Zweites Capitel.Die Abendseite der alten Welt.
Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger, beschwerlicher Reisen.
Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande weiter vorzudringen.Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu danken.
Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen. Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegenSüdenzu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete. Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte, doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt, woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat.Insulae fortunataewurde, so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden. Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den tyrischen Färbern besonders werth.[6]
Wichtiger und häufiger besucht wurde dieNordseitedes oceanischen Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius erwähnten Expedition desHimilcoidentisch, überliefert, die in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n. Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischenund gallischen Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7]Da bereits, und sicher nur aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln (III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h. Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Erkenntniß führt die Reise desPytheas[8]von Massilia herbei, welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.
Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage vielfach vorkommendenultima Thule. Die Ursachen der Ebbe und Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte, den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen. Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere, und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (= InselSkåne) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden lernte das Alterthum nicht kennen; wederPtolemäus, noch Procopius von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia, die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen. Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten der Normannen aufgeklärt.
Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des British Museum zu London)[9]
Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des British Museum zu London)[9]
Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein normannischer EdelmannOhthere[10], der an der norwegischen Küste, vielleichtnoch jenseit des Polarkreises ansässig war. Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn, dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten, ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd, im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren, während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses, vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma (Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt, ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel, auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt, das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land, das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist, welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.
Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich gleichfalls in demgenannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der Bewohner gehemmt würde.
Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.
Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean, über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11]daß vor hundert Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht, aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer, aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8. Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte, war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht, ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren, um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland. Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island. Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs, der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam von Bremen berichtet,[12]daß von der Weser aus friesische Männer eine Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder, wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif, dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichtetensehr bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten. Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann, vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr, von 1368 bis 1378.[13]Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe, deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien hinaus in den Ocean hineinreicht.[14]Noch phantastischer ist im venetianischen Ptolemäus von 1562 auf derCarta marina nuova tabuladas nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht, so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer mitgenommenen Ziege nährte.
Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an, um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu gewinnen.
Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als Stationen,je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln alsinsulae fortunatae. Im Mittelalter bildeten sich aber immer lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst durch Mißverständniß gebildeten Namen derinsulae fortunatae(s.S. 13) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries, belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9. Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von den Schifffahrten desheiligen Brandanoder Brandon, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie umgebenden Luft sei wunderbar. — Der heilige Brandan kam nun, wie die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367, dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank entstanden sein,allein der Glaube an die Existenz der Insel war so fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.
Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge, welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte die Insel der sieben Städte (sette cidades) genannt wurde. Aber auf den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.
Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem man diepolare Richtkraft des Magnetenentdeckt hatte. Ohne alle Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten, daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft, ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im chinesischenMeere und durch den indischen Ocean auf chinesischen Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden, welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt, so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung, welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine Abhandlung:de Utensilibusund sein Werk:de Naturis rerumim letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots,la Bible, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt. Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258 erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern. Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden, weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15]Am Mittelmeere muß also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht sein.
Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel inVerbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich. Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13. Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem 13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281 machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das 1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.
Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“ sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber von einem regen Verkehr war nicht die Rede.
Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste, der sein Volkauf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14. Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden Verkehr im Ocean schließen.
Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria, Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen gefolgt waren.
Dahin gehören Parme (J. de li Parme), Palma, die Insel der Palmen, Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird, wegen seines hohen Vulkans.
Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach Madeira verschlagen wurde.
Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan von 1351.[16]Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h. Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer, die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe derselben trägt die Bezeichnunginsula de Cabrera(Ziegeninsel).
Karte von Afrika in einem Portulano (Seekarte) von 1351. (In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz.)❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Karte von Afrika in einem Portulano (Seekarte) von 1351. (In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz.)
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.
Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der venetianischen GebrüderNicoloundAntonio Zenozu untersuchen, welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben. Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das Verständniß verdient gemacht.[17]Daß dabei nicht von einer fingirten Reise und einer Fälschung die Rede sein kann — denn auch diese Ansicht ist laut geworden — beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht zuerst veröffentlicht wurde.
Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend, aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen. Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts, Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte, halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem Titel:Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda, Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il Cavaliere et M. Antonio.
Gailland, Berlin, phototyp.Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno. (Copie in ca. ¼ der Größe des Originals von 1558.)❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Gailland, Berlin, phototyp.
Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno. (Copie in ca. ¼ der Größe des Originals von 1558.)
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Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen und Seefahrten im Norden (S. 217–250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I, 337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (Journal Royal geogr. Soc. London. Vol. 5) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.
H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.
Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt. So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der schottische Häuptling HenrySinclairof Roslyn steckt, welcher von Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (fürrlistdgesetzt).
Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der Biographie des Columbusentlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, alsonachdem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda, welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.
Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey odergross-island, woraus sich die Form Grisland bildete.
Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm, verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der Originaltext von„le Islande“, also von mehreren Inseln spricht; in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (= Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle), Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).
Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet, bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen Shetland 1391.[18]
Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt, welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke desselben durch denjüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen, wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen. Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen. Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach Island paßt,[19]denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen „Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür die Karte ZenosAf promontoriumsetzt.
Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland. In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt, klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten, so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.
Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien, welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent, freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht. Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen, welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das Land war reich an Gold und Silber.
Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen, wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind, lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.
Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt: Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland, kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.
Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16. Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und geographische Wahrheiten.