützten, und um die kleinen verguldeten Hörner sich schlangen, die aus ihren schwarzen kurzlockichten Haaren hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten aus zierlichen Körbchen von Silberdraht die schönsten Blumen vor Danae her, und führten sie tanzend in die Mitte des Wäldchens, wo Gebüsche von Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von halbzirkelndem Amphitheater machten, unter welchem ein zierlicher Thron von Laubwerk und Blumenkränzen für die schöne Danae bereitet stand. Nachdem sie sich hier gesetzt hatte, breiteten die Liebesgötter einen Persischen Teppich vor ihr aus, indem von den kleinen Faunen einige beschäftigt waren, den Boden mit goldnen und kristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu besetzen, andre unter der Last voller Schläuche mit possierlichen Gebärden herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer Myrtenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgeblühte Schönheit ein leichtes Gewölk von Gase mehr zu entwickeln als zu verhüllen eifersüchtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste einen frischen Blumenkranz um ihre schöne Stirne wand, reichten ihr die beiden andern kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Früchte und Erfrischungen dar; indes die Faunen den Hippias mit Efeu kränzten, und wohlriechende Salben über seine Glatze und seinen halbgrauen Bart heruntergossen. Beide bezeugten ihr Vergnügen über dieses kleine Schauspiel, welches das lachendste Gemälde von der Welt machte; als eine zärtliche Symphonie von Flöten aus der Luft, wie es schien, herabtönend, die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die Liebesgötter, die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es öffnete sich der Danae gegenüber die waldichte Szene, um den Liebesgott darzustellen, auf einem goldnen Gewölke sitzend, welches über den Rosenbüschen von Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes Lächeln, das sein liebliches Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der tändelnden Unschuld dieses schönen Götterknabens nicht sorglos machen zu lassen. Er sang mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs drückte seine Freude aus, daß er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden habe, sich an der schönen Danae zu rächen. "Gleich der Liebesgöttin, meiner Mutter" (sang er) "herrscht sie unumschränkt über die Herzen, und haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren Blicken beseelt, wendet ihr die Natur, als ihrer Göttin, sich zu; verschönert, wenn sie lächelt, traurig und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehn die Altäre zu Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entzücken, lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust der Macht, vor welcher Götter zittern: Aber nicht länger soll sie trotzen; hier ist der schärfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu spalten, und die kälteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen. Zittre, ungewahrsame Schöne! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter rächen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auffährt, das unter Rosen schlummernd den geflügelten Pfeil des Jägers fühlt; schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf öden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Tränen mehren."
So sang er und spannte boshaft-lächelnd den Bogen; schon war der Pfeil angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er plötzlich mit einem lauten Schrei zurückfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den Bogen von sich warf, und mit zärtlich schüchterner Gebärde auf die schöne Danae zuflatterte. "O Göttin, vergib", (sang er, indem er bittend ihre Knie umfaßte) "vergib, vergib, schöne Mutter, dem Irrtum meiner Augen! wie leicht war es zu irren? Ich sahe dich für Danae an."
In dem nämlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die Grazien, die Liebesgötter und die kleinen Faunen wieder, und endigten diese Szene mit Tänzen und Gesängen, zum Preis derjenigen, welche auf eine so schmeichelhafte Art zur Göttin der Schönheit und der Liebe erklärt worden war. Dieses überraschende Kompliment, welches damals noch den Reiz der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergnügen zu machen; und der doppelt belustigte Hippias gestand, daß sein junger Freund einen sehr guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe. "Dachte ich nicht, Callias", sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die Schultern klopfte, "daß ein Monat unter den Augen der schönen Danae dich von den Vorurteilen heilen würde, womit du gegen Grundsätze eingenommen warest, die du bereits so meisterhaft auszuüben gelernt hast."
Der übrige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in Smirna sein mußte, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.
Agathon hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man wird es dieser Dame zu gut halten können, daß sie die Aufrichtigkeit ihres Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die zärtlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, daß man sich nicht kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe ihre Rechnung nicht finden würde. Sie begnügte sich also ihm zu sagen, daß Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, daß er ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen; es hätte sie bedünkt, daß er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich selbst gesagt hätten; sie hätte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache hätte, eine Achtung zu verbergen, welche man den persönlichen Verdiensten des Callias nicht versagen könne; im übrigen hätte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der Zeit, welche das Andenken seiner Unglücksfälle schwäche, und der vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem Hause hätte. Agathon ließ sich durch diese Erzählung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu führen, als er im Sinne hatte zu gehen, so fühlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser Materie gesprochen hatten, so mutig, daß er sich vornahm den Scherzen des Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte über seine Freundschaft mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschließung, welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr Unverschämtheit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agathon jemals geben konnte.
Konvulsivische Bewegungen der wiederauflebenden Tugend
Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest, welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der schönen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, daß er sich so gut halten würde, als es die Anfälle, die er von der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwartete, nur immer erfordern könnten. Hippias hatte nichts vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach demjenigen, was im zweiten Buch von den Grundsätzen, der Lebensart und den Reichtümern dieses Mannes gemeldet worden, können unsre Leser sich so viel davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, daß wir sie durch überflüssige Beschreibungen von den wichtigern Gegenständen, die wir vor uns haben, aufhalten würden.
Agathon hatte über der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut gespielt; er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten die Ideen, wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten; daß Hippias sich nicht enthalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie allein waren, seine ganze Freude darüber auszudrücken. "Ich bin erfreut, Callias" (sagte er zu ihm) "daß du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen worden bist. Du rechtfertigest die gute Meinung vollkommen, die ich beim ersten Anblick von dir faßte; ich sagte immer, daß einer so feurigen Seele wie die deinige, nur wirkliche Gegenstände mangelten, um ohne Mühe von den Schimären zurückzukommen, woran du vor einigen Wochen noch so stark zu hängen schienest." Zum Glück für den guten Agathon rettete ihn die Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten in der Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche diese wenige Worte des Sophisten in sein Gemüt geworfen hatten, konnte ihn nichts retten.
Alle Mühe, die er anstrengte, alle Zeitkürzungen, wovon er sich umgeben sah, waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen, welche sogar durch den Anblick der schönen Danae vermehrt wurde. Er mußte einen Anstoß von übelkeit vorschützen, um sich eine Zeitlang aus der Gesellschaft wegzubegeben, um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken nachzuhängen, deren auf einmal daherstürmende Menge ihm eine Weile alles Vermögen benahm, einen von dem andern zu unterscheiden. Endlich faßte er sich doch so weit, daß er seinem beklemmten Herzen durch dieses oft abgebrochene Selbstgespräch Luft machen konnte: "Wie?—'Ich bin erfreut, daß du einer von den Unsrigen geworden?'—Ists möglich? Einer von den Seinigen?—Dem Hippias ähnlich?—Ihm, dessen Grundsätze, dessen Leben, dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu einflößten?—Und die Verwandlung ist so groß, daß sie ihm keinen Zweifel übrig läßt? Gütige Götter! Wo ist euer Agathon?—Ach! es ist mehr als zu gewiß, daß ich nicht mehr ich selbst bin!—Wie? sind mir nicht alle Gegenstände dieses Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und Grauen wegwandte, gleichgültig oder gar angenehm worden? Diese üppigen Gemälde—diese schlüpfrigen Nymphen—diese Gespräche, worin alles, was dem Menschen groß und ehrwürdig sein soll, in ein komisches Licht gestellt wird—diese Verschwendung der Zeit—diese mühsam ausgesonnenen und über die Forderung der Natur getriebenen Ergötzungen—Himmel! wo bin ich? An was für einem jähen Abhang find ich mich selbst—welch einen Abgrund unter mir—O Danae, Danae!—"hier hielt er inn, um den trostvollen Einflüssen Raum zu lassen, welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit sich brachte, über seine sich selbst quälende Seele ausbreiteten. Mit einem schleunigen übergang von Schwermut zu Entzückung, durchflog sie itzt alle diese Szenen von Liebe und Glückseligkeit, welche ihr die letztverfloßnen Tage zu Augenblicken gemacht hatten; und von diesen Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchströmt, konnte sie oder wollte sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, daß sie in einem so beneidenswürdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein könne. "Göttliche Danae", rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstoß des wiederkehrenden Taumels aus; "wie? Kann es ein Verbrechen sein, das Vollkommenste unter allen Geschöpfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen glücklich zu sein?"—In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig den größten unter allen Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm zuzureden, da ihm die Eigenliebe zu Hilfe kam, und seine Sache zu der ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers, als sich selbst zugleich anklagen und verurteilen müssen? Und wie gerne hören wir die Stimme der sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie gründlich finden wir jedes Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen Ausspruch zu verleiten sucht? Agathon hörte diese betriegliche Apologistin so gerne, daß es ihr gelang, sein Gemüte wieder zu besänftigen. Er schmeichelte sich, daß ungeachtet einer Veränderung seiner Denkungsart, die er sich selbst für eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm und Hippias noch so groß, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine schwache Seite hinter die Tugenden, deren er sich bewußt zu sein glaubte; und beruhigte sich endlich völlig mit einem idealischen Entwurf eines seinen eignen Grundsätzen gemäßen Lebens, zu welchem er seine geliebte Danae schon genug vorbereitet glaubte, um ihr selbigen ohne längern Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr, nachdem er ungefähr eine Stunde allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten Gesicht zur Gesellschaft, welche sich in einem Saale des Gartens versammelt hatte, zurück, daß Danae und Hippias selbst sich bereden ließen, seinen vorigen Anstoß einer vorübergehenden übelkeit zuzuschreiben. Ergötzlichkeiten folgten itzt auf Ergötzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, daß die überladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren Empfindungen zu geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze Nacht bis zum Anbruch der Morgenröte in brausenden Vergnügungen hingebracht. Die Gegenwart der liebenswürdigen Danae würkte mit ihrer ganzen magischen Kraft auf unsern Helden, ohne verhindern zu können, daß er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus welcher sie ihn, sobald sie es gewahr wurde, zu ziehen bemüht war. Die Gegenstände, welche seinen sittlichen Geschmack ehmals beleidigst hatten, waren hier zu häufig, als daß nicht mitten unter den flüchtigen Vergnügungen, womit sie gleichsam über die Oberfläche seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gefühl seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamröte vor sich selbst, dem Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hätte überziehen sollen.
Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias seine größtenteils vom Bacchus glühenden Gäste noch eine geraume Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tänzerin, ein schönes Mädchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von Cythere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses berüchtigte Meisterstück der eben so vollkommnen als üppigen Tanzkunst der Alten, von dessen Würkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so zügelloses Gemälde macht. Hippias und die meisten seiner Gäste bezeugten ein unmäßiges Vergnügen über die Art, wie seine Tänzerin diese schlüpfrige Geschichte nach der wollüstigen Modulation zwoer Flöten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Szene zu Szene bis zur Entwicklung fortzuwinden wußte.—Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die Tänzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu haben, daß sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agathon konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Grauen, womit sein Gemüt dabei erfüllt wurde, kaum in sich selbst verschließen. Er wollte würklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er war, übel angebracht gewesen wäre; als ein beschämter Blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schöne Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und sein Unwille ergoß sich während daß sie nach Hause fuhren, in eine scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um die von Ergötzungen abgemattete Natur zu derjenigen Zeit, welche zu den Geschäften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.
Daß Träume nicht allemal Schäume sind
Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche Präsident von Montesquieu als einen Verlust für das menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine große Meinung von der Natur und Bestimmung der Träume. Sie trieben es so weit, daß sie sich die Mühe gaben, eben so große Bücher über diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen Mönchen über die erhabne Kunst, die Gespenster zu prüfen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Träume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen an, gaben den Schlüssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten derselben ganz zuversichtlich dem Einfluß derjenigen Geister zuzuschreiben, womit sie alle Teile der Natur reichlich bevölkert hatten. In der Tat scheinen sie sich in diesem Stück lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von je her unter allen Völkern und Zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in die Form einer schlußförmigen Theorie gebracht zu haben, was bei ihren Großmüttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und Blödigkeit des Geistes gewesen sein möchte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiß, daß wir zuweilen Träume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und gegenwärtige Umstände, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; daß wir uns um jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Träume von dieser Art den Geistern außer uns, oder, wie die Pythagoräer taten, einer gewissen prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche Auflösungen überlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so enthusiastisch gepriesenen Glückseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Maße gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Glück ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anführung einer langen Reihe von Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und Fingerzeige der Träume ja nicht für gleichgültig anzusehen.
Agathon hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen Gedanken und Gemütsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zählen können, durch welche große Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erzählen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser überlassen, was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, daß er in einer Gesellschaft von Nymphen und Liebesgöttern auf einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem Lächeln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nektars, welchen er an ihren Blicken hangend mit wollüstigen Zügen hinunterschlürfte. Auf einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von süßen Düften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen, und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel tanzte und hüpfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und seine ganze fröhliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der Spitze eines jähen Felsens, unter welchem ein reißender Strom seine sprudelnden Wellen fortwälzte. Gegen ihm über, auf dem andern Ufer des Flusses, stand Psyche; ein schneeweißes Gewand floß zu ihren Füßen herab; ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er sich in den Fluß hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hinüber, und eilte, sich seiner Psyche zu Füßen zu werfen. Aber sie entschlüpfte wie ein Schatten vor ihm her, ohne daß sie aufhörte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen Türme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu unterscheiden glaubte. Tränen liefen bei diesem Anblick über seine Wangen herab; er streckte seine Arme, flehend, und von unaussprechlichen Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh eilends von ihm weg, einer Bildsäule der Tugend zu, welche unter den Trümmern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in majestätischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte diese Bildsäule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und verschwand. Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plötzlich in einem tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich herauszuarbeiten, war so heftig, daß er daran erwachte.
Ein Strom von Tränen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die erste Würkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zurückließ. Er weinte so lange und so heftig, daß sein Hauptküssen ganz davon durchnetzt wurde. "Ach Psyche! Psyche!" rief er von Zeit zu Zeit aus, indem er seine gerungenen Arme wie nach ihrem Bilde ausstreckte; und dann brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. "Wo bin ich", rief er wiederum aus, und sah sich um, als ob er bestürzt wäre, sich in einem mit Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden Zimmer auf dem weichsten Ruhebette liegend zu finden—"O Psyche—was ist aus deinem Agathon worden?—O unglücklicher Tag, an dem mich die verhaßten Räuber deinem Arm entrissen!"—Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die Gärten herab, um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er nötig hatte, über seinen Traum, seinen gegenwärtigen Zustand und die Entschließungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu können. Unter allen Bildern, welche der Traum in seinem Gemüte zurückgelassen hatte, rührte ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies—die geheiligten örter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im hohen Olymp die Unverkörperten lieben.
Diese Bilder hatten etwas so rührendes, und der Schmerz, womit sie ihn durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit so sanft gemildert, daß er eine Art von Wollust darin empfand, sich der zärtlichen Wehmut zu überlassen, wovon seine Seele dabei eingenommen wurde. Er verglich seinen itzigen Zustand mit jener seligen Stille des Herzens, mit jener immer lächelnden Heiterkeit der Seele, mit jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft überließ; deuchte ihn nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach ihrem angebornen Elemente, sich zurücksehne. "Wenn es auch Schwärmereien waren", rief er seufzend aus, "wenn es auch bloße Träume waren, in die mein halbabgeschiedner, halbvergötterter Geist sich wiegte—welch eine selige Schwärmerei! Und wie viel glücklicher machten mich diese Träume, als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von Wollust dahinreißen, und wenn sie vorüber sind, nichts als Beschämung und Reue, und ein schwermütiges Leeres im unbefriedigten Geist zurücklassen!"
Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gemüte unsers Helden vorging, sich viel Gutes für seine Wiederkehr zur Tugend weissagen. Aber mit Bedauern müssen wir gestehen, daß sich eine andre Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die Würkung dieser guten Regungen in kurzem wieder unkräftig machte; es sei nun, daß es die Stimme der Natur oder der Leidenschaft war, oder daß beide sich vereinigten, ihn ohne Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenwärtigen auszusöhnen.
In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und Gemütsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum möglich, daß der überspannte Affekt, worin wir ihn gesehen haben, von langer Dauer hätte sein können. Die Stärke seiner Empfindungen rieb sich an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen Fällen so lange in geradem Lauf fortzuschießen, bis sie sich genötiget fand, wieder umzukehren. Er fing nun an, sich zu überreden, daß mehr Schwärmerei als Wahrheit und Vernunft in seiner Betrübnis sei; er glaubte bei näherer Vergleichung zu finden, daß seine Leidenschaft für Danae durch die Vollkommenheit des Gegenstands gänzlich gerechtfertiget würde, und so vorzüglich ihm kurz zuvor die Glückseligkeit seines delphischen Lebens, und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen hatten; so unwesentlich fand er sie itzt in Vergleichung mit demjenigen, was ihn die schöne Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das bloße Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entzückung; seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine vollkommnere Wonne zu erfinden.
Psyche schien ihm itzt, so liebenswürdig sie immer sein mochte, zu nichts anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu entwickeln, um ihn fähig zu machen, die Vorzüge der unvergleichlichen Danae zu empfinden. Er schrieb es einem Rückfall in seine ehmalige Schwärmerei zu, daß er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner sonderbaren Beschaffenheit, doch für nichts mehr als ein Spiel der Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen hätte setzen lassen. Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen seine einst so zärtlich geliebte und so zärtlich wieder liebende Psyche. Allein die Unmöglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht überwunden zu werden; (ein Punkt, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein überzeugt zu sein glaubte.) Der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, für ausgemacht annahm;) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von großem Gewicht zu sein; und um sich desselben gänzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf den Gedanken, daß seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders zu einer Schwester, eine bloße Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei, was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung, die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe, unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank, jede Grotte, ein Zeuge genoßner Glückseligkeiten war, zu einer solchen Lebhaftigkeit, daß sie eine Art von Ruhe in seinem Gemüte wieder herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze seines Fiebers gesund zu sein wähnt, diesen Namen verdienen kann. Doch verhinderten sie nicht, daß, diesen ganzen Tag über, ein Eindruck von Schwermut und Traurigkeit in seinem Gemüte zurückblieb; die Bilder der Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen, stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch Zerstreuungen zu entfernen; sie überraschten ihn in seinen Arbeiten, und beunruhigten ihn in seinen Ergötzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der Unglückliche! und wurde nicht gewahr, daß eben dieses ein vollständiger Beweis sei, daß es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu überreden suchte.