Krieger aus der Inca-Zeit: Malerei auf einem altperuanischen Thongefäß. (½ der natürlichen Größe.)Die Bewaffnung aller fünf Figuren ist lediglich die Lanze, an den Schäften mit großen kreuzförmigen Aufsätzen versehen, welche vielleicht als streitkolbenartige schwere Keulen zu betrachten sind. Als Schutzwaffen tragen die Krieger hohe, spitze, unter dem Kinn mit Bändern befestigte Helme mit einem halbmondförmigen aufgesetzten Zierrath und einem über den Nacken herabhängenden Tuche. Einen Schild führt nur die äußerste Figur rechts. Mit Ausnahme des mittleren tragen die Krieger alle große Taschen. Die Körperbekleidung besteht aus einem bis fast auf die Knie herabfallenden Untergewand mit verziertem Rande und darüber eine bis zur Hüfte reichende Jacke aus verschiedenartig ornamentirtem Gewebe. Die Gewänder sind ganz in der Form des Ponchos der heutigen Südamerikaner gearbeitet und lassen die Arme unbekleidet. Auch die Beine sind nackt, auf unserem Vasenbilde aber, wie auch die Gesichter und Hände, bemalt. Die mittlere Figur trägt einen Nasenring, die beiden neben ihr ansehnliche Pflöcke in den Ohren. Vier von den Kriegern haben auf der linken Schulter eine Schleife, der fünfte trägt den Kopf eines phantastischen Thieres als Helmschmuck. Die Gesichter sind von dem charakteristischen Indianer-Typus. — Die Form des Gefäßes ist durchaus ungewöhnlich und deshalb auf der Tafel „Altperuanische Geräthschaften“ mit abgebildet (s. d.). Das Gefäß befindet sich in Privatbesitz zu Lima und soll aus der Gegend von Trujillo stammen.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Krieger aus der Inca-Zeit: Malerei auf einem altperuanischen Thongefäß. (½ der natürlichen Größe.)
Die Bewaffnung aller fünf Figuren ist lediglich die Lanze, an den Schäften mit großen kreuzförmigen Aufsätzen versehen, welche vielleicht als streitkolbenartige schwere Keulen zu betrachten sind. Als Schutzwaffen tragen die Krieger hohe, spitze, unter dem Kinn mit Bändern befestigte Helme mit einem halbmondförmigen aufgesetzten Zierrath und einem über den Nacken herabhängenden Tuche. Einen Schild führt nur die äußerste Figur rechts. Mit Ausnahme des mittleren tragen die Krieger alle große Taschen. Die Körperbekleidung besteht aus einem bis fast auf die Knie herabfallenden Untergewand mit verziertem Rande und darüber eine bis zur Hüfte reichende Jacke aus verschiedenartig ornamentirtem Gewebe. Die Gewänder sind ganz in der Form des Ponchos der heutigen Südamerikaner gearbeitet und lassen die Arme unbekleidet. Auch die Beine sind nackt, auf unserem Vasenbilde aber, wie auch die Gesichter und Hände, bemalt. Die mittlere Figur trägt einen Nasenring, die beiden neben ihr ansehnliche Pflöcke in den Ohren. Vier von den Kriegern haben auf der linken Schulter eine Schleife, der fünfte trägt den Kopf eines phantastischen Thieres als Helmschmuck. Die Gesichter sind von dem charakteristischen Indianer-Typus. — Die Form des Gefäßes ist durchaus ungewöhnlich und deshalb auf der Tafel „Altperuanische Geräthschaften“ mit abgebildet (s. d.). Das Gefäß befindet sich in Privatbesitz zu Lima und soll aus der Gegend von Trujillo stammen.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Nach einem Marsche von sieben Tagen langte Pizarro in dem wohlangebauten Thale von Cajamarca an, welches sich bei einer Höhenlage von 2860 Meter eines angenehmen, kühlen Klimas erfreut. Fruchtbare Ackerfelder und blühende Gärten zogen sich das Thal entlang. In der Ferne sah man die Dampfsäulen der warmen Bäder von Pultamarca, Schwefelquellen von 55° R., aufsteigen, welche noch heute den Namen der Inkabäderführen und wo Atahuallpa zu baden pflegte. Am Bergabhange davor breitete sich die Zeltstadt des peruanischen Lagers, welches 40,000 Mann zählte, aus. Pizarro zog in die kleine, menschenleere Stadt ein, welche mit einer festen und hohen Mauer umschlossen war, und besetzte am 15. November den Marktplatz. Dann untersuchte er die Verhältnisse der Stadt, um eine feste Stellung für sein Lager zu ermitteln, damit er nicht unerwartet überfallen werden könnte. Soto, welcher schon vorher einen kühnen Kundschafterritt ausgeführt hatte, ritt darauf mit 20 andern Reitern als Gesandtschaft in das Lager des Inka hinüber und jagte die letzte Strecke bis an den Bach, welcher sie noch vom Lagerplatze trennte, im Galopp vor, um seine Reiterkünste zu zeigen und die Indianer durch die Erscheinung der schnaubenden Rosse zu erschrecken. Der Inka befand sich im Hofe des Palastes, von seinem Gefolge umgeben. Von einem Thronsessel aus sah er hinter einem zarten durchsichtigen Schleier, den zwei Frauen vor ihm hielten, damit er nach Landessitte nicht von jedem unberufenen Auge beobachtet werde, die Spanier sich nähern. Als Soto heransprengte, befahl Atahuallpa den Schleier zu senken.[441]Dann trat Hernando Pizarro vor und hielt durch den Mund des Dolmetschers eine Ansprache an den König, worin er sich als Abgesandten eines mächtigen Monarchen bezeichnete und sich erbot, die Peruaner im wahren Glauben zu unterrichten.
Der Inka schwieg auf diese Worte, nur einer seiner ersten Beamten erwiderte: „Es ist gut.“ Pizarro begann von neuem und bat den Fürsten, die Spanier in ihrem Lager zu besuchen. Atahuallpa sagte für den nächsten Tag, nach Beendigung der Fastenzeit, den Besuch zu. Inzwischen möchten die Spanier sich in den Staatsgebäuden von Cajamarca einrichten. Dann verabschiedete er die fremden Gäste.
Die glänzende Erscheinung des Inka mit seinem Hofstaat, die fast göttliche Verehrung, die seine Umgebung dem Herrscher zollte, der Eindruck der Machtfülle und unumschränkten Gewalt über bedeutende Heereskräfte, die den Spaniern bei dieser Audienz fühlbar wurden — alles das ließ die Absichten derselben höchst gewagt erscheinen. Man konnte sich unmöglich auf einen vorbereiteten, regelrechten Kampf mit dem peruanischen Heere einlassen, welches die kleine Schar der verwegenen Abenteurer mühelos schien erdrücken zu können. Das einzige Mittel, sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen und den Widerstand zu lähmen, schien sich in der unerwarteten Gefangennehmung des Inka zu bieten. Und zu diesem Handstreich erklärte sich auf Pizarro’s Vorschlag der zusammenberufene Rath seiner Officiere bereit. Am nächsten Abend erschien Atahuallpa, von Edelleuten auf einem Sessel getragen, mit großem Gefolge und 5000 Mann erlesener Truppen vor der Stadt, wo er sein Lager aufschlagen wollte. Auf die Einladung Pizarro’s, daß alles zu seinem Empfang bereit sei, rückte er arglos und aufseine Macht vertrauend bis auf den großen Platz von Cajamarca. Kein Spanier war zu sehen, man wollte den Muth der Indianer nicht durch den Anblick der kleinen Anzahl der Fremdlinge steigern. Aber im Geheimen war jeder auf den Schlag vorbereitet und in Waffen, die Pferde standen gesattelt in den Höfen; die beiden Feldgeschütze waren auf den Platz gerichtet. Zwanzig entschlossene Soldaten hatten den Auftrag, den Inka im Auge zu behalten und sich seiner Person zu bemächtigen.
Als der Inka auf dem Platze hielt, trat zuerst der Dominicaner Vincente de Valverde (später Bischof von Cuzco) mit Kreuz und Brevier hervor und trug in kurzen Worten dem Könige den Inhalt der christlichen Glaubenslehre vor, von der Schöpfung und dem Sündenfall bis auf Christus, welcher alle Macht auf Erden seinem Apostel Petrus und dessen Nachfolgern, den Päpsten übergeben habe. Der Papst in Rom habe alle Länder unter die christlichen Fürsten vertheilt und dem Könige Karl die neue Welt überwiesen, damit alle Völker zum christlichen Glauben bekehrt und getauft würden. Atahuallpa verstand, daß in diesen letzten Aeußerungen ein bestimmter Angriff auf seine Hoheitsrechte enthalten sei und erklärte ruhig: Er wisse von Christus und Sanct Peter nichts, die Sonne gelte als höchste Gottheit, und er habe sein Land von seinen Vätern ererbt. Als der Geistliche darauf erwiderte: alles, was er gesagt, sei in der Heiligen Schrift von Gott selbst verkündet, nahm der Inka das Buch, blätterte darin und warf es mit den Worten: „Das Buch sagt nichts“, verächtlich auf den Boden. Ob, durch diese Schändung des göttlichen Wortes empört, der Geistliche die Spanier mit dem Rufe: „Auf sie!“ zum Losbrechen ermuntert und ihnen für den Verrath sogar Absolution ertheilt habe, ist nicht sicher festzustellen, da die Augenzeugen und ältesten Geschichtsschreiber über den raschen Verlauf des Gesprächs verschieden berichten. Doch gab Pizarro, da der Ueberfall geplant war, unmittelbar darauf das Signal zum Angriff, welcher durch die verächtliche Behandlung des Priesters und der Heiligen Schrift am einfachsten sich entschuldigen ließ. So wie die Trompeten erklangen und die Geschütze von der Festung erdröhnten, brachen die Spanier, Fußvolk und Reiter, aus dem Versteck hervor und fielen über die Indianer her. Ein heftiger Kampf entbrannte um den Inka, welcher von seinem Sessel zu Boden gestürzt und gefangen genommen wurde. 2000 Peruaner wurden auf dem Platze niedergehauen, die übrigen flüchteten.
Am nächsten Tage wurde das große Heer des Königs ohne Mühe zerstreut, da sie keinen Widerstand leisteten; viele Vornehme wurden zu Gefangenen gemacht und die Inkabäder geplündert. Dann schickte Pizarro Eilboten nach San Miguel, um Verstärkungen heranzuziehen, denn ohne dieselben wagte er doch nicht gegen die Hauptstadt aufzubrechen. Um seine Freiheit wieder zu erlangen und um zu verhindern, daß nicht Huascar von den Spaniern wieder auf den Thron gehoben würde, erbot sich Atahuallpa zu einem hohen Lösegelde. Er wollte das Zimmer, in welchem er gefangen gehalten wurde— dasselbe war 22 Fuß lang und 17 Fuß breit — mit Gold füllen lassen, so hoch ein Mann mit der Hand reichen könne. Pizarro nahm dieses Gebot begierig an, der weiße Strich wurde 9 Fuß hoch an der Wand ringsum gezogen. Der Inka verlangte zur Erfüllung seines Versprechens eine Frist von zwei Monaten.
Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka von Pizarro gefangen gehalten wurde.
Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka von Pizarro gefangen gehalten wurde.
Die Schätze der Sonnentempel von Cuzco, Huaylas (9° s. Br.), Huamachuco (östlich von Trujillo) und Pachacamac (südöstlich von Lima) wurden zu dem Zwecke herbeigetragen. Der Inka wurde indessen bewacht, aber nicht gefesselt, er war von seinem Gefolge umgeben und bedient und konnte mit dem Volke verkehren. Er erfuhr, daß sein Bruder Huascar sich ebenfalls an Pizarro gewendet, und daß dieser eine Zusammenkunft mit demselben beabsichtigte, um dessen Ansprüche kennen zu lernen und danach den Thronstreit zu entscheiden. Da gab Atahuallpa den Befehl, seinen Bruder zu beseitigen. Derselbe wurde entweder im Fluß von Andramarca ertränkt oder erst erdrosselt und der Leichnam dann ins Wasser geworfen. Wenn nun auch der gefangene Inka die Schuld an dem Brudermorde ableugnete, so wurde ihm derselbe doch zur Last gelegt und bildete ein wichtiges Motiv für seine spätere Hinrichtung.
Der Widerstand des Volks war vorläufig ganz gebrochen, so daß die Spanier ohne Schwierigkeit das Land bereisen konnten. So zog Hernando Pizarro mit Fußvolk und Reitern nach dem Tempel von Pachacamac. Der Marsch ging anfangs auf der Reichsstraße und dann von Pachicoto ab nach der Küste hinunter. Das Fußvolk setzte auf Balsas über die Flüsse, die Pferde schwammen hinüber. Die Indianer waren ihnen dabei behülflich. Dann marschirten sie weiter über die Stätte von Ancon und von dem später erbauten Lima, überall gastlich aufgenommen, bis sie im Februar 1533nach Pachacamac[442]kamen, wo Pizarro mit Gewalt in den Tempel drang, das Götzenbild zerstörte und ein Kreuz an seine Stelle setzte. Dann ging Hernando Pizarro im Anfang März auf demselben Wege bis Huara zurück, wandte sich von hier ins Innere, erreichte in Cajatambo die große Straße und marschirte über Tarma nach Janja (östlich von Lima), wo damals Chalcuchima mit ansehnlicher Truppenmacht stand. Dem Beispiel seines Bruders folgend, faßte er den Plan, den peruanischen Feldherrn inmitten seines Heeres gefangen zu nehmen und gab dazu den beiden Hauptleuten Soto und Pedro del Barco den Befehl; aber der Peruaner ging freiwillig mit nach Cajamarca.
Noch weiter nach Süden drangen die beiden Spanier Martin Bueno und Pedro Martin de Moguer, die mit Geleitsbriefen des Inka und unter der Führung eines peruanischen Edelmanns, von indianischen Trägern auf das bequemste befördert, nach Cuzco reisten. Nach ihrer Rückkehr, im Sommer 1533, berichteten sie von dem buchstäblich mit Goldplatten belegten Sonnentempel, einem quadratischen Gebäude, dessen Seiten je 350 Schritt lang waren. Siebenhundert Goldplatten, dazu Gefäße und Schmuck in den verschiedensten Formen nahmen die Spanier mit sich fort und erschienen, indem sie auch auf dem Rückweg die zum Lösegeld für den gefangenen Fürsten dienende Beute noch vermehrten, endlich mit 200 Ladungen Gold, 25 Ladungen Silber und 60 Ladungen geringeren Goldes in Cajamarca. Hier wurde der unermeßliche Schatz, wie er bisher in den neuen Ländern noch nicht gesehen war, getheilt, der königliche Antheil (ein Fünftel), darunter die kostbarsten Goldarbeiten, ausgesondert und durch Hernando Pizarro persönlich nach Spanien überbracht. Der königliche Quint betrug 262,259 Pesos in Gold und 10,121 Mark Silber. Jeder Reiter erhielt 8880 Pesos in Gold und 262 Mark Silber.[443]Etwa fünf Wochen nach der Gefangennahme Atahuallpa’s kamen Boten von San Miguel mit der erfreulichen Meldung an Pizarro, daß sechs Schiffe mit Mannschaften angelangt seien und zwar drei große Schiffe unter Almagro und Ruiz mit 120 Mann und drei kleine Caravelen von Nicaragua mit 30 Mann und dazu mit 84 Pferden. Am Abend vor Ostern, am 14. April 1533, rückten diese Truppen, welche die Macht Pizarro’s verdoppelten, unter der Führung Almagro’s in Cajamarca ein. Der Inka forderte nun, nachdem das Lösegeld gezahlt und angenommen war, seine Freiheit; aber Pizarro gab sie nicht, angeblich, weil allerlei dunkle Gerüchte von Erhebungen und Heeresansammlungen der peruanischen Partei einliefen. De Soto wurde auf Kundschaft ausgeschickt, fand aber das ganze Volk ruhig. Trotzdem sollte Atahuallpa als Verräther gerichtet werden. Umsonst protestirten Soto und zwölf andere Spanier gegen die Verurtheilung des Inka, nur der König von Spanien könne über einen Fürsten zu Gericht sitzen, alles Gerede von Aufständen der Indianer sei falsch und grundlos. Trotzdem setzte Pizarro das Bluturtheil durch. Am 29. August 1533 wurde Atahuallpa gefesselt auf den Marktplatz geführt, um als Thronräuber, Brudermörder, Gotteslästerer verbrannt zu werden. Da er sich vorher zur Annahme der Taufe bequemte, wurde er zum Erdrosseln begnadigt und dann auf dem Friedhofe der Stadt beerdigt. Dieser Schandfleck in der Geschichte der Eroberung Peru’s, der sich nur aus der unersättlichen Goldgier erklären läßt, bildete den Anfang des großen Räuberdramas, in welchem alle Hauptpersonen gewaltsam ums Leben kamen. Atahuallpa war ein schöner stattlicher Mann; aber aus seinen feurigen Augen leuchtete eine Wildheit, vor welcher die Seinen erbebten. Als der Häuptling von Guailas ihn in seiner Gefangenschaft besuchte, um ihm Geschenke darzubringen, zitterte derselbe, wie Pedro Pizarro berichtet, der dabei stand, am ganzen Leib so gewaltig, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Der Inka hob den Kopf ein wenig, lächelte und gab dem Häuptling ein Zeichen, daß er sich entfernen könne. „Ich habe in ganz Peru,“ schließt Pizarro seine Schilderung des Fürsten, „keinen Indianer gesehen, der dem Atahuallpa an Wildheit und Ansehen gleich käme.“[444]
Francisco Pizarro ernannte nun einen Nachfolger des Inka in der Person des Toparca (oder Tubalipa), eines Bruders des Huascar, um in dessen Namen bequemer die Indianer beherrschen zu können; aber derselbe starb schon nach einigen Monaten, vielleicht, wie von einem Historiker berichtet wird, von Chalcuchima vergiftet.
Im September brach Pizarro mit einem Heere von 500 Mann nach Cuzco auf. Die nach dem Tode Atahuallpa’s unruhig gewordenen Peruaner hatten die Dörfer an der Straße verbrannt, die Brücken zerstört und schienen entschlossen, den fremden Eindringlingen den Weg zu ihrer Hauptstadt versperren zu wollen. Soto ging wieder mit 60 Reitern voraus, wurde aber in einem Gebirgspasse in einen ungleichen Kampf verwickelt, aus welchem ihn der nacheilende Almagro befreien mußte. Der Feldherr Chalcuchima, den man des Einverständnisses mit den Feinden beschuldigte, wurde vor Cuzco verbrannt. Dann hielt Pizarro im November seinen Einzug in die Hauptstadt, welche damals 200,000 Einwohner zählte und viele herrliche Gebäude umfaßte. Indes wurden die alten Paläste und Tempel bald zerstört und aus ihren Trümmern neue Gebäude in europäischer Art aufgeführt. Auf den Grundmauern des Tempels der Sonnenjungfrauen steht jetzt das Kloster Santa Catalina. Was sich an Gold und Edelsteinen noch vorfand, wurde unter die Eroberer getheilt, selbst die Inkamumien wurden ihres Schmuckes und ihrer Juwelen beraubt.
Ein neuer Inka aus königlichem Stamme, Namens Manco, wurde gewählt und erhielt die königliche Kopfbinde aus der Hand Pizarro’s, er erkannte damit die Oberherrlichkeit Spaniens an. Manche der Gefährten Pizarro’s ließen sich in Cuzco nieder und wurden mit Häusern und Staatsländereien beschenkt.
Während Pizarro sich in Cuzco aufhielt, hatte sich im Norden ein Rivale eingefunden,Pedro de Alvarado, der Eroberer Guatemala’s, welcher, nachdem er von den Erfolgen Pizarro’s gehört, das Königreich Quito zu erobern beschloß in dem Glauben, dasselbe gehöre nicht zum peruanischen Staate, also auch nicht zu dem Pizarro überwiesenen Bereiche. Eine nach den Molukken bestimmte Flotte brachte ihn im März 1534 mit 500 Mann nach der Bucht von Caracas, westlich von Quito. Von der Küste marschirte er über die beschneiten Hochpässe, verlor aber dabei viel Mannschaft, ehe er Riobamba erreichte. Hier mußte er leider aus deutlich sichtbaren Pferdespuren schließen, daß ihm ein anderer Spanier in der Besetzung des Landes zuvorgekommen war. Es warBenalcazar, welchen Pizarro zum Commandanten von San Miguel eingesetzt hatte. Als man ihm von den vermeintlichen Schätzen Quito’s erzählte, brach er auf eigne Verantwortung mit 140 Mann dahin auf und erreichte, weil er bequemere Wege fand als Alvarado, auf der Straße über Riobamba eher das Ziel.
Unterdessen war aber die Kunde von dem Einbruche Alvarado’s auch nach Cuzco gedrungen, und Almagro machte sich sofort mit Truppen auf den Marsch, um den Eindringling zurückzuweisen. Nachdem er sich mit Benalcazar vereinigt hatte, stellte er sich bei Riobamba dem Statthalter von Guatemala entgegen, welcher sich, um dem unerwarteten Kampfe auszuweichen, zu einem Vertrage herbeiließ, für eine Summe von 100,000 Pesos Flotte und Heer sammt allen Vorräthen und Kriegsmaterial seinen Gegnern überließ und nach Guatemala zurückkehrte, während seine Truppen bereitwillig unter die Fahnen Almagro’s traten.
Sacsahuaman: Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Sacsahuaman: Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Im Januar 1535 gründete Pizarro die neue Hauptstadt Ciudad de los Reyes (heilige Dreikönigsstadt, nach dem Tage der Gründung) am Ufer des Rimac; aber sie wurde bald allgemein Lima (verstümmelt aus Rimac) genannt.
Nachdem das Hauptland von Peru bezwungen worden war, beschloß Almagro auch die südlichen Länder zu unterwerfen. Es war der schwerste und kühnste Heereszug, welcher je durch die Wüsteneien der südamerikanischen Hochgebirge ausgeführt wurde. Zwei indianische Edelleute, der Bruder des Inka, Paulo Topa, und der Oberpriester Vilehoma, wurden in Begleitung dreier Spanier vorausgesendet, um den Weg zu zeigen, die Indianer über die Absichten des Zuges zu beruhigen und Quartiere zu schaffen. Dann brach Almagro am 3. Juli 1535 von Cuzco auf[445]und zog durch das Gebiet der Conchas, nordwestlich vom Titicacasee, und am westlichen Ufer des Gebirgssees durch die Landschaft Collao, ging dann auf der Ostseite des Aullagassees südöstlich über das Hochland von Potosi nach Tupiza, an der Südgrenze Boliviens, wo er, nachdem er bereits einen Marsch von wenigstens 200 Meilen gemacht hatte, seinen Truppen zwei Monate Rast gönnte. Während des Aufenthaltes entfloh der Oberpriester Vilehoma sammt seinem Gefolge bei Nacht und kehrte nach dem Norden, nach der Landschaft Collao zurück.
Almagro stand hier an der Grenze des Inkareiches, weiter hinaus hatte er unabhängige Bergstämme vor sich, durch deren Gebiet er sich mit Gewalt den Weg bahnen mußte. Es standen ihm, um nach Chile zu gelangen, dessen Schätze ihn lockten, zwei in gleichem Maße schwierige Wege offen. Entweder mußte er von Tupiza aus sich westwärts über die unwirthlichen Einöden und den Hauptkamm der Anden übersteigend nach der Küste wenden und die wasserlose Atacamawüste durchschneiden, oder den mühsamen Gebirgsmarsch nach Süden fortsetzen und ausgedehnte Schneeregionen durchziehen, wo für die Mannschaften weder Vieh noch Getreide zu beschaffen war. Almagro wählte den letzteren Weg, weil er kürzer schien. Da von den Eingeborenen in Jujuy drei Spanier, welche vorausgeschickt waren, getödtet worden, so wurde der Capitän Salcedo mit 50 Reitern und Fußgängern ausgesandt, die Indianer zu züchtigen. Diese hatten sich in eine Festung zurückgezogen, welche Salcedo erst anzugreifen wagte, als ihm Francisco de Chaves Unterstützung brachte. Darauf flohen die Indianer ins Gebirge und ließen den Paß frei. Nun rückte das Heer weiter durch Jujuy in die Landschaft Chicoana, südlich von der modernen Stadt Salta. Das fruchtbare Thal war verödet, wilde Bergstämme waren von Norden her eingebrochen, hatten die Kulturen zerstört und die Ortschaften in Trümmerhaufen verwandelt. Doch gelang es Almagro noch, seine Truppen mit einigen Vorräthen von Vieh und Maiszu versorgen; allein beim Uebergang über einen reißenden Bergstrom ging ein großer Theil der Thiere verloren, ein empfindlicher Verlust, der nicht wieder ersetzt werden konnte, wenn auch hie und da in den Hochthälern noch einige wenige kleine Ortschaften angetroffen wurden. Von Chicoana (Salta) ging der Zug in südwestlicher Richtung über das Campo del Arenal westlich von der Sierra Aconquija durch das Thal von Arroyo nach dem Hauptrücken der nördlichen chilenischen Anden, um diese zu übersteigen. Hier stand den Truppen noch die schwerste Arbeit bevor. Als sie aus einer Gebirgsschlucht (Quebrada) heraustraten, sahen sie hohe, schneebedeckte Gebirge in unabsehlicher Ausdehnung vor sich. Nachdem sie eine Zeit lang daran hingezogen, sahen sie sich genöthigt, dieselben zu übersteigen, ohne ihre Breite zu kennen. Aber muthig wagten sie sich hinein, mit den Elementen und mit dem Hunger kämpfend, mit wenig Lebensmitteln, mit Waffen und allerlei Geräth, um Brücken oder Flöße zu bauen, beladen.
Almagro zog mit 20 Reitern vorauf, um Wege und Pässe ausfindig zu machen, und womöglich dem nachfolgenden Heere Lebensmittel zu schaffen. Sieben Tage lang ging’s über Salzboden und wieder über beschneite Pässe, wo die Augen von dem blendenden Schnee entzündet wurden. Sturm und Kälte erschwerte jeden Tritt. Am dritten Tage der schwersten Leiden öffnete sich gegen Osten das Thal von Copiapo, wo Almagro’s kleine Schar sich erholen und den nachfolgenden Truppen Lebensmittel entgegensenden konnte. Ohne diese Hilfe wäre das ganze Heer in den schrecklichen Wüsteneien umgekommen. Die indianischen Lastträger, welche den Zug mitmachen mußten, litten noch mehr als die Spanier.[446]Manche sanken vor Erschöpfung nieder; die Luft war so kalt, daß man kaum athmen konnte. Dazu nachts kein Feuer, um sich zu erwärmen, kein Schutz vor den rasenden Winden, keine ausreichende Nahrung, um den Körper widerstandsfähiger zu machen. Der Hunger war so arg, daß die lebenden Indianer das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden verzehrten und die Spanier mit Begier das sonst verschmähte Fleisch gefallener Pferde unter sich theilten. Das Heer verlor bei diesem Uebergange 150 Mann und 30 Pferde. Erst im Thal von Copiapo konnten die Soldaten bei längerer Rast sich erholen und stärken. Rodrigo Orgoñez, welcher dem Almagro später von Cuzco her neue Truppen zuführte und denselben Weg über die Anden einschlug, hatte noch mehr Verluste als der Adelantado. Die Schneemassen begruben manchen Mann und manches Roß. Dann marschirte Almagro im chilenischen Küstenlande weiter nach Süden, nach Coquimbo. Hier traf er unerwartet einen Spanier, welcher, vor einer angedrohten Strafe flüchtig, aus Peru 600 Meilen weit nach Chile gelaufen war, ohne Schaden zu erleiden. (Oviedo,historia47, 4). Von Coquimbo aus ließ Almagro dann das Land im Süden bis zum Rio Maule (35° s. Br.) erforschen und trat dann, da die erträumten Schätze sich nirgends zeigen wollten, enttäuschtden Rückweg an. Um das Heer nicht noch einmal den Gefahren des Hochgebirgs auszusetzen, wählte er diesmal den Küstenweg, welchen ihm die Indianer in Jujuy bereits empfohlen hatten. Zwar mußte er hier die Atacama passiren und verlor durch Mangel an Wasser und Futter mehr als 30 Pferde, aber keinen Mann. Sein Heer war in kleine Abtheilungen vertheilt, Almagro bildete mit seinem Gefolge den Schluß. So überwand er glücklich diese Wüste und stieg dann von Arequipa nach dem Hochland von Cuzco hinauf, wo er im Frühling 1537 wieder anlangte. Es war ein überaus verwegener, aber erfolgloser Entdeckungszug gewesen.
Während Almagro auf dem Marsche nach Chile war, suchte die nationale Partei unter ihrem Inka Manco die Gelegenheit, das spanische Joch abzuschütteln, zu benutzen, so lange ein ansehnlicher Theil des feindlichen Heeres aus dem Lande abwesend war. Manco entwich aus Cuzco und rief das Volk zu den Waffen. Die Hauptstadt wurde belagert und durch brennende Pfeile leicht in Brand geschossen, da die meisten Häuser mit Stroh gedeckt waren. Die halbe Stadt wurde zerstört, die Festung fiel in die Hände der Peruaner. Juan Pizarro eroberte zwar einen Theil derselben wieder, wurde aber dabei durch einen Steinwurf so gefährlich verletzt, daß er bald darauf starb. Erst nach seinem Tode konnten die Spanier die Festung wieder gewinnen; dann wurden sie aber Monate lang von einem großen indianischen Heere in Cuzco belagert und ihre Verbindungen mit Lima abgeschnitten, so daß Francisco Pizarro vergebens, da die Indianer die Bergpässe besetzt hielten, versuchte, der bedrohten Hauptstadt Ersatz zu bringen. Erst als in der Zeit der Feldbestellung das peruanische Belagerungsheer sich theilweise auflöste, wich die äußerste Noth, in welcher sich die Besatzung befunden hatte. Man machte in dieser Zeit sogar den, wenn auch verfehlten Versuch, sich durch einen Handstreich der Person des Inka zu bemächtigen. Francisco Pizarro fühlte, daß der ganze Besitz seiner Eroberung durch den allgemeinen Aufstand auf dem Spiel stehe, wenn nicht rasche Hilfe komme. Er entsandte Schiffe nach Mittelamerika und forderte die dortigen Statthalter unter lockenden Verheißungen auf, ihn mit Truppen zu unterstützen.
Unter solchen Verhältnissen erschien Almagro wieder in Peru. Die schon lange im Stillen glimmende Eifersucht zwischen ihm und Pizarro hatte zwar schon vor seinem Abmarsch nach Chile eine scheinbare Versöhnung gefunden, da sich beide Rivalen durch schriftlichen Vertrag und Eidschwur auf die Hostie am 12. Juni 1535 zur Beilegung des Streites bereit erklärt hatten; allein da nun nach seiner Rückkehr Almagro erfuhr, daß eine königliche Vollmacht ihn zum selbständigen Statthalter über alle Länder ernenne, welche 270 Leguas (17½ Leguas = 1 Breitengrad von 15 Meilen) südlich vom Santiagoflusse[447]beginnend, sich gegen Süden ausdehnten, so glaubte erAnspruch auf den Besitz von Cuzco zu haben. Bei der Unsicherheit genauer astronomischer Bestimmungen konnte zu jener Zeit allerdings die Entscheidung dieser Frage zweifelhaft sein, wenn wir jetzt auch mit Bestimmtheit sagen können, daß die alte Hauptstadt noch zum Gebiete Pizarro’s gehört. Ehe Almagro noch in die Nähe von Cuzco gelangt war, suchte er mit dem Fürsten Manco, mit welchem er früher befreundet gewesen, eine Zusammenkunft, wurde von diesem aber überfallen. Nachdem er den Angriff siegreich abgewiesen hatte, rückte er mit seinem Heere vor Cuzco und forderte von Gonzalo und Hernando Pizarro, welche in derselben befehligten, die Uebergabe der Stadt. Da dieselbe unter verschiedenen Vorwänden verzögert wurde, so drang er in einer finstern Nacht am 8. April 1537 in Cuzco ein und nahm beide Brüder nach kurzem Kampfe in ihrem Hause, welches dabei in Flammen aufging, gefangen.
Inzwischen war Alvarado, von Francisco Pizarro zu Hilfe gerufen, zum zweitenmale in Peru erschienen und stand, im Begriff mit 500 Mann auf Cuzco zu marschiren, 13 Meilen von der Hauptstadt entfernt in Jauja. Almagro ließ ihm die erfolgte Besetzung seiner Hauptstadt melden, aber Alvarado befahl, die Boten in Ketten zu werfen. Erbittert über solchen Verrath fiel Almagro rasch über ihn her, besiegte ihn bei der Brücke von Abancay, am 12. Juli 1537, und kehrte dann nach Cuzco zurück. Der Inka wurde mit dem Rest seiner Scharen ins Gebirge getrieben und das Land von den Aufständischen gesäubert. Es kam nun vor allem darauf an, eine directe Verbindung mit dem Mutterlande zu schaffen und einen Seehafen im südlichen Peru ausfindig zu machen. Deshalb zog Almagro ins Küstenland hinunter, um dort einen befestigten Landungsplatz zu gründen. Sein Augenmerk war auf das fruchtbare Chinchathal gerichtet; Hernando Pizarro mußte als Gefangener folgen, während es dem andern Bruder Gonzalo gelang, aus der Haft zu entfliehen und Lima zu erreichen.
Francisco Pizarro, welchem vor allem daran gelegen war, seinen noch gefangenen Bruder dem siegreichen Gegner zu entreißen, zeigte sich sehr friedlich gesinnt und knüpfte Unterhandlungen an. Beide Parteien kamen am 13. November in Mala, südlich von Lima, zusammen und Almagro verstand sich dazu, gegen die vorläufige Anerkennung seiner Ansprüche auf Cuzco, Hernando Pizarro freizugeben. Die endgiltige Entscheidung des Streits wurde der spanischen Regierung überlassen.
Kaum war Hernando frei, so erklärte bereits Francisco Pizarro den Vertrag für ungiltig, und der Streit begann von neuem. Almagro ging nach Cuzco zurück, wohin ihm sein erbitterter Gegner Hernando im Frühling des nächsten Jahres folgte. Am 26. April 1538 kam es zum Kampfe bei Las Salinas, eine kleine Meile von der Hauptstadt. Keine der beiden Parteien verfügte über mehr als 700 oder 800 Mann, aber das Gefecht war sehr heftig und dauerte den ganzen Tag. Almagro konnte, weil er krank war, nicht unmittelbar in den Streit eingreifen, aber er befand sich ganz in der Nähe. Während des Gefechtes fielen nur 15 bis 20 Mann, aber beider Verfolgung der geschlagenen Truppen Almagro’s, welcher selbst gefangen genommen wurde, sollen noch 150 Mann niedergemacht worden sein. Hernando hatte für den überwundenen Gegner, den frühern Waffengefährten, der ihm großmüthig die Freiheit geschenkt, kein Mitgefühl, kein Erbarmen; er sann auf Rache für die angethane Schmach. Almagro wurde nach Cuzco gebracht und ihm dort der Proceß gemacht. Unter Aufbietung einer ansehnlichen Truppenmacht wurde ihm öffentlich am 8. Juli der Urtheilsspruch verkündet. Dann ließ Hernando ihn im Gefängniß erdrosseln.
Almagro war eine offne, rohe Natur, welche sich nie mit heuchlerischen Hintergedanken oder mit Racheplänen trug. Er besaß einen empfindlichen Ehrgeiz und liebte es, durch verschwenderische Geschenke seine Truppen zu belohnen. Tapfer und in allen Strapazen ausharrend, machte ihn seine durch und durch soldatische Natur bei seinem Heere beliebt. Seine Verbindung mit dem herz- und gewissenlosen Pizarro stürzte ihn ins Verderben.
Der junge Diego Almagro befand sich inzwischen in Lima, aber die Statthalterschaft seines Vaters erhielt er nicht; auch wurden seine Anhänger, die „Chilenen“, durch Verachtung gekränkt. Man wandte sich um Recht nach Spanien. Um diesen Bemühungen der Partei Almagro’s, besonders des eifrigen Diego de Alvarado entgegenzuwirken, ging Hernando Pizarro 1539 selbst nach dem Mutterlande. Kurz nach seiner Ankunft in Valladolid am Hofe starb dort Alvarado ganz plötzlich, man sagte: durch Gift, welches Pizarro ihm beigebracht. Der Henker Almagro’s fand keinen freundlichen Empfang, man beschuldigte ihn mit Recht, daß er einen von der Krone eingesetzten Statthalter — ob aus eignem Antriebe oder durch seinen Bruder bestimmt, blieb dabei unerörtert — habe hinrichten lassen. Er wurde daher gefangen genommen und blieb auf der Festung Medina del Campo bis 1560 eingesperrt, so daß er alle seine Verwandten und auch — seinen Ruhm überlebte.
Um die verwirrten und unerquicklichen Verhältnisse in Peru zu ordnen, wurde der RechtsgelehrteVaca de Castroentsendet als „königlicher Richter“, oder, für den Fall, daß Francisco Pizarro bereits gestorben, als königlicher Statthalter. Im Sommer 1541, während er noch auf der Reise begriffen war und sich in Popoyan, nördlich von Quito (2½° n. Br.), aufhielt, erreichte ihn schon die Nachricht, Francisco Pizarro sei von seinen Gegnern ermordet. Die chilenische Partei hatte unter Anführung des Juan de Herrada mit einer Anzahl von Verschworenen am Sonntage den 26. Juni 1541, da Pizarro nicht zur Messe gegangen, den Zugang zu seinem Palaste in Lima erzwungen und, wie der junge Almagro behauptete, den Statthalter gefangen nehmen wollen, weil dieser in gleicher Weise wie seinem Vater, auch ihm, nach dem Leben getrachtet habe. Bei seiner Vertheidigung wurdePizarro sammt seinem Bruder Francisco Martin und seinem Pagen Tordoya getödtet, während das übrige Gefolge floh. Er war 63 Jahre alt, als er zur Sühne für den an seinem Genossen Almagro verübten Mord unter den Streichen der Verschworenen fiel.[448]Wenn er auch Jahre lang sein Ziel, Peru zu erobern, kühn und unbeugsam im Auge behielt und dabei eine erstaunliche Thatkraft entfaltete, so läßt sich seinem Charakter doch keine sympathische Seite abgewinnen. Ungebildet und gefühllos trat er Freund und Feind nieder. Er hatte Cortes mehrfach als Vorbild genommen, so namentlich in der Gefangennahme des Fürsten; auch war ihm die Eroberung des Landes leichter geworden, als jenem, welcher zuerst mit einem amerikanischen Kulturvolke rang, die Besiegung von Mexiko. Aber verglichen mit einem Feldherrn und gebildeten Staatsmann wie Cortes erscheint Pizarro nur als ein gemeiner Abenteurer, und zwar als der grausamste von allen, welcher das eroberte Land ausplünderte und mit Blut überschwemmte und den spanischen Namen für immer in Südamerika verhaßt machte.
Als Cristoval Vaca de Castro in Popayan das Schicksal Pizarro’s erfuhr, nahm er, seiner Instruction gemäß, den Titel eines Statthalters an. Zwar suchte der junge Almagro einen Vergleich herbeizuführen, wonach ihm die seinem Vater zugewiesene südliche Hälfte des eroberten Reiches überlassen werde; allein Vaca de Castro konnte, nach den Vorfällen in Lima, darauf nicht eingehen. Er verlangte vielmehr, daß Almagro sich unterwerfe, das Heer, welches er um sich gesammelt hatte, entlasse und ihm, dem rechtmäßigen Statthalter, alle am Morde Pizarro’s betheiligten Personen zur Bestrafung ausliefere. Almagro weigerte sich, und so kam es am 16. September 1542 auf der Ebene von Chupas bei Guamango (jetzt Ayacucho) zwischen Lima und Cuzco zum Entscheidungskampfe. Castro’s Heer zählte 328 Reiter und 420 Fußgänger, Almagro stellte dagegen 220 Reiter und 280 Fußgänger ins Feld.[449]Die chilenische Partei wurde aufs Haupt geschlagen, Almagro floh nach Cuzco, wurde aber bald ausgeliefert und enthauptet. Damit war auch das Loos seiner Anhänger entschieden. Der Widerstand hörte auf, und die Parteigänger Almagro’s unterwarfen sich. Der königlichen Autorität stand, als Castro im Jahre 1544 durch den VicekönigBlasco Nuñez Velaersetzt wurde, nur noch derletzte Bruder Pizarro’s, Gonzalo, gegenüber, welcher sich im nördlichen Theil des Reichs festgesetzt hatte und sich nicht beugen wollte. Er war schon im Jahre 1540 zum Statthalter von Quito gemacht und hatte mit einem Heere von 350 Spaniern und 4000 Indianern das Land besetzt. Von hier war er dann, angelockt von dem fabelhaften Goldreichthum, welcher sich nach den Erzählungen der Indianer in den östlichen Waldgebieten finden sollte, in der Nähe des Aequators überdie östlichen Anden gestiegen und an dem Rio Napo abwärts vielleicht bis zu dem Katarakt del Cando in die Urwälder eingedrungen, wo ihn die unwegsame Wildniß und Mangel an Lebensmitteln in die äußerste Noth brachten. Hier beschloß er ein Fahrzeug zu bauen, um die Truppen, wenigstens zum Theil, namentlich die Kranken, und außerdem das Geschütz, zu Wasser weiter stromabwärts befördern zu können. Zum Schiffscapitän wurdeFrancisco de Orellanaaus Trujillo gemacht. Landheer und Schiff rückten noch eine Zeitlang neben einander den Strom hinunter, bis die zu Lande marschirenden Soldaten durch den verschlungenen Urwald nicht mehr weiter konnten. Dazu trat die Regenzeit ein, die Vorräthe waren erschöpft, alle Pferde mußten geschlachtet werden. Das Heer machte Halt, Orellana erhielt den Auftrag, mit dem Schiffe allein weiter zu gehen, um Lebensmittel aufzutreiben; aber er kehrte nicht wieder zurück. Ueber sein Schicksal wird das nächste Capitel berichten. Nachdem Pizarro wochenlang vergebens gewartet hatte, mußte er endlich erfahren, daß Orellana ihn im Stich gelassen und weiter gesegelt sei. Er mußte sich daher entschließen, den Rückmarsch nach Quito anzutreten. Hunger und Fieber hatten seine Mannschaft bereits decimirt. Unter den beständigen Regengüssen war der Waldboden in Sümpfe verwandelt. Mit zerrissenen Kleidern, abgezehrt, zum Tode erschöpft erreichten nur 80 Spanier das Hochthal von Quito. Hier erfuhr Gonzalo, daß sein Bruder Francisco vor Jahresfrist von Mörderhand gefallen und der junge Almagro die Gewalt an sich gerissen hatte, daß aber Vaca de Castro bereits über Quito nach dem Süden gezogen sei. Aus Haß gegen Almagro bot er dem königlichen Statthalter seine Unterstützung gegen den Mörder seines Bruders an; aber Castro lehnte dieselbe ab, um sich nicht, wenn die chilenische Partei von der Anwesenheit eines Pizarro in seinem Lager erfahre, jede Aussicht auf einen friedlichen Ausgleich mit den Almagristen zu versperren. Aber diese Ablehnung seiner Hilfe verletzte Gonzalo aufs tiefste, trotzdem begab er sich später, nach der Hinrichtung des jungen Almagro mit einer Reiterschar zuerst nach Lima und dann auf den Befehl Castro’s nach Cuzco, wo sich der königliche Statthalter befand. Er hoffte noch, daß ihm, nach dem Tode seines Bruders und der Bewältigung des Aufstandes der chilenischen Partei, die Statthalterwürde zufallen werde. Das kluge Benehmen Castro’s bei dieser Zusammenkunft raubte ihm aber jeden Grund zu einer Schilderhebung, und da dieser ihm empfahl, seine Besitzungen im Charcasgebiete[450]in Frieden auszubeuten, so begab er sich nach dem Süden, wo er die schon den Inkas bekannten Silberminen mit großem Erfolg abbaute. Erst als Castro in der Person desBlasco Nuñezeinen Nachfolger empfing, und dieser die vermeintlichen Rechte der Spanier über die Indianer, welche sie als ihre Hörigen behandelten, antastete, ging Gonzalo nach Cuzco, wo man ihn an dieSpitze der gegen den neuen Vicekönig gerichteten Bewegung stellte und ihn ermächtigte, Truppen zusammenzuziehen. Dann rückte er mit seiner Schar gegen Lima, wo Vasco Nuñez, der sich nirgend Freunde zu gewinnen verstand, in einer Revolte der Stadtbevölkerung mit seinen wenigen Getreuen ohne Blutvergießen gefangen genommen und von den gegen ihn gesinnten königlichen Richtern bald darauf nach Panama zurückgeschafft wurde. Am 28. October 1544 zog Gonzalo in Lima ein und wurde zum Statthalter von Peru proclamirt. Der Vicekönig war indes nicht nach Panama gelangt, sondern hatte Mittel gefunden, in Tumbez wieder ans Land zu gehen, von wo er sich nach Quito begab, um von hier aus sich mit Gewalt wieder in Besitz der ihm durch königliches Mandat übertragenen Macht zu setzen. Gonzalo Pizarro verfolgte ihn bis über Pastos hinaus, ohne ihn zu erreichen, wußte ihn dann aber durch eine List bis in die Nähe von Quito zu locken, wo er ihn bei Añaquito am 18. Januar 1546 besiegte. Vasco Nuñez fiel selbst im Kampfe. Dann kehrte Pizarro nach Lima zurück und führte die unbestrittene Obergewalt in Peru, bis König Karl den GeistlichenPedro de Gascamit den weitgehendsten Vollmachten nach Peru sandte. Ohne Heer und großes Gefolge, in einfachem Priestergewande wußte sich der gewandte Mann zunächst die Landung im Nombre de Dios und dann den Eintritt in Panama zu ermöglichen, obwohl Pizarro beide Plätze durch seine Untergebenen besetzt hielt und eine starke Flotte von mehr als 20 Schiffen im Hafen von Panama lag. Er bezeichnete seine Sendung als eine friedliche und richtete auch in diesem Sinne ein Schreiben an Pizarro, um ihn zu bewegen, die Befehle seines Königs anzuerkennen. Dann gelang es ihm, den Befehlshaber der Flotte, Hinojosa, einen eifrigen Parteigänger Pizarro’s, zu gewinnen, die königliche Vollmacht anzuerkennen und sich seinem Befehl zu unterwerfen. Im Besitz der Flotte begann de Gasca nun Truppen auszuheben, um mit bewaffneter Macht in Peru zu erscheinen. Vier Schiffe wurden voraufgeschickt, um allen Spaniern in Peru, die zu ihrer Pflicht zurückkehrten, volle Verzeihung und Sicherheit ihres Besitzes anzukündigen. Diese Proclamation lichtete die Reihen der Anhänger Pizarro’s rasch, die Bewohner von Cuzco erklärten sich für den König, und die wichtige Provinz Charcas ging gleichfalls verloren. Gasca ging mit der Flotte nach Tumbez, während die vier vorausgesendeten Schiffe in dem Hafen von Lima landeten und, da Pizarro gegen Cuzco gezogen war, auch die neue Hauptstadt ohne Schwierigkeit besetzten.
Zwar leuchtete dem letzten Pizarro noch einmal das Glück, da er in dem blutigen Gefecht bei Huarina am Titicacasee am 26. October 1547 über seine Gegner den Sieg gewann und noch einmal in Cuzco einzog, wo er sich zum Entscheidungskampf rüstete, denn das Hauptheer Gasca’s befand sich zu jener Zeit in Jauja und rückte erst im Frühjahr 1548, 2000 Mann stark, gegen die altnationale Hauptstadt vor.
Vier Meilen von Cuzco in dem Thale von Xaquixaguana standen sichbeide Heere kampfbereit am 9. April 1548 gegenüber. Gasca hatte bis zuletzt den Gegner aufgefordert, sich zu unterwerfen und die Gnade des Königs anzunehmen; aber Pizarro hatte auf sein Glück bauend, das ihn aus allen Kämpfen und Gefahren siegreich hatte hervorgehen lassen, den Frieden abgewiesen, obwohl die Heeresmacht Gasca’s stärker war. Allein in diesen Tagen verließ ihn das Glück, verließen ihn seine Freunde. Vor Beginn der Schlacht gab der Anführer seines Fußvolks das Zeichen zum Abfall, indem er zur königlichen Partei hinüberjagte. Ihm folgten die Truppen zu Fuß und zu Roß, so daß Pizarro sich gefangen geben mußte. Ihm und seinen entschiedensten Anhängern Francisco de Caravajal und Juan de Costa wurde der Proceß gemacht, und sie büßten alle ihre Rebellion mit dem Tode.[451]Gasca ordnete die Verhältnisse des Landes einsichtsvoll und kehrte 1550 nach Spanien zurück.
Es ist bereits im vorigen Capitel erwähnt, daß Francisco Orellana von Gonzalo Pizarro auf seinem abenteuerlichen Zuge in das Waldland des Amazonengebiets am Rio Napo mit einem Schiffe entsendet worden war, um für das bedürftige Heer nach Lebensmitteln zu suchen. Orellana hatte 50 Mann an Bord und 2 Geistliche.[452]In der Strömung des mächtig flutenden Wassers legte Orellana täglich 20 bis 25 Meilen zurück, ohne Ansiedlungen am Ufer anzutreffen. Statt für das zurückgelassene Heer sorgen zu können, wurden sie selbst vom Gespenst des Hungers verfolgt und verspeisten das Leder der Sättel. Erst in der Nähe des Amazonenstroms, wohin man am 8. Januar 1541 gelangte, stieß man auf ein Indianerdorf. Umzukehren war nicht möglich, denn zu Lande gab’s keinen Weg und zu Wasser würde man bei aller Anstrengung, gegen den im untern Laufe allerdings langsam dahinziehenden Strom zu rudern, Monate gebraucht haben. Es blieb ihnen also keine andere Wahl, als der Strömung des Wassers zu folgen und sich bis ans Meer tragen zu lassen, ungewiß wo man es erreichen werde. Da man aber von den Indianern in Erfahrung gebracht, daß man nicht fern von einem sehr großen Strome sei, so beschloß Orellana, um den unbekannten Gefahren auf dem Wasser besser begegnen zu können, noch eine feste Brigantine zu bauen. Am Abend des 1. Februar schifften sie sich wieder ein, nachdem sie durch die Indianer mit allerlei Vorräthen an Schildkröten, Hühnern und Fischen versorgt waren. Die Brigantine besetzten 30 Mann, die Barke 20. Zehn Tage später erreichten sie eine Stelle, wo sich drei Flüsse vereinigten; der von rechts kommende Strom schien sich von Ufer zu Ufer wie ein weites Meer auszudehnen (una amplissima mar.Oviedol. c. p.548). Man hatte damit den oberen Marañonselbst erreicht. Am 26. Februar wurde wieder angelegt, um die Schiffe auszubessern. Man blieb bei den freundlich gesinnten Einwohnern bis nach Ostern, nur, wie der die Expedition begleitende Geistliche, Carvajal, klagt, von der „ägyptischen Plage“ der Moskitos belästigt. Weiter stromab stieß man auf kriegerische Stämme, welche die Spanier auch auf dem Wasser mittelst ihrer Canoes angriffen. In der beständigen Feuchtigkeit des Stromthals war aber das Pulver naß geworden, und die Sehnen der Armbrüste hatten ihre Spannkraft verloren; ihre besten, fernhintragenden Waffen waren also unbrauchbar geworden. Die beiden Schiffe hielten sich womöglich in der Mitte des großen Stromes, wo sie am wenigsten belästigt wurden, und erreichten am Abend vor Trinitatis einen von links mündenden Zufluß, dessen Wasser schwarz wie Tinte erschien. Man gab ihm den Namen Rio Negro; es ist der bedeutendste aller linken Zuflüsse des Amazonas. Unterhalb desselben wuchs die Bevölkerung am Ufer ganz bedeutend, man segelte an vielen großen Ortschaften vorbei,[453]von denen die eine sich mit ihren Hütten eine ganze Meile am Strande hinzog. Hier konnte man überall Mais und Hühner erlangen. Am 24. Juni trafen sie ein Dorf, das nur von Frauen bewohnt war, welche keinen Verkehr mit Männern pflegten (sin conversaçion de varones). Diese Weiber erschienen, nach Carvajals Angabe groß und von starken Gliedmaßen, waren von heller Hautfarbe und trugen lange Haarflechten. Mit Bogen und Pfeil griffen sie die Spanier an, verloren aber sieben bis acht Kämpfende. Von dieser Begegnung mit bewaffneten Frauenvölkern, eine selbst in dem Wunderlande der neuen Welt den Spaniern unerwartete Erscheinung, hat der Strom seinen Name Rio das Amazonas (Strom der Amazonen) erhalten.[454]Weiter abwärts zum Meere wohnten Cariben, verabscheuungswürdig, weil sie das Fleisch der Erschlagenen verzehren, aber geschickt in allen Waffen und in Verfertigung schöner Gefäße, die sie verzieren und bemalen.
Trotz häufiger Kämpfe verloren die Spanier doch nur drei Genossen an Wunden, dagegen acht an Krankheiten.
Ehe man ins Meer hinaussteuerte, wurden beide Schiffe mit einemfesten Verdeck versehen, die Segel setzte man aus mitgenommenen peruanischen Mänteln zusammen. Mit diesen Vorbereitungen beschäftigt, blieb Orellana 24 Tage in der Nähe der Mündung und steuerte dann am 26. August kühn ins Meer hinaus; ohne Piloten, ohne Compaß wußte er kaum, wohin er steuern sollte. Aber alle sahen es als eine besondere Gnade des Himmels an, daß in der ganzen Zeit, seit sie den großen Strom verlassen und am Lande hin nordwärts segelten, kein Regen fiel und das schönste Wetter sie begleitete. Sonst hätten wohl kaum die gebrechlichen Fahrzeuge die See behaupten können. Zwar wurden sie bei Nacht durch die Strömung des Meeres getrennt, gingen einzeln durch den Pariagolf und durch den stürmischen Drachenschlund, langten aber beide doch glücklich am 11. September auf der Insel Cubagua neben der Perleninsel Margarita an und wurden von ihren Landsleuten freundlich aufgenommen.
Die größte, schiffbare Stromrinne des südamerikanischen Continentes war so mit einem Schlage aufgefunden. Orellana’s romantische Fahrt läßt sich nur mit Stanley’s staunenerregender Congofahrt in dem jüngst verflossenen Jahrzehnt vergleichen.
Von Cubagua sandte der glückliche Entdecker des Riesenstroms einen Bericht an den König und begab sich dann mit seinen Gefährten nach dem Mittelpunkte der westindischen Welt, nach Haiti, wo er am 20. December 1541 ans Land ging.
Orellana’s Pläne waren aber auf eine Besiedlung des entdeckten Gebietes gerichtet; darum kehrte er im nächsten Jahre nach Spanien zurück und schloß mit der Regierung eine Capitulation, wonach er zur Eroberung des Landes autorisirt wurde. Sehr treffend erhielt es den Namen Neu-Andalusien. Denn wie das spanische Andalusien von dem wasserreichsten „großen Strome“, d. i. dem Guadalquibir, dem größten der ganzen Halbinsel, bespült wird, so Neu-Andalusien von dem mächtigsten Wasser der neuen Welt. Es gelang Orellana für sein Project Theilnahme und Unterstützung zu finden, und so segelte er am 11. Mai 1544 mit vier Schiffen und 400 Mann von San Lucar de Barrameda ab; aber diese Expedition hatte beständig mit Misgeschick zu kämpfen. Drei Monate wurde das kleine Geschwader bei Teneriffa, zwei Monate am grünen Vorgebirge aufgehalten und verlor durch den Tod 98 Personen, während 50 andere davonliefen. Bei der Ueberfahrt über den Ocean jagte der Sturm die Schiffe auseinander, zwei derselben, auf deren einem sich Orellana befand, wurden bis zur Ostspitze Brasiliens getrieben. Von hier gingen sie dann an der Küste des Festlandes nach Nordwesten bis zummar dolceund fanden endlich die Mündung des großen Stromes wieder, welchem Orellana seinen Namen beilegte. Aber dort wurde der größte Theil der Mannschaft an der ungesunden Küste bald von Fiebern hinweggerafft; und als auch Orellana ins Grab sank, löste sich die Unternehmung auf, und die Ueberlebenden wandten sich nach San Domingo.
Alle Eroberungszüge der Spanier in der neuen Welt, so weit sie durch die Entdeckungsfahrten des Columbus angeregt waren, bewegten sich fast ausschließlich in den Grenzen des heißen Erdgürtels und nahmen von der Inselflur Westindiens als der natürlichen Eingangspforte zu diesen Regionen ihren Ausgang. Der Reiz der Neuheit der sie umgebenden Naturprodukte, die Romantik der wunderbarsten Abenteuer, welche das Leben zu einem Roman gestalteten, die Befriedigung, welche die Einen in der Aufspürung und Erbeutung edler Metalle und die Andern in der Bekehrung unzähliger Menschenstämme zum Christenthum fanden, rief unter den Spaniern ein wahres Auswanderungsfieber und einen unglaublichen Entdeckungs-Schwindel hervor, welcher das Mutterland zu entvölkern drohte. Fand doch der venetianische Gesandte Andrea Navagiero, welcher 1525 Spanien bereiste, in Sevilla, dem Sitze des indischen Amtes, so wenig Männer vor, daß er meinte, die Stadt sei fast ganz den Weibern überlassen.
Die großartige Erweiterung des Horizontes und der Umschwung der ganzen Weltanschauung, welche Europa’s Kultur dadurch gewann, wurde leider durch den Untergang origineller Bildungselemente in der neuen Welt und durch die Vernichtung unzähliger Menschenleben erkauft, welche unter der harten Hand der Eroberer trotz aller Bemühungen der Geistlichkeit und aller Gesetze der Regierung zu Grunde gingen.