5. Kapitel.Ausbildung des Reichskommissariats.

5. Kapitel.Ausbildung des Reichskommissariats.

Mangel an Verwaltungspersonal. — Einrichtung und Geschäftsbereich der Verwaltung in der Schutztruppe. — Verwaltung des vorhandenen Dampfermaterials. — Unterstützung durch deutsche Firmen in Sansibar. — Das Hauptquartier. — Adjutant Bumiller. — Verkehr mit den Arabern und Indern. — Verteilung des Kriegsmaterials auf Stationen. — Das Sanitätswesen und die Hospitäler. — Tod des Stabsarztes Schmelzkopf. — Einexerzierung der Schutztruppe. — Deutsche Kommandos. — Uniformen und Gepäck. — Verteilung der Schutztruppe. — Schwarze Chargen. — Weiße Chargen. — Systematische Ausbildung der Gruppe. — Schießresultate bei Sudanesen und Zulus. — Disziplin der Zulus. — Verhältnis des Kommissariats zu den deutschen Behörden in Sansibar. — Verhältnis zur Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Dienst der Wißmann-Flotte.

Mangel an Verwaltungspersonal. — Einrichtung und Geschäftsbereich der Verwaltung in der Schutztruppe. — Verwaltung des vorhandenen Dampfermaterials. — Unterstützung durch deutsche Firmen in Sansibar. — Das Hauptquartier. — Adjutant Bumiller. — Verkehr mit den Arabern und Indern. — Verteilung des Kriegsmaterials auf Stationen. — Das Sanitätswesen und die Hospitäler. — Tod des Stabsarztes Schmelzkopf. — Einexerzierung der Schutztruppe. — Deutsche Kommandos. — Uniformen und Gepäck. — Verteilung der Schutztruppe. — Schwarze Chargen. — Weiße Chargen. — Systematische Ausbildung der Gruppe. — Schießresultate bei Sudanesen und Zulus. — Disziplin der Zulus. — Verhältnis des Kommissariats zu den deutschen Behörden in Sansibar. — Verhältnis zur Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Dienst der Wißmann-Flotte.

Die Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani und Tanga bilden den ersten Abschnitt in der Niederwerfung des Aufstandes. Nach ihrer Beendigung konnte der Reichskommissar mit größerer Ruhe an die weitere Durchführung der ihm gestellten Aufgabe gehen. Während dieses ersten Teils seiner Thätigkeit hatte sich naturgemäß eine vollständige Umbildung des Reichskommissariats in allen seinen Teilen vollziehen müssen, da dasselbe anfangs nur zu sehr den Charakter des Provisorischen an sich trug.

In erster Linie gehörte hierher die Ausbildung der eigentlichen Verwaltung und des Verkehrs mit den wiedergewonnenen oder neugeschaffenen Stationen. Streng genommen stand dem Reichskommissar an geschultem Verwaltungspersonal nur zur Verfügung der Zahlmeisteraspirant der Marine Merkel, der jedoch bald nach seiner Ankunft den Wirkungen des Klimas unterlag. Dagegen war kein Intendanturbeamter, ja nichteinmal eine Art Sekretär vorhanden, sondern es vereinigte sich alles dieses in der ersten Zeit des Kommissariats in der Person von Eugen Wolf, der in der That ein ungemein großes Arbeitsquantum in geeigneter Weise erledigt hat.

Später mußte Wißmann aus seinem Personal an Offizieren diejenigen für die Verwaltung aussuchen, welche hierzu besonders geeignet erschienen. An die Spitze der Verwaltung wurde von ihm der Chef Freiherr von Eberstein gestellt, der sich, obwohl er keine andere Vorbildung mitbrachte als seine in Ostafrika gesammelten Erfahrungen, mit großer Umsicht und anerkennenswertem Fleiß, im Interesse der Sache, diesem ihm ursprünglich gewiß nicht angenehmen Amte widmete. Es gelang ihm auch mit den übrigen ihm unterstellten Beamten die Verwaltung, soweit es eben bei den damaligen Verhältnissen möglich war, in geordnete Bahnen zu lenken.

Daß man an einen Verwaltungsapparat, wie Ostafrika ihn heute hat, wo ein Intendant, ein Landrentmeister, ein Dutzend Zahlmeisteraspiranten, eine Anzahl Sekretäre außer den dazu kommandierten Deckoffizieren und Unteroffizieren dem Gouverneur zur Verfügung stehen, ganz andere Anforderungen stellen kann, liegt auf der Hand.

Nichtsdestoweniger wird von den Gegnern Wißmanns immer die Mangelhaftigkeit der damaligen Verwaltung gegen ihn angeführt.

Und thatsächlich ist auch an leitender Stelle dem Reichskommissar stark verübelt worden, daß sich die Intendantur nicht in ganz ordnungsgemäßen Bahnen bewegt hat.

Um von dem bedeutenden Umfange dieses Verwaltungsgeschäftes ein ungefähres Bild zu geben, mögen hier nur die wichtigsten Zweige desselben kurz erwähnt sein.

Es gehörte dahin die sehr komplizierte Soldberechnung der Truppen, welche bei dem verschiedenen Material auf ganz verschiedener Basis beruhte; die Herstellung und Instandhaltung der Mannschaftslisten, welche hier mehr denn irgend wo anders durch Krankheit, Verwundung und Tod fortwährenden Aenderungen unterworfen waren; ferner die besonders in der ersten Zeit ungemein schwierige Verpflegungsfrage.

In der ersten Zeit des Aufstandes, als die indischen Kaufleute noch nicht nach Bagamoyo und den übrigen Küstenplätzen zurückgekehrt waren und zudem die Zufuhr aus dem Innern mangelte, mußte die gesamte Verpflegung für Offiziere und Mannschaften von Sansibar aus durch die Verwaltungsabteilung besorgt werden. Dieselbe hatte ferner unter sich die gesamten Ausrüstungsgegenstände der Truppe, über welche ebenfalls eine Unzahl von Zu- und Abgangslisten geführt werden mußte.

Das gesamte Kriegsmaterial, ursprünglich in Daressalam untergebracht, unterstand selbstverständlich ebenfalls der Verwaltungsabteilung. Zu Anfang mußten die Journale darüber von den Stationsoffizieren geführt werden.

Daß diese Journalisten unter diesen Verhältnissen sich nicht immer durch absolute Vollständigkeit auszeichneten, liegt in der Natur der Sache. Denn welcher der Frontoffiziere sollte von dem komplizierten Schreibmechanismus der preußischen Verwaltung so durchdrungen sein, daß er alles zur Zufriedenheit der Oberrechnungskammer erledigen könnte?

Weitere Schwierigkeiten entstanden der Verwaltung aus dem vorhandenen Dampfermaterial, welches wiederum ganz neue Kenntnisse bei den Verwaltungsbeamten voraussetzte. Die Kohlenlieferungen, die Reparaturen an den Dampfern, die An- und Abmusterung von Mannschaften — alles dies sind Verwaltungszweige, welche für sich allein schon einen geschulten Verwaltungsbeamten verlangt hätten.

Den letztgenannten Teil des Verwaltungsapparates behielt während des ersten halben Jahres des Kommissariats Eugen Wolf unter sich.

Ganz besonders anzuerkennen ist noch während der ersten Schwierigkeiten, welche sich dem Kommissariat entgegenstellten, die Hilfe der deutschen Firmen in Sansibar, besonders des Hauses Hansing u. Cie., dessen damalige Leiter Strandes, später Wegner mit ihrem kaufmännischen Rat und ihrer Kenntnis der örtlichen Verhältnisse wesentliche Dienste geleistet haben. Das Haus Hansing hatte, nebenbei bemerkt, die Hauptlieferungen für das Kommissariat übernommen und hat dieselben stets zur Zufriedenheit erledigt.

Alle Anforderungen bezüglich der Verwaltung kamen selbstverständlich am letzten Ende an den Reichskommissar, der in der That durch seine ungewöhnliche Arbeitskraft und durch sein überaus bedeutendes organisatorisches Talent in der Lage war, jedesmal die wenigstens für den Augenblick richtige Entscheidung zu treffen. Erst allmählich gelang es durch Heranziehung neuen europäischen Materials und durch die richtige Verwendung der zur Verfügung stehenden Kräfte einige Ordnung in den Verwaltungsdienst zu bringen und die einzelnen Zweige desselben zu organisieren.

Das Hauptquartier selbst war während der ganzen Zeit des Aufstandes in Sansibar in drei großen Gebäuden untergebracht. Das eine derselben, in der Hauptstraße gelegen, barg die sämtlichen Bureaus, außerdem befand sich dort die Wohnung des Reichskommissars und einiger Beamten. Ein zweites Gebäude diente zu Hospitalzwecken, ein drittes lediglich zu Wohnräumen für Offiziere. Ein Teil des Unteroffizierpersonals, welches beim Hauptquartier beschäftigt wurde, mußte trotzdem noch im Hotel untergebracht werden. Für diejenigen, welche in der Zeit des Reichskommissariats nach Sansibar kamen, mußte unzweifelhaft das Hauptquartier Wißmanns als der anziehendste Punkt der ganzen Insel gelten; war doch der Verkehr im Hauptquartier sogar lebhafter als der im Sultanspalast. In der nach arabischer Art mit Steinbänken ausgestatteten Halle wimmelte es von Kawassen und Dienern oder Boten. Im Hofe, in derselben Vorhalle, nur etwas weiter nach der Rückwand des Hauses zu, stampften die Pferde des Reichskommissars. Ein fortmährendes Gehen und Kommen deutscher Unteroffiziere gab Zeugnis von der regen Thätigkeit, welche den Tag über, zum Teil aber auch bis tief in die Nacht hinein in dem Hauptquartier herrschte.

Dazwischen fielen die zuweilen wegen ihrer langen Dauer keineswegs angenehmen Besuche vornehmer Araber und reicher Inder, welche wesentlich zur Belebung des Bildes beitrugen. Alle aber wurden vom Reichskommissar in Person stets mit der gleichen Liebenswürdigkeit empfangen und ihrem persönlichen oder Volkscharakter nach durchaus richtig behandelt. Man darf behaupten, daß niemand von diesen Bittstellernunzufrieden aus dem Kommissariat herausgegangen ist. Eine wesentliche Stütze hatte Wißmann dabei an seinem AdjutantenDr.Bumiller. Dieser war ursprünglich als Freiwilliger ohne irgend eine bestimmt in Aussicht genommene Verwendung nach Sansibar gegangen und wurde erst draußen von Wißmann als Lieutenant und persönlicher Adjutant in den Verband der Schutztruppe aufgenommen.

Es muß der außerordentlichen Arbeitskraft und Uneigennützigkeit Bumillers das vollste Lob gespendet werden. Wohl alle Schriftstücke von einiger Wichtigkeit sind durch seine Hände gegangen, beziehungsweise von ihm verfaßt worden. Seine sehr günstigen Privatverhältnisse setzten ihn außerdem in den Stand, in einer Weise, welche auf den ersten Blick sonderbar erscheinen konnte, dem Kommissariat Dienste zu leisten: wir meinen die äußere Ausstattung desselben und zwar besonders der Räume, welche für den offiziellen Gebrauch des Reichskommissars d. h. besonders für seinen Verkehr mit den auf Aeußerlichkeiten sehr bedachten Arabern bestimmt waren. Die kostbare Einrichtung des Salons, in welchem Wißmann die vornehmen Araber empfing, war Bumillers persönliches Eigentum und von ihm dem Kommissariat zur Verfügung gestellt worden. Schwerlich würde man in Berlin ohne weiteres begriffen haben, daß in dieser Beziehung die Aeußerlichkeiten von einer wesentlichen Wirkung sein konnten und mußten. Der Maskataraber verlangt aber, wenn er jemanden als eine besonders hervorragende Persönlichkeit anerkennen soll, daß derselbe, wenigstens in einem Verkehrscentrum wie Sansibar, durch äußeren Prunk in irgend einer Weise seine Bedeutung kundgiebt. Nach dieser Richtung hin hat Bumillers Liberalität zweifellos politische Früchte getragen, ganz abgesehen davon, daß auch dem Reichskommissar und den Offizieren der Schutztruppe an der Wahrung der äußeren Würde gelegen sein mußte.

Während ursprünglich nun die Verwaltungsgeschäfte unter der persönlichen Oberleitung Wißmanns sich in den Händen von Eberstein, Eugen Wolf und Bumiller vereinigten, wurde später eine notwendige Teilung der Geschäfte und der einzelnen Ressorts vorgenommen. Die eigentliche Verwaltung, d. h. die Verpflegungsgeschäfte, das Finanzdepartement, die Führungder Generallisten über Zu- und Abgang blieb unter der Leitung des Freiherrn von Eberstein im Hauptquartier. Das Kriegsmaterial dagegen wurde teils als fester Bestand auf die einzelnen Stationen verteilt und unterstand der Verwaltung der Stationschefs; teils befand es sich als Arsenal in Daressalam unter der Verwaltung des dortigen Chefs. Das Schiffsmaterial endlich war als besonderes Ressort dem Chef der neu gebildeten Seeabteilung, zuerst dem Kapitän Hansen, später dem Lieutenant zur See der Reserve von Sivers unterstellt.

Einen ganz besonders umfangreichen Zweig des Reichskommissariats bildete das von Anfang an unter eigener Verwaltung stehende Sanitätswesen. Bei Beginn der Thätigkeit des Kommissariats standen diesem zwei Ärzte vor: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf und Assistenzarzt 1. Klasse Dr. Kohlstock. Es mag gestattet sein, an dieser Stelle noch etwas weiter zurück zu greifen und auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, welche sich schon beim Transport der Truppen für die Ärzte herausstellten. Wenn auch die erste Untersuchung in Kairo gesundes Material geliefert hatte, so zeigte sich bei der Langsamkeit des Transportes und bei dem Aufenthalt in Aden doch schon bald eine erhebliche Zahl von Erkrankungsfällen, zum Teil epidemischer Natur. In Aden brachen unter den Sudanesen die Pocken aus und griffen in erschreckender Weise um sich, so daß in Aden selbst bereits eine größere Anzahl Todesfälle eintraten, eine Reihe von Pockenkranken dort zurückgelassen werden mußte und auf dem Transport von Aden nach Sansibar in nur sieben Tagen noch 11 Personen der Krankheit zum Opfer fielen. Nur der durchgreifenden energischen Impfung des gesamten schwarzen Personals ist es zu danken, daß nicht eine vollkommene Dezimierung der Truppe eintrat.

Kaum in Sansibar angekommen, wurden an die Thätigkeit der Ärzte die außerordentlichsten Anforderungen gestellt. Die Einrichtung des Hospitals in Sansibar, die erste Hilfe in den Gefechten, die Überführung der Verwundeten und Kranken von der Küste nach Sansibar hinüber — alles das waren Ausgaben, welche an die Hingebung beider Ärzte mehr als gewöhnliche Anforderungen stellten. Daneben ließ ihrKriegseifer sie auch noch als Truppenführer in den Gefechten aktive Dienste thun. Die einzige Unterstützung für die Ärzte bildeten vier Lazarettgehülfen — bei einer Truppe von mehr als 1000 Mann, zu denen die Familien der Sudanesen hinzukamen, eine verschwindende Anzahl! Eine Entlastung trat erst dann ein, als durch die Thätigkeit des deutschen Frauen-Vereins einige in der Krankenpflege ausgebildete Schwestern gesandt wurden, die im Haupthospital in Sansibar, sowie in dem bereits im Mai in Bagamoyo bei der dringenden Not errichteten Hospital Verwendung fanden. Leider hatte die Schutztruppe schon bald den Tod ihres ersten Chefsarztes, desDr.Schmelzkopf zu beklagen.

Als dieser mit Wißmann von den Operationen bei Pangani und Tanga zurückkehrte und auf dem Wege nach Daressalam war, welches er behufs sanitärer Einrichtungen inspizieren wollte, ertrank er im Meere bei dem Versuche Hilfe zu leisten. Der Hergang war etwa folgender:

Die »München«, welche eines Tages früh mit Wißmann und Schmelzkopf an Bord Sansibar verlassen hatte, konnte im Laufe des Tages wegen des hohen Seegangs den Hafen von Daressalam nicht mehr erreichen und war genötigt bei einer kleinen, der Rhede dieses Platzes vorgelagerten Insel Anker zu werfen. Wißmann ging mit einem Beamten der Ostafrikanischen Gesellschaft, Heinz, der nach Daressalam versetzt worden war, ans Land; doch nur mit Mühe gelang es ihnen, in dem kleinen schadhaften Boote bei dem schweren Seegange glücklich die Insel zu erreichen. Dadurch war jedoch, wie man von Bord aus erkennen konnte, das Boot so leck geworden, daß Wißmann an der Rückkehr verhindert war. Als diese auch bis zum nächsten Morgen nicht erfolgte und die an Bord gebliebenen Herren Besorgnisse zu hegen anfingen, machte Schmelzkopf, der ein vorzüglicher Schwimmer war, den Versuch, mit einigen Stärkungsmitteln in Flaschen und einem Päckchen kleiner Nägel zum Kalfatern des Bootes um den Hals, schwimmend ans Land zu kommen, um Wißmann Hilfe zu bringen. Er wurde noch einige Zeit vom Schiffe aus beobachtet, kam dann aber plötzlich außer Sicht. Wißmann und Heinz hatten inzwischen mit ihren eigenen Kleidungsstückenund den Lappen der Neger, so gut es eben gehen wollte, das Boot kalfatert und kamen mit Mühe und Not glücklich an Bord zurück. Schon vom Lande aus hatten sie die »München« hin- und herfahren sehen und geahnt, daß etwas vorgefallen sei. An Bord angekommen, erfuhren sie von dem Wagnis Schmelzkopfs, der zweifellos seiner kameradschaftlichen Opferwilligkeit zum Opfer gefallen war. Wahrscheinlich ist es, daß er entweder in den Fluten von einem Herzschlag getroffen oder von einem Hai, die ja in jenen Gewässern sehr zahlreich sind, in die Tiefe gezogen wurde. Nach zwei Stunden vergeblichen Suchens fuhr die »München«, die Flagge halb Mast, weiter nach Daressalam. Durch den Tod dieses allgemein beliebten Mannes, der nicht nur als stets hilfsbereiter Arzt, sondern auch gerade in seiner Eigenschaft als ältester Kamerad nächst Wißmann einen segensreichen Einfluß in der Truppe ausgeübt hatte, wurden wir alle in tiefe Trauer versetzt. Die bei den Fischern, welche mit ihren kleinen Böten jene Gegend befuhren, eingezogenen Erkundigungen blieben gänzlich resultatlos. Das ein Jahr später der Unglücksstelle gegenüberDr.Schmelzkopf gesetzte Denkmal erzählt auch den Späteren, die ihn nicht gekannt, von der Berufstreue und Opferwilligkeit des ersten Chefarztes der Schutztruppe.

An seine Stelle tratDr.Kohlstock[2], der nun allein mit gleicher Gewissenhaftigkeit die gesamte ärztliche Thätigkeit in seine Hand nahm, bis er später durch die Sendung dreier Militärärzte die nötige Unterstützung erhielt. Obwohl die Ärzte zu jener Zeit durch ihren Beruf schon mehr als genug in Anspruch genommen waren, mußten sie doch bei dem großen Mangel an Europäern, wie erwähnt, noch Dienste als Offiziere verrichten. Schmelzkopf, Kohlstock, StabsarztDr.Becker,Dr.Gärtner undDr.Brehme haben alle neben ihrer Thätigkeit als Ärzte Truppen gedrillt, ja sogar teilweise die Führung von Kompagnien übernommen und auch an den Gefechten in anerkennenswerter Weise Anteil genommen. Heutigen Tages ist die Zahl der Ärzte sowohl wie der Abgesandten desdeutschen Frauenvereins stark vermehrt worden. Wir können dem Frauenverein für seine Opferwilligkeit nicht dankbar genug sein.

Im Voraus sei erwähnt, daß, um die Schwierigkeiten des Transportes zu vermeiden, später zu den Hospitälern in Sansibar und Bagamoyo noch ein drittes in Pangani gefügt werden mußte. Während nach der wegen schwerer Malaria nothwendig gewordenen Heimreise desDr.Kohlstock der StabsarztDr.Becker in Sansibar selbst als Chefarzt fungierte und von hier aus die beiden andern Hospitäler oder sonstige auf den Stationen befindliche Krankenhäuser besuchte, unterstand das Hospital in Bagamoyo während des Feldzuges im Norden demDr.Brehme und das Hospital in Pangani demDr.Gärtner.

Die Gestaltung der Truppe hatte während der ersten Monate des Kommissariats eine durchgreifende Veränderung erfahren und bot sie jetzt einen ganz andern militärischen Anblick als zuvor. Bei der außerordentlichen Kürze der Zeit, welche dem Reichskommissar in Berlin und Kairo zur Verfügung gestanden hatte, war es ganz unmöglich gewesen, die Truppen in geeigneter Weise einzukleiden und einzuexerzieren. Bei der Ankunft in Sansibar und während der ersten Gefechte um Bagamoyo trugen die Truppen die fabelhaftesten, aus Kairo mitgebrachten Kostüme. Es sah nichts weniger als kriegerisch aus, wenn der eine im Kaftan, ein andrer im Araberhemd, wieder ein andrer mit Resten ehemaliger europäischer Kleidung behängt Frontdienste that. Aber die Not zwang zu schnellem Vorgehen und ließ uns alle anderen Rücksichten außer Acht setzen. Es ist ja auch das außerordentlich schnelle Eingreifen einer erheblichen deutschen Macht sowohl auf Eingeborene wie auf Araber und Inder von durchschlagender Wirkung gewesen.

Bereits früher ist kurz auf die erste Ausbildung der Sudanesen in Kairo und Aden hingewiesen worden. Während in der ersten Zeit die egyptischen Kommandos gebraucht und infolgedessen die direkten Befehle durch die farbigen Offiziere den Truppen übermittelt wurden, stellte sich bald die Notwendigkeit heraus, das deutsche Kommando allgemein durchzuführen, weil ja selbstverständlich dadurch die Wirkung desFührers auf die Truppe ungleich gesteigert und dieselbe eher zu einem direkten Werkzeug des Führers gemacht wurde. Während ferner anfänglich lediglich Gewicht auf den Gefechtsdienst gelegt ward und eigentlich den ersten Truppen weiter nichts beigebracht worden war, als das Draufgehen im Sturmschritt, trat jetzt, als etwas größere Ruhe sich einstellte, eine wesentliche Ausdehnung des Dienstes ein. Es wurden die Truppen erst zu solchen gemacht. Als Uniform war für die Sudanesen im großen und ganzen die egyptische beibehalten worden: ein Anzug aus sogenanntem Kaki, einer sandfarbenen Leinewand, welche mit großer Haltbarkeit den Vorteil vereinigte, daß sie nicht so leicht unansehnlich wurde. Der Form nach bestand und besteht der Anzug auch heute noch in einer Art Jaquet mit Achselklappen ohne besonderes Abzeichen auf denselben, einer bis zur halben Wade reichenden Hose, welche später nach unserem militärischen Schnitt umgeformt worden ist, einer Beinbinde aus dunkelblauem dünnen Stoff, welche vom Fuß an aufwärts bis zum Knie in eng übereinander liegenden Touren spiralförmig gewickelt wurde und derben Lederschuhen. Die letzteren waren in Deutschland angefertigt worden, doch zeigte sich leider bei der ganzen ersten Sendung, daß die deutschen Schuhmacher keineswegs mit Negerfüßen zu rechnen verstanden. Die Schuhe waren alle viel zu klein und in der Form des Schnittes durchaus ungeeignet. Erst später konnte hier Abhilfe geschaffen werden. Zur Kopfbedeckung wurde ursprünglich der leichten Beschaffung wegen der Fez gewählt, doch wurde derselbe später durch den ungleich kleidsameren und praktischeren Turban ersetzt.

Die Bewaffnung bildete bei den schwarzen Truppen durchgängig das Mausergewehr Konstruktion 71, ein Infanterie-Seitengewehr[3]und zwei vordere und eine hintere Patronentasche. Außerdem führte jeder Soldat als Gepäck einen Tornister aus braunem Segeltuch, ebenso Brotbeutel und eine dünne Decke, welche, mantelähnlich znsammengerollt, auf der Brust getragen wurde.

Die Schutztruppe, welche ursprünglich in Kompagnien eingeteilt war, verteilte sich teils auf die einzelnen Stationen als ständige Besatzung, teils bildete sie ein je nach Bedürfnis und Stärke wechselndes, zuweilen aus den Besatzungen heraus ergänztes Expeditionskorps, so daß von eigentlichen Kompagnieverbänden nicht recht die Rede sein konnte. Besondere Schwierigkeiten bei der Rangierung der einzelnen Glieder unter die Vorgesetzten machten und machen auch heut noch die schwarzen Chargen. Es giebt deren bei den Sudanesenkompagnien mehr als zehn. Sie lassen sich schwer rücksichtlich ihres eigentlichen Dienstbereichs klassifizieren. Der Verfasser hat später eine feste Einteilung der schwarzen Chargen in den ihm unterstehenden Kompagnien vorgenommen. Doch blieb dieser Versuch durch den fortwährenden, durch die Notwendigkeit bedingten Wechsel der Offiziere resultatlos: die Schwarzen rückten immer wieder in ihre zum Teil nur eingebildeten Rechte ein. Im großen und ganzen kann man bei den Sudanesentruppen folgende Chargen unterscheiden: Die unterste Charge bilden die Ombaschi, Gefreite, welche nach egyptischem Brauch als Schließende hinter der Front aufgestellt sind, bei uns jedoch wegen ihrer großen Anzahl in Reih und Glied mit eintreten mußten. Beim Arbeitsdienst indes dienten sie als Aufseher, beim Wachtdienst, in welchem wir es für praktisch befunden haben, die egyptischen Formen in den meisten Punkten beizubehalten, wurde der Ombaschi nur als aufführender Gefreiter verwandt. Die nächsten Chargen bilden die Schausche, Unteroffiziere, die im innern Dienst Korporalschaftsführer sind. Es folgen dann die Betschausche, Sergeanten, von denen der Regel nach jedem Zuge je einer zugeteilt ist. Den Dienst als Zugführer — die Kompagnie soll in der Regel in 3 Züge eingeteilt werden — versehen im inneren Dienst die farbigen Offiziere resp. Sols, welche letzteren nur im Feldwebelrang stehen. Der Grund, daß dieselben Funktionen von verschiedenen Chargen ausgeführt wurden, lag darin, daß nach egyptischem Brauch entweder nur durch ihre Erziehung wissenschaftlich vorgebildete Leute, welche die egyptischen militärischen Institute besucht hatten, zu Offizieren befördert wurden, oder auch solche, welche durch eine langjährige Dienstzeit oder durch besondere Auszeichnungsich ein Anrecht auf die Beförderung zum Offizier erworben hatten.

Von uns wurde dahin gestrebt, die Zahl der farbigen Offiziere auf einen zu reduzieren, da der Exerzierdienst, wenn nicht die Leistungsfähigkeit der Kompagnie darunter leiden soll, entschieden durch Europäer versehen werden muß. Dieser eine war besonders als Vertrauens- und Mittelsperson zwischen dem Kompagnieführer und den farbigen Soldaten von Wichtigkeit.

Die Chargen-Abzeichen bestanden bei den Unteroffizieren in nach oben geöffneten Tuchwinkeln auf dem linken Oberarm, von denen der Ombaschi einen, der Schausch zwei, der Betschausch drei und der Sol vier trug.

Schließlich ist auch noch das Amt des Bullogamin (Kompagnieschreiber) zu erwähnen, obgleich wir absichtlich diese Stellung, so weit es möglich war, eingehen ließen. Die Inhaber derselben waren meist so faul, daß sie öfters nach Egypten zurückgeschickt werden mußten. Die schriftlichen Geschäfte der Kompagnie wurden natürlich von den deutschen Offizieren resp. Unteroffizieren übernommen. Der Bullogamin gehörte im übrigen zur Charge der Betschausche. Die hohe egyptische Charge des Wekil-Ombaschi, des stellvertretenden Gefreiten, ist, da sie von uns abgeschafft wurde, bei dieser Chargenaufzählung nicht berücksichtigt.

An farbigen Offizieren hatten wir in der Schutztruppe Hauptleute, Premierlieutenants und Sekondelieutenants. Von diesen wurden die für den Zweck brauchbarsten Lieutenants vorläufig im Frontdienst beibehalten; aus den übrigen machte man Polizeichefs, eine Stellung, in welcher sie sich im Allgemeinen recht gut bewährt haben.

An weißen Chargen gab es in der Schutztruppe Offiziere vom Hauptmann bis zum Sekondelieutenant, welche jedoch, da sie aus der Armee ausgetreten und in Wißmanns Privatdienst übergetreten waren, hier nicht nach ihrer in der Armee erworbenen Charge rangierten, sondern nach einer eigenen Anciennität in der Schutztruppe.

Es setzte sich das Offizierkorps zusammen aus dem Kommandanten Major v. Wißmann, den Chefs und den Lieutenants. Die Uniform der Offiziere bestand in der erstenZeit aus weißen Baumwollanzügen, Jaquet und Hose, mit Metallknöpfen und Achselstücken und einem Tropenhelm. Als Rangabzeichen dienten außer den betreffenden Achselstücken um die Ärmel genähte Goldborten, von denen die oberste eine runde Schleife zeigte; beim Kommandanten waren es deren vier, bei den Chefs drei, bei den übrigen Offizieren zwei. Für Paradezwecke oder sonstige feierliche Gelegenheiten war ursprünglich eine Uniform von dunkelblauer Serge hergestellt worden, von demselben Schnitt wie die weiße und mit denselben Abzeichen. Diese blaue Uniform bewährte sich aber gar nicht und ist nur in sehr seltenen Fällen angelegt worden. Als Seitengewehr diente der frühere Infanterie-Campagne-Säbel mit Kavallerie-Portepee, als Schärpe die Marineschärpe mit der Kaiserkrone.

Die Uniform der Unteroffiziere war im Schnitt dieselbe wie die der Offiziere. Sie bestand aus grauem, festem Baumwollstoff; das Abzeichen bildete eine gelbe Wollenborte mit Schleife an den Ärmeln. An Waffen trugen sie Repetiergewehr, Infanterie-Seitengewehr und Revolver. Als Fußbekleidung kamen sehr bald die für die Küste außerordentlich praktischen und auch haltbaren Schuhe aus Segeltuch auf, welche leicht sauber gehalten werden können, im Inneren natürlich Lederschuhe bezw. Stiefel.

Sobald die Verhältnisse es erlaubten, wurde zu einer systematischen Ausbildung der Truppe geschritten, und zwar in der Weise, daß dabei lediglich auf die praktischen Zwecke Gewicht gelegt wurde. Der gesamte Exerzierdienst zielte darauf ab, die Truppe zu einem geschlossenen Ganzen zu machen und in die Hand des Führers zu bringen. Infolgedessen fiel natürlich das eigentliche Garnisonsexerzieren mit seiner Krone, dem Parademarsch, so gut wie gänzlich weg, und an seine Stelle trat die desto eifrigere Übung des eigentlichen Gefechtsexerzierens.

Die Ausbildung der einzelnen Züge geschah unter den weißen Unteroffizieren, die Zusammenfassung der Züge in Kompagnieverbände unter den Offizieren, die der einzelnen Kompagnien endlich unter dem Hauptführer. Der Lage der Sache nach fiel die letztere Stellung je nach Bedarf entwederdem Stationschef oder dem Führer des Expeditionskorps zu. Die allergrößten Verdienste erwarb sich bei der Aufgabe, die Truppen einzuexerzieren und zu einem schlagfertigen Ganzen zu gestalten, nicht bloß bei dem ersten Kontingent, sondern auch bei dem später zu erwähnenden Nachschub Chef v. Zelewski. Mit unermüdlicher Ausdauer und ungemein großer Hingebung an die Sache verband er das größte Wohlwollen für alle seine Untergebenen. Er kannte die meisten Soldaten der Schutztruppe persönlich und war überall gleich beliebt.

Wenn nun aber der eigentliche Exerzierdienst und die Ausbildung der Leute zur Gefechtsschlagfertigkeit verhältnismäßig wenig Mühe machte, wenigstens nach Überwindung der ersten sprachlichen Schwierigkeiten, besonders nach Einführung des deutschen Kommandos, welches von den Sudanesen in überraschend kurzer Zeit begriffen und von den schwarzen Chargen sofort richtig angewendet wurde, — kamen doch die Sudanesen aus der egyptischen Armee und brauchten sich nur einem neuen Modus anzupassen —, so waren dafür die Schwierigkeiten bei den Schießübungen desto größer. Trotz der ausgedehnten Bemühungen seitens der Offiziere und Unteroffiziere sind wirklich gute Schießresultate nicht erzielt worden. Im Gefecht selbst schossen die Sudanesen, besonders in der ersten Zeit, blind darauf los, und es war ganz unmöglich, sie hier in den nötigen Schranken zu halten. So kam man bald dahin, ihnen das Einzelschießen im Gefecht vollständig zu untersagen: es durften nur noch Salven auf Kommando abgegeben werden. Der so erzielte Erfolg war durchaus genügend, und vor allen Dingen lernten sie auf diese Weise größere Besonnenheit und Kaltblütigkeit beim Gebrauch der Schußwaffe.

Noch größer als bei den Sudanesen waren die anfänglichen Schwierigkeiten bei den Zulus. Regulärer Kriegsdienst war ihnen gänzlich fremd. Die Bekleidung mit einer Uniform schien ihnen zum mindesten gänzlich überflüssig; die meisten hatten nicht einmal vom Gebrauch der einzelnen Kleidungsstücke einen Begriff und mußten erst dazu erzogen werden. Schuhwerk zeigte sich bei ihnen als gänzlich unangebracht. Ihre Uniform unterschied sich ursprünglich wesentlich von derder Sudanesen, später jedoch wurde dieselbe Uniform bei der gesamten Schutztruppe eingeführt.

Von Natur intelligent, begriffen die Zulus jedoch sehr bald den Wert der Disziplin, besonders nachdem ihnen in einigen Fällen die Notwendigkeit derselben handgreiflich vor Augen geführt worden war. Daß es nicht immer ganz glatt dabei abging, mag besonders ein Fall beleuchten, wo ein Zulu sich thätlich an seinem weißen Vorgesetzten vergriff. Nach Kriegsrecht wäre der Mann ja zweifellos mit dem Tode zu bestrafen gewesen. Der betreffende Stationschef jedoch ließ, und zwar besonders um den Geist der Leute zu prüfen, durch seine Kameraden über ihn aburteilen — und siehe da: — ihr Urteil lautete fast einstimmig auf Tod. Der Mann wurde jedoch zu Stockschlägen begnadigt. Da baten seine Kameraden durch eine Deputation um die Erlaubnis, das Urteil selbst vollstrecken, besonders aber auch die Zahl der Schläge bemessen zu dürfen. Mit Rücksicht auf den zu erhaltenden Geist in der Kompagnie wurde ihnen dieser Wunsch zugestanden. Der Delinquent erhielt nicht weniger als 150 Schläge mit dem Kiboko, der Flußpferdpeitsche und wurde dann, obwohl der Arzt keine erhebliche Beschleunigung des Pulses, noch auch sonstige bedenkliche Symptome zu erkennen vermochte, begnadigt, wie es schien — zur Unzufriedenheit seiner Genossen. 8 Tage darauf that er schon wieder Dienst und hat seitdem nie mehr zu irgend welchen Klagen Anlaß gegeben.

Der schwierigste Teil in der Ausbildung der Zulus war in weit höherem Maße noch als bei den Sudanesen das Schießen. Die Leute kannten zum bei weitem größten Teil gar keine Hinterlader; viele hatten nie ein Gewehr in der Hand gehabt und setzten infolgedessen ein recht geringes Vertrauen in die Waffe. Um so größer war ihr Vertrauen zur Führung, und zwar schon in den ersten Gefechten.

Mit Bravour stürzten sich die Zulus auf den Feind und ließen ihrer natürlichen, ungebändigten Wildheit die Zügel schießen, so daß es anfänglich nur sehr schwer gelang, sie vom Kopfabschneiden der Gefallenen und Verwundeten, und von sonstigen bestialischen Verstümmelungen der Feinde, wie sie beiihnen üblich sind, zurückzuhalten. Wir werden an manchen Stellen Beispiele hiervon finden.

Ein in der ersten Zeit der Ausbildung gemachter Versuch, die einzelnen Kompagnien aus Sudanesen und Zulus zu mischen, mißlang vollständig. Der Nationalcharakter beider Völker ist durchaus von einander verschieden und die Denk- und Anschauungsweise beider weicht so weit von einander ab, daß ein Zusammenwirken oder auch nur ein kameradschaftliches Zusammenleben sich als unmöglich erwies. Fortwährende Prügeleien machten dem Versuche bald ein Ende.

Wir haben noch einen Blick auf das Verhältnis zu werfen, welches zwischen den einzelnen deutschen Behörden in Ostafrika bestand. Diese Behörden waren der Reichskommissar, der Geschwaderchef (zuerst Admiral Deinhard, später Kapitän Valette), der Generalkonsul und die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. Nur zu häufig begegnet man der Anschauung, als ob durch die Übertragung des Reichskommissariats an Wißmann nunmehr alle diese Behörden in einer Hand vereinigt gewesen seien und als ob der Reichskommissar jedenfalls die oberste Behörde gewesen sei. Das ist aber durchaus niemals der Fall gewesen. Wenn der Reichskommissar die Mitwirkung der Marine in irgend einer Beziehung, sei es zur Landung von Truppen oder zur Beschießung eines Platzes oder auch nur zur Beobachtung eines solchen wünschte, wenn er die Marinekutter oder Dampfpinassen für den Dienst des Reichskommissariats benötigte, so war er keineswegs in der Lage, einfach seine Requisition zu machen, sondern er hatte in jedem Falle den Admiral um seine Mitwirkung zu bitten; und wenn dieselbe auch in den meisten Fällen anstandslos und sofort geschah, so blieb der Geschwaderchef doch immer eine vom Reichskommissar gänzlich unabhängige, in seinen Entschließungen durchaus freie Behörde. Dasselbe war in politischer Beziehung mit dem GeneralkonsulDr. Michahelles der Fall. Wenn irgend welche Anträge an den Sultan als Souverän der Küste und Sansibars zu stellen waren, wenn die Mitwirkung des Sultans in irgend einer Sache erwünscht oder nötig schien, wenn endlich bei der durchaus zweifelhaften Rolle, welche der Sultan in dem ganzen Aufstande spielte, — man wußte nierecht, ob die Araber der Küste nicht mit seinem Gelde und jedenfalls mit seiner Autorisation fochten, — es angebracht erschien, ihm seine Stellung zu den Deutschen gebührend vor Augen zu führen, so mußten solche politischen Verhandlungen regelmäßig unter Mitwirkung, zum Teil sogar unter Genehmigung des Generalkonsuls vorgenommen werden. Das Verhältnis ist nicht immer ein günstiges gewesen. Wenn man dem Generalkonsul auch keinen Vorwurf aus seiner Vorsicht machen kann, die ihm durch die Rücksicht auf die andern in Sansibar beteiligten Mächte geboten erschien, so sind doch zum Teil erhebliche Mißhelligkeiten nicht ausgeblieben. Jedenfalls wurde die Thätigkeit des Reichskommissars dadurch erschwert, daß zwei vollkommen selbständige Behörden neben ihm bestanden, deren einzelne Funktionen in die Aufgabe Wißmanns hineingriffen. Der Generalkonsul blieb immer die oberste politische Behörde in Sansibar. Audienzen beim Sultan, der Schriftverkehr des Kommissariats mit dem Sultanspalast mußten sich durch das Generalkonsulat hindurchbewegen.

Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, welche oben unter den selbständigen Behörden mitgenannt war, ist die einzige gewesen, welche vom Reichskommissar von vornherein abhängig war. Die ganze Küste stand ja unter dem direkten und unmittelbaren Befehl Wißmanns, und hier hatte sich die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft aller ihrer Rechte begeben, sogar ihre Stationen dem Reichskommissariat untergeordnet und durch besonderen Vertrag mit Wißmann einen Teil ihrer Beamten zur Verfügung gestellt. In Sansibar selbst mußte sie natürlich auf Grund des eben erst abgeschlossenen Küstenvertrages ihre Autorität behalten.

Hier wirkte als Generalvertreter nach Herrn Vohsen Herr von Saint-Paul-Illaire mit einem Beamtenstabe, welcher lediglich zur Erhebung der Ausfuhrzölle vom Festland Verwendung fand. Das Verhältnis der Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zum Reichskommissariat ist im großen und ganzen ein gutes gewesen. Die Wünsche der Gesellschaft, der es ja natürlich darauf ankam, so schnell als möglich wieder Fuß zu fassen, wurden vom Kommandanten und den Offizieren in jeder Weise berücksichtigt.

Zum Kapitel von der Ausbildung des Kommissariats gehört schließlich noch der regelmäßige Dampferverkehr, welcher von Sansibar aus durch die Flotte des Kommissariats mit der Küste unterhalten wurde. Die Aufgaben, welche dabei der Flottille zufielen, waren einmal die Versorgung der Stationen mit europäischen Bedürfnissen, dann der Depeschenverkehr und endlich die Besorgung der Post, welche zum erstenmal durch das Reichskommissariat auf dem Dampferwege an der Küste eingeführt wurde.

Diese Post besorgte die Briefe für die Truppe, später auch für die Beamten der Gesellschaft; ja, auch die Araber- und Inderpost wurde durch das Reichskommissariat erledigt. Im Hauptquartier in Sansibar befand sich die Annahme. Dort wurden die Postbeutel für die einzelnen Stationen fertig gestellt und versiegelt durch die Dampfer des Kommissariats befördert, sehr zur Freude besonders des kaufmännischen Teils der Küstenbevölkerung, die zum erstenmal eine regelmäßige Briefbeförderung erlebte.

Fußnoten:[2]In Ostafrika und tropischen Malariagegenden sich Aufhaltenden, besonders neu dahin herausgehenden sei empfohlen: »Ärztlicher Ratgeber für Ostafrika und tropische Malariagegenden« von StabsarztDr.Kohlstock.[3]Später wurden die Truppen durchgehends mit dem neuesten Seitengewehr ausgerüstet.

[2]In Ostafrika und tropischen Malariagegenden sich Aufhaltenden, besonders neu dahin herausgehenden sei empfohlen: »Ärztlicher Ratgeber für Ostafrika und tropische Malariagegenden« von StabsarztDr.Kohlstock.

[2]In Ostafrika und tropischen Malariagegenden sich Aufhaltenden, besonders neu dahin herausgehenden sei empfohlen: »Ärztlicher Ratgeber für Ostafrika und tropische Malariagegenden« von StabsarztDr.Kohlstock.

[3]Später wurden die Truppen durchgehends mit dem neuesten Seitengewehr ausgerüstet.

[3]Später wurden die Truppen durchgehends mit dem neuesten Seitengewehr ausgerüstet.


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