The Project Gutenberg eBook ofGeschichte des Prinzen BiribinkerThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Geschichte des Prinzen BiribinkerAuthor: Christoph Martin WielandEditor: Carl SchüddekopfRelease date: August 13, 2014 [eBook #46580]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DES PRINZEN BIRIBINKER ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Geschichte des Prinzen BiribinkerAuthor: Christoph Martin WielandEditor: Carl SchüddekopfRelease date: August 13, 2014 [eBook #46580]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Title: Geschichte des Prinzen Biribinker
Author: Christoph Martin WielandEditor: Carl Schüddekopf
Author: Christoph Martin Wieland
Editor: Carl Schüddekopf
Release date: August 13, 2014 [eBook #46580]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DES PRINZEN BIRIBINKER ***
Original-Bucheinband
Original-Bucheinband
INHALT(wurde für den vorliegenden Text eingefügt)SeiteEinleitungVGeschichte des Prinzen Biribinker.1Fortsetzung der Geschichte des Prinzen Biribinker.52
INHALT(wurde für den vorliegenden Text eingefügt)SeiteEinleitungVGeschichte des Prinzen Biribinker.1Fortsetzung der Geschichte des Prinzen Biribinker.52
WielandGeschichte des Prinzen Biribinker
KulturhistorischeLiebhaberbibliothekBand 11
von
Wieland
Herausgegeben und eingeleitetvon
Dr.Carl Schüddekopf
Dritte Auflage.
Verlags-Signet
Berlin und LeipzigMagazin-Verlag Jacques Hegner1904
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten
Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig
„Wieland als Konvertit“ ist eins der merkwürdigsten Probleme unsrer vorklassischen Literatur, die an intimen persönlichen Bekenntnissen nicht eben reich ist. Wie sich der junge, weltfremde Gelehrte aus einem schwärmerischen Heiligen zum frivolen Spötter wandelt, wie er am Schluß seines Schweizer Aufenthalts aus den seraphischen Sphären Bodmers zur Erde herabsteigt und in Biberach Freunde wie Feinde durch die radikalsten Zeugnisse seiner Umkehr in Staunen setzt, ist sicherlich eins der interessantesten Kapitel in der noch zu schreibenden Biographie des Dichters. Derselbe Wieland, der noch am 27. August 1758 in einem ausführlichen ungedruckten Briefe an den Braunschweiger Professor Ebert schrieb: „Einbel-Espritist allemal auch ein Glied der menschlichen Gesellschaft; und ich schätze ihn nur alsdann, wenn er alsbel-Espritder Gesellschaft nützlich ist. Der Mißbrauch des Genie und der Künste hat mich schon lange äußerst gekränkt, und es war eincreve-cœurfür mich, Deutschland mit tändelnden Poesien und läppischen Nachahmungen des Anakreon, unddergleichen überhäuft zu sehen. – Ich konnte nicht kaltsinnig von Leuten sprechen, die ich als Verführer der Jugend und Verderber des ächten Geschmaks einer gantzen Nation ansehen mußte“ – derselbe unduldsame Gegner der Anakreontik hatte, als er diesen Brief schrieb, auf den meisten Punkten bereits den Rückzug angetreten. Schon damals spielte er gern mit seinen Meinungen, wie Goethe später von ihm sagte; denn um dieselbe Zeit bedauert er seine übertriebenen Angriffe auf Uz und Genossen, empfiehlt als kräftiges Gegenmittel gegen die platonische Schwärmerei den Plutarch und Don Quixote und entwirft den Plan zu einem satirischen Roman nach Lucian. Das wichtigste literarische Dokument für diesen psychologischen Prozeß in Wieland ist aber das Feenmärchen, das wir der in jüngster Zeit sich wieder mehrenden Zahl von Freunden des Dichters hier in einem Neudruck vorlegen.
Die „Geschichte des Prinzen Biribinker“ ist ursprünglich nicht separat erschienen, sondern sie ist eine freilich nur lose eingefügte Innenerzählung des ersten großen Wielandschen Romans, der unter dem Titel „Der Sieg der Natur über die Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Sylvio von Roselva, Eine Geschichte, worinn alles Wunderbare natürlich zugeht“, im Jahre 1764 zu Ulm erschien. Daß dieser Don Sylvio eine direkte Nachahmung des Don Quixote ist, hat der Dichterselbst später bestätigt; wie Cervantes seinen Helden durch die Ritterromane, so läßt Wieland den Don Sylvio auf dem einsamen Schloß seiner Tante, der Donna Mencia, durch die Lektüre der Feenmärchen den Sinn für die Wirklichkeit verlieren und mit seinem Diener Pedrillo, dem Pendant zum Sancho Pansa, eine Reihe erträumter Abenteuer bestehen, bis er durch die Liebe zu Donna Felicia und die Bemühungen seines Freundes Don Gabriel von seiner Schwärmerei geheilt wird. Ein Radikalmittel des letzteren ist die Geschichte des Prinzen Biribinker, die er an einem schönen Sommerabend in der Laube des Gartens von Schloß Lirias der Gesellschaft, die bereits auf das abenteuerlichste vorbereitet ist, erzählt, um dadurch eine Probe zu machen, „wie weit das Vorurtheil und die Einbildung bei unserm Helden gehe“. Es gelingt ihm in der Tat, den Don Sylvio zunächst unter Berufung auf seine Quelle, den glaubwürdigen Geschichtsschreiber Paläphatus, zu täuschen und später durch die Enthüllung, daß die ganze Geschichte von seiner eignen Erfindung sei, zu beschämen und von seinem Glauben an das Übernatürliche zu heilen.
Ein literarisches Symbol für die menschliche Selbstbefreiung, die der Dichter in den letzten Jahren selbst durchgemacht hatte! Wie Don Sylvio von seiner Schwärmerei für das Wunderbare durch Don Gabriel und Donna Felicia geheilt wird,so befreite sich Wieland in Biberach durch den Verkehr mit dem Grafen Stadion und Sophie la Roche von seiner platonischen Schwärmerei; auch bei ihm siegte die Natur!
Um den Don Sylvio zu kurieren, wählt Don Gabriel das wirksamste Mittel: er sucht den ganzen Feenspuk durch Verspottungad absurdumzu führen. Diese Karrikatur ist bis zum Schluß folgerichtig durchgeführt, und ich kann Scherers Ansicht, daß Wieland die Feenmärchen verspotte, „um selbst den Eingang in ihre Zaubergärten zu erlangen“ – ein Vorgang also, wie wir ihn etwa bei Hauffs Satire gegen Clauren beobachten – wenigstens für diese Zeit nicht teilen. Wielands spätere romantische Dichtungen beruhen auf ganz anderen literarischen Voraussetzungen, wie der Don Sylvio.
Aus dieser Tendenz des Romans und der kleinen Innenerzählung ergibt sich schon mit Notwendigkeit, daß der Dichter die zu parodierenden Feenmärchen selbst heranziehen und benutzen mußte. Denn darin besteht der Hauptreiz jeder Karrikatur, daß sie die vorhandene Vorlage übertrumpft und überbietet. In der Tat ist denn auch die Geschichte des Prinzen Biribinker ein Meisterstück der Entlehnungskunst, die bei Wieland überhaupt so virtuos ausgebildet ist. Durch mehrere Untersuchungen von Mayer (Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte 5, 374), Tropsch (Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte, Neue Folge, 12, 454und Euphorion, Ergänzungsheft 4, 32), Martens (Untersuchungen über Wielands Don Sylvio, Halle 1901) und Steinberger (Lucians Einfluß auf Wieland, Göttingen 1902) ist in den letzten Jahren die Quellenfrage geklärt und der Einfluß, den neben Cervantes die französischen Feenmärchen und Lucian auf den Don Sylvio im allgemeinen und speziell auf den Biribinker ausgeübt haben, zur Genüge nachgewiesen. Die meisten Namen (wie Padmanaba, Caramussal, Caraculiamborix) und eine Fülle von Motiven und Situationen lassen sich auf die genannten Vorbilder zurückführen. Das literarhistorische Interesse an diesen Entlehnungen würde allein genügen, um der kleinen Erzählung dauernden Wert zu verleihen.
Aber auch was Wieland Eigenes hinzugefügt hat, ist wichtig. Ich meine nicht sowohl die Führung der Erzählung, die witzige Verspottung der unsinnigen Abenteuer des Helden, die in der Tragik seines Namens „Biribinker“ und in dessen Umwandlung in „Cacamiello“ gipfelt, sondern die virtuose Art, mit der die Moral gleicherweise auf den Kopf gestellt wird wie die physischen Gesetze. Eine so beißende und doch graziöse Unterhaltung über die weibliche Tugend, wie sie die schöne Mirabella mit dem Helden unsrer Erzählung führt, war in der deutschen Literatur etwas bis dahin Unerhörtes; und es ist kein Wunder, daß Wielands Freundin Julie v. Bondeli sie ihm verdachte. Seinen Zweck,«de turlupiner certaines femmes, qui osent prétendre au sentiment et ne sont au font que des espèces méprisables», wie er am 16. Juli 1764 an sie schreibt, hat er zweifelsohne ebenso erreicht, wie Hogarth mit seinen Zeichnungen, auf die er sich beruft.
Die „Geschichte des Prinzen Biribinker“ ist endlich deswegen von besonderem Interesse, weil sie Reste eines älteren Planes zu einem verlorenen Roman Wielands herübernimmt, der eine Nachahmung von Lucians Ảλεθὴς Ἱστορία werden sollte. Wieland schreibt darüber am 20. März 1759 an J. G. Zimmermann (Ausgewählte Briefe I, 345): „So bald Sie verlangen, so will ich Ihnen das erste Buch von Lucian des Jüngern wahrhafter Geschichte zusenden. Es ist ein Manuscript, dessen Verfasser der Welt ein Geheimniß bleiben muß.Il y va presque de la tête.“ Am 27. März heißt es vom ersten Buch dieser Geschichte:«il n’est pas encore assez poli, et le second livre n’est pas achevé». Näheres geht aus Wielands Brief an Zimmermann vom 6. April 1759 (Ausgewählte Briefe I, 352) hervor, worin er schreibt:«Si mon plan devoit être exécuté, j’en donnerois III tomes, chacun composé de plusieurs livres et chapitres. Le premier tome seroit le plus extravagant. Le second livre de I. tome, qui fait celui que je vous ai envoyé, contient la description de deux Républiques, le troisième celle d’un Etat d’Abeilles intelligentes, le quatrième celle d’une nation, nommée Pagodes,dont le gouvernement, les mœurs et la religion sont tout ce qu’il y a de plus détestable. Le cinquième contiendra un voyage très-singulier dans le ventre d’une Baleine, avec les aventures merveilleuses et intéressantes, qui arrivent à l’auteur dans cette étrange région.»Wieland bittet Zimmermann um sein Urteil, indem er zugleich das erste Kapitel des Buchs übersendet; obwohl es günstig ausfiel und die Fortsetzung folgte (Ausgewählte Briefe I, 361), hat Wieland doch später das Manuskript vernichtet, infolge einer abfälligen Kritik, die seine Freundin Julie v. Bondeli über derartige Satiren fällte. Nur einiges davon ist später in die Geschichte des Prinzen Biribinker übergegangen, so der Bienenstaat (Seite 14 unseres Neudruckes) und die Begebenheiten im Walfischbauch (Seite 93 ff.).
All diese Gründe rechtfertigen wohl zur Genüge einen Neudruck der witzigen kleinen Satire; es kommt hinzu, daß sie als ein abgeschlossenes Ganzes sich leicht aus dem Rahmen des umfangreichen „Don Sylvio“ herauslösen läßt, wie schon der Umstand beweist, daß bereits der erste Verleger des Wielandschen Romans fünf Jahre nach seinem Erscheinen eine besondere Ausgabe davon veranstaltete. Diesem ersten seltenen Einzeldruck sind wir in der äußeren Einkleidung, bis auf Wiedergabe der Kopf- und Schlußleisten gefolgt und haben dementsprechend die Zwischenreden der handelnden Personen des Romans fortfallen lassen;daß dagegen dem Text selbst die erste Ausgabe von 1764 zugrunde zu legen sei, konnte nicht zweifelhaft sein. Schon der Einzeldruck von 1769 zeigt einige wichtige Abweichungen (z. B. „nicht einmal“ für „nur nicht“ 14,5. 23,16, „weiß“ für „weißt“ 4,4. 70,16. 83,16. 136,22), denen die späteren Ausgaben von 1772 und 1794 so viele sprachliche und stilistische Veränderungen hinzufügen, daß neben ihnen die erste Fassung stets ihre Geltung behaupten wird. Weiter prätendirt unser Neudruck nichts. Sache der großen historisch-kritischen Ausgabe, die von der Berliner Akademie der Wissenschaften unter Bernhard Seufferts Leitung ins Leben gerufen wird, muß es sein, die Veränderungen, die der Dichter während seiner langen schriftstellerischen Tätigkeit an seinen Werken vornahm, zu verzeichnen, damit endlich ein über hundert Jahre alter Wunsch erfüllt werde, den Goethe 1795 in seiner Streitschrift: „Litterarischer Sansculottismus“ aussprach: aufmerksame Bibliothekare möchten eine Sammlung aller Ausgaben von Wielands Werken veranstalten, damit ein verständiger fleißiger Literator aus den stufenweisen Korrekturen dieses unermüdet zum Bessern arbeitenden Schriftstellers die ganze Lehre des Geschmacks entwickeln könne.
Weimar, im Februar 1904.
Dr.Carl Schüddekopf.
Geschichte des Prinzen Biribinker
I
In einem Lande, dessen weder Strabo noch Martiniere Erwähnung thun, lebte einst ein König, der den Geschichtschreibern so wenig zu verdienen gab, daß sie aus Rachbegierde mit einander einig wurden, so gar seine Existenz bey der Nachwelt zweiffelhaft zu machen. Allein alle ihre boßhaften Bemühungen haben nicht verhindern können, daßsich nicht einige glaubwürdige Urkunden erhalten hätten, in denen man alles findet, was sich ungefehr von ihm sagen ließ. Diesen Urkunden zufolge war er eine gute Art von einem Könige, machte des Tages seine vier Mahlzeiten, hatte einen guten Schlaf, und liebte Ruhe und Frieden so sehr, daß es bey hoher Strafe verboten war, die blossen Namen Degen, Flinte, Canone und dergleichen in seiner Gegenwart zu nennen. Das merkwürdigste an seiner Person, (sagen die bemeldten Urkunden) war ein Wanst von einer so majestätischen Peripherie, daß ihm die grösten Monarchen seiner Zeit hierinn den Vorzug lassen mußten. Ob ihm der Beyname des Grossen, den er bey seinen Lebzeiten geführt haben soll, um dieses nehmlichen Wanstes oder einer andern geheimen Ursache willen gegeben worden, davon läßt sich nichts gewisses sagen; so viel aber ist ausgemacht, daß in dem ganzen Umfange seines Reichs niemand war, den dieser Beyname einen einzigen Tropfen Bluts gekostet hätte. Wie es darum zu thun war, daß seine Majestät aus Liebe zu dero Völkern und zu Erhaltung der Thron-Folgein dero Familie, sich vermählen sollte, so hatte die Academie der Wissenschaften nicht wenig zu thun, vermittelst der gegebenen Grösse des königlichen Wanstes und einiger anderer Verhältnisse die Figur derjenigen Princeßin zu bestimmen, welche man würdig halten konnte, die Hofnungen der Nation zu erfüllen. Nach einer langen Reyhe von academischen Sitzungen wurde endlich die verlangte Figur, und durch eine grosse Menge von Gesandtschaften, die an alle Höfe von Asien geschickt wurden, die Princeßin ausfindig gemacht, die mit dem gegebenen Modell übereinstimmte. Die Freude über ihre Ankunft war ausserordentlich, und das Beylager wurde mit so grosser Pracht vollzogen, daß sich wenigstens fünfzig tausend Paare von den königlichen Unterthanen entschliessen mußten ledig zu bleiben, um seiner Majestät die Unkosten von dero Hochzeit bestreiten zu helfen. Der Präsident der Academie, der, ungeachtet er der schlechteste Geometer seiner Zeit war, sich alle Ehre der obgedachten Erfindung beyzulegen gewußt hatte, glaubte mit gutem Grunde, daß nunmehr seinganzes Ansehen von der Fruchtbarkeit der Königin abhange, und weil er in der Experimental-Physik ungleich stärker war, als in der Geometrie, so fand er, man weißt nicht was für ein Mittel, die Berechnungen der Academie zu verificiren. Kurz, die Königin gebahr zu gehöriger Zeit den schönsten Prinzen, der jemals gesehen worden ist, und der König hatte eine so grosse Freude darüber, daß er den Präsidenten auf der Stelle zu seinem ersten Vezier ernannte.
Sobald der Prinz gebohren war, versammelte man zwanzig tausend junge Mädchen von ungemeiner Schönheit, die man zum voraus aus allen Enden des Reichs zusammen berufen hatte, um eine Säugamme für ihn auszuwählen. Man muß gestehen, daß unter allen diesen jungen Mädchen nicht eine einzige Jungfer war; allein man glaubte, sie würden sich nur desto besser zu dem ehrenvollen Amte schicken, wozu man sie nöthig hatte, und wozu sich jede die meiste Hofnung machte, weil der erste Leibartzt ausdrücklich verordnet hatte, daß die Wahl auf die schönste fallen sollte.Aus zwanzig tausend schönen die schönste auszuwählen, ist keine so leichte Commißion, als man denken möchte; auch hatte der Leibartzt, ungeachtet er eine gute Brille auf der Nase sitzen hatte, so viel Mühe, einen zureichenden Grund zu finden, warum er einer vor der andern den Vorzug geben sollte, daß bereits der dritte Tag sich zum Ende neigte, ehe er es nur so weit gebracht hatte, die Kandidatinnen von zwanzig tausend auf vier und zwanzig zu bringen. Allein, da doch endlich eine Wahl getroffen werden mußte, so war er eben im Begriff unter den vier und zwanzig einer grossen Brunette den Vorzug zu geben, weil sie unter allen den kleinsten Mund und die schönste Brust hatte, Eigenschaften, die, wie er versicherte,GalenusundAvicennaschlechterdings von einer guten Amme fordern; als man unvermuthet eine gewaltig grosse Biene nebst einer schwarzen Ziege ankommen sah, welche vor die Königin gelassen zu werden begehrten.
Frau Königin, sprach die Biene, ich höre, sie brauchen eine Amme für ihren schönen Prinzen.Wenn sie das Vertrauen zu mir haben wollten, mir vor diesen zweybeinigten Creaturen den Vorzug zu geben, so sollte es sie gewiß nicht gereuen. Ich will den Prinzen mit lauter Honig von Pomeranzen-Blüthen säugen, und sie sollen ihre Lust daran sehen, wie groß und fett er dabey werden soll. Sein Athem soll so lieblich riechen wie Jasmin, sein Speichel soll süsser seyn als Canarien-Sect, und seine Windeln ––
Gestrenge Frau Königin, fiel ihr die Ziege ins Wort, nehmen sie sich vor dieser Biene in Acht, das will ich ihnen als eine gute Freundin gerathen haben. Es ist wahr, wenn ihnen sehr viel daran gelegen ist, daß ihr junges Herrchen süß werde, so taugt sie dazu besser als irgend eine andere; aber es laurt, wie das Sprüchwort sagt, eine Schlange unter den Blumen. Sie wird ihn mit einem Stachel begaben, der ihm unendlich viel Unglück zuziehen wird. Ich bin nur eine schlechte Ziege; aber ich schwöre eurer Majestät bey meinem Bart, meine Milch wird ihm weit besser zuschlagen als ihrHonig; und wenn er schon weder Nectar noch Ambrosia machen wird, so versprech ich ihnen hingegen, daß er der tapferste, der weiseste und der glücklichste unter allen Prinzen seyn soll, die jemals Ziegenmilch getrunken haben.
Jedermann verwunderte sich, da man die Ziege und die dicke Biene so reden hörte. Allein die Königin merkte gleich, daß es zwoFeenseyn müßten, und dieses machte sie eine ziemliche Weile unschlüßig, was sie thun sollte. Endlich erklärte sie sich für die Biene; denn weil sie ein wenig geitzig war, so dachte sie: Wenn die Biene ihr Wort hält, so wird der Prinz allenthalben so viel Süßigkeiten von sich geben, daß man das Confect für die Tafel wird ersparen können. Die Ziege schien es sehr übel zu nehmen, daß sie abgewiesen wurde: sie meckerte dreymal etwas unverständliches in ihren Bart hinein, und siehe! da erschien ein prächtig lackirter und vergoldeter Wagen von acht Phönixen gezogen; die schwarze Ziege verschwand in dem nehmlichen Augenblick, und an ihrer statt saheman ein kleines altes Weibchen in dem Wagen sitzen, die mit vielen Drohungen gegen die Königin und den jungen Prinzen, durch die Luft davon fuhr. Der Leib-Medicus war über eine so seltsame Wahl nicht weniger mißvergnügt, und wollte der Brunette mit dem schönen Busen den Antrag machen, ob sie nicht Lust hätte, die Stelle einer Haußmeisterin bey ihm einzunehmen; allein zum Unglück kam er schon zu spät, und mußte sichs gefallen lassen mit einer von den übrigen neunzehn tausend, neun hundert und sechs und siebenzig vorlieb zu nehmen; denn die vier und zwanzig waren alle schon bestellt.
Inzwischen machten die Drohungen der schwarzen Ziege dem Könige so bang, daß er noch an dem nehmlichen Abend seinen Staats-Rath versammlete, um sich zu berathen, was bey so gefährlichen Umständen zu thun seyn möchte; denn weil er gewohnt war, sich alle Nacht mit Mährchen einschläfern zu lassen, so wußte er wohl, daß die Feen nicht für die Langeweile zu drohen pflegen. Nachdem nun dieweisen Männer alle bey einander waren, und ein jeder seine Meynung gesagt hatte, so befand sichs, daß sechs und dreyßig Räthe in grossen viereckichten Perücken, nicht weniger als sechs und dreyßig Vorschläge gethan hatten, wovon an jedem wenigstens sechs und dreyßig Schwierigkeiten ausgesetzt wurden; man stritt in mehr als sechs und dreyßig Seßionen mit vieler Lebhaftigkeit, und der Prinz würde vermutlich mannbar geworden seyn, ehe man eines Schlusses hätte einig werden können, wenn nicht der Favoritt Hof-Narre seiner Majestät den Einfall gehabt hätte, daß man eine Gesandtschaft an den grossen ZaubererCaramussalschicken sollte, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnte, und von allen Orten her wie ein Orackel um Rath gefragt wurde. Weil nun der Hofnarr das Herz des Königs hatte, und in der That für den feinsten Kopf des ganzen Hofes gehalten wurde, so fiel ihm jedermann bey, und in wenig Tagen wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, welche, die Taggelder zu ersparen, mit so grosser Geschwindigkeit reiseten, daß sie in drey Monaten aufder Spitze des Berges Atlas anlangten, ob er gleich bey nahe zwey hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt war.
Sie wurden so gleich vor den grossenCaramussalgelassen, der in einem prächtigen Saal auf einem Throne von Ebenholtz sitzend, den ganzen Tag genug zu thun hatte, auf alle die wunderlichen Fragen Antwort zu geben, die aus allen Theilen der Welt an ihn gebracht wurden. Der erste Abgesandte, nachdem er sich den Bart gestrichen und dreymal geräuspert hatte, öfnete eben einen ziemlich grossen Mund um eine schöne Anrede herzusagen, die ihm sein Secretair aufgesetzt hatte, als ihnCaramussalunterbrach; Herr Abgesandter, sagte er, ich schenke ihnen ihre Rede, ob ich es ihnen gleich an ihrer Physionomie ansehe, daß sie sehr hübsch gelautet haben würde; ich habe selbst den ganzen Tag so viel zu reden, daß mir keine Zeit zum hören übrig bleibt; und zu dem, so weiß ich schon voraus, was sie bey mir anzubringen haben. Sagen sie dem König, ihrem Herrn, er habe sich an der FeeCaprosineeine mächtige Feindin gemacht; indessen sey es doch nicht unmöglich, die Zufälle, so sie dem Prinzen angedroht habe, auszuweichen, wenn man die gehörige Vorsicht gebrauche, daß er vor seinem achtzehnten Jahre keinMilchmädchenzu sehen bekomme. Weil es aber, aller Vorsicht ungeachtet, eine sehr schwere, wo nicht unmögliche Sache ist, seinem Schicksal zu entgehen, so seye mein Rath, daß man, um auf alle Fälle gefaßt zu seyn, dem Prinzen den NamenBiribinkergebe, dessen geheime Kräfte allein mächtig genug sind, ihn aus allen den Abentheuern, die ihm zustossen könnten, glücklich heraus zu führen. Mit diesem Bescheid entließCaramussaldie Gesandtschaft, welche nach Verfluß abermaliger drey Monate, unter allgemeinem Zujauchzen des Volks wieder in der Hauptstadt ihres Landes anlangte.
Der König fand die Antwort des grossenCaramussalso ungereimt, daß er grosse Lust hatte, darüber böse zu werden. Bey meinem Bauch, rief er, (denn das war sein grosser Schwur) ich glaube, der grosse Caramussalhat seinen Spaß mit uns –Biribinker! was für ein verfluchter Name das ist! Hat man auch jemals gehört, daß ein PrinzBiribinkergeheissen hätte? Ich möchte doch wohl wissen, was für eine geheime Kraft in diesem närrischen Namen stecken soll? Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, das Verbot, ihm vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmädchen sehen zu lassen, däucht mich nicht viel gescheidter. Warum dann gerade kein Milchmädchen? Und seit wenn sind die Milchmädchen gefährlicher als andere Mädchen? Wenn er noch gesagt hätte, keine Tänzerin oder kein Kammerfräulein von der Königin, das wollt ich noch gelten lassen; denn, unter uns, ich wollte nicht gut dafür seyn, daß ich nicht selbst gelegenheitlich eine kleine Anfechtung von dieser Art bekommen könnte. Indessen, weil es der grosseCaramussalnun einmal so haben will, so mag der Prinz immerhinBiribinkerheissen; er wird wenigstens der erste dieses Namens seyn, und das gibt einem doch immer ein gewisses Ansehen in der Historie; und was die Milchmädchen anbetrift, so willich schon Anstalt machen, daß auf fünfzig Meilen um meine Residenz weder Kuh noch Ziege, Melk-Kübel noch Milchmädchen zu finden seyn soll.
Der König, dessen geringste Sorge war die Folgen seiner Entschliessungen vorher zu überlegen, war würklich im Begriff ein Edict deßhalb ergehen zu lassen, als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche Deputation vorstellen ließ, daß es sehr hart, um nicht gar tyrannisch zu sagen, heraus kommen würde, wenn Sr. Majestät getreue Unterthanen gezwungen werden sollten, den Caffee künftig ohne Milchrahm zu trinken; und weil die vorläufige Nachricht von diesem Edict würklich schon ein grosses Murren unter dem Volk erregte: so mußten sich Seine Majestät endlich entschliessen, nach dem Beyspiele so vieler andern Könige in den Feen-Geschichten, dero Cron-Prinzen unter der Aufsicht seiner Amme, der Biene, von sich zu entfernen, und es ihrer Klugheit zu überlassen, wie sie ihn vor den Nachstellungen der FeeCaprosineund vor den Milchmädchen sicher stellen wollte.
DieBienebrachte also den kleinen Prinzen in einen grossen Wald, der wenigstens zwey hundert Meilen im Umfang hatte, und so unbewohnt war, daß man in seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden hätte. Sie baute durch ihre Kunst einen unermeßlichen Bienenkorb von rothem Marmor, und legte um denselben einen Park von Pomeranzen-Bäumen an, der sich über fünf und zwanzig Meilen in die Länge und Breite erstreckte. Ein Schwarm von hundert tausend Bienen, deren Königin sie war, beschäftigte sich für den Prinzen und das Serail der Königin Honig zu machen, und damit man seinetwegen vollkommen sicher seyn könnte, so wurden rings um den Wald alle fünf hundert Schritte Wespen-Nester angelegt, welche Befehl hatten, die Grenzen aufs schärfste zu bewachen.
Indessen wuchs der Prinz heran, und übertraf durch seine Schönheit und wunderbare Eigenschaften alles, was jemals gesehen worden ist. Er spuckte lauter Syrup, er pißte lauter Pomeranzen-Blüth-Wasser, und seine Windelnenthielten so köstliche Sachen, daß sie von Zeit zu Zeit der Königin zugeschickt werden mußten, damit sie an Gala-Tägen ihren Nach-Tisch daraus verbessern konnte. So bald er zu reden anfieng, lallte er Concetti und Epigrammata, und sein Witz wurde nach und nach so stachlicht, daß ihm keine Biene mehr gewachsen war, ob gleich die dümmste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von den vierzigen derAcademie Francoise.
Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte, regte sich ein gewisser Instinct bey ihm, der ihm sagte, daß er nicht dazu gemacht seye, sein Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen. Die FeeMelisotte, (so nannte sich seine Amme) wandte zwar alles an, ihn aufzumuntern und zu zerstreuen; sie verschrieb ihm eine Anzahl sehr geschickter Katzen, die ihm alle Abend ein Französisches Concert oder eine Opera vonLullivormauen mußten; er hatte ein Hündchen, das auf dem Seil tanzte, und ein dutzend Papagayen und Elstern, die sonstnichts zu thun hatten, als ihm Mährchen zu erzählen, und ihn mit ihren Einfällen zu unterhalten; allein das wollte alles nichts helfen;Biribinkersann Tag und Nacht auf nichts anders, als wie er aus seiner Gefangenschaft entwischen möchte. Die gröste Schwierigkeit, die er dabey sah, waren die verwünschten Wespen, die den Wald bewachten, und in der That kleine Thierchen waren, die einen Herkules hätten erschrecken können, denn sie waren so groß wie junge Elephanten, und ihr Stachel hatte die Figur und bey nahe auch die Grösse der Morgensterne, deren sich die alten Schweitzer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freyheit zu bedienen pflegten. Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung über seine Gefangenschaft unter einen Baum geworfen hatte, näherte sich ihm eine Hummel, die wie alle übrigen männlichen Bewohner des Bienenstocks die Grösse eines halb gewachsenen Bären hatte.
PrinzBiribinker, sagte die Hummel, wenn sie Langeweile haben, so versichere ich sie,daß es mir noch schlimmer geht: Die FeeMelisotte, unsre Königin, hat mir seit etlichen Wochen die Ehre angethan, mich zu ihrem Liebling zu erkiesen; aber ich gestehe ihnen, daß ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin. Sie hat, unter uns geredet, über fünf tausend Hummeln in ihrem Serail, die gewiß nicht müßig sind; ich wollte mich nicht beschweren, wenn sie mich den übrigen gleich hielte; aber, Sapperment! der Vorzug, den sie mir gibt, fängt mir an beschwerlich zu fallen; ich sage ihnen, daß es nicht länger auszustehen ist. Wenn sie wollten, Prinz, so wäre es ihnen ein leichtes sich selbst und mir die Freyheit zu verschaffen. – Was ist denn zu thun, fragte der Prinz? – Ich bin nicht allezeit eine Hummel gewesen, antwortete der mißvergnügte Liebling, und sie allein sind im Stande mir meine erste Gestalt wieder zu geben. Setzen sie sich auf meinen Rücken; es ist Abend, und die Königin ist in ihrer Celle in Geschäften begriffen, die ihr keine Freyheit lassen, sich um etwas anders zu bekümmern. Ich will mit ihnen davon fliegen; aber sie müssen mir versprechen,daß sie thun wollen, was ich von ihnen verlange. Der Prinz versprach es ihm, er setzte sich ohne Bedenken auf, und die Hummel flog so schnell mit ihm davon, daß sie in sieben Minuten aus dem Walde waren. Nunmehro, sprach die Hummel, sind sie in Sicherheit. Die Macht des alten ZauberersPadmanaba, der mich in diese Umstände gebracht hat, erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen; aber hören sie was ich ihnen sagen werde. Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen, so werden sie endlich in eine grosse Ebene kommen, wo sie eine Heerde himmelblauer Ziegen sehen werden, die um eine kleine Hütte herum weiden. Nehmen sie sich ja in acht, daß sie nicht in die Hütte hinein gehen, oder sie sind verlohren. Halten sie sich immer linker Hand, und gehen sie fort, bis sie endlich zu einem verfallenen Pallast kommen, dessen noch übrige Pracht ihnen beweisen wird, was er ehmals gewesen ist. Sie werden durch etliche Höfe an eine grosse Treppe von weissem Marmor kommen, welche sie in einen langen Gang führen wird, wo sie zu beyden Seiten eine Mengeprächtiger und hell erleuchteter Zimmer finden werden. Gehen sie ja in keines derselben hinein, sonst schließt es sich augenblicklich von selbst wieder zu, und keine menschliche Gewalt kan sie wieder heraus bringen. Sie werden aber eines davon verschlossen finden, und dieses wird sich öfnen, so bald sie den NamenBiribinkeraussprechen. In diesem Zimmer bringen sie die Nacht zu, das ist alles, was ich von ihnen verlange. Glückliche Reise, gnädiger Herr, und wenn sie sich bey meinem Rath wohl befinden, so vergessen sie nicht, daß ein Dienst des andern werth ist.
Mit diesen Worten flog die Hummel davon, und ließ den Prinzen in keiner mittelmässigen Erstaunung über alles, was sie ihm gesagt hatte. Voller Ungedult nach den wundervollen Begebenheiten, die ihm bevor stunden, gieng er die ganze Nacht durch, denn es war Mondschein und mitten im Sommer. Des Morgens erblickte er die Wiese, die Hütte und die himmelblauen Ziegen. Er erinnerte sich des Verbots gar wohl, das die Hummel ihm so nachdrücklicheingeschärft hatte; allein er fühlte beym Anblick der Ziegen und der Hütte eine Art von Anziehung, der er nicht widerstehen konnte. Er gieng also in die Hütte hinein, und fand niemand darinn als ein junges Milchmädchen in einem schneeweissen Leibchen und Unterrock, die im Begriff war etliche Ziegen zu melken, die an einer diamantnen Krippe angebunden stunden. Der Melk-Kübel, den sie in ihrer schönen Hand hatte, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin und Pomeranzen-Blüthen bestreut. Alles dieses war freylich bewundernswürdig genug, allein der Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schönheit des jungen Mädchens geblendet. In der That Venus in dem Augenblick, da sie von den Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde, oder die junge Hebe, wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nectar einschenkte, waren weder schöner noch reitzender als dieses Milchmädchen. Ihre Wangen beschämten die frischesten Rosen, und die Perlenschnuren, womit ihre Arme und ihre kleinennetten Füßchen umwunden waren, schienen nur dazu zu dienen, die blendende Weisse derselben zu erhöhen. Nichts konnte zierlicher und reitzender seyn als ihre Gesichts-Züge und ihr Lächeln, über ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Unschuld ausgebreitet, und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen namenlosen Reitz, dem die Herzen beym ersten Anblick entgegen fliegen. Diese bezaubernde Person schien auf eine eben so angenehme Art über den PrinzenBiribinkerbetroffen, als er über sie; halb unschlüßig, ob sie bleiben oder fliehen wollte, blieb sie stehen, und betrachtete ihn mit einem verschämten Blicke, worinne Schüchternheit und Vergnügen sich zu vermischen schienen. Ja, ja, rief sie endlich aus, indem sich der Prinz zu ihren Füssen warf, er ist es, er ist es! – Wie? rief der entzückte Prinz, der aus diesen Worten schloß, daß sie ihn schon kenne, und daß er ihr nicht gleichgültig seye; ist der allzuglücklicheBiribinker– Götter! schrie das Milchmädchen, indem sie ganz bestürzt zurück bebte, was für einen verhaßten Namen höre ich!wie sehr haben meine Augen und mein voreiliges Herz mich betrogen! Fliehe, fliehe, unglücklicheGalactine– Mit diesen Worten floh sie würklich so schnell aus der Hütte, als ob sie der Wind davon führete. Der bestürzte Prinz, der den Abscheu nicht begreiffen konnte, den sie vor seinem Namen hatte, lief ihr nach so schnell als er konnte; allein das Milchmädchen flog, daß ihre Fußsolen kaum die Spitzen des Grases berührten. Umsonst beflügelten die Schönheiten, die ihr flatterndes Gewand in jedem Augenblick entdeckte, die Begierden und die Füsse des nacheilenden Prinzen; er verlohr sie in einem dichten Gebüsche, wo er den ganzen Tag hin und wieder lief, und jedem Rascheln oder Flüstern, das er hörte, nachgieng, ohne daß er die mindeste Spur von ihr finden konnte.
Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien. Denn es ragten allenthalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gesträuchhervor, und er stieß sich alle Augenblicke an Trümmern, wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen Lande werth war. Er merkte hieraus, daß er bey dem Pallast sey, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel, gesagt hatte, und hofte, (wie die verliebten hofnungsvolle Leute zu seyn pflegen) sein holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich durch drey Vorhöfe durch, und kam endlich an die Treppe von weissem Marmor. Zu beyden Seiten stund auf jeder Stuffe, deren zum wenigsten sechzig waren, ein grosser geflügelter Löwe, der bey jedem Athemzug so viel Feuer aus seinen Naßlöchern schnaubte, daß es heller als bey Tag davon wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Löwen sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flügel aus, und flohen mit grossem Gebrüll davon.
Der PrinzBiribinkergieng also hinauf, und kam so gleich in eine lange Galerie, wo er die ofnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel gewarnt hatte. Ein jedes derselbenführte in zwey oder drey andere, und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmückt waren, übertraf alles, was sich seine Einbildungs-Kraft vorstellen konnte, ungeachtet ihm die Feerey nichts neues war. Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht, seiner Neugier den Zügel zu lassen, und gieng so lange fort, bis er an eine verschlossene Thüre von Ebenholz kam, an welcher ein goldener Schlüssel steckte. Er versuchte lange vergeblich ihn umzudrehen; aber so bald er den NamenBiribinkerausgesprochen hatte, sprang die Thüre von sich selbst auf, und er befand sich in einem grossen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter Zimmet-Oel brannte. In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Füssen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschaalen und anderm Tisch-Geräthe versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesemSaale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Thüre, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung überglänzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wußte nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Pallast hatten ihm ein zerstörtes Schloß angekündiget; das Innwendige schien keinen Zweifel übrig zu lassen, daß es bewohnt sey; und doch sah und hörte er keine lebendige Seele. Er durchgieng alle diese Zimmer noch einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Thüre in den Tapeten. Er öfnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worinn die Feerey sich selbst übertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne daß man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Die Wände von polirtem schwarzem Granit stellten, wie eben so viele Spiegel, verschiedene Scenen von der Geschichte desAdonisund derVenusmit einer Lebhaftigkeit vor, die der Naturgleich kam, ohne daß man errathen konnte, durch was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstücken herbey geweht, erfüllten das ganze Gemach, ohne daß man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das Herz in zärtliche Sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett, von welchem ein marmorner Liebes-Gott, der zu athmen schien, den wallenden Vorhang halb hinweg zog, war das einzige Geräthe in diesem anmuthsvollen Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein geheimnißvolles Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam und nicht ohne eine süsse Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben anfiengen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine Mengevergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte, fieng er von neuem an zu suchen, bis er es müde wurde. Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen Natur ihn nöthigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand würklich ein Gefäß von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, daß es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fieng schon an es mit Pomeranzen-Blüth-Wasser zu begiessen, als er, o Wunder, das crystallene Gefäß verschwinden, und an dessen statt – eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, daß es unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als der Prinz würklich erschrack. Sie lachte ihn so freundlich an, als ob sie einander schon längst gekannt hätten, und ehe er sich noch aus seiner Bestürzung erhohlen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdriesseneiner jungenFeeeinen Dienst gethan zu haben, die ein barbarischer Eyfersüchtiger über zwey Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedürfnisse mißbraucht hat. Reden sie aufrichtig, Prinz; finden sie nicht, daß mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat? Sie sagte dieses mit einem gewissen Blick, dessen Directions-Linie den bescheidenen Biribinker in einige Verwirrung setzte. Er hatte, wie wir wissen, so viel Witz als man haben kan, aber wir müssen hinzu setzen, eben so viel Unbesonnenheit; er merkte, daß er der Fee etwas verbindliches sagen sollte; weil er aber gewohnt war, alles was er sprach, mit einem gewissen Schwung zu sagen, so konnte all sein Witz dißmal nicht verhindern, daß er nicht etwas sehr dummes sagte. Es ist ein Glück für sie, schönste Nymphe, antwortete er ihr, daß ich die Absicht nicht haben konnte, ihnen den seltsamen Dienst zu leisten, den ich ihnen unwissender Weise geleistet habe; denn ich versichere sie, daß ich sonst allzuwohl gewußt hätte, was der Wohlstand ––
O! machen sie nicht so viel Complimente, erwiederte die Fee, in den Umständen, worinn sich unsere Bekanntschaft anfängt, sind sie sehr überflüßig. Ich habe ihnen nichts geringers als mich selbst zu danken, und da wir nicht länger als diese Nacht beysammen bleiben werden, so müßte ich mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich ihnen Anlaß gäbe, die Zeit mit Complimenten zu verderben. Ich weiß, daß sie der Ruhe bedürftig sind; sie sind schon ausgekleidet, legen sie sich immer zu Bette. Es ist zwar das einzige, das in diesen Gemächern ist, aber es steht ein Sopha in dem grossen Saal, auf dem ich die Nacht ganz bequem werde zubringen können.
Madame, versetzte der Prinz, ohne daß er selbst recht wußte, was er sagte, ich würde in diesem Augenblick – der glücklichste unter allen Sterblichen seyn, wenn ich nicht – der unglücklichste wäre. Ich muß ihnen gestehen, ich finde was ich nicht gesucht habe, indem ich suchte, was ich verlohren hatte, und wenn nicht der Schmerz, sie gefunden zu haben, dieFreude meines Verlusts – Nein, die Freude, wollt ich sagen, sie gefunden zu haben –
Je nun, wahrhaftig, fiel ihm dieFeeins Wort, ich glaube sie schwärmen! Was wollen sie mir mit allem dem Galimathias sagen? Kommen sie, PrinzBiribinker, gestehen sie mir in guter Prosa, daß sie in ein Milchmädchen verliebt sind. ––
„Sie rathen so glücklich, sagte der Prinz, daß ich ihnen gestehen muß. ––
O! daraus haben sie gar kein Bedenken zu machen, fuhr dieFeefort; und in ein Milchmädchen, das sie diesen Morgen in einer schlechten Hütte angetroffen haben, in einem Stall, was man sagen möchte. ––
„Aber, ich bitte sie, woher – wie können sie ––
Und die auf einer Streu von Pomeranzen-Blüthen im Begriff war eine himmelblaueZiege in einen Kübel von Rubin zu melken – nicht wahr?
Wahrhaftig! rief der Prinz, für eine Person, die vor einer Viertelstunde (nehmen sie mirs nicht ungnädig) noch – ich will nicht sagen was? war, wissen sie erstaunlich viel ––
„Und die davon lief, so bald sie den NamenBiribinkerhörte ––
Aber, ich bitte sie, Madame, woher können sie das alles wissen, da sie doch, wie sie sagen, schon zwey hundert Jahre in dem sonderbaren Stande gewesen sind, worinn ich die Ehre gehabt habe, sie so unverhoft kennen zu lernen.
Nicht so unverhoft auf meiner Seite als sie sich einbilden, antwortete dieFee; aber heissen sie ihre Neugierigkeit noch einen Augenblick ruhen. Sie sind abgemattet, und haben den ganzen Tag nichts gegessen; kommen sie mit mir in den Saal, es ist schon für uns beyde gedeckt, und ich hoffe, ihre Treue gegen ihrschönes Milchmädchen werde ihnen doch erlauben, mir wenigstens bey Tische Gesellschaft zu leisten.Biribinkermerkte den geheimen Verweiß sehr wohl, der in diesen Worten lag, er that aber nicht dergleichen, und begnügte sich mit einem tiefen Reverenz ihr in den Speißsaal zu folgen.
So bald sie hinein gekommen waren, gieng die schöneCristalline, (so hieß die Fee) zum Camin, und bemächtigte sich eines kleinen Stabs von Ebenholz, an dessen beyden Enden ein diamantner Talisman befestiget war. Nun habe ich nichts weiter zu besorgen, sagte sie, setzen sie sich, PrinzBiribinker; ich bin nun Meisterin von diesem Pallast und von vierzig tausend elementarischen Geistern, die der grosse Zauberer, der ihn vor fünf hundert Jahren erbaute, zum Dienst desselben bestimmt hat.
Mit diesen Worten schlug sie dreymal an den Tisch, und in dreyen Augenblicken sahBiribinkermit Erstaunen, daß er mit den niedlichsten Speisen besetzt war, und daß dieFlaschen auf dem Schenktisch sich von selbst mit Wein anfüllten.
Ich weiß, sagte dieFeezum Prinzen, daß sie nichts als Honig essen; versuchen sie einmal von diesem hier, und sagen sie mir, ob sie jemals dergleichen gekostet haben. Der Prinz aß davon und schwur, daß es nichts geringers als das Ambrosia der Götter seyn könne. Er wird, sagte sie, aus den reinsten Düften der unverwelklichen Blumen bereitet, die in den Gärten der Sylphen blühen. Und was sagen sie zu diesem Wein, fuhr sie fort, indem sie ihm eine volle Trinkschaale darbot? Ich schwöre ihnen, rief der entzückte Prinz, daß die schöne Ariadne dem jungen Bachus keinen bessern eingeschenkt hat. Er wird, versetzte sie, aus den Trauben gedruckt, die in den Gärten der Sylphen wachsen, und dem Gebrauch desselben haben diese schöne Geister die unsterbliche Jugend und Munterkeit zu danken, die in ihren Adern wallt.
DieFeesagte nichts davon, daß dieser Nectar noch eine andere Eigenschaft hatte, dieder Prinz gar bald zu erfahren anfieng. Je mehr er davon trank, je reitzender fand er seine schöne Gesellschafterin. Beym ersten Zug bemerkte er, daß sie sehr schöne blonde Haare hatte; beym andern wurde er von der Schönheit ihrer Arme gerührt, beym dritten entdeckte er ein Grübchen in ihrem linken Backen, und beym vierten entzückte ihn die Weisse und Fülle eines gewissen Busens, der unter dem Nebel eines dünnen Flors seinen Augen nachstellte. Ein so reitzender Gegenstand und eine Trinkschaale, die sich immer wieder von sich selbst anfüllte, waren mehr als er nöthig hatte, um seine Sinnen in ein süsses Vergessen aller Milchmädchen der ganzen Welt einzuwiegen. Was sollen wir sagen?Biribinkerwar zu höflich, eine so schöne Fee auf dem Sopha schlafen zu lassen, und die schöne Fee zu dankbar, als daß sie ihm in einem Hause, wo vierzig tausend Geister herum spuckten, ihre Gesellschaft hätte abschlagen können. Kurz, die Höflichkeit wurde auf der einen, und die Dankbarkeit auf der andern Seite so weit getrieben, als es möglich war, undBiribinkerbewieß sich derguten Neigung vollkommen würdig, welcheCristallinebeym ersten Anblick von ihm gefaßt hatte.
DieFeeerwachte, wie die Geschichte sagt, zuerst, und konnte den Uebelstand nicht ertragen, einen so ausserordentlichen Prinzen in so guter Gesellschaft schlafen zu sehen. PrinzBiribinker, sagte sie zu ihm, nachdem sie ihn, man weißt nicht wie, erweckt hatte, ich habe ihnen keine gemeine Verbindlichkeiten. Sie haben mich von der unanständigsten Bezauberung, die jemals ein Frauenzimmer erlitten hat, befreyt; sie haben mich an meinem Eyfersüchtigen gerochen; nun ist nur noch eins übrig, und sie können sich auf die unbegrenzte Dankbarkeit der FeeCristallineRechnung machen.
Und was ist dann noch übrig, fragte der Prinz, indem er sich die Augen rieb?
So hören sie dann, antwortete dieFee. Dieser Pallast gehörte, wie ich ihnen schon gesagt habe, einem Zauberer, dem seine Wissenschafteine fast unumschränkte Macht über alle Elemente gab. Allein seine Macht über die Herzen war desto eingeschränkter. Zum Unglück war er, trotz seinem hohen Alter und einem schneeweissen Bart, der ihm bis an die Gürtel herab hieng, eine der verliebtesten Seelen, die jemals gewesen sind. Er verliebte sich in mich, und ob er gleich die Gabe nicht hatte sich wieder lieben zu machen, so hatte er doch Macht genug um gefürchtet zu werden. Bewundern sie die Wunderlichkeit des Schicksals; ich versagte ihm mein Herz, welches zu gewinnen er sich alle nur ersinnliche Mühe gab, und überließ ihm meine Person, die ihm zu nichts nütze war. Vor langer Weile wurde er endlich eyfersüchtig, aber so eyfersüchtig, daß es nicht auszustehen war. Er hatte die schönstenSylphenzu seiner Bedienung, und doch ärgerte er sich über die unschuldigsten Freyheiten, die wir mit einander nahmen. Er brauchte einen nur in meinem Zimmer oder auf meinem Sopha anzutreffen, so war ich schon gewiß, daß ich ihn nicht wieder zu sehen bekam. Ich verlangte von ihm, daß er sich auf meine Tugendverlassen sollte, aber auch diese schien dem Ungläubigen keine hinlängliche Bürgschaft gegen ein Schicksal, das er so wohl zu verdienen sich bewußt war. Kurz, er schafte alle Sylphen ab, und nahm zu unsrer Bedienung lauterGnomenan, kleine mißgeschaffene Zwerge, bey deren blossen Anblick ich vor Eckel hätte ohnmächtig werden mögen. Allein wie die Gewohnheit endlich alles erträglich macht, so versöhnte sie mich nach und nach mit der Figur dieser Gnomen, und machte, daß ich zuletzt possierlich fand, was mir anfangs abscheulich vorgekommen war. Es war keiner unter allen, der nicht etwas übermäßiges in seiner Bildung gehabt hätte. Der eine hatte einen Höcker wie ein Cameel, der andere eine Nase, die ihm bis über den Mund herab hieng, der dritte Ohren wie ein Faun, und ein Maul, das ihm den Kopf in zwo Halbkugeln spaltete, der vierte einen ungeheuren Wanst; kurz, eine Chinesische Einbildungskraft kan nichts abentheurlichers erfinden, als die Gesichter und Figuren dieser Zwerge. Allein der altePadmanabahatte nicht bemerkt, daß sich unter seinen Aufwärterneiner befand, der in einem gewissen Sinn gefährlicher war als der schönste Sylphe von der Welt. Nicht, daß er weniger häßlich gewesen wäre, als die übrigen; aber durch ein seltsames Spiel der Natur war bey ihm ein Verdienst, was bey andern zu nichts diente als die Augen zu beleidigen.
Ich weiß nicht, ob sie mich verstehen, PrinzBiribinker?
Nicht allzuwohl, versetzte der Prinz, aber erzählen sie nur weiter, vielleicht werden sie in der Folge deutlicher werden.
Es stund nicht lange an, fuhr die schöneCristallinefort, so hatteGrigri, (so hieß derGnome) Ursache zu glauben, daß er mir weniger mißfalle als seine Gesellen. Was wollen sie? Man geräth auf allerley Einfälle, wenn man lange Weile hat, undGrigrihatte eine außerordentliche Gabe mißvergnügten Damen die Zeit zu vertreiben. Mit einem Wort, er wußte meine müßige Stunden (und ich hatteihrer in der That sehr viele) auf eine so angenehme Art auszufüllen, daß man nicht zufriedener seyn kan als ich war.Padmanababemerkte endlich die ungewohnte Fröhlichkeit, die aus meinem Gesicht und aus meinem ganzen Wesen hervor schimmerte. Er zweifelte nicht, daß sie eine andere Ursache haben müßte als das Vergnügen, so er selbst mir machte; aber er konnte nicht errathen, was es für eine seyn möchte. Zum Unglück war er ein grosser Meister in derjenigen Art von Schlußreden, die man Soriten nennt. Er gerieth durch eine lange Kette von Schlüssen endlich auf eine Vermuthung, die ihm das ganze Geheimniß aufzuschliessen schien. Er beschloß uns zu beobachten, und nahm seine Zeit so wohl, daß er uns in eben diesem Cabinet bey einem Spiel überraschte, welches die unerschöpfliche Geschicklichkeit des kleinenGrigriaußerordentlich interessant zu machen wußte. Hätten sie es geglaubt, mein Prinz, daß man ein so schlimmes Herz haben könnte, als der alte Zauberer bey dieser Gelegenheit zeigte? An statt großmüthig an meinem Vergnügen Antheil zu nehmen, erzürnteer sich darüber, der Niederträchtige! Er hätte sich immer erzürnen mögen, daß er nichtGrigriwar, aber was konnte unbilliger seyn als uns deßwegen zu strafen?
In der That, sagteBiribinker, nichts unbilligers! denn wenn er nur in einem einzigen PunctGrigrigewesen wäre, so bin ich gewiß, daß sie ihm ungeachtet seines langen weissen Bartes den Vorzug vor einem kleinen häßlichen Zwergen gegeben hätten. ––
Was sagen sie mir von einem kleinen häßlichen Zwerg, erwiederteCristalline; ich versichere sie, in dem Augenblick, wovon wir reden, warGrigrieinAdonisin meinen Augen. Aber hören sie nur, wie es weiter gieng. Nachdem der Alte unsichtbarer Weise unsern Spielen eine Weile zugesehen hatte, trat er endlich hervor und setzte uns in einen Schrecken, der sich leichter einbilden als beschreiben läßt. Er schüttete die ganze Wuth über uns aus, in die ihn ein Anblick gesetzt hatte, der seines Unvermögens zu spotten schien. Ich schäme michihnen die Complimente zu wiederhohlen, die er mir bey dieser Gelegenheit machte. Kurz, (denn ich muß die Zeit sparen) er verwandelte mich – sie wissen wohl – worein, und den armenGrigriin eine Hummel. ––
In eine Hummel, riefBiribinker, das ist sonderbar; so ist vielleicht Herr Grigri von meiner Bekanntschaft. ––
Mit der Bedingung, fuhrCristallinefort, daß ich meine Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis ich dem PrinzenBiribinker– verzeihen sie meiner Schamhaftigkeit, daß ich den Umstand nicht nenne, worinn ich zu erst das Vergnügen hatte sie kennen zu lernen, und in der That, ohne ihnen zu schmeicheln, so sehr zu ihrem Vortheil, daß ich in der ersten Bestürzung im Begriff war, sie für den armenGrigriselbst zu halten.
Sie erweisen mir allzuviel Ehre, erwiederteBiribinker, und wenn ich gewußt hätte, daßihr Herz für einen so würdigen Gegenstand eingenommen wäre ––
Ich bitte sie, sagte dieFee, gewöhnen sie sich doch die unzeitigen Complimente ab, die sie so gern zu machen pflegen; sie können nicht glauben, wie gezwungen und wunderlich es ihnen läßt. Ich sage ihnen, daß ich die beste Meynung von ihrer Bescheidenheit habe, und ich denke, ich gebe ihnen eine sehr starke Probe davon, da ich mich so nahe bey ihnen sicher glaube. Ich erinnere mich zwar nicht allzuwohl, wie es zugegangen ist, daß wir so vertraulich mit einander worden sind; denn ich gestehe, daß ich aus Vergnügen über unsere so lang gewünschte Zusammenkunft ein paar Gläser mehr getrunken als ich zu trinken pflege; aber ich hoffe doch, sie werden sich in den Schranken ––
In der That, schöneCristalline, fiel ihr der Prinz ins Wort, ich finde ihr Gedächtniß so ausserordentlich als die Tugend, worauf sie wollten, daß der altePadmanabasich verlassensollte; aber sagen sie mir doch, wenn sie es nicht auch vergessen haben, was wurde denn aus der Hummel?
Sie erinnern mich eben recht daran, antwortete dieFee; der armeGrigri! ich hatte ihn würklich vergessen – es ist mir leyd, aber der grausamePadmanabahat seine Befreyung auf eine so ungereimte Bedingung gesetzt, daß ich nicht weiß, wie ich es ihnen werde sagen können ––
Und was kan denn das für eine Bedingung seyn, fragteBiribinker?
Ich begreiffe nicht, antworteteCristalline, was sie dem alten Zauberer gethan haben können, daß er sie in diese Händel eingemischt hat; denn das ist gewiß, daß damals, da alle diese Verwandlungen vorgingen, ihre Aelter-Mutter noch nicht einmal gebohren war. Mit einem Wort,Grigrisoll seine vorige Gestalt nicht wieder bekommen, bis sie – Nein! die Delicatesse meiner Empfindungen läßt mirnicht zu, es ihnen zu sagen, und ich begreiffe nicht, wie ich fähig seyn werde, mich dazu zu verstehen; denn sie werden, denk ich, an der Röthe, womit der blosse Gedanke daran mein Gesicht überzieht, schon errathen haben, was es ist.
Ich will selbst gleich zu einem dreyfachen Hummel werden, riefBiribinker, wenn ich errathe, was sie haben wollen; ich bitte sie, machen sie nicht so viel Umschweiffe; es ist schon heller Tag, und ich kan mich nicht aufhalten ––
Wie? sagte dieFee, wird ihnen die Zeit so lange bey mir? bin ich nicht fähig, ihnen ein Milchmädchen nur für etliche Stunden aus dem Sinn zu bringen? Sie sollten mir wenigstens aus Eigennutz ein wenig den Hof machen; denn ich kan mehr zu ihrem Glücke beytragen als sie sich einbilden.
So sagen sie mir dann geschwind, was ich thun soll, erwiederteBiribinker. ––
Wie ungedultig sie sind, rief dieFee! Wissen sie also, daß der armeGrigrinicht eher wiederGrigriwerden soll, bis der Prinz Biribinker – Nun! so rathen sie doch – Aber das versichere ich ihnen, wenn es nicht um die Wiederherstellung eines alten guten Freundes zu thun wäre, ich könnte mich nimmermehr dazu verstehen, das Opfer der Rache zu werden, welchePadmanabadurch ihren – Beystand an dem armenGrigrinehmen will.
Er will doch nicht, daß ich ihnen das Leben nehmen soll, sagte der Prinz?
Nun, das muß ich gestehen, antworteteCristalline, daß sie heute mit einem ausserordentlich harten Kopf aufgewacht sind; glauben sie denn nicht, daß ein recht eingenommener Liebhaber seine Geliebte lieber sterben als in eines andern Armen sehen würde?
Ha, ha! Nun versteh ich sie endlich, Madame, sagteBiribinkerganz kaltsinnig; wahrhaftig! ihre Schamhaftigkeit hätte nicht nöthiggehabt sich so viel Bedenken zu machen, die Sache gerade heraus zu sagen. Aber erlauben sie mir ihrem Gedächtniß ein wenig nachzuhelfen, und sie zu erinnern, daß, wenn es nur hieran läge,Grigrischon lange enthummelt seyn müßte. Es sind noch nicht drey Stunden ––
Ich glaube, sie haben Zerstreuungen, unterbrach ihn die Fee! – Indessen müssen sie wissen, daßPadmanabasehr streng über dem Recht der Wiedervergeltung hält, und daßGrigrinicht eher zu seiner ersten Gestalt gelangen kan, bis sie ihm alle die Beleidigungen wieder geben, welche der Zauberer von ihm empfangen zu haben glaubt.
O! Madame, rief der Prinz, indem er aus dem Ruhebette sprang, ich bin des HerrnPadmanabagehorsamer Diener; aber wenn es nur auf diesen kleinen Umstand ankommt, so werden sie unter den zehen tausendGnomen, die ihnen zu Diensten stehen, einen neuenGrigrisuchen müssen, um ihren graubartigen Gecken an seinem wunderthätigen Nebenbuhlerzu rächen (denn daran wird ihnen vermutlich mehr gelegen seyn, als daß ihr kleiner Zwerg seine vorige Schönheit wieder bekomme); was mich betrift, so denke ich, sie sollten zufrieden seyn, daß ich ihnen die ihrige wieder gegeben. Ich sage das nicht, als ob ich mich durch die Gütigkeiten, die sie für mich gehabt haben, nicht überflüßig für einen Dienst belohnt halte, der mich so wenig gekostet hat; ich wollte sie nur erinnern, daß die Hauptsache doch immer in dem Umstande liegt, daß sie, an statt ein crystallener Nachttopf zu seyn, wieder die Fee Cristalline sind, und daß die Gewalt, die ihnen der Zauberstab des altenPadmanabagibt, sie gar leicht wegen des Verlusts eines einzigen sollte trösten können.
Ich hoffe doch nicht, versetzteCristalline, daß sie meine Sorge für den armenGrigrieiner eigennützigen Absicht beymessen? Sie müßten in der That weder die Feinheit meiner Empfindungen, noch die Pflichten der Freundschaft kennen, wenn sie nicht begreiffen könnten, daß man sich für einen Freund beeyfern kan,ohne einen andern Bewegungs-Grund zu haben, als das Beste dieses Freunds, und ich müßte sie bedauren ––
O! Madame, erwiederteBiribinker, der sich indessen angekleidet hatte, ich bin von der quintessenz-mäßigen Feinheit ihrer Empfindungen so überzeugt, als sie es nur verlangen können; aber sie sehen, wie bequem dieser Morgen ist, meine Reise fortzusetzen. Seyn sie so gütig, sie, deren Herz einer so uneigennützigen Freundschaft fähig ist, und entdecken mir, auf welchem Weg ich meine geliebteGalactinewieder finden kan: So will ich gegen alle und jede behaupten, daß sie die großmüthigste, die uneigennützigste, und wenn sie wollen, auch die sprödeste unter allen Feen des Erdkreises sind.
Sie sollen befriediget werden, antworteteCristalline; gehen sie, und suchen ihr Milchmädchen, weil es doch ihr Schicksal so haben will; ich hätte vielleicht Ursache mit ihrer Aufführung nicht allzu sehr zufrieden zu seyn, aber ich sehe wohl, daß man es mit ihnen nichtso genau nehmen muß. Gehen sie, Prinz, sie werden im Hof ein Maulthier antreffen, welches so lange mit ihnen davon trotten wird, bis sie ihreGalactinegefunden haben; und wofern ihnen wider Vermuthen etwas unangenehmes zustossen sollte, so werden sie in dieser Erbsen-Schotte ein unfehlbares Mittel dagegen finden.
Der PrinzBiribinkersteckte die Erbsen-Schotte zu sich, bedankte sich gegen die Fee für alle ihre Gütigkeiten, und stieg in den Hof herab. Sehen sie hier, sagteCristalline, die ihn begleitete, sehen sie hier ein Maulthier, das vielleicht wenige seines gleichen hat. Es stammt in gerader Linie von dem berühmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab. Von der väterlichen Seite hat es die Eigenschaft, daß es von Holz ist, und weder Futter noch Streue noch Striegel nöthig hat, und von der mütterlichen, daß es einen überaus sanften Trab geht, und so gedultig ist wie ein Schaaf. Steigen sie auf, und lassen es gehen, wohin es will; es wird sie zu ihrem geliebten Milchmädchen bringen, und wenn sienicht so glücklich seyn werden als sie wünschen, so wird die Schuld nur an ihnen selbst seyn.
Der Prinz besahe dieses ausserordentliche Thier von allen Seiten, und hatte alle die Wunderdinge, die ihm in diesem Schloß begegnet waren, nöthig, um ihm so viel Gutes zuzutrauen, als ihm die Fee nachgerühmt hatte. Indessen, daß er aufstieg, wollte ihmCristallinenoch eine Probe geben, daß sie nicht zu viel von ihrer Macht gesagt hatte. Sie schlug mit ihrem Stab dreymal in die Luft, und siehe! auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen, welche ihr der Stab desPadmanabaunterthänig machte; der Hof, die Treppe, die Galerie, und sogar die Dächer und die Luft wimmelte von geflügelten Jünglingen, wovon der geringste den vaticanischen Apollo an Schönheit übertraf. Bey allen Feen, riefBiribinker, von diesem Anblick ausser sich selbst gesetzt, was für einen glänzenden Hof sie haben! Lassen sie den kleinenGrigriimmer eine Hummel bleiben, Madame, und halten sie sich an diese hier; es müßte unglücklich seyn,wenn unter allen diesen Liebes-Göttern keiner fähig seyn sollte, ihnen einen Gnomen zu ersetzen, der ihrem eigenen Geständniß nach keinen andern Vorzug vor seinen mißgeschaffnen Gesellen hatte, als daß er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war. Sie sehen wenigstens, versetzteCristalline, daß es mir nicht an Gesellschaft fehlt, die mich wegen ihrer Unbeständigkeit trösten kan, wenn es mir jemals einfallen sollte, daß ich getröstet seyn wollte.
Mit diesen Worten wünschte sie ihm eine glückliche Reise, und Biribinker trabte auf seinem hölzernen Maulthier davon, indem er allem demjenigen nachdachte, was ihm in diesem wundervollen Schlosse begegnet war.