Zweites Capitel.Die Abendseite der alten Welt.
Wenden wir uns wieder der Westseite Afrikas zu, so ist unsere nächste Aufgabe, nachzuweisen, wie die Kenntniß hier, nachdem um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Grenze des Wissens alter Zeit wieder erreicht worden war, unter besonders günstigen Umständen rasch und planmäßig vorwärts rückte.
Unter den damals bekannt gewordenen westafrikanischen Inselgruppen waren nur die Canarien bewohnt gefunden. Hier saß das Volk der Guanchen, wie die Spanier den Namen schreiben, ein starker kräftiger Menschenschlag von blondem Haar und heller Gesichtsfarbe, deren Nachkommen noch in jüngster Zeit einen deutschen Reisenden an den ächt sächsischen, westfälischen Typus erinnern konnten.[64]Und in der That hat Löher auch den Beweis angetreten, daß die Wandschen (Guanchen) germanischer Abkunft seien, und sich höchst wahrscheinlich ans den Trümmern der von Belisar niedergeworfenen Vandalen und durch Tarik bei Jerex besiegten Westgothen gebildet hätten. Unter den beigebrachten historischen Zeugnissen ist hier namentlich die Deutung hervorzuheben, welche die Sage von der Flucht eines Erzbischofs und mehrerer Bischöfe auf die Inseln des Westmeeres erhielt, von welcher oben (S. 21) berichtet ist. Danach ist dann der Name Wandschen identisch mit Vandalen. Aber auch in Bezug auf den Nationalcharakter, die Sitten und Anschauungen, die Art der Ansiedlungen und der staatlichen Verfassungen bieten sich so manche Analogien mit altgermanischem Wesen, daß wir uns der überraschenden Beweisführung Löhers nicht verschließen können. Unverkennbar, aber auch ganz erklärlich, war die Sprache der Wandschen mit berberischen Elementen durchsetzt. Im Jahre 1384 machten zuerst spanische Mönche den Versuch, die Bewohner auf Groß-Canaria zum Christenthum zu bekehren, fanden aber thätigen Widerstand und büßten endlich 1391 alle ihren Glaubenseifer mit dem Tode. Planmäßiger begann 1402Jean de Bethencourtaus Rochelle das Werk; er segelte von La Rochelle aus, landete auf Lanzarote mit einigen 50 Mann und baute eine kleine Citadelle. Aber sie vermochten sich bei ihrer geringen Anzahl doch nur mit Mühe zu halten. Daher suchte Bethencourt in Spanien Hilfe, welche ihm auch um den Preis der Lehnsabhängigkeit von Castilien gewährt ward.Nun begann ein mehrfach unterbrochener Kampf gegen die Selbständigkeit der einheimischen Dynasten, in welchem zunächst die Stämme auf Lanzarote, Fuertaventura und Ferro erlagen und das Christenthum annahmen. Die andern Inseln wurden erst gegen Ausgang des Jahrhunderts bezwungen. Gran-Canaria erlag nach 13jährigem Kampfe 1483, Palma beugte sich 1491 und erst 1496 wurde auch Teneriffa erobert. So kamen die Canarien unter spanische Botmäßigkeit und damit ging ein nicht unwichtiger Stützpunkt für die maritimen Unternehmungen den Portugiesen verloren, welche kurz nach dem Erscheinen Bethencourts ihre glänzende Entdeckerlaufbahn eröffneten, und zwar unter der Führung desPrinzen Heinrich, welcher am Cabo Vicente im südwestlichen Portugal seinen Sitz aufschlug und von hier aus die Seefahrten leitete, die den westlichen Saum Afrikas entschleiern sollten.
Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt. Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer Sprache angebracht:„Aeternum sacrum!An dieser Stelle hat der große Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen, die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß, die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft, für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war, starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]
Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt, war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März 1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er 1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten, der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.
Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea zu erreichensuchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im LandeGINVIAbei Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet:Aquest Senyor Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra.(Dieser Negerherr ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea, dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66]Es mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen,alleinunter allen Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei denen kein Mitbewerb drohte.
Prinz Heinrich der Seefahrer.Nach dem Miniaturegemälde in der 1448–1453 entstandenen Handschrift„Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.“(National-Bibliothek zu Paris.)
Prinz Heinrich der Seefahrer.
Nach dem Miniaturegemälde in der 1448–1453 entstandenen Handschrift„Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.“
(National-Bibliothek zu Paris.)
Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen, ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der Vorstellung der catalanischen KarteEmperador de Etiopiawar. Er wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d. h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d. h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause (d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen sollten.“[67](Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.)
Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal, die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank, von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte, sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch existirenden Gebäude ausalter Zeit über den Haufen geworfen; allein es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.
So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose Weltmeer.
Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau. Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr. Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.
Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal nannten.
Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee geworden unddie Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben, hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen; aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen erweckte.
Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“), welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten, die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über 6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68]denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen, um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war sein Endzweck nicht erreicht.“
Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu charakterisiren.
Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus lagerte über den allenthalbenseichten Fluten eine trübe Atmosphäre. Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine, die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit steter Besorgniß erfüllte — die Ursache hat man bisher nur den feinen Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben, hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem Licht den Schiffer umgeben.
Theobald Fischer[69]macht noch auf einen bisher übersehenen Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter, unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.
Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet, der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.
In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden, portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich, wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt, weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in seinen Dienst zu bekommen; zumal da dasVolk laut murrte, daß er dem vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“
Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der Reichen — der Griechen und Römer des Alterthums — gefallen waren. Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in beklemmende Schranken gebannt.
Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus. Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen, daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte, daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.
Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande fast zu Leim verdickte See — war es unter der Herrschaft solcher Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu erheben?
Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen Wahlspruche:talent de bien fairegetreu. Die wichtigsten Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurdeGonzalo Velhoüber die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethenJoão Gonçalves ZarcaundTristão Vaz Teyxeyravom Sturm verschlagen nach Porto Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales nach Madeira zurück, und 1431 wurden durchGoncalo Velho Cabraldie ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.
Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.
Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14 Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen, empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen, liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches 7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen, die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch ihrer fünf aufgegriffen.
Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn:talent de bien fairein die Bäume einzuschneiden.
Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte erst nach des Seefahrers Tode.
Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten verzeichnet das Jahr 1434.Gil Eannes, ein Page des Infanten, hatte gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein NachfolgerAffonso Gonçalez Baldayaden Goldfluß, Rio d’Ouro und damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.
Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff folgte nun auf Schiff; man erreichte unterNuño Tristão1441 das Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.
Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher, allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln, Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi, Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70]Die ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.
Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte. Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.
Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnenDiniz(Dionysius)Dias, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26 Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend, ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen, weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land derschwarzenMohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen wollten — denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch, ein Vogel, oder ein Phantom sei — näherten sich dem Schiffe in einem Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder einholen konnten.
So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen, sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.
Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen Erdgürtels?Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie zerschellt.Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus, vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.
Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges, und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco, des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara, erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters begraben.
Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer Edelmann,Ludwig da Mosto, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde am CapVicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz Heinrich unter Leitung des bewährtenVicente Diaseine Caravele von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i. Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil hüpschen Bäumen;[71]denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist überaus schön anzusehen (chè una bellissima costa de vedere). Ich bin weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land, aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]
Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm empfinden.
Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen im Tagebuche derersten Reise des Columbus hingewiesen, worin der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung des Cabo verde.
Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen Länder sich gewinnen ließ — hatte doch der Prinz inzwischen auch aus Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten, welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte — und war er auch durch seine Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73]und Gold und Negersklaven mitbrächten — so lag auch der Schluß nahe, daß man bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen müsse.
Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie, mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die Sendung desJoão Fernandez, der sich am Strande der Sahara aussetzen ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst, als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich, das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.
Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.
Auch durch diesen abenteuerlichen Sendling erhielt der Infant wiederum Nachrichten von den reichen Negerländern. Die klareren Vorstellungen, welche der Leiter der Entdeckungen von der Natur der Tropenländer gewann, räumte auch bei seinen Seeleuten den Wust veralteter Theorien auf. Höchst beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine Bemerkung desDiogo Gomezüber das Land der Dscholoffen am Cabo verde. Er sagt: „Das alles schreibe ich nur mit Verlaub Seiner Gnaden des Ptolemäus, welcher recht gute Sachen über die Eintheilung der Welt hat verlauten lassen, aber in einem Stücke sehr fehlerhaft dachte. Er zerlegt die ihm bekannte Welt in drei Theile, nämlich in den bewohnten mittleren, in den arktischen, welcher wegen seiner Kälte und in den tropischen, welcher wegen seiner Gluthhitze unbewohnbar ist.Nun hat sich aber das Gegentheil bestätigt.Zahllos wohnen am Aequator schwarze Völkerschaften, und zu unglaublichem Wuchse erheben sich die Bäume, denn gerade im Süden steigert sich die Kraft und Fülle des Pflanzenwuchses, wenn auch die Formen fremdartig gestaltet sind.“[74]
Die Entdeckungen wurden nach solchen glänzenden Resultaten nun eifrig weiter gefördert. Schon im nächsten Jahre nach der Fahrt des Diniz Dias erreichteNuño Tristãoden Gambia und gelangteAlvaro Fernandezfast bis zur Sierra Leona. Aber der Verkehr mit den Völkern war schwierig. Zahlreicher, kühner, tapferer als die armen Wüstenstämme setzten sie, mit vergifteten Pfeilen bewaffnet, sich gegen die Landungen der Portugiesen häufig zur Wehr und tödteten ihnen manchen Mann. Wie schnell aber die Geschicklichkeit und das Vertrauen der Seeleute gewachsen war, lernen wir vor allem bei der Fahrt desNuño Tristãokennen. Dieser sah sich, als er in den kleinen Fluß Rio Nuñez, südlich vom Rio grande mit einem Boote eingedrungen war, plötzlich von bewaffneten Negerkähnen umringt. Fast die ganze Mannschaft erlag sammt dem tapferen Anführer den vergifteten Pfeilen, so daß nur der Notar und vier Schiffsjungen am Bord der Caravele übrig blieben. Aber sie steuerten getrost nach Norden durchs freie Meer und erreichten ihre Heimat glücklich nach zwei Monaten, ohne unterwegs Land gesehen zu haben. So machte man sich also bereits los von dem ängstlichen Anklammern an das Land und von den langsameren Küstenfahrten und vertraute sich dem unbegrenzten Ocean an. Von großer Bedeutung war auch die Wahrnehmung, daß die afrikanische Küste, die bis zum Cabo verde gegen Südwesten verlaufen war, von diesem Vorgebirge ab nach Südosten umlenkte.
Daß der Prinz nun wirklich daran dachte, den Seeweg nach Indien zu öffnen, wird von dem Geschichtsschreiber Azurara bezeugt. Aber Indien umfaßte bekanntlich in jenen Tagen alle Länder am indischen Ocean, also auch die Ostküste Afrikas und das äthiopische Hochland, wohin man damals den Sitz desPriesterkönigs Johannverlegte. Das war bestimmt ein christliches Land, dessen Volk mit den Arabern in Aegypten in beständiger Fehde lag, und dessen Bundesgenossenschaft gegen den gemeinsamen Glaubensfeind gewonnen werden konnte. Vielleicht konnte man sogar auf dem weitverzweigten Flußnetz, welches nach den damaligen hydrographischen Hypothesen alle bekannten großen afrikanischen Ströme verbinden sollte, dahin gelangen. Auch Fra Mauro huldigte in seinem Erdgemälde diesen Vorstellungen und noch de Barros bezeichnet den Issa (Niger) bei Timbuktu als den oberen Lauf des Senegal. Und doch hatte Diogo Gomez im Jahre 1457 auch in Erfahrung gebracht, daß im Innern Senegambiens große Ströme ihren Lauf nach Osten nähmen. Der Prinz hatte nämlich drei Caravelen ausgesandt unterGomez, João Gonsalvez RibeiroundNuño Fernandez de Bayamit dem Auftrage, soweit als möglich vorzudringen. Am Rio grande vorbei kamen sie in eine starke Küstenströmung, in welcher kein Anker hielt, so daß die begleitenden Capitäne umzukehren wünschten. Die Expedition lief in den Gambia ein und fuhr den Strom bis zur großen Stadt Cantor hinauf. Hier erfuhr man, daß Karawanen aus Tunis und Cairo aus diesen Gegenden Gold holten, und daß jenseits der Gebirge der Sierra Leona große Ströme nach Osten liefen. Es befand sich auf dem einen Schiffe sogar ein Indier, d. h. ein Abessinier, welcher, wenn man nach Indien gelangte, als Dolmetscher dienen sollte.
Es war die letzte bedeutende Fahrt, welche auf Befehl des Infanten unternommen war. Prinz Heinrich der Seefahrer starb am 13. November 1460 in Sagres in seinem 67. Lebensjahre. In der eifrigen Verfolgung seines hohen Zieles hatte er seine Mittel vollständig erschöpft, ja er schuldete bereits 1449 seinem Verwandten Don Fernando von Braganza die enorme Summe von 19,394 Goldkronen. Aber diese Gelder waren nicht in der Jagd nach einem Phantom vergeudet. Portugal war dadurch zu einer Seemacht geworden, welche die Leitung der nautischen Entdeckungen in die Hand genommen hatte und welche zu glänzenden Erfolgen berechtigen mußte.
Noch im Todesjahre Heinrichs entdeckteDiogo Gomezdie Capverden in Gemeinschaft mitAntonio de Nolioder Nolle, einem Genuesen. Gomez landete zuerst und zwar auf Santiago, aber Noli kam ihm auf der Rückfahrt zuvor und meldete zuerst die Entdeckung in Portugal. Irrthümlich hat man das Verdienst der Auffindung der Inseln des grünen Vorgebirges da Mosto zugeschrieben; allein sein Reisebericht, der angeblich in das Jahr 1457 fällt, wird durch die innern Widersprüche unglaubhaft, so daß man daraus schließen muß, da Mosto habe sich fremden Ruhm angeeignet. Nach seiner Angabewill er vom Cap Branco in westnordwestlicher Richtung auf die Capverden gerathen sein und zwar schon am Sanct Jakobstage (1. Mai), während er erst im Anfang Mai aussegelte. Dann will er auf der Insel Flüsse gefunden haben, in welche er mit dem Schiffe einlaufen konnte, während ein solcher Wasserreichthum dort nicht existirt.[75]
Ehe wir dem weiteren Gange der Entdeckungsfahrten folgen, müssen wir einen Blick auf die geographischen Auffassungen und die Karten aus jener Zeit werfen. Nach den Schwankungen des früheren Mittelalters war man seit dem 13. Jahrhundert allgemein zur Annahme der Kugelgestalt der Erde zurückgekehrt. Wenn trotzdem die Erdgemälde sich noch in Scheibenform präsentirten, als ob man noch an der Scheibengestalt der Erde festhielte, so hatte das seinen Grund in einer eigenthümlichen Theorie, welche von Dante’s Zeit bis in den Ausgang des 15. Jahrhunderts hinüberspielt. Man nahm nämlich an, daß die Centren der festen und flüssigen Erdsphäre verschieden seien und daß es außerdem noch ein Gravitationscentrum gebe.
DieMargarita philosophicades Karthäuserpriors Gregorius Reisch, welche zuerst 1496 erschien und durch das 16. Jahrhundert hindurch in vielen Auflagen verbreitet war, trägt diese Lehre etwa in folgender Weise vor.[76]„Das Wasser umgab ursprünglich die ganze Erdoberfläche wie ein sehr feiner Nebel bis zu den höheren Regionen. Aber auf Geheiß des Schöpfers theilte das Firmament die oberen und unteren Wasser, welche letztere nun in den Vertiefungen der Erde sich aneinemOrte sammelten, wodurch Landraum geschaffen wurde für die lebenden Wesen. Aus der ganzen Substanz der Erde und des Wassers wurdeeinsphärischer Körper gebildet. Ihm schrieben die Gelehrten ein doppeltes Centrum der Schwere und der Größe zu. Es theilt nämlich das Centrum der Größe die Axe der ganzen Sphäre aus Erde und Wasser und das ist der Mittelpunkt der Welt. Aber das Centrum der Schwere liegt außerhalb, nämlich im Durchmesser der Erde, welcher nothwendigerweise größer ist als der halbe Durchmesser der aus Erde und Wasser gebildeten Sphäre, weil, wenn dies nicht der Fall wäre, der Mittelpunkt der Welt außerhalb der Erde fiele. Etwas abgeschmackteres als dieses könnte aber in Naturwissenschaft und Astronomie nicht behauptet werden.