SeiteZwistigkeiten im englischen Parlament5Russell’s Todesurtheil umgestoßen5Umstoßung anderer Verurtheilungen7Das Erkenntniß gegen Samuel Johnson7Das Erkenntniß gegen Devonshire8Das Erkenntniß gegen Oates8Rechtsbill14Streitigkeiten wegen einer Indemnitätsbill16Die letzten Tage Jeffreys’18Die Whigs unzufrieden mit dem Könige21Maßlose Heftigkeit Howe’s22Angriff gegen Caermarthen22Angriff auf Halifax23Vorbereitungen zu einem Feldzuge in Irland26Schomberg27Unterbrechung der Parlamentssitzungen28Zustand Irland’s — Rath Avaux’28Entlassung Melfort’s32Schomberg landet in Ulster32Carrickfergus genommen32Schomberg rückt weiter nach Leinster33Die englische und die irische Armee campiren nahe bei einander33Schomberg lehnt eine Schlacht ab34Betrügereien des englischen Kriegscommissariats34Verschwörung unter den in englischen Diensten stehenden französischen Truppen36Pestilenz in der englischen Armee36Die englische und die irische Armee beziehen ihre Winterquartiere38Verschiedene Meinungen über Schomberg’s Verfahren39Marineangelegenheiten40Torrington’s schlechte Verwaltung41Die festländischen Angelegenheiten42Gefecht bei Walcourt43Anschuldigungen gegen Marlborough44Alexander VIII. folgt Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle45Der Klerus der Hochkirche über die Angelegenheit der Eide gespalten45Argumente für Leistung der Eide46Argumente gegen die Eidesleistung48Die große Mehrheit des Klerus leistet die Eide52Die Eidverweigerer53Ken54Leslie55Sherlock56Hickes57Collier58Dodwell59Kettlewell. Fitzwilliam60Allgemeiner Character des eidverweigernden Klerus61Der Comprehensionsplan. Tillotson64Eine kirchliche Commission ernannt65Maßregeln der Commission66Die Convocation der Provinz Canterbury einberufen. Stimmung des Klerus70Die Geistlichkeit unzufrieden mit dem König70Der Klerus durch das Verhalten der schottischen Presbyterianer gegen die Dissenters erbittert72Einrichtung der Convocation74Wahl der Convocationsmitglieder75Verleihung geistlicher Aemter75Compton ist unzufrieden76Zusammentritt der Convocation77Die Hochkirchlichen im Unterhause der Convocation überwiegend78Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Häusern der Convocation79Das Unterhaus der Convocation erweist sich als unlenksam80Die Convocation prorogirt81
Vierundzwanzig Stunden vor dem Augenblicke, wo der Krieg in Schottland durch die Niederlage der celtischen Armee bei Dunkeld beendigt wurde, ging das Parlament zu Westminster auseinander. Die beiden Häuser waren seit dem Monat Januar ununterbrochen versammelt gewesen. Die in einen engen Raum eingepferchten Gemeinen hatten viel von der Hitze und Unbehaglichkeit zu leiden gehabt und die Gesundheit manches Mitgliedes war erschüttert worden. Das Ergebniß stand jedoch in keinem Verhältniß zu der gehabten Arbeit. Die letzten drei Monate der Session waren fast ganz mit Streitereien vergeudet worden, welche im Gesetzbuche keine Spur zurückgelassen haben. Das Fortschreiten heilsamer Gesetze war durch Häkeleien bald zwischen den Whigs und Tories, bald zwischen den Lords und den Gemeinen gehemmt worden.
Die Revolution war kaum vollbracht, so zeigte es sich auch schon, daß die Freunde der Ausschließungsbill ihre Leiden während des Uebergewichts ihrer Feinde nicht vergessen hatten und daß sie sowohl Genugthuung erlangen als Rache üben wollten. Schon vor der Wiederbesetzung des Thrones ernannten die Lords einen Ausschuß, um zu untersuchen, was an den grauenvollen Geschichten, welche über den Tod Essex’ circulirten, Wahres sei. Der aus eifrigen Whigs bestehende Ausschuß setzte seine Untersuchungen so lange fort, bis alle vernünftigen Männer die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß er durch seine eigne Hand gefallen war, und bis seine Gattin, seine Brüder und seine intimsten Freunde die Nachforschungen nicht weitergeführt zu sehen wünschten.[1]
Das Gedächtniß und die Familien, einiger anderer Opfer, welche dem Bereiche menschlicher Macht entrückt waren, wurden ebenfalls, ohne Opposition von Seiten der Tories, rehabilitirt. Bald nachdem die Convention in ein Parlament verwandelt worden war, wurde den Peers eine Bill zur Umstoßung des Todesurtheils Lord Russell’s vorgelegt, rasch von ihnen angenommen, in’s Unterhaus geschickt und hier mit ungewöhnlichen Zeichen von Bewegung begrüßt. Viele von den Mitgliedern hatten mit Russel in dieser Kammer gesessen. Er hatte darin lange einen Einfluß ausgeübt, ähnlich dem, welchen der wackere und menschenfreundliche Althorpe, dessen sich Leute dieser Generation noch erinnerten, einst ausübte, einen Einfluß, der seinen Grund nicht in überlegener Gewandtheit in der Debatte oder im Vortrage,sondern in einer makellosen Rechtschaffenheit, in einem schlichten gesunden Verstande und in jener Freimüthigkeit, Einfachheit und Gutherzigkeit hatte, welche bei einem durch Geburt und Vermögen hoch über seinen Nebenmenschen stehenden Manne ganz besonders einnehmend und gewinnend sind. Die Whigs hatten in Russell ein Oberhaupt verehrt und seine politischen Gegner hatten zugegeben, daß er, wenn er nicht durch minder achtungswerthe und schlauere Genossen als er irregeleitet würde, ein so braver und gutherziger Gentleman sei wie irgend einer in England. Die männliche Festlichkeit und christliche Ergebung, womit er in den Tod gegangen war, die Trauer seines edlen Hauses, der Schmerz seines der Stütze beraubten Vaters, die vernichtete Zukunft seiner verwaisten Kinder,[2]und vor Allem der Verein von weiblicher Zärtlichkeit und engelgleicher Geduld in der Frau, die dem wackeren Dulder das Theuerste gewesen war, die vor den Schranken des Gerichts mit der Feder in der Hand an seiner Seite gesessen, die düstre Einsamkeit seines Kerkers erheitert und an seinem letzten Tage die Denkwürdigkeit des großen Opfers mit ihm getheilt, hatten die Herzen vieler gerührt, welche sonst nicht gewohnt waren, einen Gegner zu bemitleiden. Daß Russell viele gute Eigenschaften besessen, daß er den besten Willen gehabt hatte und daß man hart gegen ihn verfahren war, wurde jetzt selbst von höfischen Juristen, welche sein Blut hatten vergießen helfen, und von höfischen Theologen zugegeben, welche ihr Möglichstes gethan hatten, um seinen Ruf zu verunglimpfen. Als daher das Pergament, welches sein Todesurtheil annullirte, auf den Tisch der Versammlung gelegt wurde, in der noch vor acht Jahren seine Züge und seine Stimme so wohl bekannt gewesen, war die Aufregung groß. Ein bejahrtes whiggistisches Mitglied versuchte zu sprechen, wurde aber von seinen Gefühlen überwältigt. „Ich kann,“ sagte er, „den Namen Mylord Russell’s nicht aussprechen, ohne tief ergriffen zu werden. Es genügt ihn zu nennen. Mehr vermag ich nicht zu sagen.“ Viele Blicke richteten sich nach der Gegend des Saales, wo Finch saß. Die höchst ehrenwerthe Art und Weise, wie er ein einträgliches Amt niedergelegt, sobald er sich überzeugt hatte, daß er es nicht behalten konnte, ohne das Dispensationsrecht zu unterstützen, und die bedeutende Rolle, die er bei der Vertheidigung der Bischöfe gespielt, hatten viel dazu beigetragen, seine Fehler wieder gut zu machen. Doch an diesem Tage konnte man sich der Erinnerung nicht erwehren, daß er eifrig bemüht gewesen war als Kronanwalt das Urtheil auszuwirken, das jetzt feierlich widerrufen werden sollte. Er erhob sich und versuchte sein Verfahren zu rechtfertigen, aber weder sein juristischer Scharfsinn, noch der fließende und wohlklingende Vortrag, der eine erbliche Gabe in seiner Familie war und dessen sich kein Mitglied seiner Familie in reicherem Maße erfreute als er, halfenihm bei dieser Gelegenheit etwas. Das Haus war nicht in der Stimmung ihn anzuhören und unterbrach ihn mehrmals mit dem Rufe „zur Ordnung.“ Er sei, sagte man ihm, mit großer Nachsicht behandelt und nicht in Anklagestand versetzt worden. Warum versuche er jetzt, unter dem Vorwande, sich zu rechtfertigen, entehrende Beschuldigungen auf einen berühmten Namen zu werfen und einen Justizmord zu entschuldigen? Er mußte sich wieder setzen, nachdem er erklärt hatte, daß er sich nur von der Anschuldigung habe reinigen wollen, die Grenzen seiner Amtspflicht überschritten zu haben, daß er jede Absicht, das Gedächtniß Lord Russell’s zu verunglimpfen, zurückweise, und daß ihn die Umstoßung des Urtels aufrichtig freuen werde. Ehe das Haus auseinanderging, wurde die Bill noch einmal verlesen, und sie würde auf der Stelle zum dritten Male verlesen und angenommen worden sein, wären nicht einige Zusätze und Auslassungen vorgeschlagen worden, von denen man glaubte, daß sie die Genugthuung vollständiger machen würden. Die Amendements wurden mit großer Eil entworfen, die Lords stimmten denselben bei, und der König gab mit Freuden seine Genehmigung.[3]
Dieser Bill folgten bald drei andere, welche drei abscheuliche und empörende Todesurtheile annullirten: das Todesurtheil Sidney’s, das Todesurtheil Cornish’s und das Todesurtheil der Alice Lisle.[4]
Einige noch lebende Whigs erlangten ohne Mühe Genugthuung für Unbilden, die sie unter der vorigen Regierung erlitten hatten. So wurde das Erkenntniß gegen Samuel Johnson von den Gemeinen in Erwägung gezogen. Die Resolution lautete dahin, daß die ihm zuerkannte körperliche Züchtigung grausam sei und daß seine Degradation keine Rechtskraft habe. Der letztere Punkt konnte nicht bestritten werden, denn Johnson war durch die Prälaten degradirt worden, welche die Diöcese London während Compton’s Suspension verwaltet hatten. Compton aber war durch ein Decret der Hohen Commission suspendirt worden, und die Decrete der Hohen Commission wurden allgemein als ungültig anerkannt. Johnson war daher seines Priesterrocks durch Personen beraubt worden, welche keine Jurisdiction über ihn hatten. Die Gemeinen ersuchten den König, daß er den Dulder durch ein geistliches Amt entschädigen möchte.[5]Wilhelm überzeugte sich jedoch, daß er diesem Gesuche ohne große Inconvenienz nicht willfahren könne. Denn Johnson war, obgleich muthig, rechtschaffen und religiös, doch stets heftig, widersetzlich und streitsüchtig gewesen, und seitdem er um seiner Meinungen willen Qualen erduldet hatte, welche schrecklicher waren als der Tod, hatten sich die Schwächen seines Characters und seines Verstandes dergestalt verschlimmert, daß er den Niederkirchlichen eben so unangenehm war als den Hochkirchlichen. Gleich vielen anderen Menschen, welche durch Vergnügen, Gewinn oder Gefahr nicht vorn Pfade des Rechts abgebracht werden können, hielt er die Regungen seines Stolzesund seines Hasses irrig für die Mahnungen des Gewissens und betrog sich in den Glauben hinein, daß er, indem er Freunden wie Feinden ohne Unterschied mit Anmaßung und Bitterkeit begegnete, nur seinen christlichen Glauben und Muth beweise. Burnet machte ihn sich zum Todfeinde, weil er ihn zur Geduld und zum Vergeben von Ungerechtigkeiten ermahnte. „Sagt Sr. Lordschaft,“ antwortete der unbeugsame Priester, „er möge sich um seine Angelegenheiten kümmern und mich für die meinigen selbst sorgen lassen.[6]“ Man begann bald zu munkeln, daß Johnson den Verstand verloren habe. Er beschuldigte Burnet der Urheberschaft dieses Gerüchts und rächte sich durch Schmähschriften, deren maßlose Heftigkeit die Behauptung, die sie widerlegen sollten, nur bestätigten. Der König hielt es daher für besser, aus seiner Privatchatulle eine freigebige Entschädigung für das Unrecht zu bewilligen, von dem die Gemeinen ihn in Kenntniß gesetzt hatten, als einem überspannten und reizbaren Manne eine angesehene des öffentlichen Vertrauens bedürfende Stellung zu übertragen. Johnson erhielt ein Geschenk von tausend Pfund und eine jährliche Pension von dreihundert Pfund für sich und seinen nächsten Leibeserben. Sein Sohn wurde überdies im Dienste angestellt.[7]
Während die Gemeinen das Urtheil Johnson’s in Erwägung zogen, untersuchten die Lords mit Strenge das Prozeßverfahren, welches unter der vorigen Regierung gegen ein Mitglied ihres eignen Standes, den Earl von Devonshire, eingeleitet worden war. Die Richter, welche über ihn abgeurtheilt hatten, wurden umständlich ausgefragt und eine Resolution angenommen, welche erklärte, daß in seinem Falle die Vorrechte der Pairie verletzt und daß der Gerichtshof der Kings Bench, indem er einen übereilten Schlag mit einer Geldbuße von dreißigtausend Pfund bestraft, der gemeinen Justiz und der großen Charte Gewalt angethan habe.[8]
In den vorerwähnten Fällen scheinen alle Parteien in der Ansicht übereingestimmt zu haben, daß eine öffentliche Genugthuung angemessen sei. Bald aber wurden die heftigsten Leidenschaften der Whigs wie der Tories durch die geräuschvollen Ansprüche eines Schurken erregt, dessen Leiden, so hart sie auch scheinen mochten, im Vergleich mit seinen Verbrechen unbedeutend gewesen waren. Oates war zurückgekommen, wie ein Geist von der Richtstätte, um die Orte heimzusuchen, die er durch seine Verbrechen befleckt hatte. Die ersten vierthalb Jahre nach seiner Züchtigung hatte er in einer Zelle von Newgate zugebracht, die er nur verlassen, wenn er an den Jahrestagen seiner Meineide an den Pranger gestellt wurde. Viele Fanatiker sahen jedoch immer noch einen Märtyrer in ihm, und man sagte sie hätten seine Kerkermeister in so weit zu bestechen vermocht, daß seine Leiden, trotz der bestimmtesten Befehle von Seiten der Regierung, durch manche Begünstigungen gemildert worden seien. Während andere Gefangene, welche im Vergleich zu ihm unschuldig waren, bei der Gefängnißkost abmagerten, wurde seinTisch mit Truthühnern und Lendenbraten, mit Kapaunen und Spanferkeln, mit Wildpasteten und Körben Claret, den Spenden eifriger Protestanten besetzt.[9]Als Jakob von Whitehall geflüchtet und London in Bestürzung war, wurde in dem Rathe der Lords, welche die Leitung der Geschäfte provisorisch übernommen hatten, die Freilassung des Oates beantragt. Der Antrag wurde verworfen,[10]aber die Kerkermeister, welche nicht wußten, wem sie in dieser Zeit der Anarchie gehorchen sollten und die es mit einem Manne nicht verderben wollten, der einst ein furchtbarer Feind gewesen war und es vielleicht wieder werden konnte, erlaubten ihrem Gefangenen, frei in der Stadt umherzugehen.[11]Seine mißgestalteten Beine und sein häßliches Gesicht, das durch den Verlust der abgeschnittenen Ohren noch mehr entstellt worden, waren jetzt wieder täglich in Westminsterhall und im Court of Requests zu sehen.[12]Er hing sich an seine alten Gönner und gab ihnen in der schleppenden Sprache, die er als ein Zeichen von Vornehmheit affectirte, die Geschichte seiner Leiden und seiner Hoffnungen. Es sei unmöglich, sagte er, daß jetzt, wo die gute Sache gesiegt habe, der Entdecker des Complots übergangen werden könne. „Karl gab mir neunhundert Pfund jährlich. Gewiß, Wilhelm wird mir mehr geben.“[13]
In wenigen Wochen brachte er sein Erkenntniß durch eine Nichtigkeitsbeschwerde in das Haus der Lords. Dies ist ein Appellationsact, welcher keine Thatbestandsfrage zur Erörterung bringt. Während die Lords über die Nichtigkeitsbeschwerde zu Gericht saßen, waren sie nicht berechtigt zu untersuchen, ob das Verdict, welches Oates für schuldig erklärte, den Beweisen entsprach oder nicht. Sie hatten nur zu erwägen, ob das Erkenntniß, angenommen auch, daß das Verdict den Beweisen entsprach, gesetzmäßig war. Aber es würde selbst einem aus altgedienten Magistratsbeamten bestehenden Tribunal schwer geworden sein, und war einer Versammlung von Edelleuten, die sich alle stark zu dieser oder jener Seite hinneigten und unter denen sich damals nicht ein einziger befand, dessen Geist durch das Studium der Jurisprudenz gebildet gewesen wäre, fast unmöglich, unverwandt auf den bloßen Rechtspunkt zu blicken und von den speciellen Umständen des Falles gänzlich zu abstrahiren. In den Augen einer Partei, die allerdings selbst unter den whiggistischen Peers wahrscheinlich eine Minorität bildete, war der Appellant ein Mann, der der Sache der Freiheit und der Religion unschätzbare Dienste geleistet und der dafür mit einer langjährigen Haft, mit entehrender Ausstellung und mit einer Tortur belohnt worden war, an die man nicht ohne Schaudern zurückdenkenkonnte. Die Majorität des Hauses betrachtete ihn jedoch richtiger als das falscheste, böswilligste und schamloseste Geschöpf, das je den Namen Mensch geschändet hatte. Bei dem Anblicke dieser frechen Stirn, bei dem Tone dieser lügnerischen Zunge verloren sie alle Selbstbeherrschung. Viele von ihnen erinnerten sich ohne Zweifel mit Beschämung und Reue, daß sie sich von ihm hatten täuschen lassen und daß er sie noch das letzte Mal wo er vor ihnen stand, durch einen Meineid bewogen hatte, das Blut eines Mitglieds ihres eigenen hohen Standes zu vergießen. Es ließ sich nicht erwarten, daß eine von solchen Gefühlen beseelte Versammlung von Gentlemen mit der kalten Unparteilichkeit eines Gerichtshofes verfahren werde. Ehe sie zu einer Entscheidung der Rechtsfrage kamen, welche Titus ihnen vorgelegt hatte, hingen sie ihm eine Reihe von Prozessen an. Er hatte eine Schrift drucken lassen, die seine Verdienste und seine Leiden verherrlichte. Die Lords fanden einen Vorwand, um diese Publikation eine Privilegiumsverletzung zu nennen und schickten ihn in das Marschallgefängniß. Er petitionirte um seine Freilassung, aber es wurde gegen sein Gesuch ein Einwurf geltend gemacht. Er hatte sich als Doctor der Theologie gerirt, und ihre Lordschaften wollten ihn als solchen nicht anerkennen. Er wurde vor ihre Schranken geführt und gefragt, wo er graduirt worden sei. Seine Antwort lautete: „Auf der Universität Salamanca.“ Dies war ein neues Beispiel von seiner Lügenhaftigkeit und Frechheit. Sein Salamanca-Doctortitel war viele Jahre lang ein Lieblingsthema für alle toryistischen Satyriker von Dryden abwärts, und selbst auf dem Festlande wurde der „Salamancadoctor“ ein allgemein gebräuchlicher Spottname.[14]Die Lords vergaßen in ihrem Hasse gegen Oates die Würde ihres Standes so weit, daß sie diese lächerliche Geschichte ernsthaft behandelten. Sie befahlen ihm, die Worte „Doctor der Theologie“ in seiner Petition zu streichen, er entgegnete darauf, daß er dies mit gutem Gewissen nicht thun könne, und in Folge dessen wurde er ins Gefängniß zurückgeschickt.[15]
Diese Präliminarien ließen unschwer errathen, welches Schicksal die Nichtigkeitsbeschwerde haben würde. Oates’ Vertheidiger war gehört worden, und es trat kein Advokat gegen ihn auf. Die Richter wurden aufgefordert, ihre Meinung abzugeben. Es waren neun von ihnen anwesend und unter diesen neun befanden sich die Präsidenten der drei Gerichtshöfe des gemeinen Rechts. Der einstimmige Ausspruch dieser erfahrenen, gelehrten und rechtschaffenen Magistratspersonen lautete dahin, daß der Gerichtshof der Kings Bench nicht befugt sei, einen Priester seines heiligen Amtes zu entsetzen oder auf lebenslängliche Haft zu erkennen und daß daher das Urtheil gegen Oates gesetzwidrig sei und umgestoßen werden müsse. Die Lords hätten sich unzweifelhaft durch diesen Ausspruch für gebunden erachten sollen. Daß sie Oates als den schlechtesten Menschen von der Welt kannten, that nichts zur Sache. Für sie, in ihrer Eigenschaft als Gerichtshof, mußte er ein Apellant sein wie jeder andre. Aber ihr Unwille war heftig erregt und ihre Gewohnheiten waren nicht von der Art, um sie zur Erfüllung richterlicher Pflichten tauglich zu machen. Die Debatte drehte sich fast ausschließlich um Dinge, welche garnicht hatten erwähnt werden sollen. Nicht ein einziger Peer hatte den Muth zu behaupten, daß das Urtheil rechtskräftig sei; dagegen wurde viel von dem abscheulichen Character des Apellanten, von der frechen Beschuldigung, die er gegen Katharine von Braganza erhoben, und von den schlimmen Consequenzen gesprochen, welche daraus hervorgehen müßten, wenn ein so schlechter Mensch als Zeuge auftreten dürfe. „Es giebt nur eine Bedingung,“ sagte der Lordpräsident, „unter der ich mich dazu verstehen kann, das Urtel dieses Menschen umzustoßen. Er ist von Aldgate nach Tyburn gepeitscht worden: er muß von Tyburn nach Aldgate zurück gepeitscht werden.“ Die Fragen wurden gestellt. Zwanzig Peers stimmten für Umstoßung des Urtels, fünfunddreißig für Bestätigung desselben.[16]
Diese Entscheidung machte großes Aufsehen, und nicht ohne Grund. Jetzt wurde eine Frage erhoben, welche mit Recht die Besorgniß Jedermann’s im ganzen Königreiche erwecken mußte. Die Frage war die, ob es dem höchsten Tribunale, dem Tribunale, von welchem in letzter Instanz die werthvollsten Interessen jedes englischen Unterthanen abhingen, freistehe, Rechtsfragen nach anderen als Rechtsgründen zu entscheiden und einem Rechtsuchenden wegen der Verderbtheit seines moralischen Characters sein anerkanntes gesetzliches Recht vorzuenthalten. Daß dem höchsten Appellhofe nicht gestattet sein dürfe, unter den Formen einer ordentlichen Justiz eine willkürliche Gewalt auszuüben, das fühlten die talentvollsten Männer im Hause der Gemeinen tief, und Niemand tiefer als Somers. Ihm und Denen, welche wie er argumentirten, stimmten in diesem Falle eine Menge schwacher und hitzköpfiger Zeloten bei, welche Oates noch immer als einen Volkswohlthäter betrachteten und glaubten, die Existenz des papistischen Complots in Zweifel ziehen heiße eben so viel als die Wahrheit der protestantischen Religion in Zweifel ziehen. Noch denselben Morgen, nachdem die Peers ihre Entscheidung abgegeben hatten, hörte man im Hause der Gemeinen sehr nachdrückliche Aeußerungen über die Gerechtigkeit Ihrer Lordschaften. Drei Tage darauf wurde der Gegenstand durch ein whiggistisches Mitglied des Geheimrath, Sir Robert Howard, Abgeordneter für Castle Rising, zur Sprache gebracht. Er gehörte der Berkshirelinie seiner vornehmen Familie an, einer Linie, die sich damals der nicht beneidenswerthen Auszeichnung erfreute, ungemein fruchtbar an schlechten Versmachern zu sein. Die Poesie der Howards von Berkshire war der Spott dreier Generationen von Satyrikern. Der Spaß begann mit der ersten Aufführung der „Rehearsal“ und dauerte bis zur letzten Ausgabe der „Dunciade“.[17]Aber trotz seiner schlechten Verse und einiger Schwächen und Eitelkeiten, wegen denen er unter dem Namen Sir Positive Atall auf die Bühne gebracht wurde, besaß Sir Robert im Parlamente das Gewicht, das ein standhafter Parteimann von großem Vermögen, angesehenem Namen, gewandtem Vortrage und entschlossenem Geiste fastimmer besitzt.[18]Als er sich erhob, um die Aufmerksamkeit der Gemeinen für den Rechtsfall Oates’ in Anspruch zu nehmen, begrüßten ihn einige Tories, die von den nämlichen Leidenschaften beseelt waren, welche in dem andren Hause vorherrschend gewesen, mit lautem Zischen. Trotz dieser höchst unparlamentarischen Beleidigung beharrte er in seinem Vorhaben, und es zeigte sich bald, daß er die Majorität für sich hatte. Einige Redner priesen Oates’ Patriotismus und Muth, andere sprachen ausführlich über ein umlaufendes Gerücht, daß die Anwälte, deren sich die Krone gegen ihn bedient, bedeutende Summen Geldes unter die Geschwornen vertheilt hätten. Dies waren jedoch Dinge, in Bezug auf welche große Meinungsverschiedenheit herrschte. Daß aber das Erkenntniß ungesetzlich war, ließ sich nicht bestreiten. Die ausgezeichnetsten Juristen im Hause der Gemeinen erklärten, daß sie in diesem Punkte mit dem Ausspruche, den die Richter im Hause der Lords abgegeben, vollkommen übereinstimmten. Die, welche gezischt hatten, als der Gegenstand zur Sprache gebracht wurde, waren so wirksam eingeschüchtert, daß sie nicht auf Abstimmung anzufragen wagten, und eine das Urtel annullirende Bill wurde ohne Opposition eingebracht.[19]
Die Lords befanden sich in einer kritischen Lage. Den Ausspruch zu widerrufen, wäre unangenehm gewesen, und sich in einen Streit mit dem Unterhause über einen Gegenstand einzulassen, bezüglich dessen dieses Haus klar im Rechte war und zu gleicher Zeit durch die Ansichten der Rechtskundigen wie durch die Leidenschaften des Pöbels unterstützt wurde, konnte gefährlich werden. Man hielt es daher für passend, einen Mittelweg einzuschlagen. Es wurde eine Adresse an den König gerichtet, die ihn ersuchte, Oates zu begnadigen.[20]Diese Concession aber machte das Uebel nur schlimmer. Titus hatte, wie jeder andre Mensch, Anspruch auf Gerechtigkeit, aber er war kein geeigneter Gegenstand für Gnade. War das gegen ihn gefällte Urtel gesetzwidrig, so mußte es umgestoßen werden; war es gesetzmäßig, so war kein Grund vorhanden, es irgendwie zu mildern. Die Gemeinen blieben geziemenderweise fest, nahmen ihre Bill an und schickten sie den Lords zu. Der einzige Theil dieser Bill, der einen Einwurf zuließ, war der Eingang, worin nicht allein behauptet war, daß das Urtel gesetzwidrig sei, eine Behauptung, die sich bei Einsicht der Acten als richtig ergab, sondern auch daß das Verdict durch Bestechung corrumpirt sei, eine Behauptung, die, mochte sie nun wahr oder falsch sein, durch gar nichts bewiesen war.
Die Lords waren in großer Verlegenheit. Sie wußten, daß sie Unrecht hatten, waren aber gleichwohl entschlossen, es in ihrer legislativen Eigenschaft nicht auszusprechen, daß sie sich in ihrer richterlichen Eigenschaft einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht hätten. Sie versuchten abermals einen Mittelweg. Der Eingang wurde gemildert, eine Klausel hinzugesetzt, welche bestimmte, daß Oates auch fernerhin zur Zeugenschrift unfähig bleiben solle, und die so abgeänderte Bill den Gemeinen wieder zugesandt.
Die Gemeinen waren nicht befriedigt. Sie verwarfen die Amendementsund verlangten eine freie Conferenz. Zwei ausgezeichnete Tories, Rochester und Nottingham, nahmen als Wortführer der Lords im „gemalten Zimmer“ ihre Sitze ein. Ihnen zur Seite stand Burnet, dessen wohlbekannter Haß gegen den Papismus dem was er bei einer solchen Gelegenheit sagen mochte, großes Gewicht zu geben verhieß. Somers war der Hauptsprecher auf der andren Seite, und seiner Feder verdanken wir einen ungemein klaren und interessanten Auszug aus der Debatte.
Die Lords gestanden offen zu, daß das Erkenntniß des Gerichtshofes der Kings Bench sich nicht vertheidigen lasse. Sie wüßten, daß es gesetzwidrig sei und hätten dies auch gewußt, als sie es bestätigten. Aber sie hätten die beste Absicht dabei gehabt. Sie beschuldigten Oates, eine schamlos falsche Anklage gegen die Königin Katharine erhoben zu haben, erwähnten noch andere Beispiele von seiner Schlechtigkeit und fragten ob ein solcher Mensch noch befugt sein dürfe, vor einem Gerichtshofe Zeugniß abzulegen. Die einzige Entschuldigung, welche ihrer Ansicht nach zu seinen Gunsten angeführt werden könne, sei die, daß er den Verstand verloren habe, und die unerhörte Frechheit und Albernheit seines Benehmens, als er das letzte Mal vor ihnen gestanden, scheine in der That die Annahme zu rechtfertigen, daß er geisteskrank sei und daß man ihm das Leben Anderer nicht anvertrauen könne. Die Lords könnten sich daher nicht durch ausdrückliche Zurücknahme dessen was sie gethan erniedrigen und eben so wenig sich entschließen, das Verdict auf keinen andren Beweis hin als ein allgemeines Gerücht, für corrumpirt zu erklären.
Die Replik war vollkommen siegreich. „Oates bildet jetzt den kleinsten Theil der Frage. Eure Lordschaften sagen, er habe die Königin Wittwe und andere unschuldige Personen fälschlich angeklagt. Zugegeben. Diese Bill gewährt ihm keine Amnestie. Wir sind ganz dafür, daß er, wenn er schuldig ist, bestraft werden muß. Aber wir verlangen in seinem wie im Interesse aller Engländer, daß die Strafe durch das Gesetz und nicht durch die Willkür eines Tribunals bestimmt werde. Wir verlangen, daß, wenn Eure Lordschaften eine Appellation vorliegt, Sie den bekannten Gebräuchen und Gesetzen des Reichs gemäß Ihr Urtheil darüber abgeben. Wir leugnen, daß Sie in einem solchen Falle das mindeste Recht haben, auf den moralischen Character eines Klägers oder auf die politischen Folgen einer Entscheidung Rücksicht zu nehmen. Sie gestehen selbst zu, daß Sie lediglich deshalb, weil Sie eine nachtheilige Meinung von diesem Manne hatten, ein Erkenntniß bestätigten, von dem Sie wußten, daß es gesetzwidrig war. Gegen diese Anmaßung willkürlicher Gewalt protestiren die Gemeinen, und sie hoffen, daß Sie jetzt widerrufen werden, was Sie als einen Irrthum erkennen müssen. Eure Lordschaften sprechen die Vermuthung aus, daß Oates wahnsinnig sei. Wahnsinn kann jedoch ein sehr triftiger Grund sein, um einen Menschen gar nicht zu bestrafen. Wie aber der Wahnsinn ein Grund sein kann, um eine Strafe über ihn zu verhängen, die selbst wenn er gesund wäre, ungesetzlich sein würde, das begreifen die Gemeinen nicht. Eure Lordschaften meinen ferner, daß Sie es nicht verantworten könnten, ein Verdict corrumpirt zu nennen, von dem dies nicht juristisch bewiesen sei. Erlauben Sie uns, Sie daran zu erinnern, daß Sie zwei verschiedene Funktionen haben. Sie sind Richter und Sie sind Gesetzgeber. Wenn Sie richten, so ist es Ihre Pflicht, Sich streng an das Gesetz zu halten. Wenn Sie Gesetze geben, kann es zweckmäßig sein, auf allgemeine Gerüchte Rücksicht zu nehmen. Sie kehrendiese Regel um. Sie sind am unrechten Orte lax und am unrechten Orte scrupulös. Als Richter verletzen Sie um einer vermeintlichen Convenienz willen das Gesetz. Als Gesetzgeber wollen Sie kein Factum ohne solche technische Beweise gelten lassen, wie sie Gesetzgeber nur selten erlangen können.[21]“
Auf dieses Raisonnement wurde nichts erwiedert und konnte nichts erwiedert werden. Die Gemeinen waren sichtlich stolz auf die Kraft ihrer Beweisführung und auf das Auftreten Somers’ im gemalten Zimmer. Sie beauftragten ihn insbesondere, dafür zu sorgen, daß der Bericht, den er von der Conferenz erstattet hatte, genau in die Protokolle aufgenommen werde. Die Lords dagegen unterließen wohlweislich, einen Bericht über eine Debatte, in der sie eine so vollständige Niederlage erlitten hatten, in ihre Protokolle einzuzeichnen. Aber obgleich sie ihren Fehler einsahen und sich desselben schämten, waren sie doch nicht dahin zu bringen, es öffentlich zu bekennen, indem sie im Eingange zu der Acte eingestanden, daß sie sich einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht hätten. Die Minorität war indessen stark. Der Beschluß, beizutreten, wurde mit nur zwölf Stimmen durchgebracht, wovon zehn auf abwesende Mitglieder kamen, die ihre Stimmen Anderen übertragen hatten.[22]Einundzwanzig Peers protestirten und die Bill fiel. Zwei Beisitzer wurden abgeschickt, um die Gemeinen von dem definitiven Beschlusse der Peers in Kenntniß zu setzen. Die Gemeinen hielten dieses Verfahren in substantieller Hinsicht für unverantwortlich und in formeller Hinsicht für unhöflich. Sie beschlossen, dagegen zu demonstriren, und Somers entwarf ein vortreffliches Manifest, in welchem der verachtungswerthe Name des Oates kaum erwähnt war und worin das Oberhaus sehr ernst und eindringlich ermahnt wurde, richterliche Fragen richterlich zu behandeln und nicht eigenmächtig ein neues Recht zu machen unter dem Vorwande, das bestehende Recht anzuwenden.[23]Der Schurke, der jetzt zum zweiten Male die politische Welt in Aufregung gebracht hatte, wurde begnadigt und in Freiheit gesetzt. Seine Freunde im Unterhause beantragten nun eine Adresse an den Thron, welche darum ansuchte, daß ihm eine für seinen Unterhalt genügende Pension ausgesetzt werden möchte,[24]Es wurden ihm in Folge dessen etwa dreihundert Pfund Sterling jährlich bewilligt, eine Summe, die er unter seiner Würde hielt und die er nur mit der verbissenen Wuth getäuschter Habsucht annahm.
Aus dem Streite über Oates entsprang ein andrer Streit, der sehr ernste Folgen hätte haben können. Die Urkunde welche Wilhelm und Marien zum König und zur Königin erklärten, war eine revolutionäre Urkunde. Sie war das Werk einer Versammlung, von der das ordentliche Gesetz nichts wußte, und hatte nie die königliche Sanction erhalten. Es war offenbar wünschenswerth, daß dieser hochwichtige Vertrag zwischen den Regierenden und den Regierten, dieses Dokument,kraft dessen der König seinen Thron und das Volk seine Freiheiten besaß, in eine streng regelrechte Form gebracht wurde. Die Rechtserklärung wurde deshalb in eine Rechtsbill verwandelt und die Rechtsbill von den Gemeinen ohne weiteres angenommen. Bei den Lords aber stieß sie auf Schwierigkeiten.
Die Rechtserklärung hatte die Krone zuerst Wilhelm und Marien gemeinschaftlich, dann dem Ueberlebenden von Beiden, dann Mariens Nachkommenschaft, und endlich auch der Nachkommenschaft Wilhelm’s von irgend einer andren Gemahlin als Marien zuerkannt. Die Bill war mit der Erklärung genau übereinstimmend abgefaßt. Wem aber der Thron zufallen sollte, wenn Marie, Anna und Wilhelm alle drei ohne Nachkommen starben, war in Ungewißheit gelassen. Dieser nicht vorgesehene Fall war indessen keineswegs unwahrscheinlich. Er lag sogar wirklich vor. Wilhelm hatte nie ein Kind gehabt. Anna war zwar mehrere Male Mutter gewesen, aber keines ihrer Kinder war mehr am Leben. Es wäre kein großes Wunder gewesen, wenn Krankheit, Krieg oder Verrath binnen wenigen Monaten sämmtliche Personen, welche zur Thronfolge befähigt waren, aus der Welt geschafft hätte. In welche Lage wäre das Land in diesem Falle gekommen? Wem sollte dann gehuldigt werden? Die Bill enthielt zwar eine Klausel, welche Papisten vom Throne ausschloß. Aber ersetzte eine solche Klausel eine den Nachfolger mit Namen bezeichnende Bestimmung? wie dann, wenn der nächste Thronerbe ein noch nicht drei Monat alter Prinz des Hauses Savoyen war? Es wäre absurd gewesen, ein solches Kind einen Papisten zu nennen. Sollte es also zum König proklamirt werden? Oder sollte die Krone so lange herrenlos bleiben, bis es ein Alter erreicht hatte, in welchem es befähigt war, sich eine Religion zu wählen? Konnten nicht auch die rechtschaffensten und verständigsten Männer in Zweifel sein, ob sie es als ihren Souverain betrachten dürften? Und wer sollte ihnen diesen Zweifel lösen? Ein Parlament würde es nicht geben, denn das Parlament würde mit dem Fürsten, der es zusammenberufen hatte, aufhören zu existiren. Es mußte eine vollständige Anarchie eintreten, eine Anarchie, welche mit der Vernichtung der Monarchie oder mit der Vernichtung der öffentlichen Freiheit enden konnte. Aus diesen gewichtigen Gründen schlug Burnet auf Wilhelm’s Veranlassung im Hause der Lords vor, daß die Krone in Ermangelung von Leibeserben Sr. Majestät, auf eine unbezweifelte Protestantin, Sophie, Herzogin von Braunschweig-Lüneburg, einer Enkelin Jakob’s I. und Tochter Elisabeth’s, Königin von Böhmen, übergehen solle.
Die Lords genehmigten dieses Amendement einstimmig, die Gemeinen aber verwarfen es einstimmig. Die Ursache der Verwerfung hat kein Schriftsteller der damaligen Zeit genügend erklärt. Ein whiggistischer Schriftsteller spricht von Machinationen der Republikaner, ein andrer von Machinationen der Jakobiten. Es steht jedoch fest, daß vier Fünftel der Vertreter des Volks weder Jakobiten noch Republikaner waren. Gleichwohl erhob sich im Unterhause nicht eine einzige Stimme zu Gunsten der Klausel, welche im Oberhause mit Acclamation angenommen worden war.[25]Diewahrscheinlichste Erklärung dürfte die sein, daß die grobe Ungerechtigkeit, welche in der Angelegenheit Oates’ begangen worden, die Gemeinen dergestalt gereizt hatte, daß sie mit Freuden eine Gelegenheit ergriffen, den Peers zu opponiren. Es wurde eine Conferenz gehalten, aber keine der beiden Versammlungen wollte nachgeben. Während der Streit am heftigsten war, trat ein Ereigniß ein, von dem man hätte denken sollen, daß es die Eintracht wiederherstellen werde. Anna gebar einen Sohn. Das Kind wurde mit großem Pomp und unter vielfachen öffentlichen Freudenbezeigungen in Hampton Court getauft. Wilhelm, war der eine Taufzeuge, der andre war der feingebildete Dorset, dessen Dach der Prinzessin in ihrem Unglück eine Zuflucht gewährt hatte. Der König gab dem Kinde seinen eignen Namen und kündigte dem um den Taufstein versammelten glänzenden Cirkel an, daß der kleine Wilhelm von diesem Augenblicke Herzog von Gloucester genannt werden solle.[26]Die Geburt dieses Prinzen hatte die Gefahr, gegen welche die Lords auf ihrer Hut zu sein für nöthig erachtet, sehr vermindert. Sie hätten daher jetzt mit Anstand widerrufen können. Aber ihr Stolz war durch die Strenge, mit der man ihre Entscheidung über Oates’ Nichtigkeitsbeschwerde im gemalten Zimmer getadelt hatte, verletzt worden. Man hatte ihnen geradezu ins Gesicht gesagt, daß sie ungerechte Richter seien, und diese Beschuldigung war nur um so kränkender, weil sie sich bewußt waren sie verdient zu haben. Sie verweigerten jede Concession und die Rechtsbill wurde fallen gelassen.[27]
Die aufregendste Frage dieser langen und stürmischen Session war jedoch die, welche Strafe den Männern zuerkannt werden solle, die in der Zeit zwischen der Auflösung des Oxforder Parlaments und der Revolution die Rathgeber oder Werkzeuge Karl’s und Jakob’s gewesen waren. Es war ein Glück für England, daß in dieser Krisis ein Fürst, der keiner der beiden Parteien angehörte, der keine von beiden weder liebte noch haßte und der zur Durchführung eines großen Planes beide zu benutzen wünschte, der Vermittler zwischen ihnen war.
Die beiden Parteien waren jetzt in einer ganz ähnlichen Lage wie vor achtundzwanzig Jahren. Zwar war die Partei, welche damals im Nachtheil gewesen, gegenwärtig im Vortheil, aber die Analogie zwischen den beiden Situationen ist eine der vollkommensten, die man in der Geschichte finden kann. Die Restauration wie die Revolution waren beide durch Coalitionen herbeigeführt worden. Bei der Restauration halfen diejenigen Politiker, welche der Freiheit besonders zugethan waren, die Monarchie wieder einsetzen; bei der Revolution halfen diejenigen Politiker, welche der Monarchie mit besonderem Eifer anhingen, die Freiheit vertheidigen. Der Cavalier hätte, bei der ersteren Gelegenheit, ohne den Beistand der Puritaner, welche für den Covenant gefochten, nichts ausrichtenkönnen; ebensowenig hätte der Whig bei der letzteren Gelegenheit der Willkürgewalt einen erfolgreichen Widerstand leisten können, wäre er nicht durch Männer unterstützt worden, die noch vor ganz kurzer Zeit den Widerstand gegen Willkürgewalt als eine Todsünde verdammt hatten. Die Bedeutendsten unter Denen, durch welche im Jahre 1660 die königliche Familie zurückgebracht wurde, waren Hollis, der in den Tagen der Tyrannei Karl’s I. den Sprecher mit offener Gewalt auf seinem Stuhle festhielt, während der schwarze Stab vergebens anklopfte, um Einlaß zu erlangen; Ingoldsby, dessen Name unter dem denkwürdigen Todesurtheile stand, und Prynne, dem Laud die Ohren abgeschnitten und der dafür den Hauptantheil an Laud’s Verurtheilung zum Tode gehabt hatte. Unter den Sieben, welche 1688 die Einladung an Wilhelm unterzeichneten, waren Campton, der lange die Pflicht eingeschärft hatte, einem Nero zu gehorchen, Danby, der angeklagt worden war, weil er den Militärdespotismus einzuführen versucht hatte, und Lumley, dessen Bluthunde Monmouth bis in seinen traurigen letzten Versteck im Walde verfolgt hatten. Sowohl 1660 als auch 1688 versprachen sich die beiden feindlichen Parteien, so lange das Geschick der Nation unentschieden war, gegenseitig Vergebung. Bei beiden Gelegenheiten erwies sich die Versöhnung, welche im Augenblicke der Gefahr aufrichtig geschienen hatte, im Augenblicke des Sieges als falsch und hohl. Sobald Karl II. wieder in Whitehall war, vergaß der Cavalier die Dienste, welche die Presbyterianer kürzlich geleistet, und erinnerte sich nur noch ihrer alten Beleidigungen. Sobald Wilhelm König war, begannen nur zu viele Whigs Rache zu fordern für Alles was sie in den Tagen des Ryehousecomplots von der Hand der Tories erduldet hatten. Bei beiden Gelegenheiten wurde es dem Souverain schwer, die besiegte Partei vor der Wuth seiner triumphirenden Anhänger zu schützen, und bei beiden Gelegenheiten murrten Die, deren Rache er vereitelt hatte, heftig gegen die Regierung, die so schwach und undankbar gewesen war, ihre Feinde gegen ihre Freunde in Schutz zu nehmen.
Schon am 25. März machte Wilhelm die Gemeinen auf die Zweckmäßigkeit der Maßregel aufmerksam, die öffentliche Meinung durch eine Amnestie zu beschwichtigen. Er sprach die Hoffnung aus, daß eine Bill für allgemeines Vergeben und Vergessen so bald als möglich ihm zur Genehmigung vorgelegt und daß keine anderen Ausnahmen gemacht werden würden, als die für die Aufrechthaltung der öffentlichen Gerechtigkeit und für die Sicherheit des Staats absolut nothwendig erschienen. Die Gemeinen waren einstimmig dafür, ihm für diesen Beweis seiner väterlichen Güte zu danken; allein sie ließen viele Wochen vergehen, ohne einen Schritt zur Erfüllung seines Wunsches zu thun. Als der Gegenstand endlich wieder zur Sprache gebracht wurde, geschah dies auf eine Art, welche deutlich bewies, daß die Majorität nicht den ernsten Willen hatte, der Ungewißheit ein Ende zu machen, welche allen denjenigen Tories, die sich bewußt waren, in ihrem Eifer für die Prärogative zuweilen die vom Gesetz gezogene strenge Grenze überschritten zu haben, das Leben verbitterte. Es wurden zwölf Kategorien gebildet, von denen einige so umfassend waren, daß sie Zehntausende von Delinquenten in sich schlossen, und das Haus beschloß, daß in jeder dieser Kategorien einige Ausnahmen gemacht werden sollten. Dann kam die Prüfung der einzelnen Fälle. Zahlreiche Angeklagte und Zeugen wurden vor die Schranken citirt. Die Debatten waren lang und heftig, und es stellte sich bald heraus, daß dieArbeit kein Ende nehmen werde. Der Sommer verging und der Herbst rückte heran; die Session konnte nicht viel länger dauern, und von den zwölf einzelnen Untersuchungen, welche die Gemeinen vorzunehmen beschlossen hatten, waren erst drei beendigt. Es war demnach nöthig, die Bill für dieses Jahr fallen zu lassen.[28]
Unter den vielen Verbrechern, deren Namen im Laufe dieser Untersuchung genannt wurden, befand sich einer, der an Schuld und Schande einzig und unerreicht dastand und den sowohl Whigs als Tories der äußersten Strenge des Gesetzes zu überlassen geneigt waren. An dem fürchterlichen Tage, auf den die Irische Nacht folgte, hatte das Wuthgebrüll einer um ihre Rache betrogenen großen Stadt Jeffreys bis an die Zugbrücke des Towers begleitet. Obwohl seine Einkerkerung nicht streng gesetzmäßig war, nahm er doch anfangs mit Dank und Segenswünschen den Schutz an, den diese düsteren, durch so viele Verbrechen und Leiden berüchtigten Mauern ihm vor der Wuth der Menge gewährten.[29]Bald kam er jedoch zu der Ueberzeugung, daß sein Leben noch immer sehr gefährdet sei. Eine Zeit lang schmeichelte er sich mit der Hoffnung, daß ein Habeascorpusbefehl ihn aus seiner Haft befreien und daß er im Stande sein werde, in ein fremdes Land zu entkommen und sich mit einem Theile seines übelerworbenen Reichthums vor dem Hasse der Menschheit zu verbergen. Aber bis zur Feststellung der Regierung gab es keinen Gerichtshof, der zur Ausstellung eines Habeascorpusbefehls befugt gewesen wäre, und sobald die Regierung festgestellt war, wurde die Habeascorpusacte suspendirt.[30]Ob Jeffreys des Mordes in legalem Sinne überführt werden konnte, steht zu bezweifeln. Moralisch aber war er so vieler Mordthaten schuldig, daß, wenn es kein andres Mittel gegeben hätte, seinem Leben beizukommen, die ganze Nation eine retrospective Verurtheilungsacte stürmisch gefordert haben würde. Die Neigung, über einen Gefallenen zu triumphiren, gehörte nie zu den vorwiegenden Untugenden der Engländer; aber der Haß gegen Jeffreys war ohne Beispiel in unsrer Geschichte und entsprach nur zu sehr dem Blutdurste seines eignen Characters. Das Volk war in Bezug auf ihn eben so grausam als er selbst und frohlockte über seinen Schmerz, wie er gewohnt gewesen war, über den Schmerz Verurtheilter, die ihr Todesurtheil anhörten, und trauernder Familien zu frohlocken. Der Pöbel versammelte sich vor seinem verödeten Hause in Duke Street und las unter schallendem Gelächter an seiner Thür die Anschläge, welche den Verkauf seines Eigenthums verkündeten. Selbst zarte Frauen, die für Straßenräuber und Diebe Thränen hatten, athmeten nichts als Rache gegen ihn. Die Spottlieder auf ihn, welche in der Stadt verkauft wurden, zeichneten sich durch eine selbst damals seltene Heftigkeit aus. Der Henkertod sei viel zu mild, ein Grab unter dem Galgen eine viel zu ehrenvolle Ruhestätte für ihn, er müsse an einen Karren angebunden und zu Tode gepeitscht,er müsse wie ein Indianer gemartert, er müsse lebendig verschlungen werden. Die Straßendichter zertheilten alle seine Glieder mit cannibalischer Grausamkeit und berechneten wie viel Pfund Fleisch von seinem wohlgenährten Corpus losgeschnitten werden könnten. Die Wuth seiner Feinde ging sogar soweit, daß sie in einer in England selten gehörten Sprache den Wunsch ausdrückten, er möge dahin gehen, wo Heulen und Zähnklappern sei, zu dem Wurme, der niemals stirbt, zu dem Feuer, das nimmer verlöscht. Sie riethen ihm, sich mittelst seiner Kniebänder aufzuhängen und sich mit seinem Rasirmesser den Hals abzuscheiden. Sie richteten das gräßliche Gebet zum Himmel, daß er der Reue unzugänglich sein und als der nämliche herzlose, nichtswürdige Jeffreys sterben möge, der er im Leben gewesen war.[31]Eben so feigherzig im Unglück wie übermüthig und unmenschlich im Glück, sank ihm unter der Last der öffentlichen Verachtung gänzlich der Muth. Seine von Haus aus schlechte und durch Unmäßigkeit sehr geschwächte Constitution wurde durch Verzweiflung und Angst völlig zerrüttet. Er wurde von einer schmerzhaften inneren Krankheit gepeinigt, welche selbst die geschicktesten Aerzte der damaligen Zeit selten zu heben vermochten. Nur ein Trost blieb ihm: der Branntwein. Selbst wenn er Untersuchungen zu leiten und Berathungen beizuwohnen hatte, ging er selten nüchtern zu Bett. Jetzt, wo er seinen Geist mit nichts als entsetzlichen Rückerinnerungen und entsetzlichen Ahnungen beschäftigen konnte, gab er sich rückhaltlos seinem Lieblingslaster hin. Viele glaubten, er wolle durch Unmäßigkeit sein Leben verkürzen. Er hielte es für besser, meinten sie, im Zustande der Trunkenheit aus der Welt zu gehen, als sich von Ketch zerhacken, oder vom Pöbel zerreißen zu lassen.
Einmal wurde er aus seiner jammervollen Verzagtheit durch eine angenehme Empfindung aufgerüttelt, der jedoch alsbald eine kränkende Enttäuschung folgte. Es war ein Packet für ihn im Tower abgegeben worden, das ein Fäßchen Colchesteraustern, sein Lieblingsgericht zu enthalten schien. Er war tief bewegt, denn es giebt Augenblicke, wo Diejenigen, welche am wenigsten Zuneigung verdienen, sich mit dem Gedanken schmeicheln, daß sie solche einflößen. „Gott sei Dank!“ rief er aus; „ich habe doch noch Freunde.“ Er öffnete das Fäßchen, und aus einem Haufen Austernschalen fiel ein starker Strick.[32]
Es scheint nicht, daß einer der Schmeichler oder Narren, die er mit dem geraubten Gute seiner Schlachtopfer bereichert hatte, ihn in der Zeit der Trübsal tröstete. Doch war er nicht gänzlich verlassen. Johann Tutchin, den er dazu verurtheilt hatte, sieben Jahre lang alle vierzehn Tage ausgepeitscht zu werden, machte sich auf den Weg nach dem Tower und besuchte den gestürzten Tyrannen. Der arme Jeffreys, obwohl bis in den Staub gedemüthigt, benahm sich mit verworfener Höflichkeit undbestellte Wein. „Ich freue mich, Sir,“ sagte er, „Sie bei mir zu sehen.“ — „Und ich,“ entgegnete der schadenfrohe Whig, „freue mich, Eure Lordschaft hier zu sehen.“ — „Ich diente meinem Herrn,“ versetzte Jeffreys, „dies war meine Gewissenspflicht.“ — „Wo hatten Sie Ihr Gewissen, als sie in Dorchester jenes Urtheil über mich verhängten?“ — „Meine Instructionen lauteten dahin,“ antwortete Jeffreys gleißnerisch, „daß ich gegen Männer wie Sie, Männer von Talent und Muth, keine Nachsicht üben sollte. Als ich an den Hof zurückkam, wurde ich wegen meiner Milde getadelt.[33]“ Selbst Tutchin scheint trotz der Heftigkeit seines Grolls und trotz der Größe der ihm widerfahrenen Unbilden durch das jammervolle Schauspiel, das er anfangs mit rachsüchtiger Schadenfreude betrachtete, ein wenig gerührt worden zu sein. Er leugnete stets die Wahrheit des Gerüchts, daß er Derjenige gewesen sei, der das Colchesterfaß in den Tower geschickt habe.
Außer diesem gewann ein menschenfreundlicher Mann, Johann Sharp, der vortreffliche Dechant von Norwich, es über sich, den Gefangenen zu besuchen. Es war eine peinliche Aufgabe, aber Sharp war in früheren Zeiten von Jeffreys so freundlich behandelt worden, wie Jeffreys überhaupt seinem Character nach Jemanden behandeln konnte, und es war ihm einige Male durch geduldiges Warten, bis der Sturm der Flüche und Verwünschungen ausgetobt hatte, und durch geschickte Benutzung eines Augenblicks guter Laune gelungen, für unglückliche Familien eine Linderung ihrer Leiden zu erwirken. Der Gefangene war erstaunt und erfreut. „Was wagen Sie mir jetzt noch zuzugestehen?“ sagte er. Der menschenfreundliche Geistliche bemühte sich jedoch vergebens, in diesem verstockten Gewissen einen heilsamen Schmerz zu wecken. Anstatt seine Schuld zu bekennen, ergoß sich Jeffreys in heftige Schmähungen gegen die Ungerechtigkeit der Menschen. „Die Leute nennen mich einen Mörder, weil ich das gethan, was Mancher, der jetzt hoch in Gunst steht, damals vollkommen billigte. Sie nennen mich einen Trunkenbold, weil ich Punsch trinke, um mir die Last meines Kummers zu erleichtern.“ Er wollte nicht zugeben, daß er als Präsident der Hohen Commission etwas Tadelnswerthes gethan habe. Seine Collegen, sagte er, seien die eigentlichen Schuldigen, und jetzt wälzten sie alle Schuld auf ihn. Mit besonderer Bitterkeit sprach er von Sprat, der unbestreitbar das humanste und gemäßigtste Mitglied der Behörde gewesen war.
Es zeigte sich bald klar und deutlich, daß der abscheuliche Richter der Last seiner körperlichen und geistigen Leiden rasch erliegen würde. Doctor Johann Scott, Präbendar von St. Paul, ein Geistlicher von großer Frömmigkeit und Verfasser des „Christian Life,“ eines einst weit und breit berühmten Buches, wurde wahrscheinlich auf Anrathen seines intimen Freundes Sharp, an’s Bett des Sterbenden gerufen. Doch umsonst sprach auch Scott, wie Sharp es bereits gethan, von den entsetzlichen Schlächtereien von Dorchester und Taunton. Jeffreys blieb bis zum letzten Augenblicke dabei, daß Die, welche ihn für blutdürstig hielten, seine damaligen Befehle nicht kennten, daß er eher Lob als Tadel verdieneund daß seine Milde ihm das höchste Mißfallen seines Gebieters zugezogen habe.[34]
Krankheit unterstützt durch starkes Trinken und durch tiefen Gram, vollendete bald ihr Werk. Der Magen des Kranken nahm keine Speise mehr an. Binnen wenigen Wochen magerte der stattliche und sogar corpulente Mann zu einem Gerippe ab. Am 18. April starb er im einundvierzigsten Jahre seines Lebens. Mit fünfunddreißig Jahren war er Oberrichter der Kings Bench, mit siebenunddreißig Lordkanzler gewesen. In der ganzen Geschichte der englischen Justizpflege findet sich kein zweites Beispiel von einem so raschen Emporsteigen oder einem so heftigen Sturze. Der abgezehrte Leichnam wurde in aller Stille neben der Asche Monmouth’s in der Kapelle des Tower beigesetzt.[35]
Der Sturz dieses einst so mächtigen und gefürchteten Mannes, der Abscheu, mit dem er von allen ehrenwerthen Mitgliedern seiner eignen Partei betrachtet wurde, die Art und Weise, wie die minder ehrenwerthen Mitglieder dieser Partei in seinem Unglück jede Gemeinschaft mit ihm von sich wiesen und die ganze Schuld der Verbrechen, zu denen sie ihn aufgemuntert hatten, auf ihn wälzte, hatten den maßlosen Freunden der Freiheit, welche nach einer neuen Proscription verlangten, zur Lehre dienen sollen. Allein es war eine Lehre, die nur zu viele von ihnen nicht beachteten.
Der König hatte gleich beim Beginn seiner Regierung ihr Mißfallen erregt, indem er einige Tories und Trimmers zu hohen Aemtern berief und die durch diese Ernennungen erweckte Unzufriedenheit war durch sein Bemühen, eine allgemeine Amnestie für die Besiegten zu erlangen, noch verstärkt worden. Er war allerdings auch nicht der Mann, der sich bei den rachsüchtigen Zeloten irgend einer Partei hätte beliebt machen können. Denn zu den Eigenthümlichkeiten seines Characters gehörte eine gewisse schroffe Humanität,durch die er seine Feinde selten gewann und seine Freunde oftmals aufbrachte, in der er aber eigensinnig beharrte, ohne sich weder um die Undankbarkeit Derer, die er vom Untergange gerettet, noch um die Wuth Derer zu kümmern, deren Rachegelüste er vereitelt hatte. Einige Whigs sprachen jetzt ebenso hart über ihn, als sie je über einen seiner beiden Oheime gesprochen hatten. Er sei im Grunde auch ein Stuart und er sei dies nicht umsonst. Wie Alle dieses Stammes liebe auch er die Willkürherrschaft. In Holland sei es ihm gelungen, sich unter der Form einer republikanischen Staatseinrichtung zu einem kaum minder absoluten Herrscher zu machen, als es die erblichen Grafen gewesen seien. Durch eine sonderbare Verkettung von Umständen habe sein Interesse eine kurze Zeit lang dem Interesse des englischen Volks entsprochen, aber obgleich er zufällig ein Befreier geworden, sei er doch von Natur ein Despot. Er sympathisire nicht mit dem gerechten Zorne der Whigs. Er habe Zwecke im Auge, welche die Whigs keinen Souverain gutwillig erreichen lassen würden, und er wisse auch recht gut, daß er nur die Tories als Werkzeuge dazu benutzen könne. Daher habe er sie vom Augenblicke seiner Thronbesteigung an ungebührlich begünstigt. Jetzt wolle er den nämlichen Verbrechern, die er vor wenigen Monaten in seiner Erklärung als eine exemplarische Strafe verdienend bezeichnet habe, eine Amnestie erwirken. Im November habe er der Welt gesagt, daß die Verbrechen, an denen jene Männer Theil genommen, es Unterthanen zur Pflicht gemacht hätten, ihren Huldigungseid zu brechen, Soldaten, ihre Fahnen zu verlassen, Kinder, gegen ihre Eltern zu kämpfen. Mit welcher Consequenz könne er jetzt dazu rathen, diese Verbrechen mit dem Mantel allgemeiner Vergessenheit zu bedecken? und sei nicht nur zu triftiger Grund zu der Besorgniß vorhanden, daß er die Helfershelfer der Tyrannei vor dem verdienten Loose in der Hoffnung zu retten wünsche, daß sie ihm früher oder später einmal eben so gewissenslos dienen würden, wie sie seinem Schwiegervater gedient hätten?
Unter den von diesen Gefühlen beseelten Mitgliedern des Hauses der Gemeinen war Howe der Heftigste und Kühnste. Er ging einmal so weit, daß eine Untersuchung der Maßnahmen des Parlaments von 1685 eingeleitet und daß allen Denen, die in diesem Parlament mit dem Hofe gestimmt hatten, irgend ein Brandmal aufgedrückt werden solle. Dieser eben so absurde als hämische Antrag wurde von allen ehrenwertheren Whigs gemißbilligt und von Birch und Maynard nachdrücklich bekämpft.[36]Howe mußte nachgeben, aber er war ein Mann, den kein Schlag niederwerfen konnte, und er wurde durch den Beifall vieler hitzköpfiger Mitglieder seiner Partei ermuthigt, welche nicht die entfernteste Ahnung hatten, daß er, nachdem er der hämischeste und characterloseste Whig gewesen, in nicht ferner Zeit der hämischeste und characterloseste Tory werden würde.
Dieser scharfsinnige, ruchlose und boshafte Politiker hielt sich, obgleich er selbst ein einträgliches Amt im königlichen Hofstaat bekleidete, tagtäglich über die Art der Besetzung der hohen Staatsämter auf und seine Declamationen wurden, wenn auch etwas weniger scharf und heftig, von anderen Rednern wiederholt.Keiner, sagten sie, der ein Minister Karl’s oder Jakob’s gewesen sei, dürfe ein Minister Wilhelm’s sein. Der erste Angriff wurde gegen den Lordpräsidenten Caermarthen gerichtet. Howe stellte den Antrag, daß dem Könige eine Adresse überreicht werden solle, die ihn ersuchte, alle Diejenigen, welche je einmal von den Gemeinen angeklagt worden seien, aus Sr. Majestät Staatsrath und Angesicht, zu entfernen. Die Debatte über diesen Antrag wurde zu wiederholten Malen vertagt. Während der Ausgang noch zweifelhaft war, schickte Wilhelm Dykvelt an Howe ab, um ihn zur Rede zu setzen. Howe war unbeugsam. Er war was man im gewöhnlichen Leben einen uneigennützigen Menschen nennt, das heißt, er legte auf das Geld weniger Werth als auf das Vergnügen, seiner üblen Laune Luft zu machen und Aufsehen zu erregen. „Ich erweise dem König einen Dienst,“ sagte er; „ich befreie ihn von falschen Freunden, und meine Stellung wird mich nie abhalten, meine Gedanken auszusprechen.“ Der Antrag wurde gestellt, scheiterte aber gänzlich. Der Satz, daß eine bloße Anklage, ohne Ueberführung, als ein entscheidender Beweis von Schuld betrachtet werden solle, widerstritt in der That der natürlichen Gerechtigkeit. Caermarthen hatte allerdings große Fehler begangen, aber sie waren durch Parteigeist übertrieben, durch harte Leiden gesühnt und durch neuerliche ausgezeichnete Dienste wiedergutgemacht worden. Zu der Zeit als er die große Grafschaft York gegen Papismus und Tyrannei zu den Waffen rief, hatten ihm einige der ausgezeichnetsten Whigs versichert, daß aller alte Zwist vergessen sei. Howe behauptete zwar, daß die Artigkeiten, welche im Augenblicke der Gefahr erzeigt worden seien, nichts bedeuteten. „Wenn ich eine Viper in der Hand habe,“ sagte er, „gehe ich sehr subtil mit ihr um; sobald ich sie aber am Boden habe, zertrete ich sie.“ Aber der Lordpräsident wurde so kräftig unterstützt, daß nach einer dreitägigen Discussion seine Feinde es nicht wagten, über den gegen ihn gerichteten Antrag die Meinung des Hauses zu sondiren. Im Laufe der Debatte wurde beiläufig eine wichtige Verfassungsfrage in Anregung gebracht. Die Frage war, ob eine Begnadigung vor einer parlamentarischen Anklage schützen könne. Die Gemeinen resolvirten ohne Abstimmung, daß eine Begnadigung nicht davor schützen könne.[37]