DRITTES KAPITEL

Eine unverhoffte Entdeckung

Archytas hatte zwei Söhne, deren wetteifernde Tugend die seltene und verdiente Glückseligkeit seines Alters vollkommen machte. Diese liebenswürdige Familie lebte in einer Harmonie beisammen, deren Anblick unsern Helden in die selige Einfalt und Unschuld des goldnen Alters versetzte. Niemals hatte er eine so schöne Ordnung, eine so vollkommne Eintracht, ein so regelmäßiges und schönes Ganzes gesehen, als das Haus des weisen Archytas darstellte. Alle Hausgenossen, bis auf die unterste Klasse der Bedienten, waren eines solchen Hausvaters würdig. Jedes schien für den Platz, den es einnahm, ausdrücklich gemacht zu sein. Archytas hatte keine Sklaven; der freie, aber sittsame Anstand seiner Bedienten, die Munterkeit, die Genauigkeit, der Wetteifer, womit sie ihre Pflichten erfüllten, das Vertrauen, welches man auf sie setzte, bewies, daß er Mittel gefunden hatte, selbst diesen rohen und mechanischen Seelen ein Gefühl von Ehre und Tugend einzuflößen; die Art wie sie dienten, und die Art, wie ihnen begegnet wurde, schien das unedle und demütigende ihres Standes auszulöschen; sie waren stolz darauf, einem so vortrefflichen Herrn zu dienen, und es war nicht einer, der die Freiheit auch unter den vorteilhaftesten Bedingungen angenommen hätte, wenn er der Glückseligkeit hätte entsagen müssen, ein Hausgenosse des Archytas zu sein. Das Vergnügen mit seinem Zustande leuchtete aus jedem Gesicht hervor; aber keine Spur dieses üppigen übermuts, der gemeiniglich den müßiggängerischen Haufen der Bedienten in großen Häusern bezeichnet; alles war in Bewegung; aber ohne dieses lärmende Geräusch, welches den schweren Gang der Maschine ankündiget; das Haus des Archytas glich dem inwendigen Mechanismus des animalischen Körpers, in welchem alles in rastloser Arbeit begriffen ist, ohne daß man eine Bewegung wahrnimmt, wenn die äußern Teile ruhen.

Agathon befand sich noch in diesem angenehmen Erstaunen, welches in den ersten Stunden, die er in einem so sonderbaren Hause zubrachte, sich mit jedem Augenblick vermehren mußte; als er auf einmal, und ohne daß ihn die mindeste innerliche Ahnung dazu vorbereitet hätte, durch eine Entdeckung überrascht wurde, welche ihn beinahe dahin gebracht hätte, alles was er sah, für einen Traum zu halten.

Das Gynäceum war, wie man weiß, bei den Griechen den Fremden, welche in einem Hause aufgenommen wurden, ordentlicher Weise, eben so unzugangbar als der Harem bei den Morgenländern. Aber Agathon wurde in dem Hause des Archytas nicht wie ein Fremder behandelt. Dieser liebenswürdige Alte führte ihn also, nachdem sie sich ein paar Stunden, welche unserm Helden sehr kurz wurden, mit einander besprochen hatten, in Begleitung seiner beiden Söhne in das Innerste des Hauses, welches von dem weiblichen Teil der Familie bewohnt wurde; um, wie er sagte, seinen Töchtern ein Vergnügen, worauf sie sich schon so lange gefreuet hätten, nicht länger vorzuenthalten. Stellet euch vor, was für eine süße Bestürzung ihn befiel, da die erste Person, die ihm beim Eintritt in die Augen fiel, seine Psyche war!—Augenblicke von dieser Art lassen sich besser malen, als beschreiben—diese Erscheinung war so unerwartet, daß sein erster Gedanke war, sich durch eine zufällige ähnlichkeit dieser jungen Dame mit seiner geliebten Psyche betrogen zu glauben. Er stutzte; er betrachtete sie von neuem; und wenn er nunmehr auch seinen Augen nicht hätte trauen wollen, so ließ ihm das, was in seinem Herzen vorging, keinen Zweifel übrig. Und doch kam es ihm so wenig glaublich vor, daß er glücklich genug sein sollte, nach einer so langen Abwesenheit und bei so wenigem Anschein, sie jemals wieder zu sehen, sie in dem Gynäceo seiner Freunde zu Tarent wieder zu finden! Ein andrer Gedanke, der in diesen Umständen sehr natürlich war, vermehrte seine Verwirrung, und hielt ihn zurück, sich der Freude zu überlassen, welche ein eben so erwünschter als wenig verhoffter Anblick über seine Seele ergoß. Psyche sah nicht so aus, als ob sie eine Sklavin in diesem Hause vorstelle; was konnte er also anders denken, als daß sie die Gemahlin eines von den Söhnen des Archytas sein müßte? Es ist wahr, er hätte eben so wohl denken können, daß sie seine wiedergefundene Tochter sein könnte; aber in solchen Umständen bildet man sich immer das ein, was man am meisten fürchtet. In der Tat erriet er die Sache aufs erstemal; Psyche war seit einigen Monaten die Gemahlin des Critolaus.

Unsere Leser sehen nun auf den ersten Blick, was für schöne Gelegenheit zu pathetischen Beschreibungen und tragischen Auftritten uns dieser kleine Umstand gibt—was für eine Situation! Den Gegenstand der zärtlichsten Neigung seines Herzens, seine erste Liebe, nach einer langen schmerzlichen Trennung unverhofft wieder finden, aber nur dazu wieder finden, um sie in den Armen eines andern, und was uns nicht einmal das Recht zu klagen, zu wüten und Rache zu schnauben übrig läßt, in den Armen unsers liebsten Freundes zu sehen!—Zu gutem Glück für unsern Helden—und für den Autor—waren diejenigen, welche in diesem Augenblick Zeugen von seiner Bestürzung waren, keine so passionierte Liebhaber pathetischer Auftritte, daß sie hätten fähig sein können, an seiner Qual Vergnügen zu finden. Sie wollten sich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu überraschen; aber es würde grausam gewesen sein, eine Tragödie mit ihm zu spielen, so glücklich auch am Ende die Entwicklung immer hätte sein mögen. Die zärtliche Psyche sah etliche Augenblicke seiner Verwirrung zu; aber länger konnte sie sich nicht zurückhalten. Sie flog ihm mit offnen Armen entgegen, und indem ihre Freuden-Tränen seine glühende Wangen betauten, hörte er sich mit einem Namen benennen, der ihre zärtlichste Liebkosungen selbst in Gegenwart eines Gemahls rechtfertigte.

Wäre die Liebe, welche sie ihm in dem Hain zu Delphi eingeflößt hatte, weniger platonisch gewesen, so würde die Entdeckung einer Schwester in der Geliebten seines Herzens nicht so erfreulich gewesen sein, als sie ihm war. Aber man erinnert sich noch, daß ihre Liebe, so ausnehmend zärtlich sie auch gewesen war, doch mehr der Liebe, welche die Natur zwischen Geschwistern von übereinstimmender Gemüts-Art stiftet, als derjenigen geglichen hatte, welche sich auf die Zauberei eines andern Instinkts gründet, von dessen fiebrischen Symptomen die ihrige allezeit frei geblieben war. Sie hatten damals schon ein sonderbares Vergnügen daran gefunden, sich einzubilden, daß ihre Seelen wenigstens einander verschwistert seien, da sie nicht Grund genug hatten, so sehr sie es auch wünschten, die unschuldige Anmutung, welche sie für einander fühlten, der Würkung der Sympathie des Blutes zu zuschreiben. Agathon befand sich also über alles was er hätte wünschen können, glücklich, da er, nach den Erläuterungen, welche ihm gegeben wurden, nicht mehr zweifeln konnte, in Psyche eine Schwester, welche er nach der ehmaligen Erzählung seines Vaters für tot gehalten hatte, wieder zu finden, und durch sie ein Teil einer Familie zu werden, für welche sein Herz bereits so eingenommen war, daß der Gedanke sich jemals wieder von ihr zu trennen, ihm unerträglich gewesen sein würde. Nun meine zärtlichen Leserinnen, mangelte ihm, um so glückselig zu sein, als es Sterbliche sein können, nichts als daß Archytas—nicht irgend eine liebenswürdige Tochter oder Nichte hatte, mit der wir ihn vermählen könnten. Aber unglücklicher Weise für ihn hatte Archytas keine Tochter; und wofern er Nichten hatte, welches wir nicht für gewiß sagen können, so waren sie entweder schon verheiratet, oder nicht dazu gemacht, das Bild der schönen Danae, und die Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit, welche von Tag zu Tag wieder lebhafter in seinem Gemüte wurden, auszulöschen.

Diese Erinnerungen hatten schon zu Syracus in melancholischen Stunden wieder angefangen einige Gewalt über sein Herz zu bekommen; der Gram, wovon seine Seele in der letzten Periode seines Hof-Lebens, ganz verdüstert und niedergeschlagen wurde, veranlaßte ihn, Vergleichungen zwischen seinem vormaligen und nunmehrigen Zustande anzustellen, welche unmöglich anders als zum Vorteil des ersten ausfallen konnten. Er machte sich selbst Vorwürfe, daß er das liebenswürdigste unter allen Geschöpfen, in einem Anstoß von schwärmerischem Heldentum, aus so schlechten Ursachen, auf die bloße Anklage eines so verächtlichen Menschen als Hippias, über welche sie sich vielleicht, wenn er sie gehört hätte, vollkommen hätte rechtfertigen können, verlassen habe. Diese Tat, auf welche er sich damals, da er sie für einen herrlichen Sieg über die unedlere Hälfte seiner selbst, für ein großes Versöhn-Opfer, welches er der beleidigten Tugend brachte, ansah, so viel zu gut getan hatte, schien ihm itzt undankbar und niederträchtig-, es schmerzte ihn, wenn er dachte, wie glücklich er durch die Verbindung seines Schicksals mit dem ihrigen hätte werden können; und der Enthusiasmus gewann nichts dabei, wenn er zugleich dachte, durch was für schimärische Vorstellungen und Hoffnungen er ihn um seine Privat-Glückseligkeit gebracht habe. Aber der Gedanke, daß er durch ein so schnödes Verfahren die schöne Danae gezwungen habe, ihn zu verachten, zu hassen, sich der Zärtlichkeit, die er ihr eingeflößt, niemals anders als wie einer unglücklichen Schwachheit zu erinnern, deren Andenken sie mit Gram und Reue erfüllen mußte—dieser Gedanke war ihm ganz unerträglich; Danae, so sehr sie auch beleidigt war, konnte ihn unmöglich so sehr verabscheuen, als er in den Stunden, da diese Vorstellungen seine Vernunft überwältigten, sich selbst verabscheuete. Allein diese Stunden gingen endlich vorüber, und das ungeduldige Gefühl der gegenwärtigen übel trug nicht wenig dazu bei, ihm die Ursachen und Umstände seiner Entfernung von Smyrna in einem so splenetischen Lichte vorzustellen. Die glückliche Veränderung, welche die Versetzung in den Schoß der liebenswürdigsten Familie, die vielleicht jemals gewesen ist, in seinen Umständen hervorbrachte, veränderte notwendiger Weise auch die Farbe seiner Einbildungs-Kraft. Hätte er Danae nicht verlassen, so würde er weder seine Schwester gefunden, noch mit dem weisen Archytas persönlich bekannt worden sein. Diese Folgen seiner tugendhaften Untreue machten den Wunsch, sie nicht begangen zu haben, unmöglich; aber sie beförderten dagegen einen andern, der in den Umständen, worin er zu Tarent lebte, sehr natürlich war. Die heitre Stille, welche in seinem ohnehin zur Freude aufgelegten Gemüt in kurzem wieder hergestellt wurde; die Freiheit von allen Geschäften und Sorgen; der Genuß alles dessen, womit die Freundschaft ein gefühlvolles Herz beseligen kann; der Anblick der Glückseligkeit seines Freundes Critolaus, welche im Besitz der liebenswürdigen Psyche alle Tage zu zunehmen schien; der Mangel an Zerstreuungen, wodurch die Seele verhindert wird, sich in die Sphäre ihrer angenehmsten Ideen und Empfindungen zu konzentrieren; die natürliche Folge hievon, daß diese Ideen und Empfindungen desto lebhafter werden müssen—alles dieses vereinigte sich, ihn nach und nach wieder in Dispositionen zu setzen, welche die zärtlichste Erinnerungen an die einst so sehr geliebte Danae erweckten, und ihn von Zeit zu Zeit in eine Art von sanfter wollüstiger Melancholie setzten, worin sein Herz sich ohne Widerstand in diese zauberischen Szenen von Liebe und Wonne zurückführen ließ, welche—aus Ursachen, die wir den Moralisten zu entwickeln überlassen wollen—durch die in seiner Seele vorgegangene Revolution ungleich weniger von ihrem Reiz verloren hatten, als die abstraktern und bloß intellektualischen Gegenstände seines ehmaligen Enthusiasmus. Können wir ihn verdenken, daß er in solchen Stunden die schöne Danae unschuldig zu finden wünschte—daß er dieses so oft und so lebhaft wünschte, bis er sich endlich überredete, sie für unschuldig zu halten—und daß die Unmöglichkeit, ein Gut wieder zu erlangen, dessen er sich selbst so leichtgläubig und auf eine so verhaßte Art beraubt hatte, ihn zuweilen in eine Traurigkeit versenkte, die ihm den Geschmack seiner gegenwärtigen Glückseligkeit verbitterte, und sich nur desto tiefer in sein Gemüt eingrub, weil er sich nicht entschließen konnte, sein Anliegen denjenigen anzuvertrauen, denen er, diesen einzigen Winkel ausgenommen, das Innerste seiner Seele aufzuschließen pflegte—"Wohin uns diese Vorbereitung wohl führen soll?"—werden vielleicht einige von unsern scharfsinnigen Lesern denken—"ohne Zweifel wird man uns nun auch die Dame Danae von irgend einem dienstwilligen Sturmwind herbeiführen lassen, nachdem uns, ohne zu wissen, wie? das gute Mädchen Psyche, durch einen wahren Schlag mit der Zauberrute, aus dem Gynäceo des alten Archytas entgegengesprungen ist -" "Und warum nicht?—nachdem wir nun einmal wissen, wie glücklich wir unsern Freund Agathon dadurch machen könnten" "aber wo bleibt alsdann das Vergnügen der überraschung, welches andre Autoren ihren Lesern mit so vieler Mühe und Kunst zu zuwenden pflegen." "Es bleibt aus, meine Herren; und Diderot kann Ihnen, wenn Sie wollen, sagen, warum Sie wenig oder nichts dabei verlieren werden. Inzwischen ist uns lieb, erinnert worden zu sein, daß wir Ihnen einige Nachricht schuldig sind, wie Psyche (welche wir, in einen Ganymed verkleidet, in den Händen eines Seeräubers verlassen hatten,) dazu gekommen sei, die Gemahlin des Critolaus und die Schwester Agathons zu werden. Ein kurzer Auszug aus der Erzählung, welche dem Agathon teils von seiner Schwester selbst, teils von ihrer Amme gemacht wurde, (und die letzte hatte den Fehler, ein wenig weitläufiger in ihren Erzählungen zu sein, als wir selbst,) wird hinlänglich sein, dero gerechte Wissens-Begierde über diesen Punkt zu befriedigen."

Ein heftiger Sturm ist ein sehr unglücklicher Zufall für Leute, die sich mitten auf der offenen See, nur durch die Dicke eines Brettes von einem feuchten Tode geschieden finden; aber für die Geschichtschreiber der Helden und Heldinnen ist es beinahe der glücklichste unter allen Zufällen, welche man herbeibringen kann, um sich aus einer Schwierigkeit herauszuhelfen. Es war also ein Sturm, (und Sie haben sich nicht darüber zu beschweren, meine Herren, denn es ist, unsers Wissens, der erste in dieser Geschichte,) der die liebenswürdige Psyche aus der fürchterlichen Gewalt eines verliebten Seeräubers rettete. Das Schiff scheiterte an der Italienischen Küste, einige Meilen von Capua; und Psyche, von den Nereiden oder Liebes-Göttern beschirmt, war die einzige Person auf dem Schiffe, welche auf einem Brette glücklich von den Zephyrn ans Land getragen wurde. Die Zephyrn allein wären hiezu vielleicht nicht hinreichend gewesen; aber mit Hülfe einiger Fischer, welche glücklicher Weise bei der Hand waren, hatte die Sache keine Schwierigkeit. Das war nun alles sehr glücklich; aber es ist nichts in Vergleichung mit dem, was nun folgen wird. Einer von den Fischern (der mitleidigste ohne Zweifel) führte die verkleidete Psyche, welche sehr vonnöten hatte, sich zu trocknen, und von dem ausgestandenen Ungemach zu erholen, zu seinem Weib in seine Hütte. Die Fischerin, (eine hübsche, dicke Frau von drei oder vier und vierzig Jahren) welche die Miene hatte, in ihrer Jugend kein unempfindliches Herz gehabt zu haben, bezeugte ungemeines Mitleiden mit dem Unglück eines so liebenswürdigen jungen Herrn, als die schöne Psyche zu sein schien; sie pflegte seiner, so gut es nur immer möglich war, und konnte sich nicht satt an ihm sehen. Es war ihr immer, sagte sie, als ob sie schon einmal ein solches Gesicht gesehen hätte, wie das seinige; und sie konnte es kaum erwarten, bis der schöne Fremdling im Stande war, nach eingeführter Gewohnheit, seine Geschichte zu erzählen. Aber Psyche hatte der Ruhe vonnöten; sie wurde also zu Bette gebracht; und bei dieser Gelegenheit entdeckte die Fischerin, welche auf die kleinsten Umstände aufmerksam war, daß der vermeinte Jüngling ein überaus schönes Mädchen—aber doch nicht mehr so schön war, als sie in ihren Manns-Kleidern ausgesehen hatte. Es war natürlich, über diese Verwandlung im ersten Augenblick ein wenig mißvergnügt zu sein; aber dieser kleine vorübergehende Unmut verwandelte sich bald in die lebhafteste und zärtlichste Freude—kurz, es entdeckte sich, daß die Fischerin Clonarion, die Amme der schönen Psyche war, welche, mit Hülfe dieses Namens, ihrer geliebten Amme sich wieder eben so gut zu erinnern glaubte, als diese aus den Gesichts-Zügen der Psyche, aus ihrer ähnlichkeit mit ihrer Mutter, Musarion, und besonders aus einem kleinen Mal, welches sie unter der linken Brust hatte, ihre allerliebste Pflegtochter erkannte. Clonarion war die vertrauteste Sklavin der Mutter unsrer Heldin gewesen, und ihrer Pflege wurde nach dem Tode derselben die kleine Psyche, oder Philoclea, wie sie eigentlich hieß, anvertraut; denn Psyche war nur ein Liebkosungs-Name, den ihr ihre Amme aus Zärtlichkeit gab, und welchen die kleine Philoclea, weil sie sich niemals anders als Psyche oder Psycharion nennen gehört hatte, in der Folge als ihren würklichen Namen angab. Stratonicus hatte der Clonarion mit der noch unmündigen Psyche eine hinlängliche Summe Gelds übergeben, und befohlen, sie in der Nähe von Corinth zu erziehen, weil er dort die beste Gelegenheit hatte, sie von Zeit zu Zeit unerkannt zu sehen. Die junge Psyche, die Freude und der Stolz ihrer zärtlichen Amme, von der sie wie ihr eigenes Kind geliebet wurde, wuchs so schön heran, daß man nichts liebenswürdigers sehen konnte. Die Hoffnung des Gewinsts reizte endlich einige Bösewichter, sie, da sie ungefähr fünf bis sechs Jahre alt war, heimlich wegzustehlen, und an die Priesterin zu Delphi zu verkaufen. Ein Halsgeschmeide, woran ein kleines Bildnis ihrer Mutter hing, und womit die junge Psyche allezeit geschmückt zu sein pflegte, wurde zugleich mit ihr verkauft, und diente in der Folge zur Bestätigung, daß sie würklich die Tochter des Stratonicus sei. Clonarion raufte sich einen guten Teil ihrer Haare aus, da sie ihre Psyche vermißte; und nachdem sie eine ziemliche Zeit zugebracht hatte, sie allenthalben (außer da, wo sie würklich war,) zu suchen, wußte sie kein ander Mittel, sich bei ihrem Herrn von der Schuld einer strafbarn Nachlässigkeit entledigen zu können, als vorzugeben, daß sie gestorben sei; und Stratonicus konnte desto leichter hintergangen werden, weil er damals eben in Geschäfte verwickelt war, welche ihn lange Zeit hinderten, nach Corinth zu kommen. Inzwischen hatte die allenthalben herumirrende Clonarion eine Menge Abenteuer, welche sich endlich damit endigten, daß sie die Gattin eines schon ziemlich bejahrten Fischers aus der Gegend von Capua wurde, in dessen Augen sie damals wenigstens so schön als Thetis und Galathea war. Sie hatte ihre geliebte Pflegtochter in so zärtlichem Andenken behalten, daß sie einer Tochter, von der sie selbst entbunden wurde, den Namen Psyche gab, bloß um sich derselben beständig zu erinnern. Der Tod dieses Kindes, der beinahe in eben dem Alter erfolgte, worin Psyche geraubt worden war, riß die alte Wunde wieder auf; und da ihr durch diese Umstände das Bild der jungen Psyche immer gegenwärtig blieb, so hatte sie desto weniger Mühe, sie wieder zu erkennen, ungeachtet vierzehn oder fünfzehn Jahre einige Veränderung in ihren Gesichts-Zügen gemacht haben mußten. Unsre Heldin vermehrte also nunmehr die kleine Familie des alten Fischers, welcher seinen Aufenthalt veränderte, und in die Gegend von Tarent zog, wo er sie, weil sie alle unbekannt waren, für seine Tochter ausgeben konnte. Psyche bequemte sich so gut in die schlechten Umstände, worin sie bei ihrer Pflegmutter leben mußte, als ob sie niemals in bessern gelebt hätte, und ließ sich nichts angelegner sein, als ihr durch emsiges Arbeiten die Last ihres Unterhalts zu erleichtern. Endlich fügte es sich zufälliger Weise, daß der junge Critolaus unsre Heldin zu Gesicht bekam, welche in ihrem bäurischen, aber reinlichen Anzug, und mit frischen Blumen geschmückt, demjenigen, dem sie in einem Haine begegnete, eher eine von den Gespielen der Diana, als die Tochter eines armen Fischers scheinen mußte. Critolaus faßte die heftigste Leidenschaft für sie; weil seine Liebe eben so tugendhaft, als zärtlich war, so brachte er bald die mitleidige Clonarion auf seine Seite; und da Psyche selbst nunmehr wußte, daß Agathon ihr Bruder sei, so war kein Grund, warum sie gegen die Zuneigung eines so liebenswürdigen jungen Menschen unempfindlich hätte sein sollen. In der Tat war Critolaus in mehrern Absichten der zweite Agathon; allein die Umstände ließen so wenig Hoffnung zu, daß eine rechtmäßige Verbindung zwischen ihnen möglich sein könnte, daß Psyche sich verbunden hielt, ihm dasjenige, was zu seinem Vorteil in ihrem Herzen vorging, desto sorgfältiger zu verbergen, je entschlossener er war, seiner Liebe alle andre Betrachtungen aufzuopfern. Endlich wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er das Geheimnis seines Herzens demjenigen entdeckte, dessen Beifall er am wenigsten zu erhalten hoffen konnte. Die ganze Beredsamkeit der begeisterten Liebe würde über einen Weisen, wie Archytas war, wenig vermocht haben; aber Critolaus sagte so viel außerordentliches von dem Geist und der Tugend seiner Geliebten, daß sein Vater endlich aufmerksam zu werden anfing. Archytas hatte die Macht des Dämons der Liebe nie erfahren; aber er war menschlich, gütig, und über die gemeine Vorurteile und Absichten erhaben. Ein schönes und tugendhaftes Mädchen war in seinen Augen ein sehr edles Geschöpfe, dessen Wert durch den Schatten der Niedrigkeit und Armut nur desto mehr erhaben wurde. Kaum wurde der junge Critolaus gewahr, daß sein Vater zu wanken anfing; so wagte er's, ihm das Geheimnis der Geburt seiner Geliebten zu entdecken, welches ihm Clonarion, in Hoffnung, daß es gute Folgen haben könnte, ohne Wissen der schönen Psyche vertraut hatte. Archytas, welchem Stratonicus ehmals seine heimliche Verbindung mit Musarion entdeckt hatte, war über diesen Zufall nicht wenig erfreut; er wünschte nichts mehr, als daß diejenige, für welche sein Sohn so heftig eingenommen war, die Tochter seines liebsten Freundes sein möchte; aber er wollte gewiß sein, daß sie es sei; und hiezu schien ihm das bloße Zeugnis eines Fischer-Weibs zu wenig. Er veranstaltete es, daß er Psychen und ihre angebliche Amme selbst zu sehen bekam; er glaubte, in der Gesichtsbildung der ersten einige Züge von ihrem Vater zu entdecken; und die Unterredung, die er mit ihr hatte, bestätigte den günstigen Eindruck, den ihr Anblick auf sein Gemüt gemacht hatte. Er ließ sich ihre Geschichte mit allen Umständen erzählen, und fand nun immer weniger Ursache, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was sein Sohn auf die bloße Aussage der Amme, ohne die mindeste Untersuchung, für die ausgemachteste Wahrheit hielt. Das Halsgeschmeide, welches Psyche in den Händen der Pythia hatte zurücklassen müssen, schien ihm allein noch abzugehen, um ihn gänzlich zu überzeugen. Er schickte deswegen einen seiner Vertrauten nach Delphi ab; und die Pythia, da sie sah, daß ein Mann von solcher Wichtigkeit sich des Schicksals ihrer ehemaligen Sklavin annahm, machte keine Schwierigkeiten, dieses Merkzeichen der Abkunft derselben auszuliefern. Nunmehr glaubte Archytas berechtigt zu sein, Psyche als die Tochter eines Freundes, dessen Andenken ihm teuer war, anzusehen; und nun hatte er selbst nichts angelegners, als sie je eher je lieber in seine Familie zu verpflanzen. Sie wurde also die Gemahlin des glücklichen Critolaus; und diese Verbindung gab natürlicher Weise neue Beweggründe, sich der Befreiung Agathons mit so lebhaftem Eifer anzunehmen, als es, obenerzählter maßen, geschehen war.

Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte

Agathon hatte zwar viel früher zu leben angefangen, als es gemeiniglich geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der Welt gänzlich zurückzuziehen. Indessen hielt er sich, nachdem er schon zu zweien malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des öffentlichen Lebens gespielt, und sie für einen jungen Mann gut genug gespielt hatte, berechtiget, so lange er keinen besondern Beruf erhalten würde, seiner Nation zu dienen, oder so lange sie seiner Dienste nicht schlechterdings vonnöten hätte, sich in den Zirkel des Privat-Lebens zurückzuziehen; und hierin stimmten die Grundsätze des weisen Archytas völlig mit seiner Art zu denken überein. "Ein Mann von mehr als gewöhnlicher Fähigkeit", sagte Archytas, "hat zu tun genug, an seiner eigenen Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am geschicktesten zu dieser Beschäftigung, nachdem er durch eine Reihe beträchtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen angefangen hat; und indem er solchergestalt an sich selbst arbeitet, arbeitet er würklich für die Welt, indem er dadurch um soviel geschickter wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen überhaupt, nützlich zu sein, und es sei nun mit vielem oder wenigem Gepränge, in einem größern oder kleinern Zirkel, auf eine öffentliche oder nicht so merkliche Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuwürken."

Dieser Maxime zufolge beschäftigte sich Agathon, nachdem er zu Tarent einheimisch zu sein angefangen hatte, hauptsächlich mit den mathematischen Wissenschaften, mit Erforschung der Kräfte und Eigenschaften der natürlichen Dinge, mit der Astronomie, kurz mit demjenigen Teil der spekulativen Philosophie, welche uns, mit Hülfe unsrer Sinnen und behutsamer Vernunft-Schlüsse zu einer zwar mangelhaften, aber doch zuverlässigen Erkenntnis der Natur und ihrer majestätisch-einfältigen, weisen und wohltätigen Gesetze führt. Er verband mit diesen erhabenen Studien, worin ihm die Anleitung des Archytas vorzüglich zu statten kam, das Lesen der besten Schriftsteller von allen Klassen, insonderheit der Geschichtschreiber, und das Studium des Altertums, welches er, so wie die Verbal-Kritik, für eine der edelsten und nützlichsten, oder für eine der nichtswürdigsten Spekulationen hielt, je nachdem es auf eine philosophische oder bloß mechanische Art getrieben werde. Nicht selten setzte er diese anstrengenden Beschäftigungen bei Seite, um, wie er sagte, mit den Musen zu scherzen; und der natürliche Schwung seines Genie machte ihm diese Art von Gemüts-Ergötzung so angenehm, daß er Mühe hatte sich wieder von ihr loszureißen. Auch die Malerei und die Musik, die Schwestern der Dichtkunst, deren höhere Theorie sich in den geheimnisvollesten Tiefen der Philosophie verliert, hatten einen Anteil an seinen Stunden, und halfen ihm, das allzueinförmige in den Beschäftigungen seines Geistes, und die schädlichen Folgen, die aus der Einschränkung desselben auf eine einzige Art von Gegenständen entspringen, zu vermeiden.

Die häufigen Unterredungen, welche er mit dem weisen Archytas hatte, trugen viel und vielleicht das Meiste bei, seinen Geist in den tiefsinnigern Spekulationen über die metaphysischen Gegenstände, von Abwegen zurückzuhalten. Agathon, welcher ehmals, da alles in seiner Seele zur Empfindung wurde, seinen Beifall zu leicht überraschen ließ; fand itzt, seitdem er mit kälterm Blute philosophierte, beinahe alles zweifelhaft; die Zahl der menschlichen Begriffe und Meinungen, welche die Probe einer ruhigen, gleichgültigen und genauen Prüfung aushielten, wurde alle Tage kleiner für ihn; die Systeme der dogmatischen Weisen verschwanden nach und nach, und zerflossen vor den Strahlen der prüfenden Vernunft, wie die Luft-Schlösser und Zauber-Gärten, welche wir zuweilen an Sommer-Morgen im düftigen Gewölke zu sehen glauben, vor der aufgehenden Sonne. Der weise Archytas billigte den bescheidnen Skeptizismus seines Freundes; aber indem er ihn von allzukühnen Reisen im Lande der Ideen zu den wenigen einfältigen, aber desto schätzbarern Wahrheiten zurückführte, welche der Leitfaden zu sein scheinen, an welchem uns der allgemeine Vater der Wesen durch diesen Labyrinth des Lebens sicher hindurchführen will—verwahrte er ihn vor dieser gänzlichen Ungewißheit des Geistes, welche eine eben so große Unentschlossenheit und Mutlosigkeit des Willens nach sich zieht, und dadurch eine Quelle so vieler schädlicher Folgen für die Tugend und Religion, und also für die Ruhe und Glückseligkeit unsers Lebens wird, daß der Zustand des bezaubertesten Enthusiasten dem Zustand eines solchen Weisen vorzuziehen ist, der aus immerwährender Furcht zu irren, sich endlich gar nichts mehr zu bejahen oder zu verneinen getraut. In der Tat gleicht die Vernunft in diesem Stück ein wenig dem Doktor Peter Rezio von Aguero; sie hat gegen alles, womit unsre Seele genährt werden soll, soviel einzuwenden, daß diese endlich eben sowohl aus Inanition verschmachten müßte, wie die unglücklichen Statthalter der Insel Barataria bei der Diät, wozu sie das verwünschte Stäbchen ihres allzuskrupulosen Leibarztes verurteilte. Das beste ist in diesem Falle, sich wie Sancho zu helfen. Der Instinkt und dieses am wenigsten betrügliche Gefühl des Wahren und Guten, welches die Natur allen Menschen zugeteilt hat, können uns am besten sagen, woran wir uns halten sollen; und dahin müssen, früher oder später, die größesten Geister zurückkommen, wenn sie nicht das Schicksal haben wollen, wie die Taube des Altvaters Noah allenthalben herumzuflattern und nirgends Ruhe zu finden.

Bei allen diesen manchfaltigen Beschäftigungen, womit unser ehmaliger Held seine Muße zu seinem eigenen Vorteil erfüllte, blieben ihm doch viele Stunden übrig, welche der Freundschaft und dem geselligen Vergnügen gewidmet waren—und für seine Ruhe nur allzuviele, in denen eine Art von zärtlicher Schwermut, deren er sich nicht erwehren konnte, seine Seele in die bezauberten Gegenden zurückführte, deren wir im vorigen Kapitel schon Erwähnung getan haben. In einer solchen Gemüts-Disposition liebt man vorzüglich den Aufenthalt auf dem Lande, wo man Gelegenheit hat, seinen Gedanken ungestörter nachzuhängen, als unter den Pflichten und Zerstreuungen des geselligern Stadt-Lebens. Agathon zog sich also öfters in ein Landgut zurück, welches sein Bruder Critolaus, ungefähr zwo Stunden von Tarent besaß, und wo er sich in seiner Gesellschaft zuweilen mit der Jagd belustigte. Hier geschah es einsmals, daß sie von einem Ungewitter überrascht wurden, welches wenigstens so heftig war, als dasjenige, wodurch, auf Veranstaltung zwoer Göttinnen, Aeneas und Dido in die nämliche Höhle zusammengescheucht wurden-Aber da zeigte sich nirgends keine wirtschaftliche Höhle, welche ihnen einigen Schirm angeboten hätte; und das schlimmste war, daß sie sich von ihren Leuten verloren hatten, und eine geraume Zeit nicht wußten, wo sie waren; ein Zufall, der an sich selbst wenig außerordentliches hat, aber wie man sehen wird, eines der glücklichsten Abenteuer veranlassete, das unserm Helden jemals zugestoßen ist. Nachdem sie sich endlich aus dem Walde herausgefunden hatten, erkannte Critolaus die Gegend wieder; aber er sah zugleich, daß sie etliche Stunden weit von Haus entfernt waren. Das Ungewitter wütete noch immer fort, und es fand sich kein näherer Ort, wohin sie ihre Zuflucht nehmen konnten, als ein einsames Landhaus, welches seit mehr als einem Jahr von einer fremden Dame von sehr sonderbarem Charakter bewohnt wurde. Man vermutete aus einigen Umständen, daß sie die Witwe eines Mannes von Ansehen und Vermögen sein müsse; aber es war bisher unmöglich gewesen, ihren Namen und vorigen Aufenthalt, oder was sie bewogen haben könnte, ihn zu verändern, und in einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt zu leben, auszuforschen. Das Gerüchte sagte Wunder von ihrer Schönheit; indessen war doch niemand der sich rühmen konnte, sie gesehen zu haben. überhaupt hatte man eine Zeit lang vieles und desto mehr von ihr gesprochen, je weniger man wußte; allein da sie fest entschlossen schien, sich nichts darum zu bekümmern; so hatte man endlich auf einmal aufgehört von ihr zu reden, und es der Zeit überlassen, das Geheimnis, das unter dieser Person und ihrer sonderbaren Lebens-Art verborgen sein möchte, zu entdecken. "Vielleicht", sagte Critolaus, "ist es eine zweite Artemisia, die sich, ihrem Schmerz ungestört nachzuhängen, in dieser Einöde lebendig begraben will. Ich bin schon lange begierig gewesen sie zu sehen; dieser Sturm hoff' ich, soll uns Gelegenheit dazu geben. Sie kann uns eine Zuflucht in ihrem Hause nicht versagen; und wenn wir nur einmal drinnen sind, so wollen wir wohl Mittel finden, vor sie zu kommen, ob wir gleich die ersten in dieser Gegend wären, denen dieses Glück zu Teil würde." Man kann sich leicht vorstellen, daß Agathon, so gleichgültig er auch seit seiner Entfernung von der schönen Danae gegen die Damen war, dennoch begierig werden mußte, eine so außerordentliche Person kennen zu lernen. Sie kamen vor dem äußersten Tor eines Hauses an, welches einem verwünschten Schlosse ähnlicher sah, als einem Landhause in Jonischem oder Corinthischem Geschmacke. Das schlimme Wetter, ihr anhaltendes Bitten, und vielleicht auch ihre gute Miene brachte zuwegen, daß sie eingelassen wurden. Einige alte Sklaven führten sie in einen Saal, wo man sie mit vieler Freundlichkeit nötigte, alle die kleinen Dienste anzunehmen, welche sie in dem Zustande, worin sie waren, nötig hatten. Die Figur dieser Fremden schien die Leute des Hauses in Verwundrung zu setzen, und die Meinung von ihnen zu erwecken, daß es Personen von Bedeutung sein müßten; aber Agathon, dessen Aufmerksamkeit bald durch einige Gemälde angezogen wurde, womit der Saal ausgeziert war, wurde nicht gewahr, daß er von einer Sklavin mit noch weit größerer Aufmerksamkeit betrachtet wurde. Diese Sklavin, (wie Critolaus in der Folge erzählte, denn anfangs hielt er's bloß für eine Würkung der Schönheit unsers Helden) schien einer Person gleich zu sehen, welche nicht weiß, ob sie ihren Augen trauen soll; und nachdem sie ihn einige Minuten mit verschlingenden Blicken angestarrt hatte, verlor sie sich auf einmal aus dem Saal. Sie lief so hastig dem Zimmer ihrer Gebieterin zu, daß sie ganz außer Atem kam. "Und wer meinen sie wohl, gnädige Frau", keuchte sie, "daß unten im Saal ist? Hat es ihnen ihr Herz nicht schon gesagt?—Diana sei mir gnädig! Was für ein Zufall das ist! Wer hätte sich das nur im Traum einbilden können? Ich weiß vor Erstaunen nicht wo ich bin -" "In der Tat deucht mich, du bist nicht recht bei Sinnen", sagte die Dame ein wenig betroffen; "und wer ist denn unten im Saal?"—"O! bei den Göttinnen! ich hätte es bei nahe meinen eignen Augen nicht geglaubt—aber ich erkannte ihn auf den ersten Blick, ob er gleich ein wenig stärker worden ist; es ist nichts gewisser—er ist es, er ist es!"—"Plage mich nicht länger mit deinem geheimnisvollen Galimathias", rief die Dame, immer mehr bestürzt; "rede Närrin, wer ist es?"—"Aber sie erraten doch auch gar nichts, gnädige Frau—wer ist es?—Ich sage ihnen, daß Agathon unten im Saal ist, ja Agathon, es kann nichts gewisser sein—er selbst, oder sein Geist, eines von beiden unfehlbar, denn die Mutter die ihn geboren hat, kann ihn nicht besser kennen, als ich ihn erkannt habe, sobald er den Mantel von sich warf, worin er anfangs eingewickelt war"—Das gute Mädchen würde noch länger in diesem Ton fortgeplaudert haben, denn ihr Herz überfloß von Freude—wenn sie nicht auf einmal wahrgenommen hätte, daß ihre Gebieterin ohnmächtig auf ihren Sopha zurückgesunken war. Sie hatte einige Mühe sie wieder zu sich selbst zu bringen; endlich erholte sich die schöne Dame wieder, aber nur, um über sich selbst zu zörnen, daß sie sich so empfindlich fand. "Sie machen einem ja ganz bange, Madam", rief die Sklavin—"wenn sie schon bei seinem bloßen Namen in Ohnmacht fallen, wie wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen?—Soll ich gehen, und ihn geschwinde heraufholen?"—"Ihn heraufholen?" versetzte die Dame; "nein wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen!"—"Sie wollen ihn nicht sehen, Madam? Was für ein Einfall! Aber es kann nicht ihr Ernst sein! O! wenn sie ihn nur sehen sollten—er ist so schön—so schön als er noch nie gewesen ist, deucht mich; ich hätte ihn mit den Augen aufessen mögen; sie müssen ihn sehen, Madam—das wäre ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder fortgehen lassen wollten, ohne daß er sie gesehen hätte—wofür hätten sie sich dann -" "Schweige, nichts weiter", rief die Dame; "verlaß mich—aber untersteh dich nicht wieder in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist, so will ich nicht, daß er dich erkennen soll; ich hoffe doch nicht, daß du mich schon verraten haben solltest?"—"Nein, Madam", erwiderte die Vertraute; "er hat mich noch nicht wahrgenommen, denn er schien ganz in die Betrachtung der Gemälde vertieft, und mich deuchte, ich hörte ihn ein oder zweimal seufzen; vermutlich -" "Du bist nicht klug", fiel ihr die Dame ins Wort; "verlaß mich—ich will ihn nicht sehen, und er soll nicht wissen, in wessen Hause er ist; wenn er's erfährt, so hast du eine Freundin verloren"—die Sklavin entfernte sich also, in Hoffnung, daß ihre Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen würde, und—die schöne Danae blieb allein.

Eine Erzählung alles dessen, was in ihrem Gemüte vorging, würde etliche Bogen ausfüllen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm.—Was für ein Streit! Was für ein Getümmel von widerwärtigen Bewegungen! Sie hatte ihn bis auf diesen Augenblick so zärtlich geliebt—und glaubte itzt zu fühlen, daß sie ihn hasse—Sie fürchtete sich vor seinem Anblick—und konnte ihn kaum erwarten. Was hätte sie vor einer Stunde gegeben, diesen Agathon zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, über ihre ganze Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorzüge ihres ehmaligen Zustandes, den Aufenthalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reichtümer, unerträglich gemacht hatte—dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer ehmaligen Glückseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergnügen war, welches sie noch zu empfinden fähig war. Aber nun da sie wußte, daß es in ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschließen zu können ihm zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die Oberhand erhielt; so stürzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden, sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schönen Danae allzuspitzfündig scheinen könnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung sagen müßten, daß die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen, welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschluß getrieben, der Gedanke daß ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie jemals geliebt hatte, verächtlich gemacht—eine Veränderung in ihrer ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den Umgang mit Agathon und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im fünften Buche gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae ließ sich durch die Vorwürfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht ein guter Teil auf ihre Umstände fiel, nicht von dem edeln Vorsatz abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in sich schloß, der Tugend zu widmen. In der Tat hatte eine Art von verliebter Verzweiflung den größesten Anteil an dem außerordentlichen Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in eine Einöde zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu unterhalten, das einzige Vergnügen war, welches sie für den Verlust alles dessen, was sie aufopferte, entschädigen mußte. Aber es gehörte doch eine große, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den glänzenden Umständen, worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung fähig zu sein, und in einem Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwächere Seele gar bald hätte erliegen müssen. Wäre Danae nur wollüstig gewesen, so würde sie zu Smyrna, und allenthalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des Verlusts ihres Liebhabers zu trösten. Aber ihre Liebe war, wie man sich vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der Liebe der Tugend selbst verwandt, daß wir Ursache haben, zu vermuten, daß in der gänzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich endlich gänzlich in dieser verloren haben würde. Allein eben darum, weil ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes Bedenken, bei dem Bewußtsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens für den allzuliebenswürdigen Agathon, sich der Gefahr auszusetzen, durch eine nur allzumögliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine übertriebne Meinung von ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Mißtrauen in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein geringes Gewicht erhalten mußte. Solchergestalt kämpften Liebe, Stolz und Tugend für und wider das Verlangen, den Agathon zu sehen, in ihrem unschlüssigen Herzen—mit welchem Erfolg läßt sich leicht erraten. Die Liebe müßte nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel fände, den Stolz und die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie flößte jenem die Begierde ein, zu sehen wie sich Agathon halten würde, wenn er so plötzlich und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten Danae unter die Augen käme; und munterte diese auf, sich selbst Stärke genug zu zutrauen, von den Entzückungen, in welche er vielleicht bei diesem Anblick geraten möchte, nicht zu sehr gerührt zu werden. Kurz; der Erfolg dieses innerlichen Streites war, daß sie eben im Begriff war, ihre Vertraute (die einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die nötige Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sklavin selbst hereintrat, und ihrer Dame sagte, daß die beiden Fremden durch einen von den Sklaven, von denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die Erlaubnis anhalten ließen, vor die Frau des Hauses gelassen zu werden—Neue Unentschlossenheit, über welche sich niemand wundern wird, der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das ihrige in diesem Augenblick so stark, daß sie nötig hatte, sich vorher in eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe auszustellen sich getrauen durfte.

Unterdessen, bis diese schöne Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie sich entschließen, und wie sie sich bei einer so erwünschten, und so gefürchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu unserm Helden in den Saal zurück. Je mehr Agathon die Gemälde betrachtete, womit die Wände desselben behänget waren, je lebhafter wurde die Einbildung, daß er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe. Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie vor zweien Jahren gesehen hätte, hieher gekommen sein sollten, daß er für weniger unmöglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden. Zudem konnte ja der nämliche Meister unterschiedliche Kopien von seinen Stücken gemacht haben. Aber wenn er wieder die Augen auf ein Stück heftete, welches die Göttin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den schlafenden Endymion betrachtet—so glaubte er es so gewiß für das nämliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzückung gestanden, daß es ihm unmöglich war, seiner überzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung, in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich—Sollte Danae—aber wie könnte das möglich sein?—Und doch schien alles das Sonderbare, was ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu bekräftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken getrauete. Die schöne Danae hätte zufrieden sein können, wenn sie gesehen hätte, was in seinem Herzen vorging. Er hätte nicht erschrockner sein können, vor das Antlitz einer beleidigten Gottheit zu treten, als er es vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie ihm damals, da er sie verließ, verächtlich und hassenswürdig schien. Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre Empfindungen, von denen sein Herz erschüttert wurde. Seine Unruhe war so sichtbar, daß Critolaus sie bemerken mußte. Agathon würde besser getan haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, daß ihm nicht wohl sei. Dem ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses zu sehen, daß Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmaßen anfing, daß irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein müsse, dessen Entwicklung er begierig erwartete. Inzwischen kam der Sklave, den sie abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort zurück, daß er Befehl habe sie in ihr Zimmer zuführen. Und hier ist es, wo wir mehr als jemals zu wünschen versucht sind, daß dieses Buch von niemand gelesen werden möchte, der keine schönen Seelen glaubt. Die Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblicken sehen wird, ist vielleicht eine von den delikatesten, in welche man in seinem Leben kommen kann. Wäre hier die Rede von solchen phantasierten Charaktern, wie diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der 'geheimen Geschichte von Burgund', und der 'Königin von Navarra' hervorgegangen sind, so würden wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agathon selbst, da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sklaven folgte, der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten führte, von der er fast mit gleicher Heftigkeit wünschte und fürchtete, daß es Danae sein möchte. Allein da Agathon und Danae so gut historische Personen sind als Brutus, Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert haben, weil sie nicht gerade so dachten, und handelten wie gewöhnliche Leute: So bekümmern wir uns wenig, wie dieser Agathon und diese Danae, vermöge der moralischen Begriffe des einen oder andern, der über dieses Buch gut oder übel urteilen wird, hätten handeln sollen, oder gehandelt haben würden, wenn sie nicht gewesen wären, was sie waren. Das Recht zu urteilen kann und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erzählen, nicht zu dichten; und wir können nichts dafür, wenn Agathon bei dieser Gelegenheit sich nicht weise und heldenmäßig genug, um die Hochachtung strenger Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte des weiblichen Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre, welche dem Himmel danken, daß sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan haben würden.

Die schöne Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie bekommen sollte, mit so vieler Stärke als eine weibliche Seele nur immer zu haben fähig sein mag, welche zugleich so zärtlich und lebhaft ist, als eine solche Seele sein kann -. "Ob es wohl weibliche Seelen gibt?"—"O mein Herr, ich sagte ihnen ja, daß der letzte Teil dieses Kapitels nicht für sie geschrieben sei—Sie mögen vielleicht überall in Zweifel ziehen, ob die Weiber Seelen haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es weibliche Seelen, der Himmel bewahre uns vor den Penthesileen und Männinnen, an denen nichts als die Figur weiblich ist!"—Doch darüber wollen wir itzt nicht streiten. Danae erwartete also den Anblick ihres Flüchtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem Herzen vorging, mögen unsre zärtlichen Leserinnen, welche fähig sind, sich an ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen. Sie wußte, daß Agathon einen Gefährten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber Agathon befand sich wenig dadurch erleichtert. Die Türe des Vorzimmers wurde ihnen von der Sklavin eröffnet—er erkannte beim ersten Anblick die Vertraute seiner Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die Dame, die er in einigen Augenblicken sehen würde, Danae sei. Er raffte seinen ganzen Mut zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde Critolaus fortwankte—Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht, heftete seine Augen auf sie, und sank, vom übermaß seiner Empfindlichkeit überwältiget, in die Arme seines Freundes zurück. Auf einmal vergaß die schöne Danae alle die großen Entschließungen von Gelassenheit und Zurückhaltung, welche sie mit so vieler Mühe gefaßt hatte. Sie lief in zärtlicher Bestürzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen Strom ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran, daß sie einen Zeugen davon hatte, der über alles was er sah und hörte, erstaunt sein mußte. Allein die Güte seines Herzens, und diese Sympathie, welche schöne Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm in einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefaßt machen können, gerade die nämliche Art des Betragens ein, die er hätte haben können, wenn er schon von Jahren her ihr Vertrauter gewesen wäre. Er trug seinen Freund auf den Sopha, auf welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er nun schon genug wußte, um zu sehen, daß er hier weiter nichts helfen konnte, so entfernte er sich unvermerkt weit genug, um unsre Liebenden von dem Zwang einer Zurückhaltung zu entledigen, welche in so sonderbaren Augenblicken ein größeres übel ist, als die unempfindlichen Leute sich vorstellen können. Allmählich bekam Agathon, an der Seite der gefühlvollen Danae, und von einem ihrer schönen Arme umschlungen, das Vermögen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die Tränen, welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine wiederkehrende Empfindung anzeigte. Ihre erste Bewegung war, sich von ihm zurückzuziehen; aber ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr, was in dem seinigen vorging, und sie hatte den Mut nicht, ihm eine Lindrung zu entziehen, welche er so nötig zu haben schien, und in der Tat nötig hatte. Allein in wenigen Augenblicken machte er sich selbst den Vorwurf, daß er einer so großen Gütigkeit unwürdig sei—er raffte sich auf, warf sich zu ihren Füßen, umfaßte ihre Knie mit einer Empfindung, welche mit Worten nicht ausgedrückt werden kann, versuchte es sie anzusehen, und sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit Tränen beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schoß nieder. Danae konnte nun nicht zweifeln, daß sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entzückung zurückzuhalten, worin sie durch diese Gewißheit gesetzt wurde; aber es war notwendig, dieser allzuzärtlichen Szene ein Ende zu machen. Agathon konnte noch nicht reden—und was hätte er reden sollen?—"Ich bin zufrieden, Agathon", sagte sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen verriet, wie schwer es ihr wurde, ihre Tränen zurückzuhalten—"Ich bin zufrieden—du findest eine Freundin wieder—und ich hoffe du werdest sie künftig deiner Hochachtung weniger unwürdig finden, als jemals—Keine Entschuldigungen mein Freund", (denn Agathon wollte etwas sagen, das einer Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in der heftigen Bewegung, worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen hätte) "du wirst keine Vorwürfe von mir hören—wir wollen uns des Vergangenen nur erinnern, um das Vergnügen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu genießen -" "Großmütige, göttliche Danae!" rief Agathon in einer Entzückung von Dankbarkeit und Liebe—"Keine Beiwörter, Agathon", unterbrach ihn Danae, "keine Schwärmerei! Du bist zu sehr gerührt; beruhige dich—wir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu geben—Laß mich das Vergnügen dich wieder gefunden zu haben unvermischt genießen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu Teil wird."

Mit diesen Worten (und in der Tat hätte sie die letztern für sich selbst behalten können, wenn es möglich wäre, immer Meister von seinem Herzen zu sein) stund sie auf, näherte sich dem Critolaus, und ließ dem mehr als jemals bezauberten Agathon Zeit, sich in eine ruhigere Gemütsfassung zu setzen.

Coetera intus agentur—Unsere schönen Leserinnen wissen nun schon genug, um sich vorstellen zu können, was diese zärtliche Szene für Folgen haben mußte. Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergnügen, daß Critolaus der Gemahl der schönen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester Agathons sei. Sie hatte nicht viel Mühe ihre Gäste zu bereden, das Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden hätten also die Schuld sich selbst beimessen müssen, wenn sie keine Gelegenheit gefunden hätten, sich umständlich zu besprechen, und gegen einander zu erklären. Die schöne Danae meldete ihrem Freunde, daß sie die Verräterei des Hippias, und die Ursache der heimlichen Entweichung Agathons, bei ihrer Zurückkunft nach Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, daß der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluß gebracht, der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einöde sich selbst für die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen; jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, daß wenn sie einmal Gelegenheit haben würde, ihm eine ganz aufrichtige und umständliche Erzählung der Geschichte ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen—er Ursache finden würde sie, wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen. Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren hätte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen in seinem Herzen zu verschließen. Danae wurde indessen mit der Familie des Archytas bekannt, man mußte sie lieben, sobald man sie sah; und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war überdies eine von ihren Gaben, daß sie sich sehr leicht und mit der besten Art in alle Personen, Umstände und Lebens-Arten schicken konnte. Wie konnte es also anders sein, als daß sie in kurzem durch die zärtlichste Freundschaft mit dieser liebenswürdigen Familie verbunden werden mußte? Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich ein Vergnügen daraus, einem alten Manne von so seltnen Verdiensten die Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche Psyche und Danae einander einflößten. Niemalen hat vielleicht unter zwo Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so zärtliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich einbilden, ob Agathon dabei verlor. Er sah die schöne Danae alle Tage; er hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihr—aber wie sollte es möglich gewesen sein, daß er sich immer daran begnügt hätte?—Es gab Augenblicke, wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit berauscht, sich die Rechte eines begünstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art so sehr bestärkt, daß die zärtlichsten Verführungen der Liebe nichts über sie erhielten. In diesem Stücke wollte sie nicht mehr Danae für ihn sein. "Das ist unwahrscheinlich", werden die Kenner sagen; "unwahrscheinlich", antworte ich, "aber möglich". Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr Exempel, daß es einer Danae möglich sei; und Agathon erfuhr es so sehr, daß Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing. Sie wußte die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt, ihr eine aufrichtige Erzählung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten sind leicht zu erraten, welche der Glückseligkeit dieser Liebenden, welche so ganz für einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stund. Aber waren sie wichtig genug, um ihrentwillen unglücklich zu sein?—Hatte er nicht das Beispiel des großen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen Betrachtungen das Schicksal der Aspasia?—Es wäre uns leicht, unsern Lesern hierüber aus dem Wunder zu helfen; aber wir überlassen es ihnen zu erraten, was er tat—oder auszumachen, was er hätte tun sollen.

Abdankung

Und nun, nachdem wir in diesem letzten Buche zu Gunsten unsers Helden alles getan zu haben glauben, was die zärtlichsten Freunde, die er sich erworben haben kann, (und wir hoffen, daß er einige haben werde,) nur immer zu seinem Besten wünschen konnten—Nachdem er so glücklich ist, als es vielleicht noch kein Sterblicher gewesen ist—oder es doch in seiner Gewalt hat, glücklich zu sein—Nun bleibt uns nichts übrig, als unsern Lesern und Leserinnen, welche Geduld genug gehabt haben, bis zu diesem Blatte fortzulesen—dafür zu danken—und sie zu versichern, daß es uns sehr angenehm sein sollte, wenn sie soviel Geschmack an dieser Geschichte gefunden hätten, um sie noch einmal zu lesen—und noch angenehmer, wenn sie weiser oder besser dadurch geworden sein sollten. Indessen ist das ihre Sache. Der Herausgeber dieser Geschichte schmeichelt sich wenigstens, (und wer schmeichelt sich nicht?) daß er ihnen viele Gelegenheit zu dem einen und zu dem andern gegeben habe; und wofern der Erfolg seiner Erwartung nicht entsprechen sollte, so wird er sich durch das tägliche Beispiel so vieler tausend Anstalten und Bemühungen, welche ihren Zweck verfehlen, beruhigen, und mit Horaz, sich in die Tugend seiner Absicht einwickeln.

Übrigens kann er nicht umhin, seinen Freunden im Vertrauen zu entdecken, daß ihn das griechische Manuskript, welches er in Handen hat, in den Stand setzt, noch einige Nachträge oder Zugaben zu der Geschichte des Agathon zu liefern, welche ihrer Neugier vielleicht nicht unwürdig sein möchten. Es ist zum Exempel nicht unmöglich, daß sie begierig sein könnten, das System des weisen Archytas genauer zu kennen; oder zu wissen, wie Agathon in seinem fünfzigsten Jahre über alles was im Himmel und auf Erden ein Gegenstand unsers Nachforschens, unsrer Gedanken—Neigungen—Wünsche—oder Träume zu sein verdient, gedacht habe. Vielleicht möchte es ihnen auch nicht unangenehm sein, die Geschichte der schönen Danae (so wie sie den Mut gehabt, sie dem Agathon zu einer Zeit zu erzählen, da er nicht mehr so enthusiastisch, aber desto billiger dachte) in einer ausführlichen Erzählung zu lesen?—Mit allem diesem könnten wir dem Verlangen unsrer Freunde ein Genüge tun—wenn wir erst gewiß davon wären, daß sie ein solches Verlangen hätten—und wenn wir einige Ursache finden sollten zu hoffen, daß dem Publico durch diese Nachträge nur ein halb so großer Dienst geleistet würde, als der französische Verfasser des Traktats von den Nachtigallen (dessen Helvetius erwähnt) dem menschlichen Geschlechte durch sein Buch geleistet zu haben glaubte.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Geschichte des Agathon", Teil 2 von Christoph Martin Wieland


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