Chapter 13

Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, der die vielen ausgespannten Drachenflügel rot durchleuchtete. Und von dieser Röte wurde auch der Baumstamm, unter dem ich lag, rot beschienen und ebenso Äste und Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige Gurgelröhre aus, die man einem mächtigen Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann zu sprechen, und seine Äste begannen sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie wuchsen und schlugen an die verschlossene Kellertüre, dahinter sich die Menschen des Hauses geflüchtet hatten. Und der Baumschrie zuletzt auf, und ich verstand jedes Wort, und mich schauderte, als er mich in der Hängematte hin und her schleuderte. Des Baumes Stimme aber rief:

»So lange ihr Menschengezücht euch höher dünkt und gewaltiger als das Höhenreich und das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden haben, da ihr keinen Frieden geben wollt. Ihr sollt nicht sicher sein in euren Häusern, nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter uns Bäumen. Wir werden immer wieder zu euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr erloschen glaubt. Und ihr werdet kämpfen müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten Drachen, sie werden über euch geschickt, sie werden euch immer wieder besiegen, auch wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. Die roten Drachen, die aus dem Urblut aufstiegen, aus dem auch ihr gezeugt wurdet, sie sind es, die euch züchtigen sollen.«

Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen hatte, wurde es still. Die rote Dunkelheit, die die Landschaft und alles um mich entrückt hatte, wich allmählich, und es wurde hell wie vorher. Der erhitzte Garten im Nachmittagslicht, voll blühender roter Nelken undroter Geranien, lag am See, trocken und scharf beleuchtet. Niemand sprach. Nichts Ungewöhnliches war zu sehen. Im Hause schien noch alles zu schlafen. Gerade vor mir an der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne, tierähnliche Kakteenstauden. Auf den fleischigen, gepanzerten Pflanzen sonnten sich grünschillernde Fliegen, und neben ihnen züngelte eine kleine Eidechse.

Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte verwickelt. Ich konnte aber doch leicht aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in einen Strohsessel im Schatten des Hauses und dachte über das sonderbare vorsündflutliche Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und Träumen eben erlebt hatte.

Später kamen die Damen zur Kaffeestunde aus ihren Zimmern in den Garten, und wie wir da zusammen unter dem Mispelbaum saßen, wollte ich ihnen mein Traumgesicht beschreiben. Aber als ich den Mund zum Sprechen öffnen wollte, tauchten mir ganz andere Bilder auf. Ein innerer Wille zwang mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, die ich hätte sagen wollen. Es war von jenem Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir geblieben, die mir ergab, daß ich neuenSchrecken, der sich hier entwickeln konnte, dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß ich die Zukunft den Damen so schilderte, als wäre sie bereits Ereignis gewesen.

Und ich erzählte:

»Vorhin war es Nacht hier im Garten und draußen auf dem See. Die Lampe unterm Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl hier saßen Sie, gnädige Frau« — und ich verneigte mich leicht gegen die russische Dame. »Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des Hauses, graue und schwarze nebeneinander, scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen in die Dunkelheit horchend. Um den Tisch herum saßen alle Zwerge des Ortes. Der eine Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich liegen, der andere Zwerg seine Kappe voll Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben Ihnen saßen, hatten leere Kappen, aber sie warteten, so schien es mir, jeder einen unbewachten Augenblick ab, um aus den drei gefüllten Kappen etwas zu stehlen. Aber die drei Zwerge mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen und den Katzen gegen den See hin, wo eben nach dem Abendläuten das Scheinwerferboot tutete, das dann das kleine Hafenbassin vonLimone verließ und seine Nachtwache an dem Ufer entlang antrat.«

Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt horchen, da tief im Hause, in einem der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt wurde. Der am Morgen angekommene alte Herr spielte das kreischende Instrument, während seine Frau mit den beiden Fischerbuben schlurchend über den Steinboden tanzte.

»Ich selbst befand mich auf dem See in einem Nachen und ruderte. Am Ende des Bootes saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie hatte den neuen Vollmond vor sich auf dem Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug. Der Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit einer großen goldenen Nadel seine Risse zusammen.

Alles Unnatürliche in meinem Traum war so selbstverständlich, wie wir jetzt hiersitzen und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu gleicher Zeit sein, im Garten, im Haus, im Kahn und auf dem Scheinwerferboot«, erzählte ich weiter.

»Auf dem Zollboot, das wie ein langer schmaler Walfisch aus Eisen, nur wenig erhöht, über die Wasserfläche hinschoß, sah ich, umgeben von Zolloffizieren und Matrosen,Ulrike stehen. Es unterhielt sie besonders, einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer handhabte. Vom Boot war über dem Wasser nichts zu sehen als nur ein kleiner Schornstein, der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein dünnes Eisengeländer, das um das längliche Verdeck lief. In der Form einer Zigarre, und einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf der Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von Ufer zu Ufer. Die Offiziere rauchten Zigaretten und freuten sich über Ulrike und über ihr rotleuchtendes Haar, das in der Nacht noch stark mit seiner Feuerfarbe lockte.

Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. Ein Offizier neben dem Scheinwerfermann gab leise Befehle, und alle andern Offiziere drängten sich zu ihm heran, und jeder sah durch ein neben dem Scheinwerfer angebrachtes Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans Ufer.

Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber wußte, da ich auch zugleich oben auf dem Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten Gestalten im weißen Lichtstrahl des Scheinwerfers dort oben keine Schmuggler waren, sondern der Student und der Drogist, die der Aufforderung Ulrikes nachgekommenwaren und die Schmuggler spielten, nur um die Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot unterhaltender zu machen.

Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie Schmuggler entdeckt hätten. Einer bot ihr den Arm und führte sie auf den Wink der andern in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, in welchem man nicht sich, sondern sein vorsündflutliches Urbild sehen konnte. Ulrike lachte herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas als eine Art Iguanodon erkannte.

Im selben Augenblick hörte Ulrike ein Tuten, und es wurden Befehle durch ein Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den Schmugglern gerufen: ›Stillgestanden! Oder wir geben Feuer!‹

Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und zeigte dem Offizier ihr schönes Mädchengesicht und sagte:

›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten und auf den Drogisten schießen, die nur zum Spaß die Schmuggler machen?‹

Im selben Augenblick krachten aber fünf Schüsse knapp hintereinander aus einem Maschinengewehr, das am Kiel des Bootes angeschraubt war. Vom Berg hörte man ein Niederrasseln von Steinen. Nach ein paar Augenblickenrauschte das Seewasser vom Fall zweier Körper schäumend auf.

›Ihr habt zwei Menschen getötet,‹ schrie Ulrike.

Die Schüsse aber in der Nacht wurden zu hundert Echos in den Bergen. Und in den Häusern von Limone erhellten sich viele Fenster. Viele Leute kamen aufgestört mit Lichtern und Laternen an den Strand, und viele Frauen warfen sich am Wasser händeringend auf den Boden und riefen: ›Man hat uns unsere Männer getötet!‹ Denn diese waren Schmuggler und befanden sich in dieser Nacht auf den Paßwegen mit Waren beladen, die sie im Finstern über die Grenze schleppen sollten.

Zugleich rannte der Briefträger kreischend am Ufer entlang und schrie: ›Meine Tochter ist verschwunden! Mit diesen meinen Händen werde ich den erwürgen, der sie entführt hat.‹

In der allgemeinen Aufregung gellte noch die Stimme Annunziatas, des Dienstmädchens im Gasthause. Die rief einem alten Herrn, der sie schüttelte, ins Gesicht:

›Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet, weil sie immer mit meinem Geliebten tanzt und nicht genug an einem Mann undeinem Geliebten hat, sondern einen Mann und zwei Geliebte haben will.‹

Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte sich in einen Esel, stand an einer Straßenecke auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in die Nacht.

Im Garten starrte die Generalin, die bei den Katzen und den Zwergen saß, wie entgeistert nach der Haustüre des Gasthofes, wo der alte Mann herauswankte, der den Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen Frau tot war. In ihm erkannte die Generalin plötzlich ihren vor Jahren ins Meer gestürzten Gemahl, dem damals im Schreck, als sein Sohn ertrank, das Erinnerungsvermögen geschwunden war, der sich aus dem Meer gerettet hatte, aber nicht mehr wußte, wer er war, und der damals nach Deutschland gereist war, eine künstliche Blumenfabrik gekauft und wieder geheiratet hatte.

Jetzt stürzte dieser Mann wie die andern nach dem Strand, wo ein allgemeines Geschrei und Gerufe durch die Nacht hallte.

Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck einen Schlaganfall. Sie sank einseitig gelähmt vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle in den offenen Keller, und auch die Zwergeerschraken und liefen hinter den Katzen in das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um die Birnen, die Trauben und die toten Vögel.

Birnen und Trauben schmatzend und tote Vögel zerkauend, kamen die Zwerge nach einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen. Sie zupften die umgefallene Generalin am Ohr und an der Nase und schleiften sie, mutig geworden, weil sie sich nicht rührte, am Mantel und an den Schalzipfeln den Garten hinunter an den See, wo sie sie unter Gekicher von der Landungsbrücke ins Wasser stießen.

Die Tochter des Briefträgers im Kahn hatte die Risse im Mond zusammengenäht und gab die Mondscheibe frei, die aus ihrem Schoß fort an den Himmel hinaufschwebte, wo sie im Zenit stehen blieb, und wo sie nun die Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verklärend beleuchtete. Das Mädchen selbst aber sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch gesagt hatte: ›Mein Vater ruft mich. Er darf mich nicht bei Ihnen finden. Dann sind Sie des Todes.‹ Dann war sie leicht über das Wasser fortgelaufen, als wäre der See eine Glasplatte, und sie kam heil an das Ufer, wo sie ihrem Hause zueilte.

Ich aber wollte nicht mehr nach Limone zurück. Ich hatte genug von dem abenteuerlichen Aufenthalt und wollte noch in der Nacht nach Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff an mir vorbei, und mit dem verzweifelten Schrei: ›Nehmen Sie mich auf!‹ sprang Ulrike vom Boot herunter zu mir in den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskräften und schloß die Augen und ruderte, nur von dem Gedanken der Flucht angetrieben.

Ulrike aber hing mir an meinem Halse während ich ruderte, und die junge Dame flehte mich an, sie zu ihrem Bräutigam nach Freiburg zu rudern, da sie gewiß nie mehr einen anderen Mann ansehen wollte als ihn und kein Unglück mehr suchen wollte, sondern das Glück der Ehe, soweit das einem Iguanodon möglich sei.«

Also hatte ich gefabelt.

Ulrike, die längst ein Taschentuch vor den Mund gehalten und öfters während meiner Erzählung wiehernd aufgelacht hatte, stöhnte jetzt:

»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute noch nach Freiburg abreisen, um nicht all das Unglück anzustiften, das Sie mit solcher Wollustauf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so schade, daß ich allein reisen soll, und daß ich Sie beide in dem stimmungsvollen Weltwinkel hier zurücklassen soll, während ich vor meiner Iguanodonseele fliehen muß.«

»Daß Sie mich aber auf so schreckliche Weise umbringen lassen! Ich soll im Wasser umkommen, nachdem ich meinen ertrunken geglaubten Mann wiedergesehen habe! Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mir ein so fürchterliches Schicksal ausdenken?« rief die Generalin, ihr Unglück genießend, aus.

»Sie haben nichts getan, als daß Sie sich immer in Ihrem Innersten dramatische Schicksale gewünscht haben. Sie dramatisieren mit Ihrer Sehnsucht zum Unglück Ihr eigenes Schicksal, da Sie Angst haben, daß es sich sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln könnte,« antwortete ich ihr.

»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte die Russin, »einem Aufklärungen über sich selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke vorweg, die man das Recht hatte, zu erwarten,« fügte sie beinahe schmollend hinzu.

»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief Ulrike jetzt, gleichfalls schmollend. »Sie glauben, daß wir alle an Sonnenstichen leiden, undSie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür bin ich Ihnen eigentlich doch dankbar. Sie leuchten wie ein Scheinwerfer in uns hinein und erzählen uns dann Märchen, die Sie in uns gesehen haben, wie ein Großpapa seinen Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende Märchen sind das, das muß ich sagen.«

Die Russin ereiferte sich aber und meinte:

»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier zerstört. Ich bin dagegen, daß man die Menschen von ihren Handlungen, die sie tun müßten, durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht vom blinden Leidenschaftsweg abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich nicht heute Abend mit dem Offizier auf das Scheinwerferboot gehen wollen. Der Student und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. Ich finde, der Erzähler solcher Märchen müßte jetzt wenigstens neue Menschen und neue Ereignisse herbeischaffen. Denn damit, daß eine erzählte Geschichte aus ist, ist doch nicht das Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter und wollen erleben.«

»Hier kommt schon neues Leben,« rief Ulrike.

Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei fremde Herren in den Garten herein. Sie trugenkleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns die Herren im Vorübergehen als zwei italienische Ärzte vor, die für einige Wochen hier bleiben sollten, und die soeben erst mit dem Dampfschiff angekommen wären.

Wir hörten nur noch, wie die Herren zum Wirt sagten, sie wollten nur rasch ihre Hände waschen, und dann die Wiese aufsuchen und den Platz bezeichnen, wo die Krankenzelte aufgeschlagen werden sollten.

»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« rief die Generalin, mit ihrem einen Auge belustigt zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt aus ihren Schals und Mänteln empor.

Die Herren waren aber schon mit dem Wirt ins Haus getreten und hatten beim Geräusch der Schritte die Frage überhört.

Wir sahen einander verwundert an. Ich erinnerte mich, in der Zeitung gelesen zu haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen seien. Aber ich verschwieg es, um die Damen nicht zu erschrecken.

Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. Sie hatte am Gartentor dem Briefträger die Post abgenommen und brachte uns Zeitungen und Briefe. Dabei sagte sie geheimnisvoll:

»Die Dame, die heute morgen angekommen ist, ist sehr krank. Der Wirt hat gesagt, die Krankheit könne Cholera sein.«

»Da haben wir es, das Unglück,« rief die Russin begeistert aus. »Ich packe sofort meine Koffer.«

Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:

»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt habe. Jetzt werden alle mit mir abreisen. Wie froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines ereignet, und daß meine Abreise nicht allein das Tagesereignis sein muß.«

Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung aufgeschlagen und las, daß verschiedene Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee gemeldet waren. Ich schlug dann den Damen vor, zusammen noch einen letzten Abschiedsspaziergang nach den Wiesen zu machen, was die Damen auch gerne taten. Draußen vor dem Ort, in der Nähe eines alten Pestfriedhofes, der jetzt wie ein harmloser Rosengarten zwischen prächtig düsteren Zypressen lag, trafen wir die beiden Ärzte, die den Arbeitern zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes Zelt errichteten.

Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das Haus des vorsündflutlichen Tieres denken, dassich in meinem Traum aus dem See gereckt hatte und mit seiner Zunge in die Häuser eingedrungen war, aus denen es die Menschen einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. Bald würden hier Tragbahren ankommen. Bald würden die Häuser des kleinen Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der Cholera in dieses Zelt dem unerbittlichen Choleragespenst hingeben müssen.

Während wir noch dastanden, wurde schon auf einer verhüllten Bahre die erste Kranke aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, die Dame, die mit ihrem Mann heute morgen aus Venedig angekommen war. Der Wirt mit seinem demütigen Eselsgesicht stand neben mir und stöhnte laut und hörbar, denn er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen und alle Bewohner des Ortes sein Haus meiden. Und wer wußte es denn, ob nicht er und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen Choleratod gezeichnet waren?

Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem Ort des Schreckens zu entfliehen. Die Dampfschiffe weigerten sich, in Limone anzulegen, und das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, war das letzte gewesen, das die Landungsbrücke berühren wollte.

In der Nacht, als der Mond, von einer dünnen Wolke in zwei Teile geteilt, über dem See und dem Monte Alto hing, stießen geheimnisvoll zwei Boote bei der Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen saß ich und ruderte Ulrike und unsere Koffer, da wir uns keinem Bootsmann vertrauen wollten. Im anderen Boot saßen die russische Generalin und der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen Frau, der eine heillose Angst hatte und nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes hatte abwarten wollen. Dieses Boot ruderten die beiden Fischerknaben, da es schwer und mit den großen Koffern der Generalin beladen war.

Während der ganzen Nacht ruderten die Boote lautlos Seite an Seite, und als wir die Bucht von Limone verlassen hatten, war in der Dunkelheit nichts mehr von diesem Ort bei uns als der säuerliche Duft der Zitronenfrüchte, der uns aus den Säulengärten in der milden Nacht über das Wasser noch nachkam, lockend und verführerisch, wie ein lebendes Wesen, das auf den Wellen wandern kann, ohne zu versinken.

Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, der sonst die Nacht so unruhig machte, war in der Mondhelle, in welcher keiner zuschmuggeln wagte, auf der anderen Seite des Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten Bergwände ab.

Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen die Fischerknaben vom anderen Boot mir zu:

»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. Jetzt sind wir auf österreichischem Seegebiet.«

»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte Ulrike. Sie war im Geist längst nicht mehr auf dem See, sondern weit über den Alpen bei ihrem Bräutigam.

Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd entrannen, den ich vom ersten Augenblick an, als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin von Limone hineingefegt worden war, beim Betreten des Landes mit allen Sinnen gewittert hatte.

Aber die Russin meinte, Abenteuerherde müsse es überall geben, denn sonst wäre das Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig nach neuem Unglück.

Notizen des Bearbeiters:— Das Verzeichnis "sämtlicher Bücher von Max Dauthendey", das auf der zweiten Seite angekündigt wird, befindet sich nicht in den zu bearbeitenden Seiten!Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Notizen des Bearbeiters:

— Das Verzeichnis "sämtlicher Bücher von Max Dauthendey", das auf der zweiten Seite angekündigt wird, befindet sich nicht in den zu bearbeitenden Seiten!

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.


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